Issuu on Google+

Kundenname

Titel Kolumne vom 14. Januar 2005

Vernetzt denken von Martin Zenhäusern (martin@zenhaeusern.ch)

Frederic Vester, einer der grössten kybernetischen Denker, ist Ende 2003 verstorben. Seine Analysen machen vieles, wofür wir keine Erklärung haben, mit einem Male verständlich. Vester legt eindrücklich dar, dass wir die Fähigkeit verloren haben, vernetzt zu denken und die Natur komplexer Systeme zu verstehen. Die Folgen sind gravierend. Die Menschheit greift heute stark in bestehende Systeme ein. Es ist deshalb wichtig, sich vor dem Eingriff klar zu machen, welche Konsequenzen sich aus einem solchen Eingriff ergeben. Dies gilt für die Frage des Klimawandels genau so wie für die Beurteilung des globalen Terrorismus. Vieles, was früher ohne Zusammenhang nebeneinander lag, wie Fabriken, Städte, Verkehrswege und die Natur, ist heute zu einem einzigen System geworden. Ein so entstandenes Ganzes verhält sich anders als vorher die Einzelteile. Diese realen Systeme sind nicht in sich geschlossen, sondern stehen im dynamischen Austausch mit der weiteren Umwelt. Nun stellt sich die Frage: Warum verstehen wir diese Zusammenhänge nicht besser? Schliesslich verfügt unsere moderne Gesellschaft über so viele Informationen wie niemals zuvor. Ein wesentlicher Grund liegt in der Art unserer Ausbildung. An den Hochschulen und Universitäten wird die jeweilige Disziplin studiert, ohne den Blick über den eigenen Gartenzaun zu wagen und andere Richtungen zu verstehen und zu erfassen. Hätten unsere Vorfahren sich ähnlich auf eine einzige Richtung spezialisiert, gäbe es uns heute nicht. In der Evolution haben sich immer diejenigen Menschengattungen durchgesetzt, welche sich zu Generalisten entwickelten, während die Spezialisten sich auf Veränderungen nicht einstellen konnten und deshalb von der Bildfläche verschwanden. Der Mensch erfindet ständig neue Technologien, ohne sich genau so intensiv mit der Natur auseinander zu setzen. Natur und Technik, so Vester, sind keine Gegensätze, sondern das eine ergibt sich aus dem anderen. Deshalb sollten „Störungen“ im System nicht einfach bekämpft, sondern umfunktioniert und eingebaut werden. So entwickeln wir uns weiter, passen uns der veränderten Umwelt an und stabilisieren uns durch Flexibilität. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass wir die Grundregeln lebender Systeme verstehen und befolgen. Kurz: Wir brauchen ein vernetztes Denken. Im November 2004 habe ich ein Podiumsgespräch zum Thema „Klimawandel“ geleitet. Dr. Christoph Schär, Klimaforscher an der ETH Zürich, hielt fest: „Die weltweiten Statistiken zeigen, dass sich eine Katastrophe anbahnt.“ Tiefgreifende Veränderungen in den letzten Jahrzehnten seien eindeutige und ernst zu nehmende Warnsignale. In allen Teilen der Welt stehen gravierende Veränderungen des Klimas bevor. Die Natur mit ihrem Supersystem ohne Energie- und Abfallsorgen, ohne Absatzprobleme und Arbeitslose, zu studieren und zu imitieren, könnte für uns, so Vester, zur eigentlichen Überlebensfrage werden. Wie gesagt: Technik und Natur bedingen einander. Statt gegen die Natur zu kämpfen, sollten wir von ihr lernen. Es bräuchte nicht noch weitere leidvolle Beweise.


Noch etwas: Bertolt Brecht hat angemerkt: „Die Masse lernt so wenig aus der Katastrophe, wie das Versuchskarnickel über Biologie lernt.“ Wird er recht behalten?

2


Microsoft Word - 01-vernetzt denken-05-01-05