Issuu on Google+

Überleben von Martin Zenhäusern (martin@zenhaeusern.ch)

Was immer schon da war, nimmt man als Gott gegeben hin. Sei dies Wasser, Öl, Fisch, Sommer, Winter. Genau so wie Strom, denn der kommt ja aus der Steckdose, ist also jederzeit verfügbar. Wir können den Schalter umlegen, und das Licht brennt. Aus dieser beschaulichen Welt sind wir in den vergangenen Tagen etwas unsanft geweckt worden, sofern wir es denn überhaupt mitbekommen haben, was geschehen ist und was gesagt wurde. Der Reihe nach: Der Brite Nicolas Stern, ein Oekonom von Weltrang und Verfasser eines Berichts über den globalen Klimawandel, hat dargelegt, was mit unserer Erde geschehen wird, wenn die Treibhausgase das Klima weiter erwärmen: gigantische Dürre- und Flutkatastrophen. Kaum haben wir von diesem Bericht Kenntnis genommen, folgt der zweite: In 40 Jahren gibt es in den Meeren keine Fische mehr, bis Mitte des Jahrhunderts weder Thunfisch noch Muscheln – sofern der Überfischung, dem Anstieg der Wassertemperatur und der Vergiftung der Ökosysteme nicht Einhalt geboten wird. In der Konsequenz bedeutet dies nichts anderes, als dass sich der Mensch überdurchschnittlich rasch wird anpassen müssen, um die veränderten Bedingungen ertragen und letztlich überleben zu können. Wir stellen heute bereits in besonders heissen Sommern eine überdurchschnittliche Sterblichkeit von kranken und älteren Menschen fest. Diejenigen, welche durch den direkten Einfluss an Umweltgiften sterben, werden wohl irgendwie statistisch erfasst, allerdings ohne dass dies zu einem Umdenken im Umgang mit der Umwelt geführt hätte. Wasser wird immer knapper. Was tun wir? Wir duschen mit Trinkwasser. Frage: Wie werden in Zukunft die Stauseen gefüllt, wenn die Gletscher abschmelzen und immer mehr Wasser in die Atmosphäre entweicht? Solange keine wissenschaftlichen Beweise, also unterlegte Fakten vorliegen, weigern sich viele, die Umweltveränderungen zu akzeptieren. Dabei genügt oft ein einziger Blick, um zu sehen, was passiert. Nun hat die ganze Diskussion eine neue Dimension erhalten. Warum? Weil Nicolas Stern darauf hingewiesen wird, dass die Klimaerwärmung massive Folgen für die Wirtschaft haben wird. Bis zu 20 Prozent Einbusse am Bruttosozialprodukt. Jetzt sind viele bereit, über das Thema nachzudenken, denn die Folgen werden hinten rechts spürbar, dort wo das Denken der Menschen bestimmt wird, beim Geldbeutel nämlich. Es wird niemanden überraschen, wenn in den nächsten Jahren die grossen Wirtschaftsnationen das Kyoto-Protokoll und weitere Vorgaben erfüllen werden. Weil es jetzt ans Lebendige, ans Eingemachte geht. Nur gemeinsam, nur solidarisch seien Lösungen möglich. Auch hier wird vieles im Kleinen beginnen, bis es dann von allen akzeptiert und nachvollzogen wird. Ein Beispiel: Wenn Sie in Zürich Tram fahren, dann liegen hunderte der Gratiszeitungen einfach auf den Sitzen oder am Boden. Wenn etwas gratis ist, gehört es uns nur für die Zeit, in der wir es benutzen. Dann werfen wir es wieder weg. „Littering“, nennen wir dies. Warum sind wir so schnell bereit, die Verantwortung für unser Tun abzugeben, obwohl wir gerne die Kompetenzen behalten würden? Was zuversichtlich stimmt ist, dass der Mensch zwar manchmal sehr lange braucht, bis er etwas begriffen hat. Wenn er es jedoch begriffen hat, dann übernimmt er wieder die Verantwortung für sein Tun. Es wäre gut, wenn dies schnell geschehen würde. Also, um beim kleinen Beispiel zu bleiben: Die Zeitungen in die Box zurücklegen.


Noch etwas: Schon Immanuel Kant hat gefordert: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Übersetzt: Das Hirn einschalten, bevor wir es gebrauchen. Wo ist schon wieder der Schalter?

2


Microsoft Word - 11-überleben-03-11-06