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Kolumne vom 1. Februar 2005

Neue Lebensformen von Martin Zenhäusern (martin@zenhaeusern.ch)

Der Mensch wird immer älter. Die Arbeit wird immer knapper. Was ist die Lösung, um langfristig die Altersvorsorge zu sichern und gleichzeitig den Lebensstandard einer Gesellschaft beibehalten zu können? Ein Patentrezept käme jetzt gerade richtig. Nur gibt es keine. Eine Entspannung der Lage könnte der Blick in die Vergangenheit bringen. Es gab immer wieder Phasen in der Geschichte, in welcher die Menschen mit besonderen Schwierigkeiten durch pragmatische und gemeinschaftliche Lösungen fertig geworden sind. Es gab zum Beispiel grössere Gemeinschaften, welche in der Frage des Alters und der Erziehung eigene erfolgreiche Wege gegangen sind. Für die Erziehung waren nicht die Eltern verantwortlich. Das hatte verschiedene Vorteile: Beide Elternteile konnten die besten Jahre gemeinsam verbringen, ihren Interessen nach gehen, ohne durch die eigenen Kinder eingeschränkt zu sein. Sie konnten gemeinsam „erwachsen“ und reifer werden. Frauen und Männer waren gleichberechtigt und gleichwertig. Um die Kinder kümmerten sich die älteren Menschen in der Gemeinschaft. Sie hatten ihre Karriere gemacht, hatten Reife erlangt und waren jetzt bereit, der Gemeinschaft etwas zurück zu geben. Deren Aufgaben waren beispielsweise die politische Arbeit, die Verwaltung, öffentliche Arbeiten und eben auch die Kindererziehung. Für die Kinder selber hatte dies ebenfalls grosse Vorteile. Die älteren Menschen hatten Zeit und Erfahrung, einen unverkrampften Zugang zu den Kindern, waren gelassen und rücksichtsvoll und hatten letztlich eine verantwortungsvolle Aufgabe, welche der ganzen Gemeinschaft diente. Die Ältesten wiederum waren Ratgeber für die Jüngeren, waren so etwas wie wandelnde Lexika und Hüter eines unermesslichen Erfahrungsschatzes, den sie von Generation zu Generation weitergaben. Es ist klar, dass sich Modelle der Vergangenheit nicht im Massstab 1:1 auf die Moderne übertragen lassen. Nur wer hindert uns daran, einmal durchzudenken, inwieweit solche Modelle oder Ansätze davon auch heute Vorteile bringen könnten? Wären gesellschaftliche, politische, gemeinnützige und erzieherische Aufgaben für viele Menschen ab fünfzig nicht lukrativ? Wie könnte die Lebensweisheit der sogenannten „Alten“ besser genutzt werden, anstatt dass sie in Altersheimen vergeudet wird? Wie könnte der Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen zum Nutzen der Meisten ermöglicht werden? Wäre es möglich, mit solchen Lebensformen ein ausgeglicheneres und gesünderes Leben zu führen, da jeder Lebensabschnitt sinnvolle Aufgaben bereit halten würde? Das Krankheitsbild unserer Gesellschaft ist besorgniserregend. Bewegungsarme und übergewichtige Jugendliche, überforderte und ausgebrannte Arbeitstätige, vereinsamte und abgeschobene Alte – ist unser heutiges Modell wirklich so überzeugend? Oder sollten wir uns nicht ein paar unbequeme Fragen stellen und neue Formen zumindest einmal an-denken? Noch etwas: Der deutsche Schriftsteller Gabriel Laub liefert möglicherweise eine Erklärung, warum die Menschen so wenig aus der Geschichte lernen, wenn er sagt: „Der Unterschied zwischen Generationen besteht darin, dass sich jede auf eine andere Art betrügen lässt.“

Microsoft Word - 02-neue-lebensformen-20-01-05  
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