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Kolumne vom 14. März 2004

Anschluss halten von Martin Zenhäusern (martin@zenhaeusern.ch)

Was die Entwicklung in China für den Westen bedeutet, wissen wir noch nicht, ahnen allerdings bereits einiges. Es ist eine gewaltige Umwälzung im Gang, welche auch den Westen stark beeinflusst und nachhaltig verändern wird. Was tut die Politik? Sie befasst sich weiterhin mit weltbewegenden Themen wie zum Beispiel, ob die Quartierstrasse in Mettmenstetten einen Kreisel erhält oder ob in Ostermundigen gelb gestrichene Zäune auch erlaubt werden sollen. In Fernost geht die Post ab – und die Schweiz schaut zu. Wenn man mit einem Kontinent verbunden und rasch vor Ort sein will, wenn man wissen will, was geschieht, dann ist die direkte Verbindung entscheidend. Frage: Wie oft fliegt die Swiss, die ja immerhin mit Staatsgeldern wieder einigermassen flott gemacht worden ist, direkt nach Beijing, Schanghai, New Delhi? Richtig: Kein einziges Mal. Die Austrian Airlines fliegt diese Destinationen an. Nun gut – Österreich ist ja auch gerade dabei, die Schweiz in Sachen Bruttoinlandprodukt (BIP) zu überholen. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass es keine Österreicher Witze mehr gibt? Wenn man die Diskussionen in Österreich verfolgt, dann fällt auf, dass hier plötzlich die Mitwirkung an grossen Entscheiden besprochen wird, seien dies Projekte in England oder in Schweden oder sonst wo in der EU. Die Diskussionen haben eine ganz andere Qualität erhalten. Und worüber sprechen wir? Damit will ich nicht sagen, dass wir in die EU sollen, die sich mit der Osterweiterung wohl übernommen hat. Nur sollten wir uns intensiv damit befassen, was in der Welt ausserhalb von Mettmenstetten und Ostermundigen passiert, um nicht den Anschluss zu verlieren. Und wir sollten uns auch einmal ernsthaft überlegen, ob diejenigen politischen Parteien dann auch die Verantwortung für ihre Politik übernehmen, die sie unter dem Motto „Vorwärts in die Vergangenheit“ vertreten, wenn wir wieder dort gelandet sind. Avenir Suisse hat kürzlich einige bedenkenswerte Beiträge publiziert. Im Parlament in Bern sitzen zum Beispiel 34 Vertreter der Landwirtschaft (Anteil am BIP von 1,2%) und genau einer aus der ITBranche (8% BIP-Anteil). Der Finanzplatz Schweiz und die gesamte Wirtschaft – der Lebensnerv unserer Landes – sind völlig untervertreten. Ein anderes Beispiel: Im Jahr 2000 kamen auf einen Rentner vier Erwerbstätige. Im Jahr 2035 kommen auf einen Rentner noch zwei Erwerbstätige. Deshalb braucht die Schweiz eine vernünftige Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften auf fast allen Ebenen, um weiter wachsen und den Wohlstand sichern zu können. Und wie steht’s bei der Bildung, auf die wir uns so viel einbilden? Trotz der unbefriedigenden Platzierung in der Pisa-Studie? In Belgien, Frankreich und Italien werden die Kinder mit drei Jahren eingeschult, in Grossbritannien, Dänemark und den Niederlanden mit vier Jahren. Gerade in der früheren Förderung der Kinder liegt ein noch nicht ausgeschöpftes Bildungspotential. Deshalb wären die heutigen Kinderkrippen, Horte und Kindergärten neu als Lernstätten zu gestalten, in denen die Kinder ganzheitlich gefördert werden könnten, wie Avenir Suisse folgert. Und sie müssten auch früher die Universitäten verlassen und in den Arbeitsprozess integriert werden. Dies allerdings bedingt einen höheren Wettbewerb auch in der Bildung, also Reformen, und das ist ja wirklich das letzte, was wir wollen.


Noch etwas: Ein Kabarettist hat einmal gesagt: „Wem das Wasser bis zum Halse steht, der sollte den Kopf nicht hängen lassen.“ Man kann auch offenen Auges nichts sehen, wenn man nicht sehen will. Deshalb wäre es durchaus verdienstvoll, wenn die Politik mit dem Slogan „Vorwärts in die Zukunft“ die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft verbessern und diese die Chancen nutzen würde, die sich in Fernost bieten. Es gibt genügend Möglichkeiten, dass trotz Abwanderung von Produktion und Dienstleistungen in diesen Raum für beide Seiten eine Win-Win-Situation entstehen kann. Doch darüber mehr ein anderes Mal.

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Microsoft Word - 03-anschluss-04-03-05