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Wachstum von Martin Zenhäusern (martin@zen-com.com)

Eine der Ursachen für die Finanzmarktkrise und die jetzt beginnende Rezession ist der Glaube an ewiges Wachstum. Dieser Glaube ist verheerend und kurzsichtig. Letztlich ist er dumm. Weder in der Natur noch in der Wirtschaft gibt es dieses immerwährende Wachstum, auch wenn uns dies von vielen Experten und Prognostikern immer wieder weis gemacht wird. Auch sogenannt Absolute-Return-Fonds, die als besonders sicher und gewinnbringend, weil ständig wachsend, angeboten wurden, haben ihr Ziel nicht erreicht. Schlimmer noch: Diese Fonds sind aufgrund unterdurchschnittlichen Wachstums – es müsste heissen: wegen tiefroter Verluste – von den Grossbanken UBS und CS vom Markt genommen worden; ein weiteres Schönwetter-Modell, das bachab ging bei der ersten Flut. Interessant ist die sprachliche Manipulation, die angewendet wird, um vom Versagen abzulenken. So sprechen Experten, wenn sie Stagnation oder Verluste bekannt geben müssen, von Null- oder Minus-Wachstum. Es gibt kein Minus-Wachstum. Das Gegenteil von wachsen ist schrumpfen. Wie praktiziert die Natur Wachstum? So wie beim Menschen: Wir wachsen vom Kleinkind bis zum Erwachsenen nicht linear, sondern in Schüben. In den Wachstumspausen kann der Mensch den letzten Wachstumsschub verdauen, wieder Kräfte sammeln und dann den nächsten Schritt machen. Die ausnahmslose Fixierung vieler Wirtschaftsführer auf Wachstum und schiere Grösse hat zur jetzt allgemein beklagten Situation geführt. Die Lage ist wieder einmal ausser Kontrolle geraten. Wenn sich, wie wir dies jetzt bei der Finanzmarktkrise beobachten, ein Bereich verändert, dann werden auch andere Bereiche sich verändern. Die Krise hat deutlich gezeigt, dass Grösse nicht mehr adäquat ist. Konzerne mit komplizierten Führungsstrukturen sind zu langsam und zu stark mit sich selbst beschäftigt, um rasch reagieren und Warnsignale richtig deuten zu können. Deshalb erstaunt es nicht, dass die Grossen von der Krise stärker betroffen worden sind, als die Mittleren und Kleineren. Diese haben auch nicht an Realitätsverlust gelitten wie manch ein Grossunternehmen, das am Schluss selbst geglaubt hat, dass die Bäume in den Himmel wachsen würden. Kleinere Einheiten bieten gegenüber grossen verschiedene Vorteile, die sich in der Praxis – und das ist entscheidend! – immer wieder bewähren. Der Einzelne erhält Verantwortung, die tragbar ist. Die Einbindung ist stärker als in anonymen und dezentralen Gebilden. Zudem ist es häufig leichter, Kontrolle auszuüben und vor allem den Überblick zu wahren. Letztlich entsteht daraus eine bessere Leistung, die häufig über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden kann. Zudem sind Kleine reaktionsschneller als Grosse. Grösse ist oft ein willkommenes Alibi, um sich nicht verantwortlich zu fühlen, weil der eigene Einfluss zu klein und die eigene Ohnmacht zu gross seien. Deshalb ist auch kaum jemand in der Lage, das Steuer herumzureissen, obwohl viele bereits sehen, dass das Schiff auf den Abgrund zusteuert. Natürlich sind kleinere und mittlere Einheiten nicht das Allheilmittel. Auch hier kann der Einzelne viel Unheil anrichten. Kleinere und mittlere Unternehmen haben jedoch den Vorteil, dass sie in den meisten Fällen die Bodenhaftung behalten, anstatt Luftschlösser zu bauen. Vielleicht hat die Finanzmarktkrise im Nachhinein auch etwas Gutes: Wenn sie uns allen endgültig die Augen öffnet, dass unkontrollierte Grösse und die Fokussierung auf ewiges Wachstum in schöner – oder besser gesagt: hässlicher Regelmässigkeit – zum Absturz führen. Noch etwas: Wenn schon, dann gilt, was der amerikanische Politiker Edward I. Koch gesagt hat: „Grösse ist einem nicht gegeben. Grösse ist verdient.“


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