Zeitpunkt 170: Leeren bitte! Die grosse Umverteilung am Energiemarkt

Page 1

!

170 Aug-Okt 2022 Fr./€ 15.–

f ü r f r ie d li c h e U mw ä l z u n g

Leeren bitte!

Die grosse Umverteilung am Energiemarkt In dieser Ausgabe: William Engdahl Vlad Georgescu Christoph Pfluger Christian Kreiß Christa (Leila) Dregger und vieles mehr

Europas Energie-Misere Gas: der kleine Unterschied Rettung für die Spekulanten Eine richtig grosse Euro-Krise Warum ich nach fast 40 Jahren freier Liebe heirate?


KÜFERWEG Weine mit Kultur

Bioweine

www. kueferweg.ch

Kultur

www.konservi.ch

Seetalstrasse 2 · 5703 Seon · 043 322 60 00

Zeitpunkt-Imageinserat-November2020.indd 1

06.10.20 09:42


Editorial

Markt, «Märkte», Umverteilung Liebe Leserinnen und Leser Nicht Putin, sondern die Märkte. Das ist die kürzestmögliche Erklärung für die exor­ bitanten Preissteigerungen der Elektrizität. Und weil es die «Märkte» sind, die die Preise treiben, muss man verstehen, wie aus dem vertrauten Markt, der seit Jahrtausenden Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht hält, die «Märkte» werden konnten, die jetzt zu aller Schrecken das Angebot drastisch verknappen.

© Dirk Wächter

Stellen wir uns einen Markt vor, wie er weltweit in Abertausenden von Städten und Flecken abgehalten wird, vorzugsweise an Samstagen. An den Ständen ver­ sorgen die Bauersleute ihre meist regelmässigen Kun­ den mit den Früchten des Feldes und ihrer Arbeit. Man kennt sich, manchmal gibt's ein kleines Extra, manch­ mal ist es – Petrus sei es geklagt – ein bisschen teurer. Es sind Vertrauensbeziehungen unter weitgehend Gleich­ wertigen. Selbst ein Kunde, der zehnmal reicher ist als der Durchschnitt, wird die Beziehung zu den Bauersleuten seiner Wahl nicht massgeblich beeinflussen. Er kriegt die­ selben Eier, und wenn er erst gegen Mittag kommt, muss er mit dem Vorlieb nehmen, was halt noch da ist. Der idea­ le Markt ist die Begegnung von vielen Anbietern und vie­ len Kunden auf ungefährer Augenhöhe. Jetzt tritt ein Player auf den Plan, der eine Million mal reicher ist – in etwa der Unterschied zwischen einem Menschen durchschnittlichen Vermögens und einem Fi­ nanzkonzern – , der den ganzen Markt leerkaufen könnte

Dann aber bricht in der Umgebung des grossen östlichen Kartoffelbauern eine Schlägerei aus. ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

1


und der Gewinn sucht, ohne dafür arbeiten zu müssen. Als erstes wird er vielleicht versuchen, ein paar Stände zu übernehmen, deren Betreiber sich von Geld verlocken lassen. Er weist sie an, zu rationalisieren, sich zu spezialisieren und die Preise zu senken. Wer den Preiskampf nicht be­ steht, muss den Betrieb schliessen oder wird ebenfalls übernommen, so­ dass sukzessive immer mehr Stände unter seine Kontrolle geraten. Dann veröffentlichen vom Big Player unterstützte Forschungsan­ stalten Studien, nach denen Kartoffeln die Luft vergiften. Produktion und Konsum gehen zurück, sehr zum Ärger des grossen östlichen Kar­ toffelbauern, der sich zusätzlich mit seinen unfreundlichen Nachbarn herumschlagen muss, die vom Big Player unterstützt werden. Die­ ser kauft mit Terminverträgen günstig gewordene künftige Kartoffe­ lernten auf. Es entstehen Märkte für Kartoffelverträge. Gleichzeitig sorgt der Big Player dafür, dass die Stände mit festen Lieferbeziehungen zu den Kunden ihren Marktzugang verlieren, denn sie respektieren angeblich die Regeln des freien Marktes nicht, sondern treffen separate Preisvereinbarungen mit ihren grösseren Kunden. Be­ troffen ist vor allem der grosse östliche Kartoffelbauer. Bis auf ein paar Nostalgiker begrüssen die meisten Konsumenten die neuen Regeln. Zwar leiden Vielfalt und Qualität, dafür sinken die Preise. Es lockt das Land des Überflusses. Dann aber bricht in der Um­ gebung des grossen östlichen Kartoffelbauern eine Schlägerei aus. Die­ ser hatte genug von den Provokationen seiner Nachbarn und sandte seine kräftigsten Knechte aus. Die Lieferung von Kartoffeln wird ein­ gestellt, die Preise schnellen in die Höhe, die Terminkontrakte wer­ fen astronomische Gewinne ab und die Konsumenten müssen Kredite aufnehmen – natürlich bei der Bank des Big Players. Dieser verdient nun nicht nur an den explodierenden Preisen, son­ dern auch an den Krediten. Während die Kunden verarmen, kauft er die restlichen freien Landwirtschaftsbetriebe auf und errichtet so in kürzester Zeit ein Imperium samt Kartoffelpolitikern und verbind­ lichen Menüplänen. Die gebeutelten Konsumenten versinken in einer fürchterlichen Kartoffeldepression, bis ihnen eines Tages eine Zeit­ schrift für friedliche Umwälzung ins Haus flattert und sie den grossen Kartoffelspieler dorthin zurückschicken, wo er hergekommen ist. Konkretere Details zu dieser Fabel über die grosse Umverteilung fin­ den Sie in dieser Ausgabe. Ich wünsche Ihnen viel Inspiration. Herzlich, Christoph Pfluger, Herausgeber 2

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Das finden Sie im Zeitpunkt 170: 4

Europas Energie-Misere

14 Ohne Diesel, kein Europa

William Engdahl Christoph Pfluger/Jorge Vilches

18 Gas: der kleine Unterschied 22 Rettung für die Spekulanten 30 Eine richtig grosse Euro-Krise

Vlad Georgescu Christoph Pfluger Christian Kreiß

40 Die Protokolle der Weisen von Santa Monica Christoph Pfluger 44 Keine Polarität – die neue Weltkarte

Marwan A. Salamah

50 Machtkonzentration ist ein Krisenphänomen Milosz Matuschek 54 Die Krim ist seit 1991 unabhängig

Jacques Baud

62 Eine Plattform für gestrandete Linke

Nicole Maron

66 König Charles der Letzte

Christoph Pfluger

70 Chapeau! für die Basler Anwältin Lea Hungerbühler 72 Was ist aus uns geworden? Die Spuren der Pandemie 78 Wie uns in der Pandemie die Realität abhanden kam 82 Wenn die Schwalben vom Himmel fallen

Arthur Firstenberg

86 Schneckenkrieg einer Pazifistin

Mirjam Rigamonti

90 Chapeau! für Manusia 92 «Quiet Quitting» 94 Verwurstete Wissenschaft 98 ABC: Arbeit, Bildung und Community

Konstantin Demeter Salomé Fässler

100 Heirat nach fast 40 Jahren freier Liebe Christa (Leila) Dregger 108 Fachkräftemangel bei Gesundheits-Clowns Barbara Hagmann 110 Darf man über alles lachen? 114 Dankbarkeit als Weg des Glücklichseins 116 Zum 80. Geburtstag von Dieter Duhm

Philippe Schultheiss Eva-Maria Gent Christa (Leila) Dregger

122 Die fünf Grundgesetze der menschlichen Dummheit 126 Ich hasse meinen Nachnamen ZEITPUNKT 170

Anton Brüschweiler

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

3


Foto: Marc Pascual / pixabay

4

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Europas Energie-Misere: Sie kommt aus Brüssel und Berlin, nicht aus Moskau

Wie die günstigen, langfristigen Gaslieferungen aus Russland durch teures, spekulatives Flüssiggas ersetzt wurden. Die Geschichte beginnt lange vor dem Ukraine-Krieg. Von William Engdahl

A

m 22. August lag der börsengehandelte Markt­ preis für Erdgas am deutschen Gashub THE (Trading Hub Europe) um mehr als 1000 Pro­ zent höher als vor einem Jahr. Die Regierung Scholz er­ klärt, der Grund dafür sei der Krieg Putins und Russ­ lands in der Ukraine. Die Wahrheit ist aber ganz anders. EU-Politiker und grosse Finanzinteressen benutzen Russland, um eine Energiekrise «made in Germany» und Brüssel zu verschleiern. Die Folgen sind keineswegs zufällig. Es liegt nicht daran, dass Politiker wie Scholz oder der grüne deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck oder der Vizepräsident der EU-Kommission für grüne En­ ergie, Frans Timmermans, dumm oder ahnungslos wä­ ren. Korrupt und unehrlich, ja vielleicht. Aber sie wis­ sen genau, was sie tun. Sie handeln nach Drehbuch. Es ist Teil des EU-Plans zur Deindustrialisierung einer der energieeffizientesten Industriekonzentrationen auf dem Planeten. Dies ist die Grüne Agenda 2030 der UNO, auch bekannt als Klaus Schwabs Great Reset. ZEITPUNKT 170

Der «freie Markt» ist ein Glaubensbe­ kenntnis, das bei seinen Anhängern eine fast reli­ giöse Hingabe hervorruft. In Wirklich­ keit ist er ein Schwindel, ein Mythos, eine grosse Täu­ schung. Owen Jones (brit. Journalist)

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

5


Wie der Gasmarkt in der EU dereguliert wurde Was die EU-Kommission, die Minister in Deutsch­ land und in der gesamten EU tunlichst verschweigen, ist der Wandel, den sie bei der Bestimmung des Erdgas­ preises vollzogen haben. Über zehn Jahre arbeitete die EU-Kommission, unterstützt von Megabanken wie JP MorganChase oder grossen spekulativen Hedge-Fonds, an den Grundlagen für die heutige vollständige Dere­ gulierung des Erdgasmarktes. Sie wurde als «Liberali­ sierung» des Erdgasmarktes in der Europäischen Uni­ on propagiert. Statt langfristiger Verträge werden die Preise nun durch unregulierten Echtzeithandel auf dem freien Markt festgelegt. Etwa ab 2010 begann die EU, eine radikale Änderung der Regeln für die Preisbildung bei Erdgas voranzutreiben. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die meisten Gaspreise in langfristigen Verträgen für Pipelineliefe­ rungen festgeschrieben. Der grösste Lieferant, die rus­ sische Gazprom, lieferte Gas in langfristigen Verträgen, die an den Ölpreis gekoppelt waren, in die EU, insbe­ sondere nach Deutschland. Bis vor einigen Jahren wur­ de fast kein Flüssigerdgas (Liquified Natural Gas, LNG) mit LNG-Schiffen importiert. Mit einer Änderung der US-Gesetze, die 2016 den Export von LNG aus der rie­ sigen Schiefergasproduktion erlaubte, begannen die US-Gasproduzenten mit dem Bau von LNG-Exportter­ minals in grossem Umfang. Der Bau dieser Terminals dauert durchschnittlich drei bis fünf Jahre. Gleichzeitig begannen Polen, die Niederlande und andere EU-Län­ der mit dem Bau von LNG-Importterminals, um das LNG aus dem Ausland aufzunehmen. Die anglo-amerikanischen Ölgiganten, die damals als «Seven Sisters» (Sieben Schwestern, heute noch vier) be­ zeichnet wurden, waren aus dem Zweiten Weltkrieg als weltweit führende Öllieferanten hervorgegangen und hatten ein globales Ölpreismonopol geschaffen. Wie 6

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Es liegt nicht daran, dass die Politiker dumm oder ahnungslos wären. Korrupt und unehrlich, ja vielleicht. Aber sie wissen genau, was sie tun. Henry Kissinger während der Ölschocks der 1970er Jah­ re bemerkte: «Kontrolliere das Öl und du kontrollierst ganze Nationen.» Seit den 1980er Jahren schufen die Wall Street-Banken unter der Führung von Goldman Sachs einen neuen Markt für «Papieröl», d. h. für den Handel mit Termingeschäften und Derivaten auf künf­ tige Öllieferungen. Es entstand ein riesiges Kasino für Spekulationsgewinne, das von einer Handvoll riesiger Banken in New York und London kontrolliert wurde. Dieselben mächtigen Finanzinteressen arbeiten seit Jahren daran, einen ähnlichen globalisierten «Papiergas»Markt für Termingeschäfte zu schaffen, den sie kon­ trollieren können. Die EU-Kommission und ihre Green-New-Deal-Agenda zur «Dekarbonisierung» der Wirtschaft bis 2050, mit der Öl-, Gas- und Kohletreib­ stoffe abgeschafft werden sollen, stellten die ideale Fal­ le dar, die zu dem explosionsartigen Anstieg der EUGaspreise seit 2021 geführt hat. Um diese «einheitliche» Marktkontrolle zu schaffen, wurde die EU von den glo­ balistischen Interessen gedrängt, Gazprom drakonische und de facto illegale Regeländerungen aufzuerlegen, um den russischen Eigentümer der verschiedenen Gasver­ teilnetze in der EU zu zwingen, diese für konkurrie­ rendes Gas zu öffnen. Die Grossbanken und Energieinteressen, die die EUPolitik in Brüssel kontrollieren, mussten ein neues, un­ abhängiges Preissystem parallel zu den langfristigen, stabilen Preisen für russisches Pipelinegas schaffen, das Russland nicht kontrolliert. Bis 2019 ermöglichte eine Reihe bürokratischer Ener­ gierichtlinien der Brüsseler EU-Kommission, dass der vollständig deregulierte Gashandel de facto die Preise ZEITPUNKT 170

Je korrupter der Staat, des­ to zahlreicher die Gesetze. Tacitus

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

7


Ohne Diesel, kein Europa

Der Ersatz des russischen Rohöls erfordert den Umbau der Raffinerien

D

iesel ist für die Lieferketten absolut zentral. Der Anteil der Bahn – vornehmlich elektrisch be­ trieben – beim Güterverkehr lag 2020 im euro­ päischen Durchschnitt bei 17 Prozent, Tendenz sinkend. Ohne Diesel ist die Versorgung akut gefährdet. Diesel wird aus destilliertem Rohöl gewonnen, das ab Dezember 2022 nicht mehr aus Russland kommt, son­ dern gemäß dem EU-Sanktionspaket Nr. 6 aus anderen, noch nicht bestimmten Quellen. Die Schiffe, die ab De­ zember nicht-russisches Erdöl nach Europa transportie­ ren, benötigen ebenfalls Diesel. Deshalb bedeutet «we­ Erfahrung ist niger Diesel» automatisch «noch weniger Diesel». eine teure Neben Diesel als Treibstoff wird auch noch eine Diesel­ Schule, aber abgasflüssigkeit aus Harnstoff und entionisiertem Was­ Dummköpfe werden in kei­ ser benötigt, besser bekannt als AdBlue. Moderne Die­ ner anderen selmotoren lassen sich ohne diesen Stoff nicht einmal lernen. starten. Diese Flüssigkeit wird aus Harnstoff und Erdgas Benjamin Franklin hergestellt, teilweise in Europa, zur Hauptsache aber in 14

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Die Schiffe, die ab Dezember nicht-russisches Erdöl nach Europa transportieren, benötigen ebenfalls Diesel. Deshalb bedeutet «weniger Diesel» automatisch «noch weniger Diesel». Russland und China, den beiden weltweit grössten Ex­ porteuren. Beide haben den Export von Harnstoff zum Schutz der eigenen Düngemittelproduktion inzwischen eingestellt. Und schliesslich brauchen Dieselmotoren auch Schmieröl. Aufgrund des Ukraine-Krieges und frühe­ rer Probleme in den Lieferketten (Covid) mussten wich­ tige Hersteller bestimmter Additive ihre Produktion einschränken, sodass jetzt weltweit ernsthafte Engpässe beim Schmieröl für Dieselmotoren bestehen. Das grosse Problem besteht aber darin, dass die Raffi­ nerien längst nicht aus jeder der über hundert gängigen Sorten den Diesel in der von modernen Motoren gefor­ derten Qualität herstellen können. Die «Urals» aus Rus­ sland haben sich als die am besten geeigneten erwiesen. Raffinerien sind ziemlich genau auf den Rohstoff ab­ gestimmt, den sie für den Rest ihrer Betriebsdauer ver­ wenden werden und können nur beschränkt auf andere Qualitäten eingestellt werden, z.B. diejenigen aus Vene­ zuela oder dem Iran, die wesentlich schwerer sind und einen höheren Schwefelgehalt aufweisen. Die europä­ ischen Raffinerien wurden für die russische Ural-Mi­ schung gebaut, abgestimmt und angepasst. Der Ersatz des russischen Rohöls durch eine andere Mischung steht deshalb vor erheblichen Hürden. So­ lange die neue nicht-russische Mischung nicht bekannt ist, kann nichts getan werden: keine Pläne, keine Ange­ bote, keine Verträge, keine Änderungen, keine Kalibrie­ rung, keine Feinabstimmung, keine Zertifizierung, kei­ ne Genehmigung, keine Inbetriebnahme, nichts. ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

15


Gas: der kleine Unterschied Die Umstellung von russischem H-Gas auf westliches L-Gas ist kompliziert und erfordert normalerweise Jahre. Schwierigkeiten sind programmiert, auch für die Schweiz. Von Vlad Georgescu

R

und drei Viertel der von Industrie und Haushalten in der Schweiz verwendeten Gasmenge stammt derzeit noch aus Russland – und floss bis Ende August 2022 zum grössten Teil über die nach Deutsch­ land verlegte Pipeline Nord Stream 1 nach Europa. Trotzdem erscheint die Abhängigkeit verkraftbar. Der Anteil von Gas, gemessen an allen anderen Energieträ­ gern, fällt nominal eher bescheiden aus. So verzeichne­ te das Bundesamt für Energie im Jahr 2021 einen Ver­ brauch von 122'280 Terajoule Erdgas – was lediglich 15,4 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs des Landes ausmacht. Drei Viertel dieser Menge wiederum wird von Deutschland geliefert. Weitere Vertragsliefe­ ranten sind Frankreich, Italien und die Niederlande. Nennenswerte Gasspeicher besitzt die Schweiz nicht. So konstatierte das Fernsehen SRF am 27. Januar 2021 nur einen Monat vor Beginn des Krieges in der Ukraine: «Zwar müssen die Erdgas importierenden Unternehmen ein Pflichtlager führen, das bei Mangellagen für 4.5 Monate ausreichen soll. Aus praktischen Gründen wird das Pflichtlager Erdgas jedoch als Heizöl extra leicht gelagert. Denn es gibt in der Schweiz kein geeignetes Speichersystem für Flüssiggas, Bau und Betrieb wären gemäss der Branche viel zu teuer.» Um das Gas dennoch als Reserve lagern zu können, mietet die Schweiz daher Speicher in Nachbarstaaten an, und füllt diese mit dem eigenen, ebenfalls im Aus­ land eingekauften Gas auf. 18

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Foto: Frantzou Fleurine / unsplash.com

Lange galt dieses eidgenössische System der Diversifi­ zierung als effizient. Ohne milliardenschwere Gasinfra­ strukturen unterhalten zu müssen, kaufte man sowohl das Gas als auch die nötigen Serviceleistungen rund um die Speicher im Ausland ein – vor allem in Deutschland. Zum ökonomischen Vorteil gesellte sich ein weiterer hinzu: Ärger mit den Amerikanern wegen des Bezugs von russischem Gas? Fehlanzeige. Es gibt keine direkten Verträge mit Russland. Gas aus Deutschland macht sich, politisch betrachtet, besser als das, was es in Wirk­ lichkeit ist. Selbst der bereits von US-Präsident Donald Trump initiierte Druck auf Berlin, Nord Stream 2 nicht in Betrieb zu nehmen, liess die Regierung in Bern kalt. Mit dem Wirtschaftskrieg hat sich die Lage dramatisch geändert. Ausgerechnet der lediglich 15-prozen­ tige Anteil am gesamten Energieverbrauch des Landes könnte sich zur sozialen Zeitbombe entwickeln. Es sind in erster Linie die grossen Städte und Industriezentren, in denen Privathaushalte vorwiegend mit Gas aus Russ­ land heizen. Ob Bern, Genf oder Zürich – nach dem rus­ sischen Stopp der Gaslieferungen an Deutschland Ende August wird im Winter die Lage kritisch. Betroffen sind die rund 20 Prozent der Wohnungen, die mit Gas be­ heizt werden. Das Versiegen von Nord Stream 1 als Hauptschlaga­ der der Schweizer Gasversorgung via Deutschland for­ ciert nun die Umstellung auf Alternativen – nach wie ZEITPUNKT 170

Alle Entwick­ lung ist bis jetzt nichts weiter als ein Taumeln von einem Irrtum in den andern. Henrik Ibsen

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

19


Rettung für die Spekulanten Die Gründe für den Rettungsschirm zugunsten des Stromkonzerns Axpo bleiben undurchsichtig. Es ist unmöglich, mit selber produziertem Strom an den Börsen so hohe Risiken aufzubauen, dass der Staat einschreiten muss. Von Christoph Pfluger

W

arum braucht ein angeblich solider Strom­ konzern, der historisch einmalige Gewinne erzielt, plötzlich Hilfe vom Staat? Die Axpo sagt, sie müsse Sicherheiten für Terminkontrakte am European Energy Exchange EEX in Leipzig hinterle­ gen, die nach Abschluss des Geschäfts wieder zurück­ fliessen – eine sichere Sache also. Tatsächlich ist es so, dass am EEX wie an anderen Bör­ sen auch, Termingeschäfte besichert werden müssen. Wenn der Preis am Spotmarkt über dem vereinbarten Lieferpreis liegt, muss der Lieferant die Differenz an der Börse cash hinterlegen, damit der Kunde entschädigt werden kann, sollte der Produzent nicht liefern können. Rechenbeispiel: Wenn der Produzent für 50 Mio. lie­ fern muss und der aktuelle Preis für die vereinbarte Menge bei 90 liegt, muss er innert 48 Stunden der «Eu­ ropean Energy Exchange» EEX in Leipzig 40 Mio. über­ weisen. Damit kann sich der Kunde mit Sicherheit zum vertraglichen Preis eindecken. 22

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Foto: Axpo

Liegt der Spotmarktpreis dagegen unter dem verein­ barten Preis, muss der Kunde die Differenz hinterlegen, damit der Produzent keinen Verlust erleidet, sollte der Kunde zum Erfüllungstermin nicht zahlen können. Weil sich der Spotmarktpreis für Strom seit Septem­ ber 2021 und vor allem seit dem Ukraine-Krieg und den Sanktionen in hochvolatilen Sprüngen verzehn­ facht hat, müssen die Lieferanten extrem hohe Beträge nachschiessen, was viele unter ihnen in ganz Europa in Liquiditätsschwierigkeiten getrieben hat. Wenn die Axpo jetzt zur Deckung ihrer Nachschuss­ pflichten 4 Milliarden Franken braucht, dann kann sie diese offensichtlich nicht aus eigenen Mitteln bereitstel­ len. Sie erzielte 2020/21 einen Gesamtumsatz von 6,056 Mrd. Franken. Aber warum muss der Staat per Notrecht einen Rettungsschirm organisieren, um Lieferungen zu garantieren? Das ist ein typisches Geschäft für die Banken. ZEITPUNKT 170

Geld: Zer­ brechlichste aller Illusionen von Sicherheit. Ron Kritzfeld

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

23


Der verpasste Gewinn ist eine Todsünde in den liberalisierten Märkten. Die Axpo arbeitet mit einer ganzen Reihe von ihnen zu­ sammen. Sie kennen die Bücher und vermutlich auch den Markt. Trotz der jetzt eingetretenen Nachschusspflichten ist das Termingeschäft mit selber produziertem Strom für einen Energiekonzern eine sichere Sache. Die Axpo weiss in etwa, wie viel Strom zu welchen Kosten sie in der Zukunft produziert – abzüglich einer Risikomarge für Wetterkapriolen und technische Zwi­ schenfälle. Diesen Strom verkauft sie über Terminkon­ trakte zu Preisen, die mindestens etwas mehr als die Kosten decken. Das Risiko des Geschäfts mit eigenem Strom tendiert gegen null, grössere Kraftwerksschäden ausgenommen.

Die gefähr­ lichsten Un­ wahrheiten sind die Wahr­ heiten, mässig entstellt. Lichtenberg 24

Es gibt aber ein ganz anderes «Risiko»: Mit solchen an der Vorhersehbarkeit und der Versorgungssicherheit orientierten Verträgen lässt sich in einer Zukunft mit steigenden Preisen nicht so viel Gewinn machen, wie es dannzumal möglich wäre. Last-Minute, bzw. ein Deal am Spotmarkt wäre dann profitabler. Der verpasste Ge­ winn ist eine Todsünde in den liberalisierten Märkten. Auch gegen dieses «Risiko» kann man sich an den Fi­ nanzmärkten mit Derivaten absichern. Diese Papiere machen aus dem langweiligen, sicheren und angemes­ sen profitablen Zukunftsgeschäft eine riskante Wette auf optimierten Gewinn. Man kann diese kaufen und mit ihnen handeln, auch wenn man gar kein Risiko trägt, sondern einfach nur ein Geschäft machen will. Je nach Entwicklung des Marktes, multipliziert sich dieses Risi­ ko und schlägt auf die Preise durch, wie jetzt geschehen. Der Verdacht liegt nahe: Hat die Axpo Strom verkauft, den sie gar nicht selber produziert, sondern sich erst auf dem markant teurer gewordenen Spotmarkt beschaffen

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


muss? Nein, bekräftigt Alena Weibel, Head of Corpo­ rate Communications & Public Affairs. Betroffen von den nachschusspflichtigen Verträgen sei nur die eigene Stromproduktion. Der Geschäftsbericht 2020/21 der Axpo hinterlässt jedoch ein anderes Bild. Von einem Gesamtumsatz von 6,056 Mrd. Franken entfallen nämlich zwei Drit­ tel (4,088 Mrd., S. 14) auf «Trading&Sales» mit externen Kunden. In dieser nicht näher aufgeschlüsselten Positi­ on kann sich einiges verstecken. «Wir haben nicht spekuliert, sondern konservativ ab­ gesichert», behauptet der Axpo-Chef Christoph Brand in einem Beitrag in der Weltwoche. Im selben Text be­ stätigt er jedoch das Gegenteil: «Wir sichern unsere Schweizer Stromproduktion seit vielen Jahren vorsichtig ab, damit wir gegen Preiszerfälle geschützt sind.» Gegen «Zerfälle» der Preise? Jetzt, wo sie förmlich explodieren! Das ist eine perfid verpackte Unwahrheit. Das Termin­ geschäft mit eigenem Strom ist bereits gegen Preiszerfall gesichert! Die Absicherung in Brands Sprachregelung sind spekulative Derivate, deshalb braucht die Axpo auch ein «sehr ausgefeiltes Risiko- und Liquiditätsma­ nagement». Diese Risiken sind vermutlich der Grund, warum die Banken der Axpo nicht zu Hilfe eilen wollten. Es gibt noch einen anderen, viel gefährlicheren Grund: «Es besteht das Risiko eines Dominoeffekts im europä­ ischen Energiemarkt, weswegen verschiedene Länder in ganz Europa Rettungsschirme für die Energiewirtschaft aktiviert haben», erklärt Alena Weibel auf Anfrage. Eine mögliche Begründung für diese Angst liegt im Pendant zu dem, was auf dem Aktienmarkt der Leerver­

Die spekulativen Risiken sind vermutlich der Grund, warum die Banken der Axpo nicht zu Hilfe eilen wollten. ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

25


30

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Leider wahrscheinlich:

Eine richtig grosse Euro-Krise Jetzt zeigen sich die Konstruktionsfehler des Euro. Wenn nicht gehandelt wird, sind Staatspleiten mit enormen Folgen höchst wahrscheinlich. Von Christian Kreiß

Fragestellung In den letzten 18 Monaten hat der Euro gegenüber dem Dollar etwa 20 Prozent seines Wertes verloren und wird momentan eins zu eins zum Dollar gehandelt. Auch zum Schweizer Franken, zum chinesischen Yuan und insbesondere zum Rubel hat der Euro in den letzten Jahren deutlich an Wert verloren.[1] Warum? Was steckt dahinter? Wird er noch weiter fallen? Und was könnte das für Auswirkungen auf uns haben?

(Foto: Nathan Dumlao / unsplash)

Die Lenkungsfunktion des Zinses Um diesen Fragen nachzugehen, wollen wir uns zuerst einmal klar­ machen, warum es innerhalb einzelner Länder oder Währungsräume Zinsunterschiede, sogenannte spreads für verschiedene Kreditnehmer gibt. Die Zinsen sind abhängig von der Qualität, bzw. der Bonität der Kreditnehmer. Je besser die Bonität oder Güte des Kreditnehmers, de­ sto geringer ist die Ausfallwahrscheinlichkeit für die Bank und desto geringer ist daher der Risikoaufschlag und damit der Zins, den der Schuldner zahlen muss. Die Zinsunterschiede steuern daher die Kapitalströme. Schlechte Schuldner bekommen wenig und teure Kredite. Hohe Zinsen sollen schlechte Schuldner davon abhalten, zu hohe Kredite aufzunehmen. ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

31


Schlechte Schuldner bekommen grosse Kredite, und eines Tages kommt die schmerzhafte Bereinigung, je später, desto gravierender wird die Bereinigungskrise ausfallen. Falls die Zinsunterschiede, die Risikoaufschläge über längere Zei­ten nicht den ökonomischen Realitäten entsprechen, falls die Risikoauf­ schläge nicht die Bonitäten widerspiegeln, werden die Kapitalströme falsch gelenkt. Dann bekommen zu schlechte Schuldner zu billige und zu hohe Kredite. Wie ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte zeigt, kommt es dann regelmässig zu Bereinigungen, die die Form von Kredit- oder gar Finanzkrisen annehmen können. Jüngere Beispiele dafür sind die japanische Immobilienkrise ab 1990, die Südostasienkrise ab 1997, die spanische Immobilienkrise ab 2008 oder die vielen Problemkredite im Bereich Projektfinanzierung ab 2008 [2], die die Finanzkrise 20072009 verstärkt haben. Zinsdifferenzen haben also eine wichtige ökonomische Steuerungs­ funktion. Hohe Risikoaufschläge sollen schlechte Schuld­ner davon ab­ halten, immer weiter Kredite aufzunehmen. Wenn über Staatsinter­ vention die Zinsdifferenzen künstlich beeinflusst werden, führt das zu Kapitalfehllenkung. Schlechte Schuldner bekommen grosse Kredite, und eines Tages kommt die schmerzhafte Bereinigung. Je länger die falschen Zinsen die Kapitalströme falsch lenken, desto gravierender wird die Bereinigungskrise ausfallen.

Aushebelung der Marktmechanismen durch die Einführung des Euro Mit der Einführung des Euro 1998 bzw. 2002 hat genau eine solche systematische Staatsintervention in das Marktgeschehen stattgefunden, die die Zinsdifferenzen politisch beeinflusst und dafür gesorgt hat, dass die Kapitalströme seither in ökonomisch falsche Richtungen fliessen. Die Gesetze des Marktes lassen sich aber durch politischen Wil­ len nicht einfach aushebeln. Der Markt rächt sich. Konkret: Wenn 32

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


die Gläubiger eines Tages feststellen, dass sie ihre Kredite nicht mehr in voller Höhe zurückbekommen werden, dann kann es zu einer Fi­ nanzkrise kommen. Eine solche dürfte uns im Euroraum bevorstehen. Denn seit 20 Jahren entspricht die Zinsstruktur im Euroraum nicht mehr den ökonomischen Grundgesetzen. Seit 20 Jahren werden die Kapitalströme in die falsche Richtung gelenkt. Meiner Einschätzung nach ist der Euro rein ökonomisch betrachtet von Anfang an eine Fehlkonstruktion. Diese Fehlkonstruktion kann man vergleichen mit dem Bau einer Brücke, die auf falschen Berech­ nungen beruht. Sie wird eines Tages einstürzen.

Beispiel Italien Nehmen wir konkret als Beispiel Italien. Bereits bei der Einführung des Euro 1998 verstiess die Höhe der italienischen Staatsschulden ge­ gen die Maastricht-Kriterien. Erlaubt waren offiziell 60 Prozent vom BIP, Italien hatte aber bereits damals 114 Prozent [3]. Italien hätte also eigentlich gar nicht in den Euroraum aufgenommen werden dürfen. Aber die entscheidenden Politiker haben sich über diese Regel von Anfang an hinweg- und damit ökonomische Grundregeln ausser Kraft gesetzt. Nach gut 20 Jahren Euro betrugen die italienischen Staats­ schulden Ende 2021 150 Prozent vom BIP. Sie haben also um etwa 35 Prozentpunkte zu- statt abgenommen, obwohl sie schon bei der Ein­ führung zu hoch waren. Ohne die falschen Zinssignale, sprich ohne den Euro hätte Italien niemals so viele zusätzlichen Schulden zu solch niedrigen Zinsen auf­ nehmen können. Die Bremsfunktion hoher Zinsen wird seit Einfüh­ rung des Euro weitgehend ausgehebelt. Die Zinsen auf 10-jährige ita­ lienische Staatsanleihen waren von 2014 bis Anfang 2022 fast ständig niedriger als die Zinsen auf 10-jährige US-Staatsanleihen [4]. Das war eine ökonomische Absurdität ersten Ranges, eine groteske Marktver­ zerrung. Die USA haben mit AA+ eine ungleich bessere Bonität als Ita­ lien mit BBB [5]. Dass ein bonitätsmässig so viel schwächerer Kredit­ nehmer jahrelang niedrigere Zinsen zahlt als die USA, ist eine extreme, politisch bewirkte Marktverzerrung, die sich bitter rächen dürfte. Italien hat in etwa die gleiche Bonität wie Rumänien [6]. Die Zinsen auf 10-jährige rumänische Staatsanleihen waren in den letzten sieben Jahren meist um mehrere Prozentpunkte höher als die auf italienische ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

33


Die Protokolle der Weisen von Santa Monica Ein getürktes Dokument des US-Thinktanks Rand Corp. macht die deutschen Grünen zum Hauptinstrument der Zerstörung der europäischen Wirtschaft und verschleiert die Nutzniesser.

D

Von Christoph Pfluger

as Papier mit dem Titel «Weakening Germa­ ny, strengthening the U.S.» vom 25. Januar 2022 machte in letzter Zeit die Runde in ver­ schwörungsaffinen Kreisen. Es enthält allerdings zu viele Schreibfehler, die in einem Papier einer reputierten Orga­ nisation zuhanden höchster US-Regierungsstellen einfach nicht vorkommen dürfen. Zudem ist der Duktus der Spra­ che untypisch für einen Bericht der Rand Corp. aus Santa Monica, einer der weltweit einflussreichsten Thinktanks. Aber es enthält plausible Aussagen, die der aktuellen Krise einen Plan und eine Absicht unterstellen. Das ist nicht von der Hand zu weisen – Dinge geschehen ja nicht zufällig. Die Hauptaussage des Dokuments, das nur in fotografierter Form vorliegt, lautet folgendermassen: «Die Voraussetzung dafür, dass Deutschland in diese Falle tappen kann, ist die führende Rolle der grünen Parteien und Ideologie in Europa. Die deutschen Grünen sind eine stark dogmatische, wenn nicht gar eifrige Bewegung, was es recht einfach macht, sie dazu zu bringen, wirtschaftliche Argumente zu ignorieren. In dieser Hinsicht übertreffen die deutschen Grünen ihre Pendants im übrigen Europa. Persönliche Eigenschaften und die mangelnde Professionalität ihrer Führer – allen voran Annalena Baerbock und Robert Habeck – lassen vermuten, dass es für sie nahezu unmöglich ist, eigene Fehler rechtzeitig zuzugeben.» Man kann das «Original» auf dem Blog eines gewissen «2nd smartest guy in the world» nachlesen. Thomas Rö­ 40

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Es ist keine Kunst, heute eine Strategie zu entwickeln, mit Beobachtungen der letzten Monate anzureichern und sie als Prophezeiung rückzudatieren. per hat auf anti-spiegel.ru eine gute Zusammenfassung erstellt. Röper hält das Dokument allerdings für echt, was es aus meiner Sicht definitiv nicht ist. Inzwischen hat auch die Rand Corp. die Urheberschaft verneint. Was kann die Absicht sein, ein gefälschtes Papier mit hoher Plausibilität in Umlauf zu bringen? ■ Ist es ein schlauer, aber menschlich verwirrter Kopf, der unter falschem Absender ein bisschen Wahrheit in die Welt und sich damit ein anonymes Denkmal setzen will? ■ Oder sind es die Geheimdienste selber, die Verwir­ rung stiften und die Bewegung der Wahrheitssucher spalten wollen? Ich halte diese Variante für die wahr­ scheinlichere. Es gibt Autoren wie Laurent Guyénot, die sich seriös mit der Frage befasst haben, ob die Geheimdienste zur Verwirrung der kritischen Öf­ fentlichkeit nicht selber halbrichtige Fährten legen könnten und zum Schluss kommen, dass diese Wahr­ scheinlichkeit sehr hoch ist [1]. Was lässt sich daraus für das angebliche Papier aus dem Hause Rand ableiten? Der Bericht enthält eine Reihe nachvollziehbarer Überlegungen. Es ist ja auch keine Kunst, heute eine Strategie zu entwickeln, mit Be­ obachtungen der letzten Monate anzureichern und sie gewissermassen als Prophezeiung rückzudatieren. Aber das Dokument hat entscheidende Lücken. Die Rol­ le der Finanzmärkte und der Energiebörsen, wo zur Zeit horrende Gewinne erzielt werden, wird komplett ausge­ blendet. Sie sind die Hauptgewinner der Krise. Sie haben den Marktausschluss für russisches Erdgas schon lange ge­ ZEITPUNKT 170

Die Menschen übertreiben immer, wenn sie versuchen zu täuschen. Charles Dudley Warner (amerik. Journalist)

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

41


Keine Polarität – die neue wirtschaftliche Weltkarte Was das für kleinere und schwächere Von Marwan A. Salamah Länder bedeutet.

E

s ging schon immer um die Wirtschaft. Was nützt eine Hegemonie ohne wirtschaftlichen Ge­ winn? Das ist, als würde man eine Party veran­ stalten und niemand käme. Oder man zieht aus rein egoistischen oder ideologischen Gründen (auch bekannt als «gemeinsame Werte») in den Krieg. Noch schlimmer ist es, in den Krieg zu ziehen und mi­ litärisch zu gewinnen, dann aber festzustellen, dass die Kosten horrend hoch und die Nettoergebnisse mickrig oder negativ waren – ein Pyrrhussieg. Im Laufe der Geschichte haben alle Imperien und kriegführenden Nationen aus wirtschaftlichen Gründen expandiert. Mehr Land zur Bewirtschaftung und Ausbeutung, Reichtum und Ressourcen zum Plün­ dern und mehr Menschen zum Unterjochen, Besteuern oder Versklaven. Dies beginnt im antiken Mesopota­ mien und geht über die persischen, griechischen und römischen Reiche bis hin zum europäischen Kolonia­ lismus der letzten 500 Jahre. Noch heute ist es Kolonia­ lismus, auch wenn er so getarnt wird, dass er gutmütig und freundlich erscheint. Aber man täusche sich nicht, es ist Kolonialismus – wirtschaftlicher Neokolonialis­ mus! Die Heuchler präsentieren ihn jedoch als Ent­ wicklungshilfe, Wirtschaftshilfe, Modernisierung, De­ mokratie, Menschenrechte, moderne Werte und geben ihn vielleicht sogar als Verbesserung des «Glücksindex» aus. 44

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Heute ist der grösste Teil der «ausbeutbaren» Welt erobert und beherrscht. Was übrig bleibt, sind Russland und China sowie ein paar störrische oder arme Natio­ nen da und dort. Russland ist einfach zu gross und zu reich, um nicht begehrt zu werden, und es ist seit Jahr­ hunderten ein Ziel für direkte kriegerische Auseinan­ dersetzungen oder, etwas sanfter ausgedrückt, für ge­ opolitische Schachzüge. Um diese Begierde für die Öffentlichkeit zu besänftigen, wurden pseudo-intellek­ tuelle Doktrinen zu ihrer Rechtfertigung herangezo­ gen, darunter die jahrhundertealte Mackinder-Theorie vom «Kernland der Welt», die besagt, dass derjenige, der Russland und seine Umgebung kontrolliert, die Welt ZEITPUNKT 170

Die Herrschen­ den müssen bewacht wer­ den, nicht die Beherrschten. Friedrich ­Dürrenmatt

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

45


Die Heuchler präsentieren den Kolonialismus als Entwicklungshilfe, Modernisierung, Demokratie und geben ihn vielleicht sogar als Verbesserung des «Glücksindex» aus. kontrolliert. Was China betrifft, so muss man ihm aufgrund seines un­ erwarteten und spektakulären Aufstiegs an die Spitze des wirtschaft­ lichen Erfolgs nun die Flügel stutzen, um es wieder in den Kreis der Gehorsamen zu bringen. Keines der beherrschten Länder war oder ist mit seiner Lage zufrie­ den. Trotzdem sind sie nicht in der Lage, das Joch des Neokolonialis­ mus abzuschütteln. Sie sind zu schwach, stecken tief in unbezahlbaren staatlichen und sonstigen Schulden, sind von Sanktionen bedroht, die ihnen die Lebensgrundlage entziehen, und wenn alles scheitert, gibt es die harten Instrumente des Regimewechsels mit den damit einher­ gehenden blutigen Bürgerkriegen und/oder direkten Invasionen und Bombardierungen durch ihre Herren. Während des vorangegangenen Kalten Krieges, als es nur zwei Super­ mächte gab, versuchten die meisten kleineren und schwächeren Länder einen gefährlichen Drahtseilakt. Sie versuchten, eine Halbneutralität auf­ rechtzuerhalten und einen gleichen Abstand zu beiden Supermächten zu wahren. Aber das war äusserst schwierig, denn die Taktik der Hegemo­ nen mit Zuckerbrot und Peitsche war zu hart, um ihr zu widerstehen. Stattdessen entdeckten einige, dass sie ihre Kräfte bündeln konnten, nicht um ihre Unterdrücker zu bekämpfen, sondern einfach um nicht in deren Strudel gezogen zu werden. Dementsprechend gründeten sie 1961 die «Bewegung der Blockfreien», um der Bi-Polarisierung des Weltmachtgefüges die Stirn zu bieten. Die Blockfreien umfassten zu einem bestimmten Zeitpunkt 120 Mitgliedsstaaten und 20 Beobachter. Dies bedeutete, dass sich nur wenige Nationen freiwillig oder unfrei­ willig an eine der Supermächte anschlossen. Die Bewegung der Blockfreien hatte jedoch nie eine Chance, sich durchzusetzen. Heute ist sie nur noch ein Schatten dessen, was sie ein­ mal war, und ihre aktuellen Errungenschaften finden kaum noch Er­ wähnung. Sogar seine Geburtsstätte, Jugoslawien, ist zersplittert und verschwunden. 46

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Dann verschwand eine der Supermächte und es blieb nur noch eine. Aber das Problem blieb. Für die kleineren Nationen wurde es sogar noch schlimmer und willkürlicher. Die Wirtschaft und die Ressourcen des Rests der Welt wurden zum Angriffsziel erklärt – eine lange, aber gut dokumentierte Geschichte. Ich war der Meinung, dass die einzige Rettung für den «Rest der Welt» in einer Rückkehr zur Bewegung der Blockfreien besteht, und habe diese Meinung schon vor sechs Jahren geäussert. Heute stelle ich jedoch fest, dass sich die Dinge rasch ändern, obwohl die Grundprin­ zipien der Machtdynamik dieselben bleiben. Es könnte tatsächlich eine bessere Alternative geben, die die unipo­ laren, bipolaren und multipolaren Konstellationen übertrumpft. Das ist eine «nicht-polare» Welt. Die Geschichte der Menschheit kann als eine Reihe von tragischen Ereignissen betrachtet werden, bei denen jedes starke Land ein­ seitig beschloss, die Regeln festzulegen, die ihm am besten passten, und dann seine schwächeren Nachbarn zwang, ihnen zu folgen. Mit der Entwicklung von Technologie und Kommunikation waren diese starken Staaten in der Lage, schliesslich die ganze Welt zu erobern. Es gibt kein besseres Rezept für einen Krieg als dieses. Theoretisch wurden die Vereinten Nationen als Schiedsrichter für universelle Regeln gegründet, die als internationale Gesetze deklariert wurden. Durch Übereifer oder verborgene Motive wurden diese Ge­ setze und Regeln jedoch so weit ausgedehnt, dass sie extreme Details des menschlichen Lebens abdecken und die kulturelle Privatsphäre und Vielfalt vieler Nationen verletzen. Die Umsetzung dieser Gesetze ging jedoch viel schneller vonstatten als die Fähigkeit vieler Nationen, sie kulturell zu verarbeiten, geschweige denn ihre Auswirkungen zu verstehen. Daher blieb den meisten Ländern nichts anderes übrig, als Lippenbekenntnisse abzulegen und gleichzeitig ihre alten Praktiken weiterzuführen. Das Problem dabei ist, dass die meisten dieser Länder damit auto­ matisch gegen internationale Gesetze verstiessen und Gefahr liefen, in

Länder sind verschieden; deshalb besucht man sie als Tourist. Warum sollten wir die ganze Welt in Vanillegeschmack verwandeln wollen? ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

47


Machtkonzentration ist ein Krisenphänomen Selbstorganisation, Vernetzung und Kooperation sind die grössten Stärken der vielen gegen die Ermächtigung der wenigen. Von Milosz Matuschek

E

s ist ein unverkennbares Zeichen unserer Zeit, dass die Machtkonzentration zunimmt und sich zu Lasten des Bürgers immer mehr autoritäre Tendenzen bemerkbar machen: Diffamierung statt De­ batten, mehr Überwachung und Kontrolle, Eingriffe in körperliche Unversehrtheit und private Lebensführung, die Vereinigung von öffentlichen und privaten Agenden, Einheitsparteiendenken und die angebliche Alternativ­ losigkeit der aktuellen Politik. Diese Entwicklung ist nicht gänzlich neu, aber sie hat sich zuletzt verschärft. Für Deutschland hatte der Philosoph Karl Jaspers schon 1966 in seinem Buch «Wohin treibt die Bundesrepu­ blik?» ähnliche Probleme diagnostiziert. Jedes System hat seine Lebensdauer. Diese Erkenntnis hatte schon der antike Historiker Polybios. Er entwi­ ckelte eine Lehre vom Verfassungskreislauf. Alle Herr­

Auch Demokratien lassen sich von innen in totalitäre Gebilde umbauen, die nur noch der Fassade nach demokratisch sind. 50

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Auf dem Narrenschiff der Bürokratie muss nichts begründet werden; es genügt der Verweis auf unausweichliche Notwendigkeiten, alternativlose Pläne oder den wissenschaftlichen Konsens. schaftsformen entarten demnach irgendwann. Die Mo­ narchie wird zur Tyrannis. Die Aristokratie wird zur Oligarchie. Die Demokratie verwandelt sich in eine Pö­ belherrschaft. Danach fängt es wieder mit der Einzel­ herrschaft an. Aufstieg, Zenit, Abstieg, Degenerierung und dann das gleiche Spiel noch einmal. Wäre es nicht langsam an der Zeit, aus diesem Teufelskreis auszubre­ chen, für den letztlich immer der Bürger die Zeche zahlt? Machtkonzentration ist ein Krisenphänomen. Sie legt nahe, dass die alte Ordnung nicht mehr aus sich selbst heraus erhalten werden kann, sondern nur noch mit Zwang, Kontrolle und Gängelung. Die Digitalisie­ rung allein bringt genug an systemischer Sprengkraft, um den Mächtigen ein Dorn im Auge zu sein. Nennen wir nur zwei Elemente: freie Kommunikation und freies Geld. Es war der Buchdruck, der einst das Monopol von Staat und Kirche auf Verbreitung von Wissen aufbrach. Heute gibt es private Kommunikation auf sicheren Ka­ nälen, einen Schatz an verfügbarem Wissen im Internet, Bitcoin als unzensierbares Zahlungsmittel sowie Waf­ fen aus dem 3D-Drucker. Frei verfügbare Technologie in den Händen von vielen ist die wirksamste Macht­ zerteilungsmaschine, die es je gab. Da man technolo­ gische Revolutionen nicht mehr rückgängig machen kann, bleibt nur der Versuch, dem Menschen die Selbst­ ermächtigung auszureden oder sonst wie zu verleiden. Auch die Demokratie beschreibt eine Fortsetzung der Konstellation von Herr und Knecht, von Herrschenden und Beherrschten, das wusste schon Hannah Arendt. In den letzten zwei Jahren wurde dies besonders offensicht­ lich, als Politiker die Pflicht des Bürgers zum Gehorsam ZEITPUNKT 170

Die Konzen­ tration des Reichtums führt zu einer Konzentration der politischen Macht. Und die Konzentration der politischen Macht führt zu einer Gesetz­ gebung, die den Kreislauf verstärkt und beschleunigt. Noam Chomsky

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

51


Die Krim ist seit 1991 völkerrechtlich unabhängig Bevor der Ukrainer Nikita Chruschtschow die Krim 1954 als Parteichef der KPdSU der Ukraine zuschlug, war die Halbinsel bereits eine Autonome Sowjetrepublik. 1991 hielt die Krim das erste Referendum über die Autonomie in der UdSSR ab und trennte sich von der Ukraine. Mehr zu den vergessenen von Jacques Baud Hintergründen eines langen Konflikts

I

m Februar 2022 verwies Volodymyr Selensky auf dem Münchner Sicherheitsforum auf das Buda­ pester Memorandum von 1994 und drohte damit, wieder eine Atommacht zu werden. Es ist jedoch un­ wahrscheinlich, dass die Ukraine wieder zu einer Atom­ macht wird, und die bestehenden Nuklearmächte wer­ den dies auch nicht zulassen. Selensky und Putin wissen das. Tatsächlich benutzt Selensky dieses Memorandum nicht, um Atomwaffen zu bekommen, sondern um die Krim zurückzubekommen, da die Ukrainer die Anne­ xion der Krim durch Russland als Verstoss gegen die­ sen Vertrag betrachten. Im Grunde genommen versucht Selensky, die westlichen Länder als Geiseln zu nehmen. Um das zu verstehen, müssen wir auf Ereignisse und Fakten zurückgreifen, die von unseren Historikern op­ portunistisch «vergessen» werden. Vor der Unabhängigkeit der Ukraine, am 20. Janu­ ar 1991, wurden die Einwohner der Krim aufgefor­ dert, in einem Referendum zwischen zwei Optionen zu wählen: bei Kiew zu bleiben oder zur Situation vor 1954 zurückzukehren und von Moskau verwaltet zu werden. Die Frage, die auf dem Stimmzettel stand, lautete:

54

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Sind Sie für die Wiederherstellung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik Krim als Subjekt der Sowjetunion und Mitglied des Unionsvertrags? Dies war das erste Referendum über Autonomie in der UdSSR, und 93,6 Prozent der Bewohner der Krim stimmten für den Anschluss an Moskau. Die 1945 abge­ schaffte Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Krim (ASSR Krim) wurde somit am 12. Februar 1991 durch den Obersten Sowjet der Ukrainischen SSR wiederher­ gestellt. Am 17. März organisierte Moskau ein Referen­ dum über den Verbleib in der Sowjetunion, das von der Ukraine angenommen wurde, wodurch die Entschei­ dung der Bewohner der Krim indirekt bestätigt wurde. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Krim unter der Kontrolle Moskaus und nicht Kiews, während die Uk­ raine noch nicht unabhängig war. Als die Ukraine ihr eigenes Unabhängigkeitsreferendum organisierte, blieb die Beteiligung der Krimbewohner gering, da sie sich nicht mehr betroffen fühlten. Die Ukraine wurde sechs Monate nach der Krim unabhängig, nachdem diese am 4. September ihre Souveränität proklamiert hatte. Am 26. Februar 1992 rief das Parlament der Krim mit Zustimmung der ukrainischen Regierung die «Republik Krim» aus und ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

55


verlieh ihr den Status einer selbstverwalteten Republik. Am 5. Mai 1992 erklärte die Krim ihre Unabhängigkeit und gab sich eine Verfassung. Ähnlich erging es der Stadt Sewastopol, die im kommunistischen System direkt von Moskau verwaltet wurde und 1991 ausserhalb jeder Legalität von der Ukraine eingegliedert wurde. Die folgenden Jahre waren geprägt von einem Tauziehen zwischen Simferopol und Kiew, das die Krim unter seiner Kontrolle behalten wollte. Mit der Unterzeichnung des Budapester Memo­ randums gab die Ukraine 1994 die auf ihrem Territorium verbliebenen Atomwaffen der ehemaligen UdSSR im Gegenzug für «ihre Sicherheit, Unabhängigkeit und territoriale Integrität» ab. Zu diesem Zeitpunkt vertrat die Krim die Auffassung, dass sie de jure nicht mehr zur Ukraine gehöre und daher von diesem Vertrag nicht betroffen sei. Die Regierung in Kiew ihrerseits fühlte sich durch das Memorandum gestärkt. Deshalb setzte sie am 17. März 1995 die Verfassung der Krim gewaltsam ausser Kraft. Sie entsandte ihre Spezialeinheiten, um Juri Mechkow, den Präsidenten der Krim, zu stürzen und die Republik Krim de facto zu annektieren, was zu Demonstrationen der Bevölkerung für den Anschluss der Krim an Russland führte, ein Ereignis, über das in den westlichen Medien kaum berichtet wurde. Grossmütter auf der Krim jubelten vor der Kamera, als sie erzähl­ ten, sie hätten ihr ganzes Leben davon geträumt, in Russland zu sterben. Jetzt wird ihr Traum langsam wahr. Andrey Kurkov (ukrainischer Schriftsteller) 56

Die Krim wurde daraufhin autoritär durch Prä­si­­­dial­ dekrete aus Kiew regiert. Diese Situation veranlasste das Parlament der Krim, im Oktober 1995 eine neue Verfassung zu formulieren, mit der die Autonome Re­ publik Krim wiedererrichtet wurde. Diese neue Verfas­ sung wurde vom Parlament der Krim am 21. Oktober 1998 ratifiziert und vom ukrainischen Parlament am 23. Dezember 1998 bestätigt. Diese Ereignisse und die Bedenken der russischsprachigen Minderheit führten am 31. Mai 1997 zum Abschluss eines Freundschafts­ vertrags zwischen der Ukraine und Russland [1]. In diesem Vertrag nahm die Ukraine den Grundsatz der Unverletzlichkeit der Grenzen auf und garantierte im

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Welche Medien für den Frieden?

Photo: terra tv

Internationale Tagung, Solothurn, 15./16. Oktober 2022 Medien spielen eine entscheidende Rolle in den aktuellen Kriegen. Die Tagung thematisiert Desinformation durch Konzernmedien im Dienst der Wirtschaftseliten gegen Länder, die sich gegen die Aussenpolitik der Regierungen des globalen Nordens und die Hegemonieansprüche der NATO stellen. Sie zeigt, wie Medienterrorismus funktioniert und konzernunabhängige, gemeinschaftsbasierte Medien im Dienst der Menschen und des Friedens geschaffen werden können. Programm: Samstag, 15. Oktober, 13h30-17h30: Welche Medien in wessen Interesse? • Alan MacLeod (MintPressNews, GB) • Christian Müller (globalbridge, CH); Medienpropaganda gegen Kuba, Venezuela, Nicaragua: • Maurice Lemoine (Mémoire des luttes, Frankreich) • André Scheer (junge Welt, BRD) Rahmenprogramm Samstag 19-22h Nostalgikerinnen der Zukunft Film, 100 Min., terra tv, Venezuela Spanisch mit Untertiteln, mit Diskussion

Sonntag, 16. Oktober, : Rolle der Medien in bewaffneten ­Konflikten (11-13h): • Gabriel Galice (Präsident der GIPRI) • Gilles-Emmanuel Jacquet (Analyst beim GIPRI) • Karin Leukefeld (Nahostkorrespondentin) • Jacques Baud (ehem. Nachrichtenoffizier) Gemeinschaftsmedien für den Frieden (1416h): • Lisa Daniell (Women's Press Collective, USA) • Thierry Deronne (terra tv, Venezuela)

Ort: Genossenschaft Kreuz, Kreuzgasse 4, Solothurn Eintritt frei /Kollekte. Mit Übersetzung. Anmeldung: eepurl.com/h-1urT Info: +41 32 517 81 81, konferenzmediensolothurn@gmail.com

ZEITPUNKT 170

Schweiz. Friedensbewegung

Vereinigung Schweiz-Cuba Association Suisse-Cuba

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

59


Eine Plattform für gestrandete Linke Das Netzwerk «linksbündig» kritisiert die CoronaMassnahmen aus explizit linker Perspektive. Ihre Mitglieder – die zum Teil anonym bleiben – mussten deshalb schon viel Kritik einstecken. Von Nicole Maron

I

m Vordergrund von «Linksbündig» steht das Anlie­ gen, die Vorgänge der letzten zwei Jahren politisch und gesellschaftlich zu analysieren. Damit wird der Vor­ wurf entkräftet, die Massnahmengegner seien grössten­ teils rechts orientiert. «linksbündig» wirft vielmehr den linken Parteien vor, nur noch zu moralisieren, anstatt sich für Meinungsvielfalt und Debatte einzusetzen. «In den vergangenen zwei Jahren konnte man sich nur wundern, mit welcher Selbstverständlichkeit der Grossteil der Linken die rigorosen staatlichen CoronaMassnahmen unterstützte. Wer berechtigte Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Massnahmen äusserte, wurde kurzerhand in die rechte Ecke gestellt.» Die Mitglieder des links-feministischen Netzwerks «Linksbündig» ha­ ben sich mit dem Anliegen zusammengefunden, all je­ nen Linken eine Plattform und Öffentlichkeit zu bieten, die Zweifel an der staatlichen Corona-Politik haben und diese aus einer explizit linken Perspektive hinterfragen. «Wir haben schon vor der Pandemie die Sparmass­ nahmen im Gesundheitsbereich kritisiert und darauf hingewiesen, dass diese früher oder später zu einer Ka­ tastrophe führen werden», sagt Mitgründerin Tove Soiland, Historikerin und Feministin. «Das hat sich in der Covid-Krise bestätigt.» Natürlich könne Covid ge­ fährlich sein. Doch die drastischen Massnahmen, die 62

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Regierungen weltweit ergriffen haben, wären nicht nö­ tig gewesen, wenn das System nicht seit Jahren kaputt­ gespart und eine gezielte Personalschrumpfung voran­ getrieben worden wäre. «Die meisten Linken haben sich vorbehaltlos hinter den Staat gestellt», sagt Soiland. «Wer die Mass­ nahmen hinterfragte, wurde als moralisch schlechter Mensch hingestellt. Dabei machten wir geltend, dass die Bevölkerung den Preis für eine vollkommen verfehlte Gesundheitssparpolitik zu zahlen hat. Es hätte andere und unseres Erachtens wirkungsvollere Massnahmen als zum Beispiel Lockdowns gegeben. Warum sollten die Schäden der Massnahmen für die Linke so gar kein Thema sein? Es war doch immer eine wichtige Aufgabe der Linken, für die Pluralität der Meinung und die De­ batte einzutreten.» Das Moralisieren sei an Stelle der gesellschaftspoli­ tischen Analyse getreten, kritisiert Soiland. Und genau das will man bei «Linksbündig» aufarbeiten. Das Netz­ werk wurde anfangs 2022 gegründet und erarbeitete

«Warum sollten die Schäden der Massnahmen für die Linke so gar kein Thema sein?» ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

63


König Charles der Letzte Als Promotor des Great Reset wird der neue britische Monarch entweder vom World Economic Forum zum Vizekönig degradiert oder von den kommenden politischen Erdbeben verschlungen. Von Christoph Pfluger

Die Monar­ chie ist sehr nützlich. Wenn Gross­ britannien eine Schlacht ge­ winnt, ruft es «God save the Queen»; wenn es verliert, wird der Pre­ mierminister abgewählt. Winston ­Churchill 66

Was ist eigentlich heute Sinn und Zweck von Monarchien? Blenden wir die enormen Reichtümer und mate­ riellen Privilegien einmal aus, über die viele Königshäu­ ser noch verfügen und die sie mindestens zum Teil bei der Abschaffung der Monarchie verlieren würden. Wenn sie tatsächlich nützlich sind, leisten sie den selbstherrlichen Regierungen einen gewissen Wider­ stand. Diese müssten eigentlich den Willen des Volkes umsetzen, tun dies aber längst nicht mehr. Die Queen, von fast allen geliebt, wirkte wie eine zweite Stimme des Volkes. Hätte sie ihren Premierministern nicht in die­ sem Sinne zugeflüstert, wäre das Haus Windsor an sei­ nen inneren Konflikten zerbrochen und die Monarchie in der Bedeutungslosigkeit versunken. In der Königin hatten die Briten eine geheime Fürsprecherin, einen in­ formellen Zugang zur abgehobenen Regierung. Darum war sie so populär. Charles steht jetzt vor einer grossen Prüfung, die er aller Voraussicht nach nicht bestehen wird. Grossbri­ tannien als neoliberalstes Land Europas ist von der ge­ genwärtigen Multikrise am stärksten betroffen. Keine Regierung hat im Krieg gegen Russland den Mund der­ art voll genommen, wie der Ex-Premier Boris Johnson und seine Aussenministerin Liz Truss, die jetzt seine Nachfolge angetreten hat.

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


König King Charles bei seiner ersten Thronrede. (Screenshot ZDF/ BBC, bearbeitet)

Keine Bevölkerung leidet stärker unter den gestie­ genen Energiepreisen als die britische. Aber anstatt die horrenden Gewinne der Energiekonzerne und der Spekulanten an den Energiebörsen zu beschränken oder abzuschöpfen, hat Liz Truss mit Steuergeld ein Hilfspaket im Umfang von ungeheuerlichen 150 Mrd. Pfund geschnürt – der genaue Betrag ist abhängig von der Energiepreisentwicklung –, mit dem die Konsu­ menten subventioniert und die Gewinne der Konzerne geschützt werden. Die Dimension dieses Betrags erschliesst sich aus einem Vergleich mit der westlichen Unterstützung des Ukraine-Kriegs von rund 70 Mrd. Dollar (Statista) oder mit dem russischen Verteidigungsbudget von knapp 62 Mrd. Dollar (2020, Weltbank, vermutlich unterschätzt). Dank dieses Tricks werden die Briten erst später bemerken, dass sie es sind, die die Spekulationsgewinne bezahlen und für den Schaden der Sanktionspolitik aufkommen. Aber der Graben zwischen Regierung

In der Königin hatten die Briten eine geheime Fürsprecherin, einen informellen Zugang zur abgehobenen Regierung. Darum war sie so populär. ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

67


Was ist aus uns geworden?

Die Spuren der Pandemie

Foto: shutterstock.com

72

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


«Die neue Gretchen-Frage» Daniel Stricker und sein Kanal StrickerTV wurden von den Einen gefeiert, den Andern beleidigt. Wie geht es dem 52-Jährigen heute? Bei mir hat sich sehr viel verän­ dert. Allerdings ist das nicht unbe­ dingt aussergewöhnlich. Ich habe in meinem Leben bereits sehr viele Dinge gemacht. Ich hatte eine Im­ mobilienfirma, Pizzakuriere und Videotheken, und war Zeremoni­ enmeister für nicht-religiöse Trau­ ungen. Auch meine Affinität zu Me­ dien ist nicht neu. Mit dem Erfolg von StrickerTV und der immer grös­ ser werdenden Reichweite kam aller­ dings eine Art Verpflichtungsgefühl, dranzubleiben. Ich sah, dass das Echo und die Notwendigkeit einer alternativen Berichterstattung gross war. Ich bekam sehr viel Zuspruch, natürlich auch Diffamierungen und Drohungen. Ich habe diese aller­ dings nie wirklich ernst genommen. Innerhalb meiner Familie und meines engen Freundeskreises hat­ te ich das Glück, dass niemand voll­ kommen mit mir kollidiert ist. Es waren nicht alle zu hundert Prozent mit mir einverstanden, aber es kam zu keiner Eskalation.

keine Eier haben. Das ist eine grosse Enttäuschung. Langfristig ist diese Erkenntnis sicher gut und macht ei­ nen auch stärker. «Wie hattest du es mit Corona?» wird die neue Gretchen-Frage sein. Der Zustand der Individuen, die un­ sere Gesellschaft ausmachen, ist für mich besorgniserregend, denn nur wenige haben hinterfragt, was uns von Medien und Politik als die ein­ zige Wahrheit serviert wurde. Des­ halb ist die Kernaufgabe von Stri­ ckerTV auch Medienkritik. . www.stricker.tv

Insgesamt geht es mir nach der Coronakrise «schlechter», weil ich ge­ merkt habe, dass 90 Prozent der Menschen kein Hirn, kein Herz oder

Dieser Text und die folgenden stammen aus der Serie «Was ist aus uns geworden» mit Einsichten und Erkenntnissen von Menschen zur Coronakrise. Die ganze Serie in ungekürzter Länge finden Sie auf zeitpunkt.ch

90 Prozent der Menschen haben kein Hirn, kein Herz oder keine Eier. ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

73


«Ich lernte viel über mich selbst » Celine Kaiser ist Mitinitiantin des Vereins Familientaskforce und hat zusammen mit Eltern beim Bundesgericht Beschwerde gegen die Maskenpflicht an den Schulen im Kanton Bern eingereicht.

Ich geniesse mein Leben und mei­ ne Familie noch mehr als zuvor. We­ der lasse ich mir meine Freiheit neh­ men, noch kann mich das System negativ beeinflussen. Ich bleibe in der Ruhe, was mich zu kreativen Lö­ sungsansätzen bringt; es gibt immer und für alles eine Lösung. Ich habe auch viele Ängste überwunden. Die herrschende Ungerechtigkeit ist allerdings nicht leicht zu ertragen. Wird jemand ungerecht behandelt, leide ich mit. Das System macht viele Menschen zu Sklaven. Anfangs war ich enttäuscht von den Familienmitgliedern und

Freunden, die alles mitmachten. Ich versuchte, sie aufzuklären und war erstaunt, dass nur eine Minderheit begriffen hatte, was da vor sich ging. Dann gab es noch jene, die es zwar verstanden haben, aber trotzdem mitmachten. Meine Verzweiflung war gross, ich fühlte mich macht­ los und missverstanden. Es war, als würde ich mich auflösen. Ich muss­ te etwas Abstand gewinnen. Da­ bei lernte ich viel über mich selbst und erkannte, wann und wo ich ge­ triggert werde. Ich habe gelernt, zu verzeihen. Die Entscheidung, ob sie eine Maske tragen wollen, habe ich den Kindern selbst überlassen. Sie haben sich dagegen entschieden, und ich habe sie immer beschützt. Wir hal­ ten als Familie zusammen. Auch wenn viele Menschen an das Narrativ glauben, ich hege kei­ nen Groll. Angst vor der Zukunft habe ich nicht; es geht immer irgend­ wie weiter. Ich kämpfe weiterhin ge­ gen die Ungerechtigkeit. Die Wahr­ heit wird siegen und die Liebe ist die stärkste Kraft.

Die Wahrheit wird siegen und die Liebe ist die stärkste Kraft. 74

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


«Es mag paradox klingen, aber Corona hat mir nicht geschadet» Roman Schnyder ist Veränderungscoach. Sich selbst treu zu bleiben, hat ihn durch die Coronazeit geführt. Es mag paradox klingen, aber Coro­ na hat mir definitiv nicht geschadet – im Gegenteil! Als Persönlichkeitsund Veränderungscoach ist es für mich ein Privileg, Menschen zu be­ gleiten, die mit ihrem Leben oder ih­ rer Beziehung unzufrieden sind. Seit Corona und den aktuellen Er­ eignissen nimmt die Verunsiche­ rung ständig zu. Deshalb sind im­ mer mehr Menschen auf der Suche nach Sinnhaftigkeit und Nachhal­ tigkeit. Dafür möchten sie neue und teils auch alternative Wege gehen. Auch wenn ich zwischendurch ein zweimonatiges Tief durch­ lebte – geplagt von Ängsten bezüg­ lich Gesundheit, Existenz und Be­ ziehungsverlusten – so komme ich doch gestärkt aus diesen zwei Jahren heraus. Ich habe das Gefühl, dass ich au­ thentischer und zielgerichteter durchs Leben gehe. Für wichtige Dinge im Leben wende ich heute lie­ ber mehr Zeit auf.. Es haben sich ganz neue Freundesund Bekanntenkreise entwickelt, die ohne Corona so nie zustande ge­ kommen wären. Es gibt also auch in

solchen Krisenzeiten sehr viel Posi­ tives. Zudem hat sich in dieser Zeit auch die «Spreu vom Weizen» ge­ trennt. Nahe Freunde sind teilwei­ se nur noch flüchtige Bekannte. Auf der anderen Seite sind Beziehungen wieder inniger geworden, die vorher eher sporadisch waren. Viele Menschen haben verlernt, sich selbst zu vertrauen. Viel lie­ ber lassen sie über sich bestimmen, als für sich einzustehen. Ich wün­ sche mir deshalb, dass die Menschen wieder Verantwortung für sich selbst und ihr Leben übernehmen. deinpotenzial.info

Mehr Menschen sind auf der Suche nach Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit. ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

75


Wie uns in der Pandemie die Realität abhanden kam Von Swiss Policy Research

W

ährend der Pandemie scheinen viele, wahr­ scheinlich mehr als 95 Prozent der Westbe­ völkerung, irgendwann den Bezug zur Rea­ lität verloren zu haben. Das gilt natürlich auch für Menschen, die sich an die of­ fiziellen Erklärungen und Richtlinien hielten. Diese Un­ glücklichen wurden von Anfang bis Ende in die Irre ge­ führt: über die Herkunft der Coronaviren («Tiermarkt»), über die Letalität der Coronaviren in der Allgemeinbe­ völkerung (100-fache Überschätzung), über Lockdowns («zwei Wochen, um die Kurve abzuflachen»), über Ge­ sichtsmasken («80 Prozent weniger Infektionen»), über Schulen und Kinder («Treiber der Pandemie»), zu Mas­ sentests («testen», «testen», «testen»), zum Impfschutz («vollständig geimpft»), zu Impfstoff-Nebenwirkungen (Herzmuskelentzündung, Schlaganfall und mehr), zu Impfpässen («der einzige Ausweg aus der Pandemie»), zur Covid-Behandlung (Beatmungsgeräte, Remdesivir, Paxlovid) und zu einigen anderen Themen. Der Realitätsverlust betrifft aber auch viele CovidSkeptiker. Es gab eine ganze Reihe von Skeptikern, die

Sowohl die Pandemie selbst als auch die politische und mediale Reaktion schufen enorme medizinische, wirtschaftliche und soziale Ängste, die eine rationale Analyse erschwerten. 78

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Foto: shutterstock.com

die Existenz von SARS-CoV-2 leugneten oder nicht glaubten, dass es sich um ein neuartiges Virus handelte, oder dachten, es sei einfach eine Neuauflage der Grip­ pe; oder die leugneten, dass es eine Pandemie und eine überhöhte Sterblichkeit gab, oder die leugneten, dass der Impfstoff vor schwerer Krankheit und Tod schützt, oder die leugneten, dass es «long Covid» gibt, oder die die Nebenwirkungen des Impfstoffs stark übertrieben («globale Entvölkerung»), oder die die Vorteile einer frühen Behandlung übertrieben darstellten, oder die an einige andere seltsame Ideen glaubten (z.B. 5G-Strah­ lung verursacht Covid). Es gab auch einige Leute, die «Zentristen» sein wollten – eine politische und keine wissenschaftliche Position –, was in der Praxis bedeutete, dass sie die Hypothese von den Laborlecks als «Verschwörungstheorie» bezeich­ neten, die sehr realen Probleme der Impfstoffsicherheit weitgehend ignorierten und den Druck für «Impfpässe» nicht in Frage stellten. Wie kam es zu diesem weit verbreiteten Realitätsverlust? Hier könnten mehrere Faktoren eine Rolle gespielt haben: ■ Abstrakter Charakter einer Pandemie: Im Ge­ gensatz zu anderen Naturkatastrophen ist eine Vi­ ruspandemie ein eher abstraktes und «unsichtbares» Thema, und wichtige Aspekte sind auch heute noch ungeklärt. ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

79


Man gebe mir eine Waffe! Schneckenkrieg einer Pazifistin

Von Mirjam Rigamonti

I

m Grunde war ich schon immer Pazifistin und total tierliebend. Doch wenns um Schnecken, Stechmü­ cken oder Ameiseninvasionen geht, kommen mir ernstzunehmende Zweifel auf. In meinem Psychologiestudium befassten wir uns mit den sozialen Experimenten von Milgram, die in er­ schreckender Weise aufzeigten, wie weit selbst unauf­ fällige Menschen gehen, wenn Autoritäten zu Gewalt­ handlungen auffordern. Damals war ich überzeugt, dass mir so etwas nie geschehen würde! Doch ist dem wirklich so? Als Hobbygärtnerin mit nicht sehr grünem Daumen freue ich mich immer über jedes gelungene essbare und pestizidfreie Pflänzchen. Diese seltenen und wertvollen Erfolge will ich natürlich nicht mit gefrässigen Schne­ cken teilen. Denn leider begnügen sie sich nicht mit einem einzigen Pflänzchen, sondern hinterlassen über­ all ihre Fressspuren. Ich versuchte vieles: erst gewaltlos, mit Schnecken­a­ blesen. Schön und gut, doch wohin mit der Beute? Ob Hühner wohl auch Schnecken fressen? Der Bauer gegen­ über wusste es nicht, riet mir aber, es einfach zu ver­ suchen. Also leerte ich meine Kilo-Konservenbüchse Schnecken mitten auf dem Boden des Hühnerhofs aus und wartete ab, was geschehen würde. Die Hühner ka­ 86

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Foto: Justin Lauria / unsplash.com

men dann auch, begutachteten neugierig den Schne­ ckenberg, um sich dann jedoch degoutiert abzuwenden. Zerknirscht liessen der Bauer und ich am Abend die Schimpf- und Lachtirade der Bäuerin über uns erge­ hen. Meine nächsten Fänge setzte ich dann irgendwo in der Wildnis aus. Welche Sisyphusarbeit! Mir schien, als würden sich die Schnecken schneller vermehren, als ich sie ablesen konnte. Dann versuchte ich es halt auf die gemeine Art, mit Bierfallen. Es klappte wunderbar und die Schnecken starben, wie ich hoffte, narkotisiert und heiter gestimmt. Allerdings waren die stinkenden Überreste derart abstos­ send, dass ich auch dieses Experiment wieder verwarf. Auch meine Versuche mit Lockpflanzen oder Barrie­ ren aus Kaffeesatz, Eierschalen oder Schneckenzäunen brachten leider keinen Erfolg. Vermutlich handelt es sich bei meinen Schnecken um ausgehungerte, sport­ liche Renn- und Kletterschnecken, die durch nichts aufzuhalten sind. Resigniert, wütend und voller Widerwillen griff ich schliesslich zu chemischen Waffen und streute Schne­

Ich versuchte vieles: erst gewaltlos, mit Schnecken­­­ a­blesen. Schön und gut, doch wohin mit der Beute? ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

87


Verwurstete Wissenschaft

Was eine Scheibe Chorizo über die Wissenschaft verrät Von Konstantin Demeter

P

roxima Centauri ist der sonnennächste Stern, 4,2 Lichtjahre von uns entfernt. Ende Juli veröf­ fentlichte der Physiker und Direktor der fran­ zösischen Kommission für alternative Energien und Atomenergie, Étienne Klein, auf Twitter angeblich ein Bild davon. Es sei vom James-Webb-Weltraumteleskop aufgenommen worden, teilte er mit. Das neue Teleskop hatte am 12. Juli offiziell den wissenschaftlichen Be­ trieb aufgenommen. Der Beitrag wurde von Tausenden von Nutzern geteilt und gelobt. Einer pries den «Detail­ reichtum» an. «Jeden Tag wird eine neue Welt enthüllt», fügte er an. Dumm nur, dass es in diesem Fall nicht eine neue Welt war. Es handelte sich vielmehr um die Aufnahme einer Wurst, genauer: einer Scheibe Chorizo. Klein entschul­ digte sich dafür und erklärte, er habe mit diesem Scherz darauf aufmerksam machen wollen, dass man sich «vor den Argumenten von Autoritätspersonen» ebenso in Acht nehmen sollte wie vor der «spontanen Eloquenz bestimmter Bilder». Weil das viele Menschen nicht tun, war die Wurst zumindest um die Welt gegangen, wenn auch nicht ins Weltall.

Zwei Prozent aller wissenschaftlichen Arbeiten müssten aufgrund von Bildfälschungen zurückgezogen werden. 94

Einzelnummer Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Ferne Welt: Vom Bild einerScheibe Chorizo behauptete der renommierte französische Physiker Étienne Klein, es sei ein Foto von Proxima Centauri mit dem neuen James-WebbTeleskop. Ihmwurde geglaubt.

Autoritäten in Frage zu stellen und Fehler zu erkennen ist schwieriger, wenn es sich nicht um einen Scherz handelt, sondern um Betrug – sogar für Wissenschaft­ ler. So stellte sich zum Beispiel heraus, dass die Bilder einer führenden Alzheimer-Studie möglicherweise ma­ nipuliert wurden. Allein in der biomedizinischen Forschung seien im Jahr 2017 schätzungsweise 2 Milliarden Dollar durch Ar­ beiten verloren gegangen, die aufgrund von gefälschten Bildern zurückgezogen wurden, schreibt der Wissen­ schaftsjournalist Vishwam Sankaran in The Next Web. Jetzt würden sich immer mehr Forscher der künstlichen Intelligenz zuwenden, um betrügerische Wissenschaftler zu ertappen und «hoffentlich dieses jahrzehntealte Pro­ blem lösen». Die Plage der Bildfälschung in akademischen Forschungsarbeiten ist verbreitet, schreibt Sankaran. So untersuchte zum Beispiel eine Arbeit aus Stanford 20’000 Studien und kam zum Schluss, dass etwa zwei Prozent aller Arbeiten aufgrund von Bildfälschungen zurückgezogen werden sollten. Das Problem betrifft je­ doch nicht nur die Bilder, sondern auch die Texte der ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

95


ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

101


Wo gibt es denn schon den geheimnisvollen, wunderschönen, einsamen, draufgängerischen und dennoch schüchternen Eroberer, der alle stehen lässt und mich wählt? Zuerst, als Mädchen, waren meine Ansprüche zu hoch: Wo gibt es denn schon den geheimnisvollen, wunder­ schönen, einsamen, draufgängerischen und dennoch schüchternen Eroberer, der alle stehen lässt und mich wählt? Später war meine «wahllose Promiskuität», wie man das so nennt, mein Protest gegen jede festgefahrene Sofagarnitur-Langeweile, gegen alle Versuche, mich zu zähmen und in einer vorhersehbaren Laufbahn einzu­ richten. Ich sah die Streitigkeiten in Liebesbeziehungen, die Lügen, das Schweigen, die gegenseitige Verachtung und Abhängigkeit, die Resignation – und ich wusste, dass ich das nicht will. Ich schlich nachts aus dem Stu­ dentenwohnheim, zog durch Strassen und Bars, liess mich abschleppen. Dabei habe ich einige wirklich üble Dinge erlebt, die niemand nachmachen muss. Nach ei­ nigen Jahren hatte ich genug von Liebe und Sex. Erst­ mal. Dann entdeckte ich die Kultur der freien Liebe: Verbindlichkeit, Intimität und Freiheit schliessen sich nicht aus. Im Rahmen der Gemeinschaften, in denen ich lebte, erlebte ich Vertrauen und Lust, hatte wunderbare Geliebte, Begegnungen, erotische Feste und Abenteuer. Wir nannten es Biotope der Liebe: ein Geflecht aus offenen Beziehungen und erotischen Freundschaften, verbunden in einer Gemeinschaft mit denselben Werten. Konsumhaltung war ebenso verpönt wie gegenseitiges Besitzdenken. Wir betrügen uns nicht, wir beziehen die anderen Beziehungen der Geliebten mit ein. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit. Ich durfte als «freie Frau» offen in jede neue Situation gehen und mich an kein Versprechen gebunden fühlen: Alles ist möglich. 102 Einzelnummer

Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Ich kann jeder Anziehung ehrlich folgen, kann sein, wer ich bin – auch sexuell – und muss mich nirgendwo verstellen. Warum will ich das verändern? Weil ich gemerkt habe, dass es doch nicht alles ist. Eine Sehnsucht hat bei alldem weiter an meine Tür geklopft: Da gab es immer noch eine Schwelle. Etwas war bei allem unerfüllt geblieben: Nähe, Intimität, Verbindlichkeit, sich wirklich auf jemanden verlassen können. Den grossen seelischen Innenraum, den ich erlebe, wenn ich allein in der Natur oder auf Reisen bin, mit jemandem teilen. Durch Liebe unsere beiden Welt-Innenräume erkunden – und gemeinsam die Welt lieben. Und so lernte ich nach einer längeren Sex-Pause einen Mann kennen, der mit mir tiefer gehen wollte. Erstaunlich, wie sehr er mich wollte, und es gab auf einmal kein Argument mehr dagegen. Ich hätte ihn mir auf den ersten Blick nicht ausgesucht, aber da war er, die Antwort meiner Sehnsucht. Und wenn ich jetzt nicht Ja sage, dann gibt es keinen Gott und kein Schicksal und keine schlimmen Kindheitserfahrungen, die ich für mein Versäumnis verantwortlich machen kann. Also sagte ich Ja, mit allen Konsequenzen. Wechselte meinen Wohnort, meine Lebenskultur – und bald sogar meinen Namen. Noch vier Wochen und ein Tag. Wie und wann haben wir das beschlossen? Auf einer Party: Nach unserem er­ sten richtigen Streit war er gegangen. Der Morgen graute bereits. Was würde geschehen, wenn er zurückkommt? Ich ging alle Möglichkeiten in mir durch: War das das Ende unserer Beziehung? Will ich wieder auf die freie Wildbahn? Spass mit vielen haben? Langsam auch eher in spirituelle Gefilde gehen und Liebe und Sex für die­

Etwas war bei allem unerfüllt geblieben: Nähe, Intimität, Verbindlichkeit, sich wirklich auf jemanden verlassen können. ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

103


Im ersten Ehejahr strebt ein Mann die Vorherrschaft an. Im zweiten kämpft er um die Gleichbe­ rechtigung. Ab dem dritten ringt er um die nackte Exis­ tenz. George Bernard Shaw

ses Leben hinter mir lassen? Oder einen anderen finden, mit dem ich noch einmal von vorne beginne? Dann war er wieder da, ich sah ihn und wusste, was ich wollte. Und überraschte ihn und mich selbst mit einer lauten Liebeserklärung, die jeder im Raum hören durfte: «Ich liebe dich. Du bist der Mann, für den ich jeden Stein im Inneren umdrehen will und alles durchlaufen und verändern will, was gegen die Liebe steht. Du bist der Mann, für den ich alles aus dem Weg räumen will, was meine Selbstliebe verhindert, denn nur von dort aus kann ich dich adäquat lieben. Ich will mit dir durchs Leben gehen als Mann und Frau und alles aufheben, was uns trennt.» Es wurde still im Raum. Ich hörte mich sprechen, staunte selbst über meinen Pathos, aber blieb dabei, je­ des Wort war wahr. Jemand fragte meinen Geliebten: «Und? Was antwortest du?» Er machte eine winzige Pau­ se und sagte dann: «Warum noch lange nachdenken, ich kenne das Ergebnis sowieso. Lass uns heiraten.» Das war jetzt wiederum für mich überraschend. Heira­ ten? Ich hatte gar nicht an eine offizielle Ehe­schliessung gedacht, sondern an diese tiefe, arche­typische, einmalige Verbindung zweier Menschen, die ich mit ihm eingehen will. Auf einmal stürzten alle Leute auf uns zu und gra­ tulierten uns zur Verlobung. Und jetzt? Wir schauten uns an und unsere Blicke sagten so was wie: Na gut, sei’s drum, das schaffen wir auch noch. Was für ein halbes Jahr liegt hinter mir! Ich war in meinem Leben schon in Kriegs- und Hungergebieten von Südsudan unterwegs, habe mich durch die Berge von Kolumbien geschlagen, zwischen wütenden Palä­ stinensern und Israelis vermittelt – aber noch nie habe ich so intensiv gelebt wie die letzten Monate. Puh – wenn ich daran denke, wie bequem, spiessig, langweilig ich früher alles fand, was mit Ehe zusammenhing! Zunächst war alles wunder-voll. Das war jetzt also mein Mann. Wir werden bis ans Lebensende zusammen sein. Ich verliebte mich immer tiefer, immer mehr in­

104Einzelnummer

Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Darf man über alles lachen? Ja, aber nicht in allen Situationen. Auch beim Humor gilt es, gewisse Regeln des Respekts und der Rücksicht einzuhalten.

W

Von Philippe Schultheiss

ann mussten Sie zuletzt lachen? Haben Sie sich dabei ge­ fragt, ob das Lachen in diesem Moment angebracht gewe­ sen ist? Wer diese Fragen für sinnvoll hält, steckt schon mitten drin in einer philosophischen Reflexion über das Lachen. Die erste Frage setzt voraus, dass man manchmal lachen muss, sich also nicht dafür oder dagegen entscheiden kann. Wer einem Lachreiz unterworfen ist, erlebt es als entlastend und be­ freiend, ihm nachzugeben. Nicht immer ist das Nachgeben aber ange­ bracht. Es gehört zu Anstand und Intelligenz, sich in gewissen Mo­ menten nicht einem spontanen Lachen hinzugeben: Lachen kann stören (in einer Bibliothek). Lachen kann verletzen (vor einem be­ troffenen Menschen). Lachen kann verwirren (während einer ernsten Rede). Sie kennen sicher noch weitere Beispiele, in denen Sie das La­ chen moralisch negativ bewerten würden. Dass es gewisse Situationen gibt, in denen ganz auf das Lachen ver­ zichtet werden soll, scheint einigermassen Konsens zu finden unter zivilisierten Menschen. Gewisse griesgrämige Langweiler behaupten nun, unser menschliches Leben auf Erden bestünde nur aus solchen Situationen, Lachen sei also nie angebracht. Dazu gibt es zahlreiche Beispiele aus der Literatur- und Philosophiegeschichte; unter anderen scheint Platon eine solche Position vertreten zu haben. Sein Schüler Aristoteles hingegen hielt Menschen, die über keinen Witz lachen können, für sture Holzköpfe. Er verurteilte aber auch die Effekthascherei und das ständige Witzereissen. Mich dünkt diese ari­ stotelische Position um einiges vernünftiger als die pauschale Verur­ teilung von Lachen aufgrund übersteigerter ethischer Prinzipien. Solche verhärteten Dogmen können zum Beispiel sein: «Solange es ir­ gendwo Leid gibt auf der Welt, kann ich keine (Lach-)Lust empfinden.» Oder: «Weil Witze Klischees bedienen, würde ich beim Lachen diese Kli­ schees befördern.» Oder auch: «Es gibt Leute (z.B. religiöse Fundamen­ talisten), die gewisse Dinge (z.B. Witze über den Propheten) beleidigend finden; aus Respekt vor ihnen darf man darüber keine Witze machen.» 110 Einzelnummer

Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Foto: Nicole Borie / pixabay.com

Eine Rücksichtnahme auf andere (benachteiligte) Individuen oder Gruppen halte ich nicht per se für schlecht, manchmal ist sie mora­ lisch gefordert. Es wohnt dem Lachen ja stets eine Ambivalenz zwi­ schen Wertschätzen und Verachten inne. Aufbauender Humor und schädigender Zynismus sind nicht immer klar abgegrenzt. Aber sobald aus einem sinnvollen Respekt ein radika­ ler Verzicht oder gar eine politische Regulierung abgeleitet wird, sind Menschenrechte in Gefahr: jene der Meinungs- und Informationsfrei­ heit gemäss Art. 16 der Bundesverfassung oder Art. 19 der Allgemei­ nen Erklärung der Menschenrechte. Lachen ist schliesslich nichts anderes als eine besondere, nonverbale Form der Meinungsäusserung. Dass diese Äusserungsfreiheit nicht ab­ solut gilt, steht auch aus liberaler Sicht nicht zur Diskussion: Verleum­ dungskampagnen oder Gewaltaufrufe unter dem Deckmantel des Hu­ mors gehören selbstverständlich bestraft. Nur ist die Erzählung oder Publikation von Somalier-, Juden- oder Schwulenwitzen noch keine Verleumdung. Erst die böswillige Verbreitung oder Anwendung ist moralisch verwerflich. Somalierwitze vor hungernden Kriegsflüchtlin­ gen oder Schwulenwitze vor militanten Homosexuellenhassern vorzu­ tragen wäre mehr als dumm. Über solche Witze aber gar nicht zu la­ chen, wenn man sie in einem passenden Kontext erzählt oder hört, ist ebenso unterbelichtet. Zumal die besten Klischee-Witze häufig aus der betreffenden Community selber kommen. ● Philippe Schultheiss (*1984) spezialisierte sich nach Studien in Philosophie, Volks- und Betriebswirtschaft auf Change ManagementProzesse. Er arbeitete in einem Wirtschaftsverband für nachhaltiges Wirtschaften und war im Bundesamt für Informatik tätig. Im

ZEITPUNKT 170

Herbst 2019 gründete er die Firma «Philippe Schultheiss Philosophical Solutions» und ist seither als Berater, Ritualbegleiter und Publizist unterwegs, u.a. mit dem Blog «philophil» Seit dem Herbst 2021 studiert er an der Universität Zürich Theologie.

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

111


Revolution: Die Äussere bedingt die Innere! Zum 80. Geburtstag von Dieter Duhm

Von Christa Dregger

I

st er nun Marxist, esoterischer Prediger oder Sex-Guru? Aktivist oder Therapeut? Pazifist oder Krieger? Künstler oder Wissenschaftler? Dieter Duhm, früherer Bestsellerautor der deutschen Studentenbewegung und Gründer der Friedensgemein­ schaft Tamera in Portugal, ist vor allem ein Mensch, der nicht an Schubladen glaubt. Wie viele Menschen ver­ dankt die Autorin ihm eine lebenslange Inspiration. 1973 erschien das Buch eines jungen, kaum bekannten Autors, das unter linken Aktivisten reissenden Absatz fand: «Angst im Kapitalismus.» Kein grosser Verlag wollte es veröffentlichen. Buchhandlungen boten es nur unter dem Ladentisch an. Aber für die verbliebenen Aktivisten der Studentenbewegung kam es zur richtigen Zeit. End­ lich gab es eine Antwort, warum die Bewegung so er­ bärmlich gescheitert war – und wie es jetzt weitergehen könnte. Dieter Duhm schrieb: «Wir haben in der Studentenrevolution viele Ziele erreicht. Aber dann begann der Kampf im Inneren der Gruppen, um die richtige Ideologie, um Anerkennung, Macht und Sex! Darauf war niemand vorbereitet. Niemand wusste, wie sehr die äussere Gewalt des Systems und der innere Kampf der Menschen aus derselben Quelle kamen.»

Das zentrale Krisengebiet unserer Zeit ist die Beziehung unter Menschen, speziell die Sexualität. 116 Einzelnummer

Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Angst als systemerhaltende Strategie des Kapitalismus: Mit dieser Erkenntnis war Duhm seiner Zeit weit voraus. «Warum konnte bisher noch keine menschliche Idealgesellschaft verwirklicht werden? Weil der Fehler nicht nur in äusseren Verhältnissen, sondern vor allem in den inneren Strukturen und Denkformen bestand. Man kann aus autoritär geformten Menschen keine freie Gesellschaft aufbauen. Man kann keine gewaltfreie Gesellschaft errichten, wenn die Hass- und Gewaltimpulse im Inneren nur unterdrückt, aber nicht aufgelöst sind. Eine Revolution, die nicht im Inneren stattgefunden hat, kann auch im Äusseren nicht gelingen. Das ist eine Lehre der Geschichte. Revolution ohne Emanzipation ist Konterrevolution.» Doch die linke Bewegung nahm diesen Gedanken nicht auf. Politische Aktion und persönliche Arbeit an sich sollte verbunden werden: Damit entfernte sich Duhm sowohl von der Linken als auch von der thera­ peutischen Szene. Ja, man warnte vor ihm, er erhielt Auftritts- und Redeverbote.

Dieter Duhm mit seiner jahrzehntelangen Partnerin Sabine Lichtenfels.

Wie konnte sich ein so aufstrebender Autor so konsequent zwischen alle Stühle setzen? Vielleicht durch sei­ ne lebenslange Beschäftigung mit Gewalt. Ihm brannte die Frage unter den Nägeln, warum wir als menschliche Gattung zu so viel Grausamkeit fähig sind. Wie konn­ ten sich brave Familienväter über Nacht in KZ-Henker ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

117


Die fünf Grundgesetze der menschlichen Dummheit Und: Dumme sind gefährlicher als Banditen

V

or 35 Jahren veröffentlichte der italienische Wirtschaftshistoriker Carlo Maria Cipolla ei­ nen 60-seitigen Aufsatz über die grundlegen­ den Gesetze der Dummheit, für ihn die grösste existen­ zielle Bedrohung der Menschheit. Der Aufsatz wurde ein internationaler Bestseller, über den er sich auch ein bisschen ärgerte. Er habe Jahrzehnte für grosse historische Studien aufgewendet, die von zwei oder drei Fachkollegen zur Kenntnis genommen worden seien, während ein Aufsatz aus einer schlaflosen Nacht ein Millionenpublikum erreichte. Man darf seinen schnellen Wurf mit den Gesetzen der Dummheit also auch aus einer gewissen ironischen Di­ stanz betrachten. Aber sie passen gut in diese verrückte Zeit, die viele Menschen nicht mehr verstehen können. Cipolla (1922 bis 2000), Professor an verschiedenen Universitäten und mit einem Ehrendoktor der ETH Zü­ rich, teilt die Menschheit in vier Kategorien ein: Intel­ ligent, Bandit, Hilflos und Dumm. Sie werden auf der Grundlage eines Gewinn/Verlust-Konzepts definiert. Ein dummer Mensch ist eine Person, die anderen Probleme bereitet und sich selber schadet. Ein intel­ ligenter Mensch ist jemand, dessen Handlungen sowohl ihm selbst als auch anderen zugutekommen. Dann gibt

Man darf Cipollas schnellen Wurf mit den Gesetzen der Dummheit auch aus einer gewissen ironischen Distanz betrachten. 122 Einzelnummer

Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


es den Banditen, der sich auf Kosten anderer bereichert. Und schliesslich der Hilflose, dessen Handlungen ande­ re auf seine Kosten bereichern. Cipolla hat daraus ein Diagramm entwickelt.

Gesetz 1: Jeder unterschätzt immer und unweigerlich die Zahl der Dummen Dieses Problem wird durch die Annahme verschärft, dass einige Menschen aufgrund oberflächlicher Fak­ toren wie Beruf, Bildung oder anderer Merkmale, die unserer Meinung nach Dummheit ausschliessen, intel­ ligent sind. Ein typischer Fehlschluss ist die Annahme, reiche Menschen seien von vornherein intelligent.

Gesetz 2: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person dumm ist, ist unabhängig von allen anderen Merkmalen dieser Person. Cipolla postuliert, dass Dummheit in allen Populati­ onen konstant bleibt. In jeder denkbaren Kategorie – Ge­ schlecht, ethnische Zugehörigkeit, Nationalität, Bildung, Einkommen – gibt es einen festen Prozentsatz an dum­ men Menschen. Auch Universitätsprofessoren oder USPräsidenten können dumm sein, d.h. weder sich noch an­ deren und schlimmstenfalls Banditen Nutzen bringen. ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

123


Ich hasse meinen Nachnamen Wenn das Telefon klingelt, wird es oft mühsam. Schuld daran ist mein Grossvater Carl. Von Anton Brüschweiler

B

rüschwil ist ein knapp 200 Seelen zählender Weiler, mitten im Thurgau. Dagegen ist eigent­ lich nichts einzuwenden. Auch ist es für mich grundsätzlich nachvollziehbar, dass man Menschen, die aus Brüschwil stammen, Brüschweiler nennt. Proble­ matisch wird es aber dann, wenn Menschen mit diesem Namen in den Kanton Bern ziehen, in einen Kanton, in dem man schlichtweg nicht so heisst oder – um es poin­ tierter auszudrücken – nicht so heissen dürfte. Genau dies hat aber mein Grossvater Carl Brüschwei­ ler getan, als er 1935 aus dem Thurgau nach Bern zog. Doch damit nicht genug: Es hätte ja gereicht, dass er al­ leine unter diesem in Bern exotischen Namen gelitten hätte. Aber nein, scheinbar hatte er den unzähmbaren Drang, sich zu vermehren, sodass seine Frau und die zwei Söhne auch darunter leiden mussten. Und diese Söhne hatten scheinbar auch wieder den unzähmbaren Drang, sich zu vermehren. Und nun haben auch noch mein Cousin und meine Cousine, sowie meine Schwe­ ster und ich lebenslänglich unter diesem Namen zu lei­ den. Das Leiden begann schon in der Primarschulzeit. Ich brauchte Jahre, bis ich meinen Nachnamen rich­ tig schreiben konnte und ich habe auch heute oft noch

«Aha, Sie meinen Herr Brunstweiler? Ja, der ist da, ich hole ihn gleich.» 126 Einzelnummer

Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Mühe damit. Richtig schlimm wird es aber dann, wenn man zum ersten Mal irgendwo seinen Namen angeben muss. «Also, wie heissen sie genau? Mit ‹ei› geschrie­ ben oder mit ‹i oder gar mit ‹y›? Sehr schnell lernt man dann, den Namen blitzschnell zu buchstabieren. B-r-üsch-weiler ... Doch leider nützt auch das in 90 Prozent der Fäl­ le nichts. Ruft mich jemand von einem Geschäft, einer Versicherung oder der Steuerverwaltung an, so begin­ nen die Gespräche in abwechselnder Reihenfolge mit: «Guten Tag Herr Brühweiler, Brustweiler, Brunschwiler, Brunschweiler, Brutweiler ...», und eher seltener, aber dadurch nicht weniger originell mit «Guten Tag, Herr Brunstweiler». Anfänglich versucht man noch, die Gesprächspart­ ner zu korrigieren. Doch spätestens nach zwei Jahren hat man komplett resigniert. Um mich an den Mitmen­ schen zu rächen, habe ich mir angewöhnt, mich am Te­ lefon gleich selbst mit «Brunstweiler» zu melden. An Tagen an denen meine Namensdepression dann völlig überhand nimmt, melde ich mich dann auch manchmal mit «Saddam Hussein» oder «Gaddafi». Worauf dann das Gegenüber verwirrt sagt: «Oh, ich suche eigentlich einen Herr Brustweiler», worauf ich dann spitzbübisch antworte: «Aha, Sie meinen Herr Brunstweiler? Ja, der ist da, ich hole ihn gleich.» Wie gerne würde ich doch Gäggeler oder Schneebeli heissen. ● ZEITPUNKT 170

Anton Brüschweiler

Das AntWort Die Wahrheit des Absurden

Anton Brüschwei­ ler ist Musiker, Veranstalter von Anlässen mit Geheimtipp-Potenzial in der Chäsi Gysenstein und Autor des Buches «Das AntWort – die Wahrheit des Absurden», eine Sammlung von lebensrettenden Weisheiten in einer verrückten Welt. 106 S. geb. CHF 19.–. edition.zeitpunkt. ch/buch/das-antwort/

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

127


Verlagsmitteilung Beim Zeitpunkt findet gerade eine Art Great Reset statt. Wir brin­ gen, bedingt durch die Pflicht zu Rechnungen mit dem QR-Code, die Aboverwaltung in ein neues System. Davon sollten Sie nicht viel spü­ ren, obwohl unser Aufwand für eine solche Migration beträchtlich ist. Die Rechnungen, die der vorliegenden Ausgabe teilweise beiliegen, sind die letzten mit dem vertrauten orangen Einzahlungsschein, der noch bis Ende November von Poststellen verarbeitet wird. Veränderungen gibt es auch bei unserer online-Präsenz. Dort sorgen Nicole Maron, Barbara Hagmann und neu Christa (Leila) Dregger für tägliche Nachrichten und Geschichten. Im weiteren trägt eine wach­ sende Zahl von freien Autorinnen und Kolumnisten zum Meinungs­ austausch bei, den unsere Gesellschaft so nötig hat. Dort besteht auch die Möglichkeit zu kommentieren, von der wir hoffen, dass sie rege ge­ nutzt wird, auch für einen fundierten Gedankenaustausch. In diesem Sinn und mit herzlichen Grüssen Christoph Pfluger, Herausgeber Redaktions- und Insertionsschluss der nächsten Ausgabe ist der 31. Oktober.

Impressum HERAUSGEBER Christoph Pfluger

ZEITPUNKT 170 AUGUST-OKTOBER 2022 Erscheint vierteljährlich 31. Jahrgang REDAKTION & VERLAG ZEITPUNKT Werkhofstrasse 19 CH-4500 Solothurn Tel. +41 (0) 32 621 81 11 mail@zeitpunkt.ch www.zeitpunkt.ch fb.me/ZeitpunktMagazin Geldfluss: CH08 0900 0000 4500 1006 5 DE67 6001 0070 0342 0347 06 ISSN 1424-6171 REDAKTION Christa Leila Dregger, Barbara Hagmann, Nicole Maron,­ ­Christoph Pfluger

128 Einzelnummer

AUTORINNEN UND AUTOREN DIESER AUSGABE Jacques Baud, Anton Brüschweiler, William Engdahl, Arthur Firstenberg, Eva-Maria Gent, Vlad Georgescu, Barbara Hagmann, Christian Kreiß, Milosz Matuschek, Mirjam Rigamonti, Marwan A. Salamah, Philippe Schultheiss. KORREKTORAT Manu Gehriger ANZEIGEN UND ABOS Verlagsadministration Linda Biedermann, 032 621 81 13 inserate@zeitpunkt.ch

ABONNEMENTSPREISE Der Preis des Abonnements wird von den AbonnentInnen selbst bestimmt. Geschenkabos: Schweiz: 50 CHF Europa: 60 EUR Einzelnummer: 15 CHF / 15 EUR abo@zeitpunkt.ch DRUCK UND VERSAND AVD, CH-9403 Goldach VERTRIEB DEUTSCHLAND Synergia Auslieferung Industriestrasse 20 64380 Roßdorf Tel. +49 (0) 615 460 39 50 info@synergia-auslieferung.de

Inhaltsübersicht und Bestellung

ZEITPUNKT 170


Massenmedien sind für die Masse, der ZEITPUNKT ist für Dich. Du kämpfst mit der Infoflut. Wir werfen Dir den Rettungsring. Ein Thema mit Tiefgang. Der Rest für die Übersicht. Es ist Zeitpunkt, schwimmen zu lernen.

→ Für die Neugier, das Aktuelle und die Termine: zeitpunkt.ch/newsletter

Veränderungen kann man nicht bestellen …

aber die Anregungen dazu! ZEITPUNKT 170

Jahresabo zum freien Beitrag Bestellung

129


Schliessen Sie die Türen und ich werde Ihnen sagen, wie man reich wird. Seien Sie ängstlich, wenn andere gierig sind. Seien Sie gierig, wenn andere ängstlich sind. Warren Buffett

ISBN: 978-3-907263-11-2