Page 1

ZE!TPUNKT

155 Mai/Juni 2018 CHF/EUR 10.–

Für intelligente Opt imist innen und konstruk t ive Skept iker

reich | arm

IN DIESEM ZEITPUNKT ERFAHREN SIE, was die Gesellschaft auseinandertreibt, wie die Tagelöhner des 21. Jahrhunderts leben, was die soziale Demokratie sucht, wie eine Rauchsauna funktioniert, was im Teller krabbelt, wie das Atelier für Sonderaufgaben arbeitet, wo sich die schönsten Berge erheben und VIELES MEHR.


AFRO PFINGSTEn artischock.net

15. – 21. Mai 2018 winterthur

Concerts Reggae · Latin · Oriental · Afro

Markets Streetfood Music & Performances

Filmfestival Cultural Program

afro-pfingsten.ch

Vorverkauf: starticket.ch VERANSTALTER

HAUPTPARTNER

FESTIVALPARTNER

MEDIAPARTNER


EDITORIAL

Die Gemeinschaft der Menschen Liebe Leserinnen und Leser Die meisten Menschen spüren es nicht: Aber wir sind als Bewohner des blauen Planeten auch eine Gemeinschaft. Neben dem Geschenk, ein Leben auf der Erde führen zu dürfen, haben wir auch Aufgaben, die sich nicht aus der Individualität, aus der Zugehörigkeit zur Familie oder einer Nation ableiten, sondern aus der gemeinsamen Existenz als Erdenbürger. wir sitzen nicht gerade im selben Boot, aber auf demselben Planeten. Je mehr wir sind, desto enger werden die individuellen Freiheiten und desto grösser wird die gemeinsame Verantwortung. Zu ihrer Wahrnehmung gibt es seit der Gründung des Völkerbundes und vor allem mit der UNO auch Institutionen. Aber sie funktionieren nicht als Gemeinschaft, sondern als Ansammlung von Regierungen mit unterschiedlichen Privilegien. Um die Wirkung einer solchen Struktur zu verstehen, bietet sich das Bild der Menschenfamilie an, einer Familie allerdings, in der einige Geschwister enorme Vorrechte geniessen und andere ihr Leben lang in Unfreiheit darben. Unter solchen Verhältnissen kann keine Gemeinschaft entstehen, die auch als solche handeln kann. Das ist für uns in reichen Westen vielleicht ein ethisches Problem, für die Bewohner der übrigen Welt ein existenzielles. 70 Prozent der Menschen besitzen zusammen gerade mal 2,7 Prozent des Weltvermögens, 0,7 Prozent besitzen knapp die Hälfte. Bildlich gesprochen: Eine Sippe mit 200 Personen, in der zwei so viel besitzen wie alle anderen zusammen, kann unmöglich gemeinsam handeln. Die wachsende Kluft zwischen reich und arm ist meiner Ansicht nach der grösste Spaltpilz in unserer Menschengemeinschaft. Sie verhindert, dass wir zu einer Familie zusammenwachsen. Dies ist ein existenzielles Problem. Das heisst: Ohne Lösung führt es zu Überlebenskämpfen – Familienzwist und Brudermord. Keine Angst: So hart und schroff ist dieses Heft nicht. Aber zwischen den Anregungen auf den folgenden Seiten verbirgt sich eine existenzielle Dimension. und die muss doch an passender Stelle genannt werden. Herzlich Christoph Pfluger, Herausgeber

Zeitpunkt 155

• Wir sind gleichzeitig Zuschauer und Schau­ spieler im grossen Drama des Seins. Niels Bohr

3


SCHWERPUNKT INHALT

Chapeau  6  Chapeau! Wir ziehen den Hut vor Jean-Marc Decressonnière und der ehrlichsten Bank der Welt, vor Radio Chico, das seit zehn Jah­ren die Stimmen der Jungen zu Gehör bringt, vor Radhya Al-Mutawakel, die sich mitten im Krieg für Menschenrechte einsetzt und vor Lukas Hässig, dem Kämpfer gegen den Bankensumpf.

entscheiden  & arbeiten

8 Was uns Mut macht sind Koch Adam Smith und sein «Real Junk Food Project»; die Schule des Handelns in Zürich; ein kleines Dorf in Kanada, die Alpenpioniere, die den Hanf wieder als Lebensmittel nutzen wollen und Heini Glauser.

reich | arm 10 «Der Kapitalismus treibt Gesellschaften auseinander» – Samanta Siegfried interviewt den Soziologen Ueli Mäder 14 Das Los der Unsichtbaren – die Seniorin Lotti ist arm, weil sie nicht einmal Ergänzungsleistungen erhält Klaus Petrus 16 Das Elend der «imperialen Lebensweise» – unser Wirt­schaften vergrössert die soziale Kluft zwischen Nord und Süd und beutet auch die Natur aus Hanspeter Guggenbühl 18 Die Tagelöhner des 21. Jahrhunderts – harte Arbeit, kaum Lohn: Bulgaren unter Münchens Brücken Rudolf Stumberger 21 Effektive Altruistin – Rita Fleer ist doppelt glücklich: sie verdient gut und spendet viel Samanta Siegfried 23 Die Kunst, aus wenig viel zu machen – eine japanische Ökonomin kennt den östlichen Weg zum nachhaltigen Leben Christine Ax 24 Wasser – Ware oder Wesen? – wie das Wasser den Kapitalismus verändern kann Leila Dregger 26 Klagloses Glück – Klara hat wenig Geld, dafür ein Haus voller Wärme und Güte Jule von Lewitz

36 Geld aus Nichts macht arm – die Mechanik der Umverteilung vergrössert die Kluft zwischen arm und reich Christoph Pfluger 39 Fair oder widerrechtlich – das Bundesgericht wird über das Abstimmungsbüchlein zur Vollgeld-Initiative entscheiden 40 Soziale Demokratie sucht Partei – in ganz Europa verlieren die Sozialdemokraten die Wahlen. Wird hier ein historischer Gesellschaftsentwurf zum Grabe getragen? Regine Naeckel 42 Es braucht auch Sie – die stop-fake-money-Kampagne verdient Schub 43 Der Krieg um die seltenen Metalle – die Digitalisierung bringt auch neue Konflikte um Ressourcen 44 Die Brille, die dich kennt – auch wer ohne Handy unterwegs ist, kann erkannt und geortet werden. Die Gesichtserkennung ist das Ende der Privatsphäre Florian Wüstholz 45 Die FINMA schiesst auf Marienkäfer und andere Nachrichten zu entscheiden & arbeiten

28 Erst die Würde, dann der Reichtum – Boliviens Präsident Evo Morales hat der indigenen Bevölkerungsmehrheit geholfen und ist der Macht verfallen Camilla Landbø 30 Selig sind die Reichen im Geiste – warum es billiger und besser ist, auf einen Guru zu verzichten Martina Pahr 30 Glanz und Gloria des grossen Geldes – was der Mensch wert ist, die Droge auf dem Konto, das faltbare Bett für Obdachlose und mehr zum Thema «arm | reich»

4

Zeitpunkt 155


INHALT REICH | ARM

vollwertig leben

Horizonte erweitern

46 Es raucht! – zu Besuch in einer estnischen Sauna ohne Schornstein Diana Larz & Fabian Weiss

62 Zweisamkunst – die St. Galler Künstlerzwillinge Frank und Patrik Riklin nehmen Sonderaufgaben wahr an der Schnitstelle zwischen Kunst und Wirtschaft Dieter Langhart

50 Es krabbelt im Teller – sind die proteinreichen Insekten wirklich die Antwort auf den Hunger in der Welt? Luka Peters 51 Die Tante-Emma-Oase – der letzte Quartierladen in der Berner Matte setzt ein Zeichen für Zusammenhalt Samanta Siegfried 52 Papierherstellung – für Jongkuk Le ist die traditionelle Papierherstellung wie ein Treffen mit Gott Philipp Kuntze 54 Symbol des Friedens – in Japan werden Kraniche zu Tausenden aus Papier gefaltet Philipp Kuntze

66 Die schönsten Berge – gebaut von Korallen der Urzeit Christph Pfluger 69 Der Nächstenliebhaber und andere Kurznachrichten zur Horizonterweiterung 69 Ein historischer Ritt und ein mächtiges Buch – Benno Affolters Buch über A. F. Tschiffely Christoph Pfluger 70 Mit voller Kraft hinunter – Gisula Tscharner sammelte Wildkräuter und war fahrende Theologin Eva Rosenfelder

55 Himmelsthron und Erdenschemel – ein Leben ohne Bürostuhl und Sofa ist nicht mehr vorstellbar. Das hat bedenkliche Folgen für die sesshafte Menschheit Edith von Arps-Aubert

71 Keine Mission, nur Leidenschaft – Diana Richardson, die Pionierin des Slow Sex? Michael Egloff

56 Sing mir das Lied vom Hinterhof – Sänger bringen neues Leben auf die Rückseite der Städte Andreas Diethelm

72 Der Geschlechterkrieg in Theorie und Praxis – die sexuelle Macht der Frauen beginnt mit Ehrlichkeit MaRia

58 Bauer, landlos, sucht – Nachfolger, frisch ausgebildete Landwirte suchen einen Hof – wie können sie sich finden? Samanta Siegfried

73 Die guten Adressen. Ob gesund leben, kreativ arbeiten, nachhaltig wohnen, achtsam verreisen, fair einkaufen oder findig suchen: Dieser Marktplatz hat viel zu bieten

59 Unterwegs im Flachsland, faire Jeans und weitere Nachrichten aus dem vollwertigen Leben

79 Kleininserate von der und für die Zeitpunkt-Leserschaft 80 Leserbriefe & Impressum 82 Brennende Bärte: wie man Nachrichten entgiftet Christoph Pfluger

Zeitpunkt 155

5


CHAPEAU!

! u a e p a h C

Jean-Marc Decressonnière, Freie Gemeinschaftsbank Die ehrlichste Bank der Welt MAN MAG VON DEN ANTHROPOSOPHEN HALTEN, WAS MAN WILL, aber wenn es um Transparenz im Geldwesen und Banking geht, ist ihre «Freie Gemeinschaftsbank» in Basel einsame Weltspitze. Nicht nur war sie

die erste Bank im deutschen Sprachraum (und vermutlich auf der Welt), die ihren Kunden die Geldschöpfung aus dem Nichts erklärte (am 17. August 2016), sie ist jetzt auch die erste Bank, die sich öffentlich, positiv und in klaren Begriffen zur Vollgeld-Initiative äussert. So schreibt Geschäftsleitungsmitglied JeanMarc Decressonnière in der neusten Ausgabe ihrer Kundenzeitschrift «Transparenz», es sei erstaunlich, dass die Bundesverfassung auch nach ihrer Totalrevision vom Jahr 2000 unverändert vom Bargeld geprägt sei und die Geldhoheit des Bundes auf dieses beschränkt bleibe. «Der verfassungsrechtliche Grundsatz, dass das Geldwesen Sache des Bundes sei, ist somit massiv ausgehöhlt.» Man kann nach Ansicht von Decressonnière seit der Finanzkrise nicht mehr ernsthaft dafür eintreten, das Geldwesen «dem freien Spiel der Marktkräfte anheimzustellen». Und: «Angesichts des gewaltigen Marktversagens, das wir

RadioChico

Leistet einen wichtigen Beitrag zur Medienvielfalt

Bild: zvg

Wie sähe die Welt aus, wenn Kinder und Ju­ Medienvielfalt gehörten schliesslich auch die gendliche über sie berichten würden? Das jungen Stimmen. So entstand die Idee für das hat sich der Sohn von Annemarie Koch vor Kinder- und Jugendradio Chico, das 2017 sein zehn Jahren gefragt. Zu einer ausgewogenen zehnjähriges Jubiläum feierte. «Das Radiostudio hat es nun vom Kindes- ins Teenageralter geschafft», freut sich Annemarie Koch. Während ihr Sohn weiterzog, ist die 71-Jährige nun seit elf Jahren als ehrenamtliche Geschäftsführerin dabei. Erstmals sendete RadioChico 2007 aus dem Erlebnispark Seeteufel in Biel. Damals holten sie spontan ein paar Jugendliche vor das Mikrofon. Seither stellten die Radiomacher ihr mobiles Studio an mehr als 60 Schulen in der ganzen Schweiz auf. In diesen Projektwochen arbeiteten über 10 000 Schüler vor und hinter dem Mikrofon mit. Ausserdem senden sie täglich aus ihrem Hauptstudio in GoldbachLützelflüh, eingerichtet in einem alten Blumenladen. Am 23. Juni werden sie nach Lyss

6

in der Bankenbranche erlebt haben, erscheint es konsequent, … das Geld- und Währungswesen einschliesslich des Buchgeldes dem profitgetriebenen Geschäftsbankensystem gänzlich zu entziehen und auf ein Organ zu übertragen, das dem ‹Gesamtinteresse des Landes› verpflichtet ist. Genau das ist das Anliegen der Vollgeldinitiative.» Die Freie Gemeinschaftsbank beschränkt sich jedoch nicht darauf, in vornehmer Zurückhaltung die Motive der Initianten zu würdigen, sondern bekennt auch Farbe: «Ein grosses Verdienst der Initiative ist es, dass sie uns mit der … gedanklichen Durchdringung des herrschenden Geldsystems von der Blindheit befreit hat, mit der wir bis anhin – ebenso wie die allermeisten anderen Banken – geschlagen waren in Bezug auf die Prozesse der Geldschöpfung und Geldvernichtung, in die wir als Geschäftsbank involviert sind.» Chapeau! Christoph Pfluger www.gemeinschaftsbank.ch

umziehen, wo sie von Radio Basilisk ein grös­ seres, noch moderneres Studio erhielten. Zusammen mit einem Techniker und einem Programmleiter, gestalten die Jungen die Sendungen selbst. Inhaltlich seien keine Grenzen gesetzt, solange sie sich an den Ehrenkodex von RadioChico hielten: «Wir berichten über keine Sensationen und keine zerstörerischen Inhalte», sagt Koch. Das Ziel sei eine aufbauende, lösungsorientierte Berichterstattung. Ein Fokus ist dieses Jahr zum vierten Mal der Weltfrieden. Dabei fragen die Kinder und Jugendliche zum Beispiel Gleichaltrige nach ihrem Beitrag für eine friedlichere Welt. «Damit wollen wir die Hörerinnen auf das Gute aufmerksam machen und zeigen, wie viele Friedensinseln es auf der Welt gibt», so Koch. Wir ziehen den Hut vor den Machern von RadioChico, die bereits seit zehn Jahren eine solche Friedensinsel geschaffen haben. Samanta Siegfried Benefizkonzert für RadioChico am 2. Juni im Kufa Lyss: www.radiochico.ch

Zeitpunkt 155


CHAPEAU

Radhya Al-Mutawakel Radhya Al-Mutawakel ist in Sanaa aufge­ wachsen, der Hauptstadt des Jemen. Heute leitet die 40-Jährige dort eine Menschenrechtsorganisation; Mwatana heisst sie. Mit rund sechzig Mitarbeitern im ganzen Land – die Hälfte davon Frauen  – dokumentiert sie Kriegsverbrechen, setzt sich für die Rechte von Kindern ein, leitet Trainings und schickt Anwältinnen los, um politische Gefangene zu unterstützen. Es ist Krieg im Jemen. Das Land versinkt in Chaos, Diphtherie und Cholera grassieren, die Vereinten Nationen sprechen von der «grössten humanitären Katastrophe der Gegenwart». Und mittendrin Al-Mutawakel, deren Vater 2014 bei einem Anschlag ermordet wurde, deren Schwager seit acht Jahren zu den vielen Verschwundenen des Landes gehört. Sie macht dennoch weiter, unbeirrbar. «Es ist meine Pflicht, hier vor Ort zu sein. Viele internationa-

le Organisationen brauchen eine jemenitische Stimme», sagt sie. Dabei hatte Al-Mutawakel in den USA und in Europa eine Chance auf Asyl. Dort war sie vergangenes Jahr mehrere Monate gemeinsam mit ihrem Mann. Auf Kongressen sprach sie über den Krieg, bei Hilfsorganisationen sammelte sie Spenden für ihre Arbeit, im UN-Sicherheitsrat trat sie auf, machte sich stark für unabhängige Ermittlungen von im Jemen verübten Kriegsverbrechen. Aber Asyl beantragen? Darüber habe sie keine Sekunde nachgedacht. «Ich musste zurück. Zu meinen Leuten, zu meinem Volk.» Wie könne sie denn ihre Mitstreiter einfach im Stich lassen? «Ich ziehe viel Kraft aus meiner Arbeit. Hätte ich die nicht, würde ich zusammenbrechen.» Ihre Organisation, die sie 2007 mit ihrem Mann gründete, wird unterstützt von Unicef und der Open Society Foundation, auch die EU

Bild: Christian Hartmann/Reuters

Kämpft im Jemen für Menschenrechte – mitten im Krieg

gehört zu den Geldgebern. Die letzten Monate war Radhya Al-Mutawakel in Saudi-Arabien untergetaucht, denn jemenitische Kräfte bedrohten sie. Doch es war Zeit, sagt sie. »Ich bin froh, wieder hier zu sein. Obwohl Krieg ist.« Elisa Rheinheimer-Chabbi Aus Publik-Forum, kritisch - christlich - unabhängig, 3/2018

Lukas Hässig

Er kämpft gegen den Bankensumpf und für die freie Meinungsäusserung

Zeitpunkt 155

dem Zürcher Handelsgericht gefreut haben. Die Grossbank und ihr Chef Urs Rohner hatten den Journalisten wegen drei Artikeln eingeklagt. Nur einer davon sei rechtswidrig, befand das Gericht nach einem mehrjährigen Verfahren und verfügte die Löschung. Besonders erleichtert dürfte der vierfache Familienvater Lukas Hässig über die Entschädigung der Prozesskosten sein, die ihm zugesprochen wurde. Die ganze Schweiz müsste erleichtert sein, denn ohne sie wäre eine wichtige Stimme gegen Boni-Exzesse vermutlich verstummt. Befreundet habe ich mich mit Lukas Hässig tatsächlich anlässlich eines Streitgesprächs über die Vollgeld-Initiative. Natürlich haben wir uns, wie vom Veranstalter geplant, gestritten. rung generell einiges erreicht hat. Das ist ein Aber ich habe ihn als Mensch kennengelernt, der breitkrempiger Allwetter-Chapeau wert. Christoph Pfluger bereit ist, für seine Freiheit Risiken einzugehen und damit auch für die freie Meinungsäusse- www.insideparadeplatz.ch Bild: R. Ruis

Der Mainstream lästert gerne über die alterna­ tiven Medien, speziell die elektronischen. Aber das hat mehr mit den Fehlleistungen der sog. Qualitätsmedien zu tun als mit den Fake News, die den Leuten angeblich den Kopf verdrehen. Wie wichtig die Alternativen für die Gesellschaft sind und wie sie funktionieren, dafür ist Lukas Hässig ein gutes Beispiel. Sein Portal «insideparadeplatz.ch», d.h. er selbst, hat dafür gesorgt, dass die Insidergeschäfte des früheren Raiffeinsenchefs Pierin Vincenz ans Tageslicht kamen. Weil Hässig ein freier Mensch ist und seine Website nicht von Bankenwerbung lebt, kann er ohne Schere im Kopf schreiben. Und so hatte er auch keine Hemmungen, die dubiosen Eigengeschäfte des Bankmanagers ans Tageslicht zu fördern, der den Schweizer Journalisten jahrelang Honig ums Maul geschmiert hatte. Noch mehr dürfte Hässig sich über seinen kürzlichen Erfolg gegen die Credit Suisse vor

7


SCHWERPUNKT WIR WAS KÖNNEN UNS MUTAUCH MACHT ANDERS

 W A S

M U T  M

UNS

AC H T

Anfang steckt, zu vermitteln», sagt Zimmerer. Zu den Themen werden jeweils Experten eingeladen. Menschen, die laut Zimmerer alle in irgendeiner Form mit ihrem Mut zum Handeln aufgefallen sind. Zum Beispiel Flavia Kleiner von der politischen Bewegung Operation Libero oder Christof Moser, Mitbegründer des Online-Magazins Republik. Sie sollen den Teilnehmerinnen konkrete Handlungsanleitungen zum aktiven Sich-Einbringen mit auf den Weg geben. Die Schule des Handelns befindet sich in jenem Haus, in dem der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli einst gelebt hatte. Vor 500 Jahren hatte er die «Schuley» gegründet, die junge Menschen auf den richtigen Weg des Glaubens und des Lebens bringen sollte. SaS

«Ich werde die Welt mit ­Lebensmittelabfällen ernähren»

Adam Smith, weitgereister Koch in Nobelrestaurants, engagiert sich gegen Lebensmittelverschwendung und Armut. Aus Lebensmittel-«Abfällen» wird frisches, gesundes Essen hergestellt. «Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe», sagt Smith, Gründer des «Real Junk Food Project». «Der Zugang zu Lebensmitteln sollte ein Menschenrecht sein. Wir müssen den Menschen beibringen, dass sie nicht nur ihre Nahrung als Ressource schätzen dürfen, sondern auch sich selbst.» Innerhalb von vier Jahren ist das Projekt vom ersten Café auf 127 in sieben Ländern gewachsen. In Leeds, der Heimatstadt von Smith, versorgt das Projekt jede Woche 35 000 Menschen mit Lebensmitteln und zusätzlich 20 000 Schüler gemeinsam mit dem Projekt «Fuel for School». CP http://fuelforschool.info

8

In jedem Anfang wohnt Begeisterung

Wir wissen immer mehr und tun immer weniger. Diesem Zustand soll die Schule des Handelns Abhilfe schaffen, die das Kulturhaus Helferei in Zürich dieses Jahr ins Leben gerufen hat. «Heute findet man Probleme und Lösungen zu allen Themen auf einen Klick», erläutert Gabriel Zimmerer, einer der Organisatoren, die Idee. «Doch die vielen Informationen scheinen oft eher zu lähmen, statt zu motivieren.» Deshalb will das vierköpfige Organisationsteam mit der Schule des Handelns vor allem eins: zum Anpacken inspirieren. Seit Februar bieten sie am ersten Samstag jeden Monats einen Workshop dazu an. Bereits bei der Anmeldung wird klar, dass dabei nicht theoretisch debattiert werden soll: «Komm raus!», «Gib alles!» oder «Trenn dich!», lauten die ersten Veranstaltungstitel. Behandelt werden die Meinungsfreiheit, Solidarität oder Beziehungen. «Uns geht es vor allem darum, die Begeisterung, die in jedem

«Trenn Dich», Samstag, 5. Mai 2018, 10–18 Uhr, Kulturhaus Helferei. Kosten: Freie Beiträge. Es werden keine Vorkenntnisse benötigt. Ein gemeinsames Mittagessen ist Teil des Programms. www.kulturhaus-helferei.ch

Kanadisches Dorf besiegt Ölfirma vor Gericht Die kleine Gemeinde Ristigouche Sud-Est in der kanadischen Provinz Quebec hat gegen eine Millionenklage des Öl- und Gasexplorationsunternehmens Gastem gewonnen. Der Konflikt begann 2011, als die Provinz Quebec der Gastem die Erlaubnis erteilte, im Osten der Provinz nach Öl und Gas zu suchen. Auf Gemeindegebiet wurde mit dem Bau einer Bohrinsel begonnen. Wie sich die Bohrungen auf die städtischen Wasserquellen auswirken würden, alarmiert die Bewohner. die Gemeinde erliess 2013 eine Verordnung, die eine zwei km breite bohrfreie Zone um ihre Wasserversorgung herum vorsah. Gastem schoss mit einer Klage zurück: Die Verordnung sei illegal

155 Zeitpunkt 154


und verhindere das Projekt. Das Unternehmen verlangte 1,5 Mio. kan. $ Schadensersatz, mehr als das Fünffache des jährlichen Gemeindebudgets. Ende Februar entschied das Oberste Gericht von Quebec, dass Ristigouche Sud-Est im Recht sei, seine Wasserversorgung zu schützen. Richterin Nicole Tremblay schrieb in ihrem Urteil: «Das öffentliche Interesse, das kollektive Wohlergehen der Gemeinde und die Sicherheit der Bewohner müssen bei allen Projekten, die in einer Gemeinde durchgeführt werden, abgewogen werden.» In Ermangelung von Provinzgesetzen zum Schutz der Wasserquellen habe die Gemeinde das Recht, eigene zu schaffen. Eine Crowdfunding-Kampagne hat mehr als 342 000 kan. $ zu den Gerichtskosten von Ristigouche Sud-Est beigesteuert. Der richterliche Entscheid könnte ein wichtiger Präzedenzfall für Gemeinden sein, die eine gesunde Umwelt für ihre Bewohner sichern wollen. Red.

WAS UNS REICH MUT MACHT | ARM

Weg, um Menschen dazu zu bringen, ihren Kaugummi verantwortungsvoll zu entsorgen», sagte ein Sprecher. DL http://gumdropltd.com

Freundschaft schafft Frieden Die immer gleiche Frage begleitet Eyal Shani: Wie ist es möglich, selbst bei grossen Herausforderungen friedvoll und liebend zu bleiben? Zehn Jahre Sanitätsdienst Foto: in der zvg israelischen Armee haben ihn geprägt – und zu einem Friedensaktivisten werden lassen. Eyal unterstützt Palästinenser in den besetzten Gebieten der Westbank mit östlicher Medizin, er unterrichtet Kinder und Heranwachsende, er engagiert sich in Dörfern für friedvolle Begegnungen und gewaltfreiem Dialog. Eyal hat das Projekt Friendship for Peace mitgegründet, das diesen Traum wahr werden lassen will: Israelis

Kulturpflanze nutzen: in der Landwirtschaft, für die Wertschöpfung in der Region, für unsere Gesundheit. DL www.alpenpionier.ch

Kämpfer Glauser

Sein Namensvetter Friedrich Glauser war ein Entmündigter – Heini Glauser ist so mündig wie kaum einer. Und er ist klug und streitbar und wird jenen gefährlich, die unsere AKWs unbeschränkt laufen lassen wollen. Der Energieingenieur ist der führende Kopf der Leute, die seit dem Atomunfall in Fukushima 2011 Aus gebrauchten täglich Mahnwachen halten vor dem HauptKaugummis werden sitz des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (ENSI) in Brugg. «Das ENSI schützt nützliche neue Produkte Kaugummi und Zigarettenstummel sind lieber die AKW vor kritischen Bürgern statt die häufigsten Strassenabfälle. Um dieses uns vor den Gefahren der Alt-AKW», schrieb Problem zu beheben, hatte die britische Deer 2015, als es diese Wachsamkeit verbieten signerin Anna Bullus die Idee: Der synthetiwollte. Diesen März gab das ENSI Beznau I sche Kautschuk in der Kaugummibasis wird grünes Licht, trotz Mängeln wieder ans Netz zu Schuhsohlen oder Kaffeetassen verarbeitet. zu gehen, schliesslich habe der dreijährige Rosa «Gumdrop»-Behälter aus Gummi werden und Palästinenser leben friedlich miteinander. Stillstand die Axpo 350 Millionen gekostet. in Kopfhöhe an Bäumen und Schildern aufge- Eyal Shani liess sich in Shiatsu, chinesischer Doch Heini Glauser mobilisierte innert zwei hängt. Elf Behälter wurden auf dem Campus Medizin, Tai Ji und Qi Gong ausbilden. Der Tagen Hunderte von Besorgten, die dagegen 47-jährige Familienvater betreibt seine eigene demonstrierten, dass Geld wichtiger sei als der Praxis, gibt Workshops in Israel, Deutschland Mensch. Sie haben bewiesen, dass die Antiund der Schweiz, unterstützt Menschen im AKW-Bewegung so fit ist wie eh und je. DL Umgang mit ihrer eigenen Kraft im Kontakt zu anderen. DL Heini Glauser, 65, lebt in Windisch und ist Architekt, www.friendship-for-peace.org

Spezialist für Energiefragen und im Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung SES.

Hanf liegt auf der Hand der University of Winchester aufgehängt und als Anreiz Kaffeetassen aus Gummiabfällen verschenkt – und der Abfall wurde weniger. Ein Flughafen führte einen dreimonatigen Test durch und sparte Tausende von Franken an Reinigungskosten. Wrigley, der grösste Kaugummihersteller der Welt, hat Bullus‘ Projekt finanziell unterstützt. «Gumdrop ist ein kreativer und innovativer

Zeitpunkt 155 154

Sie sind in aller Munde, die Alpenpioniere. Dabei wollen sie nur eins: dass Hanf in aller Munde ist, wie früher – nicht als berauschender THC-Hanf, sondern als Lebensmittel. «Wir geben Gras», titelte die Zeitschrift Beobachter kürzlich über die acht Visionäre im Bündnerland, vom Lebensmitteltechniker über die Naturheilpraktiker bis zur Spitzenköchin. Die Alpenpioniere wollen Hanf wieder auf die Teller bringen, wollen das ganze Potential der uralten

9


Bild: Christoph Pfluger

SCHWERPUNKT

10

Zeitpunkt 155


REICH | ARM

«Der Kapitalismus treibt Gesellschaften auseinander»

Er kennt beide Seiten. Und er weiss, warum die Kluft immer grösser wird. Samanta Siegfried im Gespräch mit dem Soziologen Ueli Mäder

M

ehr als dreissig Jahre forschte Ueli Mäder zu Armut, Reichtum und Macht in der Schweiz. Mit seinen Büchern «Wie Reiche denken und lenken» oder «macht.ch» hat er es zu landesweitem Einfluss geschafft – und das will etwas heissen für einen Basler Soziologen. Nach mehr als zehn Jahren als Dozent für Soziologie an der Universität Basel wurde er 2016 emeritiert. Wie kaum ein anderer hat er sich mit den Mechanismen der sozialen Ungleichheit beschäftigt, wobei er immer beide Seiten des sozialen Spektrums mit einbezieht. Ein Gespräch über die Gesichter der Armut, die Zufriedenheit der Reichen und warum es wieder mehr grundlegende Systemkritik braucht. Samanta Siegfried: Ueli Mäder, Armut ist nicht gerade das, was die Weltbevölkerung mit der Schweiz assoziiert. Wo und in welcher Form ist Armut heute sichtbar? Ueli Mäder: Für die Titelseite einer Studie über Armut suchte der Verlag das Bild eines sogenannten Randständigen aus, der am Boden sitzt. Wir ersetzten es mit dem Foto einer jungen Frau, die einen Kinderwagen schiebt. Das Problem der Schweiz ist die versteckte Armut. Betroffene erbringen oft viel Anpassungsleistungen, damit man ihnen nichts anmerkt. Mütter sind also besonders betroffen? Ja, Frauen generell. Aber besonders Alleinerziehende, Alleinlebende oder auch Familien mit vielen Kindern. Zudem Menschen, die ihre Angehörigen betreuen oder

Zeitpunkt 155

sonstige nicht vergütete Arbeit verrichten. Und natürlich solche mit niedrigem Einkommen, deren Qualifikationen entweder nicht für einen besser bezahlten Job reichen oder die aufgrund des wirtschaftlichen und technologischen Wandels nicht mehr gefragt sind. Wo liegen die Gründe dafür? Frauen verdienen noch immer im Schnitt 25 Prozent weniger als Männer, übernehmen meist die erzieherischen Aufgaben und arbeiten Teilzeit. Weiter haben wir aktuell Kürzungen bei der IV und bei der Arbeitslo«Einer Gesellschaft geht es dann senversicherung, was einen grösseren Druck auf die Sogut, wenn es allen gut geht.» zialhilfe zur Folge hat, und nun sind auch dort Kürzungen eingeleitet. Wenn das unterste Auffangbecken nicht mehr in der Lage ist, das abzudecken, was die vorgelagerten Systeme der sozialen Sicherung nicht mehr leisten, wird es immer prekärer für immer mehr Menschen. Man spart bei den Ärmsten. Genau. Man spart bei denen, die besonders darauf angewiesen wären, und legt bei den obersten Löhnen meistens noch drauf. Womit wir bei Ihrem Kernthema, der sozialen Ungleichheit wären. Darin nimmt die Schweiz ja noch immer eine traurige Vorreiterrolle ein. Leider. Heute werden bei den Berechnungen ja die

11


SCHWERPUNKT

Bild: Christoph Pfluger

Die Wurzeln der sozialen Ungleichheit liegen also im kapitalistischen System? Der Kapitalismus hat uns historisch gesehen ja auch gewisse gute Entwicklungen gebracht. Ich will die Vergangenheit nicht verklären. Früher dominierten viele rigide, teils totalitäre Gemeinschaftsformen mit extremen sozialen Kontrollen. Durch die ökonomistisch geprägte Individualisierung sind wir ein Stück weit daraus ausgebrochen, was auch zu mehr Freiheit geführt hat, die man etwa in der Anonymität der Urbanität findet. Doch heute holen uns die Folgen davon ein. Wenn sogar soziale Beziehungen etwas Berechnendes bekommen und es nur noch um Geld und noch mehr Geld geht, führt das zu einer Verarmung der Gesellschaft.

Pensionskassengelder oft auch auf die Vermögensseite geschlagen, obwohl das eigentlich aufgesparte Löhne sind. Damit zählten wir in der Schweiz letztes Jahr rund 2 Prozent private Steuerpflichtige, die mehr steuerbares Nettovermögen besitzen als die restlichen 98 Prozent. Aber ob es jetzt ein oder drei Prozent sind – es ist krass. Skizzieren Sie doch kurz, wie es soweit kommen konnte. Bis Ende der 80er-Jahre hat die soziale Ungleichheit eher abgenommen. Dann kam es, unter anderem mit der Öffnung der Berliner Mauer, zu einem grossen Globalisierungsschub. Die Märkte öffneten sich und das kapitalistische System setzte sich vielerorts durch. «Wir dürfen es niemals dem dringt das Kapital Goodwill der Reichen überlassen, Seither offensiver dorthin, wo es dass die Existenzen gesichert sind.» sich optimal verwerten lässt. Früher ging man davon aus, dass Arbeit und Kapital ungefähr gleich wichtig sind und dass von sozialpolitischen Reformen vor allem die besonders Bedürftigen profitieren sollten. Heute herrscht ein finanzkapitalistisches Denken vor, das Geld über die Arbeit stellt und sozialen Unterschieden sogar etwas Dynamisierendes zuschreibt. Sie können diesem Ansatz nichts abgewinnen? Klar haben im Alltag vielfältige Unterschiede auch mit Lebendigkeit zu tun. Aber nicht, wenn es dazu führt, sich auf Kosten anderer zu bereichern. Heute gilt ein forciertes Konkurrenzprinzip: wer ellbögelt, kommt weiter. Damit unterlaufen wir eine Solidarität, die für den Zusammenhalt einer Gesellschaft wichtig wäre.

12

Sollten wir also den Kapitalismus abschaffen? Zumindest finde ich es wichtig, dass wir wieder stärker Systemfragen stellen und perspektivisch den Kapitalismus überwinden. Er zerstört mit seinem Profitzwang wichtige Lebensgrundlagen. Sein Egoprinzip bringt Menschen gegeneinander auf, treibt Gesellschaften auseinander und erhöht die Kriegsgefahr. In der 68erBewegung sind wir vielleicht zu stark bei der grundlegenden Systemkritik hängengeblieben. Wichtig sind ja auch konkrete Schritte in eine soziale Zukunft. Aber heute wäre es wohl gut, die Horizonte weiter zu öffnen. Der Kapitalismus hat ja nicht nur in der Schweiz die soziale Ungleichheit verstärkt, sondern weltweit. Laut dem jüngsten Oxfam-Bericht besitzt das reichste Prozent der Weltbevölkerung mehr Vermögen als die anderen 99 Prozent zusammen. Global lässt sich quasi ein neokoloniales Regime beobachten. Länder des Südens exportieren Rohstoffe und Primärgüter zu tendenziell sinkenden Preisen, während westliche Länder industriell gefertigte Güter zu immer höheren Preisen exportieren können. Auch hier gilt: Wer am längeren Hebel sitzt, kann mehr zulegen. So verarmen weite Teile der Welt. Wir müssen da dringend Korrekturen einleiten. Wie sähen diese Korrekturen auf globaler Ebene aus? Zunächst einmal müsste man sich über faire Austauschbedingungen und Preise verständigen: Wenn die Preise für unsere industriell gefertigten Güter steigen, sollten wir im Gegenzug mehr für die importierten Rohstoffe und Primärgüter bezahlen. Ghana zum Beispiel exportiert derzeit wesentlich mehr Kakao und Kaffee wie in den 80er-Jahren und erhält dafür weniger Geld. Egal, wie sehr sich die Länder des globalen Südens anstrengen – unter den aktuellen Welthandelsbedingungen haben sie immer die grosse Zwei auf dem Rücken. Und wie sollte die Schweiz die soziale Ungleichheit angehen?

Zeitpunkt 155


Dringend die unteren Löhne anheben, dringend die Grundsicherung ausweiten. Eine Möglichkeit sehe ich in der Ausweitung des Anspruchs auf Ergänzungsleistungen: dass sie künftig nicht nur AHV- und IV-Bezüger zustehen, sondern zum Beispiel auch Familien mit Kindern oder generell allen Haushalten mit zu wenig Mitteln. Da die Digitalisierung die soziale Brisanz vermutlich noch verschärfen wird, wäre es sinnvoll und dringlich, zumindest teilweise die Erwerbsarbeit vom Einkommen zu entkoppeln. Einer Gesellschaft geht es dann gut, wenn es möglichst allen gut geht. Die Politik sollte alles unterstützen, was das Ungleichgewicht bei den verfügbaren Einkommen und Vermögen ausgleichen kann. Schauen wir uns in der Schweiz die vergangenen Abstimmungsresultate an, stellt sich die Frage, ob die Bevölkerung solche Korrekturen überhaupt will: Alle Initiativen, die entweder die Reichen zur Kasse bitten oder den Bedürftigen unter die Arme greifen wollten, wurden in der Vergangenheit abgelehnt. Ja, das ist interessant. Wie kommen Leute dazu, ein Stück weit gegen ihre Interessen zu stimmen? Ich habe keine schlüssige Antwort. Wir wissen zu wenig über diese Leute. Vielleicht hat es mit dem schnellen Wandel zu tun, der zu mehr Unsicherheit führt. Da können mächtige Personen den Anschein einer Sicherheit erwecken und das Gefühl geben: Wenn es den Wirtschaftsführern schlechter geht, geht es allen noch schlechter. Früher hatte man das Gefühl, wir lebten in einer Demokratie, dabei hatten Frauen kein Stimmrecht. Und heute haben wir das Gefühl, wir lebten in einer Demokratie, aber die Demokratie macht Halt vor den Pforten der Wirtschaft. Früher ging man noch auf die Strasse, wenn man sich ungerecht behandelt fühlte … Ich kann mir schon vorstellen, dass sich derzeitige Resignation vermehrt in eine Wut und Empörung verkehren kann. Die Anzeichen dafür sind zwar gering, das stimmt. Anderseits hat man die 68er-Bewegung auch nicht kommen sehen. Noch 1967 haben Meinungsforschungsinstitute die Jugend als bieder und angepasst beschrieben; einige Monate später sah alles anders aus. Es muss ja auch nicht nur die Strasse sein. Heute bieten zum Beispiel soziale Medien neue Formen des Widerstandes. Und die angesprochene Individualisierung unserer Gesellschaft kann bei Menschen dazu führen, wieder mehr soziale Kooperation anzustreben. Leider verstärkt die Individualisierung aber auch die Ansicht: «Ich bin selbst schuld, dass ich so wenig verdiene». Sie beschäftigen sich ja nicht nur mit den ärmeren Bevölkerungsschichten, sondern auch mit den vermögenden. Wie ist die Sicht von oben auf die Situation? Den soeben angesprochenen Individualismus findet man auch bei den Reichen. Es gibt viele, die sich selbst auf

Zeitpunkt 155

REICH | ARM

die Schulter klopfen und das Gefühl haben, es sei ihr Verdienst, wenn die Aktienkurse steigen. Oder solche, die ganze Unternehmen erben und dann mit Sozialhilfebeziehenden hadern. Der Neid ist oben mindestens so stark verbreitet wie unten. Alles schlechte Menschen … Keineswegs. Ich habe viele Reiche getroffen, die sich auch Sorgen machen um die gesellschaftliche Zukunft. Die übersättigt sind mit ihren Gütern und sich fragen: Wozu das alles? Einzelne setzen sich auch für den sozialen Ausgleich ein, weil sie fürchten, dass sonst der Arbeitsfriede gefährdet ist. Trotzdem: wir dürfen es nie und nimmer dem Goodwill der Reichen überlassen, dass die Existenzen gesichert werden. Wir als Gesellschaft müssen dafür sorgen, dass der Reichtum in die Pflicht genommen wird. Zum Beispiel mit progressiven Steuern von Kapitalgewinnen, Vermögen und Erbschaften. Wie geht es eigentlich den Reichen? Macht Geld wirklich glücklich? Glaubt man wissenschaftlichen Studien, führt Geld bis zu einer gewissen Höhe zu mehr Zufriedenheit. Das hat mit der grösseren Gesundheit und materiellen Annehmlichkeiten zu tun. Von depressiven Erkrankungen sind jedoch Reich wie Arm ähnlich betroffen. Geht es bei sozialer Gerechtigkeit eigentlich immer nur um Geld? In erster Linie geht es darum, dass alle genug haben. Dabei sind wir sicher stark auf materielle Anstrengungen fokussiert. Natürlich gibt es auch andere Werte, die dabei viel zu kurz «Heute haben wir eine kommen. Anstatt immer Demokratie, die Halt vor den dem Konsum hinterherPforten der Wirtschaft macht.» zurennen, könnten wir uns fragen: Was freut uns wirklich? Was macht uns innerlich zufrieden? Was ist uns wichtig im Leben? Diese Fragen nach dem Sinn sollten wir viel mehr in unseren Alltag integrieren. Was kann der einzelne gegen soziale Ungleichheit unternehmen? Es gibt zahlreiche Menschen, die sich sozial verhalten, das aber nicht an die grosse Glocke hängen. Die etwa bewusst konsumieren, sich für mehr Grün in der Stadt einsetzen oder sich in ihrer Freizeit um sozial Benachteiligte kümmern. Früher dachte ich: Das ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Heute glaube ich, es sind wertvolle Schritte. Vielleicht hievt man damit nicht die Welt aus den Angeln. Aber diese Aktivitäten führen dazu, dran zu bleiben, nicht zu resignieren. Und je mehr Menschen sich an ihrem Ort engagieren, desto grösser ist die Wirkung.

13


SCHWERPUNKT

Das Los der Unsichtbaren Auch in der Schweiz leben längst nicht alle Seniorinnen in Saus und Braus. Viele kommen selbst mit Ergänzungsleistungen nur knapp über die Runden. Andere haben nicht einmal die. Wie Lotti. Von Klaus Petrus (Text & Bild)

L

otti*, 1.65 klein, hat kurze, melierte Haare, ein kantiges Gesicht wie von einem knorrigen Männlein, sie trägt braune Hosen, dazu einen grauen Mantel, sie schlurft und sie ist arm. «Manchmal sage ich, ich sei verwitwet und meine Rente reiche nicht, aber meistens spiele ich die Verwirrte, die Alte, die Dumme, dann haben die Leute Mitleid mit mir und geben mir Geld.» Lotti sitzt in einem Restaurant im Untergeschoss des Berner Bahnhofs und nippt an einem Milchkaffee, den sie sich manchmal gönnt, wenn sie in die Stadt fährt und Passanten anbettelt. Ansonsten ist Lotti, 68 und wohnhaft in CH-3018 Bümpliz, unsichtbar. 1,18 Millionen Menschen sind in der Schweiz von Armut betroffen, das ist fast jeder achte Einwohner. Davon sind mehr als ein Drittel Je reicher ein Land ist, desto Senioren. Sie können nicht tiefer kann der Fall sein. von der Rente leben, sondern sind auf ErgänzungsNicht nur ins finanzielle, leistungen angewiesen – sondern auch ins soziale Loch. oder wären. Denn viele der Betroffenen wollen sie gar nicht beanspruchen, zu gross ist die Scham, die Angst, als Schmarotzer dazustehen. Auch Lotti will das nicht. «Solange es geht, mache ich den Leuten etwas vor, und wenn das nicht klappt, dann verstecke ich mich.» Einladungen nimmt sie keine mehr an, sie hat die Ausreden längst parat: den Sohn im Aargauischen besuchen, ein Arzttermin, mit den Enkeln

14

in den Tierpark, zum Coiffeur, Nachbars Katze hüten. Alles erfunden, denn wer eingeladen wird, muss irgendwann selber einladen. Aber dazu fehlt Lotti das Geld. Und ein Zuhause, das sich zeigen lässt. Das trifft auf ihre 1.5-Zimmer-Wohnung nicht zu. Lotti geht auch nie ins Kino oder an ein Konzert, sie trifft sich nicht mit anderen Senioren zu Tratsch, Klatsch und Kuchen und fährt mit dem Zug, nur wenn es sein muss. Am leichtesten ist es, den eigenen Kindern etwas vorzugaukeln, sagt Lotti. «Die meinen sowieso, im Alter sei man immer zuhause, schaue fern oder löse Kreuzworträtsel.» MIT DEN SCHMERZEN KOMMEN DIE EXISTENZÄNGSTE «Armut als soziale Ausgrenzung», so nennen die Experten diese Ungleichheit, die früher oder später garantiert in die Vereinsamung führt. Dabei war Lotti nicht immer arm. Aufgewachsen ist sie in Thun, dort geht sie zur Schule («ich war die Zweibeste»), arbeitet bei der Post, volle Stelle, gutes Gehalt. Schon bald lernt sie den Schreinermeister Toni kennen, die beiden heiraten, mit 23 ist Lotti zum ersten Mal schwanger, insgesamt werden es drei Kinder, zwei Söhne, eine Tochter. Als der Jüngste in die Primarschule kommt, beginnt Lotti wieder Teilzeit zu arbeiten, zuerst in einem Büro, später im Verkauf, das fühlt sich gut an. Dann macht sich Toni, der Schreiner, mit einer anderen davon und Lotti – gerade vierzig geworden – steht mit den Kindern alleine da. «Jetzt wurde

Zeitpunkt 155


Arm sein nimmt einem alle Kraft, alle Perspektive, alle Hoffnung. Lotti, 68, geht zweimal die Woche betteln, ansonsten ist sie unsichtbar. Foto: Klaus Petrus

es richtig hart, ich musste rund um die Uhr arbeiten, auf einen grünen Zweig kam ich trotzdem nie.» Ein paar Jahre später plagt sie eine Diskushernie, sie beisst die Zähne zusammen und geht eine Weile krumm, dann muss sie sich operieren lassen, kann wochenlang nicht arbeiten. Mit den Schmerzen kommen die Existenzängste, zuerst schleichend, später im Galopp, und Lotti denkt sich: «Heute arm, für immer arm!» Aber sie rappelt sich auf, es reicht für fast nichts, aber es reicht. An ihrem 55. Geburtstag gibt sie für Familie und Kinder am Thunersee ein Fest, es ist ein froher Tag, da reisst sie, wie aus dem Nichts, eine Depression in ein russschwarzes Loch. «Davon habe ich mich bis heute nicht erholt.» Gottlob, sagt Lotti, habe sie dann doch noch eine Arbeit gefunden, als Verkäuferin bei einem der Grossen, geschuftet habe sie für einen Hungerlohn, aber immerhin. «Ich habe nie zu den Ärmsten der Armen gehört», sagt Lotti trotzig. FRAUEN SIND BESONDERS VERWUNDBAR Schaut man sich Statistiken an oder Studien von Pro Senectute, der grössten Interessenorganisation für ältere Menschen in der Schweiz, dann passt Lottis Leben ins Raster. Die meisten, die von Altersarmut betroffen sind, waren nicht immer arm, aber immer wieder. Irgendwann geraten sie in eine Spirale und kommen nicht mehr heraus, dann heisst es: sich einrichten in einem Leben am Rande des Existenzminimums. Besonders verwundbar sind Frauen, auch das zeigen die Studien. Wie im Fall von Lotti sind es vor allem jene, die wegen der Familie gar nicht arbeiten konnten oder über Jahre nur Teilzeitjobs hatten, in jedem Fall aber für viel weniger Geld schuften mussten als ihre Männer – wenn sie denn nicht, wie Lotti, alleinerziehende Mütter waren. All das wirkt sich auf die Rente aus und verschärft nicht nur die vielen, subjektiv gefühlten Entbehrungen, sondern auch die rein ökonomische Armut, die in der Schweiz (für 2015) bei 2239 Franken pro Monat für eine Einzelperson liegt. Bekanntlich sind solche Definitionen von Armutsgrenzen selbst schon ein Politikum, und die strikte Unterscheidung zwischen objektiver, also monetärer Armut, sowie subjektiv empfundener Armut, die als Mangel an sozialer Sicherheit aufgefasst werden kann, ist wohl eher künstlich. In aller Regel greifen nämlich beide Aspekte eng ineinander. Tatsächlich bedeutet Armsein viel mehr als nur wenig Geld haben. Gerade in der Schweiz, die gemessen am Bruttosozialprodukt pro Kopf eines der weltweit reichsten Länder ist. Denn je reicher ein Land ist, desto tiefer kann der Fall sein, nicht bloss ins finanzielle, sondern vor allem auch ins soziale Loch.

Zeitpunkt 155

REICH | ARM

KEINE SPAZIERGÄNGE, KEINE POLITIK Auch Lotti meint, man könne sich mit wenig Geld einigermassen einrichten. «Wenn du nur nicht die ganze Zeit daran denken musst!» Zum Beispiel, wie viel man einsparen kann, wenn man ein halbes Kilo Budget-Zwieback für 1.65 Franken kauft statt eine normale Packung von 250 Gramm für 3.20. Oder Kaffee für 5.85 statt für 10.40. Sechs Himbeer-Joghurts aus der Billiglinie für insgesamt 2.40 Franken statt ein fruchtiges für 75 Rappen. Oder eine Packung Cervelats zum Aktionspreis von 3.95, damit wieder mal Wurst auf dem Teller ist. Und so weiter. «Plötzlich kannst du an nichts anderes mehr denken, du bist wie besessen, schaust nur noch auf Preisschilder, Aktionen, du rechnest den ganzen Tag auf und auf.» Das war der Augenblick – irgendwann während dieser schlimmen Depression –, da hatte Lotti aufgehört, sich für das Leben um sie herum zu interessieren. Keine Telefonate mit Freundinnen mehr, keine Sportsendungen, keine Spaziergänge, keine Schlagermusik und Politik sowieso nicht. JEDES SIEBTE RENTNERPAAR VERMÖGEND Was die Statistiken auch zeigen: Lotti ist, aufs Ganze gesehen, wenn keine Ausnahme, so doch auch nicht die Regel. Der Mehrheit der Schweizer Rentnern geht es nämlich so komfortabel wie keinen anderen Senioren weltweit. Im Schnitt sind sie vermögender als Leute im Erwerbsalter; Studien zufolge verfügt jedes siebte Rentnerpaar in der Schweiz über ein Nettovermögen von einer Million Franken aufwärts. Und sie sind glücklich, erfüllt und zuversichtlich, das jedenfalls sa«Viele meinen, im Alter sei man gen sie in Umfragen. Ganz offensichtlich ist finanzielimmer zuhause, schaue fern le Sicherheit die Basis, um oder löse Kreuzworträtsel.» mit einer gehörigen Portion Unbeschwertheit auch im Alter noch Pläne zu schmieden, Ziele zu verfolgen und das eigene Leben noch einmal in die Hand zu nehmen. Umgekehrt sind Menschen mit existenziellen Ängsten weit weniger gut in der Lage, mit Krisen selbstbestimmt umzugehen. Wenn Sorgen den Alltag überschatten, wenn die Angst zum ständigen Begleiter wird, dann bleibt kein Platz mehr für Träume und auch keine Kraft, um Neues in Angriff zu nehmen. «Ich hatte manchmal ein gutes Leben», sagt Lotti, und man muss sich zu ihr hinüberbeugen, so leise und gepresst ist ihr Stimme. «Aber ich habe kein gutes Alter.» In einer Gesellschaft, die Autonomie und Selbstverwirklichung über alles stellt, fühlt sich die alte Frau verloren. Sie, die immer überlegen muss, was sie morgen nicht haben kann, weil sie heute dieses kauft statt jenes. Die immer von der Gunst anderer abhängig ist. Und für alles • betteln muss. Die sich deswegen oft wertlos vorkommt Das ist das Verdammte an und überflüssig, die manchmal sehr traurig ist und fast den kleinen Verhältnisse, immer müde und die sagt: «Armsein kann so anstren- dass sie die Seele klein machen. gend sein. Armsein raubt dir alle Energie.» *

Name der Redaktion bekannt

Henrik Ibsen

15


SCHWERPUNKT

Das Elend der «imperialen Lebensweise» Unsere Wirtschaftsweise vergrössert nicht nur die soziale Kluft zwischen Norden und ­Süden. Sie beutet auch die Natur aus. Von Hanspeter Guggenbühl

D 

ie wachsende Wirtschaft lässt das Kapital der Natur schrumpfen. Das wissen wir seit 1972, als Donella und Denis Meadows ihr Buch «Die Grenzen des Wachstums» veröffentlichten. Heute beansprucht die Menschheit bereits anderthalb Mal so viele natürliche Ressourcen, wie unser Planet regenerieren kann. Das zeigt die globale Naturbuchhaltung, die der Schweizer Mathis Wackernagel mit seinem «Global Footprint Network» erstellte und jährlich aktualisiert. Dabei vergleicht er den ökologischen Fussabdruck mit der natürlichen Biokapazität der Erde, beides gemessen in fruchtbaren Hektaren Fläche pro Durchschnitts-Person und Jahr. Soviel zur Menge des globalen Naturverbrauchs. NATURTRANSFER: NORDEN ZEHRT VOM SÜDEN Nun zur Verteilung. An der Ausbeutung des schrumpfenden Naturkapitals partizipiert die Welt in unterschiedlichem Mass: Am grössten ist der ökologische Fussabdruck in Nordamerika, gefolgt von Europa, am kleinsten in Afrika. So beansprucht eine Person in den USA die Natur im Schnitt zehnmal stärker als eine Person in der rohstoffreichen Republik Kongo. Noch grösser ist die Differenz zwischen Personen, die in den USA oder Europa zur Oberschicht gehören, und Menschen unterhalb dem Existenzminimum in Asien und Afrika. Dazu kommt: Nicht alle Staaten verfügen pro Kopf der Bevölkerung über gleich viel BiokaUnsere Lebensweise beruht auf pazität. Im dicht besiedelExklusivität – eine Exklusivität, ten Europa oder in China welche die Profiteure auf keinen ist der ökologische Fussabdruck der dort lebenden BeFall preisgeben wollen. völkerung doppelt so hoch wie die natürliche Kapazität ihres Territoriums. Die ökologischen Schuldnerstaaten im Norden übernutzen damit nicht nur ihre eigene Natur auf Kosten von nachfolgenden Generationen. Sie plündern zusätzlich die Natur im Süden (von der Rohstoffausbeutung bis zur Landaneignung) oder missbrauchen ihn als Halden und Senken für ihre Abfälle (von Elektroschrott bis zum CO2). Daraus entsteht ein ökologischer Transfer von Süden nach Norden.

16

WENN ALLE SO LEBTEN WIE WIR Die Ausbeutung des Südens durch den Norden beschränkt sich nicht auf den Naturverbrauch. Noch ausgeprägter ist das wirtschaftliche Gefälle: Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf der Bevölkerung ist in den westlichen Industriestaaten vier bis zehn Mal so hoch wie im Weltdurchschnitt und über fünfzig Mal so hoch wie in den ärmsten Ländern Afrikas und Asiens. Ein anderer Vergleich: Wenn alle 2,4 Milliarden Inderinnen und Chinesen so wirtschaften wollten, wie die 0,8 Milliarden Europäer und US-Amerikanerinnen es tun, so müssten sie ihr BIP pro Kopf im Schnitt um den Faktor acht erhöhen. Wie stark dieses – nach der Maxime der Gleichberechtigung legitime – Wachstum unseren Planeten zusätzlich belasten würde, mögen sich die Lesenden selber ausmalen. Soweit die alte Geschichte, wie sie in mehreren wachstumskritischen Büchern nachzulesen ist. Neu erzählt und erweitert wird sie vom Politologen Ulrich Brand und vom Ökonomen Markus Wissen unter dem Begriff «imperiale Lebensweise»; ihr gleichnamiges Buch ist 2017 im Oekom-Verlag erschienen mit dem Untertitel «Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus». UNSERE LEBENSWEISE – EXKLUSIV ODER TOT Als «imperial» bezeichnen und beschreiben die beiden Autoren die Lebensweise, die sich die meisten Menschen «im globalen Norden» sowie eine wachsende Minderheit von Menschen im «globalen Süden» leisten. Sie zeichnet sich aus durch hohen Wohnstandard, Autobesitz, Fernreisen, bevorzugt im Flugzeug, sowie üppigen Konsum von weiteren Gütern und Dienstleistungen. Die Beschreibung dieses für uns längst alltäglich und selbstverständlich gewordenen Wohlstandslebens, verknüpft mit dem Begriff «Imperialismus», öffnet eine neue politische Sicht auf schon bekannte Informationen. Und sie führt uns wieder einmal vor Augen, dass das Private politisch ist. Die Art, wie wir kollektiv produzieren und individuell konsumieren, führt, wie eingangs skizziert, zu globaler Übernutzung der natürlichen Lebensgrund-

Zeitpunkt 155


REICH | ARM

Illustration: David Chen/Illustration Source

lagen, zur Umverteilung von Naturkapital zu Gunsten des Nordens sowie von Abfällen zu Lasten des Südens, und sie stützt das wirtschaftliche Gefälle zwischen arm und reich. Unsere Lebensweise beruht also auf Exklusivität – eine Exklusivität, welche die Profiteure auf keinen Fall preisgeben wollen: «Der amerikanische Lebensstil ist nicht verhandelbar», sagten US-Präsidenten, schon bevor Donald Trump mit dem Slogan «America first» antrat. Die «Erhaltung unseres Wohlstands» gilt als oberste Maxime von Regierungen, Parlamenten und den meisten Medien auch in der Schweiz. Diese Form von Wohlstand erscheint heute als derart attraktiv, dass der überwiegende Teil der Weltbevölkerung daran teilhaben möchte, sei es durch wirtschaftlichen Aufstieg in den Entwicklungs- und Schwellenländern des Südens, sei es mittels Emigration nach Norden. Doch je mehr Menschen das gelingt, «desto eher geht der imperialen Lebensweise die Geschäftsgrundlage verloren», formulieren die Autoren und spitzen diesen paradoxen Sachverhalt an anderer Stelle zu: «Die imperiale Lebensweise ist derzeit im Begriff, sich zu Tode zu siegen.» GRÜNE WIRTSCHAFT ALS «FALSCHE ALTERNATIVE» Der Konflikt zwischen sich ausbreitendem materiellen Wohlstand und schrumpfendem Naturkapital lässt sich entschärfen, wenn wir Energie und andere Naturgüter effizienter nutzen, Stoffkreisläufe schliessen, von Kohle und Öl auf Sonnen- und Windenergie und von Ottoauf Elektromotoren umsteigen. Diese Meinung vertreten Wissenschaftlerinnen, Technokraten, Regierungen, die meisten Ökonomen, und selbst Umweltverbände hegen diese Hoffnung. «Grüne Ökonomie» ist eine «falsche Alternative», entgegnen Ulrich Brand und Markus Wissen. Denn: Ein «grüner Kapitalismus» stelle «die imperiale Lebensweise nicht grundsätzlich in Frage». Gerade das sei aber nötig, denn diese Lebensform ist nicht nur ökologisch fatal. Sie enthält und verstärkt auch ökonomische, politische und soziale Konflikte. Die Autoren schreiben wiederholt von

Zeitpunkt 155

einer «multiplen Krise», und sie warnen mit linkem Slang davor, diese Krise von einzelnen Interessengruppen ausschlachten zu lassen: «Wir erleben, dass die multiple Krise bestenfalls grünkapitalistisch, tendenziell aber autoritär, neoliberal oder rechtsextrem bearbeitet und damit die imperiale Lebensweise verteidigt wird.» ANALYSE AUSGEZEICHNET, AUSWEGE SCHWAMMIG Im letzten Kapitel mit dem Titel «Konturen einer solidarischen Lebensweise» skizzieren Brand und Wissen Wege, um die imperiale Lebensweise zu überwinden. Als Leser der vorangehenden Informationen und Analysen hätte man an dieser Stelle zum Beispiel ein Plädoyer für ein ExisGrüne Ökonomie ist keine tenzmaximum erwarten Alternative, weil sie unsere können, welches die Lebensgrundlagen unseres Lebensweise nicht grundsätzlich Planeten nicht übernutzt in Frage stellt. und damit weit unter dem heutigen Konsumstandard in den westlichen Indus­t rie­ staaten liegen müsste, sowie Vorschläge, wie und mit welchen Mitteln dieser kleinere Kuchen global gerecht verteilt werden kann. Doch im vorliegenden Buch bleibt das abschliessende Kapitel abstrakt, unverbindlich und schwammig. «Veränderungen müssen an verschiedenen Punkten ansetzen», heisst es etwa, ohne dass diese Punkte konkretisiert werden. Oder: Statt sich den falschen Wohlstandsversprechen zu ergeben, gelte es, «Formen des gerechten, solidarischen und nachhaltigen Wohlstands zu schaffen und zu leben», was immer das heissen mag. Dort, wo die Rezepte einmal konkret werden, wirken sie herzig (Coca-Cola-Automaten aus der Schule verbannen, Urban Gardening, Tierrechte stärken, etc.) oder altbacken (Ausstieg aus der Kohle, Klimagerechtigkeit). Der Report über die «imperiale Lebensweise» stösst Ulrich Brand, Markus Wissen: damit an die gleichen Grenzen wie andere Sachbücher, «Imperiale Lebensweise: Zur welche die Lage der Menschheit thematisieren: Das glo- Ausbeutung von Mensch und bale Wachstums- und Verteilproblem wird inhaltlich Natur in Zeiten des globalen ­Kapitalismus», 224 Seiten, breit und formal brillant analysiert, die Vorschläge zur oekom verlag München 2017. Lösung des Problems aber sind schwach. 21.90 CHF/14.95 EUR

17


SCHWERPUNKT

Die Tagelöhner des 21. Jahrhunderts

Wie in München Arbeitssuchende aus Südosteuropa unter Brücken schlafen und aus dem sozialen Netz fallen. Von Rudolf Stumberger (Text & Bilder)

W

er wissen will, wie Freiheit ohne Gleichheit aussieht, der kann das unter der Münchner Corneliusbrücke tun. Diese überquert in der Stadtmitte die Isar, die steinernen Brückenpfeiler reichen bis in das trockene Hochwasserbecken hinein. Dort wohnen Ismet (47), Valentin (53) und Kasimir (43), die Tagelöhner des 21. Jahrhunderts. Sie sind aus Bulgarien nach München gekommen, auf der Suche nach Arbeit. Zwar haben sie nach EU-Recht die Möglichkeit, in Deutschland zu arbeiten. Eine Wohnung können sich aber die wenigsten von ihnen leisten. Deshalb hausen sie unter der Auf dem «Tagelöhnerstrich» Brücke, schlafen auf herwarten die Männer aus beigeschleppten MatratSüdosteuropa, bis sie jemand um zen. Auf einem Tisch aus dem Sperrmüll steht eine Arbeit anheuert. Blumenvase. «Ich bin hier verloren», sagt Kasimir und zeigt seine Plastiktüte mit Pfandflaschen. Sein Verdienst, wenn es sonst keine Arbeit gibt. Auf der Unterseite des Brückenbogens haben die Männer mit Klebeband einen Zeitungsausschnitt angebracht. «Tod eines Obdachlosen», lautet die Überschrift. Es geht um Hristo Vankov, bis vor kurzem noch einer von ihnen. Der 57-Jährige hat das Leben auf der Strasse nicht überlebt, er starb an seiner Diabeteserkrankung. «Bayern ist das Paradies», verkündete der bayerische Ministerpräsident auf dem Parteitag der CSU im De-

18

zember 2017. Im Freistaat herrscht zu diesem Zeitpunkt eine Arbeitslosigkeit von 2,9 Prozent, was praktisch als Vollbeschäftigung gilt. Die Wirtschaft boomt und junge Erben müssen sich nicht mehr zwischen Porsche und Eigentumswohnung entscheiden. Doch das Paradies des konservativen Ministerpräsidenten ist das Paradies des Neoliberalismus: Den leistungslosen Vermögen aus Erbschaft und den leistungslosen Einkommen aus Kapital stehen die Löhne der Abhängigen gegenüber, die sich als U-Bahn-Fahrer, Paketzulieferer, Verkäuferin oder Kellner abschuften. Wo man sich auf der Belle-Etage der Stadtresidenzen im Lichte des Reichtums und Wohlstands sonnt, herrscht am Fusse der gesellschaftlichen Leiter die Dunkelheit sozialer Verwundbarkeit. Deutschland habe wieder ein Mass der sozialen Ungleichheit wie im Jahre 1913, heisst es in einer Untersuchung von Forschern um den französischen Ökonomen Thomas Piketty. Mitten im 21. Jahrhundert kehrt also das 19. Jahrhundert zurück: Mit Bettlern, die an Häuserecken kauern und ihre Beinstümpfe herzeigen. Mit Tagelöhnern, die ab morgens sechs Uhr auf Arbeit hoffen. Mit Menschen, die auf den Gittern von Heizungsschächten schlafen. DEUTSCHLAND ALS BEVORZUGTES ZIEL Acht Uhr morgens an der Ecke Landwehr- und Goethestrasse in München: Es ist ein kalter Tag und während die Gemüsehändler ihre Ware ausladen, stehen an der Ampel ein Dutzend Männer und wärmen ihre Hände

Zeitpunkt 155


an den Pappbechern mit Kaffee. Hier ist der sogenannte Tagelöhnerstrich, Menschen aus Bulgarien und Rumänien warten, bis sie jemand für einen Job anheuert. Als Putzkraft oder für Bauarbeiten. Hier sind die Tagelöhner des 21. Jahrhunderts ein paar Stunden sichtbar, dann verschwinden sie wieder im Getriebe der Stadt. Die meisten stammen aus Pasardschik, einer Stadt mit knapp 70 000 Einwohner in Zentralbulgarien. Und wie die meisten gehören sie der türkischsprachigen Minderheit an. «Ich will arbeiten und Geld verdienen», sagt einer, der schon drei Jahre in München lebt. Es ist ganz einfach: Zuhause gibt es keine Arbeit, und wenn, dann für knapp eineinhalb Euro die Stunde. In Deutschland kann man in drei Monaten so viel verdienen wie in Bulgarien in einem Jahr. Wenn es von den Temperaturen her noch geht, schlafen die meisten im Freien: In Parks, unter Brücken, in Hauseingängen, in alten Autos. Wenn Schnee fällt, gehen die Tagelöhner in das Winterquartier, in die Bayernkaserne, draussen im Norden am Rande der Stadt. Deutschland ist für die südeuropäischen Arbeitsemigranten das bevorzugte Ziel. Derzeit leben in und um München rund 13 000 Bulgaren und knapp 18 800 Rumänen, viele davon in prekären Verhältnissen. Zwar gilt für die beiden EU-Länder die Arbeitsfreizügigkeit, doch das soziale Netz für diese Menschen aus der Armutszuwanderung, wie es im Fachjargon heisst, ist löchrig. Zum Beispiel bei der gesundheitlichen Versorgung.

Zeitpunkt 155

REICH | ARM

Heimat der Tagelöhner: die HARTE ARBEIT, KEIN LOHN Zuflucht finden die Arbeitssuchenden in dem Beratungs- Corneliusbrücke in München. café der Arbeiterwohlfahrt. Dort helfen Mitarbeiter beim Zum Glück kümmert sich Ausfüllen von Formularen, vermitteln medizinische Hil- Lisa Riedner um ihre Rechte fe und bieten kostenlose Deutschkurse an. Hier können und fährt notfalls selbst auf sich die Männer ausruhen, einen Tee kochen, die Toilette die Baustelle, um das Geld benutzen. Neben Integrationskursen der Volkshochschu- einzutreiben (rechts unten). le bietet die Agentur für Arbeit einmal pro Woche eine Beratung in der Muttersprache der Arbeitssuchenden an. Ismet und Valentin von der Corneliusbrücke treffen sich heute im Beratungscafé mit Lisa Riedner. Sie kümmert sich mit der Initiative Zivilcourage um die Menschen aus Südeuropa. Die junge, engagierte Frau spricht sogar ein wenig Türkisch, neben dem Bulgarischen die Sprache der Minderheiten. Wo man sich in der Belle-Etage Bei dem Beratungstermin heute geht es um den ausim Lichte des Reichtums und stehenden Lohn von Ismet Wohlstands sonnt, herrscht und Valentin. Beide sind am Fusse der gesellschaftlichen von einem Subunternehmen für eine Baustelle Leiter die Dunkelheit sozialer im Norden von München Verwundbarkeit. angeheuert worden. Eine Woche haben sie dort gearbeitet, aber Geld haben sie bisher nicht gesehen. Jetzt soll Lisa Riedner mit ihnen auf die Baustelle fahren und mit der Bauleitung reden, damit sie ihren Lohn bekommen. Ausserdem wollen sie das noch ausstehende Geld für ihren verstorbenen

19


SCHWERPUNKT

Vankovs Schicksal zeigt: Sterben ist auch eine Frage der sozialen Absicherung.

20

Freund Hristo Vankov abholen, auch er hatte vor ein paar Wochen auf der Baustelle gearbeitet. Sein Schicksal zeigt: Sterben ist auch eine Frage der sozialen Absicherung. Einige Monate vor seinem Tod hatte sich der 57-jährige Bulgare mit Hilfe der Initiative Zivilcourage sogar einen kleinen juristischen Sieg errungen: Er hat sich mit einer Klage einen Platz im Obdachlosenheim erkämpft. KAMPF UM PLATZ IN OBDACHLOSENHEIM Eigentlich haben alle Obdachlose einen Anspruch auf einen Schlafplatz. Dazu müssen sie aber nachweisen, dass sie in den Heimatländern über keine Wohnung verfügen. So will es eine Dienstanweisung des Münchner Sozialreferats von 2016. Darin heisst es: «Das Vorhandensein einer Wohnung wird vermutet, wenn eine Anschrift bzw. ein Wohnsitz im ausländischen Nationalausweis eingetragen ist.» Entkräftet werden könne diese Vermutung durch eine entsprechende Kündigungsbestätigung des Vermieters. Derartige Dokumente wollte die Münchner Wohnungslosenhilfe sehen, bei der Vankov wegen einer Aufnahme in eine Notunterkunft vorsprach. Die hatte er aber nicht. Mit Unterstützung der Initiative Zivilcourage klagte er schliesslich vor dem Verwaltungsgericht. Das entschied am 9. August, dass die Stadt ihm einen Platz in einer Notunterkunft zur Verfügung stellen müsse. Für seine Einlassung, er verfüge in Bulgarien über keine Wohnung, spreche, so das Gericht in dem Urteil, «dass sich der Antragsteller trotz seiner schlechten gesundheitlichen und finanziellen Lage kaum seit mindestens sieben Jahren in München aufhalten würde, wenn er in Bulgarien ein funktionierendes soziales Netzwerk zur Verfügung hätte». Vorrang habe, dass Vankov nicht «ohne Obdach und schutzlos den Witterungsbedingun-

gen ausgesetzt» sei. Die Unterbringung war allerdings befristet bis 1. Oktober. Den Termin hat Vankov nicht mehr erlebt. Er starb zwei Wochen davor an seiner Krankheit in Bulgarien. Er war dabei, die nötigen Dokumente aufzubringen. «Zusammenhänge zwischen seinem Tod, der langjährigen Obdachlosigkeit und dem Ausschluss von sozialen Leistungen inklusive der Krankenversicherung liegen meiner Meinung nach auf der Hand», ist Lisa Riedner von der Initiative Zivilcourage überzeugt. Jetzt steht sie auf der Baustelle in Feldmoching, um für die Rechte von Ismet und Valentin einzustehen. Zuerst versuchen sie den Vorarbeiter zu finden, der ihnen die Arbeit beschafft hat – vergebens. Auch den Namen der Subfirma, die sie angeworben hat, wissen die beiden Bulgaren nicht. Nur, dass der Mann «Theo» heisst. Schliesslich gehen sie in das Büro der Bauleitung. Der anwesende Ingenieur hört sich die Forderung der beiden Arbeitsmigranten an, Lisa Riedner übersetzt und sagt auch schon mal resolut: «Das Beste wäre, sie würden den Männern jetzt ihren Lohn auszahlen!» Der Bauleiter hört sich das an, danach gehen sie zusammen auf die Baustelle und die Männer zeigen, wo sie welche Arbeiten verrichtet haben. Immerhin wird jetzt klar, welcher Subunternehmer in der Schuld steht. Der Bauleiter verspricht, er werde sich an die Firma wegen des fehlenden Lohns wenden, das könne aber ein paar Tage dauern. Für heute bleibt den Männern aus Bulgarien nichts anderes übrig, als wieder nach Hause zu fahren, unter die Corneliusbrücke. Doch diesmal geht die Geschichte gut aus. Eine Woche später schreibt Lisa Riedner per Mail: ­«Ismet hat mir gestern berichtet, dass der Subunternehmer ihm und seinen Freunden das geforderte Geld ausgezahlt hat.»

Zeitpunkt 155


REICH | ARM

Spenden für Profis Gutes Geld verdienen macht Spass. Geld für einen guten Zweck einsetzen glücklich. Rita Fleer will als Von Samanta Siegfried Effektive Altruistin beides zusammenbringen.

E

igentlich wollte Rita Fleer Ärztin werden. Seit der fünften Klasse, nach der Lektüre über die Entwicklungshelferin Lotti Latrous, träumt sie davon: etwas Sinnvolles tun, Leben retten, ganz konkret. Kurz vor dem Numerus Clausus bekam sie erstmals kalte Füsse: Was, wenn ich die Prüfung nicht bestehe? Sie hatte keinen Plan B. Es war 2008, die Finanzkrise erreichte ihren Höhepunkt und Fleer fing an, sich für die Hintergründe zu interessieren. «Ich verstand nicht, was passierte, und wollte lernen zu verstehen», sagt sie heute. Als sie den Numerus Clausus dann doch bestand, hatte sie ihren Entschluss bereits gefasst: Sie wollte Wirtschaft studieren. «Vielleicht eröffne ich mit meinem Geld irgendwann ein Kinderkrankenhaus», hatte sie ihrer Mutter noch zur Beruhigung gesagt, die etwas betrübt über den Entscheid der Tochter war. Heute ist Rita Fleer 26 Jahre alt. Seit einem Jahr arbeitet die gebürtige Berner Oberländerin als Ökonomin für eine einflussreiche Schweizer Bank. Zwar hat sie noch kein Kinderkrankenhaus eröffnet, dafür spendet sie mindestens 10 Prozent ihres Einkommens an ausgewählte Hilfsorganisationen. Denn seit 2013 ist Fleer eine EA, eine Effektive Altruistin. Sie gehört damit einer internationalen Bewegung an, die nichts geringeres will als die Welt verändern. Die Mitglieder nehmen dafür an keinen Protestmärschen teil, bauen keine Brunnen in Afrika und organisieren auch keine Deutschkurse für Flüchtlinge. Ihre Ressourcen sind Geld und das Wissen, wie man dies am effektivsten einsetzt, um die Welt zu verändern. HERZ UND KOPF VERBINDEN Dabei gehen sie pragmatisch vor, das Zauberwort heisst Kosteneffektivität. Man versucht zu analysieren, bei welcher Organisation eine Spende am meisten Leid, Todesfälle oder Krankheiten verhindern kann. Solche Analysen werden vor allem von den Organisatio-

Zeitpunkt 155

Die Bewegung zählt in der Schweiz etwa 200 Menschen, weltweit sollen es rund 3000 sein. Die meisten von ihnen sind zwischen 25 und 40 Jahre jung und kommen aus einem akademischen Milieu. «Der wissenschaftliche Ansatz überzeugt viele Studenten», sagt Rita Fleer. Sie leitet die Gruppe der EAs an der Universität Bern und organisiert Treffen, Workshops und Vorträge zum Thema.

nen GiveWell and Animal Charity Evaluators durchgeführt, an deren Empfehlungen sich auch die Bewegung orientiert. Ganz oben auf der Liste stehen derzeit die Deworm the World Initiative oder die Against Malaria Foundation. Neben Spenden an Hilfsorganisationen verfolgt die junge Ökonomin Fleer noch eine andere Strategie: die sogenannte Meta-Spende. Sie investiert ihr Geld in die Stiftung der Effektiven Altruisten. Indem sie die Bewegung unterstützt, kann diese noch mehr Menschen und damit potenzielle Spender für sich gewinnen – und noch mehr Menschenleben retten. So trocken dieser Hilfsansatz erscheinen mag, auch effektive Altruisten handeln mit Gefühl. «Es geht darum, Herz und Kopf zu verbinden», sagt Rita Fleer.

Wie kann meine Spende am meisten Leid, Todesfälle oder Krankheiten verhindern?

EIN LEHRER IST ERSETZBAR Eine zentrale Rolle spielt neben den Spenden die Berufswahl. Auch dort lassen sich viele der Effektiven Altruisten ganz von der Pragmatik leiten und entscheiden sich für den Weg des professionellen Spendens: Man sucht sich einen gut bezahlten Beruf, der bestenfalls auch Spass macht, und investiert 10 bis 50 Prozent seines Gehalts in eine Hilfsorganisation. Ein Argument für diese Strategie, die sich earning to give nennt, sei die Unersetzbarkeit: Würde Rita Fleers Stelle sonst jemand besetzen, würde jene Person wohl nicht ebenfalls einen Prozentsatz ihres Einkommens spenden. Wählt man dagegen etwa den Beruf des Lehrers, einen Beruf mit direkter alturistischer Wirkung, sei zu beachten, dass ein anderer an der gleichen Stelle diesen Beruf wohl ähnlich kompetent ausüben könnte. Doch wie hält sie es als Ökonomin bei einer renommierten Bank, die vielleicht selbst in zweifelhafte Investitionen verstrickt ist? «Es ist ein Abwägen», weicht Rita Fleer aus. Direkten Schaden sollte der Beruf nicht anrichten. Gleichzeitig könnten die Spenden das Ausmass potenziell negativer Folgen des Jobs unter Umständen abschwächen. Am besten sei natürlich eine Win-win-Situation. Guter Job, gute Spende. Rita Fleer ist überzeugt: «Karriere und Gutes tun schliessen sich nicht aus.» Man muss ja nicht gleich die zweite Lotti Latrous werden. www.effektiveraltruismus.de

21


SCHWERPUNKT

Bera Hofer ist in Bern geboren und zeichnet in Brienz. www.zeichenbuero.ch

22

Zeitpunkt 155


REICH | ARM

Die Kunst, aus wenig viel zu machen Gibt es einen östlichen Weg für ein glücklicheres und nachhaltiges Leben? Die japanische Ökonomin Von Christine Ax Junko Edahiro ist fest davon überzeugt.

D

as japanische Institut für Glückss­ tudien, Ökonomie und Gesellschaft (ISHES) von Junko Edahiro macht regelmässige Erhebungen und berät Menschen und Unternehmen auf der Suche nach einem guten Leben abseits der Konsumgesellschaft. Das Inselreich liefert viele gute Beispiele. WAS WIR NICHT HABEN, BRAUCHEN WIR AUCH NICHT Auf Ama, drei Stunden Bootsfahrt von der Hauptinsel entfernt, leben gerade einmal 2370 Einwohner. Wie viele ländliche Regionen in Japan ist Ama vom demografischen Wandel besonders stark betroffen. Die Bevölkerung altert und schrumpft besonders schnell. 2005 hat die Gemeinde beschlossen, den Kampf um ihre Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. Der Bürgermeister kürzte sein Gehalt um 50 Prozent und das der anderen städtischen Mitarbeiter auch – allerdings nicht ganz so radikal. Alle frei werdenden Haushaltsmittel wurden in Massnahmen investiert, um die Region nachhaltig zu stärken und zu verjüngen. Ama ermutigte seine Jugend, die Hochschule zu besuchen und umwarb mit Hilfe von Stipendien und Austauschprogrammen Festlandjapaner und ausländische Studenten, in Ama zu studieren. Beides mit grossem Erfolg. Zeitgleich starteten die Verantwortlichen eine eigenständige Regionalentwicklung unter dem Motto «Naimono-wa-nai», bedeutet so viel wie: «Was wir nicht haben, brauchen wir nicht, weil wir alles, was wir wirklich brauchen, hier finden und/oder selber herstellen können.» Die Investition in die Jugend und in kulturelle Vielfalt hatten ebenso Erfolg wie die Ermutigung, die eigenen Fähigkeiten und den Reichtum der Natur zum Ausgangspunkt von Innovationen zu machen. Neue Produkte wurden entwickelt und eine wachsende

Zeitpunkt 155

Zahl an Start-ups trägt dazu bei, dass junge Menschen sich wieder eine Zukunft auf Ama wünschen und sie sogar selber in die Hand nehmen. IM EINKLANG MIT DEN INNEREN BEDÜRFNISSEN Auch Nishiawakura, ein kleiner Landkreis westlich von Kyoto, hat einen Weg gefunden, die Zukunft der Region zu sichern. 2008 präsentierten die Bürger ihre «Jahrhundertvision» für die nächsten 50 Jahre. Denn so wie die älteren Bewohner Nishiawakuras vor 50 Jahren in die Zukunft investiert und für nachfolgende Generationen vorgesorgt haben, indem sie die Wälder der Region pflanzten und bewahrten, ist es heute das Ziel Nishiawakuras alles zu tun, damit die Menschen auch in 50 Jahren noch gut leben können und die Gemeinde als Ganzes blüht und gedeiht. Ausgehend von der Beobachtung, dass die meisten Menschen entweder zum Typ «Jäger» oder zum Typ «Landwirt» gehören, hat der Landkreis zwei Strategien entwickelt, die es der Jugend und Neubürgern ermöglichen, ihre eigene Visionen zu finden und zu leben. In der «Nishiawakura Local Venture School» wurden in den letzten drei Jahren über 100 Start-ups betreut und die Gründung von 13 Unternehmen ermöglicht, die 2017 über 800 Millionen Yen (7,2 Millionen Dollar) Umsatz gemacht haben. Wer nach der ersten Phase der Businesspläne zur Förderung ausgewählt

Der Mensch ist Getriebener einer Energie, die ihm vorgaukelt, dass alles noch immer nicht gut genug ist.

wird, bekommt ein umfassendes Coaching und schliesslich das Kapital für die Gründung. Über die ganze Zeit hinweg werden die Jungunternehmer immer wieder ermutigt, sich die Frage zu stellen: «Ist das, was du jetzt planst, wirklich im Einklang mit deinen tiefsten inneren Wünschen?» Und wer zum Typ «Landwirt» gehört und seinen Ruf noch nicht gefunden hat, kann am Nishiawakura Local Life Laboratory (LLL) teilnehmen und ein Jahr lang mit der Dorfgemeinschaft leben, um auf diese Weise herauszufinden, was in ihm steckt. Nishiawakura ermöglicht so den Menschen, die der Hektik der Grossstädte entfliehen wollen, den eigenen Bedürfnissen auf den Grund zu gehen – in einem Dorf, das den Zuzügern mit grosser Wärme begegnet. DEN GEFÜHLTEN MANGEL ÜBERWINDEN Aus wenig viel zu machen ist nach Junko Edahiros Überzeugung tief in der japanischen Kultur verankert und hat seine Wurzeln sowohl in den geistigen Traditionen (Zen) als auch in der Geschichte Japans. Buddhas wichtigste Lehre beruht auf seiner Erkenntnis, dass der Mensch Getriebener einer Energie ist, die ihm immer wieder vorgaukelt, dass alles noch immer nicht gut genug ist. Um diesen gefühlten Mangel zu beheben, seien die Menschen im Westen bereit, sehr hart zu arbeiten, um Karriere zu machen und ihren Besitz zu mehren. Der östliche Weg hingegen erfordere das Loslassen unserer Begierden. Man könnte es auch mit den Silben «sho-yoku-chi-soku» beschreiben, was so viel bedeute wie «ich werde Zufriedenheit erfahren, wenn ich weniger brauche». «Ich glaube», sagt Junko Edahiro, «wir Asiaten sollten den Gedanken der Suffizienz, der Genügsamkeit und des Respektes vor den Grenzen der Natur in die Welt tragen. Denn das ist es, was uns letztlich dauerhaft glücklich macht.»

23


SCHWERPUNKT

Wasser: Ware oder Wesen? Vom Schicksal des Wassers im Kapitalismus – und wie Wasser diesen transformieren kann. Von Leila Dregger

E

nde Februar in Südportugal. Panik bei den Bauern, Sorge bei den Bürgermeistern: Der Winterregen ist ausgeblieben. Schon die letzten Jahre fiel die Niederschlagsmenge unterdurchschnittlich aus. Bohrlöcher sind leer, Bäche ausgetrocknet, ebenso der Staudamm, der zur Not Trinkwasser liefert, und aus dem Hahn kommt nur noch braune Brühe. Wie sollen die Dörfer bloss durch den Sommer kommen? Südeuropa in Zeiten des Klimawandels zeigt, was in vielen Teilen der Erde bereits Realität ist und in einigen Jahren auch weiter nördlich geschehen könnte: Wassermangel erzeugt Armut. Das geschieht nicht nur durch veränderte Regenmuster, sondern vor allem durch ein Missverständnis, was Wasser eigentlich ist. Wasser ist keine Ware. Wasser ist Leben. Es als etwas Heiliges zu achten, das wir alle brauchen und das deshalb niemand besitzen darf, könnte eine letzte Chance sein, den Wasserkollaps des Planeten abzuwenden. Der Wasserverbrauch stieg im 20. Jahrhundert etwa doppelt so stark wie die Weltbevölkerung. Im Jahr 2025 könnten zwei Drittel aller Menschen unter Wassermangel leiden. Nach dem Erdbeben in Haiti 2010 wurde Wasser so knapp, dass Entwicklungshelfer meldeten: «Ab jetzt ist auf Haiti Wasser die Währung.» «EIN FANTASTISCH KNAPPES ANLAGEGUT» Das gilt zunehmend auch global. Jede wirtschaftliche Tätigkeit braucht Wasser. Die mächtigsten globalen Produktionszweige, Energie und Lebensmittel, stehen in direkter Beziehung mit der Menge und dem Preis verfügbaren Wassers. So verlaufen seit der Jahrtausendwende die Preisschwankungen von Mais und Öl fast immer parallel: In Trockenjahren gewinnen wir weniger Strom aus Staudämmen, die Energiekosten steigen und damit die Ölpreise. Gleichzeitig wird der steigende Preis für Bewässerungswasser auf den Preis des besonders wasserhungrigen Maises aufgeschlagen. Findige Ökonomen kamen auf die Idee, jeglichen Handelsverkehr auf Wasser umzurechnen: Wenn etwa Tomaten aus Portugal nach

24

China exportiert werden (das geschieht tatsächlich), ist es hiesiges Grundwasser, das aus dem Land entführt wird. Man spricht dann von «virtuellem Wasser»: Die Länder exportieren «virtuell» Wasser, das sie in der Landwirtschaft eingesetzt haben. So könnte der Petro-Dollar, die traditionelle Bindung des US-Dollars ans Erdöl, schon bald durch den Wasser-Dollar ersetzt werden. Das weckt Goldgräbergefühle für Vertreter der Spekulationsbranche. Susan Payne, die Managerin diverser Anlagefonds, verspricht Finanzinvestoren in Afrika: «Wasser wird in Zukunft ein fantastisch knappes Anlagegut sein», und stellt für wasserbezogene Investitionen jährliche Renditen von 25 Prozent in Aussicht. Zu diesen wasserbezogenen Investitionen gehören weltweit etwa 850 000 Staudämme für die Energieversorgung und für die Agro-Industrie, denn 70 Prozent des globalen Süsswasserverbrauchs geht in den Lebensmittelanbau. Bäuerliche Landwirtschaft kann sich dieses Wasser kaum leisten; hier in Portugal wird der Grossteil landwirtschaftlicher Produkte inzwischen von Konzernen mit Arbeitern aus Nepal, Thailand oder Bulgarien hergestellt. Bauern geben auf, Dörfer veröden. WASSERARME VS. WASSERREICHE LÄNDER Um sich den Zugang zum «blauen Gold» zu sichern, kaufen Grosskonzerne seit den 80er-Jahren die Wasserrechte von Ländern und Gemeinden weltweit, man nennt das Water Grabbing. Oft war Wasser-Privatisierung eine Auflage der Weltbank für Der Petro-Dollar könnte schon Kredite. Private Wasserversorger aber machen in bald durch den Wasser-Dollar der Regel das Trinkwasser ersetzt werden. teurer und reinvestieren den Profit seltener in die Nachhaltigkeit der Systeme. So geht der weltweite Raubbau an unseren Wasserreserven weiter. Längst hat die Weltbank die Erde in sogenannte wasserreiche- und wasserarme Länder aufgeteilt. Zu lange hatten wir in der Friedensbewegung übersehen, dass Kriege noch mehr als um Öl, um Wasser

Zeitpunkt 155


REICH | ARM

geben es langsam wieder ab. Das Wasser verdunstet, neue Wolken bilden sich, es regnet wieder: So entstehen Regenwasserkreisläufe, die landeinwärts ziehen und das kostbare Nass in die nächste Region bringen. Das WasserVerteilungssystem der Natur ist dem des Kapitalismus weit überlegen.

So muss man es machen: Um Waldbrände und die Trockenheit nachhaltig aufzuhalten, hat das Ökodorf Tamera im Alentejo in Portual mit dem Permakulturexperten Sepp Holzer eine Wasserretentionslandschaft gebaut. Die früher sommertrockene Landschaft hat sich in ein fruchtbares Tal mit kleinen Seen und Teichen verwandelt, die durch das Winterregenwasser gefüllt werden und von Terrassen umgeben sind, auf denen ganzjährig Obst und Gemüse wachsen. Kein Grundwasser wird zur Bewässerung gebraucht, nur Regenwasser.

Zeitpunkt 155

geführt werden. Gerade im Nahen Osten und in Afrika, wo vielerorts Wassermangel herrscht. Syrien führt es uns vor Augen: Nachdem der ältesten Landwirtschaft der Welt durch die Stauung von Euphrat und Tigris mit Dämmen in der Türkei das Wasser abgedreht wurde, wurde das Land ökologisch, ökonomisch und sozial destabilisiert. Das führte zu Spannungen, Extremismus und schliesslich zu Krieg. DIE NATUR VERTEILT DAS WASSER GERECHT Es ist höchste Zeit zu erkennen, dass Wasser weder Ware noch Währung noch Anlagegut ist. Statt es zu berechnen wie ein Geldkonto, statt es festzuhalten, zu raffen, zu speichern, zu kanalisieren, zu stauen, abzufüllen und haltbar zu machen, damit zu feilschen und zu spekulieren – sollten wir es lieber verstehen. Die Wasserkrise unseres durstigen Planeten ist das Ergebnis unserer Unfähigkeit, mit Lebendigem umzugehen. Doch es geht auch anders, und dafür gibt es viele Beispiele. Bernd Müller, Wasseringenieur aus dem Friedensdorf Tamera in Portugal, sagt: «Wasser, Energie und Nahrung stehen der ganzen Menschheit kostenlos zur Verfügung, wenn wir der Logik der Natur folgen und nicht mehr den Gesetzen des Kapitals.» Er ist Teil einer noch kleinen, aber global vernetzten Allianz für ein neues «Wasser-Paradigma». Dessen Prinzip ist: Wasser soll nicht kontrolliert und gestaut werden, sondern verdunsten, versickern und sich bewegen dürfen. Regen soll dort einsickern können, wo er fällt, dezentral, an möglichst vielen Orten. Das Vorbild dafür ist ein gesunder Mischwald mit humusreichem Erdboden. Er wirkt wie ein Schwamm: Vegetation und Erdkörper nehmen das Regenwasser vollständig auf und

FÄNGT DEN REGEN AUF Auf diesem Verständnis beruht ein Umgang mit Wasser, der Dürren und Überschwemmungen ausgleicht und Regenkreisläufe und Landschaften restauriert. Im Distrikt Thanagazi Thesil in der Nähe der Thar-Wüste im Bundesstaat Rajasthan in Indien fliessen fünf zuvor ausgetrocknete Flüsse wieder und versorgen tausend Dörfer mit Wasser. Seither hat sich die landwirtschaftliche Ernte verfünffacht. Der Mann, der das bewirkt hat, ist der Arzt Rajendra Singh, der eine Volksbewegung initiierte. Die Technik könnte nicht einfacher sein: Durch tausende traditionelle, dezentrale Stauanlagen aus Steinen und Schotter, sogenannte «Yohads», verlangsamten die Dorfbewohner den Abfluss von Regenwasser. Für seine Errungenschaften wurde Rajendra Singh der renommierte Stockholm-Wasserpreis verliehen. Der Wasserbau-Ingenieur Michal Kravcik aktivierte Menschen aus 488 Dörfern und Städten der Slowakei, in einer degradierten Landschaft in 18 Monaten rund 100 000 kleine «Checkdams» aus Steinen und Holz zu errichten. Das Ergebnis: Der Boden wurde wieder fruchtbar, Landwirtschaft und Wälder gediehen. Auf den Bau eines geplanten Grossstaudamms konnte verzichtet werden. Frühling in Südportugal. Wir haben noch mal Glück gehabt, der Regen kam: In drei Wochen im März fiel die Hälfte der jährlichen Regenmenge. Doch der Segen wandelt sich schnell in einen Fluch: Wer auf solche Sturzfluten nicht vorbereitet ist, dem reisst es die fruchtbare Erde weg, es kommt zu Erosion, Überschwemmungen und – wie in Kalifornien im Herbst – zu Schlammlawinen. Helfen können Wasserretentionslandschaften, wie wir sie in Tamera aufgebaut haben. Mit Teichen, Gräben, Mischwäldern und kleinen Seen sind sie ein offenes Gefäss für jede Art von Regen: Der Abfluss des Wassers wird

Die Wasserkrise unseres durstigen Planeten ist das Ergebnis unserer Unfähigkeit, mit Lebendigem umzugehen. verlangsamt, damit auch Starkregen Zeit hat, in den Erdkörper einzudringen und das Land fruchtbar zu machen. Ob eine Landschaft ausreichend Wasser hat oder nicht, bestimmt ihren Wert für alle, die in ihr leben, ob Menschen, Tiere oder Pflanzen. Öko-Visionär Sepp Holzer formulierte es so: «Wasser ist ein Lebewesen. Und Lebewesen kann man nicht haltbar machen.»

25


SCHWERPUNKT

Klagloses Glück Klara ist zum zweiten Mal verwitwet, hat vier eigene und drei «Stiefkinder» sowie eine kaum überschaubare Anzahl Enkel und Urenkel. Mittel zum Leben hat sie hingegen kaum, dafür aber ein Haus voller WärVon Jule von Lewitz me und Güte. Eine Hommage an meine Nachbarin.

V

or über achtzig Jahren wurde Klara in eine arme Familie auf dem Land geboren. Sie heiratete sehr jung. Das war damals üblich. Eine gute Wahl hatte sie nicht getroffen, ihr Mann trank viel, kümmerte sich wenig um seine Familie und trug das bescheidene Salär, das ihm seine Arbeit bei den Bauern einbrachte, ins Wirtshaus statt nach Hause. Klara spricht nicht gerne darüber, doch es macht den Anschein, als betrauerte sie seinen frühen Tod nicht allzu sehr. Die junge Mutter war beliebt im Dorf und schon nach kurzer Zeit stellte sich ein neuer Heiratsaspirant ein: Fiete, ein Witwer mit drei kleinen Kindern, ebenfalls bitterarm, aber fleissig und fürsorglich, sollte ihr zweiter Mann werden. Ein gemeinsames Kind machte das Glück komplett, sie waren nun Eltern von insgesamt sieben Kindern. Finanziell kamen sie mehr schlecht als recht über die Runden, Fiete arbeitete im Torfwerk, machte sich hier und da in der Nachbarschaft für ein paar Mark nützlich oder zog Buchsbäumchen hinter dem Haus, die er für kleines Geld verkaufte. Wenige Jahre nachdem Fiete, der eigentlich schon längst im Rentenalter war, seine Arbeit im Torfwerk aus Altersgründen aufgeben musste, lernte ich das Paar kennen. Besser gesagt, begegneten wir uns mehr oder weniger gezwungenermassen, denn ich bezog das Nachbarhaus der beiden. Getrennt sind die Grundstücke durch eine Weide, auf der damals ein Esel und zwei Ponys ihre alten Tage verbrachten. Ich werde nie vergessen, wie mich

gleich am ersten Tag ein herzliches Winken aus der Ferne begrüsste. Eine Woche später, als ich von Haus zu Haus ging, um zu meiner Einweihungsfeier zu laden, traf ich Klara zum ersten Mal. Es war ein heisser Sommertag und ohne meinen Einspruch zu akzeptieren, platzierte mich die kleine weisshaarige Frau im Schatten auf einer alten Gartenbank. Ehe ich überhaupt meine Einladung aussprechen konnte, standen eine kühle Limonade und selbstgebackener Kuchen vor mir auf dem Tisch. Dann erst setzte sie sich auf einen klapprigen Stuhl mir gegenüber. Was für strahlende, liebevolle Augen blickten mich da an! Zwar offenbarte ihr Gesicht die Spuren eines harten Lebens, aber ihre Augen leuchteten wie die eines Kindes. Was ich damals nicht wissen konnte: Das bescheidene Fachwerkhaus, in dessen einer Hälfte Klara und Fiete lebten, war schon lange nicht mehr ihr eigenes. Sie mussten es verkaufen, um mit dem Erlös ihren Lebensabend zu sichern. Alles was ihnen blieb, war das lebenslange Wohnrecht in zwei klitzekleinen Zimmern und einer bescheidenen Küche. Vor ein paar Jahren starb Fiete, er war lange krank gewesen. Klara wurde zum zweiten Mal Witwe. Ihre Barschaft aus dem Hausverkauf ist längst aufgebraucht, Fiete, der bis zuletzt seine Buchsbäumchen verkaufte, kann nun auch nichts mehr zum Lebensunterhalt beisteuern. Mit einer bescheidenen Rente meistert sie jetzt ihr Leben. Und was für ein Leben! Klara ist immer heiter, ihre Augen blitzen, jeder Besucher wird von ihrem Blick warm und einla-

dend begrüsst. Bei Klara darf keiner das Haus verlassen, ohne wenigstens eine Tasse Kaffee und etwas Selbstgebackenes probiert zu haben – egal, ob Nachbar, Lieferservice oder Briefträger. Kommt jemand unangemeldet mittags vorbei, legt sie auf dem in die Jahre gekommenen Esstisch sofort ein weiteres Gedeck auf. Vor allem hat Klara ein sicheres Gespür für die Sorgen der anderen. Dann ist sie zur Stelle, mittlerweile mit einem künstlichen Hüftgelenk und diversen altersbedingten Einschränkungen. Aber sie hilft, wo sie kann. Bei einem alten Freund renovierte sie neulich Küche und Bad, nachdem sie festgestellt hatte, dass sie ein wenig «verlottert» waren. In ihrer kleinen Wohnung beherbergt sie fast täglich Gäste, Kinder, Enkel und viele Freunde aus dem Dorf kommen vorbei. Und immer strahlt Klara zwischen all dem Trubel, immer ist da diese warme Liebe, mit der sie alles umfängt. Was sie sich für die weiteren Lebensjahre wünscht? «Die Hüfte schmerzt, das Gebiss drückt und mein Rücken tut mir weh, aber was soll ich machen?» Wirklich klagen hört man Klara nie und über Geld spricht sie nicht. Ich kenne kein anderes Haus in einem Wohlstandsland, in dem so viel Harmonie und Güte herrschen – und in dem die Bewohner so bitterarm sind. Selten habe ich mich so reich beschenkt gefühlt, wie nach einem Besuch bei Klara. Fietes Buchsbäumchen zieren mein gesamtes Grundstück, herangewachsen zu einer prächtigen, langen Hecke. Sie werden uns alle überdauern.

Selten fühlte ich mich so reich beschenkt wie nach einem Besuch bei Klara. 26

Zeitpunkt 155


hu

w .u

w

w

fd au

U

H

ru

.c h

em Fes t W iva ei l f ss ür en M st us ei ik n / S &T O a

nz

U RU

gu st 18

12 55 84 7 W m T Sa ag or ü. ks M 28 e -e h . .J ul i - in op s Fr m al 3. ig A u

PACHAMAMA FESTIVAL 2018 18.– 22. Juli 2018 Klingenmühle, Märstetten TG, Switzerland

Zeit für Gemeinschaft, Inspiration und Bewusstsein! Saodaj‘ (REU), Netanel Goldberg (ISR), Somos Organicos (CH), Grupo Putumayo (COL), Mantra Tribe (D), River Roots (AUS), Forro Mior (PT), Patyatann (MU) und viele weitere inspirierende MusikerInnen auf der Nebenbühne. Zudem gibt es Workshops, Yoga, Tanz, Meditation, Rituale, Schwitzhütte, Kinderparadies, Marktplatz, Zeltplatz & vieles mehr... Du bist eingeladen Dich inspirieren zu lassen und aktiv mitzuwirken! Festivalpässe erhältlich bei starticket.ch und Schweizer Poststellen.

www.pachamamafestival.ch


SCHWERPUNKT

Erst die Würde, dann der Reichtum Boliviens Präsident Evo Morales hat geschafft, was längst überfällig war: der indigenen Bevölkerungsmehrheit des Landes ihre Würde zurückzugeben. Doch auch er ist nicht gefeit vor Machtansprüchen und Korruption. Vor Ort war Camilla Landbø

E

s könnten Bilder sein, die ganz weit zurückliegen: Indigene in traditioneller Kleidung, die in Bolivien mit Gehstöcken drohend vom Trottoir heruntergescheucht werden. Busse in der Andenstadt La Paz mit zwei Kompartiments, damit die Weissen für sich alleine sitzen können. Auf der Strasse Beleidigungen wie «Du Tier!», die den Bewohnern indigener Abstammung an den Kopf geworfen werden. Sie liegen aber nicht sehr weit zurück. In einem bescheideneren Viertel der Mittelschicht von La Paz sitzt Luis Flores auf einer Parkbank. «Das ist das Wichtigste, was Präsident Morales in den letzten zwölf Jahren geschafft hat», sagt der Politologe. «Dass die ‹Indígenas› wieder ein Selbstwertgefühl haben und ihre Kultur, ihre Kleidung und ihre Sprache nicht mehr verstecken müssen.» Bolivien gehört zu den ärmsten Ländern Südamerikas. Im Jahr 2006 trat zum ersten Mal ein «Indígena», wie die Indigenen in Lateinamerika genannt werden, das Präsidentenamt an: Evo Morales, ehemaliger Kokabauer, ein Mann aus Würde, Rechte und wirtschaftlicher ärmlichen Verhältnissen. Seither erlebt das Land ein Aufstieg sind in Bolivien eng tiefgreifender sozialer und miteinander verknüpft. wirtschaftlicher Wandel. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Bolivien von Weissen und Leuten aus der Oberschicht regiert. Obwohl rund 60 Prozent der bolivianischen Bevölkerung indigener Herkunft sind. Vor Morales Amtsantritt wurden die Rechte der Indigenen nicht selten mit Füssen getreten, besonders verbale Attacken gehörten zum Alltag. «Das ist nun vorbei», sagt Flores. «Heute trifft man in den Institutionen und in der Politik auf Indígenas, und die anderen Staatsangestellten – Mestizen und Weisse – müssen mindestens eine indigene Sprache erlernen.»

28

SINKENDE ARMUT, BLÜHENDE WIRTSCHAFT Die neue Verfassung, die durch ein Referendum 2009 bestätigt wurde, definiert Bolivien als plurinationalen Staat mit 36 offiziell anerkannten indigenen Bevölkerungsgruppen. Den Indígenas wird ein besonderer Schutz ihrer kulturellen Identität, ihrer sozialen und politischen Strukturen sowie territoriale Selbstbestimmung zugesprochen. Die historischen Machtverhältnisse sollen zugunsten der indigenen Völker ausgeglichen werden. Viele Versprechen hat der Präsident gehalten: Er hat Strassen verbessert, Wohn-, Schulhäuser, Spitäler und in La Paz ein neues öffentliches Verkehrsnetz gebaut: die Luftseilbahn – in Zusammenarbeit mit einer Schweizer Firma. Die Mütter- und Kindersterblichkeit ist gesunken. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen vom Oktober 2017 soll sich seit 2008 die Gesundheitsversorgung in Bolivien um zwanzig Prozent verbessert haben. Im lateinamerikanischen Vergleich beispielhaft. So bekommen etwa schwangere Frauen, alte Menschen oder Schulkinder heute leichter staatliche Unterstützung zugesprochen. Zudem ist Bildung zugänglicher geworden. «Immer mehr indigene Frauen studieren», beobachtet der Politologe Flores, der an der Universidad Mayor de San Andrés in der Hauptstadt La Paz doziert. Früher hätte man aus den Dörfern, aus Mangel an Geld, nur ein Kind in die Schule geschickt. In der Regel die Buben. Überzeugt davon, dass ein Junge mehr Chancen hätte, Karriere zu machen und Geld nach Hause zu bringen. Das alles hat dazu geführt, dass indigene Bewohner teils in die Mittelschicht aufgestiegen sind. «Heute trifft man auf Indígenas, die in gehobenen Vierteln Häuser kaufen. Früher war das undenkbar, allein aus rassistischen Gründen», sagt Flores. «Würde, Rechte und wirtschaftlicher Aufstieg sind in Bolivien eng miteinander verknüpft.»

Zeitpunkt 155


REICH | ARM

musste besonders in seiner ersten Amtszeit zahlreiche herablassende Attacken und Spott über seine indigene und bäuerliche Herkunft über sich ergehen lassen. Was vielen Bolivianern zudem sauer aufstösst, ist die Nähe des Präsidenten zu den cocaleros, den Kokabauern. Morales, der seine politische Karriere als Gewerkschaftsführer der Kokabauern begann, kann bis heute mit dem Rückhalt zahlreicher cocaleros rechnen. Das Heikle an der Sache: im tropischen Chaparé werden Kokablätter angepflanzt, die nachweislich kaum zum traditionellen Kauen geeignet sind. Sondern für die Produktion von Kokain. Ob direkt involviert oder nicht, Morales weiss davon, ist eng betraut mit den Bewohnern dieser Region. Der Kokablätteranbau in Bolivien ist gemäss dem UN-Weltdrogenbericht gewachsen und mit ihm die Kokainproduktion.

Der Kontrast ist gross zwischen dem Mittelstand in Boliviens Haptstadt La Paz und den Armen in den Favelas an den Steilhängen.

Auch die Wirtschaft Boliviens erlebt unter Morales einen Aufschwung. Der Andenstaat verdient sein Geld unter anderem mit dem Export von Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas und Metalle, dessen Abbau nach Morales´ Amtsantritt teilverstaatlicht wurde. So sind im Januar 2018 die Exportumsätze im Vergleich zum Vorjahr um rund 20 Prozent angestiegen. Etwa dank der hohen Gaspreise. WÜRDE ALLEIN REICHT NICHT Doch gibt es auch eine Kehrseite der glänzenden Medaille: Zwar ist die Anzahl der Menschen in extrem armen Verhältnissen innerhalb eines Jahrzehnts um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Nach wie vor leben aber rund 39 Prozent der Bolivianer in Armut. Besonders wenn man in ländliche Regionen fährt, in die Dörfer der kargen Anden oder des Dschungels, werden kritische Stimmen laut. Sie bemängeln, dass viel Hilfe nicht dorthin gelange, wo sie nötig wäre. «Was nützt mir die wiedergewonnene Würde als Indigena, wenn ich nichts zu essen habe», sagt etwa die Bäuerin eines abgelegenen Dorfes. In den vergessenen Gegenden würden viele Leute nach wie vor an Kälte, Hunger oder fehlendem Trinkwasser leiden. Oder an Kleinigkeiten sterben, weil sie in der Nähe lediglich einen Gesundheitsposten hätten, wo eine Krankenschwester die Stellung hält und für alle Beschwerden ein Aspirin verschreibe. In den vergangenen Jahren kamen ausserdem diverse Korruptionsfälle ans Licht. Dabei verschwand auch Geld, das für die ärmere Bevölkerung gedacht war. Und es fiel auf, dass nicht wenige Menschen im nahen Umfeld des Präsidenten, die früher bescheiden lebten, heute Häuser, Firmen und viel Geld besitzen. Die einen sagen, dass Morales die falschen Leute um sich geschart habe. Andere sind überzeugt davon, dass er sich ebenso bereichert. Vor allem die Opposition denkt dies. Allerdings nimmt sie es nicht immer so genau mit der Wahrheit. Morales

Zeitpunkt 155

DER MACHT VERFALLEN Es wird Morales nicht nur die Nähe zu den Kokabauern, die Korruption oder die nach wie vor bestehende Armut vorgeworfen. Jetzt stört sich die Bevölkerung in erster Linie daran, dass ihr Präsident eine erneute Wiederwahl durchboxen möchte. Morales befindet sich in seiner dritten Amtszeit. In einem Referendum im Februar 2016 erhoffte er sich die Zusage zu einer unbeschränkten Wiederwahl als Staatsoberhaupt. Dazu sagten die Bolivianer: Nein. Morales akzeptierte den Ausgang des Volksentscheids nicht. Letzten November liess er sich eine erneute Kandidatur durch das regierungsnahe Verfassungsgericht genehmigen. Die Bürger fühlen sich übergangen und sehen die Demokratie mit Füssen getreten. Damit hat Morales die breite Unterstützung im Volk, die er noch vor wenigen Jahren hatte, verloren. «Morales hat die Macht an sich gerissen, er kontrolliert alles», meint auch Politologe Flores. Jeder Gesetzesentwurf, den er im Parlament einreiche, würde abgesegnet, da er die Zweidrittelmehrheit hat. Trotz aller Schwierigkeiten, die das Staatsoberhaupt in letzter Zeit hat – Proteste, Unzufriedenheit in der Bevölkerung –, ist Flores überzeugt, dass Morales 2019 wieder kandidieren und gewählt wird. «Es gibt keine Alternative, keine andere politische Figur, weder in seiner

Morales hat die Macht an sich gerissen, er kontrolliert alles. sozialistischen Partei MAS noch in der zersplitterten Opposition.» Die indigene Bevölkerung identifiziere sich mit ihrem Präsidenten und auch andere würden wohl lieber Morales wählen, als in eine ungewisse Zukunft zu steuern. Denn eines sei sicher: «Niemand will in die Zeit des Neoliberalismus zurück.»

29


SCHWERPUNKT

Selig sind die Reichen im Geiste Warum es billiger und besser ist, auf einen Guru zu verzichten.

E

s gibt Dinge, die man nicht mit einem Preis versehen kann: das erste Lächeln deines Babys etwa oder auch die Erleuchtung. Wer bereits erleuchtet wurde, würde sicher sagen, dass sie jeden Preis wert sei (wenn er sich hinterher noch mit banalen Dingen wie Preisen abgäbe). Und wer erleuchtet werden will? Wird kräftig zur Kasse gebeten, denn «umsonst ist der Tod», wie es so schön heisst. Aber sicher nicht das Nirwana im Anschluss. Spiritueller und materieller Reichtum sind wie Kamel und Nadelöhr, die ja schon in der Bibel nicht miteinander konnten. Bedeutet das, dass wir nur ohne irdischen Anhang, etwa Geld, den Quantensprung auf eine höhere Bewusstseinsebene bewältigen? Oder ist unser Geld besser bei einem Guru, Seminarleiter oder Life-Coach aufgehoben, die es als höhere Wesen durch den Akt beseelten Ausgebens in etwas Erhabenes transformieren können, wie es einst der spirituelle Lehrer Osho vermochte? Wird schmutzig-irdisches

Geld automatisch spirituell-rein, wenn wir es in teure Seminare zur Entwicklung des höheren Selbst investieren? Und widerspricht es der spirituellen Reinheit, wenn man materiellen Wohlstand als Indikator für Gutmenschentum wertet (und anstrebt)? Auf der anderen Seite werden spirituelle Dienstleister wie eben besagte Gurus, Seminarleiter oder Life-Coaches oft angegangen, wie sie es denn wagen könnten, für etwas, das eine Mission sei und aus purem Idealismus getan werden sollte, überhaupt Geld zu nehmen. Man zahlt willig den Mechaniker, der das Auto repariert, mag aber den Schamanen nicht entlohnen, der die Aura massiert, weil das eh ein Scharlatan ist, wenn er nach einem Energieausgleich (wieder Geld) fragt. Fast legt das alles die Vermutung nahe, unsere Gesellschaft werte materiellen Reichtum höher als den inneren. Eine lachhafte Vorstellung, wissen wir doch alle, dass wir nichts mitnehmen können, wenn wir gehen - wohin auch immer wir gehen werden.

Von Martina Pahr

Ein Weg aus diesem seltsamen Dilemma könnte sein, selbst nach der Erleuchtung zu suchen – und keinen anderen zu bezahlen, der es für einen tut. Dabei den inneren Reichtum (für den und vier Franken man eine Tasse Kaffee bekommt) zu erkunden und sich an ihm zu erfreuen, weil man halt doch keine Tasse Kaffee zur Zufriedenheit braucht. Sich vor Augen zu führen, dass die Zeiten der exotisch-exzentrischen Gurus ebenso vorbei sind wie die des Ablasshandels und dass ein nachhaltiges spirituelles Leben eher mit einem Repair-Café zu vergleichen ist als mit einem Supermarkt: Wir bringen mit, was wir bereits haben, auch wenn es nicht glänzt wie neu. Wir können es reparieren und polieren und etwas daraus machen, das wir gebrauchen können. Materieller Reichtum hindert sicher nicht daran, spirituellen Reichtum zu finden und zu leben. Aber es braucht den einen nicht für den anderen. Denn «Geld hat noch niemanden reich gemacht», wie der Philosoph Seneca so treffend sagte.

Glanz und Gloria des grossen Geldes ACHT MÄNNER BESITZEN SO VIEL WIE DIE ÄRMERE HÄLFTE DER MENSCHHEIT, hat die Hilfsorganisation Oxfam unlängst ermittelt. Angesichts dieser Diskrepanz beschäftigte sich der Berliner Journalist Dennis Gastmann in seinem Buch «Geschlossene Gesellschaft» mit der Frage, wie die superreiche Oberschicht eigentlich so lebt. Offenbar war es unglaublich schwierig, in die heiligen Hinterzimmer der Superreichen vorzudringen. Trotzdem haben Gastmann einige die Türen geöffnet, um ihm ihre abgeschirmte Parallelwelt zu zeigen oder eher: um ihr Herz auszuschütten. Mit so viel Geld lebt es sich weiss Gott nicht leicht. Das Traurige ist, dass diese B-Promis nicht in der Lage sind, ihrem eigenen Lebensbericht eine für andere Menschen relevante Komponente abzuringen. Und der beflissene, höfisch galante Autor leider auch nicht. Dankbar

30

nimmt er die von ihnen dargebotene Erzählungen auf, um die Märchen-Biografien seiner Business- oder Adels-Klientel in lauwarme Musterkapitel zu verwandeln. Dazu werden Menschen wie die PartyGräfin Gunilla von Bismarck oder der aus der TV-Show «Die Höhle der Löwen» bekannte Unternehmer Jochen Schweitzer bemüht. Dieser bekennt reumütig, dass es häufig gerade seine Fehler waren, die ihn weiterbrachten. Rührend. Gastmann umschifft in seiner Befindlichkeitsblase jede politische Dimension des Themas gekonnt. Vom Verlag wird der Titel mit den Worten angepriesen: «Eine Psychologie des Geldes. (…) Charmant, überraschend und garantiert ungeschönt». Ausladend werden im Buch Auffahrten, elektrische Tore und Eingangshallen beschrieben, Vorgärten und Haushälterinnen gepriesen, der ästhetische Geschmack von

Säulen oder Marmor-Tierchen goutiert. Einen «Reichtumsbericht«, wie es der Untertitel suggeriert, hat man sich doch anders vorgestellt. Ein Nachhaken bei sensiblen Themen unterlässt Gastmann konsequent. Sein Bericht ist vielmehr eine andächtige Huldigung der höheren Klasse, die sich alles leisten kann und das selbstverständlich auch tut. Dabei kommt einem das Argument einiger Banker und Politiker in den Sinn, die zum Thema Reichenbesteuerung immer vorbringen, dass diese Superreichen mit ihrem Geld doch ganze Wirtschaftszweige füttern, die sonst wegbrechen würden. Ja, was würde aus den fleissigen Arbeitern bei Lamborghini werden, wenn so mancher Milliardär nicht gleich zwei Sportwagen gekauft hätte? Sie müssen es wohl aus Mitleid getan haben. August Werner Dennis Gastmann: Geschlossene Gesellschaft – ein Reichtumsbericht. Rowohlt, 2016. 304 S. CHF 28.90/EUR 20.–

Zeitpunkt 155


Plötzlich arm … «Meine Tochter kam mit einer Behinderung zur Welt. Als sie nach sechs Monaten auf der Intensivstation nach Hause kam, brauchte sie rund um die Uhr Betreuung. Ich gab meinen Job auf, hielt mich mit Erspartem über Wasser und vermietete ein Zimmer in meiner Wohnung an Gäste. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie es ist, wenn man von nirgends Unterstützung bekommt und ganz auf sich alleine gestellt ist. Noch immer besteht das Vorurteil, dass ein Leben in prekären Verhältnissen selbstverschuldet ist. Das stimmt nicht. Es kommt oft unerwartet, ohne Vorwarnung. Wichtiger als Geld ist mir heute, dass alle Menschen einen würdigen Platz in der Gesellschaft bekommen, egal, wer sie sind.» A.K.

Plötzlich reich … «Seit ich eine grössere Erbschaft gemacht habe, interessiert mich das Thema Geld. Recht bescheiden aufgewachsen, hat mich vor allem beschäftigt, was die Bank mit meinem Geld, für das ich plötzlich verantwortlich war, macht. Ich wollte nicht, dass mein Geerbtes Schaden anrichtet und habe mich vor 20 Jahren für die Investition in ökologische Hausrenovationen, Schaffung von gesundem Wohnraum, entschieden. In der Schweiz ist Geld gerade für Frauen ein Tabuthema. Der einzige Gesprächspartner ist meistens der Bankberater, der im Interesse der Bank handelt, und damit werde ich automatisch Teil dieses haarsträubenden Systems. Das sollte sich ändern.» C.Z.

Zeitpunkt 155

REICH | ARM

«Ich lebte in einer Villa mit Pool, war Mitglied in einem Golfclub. Alles was ich tat, war für die Familie, ich hatte kaum ein eigenes Leben. Eines Tages verschwand mein Mann und hinterliess mir und unseren zwei Töchtern einen Brief und saldierte Konten. Doch anstatt in ein Loch zu fallen, spürte ich Freiheit, mein Urvertrauen. Zuerst fing ich an, in dem Golfclub zu arbeiten. In den letzten sechzehn Jahren habe ich 57 verschiedene Jobs ausgeführt. Wenn ich mehr Geld brauchte, suchte ich besser bezahlte Arbeit, dann wieder solche, die mir mehr Spass machte. Ich wollte nie in das Rad von Sozialhilfe, Arbeitslosengeld und was es alles gibt, eintreten. Dafür bin ich viel zu kreativ. Sicher ist: Weiter geht es immer.» L.B.

«Letztes Jahr war ich auf einmal sehr knapp dran. Zusammen mit meinem Mann habe ich eine Firma im Webbereich. Bisher hatte es immer gereicht, doch dann mussten in einem Monat die Steuern und ein grösserer Betrag an einen freien Mitarbeiter bezahlt werden. Beim Nachdenken darüber ist mir aufgefallen, wie sehr unsere Gesellschaft in einem Mangeldenken verstrickt ist. Ich habe dann versucht, die Situation in einem grösseren Zusammenhang zu betrachten. Wie viel Geld ist in meinem Leben bereits durch meine Hände zirkuliert? Mir wurde klar, dass es sich bei meiner Situation nur um eine Momentaufnahme handelt. Ein Zustand, der sich bereits in wenigen Tagen wieder ändern kann. Und das tat er irgendwann auch. Es kamen wieder mehr Anfragen von Kunden, oder sie zahlten mehr als vorgesehen. Wir sollten uns weniger einschüchtern lassen und darauf vertrauen, dass sich immer wieder neue Möglichkeiten ergeben. Es ist schön, wenn es gelingt – ich arbeite bis heute daran.» B.G.

«Ich bin in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Meine Grosseltern haben ihr Vermögen bis zu ihrem Tod gehortet. Als ich fünfzig Jahre alt war, ging es von meinem Vater an mich und meine Geschwister. Ich erbte rund sechs Millionen Franken. Ich wusste, dass ich erben werde, aber nicht, wie viel. Niemand hatte je darüber gesprochen. Für mich stand fest: Ich brauche das Geld nicht. Ich gab meinen vier Söhnen je 50 000, kaufte meinem Mann eine kleine Wohnung im Engadin und mir selbst ein Kanu. Den Rest steckte ich in die Gründung einer Stiftung, die unter anderem Ausbildungen in Entwicklungsländern unterstützt. Dort ist das Geld gut aufgehoben. Meine Geschwister dachten vielleicht, ich sei verrückt. Aber ich habe die Entscheidung keinen einzigen Tag bereut.» M.R.

«Wer nichts hat, kann auch nichts verlieren. Dieser Trost ist zynisch, aber er eröffnet trotzdem einen anderen Blickwinkel auf Besitz. Ich denke an Ordensbrüder, die sich freiwillig zu lebenslanger Besitzlosigkeit verpflichtet haben. Nicht ohne Grund, sondern um den Reichtum auf spiritueller Ebene zu suchen. Ich entscheide mich hingegen für die kleine Variante und folge dem Bibelwort, den zehnten Teil abzugeben. Es kommt auf diese Weise eine für mich ungewohnt grosse Summe zusammen, die ich auf mir sinnvoll erscheinende Projekte und Initiativen austeile. Und es fühlt sich richtig an. Die verbleibenden 90 Prozent reichen genauso gut zum Weiterleben. Die abgegebenen 10 Prozent ändern nichts an meinem Wohlstand, in dem ich mich global gesehen befinde. Ich möchte dem Geld keine Macht über mich geben, auch wenn es etwas mit mir macht. Sondern es beherzt nehmen und etwas damit machen. Ich glaube, dafür ist es gemacht.» H.E.

31


SCHWERPUNKT

Was ist der Mensch wert?

E

s ist eine unglaubliche Geschichte. Nun wird sie als Dokumentarfilm auch hierzulande gezeigt. Es geht um die Entschädigung der Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington. Es geht um nichts Geringeres als darum, was ein Leben wert ist. Einem einzigen Menschen hatte die Regierung von Georg W. Bush diese Aufgabe übertragen: dem Anwalt und Mediator

Kenneth Feinberg. Ihm standen sieben Milliarden Dollar für insgesamt 5562 Personen zur Verfügung. Er sprach täglich mit Witwen, deren Männer bei der Feuerwehr gewesen waren, mit Angehörigen von Börsenmaklern und mit Eltern von Menschen, die ohne Papiere nach New York gezogen waren, für andere geputzt und gekellnert hatten. Dann begann Feinberg zu rechnen. Und tat dies nach festen Kriterien: Er fragte, wie hoch der wirtschaftliche Schaden war, der durch den Tod des Menschen entstanden ist, wie alt das Opfer war, wie lange es möglicherweise noch gearbeitet hätte, wie hoch sein Einkommen war. Nach drei Jahren war die Arbeit erledigt, die Feinberg als «härtesten Job seiner Laufbahn» bezeichnet hatte und die er wohl auch nicht wieder machen würde. Das Ergebnis ist ebenso fragwürdig wie irritierend: Für einen Mann ohne Papiere bekamen die Angehörigen 250 000 Dollar. Für einen

Kellner fielen 500 000 Dollar ab. Für einen Polizisten 850 000, für einen Börsenmakler mal zwei Millionen, mal sechs Millionen Dollar. Über seine Berechnungen hat Feinberg später ein Buch geschrieben und darin gesagt, dass er zu Gott bete, dass niemand wieder eine solche Rolle spielen müsse wie er. «Playing God», Gott spielen, heisst der Film, der nun in die Kinos kommt. Doch welchen Gott soll Feinberg gespielt haben? Wenn er sich wirklich an dem Gott orientiert hätte, den ich aus der Bibel kenne, dann hätte er die sieben Milliarden Dollar ganz anders verteilen müssen: nämlich danach, was die Menschen jeweils brauchen. «Was einen Wert hat, hat auch einen Preis. Der Mensch aber hat keinen Wert, er hat Würde», hat Immanuel Kant einmal gesagt. Doch Feinberg ging es nur um den Preis der Menschen, nicht um ihren Wert. Und schon gar nicht um ihre Würde. Quelle: Bettina Röder, in: Publik-Forum, kritisch, christlich, unabhängig, Ausgabe 3/2018

Was ist langweilig und kann die Welt retten? Das goldene Erbe? «WAS BRAUCHST DU AM DRINGENDSTEN?» Diese Frage stellt die niederländische Journalistin Maite Vermeulen vielen Mens­chen, die in Entwicklungsländern unterhalb der Armutsschwelle leben. 2016 reiste sie dazu nach Haiti und beschreibt ihre Erlebnisse in einem Artikel im Correspondent. Haiti ist eines der ärmsten Länder in der westlichen Hemisphäre. Zusätzlich erlitten im Jahr 2010 etwa 3 Millionen Menschen grosse Verluste durch ein katastrophales Erdbeben. Mehrere Millionen internationaler Katastrophenhilfe flossen anschliessend in das Land, um den Menschen, die teilweise alles verloren hatten, zu helfen. Doch wurde ihnen tatsächlich geholfen? Sony Lebrun, einer ihrer Gesprächspartner, lebte zur Zeit ihres Interviews und sechs Jahre nach dem Beben, noch immer am Existenzminimum. Auf die Frage: «Wenn Sie eine Sache nennen könnten, die wirklich Ihr Leben verändern würde, was wäre das?» antwortete er: «Ein Liegenschaftsamt.» Denn Lebrun würde gerne ein Backsteinhaus bauen. Er will für die Materialien sparen. Aber was, wenn jemand

32

eines Tages vor seiner Tür steht und behauptet, das Land, auf dem er wohnt, zu besitzen? Seine Ersparnisse wären auf einen Schlag dahin. Ausserdem, so die Journalistin, sei ein Liegenschaftsamt wichtig, um Steuern einzutreiben. Demnach hilft eine gut organisierte Bürokratie armen Staaten nicht nur dabei, einzelnen Menschen Planungssicherheit für die Zukunft zu verschaffen, sondern sorgt auch für wirtschaftlichen Aufschwung des gesamten Landes. Gesetzt dem Fall, dass die Regierung das Geld auch sozial einsetzt, kann dies beispielsweise ein wichtiger Grundstein für soziale Grundsicherungen sein – und somit ein weiteres Element im Kampf gegen die Armut in der Bevölkerung. SaS Quelle: www.perspective-daily.de

VON EINEM TAG AUF DEN ANDEREN VIEL GELD ERBEN. Für viele eine schöne Vorstellung – für viele auch Realität: 2015 betrugen die Erbschaften in der Schweiz rund 63 Milliarden Franken, dabei haben sie sich in den letzten 20 Jahren ungefähr verdoppelt. Was dabei oft vergessen geht: Ein grosses Vermögen kann auch mehr Last sein als Lust. Denn mit dem Geld werden meist Familientraditionen, Erwartungen, Verpflichtungen vererbt – und Verantwortung. Das Problem: darüber reden tun die wenigsten. Wer redet schon über Geld, noch dazu über viel Geld? Und über die Bürde damit? Der Verein «Pecunia – das ErbinnenNetzwerk», will dem Abhilfe schaffen. Er soll eine Plattform sein für Frauen, die geerbt haben, sich untereinander austauschen und sich unterstützen wollen. Denn Frauen hätten eine andere Beziehung zu Geld als Männer und würden sich eher die Frage nach einem ethischen Umgang damit stellen, begründet der Verein. Sein oberstes Ziel liegt in der gegenseitigen Ermutigung, selbstbestimmt und verantwortungsvoll mit dem Erbe umzugehen. SaS Mehr Informationen: www.pecunia-erbinnen.net

Zeitpunkt 155


REICH | ARM

Die Droge auf dem Konto «GELD VERHÄLT SICH WIE EINE DROGE, UND ZWAR NICHT CHEMISCH, SONDERN PSYCHOLOGISCH.» Dies schreibt die englische Psychologin in ihrem Buch «Erst denken, dann zahlen – die Psychologie des Geldes und wie wir sie nutzen können.» Sie wertet in ihrem netten, aber nicht sonderlich scharfen Buch Hunderte von Studien über die Wirkung des Geldes auf unsere Gefühle und unser Verhalten aus. Tatsächlich hat die Neurobiologie in den letzten zwanzig Jahren mehrfach feststellen können, dass Geld, obwohl keine chemische Substanz, ganz ähnlich auf unser Gehirn wirkt wie Drogen. So aktiviert Geldgewinn die Belohnungszentren, sogar wenn es nur Spielgeld ist. Und Geldverlust stimuliert dieselben Gehirnregionen wie körperlicher Schmerz. Dabei werten wir Geldverlust höher als realen Verlust. 50 Franken, die einem gestohlen werden, tun viel mehr weh als die Lebensmittel für denselben Betrag, die man monatlich aus dem Kühlschrank entsorgt. Im Umgang mit Geld ist Vorsicht geboten, denn die Nachteile überwiegen: ■ Geldmangel senkt den IQ. Diese Erkenntnis verdanken wir einem indischen Psychologen, der Zuckerrohrbauern aus dem indischen Gliedstaat Tamil Nadu untersuchte. In den zwei Monaten vor der Ernte sind

■ Je weiter weg das Geld ist, desto weniger will man es. Sparen Sie Ihr Geld also auf einer weit entfernten Bank und verzichten Sie auf einen elektronischen Zugang. ■ Wer schenkt, ist glücklicher.

sie mehrheitlich in finanziellen Nöten und müssen auch für den Alltagsbedarf Kredite aufnehmen. Vor der Ernte liegt der IQ im Durchschnitt neun bis zehn Punkte tiefer als nachher. ■ Bei Geldmangel steigt der Level des Stresshormons Cortisol und führt zu falschen Entscheidungen. Der deutsche Wissenschaftler Johannes Haushofer hat dafür den Begriff «neurobiologische Armutsfalle» geprägt. ■ Geld macht egoistisch, einsam und senkt die Hilfsbereitschaft. ■ Geld zerstört die Eigenmotivation. ■ Geld macht gierig. Aber: ■ Bargeld begünstigt nützliche Ausgaben.

Das faltbare Bett für Obdachlose IMMER MEHR PRODUKTE WERDEN ONLINE BESTELLT UND IN KARTONS GELIEFERT, die sich dann nach dem Auspacken im Altpapier stapeln. Drei Studentinnen in Kommunikationsdesign fanden das schade und machten es sich zur Aufgabe, eine sinnvolle und nachhaltige Art der Wiederverwertung zu entwickeln. Das Resultat ist der Nachtfalter. Ein faltbares Bett für Obdachlose. Zu diesem Zweck entwickelten sie einen speziellen Versandkarton, aus dem sich, je nach Grösse, unterschiedlich viele einzelne Module heraustrennen lassen. Die Pappteile sollen dann in bundesweit zu diesem Zweck aufgestellten Containern und kooperierenden Einrichtungen gesammelt werden. Vor Ort sollen sie an Obdachlose verteilt werden, die aus insgesamt 16 Modulen ihren eigenen

Zeitpunkt 155

Nachtfalter zusammenbauen können. Die Breite eines fertigen Nachtfalters beträgt 80 Zentimeter, die Länge kann selbst bestimmt werden. Bei den Obdachlosen, die es bereits getestet haben, erhält das Bett laut dem Magazin enorm viel Zuspruch. Noch ist der Nachtfalter nicht verfügbar. Für die Umsetzung des Projekts werden aktuell noch Förderer gesucht. Sollten sich genug Partner finden, die die Kartons vertreiben und ihre Waren darin verschicken, könnte der Nachtfalter neben Kältebussen und Notunterkünften zu einem weiteren Projekt werden, das Menschen ohne Obdach hilft, mit den harten Bedingungen der Strasse zurechtzukommen. SaS

Es ist erstaunlich, dass eine soziale Technologie wie Geld zu derart verbreiteten psychologischen Defiziten führt. Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel. Dies dürfte vor allem an einer fehlerhaften Arbeitshypothese liegen, denn «die Mängel in unserer Gesellschaft entstehen nicht durch das Geld als solches», schreibt Hammond, «sondern durch unseren Umgang damit.» Aber: Geld ist, bedingt durch seine Entstehung als Kredit, ein Mangelsystem. Es ist zwar lebenswichtig, es gibt aber nie genug davon – verständlich, dass es uns den Kopf verdreht. Dagegen helfen zwei Dinge: Das Bewusstsein, dass wir es mit einer Droge zu tun haben und selbstverständlich die Vollgeld-Initiative, die die Geldschöpfung aus dem Nichts der Banken abstellen will – die tiefere Ursache der Misere. CP Claudia Hammond: Erst denken, dann zahlen – die Psychologie des Geldes und wie wir sie nutzen können. Klett-Cotta, 2017. 432 S. CHF | EUR 18.95

42 Prozent der US-Senioren sind pleite 42 Prozent der Amerikaner vor der Pensionierung haben weniger als 10 000 Dollar gespart. Angesichts der durchschnittlichen jährlichen Lebenshaltungskosten von 46 000 Dollar sind sie also faktisch pleite. Das ergab der jährlich durchgeführte Retirement Savings Survey von «GOBankingRates». Inbegriffen in diesen 42 Prozent sind die 14 Prozent, die absolut nichts auf die Seite legen konnten. Auf der anderen Seite haben fast zehn Prozent 200 000 bis 300 000 Dollar gespart und rund 16 Prozent noch mehr. CP Quelle: https://www.gobankingrates.com

www.nachtfalter.social

33


SCHWERPUNKT

Reich: Wie viel muss es denn sein? WIE REICH MUSS MAN SEIN, UM ZU DEN REICHSTEN ZEHN PROZENT ZU GEHÖREN? Wer das wissen will, der findet auf der Website www.arm-und-reich.de des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln einen Rechner. Man gibt sein «bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen» ein (also nach Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen) und trägt die Anzahl der Erwachsenen und Kinder im Haushalt ein. Dann drückt man die Enter-Taste und schon weiss man, ob man auf der Sonnenseite des Lebens steht. Das Ergebnis ist erstaunlich: Mit einem Nettoeinkommen ab 2900 Euro zählt man in Deutschland bereits zu den obersten zehn Prozent. Die Vermögen und die Erträge daraus, werden in der Berechnung nicht berücksichtigt. Schliesslich will die Website des von Konzernen gesponserten Instituts zeigen: «Die Starken stützen die Schwachen.» Dabei sind es gerade die Kapitaleinkommen, die die Schere zwischen Arm und Reich immer grösser werden lassen. Die Grenze zwischen der ärmeren und der reicheren Einkommenshälfte gemäss der Skala des Instituts der deutschen Wirtschaft liegt übrigens bei 1407 Euro.

Deutschland ist wahrlich ein Land, in dem man mit wenig gut und gerne leben kann. Die Ergebnisse lassen sich leider nicht einfach auf die Schweiz übertragen, da die Abzüge für Steuern und Krankenkassenprämien im Nettoeinkommen bereits berücksichtigt sind. Um auf einen Nettolohn von 2900 Euro zu kommen, braucht ein kinderloser Arbeitnehmer in Baden-Württemberg einen Bruttolohn von 5105 Euro. Mit dem umgerechneten Bruttolohn von 5912 Franken würde man also bereits zu den zehn Prozent Bestverdienenden gehören. Über die Durchschnittseinkommen gibt es in der Schweiz nicht besonders harte Zahlen, da sich die beste Erhebung (des Bundesamtes für Statistik) auf Haushalte bezieht und nicht auf Individuen. Nach Erhebungen des Prognosinstituts BAK Basel betrug das Durchschnittseinkommen 2012 in der Schweiz 58 800 Franken im Jahr oder 4900 im Monat. Um sich zur Mittelschicht zählen zu können, ist laut Berechnungen der Universität Basel ein Jahreseinkommen von 31 113 Franken nötig.

Die Wahrheit wollen wir gar nicht wissen DIE VERMÖGENSSTATISTIK IST EIN POLITIKUM UND DARUM UMSTRITTEN. Die alternative Denkfabrik «economy4mankind» schreibt über die Situation in Deutschland: «Das Statistische Bundesamt fälscht im Auftrag ihres Dienstherrn – der Bundesregierung – die Vermögensstatistik. Kein einziger Reicher ist Teil der Statistik. Kein Bürger mit einem Einkommen ab 18 000 Euro wurde mit einbezogen. Das Mitzählen der reichsten Bürger ält das Statistische Bundesamt für «methodisch unzulässig». Die Erhebungsmethode stellt das Statistische Bundesamt nicht infrage. Zudem basieren die «Daten» auf den freiwilligen Angaben einer Umfrage. Bei freiwilligen Umfragen zu Einkommen und Vermögen legt keine reiche Person ihre finanzielle Situation offen. Arme Personen neigen hingegen dazu, ihre Armut zu verbergen, da Armut in unserer Gesellschaft als Schande gilt. Deshalb erfinden sie in Umfragen ein Einkommen und Vermögen, das sie gar nicht haben. Und schliesslich hat

34

das Statistische Bundesamt die Ehrlichkeit der brisanten Angaben nicht nachgeprüft, nicht einmal in Stichproben.» Nach offiziellen Angaben besitzen in Deutschland die oberen 10% der Bevölkerung 60% des Vermögens. «economy4mankind» schätzt die tatsächlichen Verhältnisse wie folgt: ■ Die unteren 10% der Bundesbürger sind verschuldet. ■ Die untere Hälfte der Bundesbürger besitzt keinerlei Vermögen. ■ Das obere Drittel besitzt 90% des Vermögens. ■ Die oberen 10% besitzen 80% des Vermögens. ■ Das obere 1% besitzt 50% des Vermögens. https://www.economy4mankind.org

Was die Zahlen mit den relativ hohen Durchschnittseinkommen auf jeden Fall zeigen: Die wirklich hohen Einkommen erzielen nicht die reichsten zehn, sondern die reichsten drei bis vier Prozent. Dort fallen auch die hohen Kapitalgewinne an, die gar nicht in die Berechnungen einfliessen. CP www.arm-und-reich.de/umverteilung/ueberblick.html Lohnrechner: www.vlh.de • www.ethz.ch

Die Vielfalt wird ärmer «Der Rückgang der biologischen Vielfalt gefährdet das menschliche Wohlbefinden, aber es gibt Möglichkeiten zum Schutz und zur Wiederherstellung.» Mit diesen Worten fasst der Weltbiodiversitätsrat IPBES seine vor kurzem verabschiedeten vier regionalen Berichte zur Biodiversität zusammen. «Wir brauchen derzeit unser Naturkapital auf, dabei sollten wir von den Zinsen leben», resümiert etwa der Berner Universitätsprofessor Markus Fischer, einer der beiden Herausgeber des Berichts zu Europa/Zentralasien. Trotz dieser schlechten Nachrichten haben die Wissenschaftler Hoffnung, dass das Artensterben noch abgebremst werden kann. Dafür müssten allerdings mehr Schutzgebiete geschaffen, zerstörte Gebiete wiederhergestellt und Landwirtschaftssubventionen überdacht werden. Verbraucher sollten ihren Fleischkonsum reduzieren. «Es ist noch nicht zu spät.» Mehr unter: www.biodiversity.de

Zeitpunkt 155


ww

w.

su

. fo

ch

Fr 4. Mai | 19:00 - 20:30 talhof - Torstrasse 14

PODIUM Fair profitieren? Ökonomische, ökologische und soziale Dimensionen von unternehmerischem Handeln.

ANSCHLIESSEND BARBETRIEB

Sa 5. Mai | 09:30 - 22:00 GBS Schulhaus - Kirchgasse 15

WORKSHOPS 10:30 - 12:30 | 14:00 - 16:00 Anmeldung unter www.sufo.ch (kostenlos)

INFORMATIONSSTÄNDE KULTURELLES RAHMENPROGRAMM STRASSENFEST mit Tuningforks und weiteren

So 6. Mai | 09:30 - 15:00 Centrum St. Mangen - Magnihalden 15

WORKSHOPS FOODWASTE BRUNCH INTERRELIGIÖSER GOTTESDIENST KULTURELLES RAHMENPROGRAMM

/ 4.

5.

. /6

M

. St

ai

G

1 20

al

le

Menschenrechte im Unternehmen durchsetzen

Reichtum ohne Gier Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten Sahra Wagenknecht „Es ist Zeit, sich vom Kapitalismus abzuwenden“, sagt Sahra Wagenknecht. Denn der Kapitalismus ist längst nicht mehr so innovativ, wie er sich gibt. Bei der Lösung der großen Zukunftsfragen - von einer klimaverträglichen Energiewende bis zu nachhaltiger Kreislaufproduktion - kommen wir seit Jahrzehnten kaum voran. Für die Mehrheit wird das Leben nicht besser, sondern härter.

Internationale Arbeitnehmerrechte: Die UN-Leitprinzipien als Hebel für Betriebsräte und Gewerkschaften

Mit ihrem Buch eröffnet Wagenknecht eine politische Diskussion über neue Eigentumsformen und die vergessenen Ideale der Aufklärung. Sie legt eine scharfsinnige Analyse der bestehenden Wirtschaftsordnung vor und zeigt Schritte in ein demokratisch gestaltetes Gemeinwesen, das niemandem mehr erlaubt, sich zulasten anderer zu bereichern.

Basierend auf Fallstudien und Experteninterviews diskutieren die Autorinnen und Autoren die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte.

317 S., kartoniert, ISBN 978-3-593-50875-7

240 S., kartoniert, ISBN 978-3-8376-4179-0

Der Crash der privaten Altersvorsorge und wie Sie sich darauf vorbereiten können Sven Enger Sven Enger, der selbst als CEO in der Versicherungsbranche gearbeitet hat, erklärt, warum die Politik Angst vor der Wahrheit hat und welche Auswege es aus dem Crash-Szenario geben könnte.

Telefon:

18,- €

+49 (0) 61 54 - 60 39 5-0

Chancen und Risiken einer vielstimmigen Identität Geld spielt für unser Wohlergehen eine wichtige Rolle. Wünsche, Ängste, Gefühle von Sicherheit und Unsicherheit sind damit verbunden. Geld hat auch Einfluss auf unser Selbstverständnis. Anhand verschiedener Fragen wird der Zusammenhang von Psyche, Geld und Identität aus interdisziplinärer Perspektive betrachtet. 176 S., kartoniert, ISBN 978-3-8436-1000-1

E-Mail:

info@syntropia.de

24,99 €

Radikal gerecht

Seele und Geld

Alt, arm und abgezockt

288 S., kartoniert, ISBN 978-3-430-20214-5

14,- €

23,- €

Jedes lieferbare Buch versandkostenfrei (in DE)

Wie das bedingungslose Grundeinkommen den Sozialstaat revolutioniert Thomas Straubhaar Unser Sozialsystem ist am Ende. Reformieren lässt es sich nicht, sagt der Hamburger Ökonomieprofessor Thomas Straubhaar. Aber revolutionieren: durch das bedingungslose Grundeinkommen. 248 S., gebunden, ISBN 978-3-89684-194-0

17,- €

www.syntropia.de

8

n


ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

Geld aus Nichts macht arm

36

Zeitpunkt 155


ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

Die Mechanik der Umverteilung Seit Jahrzehnten wird die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm ­erfolglos bekämpft. Das Scheitern hat einen Grund: die versteckte ­Umverteilung durch unser Geldsystem. Von Christoph Pfluger

B

ei jedem statistischen Hinweis auf die wachsende Schere zwischen Arm und Reich beteuern Politiker und Experten: Es muss etwas getan werden! Es ist fast wie mit den Schulden, die auch bekämpft werden, seit ich Zeitung lesen kann, also seit mehr als fünfzig Jahren. Und die doch ständig wachsen. Beide, Schulden und Schere, scheinen ausserhalb unserer Willenskraft zu liegen. Es ist, als ob versteckte Kräfte am Werk wären, die entweder unseren Willen brechen oder mit viel grösserer Wucht in die Gegenrichtung ziehen – ein System gewissermassen, das ausserhalb unserer Kontrolle und sogar ohne unser Wissen wirkt. Wie sonst ist zu erklären, dass etwas geschieht, das niemand will und viele explizit bekämpfen? Wachsende Schuldenberge und steigende Umverteilung haben einen gemeinsamen Nenner: die Art und Weise, wie Geld geschöpft wird. Und weil sogar TopBanker wie Sergio Ermotti die Geldschöpfung nicht verstehen – wenigstens war es anfangs 2017 anlässlich einer TV-Diskussion auf Teleticino noch so –, muss sie hier im Schnelldurchgang erklärt werden: «Die Banken schöpfen Geld, indem sie Kredite verleihen», schreibt die Nationalbank in ihrer Broschüre «Die Nationalbank und das liebe Geld». Sie verleihen also nicht das Geld der Sparer, wie die Bankiervereinigung selbst ihren Mitarbeitern in einem Infoblatt immer noch weismachen will, sondern schöpfen es gewissermassen aus dem Nichts. Sie brauchen dazu eine Mindestreserve von 2,5 Prozent sowie etwas Eigenkapital, zusammen rund zehn Prozent. Mit diesem Quasi-Nichts als Sicherheit schreiben sie dem Kreditnehmer den gewünschten Betrag ins Konto. Damit entsteht ein gleichbleibendes Guthaben, das in Zirkulation geht und eine mit der Zeit wachsende Schuld. Der Kreditnehmer muss ja Zins bezahlen – notabene für etwas , das die Bank nie hatte. (Wer es genau wissen will: In der Bankbilanz wird der Geldschöpfungsakt auf der Aktivseite als Forderung gegenüber dem Kreditnehmer eingetragen und auf der

Passivseite als Verbindlichkeit der Bank gegenüber dem Kreditnehmer. Sie muss ihm ja auf Wunsch gesetzliches Zahlungsmittel auszahlen.) Der Vorgang liefert zwei aufschlussreiche Erkenntnisse und ein grosses Rätsel: • Alles Geld besteht aus Schulden. • Es hat immer zu wenig Geld, um die Schulden zu bezahlen. • Doch was ist Geld, das aus Schulden besteht, die nicht bezahlt werden können? Dafür haben wir nicht einmal ein Wort. Das Privileg, dass ihre ewigen Schulden als Geld akzeptiert werden, für die sogar noch Zins bezahlt werden muss, geniessen nur die Banken. Im Gegensatz zu anderen hoheitlichen Leistungen, die von Privaten erbracht werden – Vermessung, Emissionskontrollen etc. – hat das Geldschöpfungsprivileg der Banken allerdings keine rechtlichen Grundlagen. Diese private Kreditgeldschöpfung erzeugt versteckte Umverteilungseffekte verschiedenster Art. Der stärkste ist gleichzeitig der am wenigsten sichtbare. Weil alles Geld Kredit ist, auf den Zins bezahlt werden muss, entrichten wir ihn bei jedem Kauf und jeder Transaktion, ohne es zu merken. Der Zins ist gewissermassen die Steuer dafür, dass es das private Geld der Banken überhaupt gibt. Wie hoch liegt der Zinsanteil an unseren Kosten? Der deutsche Geldreformer Helmut Creutz (1923-2017) kommt in seinem 1993 erstmals erschienenen Buch «Das Geld-Syndrom» auf durchschnittliche Werte von 30 bis 40 Prozent, bei der Müllabfuhr sind es 18, beim Trinkwasser 38 und bei den Mieten im sozialen Wohnungsbau sind es 77 Prozent. Der Wert scheint hoch, und er ist auch nicht unumstritten. Um die Validität von Creutz’ Berechnungen zu beurteilen, braucht man nicht in die komplizierten betriebs- und volkswirtschaftlichen Kalkulationen und Statistiken abzutauchen. Ein Blick auf die Veränderung der Kapitaleinkommen genügt. Ihr Anteil am gesamten Volkseinkommen liegt gemäss

• Er hat nur zwei Hände, eine zum Nehmen, eine zum Behalten. Die zum Geben fehlt ihm. Sprichwort

Wer die Wahl hat, investiert sein Geld in Wertpapiere und nicht in die Realwirtschaft, wo mit Schweiss und Risiko hart gearbeitet werden muss. Zeitpunkt 155

37


ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

Es profitieren nur die Reichsten rund 12 Prozent. Für die Studie aus Deutschland wurden die Haushalte in zehn gleich grosse Einkommenskategorien von arm bis reich eingeteilt und die Zinseinnahmen und -ausgaben saldiert. Quelle: Money – Sustaina­ bility: The Missing Link. Report from the Club of Rome, EU Chapter. 2012

• Das Verantwortungsgefühl der Finanzbranche ist nicht etwa gering. Es ist nahezu nicht vorhanden. John Kenneth Galbraith

38

­ omas Piketty, Autor von «Das Kapital im 21. JahrTh hundert», langfristig bei 25 bis 32 Prozent. Da selbst die EZB zum Schluss gekommen ist, dass die sehr grossen Vermögen und Einkommen systematisch klein gerechnet werden, dürfen die Kapitaleinkommen etwas höher gelegt werden. In der Schweiz liegt das Verhältnis ähnlich: 2016 betrug die gesamte Lohnsumme der Schweiz gemäss AHV-Statistik rund 300 Mrd. Franken. Die Kapitaleinkommen lagen bei 123,5 Mrd. (Zahlungsbilanz und Auslandvermögen der Schweiz 2016, SNB), d.h. bei gut 40 Prozent der Löhne. Ein Teil dieser Kapitaleinkommen wird allerdings im Ausland realisiert. Ein Drittel unseres Aufwands für die Lebenshaltung entfällt somit auf Zins- und Kapitalkosten. Der Wert ist in etwa richtig, leicht einzuprägen und vereinfacht die Berechnung der persönlichen Situation. Um nämlich die Frage zu beantworten, ob das private Geld der Banken für uns profitabel ist oder nicht, müssen wir nur die Zinskosten im Umfang von einem Drittel unserer Haushaltauslagen von den Zinseinnahmen abziehen, die wir Ende Jahr verbuchen. Rechenbeispiel: Wenn Sie 60 000 ausgeben und ein Vermögen von 200 000 besitzen, für das Sie 2 Prozent erhalten, bezahlen Sie 20 000 versteckten und beziehen 4000 offenen Zins. Saldo: minus 16 000. Die nächste Frage lautet: Ab welchem Vermögen ist der Saldo positiv? Helmut Creutz hat nachgerechnet. Fazit: Nur die reichsten rund zwölf Prozent der Bevölkerung mit einem durchschnittlichen Vermögen von etwa zwei Millionen Euro verzeichnen einen positiven Zinssaldo, alle anderen zahlen mehr Zins als sie einnehmen. Dies ist die grundlegende Umverteilung von den Arbeitenden zu den Vermögenden, von Arm zu Reich. Darin enthalten sind andere Umverteilungseffekte, die

nicht direkt auf den Zins, sondern den Mechanismus der Kreditgeldschöpfung zurückgehen. Entscheidend dabei ist, dass neu geschöpftes Geld vor allem den Kreditwürdigen zufliesst, also denen, die schon genug haben, um es salopp auszudrücken. Wer keine Sicherheiten bietet, kann noch so tüchtig sein, er kriegt kein Geld. Die Geldschöpfung der privaten Banken ist aus systemischen Gründen inflationär – der ständige Geldmangel muss durch wachsende Kredite laufend entschärft werden. Die Inflation, zur Zeit an den Preisen für Immobilien und Wertpapieren deutlich abzulesen, beschert den Vermögenden einen weiteren Vorteil: Sie erhalten das neue Geld als erste und können zu den alten Preisen einkaufen. Die private Geldschöpfung beschleunigt auch die Umverteilung von der Real- in die Finanzwirtschaft. Weil in einer endlichen Welt unendliches Wachstum nicht möglich ist, das Geldsystem aber unendliches Kreditwachstum erzwingt, fliessen mittlerweile rund 80 Prozent der neu geschöpften Kreditgelder direkt in die Finanzwirtschaft, wo sie für spekulative Zwecke und Umschuldungen verwendet werden. Bei den Grossbanken liegt dieser Wert deutlich höher, bei den kleinen Regional- und Ge-

In der Welt des privaten Kreditgeldes beginnt alles wunderbar und endet katastrophal. nossenschaftsbanken niedriger. Der grosse Zufluss an Mitteln lässt die Preise der Vermögenswerte steigen und ermöglicht hohe Profite. Der Schweizer Aktienindex SMI erzielte 2017 einen Jahresgewinn von 14 Prozent, also weit über dem realwirtschaftlichen Wachstum. Wer die Wahl hat, investiert sein Geld in Wertpapiere und nicht in die Realwirtschaft, wo mit Schweiss und Risiko hart gearbeitet werden muss. Lohndruck und Auslagerung in Billiglohnländer sind die Folge. Grosse Vermögen bieten schliesslich auch mehr Macht und Möglichkeiten, auf die Kurse der Wertpapiere einzuwirken, vorteilhafte politische Entscheidungen zu beeinflussen und die Gelder in Steueroasen zu verstecken. Je grösser die Vermögen, desto höher sind deshalb auch die Renditen. Während der Normalsparer unterdessen mit einem Zins nahe bei Null zufrieden sein muss, erzielen Milliardenvermögen regelmässig Zuwächse von über zehn Prozent, nicht nur im Boomjahr 2017. Konzerne und Superreiche beschäftigen ein Heer von Investmentberatern und Anwälten, um ihre Vermögen vor dem Fiskus zu schützen. Die hinterzogenen Steuern fehlen dann in den öffentlichen Haushalten, wo sie zu einer Rückverteilung von oben nach unten beitragen könnten. So erstaunt es nicht, dass die Schere zwi-

Zeitpunkt 155


ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

Fair oder widerrechtlich? Das Bundesgericht wird über Abstimmungsbüchlein zur Vollgeld-Initiative entscheiden

D 

ie Vollgeld-Initiative wird mit einer cleveren, aber perfiden Strategie bekämpft. Anstatt dass die Banken, deren Geldschöpfungsprivileg durch die Vollgeld-Initiative aufgehoben werden soll, selber in den Ring steigen, schicken sie andere vor: Berater, Avenir Suisse, Economie Suisse und nicht zuletzt die Bundesverwaltung. Nachdem die Eidg. Finanzverwaltung an einer Medienorientierung vom 4. April eindeutige Unwahrheiten verbreitete, hat der Bundesrat mit seinem Abstimmungsbüchlein zur Initiative einen vorläufigen Höhepunkt gesetzt. Der angeblich objektive Teil, der die Initiative sachlich darstellen soll, enthält bereits zahlreiche Falschaussagen, Halbwahrheiten und Unterstellungen. Unter anderem wird behauptet, «die Banken können Kredite auf zwei Arten vergeben: Sie können dafür das Geld benutzen, das Kundinnen und Kunden auf ihr Bankkonto einbezahlt haben. Sie können aber auch Geld schaffen.» Richtig ist: Im heutigen System kann eine Bank (aus bilanztechnischen Gründen) keine Spargelder der Kunden für die Kreditvergabe nutzen. Genau das wird erst mit der Annahme der Vollgeld-Initiative möglich. Eine bestehende zweite Variante der Geldschöpfung verschweigt der Bundesrat geflissentlich: Banken können nämlich auch für Eigengeschäfte Geld aus dem Nichts schöpfen und damit Vermögenswerte kaufen, z.B. Immobilien. Sie schaffen auf Knopfdruck, wofür andere hart arbeiten müssen

Im Bundesbüchlein finden sich auch zahlreiche Befürchtungen, die nichts mit der Vollgeld-Initiative zu tun haben. Damit sie wahr würden, müsste die Nationalbank eine unsinnige Geldpolitik betreiben und ihren gesetzlichen Auftrag missachten. So befürchtet der Bundesrat, die Banken müssten ihre «Geschäftstätigkeit einschränken» (S. 7), weil sie von der Nationalbank nur Darlehen zu überhöhten Zinsen erhalten würden. Warum sollte die Nationalbank die Zinsen so erhöhen, dass die Tätigkeit der Banken erschwert wird? Derzeit bekommen Banken Darlehen zu null Prozent Zins. Warum sollte dies mit Vollgeld wesentlich anders sein? Der Bundesrat befürchtet weiter, die Nationalbank könnte das zuvor «an den Bund, die Kantone oder die Bevölkerung verteilte Geld wieder zurückfordern», um die Geldmenge zu reduzieren. Der heute normale Weg zur Reduktion der Geldmenge ist der Verkauf von Devisen und Wertpapieren durch die Nationalbank und die Einschränkung der Darlehen an Banken. Es gibt keinen ersichtlichen Grund, warum sie dies nach Annahme der VollgeldInitiative nicht mehr tun sollte. Die Nationalbank hat den gesetzlichen Auftrag, für Geldwertstabilität zu sorgen. Doch der Bundesrat unterstellt der Nationalbank, dass sie so viel Geld schuldfrei auszahlen könnte, dass es zu einer «Inflation» käme (S. 15). Schliesslich behauptet der Bundesrat entgegen dem Initiativtext, mit der Vollgeld-Initiative

schen Arm und Reich jedes Jahr neue Rekordwerte erreicht. Die Frage ist, wie lange diese Umverteilung noch weiter getrieben werden kann. Die Situation ist mit der von Pächtern eines grossen Gartens vergleichbar, die dem Besitzer einen Anteil der Ernte als Pachtzins abliefern müssen, jedes Jahr ein bisschen mehr, im Gleichschritt mit dem Vermögenswachstum des Besitzers. Den Profitdruck machen die Pächter anfangs mit Dünger und technischen Hilfsmitteln wett (Effizienzsteigerung). Dann müssen sie mehr arbeiten (Druck auf Arbeitsverträge) und schliesslich weniger essen (Armut). An einem bestimmten Punkt kehrt der Hunger ein

und die Arbeitskraft bricht zusammen oder eine Revolte lodert auf. Man kann diese Situation auch rein ökonomisch ausdrücken: Je grösser die Vermögen, desto weniger Überschüsse stehen der Bevölkerungsmehrheit für den Konsum zur Verfügung. Die Produktion wird gedämpft und es wird schwieriger, Renditen zu erzielen, die für die Werterhaltung des Kreditgeldes essentiell sind. Und ohne Rendite reisst die Kreditkette und das Kartenhaus fällt. In der Welt des privaten Kreditgeldes beginnt alles wunderbar und endet katastrophal. Die Umverteilung führt zu einer sozialen und politischen Schluss auf Seite 42

Zeitpunkt 155

«würde die Kreditsteuerung zunehmend bei der SNB zentralisiert». Das ist Mumpitz. Die Nationalbank wird auch künftig (gemäss Nationalbankgesetz) keine Kredite an Staat, Unternehmungen oder Haushalte vergeben. Auch mit Vollgeld erfolgt die Kreditvergabe ausschliesslich dezentral durch die Banken. Aufgrund dieser und anderer Mängel kommt das Initiativ-Komitee zum Schluss: «Wer anhand des Bundesbüchleins abstimmt, hat eine andere Initiative vor Augen, aber nicht die Vollgeld-Initiative, um die es am 10. Juni geht.» Aus diesen Gründen hat ein Hochschullehrer für Wirtschaft Beschwerde gegen das Bundesbüchlein eingereicht. Aus prozessualen Gründen musste er sie an die Regierung seines Wohnsitzkantons richten, die sich für nicht zuständig erklären und den Beschwerdeführer ans Bundesgericht verweisen muss. Dieses wird mit Sicherheit erst nach der Abstimmung entscheiden. Der Mann hat Mut. Wir hoffen, dass er nicht nur seinen Job behalten kann, sondern auch befördert wird. Die Schweiz braucht Hochschullehrer, die nicht nur klar denken, sondern auch entsprechend handeln. CP/Vollgeld-Initiative

39


ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

Soziale Demokratie sucht Partei Europaweit zeichnet sich ein Trend ab: Sozialdemokratische Parteien sind die grössten Wahlverlierer. Ihr gesellschaftlicher Einfluss schwindet. Erleben wir zurzeit die Grablegung eines historisch Gesellschaftsentwurfes? Von Regine Naeckel

N

• Die Grosskapitalisten, dies sind in Wahrheit die Revo­ lutionäre, die Umstürzler. Je mehr diese Herren arbei­ ten, je mehr sie tätig sind, desto mehr Sozialdemo­ kraten schaffen sie. August Bebel (1840 - 1913), Mitbegründer SPD

40

ie zuvor in ihrer über hundertjährigen Geschichte haben sozialdemokratische Parteien in einem solchen Masse Wähler verloren, wie in den vergangenen Jahren. Einst angetreten, um Rechte und Gerechtigkeit für die arbeitenden Menschen zu erkämpfen, wenden sich genau diese nun von «ihrer» Partei ab. Die Parlamentswahlen in zwei bedeutenden europäischen Industrienationen – Deutschland wählte im September 2017 und Italien im März 2018 – machen diese Entwicklung einmal mehr deutlich. In Deutschland verloren die Sozialdemokraten gut fünf Prozent ihrer Stimmen und damit vierzig Sitze im Parlament. Nur noch ein Fünftel der Wähler goutierte im vergangenen Herbst die Politik der SPD und wollte sie weiter im Bundestag sehen. Noch schlimmer erging es dem italienischen Partito Democratico unter dem ehemaligen Ministerpräsidenten Matteo Renzi. Die von ihm geführte Mitte-links-Koalition büsste fast sieben Prozentpunkte ein, ihr Anteil im Parlament liegt künftig deutlich unter zwanzig Prozent. Genauso wie die SPD in Deutschland bietet die PD in Italien schon lange keine gesellschaftliche Alternative mehr an. Nicht das Wählerpotential ist der Sozialdemokratie abhandengekommen. Die Stammwähler haben eine Partei verloren, die ihre Interessen nachhaltig vertritt. Für die westeuropäischen Demokratien erweist sich die Marginalisierung der Sozialdemokratie als verheerend. Die Aufteilung in zwei politische Lager – symbolisiert durch jeweils einflussreiche Volksparteien – prägte die westeuropäischen Parlamente der Nachkriegszeit. Bis zum Ende des «real existierenden Sozialismus» der UdSSR und ihren Bündnisstaaten erwies sich dieses Parteiengefüge als beständig und aus bürgerlicher Sicht auch nützlich. Beide, auf der einen Seite das konservative Lager, auf der anderen die sozialistischen oder sozialliberalen Kräfte, sorgten so für eine mehr oder weniger

soziale Marktwirtschaft und gesellschaftliche Gerechtigkeit. Ein Lager regierte, während das andere Opposition machte – die Rollen konnten schnell gewechselt werden. Der Fall des Eisernen Vorhanges liess nicht nur die politischen Systeme des Ostens zusammenbrechen, vielmehr brachen für den Kapitalismus nun tatsächlich sämtliche Dämme. Mit der «gewissen Zurückhaltung», also einer nicht allzu dreister kapitalistischer Gier, war Anfang der 1990er-Jahre Schluss und der Weg für die totale Globalisierung der Märkte frei. Eigentlich hätten damals bei der Sozialdemokratie die Alarmglocken läuten müssen. Doch statt gegen diese Neuausrichtung des Wirtschaftssystems mobilzumachen, fanden sich ausgerechnet unter sozialdemokratischen Parteiführern die vehementesten Anhänger einer unregulierten Entfesselung der Märkte: Gerhard Schröder und Tony Blair – sie stehen beispielhaft für diesen radikalen parteipolitischen Richtungswechsel. Ende des vergangenen Jahrhunderts spülte es die beiden Gesinnungsgenossen an die Macht; als sozialdemokratische Regierungschefs beendeten sie in ihren Ländern lange Phasen konservativer Politik. Ein Neuanfang im Sinne ihrer Wähler war das nicht, denn beide öffneten dem Neoliberalismus Tür und Tor. Blair trat mit «New Labour» die Nachfolge des Thatcherismus an, Schröder begann auf relativem Neuland. Dass eine solche Entwicklung ausgerechnet in den zwei reichsten, bevölkerungsstärksten EU-Staaten ihren Ausgangspunkt nahm, den führenden Wirtschaftsmächten mit einer traditionell gut organisierten Arbeiterschaft, hatte fraglos eine Signalwirkung auf andere sozialdemokratische Parteien in Europa. Während sich im Vereinigten Königreich Tony Blair immerhin zehn Jahre lang an der Regierung halten konnte, war in Deutschland Gerhard Schröders Amtszeit kürzer und vor allem von keinem rühmlichen Abgang gekrönt. Seitdem dümpelt seine Partei allenfalls

Zeitpunkt 155


ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

ihren programmatischen Erklärungen weit hinter dem zurück, was Labour in den letzten zwei Jahren mühsam entwickelt hat.

als Juniorpartner an der Seite der Christdemokraten in grossen Koalitionen. Zwar regiert sie ein bisschen mit, scheint aber jegliches politische Profil verloren zu haben. Das zentrale Problem sozialdemokratischer Parteien liegt nach Ansicht der belgischen Politologin Chantal Mouffe darin, sich zum aktiven Teil dieses Systems gemacht zu haben. Und deshalb «besteht kaum Hoffnung, dass die europäische Sozialdemokratie überlebt. Sie ist nicht mehr zu reparieren». Betrachtet man die jüngsten Zuckungen der traditionsreichen «alten Tante SPD» in Deutschland, ist man geneigt, dem zuzustimmen. Unmittelbar nach der Wahl tönte sie kategorisch «Nein zur GroKo», doch nach dem Scheitern der Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, Grünen und FDP geriet sie unter Druck. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte die Parteispitze auf, sich ihrer «Verantwortung zu stellen» und das bedeute, als Juniorpartner mitzuregieren. Ein Koalitionsvertrag wurde eiligst zusammengezimmert, und er zeigt wenig sozialdemokratisches Profil. Doch mit viel Überzeugungsarbeit gelang es der Parteispitze, 66 Prozent der ca. 260  000 SPD-Mitglieder ihre Zustimmung zu entlocken. Diese Mitgliederentscheide sind eigentlich ein sehr demokratisches Verfahren, doch dieses Mal peitschte die Führung ihren Genossen das Wahlverhalten regelrecht ein. Ihr waren die «Jusos» in die Quere gekommen. Die Jugendorganisation der SPD hatte sich von Anfang an konsequent gegen jede Form von GroKo, unabhängig vom Inhalt des Verhandlungsergebnisses, positioniert und plädierte für eine christsoziale Minderheitsregierung. Grundsätzlich wollen die Jusos eine entschiedene Neuausrichtung der Partei, schielen nach Grossbritannien, ein Teil schwärmt für Jeremy Corbyn und den konsequent linken Kurs der dortigen Labour Party (vgl. ZP 153). Doch bleiben die Jusos mit ihren Forderungen und

Zeitpunkt 155

Der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert sorgte bisher lediglich mit seiner #NoGroKo-Kampagne für Furore. «Tritt ein, sag Nein!» lautete das Motto und forderte bundesweit zum massenhaften Eintritt in die SPD auf. Theoretisch war es möglich, für zehn Euro zwei Monate lang der Partei beizutreten, seine Stimme abzugeben, um sich dann wieder aus der Mitgliederliste streichen zu lassen. Da beschlich viele Bürger ein seltsames Gefühl. Immerhin hätten Nationalisten, Rassisten und das ganze rechte Lager diese Chance nutzen können, um eine Entscheidung von internationaler Tragweite zu beeinflussen. Wie auch immer: Viel mehr als dieser Marketinggag ist von den Jusos nicht zu hören. In der Öffentlichkeit sind sie nicht mit einem eigenen Programm präsent, das eine Wende sozialdemokratischer Politik einleiten könnte – keine radikalen sozialen, ökonomischen oder friedenspolitischen Forderungen wie bei Labour. Und da wundert sich die Partei, dass ihre einstigen Mitglieder und Unterstützer ihnen das Wahlkreuz verweigern. Im neuen Kabinett Merkel sind sechs Ministerien von Sozialdemokraten besetzt. Das Personal – wie gehabt: Kein einziNicht das Wählerpotential ger charismatischer Vordenker, fast ist der Sozialdemokratie sämtliche Wahlverlierer, dazu noch abhandengekommen. Die ein umstrittener ehemaliger Hamburger Oberbürgermeister als VizeStammwähler haben eine Partei kanzler und Finanzminister: Olaf Scverloren, die ihre Interessen holz. Er wurde seit dem G-20 Gipfel nachhaltig vertritt. im Juli 2017 in der Hafenstadt zum Rücktritt gedrängt, aber dem PeterPrinzip folgend, ist er mit dem neuen Amt gewaltig nach oben gefallen. Während Merkels vierter Amtszeit wird sich möglicherweise auch die Zukunft der deutschen Sozialdemokratie entscheiden. Wobei es ein Irrglaube ist, anzunehmen, Merkel sei Schuld am Niedergang der SPD. Die hat sich längst ihr eigenes Grab geschaufelt. Zum Schulterschluss mit Industrie und Banken waren die westdeutschen Genossen bereits vor der «Wende», dem Mauerfall, bereit – damals allerdings unter dem Mäntelchen der Sozialpartnerschaft. Den von Gerhard Schröder eingeleiteten und exekutierten Sozialabbau auf ganzer Linie werden die Stammwähler nicht so schnell vergessen können, spüren sie doch die Auswirkungen Tag für Tag. Ein wirklich mitreissendes, zukunftsorientiertes Gesellschaftskonzept verbirgt sich hinter der roten Nelke – dem Parteisymbol – schon lange nicht mehr. Wozu also dem Pflänzchen Wasser geben?

41


ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

Schub fürs Vollgeld! Bei der Vollgeld-Initiative geht es nicht nur um sicheres Geld und echte Schweizer Franken, sondern im Grund um Umverteilung, Nachhaltigkeit und ewige, unbezahlbare Schulden. Um diese Themen in die VollgeldDebatte einzubringen, hat sich Mitte Februar die Allianz für Vollgeld und Gerechtigkeit gebildet – nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung zur Kampagne des Initiativkomitees. Die Allianz führt die Kampagne «stop fake money» und ist damit spät, aber einigermassen gut gestartet. Sie zählt 220 Mitglieder und rund 350 Unterstützerinnen und Sympathisanten. Sie kommuniziert über die website www. vollgeld-und-gerechtigkeit.ch und Newsletter, stellt den Unterstützern Flyer, Plakate, Banner und Kleber zur Verfügung und beteiligt sich an zahlreichen Informationsveranstaltungen. Sie fordert die Exponenten der Vollgeld-Gegner, die lieber aus dem Hinterhalt schreiben und sich im geschützten Rahmen äussern als sich der offenen Debatte zu stellen, zu öffentlichen Streitgesprächen heraus. Prof. Berentsen, ein

Berater der Nationalbank, der sich mit besonders dreisten Behauptungen hervorgetan hat («die Vollgeld-Initiative verbietet Sichtguthaben»), wollte ganze zwei Monate lang keine Stunde Zeit für eine öffentliche Debatte haben. So hoffen wir, doch noch für eine gewisse Diskussionskultur sorgen zu können, die es für einen Volksentscheid zu einem derart wichtigen Thema einfach braucht. Ich freue mich, nein, ich bitte Sie darum, Mitglied (Mindestbeitrag Fr. 20.–) oder Unterstützerin der «Allianz für Vollgeld und Gerechtigkeit» zu werden. Sie will sich, falls die Mitglieder im Herbst zustimmen, auch nach der Abstimmung für Geldreform stark machen. Denn der monetäre Feudalismus mit dem zentralen Geldschöpfungsprivileg der privaten Banken muss fallen. Von allein wird dies aller Voraussicht nach nicht geschehen. Dazu braucht es viele – auch Sie! Christoph Pfluger, Präsident «Allianz für Vollgeld und Gerechtigkeit» www.vollgeld-und-gerechtigkeit.ch Bestellkarte für Werbematerial im Umschlag.

Werbematerial zur freien Verwendung STOP STOP STOP-FAKE-MONEY.CH FAKE-MONEY FAKE MONEY Vollgeld Ja!

STOP FAKE MONEY!

.ch

JA zum Vollgeld

Die Banken brauchen eine klare Botschaft!

Die Banken brauchen eine klare Botschaft!

Das Geld aus dem Nichts der Banken bedeutet: U Umverteilung U Wachstumszwang U Arbeitslosigkeit U Krisen Das wird sich ändern!

U

am 10. Juni

www.vollgeld-und-gerechtigkeit.ch

Allianz für Vollgeld und Gerechtigkeit

Banner

Schluss von Seite 39

­ estabilisierung. Wird Arbeit kontinuierlich D ihres Ertrags beraubt, wird sie schliesslich nur noch von denen geleistet, die dazu gezwungen sind – als eine Art moderner Sklaven. Dass wir im rechtlichen Sinne frei sind, spielt diesem Herrschaftssystem in die Hände. Schon Goethe wusste: «Niemand ist hoffnungsloser versklavt als diejenigen, die fälschlicherweise annehmen, frei zu sein.» In welchem Stadium wir uns befinden, ist schwer zu sagen. Aber dank Thomas Pikettys umfangreichen Datenreihen gibt es empirische Antworten: Vor dem Ersten Weltkrieg lag das Verhältnis zwischen Volksvermögen und dem jährlichen Volkseinkommen in den

42

U U U

JA zum Vollgeld

Vollgeld Ja!

Plakat

Das Geld aus dem Nichts der Banken bedeutet: Umverteilung Schaden für Natur und Realwirtschaft Arbeitslosigkeit Krisengefahr Das muss sich ändern!

Kleber

Flyer

westlichen Staaten in etwa bei eins zu sechs. Die Vermögen lagen also sechs Mal höher als die Produktion eines Jahres. Um unter diesen Verhältnissen noch angemessene Kapitalrenditen zu erzielen, musste mit dem Imperialismus und dem Kolonialismus eine aggressive Politik betrieben werden, die schliesslich zum Ersten Weltkrieg führte. Dieser hatte in Europa eine erhebliche Reduktion der Vermögen zur Folge, die bis nach dem Zweiten Weltkrieg weiter sanken. 1950 betrugen die Vermögen in etwa das Zweieinhalbfache des Bruttoinlandprodukts. Seit den 1980er-Jahren beschleunigt sich das Wachstum der Vermögen, die, gemäss Piketty, wieder bei rund 400 Prozent in Deutschland, 450 in den USA, 500 Prozent in Grossbritannien und 600 Prozent in Frankreich über dem

STOP FAKE MONEY

Vollgeld-Veranstaltungen: 30. April, 19.00, Hotel Kronenhof Schaffhausen: Podiumsgespräch mit Hannes Germann, Ständerat (SVP/SH), Florian Hotz, Bankpräsident SH Kantonalbank (kontra), Christoph Pfluger und Albert Sollberger, Thayngen (pro) 1. Mai, Uni Fribourg, 18.00: Beschleunigungszwang und gesellschaftliche Folgen. Mit C. Pfluger 3. Mai Wädenswil, 18.00: Geld verstehen – eine Chance für die Region. Mit Christoph Pfluger und Jens Martignoni 7. Mai, Hotel Freienhof, Thun, 19.30: Geld verstehen. Mit Christoph Pfluger 8. Mai, Politforum Käfigturm, 19.00: Vollgeld, Wachstum und Umverteilung. Mit C. Pfluger 14. Mai, Braui Hochdorf, 19.00: Die Geldschöpfung aus dem Nichts – ihre Folgen für die Arbeit, die Natur und die Gesellschaft. Mit C. Pfluger 17. Mai, Gemeindehaus Jens/BE, 19.00: Die Geldschöpfung aus dem Nichts. Mit Christoph Pfluger 18. Mai, Zentrum Artos, Interlaken, 20.00: Podiumsdiskussion zum Vollgeld. Details zu allen Veranstaltungen: www.vollgeld-und-gerechtigkeit.ch/event

Bruttoinlandprodukt liegen, in Italien und Japan sogar noch höher (2013). Wir sind also bereits ganz nahe an Verhältnissen, die früher nur gewaltsam korrigiert werden konnten. Die Probleme der privaten Geldschöpfung sind zu gross für eine einzige Lösung. Die Vollgeld-Reform ist vielleicht nicht hinreichend, aber notwendig. Wenn wir den Banken weiterhin erlauben, ihr privates Geld als Schweizer Franken herauszugeben, werden die anderen Massnahmen ihre Wirkung nicht entfalten können. Dann wird das teure Geld aus dem Nichts die Gerechtigkeit aushöhlen bis wir nicht einmal mehr wissen, was der Begriff bedeutet: gleiche Rechte für alle, auch die Banken.

Zeitpunkt 155


ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

Der Krieg um die seltenen Metalle Die Digitalisierung bringt auch neue Konflikte um Ressourcen. Die könnten noch heftiger sein als die Erdölkriege und zudem die Energiewende gefährden, schreibt der französische Journalist Guillaume Pitron.

D 

igitale Revolution, Energiewende, ökologischer Wandel und andere Schlagworte erzählen uns von einer neuen Welt, die endlich von fossilen Materialien, Umweltverschmutzung, Knappheit, politischen und militärischen Spannungen befreit sein wird. Zumindest sehen das Journalisten, Politiker, Forscher und Prognostiker so. Das Buch «La guerre des métaux rares» des französischen Journalisten Guillaume Pitron, das Ergebnis einer sechsjährigen Untersuchung, zeigt uns, dass es wahrscheinlich ganz anders ist. Indem wir uns von fossilen Brennstoffen emanzipieren, versinken wir in eine neue Abhängigkeit von den seltenen Metallen. Sie sind unentbehrlich für die Entwicklung der neuen ökologischen Gesellschaft (mit ihren Windkraftanlagen, Sonnenkollektoren, usw.) und in unseren Smartphones, Computern, Tab­lets und anderen vernetzten digitalen Geräten unseres täglichen Lebens eingebettet. Die ökologischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Kosten dieser Abhängigkeit werden noch höher sein als die unserer heutigen Industriegesellschaft, sagt Pitron. Seltene Erden, Graphit, Chrom, Germanium, Platinoide, Platin, Wolfram, Antimon, Beryllium, Fluor, Rhenium, Prometheum ... Sechs Jahre lang untersuchte Guillaume Pitron in einem Dutzend Ländern all diese neuen seltenen Materialien, die allmählich fossile Brennstoffe ersetzen sollen. Aber woher und wie bekommen wir diese Ressourcen? Wird es Gewinner und Verlierer auf dem neuen Schachbrett der seltenen Metalle geben? Welchen Preis müssen unsere Volkswirtschaften, die Menschen und die Umwelt bezahlen? Der Autor macht drei grundsätzliche Feststellungen: Wirtschaft: Indem wir uns an der Energiewende beteiligen, haben wir uns in den Rachen des

Zeitpunkt 155

chinesischen Drachens

Faktisch ein Monopol: Der Anteil Chinas an der Produktion seltener Erden ist über 90 Prozent. (Produktionsmengen in Tonnen, Grafik: Elsevier)

geworfen. Tatsächlich produziert das Reich der Mitte fast alle seltenen Metalle, und dabei hat der Westen das Schicksal seiner grünen Technologien einer einzigen Nation übergeben, die uns mit diesen Ressourcen versorgt – oder auch nicht. Ökologie: Unser Streben nach einem umweltfreundlicheren Wachstumsmodell hat stattdessen zu einer verstärkten Ausbeutung der Erdkruste zur Gewinnung seltener Metalle geführt. Mit höheren Umweltbelastungen als bei der Erdölförderung. Geopolitik: Die Dauerhaftigkeit der Ausrüstung der westlichen Armeen hängt zum Teil vom guten Willen Chinas ab. Der neue Ansturm führt bereits zu Spannungen um die ergiebigsten Lagerstätten und bringt territoriale Konflikte ins Zentrum unversehrter Gebiete, die geschützt werden sollten. Diese neue Abhängigkeit bringt uns eine Zukunft, die kein Prophet der Energiewende vorhergesagt hatte. Pitrons Buch ist viel mehr eine Gegen-Geschichte des vielversprechenden energetischen und digitalen Wandels. Ein Wandel, der allerdings ebenfalls so grosse Gefahren birgt, wie die, die er überwinden wollte. Schon in den 1970er-Jahren begannen die

Menschen, die fabelhaften magnetischen und chemischen Eigenschaften einer Vielzahl kleinerer seltener Metalle zu nutzen, die in viel kleineren Anteilen der Gesteine der Erde enthalten sind. Wie alles, was in kleinsten Dosen aus der Natur gewonnen wird, sind seltene Metalle Konzentrate mit fantastischen Eigenschaften. Das Destillieren eines ätherischen Öls aus Orangenblüten ist ein langwieriger Prozess, aber der Duft und die therapeutische Wirkung eines einzigen Tropfens dieses Elixiers verblüffen die Forscher noch immer. Aber das Gleiche gilt auch für die seltenen Metalle. Man muss 8,5 Tonnen Gestein zerkleiern und chemisch reinigen, um ein Kilo Vanadium zu gewinnen, sechzehn Tonnen für ein Kilo Cerium, fünfzig Tonnen für ein Kilo Gallium und die erstaunliche Menge von 1200 Tonnen für ein unglückliches Kilo eines noch selteneren Metalls, Lutecium. Red. Der Journalist Guillaume Pitron ist Preisträger des Erik Izraelewicz-Preises für Wirtschaftsrecherchen 2017. Er arbeitete mit Zeitschriften wie Geo, National Geographic oder Le Monde Diplomatique zusammen und führte Regie bei mehreren Dokumentarfilmen. Die Geopolitik der Rohstoffe ist ein Schwerpunkt seiner Arbeit. «La guerre des métaux rares – La face cachée de la transition énergétique et numérique» ist sein erstes Buch. Les liens qui libèrent, 2018, EUR 20.–, ISBN: 979-10-2090574-1

43


ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

Die Brille, die dich kennt Die Gesichtserkennung ist das Ende der Privatsphäre. Auch wer ohne Handy unterwegs, kann erkannt Von Florian Wüstholz. und lokalisiert werden. Grossflächige Tests sind angelaufen.

I

m Westen Chinas wird in Xinjiang an der orwellschen Hölle getüftelt. Unzählige Kameras erkennen dort Passantinnen an ihrem Gesicht oder Gang. Wer sich auffällig verhält oder auf einer Fahndungsliste steht, wird automatische identifiziert. Auch in Europa hält diese neue Form der Massenüberwachung Einzug. So wurden 2017 in Cardiff am Champions League Finale alle Fans per Gesichtserkennung automatisch mit einer Liste von 500 000 verdächtigen Personen abgeglichen. Selbstverständlich im Namen der Sicherheit. Kein Wunder, ist der Markt für Gesichtserkennungssoftware riesig. Die Systeme sind längst ausgereift und einsatzbereit. So bietet die deutsche Firma Cognitec bereits seit 2013 die Software «FaceVACS» an, die nun von der Hamburger Polizei für die Durchforstung von Videomaterial der G20-Proteste verwendet wird. Bei der Polizei lautet das Ziel: Möglichst viele der 5000 mutmasslichen Straftäter zu «kriegen». DIE SACHE MIT DER TRANSPARENZ Die Systeme bestehen gewöhnlich aus zwei Stufen. Ein erster Schritt erkennt, ob und wo ein Gesicht vorhanden ist. Der Bildausschnitt kann dann weiterverwendet werden, um das Gesicht mit einer Datenbank von gesuchten Personen zu vergleichen. Aber auch, um die gleiche Person auf anderen Videos wiederzufinden. Die lückenlose Überwachung ist so problemlos möglich. Martin Steiger, Anwalt für Recht im digitalen Raum, weiss darum auch: «Technisch ist die Sache im Wesentlichen gelöst.» Staatliche Massenüberwachung per Gesichtserkennung sei ein schwerwiegender Eingriff in unsere Grundrechte. Gerade deshalb müsse die Verhältnismässigkeit geklärt und diskutiert werden. Doch das funktioniere nur, wenn Informationen über die Funktionsweise und Wirksamkeit der Software vorhanden seien. Dabei stellt er fest, dass «der gleiche Staat, der Private zur Transparenz zwingt, selbst nicht transparent ist. Das verhindert die notwendige Diskussion».

44

Blick durch die Microsoft Hololens, die von Cubera mit Gesichtserkennungssoftware ergänzt wurde. Die eingebaute Kamera erkennt ein Gesicht und gleicht dieses dann mit einer in der Cloud angelegten Datenbank ab. Gibt es einen Treffer, wird der entsprechende Eintrag angezeigt. (Fotos: Florian Wüstholz

NOCH KEINE GESETZLICHE REGELUNG In der Schweiz verwenden die grossen Polizeikorps gemäss Auskünften keine systematische Gesichtserkennung. Zudem verweisen sie auf entsprechende Gesetzesgrundlagen. Das Problem: Gesichtserkennung ist nicht spezifisch reguliert. Das bestätigt auch Steiger: «Im Moment kenne ich keine speziellen Rechtsgrundlagen für Gesichtserkennung. Es ist klar, dass man unter bestimmten Bedingungen mit Kameras überwachen darf und ich gehe davon aus, dass man dabei auch Gesichtserkennung anwenden darf.» Ein wenig Transparenz schafft die neue automatisierte Passkontrolle am Flughafen Zürich. Medienwirksam wurde sie im letzten Herbst vorgestellt und die Akzeptanz ist gross. Vielleicht auch deshalb, weil es sich um ein abgeschlossenes System handelt. Stefan Oberlin von der Kantonspolizei Zürich erklärt, dass keine

Massenüberwachung per Gesichtserkennung ist ein schwerwiegender Eingriff in unsere Grundrechte. Gerade deshalb muss die Verhältnismässigkeit geklärt und diskutiert werden.

Daten gespeichert würden. Nach der Kontrolle «vergisst das System die Person». IN DIE ERWEITERTE WELT EINTAUCHEN Interessant wird Gesichtserkennung in Kombination mit mit Augmented-Reality-Technologien wie der Hololens-Brille von Microsoft. Mit einer umfassenden Datenbank ausgerüstet, lassen sich damit im Vorbeigehen unauffällig Menschen auf der Strasse erkennen. Das bewies die Schweizer IT-Firma Cubera bei einem Experiment im Nationalrat. Ein Blick ins Gesicht des Gegenübers reichte und die gespeicherten Informationen wurden angezeigt. Die Funktionsweise basiert auf öffentlich zugänglichen Diensten – erforderte aber einiges Tüfteln, um die verschiedenen Programme zu einem flüssigen Gesamtsystem zu kombinieren. Entwickler Dominik Brumm erklärt aber, dass dies mit dem nötigen Wissen jeder Person gelingen würde. Nun erkennt eine in der Brille

Zeitpunkt 155


ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

eingebaute Kamera in einem ersten Schritt, ob sich im Blickfeld ein Gesicht befindet. Der erkannte Bildausschnitt wird dann mit einer in der Cloud angelegten Datenbank abgeglichen. Gibt es einen Treffer, wird der entsprechende Eintrag für die Benutzerin neben dem Gesicht auf die Brille projiziert. Öffentlich zugängliche Datenbanken mit Gesichtsprofilen gibt es glücklicherweise noch nicht. Cubera erstellt jeweils manuell ihre eigenen Datenbanken, wenn Firmen ihre Technologie an Events verwenden möchte. Doch weltweit gibt es unzählige Datenbanken, die für Gesichtserkennung angezapft werden könnten. In der Schweiz ist das vor allem die Ausweisdatenbank mit den biometrischen Daten von 4.7 Millionen Schweizern. Der weltweit grösste Goldschatz liegt wahrscheinlich bei Facebook, wo über 2 Milliarden Profile vorhanden sind. DIE PRIVATSPHÄRE BRÖCKELT Solche riesigen Datenbanken sind ein gewaltiges Problem. So zeigt die kürzlich aufgedeckte Vorgehensweise von Cambridge Analytica einmal mehr, dass Private wie Facebook mit den Daten ihrer Benutzer nicht besonders sorgsam umgehen. Was bei Cubera als Jux begann, zeigt das erschreckende Potential neuer Technologien. «Wir möchten zum Denken anregen», sagt Brumm und erklärt, dass die Skepsis in der Schweiz noch sehr gross sei. Namhafte Firmen möchten sich nicht die Finger verbrennen. In der Schweiz zerbröckelt die Privatsphäre. Seit März 2018 ist das revidierte BÜPF mit seiner obligatorischen Vorratsdatenspeicherung in Kraft. Dabei können Handys und ihre Benutzerinnen Schritt für Schritt verfolgt werden. Auch die Kabelaufklärung, die der Nachrichtendienst grossflächig einsetzen darf, erodiert die Grundrechte. Steiger meint entsprechend: «Wir entfernen uns immer mehr vom traditionellen Rechtsstaat und der Unschuldsvermutung.» Damit das Beispiel Xinjiang nicht in der Schweiz Schule macht, braucht es dringend politisches und gesellschaftliches Gegensteuer. Doch eine grossflächige Bewegung ist noch nicht in Sicht. Links: https://www.digitale-gesellschaft.ch https://bigbrotherwatch.org.uk https://netzpolitik.gruene.ch

Zeitpunkt 155

Die FINMA schiesst auf Marienkäfer VERKEHRTE WELT: Seit kur­zem ver­sucht die FINMA die klei­nen Lo­kal­währun­gen und Gut­ schein­sys­teme einer ver­schärf­t en Re­g u­lierung zu un­ter­zie­hen – an­geb­lich um Geld­wä­sche­rei und An­la­ge­be­trug zu verhindern. Dabei er­zie­ len diese Lo­kal­währun­gen mi­ni­male Um­sät­ze. Der seit Jah­ren exis­tie­rende Netzbon aus Basel er­zielt einen Jah­res­um­satz von 50’000 Fran­ken, weniger als der Schweizer Durchschnittslohn. Am 12. Februar wurden die kleinen Regionalwährungen ultimativ aufgefordert, «den rechtskonformen Zustand wiederherzustellen», innert zehn Tagen! Andernfalls drohen Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren, Bussen bis zu 500 000 Franken und die Auflösung der Genossenschaft. Unter den vielen, zum Teil seit Jahrzehnten eingeführten Gutscheinsystemen, sind allerdings nur die neueren betroffen, die sich auch als Alternative zum bestehenden Geldsystem verstehen. Dies nährt den Verdacht, dass es der FINMA nicht um den Schutz der Anleger geht – ihrem gesetzlichen Auftrag – sondern um den Schutz der Banken vor unangenehmer Konkurrenz, und sei sie noch so klein und symbolisch. Nicht betroffen sind u.a. der über fünfzig Jahre alte «Bücherbon» mit einem Jahresumsatz von elf Millionen Franken Umsatz und die vielen ge-

werblichen lokalen Gutschein-Systeme. Sie alle funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip: Man kauft sich einen Gutschein und kann ihn in den angeschlossenen Betrieben gegen reale Ware tauschen. Geldwäscherei und Anlagebetrug ist zwar theoretisch möglich, aber nur im kleinsten Umfang und mit beträchtlichem Aufwand. Auf die Frage, warum nicht alle Gutscheinsysteme einer einheitlichen Regelung unterstellt werden, erklärte FINMA-Sprecher Vinzenz Mathys: «Zu Einzelfällen und möglichen Abklärungen erteilt die FINMA wie üblich keine Auskunft.»

US-Senat stimmte erstmals über einen illegalen Krieg ab

«Logisch»: weniger Demokratie

Am 21. März stimmte der US-Senat zum ersten Mal in seiner Geschichte über einen illegalen Krieg ab, den die USA ohne Zustimmung des Kongresses oder des Sicherheitsrates führen – den Krieg in Jemen. Eine qualifizierte Minderheit von 44 Abgeordneten unterstützte den Antrag der Senatoren Sanders, Lee und Murphy, der ausgerechnet am 15. Jahrestag der Invasion im Irak zur Abstimmung kam und der die verfassungsmässige Autorität des USKongresses über Entscheidungen über Krieg und Frieden wiederherzustellen versuchte. Es wird nicht der letzte derartige Vorstoss sein. Kate Gould «Friends Committee on National Legislation»/Red.

«Diese unsinnige Sache muss rasch an die Öffentlichkeit und ins Parlament!» schreibt Jens Martignoni, Autor des kürzlich erschienenen Buches «Das Geld neu erfinden» und MitIninitant der «Swiss Currency Confederation». Und: «Die FINMA sollte sich dringend den wirklichen Problemen bei den Grossbanken, in der Hochfinanz, bei Hedgefonds oder sonstigen Spekulanten widmen, da wo offensichtlich massive Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Betrug und Lug im dreistelligen Millionenbereich regelmässig praktiziert werden.» CP

Die niederländische Regierung will ein Gesetz aufheben, das unverbindliche, konsultative Referenden erlaubt – ohne den Wählern ein Mitspracherecht bei der Entscheidung zu geben. Die Regierung sagte, es sei «logisch, dass ein Gesetz, das die Möglichkeit eines beratenden Referendums beendet, nicht selbst der Möglichkeit eines Referendums unterliegt». Bisher fanden nur zwei Referenden statt. 2016 wurde die Ratifizierung eines Freihandelsabkommens der Europäischen Union mit der Ukraine und im März 2018 ein Gesetz zur Erweiterung der elektronischen Überwachung durch die Geheimdienste abgelehnt. Die Regierung ratifizierte das Abkommen trotzdem, nachdem sie Zusicherungen erhalten hatte, dass es nicht zu einer Mitgliedschaft der Ukraine in der EU führen würde. Red.

45


VOLLWERTIG LEBEN

46

Zeitpunkt 155


VOLLWERTIG LEBEN

Es raucht! Zu Besuch in einer estnischen Sauna – ohne Schornstein Von Diana Laarz (Text) und Fabian Weiss (Bilder)

E

s war schon spät am Tag, Edas Gäste sas­ sen auf einer Holzbank, nur mit einem Handtuch bekleidet, und schauten auf den See, verloren in Gedanken, ihre Körper dampften noch vom letzten Saunagang. Da tauchte Eda auf, wie aus dem Nichts, lautlos wie immer. In den Händen trug sie ein Glasgefäss, einer Vase ähnlich, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit. Am Boden des Glases lag eine tote Kreuzotter. Eda bedeutete ihren Gästen, von der Flüssigkeit zu trinken und sagte, das reinige das Blut. Alle tranken bereitwillig, manch einer sogar gierig. Es war nicht so, dass alle daran glaubten, dieses Getränk könne sie heilen, aber nach diesem Tag wäre niemand bereit gewesen, Eda zu widersprechen. Alle hatten verstanden, dass Eda Veeroja viel weiss über die Dinge zwischen Himmel und Erde. Dass sie manche Dinge anders sieht, und dass es gut tut, ihr zu vertrauen. Ausserdem hat sie beinahe im Alleingang dafür gesorgt, dass die UNESCO die estnische Rauchsauna als Weltkulturerbe anerkennt. Ein Tag mit Eda Veeroja ist wie ein Ausflug in Grimms Märchenwald. Ein bisschen Hänsel und Gretel, ein wenig Hans im Glück. Zauberhaft und mit dem Gefühl, das alles sei nicht von dieser Welt. Zu Beginn dieses Tages ging Eda Veeroja in den Wald. Sie suchte mit ihren Gästen Zweige für ein Bündel zusammen, das sie später mit in die Sauna nehmen würden. Jeder sollte drei Zweige von sieben verschiedenen Pflanzen sammeln. Es gab Haselnuss, Ahorn, Birke, Minze, Esche und vieles andere, von dem nur Eda die Namen kannte. Am Ende band jeder ein Stück Wolle um den Stamm eines mächtigen Baumes. Eda sagte, wir müssten der Natur etwas zurückgeben, wenn wir ihr etwas nehmen. Nebenan auf der Mooska-Farm heizte Edas Ehemann Urmas zur gleichen Zeit die Rauchsauna an. Er trug körbeweise Holzscheite zum Ofen. Und für jeden Korb, der leer wurde, schob er ein Holzkügelchen auf einem Rechenbrett zur Seite. Er hatte um fünf nach acht am Morgen angefangen Holz zu tragen. Um kurz nach vier am Nachmittag sollte die Sauna bereit sein. Eda und Urmas laden Touristen auf ihre Farm ein, manchmal kommen Geschäftspartner, um gemein-

Zeitpunkt 155

sam eine Rauchsauna zu besuchen. Man kann den Aufenthalt im Internet buchen. Eda sagt, all ihre Gäste sollen für die Stunden ihres Aufenthaltes ihren Lebensstil teilen. Also: Steifzüge durch den Wald, Schinken essen am Tisch der Familie, Gespräche am Lagerfeuer. Der Rauchsauna von Eda Veeroja sieht man an, dass sie alt ist. Manche der Holzbretter, die die Wände bilden, sind über hundert Jahre alt. Die Tradition der Rauchsauna in Estland ist viel älter. Eda sagte, Aufzeichnungen belegen ihre Existenz im 13. Jahrhundert. Am Ende sei das mit den Jahreszahlen aber ohnehin egal. «Zu allen Zeiten wussten die Menschen, dass es ihnen guttut, zu schwitzen.» Belebend sei die Sauna und gut für ein starkes Immunsystem.

Die «Mutter der ­Rauchsauna»: Dank Eda Veeroja gehört die estnische Tradition zum ­UNESCO-Weltkulturerbe.

D

ie Rauchsauna gilt als Mutter aller Saunas, als Urform, aus einer Zeit, in der es noch keine Schornsteine gab. Der Rauch aus dem mit Steinen bedeckten Ofen quillt einfach in den Raum hinein, färbt die Wände schwarz, verteilt den Russ und den Geruch von verbranntem Holz. Kurz vor dem Saunagang wird der Rauch durch eine Öffnung in der Wand aus dem Raum gelassen. Saunas mit Schornstein kamen in Estland erst vor gut undert Jahren in Mode. Zum Glück gerieten ihre schornsteinlosen Vorgänger nicht vollkommen in Vergessenheit. Anders als bei den Finnen. Die hatten früher auch Rauchsaunen – und schufen sie später ganz ab. Für die Esten ist die Rauchsauna ein geweihter, beinahe heiliger Ort. Das liegt auch daran, dass bis vor einigen Jahrzehnten in der Rauchsauna das Leben begann und

47


VOLLWERTIG LEBEN

endete. Die Frauen brachten dort 1994 die Mooska-Farm kaufte, ein Dunkel wie in einem Mutterleib ihre Kinder zur Welt, anderentags paar zerfallene Gebäude und der muss es in der Sauna sein. Wir sollten wurden dort die Toten gewaschen. halbfertige Neubau eines Wohnhauschliesslich in uns hineinblicken, Schliesslich gab es auf den estnises. Eda zog mit drei kleinen Kinschen Farmen viele Jahrhunderte dern ein, es gab kein Wasser, kein nicht nach draussen. lang keinen Ort, der sauberer war als Abwasser. Aber endlich Freiheit. die Sauna. Hier gab es stets frisches eines Menschen. Eda schlug eine Trommel und Inzwischen gehören zur MooskaWasser. Und der Rauch, der regelmässig den dann sang sie mit monotoner Stimme das Be- Farm drei Rauchsaunen, zwei für Menschen, Raum ausfüllt, gilt als desinfizierend. grüssungslied der Sauna. in der dritten wird jeden Donnerstag Fleisch Eda Veerojas Vater wurde in einer RauchsEs roch nach Schwärze im Raum, dem dunk- geräuchert. An die Holztüren hat Eda mit Russ auna geboren. Sie sagte, sie könne sich erin- len Aroma des Russes, nach dem schweren Ge- alte Runen gezeichnet, sie sollen die Gebäude nern, dass in ihrer Kindheit die Menschen ruch von Waldhonig und der flirrenden Hitze schützen. Eda Veeroja glaubt an manch Unin der Rauchsauna stets flüsterten. Meistens der über Stunden aufgeheizten Ofensteine. Die heimliches und an die Kräfte der Natur. Sie schwiegen sie. Sie schwitzten nicht nur in der Gäste atmeten tief ein, um das alles aufzusau- pflückt die Minze in ihrem Garten nur zur Rauchsauna. Sie wuschen sich dort und räu- gen. Die Sauna war nun 90 Grad heiss und der Mittagszeit, verehrt mächtige Steine, heilt mit cherten ihr Fleisch. Schweiss rann in Strömen über die Haut. Kräutern und verbringt die Nächte am liebsAls die Gäste an diesem Tag endlich mit Eda Edas Stimme drang durch die Finsternis, es ten draussen auf ihrem Schaukelstuhl. Dass zum ersten Saunagang aufbrachen, waren sie war wie das Raunen aus einer anderen Welt. Sie es dort in den Sommernächten kaum dunkel etwas aufgeregt, sie hatten so lange auf diesen sagte, der erste Saunagang spüle alle schlechten wird, stört sie nicht, auch im Haus gibt es keine Moment gewartet. Als alle auf den Holzbänken Gedanken und Gefühle nach draussen. Die solle Vorhänge. sassen, löschte Eda die Funzel und Dunkelheit man nun abwaschen. Sie führte die Gruppe nach Zu guter Letzt glaubt Eda Veeroja, dass in brach herein, obwohl es draussen doch noch tag- draussen, direkt vor der Tür lag ein Teich. Ein jeder Rauchsauna ein Geist wohnt. Natürlich hell war. Dunkel wie in einem Mutterleib soll es in Kopfsprung zerriss die Wasseroberfläche. Der kein Gespenst wie aus einem Gruselfilm. Sie der Sauna sein, sagte Eda. Wir sollten schliesslich moosiggrüne See empfing die Badenden wie spricht von einer Seele, von einem Gefühl, das in uns hineinblicken, nicht nach draussen. gute Freunde mit einer warmen Umarmung. man beim Eintreten erspürt. Das Gefühl im Ein Schaben erklang und dann ein dumpfes Eda Veeroja ist 54 Jahre alt. Sie arbeitete noch richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. An Pochen, fast so wie der verstärkte Herzschlag in einem Reisebüro, als sie mit ihrem Mann einem Ort, der Kraft und Zuversicht schenkt.

48

Zeitpunkt 155


VOLLWERTIG LEBEN

Eda Veeroja bat Tiiu, eine Besucherin, die mit ihrer Familie gekommen war, sich in der Sauna bäuchlings auf eine Bank zu legen. Eda nahm zwei Bündelzweige vom Vormittag, hob sie über ihren Kopf und liess sie auf Tiius Körper niedersausen. Zuerst auf die Fusssohlen, dann auf die Waden, immer weiter aufwärts.

M

anchmal schlug Eda, manchmal wedelte sie mit den Bündeln durch die Luft, manchmal berührte sie Tiius Körper nur sanft, so dass es fast wie ein Kitzeln aussah. Edda sagte, Tiius Blut werde nun schneller fliessen, ihre Poren in der Haut würden sich öffnen, die heilenden Säfte der Pflanzen hineinfliessen. Dann murmelte sie ein rhythmisches Mantra: »Werde glücklich, werde gesund.» Tiiu kam es vor, als ob ein Wispern von den schwarzen Wänden der Sauna antworten würde. Zum Schluss bedeckte Eda Tiius Kopf mit den Zweigen. Und Tiiu glaubte in diesem Moment, sie sei auf den Waldboden gefallen, so intensiv und schön war der Geruch, noch besser, sie glaubte, sie sei der Wald selbst. Ende 2014 erklärte die UNESCO die estni-

Zeitpunkt 155

sche Rauchsauna und ihre Traditionen zum geschützten immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Angeregt dazu hatte Eda Veeroja ein paar Jahre zuvor ein Gedanke: »Dieser Ort ist so einzigartig, man müsste ihn für immer bewahren.» Sie hat es sich zur Gewohnheit gemacht, ihren Intuitionen zu folgen. Als Eda am nächsten Tag die Weihnachtsmails an Freunde und Bekannte schrieb, unterzeichnete sie mit «Rauchsauna in die UNESCO». Es folgten begeisterte Antworten, eine Arbeitsgruppe wurde gegründet, der Papierkrieg bis zur Anerkennung dauerte vier Jahre. Eda Veeroja findet, er hat sich gelohnt. «Ich wollte, dass die Menschen im Süden Estlands ihr kulturelles Erbe nicht verkümmern lassen, es wertschätzen, beginnen, sich zu erinnern, Fragen zu stellen.» Das hat Eda geschafft. Immer mehr ihrer Nachbarn heizen die alte Rauchsauna der Familie wieder an. Ein paar Frauen haben ihre Kinder wieder in der Rauchsauna zur Welt gebracht. Es wohnen Kleinkinder in Edas Nachbarschaft, die konnten das Geräusch, welches das Wasser macht, wenn es auf die heissen Steine trifft, nachmachen, bevor sie ihr erstes Wort

sprachen. Die Nachbarn nennen Eda Veeroja «Mutter der Sauna». Der Tag auf der Mooska-Farm neigte sich langsam dem Ende entgegen. Die Sonne sank langsam, aber doch unaufhaltsam. Der Teich lag inzwischen fast vollständig im Schatten, ihre Strahlen erreichten nur noch das hintere Ufer. Tiiu und ihre Familie sassen auf der Holzbank, daneben Eda und ihr Mann Urmas. Tiiu sagte, sie fühle sich nun wie neugeboren. Ihre Tochter erinnerte sich plötzlich an die Rauchsauna ihrer Grosseltern, an die sie schon so lange nicht mehr gedacht hatte. Urmas sagte, er geniesse die Stunden, wenn er die Sauna anheizt. Man müsse sich Zeit nehmen für die Sauna, jeden Arbeitsschritt bewusst erleben. Und Edda sagte: »Deshalb lieben wir die Rauchsauna so sehr. Sie gibt uns die Chance, immer wieder neu anzufangen.» Sie ging dann fort und kam einige Minuten später wieder. In ihrer Hand trug sie das Glasgefäss mit der Kreuzotter. Alle tranken stumm. Es schien ihnen genau das Richtige zu sein. Infos zur Mooska-Farm: www.mooska.eu (estnisch), www.visitestonia.com/en/sauna-session-in-a-traditional-old-voromaa-smoke-sauna-at-mooska (englisch)

49


VOLLWERTIG LEBEN

Es krabbelt im Teller 1. INSEKTEN ENTHALTEN VIEL WERTVOLLES PROTEIN Tatsächlich stecken in einem Mehlwurm oder einer Grille im Vergleich mehr Proteine als in Rindfleisch. Über den Nährwert sagt das allerdings wenig aus, denn entscheidend ist die biologische Wertigkeit des Eiweisses. Und diese steigt, indem unterschiedliche Proteinquellen kombiniert werden, zum Beispiel Kartoffeln mit Quark oder Hülsenfrüchte mit Joghurt. Der Eiweissbedarf eines Erwachsenen wird ausserdem überschätzt. Die Eidgenössische Ernährungskommission empfiehlt bis 0,9 Gramm Protein je Kilo Körpergewicht am Tag. Wir nehmen aber durchschnittlich 1,2 Gramm zu uns. Ein paar Scheiben Käse und ein Becher Joghurt decken den Grundbedarf bereits. Dennoch wird der Proteinwahn weiter angeheizt, die Produzenten erwarten einen boomenden Markt dank des Insektenfleisches. 2. DAS INSEKT WIRD GANZ GEGESSEN, NICHTS GEHT VERLOREN Es müssen nicht immer nur die Edelstücke des Rinds, Schweins oder Geflügels sein. Was uns selbstverständlich sein sollte, ist nur ein marginaler Food-Trend mit dem hippen Namen «Nose to Tail». Dabei liefern uns Rind, Ziege und Schaf viele weitere wertvolle Produkte, von den Insekten bleiben wohl nur die Ballaststoffe. Die Einführung von Insektenprodukten wird kaum dazu beitragen, unsere Filet-Attitüde abzuschaffen. 3. DIE INSEKTEN KÖNNEN DEN WELTHUNGER BEENDEN 2016 waren etwa 815 Millionen Menschen unterernährt. Neben Klimawandel und Krieg tragen Lebensmittelverschwendung, Spekulation mit Lebensmitteln, industrielle Landwirtschaft sowie die Gentechnik dazu bei. Ob wir genug haben, ist eine Frage der Verteilung, nicht der vorhandenen Ressourcen.

50

Bild: Christoph Meinersmann

Für zwei Milliarden Menschen gehören Insekten zum regulären Speiseplan. Nun kommen sie vermehrt auch in Europa auf den Tisch. Sie gelten als proteinreich und ökologisch. Doch sind Insekten tatsächlich die Antwort auf den Hunger in der Welt? Die wichtigsten Argumente dafür und dagegen, geprüft Von Luka Peters

4. DIE ZUCHT VON INSEKTEN IST ÖKOLOGISCH VERTRÄGLICHER ALS VON RINDERN UND SCHWEINEN Ein Kilo Insektenfleisch basiert auf zwei Kilo Futter. Das Rind braucht acht Kilo, das Schwein fünf. Insekten koten weniger und benötigen weniger Wasser. Das sind durchaus positive Faktoren. Die andere Seite der Bilanz

Ob als Nischen- oder Massenprodukt, das ethische Problem bleibt: Tiere werden als nutzbare Ware deklariert. zeigt: Insekten brauchen Wärme, feuchte Luft und Licht. Mit 25 bis 35 Grad Celsius, einer relativen Luftfeuchtigkeit von 60 bis 80 Prozent und 10 bis 12 Stunden Licht am Tag hat eine Zucht einen hohen Energiebedarf. Unter solch warm-feuchten Bedingungen stellt auch die Hygiene eine Herausforderung dar. Um den gesetzlichen Vorgaben zu entsprechen, könnten Methoden aus der Fischzucht eingesetzt werden, wie etwa der massive Antibiotikaeinsatz. Das Kraftfutter für unsere Masttiere kommt zu einem erheblichen Teil aus dem aussereuropäischen Ausland. Wo früher Regenwälder standen, wird heute Kraftfutter angebaut.

Insekten fressen individuell weniger als Rinder und Schweine. Aber sie fressen, und zwar je nach Art, Getreide, Gräser, Blattgrün. So würden Anbauflächen weltweit weiterhin für Futterpflanzen genutzt, statt für Pflanzen zur direkten menschlichen Ernährung. 5. INSEKTEN LASSEN SICH LEICHT ARTGERECHT HALTEN, ZÜCHTEN UND TÖTEN Über die Bedürfnisse von Insekten wissen wir weitaus weniger als über die von Säugetieren. Für Insekten als Wirbellose gilt das Gesetz nicht, «dass niemand einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, es in Angst versetzen oder in anderer Weise seine Würde missachten darf». Neuere Forschung zeigt jedoch, dass sie Schmerz wahrnehmen und sich die Quelle merken. Derzeit werden Insekten durch Einfrieren getötet. Ab welchem Punkt die Kältestarre des wechselwarmen Tiers in den Tod übergeht und ob dieser Prozess mit Leiden für das Tier verbunden ist, ist nicht bekannt. FAZIT Die Produktion und der Verzehr von Insekten hat im kleinen Stil durchaus ökologische Vorteile gegenüber der industriellen Fleischproduktion. Doch geht man von einer Zucht im grossen Stil aus – und die wäre nötig, um die Welt zu ernähren –, schrumpft dieser Nutzen erheblich. Der Mehlwurmburger oder die gegrillten Heimchen sind ein Nischenprodukt. Ihre Bedeutung haben sie vielmehr als Türöffner zur Akzeptanz einer neuen Branche in der Nahrungsmittelindustrie. Doch ob als Nischen- oder Massenprodukt, das ethische Problem bleibt: Tiere werden als nutzbare Ware deklariert, ihrer Würde beraubt. Die bisherigen Einstellungen zur Massentierhaltung und deren Methoden werden in der Diskussion um das «Fleisch 4.0» nicht hinterfragt.

Zeitpunkt 155


ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

Die Tante-Emma-Oase

In der Matte unterhalb der Berner Altstadt führt Aram Melikjan seit 15 Jahren den letzten QuartierlaVon Samanta Siegfried den. Und setzt damit ein Zeichen für Zusammenhalt und Menschlichkeit.

I 

m September 2013 erlangte der Quartierladen des Berner Matte-Quartiers für kurze Zeit Weltberühmtheit. Der US-Journalist und dreifache Pulitzerpreisträger Thomas L. Friedman war für eine Konferenz in Bern und entdeckte bei einem Spaziergang an der Aare zufällig das «Matte-Lädeli». Er ging hinein, um ein paar Nektarinen zu kaufen. Während er an einem Einstieg für seine Kolumne zum SyrienKonflikt hirnte, riss ihn der Verkäufer aus seinen Gedanken: Er hatte grell-pinkes Haar und warf einem Passanten durch das Schaufenster unbekümmert einen Handkuss zu. Friedman war verblüfft. Putin, Assad, Obama und die Probleme des Nahen Ostens waren auf einmal weit weg. «Hier ist die Welt noch in Ordnung», schlussfolgerte er schliesslich in der Kolumne für die New York Times, in der er diese Begegnung aufgriff. «Zu viele Sorgen führen zu grauen Haaren, oder gar keinen», so Friedman. «Aber sicher nicht zu pinken Haaren.» Tatsächlich ist ein Besuch im «Matte-Lädeli» immer auch ein Besuch in einer ganz eigenen Welt. Die Produkte stehen dicht gedrängt und mittags kann es vorkommen, dass man sich fast auf die Füsse tritt. Neben einer grossen Auswahl an Lebensmitteln sind auch Kosmetik- und Büroartikel im Angebot. Darunter findet sich konventionelle UHT-Milch wie Bio-Mandelmilch, Ariel-Waschmittel wie die Öko-Marke Held und Fairtrade-Café wie Nescafé-Pulver. An einer Holzwand werden Kurse- oder Wohnungen feilgeboten, ein Fahrrad kann gegen eine Spende geliehen werden und an der Theke gibt es Zigaretten einzeln zu kaufen. Wer nicht genügend Geld dabei hat, lässt anschreiben, so kann sich der Besitzer Aram Melikjan die Namen seiner Kunden ohnehin besser merken. «Hier soll alles Platz haben und nebeneinander existieren können», sagt Aram, von dem fast alle nur den Vornamen kennen. «Ich will kein elitärer Öko-Laden sein, sondern allen Quartierbewohnern etwas anbieten.» Ein Pfund Ruchbrot und ein Stück Käse sind daher bereits

Zeitpunkt 155

ab 5 Franken zu haben. Nur das Fleisch gibt es ausschliesslich in Bio-Qualität, und den Nescafé wolle er nun doch aus dem Sortiment nehmen. Als der Laden 1981 gegründet wurde, galt er als der zweite Bio-Laden der Stadt Bern. Damals arbeitete Aram, Sohn eines Künstlers und einer Germanistin, noch als Landwirt im Kanton Jura. Die Sehnsucht nach Autonomie und Verbundenheit haben ihn zu dieser Berufswahl getrieben. Doch die harte Arbeit war irgendwann nicht mehr mit seiner Familie vereinbar und er beschloss, wieder in die Stadt Bern zurückzukehren. Die damalige Besitzerin des «Matte-Lädelis» war eine Bekannte von Aram und übergab ihm schliesslich 2002 ihr Amt. Längst ist der Laden, der im traditionellen Matte-Dialekt «Ittume Idele» heisst, mehr als nur ein Gewerbe. «Ich sehe ihn als Gemeinschaft zwischen den Quartierbewohnern und den Mitarbeitern», sagt Aram, der sich seit 18 Jahren auch als Vorstand des Matte-Leistes fürs Quartier engagiert. Gemeinschaft, das bedeute für ihn, mit dem Nachbarn aufs Dach zu steigen, wenn Wasser eindringt. «Der Laden ist für mich der Ort, an dem ich meine Werte von Zusammenhalt und Menschlichkeit am besten leben

Das Quartier ist Vorbild für Strukturen, die man heute andernorts künstlich zu erzeugen versucht – alles in Pantoffeldistanz.

kann.» So fällt er auch immer wieder mit Aktionen auf, die über den Verkauf hinausgehen. Zum Beispiel gibt es im Winter selbst gekochte Suppe gegen einen selbst gewählten Beitrag und im Sommer lockt das Freibier-Fest auch Menschen ausserhalb des Quartiers auf den lauschigen Vorplatz. Bereits zweimal musste Aram den Laden aus dem Wasser ziehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Hochwasser von 1999 und 2005, die das Quartier überschwemmten, hinterliessen jeweils einen Totalschaden. Jedes mal hat er sich wieder aufgerappelt, und heute führt er den letzten verbliebenen Laden des geschichtsträchtigen Quartiers. Dass er sich noch immer hält, liege auch an der abgegrenzten Lage zum Rest der Stadt, vermutet Aram. Das Quartier ist für ihn ein Vorbild für Strukturen, die man heute andernorts künstlich zu erzeugen versuche: Es hat eine Post, eine Kita, eine Schule, Friseure, Restaurants, den Laden, die Aare. Und das alles quasi in Pantoffeldistanz. Ein städtisches und trotzdem gemeinschaftliches Quartier. Da der Mensch ohnehin nur eine begrenzte Anzahl von Zusammenhängen verstehen könne, fühlen sich die Bewohner hier unten wohl, so Arams Theorie. «Im Quartier können wir die Geschehnisse noch begreifen.» So bestätigt er auch die Wahrnehmung des US-Journalisten Friedman, dass die Welt hier unten vielleicht noch ein Stück heiler ist. Aram ist überzeugt: «Wären alle Menschen so wie meine Kunden, wäre die Welt eine bessere.»

51


VOLLWERTIG LEBEN

Papierherstellung – wie eh und je Für den koreanischen Papiermacher Jongkuk Lee ist das traditionelle Herstellen von Papier wie ein Treffen mit Gott. «Ich begegne darin dem Wasser, dem Feuer, dem Wind und dem Sonnenschein». Von Philipp Kuntze

D

TRADITION ... Als Erfinder des Papiers gilt der chinesische Beamte Cai Lun vor mehr als 5000 Jahren. Damals wurden in Uferzonen die schilfartigen Papyrus-Sumpfgewächse gesammelt und in Streifen geschnitten. Anschliessend kreuzweise übereinandergelegt, gepresst, gehämmert und getrocknet. Mit einer Mischung aus Russ und Gummi arabicum hielten Schreiber dann darauf Ereignisse und Geschichten fest. In Korea wird seit bald 2000 Jahren Papier geschöpft und auch dort ist, wie bei uns, ist an ein Leben ohne Papier nicht zu denken. Obwohl seit Jahren das papierlose Büro prognostiziert wird. Weltweit werden jährlich knapp über 400 Millionen Tonnen Papier, Karton und Pappe hergestellt. Heute allerdings nach modernsten Methoden und mit entsprechend automatisierten Maschinen. Aber es gibt sie noch, einzelne Spezialisten rund um die Welt, die Papier noch nach alten Methoden herstellen. Beispielsweise in Korea.

traditionellen Haus im Zentrum des kleinen Städtchens Cheongwon, drei Stunden südlich von Seoul. Die 3-Zimmer-Wohnung befindet sich im Obergeschoss und ist traditionell eingerichtet – ohne Tisch und mit aufrollbaren Schlafunterlagen. Im Erdgeschoss ist das eigentliche Zentrum des Hauses. Beim Betreten des Ateliers merkt man sofort, welche Bedeutung in dem Zuhause das so genannte Hanji-Papier hat: Der Eingangsbereich ist mit gleichmässigen Rechtecken verglast. «Früher waren die Fenster aus Hanji-Papier. Kühlend in den heissen Sommer- und wärmend in den bitterkalten Wintermonaten», erklärt Jongkuk. «Bedingt durch die Schöpfrahmen waren die Masse der Fenster mit 103,9 x 1599,9 Zentimeter immer gleich. Diese Tradition haben wir für die Glaselemente übernommen.» Das Atelier verströmt eine sehr warme und wohltuende Atmosphäre. Überall stehen kunstvolle Objekte aus Papier. Dreidimensionale Skulpturen, Vasen und auch mit Pinsel bemalte Kaligrafien. «Alle Der Bleichungsprozess geschieht Objekte sind durch meine mit Hilfe von fünf Tagen Hände entstanden und wurden mit Naturfarben Sonnenschein und sieben Tagen bemalt oder eingefärbt. bewölktem Himmel. Das dreidimensionale Experimentieren mit Papier fasziniert mich und ich liebe es zu drehen, zwirnen, falten und zerdrücken», so Jongkuk. Im nächsten Raum füllt der überlange Tisch mit den beidseitigen Bänken den Raum aus. «Hier biete ich Erwachsenen und Kindern Kurse an. Ich will das Hanji-Handwerk weitergeben und die Leute dafür begeistern.»

... IN DIE NEUZEIT HERÜBERGERETTET In Korea lebt der 54-jährige Papiermacher Jongkuk Lee zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn in einem

FARBENFROHER INNENHOF Im hinteren Teil des Ateliers befindet sich die Werkstatt und ein mit Pflanzen überwachsener Innenhof. Hier

urchschnittlich sammeln Herr und Frau Schweizer 1,3 Millionen Tonnen Altpapier pro Jahr. Das als wichtiger Rohstoff zur Wiederherstellung des dünnen Informationsträgers dient. Denn rund 90 Prozent der neuen Papiere bestehen heute aus Altpapier. Gab es in der Schweiz zum Jahrhundertwechsel noch 23 Produzenten, sind es heute noch acht, wobei sich sieben auf Spezialpapiere, Banknoten oder Hygienepapiere spezialisiert haben. Als einzige Schweizer Produzentin von Zeitungsdruck- und Magazinpapier ist nur noch die Perlen Papier AG übriggeblieben.

52

Zeitpunkt 155


VOLLWERTIG LEBEN

Hält Jahrhunderte: das Papier aus den Fasern der Maulbeerbäume (oben) Handwerk macht friedlich: Jongkuk Lee und der ZeitpunktAutor Philipp Kuntze im Atelier des Papierschöpfers (oben rechts) Geduld bringt Fasern: Jongkuk Lee beim Schälen von Ästen des Maulbeerbaumes. (unten) (alle Bilder: zVg

Zeitpunkt 155

entstehen die Papiere und hier mischt Jongkuk Lee die Pflanzenfarben. Entsprechend stehen viele Kessel mit eingelegten Nüssen, Samen und Blumen neben dem grossen Becken, worin sich eine hellbeige Brühe befindet. Darüber hangen farbige Papiere zum Trocknen – eine bunte Welt! DAS PAPIER «WÄCHST» IN DEN BERGEN Die Hauptzutaten für die Hanji-Papierherstellung sind wie früher Rinden von einjährigen Maulbeerbäumen und die Wurzeln einer Hibiskus-Pflanze. «Wir haben ein kleines Haus in den Bergen. Gleich bei den Maulbeerbaumwäldern.» Jungkuk Lee verbringt viel Zeit dort. Denn für eine gute Qualität an Maulbeerbaumrinden müssen die Wälder gut gepflegt werden. Auch der Schnitt der jungen Bäume ist entscheidend. Denn die Winter in Korea sind kalt und da können Jungtriebe erfrieren. «Die koreanischen Maulbeerbäume unterscheiden sich von denen der Nachbarländer und ergeben viel feinere Fasern.» Entsprechend langlebiger und geschmeidiger werde das Papier. «Die geschnittenen Maulbeerbaumäste halte ich über den heissen Dampf, dann lässt sich die Rinde gut lösen», beschreibt Jongkuk Lee den Arbeitsablauf. «Die Rinde wird getrocknet und anschliessend zwei Tage im fliessenden kalten Wasser des Baches eingelegt.» In dieser Zeit sammelt er die Wurzeln der Hibiskuspflanzen. Diese

erzeugen nach dem Auskochen eine schleimige Sauce, die dann die Fasern des Maulbeerbaums zusammenhält. «Als nächstes koche und bedampfe ich die Rinden. Hierzu mische ich die Asche von Buchweizenstängeln und Bohnenkraut in das heisse Wasser. Das hilft, damit die Fasern beim anschliessenden Bleichungsprozess schön weiss werden.» Dies geschieht mit der Hilfe von fünf Tagen Sonnenschein und sieben Tagen bewölktem Himmel. Erneut gewässert, schlägt Jongkuk das Material 40 bis 60 Minuten mit einem Holzhammer und erhält so feine Fasern. Vermischt mit der schleimigen Hibiskussauce kann nun das Papier geschöpft werden. Das heisst, die Mischung wird gesiebt, in Formen gegossen und getrocknet. DER ENTSCHEIDENDE UNTERSCHIED Der Unterschied zum heute normalen und modernen Papier ist der ph-Wert. Das Industriepapier ist sauer und hat einen Wert von unter 4.0. Deshalb vergilbt und zerfällt es nach 50 bis 100 Jahren. Hanji hat mindestens einen Wert von 7.0 und ist über Jahrhunderte stabil. Jongkuk Lee nimmt eine kleine Holzform in der Gestalt eines ausgeschnittenen Schmetterlings. Auf der Rückseite ist ein feines Netz angebracht. Gekonnt schwenkt er die Form in der leuchtend farbigen Brühe. Immer horizontal haltend, als wolle er mit einer Schaufel das Wasser abschöpfen. Drei, vier Mal mit flinker Hand, und die Form ist gefüllt mit tropfenden feinen gelben Fasern. «Der Prozess hat sich in den vergangenen Jahrhunderten nicht verändert. Ausser beim Pressen und Trocknen, wo ich heute die moderne Technik nutze». Er saugt von unten mit einem Staubsauger das Wasser ab, faltet das Papier in der Mitte und zeigt mir mit einem herzlichen Lachen und leuchtenden Augen den fertigen Hanji-Schmetterling. Der bestimmt nicht in der morgigen Altpapiersammlung landet.

53


VOLLWERTIG LEBEN

Symbol des Friedens

In Japan gelten Kraniche als Symbol der Langlebigkeit, des Glücks und des Friedens. Sie dienen als Stoff Von Philipp Kuntze für Legenden und werden – weit verbreitet – zu Tausenden aus Papier gefaltet.

A

us Papier gefaltete Objekte werden «Origami» genannt und gelten, bei entsprechender Gestaltungs- und Ausführungsqualität, als mehrdimensionale Kunstwerke, besonders in Japan und China. Eine der wichtigsten Figuren in der OrigamiWelt ist der als Glückssymbol bekannte Kranich. Die japanische Auslegung sagt, dass wer 1000 Origami-Kraniche falte, von den Göttern einen Wunsch erfüllt bekommt und gesund bleibt. SCHMERZHAFTER RÜCKBLICK Als die Amerikaner im Jahr 1945 ihre Atombombe auf Hiroshima abwarfen, verloren 90 000 Menschen sofort ihr Leben, und ebensoviele starben Jahre später an den Folgen. Unter ihnen war Sadako Sasaki, die beim Abwurf zweieinhalb Jahre alt war und scheinbar unver-

Nach dem Krieg hatten wir keine Spielzeuge. Aber wir hatten Holz und Papier. sehrt überlebte. Erst neun Jahre später brach sie nach einem Sportanlass zusammen Die Ärzte diagnostizierten Leukämie und behielten sie im Spital. Sadako begann dort Papierkraniche zu falten. Nachdem sie 1000 Kraniche fertiggestellt hatte, schien es ihr besser zu gehen – so wie die Legende versprach. Deshalb startete sie eine zweite Serie. Sadako schaffte diese nicht

mehr fertig und verstarb am 25. Oktober 1955 neben 644 Origami-Kranichen. Ihre Mitschüler und Mitschülerinnen sammelten Geld für eine Gedenkstätte für Sadako Sasaki. Das «Friedensmonument der Kinder» mit einer Statue von Sadako Sasaki steht heute samt einem Origami-Kranich im Friedenspark von Hiroshima, wo vor bald 73 Jahren die Atombombe abgeworfen wurde. Jährlich besuchen tausende von Schulklassen die Gedenkstätte und bringen eine Kette mit je 1000 Origami-Kranichen mit. Diese legen oder hängen sie in die Nähe von Sadako auf. ORIGAMI MADE IN SWITZERLAND Origami-Fan und Berichterstatter dieser Geschichte ist Iwao Yamaguchi. Für 900 Franken

Handwerksmarkt auf dem Weisbrod-Areal In Hausen am Albis wird zur Zeit das 1875 gebaute Weisbrod Fabrikgebäude optisch und energetisch aufgefrischt. Die Weisbrod-Zürrer AG produzierte hier 187 Jahre lang hochwer-

tige Textilien. Heute ist es ein lebendiges und kreatives Areal mit vielen Gewerbetreibenden. Im Zentrum des Areals befindet sich auf 700  m2 der Weisbrod-Shop, ein Stoffladen mit schweizweit einzigartigem Sortiment. Die Wiedereröffnung des Fabrikgebäudes wird am 9. Juni mit einem Fest und einem hochwertigen Handwerksmarkt gefeiert. Der Markt zeigt nicht nur Handwerksprodukte, sondern gibt auch Einblick in ihre Herstellung. Infos: http://weisbrod-zuerrer.ch

54

reiste der 19-Jährige in den Fünfzigerjahren per Schiff und Zug von Japan nach Europa und liess sich nach einigen Jahren in Zürich nieder. Er fand umgehend Arbeit und blieb dort bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2013. Seither hat er noch mehr Zeit, seine Origami-Leidenschaft zu leben. «Origami» heisse eigentlich nichts anderes als «Papierfalten», erklärt Iwao Yamaguchi und formt mit flinken Händen ein quadratisches Stück Papier zu einem Flieger. «Nach dem Krieg hatten wir keine Spielzeuge. Aber wir hatten Holz und Papier.» Dies war der Ursprung für seine über Jahrzehnte andauernde Passion für die Papierfaltkunst Origami. «Ich konnte mit einem Stück Papier meine Ideen verwirklichen und hatte deshalb jedes Spielzeug, das ich mir wünschte.» MEHR ALS EIN ZEITVERTREIB Für Iwao Yamaguchi hat Origami viele Dimensionen. «Der Erfindergeist, die Mathematik und die Meditation kommen nicht zu kurz.» Auch denkt er, dass Origami für die Pädagogik, Wissenschaft, Design und Architektur grosses Potential hat. So ist er auch immer für eine Neuentwicklung zu haben. Egal, ob es ein Tier, eine Blume oder ein Auto ist. Dafür zieht er sich dann in sein Zimmer zurück und macht sich an die Entwicklung. Der grösste Fehler sei bei der Lösungssuche und dem Falten, die Geduld zu verlieren – auch Kranich zu werden brauche seine Zeit.

Exkursion: Kalk & Sgraffito Lassen Sie sich von der Einzigartigkeit des Kalkes und dessen Verwendung begeistern. Lernen Sie die faszinierende Herstellung von Kalk kennen und erfahren Sie mehr über die Geschichte und die Möglichkeiten des Sgraffito. Eine Zeitreise mit Mazina Schmidlin-Könz, Joannes Wetzel und anderen. Leitung: Philipp Kuntze. 29./30. Juni 2018. Weitere Informationen: www.world-crafts.org

Zeitpunkt 155


VOLLWERTIG LEBEN

Himmelsthron und Erdenschemel Die Menschheit begann stuhllos. Sesshaft wurde sie erst vor rund 5000 Jahren. Heute ist ein Leben ohne Von Edith von Arps-Aubert Bürostuhl und Sofasitz kaum mehr vorstellbar, mit bedenklichen Folgen.

D

ie Geschichte des Stuhls in der Form des Throns beginnt in der ägyptischen Kultur. Die Sitzordnung des Throns löste die auf dem Boden hockenden Frauengöttinnen aus der mutterrechtlichen Kultur ab. Der Pharao thronte und herrschte. Sein Sitzen war heilig, seine Aufgabe war es, von hier aus die kosmische Ordnung und das Recht zu erhalten. Griechen und Römer verbanden Würde und Heiligkeit mit dem Thron, das Christentum hob Gott und sehr viel später auch Christus auf den Himmelsthron und den Papst auf den Heiligen Stuhl. Das Volk sass derweil auf dem Schemel. Vermittler zwischen dem heiligen Sitzen und dem irdischen Hocken waren die Handwerker, Künstler und die Schreiber. Für ihre Tätigkeit nutzten sie Hocker, Sitzblock oder Bank, weil die Arbeit es erforderte. Das Volk blieb ein Hockendes, bis heute. BEWEGTES SITZEN Handwerker, Künstler und Schreiber sitzen in unserem Kulturkreis oft am Tisch. Die Sesshaftigkeit, das Denken und das Schreiben haben unsere Kultur mitgestaltet. Jetzt ist es wichtig, umzudenken. Nicht dass wir sitzen, sondern wie und wie lange wir sitzen, gilt es zu hinterfragen. Wir sollten nicht die Stühle immer bequemer und so den Sitzenden zu einem Unbewegten machen, sondern den Menschen befähigen, bewegt auf unterschiedlichen Stühlen zu sitzen. Bereits die Bewegungspädagogin Elfriede Hengstenberg (1892–1992) hatte angemahnt, die Stühle variantenreich zu nutzen. Stattdessen beginnt unsere Laufbahn des Sitzens heute spätestens im Trip Trapp. Dann wird gesessen, vom Kindergarten bis zum Schulabschluss, und wer nicht das Glück hat, einen Beruf, der Bewegung erfordert, gewählt zu haben, verbleibt auch später auf dem Büro-, dem ÖV- oder Autositz. Unserer Natur entspricht das nicht. Und doch ist das Sitzen die konsequen-

Zeitpunkt 155

te Fortsetzung des aufrechten Ganges, diesem labilen Gleichgewicht auf wechselnder Stütze, das wir dauernd suchen müssen und anstrengend ist. Wir setzen uns, um uns zu entlasten. Dabei landen wir auf zwei Knochen, den Sitzbeinhöckern. Das ist unbequem. Dafür liefert uns die Stuhlindustrie Entlastung durch Polster und Lehnen. Wir nehmen es dankbar an und sacken ein, hängen und verhocken. Gut für die Gesundheit ist das nicht. Das Zwerchfell ist eingeklemmt, die Atmung eingeschränkt, die Eingeweide sind ohne Raum und mangelnhaft durchblutet, die Muskeln erschlaffen oder blockieren, der Kreislauf bleibt ohne Anregung. Über Volkskrankheiten wie Rückenschmerzen und Kreislaufstörungen sollten wir uns daher nicht wundern. EIN HOCH AUF DEN UNBEQUEMEN STUHL Deshalb ist jeder Stuhl gut, der notwendig abverlangt, sich zu bewegen oder sich von ihm zu erheben. Ich habe mir dafür selbst einen Stuhl entwickelt. Er ist höhenverstellbar und hat keine Lehne, dafür eine dreieckige, nicht gepolsterte und frei drehbare hölzerne Sitzfläche. So kann sich mein Becken frei bewegen und kippt nicht automatisch nach hinten, was Druck auf die Zwischenwirbel im Lendenbereich verursachen würde. Das Kreuzbein ist senkrecht aufgerichtet. Ich sitze allerdings auf den zwei Sitzbeinhöckern, was etwas gewöhnungsbedürftig ist. Die Veränderung der Höhe und die Drehbarkeit der Sitzfläche ermöglichen, dass ich stets die Bewegung meiner Gelenke ändern kann. Das Dreieck ermöglicht, dass das Blut in den Adern unter den Oberschenkeln frei fliessen kann. Da die Sitzfläche hart ist, muss ich mich bewegen. Mein Körpergewicht gebe ich teilweise an die Füsse ab – das entlastet. Aufstehen geht leicht, indem ich mein Gewicht nach vorne auf die Füsse verlagere, den Nacken strecke und dann den Streckreflex der Bein-

Die Kinder zeigen: Es gibt viele Arten, auf einem Stuhl zu sitzen.

muskulatur zulasse. Weil der Stuhl nicht wirklich bequem ist, bleibe ich auch nicht so lange auf ihm sitzen. Das ist das beste an ihm. Das Beispiel aus meinem Unterricht am Gymnasium in Biel zeigt, was in der Schule möglich ist. Wir beginnen bei der Wahrnehmung dessen, was wir eigentlich tun. Das ist schon der halbe Weg, denn die konkrete Selbstwahrnehmung und das Anstossnehmen am Gewohnten machen den Weg frei für Veränderungen. Gute Ratschläge helfen nicht weiter. Das anatomisch und funktionell richtige Sitzen muss erfahren werden. Einer der Schüler machte einmal die Bemerkung: «Seitdem ich so sitze, interessiert mich der Unterricht viel mehr. Gibt es da einen Zusammenhang?» Zu dieser Frage schrieb er dann seine Maturaarbeit mit dem Fazit: Ja, es gibt ihn. www.bewegungsforschung.ch

55


VOLLWERTIG LEBEN

Sing mir das Lied vom Hinterhof

Gute Nachbarschaft braucht gute Innenhöfe. Seit mehr als zehn Jahren bringen Sängerinnen und Sänger neues Leben auf die Rückseite der Städte. Von Andreas Diethelm

I Vom Abstellraum zum Lebensraum:, Die 2. Klasse MEZ Schulhaus Letten feiert ihn an der Nordstrasse 24 in ZürichUnterstrass.

56

hre spitzen Schreie zerreissen das Abendblau. Wenn die Mauersegler sich aus dem Winterquartier zurückmelden und den Luftraum über dem Innenhof wieder nach Belieben beherrschen, dann wissen wir: Der Frühsommer ist bereit, den Frühling abzulösen, unter Weiss und Gelb mischen sich dunklere Blütenfarben. Die Nächte werden milder und damit der Wunsch, die Fenster offen stehen zu lassen und das Sommererwachen zu vernehmen, zu atmen. Glück hat, in wessen Hof ein Baum steht. Ein richtiger, der Schatten wirft, sich erklettern lässt, die Jahreszeiten verkündet, die Windstärke anzeigt und hörbar macht, der erblüht, Früchte trägt und Hausrotschwanz, Rotkehlchen und Meisen beheimatet, die uns die Morgenstunden versilbern. Ein Baum, der gross und alt werden darf. Ist der Hof aber ein Parkplatz, bleibt das Fenster besser zu. Denn Lärm stört den Schlaf und Auspuffgas verdirbt die Ankunft im neuen Tag. Bis in die Siebzigerjahre wurden Wohnzimmer und Balkone zur Strassenseite hin gebaut. Als dann der Ver-

kehr von der Attraktion zur Plage wurde, zwang dies die Architekten zur Umgestaltung des Wohnbereichs auf die Gebäuderückseite. Gleichzeitig begann der Verkehr sich bis in die Höfe hineinzufressen. Zwar wurden bei Neubauten die Autos bald unterflur geparkt, Ein- und Ausfahrt gehen dennoch auf Kosten der Hofqualität. Und es fehlt der Baum. Seine Wurzeln fänden keinen Halt und keine Nahrung, denn unter dem gepflegten Rasen ist kein Boden, sondern das Dach der Autoeinstellhalle und darauf stehen bloss kümmerliche Birken und exotische Liliputbäumchen, in die sich die Architekten so verliebt haben, deren Schättlein aber keine Kühlung bringen.

Zeitpunkt 155


VOLLWERTIG LEBEN

Je länger man auf die zweckentfremdeten Höfe schaut, desto mehr wundert man sich: Wie konnte es zu dieser Fehlentwicklung kommen? Die Zunahme der Autodichte und der Niedergang der handwerklichen Kleinbetriebe eröffnete den Liegenschaftsbesitzern eine neue Einnahmequelle: die Vermietung des Hofs als Autoabstellplatz. Der Boden wurde den Anwohnern unter den Füssen weggezogen. Also rief der fehlende Auslauf nach einer beherzten Tat, Kästner zufolge Voraussetzung, dass etwas Gutes werden kann. Gut wäre ein Stück Boden hinter dem Haus, auf dem gute Nachbarschaft wachsen und gedeihen kann. Mitte der Siebzigerjahre, als viele sich unter Lebensqualität noch mehr als Konsum und Sicherheit vorstellten, entstanden zahlreiche Initiativen, die Qualität lebensnah interpretierten. Auch im Hinterhof. Öffentliche Beratungsstellen für Hinterhoferneuerung wurden in zahlreichen Städten eingerichtet. Aber noch in den Achtzigerjahren wandten sich die Behörden von den Höfen ab und der Erweiterung und Veredlung des Strassennetzes zu. Was tun? Jemand erinnerte sich, dass in den Höfen seit Menschengedenken nicht nur gearbeitet, sondern auch gesungen wurde, bisweilen sogar gleichzeitig. Die heutigen Sängerinnen und Sänger brauchten nun bloss noch daran erinnert, beziehungsweise dazu eingeladen zu werden. Und sie kamen, zu Tausenden. Der Hofgesang war geboren. Über dreihundert Chöre haben in den vergangenen elf Jahren jeden zweiten Frühling einen mehr oder weniger schönen Hof oder auch eine geeignete Ecke in der Altstadt aufgesucht und den Menschen auf der Strasse und in den Wohnungen ein Ständchen gebracht. Begleitet von den Schreien der Mauersegler und ihren atemberaubenden Flugfiguren, hebt Hofgesang an und verzaubert die Rückseite der Stadt für einige Wochen. Amselgesang gesellt sich dazu. Oder Donnergrollen, Blätterrauschen, Regenprasseln. Manchmal ein Akkordeon, ein Keyboard oder das mitgerissene Publikum stimmt mit ein. Die Klänge von «Luegid vo Berg und Tal», die zur Dämmerstunde eine russgeschwärzte Brandmauer

Zeitpunkt 155

emporsteigen, treiben den Bewohnern des heruntergekommenen Altstadthofs die Tränen in die Augen. Geht es den Höfen nun besser als vor zehn Jahren? Sagen wir es so: Die Hofsängerinnen und -sänger konnten die Marktmechanik bisher nicht aus den Angeln heben; Parkplätze im Hof sind noch immer rentabler als Sandhaufen, Gemüsebeete, Obstbäume und lauschige Sitzplätze. Sängerinnen haben aber einen langen Atem. Seit im Mai die Rückseite der Stadt Zürich von Chorgesang widerhallt, ist vieles nicht mehr wie vorher. Der einst ödeste Hof ist heute im Sommer ein kleines Wildblumenparadies. Die Gesänge bezaubern die Menschen und verzaubern die Höfe. Bisweilen auch durch die beherzte Einzeltat: jener Mieterin etwa, die ihren Vermieter nicht vom Mehrwert eines autofreien Hofs überzeugen konnte, sich aber gleichwohl zu einem Wandel entschied. Sie mietet kurzerhand ein Parkfeld und dort stehen nun Blumentöpfe – zur unverhohlenen Freude der meisten Anwohnerinnen. Bereits siebenhundert Mal ist Chorgesang in den Höfen erklungen und hat siebenhundert Mal die Frage nach der Bedeutung anklingen lassen, die eine Stadt ihren Höfen geben will. So wurden Bewusstseinserweiterung und Hofgefühl zehntausendfach ausgelöst, nur nicht bei den Behörden, die verirrten sich noch nicht in die Höfe. Um ihrem Vorbildanspruch glaubhaft nachzuleben, müssten sie aber den Faden wieder aufzunehmen, der in den Achtzigerjahren gerissen ist. Der Raum im Hinterhof verhält sich zu den Anwohnern wie die Leinwand, auf der ein Bild entstehen kann. Wie soll unser Hof aussehen? Soll er als Abstellplatz dienen oder als Boden, auf dem Nachbarschaft wachsen und gedeihen kann? Ein Anfang ist gemacht, bis heute hat Hofgesang die Höfe in vier Städten in Szene gesetzt. Doch in jeder Stadt brauchen Menschen Höfe zum Entdecken, Lauschen, sich Berauschen, Lachen, Streiten und Ruhen. Zum Leben eben.

Die grosse Einöde an Hohlstrasse 110 in Zürich-Aussersihl:. Das Vokalensemble vokativ zürich hat ihm Leben eingehaucht. Gesang bringt Blumen.

Andreas Diethelm ist Biologe und Journalist und hat 2006 die Nachbarschaftsinitiative HOFgesang gegründet. 7. Zürcher HOF gesang 12. Mai – 13. Juni Zum Auftakt ein intergalaktisches Meeting Nähe Limmatplatz und die Welt im Tram wird auf der Burgwies besungen. Schlussgesang im Kulturpark auf der Pfingstweid. Dazwischen lassen 60 Chöre 4 Wochen 100 Höfe erklingen Programm: www.hofgesang.ch

57


VOLLWERTIG LEBEN

Bauer, landlos, sucht Während viele Bauern keinen Nachfolger finden, suchen frisch ausgebildete Landwirte einen Hof. Wie Von Samanta Siegfried können sie sich finden?

B

auer sein, das ist bis heute eher Bestimmung als Beruf. Und noch bis vor wenigen Generationen galt: Wenn die Eltern eines Tages nicht mehr können, werden Tochter oder Sohn ihr Lebenswerk weiterführen. Dass das heute nicht mehr zwingend so ist, mag befreiend sein, stellt jedoch viele Landwirte vor die Frage: Was geschieht mit dem Hof, wenn ich in Pension gehe? Laut For-

Glückliche Finder: Landwirtin Anna Mosimann mit Mann Martin und Tochter . Heute sind sie bereits zu viert.

schungsergebnissen von Agroscope haben 33 Prozent der Landwirte über 50 Jahre keinen Nachfolger. Das sind 9830 Betriebe, für die in den nächsten 15 Jahren ein Nachfolger gefunden werden muss, 655 pro Jahr. Zählt man jene Betriebe dazu, bei denen die Nachfolge noch unsicher ist, kommt man auf 1100 Betriebe pro Jahr. Laut Bundesamt für Statistik schliessen als Folge davon jährlich bis zu drei Betriebe ihre Türen, für immer. Das müsste nicht sein, findet die Kleinbauernvereinigung Schweiz. «Dem Bauernhofsterben steht eine grosse Nachfrage nach landwirtschaftlichen Betrieben gegenüber», sagt Séverine Curiger, Kommunikationsverantwortliche des Vereins. Jährlich schliessen um die 1000

58

Landwirte und Landwirtinnen ihre Ausbildung ab. Dazu kommen gegen 120 Agrarpraktiker, 300 Absolventen im Nebenerwerbskurs sowie weitere Hochschulabsolventen und Bäuerinnen mit Fachausweis. «Es sind durchaus Berufsleute da, die potentiell Betriebe übernehmen können», folgert Curiger. Um diese zwei Parteien von Suchenden zusammenzuführen, hat die Kleinbauernvereinigung 2014 eine Anlaufstelle für ausserfamiliäre Hofübergabe ins Leben gerufen. Hofabgebende und einen Hof Suchende können auf der Webseite ein Profil mit ihren Kriterien anlegen und werden von der Vereinigung zusammengeführt. Derzeit liegen dem Verein rund 60 solcher Profile vor. Zwei, die sich auf diesem Weg gefunden haben, sind Anna Mosimann und Martina Schneider. Anna Mosimann, 34 Jahre, ist zwar auf einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen; die Eltern hatten den Hof jedoch nur gepachtet und bereits früh wieder abgegeben. Sie studierte Umweltwissenschaften und arbeitete danach als Agrarökologin. «Irgendwann fehlte mir die Arbeit auf dem Feld», sagt sie. Da ihr Mann weiterhin als Maschineningenieur arbeiten wollte und nur beschränkt auf einem Hof aktiv sein würde, suchte das Paar mit der 3-jährigen Tochter lediglich nach einem kleinen Betrieb. Einige Monate, nachdem sie bei der Kleinbauernvereinigung ein Profil aufgegeben hatten, meldete sich Martina Schneider. Die 56-Jährige kam 1999 als Aussenstehende zu dem Hof, als ausserfamiliäre Hofübergabe noch gar kein Begriff war. Sie bewarb sich auf den in einer Zeitung ausgeschriebenen Betrieb oberhalb von Toffen bei Bern und wurde schliesslich unter 40 Bewerberinnen ausgewählt. Mit Mutterkuhwirtschaft und Geissen-Trekking führte sie den Betrieb quasi im Alleingang während 18 Jahren.

Sehe ich mich mit 64 Jahren noch an stotzigen Hängen?

Es war in einem heissen Sommer, als ihr beim Heuen plötzlich die Frage aufkam: «Sehe ich mich mit 64 noch mit Maschinen an den stotzigen Hängen stehen?» Die Antwort war Nein. Da ihre Kinder noch zu jung sind, um sich mit der Nachfolgefrage auseinanderzusetzen, suchte Martina Schneider nicht neue Käufer, sondern Pächter. Auch für die Mosimanns kam von Anfang an nur die Pacht in Frage. «Ein Kauf wäre finanziell niemals möglich gewesen», sagt sie und spricht damit eines der Kernprobleme an: Ausserhalb der Familie verkauft man den Betrieb zum freien Marktwert, der den Ertragswert um ein Vielfaches übersteigt. Zudem hängen viele Landwirte an ihrem Bauernhaus, behalten es als Wohnhaus und verkaufen das Land dem Bauern nebenan. Die Folge davon ist eine höhere Konzentration von landwirtschaftlichen Betrieben. Diese Hürden sind mit ein Grund, warum die Zahlen von erfolgreich durchgeführten Übergaben eher bescheiden sind: Vier Pachten und zwei Verkäufe in vier Jahren hat die Kleinbauernvereinigung vermittelt. Doch der Erfolg dürfe nicht allein an diesen Zahlen gemessen werden, findet Séverine Curiger. «Eine gelungene ausserfamiliäre Hofübergabe ist nur das sichtbare Resultat.» Davor stehe ein langer Weg, zu dem viel Wille, Ausdauer und Engagement gehören. «Wir empfehlen allen, sich frühzeitig mit der Nachfolgerfrage auseinanderzusetzen.» So will der Verein für das Thema sensibilisieren und bietet auch eine Beratungsstelle für Finanzfragen an. Gemessen an den vielen Hürden ging Martina Schneiders Hof fast reibungslos in die Hände der Mosimanns. Da sie von früher bereits ein Leben ohne Landwirtschaft kannte, fiel ihr auch der Wegzug in das Einfamilienhaus im Dorf nicht so schwer. Die Mosimanns ihrerseits waren froh, die behornten Mutterkühe und die Maschinen übernehmen zu können. «Alles hat gestimmt», sagt Mosimann. «Im Wissen, dass eine solche Gelegenheit selten ist, sagten wir zu.»

Zeitpunkt 155


VOLLWERTIG LEBEN

Unterwegs im Flachsland MAL WIEDER LUST AUF EINE «FAHRT INS BLAUE»? Dann gehen Sie am besten ins Emmental. Seit wenigen Jahren gibt es dort wieder Flachsfelder zu bestaunen, von deren blauen Blütenpracht der Ausdruck herrührt und die während Jahrhunderten die Schweizer Landschaft prägten. Die aufwändig aus den langen Stängeln gewonnenen Fasern, das daraus gesponnene Garn und die qualitativ hochwertigen Leinengewebe waren wichtige Grundlagen für den frühen und erfolgreichen schweizerischen Textilhandel. Dann wurde der einheimische Flachs durch günstig importierte Baumwolle verdrängt. Seit einiger Zeit haben jedoch engagierte Bauern aus dem Emmental wieder angefangen, Flachs anzubauen. Die 2014 gegründete GmbH SwissFlax schliesst mit den Flachsbauern Anbauverträge ab und über-

nimmt das Flachsstroh für die Weiterverarbeitung. Mittelfristiges Ziel ist die industrielle Weiterverarbeitung in der Schweiz. Diese Gelegenheit ergriff nun das Basler Modelabel «erfolg» und fertigt nun im ostschweizerischen Bichelsee Leinenstrickware für die Frühlings- und Sommerkollektion. «Landschaftliche Vielfalt, naturnahe Arbeit sowie Einkommenschancen für die Region sprechen genauso dafür wie kurze Transportwege, kontrollierter Anbau und schweizerisches Qualitätsbewusstsein», schreibt das Unternehmen in einer Mitteilung. Damit erlebt Flachs ein Comeback - und somit auch die Fahrt ins Blaue! SaS www.erfolg-label.ch

Nur Jeans, alle fair WENN SIE ES LEID SIND, sich beim Einkaufsbummel zwischen der scheinbar unendlichen Auswahl von Produkten entscheiden zu müssen, gehen Sie in den Shop von Miriam Hen-

ninger und Walter Blauth in Freiburg im Breisgau. Dort gibt es nur Jeans. Und davon nicht zu viel: drei Modelle für Herren und eines für Damen. Aber was sind schon viele schlechte Jeans im Vergleich zu einer, die wirklich gut ist? Die Kulthose gerät immer wieder in Verruf: die ausbeuterischen Produktionsbedingungen sind nicht zu verantworten, der Chemikalien- und Wasserverbrauch für Gesundheit und Umwelt katastrophal. Das wollte Walter Blauth ändern. Als gebürtiger Pole und ehemaliger Anhänger der dortigen Solidarność-Bewegung sei er sich gewohnt, selbst aktiv zu werden, um Dinge zu verändern. «So ging es mir auch, als ich über die konventionelle Jeansproduktion erfahren habe», schreibt Blauth. Er holte Miriam Henninger ins Boot, die als Produktentwicklerin für konventionelle Modelabels

ebenfalls mit den Herstellungsbedingungen haderte. Zusammen entwickelten sie die «fairjeans» – eine Hose, die aus zertifizierter indischer Bio-Baumwolle hergestellt wird. Die zwei Unternehmer versichern, dass die Näherinnen, die sie persönlich kennen, fair bezahlt würden und die Möglichkeit hätten, Gewerkschaften zu bilden. Der Stoff kommt aus der Türkei, die Knöpfe aus Italien, genäht wird in Polen. Gelabelt und etikettiert in Deutschland. Im Laden angekommen, kaufen rund 80 Prozent der Männer ihre Jeans innerhalb von fünf Minuten, werben die Initianten auf der Website. Beide betonen die Erfüllung, die sie empfinden, wenn ein Kunde mit einer «fairjeans» ihren Laden verlässt. Begründet auf der Gewissheit, ein wirklich gutes Produkt verkauft zu haben. SaS www.fairjeans.de

Für grüne Geniesser Gestalterinnen und Förderer einer nachhaltigen Ernährung in Zürich haben am 20. März im Engrosmarkt Zürich das «Ernährungsforum Zürich» gegründet. Es will Esskulturen und Ernährungssysteme, die dem Wohl von Mensch, Tier und Umwelt verpflichtet sind, im Raum Zürich fördern. Der Impuls zur Gründung des Forums geht auf den Erlebnismonat «Zürich isst» im September 2015 zurück. Die

Zeitpunkt 155

Kampagne mit 200 Veranstaltungen zeigte, wie vielfältig und kreativ die foodaffine Szene in Zürich ist, die sich jetzt mit dem «Ernährungsforum Zürich» eine eigene Plattform für weitere Aktionen gibt. Im November gab das Zürcher Stimmvolk der Stadtregierung den Auftrag, in ihrem Zuständigkeitsbereich eine umweltschonende Ernährung zu fördern. Red. www.ernaehrungsforum-zueri.ch

59


VOLLWERTIG LEBEN

Six minutes à grande vitesse DIE STRECKE PARIS-LYON SCHAFFT MAN IM TRAIN À GRANDE VITESSE (TGV) IN 1.57H. Für dieselbe Strecke gibt es einen Reiseführer, in dem man lesen kann, was man alles anschauen könnte, würde man sich nur genug Zeit nehmen. Sich durch das Buch von der Fahrt ablenken zu lassen schadet nichts, da man wegen der Geschwindigkeit durch das Fenster sowieso nichts mehr erkennen kann. Ich habe mal die Strecke Paris-Nîmes in 3 Stunden gemacht und wüsste ich es nicht besser, ich würde nach dieser Fahrt mit allergrösster Überzeugung behaupten, dass es dazwischen überhaupt nichts gibt von Interesse, nichts, aber auch gar nichts... Die Geschwindigkeit zerstört also Raum und Zeit. Es ist also gar nicht

Ein erster Co-Learning Space in Zürich ZIEL DES «INTRINSIC LEARNING LAB» IST DAS FORSCHEN UND TESTEN EINER LERNMETHODIK, die sich an intrinsischer Motivation orientiert. Das Lab ermöglicht allen, das selbstorganisierte Lernen auszuprobieren. Initianten sind Daniel Straub und Christian Müller, die sich zuletzt für das bedingungslose Grundeinkommen engagiert hatten. Der Förderfonds Engagement Migros unterstützt das Projekt während dreier Jahre. Die Methode ist einzigartig und einfach: In einer ersten Orientierungsphase werden

persönliche Ziele definiert. In einem nächsten Schritt wird der Lernweg durch Lern-Coaches unterstützt und in einem elektronischen Portfolio begleitet. Gemeinsam wird der Lernprozess verfolgt und stetig reflektiert. Bei diesem Prozess hilft auch der Dialog mit anderen Teilnehmenden. Drittens wird das Gelernte in einen weiteren Kontext eingebettet: Die Lernenden zeigen, welches Wissen sie sich angeeignet haben – und kennen ihre Fähigkeiten. Red.

möglich, etwas zu gewinnen, weil es sich in Luft auflöst bevor wir es begreifen können. Wenn man das Buch bis am Schluss dann gelesen hat, erkennt man, dass es tatsächlich möglich wäre, zwischen Paris und Lyon zu Fuss ein ganzes Leben zu verbringen und sich nicht einen Tag zu langweilen. Man könnte auf die Idee kommen den TGV mit 1.57h demjenigen mit 2.03h vorzuziehen, um 6 Minuten zu gewinnen. Dies würde ich allerdings nur empfehlen, wenn man vorher genau wüsste, was man am Ende des Tages mit den gewonnen sechs Minuten sinnvolles anstellen könnte – innehalten zum Beispiel? Hansruedi Plüss, Zeitpunkt-Leser und passionierter Bahnfahrer.

Lachen – gemeinsam geht’s leichter IN INDIEN PRAKTIZIEREN ES HUNDERTTAUSENDE, in der ernsthaften Schweiz sind es erst wenige. Das will Rolf Locher ändern.

www.intrinsic.blog

Grosser Erfolg für die solidarische Landwirtschaft in Südbaden Mit einer Crowdfunding-Kampagne ist es dem Luzernenhof in Buggingen, 30 Kilometer südlich von Freiburg im Breisgau, innerhalb eines Monats gelungen, private Kleinkredite von mehr als einer Million Euro zusammenzutragen. Der Luzernenhof ist ein Projekt der Solidarischen Landwirtschaft. Die Mitglieder der Hofgenossenschaft finanzieren die Landwirtschaft gemeinsam und werden dafür mit Lebensmitteln versorgt. Durch Hereinnahme des Mietshäusersyndikats in Freiburg ist gesichert, dass der Hof nicht an Privatpersonen oder Konzerne verkauft werden kann und so der Bodenspekulation entzogen ist. Bei der

60

Hofübernahme muss sich das Team nicht verschulden. Und es ist möglich, dass alle BewirtschafterInnen ohne Schulden vom Hof gehen können und eine andere Person nachrücken darf, ohne Schulden aufnehmen zu müssen. Der Luzernenhof umfasst 32 Hektar Land, von denen 2,7 Hektar mit Gemüse aller Art bepflanzt wird. Die Hofgemeinschaft melkt 15 Milchkühe, füttert sechs Schweine, hält acht Bienenvölker und versorgt derzeit 150 Haushalte mit einer breiten Produktpalette. Wolf Bergmann/Red.

Rolf Locher, «Coach für Lebensfreude» und Lach-Yoga-Trainer eröffnet in Solothurn einen Lach-Club. Er ist einmal monatlich am Sonntagmorgen von 11.11 bis 12.12 Uhr geöffnet und steht allen offen, die die heilsame Wirkung des Lachens erfahren möchten. Auf den Programm stehen Lach-Yoga-, Atem-, Körper- und Heiterkeitsübungen, dann sollte dem allgemeinen Gelächter nichts mehr im Wege stehen. Zum Mitmachen braucht es nur «einen lachfähigen Körper», schreibt Locher und natürlich etwas Zeit, sich auf ansteckendes Lachen einzulassen.

www.luzernenhof.de

Termine und Infos: www.hoho-hahaha.ch/lachclub-solothurn/

Zeitpunkt 155


Mandala im Chor der Klosterkirche Zwei buddhistische Mönche, beide aus Nepal stammend, werden in der Zeit zwischen Auffahrt und Pfingsten tagsüber im Chor der Klosterkirche Kappel ein Mandala streuen. Ein Stuhlkreis wird die Besuchenden einladen, einen Moment in der Stille zu verweilen und das Entstehen des Mandalas zu begleiten, 12. – 19. Mai Vortrag: Einführung in die Tradition des Mandala Martin Brauen, ehemaliger Leiter der Abteilung Himalaya/Ferner Osten am Völkerkundemuseum Zürich und Chefkurator des Rubin Museum of Art in New York, der über das Mandala mehrere Ausstellungen gemacht und Publikationen geschrieben hat, wird in die Tradition des Mandalas einführen, 18. Mai, 20.00 Uhr Öffentliche Zeremonie zur Auflösung des Mandalas Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, dabei zu sein, 19. Mai, 10.00 Uhr Die befreiende Kraft des Schreibens. Deine spannende Geschichte will gelesen werden! mit Angela Croce, 26. – 27. Mai, 10.00 Uhr Kloster Kappel, Kappelerhof 5, 8926 Kappel a.A. | www.klosterkappel.ch Tel. 044 764 87 84 | sekretariat.theologie@klosterkappel.ch


HORIZONTE ERWEITERN

62

Zeitpunkt 155


HORIZONTE ERWEITERN

Zweisamkunst

Was macht ein Atelier für Sonderaufgaben? Nichts Besonderes, meinen die St. Galler Künstlerzwillinge Frank und Patrik Riklin augenzwinkernd. Das reicht von einer Stuben­ fliege im Flugzeug über das Picknick-Tuch für eine ganze Region bis zum Null-Stern-Hotel. Sie arbeiten an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wirtschaft. Von Dieter Langhart

«Bignik» (2012–2043): Frank und Patrik Riklin sehern vor lauter Tüchern ihr Atelier kaum. (Foto: Jelena Gernert)

«W 

ir schmieden Leidenschaf tspläne, nicht Businesspläne.» Diesen dritten oder vierten Satz unseres Gespräches meint Frank Riklin nicht als Wortspiel, er meint es als Bekenntnis. Frank sprüht vor Leidenschaft, er redet ohne Punkt und Komma, fragt als erstes, ob ich lautes oder stilles Appenzeller Wasser vorziehe und was ich wissen will von ihnen und nicht, was ich nicht wissen will, weil längst bekannt, sieht meine Mind-Map und nickt, begrüsst seinen etwas verspäteten Bruder nach einer Stunde. Sie sprühen vor verdoppelter Leidenschaft, sie reden und kennen kaum Atempausen, widmen sich dem vielleicht dreihundertsten Journalisten, der bei ihnen angeklopft hat. Nach zweieinhalb Stunden Flug durch das Riklin’sche Universum landen wir wieder in ihrem Atelier, das ironischerweise im selben Haus wie das Museum im Lagerhaus liegt. Mein Notizheft ist so voll wie ihr riesiges Atelier voller Ordner ist. Frank und Patrik grinsen – sie haben ihren Teil beigetragen. Frank und Patrik Riklin haben Kunst studiert, sich aber nur kurz in den Kunstbetrieb eingeklinkt. Der Name Max Frisch fällt: der Schriftsteller probierte Geschichten an wie Kleider, die Zwillinge tun das mit Ideen. Gleich darauf fällt das Wort serendipity, Serendipität: zufällig beobachten, was man nicht gesucht hat. «Die beste Kunst ist für uns jene, die man gar nicht als Kunst wahrnimmt, die zu einem Teil der Gesellschaft wird», sagt Frank. Sie betrachten die Welt im allgemeinen, die Gesellschaft, alles. Das ist keine wolkige Ausrede, das ist ihr Konzept, Sonderaufgaben wahrzunehmen, für die sich niemand zuständig fühlt. Unabhängig und kompromisslos, wie sie sagen. EXPERIMENTE MIT OFFENEM AUSGANG Frank und Patrik Riklin werden als Inspiratoren eingeladen, damit sie den Puls bestehender Strukturen messen und darauf reagieren. Was in ihren Köpfen und aus ihren Händen entsteht, sind Experimente mit offenem Ausgang: Kunst, wo keiner Kunst erwartet. «Das

Zeitpunkt 155

erzeugt Reibung», sagt Frank. Oder: «Unklarheit schafft neue Handlungsräume.» Sie reden erst, gucken sich um, gehen vom Kleinen aus, suchen nach Komplizen, unternehmen noch nichts. Aber bald streben sie nach neuen Wirklichkeiten, nach Allianzen, nach neuen Feldern und Kooperationen. «Wir verlassen den White Cube, um das Wirkungsfeld unserer Arbeit zu erweitern. Wir machen unsere Komplizen zu Performern unserer Kunst. Wir sind keine Werber, wir machen Marketing zu Macheting.» Die Riklin-Zwillinge haben eine neue, eine eigene Disziplin gegründet: die Artonomie. Zuerst kommt die Kunst (art), dann die Wirtschaft (economy). Das hat ihnen schon den Vorwurf eingebracht, sich bei der Die beste Kunst für uns ist jene, Wirtschaft anzudienen, die man gar nicht als Kunst also eben doch PR zu bewahrnimmt, die zu einem Teil der treiben, einfach mit einem künstlerischen Ansatz. PaGesellschaft wird. trik zerstreut Zweifel: «Artonomie bedeutet, dass sich unsere Kooperationspartner der Kunst unterwerfen. Nicht das Geld, sondern der Inhalt regiert.» Frank ergänzt: «Kunst wird subversiver, wenn sie nicht als Ausrede dient.» Die beiden Riklins sind offen, neugierig, machen sich stetig auf die Suche nach neuen Sonderaufgaben. So gingen sie vor sechs Jahren nach Deppendorf (sic!), um Fliegen zu retten. Ein Unternehmer und Insektenbekämpfer in Bielefeld, der promovierte Hans-Dietrich Reckhaus, hatte sie mit der Martkteinführung einer Fliegenfalle konfrontiert. Sie intervenierten und lancierten die Gegenstrategie: retten statt töten. Sie machten aus dem Insektenbekämpfer einen Insektenschützer und setzten 2012 gemeinsam mit ihm die Aktion «Fliegen retten in Deppendorf» um. Eine der geretteten Fliegen, sie hiess Erika, wurde zur Hauptdarstellerin – Kafkas «Verwandlung» liess grüs­sen. Sie flog mit dem weltweit ersten Flugticket für eine Fliege in den Wellness-Urlaub nach Schloss Elmau. Heute liegt sie begraben in einem Sarkophag an der Universität St. Gallen und ist Teil der HSG-Kunstsammlung. «Viele Leute meinen, wir sei-

63


HORIZONTE ERWEITERN

«Null Stern Hotel» (2017) zwischen Kunst, Kommerz und Swissness: Beim immobilienbefreiten Hotelzimmer ohne Wände und Dach wird die Landschaft zum imaginären Gebäude und die Bevölkerung zum Hotelier – mit Butlerservice an die Bettkante. (Foto: Claudio Baeggli)

en lustig, dabei meinen wir es ernst», sagt Frank. «Wir müssen nichts erzwingen, müssen nicht missionieren, wir schaffen Situationen für unübliche Verknüpfungen.»

«WIR PROVOZIEREN BRUCHSTELLEN IM ALLTAG» Gewiss, die mediale Inszenierung ist Teil ihrer Kunst und auch ihrer Selbstdarstellung, und die Riklins geniessen es durchaus, dass sie seit zehn Jahren nicht einzuordnen sind, dass sie Kunstbeflissene verunsichern. Sie sind auch kokett: «Für uns ist es eine Auszeichnung, nicht ausgezeichnet zu werden.» Sie sind auch verletzlich: «Viele kennen uns und unsere Arbeit nur oberflächlich. Wir sind medientauglich, oft kurios, weil wir Bruchstellen im Alltag provozieren.» Ihr aktuelles «Null Stern Hotel» (2016) – das immobilienbefreite Hotelzimmer in den Bergen, ohne Wände und ohne Dach, mit Butler-Service aus der Viele Leute meinen, lokalen Bevölkerung – hat wir seien lustig, die halbe Welt angelockt. dabei meinen wir Über 4500 Personen stehen inzwischen für dieses Jahr es ernst. auf der Warteliste für eine Übernachtung in der riklin’schen Installation. Statt die Nachfrage zu bedienen, überlegen sich die Riklins nun, das Kunstwerk zurückzuziehen, um die inhaltliche Auseinandersetzung zu provozieren. Das Konzept des «Null Stern Hotels» versteht sich seit der Erfindung im Jahre 2008 (in einem Bunker) nicht als kommerzielles Projekt, sondern als eine gesellschaftliche Intervention, die den Luxus der Vielsterne-Hotellerie systemkritisch hinterfragt und dabei die Zukunft und den Zeitgeist reflektiert.

64

Wie gehen Frank und Patrik Riklin mit dem Tamtam um, das die Medien um sie veranstalten? «Die mediale Inszenierung gehört zu unserem Konzept, sie vermittelt unsere Arbeit ausserhalb des Kunstbetriebs.» Sei es beim «Quatschmobil» (2014), sei es beim «Stadttelefon» (2007) oder bei «Das kleinste Gipfeltreffen der Welt» (2004), an dem sich die «Dorfpräsidenten» der sechs kleinsten politischen Gemeinden in Westeuropa auf einem Schweizer Berggipfel trafen: auf dem Kamor, 1751 m.ü.M. Das Atelier für Sonderaufgaben dokumentiert und filmt alles minutiös, das hat auch einen Hauch von Eitelkeit an sich. Aber sie ist ehrlich. Sie machen, was sie sagen, und es ist nicht alles andere als eitel, wenn sie sich dem Kunstbetrieb verweigern. Sie haben ganz selten Fördergelder beantragt – das ist ihnen schon angekreidet worden. Die Riklin-Brüder sind keine Prediger, die sagen, was Kunst sein soll. Sie betrachten die Wirtschaft als Komplizin, sind gleichzeitig wählerisch, lehnen neun von zehn Anfragen ab. Und sie sind sich bewusst, dass sie jederzeit scheitern können. Vielleicht beim «Bignik» (2012–2043). Seit sechs Jahren arbeiten sie an er Neuinterpretation des klassischen Picknicks. Gemeinsam mit der Bevölkerung der Region Appenzell Ausserrhoden–St. Gallen–Bodensee soll ein überdimensioniertes Picknick-Tuch entstehen, das aus den lokal vorhandenen textilen Ressourcen schöpft und von Jahr zu Jahr grösser wird. Pro Einwohner ein Tuch, so lautet die Vision des Langzeitprojekts. «Bignik» ist pure Lust an der Übertreibung. Es bearbeitet eine vermeintliche Utopie: ein gemeinschaftlicher Prozess mit 44 Gemeinden. Und es ist eine logistische Herausforde-

Zeitpunkt 155


HORIZONTE ERWEITERN

rung. Denn wenn jeder der 252 140 Einwohner ein Tuch beisteuert, wird das Artefakt grösser als hundert Fussballfelder. Einmal im Jahr wird das wachsende BignikTuch gemeinsam mit der Bevölkerung irgendwo in der Ostschweiz ausgelegt. Dieses Auslege-Manöver wurde unter anderem vom kanadischen Discovery Channel aufgegriffen. Dazu die Riklins: «Neunzig Prozent des Medienechos kommen aus dem Ausland.» Die Fertigstellung der Bignik-Vision ist auf 2043 geplant. EINBRECHEN, DAMIT ANDERE AUSBRECHEN Solche Projekte haben etwas zutiefst Demokratisches an sich, sind alles andere als elitär, schliessen niemanden aus. Frank und Patrik bestätigen: «Kunst und Alltag gehören zusammen.» Sie suchen die Öffnung und stellen vermehrt Öffnung fest. Sie wollen mit ihrer Arbeit Kunstmuseen und Kunstinstitutionen nicht kritisieren. Zeit ist ihnen wichtig, sie streben keine Schnellschüsse an. Woran verdienen sie, wenn sie keine Kunst verkaufen? Am Erzählen, wenn sie von ihren Werken und Erfahrungen berichten, ähnlich wie ein Schriftsteller, der Lesungen hält. Sie erzählen etwa davon, wie 800 Einwohner von Deppendorf 902 Fliegen gerettet haben. Ist das nicht Selbstinszenierung? «Es geht nicht um uns», sagen Frank und Patrik Riklin. Und zitieren den Thurgauer Hans Ulrich Obrist, einen der begehrtesten Kuratoren der Welt: «Kunst ist das, was uns bleibt.» Die Riklins beschreiben Kunst als «ein schmales, langes Feld», das aber zu ­schmal sei für sie. Sie wollen ein Unternehmen sein und ihr eigenes System erfinden. Drei Felder umfasst es: die unabhängige Kunstproduktion in der Gesellschaft; die

Zeitpunkt 155

Artonomie bei der Zusammenarbeit mit Unternehmen, «Fliegen retten in die bereit sind, sich auf die Kunst einzulassen; die laute Deppendorf» (2012): Frank und Patrik Riklin Reflexion ihrer Erfahrung und Expertise. flankieren Unternehmer «Wir haben für uns eine Welt geschaffen», sagt Patrik. Dr. Hans-Dietrich Reckhaus, «Wir sind Künstler, Facilitators, Ermöglicher. Wir bre- bevor sie der Stubenfliege chen in Systeme ein, damit die andern ausbrechen kön- Erika ein würdiges Begräbnis nen.» Kunst sei wie ein Schutzmantel, sie aber strebten an der Universität eine andere Realität an. Und sie sehen diesen Reizpunkt St. Gallen bereiten. (Foto: Daniel Ammann) als Ressource. Frank und Patrik Riklin machen Konzeptkunst, die nicht selten irritiert und verunsichert. Sie richten sich nach dem Modell der drei Wirklichkeiten: die primäre, die mediale, die subjektive. Sie sagen: Unsere Kunst lebt von der Differenz zwischen den Perspektiven, und das treibt den Motor für den Diskurs an.» Jetzt gerät Patrik in Rage: «Mich ärgert es, wenn Kunst weichgespült wird. Wir wollen die Adrettisierung der Kunst Wir wollen die Adrettisierung der verhindern. Wir sind keine Kunst verhindern. Kunst erträgt Dienstleister.» Kunst erkeine Kompromisse; der Inhalt ist trägt keine Kompromisse; der Inhalt ist König, nicht König, nicht der Kunde. der Kunde. Das Unübliche wollen die Riklins willkommen heissen, die Überraschung, die Irritation. Das sei kein Marketing, beteuern sie, solange die Kunst im Zentrum stehe. Und hat nicht Kunstkritikerin Barbara Basting vom «Vermessenheitsanspruch der Kunst» gesprochen? www.sonderaufgaben.ch • www.fliegenretten.de • www.bignik.ch • www.quatschmobil.de • www.nullsternhotel.ch

65


HORIZONTE ERWEITERN

Die Schönsten Liebe Freude der Schweizer Alpen: Nirgendwo sind die Berge schöner als in den ­Dolomiten. Schuld daran sind die Korallen der Urzeit, die Vulkane des Urmeeres Tetys und fünf Schluchten. Von Christoph Pfluger

S 

uperlative sollte man nicht allzu ernst nehmen, schon gar nicht bei weichen Kriterien wie der Schönheit. Aber wenn man den Chauvinismus von Schweiz-Liebhabern – wie ich einer bin –, etwas herausfordern kann, dann darf man ausnahmsweise etwas dick auftragen. Ich behaupte also, dass die Dolomiten das schönste Gebirge der Alpen sind. Sogar der ganzen Welt, meint Reinhold Messner, aber er stammt von dort und ist vermutlich voreingenommen. Zur Prüfung des Wahrheitsgehaltes muss man zuerst wissen, was die Dolomiten sind und wo sie sich befinden, schliesslich gibt es neben den eigentlichen Dolomiten im Südtirol auch noch die Unterengadiner oder die Bergeller Dolomiten. Der Name geht zurück auf den französischen Naturforscher und Mineralogen Déodat Gratet de Dolomieu, der 1789 in den «bleichen Bergen» des Südtirols unterwegs war und eine erstaunliche Feststellung machte. Im Gegen-

66

satz zu normalem Kalkstein, dem vermuteten Hauptbestandteil des Gebirges, reagierten die Gesteinsproben, die Dolomieu im Gebiet sammelte, nicht mit Salzsäure. Dolomieu liess die Proben von seinem NaturwissenschaftlerKollegen de Saussure (ja, der von der 20er-Note von 1979) untersuchen, der einen ausserordentlich hohen Magnesium-Anteil von 80 Prozent feststellte. Das neu entdeckte Gestein erhielt den Namen «Dolomit». Die englischen Reiseschriftsteller Josiah Gilbert und George Cheetham Churchill machten mit ihrem Buch «The Mountains of the Dolomites» aus den bleichen Bergen dann die Dolomiten, als die sie heute in aller Welt bekannt sind. Das Besondere am Dolomit ist seine helle Grautönung und vor allem die Tatsache, dass er mit Wasser kaum reagiert. Dieser Umstand ermöglicht imposante Felsformationen, wie sie einem im Gebiet der Dolomiten auf Schritt und Tritt begegnen: Pfeiler, Zinnen und schroffe Wände, die das Herz eines jeden Kletterers

höher schlagen lassen. Sie bildeten sich aus riesigen Korallengebirgen im Urmeer Tetys, reagierten unter der Hitze submariner Vulkanausbrüche und bildeten die imposanten Zacken, währenddem die Sedimente rundherum im Lauf der Jahrmillionen abgetragen wurden. Aber nicht nur Bergsteiger sind fasziniert von den eindrücklichen Gipfeln, auch normale Menschen werden irgendwie ganz anders angesichts der wilden Schönheit der Dolomiten. Es ist, als ob sie ein einziger grosser Kraft-

Die Dolomiten sind ein einziger grosser Kraftort, der einen mit Energie auflädt. ort wären, der einen mit Energie auflädt. Ich schreibe das, weil ich weiss, dass es anderen auch so ergangen ist. Wer einmal dort gewesen ist, hat Bilder fürs Leben.

Zeitpunkt 155


HORIZONTE ERWEITERN

Zum besonderen Gebirge kommt ein einzigartiges soziales Biotop. Die fünf Südtiroler Täler der Dolomiten sind alle durch Schluchten oder Talengen begrenzt. Vor der Schlucht spricht man deutsch, dahinter im wesentlichen ladinisch, dem Rätoromanischen verwandt. Als Italien das Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg übernahm, zog es die Grenzen der Provinzen so, dass alle Täler in verschiedene Verwaltungseinheiten zu liegen kamen. So bilden die Ladiner in allen eine verschwindende Minderheit. Aber mindestens das Grödnertal, auch bekannt als Val Gardena, das ich auf Einladung des dortigen Tourismusbüros besuchte, wusste sich zu helfen: Eine Anstellung bei den Gemeinden bekommt nur, wer deutsch, italienisch und ladinisch spricht. Natürlich zieht die faszinierende Bergwelt auch die Massen an. Es hat Hotels und Herbergen zum Abwinken. Und die Skigebiete bestehen grösstenteils aus Waldschneisen mit Beschneiungsanlagen. Im Talhauptort St. Ulrich hat es sogar Rolltreppen im Dorf. Ich finde,

Zeitpunkt 155

Er ist einer der Grossen der Dolomiten: der Langkofel, Saslonch auf Ladinisch, (oben links). Es braucht Glück, um abends die «brennenden Dolomiten» zu sehen: der Gran Cir (oben Mitte). Hier begann Reinhold Messners Bergsteigerkarriere, am Gran Fermeda (oben rechts) Holzschnitzereien waren vor dem Tourismus der Exportschlager des Grödnertals, das die halbe katholische Welt belieferte. Die Tradition des Tals in die Moderne gebracht hat der Holzbildhauer Gerhard Demetz, dessen Werke weltweit in Museen zu sehen sind (rechts). Bilder: C. Pfluger

ausserhalb der Hochsaison kann man damit leben, denn der Ökotourismus wird auch in den Dolomiten zunehmend grösser geschrieben und zwischen den von Bahnen und Strassen erschlossenen Gebieten regiert der Zauber der Zinnen. Wegen ihnen sollte man in die Dolomiten gehen. Die bemerkenswerte gastronomische Qualität der Berggasthäuser und der freundliche Menschenschlag sind Zugabe. Alles über das Grödnertal: www.valgardena.it Dolomiten allgemein: www.dolomiten.net

67


HORIZONTE ERWEITERN

Der Nächstenliebhaber

Der glücklichste Mensch der Welt? Eine Untersuchung der Gehirnströme des meditierenden Matthieu Ricard an der University of Wisconsin produzierte Resultate, die die Wissenschaftler nicht für möglich gehalten hatten. Foto: University of Wisconsin

EINE GLÄNZENDE KARRIERE ALS WISSENSCHAFTER? Der französische Molekularbiologe Matthieu Ricard besann sich anders, ging in den Himalaya und wurde buddhistischer Mönch. Seine Überzeugung: Altruismus, also Selbstlosigkeit, nützt allen. Der Mensch müsse weitsichtiger werden, mitfühlender, sagt Ricard, und das pure Selbstinteresse zurückstellen. Natürlich wolle der Mensch für sein Handeln etwas zurückbekommen, aber das dürfe nicht das entscheidende Motiv sein. «Man muss nicht leiden, um altruistisch zu sein», hat Ricard in einem Interview mit der Zeit gesagt. Der Mensch sei nicht generell selbstsüchtig, und wenn er andern helfe, fühle er sich besser – eine Win-win-Situation. Ricard hat in seinen Büchern nicht nur der Achtsamkeit das Wort geredet, sondern auch dem Mitgefühl, dem Wohlwollen gegenüber

Afro-Pfingsten: grösser und mit prominenteren Namen Das Winterthurer Kultfestival Afro-Pfingsten setzt auch dieses Jahr auf eine musikalische Mischung aus Afrika, der Karibik und Lateinamerika. Mit etwas prominenteren Namen als im Vorjahr und dem Wechsel in die Reithalle dürften die Afro-Pfingsten weiter wachsen. Prominentester Name im Line-up ist Touré Kunda. Die vor 40 Jahren gegründete senegalesische Band war eine Pionierin für die Weltmusik. Sie begann früh, die traditionelle afrikanische Musik mit modernen Klängen und Instrumenten anzureichern. Themenabende

von Donnerstag bis Sonntag widmen sich Nordafrika, der Karibik, Lateinamerika und Zentralafrika. Am Pfingstsonntag und Pfingstmontag finden zudem Nachmittags-Konzerte mit Bands aus der Schweiz und Afrika statt. Und auch neue Stimmen sind zu entdecken, etwa die Marokkanerin Oum gleich am Eröffnungsabend. Ergänzt werden die Konzerte durch einen grossen, bunten Markt in der Winterthurer Altstadt. Von Donnerstag bis Samstag werden an rund 300 Ständen Waren und Kulinarisches aus allen Ecken der Welt angeboten. Für Abwechslung sorgen Gratis-Konzerte und Stras­ senperformances. Das Rahmenprogramm unter dem Motto «Vielfalt – Fairness – Respekt» umfasst Filme, Vorträge und Workshops. Organisator ist der Verein «einewelt.ch», der so die Globalisierung nachhaltig, positiv und lustvoll umsetzen will. Einewelt fördert Begegnung und Austausch zwischen Gruppen, Völkern und Kulturen, um gegenseitiges Verständnis, fairere Handelsbeziehungen und menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Red. www.afro-pfingsten.ch

68

anderen. Selbst Ökonomen wissen inzwischen, dass es allen besser geht, wenn wir altruistisch handeln. Ricard ist überzeugt von einer «kulturellen Evolution»: Beginnend mit der Veränderung von Einzelnen entsteht eine kritische Masse – die andern tun dies auch, die Gesellschaft verändert sich. Für Ricard sind die ungezählten NGOs, die es früher nicht gab, in der Zivilgesellschaft eine «echte Revolution». Matthieu Ricard referiert demnächst im Landguet Ried bei Bern über den bedeutenden Nutzen, den selbstlose Liebe und Mitgefühl jedem Einzelnen bringt. Und eröffnet eine Ausstellung mit Aufnahmen aus seinem neuesten Fotobuch «Ein halbes Jahrhundert im Himalaya». «Die Kunst der Meditation», Dienstag, 8. Mai, 18–21.30 Uhr, Landguet Ried, Niederwangen (in französischer Sprache mit Simultanübersetzung ins Deutsche) Infos und Anmeldung: www.landguet.ch

So tönen Männer

EIN BEFREUNDETER ARCHITEKT, WALTER BRACK, HAT MICH AUF DIE GRUPPE «RESOMANNZ» AUFMERKSAM GEMACHT. Ein guter Name für eine lose Gruppe von Männern, die miteinander tönen und klingen. Er hatte in meinem Artikel über die Klangwelt Toggenburg (Zeitpunkt 152) gelesen, dass ich nicht gut singe – und mich beruhigt. Sie seien kein Chor, ihnen gehe es um die Resonanz im Körper. Die Männer treffen sich seit drei Jahren jeden zweiten Donnerstagabend im Waldschulzimmer am Lindberg hoch über Winterthur. Als ich das erste Mal hinging, letzten Herbst, war ich gleich sehr angetan von der Ungezwungenheit im Raum und der Kraft, die beim Aufwärmen und Ausklopfen des Körpers entstand. Jeder sang sein Scheitel-I und sein Unterleibs-U und sein A und E und O dazwischen, wie er die Töne empfand – und nicht, wie sie ein Singlehrer nahelegen würde. Zusammen die eigene Stimmung klingen lassen: intuitiv, kreativ, experimentell. Die männliche Kraft, aber auch die männliche Verletzbarkeit. Ängste, Trauer, Freude mit unserer Stimme zum Ausdruck bringen, unsere männliche Energie spüren, das will «Resomannz». Dieter Langhart Die nächsten Daten: 3. und 17. Mai, jeweils 19 bis 21 Uhr. Kontakt: Walter Brack, wabra@bluewin.ch

Zeitpunkt 155


HORIZONTE ERWEITERN

Ein historischer Ritt und ein mächtiges Buch ES SIND ZWEI VERRÜCKTE GESCHICHTEN, die den 81 Jahre alten Benno Affolter mit dem Bernburger Aimé Felix Tschiffely (1895 bis 1954) verbinden. Die eine beginnt 1925, als Tschiffely, des Lebens als Französisch- und Sportlehrer in Buenos Aires überdrüssig geworden, mit zwei Pferden der alten Rasse der «Criollos» 11 000 Meilen nach Washington reitet, berühmt wird und mit «Tschiffely’s Ride» einen Bestseller schreibt. Die andere Geschichte beginnt 1962, als Affolter von einem Kollegen bei der Swissair eben dieses Buch erhält und die beiden, fasziniert vom unglaublichen Ritt, beschliessen, sich auf unbestimmte Zeit von der Arbeit beurlauben zu lassen, nach Argentinien zu fliegen und die Reise nachzureiten, nicht ohne vorher Tschiffelys Witwe in England besucht zu haben. Während dreier Monate bereitet sich das etwas pedantische Duo in Argentinien auf die Reise zu Pferd vor,

Der Bernburger Abenteurer Aimé Felix Tschiffely (1895 bis 1954) mit zwei Criollo-Pferden.

Musik auf Reisen Wie klingt die mediterrane Welt? Vielleicht so wie das 18-köpfige Ensemble rund um den katalanischen Musiker Jordi Savall. Es vereint Künstler aus elf Ländern, verschiedenste In­stru­ mente und Gesänge in vier Sprachen: Hebräisch, Griechisch, Türkisch und Arabisch. Der Film «Mare Nostrum, ein Konzert, eine Reise» dokumentiert die Vorbereitungen für eine Aufführung, bei der auch der Chor der Scuola Vivante mitwirkt, einer kleinen Tagesschule im

Zeitpunkt 155

um dann zu erkennen, dass sie den Ritt nicht schaffen würden. In dieser Zeit besuchen sie die Zucht des Universitätsprofessors Emilio Solanet, der um 1920 die letzten reinrassigen Criollo-Pferde, mit denen die Spanier im 16. Jahrhundert Lateinamerika unterwarfen, aufspürte und für die Nachwelt rettete. Bei Solanet nämlich beschloss Tschiffely, mit seinem Gewaltsritt die Ausdauer der Criollos zu beweisen, was ihm 1925 bis 1928 auch gelang. MIT EINEM MISSERFOLG, aber mit starken Eindrücken und einer tiefen Faszination kehrte Benno Affolter in sein bürgerliches Leben zurück, das er 2000 nach sechsjähriger Anstellung in einer Institution, die sich mit dem Export von Management-Know-how in die Länder des ehemaligen Warschauer-Paktes befasste. Dann wurden die alten Träume wieder lebendig, und Benno Affolter liess sich mit seiner Frau Monique für einige Jahre in Argentinien nieder und besuchte die Stätten seiner verhinderten Leidenschaft. Die Fundstücke in Archiven und verstaubten Kisten entfachten die alte Sehnsucht von Neuem und schickten ihn auf eine neue Reise, die nicht dreieinhalb Jahre wie Tschiffelys Ritt, sondern über zehn Jahre dauern sollte. Eine Reihe von glücklichen Zufällen führte ihn an all die Orte, wo der Abenteurer seine Spuren hinterlassen hatte, namentlich nach England, wohin Tschiffely 1932 übersiedelte und wo der adlige Sozialist Robert B. Cunningham Graham dem von vie-

St. Galler Rheintal. Die besondere Schule setzt vor allem auf Lernen ausserhalb des Klassenzimmers, und auch eine umfassende Stimmbildung ist fester Bestandteil des Unterrichts. Im Austausch mit den Musikern erfahren die Schüler der 9. Klasse viel über die Instrumente, Kultur und Beziehung der Künstler zur Musik. Den roten Faden des Films bilden einerseits die Vorbereitungen auf das gemeinsame Konzert, anderseits die Reise der Schulklasse nach Marokko, wo sie ihre Partnerschule école vivante besuchen. Die Reise wird von der Er-

len Verlagen abgelehnten Manuskript unter dem Titel «Tschiffely’s Ride» zum Welterfolg verhalf. In England stiess Benno Affolter auch auf das Archiv einer verstorbenen englischen Springreiterin, die, mit der Familie Tschiffely verbunden, eine Biografie über den grossen Abenteurer schreiben wollte. IN ZEHN JAHREN ARBEIT, DIE BENNO AFFOLTER MEHR ALS EINMAL FAST ABGEBROCHEN HÄTTE, entstand eine Monumentalwerk, von dem man sich, auch wenn es flüssig geschrieben ist, fragt, wer es denn lesen solle. Wer interessiert sich schon 650 Seiten lang für all die Details aus dem Leben eines Bernburgers, Absolvent der Hotelfachschule Lausanne, der als Dienstverweigerer die Schweiz in Richtung England verlässt, verrückte Dinge tut und darüber Bücher schreibt und 1954 verarmt in London stirbt? Ich weiss es nicht. Aber Benno Affolters Buch «Ein Mann, zwei Pferde und ein Dutzend Bücher» und seine Entstehung sind ihrerseits eine Geschichte wert, die Sie nun fast fertig gelesen haben. Es bleibt noch die Moral: Das Leben ist gross und die Zeiten sind immer noch gut genug für Menschen, darüber ein gros­ses Buch zu schreiben. Christoph Pfluger Benno Affolter: Ein Mann, zwei Pferde und ein Dutzend Bücher – oder das bewegte Leben des A.F. Tschiffely (1895 bis 1954). Edition de Penthes, 2015. 668 S. mit 250 Fotos und Illustrationen. CHF 48.–. ISBN 978-2940531-03-5. Erhältlich beim Autor: Chäle 44, 4586 Kyburg-Buchegg, Tel. 032 661 12 05. www.bennoaffolter.com/

zählstimme einer Schülerin begleitet, die ihre Eindrücke in Tagebuchform wiedergibt. Gerade diese noch kindliche, unvoreingenommene Erzählperspektive macht den Film so berührend und erhellend zugleich. Man könnte ihn als interkulturellen Dialog bezeichnen, vorgetragen in der Sprache der Musik und des Herzens. Samanta Siegfried Michelle Brun und Stefan Haupt: Mare Nostrum – ein Konzert, eine Reise. Vivante Productions 2017. CHF 20/ EUR 18. Bestellen unter: www.marenostrum-film.ch

69


HORIZONTE ERWEITERN

Mit voller Kraft hinunter

Gisula Tscharner sammelte Wildkräuter und bot als fahrende Theologin Rituale an. Nach ihrer offizielVon Eva Rosenfelder (Text & Bild) len Verabschiedung erlebte sie Unerwartetes.

«70 

Lebens- und 45 Berufsjahre sind genug! Danke für die vielen Begegnungen und für die Feiern, die wir zusammen gestalten konnten.» Klipp und klar sind die Abschiedsworte auf Gisula Tscharners Website. Wer die sprühende Frau schon erlebt hat, wundert sich nicht. Geplapper ist ihr fern, ihren kernigen Botschaften liess sie stets Taten folgen. Seinen ureigenen Weg bahnt sich das Energiebündel seit jeher und scheut sich auch nicht, mit Konventionen zu brechen. Wahre Kostbarkeiten hat sie so ins Leben gerufen. Als Wildkräuter-Sammelweib zog sie jahrelang durch die Bündner Wälder, kreierte Genüssliches zum Trinken und Schmausen und wurde mit ihrer «Wilden Weiber-Bar» und ihren delikaten Wildkräuterrezepten bekannt. 1993 gründete sie ihr «Geistiges Unternehmen» und bot als fahrende Theologin und Seelsorgerin ausserkirchliche Rituale an. Sie schlug eine Bresche für konfessionsfreie Menschen und erfand gleichzeitig einen neuen Beruf. Kaum zu glauben, dass die Wahlbündnerin Ende November 2017 ihren 70. Geburtstag gefeiert hat – so vital kommt diese Frau daher: eine «Berggeiss», wie sie sagt, die nach wie vor gern durch die Wälder streift, sammelt und im Dickicht übernachtet. Ihr «Geistiges Unternehmen» aber hat sie unwiderruflich zur Ruhe gelegt. LOSLASSEN Zum richtigen Zeitpunkt, ist die Pionierin überzeugt, die weit über die Bündner Kantonsgrenzen hinaus Zeremonien zu Lebensübergängen gestaltet hat: von der Taufe über die Heirat bis zur Beerdigung, sodann Feiern und Rituale aller Art – mit Vorliebe unter freiem Himmel. Eine Lebenszeit, die es gebührend zu verabschieden galt: ihr Geburtstagswochenende feierte sie mit Zeremonien und einem grossen genüsslichen Fest. Gemeinsam mit ihren langjährigen Ritual-Freunden besuchte sie noch einmal alle ihre Zeremonienplätze, die sie mit grosser Dankbarkeit wieder freigab für die Natur. Ihr kostbares Beerdigungsgewand

70

aus violetter Seide verbrannte sie im Krematorium dem Ort, an den sie so viele Menschen zum letzten Abschied begleitet hatte. Jetzt sei sie gespannt, was vor ihr liege ... Zuerst fühlte sie sich wunderbar frei. «Endlich konnte ich meinem natürlichen SchlafRhythmus folgen, ohne Wecker aufwachen. Ich erledigte unzählige Dinge und war vollumfänglich zufrieden.» Dann habe sie auch ihr Büro umgestellt: «Es geht ja darum, die Perspektive zu ändern.» AB INS LOCH Und dann geschah, womit sie nicht gerechnet hatte. «Aus dem Hinterhalt ergriff mich die Dunkelheit. Der Schatten, der mir gefolgt, und den ich nie wahrgenommen hatte.» Sie fiel in ein tiefes schwarzes Loch. Und noch immer sitze sie dort unten und wisse nicht, was sie noch zu sagen habe. «Hier drinnen lauern alte Geschichten, die ganz schweren Brocken, Alp-Träume von Handschellen, Panikattacken: «Zur Sesshaftigkeit gezwungen, nachdem ich vierzig Jahre lang ein Leben auf Eisenbahnund Velorädern geführt habe, lässt mich in klaustrophobische Zustände fallen! OUT OF CONTROL Dann kam diese schlimme Grippe und riss sie mit gewaltigen Krallen ins Nichts. Ohnmachtsanfälle, Nasenbluten, als ob der ganze Lebenssaft, ihr Herzblut aus ihr hinauslaufe: «Hinab in die Unterwelt, die ich so niemals erwartet hätte.» Irgendetwas müsse hier in der Dunkelheit wohl noch «metamorphisieren»: «Im März habe ich mir noch Zeit gegeben zu jammern. Dann ist Schluss.» Ab Ostern müsse etwas Neues geboren werden. Um diese Zeit des Suhlens und der Scham zu begrenzen, helfe ihr nur eine disziplinierte Tagesstruktur – etwas, das gerade

«Eins ist mir gebliebend: das Urvertrauen, dass auch das Sinn hat, was voll in die Hosen geht.»

sie bis anhin nie gebraucht hat. Inmitten dieser tiefgreifenden Wandlung ihres selbst inszenierten Lebensrituals helfen der Ritualfrau auch keine Zeremonien mehr: «Etwas ist mir entglitten. Ich bin zur ‹Un-Heldin› geworden». Sagt es, und der alte Schalk blitzt auf trotz aller Widerwärtigkeiten. «Eins ist mir geblieben», sinniert sie: «Das Urvertrauen, dass auch das Sinn hat, was voll in die Hosen geht.» «Pannen sind ein grosser Wegweiser», hat sie andere gelehrt während ihrer «Pannenkurse bei Ritualen». «Ein Loch ist nicht «Nichts», sondern ein Loch.» Geblieben ihr das Wissen: «Es wächst immer etwas, auch wenn es nicht sichtbar ist. Ich bin eine andere Gisula Tscharner, muss nichts mehr. Ich bin eine alte Frau.» Das letzte Wort ist dies nicht. Man darf darauf vertrauen, dass aus diesem reichen Erfahrungsschatz noch einiges erspriessen wird. Bücher von Gisula Tscharner: Wald und Wiese auf dem Teller (2014), Hexentrank und Wiesenschmaus (2013), AT-Verlag

Zeitpunkt 155


ENTSCHEIDEN & ARBEITEN

Keine Mission, nur Leidenschaft

Seit 25 Jahren erforscht Diana Richardson die Sexualität. Zahlreiche Bestseller hat die Pionierin des Michael Egloff Slow Sex schon geschrieben. Doch wer ist sie? Mit Diana Richardson sprach

Welche besonderen Talente haben Sie? Was mir leicht fällt: Ich kann Menschen gut dabei unterstützen, von innen her mit ihrem Körper in Kontakt zu kommen. Ich bin gut darin, eine neue Vision von Sexualität zu lehren und zu erklären. Und ich geniesse es auch, darüber zu schreiben. Wie sind Sie beruflich das geworden, was Sie heute sind? Bei mir führte der Zufall Regie. Ich hatte nie die Absicht, Sexualerzieherin zu werden. Doch die Veränderungen, die ich Anfang 30 in mein eigenes Sexualleben brachte, verwandelten mich als Person und meine Sicht auf Sexualität. Und diese Erfahrungen «trainierten» mich auf eine Weise, die es mir ermöglichte, auch anderen Menschen in ihrem Liebesleben zu helfen. Wer oder was hat Sie geprägt? Zwei spirituelle Meister: Osho aus Indien und Barry Long aus Australien. Durch ihre Weisheit und Einsichten war es mir vergönnt, Sexualität auf völlig neue Weise zu erfahren. Haben Sie sich als 18-Jährige das Erwachsenenleben so vorgestellt, wie es heute ist?

Wo ist Ernst? Ernst ist an der Bleichestrasse 34 in Winterthur. Aber eigentlich müsste die Frage heissen: Wo ist Adrian? Denn Adrian Soller, Chefredaktor des Magazins Ernst, ist unkontaktierbar. Er habe vor ein paar Stunden gearbeitet, bescheidet mir ein Bürokollege, als ich im Atelier der ehemaligen Teigwarenfabrik Bschüssig klingle. Also noch ein Mail, ein Anruf, noch ein SMS – vergeblich. Dann ruft er mich an. Er ist aus den Ferien zurück und hat seine Mails nicht gelesen und das Telefon nicht umgeleitet. Löblich! Ernst lohnt sich. Die erste Ausgabe kam

Zeitpunkt 155

Überhaupt nicht! Damals wollte ich Rechtsanwältin werden. Ich bin im Südafrika der Apartheid aufgewachsen und wollte etwas gegen die Ungerechtigkeit in meinem Land unternehmen. Aber das Leben brachte mir ganz andere Abenteuer, die ich mir nie hätte vorstellen können. Was für ein Verhältnis haben Sie zu Ihrem Körper? Ein sehr angenehmes! Natürlich könnte ich mir ein paar äusserliche Nachbesserungen vorstellen. Aber im Innern, da fühlt es sich paradiesisch an. Wofür sind Sie in Ihrem Leben am dankbarsten? Dass sich alles auf seine ganz eigene Weise und zu seiner Zeit entfaltet hat. Und dass Erfolg nie meine Motivation oder mein Ziel war. Ich habe nur Sachen gemacht, die mir Freude bereiteten. Was bedauern Sie? Nichts, das ich wirklich bereue. Vielleicht kommt das noch … Was ist Ihre Mission? Was wollen Sie in der Welt bewirken? Keine Mission – aber eine Leidenschaft. Ich bin fest überzeugt: Für das Wohlergehen und das Glück unserer Gesellschaft ist ein anderes,

vor einem Jahr heraus, als Nachfolgemagazin der «Männerzeitung». Den titelgebenden Essay «Mach es gross» steuerte Ivo Knill bei, deren langjähriger Chefredaktor und nach wie vor Autor. Ernst nahm sich einiges vor: männliche Stereotypen aufbrechen, die schwierigen Seiten des Mannseins zeigen, den Autorenjournalismus pflegen. «Wir wollen keine Klischees bedienen», sagte Knill der Berner Zeitung. Zwar wird im zweiten Beitrag ein Bodybuilder vorgestellt, aber der erzählt auch, wann er sich schwach fühlt. Berührend! Die Ansätze im Ernst sind ernsthaft und wohltuend frisch – und auch Frauen lesen das

Foto:amourenconscience

Michael Egloff: Bitte beschreiben Sie Ihr Wesen in drei Wörtern! Diana Richardson: Freundlich, heiter. Und faul.

neues Verständnis von Sexualität lebensnotwendig. In einem Satz: Was möchten Sie den Menschen mit auf den Weg geben? Neu und anders Liebe zu machen kann dein Leben verändern. Diana Richardson kommt am 10. November 2018 zum Spiraldynamik-Kongress, an dem sich zehn Referentinnen und ein Experte mit rund tausend Teilnehmern zum Thema «Mein Leben – authentisch, spannend, erfüllt» treffen. Diana Richardson lehrt eine eigene Synthese von Sex, Heilung und Meditation und leitet zusammen mit ihrem Mann Michael die «Making Love»-Seminare für Paare. Kongressgebühr: CHF 240.–. Weitere Infos: www. spiraldynamik.com

Heft und schreiben für das Heft. Vor kurzem ist das fünfte Heft zum Thema Geschwister erschienen. Es will uns «einen neuen Blick aufs Beziehungsleben offerieren», schreibt Geschwister Adrian Soller im Vorwort. Das bestätigt auch das neue Heft zum Thema Geschwister. Reich und bereichernd! DL #5

Das Gesellschaftsmagazin für den Mann

Ernst, das Gesellschaftsmagazin für den Mann. Erscheint viermal jährlich. Jahresabo: CHF 50.–. www.ernstmagazin.com

71


HORIZONTE ERWEITERN

Der Geschlechterkrieg in Theorie und Praxis Die sexuelle Macht der Frauen erkannten US-Forscher bereits 2007: Männer hätten ein ständiges «Sexdefizit», Frauen reagierten darauf in «evolutionär vorgegebenen Mustern», schrieben sie im Fachmagazin Von MaRia «Current Directions in Psychological Science».

J

eder zehnte (Frau wie Mann) zwischen 18 und 29 würde sich hochschlafen, hat eine repräsentative Umfrage von Forsa im Jahr 2013 ergeben. Beim sozialen Aufstieg (anders als bei den Karrieren) ist es gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, Geschlechtsverkehr als Waffe im Kampf um die Partnerwahl einzusetzen. Dabei wird die Tatsache unterschlagen, dass es gesellschaftlich nur dann akzeptiert ist, wenn Frauen den Geschlechtsverkehr als Machtmittel im Kampf um die Partnerwahl einsetzen. Tut ein Mann exakt dasselbe, dann ist er bestenfalls ein A., der Frauen ausnutzt, im weniger günstigen Fall ein Vergewaltiger. Wie mann oder frau sexualisierte Gewalt oder sexuelle Übergriffe wahrnimmt, ist sehr individuell. Vor allem ist es illusorisch zu erwarten, dass alle dieselbe Meinung darüber vertreten, was eine angemessene Annäherung ist. Frau: kommuniziert mit einem klaren NEIN oder JA. Der Mann ist empathisch oft nicht auf der gleichen Entwicklungsstufe wie sie. Er weiss oft nicht, ob die Frau ihre Geilheit spielt oder ob sie echt ist. Wir Frauen im Westen haben die sexuelle Freiheit bekommen – damit müssen wir Verantwortung übernehmen. Verantwortung beginnt mit Ehrlichkeit. Mann: Wartet auf die Einladung – ein klares Ja der Frau – und ignoriert ein unsicheres Nein nicht. Nur weil DU erregt bist, heisst dies nicht, dass der andere sexwillig ist. Wenn eine Frau karrieregeil ist und ihre erotische Ausstrahlung einsetzt, weil sie weiss, dass das weibliche Plus für die Karriere mindestens so wichtig ist wie eine gute Berufsausbildung, sollte sie eigenverantwortlich die Situation einschätzen können. Es gibt immer Menschen, die auf Grund einer Position über andere bestimmen können und ihre Macht

72

missbrauchen. Die Frage ist, wie charakterlich integer bin ich. Als Frau wie als Mann. Frau, du kannst entscheiden: • Lässt du dich auf einen klaren Tauschhandel ein – mit allen Konsequenzen? • Lässt du es in der Grauzone und fühlst dich nachher missbraucht? • Entscheidest du dich für ein klares Nein zum sexuellen Angebot und trägst die Konsequenzen, etwas nicht zu bekommen, was du gerne hättest? • Arbeitest du hart und kletterst die Karriere­ leiter empor, ohne dich hochzuschlafen?

Wir Frauen im Westen haben die sexuelle Freiheit bekommen – damit müssen wir Verantwortung übernehmen. Verantwortung beginnt mit Ehrlichkeit.

Ich kann wählen – zwar nicht die Situation, in die ich gerate, so doch die Art, wie ich mich ihr stelle. Beim Autostoppen als junge Frau ist es mir oft passiert, dass der Lenker plötzlich seine Hand auf meinem Knie platzierte. Ich nahm sie sofort weg und kommunizierte klar, dass ich keinen Sex wolle. Nur einmal wurde ich danach auf der Landstrasse ausgesetzt. Mit sechzig wurde ich in Afrika nachts überfallen. Eine zerbrochene Bierflasche in nächster Nähe der Halsschlagader. Verletzt, ausgeraubt. Anschliessend wollte der junge Mann mich vergewaltigen. Ich spürte weder Schmerzen noch Angst, war fähig zu schreien und wehrte mich. Ich hatte Glück und der Mann ging. Als sechsjähriges Mädchen lernte ich, was es heisst, sexuell reingelegt zu werden. Der zwölfjährige Nachbarsbub lockte mich mit dem Versprechen, mich in seine Zirkusgruppe aufzunehmen. Bedingung war, ich müsse ihm nackt zeigen, wie gelenkig ich sei. Als ich dann bei einem weiteren Mal zu verstehen gab, dass dies für mich eine Sünde sei, kehrte er den Spiess um, packte seinen Penis aus und sagte: Reib daran. Ich war zu überrumpelt, um Nein sagen zu können. Fast jede Frau kennt sexuelle Übergriffe, sei es eine Vergewaltigung, eine Nötigung oder ein Missbrauch. Wir waren nicht selbstbewusst genug, dem dominanten männlichen Alphatier ein klares Nein zu seiner Erwartungshaltung zu geben. Wir müssen darüber reden. Ohne Scham. Wahrhaftig bleiben. Gegenseitige Kränkungen eingestehen und den Mann, unseren Bruder, einbeziehen in die Diskussionen um das Geschlechtermiteinander – bevor wir das Pflichtfach «Der Geschlechterkrieg in Theorie und Praxis» einführen! MaRia ist Domina, Lehrerin und Künstlerin, www.wilma.ch

Zeitpunkt 155


n e t u Die g n e s s e Adr


DIE GUTEN ADRESSEN

Die gute Adresse für Ihre Gesundheit Dreiangel Kosmetikrohstoffe Beat Lehner Höhenweg 1 5102 Rupperswil 062 897 38 48

Kosmetik und Naturheilmittel selber herstellen. Wir liefern, was es dazu braucht. • Rohstoffe und Verpackungen: Dosen, Flaschen, Tuben. • Duft- und Farbstoffe, Öle, Emulgatoren, Pflanzenextrakte, Konservierungsmittel usw.

Ruedi Beiner 031 721 80 08 www.naikanschweiz.ch

Versöhnung und Dankbarkeit: Das ist Naikan! Während einer Woche wird im Naikan sein Leben in vorgegebenen Zeitabschnitten in Bezug auf einzelne Personen oder Themen betrachtet. Dies geschieht in Stille, ohne Kommunikation unter den Teilnehmern und geleitet durch drei Fragen: 1. Was hat die Person für mich getan? 2. Was habe ich für die Person getan? 3. Welche Schwierigkeiten habe ich der Person bereitet?

St.Peter Apotheke St. Peterstrasse 16 8001 Zürich Tel. 044 211 44 77 | Fax 044 212 04 91 www.stpeter-apotheke.com

Wir sind für Sie da. 365 Tage von 8–20 Uhr beraten und bedienen wir Sie gerne. Führend in Schulmedizin und Komplementärmedizin.

Verein Begegnung am Balzenberg Anne Dhyan Mara Kossmann 3762 Erlenbach im Simmental Tel.: 033 681 0304 www.balzenberg.ch

lernen - lehren - wirken - werden - geben - nehmen - sein Das Seminar- und Begegnungszentrum am Balzenberg ist ein kleines, familiär geführtes Haus auf der Sonnseite des herrlichen Simmentals. Neben unserem vielseitigen Kursangebot bereiten wir gerne auch Ihrem Seminar einen herzlichen, individuellen Raum, in dem Sie sich willkommen und aufgehoben fühlen können.

wirk-statt.com Christine Artho Wald / ZH info@wirk-statt.com +41 79 611 54 63

Naturaufstellungen - Rituale in der Natur - persönliche Begleitung Naturaufstellungen: verändern Dein Leben, wenn Du Dich darauf einlässt! Rituale in der Natur: beglückende Abenteuer, die in Erinnerung bleiben ! Persönliche Begleitung: mit Herz für Deine Anliegen bereit! Wandern & Genuss: Bewegung und Sein in den Bergen ! Infos / Anmeldung / aktuelle Daten auf der Webseite Ich freue mich auf Dich. Herzlich Christine Artho

Die gute Adresse für Ihr Zuhause

74

Unabhängige Vorsorgeberatung Stefan Geissbühler Holzikofenweg 22 3007 Bern 031 378  10 25 www.vorsorgen.ch

• Beratung in allen Bereichen der Vorsorge und Versicherung • Analyse Ihrer aktuellen Vorsorgesituation • Finanzplanung im Hinblick auf Ihre Pensionierung • Bei Bedarf Empfehlung der optimalen Finanz- und Versicherungsprodukte • Betreuung des gesamten Versicherungswesens von Firmen und Institutionen • Lohnadministration für Arbeitgebende

Hausverein Schweiz 031 311 50 55 www.hausverein.ch

Die echte Alternative zum Hauseigentümerverband Der Hausverein ist der Verband für umweltbewusste und faire Haus- und WohnEigentümerinnen und -Eigentümer. Er setzt sich für klimafreundliches Bauen, gesundes Wohnen und faire Mietverhältnisse ein. Wir bieten unseren Mitgliedern Beratung in allen Fragen rund ums Haus, Rabatte für Solardächer, Vertragsvorlagen, Versicherungen und vieles mehr.

5 Architekten AG Klosterstrasse 42a 5430 Wettingen Tel. 056 437 10 55 www.5architekten.ch

Bauen Sie mit uns. Wir sind Ihr Fachpartner für Neubauten, Umbauten und Modernisierungen. Mit viel Erfahrung und Fachwissen in den Bereichen nachhaltiges Bauen, Baubiologie und Solarem Direktgewinn realisieren wir Ihr Projekt.

ARBA-Bioplan Rosenstrasse 14 8400 Winterthur 052 212 17 43 arba-bioplan.ch

Bauen im Einklang mit Mensch und Natur • Baubiologische Architektur und Innenarchitektur • Sanierung und Neubau von Wohn- und Geschäftsräumen • Effiziente und zuverlässige Planung und Ausführung • Wohltuendes Raumklima durch sorgfältige Materialwahl Bauen Sie mit uns für die ökosoziale Zukunft!

Zeitpunkt 154


DIE GUTEN ADRESSEN

Die gute Adresse für sanften Tourismus Hotel Sass da Grüm Via Campea 27, 6575 S. Nazzaro Tel. 091 785 21 71 Fax 091 785 21 79 www.sassdagruem.ch

Sass da Grüm in Gambarogno* ist ein kleines Paradies an einem der schönsten Orte dieser Welt. Aber nicht nur das: Sass da Grüm ist ein von Experten bestätigter, weltweit einzigartiger Ort der Kraft. Das Hotel ist biologisch gebaut und unsere feine vegetarische BIO-Küche ist weit herum bekannt. Besuchen Sie unser vielfältiges Wochenprogramm oder geniessen Sie den Ort, die Stille, die Erholung. *) vis-à-vis von Locarno

Eco-Hôtel L’Aubier Les Murailles 5 2037 Montezillon 032 732 22 11 www.aubier.ch

In Montezillon, 10 Minuten von Neuchâtel mit einem herrlichen Blick auf den See befindet sich das Eco-Hotel L’Aubier: 25 helle Zimmer, ein biozertifiziertes Restaurant, sechs ruhige und moderne Säle zum Arbeiten und Feiern, ein biodynamischer Hof mit eigener Käserei und ein generationenübergreifendes Ökoviertel. Für ein Wochenende oder mehr!

Inspiration – Reisen der Achtsamkeit Spiegelgasse 11, 8024 Zürich 044 262 55 66 www.inspiration-reisen.ch

Rundreisen ∙ Yogareisen ∙ Yoga-, Meditations- und Kreativferien Abwechslungsreiche Reiseprogramme mit sorgfältiger Organisation ∙ Unterkunft in kleineren, persönlich geführten Hotels an schönen Plätzen ∙ Authentische Begegnungen mit Menschen im bereisten Land ∙ Wo möglich, Besuche bei spirituellen Meistern, Heilern und Schamanen ∙  Wo möglich, Teilnahme an Festen, Ritualen und Zeremonien ∙  Zusammenarbeit mit Organisationen, die den sanften Tourismus fördern.

Casa Santo Stefano Hotel und Seminarhaus 6986 Miglieglia 091 609 19 35 info@casa-santo-stefano.ch casa-santo-stefano.ch

Kommen Sie in das «etwas andere» Albergo! Eine spezielle Atmosphäre erwartet Sie in unseren zwei historischen, stilvoll renovierten Tessinerhäusern aus dem 18. Jahrhundert. Die gepflegten Zimmer, die Terrasse mit Pergola und die typischen Wohnküchen mit Kamin laden zum Verweilen ein. Gelegen in einem kleinen Tessinerdorf im Südtessin mit einer herrlichen Weitsicht inmitten eines wildromantischen Wandergebietes.

Eco-hotel Cristallina Fam.Kälin-Medici Al Stradon da Coi 22 6678 Coglio Tel.091 753 11 41 www.hotel-cristallina.ch info@hotel-cristallina.ch

Das Eco-Hotel Cristallina liegt im Grünen nur 15 km von Locarno entfernt und bietet den idealen Ausgangspunkt für Wanderungen im Maggiatal. Das Cristallina ist idealer Ort auch für Familien mit Kindern und bestens geeignet, Seminare durchzuführen. Das Restaurant-Pizzeria bietet Naturkost an, die Produkte von möglichst regionaler, saisonaler und biologischer Herkunft benützt. Vallemaggia, the Magic Valley: ob bei Spaziergängen, Wanderungen, Radtouren oder einfach beim erfrischenden Bad im kristallklaren Wasser des Flusses Maggia, die Schönheit des Tals wird Sie verzaubern.

Die gute Adresse zur Horizonterweiterung

KONSUMENTEN VERBAND

Zeitpunkt 154

Institut für Prozessarbeit Binzstr. 9 8045 Zürich 044 451 20 70 www. institut-prozessarbeit.ch

Psychotherapie / Coaching / Konfliktarbeit / Kunst Das IPA bietet zukunftsfähige Methoden für die Begleitung von Veränderungsprozessen: Weiterbildungen in psychosozialer Beratung (SGfB), Psychotherapie (Charta für Psychotherapie), Coaching, mediale Gestaltung, Konfliktarbeit, Facilitation von Teams, Organisationen und sozialen Spannungsfeldern.     International / zweisprachig / praxisnah / seit 1982

Amrit Yoga Akademie Kundalini Yoga und Yoga Coaching Ausbildungen, Kurse und Seminare Grossraum Zürich und Affoltern a. A. www.amrityoga.ch facebook.com/yogazh

Bei uns findest du ein ausgewähltes Aus- und Weiterbildungsprogramm, das dich auf deinem spirituellen Lebensweg begleitet: • Du kannst deine eigene Yogapraxis vertiefen und/oder deine eigene Laufbahn im Bereich Yoga fördern. • Den Einstieg In ein faszinierendes Berufsfeld mit Zukunftsaussichten finden, das immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Villa Unspunnen Oberdorfweg 7 3812 Wilderswil 033 821 04 44 www.goldenerwind.ch

Kraftort der Stille am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau Suchen Sie Stille und Rückzug? Inspiration und Erkenntnis? Räumlichkeiten für Ihr Seminar? Das alles bieten wir im «Kloster auf Zeit», im eigenen Programm und mit Raum für Ihre Kurse. Unsere Vision von EINER Welt und EINER Menschheit leben wir im Verständnis einer transkonfessionellen, universellen Spiritualität.

Konsumenten Verband Geschäftsstelle Gentenwisstr. 15 8332 Russikon 044 955 07 42 www.konsumentenverband.ch

Wir fördern: bio-dynamischer Landbau und assoziative Wirtschaft Wenn Sie als KonsumentIn eine gesunde Wirtschaft mitgestalten wollen, sind Sie bei uns als Mitglied genau richtig. Helfen Sie uns den bio-dynamischen Landbau und deren Demeter-Produkte zu fördern. Wir setzen uns aber auch für ein partnerschaftliches, assoziatives Wirtschaftsleben ein. Sie können Mitglied im Schweiz. Konsumenten Verband werden oder auch in einem regionalen Konsumentenverein.

75


DIE GUTEN ADRESSEN

Die gute Adresse zur Horizonterweiterung

76 76

Peter & Andrea Oertle Frölich Paar x PaarBeratung, PaarZeit & PaarSeminare Berner Oberland, Basel & Zürich 033 783 28 75 www.pandrea.ch

PaarBeratung: Wir – als Paar – beraten Sie als Paar in Krisensituationen, Zeiten gemeinsamer Neuorientierung und auf dem Weg Ihre Beziehung lebendig und dynamisch zu erhalten. PaarZeit: Schenken Sie sich und Ihrer Beziehung Raum und Zeit, fernab von der Hektik des Alltags und geniessen Sie die wilde Natur des Berner Oberlands. Eine Auszeit mit massgeschneiderter Begleitung von Paar zu Paar. Informieren Sie sich auf unserer Website!

Brigitte B. Fuchs lic.theol., Meditationsleiterin Gerechtigkeitsgasse 46, 3011 Bern 079 752 50 01 brigitte.fuchs@bluewin.ch www.corpore-et-anima.ch

Zu einem SINN-erfüllten Leben finden - Begleitung in Krisenzeiten und bei der spirituellen Suche - Rituale zu verschiedenen Anlässen - Trauerarbeit - Trauerfeiern - Körperbehandlungen

Wolfgang Michael Harlacher Ilham Hanae Trojahn Hoffman Institut Schweiz 043 477 99 27 info@hoffman-institut.ch www.hoffman-institut.ch

Wir begleiten Menschen, die Probleme in der Beziehung mit sich selbst und anderen lösen – sich in Krisensituationen grundlegend neu orientieren – ihre persönliche Entwicklung fördern, ihr seelisches Potenzial zur Entfaltung bringen – Ihre Selbstwahrnehmung und ihr Selbstwertgefühl verbessern – ihre emotionale und soziale Kompetenz vertiefen, ihre Kommunikationsfähigkeit erweitern, ihre innere und äussere Lebensqualität bereichern – aus ihrer persönlichen Lebensgeschichte das Beste machen wollen.

Barbara Schmidt Oesch Systemische Interventionen und Lösungen Gallusbergstrasse 4c 9402 Mörschwil-St. Gallen www.barbaraschmidtoesch.ch

Systemisch - lösungsorientierte Struktur- Aufstellungsarbeit und weitere Verfahren ermöglichen, auf einer tieferen und oft nur unseren Gefühlen zugänglichen Ebene Einblick in Problem-Situationen zu erhalten, sie zu lösen und mit neuem Leben zu füllen, dies wenn Prozesse stagnieren, blockiert sind oder Probleme trotz guter Bemühungen nicht verschwinden oder gar in eine Eskalation zu münden drohen. Ich biete Beratung und Weiterbildung.

Heide Steiner Visionssuche-Leiterin und Coach 79111 Freiburg www.visions-suche.de heide.steiner@visions-suche.de 0157-88593942

Die Visionssuche Visionssuche, das 11-Tage-Seminar für Lebensveränderungen 4 Tage Vorbereitungszeit, in der Gruppe 4 Tage und 4 Nächte - reduziert auf das Wesentliche und allein - in der Natur leben 3 Tage Nachbereitungszeit auf Ihren Alltag, in der Gruppe Die Visionssuche, ein Übergangsritual, stammt aus den alten Traditionen

Potenzial entfalten Coaching, Therapie, Supervision (Zentralschweiz) und Workshops (schweizweit) Rico Huder und Rahel Fuchs +41 (0)76 331 56 15 www.potenzialentfalten.ch

Entfalten Sie Ihr Potenzial in den Bereichen Gesundheit, Beziehung und Berufung Speziell für Menschen, die... • seelische, psychische oder körperliche Leiden in der Tiefe lösen wollen. • aus alten Lebensmustern aussteigen und erfüllende Beziehungen leben wollen. • Klarheit schaffen und die eigene Berufung finden und leben wollen. Auf ein inspirierendes Sein und Werden – Miteinander und füreinander.

Ronald Haller Meditationsschule. Coaching. Praxis. Jurastrasse 30, 4053 Basel 079 733 34 35 kontakt@ronaldhaller.ch www.ronaldhaller.ch

Sein Wahres Selbst finden und leben. Präzise – tiefgehend – alltagstauglich – 30 Jahre Erfahrung. • Das Enneagramm • Aufwachen und Präsentsein • Einführung in die faszinierende Welt • Selbstregulierung und Selbsterforschung der Aura, Chakren, Nadis und Meridiane • Transformation und Selbstverwirklichung Kursdaten und Details finden Sie auf meiner Website.

Christine Krämer Beratung und Bildung Winterthurerstrasse 501 8051 Zürich 044 261 72 68 / 079 225 59 58

Selbstorganisation und Partizipation - Soziokratie - eine innovative Form, Organisationsstrukturen und Entscheidungsprozesse wirkungsvoll und wertschätzend zu gestalten. Informationen zu den Seminaren 2018 unter: www.kraemer-beratung.ch / www. suzannekaeser.ch

Zeitpunkt Zeitpunkt 150155


Kleininserate Arbeiten

liche und den Moment gewollt und möglich. Mehr Infos unter www.tamtam-basel.ch

www.feriensuedfrankreich.net 041 371 18 06

Schreinerarbeiten ökologisch, individuell und zuverlässig. Wir beraten Sie gerne. www.maisenbois.ch oder Tel. 032 389 27 73

Simisa | Werke am See – Wir machen Ihre Vision zu unserer Aufgabe. www.simisa.ch info@simisa.ch +41 79 394 58 23

Südfrankreich für Naturliebhaber, im Pinienwald/Aussicht+Pool. Nahe Avignon/ Orange/Pont du Gard/Uzès Nimes/Arles/ Ardèche usw. Infos: www.pinienwald. com/+33660802046

Eine Firma gründen // selbständig werden. Alles, was es braucht: www.startup-planer.ch Illustration und Grafik, Design personalisiert. Gerne mehr unter:www. celinegeser.ch Webdesigner sucht ortsunabhängiges Arbeitsverhältnis. Kontakt: joel.stuedle@ gmail.com Parkett Massivholz - Staubfrei Schleifen, Reinigen,Ölen. Terrassenböden. www.waldholz.ch Tel. 079 403 61 26/079 709 97 74 Kleines aber feines Hinterhaus in Basel für Seminare, Kurse, Vorträge und Workshops. Schlicht und gleichzeitig gehaltvoll gestaltet. Eingerichtet mit Liebe fürs Ganze und das Detail. Eine Oase in urbaner Umgebung. Hier ist Konzentration auf das Wesent-

Im Naturbett-Center.ch in Jona bekommen Sie geölte Massivholzmöbel nach Mass, aus einheimischem Holz, auch in Arve, so Z.B. Bettgestelle (metallfrei), Schränke, Tische, Kommoden usw. Dazu liefern wir eine ganze Menge Naturbettwaren. 055/212 20 27. Wir freuen uns auf Sie.

Ferien/Unterkünfte Das «etwas andere» Albergo in Miglieglia! Abschalten und sich etwas Gutes tun in einer wohltuenden Atmosphäre. www. casa-santo-stefano.ch, 091 609 19 35 Ferien in grosser alter Villa am Lago Maggiore, mit traumhafter Aussicht. Ideal für Familien. www.villa-piccolo-mondo.ch

4you: www.bnb-schinznach-dorf.ch Heuduft und Sonne im Herzen der Walliser Berge, Ferienstadel bis 5 Pers. auf Bio-Bergbauernhof. Saisonale Produkte. www.walkerstein.ch, 0041 27 952 29 58 Ferien am Lago Maggiore am schönsten Ort! 5 Prozent Sonderrabatt für die Casa Miralago für Zeitpunkt-Abonnenten. www. ferien-am-lagomaggiore.ch Toskana: Ferien im Olivenhain. Haus-/ Zimmervermietung www.usignolo.eu +393381117363 MEER als nur Ferien. Yoga-Wochen & -Weekends: www.yogaferien.ch

Gesundheit Bienenprodukte für die Apitherapie www.bienli.ch / 044 760 15 85 Energetische Heilarbeit. spraxis Freiraum. www.freiraumpraxis.ch. Hochdorf-LU Gesund und fit mit natürlichen Vitalstoffen - www.vitalstoffe-online.ch Finde deine Balance - Im Innen und im Aussen. Mit der Paracelsumedizin und Osteobalance begleite ich dich auf deinem Weg des Wohlbefindens.Tamara Marti, Naturheilpraktikerin. www.lahina.ch/Naturheilkunde

Im guten Webshop einkaufen Humbel Spezialitätenbrennerei AG Baumgartenstrasse 12 CH-5608 Stetten Tel. +41 (0)56 496 50 60 Fax +41 (0)56 496 50 62 info@humbel.ch, www.humbel.ch

Die alternative Spirituosen-Kompetenz Seit 1918 sind wir der Schweizer Brenntradition verpflichtet und brennen bestes Schweizer Obst zu köstlichen Schnäpsen. Wir sind Pioniere im Destillieren von sortenreinen Kirschdestillaten, Hochstamm und Bio Suisse zertifizierten Obstbränden und Initiator des Slow Food Presidi Brenzer Kirsch. Wir importieren Fair Trade Rum und weitere Bio Spirituosen.

buchplanet.ch Onlineshop für gebrauchte Bücher 071 393 41 71 info@buchplanet.ch www.buchplanet.ch

buchplanet.ch: Der Onlineshop für secondhand Bücher buchplanet.ch gehört zur Stiftung Tosam, die mit verschiedenen Betrieben Arbeitsplätze im alternativen Arbeitsmarkt bereitstellt. buchplanet.ch bietet momentan mehr als 60 000 gebrauchte Bücher an, sortiert in über 40 Rubriken. Von Esoterik & Parapsychologie über Märchen & Sagen bis zu Hobby, Sport & Spass. Das Angebot wird laufend erweitert. Ein Besuch auf www.buchplanet.ch lohnt sich deshalb immer.

Grüne Welle Jasmin Redling info@gruenewelle.ch, www.grünewelle.ch Lager/Ausstellung Bio Schwand Münsingen Grüne Welle im Werkstattladen, Effingerstrasse 39, Bern

Mode ökologisch & fair Ökologisch und fair produzierte Mode für Frauen, Männer, Kinder & Babies können online bestellt werden. Eine Auswahl des Sortiments gibt es im Werkstattladen von Vintage Velo Service an der Effingerstrasse 39 in Bern. Dort können Online-Bestellungen auch portofrei abgeholt werden. Geöffnet Di/Mi/Fr 10-19, Sa 11-16 Uhr. Im Lager im Bioschwand Münsingen gibt es eine kleine Ausstellung (nach Vereinbarung).

ARTHA SAMEN Schwand, 3110 Münsingen 031 741 77 44 www.keimzumpe.ch www.arthasamen.ch info@arthasamen.ch

Für den Reichtum, die Vielfalt und den guten Geschmack aus Ihrem Garten Wir führen in unserem Sortiment über 600 Sorten biologisch-dynamische Samen von Gemüse, Blumen, Wildpflanzen sowie Wildblumenmischungen für den Hausgarten und Umgebungsbegrünungen. Mit der Arbeit in unserer Gärtnerei fördern wir die Erhaltung alter Kulturpflanzen und die Artenvielfalt. Wir sind Mitglied der Schweizerischen Kommission zur Erhaltung der Kulturpflanzen (SKEK).

kartenplanet.ch/kontakt Tel. +41 71 371 11 73 bilderplanet.ch/kontaktformular Tel. +41 71 371 29 57 buchplanet.ch/shop/kontakt.php Tel. +41 71 371 41 71

Die drei «Planeten» der Stiftung Tosam Die drei «Planeten» sind Secondhand-Onlineshops der Stiftung Tosam www.tosam.ch, die Bücher, Ansichtskarten und Bilder zum Verkauf anbieten. Sie unterstützen damit unsere soziale Einrichtung, welche Arbeitsplätze im alternativen Arbeitsmarkt zur Verfügung stellt. Das Angebot wird laufend erweitert, ein regelmässiger Online-Besuch lohnt sich! www.kartenplanet.ch (für alte und seltene Ansichtskarten) www.bilderplanet.ch (Reservationssystem für auserlesene Bilder) www.buchplanet.ch (für gelesene Bücher)


KLEININSERATE

www.gesund.ch - Therapeuten - Portal, Infos und Gratis - Kurskalender u. Kleinanzeigen. Klangmassage, Corinne Wyss, Kohlenberg 11, 4051 Basel, 079 535 50 69, klangmassage-basel.ch Die Kabbala-Lebensanalyse - Erkennen Sie Ihre echten Lebensaufgaben und die wahren Ursachen Ihrer Krankheiten! www. kabbala-lebensanalyse.com Salzgeschichten – Die Lebenssalze entdecken! Salze sind die Essenz des Lebens. Ohne Salze würde unser Organismus nicht funktionieren. Das bekannteste Salz ist wohl unser Speisesalz, das Natriumchlorid, doch es gibt noch eine ganze Menge anderer Salze, genauso wertvolle, die für unsere körperliche und seelische essenziell sind. Salze sind bipolare Verbindungen, und so erstaunt es nicht, dass auch unser Gleichgewicht gestört ist, wenn die Salze fehlen oder in zu grosser Menge in unserem Organismus sind. Die Schuessler-Salze helfen uns, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Ich berate Sie gerne. Martin Kamber, 2533 Evilard. 032 365 32 45 mk.amber@ bluewin.ch Eine andere Art der Schmerztherapie. Inra Induktive Nadellose Resonanz Akupunktur Region Solothurn. M. Anderegg 079 335 87 88 Praxis Wendepunkt-TCM Rudolfstr. 48, Basel. Tuinamassage- Meridianarbeit u. Myofascialrelease. Heilendes Qi-Gong u. Energieausgleich. Irene Lehmann 079 930 62 21 ( KK anerkannt) Deine Sexualität geniessen, dein Selbstvertrauen als Frau oder Mann stärken, neue sinnliche Horizonte eröffnen, mehr Wissen + Erfahrung aneignen, deinen eigenen Körper zurück in die Lebendigkeit führen: Ich begleite dich ganzheitlich auf dem Weg zu deinem Ziel. www.sensuall.ch | 076 529 50 44 | Raum Solothurn

Fit im Garten? Pflanzen, jäten, hacken, graben, heben: Ist das für Sie mühsam? Willkommen beim Workshop « leichteres Gärtnern»! Lernen Sie achtsamer, effizienter mit Gelenken, Rücken u.s.w. umzugehen! Basierend auf der Feldenkrais-Methode. Astrid Horvath dipl.Feldenkrais-Pädagogin. 076 451 41 95 . astridhorvath@gmail.com, feldenkrais.ch

Kontakte Wo seid Ihr Musiker/Sänger in BS/BL? Bin ältere amb. Amateur-Musikerin+Sängerin. (Langj. Erfa.) + suche Instrumentalisten (evtl. mit Stimme für Ensemble mit regelm. Proben. Stilrichtungen: Chansons, Lieder ab den 30er, Kabarett, alter Jazz, Schlager, Country, Volksm. Art: Rom., humorvoll, temperamnet, melo. + oder meditativ. Freue mich 079 215 20 87 Ich (w) lebe in Zürich und wünsche mir eine fröhliche, kommunikative und spontane Wegbegleitung und für kulturelle Anlässe (Museum, Theater, Konzerte, Kino) und kulinarische Freuden! Für ein erstes Gespräch erreichst Du mich ab 18.00 Uhr unter 077 443 46 06. Ich freue mich auf unser erstes Glas Wein! Mi.14.3. Mittag im Piu Zürich nähe HB. Du, schöne dunkelhaarige Frau, ich mit meinen drei Schwestern. Unsere Blicke haben sich mehrfach getroffen. Eine Kontaktaufnahme wahr leider nicht möglich. Vielleicht auf diesem Weg? 079 769 05 44 Bettler sucht Hexe. Keine Angst, die Welt werde ich Dir nicht erklären. Ich meine es macht mehr Sinn, wenn wir uns unsere Geschichten erzählen. Mann (56) freut sich auf Deine, Frau (+/- 56), Zuschrift unter heute61@gmx.ch.

Kurse/Seminare Finde deinen Kraftort - 3 intensive Tage in der Val Medel. In urchiger Umgebung und mit Top-Unterkunft. 25.-27.5.2018 in Curaglia GR. Info + Anmeldung: www.wald-

klang.ch/kraftort. Luka Peters, achtsame Naturerlebnisse. 078 880 93 34 Workshop Speckstein Filisur 15.21.7.2018 www.kreativ-steinundfoto.ch Fotokurs Biohotel Mals 20.-27.10.2018 www.kreativ-steinundfoto.ch Gratis Kurs-Kalender auf www.gesund.ch Wildkräuter-Einführungskurse im schönen Emmental: www.fuchsundhase.ch Yoga & Freundinnen - Pfingsten 2018. www.marcellagirardi.ch Mit Pferden auf dem Weg zu sich selbst. www.letangjoli.com Schloss Glarisegg Gemeinschafts-Intensivwoche vom 5.- 12. August 2018 www. gemeinschafts-intensivwoche.ch Myriam Uscher / romy.uscher@icloud.com oder 079 795 24 86 Zeichnen und Malen im Tessin, 8.-14. Juli 18. Info: 079 658 23 13, zeichenschule@ theofurrer.ch Ganz schön heiss und sinnlich auf Schloss Glarisegg: «Love, Sex and Shadows» Pfingst-Seminar mit Alan Lowen / «Die 4 Qualitäten der Liebe - Tibetische Rituale» mit Premi Shanti Obermaier / «Kirtan Flight School – die Welt der Mantren» mit Dave Stringer & Band / «Free your Soul – Free your Voice» mit Elke Voltz. Schloss Glarisegg, 052 770 21 88, info@schlossglarisegg.ch, www.schloss-glarisegg.ch

Sa 19. Mai, Sa 2. Juni, Sa 16. Juni. CHF 38/ Person. 033 952 18 81 www.alpine-permakultur.ch Work & Study in der Alpinen Permakultur Schweibenalp. Hast du Lust auf gärtnerische Praxis und permakulturelles Fachwissen? Das Team der Alpinen Permakultur vermittelt fachspezifische Inputs zu all ihren Bereichen. 7.-21. Juli 2018; 033 952 18 81 www.alpine-permakultur.ch Gärtnerische Grundlagen in der Permakultur mit Nina Wöbbekind und Johanna Becker. Schweibenalp 6.-8. Juli 2018; 033 952 18 81 www.alpine-permakultur.ch Sonnenröschen oder Mondviole? Pflanzenbestimmen in der Natur mit Peter Steiger. Unterschiedliche Lebensräume kreieren mannigfaltige Erscheinungsformen. Wir lernen wichtige Bestimmungsmerkmale kennen und üben Pflanzenbestimmung häppchenweise in der Natur. Schweibenalp 29.Juni-1.Juli. 033 952 18 81 www.alpinepermakultur.ch Permaculture Design Course - SommerIntensivkurs mit Sarah Daum, Harald Wedig und Team der Alpinen Permakultur. Eintauchen in die ganzheitliche Sichtweise der Permakultur sowie deren planerische und fachliche Grundlagen. Im Vordergrund steht das Verständnis natürlicher Kreisläufe, welche die Basis der Permakulturgestaltung bilden. Schweibenalp,24.Juni-5.Juli, 033 952 18 81, www.alpine-permakultur.ch

Führung durch die Alpine Permakultur Schweibenalp. Wir laden herzlich ein unsere Permakulturgärten zu entdecken! So 13.Mai, Sa 9.Juni, Sa 14.Juli, CHF 28/Person, Kinder bis 12 J. gratis, bis 16 J. 50%. 033 952 18 81, www.alpine-permakultur.ch

Im Garten der Aphrodite – HeilkräuterPraxiskurs über Frauenkräuter und -Gesundheit mit Angelina Flierl und Johanna Knauß. Kennenlernen und Verarbeiten heimischer Frauenheilkräuter. Für Frauen, die sich ganzheitlich auf ihre Weiblichkeit und Gesundheit einlassen wollen. Schweibenalp, 15.-17. Juni, 033 952 18 81, www. alpine-permakultur.ch

Wildkräuter Führung auf der Schweibenalp. Die Alpine Permakultur lädt ein, essbare heimische Wildkräuter zu entdecken und dich mit ihnen vertraut zu machen.

EM - Einsatz von Effektiven Mikroorgansimen und Bokashi im Garten mit Susanne Schütz. Was genau sind EM? Was können sie, was bewirken sie, wie werden sie ein-

Bestellformular für Kleininserate

Die Kleinanzeigen erscheinen auch auf zeitpunkt.ch Keine Chiffre­-Inserate! Insertionsschluss für Nr. 156: 31.5.2018

Fr. 5.–

Fr. 10.–

Fr. 15.–

Fr. 20.–

Fr. 25.–

Fr. 30.–

Fr. 35.–

Fr. 40.–

Name/Vorname: Adresse:

E-Mail:

Bemerkungen:

Rubrik (bitte ankreuzen) Arbeiten Beratung Ferien/Unterkünfte Gesundheit Helfen Kontakte Kurse Suchen Verkaufen Verschenken Verschiedenes Weiterbildung Wohnen

Einsenden an: Zeitpunkt-Kleininserat, Werkhofstr. 19, CH-4500 Solothurn Betrag in bar liegt bei. Versand von Rechnung und Belegexemplaren mit CHF 5.– Zuschlag.


KLEININSERATE VOLLWERTIG LEBEN

gesetzt und wie stellt man Bokashi selber her? Schweibenalp, 8.-10. Juni, 033 952 18 81. www.alpine-permakultur.ch Kräuter- und Heilpflanzenkunde für die Selbstversorgung - mit Sarah Daum, Ellen Voges und Susan Wacker - Einführungskurs (Modul 1). 4.-8.Juni 2018, 033 952 18 81, www.alpine-permakultur.ch Achtsames Selbstmitgefühl - Training in Mindful Self-Compassion (MSC). Start: 16.05.2018 in Winterthur. www.ibp-institut.ch Paarseminar: Hold Me Tight®. Ein Beziehungstraining für Paare, welche ihre emotionale Verbundenheit stärken und aus destruktiven Interaktionsmustern aussteigen wollen. 19.-21.05.2018 in Winterthur. www.ibp-institut.ch Persönlichkeitsentwicklung: Erst komm‘ ich…! In Beziehungen Ja und Nein sagen können. 08.06 -10.06.2018 in Winterthur. www.ibp-institut.ch Paarseminar: Bewusster Sex. Wie Sie die sexuelle Liebe als Paar auf Dauer lebendig gestalten können. 08.-09.09.2017, in Zürich. www.ibp-institut.ch Die Seele entdecken, der Seele Ausdruck verleihen - Seminar mit Sundar Dreyfus. 27. - 30 Mai 2018 auf der Schweibenalp. 033 952 20 00, www.schweibenalp.ch Indische Rituale kennen lernen und ausführen - Seminar mit Prasadini Krissi Mayer. 9. - 10. Juni 2018 auf der Schweibenalp. 033 952 20 00. www.schweibenalp.ch Yoga - Retreat mit Swami Yathidharmananda und Prasadini Krissi Mayer. 24. - 28. Juni 2018 auf der Schweibenalp. 033 952 20 00, www.schweibenalp.ch Dance of Oneness®: Creative Fire - Receptive Being. Tauche ein in die Welt des Tanzes und die Weisheit deines Körpers mit Banafsheh Sayyad. 15. – 20. Juli 2018 auf der Schweibenalp. 033 952 20 00, www. schweibenalp.ch Andrea Mayer - Kompetenz, Einfühlungsvermögen, Augenhöhe, Kraft, Unterstützung ! Lebensberatung / Coaching https://azizay-beratung.jimdo.com Visionssuchen - aus der NatURkraft schöpfen - eine transformierende Reise in die Landschaft deiner Seele - in Phasen

von Wandlung und Neubeginn. 28.06.08.07.2018 Frauenvisionssuche im Nordpiemont/ 20.-31.08.2018 im Tessin für Männer und Frauen / 03.-15.11.2018 im Westen Kretas. Manuela Treppens, 077 446 25 16, www.monte-anima.com Rhythmus-Percussion-Sommerkurs im Casa Civetta, Avegno/TI, 15.-21. Juli 2018. Musik & Ferien mit TaKeTiNa, Trommelunterricht, Perkussion-Band, WeltmusikLiedern und Bewegungsimprovisation im wild-romantischen Maggiatal. www. impuls-kurse.ch. Schreibwoche in St. Antönien 4.-10. 8. 2018 Infos: tina.held@gmx.ch / www.tinaheld.ch Erzähl Mahl - die etwas tiefgründigere Art neue Leute kennen zu lernen. 4-Gang, vegetarisches Essen. mit jedem Gang ein neues Vis-à-Vis und eine inspirierende Frage. www.erzaehl mahl.ch

Suchen

Nachhaltig und sicher Geld anlegen. Herzfeld Sennrüti, 9113 Degersheim/SG. Ein erfolgreiches Gemeinschaftsprojekt. Mitglied vom Global Ecovillage Network; sozial • ökologisch • zukunftweisend • naturverbunden • kulturell • spirituell. www. sennrueti.ch, 071 511 2568 oder invest@ oekodorf.ch Steinformen. www.gcocco.ch

Wohnen

Frühlingsverkauf - Alpine Permakultur Schweibenalp. Kräuter-, Heil- und Wildpflanzen, Auswahl Gemüsesetzlinge, Saatgut, Kräuterprodukte. Alles regional und mit Liebe produziert. Sa 26. Mai 10-16 Uhr. 033 952 18 81 www.alpine-permakultur.ch. Wenn möglich mit ÖV anreisen.

Schwarzwald b.Basel: Beratung Seminare (4.-6.Mai + 16.-18.Nov.) Immobilien Bücher Filme für Gemeinschaftssuche/gründung. Überregionale Festivals mit Gemeinschaften, GründerInnen & Interessierten jährlich 28.12.-2.1. + Sommer (30.7.-5.August) in Gemeinschaft bei Frankfurt oekodorf@ gemeinschaften.de 0049 7764 933999

Seminarraum in Winterthur - 140 qm, für Kurse in den Bereichen Bewegung, Tanz und Therapie. Dauermieter profitieren von attraktiven Konditionen! www.ibp-seminarzentrum.ch, 052 212 34 30 www.barfusspoesie.ch hellt auf...

Suche Zeitpunkt Heft 70 - ulli57@yahoo. com Danke!

Verschiedenes Holzkunst: www.rubinwood.ch www.atomfrei.ch Dokumentationsstelle Atomfreie Schweiz Wartet Ihr Haus, Keller, Estrich oder Büro schon lange darauf, aufgeräumt zu werden? Fehlt Ihnen jedoch die Zeit und eine tatkräftige Hilfe? Stunden- oder tageweise unterstütze ich Sie achtsam und professionell beim Aufräumen, Entrümpeln und Ordnen. Info: freiraum@silvana-jacober. ch, www.silvana-jacober.ch 079 795 81 53 Vermietung, Planung,Verkauf von Komposttoiletten. Für Veranstaltungen, Zuhause oder öffentliche Bereiche. Besuchen Sie uns auf www.kompotoi.ch, info@kompotoi. ch 044 273 30 30

Eine grosse Auswahl an Naturbettwaren und  Massivholzmöbeln finden Sie im Naturbett-Center.ch in Jona. 055/212 20 27. Wir freuen uns auf Sie. www.alternativweb.ch - Gratis-Anzeigen Privat verkauft 5-Zr.-Rustico im ob. Vallemaggia, möbl. 5-7 P., alt. Dorfkern, Stall, 2 Sitzpl., HH, Chemin. Bad, WC, ruhig, elsmogarm, öV 5m, biol. renov. & isoliert, als Ferien- od. Dauerdomizil geeignet. VB Fr. 385›000.-- inkl. ausbaub.Stall. Infos: heliablocher@bluewin.ch Tel. 091 - 754 16 74

Verkaufen Malcantone-Monteggio (TI) Wir verkaufen EFH (Bungalow). Bauzone R2, Hausausbau möglich, Doppelgarage, grosser Naturgarten, OeV in 200m, Ideal für Natur-und Tierfreunde. Anfrage an nuuli@bluewin.ch od. 079 681 29 28

www.corfu-arillas.com

Weiter-/Persönlichkeitsbildug Telefonische Lebensberatung * Beruf * Partnerschaft * Spiritualität * Dr. Gina Feistel * langjährige Erfahrung * www. eigener-weg.de Infoabende für die Weiter- und Fortbildungsprogramme Integrative Körperpsychotherapie und IBP Integratives Coaching IBP/Integrative Beratung IBP. 17.05.2018, 19.30-21.30 Uhr, IBP Institut, Winterthur. 15.11.2018, 19.30-21.30 Uhr, Leimenstrasse 76, 4051 Basel. Informationen und Anmeldung: www.ibp-institut.ch 1-jährige, berufsbegleitende Aus-& Weiterbildung in Integrativer Rhythmuspädagogik. «Groove, Move & Sing» in pädagogischen, sozialen, musikalischen und künstlerischen Arbeitsfeldern. Start Februar 2019 in Kriens/LU. www.impulskurse.ch/Ausbildung. zu Fuss ans Meer.

Mehrfamilienhaus zu kaufen gesucht: 2 bis 6 Wohnungen, 079 466 99 81, trachsel8@gmx.ch Zu vermieten ab 15. April in Steffisburg möbliertes 3-Zimmerhaus 1700-. inkl.NK trachsel8@mx.ch Gemeinsam leben mit der Natur. Gesucht 2-3 Menschen in grosses helles Zimmer + kleines Rustico im Ticino. Wir 2 leben in schöner, autofreier Waldlichtung (ca. 1ha/500müM). Viel Selbstversorgung, 5 Ziegen, 4 Katzen, Garten, Kräuter, Bäume... und viel Raum zum pflegen, gestalten und sein. Resonanz? www.bugardo.ch Tel. 091 608 11 57 Hausgemeinschaft für Senioren (w+m), wer gründet mit? Selbstbestimmt leben anstatt Perspektive Altersheim. Wohn-Objekt suchen, das älter werden gemeinsam attraktiv gestalten, bewusst, offen, fortschrittlich. Abhina.vagupta@bluewin.ch

Er sagt es unverblümt

«Die Frau will nicht das Abenteuer des Mannes sein. Sie will vom Mann in ein Abenteuer mitgenommen werden.» 396 weitere Aphorismen, Anekdoten und Gedanken sind zu finden in:

«unverblümt – aphoristische Denkprosa». von Erwin Jakob Schatzmann. edition Zeitpunkt, 2015. 148 Seiten, mit 13 ganzseitigen farb. Abb. Geb. CHF 18.–/€ 16.–.

«Eine wahre Lesefreude – die man sich am b ­ esten portionenweise gönnt.» (Landbote) Zeitpunkt 155

79


leserbriefe@zeitpunkt.ch GEFÄHRLICHER TITEL «Das kann jeder», ZP 153 Es ist zwar nicht falsch, wenn Sie zum Thema Feuerlauf schreiben «das kann jeder». Es könnte aber vom Leser falsch verstanden werden. Vom Potential her ist dies sicher richtig. Allerdings wird in Ihrem Bericht nicht erwähnt, dass das ganze Unterfangen vom Coach abhängig ist. Immer wieder liest man von bösen Unfällen bei Feuerläufen. Warum? Ich bin schon über 20 Mal übers Feuer gelaufen. Wenn es gelingt, erscheint es tatsächlich simpel. Ich habe aber schon anderes gesehen. Eben weil es einfach erscheint, wird es oft kopiert – mit fatalen Folgen. Ich war auch schon bei Otto Gerber. Er hat die Fähigkeit, die Teilnehmer fast unmerklich auf die eigentlichen Schritte einzustimmen und ist in der Lage abzuschätzen, wer für die heissen Schritte bereit ist. Françoise von Arx

das «Anarchische» steht im Dienst des Kon­ struktiven. Wir wehren uns vielleicht manchmal dagegen, aber es ist einfach nicht zu umgehen, dass man immer wieder umpflügen und neu säen muss, um weiterhin ernten zu können. Michael Dömer, Grenchen

DIE WAHRHEIT BLEIBT DIE WAHRHEIT Ich bin seit Jahren ein begeisterter ZeitpunktAbonnent. Ich muss aber auch ein bisschen Dampf ablassen. Die EU geht doch tatsächlich den Kampf gegen die «Fake News» an und gibt den Behörden Empfehlungen. Eine ist, die Leute zu ermutigen, auf die etablierten Medien zu setzen, weil diese ja für unabhängigen Journalismus stehen. Das sehen wir ja jeden Tag. Wie zum Beispiel die wiederholte Hetze gegen Daniele Ganser in der SonntagsZeitung. Prorussische Artikel werden per se als Fake News betitelt, da sowieso nur vom Kreml gesteuerte Propaganda. Der Zustand unserer UMPFLÜGEN UND NEU SÄEN Medienlandschaft ist so traurig, dass es schon Der vereinzelt geäusserte Eindruck, der Zeit- fast wieder lustig ist. Die Wahrheit bleibt die punkt sei etwas einseitig und rede sorgar der Wahrheit, egal ob es die Mehrheit – ist es überAnarchie das Wort, hat mich erstaunt. Mir haupt noch die Mehrheit? –  wahr haben will geht es nahezu umgekehrt. Gerade das Heft oder nicht . Auf jeden Fall danke ich Ihnen für zum Thema Stadt/Land schildert im wahrsten Ihre wertvolle Arbeit.  Jonas Kiser, Luzern Sinn des Wortes aufbauende Lösungen, und

IMPRESSUM ZEITPUNKT 155 MAI/JUNI 2018 Erscheint zweimonatlich in einer Mindestauflage von 11 000 Expl. 27. Jahrgang

REDAKTION & VERLAG ZEITPUNKT Werkhofstrasse 19 CH-4500 Solothurn Telefon +41 (0) 32 621 81 11 mail@zeitpunkt.ch www.zeitpunkt.ch fb.me/ZeitpunktMagazin Geldfluss: CH08 0900 0000 4500 1006 5 DE67 6001 0700 0342 0347 06 ISSN 1424-6171

AUTOR*INNEN DIESER AUSGABE Edith von Arps-Aubert, Christine Ax, Andreas Diethelm, Leila Dregger, Michael Egloff, Hanspeter Guggenbühl, Camilla Landbø, Diana Larz, Philipp Kuntze, Jule von Lewitz, Regine Naeckel, MaRia, Martina Pahr, Luka Peters, Klaus Petrus, Eva Rosenfelder, August Werner, Rudolf Stumberger, Florian Wüstholz

REDAKTION Dieter Langhart (DL), Regine Naeckel (RN), Klaus Petrus (KP), Christoph Pfluger (CP) und Samanta Siegfried (SaS)

KORREKTORAT Martina Späni

HERAUSGEBER Christoph Pfluger

80

TITELBILD Christoph Schweizer

ANGST NÄHRT DUNKELHEIT Es fallen viele Entscheidungen in den dunklen Regierungen. Im Hintergrund kommen versteckte Absichten zum Vorschein. Die Angst der Menschen ist die Nahrung für die dunklen Wesen. Ohne die Ängste der Menschen müssen die dunklen Wesen verhungern. Ernst Aeberhard, Andwil UNSER GELDSYSTEM GEHÖRT ABGESCHAFFT Nichts bringt uns und die Welt in mehr Schwierigkeiten als das heutige Geldsystem. Weil nur dann Geld vorhanden ist, wenn Kredite von Banken gewährt werden, ist das ganze Geld mit Zinsen belastet. Diese Zinsen können aber nur beglichen werden, wenn neue Kredite aufgenommen werden, denn woher soll sonst das Geld für die Zinsen kommen? So nimmt die gesamte Geldmenge stetig zu, da Zinsen auf die Kredite aufgeschlagen werden, ob man will oder nicht. Eines Tages sind die Kreditnehmer nicht mehr in der Lage, diese stetig wachsenden Zinsen zu erwirtschaften. Irgendein besonderer Engpass löst dann einen Bankzusammenbruch aus. Da viele Banken miteinander verflochten sind, kann dann der Zusammenbruch sogar ganze Staaten betref-

ANZEIGEN Verlagsadministration Linda Biedermann 032 621 81 13 inserate@zeitpunkt.ch Manu Gehriger, 078 761 41 21 anzeigen@zeitpunkt.ch BOTSCHAFTER Urs Heinz Aerni ursaerni@web.de ABONNEMENTSPREISE Der Preis des Abonnements wird von den AbonnentInnen selbst bestimmt. Geschenkabos: Schweiz: 54 CHF Europa: 68 CHF Einzelnummer: 10 CHF / 10 EUR abo@zeitpunkt.ch

DRUCK & VERSAND Vogt-Schild Druck, Derendingen VERTRIEB DEUTSCHLAND Synergia Auslieferung Industriestrasse 20 64380 Roßdorf Telefon: +49 (0) 615 460 39 50 info@synergia-auslieferung.de BEILAGEN Teilauflagen dieser Ausgabe enthalten Beilagen von PublikForum, La Vialla und der Allianz für Vollgeld und Gerechtigkeit. Wir bitten um Beachtung.

Zeitpunkt 155 152


fen. Daher gehört dieses Geldsystem abge- ENTKOMMEN WIR DEN ROBOTERN? schafft. Das Vollgeld lässt diese Mängel erst Homo Deus Zeitpunkt 154 gar nicht zu. Claus Meyer Lenkt eine kleine Gruppe von optimierten Homo sapiens, ich nenne sie Kriminelle, ohne VON WEGEN RETTUNG DER DEMOKRATIE moralische Normen, durch Technik und bioloEin Zaun aus Streichhölzern, ZP 154 gische Überlegenheit, die Geschicke der Welt? Ich wollte einfach kundtun, dass ich dankbar Wenn ich die letzten hundert Jahre zurückverwar zu lesen was ich zu diesem No-Billag-Ab- folge, in die Zeit, als noch meine Eltern und stimmungskampf auch gedacht habe, weil ich Grosseltern lebten und die Entwicklung bis nur von Menschen umgeben bin, für die die in die heutige Zeit, in der Menschen gehackt SRG eine heilige Kuh ist. Und es wird keine werden, wird mir schwindlig. Ich möchte lieandere Meinung daneben geduldet – von we- ber nicht an das Horrorszenario denken, das gen Rettung der Demokratie. Harari in seinem Buch beschreibt, aber auch Ich habe als Pflegehelferin bei einer Spitex nicht die Augen vor der Realität verschliessen. gearbeitet und wäre dankbar gewesen, irgend Seit einigen Jahren funktionieren Quantenjemand hätte sich nur annähernd über die computer, die möglicherweise die geschilderPrivatisierung im Gesundheitswesen empören te Entwicklung noch beschleunigen könnten. können. Ich gönne den Mitarbeitern der SRG Dass von diesen Quantencomputern entwiden Spielraum, den sie haben, um qualitativ ckelte Roboter den Homo sapiens in jeder hochstehend arbeiten zu können, wie wir das Hinsicht überholen, ist ein realistisches Szekonnten, als wir noch subventioniert wurden. nario. In Saudi-Arabien wurde jedenfalls eine Aber es lohnt sich immer nachzuforschen und Roboter-Frau mit dem Namen Sophia bereits den Mächtigen auf die Finger zu schauen. Ich als seelenlose Staatsangehörige aufgenommen. mag dieses Weiss und Schwarz nicht. Es ver- Menschen, die Menschen bleiben wollen, bleibt schleisst so viel Energie anstatt die wirklichen nur eines: das Aufwachen. Probleme dieser Welt zu beheben, wie Armut Friedrich Lehmann, I-Castelnuovo und Ungleichheit. Diane Knutti, Zürich

FALSCHE SPARÜBUNGEN SIND TÖDLICH «Mein halbes Leben war Krieg», berichtet ein 15-jähriger Syrier. Erschütternd seine Selfies aus der Hölle! Fast unvorstellbar für die jungen Handy-Natives, was diese Kinder durchmachen müssen. Vielleicht versenden wir künftig etwas weniger Fötelis aus dem Paradies, sparen und helfen Kindern in und um Syrien. Oder runden als Zeitpunkt-Leser kräftig auf. Ich hoffe, Bundesrat und Parlament nehmen zu Kenntnis, dass laut Kinderhilfswerk UNICEF 40 Prozent der Minderjährigen in dieser Region unterernährt sind. Rasches Handeln ist lebensrettend, falsche Sparübungen tödlich. Es ist tragisch, wenn der Teenager Muhammad Najem schreiben muss «Die Menschen in Europa und Amerika haben uns vergessen», und «Euer Schweigen bringt uns um.» Erinnern wir uns an Matthäus 25: «Was immer ihr für einen meiner Brüder getan habt (…), das habt ihr für mich getan.» Martin A. Liechti, Maur

Verlagsmitteilung Liebe Leserinnen und Leser Nicht nur die Welt ist in schneller Bewegung, auch der Zeitpunkt. Reto Emmenegger, der die Belange des Verlags ein Jahr lang speditiv und kompetent erledigt hatte, ist per Ende März in seinen ursprünglichen Beruf als EventManager zurückgekehrt. Damit verzögert sich leider auch die Übergabe des Zeitpunkt an einen Verein. An seiner Stelle betreut nun Linda Biedermann, die freundliche Stimme am ZeitpunktTelefon, die Abo- und Inserateverwaltung. Ich wünsche ihr viel Erfolg und Genugtuung im Umgang mit der Zeitpunkt-Community. Auch Samanta Siegfried, die seit dem letzten Herbst für den Heftteil «vollwertig leben» und den Schwerpunkt dieses Heftes verantwortlich war, hat eine passendere Stelle an ihrem Wohnort gefunden. Weniger pendeln und Reportagen schreiben, das ist eine Verlockung, der ich auch nicht hätte widerstehen können. Ihren Posten hat Hans Wirz übernommen, ein Crack, der im Magazin-Journalismus bis zur Leitung eines grossen Verlags ungefähr alles

Zeitpunkt 155

gemacht, was diese spannenden Branche zu bieten hat. Er wird auch im Verlag mitmischen, wo wir als Teil der Medienbranche mit grossen Herausforderungen konfrontiert sind. Ab der kommenden Ausgabe zeichnet Klaus Petrus mit einem Teilpensum für den Heftteil «entscheiden & arbeiten» verantwortlich, der sich damit endlich von meiner eigenen Optik lösen dürfte. Klaus hat vor einigen Jahren eine Professur in Philosophie gegen ein Leben als Fotojournalist getauscht. Er wird mithelfen, den Zeitpunkt zu einem Werkzeug der konstruktiven Veränderung zu machen. Insgesamt entwickelt sich der Zeitpunkt zu einer Art Medienhilfswerk, das vor allem den kleinen NGOs mit guter journalistischer Arbeit den Zugang zu einem breiteren und aktiven Publikum erleichtern soll. Ein Medienhilfswerk allerdings, das nicht von Spenden lebt, sondern durch den Verkauf eines Produkts. Ich danke Ihnen, wenn Sie diese Entwicklung mittragen. Christoph Pfluger, Herausgeber

Im k: nächsten Zeitpun

jung | alt

sdauet sportliche Au Jung sein bedeut e Werdi gt sa er Blick, hn kü , ut Ha ffe er, stra lten, trauer Müdigkeit, Fa bung. Alt sein eh lsch. Was fa e Chancen. Alles ern um verpasst ausmacht und en Alt und Jung den flow zwisch eise werben oder altersw wie Sie jung blei unkt. im nächsten Zeitp den erfahren Sie ten, in Ihrem Briefkas Zur rechten Zeit osk. oder gerne am Ki

81


BRENNENDE

BÄRTE

Wie man Nachrichten entgiftet von Christoph Pfluger

E 

s herrscht Alarmstufe hellrot: Der Krieg ist noch nicht bei uns angekommen, noch ist Flucht nicht die Antwort. Aber wir müssen kühlen Kopf behalten, Übersicht gewinnen und das Spiel erkennen. Dann ist es noch zu stoppen. Im Wust von Fake News, Twittereien und Behauptungen ist es allerdings schwierig geworden, den Überblick zu behalten. Wer seine Haltung ändert, wann immer ein neues Postfaktum durch die Medien geistert, wird nicht handeln können und den Frieden verlieren, bevor der Krieg begonnen hat.

das Recht nicht mehr erkennen. Damit haben wir auch die Fähigkeit verloren, für das Recht einzustehen. Das Global Village ist zu einem Mafiadorf verkommen, dessen Bewohner nur noch auf die Einsicht der Bosse oder auf Rettung von aussen hoffen. Genauso gut kann man auf Ausserirdische warten.

Taugt unser Punkt der unerschütterlichen Wahrheit zur Beurteilung von Ereignissen und Nachrichten? Machen wir den Test anhand der Giftgas-Vorfälle der letzten Wochen: Am 4. März erlitten der russische ExDoppelagent Sergei Skripal und seine Tocher In dieser Situation der Unsicherheit ist eine Yulia eine Vergiftung, offenbar hervorgerufen stabile Referenz unerlässlich. Die Algorith- durch das Nervengift Novitchok, das in Russmen des Grossen Bruders werden es nicht land entwickelt worden war. Wenig später berichten. Es braucht eine unerschütterliche schuldigte die britische Regierung Russland, allgemeine Wahrheit. Und sie lautet: Es gibt den Anschlag verübt zu haben. Der Vorwurf keine gerechte Gewalt, ausser sie ist durch das war naheliegend, aber trotzdem umstritten. Recht legitimiert. Glaubwürdig ist, wer das Der Stoff entstand zwar in Russland, aber sein Recht respektiert. Wer das Recht umgehen will, Entwickler emigrierte später in die USA und nimmt es offenbar auch mit der Wahrheit nicht besonders genau. Es gibt keine gerechte Gewalt darf im Rechtsstaat erst nach dem Gewalt, ausser sie ist durch Entscheid eines Gerichts angewendet werden. das Recht legitimiert. Im Völkerrecht ist diese Instanz der UNO-Sicherheitsrat. Die Anwendung von Gewalt im Glaubwürdig ist, wer das zwischenstaatlichen Verkehr ist ohne VerfahRecht respektiert. ren widerrechtlich, gemäss Art. 2 der UNOCharta sogar deren Androhung. veröffentlichte dort erstmals darüber. Zudem Wer dem Verfahren ausweicht, hat offensicht- haben verschiedene Labors damit experimenlich ganz andere Absichten, als das Recht tiert, u.a. auch dasjenige der britischen Regiewiederherzustellen. Er strebt etwas an, das rung Porton Down in der Nähe von Salisbury. auf dem Weg des Rechts oder des fairen Wett- Russlands Unterstützung bei der Untersubewerbs nicht zu erreichen ist. chung wurde abgelehnt und der Kontakt zu Leider ist uns diese Wahrnehmung in den Yulia Skripal, deren Handy beschlagnahmt letzten Jahrzehnten fast ganz abhanden ge- wurde, entgegen der völkerrechtlichen Regekommen. Wir haben schleichend Mächte ak- lung verweigert. Stattdessen wiesen eine ganze zeptiert, die von Hinterzimmern aus Vasallen Reihe von EU- und Nato-Staaten in einer Art und Söldner in Position bringen und die uns Vorverurteilung 120 russische Diplomaten aus. schon so weit eingeschüchtert haben, dass wir Bei Redaktionsschluss war immer noch nicht

klar, woher das Gift wirklich stammte, wie sogar das britische Labor einräumte. Die Herkunftsbestimmung erfolgt in der Regel über Unreinheiten, die in diesem Fall offenbar zu gering für eine Identifikation waren. Der Giftgasanschlag im syrischen Douma wurde zuerst von den «White Helmets» gemeldet, einer Gründung des britischen ExGeheimdienstlers James Le Mesurier. Ihre Darstellungen erwiesen sich allerdings schon in früheren Fällen als nicht zutreffend. Russische Experten, die als erste am Tatort eintrafen, konnten weder Hinweise noch Zeugen für einen Giftgasanschlag finden. Nachdem die USA einen Untersuchungsauftrag des UNOSicherheitsrats an die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) mit Veto verhindert hatten – sie wollten einen neuen Mechanismus einführen –, rief Syrien die Inspektoren der OPCW selber ins Land. Wenige Stunden vor der Aufnahme ihrer Arbeit feuerten die USA, Grossbritannien und Frankreich ihre Raketen ab. Bei Redaktionsschluss lagen die Untersuchungsergebnisse der OPCW noch nicht vor. In beiden Fällen ging es offensichtlich nicht um die Feststellung von Schuldigen und deren Bestrafung, sondern um Provokation und Eskalation (Skripal), bzw. um die demonstrative Anwendung willkürlicher Gewalt. Die Absicht dahinter ist vermutlich wohlüberlegt, aber keinesfalls lauter, sonst würde sie den Rechtsweg überstehen. Dass die Staatengemeinschaft derart widerrechtliches Handeln toleriert, stimmt natürlich nicht zuversichtlich. Wenn ihnen ihre Erde lieb ist, werden die Bürgerinnen und Bürger selber friedensaktiv werden müssen. Irgendeinmal ist der Vertrauensbonus der Politik aufgebraucht.

Motto dieser Kolumne ist ein Zitat von Lichtenberg: «Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu versengen.»

82

Zeitpunkt 155


8,90 sFr 6,50 € |

8 APRI L 4-201

Magazin

für globale

Entwicklu

ng und ökum

enische

Zusamm

enarbeit

Magazin für globale Entwicklung und ökumenische Zusammenarbeit 5,80

€ | 7,80

sFr

ww w.w

elt- sich

ten.org

12-2

ten.org elt-sichten.org www.w www.welt-sich

olitik GlobaletePn von un

M ag

a zi n

fü r

g lo

ba le

Syrien: ne Inder Der gläser n liefernran Was hält gehen vo os lässt ma den Krieg in n ter Auch in Lag utz: Städte me r ArBü Gang? rgermeis Klimasch nsutt edefür Die im tenFette Be Daru: A: Stadt der Pe | NIG ERI

Abseits mit der Erde heiten im ßversuche R: Minder ING: Gro MYANMA -EN GIN EER er | GEO Auswander

en tw

ickl

017/

1-20

18

De ze

mb er

/Ja nu

MIS SB MIG R AUCH : R MEX ATI O N Nothelf :W er IKO: Weg ie Euro sind kein pa im e zu e Hei r barr ierefr Sahel sc ligen he eien Met itert ropo le ung

und

ö ku

M en

is ch

e zu sa

MM

en a

rb ei

Jetzt 3 Ausgaben kostenlos testen!

ar

Sie möchten globale Zusammenhänge besser verstehen? hilft Ihnen dabei. Wir bieten Analysen, Reportagen und Kommentare zu:

t

8 17:17:03

19.03.201

Entwicklungspolitik und Weltwirtschaft Menschenrechte und Klimawandel Friedensfragen und die Rolle der Religionen

dd 1

schlagl.in

1804_um

int

1712

_Um

schlag.in

dd

e

Smarn e t rte n eue Wel t

1

28.1

sachlich – kritisch – gründlich

STOP FAKE MONEY

1.20

17

Am besten gleich bestellen www.welt-sichten.org

14:0

8:56

Werbematerial zur freien Verwendung: Der Banner für jeden Balkon und jeden Strassenrand

STOP-FAKE-MONEY.CH

Vollgeld Ja!

Die Banken brauchen eine klare Botschaft!

Das Plakat A3 für jede Wand und jedes Anschlagbrett

STOP

FAKE MONEY

Das Geld aus dem Nichts der Banken bedeutet: U Umverteilung U Wachstumszwang U Arbeitslosigkeit U Krisen Das wird sich ändern!

Vollgeld Ja! www.vollgeld-und-gerechtigkeit.ch

Der Flyer in jede Hand

Der Kleber STOP an jede Stelle FAKE-MONEY.ch (Kreditkartenformat, haftet ohne Klebstoff)

JA zum Vollgeld Die Banken brauchen eine klare Botschaft!

Die Abstimmungszeitung für jeden Haushalt

STOP FAKE MONEY! Das Geld aus dem Nichts der Banken bedeutet: Umverteilung Schaden für Natur und Realwirtschaft Arbeitslosigkeit Krisengefahr Das muss sich ändern!

U U U U

JA zum Vollgeld am 10. Juni

Allianz für Vollgeld und Gerechtigkeit

N o 29 Mai 2018 antidot incl.

Die Werbemittel ­werden kostenlos, aber mit einem ­Einzahlungsschein für eine freiwillige Spende verschickt. Werden Sie Mitglied der ­Allianz für Vollgeld und Gerechtigkeit! Bestellungen auch online: www.stop-fake-money.ch

Die demokratischste Zeitschrift der Schweiz Sie bezahlen, was Sie möchten. Wir schreiben, was wir wollen. Nur das BANK (Bundesamt für Norm und Kontrolle) warnt: «Die Lektüre dieser Zeitschrift kann Ihre Abhängigkeit gefährden und zu konstruktivem Anarchismus führen.»


Das Schweizer Bio-Festival 22. – 24. JUNI 2018 Zofingen Bio-Markt mit rund 200 Ausstellern

Live-Konzerte und Strassenkünstler

Hauptsponsor:

Medienpartner:

Streichelzoo, Karussell, Kinderparadies

FR 14 – 21 SA 10 – 21 SO 10 – 18

Mit Unterstützung von:

Eintritt frei! biomarche.ch /biomarche.ch

ZP 155 arm | reich  

Warum die Umverteilung wächst und was wir dagegen unternehmen können

ZP 155 arm | reich  

Warum die Umverteilung wächst und was wir dagegen unternehmen können

Advertisement