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116 Nov../Dez. 2011 10.– CHF / 8.– €

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Für intelligente Optimistinnen und konstruk tive Skeptiker

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Verzweifelt gesucht: die Realität S 6  Heute schon wirklich gewesen? S 16  Die ­Illusion des Geldes S 18 Ecopop-Initiative: Denkverbote auflösen S 32 Die Wohltätigkeitsfalle S 36 Die Kandidatur, auf die niemand gewartet hat S 44 Apthapi aus Bolivien S 52 Du bist, was du isst S 56 Tour d’Europe S 64 Introvertiert S 68


Impressum Zeitpunkt 116 November / Dezember 2011 Erscheint zweimonatlich, 20. Jahrgang

Redaktion Magdalena Haab MAG, Tom Hänsel #tt (Grafik), Brigitte Müller BM (Produktion), Christoph Pfluger CP (Leitung), Roland Rottenfußer RR, Mathias Stalder MS, Samanta Siegfried SAM, Dr. Peter Bosetti Ständige MitarbeiterInnen: Geni Hackmann GH, Sagita Lehner SL, Heinzpeter Studer, Alex von Roll AvR, Ernst Schmitter

Anzeigenberatung Mathias Stalder Zeitpunkt, Werkhofstrasse 19 CH-4500 Solothurn T 032 621 81 11, M 076 409 72 06 inserate@zeitpunkt.ch Abonnementspreise Der Abopreis wird von den Abonnentinnen und Abonnenten selbst bestimmt. Geschenkabos: Fr. 54.– (Schweiz), Fr. 68.– (Ausland), Einzelnummer: Fr. 10.– / Euro 8.–.

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Herausgeber Christoph Pfluger Bildnachweis Titelbild u. (nicht angeschiebene) Illus: #tt Beilagen Teilauflagen dieser Ausgabe enthalten Beilagen des Versandhauses Waschbär, der Erklärung von Bern, von Ecopop und der Spezialitätenbrennerei Humbel. Wir bitten um Beachtung. Papier Rebello Recycling

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Druck und Versand AVD Goldach, 9403 Goldach

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Verlag / Redaktion /  Aboverwaltung Zeitpunkt Werkhofstrasse 19 CH-4500 Solothurn Aboverwaltung: Hannah Willimann T 032 621 81 11, F 032 621 81 10 mail@zeitpunkt.ch, www.zeitpunkt.ch Postcheck-Konto: 45-1006-5 IBAN: 0900 0000 4500 1006 5 ISSN 1424-6171

Vertrieb Deutschland Synergia Verlag und ­Mediengruppe Erbacher Strasse 107, 64287 Darmstadt T 06151 – 42 89 10, info@synergia-verlag.de

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Abb. 01 a & b: Die Kreislinien sind an einigen Stellen um eine Winzigkeit dicker gezeichnet, so dass unser Titel «was ist wirklich?» entsteht. Um ihn besser sehen zu können, sollte man die Abbildung kreisen lassen wie ein Glas Wasser, in dem man eine Tablette auflösen möchte. Man erblickt auch vier Sektoren, zwei dunkle und zwei helle, die in Richtung der kreisenden Bewegung wie Windmühlenflügel über die Figur wirbeln.

Die Erläuterungen für die optischen Täuschungen im Schwerpunkt stammen aus Jacques Ninios kurzweiligem Buch: Macht Schwarz schlank? Über die Täuschung unserer Wahrnehmung. Kiepenheuer 1999, 246 S., Fr. 32.50 / 12,90 Euro Ausgenommen Abbildung & Erklärung 03: N. Biedermann



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Editorial

Die nächste Wirklichkeit Liebe Leserinnen und Leser Alle Elementarteilchen dieser Welt abstandslos aneinandergepackt, ergäben einen Würfel von der Grösse eines Kubikzentimeters, aber dem Gewicht der Erde. Was wir von der physischen Wirklichkeit wahrnehmen, ist also vor allem energetisch aufgeladener Zwischenraum. Und wenn wir in Betracht ziehen, dass der menschliche Geist die Energie der Materie beeinflussen kann, erkennen wir: Die Wirklichkeit kann sich sehr schnell und sehr radikal ändern. Auch zum Positiven. Vorerst muss ich mich noch mit anderen Unwirklichkeiten herumschlagen: Zum ersten Mal in fast zwanzig Jahren schreibe ich das Editorial zu einem Heft, das ich nicht mindestens zweimal durchgelesen habe. In Tat und Wahrheit kenne ich die meisten Texte so gut wie Sie, die Sie diese Ausgabe zum ersten Mal in Händen halten. Eine neue Wirklichkeit für mich und für Sie. Anstatt Zeitpunkt zu machen, verbrachte ich die letzten zwei Monate als Nationalratskandidat, unterwegs für ein gerechtes Geld. Dabei wurde ich mit drei sehr unterschiedlichen Wirklichkeiten konfrontiert: Erstens der Welt des virtuellen Geldes, das von den Banken im Widerspruch zur Verfassung aus dem Nichts geschöpft wird. Zweitens die Welt der Politik, die so gut wie nichts davon weiss – und auch nichts wissen will. Und drittens die Bürger an der Basis der Gesellschaft, die über die Realwirtschaft den hohen Preis für dieses Raub- und Glücksrittertum bezahlen muss. Sie wissen auch nicht viel davon. Aber im Unterschied zur Politik brennen sie darauf, mehr zu erfahren und etwas zu ändern. Wenn die Krise zu einer Chance werden soll, müssen sich diese drei Wirklichkeiten zu einer neuen Realität eines gerechten Geldes vereinen. Dafür werde ich mich auch in Zukunft einsetzen und den Beruf des Redaktors nicht ganz, aber zu einem guten Teil an den Nagel hängen. Den Zeitpunkt werden dann andere machen. Mit bald zwanzig Jahren ist er alt genug, selbständig zu werden. Als Autor werde ich Sie auch in Zukunft nicht verschonen, und der Verleger in mir bleibt ebenfalls aktiv. Aber die wunderbare Arbeit des Blattmachens liegt jetzt in neuen Händen, denjenigen von Brigitte Müller und ihren Mitarbeitern. So, und jetzt bin ich selbst gespannt, wie sie das erste Heft hingekriegt haben. Mit herzlichem Gruss Christoph Pfluger, Herausgeber

Trenne dich nicht von deinen Illusionen. Wenn sie verschwun­ den sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben. Mark Twain

Abb. 02: von Dario Varin kreierte Täuschung, der sogenannte «Neon-Effekt». Die grünen und roten Kreisbögen rufen die Illusion einer quadratischen, rosa eingetönten Fläche hervor.

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Inhalt

Schwerpunkt: was ist wirklich?

32 Entscheiden & arbeiten

6 Verzweifelt gesucht: die Realität Unsere Wirklichkeit ist nichts Gegebenes, sie ist im besten Fall ein Rätsel. Roland Rottenfußer 12 Kaleidoskop der Wirklichkeit  Brigitte Müller, Sagita Lehner und Alexander Krebs 16 Heute schon wirklich gewesen? Christine Ax 18 Die Illusion des Geldes Christoph Pfluger 19 Geldillusion ganz konkret: Rettungsschirm aus heisser Luft Christoph Pfluger 23 Alles Schlampen oder was? Ein Thema, zwei Realitäten. Brigitte Müller 24 Eine beständige und absolute Wirklichkeit gibt es nicht Alexander Krebs 26 Seit Freud ist alles anders Dietrich Schwanitz/CP 27 Wie sich die Gesellschaft kontrollieren lässt, und weitere Kurzmeldungen 30 Wirklich guter Stoff – Medientipps

32 Ecopop-Initiative: Denkverbote auflösen Christoph Pfluger 36 Die Wohltätigkeitsfalle Das Treiben internationaler Hilfsorganisationen schadet oft mehr, als es nützt.  Roland Rottenfußer 40 wirken statt werken Die Liste der Hilfswerke ist lang. Eine kleine, feine Auswahl. 44 Die Kandidatur, auf die niemand gewartet hat  Christoph Pfluger 46 Männer wollen, was Frauen haben Männer wünschen sich mehr Zeitautonomie.  Brigitte Müller 47 wahre Werte 49 Die Kennedy-Bibliothek und andere Kurzmeldungen



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Inhalt

52 Vollwertig Leben

64 Horizonte erweitern

52 Apthapi aus Bolivien Ein Land auf der Suche nach Glück Pedro Brunhart 56 Du bist, was du isst Slow Food, ein Trend nach unserem Geschmack 58 Gemeinsam ein Stück Autonomie kreieren Das eigene Olivenöl produzieren Pascal Mülchi 60 Ärztliche Grundversorgung – nur noch im Gefängnis ? und weitere Kurzmeldungen 61 Die gute Adresse 62 Mit Gärtnern die Erde heilen und weitere Kurzmeldungen 63 Die gute Adresse

64 Tour d’Europe «Und, wie war eure Reise ?!»    Michael Huber 68 Ich bin Introvertiert, und das ist gut so!  Roland Rottenfußer 71 Die gute Adresse 72 Frankoskop: Unbeugsam, widerständig, mutig, frech, nicht unterzukriegen Ernst Schmitter 74 Wie Jungs zu Männern werden und andere Kurznachrichten 75 Die gute Adresse für sanften Tourismus 76 Reparier deinen Toaster und damit auch die Welt – und andere Kurzmeldungen 77 Agenda 78 K leinanzeigen 80 Leserbriefe 82 Brennende Bärte: Nachruf auf Geni Hackmann Christoph Pfluger

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Was ist wirklich ?

Verzweifelt gesucht:



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Was ist wirklich ?

die Realität Unsere Wirklichkeit ist nichts Gegebenes, sie ist im besten Fall ein Rätsel. Und, glaubt man grossen Philosophen, ein fast unlösbares. Wenn wir nach ihr suchen, finden wir, wie in einem Spiegel, immer wieder uns selbst. Ein Streifzug durch die Welten der Spiritualität, Wissenschaft, Filme und Computerspiele zeigt: Wir interpretieren, verzerren, ja erschaffen andauernd,   von Roland Rottenfußer was wir wahrzunehmen glauben.

W Abb. 03: Mit weit aufgerissenen Au­gen kämpft sich im Bild oben ein Junge aus dem goldenen Bilderrahmen, den er auch noch mit seinen Händen umgreift. Noch eben ein eingeschränktes Dasein fristend, erblickt er staunend die Welt jenseits seines Rahmenhauses. Endlich befreit er sich und lässt alles Zweidimensionale hinter sich.   Das vom Spanier Pere Borrell del Caso 1874 geschaffene Gemälde «Flucht vor der Kritik» trug ursprünglich den Titel «Una cosa que no pot ser» – frei übersetzt «Ein Ding der Unmöglichkeit».

irklich wahr: In Orléans, im Frühling 1969, war die Bevölkerung im Aufruhr. Es zirkulierte ein Gerücht, das niemanden unberührt lassen konnte: Einige Damenmodegeschäfte der französischen Stadt waren in den Mädchenhandel verwickelt. Kundinnen wurden in den Ankleideräumen überwältigt und betäubt. Durch unterirdische Gänge wurden sie ans Ufer der Loire gebracht und von dort nach Übersee verschifft. 28 Frauen galten als vermisst. Ihr grausiges Schicksal: erzwungene Prostitution. Am 31. Mai rottete sich eine entrüstete Menschenmenge vor den Geschäften zusammen. Die Ladenkette hatte wegen der dort verkauften Miniröcke ohnehin ein anrüchiges Image. «Erschwerend» kam hinzu, dass die Besitzer Juden waren – auch im Frankreich der Nachkriegszeit scheinbar ein Problem. Pogromstimmung lag in der Luft. Die Polizei konnte nur mit Mühe eine Eskalation verhindern. Sie wunderte sich über die Macht dieses Gerüchts, denn sie kannte die Fakten: Keine einzige Frau wurde in Orléans vermisst – geschweige denn 28. Dem Gerücht lag, wie sich herausstellte, nicht einmal ein Hauch von Wahrheit zugrunde. Niemand weiss, woher die Lüge ursprünglich kam, aber sicher ist: Sie entfaltete mehr Macht als manche Wahrheit. Die Erfindung wurde zu einer alternativen Wirklichkeit. Dieses Fallbeispiel stammt aus Paul Watzlawicks Buch «Wie wirklich ist die Wirklichkeit ?» aus dem Jahr 1974. Der Kommunikationswissenschaftler entlarvt

darin die Realität als menschliches Konstrukt. Er will zeigen, «dass der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, die gefährlichste all dieser Selbsttäuschungen ist; dass es vielmehr zahllose Wirklichkeitsauffassungen gibt, die sehr widersprüchlich sein können, die alle das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger, objektiver Wahrheit sind.»

Wie definiert man Wirklichkeit ? Was du fühlst, riechst, schmeckst und siehst sind nichts weiter als elektrische Signale, interpretiert von deinem Verstand. Aber welche Wirklichkeit ist gemeint ? Während die Geschichte mit dem Mädchenhandel offensichtlich gelogen war, sind einige Tatsachen doch unumstösslich. Die Existenz der betreffenden Boutiquen, der Stadt Orleans oder der Loire kann zum Beispiel niemand bezweifeln. Hier hilft Watzlawicks Unterscheidung zwischen Wirklichkeiten erster und zweiter Ordnung. Wirklichkeitsaspekte, die sich auf die physische Realität oder auf überprüfbare Fakten beziehen, nennt er «Wirklichkeiten erster Ordnung». Die Bedeutung oder den Wert, die Menschen einem Gegenstand beimessen, nennt er dagegen «Wirklichkeit zweiter Ordnung». Ein Beispiel: Man kann die Entfernung vom Mond zur Erde objektiv messen (erste Ordnung); was der Mond

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Was ist wirklich ?

tätilaeR edi einem romantischen Liebespaar bedeutet, bleibt dagegen subjektiv (zweite Ordnung). Watzlawicks Buch ist wertvoll, argumentiert aber nur innerhalb bestimmter Grenzen. Es untersucht menschliches Verhalten, Beziehungen und Kommunikation. Die scheinbar objektive Dingwelt wird nicht in Frage gestellt. Aber wie wirklich sind Wirklichkeiten erster Ordnung ? Wie wirklich ist zum Beispiel der Tisch, auf dem ich dies schreibe ? Hinter dem herkömmlichen Begriff der Wirklichkeit steht die Idee, es gäbe so etwas wie ein «Ding an sich». Der Philosoph Immanuel Kant (1724 – 1804) prägte diesen sperrigen Begriff. Setze ich eine dunkle Sonnenbrille auf, erscheint der Himmel düster; setze ich die Brille ab, sehe ich: An sich ist er blau und strahlend. Unser Bewusstsein verzerrt die Realität durch allerlei Fehler der Wahrnehmung. Ja, Kant behauptete sogar, dass wir ausserstande sind, das «Ding an sich» zu erkennen. Es liegt also nicht nur daran, dass einige zu dumm sind, die Wahrheit zu begreifen; unser Geist ist so beschaffen, dass wir das grundsätzlich nicht können.

Die Welt, wie wir sie kennen, so die These von «Matrix», ist Schein. Betrachten wir zum Beispiel die schöne lachsfarbene Rose vor mir auf dem Tisch und fragen: Was an ihr ist Erscheinung, und was ist «Rose an sich» ? Nicht zum Wesen der Rose gehören: • ihr Name, der beruht auf kultureller Übereinkunft. Auf Chinesisch heisst die Rose «méiguì». • mein Gefühl der Rose gegenüber: Ich finde sie schön, das muss nicht für jeden gelten. • die Absicht, die ich mit ihrem Kauf verband (ich kaufte einen Strauss für meine Frau, eine Blume landete dann auf meinem Schreibtisch).



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• die Symbolik der Rose (wie Dornen = Liebesschmerz), die kann kulturell verschieden sein. • Erinnerungen, die jemand mit ihr verknüpft. Wer als Kind gestochen wurde, mag sie vielleicht nicht. • kulturelle Assoziationen (das Märchen «Dornröschen», die Kitschserie «Rote Rosen»). • ihre Farbe: Diese wird von Blinden gar nicht, von Farbenblinden anders wahrgenommen. • ihre Grösse: Ein Elefant beurteilt sie anders als eine Ameise. Zieht man diese (und andere) Faktoren ab, die nicht ihr Wesen ausmachen, was bleibt von der Rose übrig ? Am objektivesten scheint noch ihre Form zu sein. Aber auch die kann verschieden wahrgenommen werden. Für den Blinden ist die Rose nichts als Duft; für die Fliege im Zimmer ein riesiger Baum; der Boxer streift mit seinem dicken Handschuh über sie, ohne die zarte, kühle Beschaffenheit der Blütenblätter zu spüren. Die Rose an sich ? Es mag sie geben, aber sie gleicht einen Kern, den man nach und nach freilegen muss wie das innerste Figürchen einer russischen Puppe. In dem philosophischen Hollywoodfilm «The Matrix» sagt Morpheus: «Wie definiert man Wirklichkeit ? Wenn du darunter verstehst, was du fühlst, was du riechen, schmecken und sehen kannst, dann ist Wirklichkeit nichts weiter als elektrische Signale, interpretiert von deinem Verstand.» Reduziert auf «elektrische Signale» bleibt von der Rose noch weniger übrig als wir anfangs dachten. Ein berühmtes Modell unserer Wirklichkeitswahrnehmung ist Platons «Höhlengleichnis»: Menschen sind von Kindheit an so an Stühle gefesselt, dass sie weder Kopf noch Körper drehen können und immer an die gegenüberliegende Höhlenwand starren müssen. Hinter ihrem Rücken brennt ein Feuer. Zwischen dem Feuer und den Menschen werden verschiedene Gegenstände vorbei getragen, die als


Verzweifelt gesucht: die Realität

Abb. 04 a & b: Übereinander liegende regelmässige Strukturen lassen sich in der Regel leicht differenzieren. Wenn hingegen wie im Beispiel a eine Struktur ‹fehlt›, kann auch die andere nur erschwert entschlüsselt werden. Abb. 05: Wenn man dieses Motiv bewegt, sieht man, wie die Regionen mit gleich ausgerichteter Schraffur (entweder +45 Grad oder -45 Grad) über die anders orientierten Bildpartien zu gleiten beginnen. Reginald Neal hat in seinem ­Gemälde space of threes (1964) neun dieser Motive symmetrisch nebeneinander gestellt.

«Nichts ist so unglaubwürdig wie die Wirklichkeit.» Fjodor M. Dostojewski (1821 – 1881) russ. Schriftsteller

Schatten auf die Wand vor ihnen fallen. Die Gefangenen kennen keine andere Welt als diese Schatten und halten sie daher für die einzige Wirklichkeit. Würde sich einer der Menschen befreien und die dreidimensionale, farbige Realität sehen, so würde er sie vielleicht für unwirklich halten und verstört auf seinen Platz zurückkehren. Nur starke Charaktere könnten die Wahrheit aushalten. Sie würden erkennen, dass ihr bisheriges Leben Täuschung war und versuchen, ihre Leidensgenossen aufzurütteln. Wie bestimmte erleuchtete Propheten in der Geschichte würden sie von der dumpfen Masse verspottet werden.

Wahrnehmen heisst Erschaffen, und Erschaffen heisst Auswählen aufgrund vorgeprägter Wahrscheinlichkeiten. Für Platon ist das Höhlengleichnis (ca. 370 v. Chr.) ein Bild unserer realen Situation als Menschen. Was wir wahrnehmen können, ist ein Schattenspiel, das von einer transzendenten, «wirklicheren Wirklichkeit» erzeugt wird. Auch Platon geht also davon aus, dass hinter der Scheinwelt eine «wirkliche» Welt steht, ein «Ding an sich». Sie wird sorgfältig vor uns verborgen, aber mit etwas gutem Willen können wir sie vielleicht schon jetzt sehen. Manche glauben auch, wir werden sie erst im Jenseits sehen, im «Reich Gottes». Paulus schrieb im Brief an die Korinther: «Wir sehen jetzt

durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht.» Im Film «The Matrix» erscheint die Frage nach der Wirklichkeit im modernen Gewand. Im Blockbuster der Brüder Wachowski (1999) begegnet Neo, der Held der Geschichte, einem Guru namens Morpheus. Dieser klärt ihn darüber auf, dass die Welt, die er bisher gekannt hatte, nicht real ist. «Du siehst aus wie ein Mensch, der das, was er sieht, hinnimmt, weil er damit rechnet, dass er wieder aufwacht», sagt Morpheus. «Ironischerweise ist das nahe an der Wahrheit.» Die Szene, in der Neo «eingeweiht» wird, wirkt wie die Beschreibung einer spirituellen Suche. Sie mündet konsequenterweise in ein Erwachen. Der unscheinbare «Bürohengst» Neo hat seinen Lehrer jahrelang gesucht, getrieben von einem diffusen Unbehagen an der Wirklichkeit. Irgendetwas an der Welt, die ihn umgab, erschien ihm nicht echt, und er hatte Recht. «Es ist eine Scheinwelt, die man dir vorgaukelt, um dich von der Wahrheit abzulenken», klärt Morpheus auf. «Welche Wahrheit ?» «Dass du ein Sklave bist.» In den «Matrix-Filmen» ist die Welt, die wir Realität nennen, eine computergenerierte Traumwelt. Sie wurde von seelenlosen Robotern geschaffen, um die Menschen unter ihrer Kontrolle zu halten. Die «wirkliche Wirklichkeit» sieht, wie eine drastische Filmsequenz zeigt, ganz anders aus: In einer vom Atomkrieg zerstörten Welt dienen menschliche Körper den

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Was ist wirklich ?

Abb. 06: Eine Täuschung, auf die Münsterberg um das Jahr 1890 stiess. Die Ziegelsteine sind in exakt waagerechten Reihen angeordnet, aber die Trennlinien zwischen den Reihen scheinen sich abwechselnd nach oben und unten zu biegen. Damit die Täuschung zustande kommt, ist es wichtig, dass jede Ziegelschicht von der nächsten durch einen grauen Streifen getrennt wird.

«Der Glaube, es gebe nur eine Wirklichkeit, ist die gefährlichste Selbsttäuschung.» Paul Watzlawick (*1921), Psychiater und Schriftsteller

Maschinen als Energielieferanten. Sie verdämmern ihr ganzes Leben in Wannen mit einer Nährflüssigkeit. Die «Matrix» als Ablenkungsprogramm wird in ihre Gehirne eingespeist und hindert die Gefangenen, sich ihrer wahren Situation bewusst zu werden. Die Welt, wie wir sie kennen, lautet die provokante These, ist die Matrix, ist Schein. Der Film hat natürlich eine starke politische Botschaft: Auch unsere Machthaber gaukeln der Masse eine Scheinwelt vor, um sie ausbeutbar zu machen. Darüber hinaus erinnert die Botschaft des Films auch an das Konzept der «Maya». So nannten die hinduistischen Weisen unsere flirrende Scheinwelt der tausend Formen. Sie betonten, dass es Aufgabe des spirituellen Suchers sei, die Scheinhaftigkeit dieser Welt zu durchschauen und durch Meditation zur Wahrheit durchzudringen. Hermann Hesse (1877 – 1962) hat die Maya-Philsophie unvergesslich in seinem Roman «Das Glasperlenspiel» beschrieben. Der Jüngling Dasa begegnet einem im Wald lebenden Yogi. Er berichtet ihm von seinem bisherigen Leben, das von Liebeslust, Kämpfen und Leiden bestimmt war. Der Weise lächelt daraufhin nur, schüttelt den Kopf und sagt: «Maya, Maya !» Hesse schreibt weiter: «Alles war in dieses alten Yogin Augen Maya, war etwas wie eine Kinderei, ein Schauspiel, ein Theater, eine Einbildung, ein Nichts in bunter Haut, eine Seifenblase, war etwas, worüber man mit einem gewissen Entzücken lachen und was man zugleich verachten, keinesfalls aber ernst nehmen konnte.» Auch die These, die Wirklichkeit sei ein Traum, ist oft geäussert worden. Der Träumende ist der festen Überzeugung, dass sein Traum real ist. Der Erwachte weiss jedoch: Alles, was im Traum erscheint – Orte,

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Gegenstände, Personen – existiert nur im Bewusstsein des Träumers, wurde also von ihm erschaffen. Warum aber sollte das, was wir im Wachbewusstsein sehen, realer sein als die Welt unserer Träume ? «Hattest du schon einmal einen Traum, Neo, der dir vollkommen real schien ?», fragt Morpheus in «The Matrix». «Was wäre, wenn du aus diesem Traum nicht mehr aufwachst ? Woher würdest du wissen, was Traum ist und was Realität ?» Eine irritierende Frage. Was, wenn das ganze Leben ein Traum wäre, und der Tod (oder die Erleuchtung) unser Erwachen ?

Was, wenn das ganze Leben ein Traum wäre, und der Tod (oder die Erleuchtung) unser Erwachen ? Die moderne Wissenschaft geht noch einen Schritt weiter. Die Quantenphysik hat die Idee eines «Ding an sich», einer objektiven Realität hinter unseren Wahrnehmungen, inzwischen verworfen. Experimente haben gezeigt, dass Elektronen keine «kleinen Kugeln», sondern wolkige Gebilde sind, für deren Aufenthaltsort man nur Wahrscheinlichkeiten angeben kann. Erst im Moment des Beobachtens und Messens durch ein wahrnehmendes Bewusstsein «entscheidet» sich das Elektron für eine bestimmte Position. Die aufregende Schlussfolgerung: «Das Universum scheint ohne einen Betrachter nicht zu existieren» (Dr. Alan Wolf). Der 74-jährige Physiker und Philosoph Amit Goswami glaubt sogar, «dass alles (einschliesslich der Materie) im Bewusstsein existiert und vom Bewusstsein her manipuliert wird.»


Verzweifelt gesucht: die Realität

Wie kann man sich das vorstellen ? Ist es etwa so, dass der Tisch, auf dem mein Computer steht, nicht mehr existiert, sobald ich meine Augen schliesse ? Die Wahrheit liegt wohl zwischen den Extremen: Der Tisch befindet sich, wenn ihn niemand wahrnimmt, in einem Schwebezustand zwischen Existenz und NichtExistenz, genannt «Potenzialität». Der Physiker HansPeter Dürr erklärt dies so: «Das Wesentliche der Potenzialität ist, dass sie nicht (dingliche) Realität ist. Sie enthält nur eine Kann-Möglichkeit einer Realisierung.» Im Schöpfungsvorgang treffen wir also eine Auswahl aus einem unendlichen Feld von Möglichkeiten. Trotzdem ist es nicht willkürlich, was erscheint, wenn wir die Augen öffnen. Die Realität besitzt eine relative Verlässlichkeit, und ziemlich sicher werde ich diesen Tisch morgen in derselben Weise «erschaffen» wie heute. Dies ist, so Dürr, die Natur unserer gesamten Wirklichkeit: Potenzialität, die auf Grund von Wahrscheinlichkeit zur Realität gerinnt.

Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper Verlag 2005, 251 S., Fr. 14.90 / 9,95 Euro, Details dazu auf Seite 30. The Matrix. A. & L. Wachowski, USA 1999, 131 Minuten www.worldofwarcraft.com Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel. Suhrkamp Verlag 2002, 608 S., Fr. 35.50 / 24,80 Euro

Zur Veranschaulichung hier ein Beispiel aus der Welt der Computerspiele: Beim Fantasy-Spiel «World of Warcraft» wandert der Spieler durch eine virtuelle Landschaft, Azeroth genannt. Er sieht aber niemals das gesamte Land gleichzeitig, sondern nur einen Ausschnitt. Mit dem Weiterwandern der Spielfigur baut sich der Hintergrund mit Bergen, Wolken und Gebäuden schrittweise auf. Wo sind in der Zwischenzeit die anderen Bestandteile von Azeroth ? Sie befinden sich im Zustand der Potenzialität und können, je nach Wahl des Spielers, nach und nach in die Existenz treten. Wendet sich der Spieler ab, «versinken» vorher sichtbare Landschaften wieder in die Potenzialität. Aber: Die Macht des Spielers/Schöpfers ist begrenzt. Er kann nur erschaffen, was pro-

grammiert wurde. In «World of Warcraft» kann man zum Beispiel Zwerge und Untote ins Leben rufen, nicht jedoch Feen. In der «richtigen» Realität sind die Möglichkeiten weniger beschränkt, weil das «Spiel» ungleich grösser angelegt ist. Mit diesem Beispiel kommen wir dem Geheimnis der Wirklichkeit auf die Spur: Wahrnehmen heisst Erschaffen, und Erschaffen heisst Auswählen aufgrund vorgeprägter Wahrscheinlichkeiten. Manchmal, wenn auch selten, kann das Unwahrscheinliche gesehen bzw. erschaffen werden. Das nennen wir dann «Wunder». Überspitzt könnte man sagen: Es gibt eine Wirklichkeit, nicht aber eine Realität. Hinter «Realität» steckt der lateinische Wortstamm «res» (= Ding). Ein Ding aber gibt es eigentlich gar nicht. Vielmehr besitzt das Universum die Struktur von Feldern, Beziehungsmustern, Möglichkeiten. Wirklich ist die Einheit all dessen, was existiert; unwirklich ist unsere Wahrnehmungsweise, die das Eine in getrennte «Gegenstände» zerlegt. Viel treffender ist dagegen der Begriff «Wirklichkeit». Etwas «wirkt» (erscheint) schön, gross oder wahr. Dies setzt eine aktive Mitarbeit des wahrnehmenden Bewusstseins voraus. Ausserdem hat das Verb «wirken» einen dynamischen Charakter. Etwas «wirkt» auf etwas anderes ein, nimmt darauf Einfluss, erschafft es. Wirklichkeit gibt es nicht als Ansammlung von Dingen, sondern als Muster von Beziehungen in Bewegung. Vielleicht meint der Buddha etwas ähnliches, wenn er sagt: «Leer ist die Welt». Wo versteckt sich also, nach allem, was wir gehört haben, die «Rose an sich» ? Sie gleicht eher dem, was von der Zwiebel bleibt, wenn man alle Schalen nach und nach entfernt. «Aber da bleibt ja gar nichts !» Eben.

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Abb. 07: Bourdon-Figur. Es ist praktisch unmöglich, die Punkte zu zählen (41 pro Linie), denn es fehlt uns an Präzision beim Steuern unserer Augenbewegungen. Nebenbei kann man auch einmal die Länge der Linien vergleichen. Dass sie gleich lang sind, nimmt man besser wahr, wenn man sich den Winkel anschaut, welcher von zwei Halblinien gebildet wird.

Kaleidoskop der Wirklichkeit «Die Welt existiert nicht nur in unserem Kopf» Ruft man bei der Beratungsstelle für parapsychologische Fragestellungen in Freiburg i. Br. an, ist die Nummer oft besetzt. Walter von Lucadou, Physiker und Psychologe, hat sich der Parapsychologie verschrieben und vor 20 Jahren die Fachstelle gegründet. In den 1980er Jahren hat eine Welle von Jugendokkultismus Deutschland beschäftigt. Die Diskussion sei leider sehr emotional und unsachlich geführt worden. «Ich wollte verstehen, was da passiert,» sagt von Lucadou, deshalb habe er die Beratungsstelle gegründet. Den meisten Anrufern gehe es darum, ihr Erlebnis mit jemandem zu teilen. Freunden und Bekannten von ihren Wahrnehmungen zu erzählen, trauen sich viele nicht, sie haben Angst, ausgelacht oder für verrückt gehalten zu werden. Von Lucadou und sein Team hören den Anrufern zu und versuchen, eine Einteilung in ein bestimmtes Fachgebiet vorzunehmen. Geht es um ein biologisches, ein psychologisches oder doch ein physikalisches Phänomen? «Nicht immer gibt es eine einfache, schnelle Lösung. Aber das erwarten die Menschen auch nicht von uns,» so der 66-Jährige. Walter von Lucadou beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit nicht verstandenen Erlebnissen, die sich nicht einordnen lassen. Den Ausdruck «übersinnlich» mag er nicht. Denn rund ein Drittel der Phänomene, von denen ihm die Menschen erzählen, lassen sich relativ schnell klären. Bei Erscheinungen und Stimmen handelt es sich oft um physikalische oder psychologische Effekte, beide Studienrichtungen kommen bei seiner Arbeit zu gleichen Anteilen zum Einsatz. Wie sein Lieblingsbeispiel vom sprechenden Teekessel zeigt: Ein junger Mann ruft bei der Beratungsstelle an. Er höre immer eine leise, wispernde Stimme. «Woher kommt die Stimme?» will von Lucadou wissen. «Aus

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dem Teekessel», lautet die zögerliche Antwort. Er höre die Stimmen immer, wenn er den Kessel auf den Herd stelle. «Wohnen Sie in der Nähe eines Mittelwellen-Senders?» Ja, 300 Meter weiter stehe ein Sendemast eines Radiosenders. Des Rätsels Lösung: Mit Kessel und Herdplatte liegen zwei Metallplatten aufeinander, die als eine Art Mittelwellenempfänger wirken. Wenn der Teekessel auf dem Herd steht, hört der junge Mann Radio. Nicht immer sei des Rätsels Lösung so schnell gefunden. «Es gibt auch Rätsel, die noch ungeklärt sind,» so von Lucadou. Wirklichkeit sei etwas, was wir mit wissenschaftlichen Methoden zu verstehen versuchen. «Wir nehmen nur Ausschnitte aus der Wirklichkeit wahr, aber das ist Kino im Kopf. Es ist ein Abbild, das jeder von uns aufrecht erhält, obwohl es nicht zu 100 Prozent mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Mit den Sinnen gleichen wir unsere innere Wirklichkeit mit der äusseren ab», erklärt der Parapsychologe. Was nicht in unsere Raster passt, nehmen wir nicht wahr. So wie der Mann, der anruft, weil er seinen Stift auf dem Schreibtisch nicht mehr findet, der noch vor 5 Minuten da gelegen hat. Entführt von Geisterhand? Nein. Nachdem er alles umgedreht hat, ist der Stift auf einmal wieder da. Er lag die ganze Zeit am gleichen Ort, aber der Betrachter konnte ihn aus dem bestimmten Winkel heraus schlicht nicht wahrnehmen. «Die Welt ist viel reichhaltiger, als wir sie wahrnehmen», spricht der Physiker aus von Lucadou. Die Wissenschaft bediene sich vieler Modelle, um die Wirklichkeit zu erklären, aber es würden am Ende eben nur Modelle bleiben. Zu glauben, die Welt perfekt verstehen zu können, wie es einige tun, sei ein grosser Irrtum.  BM 

http://www.parapsychologische-beratungsstelle.de/


Kaleidoskop der Wirklichkeit

Wer hat, dem wird gegeben «Wenn man sich selbst erlaubt, aus der inneren Fülle zu schöpfen, widerspiegelt sich das in der materiellen Welt», weiss Dina Thüring van Rijn. Diese Erkenntnis gibt die 48-Jährige seit 20 Jahren in Seminaren an ihre Kursteilnehmer weiter. Bis nach China haben ihre Geldseminare die NLP-Trainerin schon geführt. Immer in Begleitung ihres ungewöhnlichen Mentors: dem Lichtwesen Laai. Sich selbst beschreibt er als «Wesen, das viele Male als Mensch gelebt hat». Wieder einen Körper anzunehmen kommt für ihn aber momentan nicht in Frage. Die Menschen im Westen hätten eine beschränkte Einstellung gegenüber dem Tod und seien so auch im Leben oft in ihren Konditionierungen stagniert. Er möchte, dass wir erkennen, welch ein Geschenk es ist, als Mensch zu leben und auf der Erde Erfahrungen zu sammeln. Laai erschien Dina schon in ihrer Kindheit. Anfangs nur für kurze Augenblicke, später deutlicher. Dazu begann Dina eine innere Stimme wahrzunehmen, die zu ihr sprach. Einem Impuls folgend begann sie aufzuschreiben, was sie hörte. Bald diktierte ihr Laai seitenweise Manuskripte, zum Beispiel über die Aufgaben der Tiere im Bezug zum Menschen, oder über die Räder und Kanäle im Körper, wie er Chakren und Meridiane nannte. Dass sich Dina in allen Belangen auf ihn verlassen kann, zeigte ihr Laai in einem kalten Winter in

Amsterdam. Dina hatte kein Geld für Öl, die Heizung ging aus. Wütend richtete sie sich an Laai und beschuldigte ihn, immer nur von Frieden und Glückseligkeit zu reden, während sie hier bald erfriere. «Ich diktiere dir ein Drei-Tageskonzept für ein Geldseminar und du wirst nie wieder in Geldnot geraten», antwortete dieser prompt. Fünf Teilnehmer sollte es geben, so Laai, den Preis sollte jeder selbst bestimmen. Dina, der gerade aus Geldmangel die Milch im Beutel festgefroren war, sollte anderen zeigen, wie man im Überfluss lebt ? Nun, sie hat es gewagt und es klappt bis heute. Hauptberuflich arbeitet Dina als Anwaltssekretärin. Ihre Chefs wissen nicht von ihrer anderen Arbeit. Das sei ihr Privatleben, erklärt sie. Gerade die Herausforderung, so unterschiedliche Welten in sich zu vereinen, mag sie. Ruhe und Kraft dafür schöpft sie beim Reiten. Ihr Pflegepferd, erzählt sie mir, sei das Ranghöchste der Herde und werde, wenn er sich gerade nicht wehren kann, von den anderen gerne ins «Füdli» gezwickt. Wie seine Reiterin geht der stolze Wallach mit Neidern aber gelassen um. «Vor ein paar hundert Jahren wäre ich noch verbrannt worden», lacht Dina. Die Menschen sind toleranter geworden, ausser vielleicht in jener Meditationsgruppe, aus der Dina einst wegen eines zu grossen «Egos» rausflog.  SL 

www.dila.ch

«Wir müssen die Natur wieder beseelen» «Wir haben Angst vor dem Leben, weil wir die Geborgenheit der Natur nicht mehr erfahren», sagt Wolf-Dieter Storl, der zurückgezogen im Allgäu lebt. Der 69-Jährige ist einer der führenden Ethnobotaniker. «Wir müssen mit den Naturgeistern wieder reden lernen.» Über jede Pflanze, jedes Kräutlein weiss der deutsch-amerikanische Storl eine Geschichte zu erzählen, gerade so, als spreche er über gute Freunde. Und das sind sie ihm auch. Medizinmänner der Cheyenne-Indianer lehrten ihn, mit dem «grünen Volk» zu reden. «Ich lernte die Pflanzen als mächtige Geistwesen kennen, die sämtliche Leiden heilen können. Ich lernte, dass wir als Bittsteller zu ihnen gehen und sagen: Ihr habt eine grosse Kraft. Schaut, mir geht es schlecht, bitte helft mir. Ich komme mit reiner Seele und bringe Milch und Honig als Opfer. So geht man zur Pflanze: Mit offenem Herzen und nicht als Wirkstoff-interessierter Hirnmensch.» Das sei unsere Krankheit heute: die Überintellektualisierung.

Das Reden mit den Devas, den Pflanzenwesen, sei keine Fantasiereise. «Man geht dabei hinein in die tieferen Dimensionen der Wirklichkeit und ist dort aktiv. Das wirkt auf den Alltag zurück.» Es beseelt die Natur. Und es heilt den Menschen, ist Storl überzeugt. Er hat es an sich und seiner Familie schon zigfach erfahren. Seine Erkenntnisse schreibt er in Büchern nieder. Sein zum grossen Teil durch Erfahrung erworbenes Wissen gibt Storl auch in Vorträgen und mittels Filmen weiter. Er will den Menschen helfen, den Zugang zur Natur wieder zu finden. Das sei angesichts der schwer zu ertragenden Naturzerstörung dringend nötig. Denn «eine Gesellschaft, die sich von der Natur absondert, geht dem Wahnsinn und der eigenen Zerstörung entgegen.» Schon hätten sich die Tiergeister und Pflanzendevas aus der Welt der Erscheinungen zurückgezogen. «Aber uns Menschen ist die Macht gegeben, sie wieder ins Dasein zu rufen. Die Natur wartet nur darauf, mit unserer Seele zu sprechen.»  Alexander Krebs 

www.storl.de

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Was ist wirklich?

«Die Frau oder den Mann gibt es in Wirklichkeit nicht.» Frau Villa, Sie sind Professorin für Soziologie. In Ihrem Buch «Sexy Bodies» hinterfragen Sie die Natürlichkeit des Geschlechts. Die meisten Menschen halten Unterschiede zwischen den Geschlechtern aber für offensichtlich – wie kommt man auf die Idee, daran zu zweifeln?

Abb. 08: Im Hintergrund sehen wir ein Dongurakokko: Die Eicheln (oder donguri in Japanisch Romaji) auf der rechten Seite scheinen sich in Wellen zu bewegen, obwohl sie still stehen. Die Figur wurde von Akiyoshi Kitaoka erstellt. Die Müller-Layer-Täuschung im Vordergrund ist wahrscheinlich die berümteste geometrische Täuschung. Die waagerechten Linien sind gleich Lang, aber die obere erscheint am kürzesten. Oft wurden die Winkel an den Enden als Erklärungsansatz hinzugezogen, aber entscheidend ist das Vorhandensein von längeren oder kürzeren Elementen an den Seiten der Linien.

Indem man einen zweiten Blick auf den Alltag wirft. Hedwig Dohm, eine der Protagonistinnen der ersten Frauenbewegung in Deutschland, hat in einer wunderbaren Schrift die frauenfeindlichen ‚Pastoren’ dazu aufgefordert, einen genaueren Blick auf Männer und Frauen zu werfen. Dann würden sie schon sehen, dass auch Männerhände Babys wickeln können und dass auch Frauen harte körperliche Arbeit ausführen – alles eine Frage der Übung oder der Notwendigkeit. Sie hat damit das getan, was auch ich tue und was all diejenigen machen, die die Evidenz der Geschlechterdifferenz anzweifeln, nämlich differenziert und möglichst vorurteilsfrei hinsehen. Dann entdeckt man, dass es die Frau oder den Mann realiter überhaupt nicht gibt. Dann sieht man, dass all die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im besten Falle Idealtypen, üblicherweise Stereotypen und im schlechtesten Falle plumpe Ideologie sind. Männer und Frauen sind untereinander so verschieden, dass die Unterschiede zwischen ihnen zumindest relativiert werden. Körperlich gibt es zum Beispiel Menschen mit und Menschen ohne Gebärmutter – welche davon sind Frauen, welche Männer ? Es gibt Menschen, die menstruieren und solche, die es nicht tun. Wissen Sie aufgrund dieser Information zuverlässig, ob es sich um Frauen oder Männer handelt ? Es gibt Menschen, die die 100 Meter über oder unter zehn Sekunden laufen und andere, die das in 15 Sekunden oder zwei Minuten schaffen – welche sind Frauen,

Elbuna Kunsthandwerk & Naturerlebnisse Christian Baumgartner www.elbuna.ch - Obermattgraben - 3534 Signau 079 635 02 18 - 034 497 13 23 - info@elbuna.ch

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welche Männer ? Es gibt extrem ehrgeizige, karriereorientierte, beruflich erfolgreiche, antipazifistische, kinderlose Frauen mit wenig Sinn für Empathie und Harmonie. Sind sie männlich ? Es gibt alte Menschen pflegende, ehrenamtlich engagierte, verschmuste Väter – sind sie weiblich ? – Ja und Nein. An der Offensichtlichkeit der Geschlechterdifferenz zu zweifeln heisst ja nicht, sie als soziale Wirklichkeit zu leugnen. Interessant ist vielmehr, wie die Geschlechterdifferenz als soziale Tatsache gemacht wird – und wie es dazu kommt, dass sie als naturhaft wahrgenommen wird. Für diese Konstruktion wird auf allen Ebenen viel Aufwand betrieben. Nicht umsonst gibt es die so genannten Frauen- und Männerzeitschriften wie Cosmopolitan oder Men’s Health. Nicht umsonst zupfen und rasieren sich Männer und Frauen die Haare an unterschiedlichen Stellen. Nicht umsonst sprechen Männer und Frauen je nach Kontext laut oder leise, zurückhaltend oder aufdringlich. Dieses «je nach Kontext» ist in der Geschlechterforschung im Übrigen sehr wichtig. Denn das Geschlecht kommt ja nie allein daher. Menschen sind immer ein Geschlecht und vieles andere mehr. Und zwar zugleich. Die geschlechtliche Wirklichkeit von Menschen kann nie von anderen Aspekten des sozialen Seins abgetrennt werden, wie zum Beispiel von der Klassen- oder Milieuzugehörigkeit, dem Alter, der Nationalität, vom Status in einer Institution usw. Diese Vielfach-Zugehörigkeit der Menschen relativiert die Offensichtlichkeit der Geschlechterdifferenz auch. Ausschnitt aus einem Interview von Barbara Meili und Iris Graf, erschienen im SozMag Nr. 8, http://soziologie.ch/sozmag/sozmag-8/

Paula-Irene Villa: Sexy Bodies: Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper. VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006, 319 S., Fr. 54.90 / 34.95 Euro


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Was ist wirklich ?

Heute schon

wirklich gewesen?    von Christine Ax

Lange habe ich über die Wirklichkeit nachgedacht. Und erstaunlich spät fiel mir auf: In dem Wort Wirklichkeit steht das WIR an erster Stelle. Dafür gibt es einen guten Grund: DIE Wirklichkeit – darüber haben grosse Philosophen genug geschrieben – gibt es nämlich nicht. Wirklichkeit ist das, was jeder von uns und bestenfalls wir gemeinsam dafür halten. Dass es DIE Wirklichkeit nicht gibt, erfuhr ich – dem Himmel sei Dank – erst kurz vor meinem Abitur. Mein damals noch sehr übermütiger Geist war darüber so empört, dass ich zum Entsetzen meiner Eltern erklärte, ein paar Jährchen darüber nachzudenken. Das tut man am besten beim Studium der Philosophie. Kaum waren drei Semester meines PhilosophieStudium vorbei kam es, wie es kommen musste: Ich steckte mitten in einer wahrhaft existenziellen Krise. In dem Wort «existenziell» steckt das Wort Existenz und meint «das Vorhandensein eines Dinges ohne nähere Bestimmung». Gemeint ist also das Ding an sich, das wir nicht wirklich erkennen können. Was ihm – diesem Ding – allerdings nichts ausmacht. Denn es kann auch völlig unabhängig von uns zu existieren. Ohne Erkenntnis der wahren Wirklichkeit schien der jungen Philosophin in mir das Leben keinen Sinn zu haben. Auf jeden Fall verlor ich jeden Geschmack daran. Mein Geist wurde schwach. Mein Bemühen, das Unerkennbare zu erkennen erlahmte. Ich durchlebte dunkle Tage und Wochen, in denen meine Versuche das Erkenntnisdilemma denkend zu lösen, immer wieder scheiterten, scheitern mussten.

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Es ist weder einfach und schon gar nicht immer möglich, unsere Welt nach unseren Wünschen zu verändern und zu gestalten. Das einzig wahre Versprechen, dass die Wirklichkeit uns gegeben hat ist, die Chance sie zu erfahren. Noch nie ging es mir so schlecht. Und als das Dunkle am dunkelsten war, war das Hellste natürlich auch am nächsten. Ich sah keinen anderen Ausweg mehr. Irgendetwas musste ein Ende haben: Entweder mein Philosophie-Studium oder mein Leben. Ich wählte die erste Option und machte den ersten Schritt sofort: Ich verkaufte meine Bücher. Finanziell gesehen war es ein Desaster. Der Antiquar gab mir so gut wie nichts dafür. Das schmale Sümmchen, das ich an diesem Tag in den Händen hielt, tauschte ich gegen ein warmes Linsengericht. Mir geschah, so dachte ich damals, recht. Wer so dumm ist, sich mit der brotlosen Kunst des Nicht-Erkennens zu beschäftigen, soll dafür bestraft werden! Ich schlief wieder ruhig, und nach wenigen Tagen kam mir der rettende Gedanke. «Welche Bedeutung», so fragte es mich, «haben Gedanken für mich, die, ob ich sie denke oder nicht, in der wirklichen Welt nichts wirklich verändern?» Meine Antwort darauf war: Nichts! Von dieser Nacht an war ich frei, die Defizite meines Erkenntnisvermögens zu ertragen und mein Philosophie-Studium zu Ende zu bringen. Ich hatte es geschafft, meine eigene Wirklichkeit als «wahr» zu umarmen. Diese Krise ist möglicherweise eine der Wurzeln meiner Liebe zum Handwerk, zur Natur und zu allem was lebendig ist, sich verändert und wächst. Dies alles liebe ich seitdem, weil es so wunderbar wirklich ist und so ganz und gar un-aus-denkbar konkret. Es stimmt: Ich kann DIE Wirklichkeit nicht wirklich verstehen, aber ich kann und ich darf mich


Heute schon wirklich gewesen ?

Abb. 09: Die Munker-White-Illusion: Das im linken Bild auf die schwarzen Balken gelegte Grau ist dasselbe wie das zwischen den schwarzen Balken liegende im Bild rechts. Es scheint aber viel heller zu sein.

auf sie einlassen und mich von ihrer Vielfalt, ihrer Wandelbarkeit und ihrer unbeschreiblichen Konkretheit ergreifen und verändern lassen. Ich darf sie mit allen Sinnen wahrnehmen, kann sie um- und anfassen und manchmal auch nach meinen Wünschen gestalten. Die unendliche Vielfalt der Dinge, die unabhängig von mir existieren, schenkt mir, wenn ich mich auf sie einlasse, die unerschütterliche Gewissheit meiner Existenz. Sie verstehen? Nichts ist mir vor diesem Hintergrund folglich lieber als diese eine, meine Wirklichkeit. Dies umfasst auch den Umgang mit den Grenzen, die sie uns setzt und an denen wir uns ganz besonders intensiv erfahren. Sie bedeuten stets auch Chance, über uns hinaus zu wachsen und die zu werden, die wir sein könnten.

Christine Ax, M.A., lebt als Philosophin und Expertin für nachhaltige Entwicklung und Handwerk in Hamburg. 1997 erschien Das Handwerk der Zukunft. 2009: Die Könnensgesellschaft – mit guter Arbeit aus der Krise. Zahlreiche weitere Veröffentlichungen, Vorträge im deutschsprachigen Raum über Handwerk, Zukunft, Arbeit, Nachhaltigkeit. www.koennensgesellschaft.de

Jedes Kind wird lern-, könnens- und wissbegierig geboren und mit ein bisschen Glück bekommt es die Möglichkeit, seine Welt mit allen Sinnen zu erfahren. Sein Zugang ist zunächst einmal vor allem sinnlich: sehen, fühlen, zerlegen, lutschen, tasten, zerstören, modellieren, schmecken, bespielen und jeden Tag ein bisschen wachsen. Wir sind von klein auf getrieben von der Lust am Sein und dem Wunsch uns zu entfalten, an unseren Grenzen zu wachsen. Wo wir aufhören – das weiss jedes Kind – fängt die Wirklichkeit an und setzt unserem persönlichen und kollektiven Vermögen Grenzen. Es ist weder einfach und schon gar nicht immer möglich, unsere Welt nach unseren Wünschen zu verändern und zu gestalten. Das einzig wahre Versprechen, dass die Wirklichkeit uns gegeben hat, ist die Chance sie zu erfahren.

Womit wir beim Können angelangt sind – diesem grossartigen Gegenspieler zum abstrakten, akademischen «Wissen», dessen Bedeutung für uns und unsere Gesellschaft oft masslos überschätzt wird. Vor allem weil wir den Fehler begehen, Wissen und das Denken über die lebendige Erfahrung und praktische Arbeit an der Wirklichkeit zu stellen. Das fängt neuerdings schon in den Schulen an. Wo früher Kinder die Welt im Werkunterricht nicht nur denkend sondern auch gestaltend und praktisch erleben durften, müssen Lehrer heute schon die Jüngsten darauf abrichten, richtige Antworten zu geben. In der Mittelstufe treiben wir unsere Kinder dann in ihre erste existenzielle Entwicklungskrise. Kurz vor und während der Pubertät haben sie nämlich ein todsicheres Gespür dafür, dass es jenseits von Bücherwelten und nutzlosen Körperteilen ein Leben geben müsste, nach dem sie sich (nicht zum letzten Mal in ihrem Leben) verzweifelt sehnen. Wäre es deshalb nicht schön und an der Zeit, vom Kindergarten über alle Schul- und Studiengänge hinweg als wichtigstes Hauptfach «Erfahrung von und Umgang mit Wirklichkeit» einzuführen? Wäre es nicht an der Zeit, unser Bildungswesen – so wie es viele Reformpädagogen schon immer vorgeschlagen haben, «vom Kopf auf die Füsse» zu stellen – damit alles, was zwischen und jenseits dieser beiden prominenten Körperteilen existiert eine Chance bekommt, lebendig zu sein? Damit wir die Welt mit allen Sinnen erfahren und uns mit allen Kräften an ihr ausprobieren. Denn: Glauben Sie mir: Noch nie war Ihre Wirklichkeit so kostbar wie heute.

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Was ist wirklich ?

z

Die Illusion des Geldes 

E Aus Lügen, die wir glauben, werden Wahrheiten, mit denen wir leben. Oliver Hassencamp

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  von Christoph Pfluger

s war nur eine Burschenprüfung. Und wenn die Studenten ihr Ende geahnt hätten, hätten sie ihren Kollegen nicht in die höheren Weihen eingeführt und ich könnte Ihnen nicht erzählen, welche dramatische Wirklichkeit einfache Illusionen entfalten können. So aber banden sie ihren Kollegen mit verbundenen Augen an einem Stuhl fest und erklärten ihm, sie würden ihm nun die Pulsadern aufschlitzen. Sie ritzten seine Handgelenke und liessen aus zwei kleinen Kännchen körperwarmes Wasser über seine Hände laufen, als ob tatsächlich Blut austreten würde. Der arme Mann hat die Illusion nicht überlebt.

Richtig losgetreten wurde die Spekulation nämlich erst, als wegen der übergrossen Nachfrage Tulpenzwiebeln auch auf Termin verkauft wurden. Die Käufer sicherten sich gegen eine Gebühr von 2,5 Prozent eine notariell beglaubigte Option, die zur Erntezeit erfüllt werden musste, in der Regel aber schon vorher mehrmals gewinnbringend die Hand wechselte. Man konnte also mit relativ wenig Geld und einem Versprechen an die Zukunft einen satten Gewinn einstreichen. Man musste einfach aussteigen, bevor die Uneinlösbarkeit der Versprechen ruchbar wurden. Das ist, wie bei allen folgenden Blasen, nur den allerwenigsten gelungen.

Es gibt andere Illusionen, die führen nicht zum Tod, sondern bloss in den Ruin. So gab es eine Zeit, da bezahlte man in Holland für eine seltene Tulpenzwiebel so viel wie für ein Haus. Sie dauert nicht lange, in ihrer heissen Phase bloss ein paar Monate. Aber sie endete mit Tausenden von Obdachlosen, die sich mit dem Anblick einiger Tulpen über den Verlust ihrer Vermögen hinwegzutrösten versuchten. Die holländische Tulpenmanie der 1630er Jahre gilt als die erste Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte und an ihr kann man bereits den entscheidenden Bestandteil aller folgenden erkennen.

Für Illusionen wurde schon immer gern viel ausgegeben, als ob man ihnen mit Geld mehr Wirklichkeit einhauchen könnte. Ein solches Geschäft mit historischen Dimensionen war der Ablasshandel, mit dem sich die Christen Europas eine Verkürzung ihrer Zeit im Fegefeuer erkauften. Wie leicht können wir Heutigen über diesen Unsinn den Kopf schütteln. Damals, um 1500, war dies allgemeine Praxis. Und es brauchte den Mut und die Wortgewalt eines einfachen Augustinermönchs, der nicht mehr als sein Leben zu verlieren hatte, um diesem betrügerischen Geschäft ein Ende zu setzen. Eine


Die Illusion des Geldes

Abb. 10: Der blinde Fleck, entdeckt im Jahre 1666 von Mariotte. Halten Sie zwischen dem linken Auge und dem Buchstaben ‹ Z › 30 Zentimeter Abstand und lenken Sie den Blick dann allmählich in die Richtung des kleinen Kreuzes auf der rechten Seite. Es gibt eine Stelle, an der der Buchstabe für das Auge verschwindet, und die Strahlen in der Mitte zusammenlaufen.

Geistes- oder Kirchengrösse der Zeit hätte es nicht gewagt, diesen offensichtlichen Unsinn in Frage zu stellen. Der kleine Martin Luther schon. Heute, da Religion und Kirchen die Deutungsgewalt über die Phänomene dieser Welt verloren haben, ist leicht lachen über die reichlich illusionären Überzeugungen, die in vergangenen Epochen das Denken geformt und das Verhalten bestimmt haben. Aber: Auch unser heutiges Wissen ist schon morgen überholt und es gibt keine erkenntnistheoretische Sicherheit, dass sich darunter nicht auch ein paar handfeste Irrtümer und kollektive Illusionen befinden. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar sehr gross. Viele neue Einsichten vertiefen nicht nur die alten, sondern falsifizieren sie auch. Ein Punkt in der Erkenntnisgeschichte der Menschheit ist jedenfalls nicht bekannt, ab dem unsere Wissenschaften – die ökonomischen ganz besonders – nur noch Wahrheiten hervorbringen, die sich bestenfalls erweitern lassen, aber sich bestimmt nicht als falsch erweisen. Was ich damit sagen will: Es darf mit einiger Sicherheit angenommen werden, dass auch unsere Zeit ein paar Illusionen aufsitzt, die wir nicht erkennen, weil das Wissen zu deren Erkenntnis nicht bekannt oder weil der unverstellte Blick einfach zu gefährlich ist. Die angebliche Werthaltigkeit des Geldes ist eine solche flächendeckende Illusion.

Geld, das muss leider immer wiederholt werden, entsteht durch den Kredit. Jedesmal, wenn eine Bank einen Kredit spricht, erhöht sich die Geldmenge um den entsprechenden Betrag (abzüglich der Mindestreserve von 2,5 Prozent). Wenn Sie ein Haus bauen wollen und dafür von der Bank eine Million erhalten, steigt die Geldmenge um 975’000 Franken, die es vorher nicht gegeben hat. Die Nationalbank bestätigt diesen Vorgang in Ihrer Broschüre «Die Nationalbank und das liebe Geld»: «Die Banken sind eigentliche Geldvermehrer.» Die Banken machen also aus Schulden Geld. Der «Wert» dieses Geld hängt von zwei Faktoren ab: Der Wertschöpfung, die aus den Krediten entsteht und der Tilgungsfähigkeit der Kreditnehmer. Nun ist es längst nicht mehr so, dass aus jedem Kredit ein realer Wert entsteht, wie zum Beispiel ein Haus. Der überwiegende Teil der Kreditsummen fliesst heute nicht mehr in die Realwirtschaft, sondern in die Finanzwirtschaft, konkret in die Spekulation. Da entstehen keine Werte, sondern Wertvorstellungen, die aufgrund der wachsenden Mittel ins Irreale steigen. Die Derivatblase umfasst heute Forderungen, die ein Mehrfaches des Weltbruttosozialprodukts umfassen. Die fehlende Wertschöpfung aus Bankengeld ist nur das eine Problem. Das andere besteht daraus, dass die Kredite nur getilgt werden können, wenn

Geldillusion ganz konkret: Rettungsschirm aus heisser Luft Dieser Text ist die redigierte Fassung eines Artikels auf dem Blog: www.christoph-pfluger.ch, in dem der Autor täglich über Geldfragen schreibt und das aktuelle Geschehen in der Welt des Geldes kommentiert. Infos über EFSF: www.efsf.europa.eu

Wie weit die Illusion des Geldes geht und wie wenig der Mensch darüber erfährt, zeigt der Schirm der EU zur Rettung der maroden Banken. Dieser Rettungsschirm wurde vor kurzem von 440 Milliarden Euro auf 2,5 Billionen aufgehebelt. Wie, das haben die Medien einmal mehr nicht erklärt. Aber genau das wollte ich wissen. Ich rufe also die europäische Zentralbank in Frankfurt an, wo man mir irgendwie erleichtert erklärt, nicht sie sei dafür zuständig, sondern die «European Financial Stability Facility», die EFSF in Luxemburg. Das ist eine kleine Organisation mit einem Dutzend Mitarbeiter und der Chief Press Officer, Christof Roche, ist natürlich nicht erreichbar, da allein und für alles zuständig. Über sein Autotelefon gibt er mir schliesslich bereitwillig Auskunft. Zuerst will ich wissen, wieviel denn die Staaten als Sicherheit für ihre Garantien im Umfang von 440 Milliarden hinterlegt hätten. Roches unverblümte Antwort: «Es wurde nichts einbezahlt und es ist auch nicht vorgesehen.» Beim Rettungsschirm handelt es sich also um ein reines Zahlungsversprechen von Staaten, die bis an die Grenze der Zahlungsunfähigkeit verschuldet sind und die zum Zeitpunkt des Zahlungstermins noch tiefer im Schuldenmorast stecken werden. Nicht einmal Deutschland mit seinem AAA-Rating ist realistischerweise in der Lage, seine Schulden zurückzubezahlen. Mit anderen Worten: Die

440 Milliarden bestehen aus heisser Luft. (Richtiges Kapital soll erst mit der Bildung des «European Stability Mechanism (ESM) einbezahlt werden, d.h. ab 2013.) Diese «Garantien» ermöglichen es nun dem EFSF, «Geld aufzunehmen», wie Roche sich ausdrückt. Konkret: Der EFSF geht zu den verschuldeten Banken, die gerettet werden müssen und erhält von ihnen aufgrund dieser Garantien Geld, d.h. Kredite im Umfang von 2.5 Billionen, die, wir wissen es mittlerweile, von den Banken aus dem Nichts geschöpft werden. Dieses «Geld», von dem ein Teil durch zukünftige Leistungen der Steuerzahler «garantiert» wird, leitet der EFSF an die EU-Staaten weiter, die damit die Banken «retten», die es hergestellt haben. Es ist, da passen nur zwei Worte, ein gigantischer Betrug. Man möchte es zum Fenster hinausschreien, wenn man nicht als Geisteskranker interniert würde. Man möchte es den Politikern an Kopf werfen, wenn sie einen hätten. Man möchte es mit den Wolken in den Himmel schreiben, wenn man es könnte. Stattdessen sitze ich hier, schreibe einen Text, den ein paar Unentwegte lesen, die es ohnehin wissen und frage mich, was der ganze Irrsinn mit uns vorhat. Lange müssen wir wohl nicht mehr auf eine Antwort warten.  CP

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Abb. 11: Dieser Effekt ist eine Weiterentwicklung des HermannGitters nach Ludimar Hermann (1838 – 1914) oder Hering-Gitters nach Ewald Hering (1834 – 1918). Man nennt die Grafik Scintillation Grid nach Jim R. Bergen oder Szintillierendes Gitter nach Elke und Bernd Lingelbach sowie Michael Schrauf. (Nach Walter H. Ehrenstein jr. und Bernd Lingelbach in «Physik in unserer Zeit» Nr. 6/2002)

Wenn das amerikani­ sche Volk es den Privatbanken je erlaubt, die Ausgabe ihres Geldes zu kontrollieren, zuerst durch Inflation, dann durch Deflation, dann werden die Banken und Firmen, die um diese Banken heranwachsen, den Menschen ihren ganzen Besitz wegnehmen, bis ihre Kinder obdachlos aufwachsen, auf dem Kontinent, den ihre Vorväter erobert haben. Thomas Jefferson

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ständig neue gesprochen werden, die ihrerseits nur zurückbezahlt werden können, wenn die Geldmenge über den Kredit erhöht wird – ein klassisches Schneeballsystem. Konkret: Die Bank schöpft zwar die Million für Ihr Haus, aber nicht die zweite Million, die Sie brauchen, wenn Sie das Haus in 30 Jahren (bei fünf Prozent Zins) abzahlen wollen. Das Geld zur Bezahlung der Zinsforderungen fehlt in der Volkswirtschaft. Deshalb muss sie ständig wachsen, was natürlich in der realen Welt nicht möglich ist. Unser Geld besteht also aus Forderungen an die Zukunft, die unter keinen Umständen eingelöst werden können. Vor dieser sehr schmerzhaften Erkenntnis schützen uns keine Rettungsschirme, keine Stabilisierungsfonds, keine Goldvorräte und schon gar nicht die Scheuklappen und Durchhalteparolen der Politiker. Hinter unserem Geld steht bloss ein Bruchteil des Wertes, den wir uns vorstellen und mit dem die Banken rechnen. Warum wir die Illusion des Geldes nicht erkennen. Wir sind blind, wir haben keine Zeit, wir haben Angst, und wir kennen nichts anderes. Wir sind blind, weil unsere von der Evolution der Natur geprägte Wahrnehmung das Unnatürliche der fiktiven Geldvermehrung nicht sieht. Wir können den Selbstbetrug nicht erkennen, weil wir schon so viel Lebensenergie darin investiert haben. Wir haben keine Zeit, weil sich

die Forderungen des Geldsystems enorm beschleunigen. In der exponentiellen Welt des Geldes kommt die Hauptsache ganz am Schluss, und zwar schnell. Wir haben Angst, weil sich der Mangel ständig ausbreitet und wir spüren, dass er früher oder später auch uns erfasst. Und wir kennen nichts anderes, weil fast die gesamte vom Menschen geschaffene Welt von den Kräften des Geldes kontrolliert wird. Die letzten geldfreien Inseln werden vom steigenden Meer der Finanzüberhitzung geflutet. Bernard Lietaer beschreibt im sehenswerten GeldFilm «Der Schein trügt» von Claus Strigel einen afrikanischen Stamm in Namibia, der, so die Historiker, seit Tausenden von Jahren unverändert lebte und damit als die nachhaltigste Gesellschaft überhaupt bezeichnet werden kann. Die Dörfer waren kreisförmig angelegt mit den Eingängen der Hütten zum Zentrum, sodass alle wussten, wenn sich irgendwo etwas abspielte, das ein Eingreifen erforderte. Gekocht wurde draussen, und wenn ein Jäger eine Antilope erlegte, ass das ganze Dorf mit. So lebten die Kung während Generationen und Generationen, kein Konflikt, keine Seuche, keine Trockenheit, nichts konnte ihre gewohnte Lebensweise aus der Bahn werfen, bis in den 70er Jahren der Fortschritt über sie herfiel, und zwar in der Form des Geldes. Die Absicht der Regierung, die rückständigen Kung für den Handel zu gewinnen, war vermutlich lauter. Aber der Einfluss


Die Illusion des Geldes

Geld als Institution hat alle Eigenschaften einer aberwitzigen Religion: Ihre Anhänger glauben an Etwas, das in der behaupteten Form nachweislich nicht existiert. Sie befolgen die Regeln ihrer Hohen Priester bis ins letzte Detail und opfern im Glauben an eine verheissungsvolle Zukunft, die nie eintreten wird, auch das letzte, was den Menschen von der übrigen Kreatur unterscheidet: die Freiheit.

des Geldes, das sich in der kleinen Volksgemeinschaft breit machte, war verheerend. Innerhalb von nur zehn Jahren war aus der nachhaltigen Solidargemeinschaft eine individualisierte Gesellschaft geworden mit allen bedrückenden Problemen der Armut. Die Eingänge der Hütten wurden vom Dorfzentrum abgewandt und gekocht wurde drinnen, damit ja keine ungebetenen Gäste an den rar gewordenen Genüssen teilhaben konnten. Bereits die Kinder der heutigen Kung werden nichts mehr anderes kennen als Staub, Elend und hie und da ein bisschen westliche Hilfe. Und die Geschichten ihrer Grosseltern werden ihnen vorkommen wie Märchen einer anderen Welt. So geht es auch uns. Der Mangel, den unser Geldsystem der Gesellschaft aufzwingt, setzt sich sogar im Körper fest. Wie der amerikanische Zellbiologe Bruce H. Lipton in seinem Buch «Biology of Beliefs» zeigt, reagieren Zellen auch auf Gefühle. Das ist an sich nichts Neues. Wer einmal verliebt war, von Sorgen gequält wurde oder panische Angst hatte, weiss, dass sich der Körper allein aufgrund von Gefühlen in einem anderen physischen Zustand bewegt. In der

Liebe ist er leichter, in der Sorge schwerer und bei akuten Gefahren ist er zu unglaublichen Höchstleistungen fähig. Rezeptoren an den Zellmembranen nehmen die Signale aus der Umgebung auf und lösen entsprechende Reaktionen aus. Neu an Bruce Liptons Erkenntnissen ist jedoch die Erklärung für die Chronifizierung gewisser Zustände. Treten bestimmte Zustände gehäuft auf, verdrängen die zu ihrer Wahrnehmung notwendigen Rezeptoren die weniger gebrauchten. Wer lange Angst hatte, kann sich der Liebe nur noch schwerlich öffnen. Er hat dann gewissermassen die schwarze statt die rosa Brille auf. Mit dieser schwarzen Brille sehen wir dann nicht, dass es eigentlich genug für alle hätte. Wir wissen es zwar – die Zahlen beweisen es ja – aber wir können es nicht glauben. Niemand wagt heute ernsthaft in Betracht zu ziehen, die Erde könne die jetzt lebende Menschheit ernähren und mit einem vernünftigen Wohlstand versorgen. Niemand. Lieber erfinden wir allerlei Rechtfertigungen, diese kühne Wahrheit ins Reich der Illusionen zu verbannen: der Mensch sei von Natur aus gierig, der Kapitalismus ohne Alternative, der Wettbewerb Veranlagung. Trotzdem: Das

Wie wir die Illusion wahr machen – und wie wir uns befreien Eine Illusion wird wahr, indem wir sie leben. Das geschieht beim Geld auf vielfältige Weise, zum Beispiel indem wir  - eine Arbeit nur um des Geldes willen verrichten  - andere beneiden  - sparen (eine Illusion anhäufen)  - spekulieren und an Lotterien teilnehmen  - Geld zu einem bestimmenden Faktor in einer   persönlichen Beziehung machen  - betrügen, stehlen oder sonstwie leistungslose   Einkommen anstreben. Einen kleinen Betrug zu erkennen, fällt uns normalerweise leicht – ach, der hat mich um einen Franken geprellt! Der grosse Betrug, in den wir selber viel investiert haben, können wir dagegen nur sehr schwer

entdecken. Vor allem die Erkenntnis, wie dumm und leichtgläubig wir gewesen sind, schaffen viele erst, wenn es nicht mehr anders geht. Selbstbetrug hält sich am längsten. In den 24 Jahren meiner journalistischen Tätigkeit zum Thema Geld hat mich natürlich immer auch die Frage nach der Befreiung von der Illusion des Geldes umgetrieben. Nach meinem bisherigen Erkenntnisstand gibt es zwei harte und einen leichten Weg. Die beiden beschwerlichen: intellektuelle Durchdringung des Problems oder reale Lebenspraxis ohne Geld. Der leichte: Geld verschenken. Probieren Sie es aus. Wenn es Ihnen schwer fällt: Beginnen Sie mit kleinen Beträgen.  CP

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Was ist wirklich ?

Gegenteil ist wahr. Die Evolution basiert auf Zusammenarbeit: von Atomen, von Zellen, Organen und Organismen, von Menschen, Gruppen und Völkern. Nur im Mangel wird der Wettbewerb, der Kampf jeder gegen jeden zum Überlebensprinzip. Nur: Der real existierende Mangel von heute geht auf eine Illusion von Mangel zurück, durch ein Geld, das letztlich nichts ist. Geld als Institution hat alle Eigenschaften einer aberwitzigen Religion: Ihre Anhänger glauben an Etwas, das in der behaupteten Form nachweislich nicht existiert. Sie befolgen die Regeln ihrer Hohen Priester bis ins letzte Detail der Lebenspraxis und opfern im Glauben an eine verheissungsvolle Zukunft, die nie eintreten wird, alles, auch das letzte, was den Menschen von der übrigen Kreatur unterscheidet: die Freiheit. Dieses suizidale Programm ist dermassen stark in unseren Zellen verankert, dass es sich wohl nur in einem intensiven, heilsamen Schock überwinden lässt. Damit ist nicht gesagt, wir seien alles Mitglieder dieser Untergangssekte. Aber wir leben inmitten einer Wolke der Angst, die uns die Sicht auf die Wirklich-

keit erschwert und sehr viel Disziplin erfordert, unsere eigene Wahrnehmung aufrechtzuerhalten. Dazu sind die Medien voller Botschaften, die uns eines Anderen belehren: Überall Mangel, Verteilkämpfe und Schulden – das kann doch nur wahr sein! Lieber verschieben wir die Kosten des Schneeballsystem in die Zukunft – dorthin, wo sich alle Schäden kleinrechnen. Die Illusion schützt sich auch selber. Unerhört, was passieren könnte, wenn sich der Glaube ans Geld plötzlich zu dem auflöste, was er im Grunde ist – ein apokalyptisches Nichts. Die Versorgung würde zusammen- und das Chaos ausbrechen, der Schrecken unsere Schlafzimmer erobern und die Tyrannei die Amtsstuben. Da klammern wir uns doch lieber an die vertraute Illusion in der unausgesprochenen Hoffnung, ihren Zerfall nicht zu erleben. Aber wir werden dabei sein. Bald. Der vorliegende Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch Das nächste Geld von Christoph Pfluger, das Ende November 2011 bei der Edition Zeitpunkt erscheint (ca. 120 S., Fr. 24.-). Bestellung zum Subskriptionspreis von Fr. 19.- mit der Bestellkarte im Umschlag.

Wir sind die Pioniere Georges Bucher Bereichsleiter IT

Books on Demand, Paperback, 280 Seiten Fr. 25.90, ISBN 978-3-8423-5998-7 Auch zu bestellen bei: www.anderewelt.ch

die ökologisch- ethische Pensionskasse

«Die Nachhaltigkeit unserer Anlagen, die guten Anstellungsbedingungen, die Transparenz unseren versicherten Betrieben gegenüber und natürlich die Mitbestimmung.» Darin sind wir Pioniere – seit 25 Jahren.

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www.nest-info.ch

«Was alle angeht, können nur alle lösen.» 

Friedrich Dürrenmatt


Was ist wirklich ?

Alles Schlampen oder was ? Für das Recht, eine Schlampe zu sein, setzen sich zwei Bewegungen ein, die wohl unterschiedlicher nicht sein könnten: die «Slutwalks» und der «Klub der gehorsamen Frauen». Ein Thema, zwei Realitäten.   von Brigitte Müller Rohaya Mohamad weiss ganz genau, wer Schuld ist, wenn Männer ihre Frauen schlagen: die Gattin natürlich. Ist die Frau ungehorsam, wird der Ehemann unglücklich. Ist der Mann unglücklich, betrügt er seine Angetraute oder schlägt sie. Aufgabe einer Ehefrau ist es also, ihren Mann glücklich zu machen, damit der nicht gezwungen ist, böse Sachen zu tun. Nun drängt sich jedem halbwegs emanzipierten Wesen der Gedanke auf, die arme Frau Mohamad sei vermutlich den Grossteil ihres Lebens zuhause eingesperrt gewesen, habe keinerlei Bildung genossen und müsse notgedrungen ohne weibliche Freunde in ihrer eigenen Wirklichkeit leben. Denkste. Die Dame ist 46, Ärztin und Vizepräsidentin des «Klubs der gehorsamen Frauen». In diesem Verein erfahren Ehefrauen, wie sie ihren Männern am besten dienen können, etwa, in dem sie «ihre ehelichen Pflichten wie eine erstklassige Prostituierte oder noch besser erfüllen», sagt Rohaya Mohamad. So hat der Mann keinen Grund mehr, sich ausserhalb zu holen, was ihm rechtens zusteht. Dass der liebe Gatte «zuhause isst», macht wiederum die Gattin froh. Eine klassische win-winSituation also, so die Logik der Vereinsfrauen. Hinter dem Klub steht die konservativ-islamische Organisation Global Ikhwan, die bereits mit ihrer Idee eines «Polygamie-Klubs» für Entsetzen sorgte. In Malaysia, wo rund 60 Prozent der Bevölkerung muslimisch ist, hat der «Klub der gehorsamen Frauen» für viel Aufregung gesorgt. Frauenrechts-Organisationen empörten sich genauso wie Politiker und Politikerinnen über das frauenfeindliche Bild, für das sich der Verein stark macht. Dennoch scheint der Klub einen Nerv zu treffen, denn bereits sind über 800 Mitglieder zu verzeichnen und in Indonesien wurde inzwischen der «Obedient to Husband Club» gegründet, wo Weisheiten wie «es geht nicht immer um dich» propagiert werden.

Ein paar tausend Kilometer entfernt versammeln sich im August mehrere tausend Frauen in deutschen Städten, aufreizend bekleidet, einige gar oben ohne. Auch einige Männer sind in der Menge auszumachen. Was auf den ersten Blick nach Street Parade klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Bei den sogenannten «Slutwalks», den Schlampenmärschen, protestieren Frauen für ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und setzen ein Zeichen gegen sexuelle Gewalt und das Verharmlosen von Vergewaltigungen. Ausgelöst wurde der Protest dieses Frühjahr durch einen Polizisten, der an einer Universität in Kanada den anwesenden Frauen riet, sich nicht wie Schlampen anzuziehen, wollten sie nicht Opfer sexueller Gewalt werden. Einige Studentinnen gingen gegen diese Aussage auf die Strasse, der erste «Slutwalk» war initiiert. Dank Social Media verbreitete sich die Idee rasch weltweit. Ob in Deutschland, Australien, Südafrika, den USA oder Südkorea – die Märsche haben in den Medien für viel Beachtung gesorgt. Schliesslich lassen sich Bilder halbnackter Frauen immer gut verkaufen. Wohl auch deshalb ziehen die Schlampenmärsche immer mehr Kritiker auf den Plan – vor allem Feministinnen. Verurteilt wird der Name, der unglücklich gewählt sei, und dass sich die Frauen von den Mechanismen der Mediengesellschaft missbrauchen lassen. Mit sexueller Befreiung habe die Bewegung nichts zu tun, kann man in verschiedenen Internet-Foren wie dem populären Blog von Anita Sarkeesian (www.feministfrequency.com) nachlesen, genauso wie die Kritik, die Proteste würden die sys­tematischen Strukturen sexueller Gewalt ignorieren. Wo einige Frauen bereits das Licht am Ende des Tunnels sehen, ist für andere das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht.

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Was ist wirklich ?

« Eine beständige und absolute Wirklichkeit gibt es nicht» «Es gibt keine ewige Seele, keinen Schöpfergott und keine letztendliche Wahrheit, an der wir festhalten können», sagt Dharmacharya Marcel Geisser, 59. Der Zen-Meister stellt die postulierte Wirklichkeit in Frage –   von Alexander Krebs nicht militant, aber radikal.  Herr Geisser, Ihre Schüler üben sich gerade in Schweigen – wieso ? Achtsames Reden ist eine der höchsten Künste und wir fangen hier nicht mit der schwierigsten Praxis an. Schweigen erleichtert das Erlernen von Achtsamkeit. Aber es ist nicht zwingend. Man muss nicht schweigen.

Dharmacharya Marcel Geisser: «Hoffnungen, die keinen Sinn machen, zerstöre ich gerne. Dadurch entsteht wahre Freiheit.»

Das erleichtert unser Interview sehr. Wieso ist Achtsamkeit so wichtig ? Es bringt keine guten Früchte, wenn wir die Welt rein intellektuell erfassen. Wir müssen in direkte Verbindung mit ihr kommen. Da ist Achtsamkeit grundlegend. Sie hat immense Tiefen und ermöglicht uns verschiedene Interpretationsmöglichkeiten der Wirklichkeit, die wir ja selber erschaffen. Wie übt man Achtsamkeit ? In der Achtsamkeit untersuchen wir Körper, Gefühle und Geist. Am Anfang lernen wir, den Geist zu sammeln. Man kann Achtsamkeit im Alltag nur ein Stück weit entwickeln. Für echte Einsicht ins Leben bedarf es intensiverer Übungen, zum Beispiel Meditation. Das Meditationszentrum ist ein Gewächshaus, wo wir Achtsamkeit erlernen, damit wir sie später im Alltag gut anwenden können. Wieso fällt uns das achtsame Leben so schwer ? Wir sind unglaublich abgelenkt. Wir leben in einer Welt völliger Reizüberflutung. So lernen wir zwar immer schneller, immer mehr Informationen halbwegs zu verarbeiten. Aber das macht uns oberflächlich, wir sind nicht wirklich informiert oder wissend. Es fehlen uns Zeit, Musse, Ausdauer und Konzentration, um in die Tiefe zu gehen.

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Was macht das mit dem Menschen ? Wenn wir keinen tiefen Kontakt mit dem Leben haben, findet eine massive Sinnentleerung statt. Wir sind desorientiert. Die Folgen sind in unserer Gesellschaft offensichtlich. Sie sagen, durch die meditative Annäherung an die Wirklichkeit seien Sie auf der Suche nach Glück. Ist es Sinn des Lebens, glücklich zu sein ? Es sieht zumindest so aus. Wir sind komplexe Lebewesen mit einem einfachen, biologischen Einteilungssystem: Jede Sinneserfahrung ist entweder angenehm oder unangenehm. Das ist zwar lebensnotwendig, wird aber zu einem Selbstläufer. Tag und Nacht rennen wir dem nach, was wir als angenehm erfahren und vermeiden, was uns als unangenehm erscheint. Das ist ein enorm anstrengendes Unterfangen. Was ist die Alternative ? Es gibt ein Glücklichsein, das nicht im Befriedigen von Bedürfnissen begründet ist. Aber die wenigsten von uns kennen das Glück der inneren Stille. Wer will denn schon verzichten, wenn er alles haben kann ! ? Der Buddha ist im Wohlstand aufgewachsen und hat doch alles hinter sich gelassen. Er hat gesagt: «Ich habe auf nichts verzichtet, denn ich habe gar keine Bedürfnisse mehr nach all dem.» Er sprach von innerer Wunschlosigkeit. Man könnte es auch fehlenden Ehrgeiz nennen. Ich war früher ziemlich ehrgeizig und bin mit diesem Ehrgeiz auch an die Meditation herangegangen.


Eine beständige und absolute…

«Was wir scheinen und  schaun im Raum ist nur ein Traum  in einem Traum» Perla la Gadeon zamonischer Schriftsteller

Ohne dieses Streben würde ich nicht soviel Energie in diesen Weg legen, meinte ich. Ich habe diese Haltung sehr gerechtfertigt. Erst später habe ich mich gefragt: Wie wäre es eigentlich mit Interesse ? Interesse ist auch eine enorme Kraft mit viel Kreativitätspotenzial. Aber es steckt eine ganz andere Motivation dahinter. Wird dieses Interesse dem Menschen in die Wiege gelegt ? Alles, womit wir in der Meditation arbeiten, wird uns in die Wiege gelegt. In der buddhistischen Psychologie reden wir von 52 Qualitäten unseres Bewusstseins. Diese sind zwar oft verschüttet, doch die Kernfrage ist: Was kultivieren wir im Leben ? Es gibt neutrale Qualitäten (wie Konzentrationsfähigkeit), heilsame (Mitgefühl, Weisheit) und unheilsame (Neid, Gier). Heilsame Qualitäten führen zu mehr Einsicht, Freiheit und Liebe. Sind diese 52 Qualitäten des Bewusstseins jedem Menschen inhärent ? Ja, mit dem Unterschied, dass die Qualitäten mit der Geburt unterschiedlich stark entwickelt sind. Heute sagt man, wegen der Gene. Auch die Reinkarnationslehre ist eine Erklärung dafür, dass nicht alles bei Null anfängt, wenn man auf die Welt kommt. Was, wenn unheilsame Qualitäten stärker entwickelt sind ? Jeder muss mit dem arbeiten, was vorhanden ist. Entwickelbar sind aber alle Qualitäten. Das ist ja die frohe Botschaft des Buddha: Der Geist ist formbar !

Haus Tao

In der Meditation ? Ja. Erst durch die eigene Erfahrung merken wir, was heilsam ist und was nicht. Muss man Ellbogen haben ? Muss man der Beste sein ? Muss man den Anderen fertig machen ?

Marcel Geisser ist Gründer und Leiter des Meditationszentrums Haus Tao in Wolfhalden (AR). Es ist ein buddhistisches Praxis- und Studienzentrum der Sati-Zen-Gemeinschaft. Deren Hauptinteresse gilt der Verbindung von Vipassana (Achtsamkeits-Meditation) und Zen. Das ganze Jahr über finden Kurse und Retreats statt. www.haustao.ch

Wieso ist es wichtig, den Tod zu akzeptieren ? Wenn wir vom Leben reden, reden wir immer auch vom Tod, immer auch von Veränderung und von Umwandlung. Aber wir haben uns stark von dem entfernt. Wir unterscheiden immer in Gut und Böse. Wenn ein Kind geboren wird, machen wir ein Riesentamtam. Aber dass für dieses neue Leben vieles sterben muss, blenden wir aus. Wir sind schon eigenartige Geschöpfe. Ziemlich lebensfremd.

Marcel Geisser: Die Buddhas der Zukunft. Haus Tao-Verlag 2003, 340 Seiten, Fr. 32.00 / 23,50 Euro (vergr.)

Was ist es denn, dieses Leben ? Ein echtes Mysterium ! Eine fantastische Gelegenheit zu erfahren, wie wir mitbeteiligt sind an der Schaf-

fung der verschiedenen Wirklichkeiten. Wir können hier auf Erden Liebe und Weisheit zu einem Höhepunkt entwickeln. Ob es das an anderen Orten im Universum auch gibt, wissen wir nicht. Wir müssen hier und jetzt ein möglichst gutes geistiges Klima kultivieren. Sonst leben wir in einem ständigen Überlebenskampf. Ich mache mir Sorgen um Lebensqualitäten wie Lebensraum, Zeit und Frieden. Wird es Gott für uns richten ? Auch diese Sicht hat mit der Schaffung von Wirklichkeit zu tun. Ohne Mensch gibt es keinen Gott. Wenn wir eindringen ins Universum, dann sehen wir, dass alles extrem genial ist. Eine mögliche Schlussfolgerung ist: Da muss es einen Schöpfer geben. Das ist eine Variante, in der man der Natur nicht besonders viel zutraut. Die Natur könnte ja implizit so intelligent sein. Es gibt keinen Gott ? Der Buddha hat gesagt: «Ich habe das ganze Universum geistig durchwandert, doch Brahman, den Schöpfergott, habe ich nirgends gefunden.» Er hat aber nie gesagt, das Göttliche im Sinne einer überpersönlichen Weisheit und Liebe gibt es nicht. Der Buddha war kein Atheist. Es gibt übrigens auch keine permanente, alles überdauernde Seele. Kein Schöpfergott, keine Seele – was bleibt uns noch ? Es scheint für den Menschen eine enorme Leistung zu sein, sich diesem Fluss der sich dauernd verändernden Wirklichkeit anzuvertrauen. Stattdessen betrachten wir uns als Sonderposten im Universum und kreieren ein privates und abgeschlossenes, ewiges Selbst, in das wir eine Seele hineinprojizieren. Auch das ist eine reine Glaubensangelegenheit. Nichts ist von Bestand – wie soll man da den Sinn des Lebens finden ? Wenn das Baby schreit, ist der Sinn des Lebens, dass ich hingehe und es tröste. Wenn jemand Sorgen hat und er diese mitteilen möchte, ist der Sinn des Lebens, ihm zuzuhören. Stattdessen schaut der Mensch weg und macht sich verrückte, abstrakte Gedanken über irgendeinen Sinn im Leben. Der Sinn ist immer da, wo ich gerade bin. Wir können uns eine Hölle schaffen. Oder wir können uns, wenigstens in kleinen Bereichen, ein Stück Himmel schaffen, indem wir Qualitäten pflegen, die allen Freude machen: Rücksicht, Mitgefühl, Liebe zum Beispiel. Diese Qualitäten zu entwickeln, ist ein schöner Sinn des Lebens.

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Was ist wirklich ?

Seit Freud ist alles anders Sigmund Freud verdanken wir eine komplette Neuordnung der Selbstwahrnehmung. Vor ihm waren wir rationale Wesen mit unterschiedlicher Gefühlsausstattung. Seit Freud wird der Mensch und seine Beziehungen ständig vom Unterbewusstsein belagert. Keiner hat diese Kulturrevolution besser beschrieben, als der grosse Vereinfacher Dieter Schwanitz in seinem Buch «Bildung – alles, was man wissen muss».   von Christoph Pfluger

Können Sie sich ein Leben ohne das Unbewusste vorstellen ? Ich auch nicht. Und trotzdem: Noch vor etwas mehr als hundert Jahren war der Mensch Meister seines Lebens, wenn er denn wollte. Schwanitz beschreibt dies so: «Man unterstellte …, dass die Person Herr im eigenen Hause sei und ihre Gefühle und ihre Psyche bei entsprechender Selbstzucht unter Kontrolle habe. Laster, Schwächen, Obsessionen, Süchte wie Alkoholismus, Zwänge etc. wurden moralisch geächtet. Jedem wurde die Freiheit unterstellt, bei entsprechender Willensanstrengung auch wollen zu können, was er sollte. Und wenn er nicht konnte, wurde gedacht, dass er nicht wollte. Genau das hat Freud umgedreht: Wenn heute jemand nicht will, denkt man sofort, er kann nicht. Freud hat die Moral abgeschafft und die Psychologie an ihre Stelle gesetzt. Das hat er dadurch geschafft, dass er das Haus der Psyche um ein weiteres Appartement erweiterte: das Unbewusste. Seitdem ist der Mensch nicht mehr Herr im eigenen Hause. Er hat vielmehr einen Mitbewohner, den er zwar nie sieht, der ihn aber steuert und lenkt, ohne dass er es bemerkt. Freud nennt ihn wegen dieser Unsichtbarkeit auch das ES. Damit ist die alte religiöse Vorstellung der Besessenheit wieder zurückgekehrt und mit ihr auch die Praxis des Exorzismus (der Teufelsaustreibung). Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Im Exorzismus dachte man sich den Teufel als eine fremde Besatzungsmacht, die von draussen kam und wieder dahin vertrieben werden musste. Bei Freud dagegen hat die Person selbst

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das, was es nicht ertragen kann oder was unerlaubt ist, von sich abgespalten – Freud nennt das Verdrängung – und unkenntlich gemacht, so dass sie es gar nicht mehr wahrnimmt.» Durch die Verdrängung entsteht das Unbewusste und mit Freunds Psychoanalyse das Instrument, es zu durchdringen. Schwanitz dazu: «Der Psychoanalytiker weiss nun, was zu tun ist: das Unbewusste spricht eine verschlüsselte Sprache, also muss diese Sprache entschlüsselt werden. Und die Verschlüsselung ist die Technik, mit der das Ich einen Teil seiner selbst von sich abgespalten und als fremd ausgegeben hat. Also besteht die Therapie darin, das Ich dazu zu bringen, anzuerkennen, dass das, was ihm als fremd und befremdlich entgegentritt – diese Ängste und Zwänge, dieser Horror und diese Phobien (Abneigungen) –, ein Teil seiner selbst sind. Da die Therapie in der Entschlüsselung von geheimnisvollen und rätselhaften Symbolen besteht, hat die Psychoanalyse einen grossen Einfluss auf die Literaturwissenschaft ausgeübt. Und eigentlich gibt es kaum eine Disziplin, in der es um Sprache und Symbole geht, die nicht von der Theorie Freuds tief beeinflusst wäre. Am radikalsten aber hat die Psychoanalyse die Form verändert, in der die Individuen über sich selbst reflektieren und sich zum Thema werden. Dieses Terrain hat Freud zunächst völlig leergeräumt und dann mit seinen Kategorien besetzt. Sie haben sich verflüssigt und sind durch Sickerungseffekte bis in die Folklore und das allgemeine Alltagsbewusstsein vorgedrungen,

so dass sich Millionen Menschen in den Kategorien Freuds verstehen, die nie eine Zeile von Freud gelesen haben. In mancher Hinsicht kommt dies einer ebenso tiefgreifenden Kulturrevolution gleich, wie sie die Entdeckung des Gefühls im 18. Jahrhundert bedeutet hat.» Nicht nur die Selbstwahrnehmung hat Freud revolutioniert, sondern auch die Art, wie wir miteinander umgehen. Schwanitz: «Jeder muss jetzt mit dem Unbewussten des Andern rechnen. Das verhext die Beobachtung: Alles kann jetzt bewusst oder unbewusst sein. Und es verhext auch die Selbstbeobachtung, denn für einen selbst gilt dasselbe. Nun gibt es grundsätzlich zwei Arten, jemanden zu diskreditieren: moralisch – ‹er ist ein Schurke› –, aber das setzt Freiheit voraus. Das heisst, moralisch kann ich nur jemanden anklagen, wenn er auch anders gekonnt hätte. Die andere Form der Diskreditierung ist kognitiv: ‹Der versteht es nicht besser, er kann nicht anders, er ist neurotisch, zwanghaft, wahrscheinlich sogar wahnsinnig, auf jeden Fall aber schwer gestört›. Die Aufspaltung in Bewusstsein und Unbewusstsein lässt mir in der Kommunikation mit dem ändern just diese Wahl: Vergesse ich sein Unbewusstes, urteile ich moralisch und mache ihn für seine Handlung verantwortlich; beziehe ich mich dagegen auf sein Unbewusstes, entschuldige ich ihn moralisch, erkläre ihn für unverantwortlich – er ist ja neurotisch, der arme Teufel – und halte ihn für meschugge. CP Zitate aus: Dietrich Schwanitz: Bildung – alles, was man wissen muss. Eichborn, 2002. Fr. 52.90 / Euro 26,90


Kurzmeldungen

Wie sich die Gesellschaft kontrollieren lässt Eine Zusammenfassung der zehn Strategien der Manipulation von Noam Chomsky 1. Lenke die Aufmerksamkeit um

4. Schiebe Änderungen auf

Lenke die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf unwesentliche Ereignisse. So wird sie von wichtigen Informationen über tatsächliche Änderungen durch politische und wirtschaftliche Führungsorgane abgelenkt. Die öffentliche Meinung kehrt dem wirklichen gesellschaftlichen Problemen den Rücken zu, berieselt und abgelenkt durch Unwichtiges. Schaffe es, dass die Gesellschaft beschäftigt ist, beschäftige sie, und beschäftige sie so, damit sie keine Zeit hat, über etwas nachzudenken.

Soll die Gesellschaft eine ungewollte Änderung akzeptieren, ist diese als «schmerzhaftes Muss» zu präsentieren, damit die Menschen erlauben, sie in Zukunft einzuführen. Es ist einfacher, künftige Opfer zu akzeptieren, als sich ihnen sofort auszusetzen. Zudem hat die Gesellschaft die naive Tendenz, negative Veränderungen mit einem «alles wird gut» zu umschreiben. Diese Strategie gibt den Bürgern mehr Zeit, sich einer Änderung bewusst zu werden und die Akzeptanz in eine Art der Resignation umzuwandeln.

2. Erzeuge Probleme und liefere die Lösung

5. Sprich zur Masse wie zu Kindern

Auch «Problem-Reaktion-Lösungs-Methode» genannt. Es wird ein Problem bzw. eine Situation geschaffen, um eine Reaktion bei den Empfängern auszulösen, welche danach eine präventive Vorgehensweise erwarten. Verbreite Gewalt oder zettle blutige Angriffe an, damit die Gesellschaft eine Verschärfung der Rechtsnormen und Gesetze auf Kosten der eigenen Freiheit akzeptiert. Oder kreiere eine Wirtschaftskrise, um eine radikale Beschneidung der Grundrechte und die Demontierung der Sozialdienstleistungen zu rechtfertigen.

3. Stufe Änderungen ab Verschiebe die Grenzen von Änderungen stufenweise, Schritt für Schritt, Jahr für Jahr. Auf diese Weise setzte man in den 1980er und 1990er Jahren die neuen radikalen sozio-ökonomischen Vorraussetzungen durch (Neoliberalismus): Ein Minimum an Zeugnissen, Privatisierung, Unsicherheit, und was der nächste Tag bringt, ist Elastizität, Massenarbeitslosigkeit, Einfluss auf die Höhe der Einkünfte, das Fehlen von Garantie auf gerechte Lohnarbeit.

Die Mehrheit der Inhalte, die an die Öffentlichkeit gerichtet werden, sind manipuliert durch Argumente oder durch einen gönnerhaften Ton, den man normalerweise in einer Unterhaltung mit Kindern verwendet. Je mehr man seinem Gesprächspartner das Bild vor den Augen vernebeln will, umso lieber greift man auf diese Technik zurück. Warum? Wenn du zu einer Person sprichst, als ob sie zwölf Jahre alt wäre, dann weil du ihr genau das suggerieren möchtest. Sie reagiert in der Regel kritiklos oder antwortet, als ob sie tatsächlich 12 Jahre alt wäre.

6. Konzentriere dich auf Emotionen statt Reflexionen Der Missbrauch des emotionalen Aspektes ist eine klassische Technik, um eine rationale Analyse und den gesunden Menschenverstand eines Individuums zu umgehen. Darüber hinaus öffnet eine emotionale Rede Tür und Tor um Ideologien, Bedürfnisse, Ängste und Unruhen, Impulse und bestimmte Verhaltensweisen im Unterbewusstsein hervorzurufen.

7. Halte die Ignoranz der Gesellschaft aufrecht Die Masse soll nicht fähig sein, Methoden und Kontrolltechniken zu erkennen. Bildung, die der gesellschaftlichen Unterschicht angeboten wird, soll so einfach wie möglich sein, damit das akademische Wissen für diese nicht begreifbar ist.

8. Entfache in der Bevölkerung den Gedanken, sie sei durchschnittlich Erreiche, dass die Bürger zu glauben beginnen, es sei normal und zeitgemäss, dumm, vulgär und ungebildet zu sein.

9. Wandle Widerstand in schlechtes Gewissen um Die Menschheit soll denken, sie sei wegen zu wenig Intelligenz, Kompetenz oder Bemühungen die einzig Schuldige ihres Nicht-Erfolges. Das «System» wirkt also einer Rebellion der Bevölkerung entgegen, indem dem Bürger suggeriert wird, dass er an allem Übel schuld sei und mindert damit dessen Selbstwertgefühl. Dies führt zur Depression und Blockade weiteren Handelns. Ohne Handeln gibt es nämlich keine Revolution !

10. Lerne Menschen besser kennen, als sie selbst es tun In den letzten 50 Jahren entstand durch den wissenschaftlichen Fortschritt eine Schlucht zwischen dem Wissen, das der breiten Masse zur Verfügung steht und jenem, das für die schmale Elite reserviert ist. Dank der Biologie, Neurobiologie und der angewandten Psychologie erreichte das «System» das Wissen über die menschliche Realität im physischen als auch psychischen Bereich. Gegenwärtig kennt das «System» den einzelnen Bürger besser als dieser sich selbst und verfügt somit über eine grössere Kontrolle des Einzelnen.

Genie oder Behinderung ? Daniel Tammet gehört zu den Genies unserer Zeit. Er ist in der Lage, stundenlang die Zahl Pi aufzusagen – bis 22 000 Stellen nach dem Komma. In einer Woche erlernt er eine komplette Fremdsprache. Ein solcher Mann, sollte man meinen, müsste auf der Karriereleiter ganz oben stehen. Aber Daniel ist nach herkömmlichen Bewertungskriterien ein «Kranker». Er ist Autist. Man kennt diese Krankheit aus idealisierten Filmen, in denen zum Beispiel Dustin Hoffman oder Shah Rukh Khan den sympathischen, etwas trotteligen Behinderten geben. Selten werden Autisten aber als das betrachtet, was sie sind:

Menschen, die in einer völlig anderen Realität leben. Tammet «sieht» Zahlen anders als wir. Sie haben für ihn eine eigene Farbe und Form. In seinem Buch «Wolkenspringer» erzählt der Autist: «Ich spiele mit Zahlen, ich spaziere durch eine Landschaft, die in ununterbrochener Bewegung ist. Es ist wie ein Kunstwerk, das entsteht und sich ständig verändert, ein numerischer Visualisierungsprozess». Als Ausgleich für seine ungewöhnliche Begabung sieht Daniel Tammet andere Dinge nicht, die für uns selbstverständlich sind. So kann er menschliche Mimik nicht deuten und ist unfähig,

sich in andere einzufühlen. Sein Buch ist nicht nur ein einzigartiges Selbstporträt; es beschreibt wichtige Erkenntnisse der Gehirnforschung und ermutigt die Leser, das schlummernde Potenzial ihres Gehirns zu erschliessen. Das Versprechen, wir könnten die Stärken der Autisten in uns entwickeln, ohne an ihren Schwächen zu leiden, erfüllt das Buch nicht. Dafür gewährt es Einblick in die innere Welt eines Menschen, der «ganz anders» ist. Dies hilft, unsere eigene Wirklichkeitswahrnehmung nicht als absolut zu betrachten.  RR Daniel Tammet: Wolkenspringer – von einem genialen Autisten lernen. Patmos Verlag 2009; Fr. 34.90 / 19,90 Euro

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Was ist wirklich ?

Gibt es bald echte Holodecks ? «Computer: die Holosimulation initialisieren !» – solche Befehle kennen wir aus den Star-Trek-Serien. Zu sehen ist dann eine realistische Umgebung mit menschlichen Akteuren. Man kann mit ihnen kommunizieren und sie sogar anfassen. Nur: Sie sind nicht echt. Ein «Emitter» projiziert sie in den Raum, so wie sie vom Techniker programmiert wurden. Die philosophische Frage «Was ist Realität?» lässt sich mit Hilfe von Holodecks in Science Fiction-Filmen neu stellen. Der Zuschauer sieht eine spannende Handlung mit echt wirkenden Figuren. Plötzlich sagt jemand: «Computer, Programm beenden !», und man versteht: Es war alles nur virtuell. Ist das nur eine skurrile Filmidee, oder könnte es so etwas bald wirklich geben? Holodecks sind die natürlich Fortsetzung des Computerspiels mit dreidimensionalen Mitteln. Der Durchbruch der 3-D-Filmtechnik im Blockbuster «Avatar» war ein Schritt dorthin.

Kybernetiker der Max-Planck-Gesellschaft forschen nun an einem Einstieg in die Holotechnologie und wollen schon in naher Zukunft einen «Cyber-Walk» kreieren. Probanden sollen sich fast unbeschränkt innerhalb einer dreidimensionalen Simulation bewegen können. Städte, Landschaften und Situationen sollen am Computer so naturgetreu wie möglich programmiert werden. Sobald sich der Nutzer bewegt, sieht er dieselbe Szene aus einem anderen Winkel. Wie es funktioniert? Mit einer Spezialbrille mit kleinen Projektoren. Der Proband soll ausserdem keine grossen Entfernungen zurücklegen müssen. Er bleibt während des Spiels auf einer Plattform von 5 x 5 Metern. Tausende kleine Kugeln auf Laufbändern schieben ihn immer wieder zurück ins Zentrum, während er das Gefühl hat, zu gehen. Neben der Unterhaltungsindustrie interessieren sich auch die Medizintherapie und Museen für die neue Technik. RR 

Die Wahrheit über Vitamine

Was ist Ihnen wirklich wichtig? Was macht Ihr Leben lebenswert? Gibt es Dinge, die Sie unbedingt noch machen wollen? Welche Menschen bereichern Ihr Leben? Die Künstlerin Candy Chang wollte von seinen Mitmenschen wissen, was ihnen wichtig ist im Leben. Er fertigte eine grosse Tafel an, die er an die Wand eines verlassenen Hauses hängte. Darauf stand der Spruch: «Before I die I want to», den Passanten vervollständigen sollten. Innerhalb weniger Stunden war die mehrere Meter lange Tafel bereits vollgeschrieben. Was hätten Sie geschrieben? BM



Quelle: www.candychang.com

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Quelle: Spiegel online

Das Geschäft mit Vitaminen ist lohnenswert für die einen, ungesund für die anderen. Alles begann in den 1930er Jahren, als Hoffmann La Roche das Patent zur Herstellung von Vitamin C kaufte. Das Pulver erwies sich als Ladenhüter, bis die Firma die These aufstellte, Vitamin C stärke die Gesundheit und Abwehrkräfte. Erste Abnehmer fand man im 3. Reich, später machte Nobelpreisträger Linus Paulin das weisse Pulver wieder populär. Bald erkannte auch die Werbeindustrie den Wert der Vitamine als Gesundheitsplus. Die Folge davon kennen wir alle: Mehrere Milliarden Franken geben Konsumenten jährlich für Zusatzpräparate aus, in den USA nimmt inzwischen jeder zweite Zusatzpräparate zu sich, meist in hoher Dosierung. Keine Zeit für Obst und Gemüse ? Pillen und Tabletten werden’s schon richten. Falsch ! wie eine nationale Studie in Deutschland zur Vitaminversorgung belegt. Wir brauchen keine Zusatzpräparate. Im Gegenteil, ein Zuviel an künstlichen Vitaminen ist gefährlich. An der Universität Kopenhagen untersuchte man die Wirksamkeit von Antioxidantien (Substanzen, die Oxidationsreaktionen verhindern) und kam zum Schluss, dass die künstlichen Vitamine A, Betacarotin und E die Sterblichkeit um 5 Prozent erhöhen. Entwarnung für Vitamin C: Weder Nutzen noch Schaden konnte nachgewiesen werden.

Viel Lärm um nichts auch bei den freien Radikalen. Wer Sport treibt setzt angeblich viel davon frei und braucht Vitamin E, um diese einzufangen und Zellschäden zu verhindern. Das Gegenteil ist der Fall: Der Trainingseffekt verpufft. Ausserdem lässt Vitamin E die Zahl der Hirnblutungen steigen, so eine US-Studie aus dem Jahr 2008. Eine andere Studie (CARET) deckte ungewollt auf, dass Betacarotin, das Rauchern verschrieben wird, das Lungenkrebsrisiko erhöht, die Einnahme von Selen einen Einstieg von Diabetes verzeichnet und Vitamin E bei Männern einen Anstieg von Prostatakrebs bewirkt. Die Studie wurde abgebrochen. Das scheint Firmen wie Nestlé nicht zu beeindrucken: Sie preist auf ihrer Webseite weiterhin Vitamine, Mineralstoffe & Co. als Gesundheitspolizisten – kein Wunder, schliesslich verdient der Multi damit einen schönen Batzen Geld. Genau wie DSM, der Life-Science-Konzern mit Sitz in Basel. Er macht sein Geschäft mit Vitaminen, Lebensmittelzusätzen, Fettsäuren und Tiernahrung. 2011 stieg der Umsatz in dieser Sparte gegenüber dem Vorjahr um 9 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro. Also besser künftig die Hände von Obst und Gemüse lassen ? Nein, sagen Experten. Apfel & Co. sind gesund, obwohl sie Anti­ oxidantien enthalten. bm


Kurzmeldungen

Zauber einer verlorenen Zeit Manchmal erwache ich morgens und wünsche mich in eine andere Zeit. Also mache ich mich auf zum Bahnhof und steige in den Zug. «Einmal ins Mittelalter, bitte», sage ich und ehe ich mich versehe, stehe ich in einer alten Stadt. Ich rieche Feuer, Pferdemist und frisches Brot, sehe Bettler, Händler, Nonnen und sogar einen richtigen Ritter. Glauben Sie mir, das ist möglich ! Zugegeben, nicht jeden Tag, aber immer öfters. Mittlerweile finden im Sommer in der Schweiz fast jedes Wochenende Veranstaltungen zum Thema Mittelalter statt. Viele der Besucher erscheinen in altertümlich anmutender Gewandung, sie versuchen sich im Bogenschiessen oder der Kunst des Feuermachens, lassen eine unwiederbringlich vergangene Epoche wieder aufleben. Warum wollen wir uns zurückversetzen lassen in eine Zeit, in der die Lebenserwartung eines Menschen bei 30 Jahren lag, in der Ungezieferplagen und mangelnde Hygiene ebenso an der Tagesordnung waren wie Krieg und Unterdrückung durch eine totalitäre Kirche ? Weiter unten in der Gasse treffe ich Alice und Daniel Severin aus Zürich und konfrontiere sie mit meinen Gedanken. «Wie war es wohl ?», fragten sich auch die gelernte Schneiderin und der Brand Designer vor zwei Jahren und widmen sich seither dem Hobby «Living History». Mit «gelebter Geschichte“ anhand historischer Quellen

Herstellungsprozesse aber auch das Leben den damaligen Verhältnissen nachempfinden. Von Hand stellt Alice Kleidungsstücke nach überlieferten Bildern her, spinnt ihre Fäden selbst und näht von Hand, während Daniel sich der Kalligraphie verschrieben hat. Für Alice ist eine wichtige Erkenntnis, dass die Menschen damals viele Dinge des alltäglichen Lebens genauso gut lösen konnten wie wir heute – einfach auf eine andere Weise. «Die meisten Besucher der Mittelalterfeste streben aber nicht nach historischer Annäherung an die damalige Realität, sondern wollen ein romantisch überhöhtes Mittelalter erleben.» Ich fühle mich ertappt: mir geht es doch genauso ! Es wird Zeit, darüber nachzudenken. Skeptiker sehen in den Mittelalterfesten Realitätsflucht. Da muss doch mehr dahinterstecken, bin ich überzeugt. Bei der Herstellung eines eigenen Kleides zum Beispiel treibt der Wunsch an, diesen Prozess von Anfang bis Ende selbst mit zu gestalten. Eine Art Befreiungsschlag aus dem Alltag, der geprägt ist von hochtechnisierten, nicht durchschaubaren Vorgängen. Durch das Wiedererlernen alter Handwerke holen wir uns ein Stück Unabhängigkeit wieder. Vielleicht sind die Feste, an denen das Mittelalter romantisch überhöht wird, eine Möglichkeit, dem Zauber einer verlorenen Zeit zu erliegen. Sie wecken

unsere Sehnsucht, und «in der Sehnsucht klingt immerhin die Hoffnung an, irgendwann einmal doch ausbrechen zu können» (Anselm Grün). Mit diesem Gefühl im Herzen trete ich den Rückweg beschwingt an. Es lebe die Renaissance der Nostalgie !  Jonas Schneider



Veranstaltungstipps: www.mittelalterkalender.ch

Das Leben – ein Computerspiel Wenn man einen unbekannten Planeten bereisen will, braucht man einen kompetenten Führer, der die Überlebensregeln dort kennt. Das gilt auch für Azeroth, Schauplatz des legendären Computerspiels «World of Warcraft». Mein Führer heisst Jakob Lieb und ist 22. Er ist ein Ork-Schamane mit Level 60, ein sehr hoher Rang im Warcraft-Universum. Jakob hat sich durch das Bewältigen vieler Aufgaben in unzähligen Spielstunden Fähigkeiten angeeignet, die ihn mit Privilegien ausstatten. So darf er in Regionen eindringen, die für Anfänger verboten sind und auf dem Rücken eines Flugdrachens über die fantastische Landschaft schweben. Das erleichtert es ihm, mich mit auf seine Reise zu nehmen. «World of Warcraft» ist ein Multi-User-Role-Game. Der Spieler erschafft sich durch ein Dialog-Auswahlverfahren zunächst eine eigene virtuelle Identität. Der Spieler hat in «Warcraft» eine Vielzahl absonderlicher Körperformen und Charaktere zur Auswahl. Er kann Mensch, Zwerg, Nachtelf, Ork oder Troll sein. Ausser-

dem lassen sich verschiedene Funktionen (Schamane, Paladin, Krieger) übernehmen sowie Berufe erlernen. Obwohl er sich auch in einen gut aussehenden Jüngling hätte verwandeln können, entschied sich Jakob für den grotesken Ork. Es kommt hier nicht auf gutes Aussehen, sondern auf Charakter und Fähigkeiten an, sagt er. Auch das Aussehen der realen Spieler, die vor ihren Bildschirmen Zwerge oder Blutelfen steuern, tut nichts zur Sache. Ebenso wenig wie sozialer Stand, Outfit, Nationalität und Religion. «World of Warcraft» ist ein Schmelztiegel, in dem alle Unterschiede der äusseren Welt aufgehoben sind. Ich kann dort einem Südkoreaner begegnen oder meinem Nachbarn in Gestalt eines grausigen Untoten. Was Jakob Lieb an «World of Warcraft» am meisten schätzt, ist die Gemeinschaft mit anderen Spielern. Was zählt sind Zuverlässigkeit, Tatkraft und Geschicklichkeit. Die Spieler schalten sich zu Gruppen (Gilden) zusammen, die gemeinsam schwierige Aufgaben erle-

digen. Dabei kann es wie im richtigen Leben zu Kompetenzgerangel und Interessengegensätzen kommen, die man ausdiskutieren muss. Das schult die soziale Kompetenz. Warum wird jemand zum Spieler? Gern wird in den Medien auf sogenannte «Killerspiele» verwiesen. Persönliche Grausamkeit ist aber wohl bei kaum einem Spieler der entscheidende Beweggrund. Der Konsum von «Gewalt verherrlichenden Spielen» kann nur in Kombination mit gravierenden sozialen und psychischen Problemen gefährlich werden. Ein gewisses Suchtpotenzial bei Games gibt es, doch entscheiden – wie bei allem – Persönlichkeit und funktionierende soziale Bindungen darüber, ob ein Spieler «abdriftet». Zum Vergleich: US-Amerikaner verbringen täglich ca. 4 Stunden vor dem Fernseher. Statt über die Spiele zu schimpfen, sollten wir versuchen, eine Welt zu schaffen, aus der niemand fliehen möchte, in der wahre «Heldentugenden» mehr zählen als Äusserlichkeiten. RR 

Quelle: Spiegel online

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Was ist wirklich ?

Wirklich guter Stoff Die vermeintliche Wirklichkeit Entspricht das, was wir glauben zu wissen und zu sehen, der Wirklichkeit? Oder ist es nicht viel eher so, dass jeder seine eigene Wirklichkeit konstruiert, in Abstimmung mit seiner Umwelt? Paul Watzlawick, österreichischer Wissenschaftler und Autor, führt uns mit zahlreichen unterhaltsamen – und wahren – Geschichten zur Einsicht, dass Wirklichkeit individuell ist. In den Ausführungen zu «Konfusion» geht es um paradoxe Phänomene, die uns in ihrer Widersprüchlichkeit an unserer Wahrnehmung zweifeln lassen. Das fängt bei der Sprache an, wo

zum Beispiel ein Satz je nach Betonung einen ganz anderen Sinn erhält. Der Abschnitt über «Desinformation» untersucht, wie wir unsere Wirklichkeit laufend mittels Trial & Error selbst formen und unsere Wahrnehmungskompetenz schärfen. Was für uns wirklich ist, so zeigt der dritte Teil «Kommunikation», ist das Ergebnis zwischenmenschlicher Kommunikation und deshalb auch abhängig von unsere Umfeld.

ren. Diese Erfahrung gibt er in seinem Buch «Meditation und Gehirn» an die Leser weiter, was das Buch gerade auch für Menschen, die regelmässig meditieren, wertvoll macht. Wer damit anfangen will, findet eine Anleitung, wobei Hilbrecht auch an diejenigen denkt, die erst vor dem Schlafen gehen Zeit finden.

Eine Frau im Gorillakostüm wird in einen Raum geschickt, in dem Menschen damit beschäftigt sind, auf einem Videoschirm ein Basketballspiel zu beobachten. Nur die Hälfte wird sich nachher an das auffällige Wesen erinnern können. Dieses und andere Experimente zeigen, wie selektiv unsere Wahrnehmung ist und mehr auf dem beruht, was wir meinen, sehen oder glauben als auf dem, was tatsächlich vor unseren Augen passiert. Jeder nimmt Dinge anders wahr - aber auch Sachverhalte. Unsere Wahrnehmung ist die Basis für unsere unterschiedlichen Lebenshaltungen und Entscheidungsfindungen. Vieles, was wir glauben zu wissen, beruht auf einer Illusion. Je mehr wir auf etwas fokussieren, umso enger wird unser Blickfeld und desto mehr entgeht uns. Nicht nur Bilder können trügerisch sein, auch selbstbewusstes Auftreten wird oft mit Kompetenz verwechselt. Die Autoren Christopher Chabris und Daniel Simons bringen unsere Eigenwahrnehmung ins Wanken, bieten aber auch Anleitung, um unser Bewusstsein zu schärfen.

Heinz Hilbrecht: Meditation und Gehirn. Alte Weisheit und moderne Wissenschaft. Schattauer Verlag 2010, 220 S., Fr. 29.90 / 19,95 Euro.

Christopher Chabris, Daniel Simons: Der unsichtbare Gorilla. Wie unser Gehirn sich täuschen lässt. Piper Verlag 2010, 395 S., 32.90 Fr. / 19,95 Euro.

Ein unterhaltsamer Klassiker über die (vermeintliche) Wirklichkeit. Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Piper Verlag 2005, 256 S., Fr. 15.90  / 9,95 Euro.

Die Realität erkennen Meditation wirkt auf die Hirnstruktur und verändert sie. Wer regelmässig praktiziert, kann nicht nur Stress und Ängste abbauen, sondern dringt auch in das eigentliche Denken vor, ins Unbewusste, wo im Gehirn die Entscheide getroffen werden. Meister der Meditation berichten seit über 2000 Jahren, dass sie die Welt mit anderen Augen sehen. Inzwischen nimmt sich auch die Forschung dem Phänomen Meditation an. Der Naturwissenschaftler Heinz Hilbrecht meditiert seit über 30 Jah-

Wahrnehmung schärfen

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Wirklich guter Stoff

Traummaschine Kino «Kino ist die ultimative verdorbene Kunst. Es gibt dir nicht wonach du begehrst – es sagt dir wie man begehrt.» Das Zitat stammt vom slowenischen Philosophen Slavoj Zizek, der als einer der wichtigsten Kulturtheoretiker unserer Zeit gilt. Seine Abhandlung über das Kino «The Pervert’s Guide to Cinema» wurde verfilmt – mit Zizek in der Hauptrolle. In der 150-minütigen Dokumentation führt uns Zizek durch die Filmgeschichte, in dem er 43 Klassiker wie Blue Velvet, Alien, Der grosse Diktator, Der unsichtbare Dritte oder

Kunst in der Luft Eyes Wide Shut zu Schauplätzen werden lässt. Statt Nemo sitzt da also plötzlich Zizek Morpeus in Matrix gegenüber. In rasantem Tempo wechseln Filme, Schauplätze und Geschichten, und im selben Tempo konfrontiert uns Zizek mit Fragestellungen, philosophischen und psychologischen Theorien. Er präsentiert dadurch, was das Kino mit dem Zuschauer macht. Ein Klassiker, den jeder Filmliebhaber gesehen haben sollte.

Es sei eine geistige Mutprobe, wenn er in schwindelerregender Höhe an einem Gebäude hängt, sagt der Performance-Künstler Heinrich Lüber. Die Filmemacherin Anna-Lydia Florin hat den Basler bei den Vorbereitungen und seinen Performances begleitet. Entstanden ist eine Künstler-Dokumentation über einen Mann, der die Gesetze der Physik ausser Kraft zu setzen scheint. Lübers Aktionen faszinieren, irritieren und lassen uns immer wieder an der Wirklichkeit zweifeln. Die Bilder wirken denn manchmal auch fast unwirklich schön, sind rührend und fesselnd.

 www.thepervertsguide.com The Pervert’s Guide to Cinema. Regie: Sophie Fiennes. mit: Slavoj Zizek. Grossbritannien 2006, 150 min.

Lüber in der Luft. Künstler-Doku. Regie: Anna-Lydia Florin. mit: Heinrich Lüber. Schweiz 2007, 81min.

Wenn aus Utopie Wirklichkeit wird Im Klassiker «1984» aus dem Jahr 1948 beschreibt George Orwell (der eigentlich Eric Arthur Blair hiess und zwei Jahre nach Vollendung seines Werks starb) den Schrecken eines totalitären Überwachungsstaates, in dem es keine äussere und innere Freiheit mehr gibt.

Hauptfigur Winston Smith ist Beamter im Wahrheitsministerium. Zusammen mit Julia, seiner Geliebten, lehnt er sich gegen die verlogene Diktatur auf. Doch ihr Betrug bleibt nicht unentdeckt und sie werden gefoltert. War «Big brother is watching you» 1948 noch eine dü-

stere Vision, ist sie heute traurige Wirklichkeit geworden. Ein Klassiker, dessen Warnung vor totalitären Systemen zeitlos ist. George Orwell: 1984. Ulllstein Verlag 2007, 288 Seiten, Fr. 16.90 / 9,95 Euro.

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Illustration: Patric Sandri


Ecopop

Ecopop-Initiative:

Denkverbote auflösen Die Initiative «Stopp der Überbevölkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen» stösst auf ein Minenfeld, in der Politik, aber auch in den Köpfen. Der Zeitpunkt versucht, mit Alec Gagneux, einem der Mitinitianten einen Weg durch das verminte Gelände zu finden. Zeitpunkt: Am 31. Oktober zählte die Erde offiziell sieben Milliarden Menschen. Was bedeutet dieses Datum für dich? Alec Gagneux: In nur zwölf Jahren hat sich die Erdbevölkerung wieder um eine Milliarde vermehrt. Für die erste Milliarde brauchte es tausende von Jahren. Dieses Wachstum zeigt, dass wir die Exponentialkurve einfach nicht verstehen: Es geht immer schneller und der steile Anstieg kommt am Schluss. Hinter den Zahlen steht aber viel unnötiges Leiden und Umweltzerstörung.

Das tönt plausibel. Woher kommt denn die Gegnerschaft? Familienplanung ist seit 1968 ein Menschenrecht. Wir verlangen also weder etwas Revolutionäres noch sind wir Neo-Kolonialisten, sondern im Grunde Menschenrechtler. Interessant ist, woher die Gegner der Familienplanung kommen. Vor ein paar Jahren stand der erwähnte Menschenrechtsartikel im Rahmen der UNO wieder zur Diskussion. Ausgerechnet der kleinste und der mächtigste Staat, der Vatikan und die USA, waren für seine Aufhebung.

Ohne zynisch werden zu wollen: Kann man dieses Leiden quantifizieren? Die Lebensmittel werden knapp und die Umwelt wird von uns Menschen überbelastet. Was mich am meisten schmerzt: Gemäss UNO haben 215 Millionen Frauen keinen Zugang zu Familienplanung. Dies führt zu 80 Millionen ungewollten Schwangerschaften pro Jahr und vielen gefährlichen Abtreibungen. Millionen von Personen erhalten weder Aufklärung noch eine einfache Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln! Die meisten Akteure behandeln einseitig Symptome. Hilfswerke sind stolz, dass sie die Kindersterblichkeit reduzieren. Aber sie tun praktisch nichts für eine würdige Familienplanung für Frauen und Männer. Will ecopop die Einkind-Familie? Keineswegs! Wir wollen dass alle Frauen frei entscheiden können ob und wann sie schwanger werden wollen. Ein Drittel des Bevölkerungswachstums geht auf ungewollte Schwangerschaften zurück. Das ist mehrfaches, leicht vermeidbares Leiden.

Das Anliegen von Ecopop wird nicht nur vom Vatikan bekämpft, sondern in der Schweiz auch von der Umweltbewegung. Das ist schwer nachvollziehbar. Wachstumskritik ist zwar wieder populär, aber wenn es konkret werden sollte, wird es schwierig. Das Bevölkerungswachstum wird am liebsten ignoriert und man tut so, als ob die Ziele von Rio 1992 mit sogenannter Effizienz und grüner Technologie erreicht werden könnten. Trotz allen Bemühungen und Begriffen wie «qualitatives Wachstum» ist der Umweltverbrauch so hoch wie nie zuvor. Vertreter der Umweltverbände haben aber recht mit der Aussage, dass der Umweltverbrauch vor allem auf das Konsumverhalten und viel weniger auf das Bevölkerungswachstum zurückgeht. Das stimmt teilweise. Aber es ist nur die berühmte eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die: Familienplanung ist für den Klimaschutz fünf mal

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BERUFSAUSBILDUNG EUTONIE

billiger als Investitionen in grßne Technologie. Das hat die London School of Economics ausgerechnet und das mßsste die Umweltbewegung, zu der wir uns ßbrigens auch zählen, endlich zur Kenntnis nehmen. Konkret ist es bei uns so, dass z.B. das Wachstum der Strassenfläche mit dem BevÜlkerungswachstum korreliert. Bei der Siedlungsfläche lässt sich 70 Prozent der Zunahme auf das BevÜlkerungswachstum zurßckfßhren.

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Was will die Ecopop-Initiative genau? Sie verlangt, dass zehn Prozent der Üffentlichen Entwicklungshilfe fßr die freiwillige Familienplanung eingesetzt wird. Und sie will das BevÜlkerungswachstum in der Schweiz beschränken. Mit 1,2 Prozent hat die Schweiz eine der hÜchsten Wachstumsraten in Europa. Sie geht, auch das ist eine Tatsache, vor allem auf die Zuwanderung zurßck. Wir bauen jedes Jahr eine Stadt von der GrÜsse St. Gallens, vergrÜssern das Gedränge im Verkehr und zersiedeln das ganze Mittelland. Die meisten Umweltbewegten wissen: Das kann so nicht weitergehen. Wenn wir ehrlich sind, mßssen wir auch bei der Zuwanderung ansetzen, da diese 80 Prozent des BevÜlkerungswachstums in der Schweiz ausmacht. Deshalb verlangt die Initiative fßr die Schweiz einen maximalen Wanderungssaldo von 0.2 Prozent pro Jahr. Das heisst, dass jährlich 16’000 mehr Menschen in die Schweiz einwandern kÜnnen als auswandern. Damit hätten wir immer noch eine hÜhere Nettoeinwanderung als die meisten EU-Länder.



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3. Dezember 2011

4.Kritischer Impftag


Ecopop

Wegen der Ecopop-Initiative muss kein einziger Ausländer die Schweiz verlassen. Es dürfen einfach nicht mehr so viele hereinkommen.

Gemäss Footprintnetwork.org ist der ökologische Fussabdruck der Schweiz viermal grösser als er für Nachhaltigkeit sein dürfte. Daran sind jedenfalls nicht primär die Ausländer schuld. Natürlich sind da weder die Ausländer noch die Schweizer schuld, sondern wir alle. Als an der ETH die 2000-Watt-Gesellschaft ausgerufen wurde, zählte die Schweiz noch über eine Million Einwohner weniger. Heute müsste also die 1700 Watt Gesellschaft gefordert werden. Das wird auch von den Umweltorganisartionen gerne ignoriert. Wir dürfen nicht darauf vertrauen, dass die Weltgemeinschaft das Problem für uns löst. Wir haben z.B. das KyotoProtokoll als Schweiz unterzeichnet und wir müssen es auch als Schweiz umsetzen, u.a. innerhalb unserer Landesgrenzen. So können wir vorbildlich Teil der Lösung werden.

Alec Gagneux (52) ist Maschinen­ ingenieur und seit rund 20 Jahren als Aktivist für Sonnenenergie, gerechte Wirtschaft und Familien­ planung in der Schweiz und verschiedenen Ländern des Südens mit eigenen Projekten tätig. Er ist wohl einer der unermüdlichsten unabhängigen Akteure für nachhaltige Entwicklung. In der Schweiz ist er in zahlreichen Organisationen aktiv, u.a. auch im Initiativkomitee der Ecopop-Initaitve. Ecopop wurde vor vierzig Jahren von Wissenschaftlern gegründet. Weitere Informationen und den Unterschriftenbogen der Initiative finden Sie unter www.ecopop.ch Sekretariat ECOPOP: PF 1746, 8401 Winterthur, Tel. 052 301 33 14

Der Umweltbewegung, die ja dem linken Lager zuzurechnen ist, passt vor allem die ausländerfeindliche Ausrichtung nicht. Wegen der Ecopop-Initiative muss kein einziger Ausländer die Schweiz verlassen. Es dürfen einfach nicht mehr so viele hereinkommen. Bei der Initiative geht es auch nicht um die Verweigerung humanitärer Hilfe an Flüchtlinge. Sie haben einen eigenen Status und sind von der Initiative nicht betroffen. Ecopop und die Initiative sind nicht ausländerfeindlich; die Beschränkung der Einwanderung ist keine Frage der Staatsangehörigkeit, sondern eine Frage der ökologischen Tragfähigkeit eines beschränkten Lebensraumes. Wenn z.B. viele Menschen – mit oder ohne Schweizer Pass – auswandern, könnten viele mit oder ohne Schweizer Pass einwandern. Der Anteil Ausländer in der Schweiz kann also nach Annahme der Initiative beliebig hoch werden. Aber mal ehrlich: Wirtschaftsflüchtlinge sind doch auch Flüchtlinge. Sie verlassen ihr Land, weil das Leben in ihren Ländern unmöglich geworden ist. Das ist eine Teilwahrheit. Es kommen nicht die, denen es am schlechtesten geht, sondern die, die eine Flucht noch schaffen. Das sind junge Männer, die in ihren Ländern einen wichtigen Beitrag leisten könnten. Diesen Ländern helfen wir nicht, indem wir diese Leute aufnehmen, sondern indem wir aufhören, sie auszubeuten und einen entschlossenen Beitrag für globale wirtschaftliche Gerechtigkeit leisten.

Da spielt, und das ist leider ein blinder Fleck der Umweltorganisationen, unser Geld- und Zinssystem eine ganz wichtige Rolle. Es müssten eigentlich nicht nur die Unentwegten auf dem Piratenplatz auf die Barrikaden, sondern jeder vernünftige Mensch, der noch Gefühl hat. Du solltest in die Politik, Alec! Das sehen die Wählerinnen und Wähler anders. Zur Zeit tönt es ja hoffnungsvoll. Sogar der HardcoreSpekulant George Soros hat Verständnis für die Demonstranten an der Wall Street. Und der neue UBSChef Ermotti sagte vor kurzem: «Die Schweiz ist reich geworden mit Schwarzgeld. Wenn wir überall einen Schwarzen Peter verteilen wollten, wo unversteuertes Geld drin ist, dann wäre die ganze Bahnhofstrasse voll von Schwarzen Petern.» Ob den Worten Taten folgen, werden wir sehen. Ich bleibe skeptisch. Gerechtigkeit wird nicht von denen geschenkt, die von der Ungerechtigkeit profitieren. Sie muss wohl erkämpft werden. Zurück zum Thema: Bei der Migration sind die politischen Fronten so verhärtet wie bei keiner anderen Frage, nicht einmal der Atomenergie. Jetzt wird die Initiative bekämpft, nur weil sie die Zuwanderung beschränken will, selbst wenn es stichhaltige Umweltgründe dafür gibt. Die Linke ist bezüglich Migration in einer strategisch ungünstigen Situation, ohne dass sie es wirklich merkt. Anstatt der SVP das Thema aus der Hand zu nehmen, mit dem sie permanent Wahlkampf betreibt, negiert die Linke es und behauptet sogar, die Zuwanderung sei gut für die Sozialwerke. Dabei werden die ausländischen Arbeitskräfte auch älter und die Finanzierungsprobleme nur noch grösser. Die Ecopop-Initiative wäre ein guter Aufhänger, die Migration nicht nur als Frage krimineller Ausländer darzustellen, sondern als echtes Wachstums- und Umweltproblem. Einige grüne und linke Politiker sehen das durchaus so. Aber man wagt den Strategiewechsel noch nicht. Das wird sich spätestens ändern, wenn die Initiative zur Abstimmung kommt. Wird es überhaupt zu einer Abstimmung kommen? Ich rechne damit. Aber die Unterschriftensammlung ist anspruchsvoll. Aufgrund dieses links-rechts-Konflikts in der Migrationsfrage wird der Konsens durch regelrechte Denkverbote behindert. Aber früher oder später müssen wir sie ohnehin auflösen. Warum nicht jetzt. Vielen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Christoph Pfluger

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entscheiden & arbeiten

Die WohltätigkeitsFalle Das Treiben internationaler Hilfsorganisationen schadet oft mehr, als es nützt. Spendengelder wandern in die Tasche von Warlords und helfen, die Zustände aufrecht zu erhalten, die gelindert werden sollen. Mitgefühl ist gut, aber es wird oft schamlos missbraucht. Um es in die richtige Richtung zu lenken, braucht es Aufklärung – und eine Veränderung der Systeme, die Armut und Leid erzeugen.   von Roland Rottenfußer

S

tell dir vor, es ist Krieg, und keiner pflegt die Verwundeten ! Im Irakkrieg wurden allein 4 700 US-Soldaten getötet und 32 000 verwundet. Auf irakischer Seite starben mindestens 10 000 Soldaten und 66 000 Zivilisten, wahrscheinlich mehr. Über die Zahl der Verletzten liegen keine Angaben vor, aber sie muss immens sein. Wer trägt die Kosten für die Versorgung der Verwundeten und Verstümmelten ? Diejenigen, die diesen Krieg angezettelt haben, könnte man meinen. Aber dem ist nicht so. Die Kosten tragen zum Beispiel Sie, jedenfalls falls Sie Mitglied einer internationalen Hilfsorganisation sind, die sich in Kriegsgebieten engagiert. 2003 rief das Rote Kreuz zu Spenden auf. Es benötige 80 Millionen Euro, um Menschen zu helfen, die vor den Kampfhandlungen fliehen konnten. Das klingt menschlich, ist aber Ausdruck einer zutiefst zynischen «Aufgabenteilung»: Regierungen inszenieren Kriege, Soldaten töten, Waffenhändler profitieren, mitfühlende Privatpersonen zahlen für die Folgen. Aber was soll man denn tun ? Etwa Verwundete auf dem Schlachtfeld verbluten lassen, Flüchtlingen kein Essen geben ? Wäre das nicht unmenschlich ? Eine, die bestimmt nicht im Verdacht steht, hartherzig zu sein, ist die britische Krankenpflegerin Florence Nightingale (1820 – 1910). Im Krim­krieg

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(1854) engagierte sie sich für verwundete Soldaten in Istanbul. Sie verbesserte die hygienischen Verhältnisse im Lager, die Zahl der Sterbefälle sank. Die dank Nightingales Pflege genesenen Kämpfer mussten daraufhin wieder an die Front. Viele von ihnen fielen. Die holländische Journalistin Linda Polmann hat in ihrem Buch «Die Mitleidsindustrie» Schattenseiten der Wohltätigkeit aufgedeckt. Florence Nightingale ist ihre Gewährsfrau dafür, dass auch engagierte Menschen an humanitären Einsätzen zweifeln: «Ohne ihre Hilfe würde sich der Krieg schnell totbluten», machte Nightingale sich bewusst. Die Anzahl gefechtstauglicher Soldaten würde eher verbraucht sein, und für den Kriegsminister würde es schwieriger werden, neue Rekruten anzuwerben. Wer weiss, dass er im Falle einer Verwundung nicht mit Versorgung rechnen könne, suche sich lieber einen anderen Arbeitsplatz, solange er die Wahl habe. Nightingale geriet durch diese Haltung in Konflikt mit dem Gründer des Roten Kreuzes, Henri Dunant. Er glaubte, man müsse helfen, wo Menschen in Not sind – ohne den politischen Kontext zu berücksichtigen. Das System Dunant hat sich heute weltweit durchgesetzt. Und ein Ende der Kriege ist nicht in Sicht. 90 Prozent der Kriegstoten sind heute Zivilisten, rechnet Linda Pomann vor. Die meisten Kriege sind Bürgerkriege, in denen Ethnien gegeneinander kämpfen oder Rebellen gegen Regierungstruppen.


Die Wohltätigkeitsfalle

«Gut» und «Böse» sind dabei nicht immer leicht zu unterscheiden. Mehr als 37 000 NGOs (Non Governmental Organisations) existieren heute, die teilweise konkurrieren. Viele davon engagieren sich in Kriegsgebieten. 120 Milliarden US-Dollar stehen jährlich für Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung. Dazu kommen hunderte von Millionen Dollar aus Spendensammlungen. «Rund um humanitäre Hilfe ist eine wahre Industrie entstanden», sagt Polmann. Aber ist das Wirken der Hilfsindustrie nur positiv zu bewerten ? Das grausamste Beispiel für verfehlte humanitäre Hilfe ist vielleicht Ruanda. Dort wurden 1994 innerhalb von drei Wochen 800 000 Tutsi und gemässigte Hutu von extremistischen Hutu abgeschlachtet. Die Cholera brach aus und forderte tausende weiterer Opfer. Aufgrund der entsetzlichen Berichte in den Medien setzten sich unzählige Hilfs­ organisationen in Bewegung. Millionen mitleidiger Bürger spendeten. Ein Flüchtlingsstrom ergoss sich nach Goma im damaligen Zaire, wo ein riesiges Lager entstand. Unter den Insassen waren jedoch auch zahlreiche Hutu-Mörder, die im Kampf gegen die verfeindete Ethnie in die Defensive geraten waren. Schliesslich machte die Hutu-Regierungsarmee Goma zu ihrem Hauptquartier. Während die Hilfsorganisationen Kliniken bauten und Lebensmittel verteilten, «erlebte das alte, extre-

Arbeiten die gemeinnützigen Unternehmen wirklich zum Nutzen der Allgemeinheit ? mistische Ruanda in Goma ungestört seine Wiedergeburt», sagt Polmann. Die Machthaber erhoben auf alle von den Hilfsorganisationen verteilten Lebensmittelrationen eine «Kriegssteuer». Mit dem Geld wurden Waffen gekauft und Soldaten bezahlt. «So konnte die Ausrottungskampagne gegen den Tutsi-Feind in Ruanda fortgesetzt werden.» Der Fall ist schockierend, die Schlussfolgerung aber klar. Jeder private Spender, der Geld in dieses infame System gepumpt hat, hätte besser daran getan, die Geldscheine zu verbrennen. Linda Polmann stellt eine unbequeme, aber berechtigte Frage: «Müssen internationale NGO stur weiterhin helfen, wenn kämpfende Parteien in humanitären Räumen die Hilfe für sich selbst und gegen den Feind gebrauchen und ihren Krieg damit

verlängern ? Oder müssen sie abziehen ? Was ist auf die Dauer das Grausamere ?» Der Nightingale-Dunant-Konflikt zeigt ein Di­ lemma auf. Denn jeder Einzelne nimmt durch seine Entscheidung – spenden oder nicht spenden – Ein­ fluss auf den politischen Prozess im Empfängerland. Es ist nicht leicht, dem unmittelbaren Impuls des Mitgefühls nicht zu folgen. Denn Geld kann für Leidende jetzt Nahrung, Unterkunft und medizinische Versorgung bedeuten. Die Veränderung einer ungerechten Wirtschaftsordnung oder die Beendigung von Kriegen ist dagegen eine langwierige Angelegenheit. Trotzdem müssen wir uns solche Fragen stellen. Wir dürfen nicht länger naiv davon ausgehen, dass Helfen immer irgendwie gut ist. Linda Polmann erhebt in ihrem schockierenden Buch noch weitere Vorwürfe gegen die Hilfsorgani­ sationen. Unter anderem werde dem Missbrauch der Gelder durch Bedürftige Vorschub geleistet, die ihr Leid medienwirksam in Szene setzten, statt sich aus eigener Kraft daraus zu befreien. «Sie sind arm, aber nicht blöd», behauptet Polmann. Ausserdem erhebt die Autorin den Vorwurf, Mitarbeiter der NGOs lebten in den Gastländern teilweise ein Leben in Luxus, ähnlich den alten Kolonialherren. Spender tragen also die Kosten für schicke Unterkünfte, Autos und Prostituierte. Was aber schwerer wiegt ist, «dass die Hälfte der Nahrungsmittelhilfe des Welternährungs-Programms in den Taschen der Warlords, ihrer Geschäftspartner sowie der lokalen Mitarbeiter landet.» Sind Spendengelder wenigstens in friedlichen Regionen gut aufgehoben ? Auch eine sorgfältige Auswahl der Spendenziele ändert nichts an einer grundsätzlichen Schieflage. Der Schweizer UN-Beauftragte Jean Ziegler rechnet in seinem Buch «Das Imperium der Schande» vor: «Im Jahr 2003 belief sich die öffentliche Entwicklungshilfe der Industrieländer des Nordens für die 122 Länder der Dritten Welt auf 54 Millarden US-Dollar. Im selben Jahr haben diese Länder der Dritten Welt den Kosmokraten der Banken des Nordens 436 Millarden US-Dollar als Schuldendienst überwiesen.» Die Schere zwischen dem, was wir dem Süden geben und dem, was wir ihm nehmen, dürfte aufgrund der Zinsdynamik immer weiter auseinander gehen. Ziegler sagt deshalb zu Recht: «Wer an Hunger stirbt, stirbt als Opfer eines Mordes. Und der Mörder trägt einen Namen, er heisst: Verschuldung.»

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Banken und Grosskonzerne, die sich die Bodenschätze des Südens in kolonialer Manier aneignen, machen Milliardenprofite. Das Elend, das von der globalen «Oberschicht» verschuldet wird, muss die mitfühlende «Mittelschicht» durch Spendengelder lindern. Investiere ich angesichts dieser Zustände also besser Energie in Almosen oder in den Kampf um Gerechtigkeit ? Wir haben es hier mit einem Dilemma zu tun, das schon die marxistische Revolutionstheorie beschäftigt hat. Alles, was das Elend abmildert, ist für Marx

Bei Atomunfällen übernehmen Spender sogar die Aufgaben einer Katastrophenversicherung. Keine Versicherung wäre so unvorsichtig, ein Atomkraftwerk zu versichern.

gefährlich, weil es die notwendige proletarische Revolution nur verzögert. Daher hat Wohltätigkeit für Kommunisten einen negativen Beigeschmack. In Bertolt Brechts Sozialdrama «Die Heilige Johanna der Schlachthöfe» werden die «Schwarzen Strohhüte» (Heilsarmee) als frömmelnde Komplizen der Ausbeutung dargestellt. Diese verlangen «achthundert Dollar im Monat, denn wir brauchen warme Suppen und Musik. Wir wollen ihnen auch versprechen, dass die Reichen bestraft werden, und zwar wenn sie gestorben sind.»

«‹Nicknegerli› – Früher legte man das Taschengeld ins violette Papiersäcklein oder gab es dem ‹Nicknegerli›. Das Wort ‹Negerli› ist längst aus unserem Wortschatz verschwunden. Doch nach wie vor engagieren sich die Menzinger Schwestern für Benachteiligte in Afrika und anderen Ländern der Dritten Welt.» Pfarreiblatt Obwalden, 4/2010; Foto: Donato Fisch

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Die Mischung aus religiöser Vertröstung und Almosen kann wie ein Beruhigungsmittel wirken. Als moderne Heilsarmee haben sich Organisationen wie die Arbeiterwohlfahrt und die Caritas etabliert. Sie organisieren in ganz Deutschland «Tafeln», die 2010 rund eine Million «Gäste» mit Lebensmitteln kurz vor dem Ablaufdatum versorgen. Das entspricht einer Verdoppelung der Zahl der Versorgten innerhalb von drei Jahren. Ein ähnlicher Anstieg ist auch bei der Zahl der Hartz-IV-Empfänger zu verzeichnen. Die «Neue Rheinische Zeitung» diagnostiziert denn auch eine «perfekte Symbiose zwischen Tafelarbeit und Sozialkürzungen. Während Rechtsansprüche auf

Teilhabe gestrichen würden, propagiere die Politik bürgerschaftliches Engagement und private Mildtätigkeit.» Dem Rückzug des Staates aus der sozio-ökonomischen Grundversorgung entspreche ein «Gnadenbrot» für die Systemverlierer. Dabei ist der marxistische Weg, der Verelendung ihren Lauf zu lassen, um die Revolution anzufeuern, keineswegs unumstritten. Armut und Hunger lähmen und schwächen den Antrieb. Kommt dann noch harte, zeitaufwendige Arbeit dazu («Working Poor»), fehlt den Betroffenen einfach die Kraft zu politischem Engagement. Andererseits zeigen Bewegungen wie die Studentenrevolte von 1968: Menschen, denen es materiell gut geht und die Zeit zum Nachdenken haben, entwickeln selbst in einem relativ guten System den Antrieb, es zu verbessern. Eine «harte» Revolutionsstrategie im Grossen wäre vielleicht mit Unmenschlichkeit im Kleinen erkauft. Du hast 100 Euro in der Tasche, und vor deinen Augen verhungert ein Kind. Gibst du das Geld dem Kind, oder spendest Du es lieber in die Kriegskasse einer Arbeiterpartei ? Es ist schwer, Antworten zu geben, aber auf jeden Fall richtig, sich Fragen zu stellen: «Ab welchem Punkt schadet die Hilfe den Opfern mehr, als dass sie Leiden lindert ?», fragt Linda Polmann. Die Entscheidung «Spende ich, und wenn ja, wohin ?» muss zumindest auf eine stabilere Faktengrundlage gestellt werden. Eine Kompromisslösung bestünde zum Beispiel darin, nur Projekte im Inland zu unterstützen. Diese sind, so könnte man meinen, «sauber» und besser überschaubar. Doch auch das Wirken der Wohlfahrtsbranche im Inland hat seine Tücken, wie im Februar ein ausgezeichneter Artikel im «Stern» zeigte («Das lukrative Geschäft mit der Hilfe» vom 16.2.2011). Knapp zwei Millionen Menschen arbeiten in der Hilfsindustrie, die damit die grösste Branche der deutschen Volkswirtschaft ist, behauptet Autor Walter Wüllenweber. Das bedeutet: Jeder sechste Steuereuro geht an Soziales. Dazu kommen freiwillige Spenden.


Die Wohltätigkeitsfalle

Linda Polmann: Die Mitleidsindustrie – Hinter den Kulissen internationaler Hilfsorganisationen. Campus Verlag 2010, 267 S., Fr. 22.80 /19,90 Euro

Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Der «Stern» hat weniger Engagement gezeigt, wenn es darum geht, die Steuermilliarden für Rüstung und Bankenrettungen zu kritisieren. In der Hilfsindustrie zeigen sich jedoch laut Wüllenweber drei verhängnisvolle Trends: Professionalisierung, Rationalisierung, Wachstumsdruck. Seit Anfang der 1990er Jahre werden den sozialen Trägern durch die Ämter Geldpauschalen zugesprochen. Da sie nun bedarfsunabhängig bestimmte Summen zur Verfügung hatten, begannen sie, zu rationalisieren: «Löhne runter, Arbeitszeiten rauf, Urlaubs- und Weihnachtsgeld kürzen, Leiharbeiter beschäftigen. Die Hilfsindustrie entwickelte sich zu einer Hochburg der Arbeitnehmerausbeutung.» Die Unternehmen erwirtschaften Überschüsse, und die wollen reinvestiert werden. Man schafft zum Beispiel ein neues Therapiezentrum. «Jetzt braucht man allerdings noch Menschen, die therapiert werden müssen.» Zu diesem Zweck, behauptet der Autor, werden die Grenzwerte dafür, wer als behindert gelten soll, laufend herabgesetzt. «Seelische Behinderung», «Verhaltensstörung» und ähnliche Diagnosen haben seit den 1990ern um das Dreieinhalbfache zugenommen. Walter Wüllenweber folgert deshalb: «Viele Hilfsangebote gibt es nicht, weil sie notwendig sind, sondern weil sie finanziert werden.» Man muss Wüllenwebers Artikel natürlich mit Vorsicht geniessen, da er in eine bestimmte Richtung zielt: Der Sozialstaat platzt aus allen Nähten. Wir können uns nicht mehr alles leis­ ten, was wünschenswert ist. Sozialkürzungen sind alternativlos usw. Mindestens eine Frage ist aber gut gestellt: «Arbeiten die gemeinnützigen Unternehmen wirklich zum Nutzen der Allgemeinheit ?»

und mitfühlende Normalos aus aller Welt. Es ist schwer, aus solchen Überlegungen Empfehlungen abzuleiten. Auch Buchautorin Linda Polmann gibt sich beim Thema «Lösungen» wortkarger, als wenn es um Kritik an den Verhältnissen geht. Die Frage, ob es besser wäre, überhaupt nichts mehr zutun, beantwortet sie mit: Manchmal ja. Sie ruft dazu auf, den Hilfsorganisationen Fragen zu stellen. Die öffentliche Kritik könnte diese bewegen, ihre Politik zu überdenken und bestimmte Missstände abzustellen. Dem schliesse ich mich an.

Für ungenau definierte Zwecke zu spenden ist wie Steuern zahlen. Wenn ich dem Staat Geld gebe, weiss ich: Es fliesst in soziale Aufgaben, in den Strassenbau, aber auch in unnütze Investitionen und (in Deutschland) in die Ermordung afghanischer Zivilisten. Spender zahlen eine freiwillige Zusatzsteuer zur Beseitigung von «Kollateralschäden», die von Politikern und Konzernen verursacht wurden. Bei Atomunfällen übernimmt die Spendergemeinde sogar die Aufgaben einer Katastrophenversicherung. Keine Versicherungsunternehmen wäre ja so unvorsichtig, ein Atomkraftwerk zu versichern. Und den Betreibern kann man nicht zumuten, finanziell für Strahlenschäden aufzukommen, nur weil sie diese verursacht haben. Wer zahlt also ? Der japanische Steuerzahler

• Daraus folgt: Besser nichts in «grosse Töpfe» geben, aus denen eine unübersichtliche Zahl von Projekten finanziert wird. Besser kleinere Projekte gezielt unterstützen, deren Initiatoren man vielleicht sogar persönlich kennt.

Darüber hinaus aber noch ein paar persönliche Überlegungen: • Dies ist kein Artikel gegen Mitgefühl. Sich der Nöte anderer Menschen anzunehmen, ist eine gute Eigenschaft. Das Gemeinwohl braucht mehr davon. Man muss aber dafür sorgen, dass Mitgefühl nicht missbraucht wird und in die falsche Richtung fliesst. • Das Engagement für eine humanere Welt sollte nicht abnehmen, sondern zunehmen. Auch Geldzahlungen an konstruktive Organisationen bleiben sinnvoll – neben Demonstrationen, Wahlentscheidungen, Mithilfe in konkreten Projekten u.a. • Man sollte sich aber über die Organisation, das Projekt und das Zielgebiet gut informieren, bevor man spendet. Wenn Zweifel über die indirekten Folgen von Hilfsmassnahmen bestehen, lieber in ein «sicheres» Projekt investieren.

• Das Spendenbudget, das man zur Verfügung hat, kann «gesplittet» werden. Einen Teil gibt man zur Linderung unmittelbarer Not, einen anderen Teil für Organisationen, die strategisch für den Aufbau einer gerechteren Wirtschaftsordnung arbeiten. • Vor allem eines: Nicht nur den Armen Geld geben, sondern alles tun, damit ihnen künftig nicht mehr so viel genommen wird.

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entscheiden & arbeiten

wirken 

 

statt werken Biovision: Wissen statt Geld verteilen Die Stiftung Biovision bekämpft Armut und Hunger und setzt sich für die Verbreitung und Anwendung ökologischer Methoden ein. Diese führen zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen im Norden und Süden und schonen zugleich die Umwelt. Entwicklung basiert auf Wissen, ist die Stiftung überzeugt, weshalb nicht Gelder und Güter verteilt werden, sondern Wissen verbreitet wird. Biovision zeigt den Menschen Ostafrikas neue Lösungswege auf und fördert dadurch selbständiges, selbstbestimmtes Handeln. Die Menschen erhalten Zugang zu überlebenswichtigen Informationen in den Bereichen Landwirtschaft und Gesundheit und damit Mittel, sich selber zu helfen und ihr Leben zu verbessern. Neben der Wissensvermittlung stellt Biovision auch über verschiedene Kanäle Informationen für die Kleinbauern in Afrika bereit. Dabei setzt die Stiftung ganz auf die Ergebnisse ihrer Erfahrung und Forschung vor Ort. Nachhaltigkeit steht im Zentrum der Arbeit, und dafür braucht es gemäss Reto Urech, Mitarbeiter von Biovision, auch Menschen, die sich für die Interessen der Kleinbauern auf weltpolitischer Ebene einsetzen. Eine schwierige Arbeit, da in der Agrarindustrie viele Grosse das Sagen haben, die wenig auf die Interessen der Kleinen wert legen. Stiftungs-Präsident Hans Rudolf Herren will den afrikanischen Kleinbauern eine Stimme geben und ihren Anliegen Gehör verschaffen. Die Vision für Biovision entstand schon Mitte der 80er Jahre, als Hans Rudolf Herren mit der biologischen Bekämpfung eines verheerenden Insektenschädlings im afrikanischen Maniok Millionen von Menschen vor dem Hungertod rettete. 1995 wurde er dafür als erster und bisher einziger Schweizer mit dem Welt-Ernährungspreis ausgezeichnet. Das Preisgeld verwendete er für die Gründung von Biovision, der Stiftung für ökologische Entwicklung.   www.biovision.ch Die Geschichte hinter Biovision: Herbert Cerutti: Wie Hans Rudolf Herren 20 Millionen Menschen rettete - Die ökologische Erfolgsstory eines Schweizers. Orell Füssli Verlag 2011, 181 S., Fr. 39.90 / 32,90 Euro.

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Medico International: Gesundheitsversorgung für alle Ein gutes, für alle zugängliches Gesundheitssystem fehlt in vielen Gebieten der Welt. «medico international schweiz» setzt sich darum in acht Ländern für eine bessere Basisgesundheitsversorgung ein. Elend, Gewalt und Diskriminierung werden bekämpft, indem der Verein Projekte und Initiativen von Basisbewegungen und lokalen Organisationen unterstützt. Konkret geht es um Weiterbildungen für traditionelle Hebammen, das Betreuen von Folteropfern, die Prävention von Krankheiten und häuslicher Gewalt, die Integration von Behinderten, die Unterstützung von Frauen im Kampf um ihre Rechte sowie den Kampf, dass der Staat seine Verantwortung für bessere Lebensumstände und eine adäquate Gesundheitsversorgung übernimmt. Pro Land ist eine Person verantwortlich, welche die Umsetzung vor Ort überprüft. Diese Arbeit wird wie viele andere auch ehrenamtlich ausgeübt. Medico International setzt auf einen schlanken Apparat mit viel Freiwilligenarbeit, ohne dabei an Professionalität einzubüssen. medico international schweiz wurde 1937 zur Zeit des Spanischen Bürgerkrieges in Zürich gegründet. Die erste medizinische Hilfsaktion kam den gegen den Faschismus kämpfenden Internationalen Brigaden und der Not leidenden spanischen Bevölkerung zugute. www.medicointernational.ch


wirken statt werken

Die Liste der Hilfswerke ist lang. Eine Auswahl kleiner, aber feiner ­Projekte fällt schwer und das Ergebnis kann nie abschliessend sein. Wir haben nach weniger bekannten Organisationen gesucht und sie gefunden, zusammen mit den Menschen, die dahinter stehen. 

  von Samanta Siegfried und Brigitte Müller

Direkte Solidarität mit Chiapas – Der Kaffee der Rebellion Er wird meist in linken Haushalten oder Genossenschaften getrunken: Der Kaffee mit dem bekannten Bild eines Gesichts mit zwei Zöpfen und dem roten Tuch bis zu den Augen – RebelDía, der Kaffee der Rebellion. Produziert wird er im südlichen Hochland Mexikos, in der Region Chiapas, die von indigenen KämpferInnen der EZLN (Zapatistische Armee zur Nationalen Befreiung) autonom verwaltet wird. Gehandelt wird er von der selbstverwalteten Kaffeekooperative Yachil, vertrieben in der Schweiz von der Gruppe ‹Direkte Solidarität mit Chiapas›, seit 2008 über ‹gebana›. Die zapatistische Bewegung wehrte sich 1996 gegen die neoliberale Politik der Regierung, die ihre Region in einen leicht auszubeutenden Wirtschaftsraum verwandeln wollte. Ohne Unterstützung nahmen sie ihr Schicksal in die eigenen Hände und verteidigten ihr Recht auf Land und Unabhängigkeit. Mit Erfolg: In den autonomen Gemeinden von Chiapas entstanden Kliniken und Schulen; autonome Regierungsstrukturen regeln die Rechtsprechung. Und die Bewegung versucht, landwirtschaftliche Produkte lokal und international selbst zu vermarkten, wie eben den biologisch angebauten Kaffee, den Yachil und andere Kooperativen in Europa und Nordamerika vertreiben. Mit dem Verkaufserlös des Kaffees unterstützt der 1995 gegründete Verein ‹Direkte Solidarität mit Chiapas› die zapatistischen Gemeinden und Gruppen, die sich für Menschenrechte einsetzten. Auch soll die Problematik in Chiapas an die Öffentlichkeit dringen. Dafür organisieren die Mitglieder zum Beispiel Protestkundgebungen, Büchertische, Unterschriftensammlungen, gründeten eine Bibliothek mit rund 2000 Titeln und sammeln aktiv Spenden. Das Ziel: Gemeinsam mit den Zapatistas für eine Welt kämpfen, in der viele Welten Platz haben. www.chiapas.ch

Laudes Infantis: Tauschbank in Kolumbien Freiwillig begibt sich keiner nach Ciudad Bolívar, dem Armenviertel Bogotás. Doch fast zwei Millionen Menschen haben keine Wahl: Sie wohnen dort, meist ohne Wasser, ohne Strom. Familien recyclen auf den Strassen und Kinder verkaufen Süssigkeiten an den Ampeln. 1998 wurde hier das Hilfswerk ‹Laudes Infantis› gegründet – das ‹Erwachen der Kinder›. «Ziel ist es, die Menschen in die Lage zu versetzen, ihre Alltagsprobleme zu bewältigen und ihre Lebensumstände aus eigener Kraft zu verbessern», so Jacqueline Morena, selbst Kolumbianerin und Gründerin der Stiftung. Dies funktioniert mit Hilfe des sogenannten ‹Trueque›, eines Tauschsystems nach dem Prinzip ‹du gibst mir, ich gebe dir›. Bereits 3 200 Familien aus vier Gemeinschaften sind Teil davon und tauschen Arbeitsleistungen zum Beispiel gegen Kinderbetreuung oder Baumaterialen. In jeder Gemeinschaft steht eine kleine Baracke, die sogenannte Tauschhandelsbank. Sie registriert die Namen der Mitglieder und wer welche Arbeit anbietet. So ist jedes einzelne Gemeinschaftsmitglied am Erfolg beteiligt – insgesamt profitierten bereits rund 15 000 Menschen davon. Spenden fliessen in die unterschiedlichen Projekte von ‹Laudes Infantis›, wie dem Bau einer Kinderkrippe, in Mikrokredite für Familien oder tägliche Mittagessen. Ausserdem gibt es die Möglichkeit von Patenschaften, die einem Kind ein Schuljahr spenden. «Das Schöne ist, dass die Grundbedürfnisse der Bewohner fast komplett abgedeckt werden», so Nadine Deringer, langjährige Mitarbeiterin von ‹Laudes Infantis›. Es zeige den Bewohnern, dass durch gegenseitige Unterstützung Lebensqualität möglich wird. www.laudesinfantis.org

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Olivenöl für Palästina

Wasser für Ringanai

Die israelische Besatzung behindert die palästinensische Wirtschaft. Sie erschwert die Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte im Innern wie gegen aussen und treibt immer mehr Familien in den wirtschaftlichen Ruin. Der Zürcher Verein ‹Kampagne Olivenöl› importiert deshalb bereits seit elf Jahren Olivenöl und die Gewürzmischung Za’tar aus Palästina. Der Gewinn kommt Kleinbauern und verschiedenen Hilfsprojekten zu gute. Dank dem Engagement von rund 400 Freiwilligen, die an verschiedenen Orten in der Schweiz die Produkte verkaufen, kann der gesamte Erlös direkt in die Projektarbeit fliessen. Zum Beispiel wird in Flüchtlingslagern Olivenöl verteilt, die Ausbildung von Gesundheitspflegerinnen mitfinanziert oder Kindergärten werden unterstützt. Das Olivenöl wird nach biologischen Standards hergestellt, mit dem Ziel, den Absatzmarkt zu erweitern, einen fairen Preis zu erwirtschaften und somit die Lebensbedingungen der palästinensischen Olivenbauern zu verbessern – und vielleicht auch ein wenig die Lebensumstände in Palästina. 

Claver Chapotoka wurde 1939 in Ringanai geboren, einem Dorf mit 350 Einwohner in Simbabwe. Es gab kein fliessend Wasser und um Lebensmittel einzukaufen, mussten die Menschen 15 Kilometer zu Fuss gehen. In den 60er Jahren kam Claver in die Schweiz, blieb jedoch stark mit seiner Heimat verbunden und gründete 1988 den Verein „Wasser für Ringanai“. Er kaufte 3.5 Hektaren Land, das er mit Mitarbeitern zu bewirtschaften begann, baute einen Dorfladen und eine Dorfklinik. 2003 starb Claver und hinterliess das Projekt seinem Sohn Vincent. Dieser ist kürzlich wieder aus Ringanai zurückgekehrt, wo er an dem aktuellen Vorhaben, dem 50 Meter tiefen Brunnenbau, gearbeitet hat. Denn ohne Wasser keine Landwirtschaft. „Unser Ziel ist, dass Ringanai selbsttragend wird“, erklärt Vincent. Deshalb will er das Dorf soweit mit Infrastruktur versorgen, dass die Bewohner ihre Grundbedürfnisse vor Ort abdecken können. Dabei helfen ihm die etwa 18 Mitglieder und die Spender, deren Gelder er jedes Mal bar mitnimmt und vor Ort investiert. 

www.olivenoel-palaestina.ch

http://www.shumbabros.ch/ringanai.html

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«Dank Biovision lernte ich die Grundlagen der Biolandwirtschaft. Damit kann ich meinen kargen Boden verbessern und die Ernten erhöhen.» Rajabu Omari Bauer in Morogoro, Tansania

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wirken statt werken

Afghanische Flüchtlinge: Hilfe zur Selbsthilfe Sie hat sich schon immer für andere Menschen und Kulturen interessiert, erzählt die 82-jährige Elizabeth Neuenschwander. Auf einer ihrer vielen Auslandsreisen kommt die gelernte Damenschneiderin 1978 nach Pakistan. Zehn Jahre später reist sie nach Quetta, einer pakistanischen Stadt nahe der Grenze zu Afghanistan. Hier kämpfen seit den 1980er Jahren zahlreiche Flüchtlinge ums Überleben. Elizabeth Neuenschwander will helfen – und bleibt. Ihre Arbeit mit und für die Menschen dort nimmt ihren Anfang. Flüchtlingsfrauen lernt sie Handarbeits-Techniken. Sie lässt Nähateliers in den Lagern bauen, wo Nähkurse durchgeführt werden – bis zum heutigen Tag. Frauen und invalide Männer können sich damit eine eigene Existenz aufbauen, denn nach Abschluss des Kurses erhält jeder Teilnehmer eine Handnähmaschine und damit die Chance, sich selbständig zu machen. Den Kindern in den Flüchtlingslagern ermöglicht Neuenschwander seit 1996 mit einer Grundschule eine Ausbildung. Nach 40 Jahren Arbeit für verschiedene Hilfswerke und -Organisationen gründete Elizabeth Neuenschwander ihre eigene Hilfsorganisation. In Kabul erhalten Frauen Material für Stick-Arbeiten unter der Auflage, dass sie lesen und schreiben lernen. Die Blusen und Schals, die entstehen, werden unter anderem in der Schweiz verkauft. 1997 kehrt Elizabeth Neuenschwander in die Schweiz zurück. Doch noch immer besucht sie zweimal jährlich ihre zweite Heimat. Dazwischen hält die Bernerin Vorträge und veranstaltet Austellungen mit ihren Bildern. Die 82-Jährige hat ein bewegtes, aufregendes Leben hinter sich. Aufhören will sie noch lange nicht. Roland Jeanneret: Von Schangnau nach Kabul. Ein Leben für andere: Elizabeth Neuenschwander. Lokwort Buchverlag 2011, 208 S., ca. Fr. 32.00

Wenn Sie das Buch über elizabethn@bluewin.ch bestellen, unterstützen Sie gleichzeitig ihr Projekt. Näheres dazu unter www.elizabeth.ch.tf

Hunger nach Gerechtigkeit Hunger und Armut sind aus dem gleichen Holz geschnitzt: Der Mensch hungert, weil die Welt ungerecht ist. Davon erzählt das im Mai erschienene Buch ‹Hunger nach Gerechtigkeit› von Thomas Gröbly. Im ersten Teil gibt es Einblicke in das Werk und die Biografie von Marianne Spiller-Hadorn, der Frau, die vor dreissig Jahren in Südbrasilien das Hilfswerk ‹Abai – vida para todos› gründete. Abai steht für «Associãçao Brasileria de Amparo à Infância» – Brasilianischer Verein zur Unterstützung von Kindern – und «Vida para todos» meint «Leben für alle». «Bereits in der Schule wollte sie mit den Armen zusammen leben» erinnert sich Gröbly, Freund von Spiller-Hadorn und seit zehn Jahren Präsident des Vereins. Sie studierte Psychologie, war in einer therapeutischen Wohngemeinschaften für Drogenabhängige tätig und arbeitete als Kinderpsychologin und Primarlehrerin. Doch hatte sie nie das Gefühl, sich genügend zu engagieren. 1972 ging sie schliesslich nach Brasilien und gründete später in der Schweiz den Verein ‹Freunde des Kinderzentrums Mandirituba›, aus dem bis heute der Hauptanteil der Spenden kommt. In rund dreissig Jahren hat Spiller-Hadorn mit Abai einen Platz für unzählige brasilianische Kinder und Erwachsene geschaffen, mit einer Wohngemeinschaft für Suchtkranke, Waisenhäusern und Werkstätten. Kurse in Biogartenbau und Agrarökologie helfen Kleinbauern, sich selbst zu versorgen. Der zweite Teil des Buches wirft einen Blick auf aktuelle Fragen zur Armutsbekämpfung und Entwicklungszusammenarbeit. Dabei kommen sowohl Menschen aus dem Süden wie aus dem Norden zu Wort, was signalisieren soll: Wir müssen miteinander reden! Für Gröbly beginnt der Hunger nach Gerechtigkeit beim Hinschauen und Wahrnehmen, denn zuerst müssen wir lernen, uns zuständig zu fühlen für Gerechtigkeit. Dieses Buch soll dazu einen Beitrag leisten. Thomas Gröbly (Hg.): Hunger nach Gerechtigkeit – Perspektiven zur Überwindung der Armut. Helden Verlag, 2011, 352 S., Fr. 39.80 / 29,80 Euro., Bestellungen unter: www.helden.ch/shop oder info@abai.ch

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Die Kandidatur, auf die niemand gewartet hat Eigentlich verrückt, wie lange man sich der kostspieligen Illusion hingeben kann, im Nationalrat die Verfassungswidrigkeit unseres Geldes auf die Traktandenliste zu setzen. Aber: Die Hoffnung hat sich gelohnt. Sie ist   von Christoph Pfluger sogar gewachsen.

E Sachpolitik statt Parteipolitik Die Mehrheit ist

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Konsens statt Konfliikt parteifrei.ch Liste Plakat_pf3.indd

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s sei hier mit aller Deutlichkeit erwähnt: Im Wahlkampf kann man in jedem Fall für das Leben lernen», schreibt der Berner Polit-Berater Mark Balsiger in seinem Handbuch «Wahlkampf – aber richtig». Am Tag nach der Nicht-Wahl ist es vielleicht noch etwas früh, die Lektion für das Leben zu erkennen. Aber nicht mehr politischen Illusionen zu verfallen, wird hoffentlich nicht zu den Lehren gehören, die ich aus dieser Kampagne ziehen werde. Im Gegenteil: Es ist äusserst gesund, seine Hoffnungen der Realität auszusetzen und Erfahrungen zu machen, für die es schlicht keinen Ersatz gibt. Meine Ausgangslage war die folgende: Seit ich vor nunmehr 24 Jahren die grundlegenden Mängel unseres Geldsystems begriff, habe ich konsequent und in verschiedenen Tonlagen dagegen angeschrieben. Mit sehr beschränktem Erfolg. Ein Text, der nur Beifall erregt, ist nicht gut genug. Die Kandidatur hat dieser Arbeit eine ganz neue Dimension gegeben: Raus aus der Schreibstube und rein in die politische Debatte. In diesem Spiel beginnt man als Niemand, auf den niemand gewartet hat.

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Zu Beginn lag der Fokus auf der rechtlichen Seite: Wie kommt es, dass das Geldmonopol gemäss Verfassung beim Bund liegt, aber rund 85 Prozent des Geldes virtuell von den privaten Banken aus dem Nichts geschöpft (und gegen Zins verliehen) werden? Das müsste doch politisch kontrolliert werden. Fehl­ alarm. Die Rückfrage beim Eidg. Finanzdepartement ergibt: Dafür ist keine politische Behörde zuständig. Und in ihrer Antwort auf meine Intervention schreiben die Präsidenten der national- und der ständerätlichen Finanzkommission, es fände keine Kontrolle der Geldschöpfung durch die privaten Banken statt und dies sei auch nicht vorgesehen. Immerhin bestä-

tigen sie den Vorgang. Und: Das Nationalbankgesetz, in dem die absolute Autonomie der Nationalbank geregelt ist, werde als «materielles Verfassungsrecht» behandelt. Nichts zu machen, wenigstens nicht innert nützlicher Frist. Das Gesetz über die Währung und die Zahlungsmittel (WZG) scheint vielversprechender. Hier müsste sich der verfassungswidrige Charakter des von den Banken hergestellten Geldes doch zeigen. Tatsächlich: Artikel 2 definiert gesetzliche Zahlungsmittels als Münzen, Banknoten und «Sichtguthaben bei der schweizerischen Nationalbank». Der Versuch, ein Konto bei der Nationalbank zu eröffnen – unbares gesetzliches Zahlungsmittel sollte doch jedem Bürger zur Verfügung stehen – scheitert erwartungsgemäss. Dafür verweist mich ein Jurist der Nationalbank, der

Raus aus der Schreibstube und rein in die politische Debatte. In diesem Spiel beginnt man als Niemand, auf den niemand gewartet hat. ungenannt bleiben will, auf eine entscheidende Stelle in der Botschaft zum WZG. Dort schrieb der Bundesrat 1999: «Guthaben bei einer Gross-, Kantonal- oder Regionalbank oder gar einer Kreditkartenorganisation sind etwas genuin anderes als Guthaben bei der SNB, die als einzige Institution im Lande – gestützt auf öffentlichrechtliche Normen – autonom Geld schöpfen kann.» Man darf jetzt also laut und deutlich sagen, dass Bankengeld kein gesetzliches Zahlungsmittel ist. Nur: Solange selbst die Behörden keinen Unterschied zwischen gesetzlichem und ungesetzlichem Zahlungsmittel machen, hilft das wenig.


Nächstes Ziel: die Parlamentarier. Hier ist die Enttäuschung fast noch grösser. Toni Brunner will sich nicht äussern, da er zu wenig von der Materie verstehe. Christian Levrat meint wirklich, die Nationalbank sei die einzige Institution, die real Geld schaffen könne und Caspar Baader hängt tatsächlich dem Volksglauben an, die Banken verliehen das Geld der Sparer. Und der Mann ist im Gespräch als Bundesrat – es ist schwer zu glauben. Es gibt aber auch erfreuliche Ausnahmen: Der Grüne Jo Lang (leider abgewählt) ist dafür, dass nur noch die Nationalbank Geld schöpfen kann und Andi Gross findet es richtig, die Geldschöpfung durch die Privaten zu hinterfragen, denn sie handelten nicht im Interesse der Schweiz, sondern ihres Profits.

Ist es überhaupt möglich, eine Erfahrung zu machen, ohne eine Illusion gehabt zu haben? Martin Kessel

Dann kommt der 6. September, der Tag, an dem die Nationalbank mit der Kurs-Untergrenze die Krise auf später verschiebt (und verschärft!) und dem Wahlkampf das wichtigste Thema raubt: die Finanzkrise. Die ganze Schweiz ist glücklich. Die Regierung ist heilfroh, weil nun niemand draufkommt, wie machtlos sie ist. Die Parteien sind erleichtert, dass so kurz vor den Wahlen niemand merkt, dass sie die Finanzkrise verschlafen und darüber hinaus noch Angst haben, den Wählern die Wahrheit zu sagen. Die Finanzwirtschaft ist dankbar, denn jetzt kann sie unserer Zentralbank den hinterletzten Schrott verkaufen, zum Fixpreis. Der potenzielle Schaden für die Schweiz ist immens. Nachdem die Nationalbank die NationalbankGeldmenge zwischen Juli und August von 70 auf gegen 250 Milliarden erhöht hatte und damit die Frankenstärke nicht bremsen konnte, wird jetzt noch grösseres Geschütz aufgefahren. Der Verlust könnte ohne Übertreibung 500 Milliarden betragen – ein ganzes Bruttosozialprodukt, das wir den Hedgefonds in den Rachen werfen. Und die Schweiz schweigt. Hans-Jacob Heitz, parteifrei-Kandidat in Zürich und ich schreiben allen Kantonsregierungen einen Brief, in dem wir sie als Hauptaktionäre auffordern,

Parteifreie Politik bedeutet engeren Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern. Das Wahlbistro Solothurn war einen Monat lang geöffnet, zeigte Filme zum Thema Geld und bot sich als Diskussionsforum an. Die Nutzung war aber eher mässig.

doch eine ausserordentliche Generalversammlung einzuberufen, um diesen Wahnsinn zu stoppen. Die ablehnenden Antworten waren zu erwarten. Selbst wenn sie wollten, die Politik der Nationalbank können sie nur mit einem Antrag auf Gesetzesänderung an die eidg. Räte beeinflussen. Über zwei kleine Highlights muss ich noch berichten. Am 30. September gelingt es mir, in der Arena zum Thema Geld und Wirtschaftspolitik mit einem Statement von knapp einer Minute die private Geldschöpfung durch die Banken zu thematisieren. FDP-Nationalrat Ruedi Noser schüttelt derweil verräterisch den Kopf. Das Thema ist vorläufig erledigt. Nach der Sendung fasst ein strahlender TV-Mann Franz Fischlin zwei Wochen Dauersendungen «Treffpunkt Bundesplatz», mit den bezeichnenden Worten zusammen: «Nichts ist passiert, so etwas ist nur in der Schweiz möglich.» So viel unfreiwillige Wahrheit in einem Satz – das muss ihm erst einer nachmachen. Das zweite Highlight ist ein Anruf eines Herrn aus München. Er sei Auslandschweizer, habe alle Wahlunterlagen genau studiert, halte parteifrei.ch für die einzig vernünftige Wahl und wolle mich gerne kennenlernen. Ein paar Tage treffen wir uns zum Gespräch im Bahnhof Solothurn, ich ein etwas gestresster Wahlkämpfer, er ein gepflegter Herr in gesetztem Alter, Theaterregisseur von Beruf und Bürger aus Leidenschaft. Wie gesagt: ein kleiner Höhepunkt. Begegnungen wie diese sind es, die meine Hoffnung bis zuletzt wach halten, es wieder alle Vernunft doch zu schaffen. parteifrei.ch erreicht im Kanton Solothurn schliesslich 1,34 Prozent der Stimmen, immerhin mehr als alle Kleinparteien und Tochterlisten mit Ausnahme der EVP und der Jungen Grünen. Mit meinem persönlichen Resultat kann ich zufrieden sein. Aber das Ziel ist nicht erreicht. Im Nationalrat wird vorderhand niemand die Verfassungsmässigkeit unseres Geldes in Frage stellen und sich für die Souveränität des Volkes auf diesem elementaren Gebiet einsetzen. Aber: «Im Wahlkampf kann man in jedem Fall für das Leben lernen.» Meine Wahlkampagne «für gerechtes Geld» wird deshalb auf eine breitere Basis gestellt und in veränderter Form weitergeführt. Man kann auch als quasi-Niemand etwas bewirken, wenn man die Diskussion sucht, unter die Menschen geht und aufsteht, wenn es etwas zu sagen gibt. Man darf durchaus ein Niemand sein. Aber wenn niemand es versucht, kann es schon gar nicht gelingen. Die Erkenntnisse der Kampagne für ein gerechtes Geld sind in rund 40 Beiträgen auf dem Blog www.christoph-pfluger.ch nachzulesen. Unter diesem Namen finden sich auf youtube zudem zwei kurze Filme.

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Männer wollen, was Frauen haben Was in Schweden selbstverständlich ist, kann sich in der Schweiz nicht richtig durchsetzen: Männer, die Teilzeit arbeiten. Dabei zeigen Umfragen, dass ihr Wunsch nach   von Brigitte Müller mehr Zeitautonomie gross ist.  Wer Teilzeit arbeitet ist motivierter, leistungsfähiger und weniger krank bescheinigen verschiedene Studien1. Auch sinkt die Fluktuation im Betrieb. In der Schweiz sind es immer noch in erster Linie Frauen, die sich für dieses Arbeitszeitmodell entscheiden. Gemäss Bundesamt für Statistik gehen 2011 mehr als die Hälfte der erwerbstätigen Frauen, aber nur rund einer von acht Männern einer Teilzeitarbeit nach. Die Vorteile einer Teilzeitbeschäftigung liegen auf der Hand: mehr Zeit fürs Privatleben, für Familie und Hobbys – Dinge, die grundsätzlich auch Männer interessieren. Doch Teilzeitarbeit bedeutet häufig ungesicherte Arbeitsverhältnisse, schlechtere soziale Absicherungen (gerade bei der Pensionskasse) sowie geringere Weiterbildungs- und Karrierechancen. Seit 1991 stieg die Teilzeitarbeit bei beiden Geschlechtern – von 29,3 Prozent (2000) auf 43,2 Prozent (2010). Der Anstieg männlicher Teilzeitbeschäftigter führt eine Studie der FH St. Gallen2 zum einen auf den Wertewandel zwischen Mann und Frau zurück: Die Frauen wollen nicht mehr einfach zu Hause bleiben und die Kinder betreuen, sondern auch auswärts arbeiten. Zum anderen steigt das Bedürfnis der Männer, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. 1 www.arbeitgeber.monster.ch; doku.iab.de/kurzber/2006/ kb0706.pdf 2 www.teilzeitkarriere.ch/FHSG_ TeilzeitMaenner.pdf 3 www.sg.ch/news/1/2011/02/ vaeter_wuenschen_mehr.html 4 www.maenner.ch/sites/default/ files/factsheet_2.pdf

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Wenn dem so ist: Warum ist dann die Teilzeitquote der Männer hierzulande nicht höher ? Mangelt es den Männern an Interesse ? Antworten liefert die Studie «Was Männer wollen !» der Pro Familia3. Über 1000 Mitarbeiter von St. Galler KMU haben daran teilgenommen, darunter Vertreter aller Sozialschichten. 90 Prozent der Befragten wünschen

eine Arbeitsreduktion und sind bereit, den Lohn zu reduzieren. Und: Männer mit tieferem Einkommen sind zufriedener, während Mitarbeiter zwischen 31 und 40 durch höhere Unzufriedenheit auffallen. Vor allem junge Väter haben das Gefühl, den Ansprüchen ihrer Familie nicht gerecht zu werden. Sie möchten von ihren Kindern nicht nur als Wochenendväter wahrgenommen werden. Damit aus dem Wunsch nach mehr Zeitautonomie auch Wirklichkeit werden kann, braucht es entsprechende Strukturen, wie sie Politik und Wirtschaft zum Beispiel in Holland und Schweden geschaffen haben. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist für Ivo Knill von männer.ch ein gesetzlich verankerter Vaterschaftsurlaub. Zusammen mit einer überparteilichen Parlamentariergruppe hat er im Frühjahr einen Vorschlag für eine privat finanzierte, steuerbefreite Familienvorsorge4 lanciert. Spart ein Arbeitnehmer zum Beispiel während vier Jahren 5 Lohnprozente an, soll er bei der Elternschaft ein Jahr lang auf ein Arbeitspensum von 80 Prozent reduzieren können. Das entsprechende Postulat wurde im September vom Ständerat an den Bundesrat überwiesen mit dem Auftrag, einen Bericht über Umsetzungsmöglichkeiten für Väter- und Elternzeitmodelle nach dem Vorbild der Altersvorsorge zu schaffen. In der Zwischenzeit sind wir alle gefragt: Männer, in dem sie im Beruf geeignete Teilzeitlösungen einfordern. Arbeitgeber, in dem sie flächendeckend alternative Arbeitsmodelle wie Jobsharing oder Jahresarbeitszeit einführen. Und nicht zuletzt Frauen, indem sie ihre Haushalts- und Familiendomäne für die Männer öffnen.


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Mann mit einer kleinen Ledertasche. Als er erfuhr, dass dieser sie selbst genäht hatte, war für Gabriele klar: das will ich auch können. Er lernte von diesem und anderen Menschen das Sattlerhandwerk, übte viel und brachte es sich letztlich selbst bei.

Eigentlich war Gabriele schon immer ein Handwerker, ob als Käser, Fahrradmechaniker oder Paukenspieler. Doch das Sattlerhandwerk ist für ihn etwas Besonderes, da er nachhaltige und individuelle Produkte anfertigen kann. Sattlernaht nennt er seine Homepage. Sie hat für ihn die gleiche Bedeutung wie die Grundnaht des Sattlers: aufwändig aber haltbar – so wie Gabrieles Handwerk.

Leidenschaft Leder Nadel, Faden und Ahle, das sind die Hauptwerkzeuge von Sattler Gabriele L’Epplantenier aus Ursenbach. Ein Sattler konstruiert Sättel, aber was noch? «Meine Spezialität sind vor allem Messer-, Schwert- und Axtscheiden», erklärt Gabriele. Der 28-jährige hat ursprünglich eine Lehre als Käser angefangen, nun arbeitet er seit acht Jahren als Sattler. Alles begann, als er einmal genauer seine Hand studierte und feststellte, was für ein geniales Werkzeug sie ist. «Ich wollte sie intensiver nutzen, und das Material Leder hat mich schon immer fasziniert», so Gabriele. Auf der Strasse sah er immer wieder einen

Wer heute noch Schwertscheiden kauft? Es gäbe viele Mittelalterliebhaber, die sich für solche Gegenstände begeistern, sagt Gabriele. Doch auch für andere bietet seine Sattlerei allerlei. Zum Beispiel Gürtel, Geldbeutel oder Taschen. Besonders stolz ist Gabriele, dass er ausschliesslich pflanzlich gegerbtes Leder verwendet. Auch Spezialanfertigungen macht er auf Wunsch, zum Beispiel Hüllen für Instrumente oder andere Gegenstände.

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Kurzmeldungen

Die Kennedy-Bibliothek über Architektur, Ökologie und das Geldsystem Margrit und Declan Kennedy haben sich einen Traum verwirklicht und ihre Veröffentlichungen aus 50 Jahren in einer kostenlos zugänglichen OnlineBibliothek zusammengefasst. Die beiden, von Haus aus Architekten, haben eine breites Wissens- und Erfahrungsspektrum. Die Themen reichen von der Architektur, dem Schulbau und der Stadtplanung über die Beteiligung von Betroffenen in der Planung, Planspiel-Simulation, Ökologie und Permakultur bis zur Geld- und Bodenreform und dem Leben in einem Ökodorf mit einer Postwachstumsökonomie. Über ihre Bibliothek schreiben sie: «Die dem Ganzen zugrunde liegende Philosophie ist der Glaube und das Vertrauen in unsere menschliche Fähigkeit, sich selbst, die eigene und weitere Umgebung und gemeinsam die Welt so zu verändern, dass sie allen Menschen ein Überleben in Würde und die Entfaltung ihrer Kreativität ermöglicht. Wir haben die Techniken und die Ressourcen. Was uns

fehlt ist der gleichermassen vorhandene Zugang zu diesen Ressourcen.» In der Bibliothek kann man nach Schlagworten, Autoren, Sprache oder Ort des Erscheinens suchen. Insgesamt stehen 25 Bücher, elf Sammelbände und eine Reihe von Aufsätzen und Zeitungsartikeln in elf Sprachen zur Verfügung. Die Dateien können als pdf heruntergeladen werden. Weltweit bekannt geworden ist Margrit Kennedy durch ihre Veröffentlichungen über Geld und Zins und Declan Kennedy als Förderer der ÖkodorfBewegung. Die beiden wohnen im Lebensgarten Steyerberg. Declan (geb. 1934 in Irland) und Margrit (geb. 1939 in Deutschland) hatten beide verschiedene Architekturlehrstühle inne. Bis heute treibt die Verbindung von Architektur, Ökologie und Geldsystem ihre Arbeit an.  CP 

http://kennedy-bibliothek.info

AMIE – grosse Freundin für junge Mütter Wer ohne abgeschlossene Erstausbildung schwanger wird, braucht Hilfe. Jungen Müttern, die keine Unterstützung von ihren Familien erhalten, bleibt oft nur die Sozialhilfe. Den Weg aus der ökonomischen Abhängigkeit zeigt den jungen Frauen nun AMIE, ein Projekt des Basler Gewerbeverbandes. Ein individuell zugeschnittener Fahrplan soll ihre Chancen aufzeigen und gezielt bei der Verwirklichung beruflicher Ziele helfen. Zehn Monate dauert der Kurs, der die jungen Frauen auf ein selbstbestimmtes Leben als Mutter und Berufsfrau vorbereiten soll. Halbtags vermitteln ihnen erfahrene Fachkräfte die wichtigsten Basics zu Themen wie Erziehung, Bewerbungstraining oder Work-Life-Balance. Ein erwünschter Nebeneffekt: Die jungen Mütter treffen auf andere Frauen in der gleichen Lebenssituation, können sich austauschen und Kolleginnen für gemeinsame Aktivitäten finden. SL 

www.amie-basel.ch

Nur gelebte Werte sind echte Werte Firmen sorgen sich in der Regel um harte Faktoren wie Geld, Strategien und Strukturen. Damit ein Unternehmen funktioniert, sind aber weiche Faktoren wie das Beziehungsverhalten der Mitarbeiter untereinander entscheidend, sagen Hans R. Hässig und Roland F. Stoff. Im Gegensatz zu Unternehmensberatern wollen die beiden die Selbststeuerung durch Erkenntnis fördern. Das Instrument dazu heisst Unternehmenskultur-Controlling ®: Es analysiert in Fir-

men den Ist-Zustand der Werte und Un ternehmenskultur. Interne Beziehungen, Potenziale und Disharmonien werden sichtbar gemacht.   Mögliches Einsatzgebiet sind Firmenübernahmen: Hier prallen oft die unterschiedlichen Unternehmenskulturen aufeinander. Damit sich die Mitarbeiter orientieren können, braucht es ein klares, nachvollziehbares Leitbild mit den dazu passenden Werten. Wer sich damit identifiziert, baut eine Bindung zur neuen Firma

auf. Wer das nicht tut, verlässt oft von sich aus den Betrieb.   Einige Firmen verlangen auch schier Unmögliches von ihren Mitarbeitern, weil «sie in ihren Leitbildern bis zu 20 Wertbegriffen auflisten, denen man gerecht werden muss. Lieber nur die Hälfte der Werte vornehmen, dafür auch konsequent vorleben», rät Hässig stattdessen.



BM



http://www.unternehmenskultur-controlling.ch/

Master Han Shan: Vom Millionär zum Bettelmönch Wir hören gelegentlich von Bettelmönchen in Asien, die mit ihrer leeren Schale von Haus zu Haus gehen. Meist sind es Einheimische, die schon als Kind in ein Kloster gegeben wurden. Niemand ergreift diesen «Beruf», wenn er die Wahl hat. Oder? Hermann Ricker aus Hessen besass in Singapur eine Firma, die in guten Zeiten 33 Millionen US-Dollar Umsatz machte. Dem Vollblutunternehmer ging es nach eigener Aussage nicht so sehr um Geld. Er liebte das Verkaufen. Den Luxus, der «nebenbei» entstand, nahm er trotzdem gern in Anspruch: Jacht, Villa, Jaguar.   Dann, 1995, kollidiert sein Auto auf dem Malaysian Highway mit einem ausscherenden Laster. Ricker entgeht nur knapp dem Tod. All sein Besitz, sein Status bedeuten mit einem Mal nichts mehr. «Es war eine Show gewesen

auf der Bühne des Lebens, eine grosse Illusion.» Ohne zu zögern verschenkt er seine Firma an Mitarbeiter, seinen Besitz an soziale Einrichtungen. Hermann Ricker geht nach Thailand und wird buddhistischer Bettelmönch. Mehr als der Verlust des Besitzes quälen ihn die unaufhörlichen «weltlichen» Gedanken in seinem Kopf. Die Einheimischen jedoch nehmen den Aussenseiter freundlich auf. «Oft war ich Menschen begegnet, die sich scheuten zu nehmen. Nun begriff ich, dass es in diesem Kreislauf aus Geben und Nehmen auch darum geht, dem anderen die Möglichkeit zu eröffnen, zu geben.»   Wie Buddha meditiert der Mönch aus dem Westen so oft er kann unter einem Baum – trotz Ameisen und Moskitos. Mit der Zeit stellt sich Frieden ein, und Ricker empfindet ein Glück, das er nie für möglich gehalten hat-

te. «Wie die Jahreszeiten trieb ich im Fluss der Wandlung, der Vergänglichkeit.» Der Hesse nennt sich nun Master Han Shan und gründet selbst ein Meditationszentrum: das «Nava Disa Retreat Center». Für ihn die Gelegenheit, den Menschen hier etwas zurückzugeben. Manchmal kommen sogar Manager und Unternehmer zu ihm. Den Ex-Kollegen sagt Han Shan: «Wenn du in deiner Firma etwas ändern willst, dann ändere zuerst dich selbst.» Auch den Erfolg versteht er heute anders: «Erfolg ist kein Schlüssel für wirkliches Glück, sondern inneres Glück öffnet die Tür zum Erfolg.»  RR Master Han Shan: Das Geheimnis des Loslassens – Der Schlüssel zu wahrem Glück und innerem Wohlbefinden. Verlag Bastei Lübbe 2011, 208 S., Fr. 25.90 /16,99 Euro

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entscheiden & arbeiten

Zu Tisch: 10 Jahre Schweizer Tafel

Für immer vergessen

«Frischgemüse eher nicht, das bleibt wahrscheinlich liegen», weiss Jürg Stammler von der Heilsarmee Passantenheim. Er kennt seine Pappenheimer und hebt einen Karton Joghurts und Flan Caramel aus dem Tafel-Transporter. Gründerin Yvonne Kurzmeyer erklärt derweil am Steuer des Kühlfahrzeugs das Ziel für die nächsten fünf Jahre: «Eine Tafel in jeder grösseren Schweizer Stadt und natürlich Leute, die Plausch haben mitzuhelfen.» Das war 2001, als die Schweizer Tafeln gerade ihre erste Runde drehten. Der kleine Film in «Schweiz Aktuell» ist inzwischen ein Zeitdokument. Heute verteilen die Schweizer Tafeln täglich 12 Tonnen Lebensmittel an 525 soziale Institutionen. Unter dem Motto «Essen – verteilen statt wegwerfen», kurven 31 Kühlfahrzeuge durch Schweizer Städte, um bei Produzenten, Grossverteilern und Detaillisten gratis Produkte abzuholen, deren Verkaufsdatum – nicht zu verwechseln mit dem Verbrauchsdatum – abgelaufen ist. Die Idee kommt aus New York. Unter dem Namen «City Harvest» werden dort Lebensmittel an Obdachlose

Der Film von Michael Madsen «Into Eternity – in alle Ewigkeit» erzählt die Geschichte der Menschheit, die Atomenergie entwickelte und heute vor der Frage steht: Wohin mit den geschätzten 300 000 Tonnen Atommüll? Finnlands Antwort ist ein Endlager, sie nennen es «Onkolo» (=Versteck). Bis 2100 soll in einem Felsen der gesamte Atomabfall des Landes deponiert werden. Danach wird der Fels für immer verschlossen. Doch verbrauchte Brennstäbe verrotten nicht nach kurzer Zeit, ihre Strahlung bleibt noch 100 000 Jahre lang schädlich. Woher sollen künftige Generationen wissen, dass sie diese Höhle niemals aufbrechen dürfen? Der Film ist ein philosophisches Manifest an unsere Zukunft. Er hält uns die Vergänglichkeit vor Augen und die Tatsache, dass wir nicht wissen, wie sich Welt entwickelt. Die Kamera führt den Zuschauer einerseits in die Tiefen der Erde, wo Arbeiter in den Felsen des künftigen Endlagers bohren. Andererseits führt sie uns zu Wissenschaftlern und Experten, wobei deutlich wird: Niemand weiss es besser. «Bohrt nie in den Felsen, verursacht nicht soviel Schaden auf der Erde wie es unsere Generation getan hat und nun: Viel Glück!», so die Botschaft der Experten, die sie im Film der Nachwelt hinterlassen. Ist das Onkolo vollendet, muss jede Generation ihre Kinder daran erinnern, diesen Ort für immer zu vergessen.  SAM

verteilt. Eine Fernsehreportage über das amerikanische Tafel-Vorbild brachte Yvonne Kurzmeyer auf die Idee, etwas ähnliches in der Schweiz aufzubauen. Als Frau eines Bankdirektors hatte sie zwei Kinder aufgezogen und war damals auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. «Als wir anfingen, war das Thema Armut in der Schweiz noch ein Tabu», erinnert sich Kurzmeyer. Es habe einige Mühe gekostet den Leuten klar zu machen, dass es auch in der Schweiz arme Leute gebe. Dass die Akzeptanz und damit auch die Hilfsbereitschaft zugenommen hat, ist nicht zuletzt der Tafel selbst zu verdanken. Heute wird die Tafel von allen Seiten unterstützt, sei es durch Lebensmittel, Freiwilligenarbeit oder Spenden. Ein Spendenfranken generiert bei der Tafel einen Mehrwert von 18.20 Franken. Dass sie es geschafft haben, das Projekt populär zu machen, wusste Kurzmeyer 2005, als die Bundesräte geschlossen auf ihr Weihnachtsessen verzichteten und statt dessen das Geld der Schweizer Tafel spendeten.  SL 

www.schweizertafel.ch

Schuldentilgung – freiwillig ? Die Initiative «Hurra, wir tilgen» sammelt Spenden für den Not leidenden Staat Professor Jochen Hörisch ist ein kluger Mann, bekannt unter anderem aus dem kritischen Geldfilm «Der Schein trügt». Unlängst überwies er 10 000 Euro an den Staat, ein Fünftel seines liquiden Vermögens. Freiwillig und zusätzlich zu seinen Steuern. Ist der Mann noch bei Sinnen? «Normale» Leute lassen sich Geld bekanntlich nur unter Druck aus der Tasche ziehen. Jochen Hörischs Spende ist Teil der Aktion «Hurra, wir tilgen. Deutsche Tilgungsinitiative». Angesichts der unerträglichen Schuldenlast des Bundes will die Initiative alle Bürger motivieren, die Entschuldung des Staatshaushalts selbst in die Hand zu nehmen. «Mit der Tilgung gewinnen wir, die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland, die Herrschaft über unsere Gemeinschaftsfinanzen zurück», heisst es auf der Webseite der Gruppe. «Wir werden uns nicht von Gläubigern vorschreiben lassen, wofür wir unsere öffentlichen Gelder einsetzen.» Der Impuls zum Handeln entstand bei Prof. Hörisch auf ungewöhnliche Weise: Der Germanist fand in Goethes «Faust II» eine komplett ausgearbeitete Geldtheorie, die heute aktueller ist denn je. «In diesem Zeichen wird nun jeder selig», schreibt Goethe und meint: An die Stelle des Kreuzes ist als Idol der Geldschein getreten – bis heute. Geschuldetes Geld, weiss Hörisch, ist nicht einfach weg. Ihm stehen Vermögen in gleicher Höhe gegenüber. Das Zinsprinzip

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bedeutet: «Diejenigen, die arm sind, geben denen, die viel haben, Geld». Da diese Dynamik eskaliert, ist der Zusammenbruch nur noch eine Frage der Zeit. Laut Jochen Hörisch sind 70 Prozent aller Geldforderungen, die heute existieren, nicht mehr eintreibbar. Die Frage ist, wie wir den Übergang gestalten: radikal oder sanft. Fünf mögliche Wege zeichnet Prof. Hörisch auf: 1. Schuldenminderung durch Inflation, 2. ein radikaler «Haircut». Beide Varianten führen für ihn unvermeidlich zum Kollaps. Lösung Nr. 3 wird von neoliberalen Hardlinern (etwa der FDP) vertreten: Wir senken Steuern und erwarten, dass dies dem Staatshaushalt hilft – eine Illusion. Vorschlag Nr. 4 kam nach dem Krieg zur Anwendung: Alle werden radikal auf Null gesetzt, alle Schulden und Vermögen gestrichen. Jeder erhält ein Startkapital von beispielsweise 100 Euro. Kaum jemand wünscht sich diese brutale Lösung. Bleibt Vorschlag Nr. 5: Freiwillige Schuldentilgung. Damit kann jeder Bürger selbst beginnen: schon jetzt. Natürlich ist auch Hörisch klar, dass seine Initiative, die bisher 17 000 Euro erbrachte, den Staatshaushalt nicht allein retten kann. Aber er rechnet vor: In vielen Gemeinden wären so schon heute alle Schulden zu tilgen. Dort beträgt die ProKopf-Verschuldung pro Bürger «nur» ca. 1000 Euro. Würden die Menschen merken, dass das

DVD-Verlosung bei Filme für die Erde: www.filmefuerdieerde.ch

funktioniert, könnten Initiativen auch im Bund mehr Zulauf bekommen. Ohne Gläubigerverzicht wird es allerdings nicht funktionieren. Längerfristig strebt Jochen Hörisch einen Lastenausgleich an, wie er von Konrad Adenauer nach dem Krieg initiiert wurde: Wohlhabende Bürger kamen damals unter anderem für die Bedürfnisse der Vertriebenen und Wohnungslosen auf. Übertragen auf heutige Verhältnisse, wäre das ein Kompromiss. Weder würden, wie heute, Geringverdiener und Hartz IV-Empfänger schleichend enteignet, noch würde man Reichen in «maoistischer» Manier ihren gesamten Besitz nehmen. Organisieren müsste das der Staat. Solange der nicht versteht, sind wir aber nicht machtlos. Jeder kann etwas tun: durch sein gutes Beispiel.  RR 

www.hurrawirtilgen.de


Kurzmeldungen

Nicht zahlen ! Schuldenaudit für Griechenland

Kämpfer für eine bessere Welt

«Die Griechen» sind faul, pleite und liegen uns anständigen Nationen auf der Tasche. So liest man es oft, aber stimmt es auch? Der Wirtschaftswissenschaftler Giannis Tolios von der griechischen Linkspartei sieht das anders: «Nicht ganz Griechenland ist schuld, sondern einige, die in den vergangenen 20 Jahren riesige Vermögen angehäuft haben. Und auch andere, die mit den hohen Zinsen und der Spekulation reich geworden sind.» Mit anderen gründete der Politiker im Herbst 2010 die «Initiative für ein Schuldenaudit». Sie widmet sich der Identifizierung und Streichung illegitimer Schulden. Gemeint sind vor allem Schulden, die durch Korruption und Verschwendung zustande gekommen sind, «wobei das Volk nicht gefragt wurde, die Gläubiger dies aber gewusst haben.» Das sind nach ersten Schätzungen 75 bis 80 Prozent aller Schulden. Illegal wäre ihre Annullierung nach Tolios Ansicht nicht: «Nach UN-Konventionen muss ein Land seine Schulden nicht zurückzahlen, wenn es für die Erfüllung der Forderungen der Gläubiger seine Universitäten und Krankenhäuser schliessen sowie die Zahlung von Löhnen und Renten einstellen müsste.» Die Aktivisten haben auch keine Angst vor dem Zorn der Finanzmärkte, die Griechenland nie wieder etwas leihen dürften. Das Land zahlt derzeit jährlich 55 bis 60 Milliarden Euro Zinsen und Tilgung. Fallen die weg, können die restlichen Schulden mit links bezahlt und sogar noch Arbeitsplätze geschaffen werden.  RR

Ein Tag bevor in Stockholm die Nobelpreise verliehen werden, wird im schwedischen Reichstagsgebäude bereits gross gefeiert. Anlass ist der Right Livelihood Award, bekannter unter seinem inoffiziellen Namen «Alternativer Nobelpreis». Er wird diesen Dezember bereits zum 25. Mal an Menschen verliehen, die für eine bessere Welt kämpfen. Zu ihnen gehört Huang Ming aus China. Sein Unternehmen für Solarenergie, Himin Solar, setzt mit seinen Produkten nicht nur auf Innovation, sondern auch auf Bezahlbarkeit und Massenanwendung, begründet die Jury ihren Entscheid. Himin Solar produziert unter anderem Sonnenkollektoren mit einer jährlichen Gesamtfläche von zwei Quadratkilometern. Die Lebensgrundlage und Rechte bäuerlicher Gemeinschaften zu schützen hat sich GRAIN zur Aufgabe gemacht. Die NGO kämpft seit 20 Jahren gegen das Land Grabbing, in dem sie den massiven Ankauf von Ackerland in den Entwicklungsländern durch ausländische Finanzinvestoren entlarvt. Eine wichtige Arbeit, denn dieses Aufkaufen erhöht zum einen die Armut der betroffenen Bauern, zum anderen wird das Land nicht nachhaltig bewirtschaftet, was negative Folgen für das Ökosystem hat. Die Dritte im Bunde der Preisträger ist die afrikanische Anwältin Jacqueline Moudeina. Die Jury ehrt damit ihren unermüdlichen Kampf für die Opfer der Tschad-Diktatur. Zwischen 1982 und 1990 passierten unter der Regierung von Hissène Habré 40 000 politisch motivierte Morde. im Jahr 2000 reichte Moudeina Klage gegen Habré ein, der heute im Ausland in Luxus lebt. Das juristische Verfahren ist noch immer nicht abgeschlossen, doch Moudeina gibt nicht auf. Genauso setzt sie sich für die Rechte von Frauen und Kindern ein und geht aktiv gegen Kinderhandel vor. Für ihre zahlreichen Verdienste wurde die Anwältin nun ausgezeichnet. Die vierte Auszeichnung geht an Ina May Gaskin aus den USA. Sie «lehrt und verbreitet Geburtsmethoden, die Frauen in den Mittelpunkt stellen und die körperliche und geistige Gesundheit von Mutter und Kind fördern», erklärt die Jury ihre Wahl. Gaskins Arbeit ist deshalb so wichtig, da in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts der Hebammen-Beruf abgeschafft wurde, wodurch auch die natürliche Geburt zu verschwinden drohte. «Ein guter Anfang macht einen positiven Unterschied in der Welt», sagt sie. Ausserdem ist «die bekannteste Hebamme der Welt» eine Verfechterin des Stillens und prangert an, dass in einigen Bundesstaaten der USA öffentliches Stillen verboten ist.  BM



Quelle: Neues Deutschland

www.rightlivelihood.org/

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Apthapi aus Bolivien Bolivien ist ein Land mit zwei Herzen. Während der indigene Teil der Bevölkerung den Wert der Gemeinschaft hoch hält, suchen westlich-orientierte Menschen ihr Glück im Materialismus und Individualismus. Der Weg zu einer besseren, glücklicheren Gesellschaft geht über gegen­seitiges Lernen – so entsteht ein ‹Apthapi›, ein Buffet des Wissens.   von Pedro Brunhart



I

n Bolivien leben zwei Kulturen zusammen, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Der westlich geprägte Teil der Bevölkerung steht für Kapitalismus, Wachstum, Individualität und Materialismus. Für die andin-amazonische Bevölkerungsgruppe stehen die Gemeinschaft, der Zusammenhalt und die soziale Sicherheit im Vordergrund. Gegenseitige Versuche, die andere Kultur einzuverleiben, haben nicht funktioniert. Auch nach 500 Jahren des Zusammenlebens sind immer noch beide Mentalitäten fest in den Köpfen der Bolivianer verankert. Beiden gemein ist das Streben nach Glück. Der Weg dahin ist grundverschieden.

Das Glück im Westen hängt nicht so sehr davon ab, wie viel man hat, sondern wie viel man im Vergleich zu anderen hat.

Glück in der westlichen Kultur In der westlichen Kultur versteht man Glück als 1. etwas Individuelles, 2. Materielles und 3. Zukunftsgerichtetes. Um einen Zustand des Glücks zu erreichen, braucht es Entwicklung und Fortschritt. Für die andin-amazonische Mentalität sind Fortschritt und Entwicklung nicht so wesentlich und nur zu befürworten, wenn sie umweltverträglich sind und keine sozialen Probleme schaffen. 1. Das Individuum ins Zentrum stellen: Unabhängig von der politischen Einstellung gilt für die westliche Bevölkerung: Der Mensch ist der Mittelpunkt der Schöpfung. Die Natur ist nur ein Objekt, das zugunsten des Menschen ausgebeutet werden kann. Für Völker wie die Quechua und Aymara hingegen ist Harmonie das wichtigste. Die kapitalistische Gesellschaft sucht das Glück individuell. Man kann es so zusammenfassen: «Ich bin glücklich, wenn ich viele materielle Dinge und vor allem mehr als alle anderen habe !» Auch Studien belegen, dass der Grad an Glück nicht so sehr davon abhängt, wie viel man hat, sondern wie viel man im Vergleich zu anderen hat.

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Wir handeln gegen unser besseres Wissen weil wir glücklich sein wollen und keine andere Möglichkeit kennen, als immer mehr zu besitzen.

2. Auf das Materielle fokussieren: In der kapitalistischen Gesellschaft ist alles materialisiert. Sehen wir uns einige Beispiele an: Sport: Es gibt kaum einen Sport, den man nicht professionell ausüben kann. Kultur: Die grossen Künstler verdienen wie die grossen Unternehmer. Geld und Kultur sind ineinander verwoben. Wissenschaft: Universitäten, die nicht von einer grossen Firma gesponsert werden, sind schon zweitrangig. Materialismus: Das Haben im allgemeinen ist wichtiger als das Sein. 3. Zukunftsgerichtet suchen: Glück ist nach westlicher Anschauung in der Zukunft zu finden. Eines Tages werde ich meinen Mitbewerber überholen, werde ich noch mehr Besitz anhäufen, werde ich noch besser sein. Doch mit diesen Konzepten im Kopf wird der Wunsch, mehr zu haben, nie erfüllt. Die Leute suchen ihr Glück in einer Zukunft, die nie kommen wird. Der Wunsch nach mehr, schneller, besser wird im Westen Entwicklung genannt. Die Gruppe der Aymara kennt keine Übersetzung für dieses Wort, das Konzept existiert in der andin-amazonischen Welt nicht. Wachstum zählt «Viele Menschen benutzen das Geld, das sie nicht haben, für den Einkauf von Dingen, die sie nicht brauchen, um damit Leuten zu imponieren, die sie nicht mögen», so hat Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre, das kapitalistische System einst zusammengefasst. Wir leben in einem kapitalistischen System. Wachstum sichert unseren Wohlstand. Die Klimaerwärmung und ihre Konsequenzen blenden die Industriestaaten nur allzu gerne aus, wenn es um eine florierende Wirtschaft geht. In vielen Kulturen gibt es eine goldene Regel des Zusammenlebens: «Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.» Doch diese Regel gilt in der kapitalis­tischen Gesellschaft nicht. Wir regen uns über das fehlende Umweltbewusstsein anderer auf, während wir Industrienationen im Gegenzug kein schlechtes Gewissen

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haben, im Namen des Wachstums die Umwelt der anderen 70 Prozent der Menschheit zu zerstören. Warum handeln wir gegen unser besseres Wissen ? Weil wir glücklich sein wollen und keine andere Möglichkeit kennen, als immer mehr zu besitzen. Glück in der andin-amazonischen Kultur Drei Grundgedanken prägen das Verständnis von Glück in der andin-amazonischen Welt: 1. Glück erlangt man in der Gemeinschaft. 2. Das Materielle spielt nur eine untergeordnete Rolle und 3. Glück ist in der Gegenwart möglich. Diese drei Gedanken sind die Grundzüge eines reziproken Systems, das auf Gegenseitigkeit im sozialen Austausch beruht. Die andin-amazonische Zivilisation fühlt sich als Teil des Ganzen. Alles ist verbunden, alles ist verknüpft. Momente des Glücks sind, wenn es keinen Streit in der Familie oder der Gemeinde gibt, wenn alle fröhlich sind, zum Beispiel bei einem Fest, wenn die Tiere gut ernährt sind, wenn die Ernte auf dem Feld gut war und wenn das Wetter zur Jahreszeit passt.

Viele arbeiten in Bolivien Monate oder Jahre, um einmal ein grosses Fest für ihr Dorf oder Stadtviertel ausrichten zu können. Der Weg zum Glück führt über die Gemeinschaft, wie das Beispiel des «Preste», einer Art Sponsor, zeigt. Ein Preste trägt die Kosten eines Gemeindefestes in einem Dorf. Die beträchtliche finanzielle Last, die damit verbunden ist, nimmt er ebenso in Kauf wie die Aussicht auf jahrelange Verschuldung. Viele arbeiten mehrere Monate oder Jahre, um einmal «Preste» zu sein und ein grosses Fest für ihr Stadtviertel ausrichten zu können. Es kommt sogar vor, dass jemand seine Arbeit kündigt, um an ein Fest in seinem Heimatdorf zu gehen. Für sein Glück ist es wichtiger, mit seinen Leuten zusammen zu sein, als für die nächsten Monate ein geregeltes Einkommen zu haben. Der Geburtstag der Tochter ist wichtiger als eine Gelegenheitsarbeit. Was zählt, ist das schöne Fest, die neuen Freunde und der Zusammenhalt. Beziehungen zählen Der Kapitalismus eignet sich für diese Denkweise nicht, dafür die Reziprozität. Die Beziehungen untereinander stehen auch in der Wirtschaft im Vordergrund. Im kommerziellen Austausch nimmt man Bezug auf die jeweiligen Bedürfnisse des Anderen.


Apthapi aus Bolivien

«Glück ist ein Mass­ anzug. Unglücklich sind meist die, die den Massan­zug eines anderen tragen möchten.» Karl Böhm (1894 – 1981), östr. Dirigent

Zum Beispiel gibt es diesen typischen Satz, wenn der Verkäufer zum Käufer sagt: «Ich wollte, du würdest mir mehr zahlen, aber das ist wohl schwierig für dich.» Der Verkäufer nimmt also Rücksicht auf die finanzielle Situation des Käufers, der Preis muss für beide Personen stimmen. Wenn im wirtschaftlichen Leben der Andere – der Käufer – von grossem Wert ist, braucht es auch keine Werbung. Es gibt keinen Grund, Dinge zu produzieren, die niemand wirklich braucht. Es gibt auch keinen Anlass zum Konsumismus oder zur Akkumulation von Materiellem. Es gibt keine irrationale Ausnützung der Erde. Der Westen nennt diese Mentalität ‹rückständig›. Die andin-amazonische Kultur hat mit diesem ökonomischen System über Jahrhunderte gelebt. Sie hat ein Gleichgewicht zwischen Spirituellem und Ökonomischem bewiesen – das Spirituelle beinhaltet Freundschaft, Harmonie mit der Natur, mit den Tieren – aber es gibt auch ein Gleichgewicht zwischen Privatem und Öffentlichem. Alle vier Dimensionen haben ihren Platz, das Spirituelle, das Materielle, das Private und das Öffentliche, während in der westlichen Kultur das Materielle und Private privilegiert sind. Gegenseitiges Lernen Es könnte der Eindruck entstehen, dass hier nur die negativen Seiten der westlichen Welt beschrieben werden, während die andin-amazonische Welt in den Himmel gelobt wird. Im Fall der globalen

Erwärmung ist die andin-amazonische Kultur der westlichen durchaus überlegen. Sie verschmutzt die Welt kaum. Doch wenn wir beide Kulturen mit dem Ziel der Komplementarität betrachten, so sieht man, dass die westliche Welt sehr Nützliches für die zukünftige Welt bieten kann, etwa in den Bereichen Technologie, Gesundheit, Kommunikation, Effizienz, internationales Recht, usw. Andererseits gehört die Enge der personalen Beziehungen zur negativen Seite der andin-amazonischen Zivilisation. Es gibt nicht genügend Individualität im Leben. Die Rahmenbedingungen des Lebens sind sehr eng gezogen. Und auch wenn das Materielle nicht so wichtig für das Glück in der andin-amazonischen Welt ist, so ist es doch wünschenswert, moderne westliche Methoden einzuführen, um die Produktivität zu verbessern und sich eines einfacheren Lebens erfreuen zu können. Die Lösung ? ‹Apthapi›. Eine alte Zeremonie, bei der jede Familie Essen für ein grosses Buffet mitbringt. Am Tisch sitzen alle Generationen zusammen. Es geht darum, Werte wie Respekt, Dankbarkeit und Verantwortung zu fördern. Ein Apthapi ist auch das, was Bolivien braucht. Wir wollen nicht in die Vergangenheit zurück, sondern zusammen eine neue Zivilisation bauen. Wir wollen ein Buffet des Wissens veranstalten, in der jede Zivilisation ihr Bestes dazu gibt, so dass wir am Ende eine neue Gesellschaft haben, in der wir alle glücklich sein können.

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DU BIST, WAS DU ISST Endlich mal ein Trend, hinter dem wir stehen können: Slow Food. Die Weinbergschnecke dient der Bewegung als Symbol, denn Qualität braucht Zeit. Buono, pulito e gusto –  gut, sauber und gerecht soll diese Gastronomie sein. Wir stellen vier Produzenten und ihre Produkte vor, bei denen Ihnen hoffentlich das Wasser im Mund zusammenläuft.

Der Engel von Zwillikon Wo sich Rothirsch und Eber gute Nacht sagen

Der Bio-Pionier aus Schüpfen

Sie gehörten zur Generation, die alles richtig machen wollte. 1981 hätte für biologische Sojabohnen aus der Schweiz die Welt irgendwie nochmals von vorne beginnen müssen. Und weil sie das nicht selber hinkriegten, planten Verena, Gernot, Jurai, Lukas und Hansruedi in nur einem Tag ihre «Tofurei». Ein echter Handwerksbetrieb sollte es sein, frei von Atomstrom und ohne Frauendiskriminierung. «Unser Firmenprogramm», erinnert sich Hansruedi, «war ideologisch total überladen». Aber: Auch genauso bodenständig. Denn während sich andernorts die WGTische unter tiefgründigen Gesprächen bogen, kochten die fünf Vegi-Pioniere in einer Zürcher Waschküche den ersten eigenen Tofu ihres Lebens. Einige der Gründer sind inzwischen weggezogen, andere in ihre angestammten Berufe zurückgekehrt. Der Tofu ist der Gleiche geblieben (möglicherweise ist er sogar noch besser als 1981). Die Sojabohnen stammen aus der Schweiz oder einem KleinbauernSolidaritätsprojekt in Brasilien. Engel-Tofu trägt stolz die Knospe, wird immer noch liebevoll von Hand hergestellt und diskriminiert – hat er garantiert noch niemanden. Wer sich die Tofurei gerne ansehen möchte: Sie feiert ihr 30-jähriges Bestehen mit einem Fest am 16. November 2011.  SL

«Wenn es anderen gut geht, geht es mir auch gut» erfährt man über Res Bärtschi auf seiner Webseite. Alle Antipasti-Produkte des Metzgers sind hausgemacht. Die Zutaten dazu kommen aus Betrieben, die er selber besichtigt hat. Sein Fleisch stammt von kleinen Betrieben aus der Gegend, von Produzenten geführt, die er gut kennt. Die Produkte wie das beliebte «Drachenschwänzli» (getrocknete Rindshuft) stellt Bärtschi nach alter Machart grösstenteils selber her – deshalb sollen sie auch so gut schmecken. Seit über 20 Jahren setzt Bärtschi auf biologische Fleisch-Spezialitäten: «Für mich gibt es nichts anderes.» Eine gute Tierhaltung ist für ihn das Wichtigste. Inzwischen hat er gute Produzenten, denen er vertraut. Aber Res Bärtschi ist nicht nur das Wohl der Tiere, sondern auch der Menschen wichtig: «Ich beschäftige Leute, die andere nicht beschäftigen würden.» Sein Angebot hält er klein, aber fein, und verzichtet bewusst darauf, immer mehr zu machen. Kaufen kann man die Antipasti, Schinken & Co. entweder freitags in Bärtschis Laden oder samstags an seinen Marktständen in Bern und Biel. Daneben beliefert er Restaurants und Läden, zum Beispiel mit seinen Saucissons.  BM



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www.engel-tofu.ch

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Köstlichkeiten für Leib und Seele bieten Oliver (33) und Cäsar (32) Bürgi mit ihrem Hoflabel «Silberdistel» auf den beiden Demeter-Höfen im Berner Jura und in Oftringen. 2000 haben die Brüder den elterlichen Betrieb übernommen und setzen seither auf die Direktvermarktung ihrer Produkte. Ein Dutzend Red Angus Mutterkühe bevölkert zusammen mit ihren Kälbern und einem Stier, drei Muttersauen plus Eber sowie einigen Rothirschkühen mit Stier und Nachwuchs den Hof. Wird eines der Tiere geschlachtet, geschieht dies eigenhändig im nahen Schlachthaus, um es möglichst wenig Stress auszusetzen. In der eigenen Bio-Wursterei werden später gemischte Fleischpakete, Würste, Trockenfleisch und Schinken hergestellt. Ihr Dinkel und Weizen lassen die Brüder zu Mehl und Teigwaren verarbeiten. Im Oktober und November bieten die Brüder Hirschfleisch an, mit dem sie auch auserwählte Restaurants beliefern. Ein Höhepunkt ist sicher die Metzgete im Demeter-Restaurant Tiefmatt. Bestellungen werden auf Wunsch nach Hause geliefert – allerdings fast schade, lässt sich doch mit dem Besuch im schönen Berner Jura das Praktische mit dem Angenehmen verbinden. BM

  

www.silberdistel-kost.ch www.tiefmatt.com

www.resbaertschi.ch


Du bist, was du isst

Bild: alpsicht.ch

Ein Senn mit Hörnern Kühe haben Ohren, in die man etwas rein flüstern möchte. Weich und fellig, als saugten sie schöne Geheimnisse förmlich an. Das zeigt Martin Bienerth auf seinen Fotos. Ein Kuhflüsterer möchte er aber nicht sein. «Glück hat bei Tieren nichts verloren», antwortet er auf meine Frage, ob behornte Kühe glücklicher seien. «Glückliche Kühe, das ist Quatsch – zufriedene schon.» Nach 20 Alpsommern kann man ihm punkto Kühe nichts mehr vormachen. Als Martin Bienerth und seine Frau Maria Meyer 2001 die Sennerei Andeer übernahmen, sagten alle, die etwas davon verstanden, das «rentiere» sich nicht. Doch nach einer kurzen Durststrecke, während der sie den Käse an einen Grossabnehmer verkaufen mussten, war ein eigener Kundenstamm aufgebaut. 2010 gewann ihr «Andeerer Traum» bei den «World Cheese Awards» den zweiten Platz. «Wir haben hier alles erreicht, was wir wollten», sagt Martin Bienerth. Trotz allem ist Andeer für ihn noch nicht zur Heimat geworden. Als politisch denkender Mensch fühlt er sich als Ausländer ohne Stimm- und Wahlrecht beschnitten. Sein nächstes Etappenziel ist deshalb das Ausländerstimmrecht, um zumindest an gemeinde-internen Abstimmungen teilzunehmen. Das Dorf hat Bienerth viel zu verdanken: Die Milch muss nicht aus den umliegenden Betrieben in

einem anonymen Laster ins Unterland gekarrt werden, sondern bleibt in der Dorfsennerei, die ausser Bienerth niemand mehr haben wollte. Er war es, der in Andeer den Hörnerrappen eingeführte – ein Rappen mehr pro Liter Milch einer behornten Kuh. Er fände es schön, wenn man wieder mehr Kühe mit Hörnern sehen würde. Deshalb, so Bienerth, möchte er «der Schönheit einen Wert geben. Sie ist der Kapitalvorsprung des Alpenraums». Im Allgäu, seiner alten Heimat, seien viele Strukturen schon kaputt, so dass das Kleinbauerntum kaum noch eine Chance habe. Wenige, grosse Betriebe würden das Bild dominieren; gemolken würde nur noch im Tal. Milch-Alpwirtschaft: Fehlanzeige. Diesen ungesunden Entwicklungen will Bienerth in der Schweiz entgegenwirken. Einfach aufgeben, das käme für einen wie ihn nicht in Frage. Bei Bienerth-Meyers herrscht Rollentrennung: Maria käst und Martin kocht. Am liebsten mit Produkten aus dem eigenen Laden, für sich, seine Frau und meist noch für die ganze Belegschaft. Martin Bienerth ist überzeugter Fleischesser: «Das Schlimmste ist doch, wenn man ein Tier isst, dass man gar nicht gekannt hat.» Seine Einstellung sei eher indianisch: Die Energie des Tieres gehe in ihn zurück. Martin Bienerth – genannt Floh – ist man geneigt zu glauben. Wäre Na-

turbursche ein abgenutztes Wort, schenkte er ihm neues Leben. Am wohlsten fühlt sich Bienerth über der Baumgrenze. Als er als junger Mann das erste Mal auf der Alp war, dachte er: «Das will ich auch!» Und wurde keiner von denen, die das jahrzehntelang auf jeder Wanderung wieder denken. 25 Jahre alt, beschliesst der junge Agraringenieur Älpler zu werden. In den Bergen sein mit der Natur und den Tieren, sagt Bienerth, sei für ihn das Schönste. In den folgenden Sommern ist er oft mit dem Fotoapparat unterwegs, in der Absicht, «eine andere Sicht der Alpenwelt als Samen zu verstreuen». Den Verlag für seine Postkarten gründet Martin Bienerth 1997 selbst: Den Alpsichtverlag. Abseits vom Mainstream-Kitsch porträtiert Bienerth das Alpleben: Lebendig. Mal feucht und dampfend, mal kalt und neblig. Kühe und Menschen auf dem windigen Vorposten der Zivilisation. Die Leuchtturmwärter der Berge. «Wo sich Kulturraum und Naturraum begegnen», begegnete Bienerth sich selbst. Irgendwann, sagt er, wolle er wieder auf die Alp. Ich glaube: Er muss! www.sennerei-andeer.ch Martin Bienerth: Alpechuchi. Alpsicht-Verlag 2011, 185 S., Fr. 34.90 / 22,80 Euro

Martin Bienerth: Alp. Alpsicht-Verlag 2011, 190 S., Fr. 44.90 / 32,90 Euro

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Gemeinsam ein Stück Autonomie kreieren Sein eigenes Olivenöl zu produzieren mag auf den ersten Blick aufwändig erscheinen. Doch die Kraft des Kollektivs macht es möglich, wie das Beispiel Brusque Cabal in Montpellier zeigt: 260 Liter Bio-Olivenöl produzierte es 2010 für den Eigen  von Pascal Mülchi gebrauch. Ein Gemisch aus Kuhfladen, weissem Ton, Wasser und abgekochtem Schachtelhalm schützt den Olivenbaum vor Pilzen, Insekten und Sonne.

Kontakt Kollektiv Brusque Cabal olivette.lavalsiere@lists.riseup.net http//:alimentation-etudiante.lo.gs/

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I

m Dezember 2010 machte sich eine Handvoll junger Leute im südfranzösischen Montpellier daran, die Früchte ungenutzter Olivenbäume auf dem weitläufigen Universitätsgelände zu ernten. Später entdeckten die Studenten ein seit Jahren zurückgelassener Olivenhain auf einer sonnigen Anhöhe in Grabels am nördlichen Stadtrand. Nach Absprache mit dem Besitzer machte sich die Gruppe an die Arbeit. Das Resultat: 1,5 Tonnen geerntete Oliven, 260 Liter extra-vergines Bio-Olivenöl und mehr als 30 überglückliche junge Menschen, die für 3,45 Euro pro Liter (Kosten für Kaltpressung und Material) ihr eigenes Olivenöl in Empfang nehmen konnten. Zum Vergleich: Ein Liter Bio-Olivenöl kostet in Südfrankreich mindestens 10 Euro. Experiment kollektiv-urbaner Landwirtschaft Was als Initiative einzelner begann, ist zu einem lebendigen Kollektiv namens Brusque Cabal gewachsen. Das ist auch der Name der Parzelle und bedeutet auf Deutsch «brüskes Pferd». Mehr als ein Dutzend junger Frauen und Männer – Werktätige, Arbeitslose und Studenten – treffen sich seit Jahresbeginn wöchentlich auf dem 140 Bäume umfassenden Hain, um diesen gemeinsam zu restaurieren. Dazu gehören Bewuchs zu roden, Baumschnitt, Unterhalt und Behandlung gegen Pilze und Insekten sowie die Ernte. Mit dem Besitzer wurde ein jährlich erneuerbarer Gebrauchs-Leihvertrag abgeschlossen. Der Verein

«Ouvre Tête», der sich um soziale Alternativen und ökologische Solidarität kümmert, ist zum Träger des Projekts avanciert. Gleichzeitig ist es Teil des «RésAl» (Réseau autour de l’alimentation), dem auch Gemeinschaftsgärten und Vertrags-Landwirtschaftsprojekte in Montpellier und Umgebung angehören. In einer Charta hat das Kollektiv die wichtigsten Grundlagen festgelegt. Zentraler Punkt: Die Ernte und die Weiterverarbeitung der Oliven müssen prioritär dem Selbstverbrauch dienen. Die Selbstversorgung ist denn auch für viele die eigentümliche Antriebsfeder. Mit-Initiant Julien (26) sagt: «Mein Ziel ist es, meinen Eigenbedarf von Olivenöl über das ganze Jahr sicher zu stellen.» Für Marion (24) steht die Auseinandersetzung mit Mutter Erde im Vordergrund: «Ich will zuallererst in kollektiver Atmosphäre Natur und Erde wieder entdecken.» Während die Beweggründe für das Engagement variieren, sind sich die Kollektivmitglieder darin einig, dass es sich beim Projekt um ein Experiment kollektiv-urbaner Landwirtschaft handelt. Wer kann schon alleine sein eigenes Olivenöl herstellen ? Dank der Stärke des Kollektivs ist es möglich; gleichzeitig behält jede/r die Freiheit, selber zu bestimmen, wie viel Zeit sie/er investieren möchte. Ein in Bearbeitung stehender Aufteilungs-Schlüssel für das gemeinsam produzierte Olivenöl soll schliesslich den Anteil jedes Einzelnen auf loyale Weise regeln. Zudem soll ein Anteil für gemeinnützige Projekte reserviert werden.


Gemeinsam ein Stück autonomie kreieren

Das Phänomen verlassener Olivenhaine Im Februar 1956 zerstörte eine mehr als 20 Tage andauernde Eiskälte in Südfrankreich mehr als eine Million Olivenbäume, gegen fünf Millionen mussten bis auf den Baumstrunk geschnitten werden – auch jene des Hains in Grabels (vgl. Haupttext). Die Folge: Viele Bauern liessen die Olivenkultur fallen und produzierten fortan Wein. Erst in den 1980er Jahren kam das Olivenöl wieder in Mode und fand zunehmend auch in Mittel- und Nordeuropa Zuspruch. Oftmals spekulieren jedoch die alt gewordenen Besitzer oder Erben auf den teuren Verkauf des Guts als Bauland, weshalb vernachlässigte Olivenhaine keine Seltenheit sind. Trotzdem ist JeanMichel Duriez vom «Afidol» überzeugt, die Olivenkultur sei in den vergangenen 10 bis 15 Jahren eher wieder Instand gesetzt denn (weiter) fallen gelassen worden. Auch Olivenbauer Vialla erklärt: «Ich habe den Eindruck, die Leute interessieren sich wieder vermehrt für den Olivenbaum.» Grundsätzlich, so Experte Duriez, sei der Olivenbaum eine Pflanze, die sich jederzeit wieder aufarbeiten lasse.  Pascal Mülchi

Kulturelle Dimension vs. Eigenproduktion Ähnliche Projekte wie jenes in Montpellier gibt es nur wenige in der Region. Der Verein «Les Amis des vieux oliviers de Puéchabon» unterhält zum Beispiel seit 2005 einen Olivenhain. Roch Vialla, der mit seinem Bruder einen Hain in Combaillaux besitzt und im Verein aktiv ist, erklärt: «Das vordergründige Ziel ist, das reiche Erbgut und dessen Schutz sicher zu stellen.» Die Leute würden sich jedoch eher aus Freude denn aus dem Willen heraus engagieren, sich selbst mit Olivenöl zu versorgen. Auch Jean-Michel Duriez, Lokalverantwortlicher für «Afidol» (Association Française Interprofessionnelle de l’Olive) sagt: «Der kulturelle, ästhetische Aspekt überwiegt eindeutig, wenn sich Leute um ein paar Olivenbäume kümmern.» Die Eigenproduktion von Olivenöl explizit wieder ankurbeln will dagegen Jacky Planque, Präsidentin der «Moulin du Coudoulous» in Aulas. Seit Ende 2010 betreibt sie zusammen mit anderen Freiwilligen eine assoziative Olivenmühle für Leute aus den umliegenden Gemeinden. 21 Tonnen wurden letzten Winter gepresst, manche brachten acht, zehn oder gar nur fünf Kilogramm Oliven. «Die Möglichkeit einer Mühle vor der Haustür hat die Leute animiert und das Ganze zum Laufen gebracht», so Planque. Vorher hätten viele darauf verzichtet, weil die nächste Mühle weit entfernt gewesen wäre. Jetzt sind sie überglücklich, denn: «Sein eigenes Olivenöl zu produzieren hat etwas Magisches.»

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vollwertig leben

Ärztliche Grundversorgung – nur noch im Gefängnis ?

Agrarreform von unten Die Idee ist nicht neu, doch die Ambitionen sind grösser: Die Rede ist vom neu gegründeten Netzwerk «Solidarische Landwirtschaft» mit Geburtsort Kassel, Deutschland. Die Ziele sind schnell umrissen: solidarische Landwirtschaft und einen entsprechenden Paradigmenwechsel voranbringen, die Gründung neuer Hofgruppen anregen und fördern sowie Dienstleistung/Beratung für neue und existierende Höfe bereitstellen. Positiver Nebeneffekt ist, dass Konsumenten und Produzenten, sprich Stadtund Landbevölkerung, einander näher gebracht werden. Solidarische Landwirtschaft bedeutet, dass die Risiken von Absatz und ungünstiger Wetterlage eine mit dem Hof verbundene Gruppe von Menschen übernimmt. Dafür erhält sie einen Anteil an den Ernteerträgen sowie Wissen darüber, woher die Lebensmittel kommen und wie sie produziert werden. Damit diese Art der Landwirtschaft funktioniert, braucht es eine beständige Vertrauensbeziehung zwischen Konsument und Produzent. Das lässt sich entweder durch fortlaufenden Kontakt erreichen oder durch vertragliche Absicherung, so die Organisatoren der Gründungskonferenz. Ob ein Schriftstück geeignet ist, eine gute Beziehung sicherzustellen, sei dahingestellt. Mitmachen darf, wer mindestens die Hälfte seiner Produktion über eine solidarische Beziehung zu seinen Abnehmern betreibt. 21 Höfe sind inzwischen in Deutschland dabei, Tendenz steigend, wie man auf der Webseite nachlesen kann. Die Motive der Mitglieder und Interessenten sind unterschiedlich. Einige wollen mit dem Netzwerk zu einer breiten Bewegung werden, wie in Amerika, Grossbritannien und Frankreich. Doch: Je grösser ein Gebilde wird, umso mehr braucht es auch Strukturen und entsprechende Instrumente, damit das Ganze funktioniert. Wer bei der solidarischen Landwirtschaft dereinst die führende Rolle übernimmt wird sich zeigen – und ob diese Gruppe es schafft, die Bewegung als das zu bewahren, was sie ist: eine Agrarreform von unten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.  BM  http://www.solidarische-landwirtschaft.org/

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Im Filmklassiker «Im Kittchen ist kein Zimmer frei» spielte Jean Gabin einen Stadtstreicher, der absichtlich kleine Straftaten begeht, um es im Winter im Gefängnis warm zu haben. Eine heiter-melancholische Geschichte, aber kann es dergleichen auch in der Realität geben ? Ja, wenn das Land USA heisst. James Verone betrat am 9. Juni eine Bank und raubte – einen Dollar ! Dann setzte er sich gelassen auf eine Bank und wartet, bis ihn die Polizei abholte. Verone war krank, hatte zwei kaputte Bandscheiben, Schmerzen am Bein. Er war arbeitslos und ohne Krankenversicherung – in den USA keine Seltenheit. Der 59-jährige sah in der kostenlosen

Krankenversorgung für Gefängnisinsassen seine einzige Chance auf Heilung. «Ich bin eine logisch denkende Person, und das war meine Logik», sagte Verone «Die Schmerzen waren unerträglich.» Bleibt für immer mehr Menschen nur noch die Wahl zwischen Krankheit und Gefängnis ? Eine solche Gesellschaft läge in der Logik der Politik der «Tea Party Bewegung». James Verone ist ein moderner «Hauptmann von Köpenick», der ein unmenschliches System entlarvte. Nun befürchtet er, dass seine Haft nicht lange genug dauert, um seine Probleme zu lösen. Auch diese Sorge teilt er mit Filmheld Jean Gabin. RR 

Quelle: Spiegel online

4. Kritischer Impftag Solothurn am 3. Dezember 2011 Seit 4 Jahren findet in Solothurn jährlich ein Kritischer Impftag statt. Dieser Tag entwickelt sich langsam zu einer Institution, ist er doch einer der wenigen Anlässe in der Schweiz, wo man sich über dieses umstrittene Thema informieren und so auch die Sicht eines kritischen Arztes anhören kann. Themen sind: Sicherheit & Herstellung der Impfstoffe Impfungen gegen Krebs Tetanus, Diphtherie MMR Polio Hepatitis A und B Rolf Kron informiert über den möglicherweise bevorstehenden Impfzwang in der Schweiz und was Sie dagegen unternehmen können. Anmeldung www.artis-seminare.ch, info@artis-seminare.ch oder Tel. 031 352 10 38

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Mit Gärtnern die Erde heilen Vielleicht haben Sie auch schon gespürt, dass von bestimmten Orten in der Natur Kraft ausgeht. Grundlage dafür ist eine gesunde, intakte Natur – doch vielerorts ist die Erde krank. Eine Möglichkeit, um die Erde zu heilen, ist spirituelles Gärtnern. In dem wir energetische Hilfsmittel wie farbige Aura-Soma-Flaschen nutzen, Heilkräuter-Rituale durchführen, Mandala-förmige Gärten anlegen oder einfach darin me-

ditieren – es ist an uns, ein kleines Stück Erde zu einem harmonischen, energetischen Ort zu machen. So erhöht sich dessen Schwingung und zieht feinstoffliche Wesen an, die den Heilungsprozess in Gang setzen. Mit seinem Buch «Spirituelles Gärtnern» plädiert Silvio Waser zu einem liebevolleren, achtsameren Umgang mit Mutter Erde. «Wenn man eine Reise mit Mutter Erde beginnt, weiss man nie

genau, wo man hinkommt», schreibt Waser. Er nimmt uns mit auf eine Reise in die Welt der Elfen und Zwerge und weckt mit vielen Tipps und Beispielen die Freude am Gärtnern. Eine Inspiration, auch für Menschen ohne grünen Daumen.  BM Silvio Waser: Spirituelles Gärtnern. Wie man mit Paradies Gärten die Erde heilen kann. OneSpirit Verlag 2011, 94 S., Fr. 28.90 / 19,80 Euro.

Was auf den Herd kommt Radiesli – eine Initiative mit bekömmlicher Schärfe «Feed the rich», stand auf dem Leichenwagen, mit dem das Künstlerkollektiv AO& in den letzten Jahren durch Schweizer Nobelkurorte pilgerte. Mitten in St. Moritz den Reichen ein Süppchen zu kochen erweckte nicht umsonst den Eindruck offenkundiger Kritik. Aber weit gefehlt: «Wir wollen einfach, dass ihr auch mal erleben dürft, wie es ist, eine Suppe geschenkt zu bekommen», antwortete das Trio den misstrauischen Passanten. Ein 15-gängiges Menü auf einem Holzherd zu kochen ist für die drei Künstler genau so wenig ein Problem wie ein Buffet in einer New Yorker Galerie. Die halbnomadische Truppe, bestehend aus Philipp Furtenbach, Philipp Riccabona und Tomas A. Wisser, zog es im letzten Herbst ins Grosse Walsertal. In einem vor 26 Jahren geschlossenen Restaurant servierten sie den spontan eingeladenen Gäs­ ten einen mehrgängiges Menü. Einzige Einschränkung: Sie wollten nur Zutaten verwenden, die sie entweder im Tal finden, kaufen oder geschenkt bekommen konnten. Die Ausbeute lag schliesslich unter anderem bei einem halben Hirsch, Tomaten und Holunderblütensirup. Zwei Abende lang wurde im Restaurant gegessen, getrunken und die alten Teppiche wurden mit Schuhen gestreichelt. Die Preise für Menü und Getränke wurden von den Gastgebern für jeden Esser individuell bestimmt. «Zwanzig Franken für den Herr hinten rechts !» Eine Milchbüchlein-Rechnung gab es an jenem Tag keine.  SL

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Nach ihrem Praktikum in der Gärtnerei des Rüttihubelbads suchte Marion Salzmann nach einer passenden Stelle in einem Gartenbetrieb – und fand sie nicht. Statt Kompromisse einzugehen entschied sie, selbst etwas Passendes zu gründen. ‹Radiesli› heisst das Resultat, das am 30. Oktober sein Gründungsfest feiert. Der Verein pachtet ab Januar 2012 ein Stück Land im Worbboden, Bern, wo erfahrene Gärtnerinnen und Gärtner Gemüse für die Mitglieder anbauen. Die Organisation von Radiesli ist die eines Vereins, das Projekt funktioniert aber genossenschaftlich: Die Mitglieder erwerben Anteilsscheine, sind somit Miteigentümer des Betriebs und können ihn mit gestalten. Ein Genossenschafter muss mindestens vier Tage pro Jahr auf dem Feld anpacken und kann im Gegenzug jede

Woche einen Gemüsekorb in einem der Depots, die von Worb bis Bern verteilt sind, abholen. Die Initiative ermöglicht den direkten Bezug zum Gemüseanbau. Weil die Radiesli-Mitglieder ihr Gemüse bereits auf dem Feld kennenlernen, verstehen sie auch, warum nicht alle Rüebli schnurgerade wachsen oder Gurken verschieden krumm sein können. Marion will mit ‹Radiesli› auf eine Welt reagieren, die immer unübersichtlicher wird und eine direkte Verbindung zwischen Konsument und Nahrungsmittelproduktion schaffen. Das Ziel ist, das Projekt direkt und unkompliziert zu halten – wie ein Radiesli eben, sagt Marion, ein Gemüse das schnell wächst, Pfiff hat und jeder zustande bringt.  SAM 

www.radiesli.org, millacker@gmx.ch

Ernährungssouveränität in Europa – jetzt  ! Eine Premiere ereignete sich vom 16. bis 21. August im österreichischen Krems: «Nyeleni 2011» fand statt, das erste Europäische Forum für Ernährungssouveränität. Über 400 Vertreter aus 34 europäischen Ländern kamen zusammen, darunter Bauern, Fischer, Imker und Schäfer, aber auch Vertreter von NGOs und Hilfsorganisationen. Auch die Schweiz war mit einer Delegation vertreten, darunter «Uniterre», «Die Erklärung von Bern», «slowfood.ch», »l’autre syndicat» und «Kokopelli».   In Workshops wurden die Möglichkeiten diskutiert, die demokratische Kontrolle über unser Lebensmittel- und Agrarsystem zurückzufordern und eine starke europäische Bewegung für Ernährungssouveränität zu erweitern und zu festigen. Die wichtigsten Ergebnisse wurden in einer Deklaration festgehalten. Ein Auszug daraus: Ökologisch nachhaltiges und sozial gerechtes Modell der Lebensmittelproduktion und des Verbrauchs er-

arbeiten, das auf nicht-industrieller, kleinbäuerlicher Landwirtschaft und handwerklicher Verarbeitung sowie alternativer Verteilung beruht. Die Lebensmittelverteilung dezentralisieren und die Kette zwischen ProduzentInnen und Konsument­ Innen verkürzen. Die Arbeits- und Lebensbedingungen verbessern, insbesondere im Bereich Lebensmittel und Landwirtschaft. Die Entscheidungsfindungs-Prozesse für die Verwendung von Gemeingütern und kulturellem Erbe (Land, Wasser, Luft, traditionelles Wissen, Saatgut und Nutztierarten) demokratisieren. Sicherstellen, dass politische Entscheidungen auf allen Ebenen die Lebendigkeit ländlicher Regionen, faire Preise für LebensmittelproduzentInnen und sichere, GVO-freie (GVO = gentechnisch veränderte Organismen) Nahrung für alle garantieren.  BM 

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Tour d’Europe Die Fahrräder schwer beladen, die Gesichter frisch rasiert, verlassen wir am 14. April 2011 die Schweiz. Vollbärtig und reich an Erfahrungen kehren wir am 10. September heim. Dazwischen liegen 22 Länder, Schotterpisten, Schnellstrassen, Begegnungen, kurz: eine Entdeckungsreise durch den alten Kontinent. Aus den Erlebnissen liesse sich ein Buch schreiben – hier einige Trouvaillen.     von Michael Huber (Text & Bild)

Bild 1: «Wohin des Weges, fröhlicher Wanderer ?», fragt mich ein Mann an der Nordsee. Am Morgen wissen wir selten, wo wir am Abend unser Zelt aufschlagen werden.

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U

nd, wie war eure Reise ?» «Gut.» «Was habt ihr so erlebt ?» «Allerhand.»

Was erzählt man nach einer fünfmonatigen Fahr­ radreise durch Europa ? Ist es die rumänische Gastfreundschaft, die interessiert, die Kalaschnikow im Vorzelt, Schwedens Natur oder schlicht unser ungewohnter Alltag ? Ich könnte mit den Fakten beginnen: Im April zu viert gestartet – Jonas, Patric, Ken und ich; nach 150 Tagen zu zweit heimgekehrt. Wendepunkte: Athen im Süden, Istanbul im Osten, Stockholm in Norden, Maastricht im Westen; gesamthaft 23 Länder, 10 600 Kilometer. Aber können Sie sich das vorstellen ? Ich mir auch nicht. Doch erinnere ich mich an einzelne Bilder und Erlebnisse, an Passstrassen und Ebenen, an kalte Seen und heissen Asphalt, an zerbombte Mauern, muffige Socken, lachende Gesichter… So will ich die eine oder andere Geschichte erzählen, die die Reise geschrieben hat:

Der Sinn des Reisens besteht darin, die Vorstellungen mit der Wirklichkeit auszugleichen, und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind. Samuel Johnson, englischer Schriftsteller

Der erste Abschied Im Zug von Bern nach Zernez, Ausgangsort der Tour, kann keiner fassen, was wir eigentlich vorhaben. Das ist wohl auch besser so – wir haben unsere Liebsten gerade erst verabschiedet und möchten uns nicht vorstellen wie es ist, sie ein halbes Jahr nicht mehr zu sehen. Wir fahren nach Italien, Slowenien, irgendwann werden wir in Athen sein, und wer weiss, vielleicht sogar in Istanbul ! Die Beine frisch, die Gesichter rasiert, klettern wir zum Ofenpass hinauf, jeder froh darüber, seine Nervosität in die Pedale treten zu können. Patric hängt uns schon auf den ersten Kilometern ab. Er wird uns irgendwann davonfahren, scherzen wir. Eine Woche später verlässt er uns tatsächlich, leider jedoch nordwärts: Obwohl der Sportlichste unter uns, beginnt sein rechtes Knie dermassen zu schmerzen, dass er aufgeben muss. Die italienischen Ärzte im Spital interessieren sich mehr für unsere Reise als für seine Verletzung; helfen können sie ihm nicht. Tschau, Patric, vor dir liegt die gewohnte Schweiz, vor uns der fremde Balkan.

Wer mit Fahrrad und Zelt reist, muss sich auf die Fremde einlassen, ob er will oder nicht. Ausgeschafft «Wenn wir eine Grenze passieren, fühle ich mich am ersten Tag fremd», sagt Jonas, «am zweiten Tag lebe ich mich ein, und am dritten hat mich das Land bereits aufgenommen.» Wer mit Fahrrad und Zelt reist, muss sich auf die Fremde einlassen, ob er will oder nicht. «Mine !», heisst es auf einem roten Schild am Strassenrand, «Zabranjen Prolaz – Betreten verboten !». Wir sind in Bosnien. Vor uns liegt eine wundervolle Ebene, es ist still, und ich kann mir nicht vorstellen, wie hier einst der Krieg getobt hat. Die Schilder, Zeichen von Leid und Zerstörung, stimmen uns traurig. Ausserdem schränken die Minen auch unsere Bewegungsfreiheit ein: Wir können unser Zelt nicht mehr überall aufschlagen – gerade die scheinbar friedlichsten Plätze sind die gefährlichsten. Oft zelten wir direkt neben Ziegenherden oder auf Nebenwegen, was zwar in Bosnien nicht erlaubt ist, aber grosszügig toleriert wird. Eines Morgens entdecken uns zwei Polizisten nahe der montenegrinischen Grenze, interessieren sich aber einzig dafür, ob unsere Zeltstangen dem permanenten Wind standhalten. Unsere Pässe kontrollieren sie trotzdem sorgfältig. «You got no stamp. Problem», sagt der Jüngere in gebrochenem Englisch. Am Zoll hat man uns schlichtweg keinen Stempel in den Pass gedrückt. «You have to pay 150 Euro. Per person !» Das macht 450 Euro, etwa so viel, wie wir zu dritt in einem Monat gebraucht hätten. «Wir können doch nichts dafür», sage ich und bin froh, dass sie mit sich reden lassen – nach mehreren Telefonaten lässt man uns fahren. Einzige Bedingung: «Ihr müsst Bosnien heute verlassen !» Wir atmen auf, das wollten wir ohnehin. Kalaschnikow im Vorzelt Habe ich mich noch in Slowenien weit weg von Zuhause gefühlt, so ist bereits in Montenegro das Zuhause weit weg von mir. Vor uns liegt Albanien,

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Bild 2: Wir können uns kaum vorstellen, dass hier einst der Krieg getobt hat. Ken und Jonas fahren in Bosniens Stille.

das ärmste Land Europas, Opfer von Kriegen, Diktatoren und Vorurteilen. «Ich würde nie nach Albanien gehen, nehmt euch in Acht !», warnen manche Touristen. «Albanien ist wunderschön, billig, und zelten kannst du überall, wo du willst», schwärmen die anderen. «Als Radwanderer bist du nicht gefährdeter als in anderen Ländern». Wem glaubt man, wenn Aussage gegen Aussage steht ? Diesmal ist es einfach: Wer das Land je selbst bereist hat, beglückwünscht uns; wer sich nie gewagt hat, bedauert uns. Wir haben Glück, trotzdem erleben wir den einen oder anderen unheimlichen Moment. Die Nacht ist düster, regnerisch, wir liegen lesend vor einem verlas­ senen Bauernhof im Zelt. «Hello, hello», hören wir auf einmal von draussen. «Hello !?» Ist das jetzt der wütende Bauer, gekommen, um uns verjagen ? «No problema», sagt die warme Männerstimme. Ein erstes Mal atmen wir auf, doch dann öffnet der Mann das Vorzelt, und legt noch bevor er hineinkriecht– mir stockt der Atem – eine Kalaschnikow auf den Zeltboden. Empfangen wie Helden «Was zum Teufel ?», denke ich, aber der Mann in samtener Uniform verzieht keine Miene. Er zündet sich eine Zigarette an, fragt uns mit Albanisch, Italienisch, Händen und Füssen, woher wir kommen und ruft seinen Sohn, damit er dieses Ereignis nicht verpasst: Kuschliges Beisammensein im Zelt, anwesend drei irritierte Schweizer, ein qualmender Albaner, eine Kalaschnikow.

Die Reise strengt an, doch oft reicht schlicht eine imponierende Ameisenstrasse vor dem Zelt, um die Neugierde von Neuem zu wecken. Ich schätze die kleinen Zufälle, die uns grosse Erlebnisse schenken. Später stellt sich heraus, dass der Mann seine alte Uniform und seine Waffe einzig aus Stolz trägt. Er will uns nicht erschrecken, sondern uns imponieren, was nur teilweise gelingt. Als er zum Abschied einen

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Schuss gen Himmel abfeuert, zucke ich ein zweites Mal zusammen an diesem Abend – die Kalaschnikow war die ganze Zeit geladen ! Am nächsten Morgen taucht der Bauer doch noch auf, doch statt uns zu verjagen, schenkt er uns Honig. Die Leute sind herzlich, bestürmen uns unaufgefordert, aber niemals unanständig. Wenn uns jeder zweite Autofahrer zuhupt, wenn scheinbar harte Jungs am Strassenrand den Daumen heben und uns nachpfeifen, wenn wir in der Türkei täglich zum Tee oder sogar zum Essen eingeladen werden, dann fühlen wir uns wie die heimgekehrten Helden auf Streitrössern. Die Reise strengt an, doch oft reicht ein Lächeln, ein Sonnenuntergang oder schlicht eine imponierende Ameisenstrasse vor dem Zelt, die Neugierde von Neuem zu wecken. Ich schätze die kleinen Zufälle, die uns grosse Erlebnisse schenken. Fasziniert frage ich, was wäre geschehen, wenn… ? Der Bauer im Poloshirt Was wäre geschehen, wenn uns an diesem Bach in Südrumänien nicht ein betrunkener junger Mann vor Fahrenden gewarnt hätte ? Wären wir am nächsten Morgen tatsächlich als tote Fische im Wasser gelegen, wie er prophezeit hatte ? Ganz so schlimm wäre es wohl nicht ausgegangen. Rumänien hat zwar tatsächlich Probleme mit kriminellen Romas, aber das Auswärtige Amt Deutschlands zum Beispiel warnt nur vor Taschendieben und Trickbetrügern explizit. Doch hätte uns der Betrunkene später nicht zu einem Freund geführt, hätten wir unsere herzlichsten Gastgeber nie kennengelernt: Stefan und Mihaela, ein junges Paar. Er stämmig, geschäftig und redselig, sie zierlich, still und tatkräftig. Wir sind die ersten Gäste in ihrem Zentrum für Agrotourismus. Weil weder die geplante Fischfarm noch das Restaurant oder die Villa fertiggestellt sind, werden wir gleich zu allem eingeladen. Zwei Nächte dürfen wir in Betten schlafen, bekommen am Morgen frischen Ziegenkäse, am Abend eine Art rumänisches Sauerkraut und selbstgebrannten Schnaps serviert.


Tour d’Europe

Wir fahren durch Wälder, wie man sie in der Schweiz nur in den Bergen findet. Über uns das schlichte, aber tiefe Blau des Nordens, die schüchterne, aber warme Sonne Schwedens. Es ist wie Herbst, nur ohne Tod. Bild 4: Wer ist der Fremde ? Ken und der albanische Bauer betrachten einander neugierig. Bild 5: Stefan (l.) lädt uns ein und zeigt uns die Gegend. Hier im Garten eines Klosters mit Ken (Mitte) und mir (r.).

Unser verlässlicher Tourenguide: Herbert Lindenberg: Fahrradführer Europa – Handbuch für individuelles Entdecken. Reise Know-How Verlag 2010, 677 S., Fr. 35.50 / 25 Euro.

Stefan ist nicht das rumänische Bäuerlein, wie wir es uns stereotypisch vorgestellt haben; er trägt ein Poloshirt, ist stets auf seinem Handy erreichbar und spricht fliessend Englisch. Früher war er Informatiker, heute hält er Hühner. Tagsüber fährt er uns mit dem Auto durch die Kontraste Rumäniens, zu Klöstern und Frittenbuden, zu einer Höhle und zu einem schrillen Schwimmbad. Das Land ist im wirtschaftlichen Aufschwung steckengeblieben. Plötzlich ist die Welt wieder gross Nachdem wir uns von Stefan und Mihaela verabschiedet haben, fühlen wir uns auf einmal alleine. «Hätten wir jeden Abend ohne Zelt biwakiert, wäre es anstrengender geworden», sagt Ken. Das Zelt ist unser einziges Zuhause, es tut gut, sich darin mit einem Buch zu verkriechen und die ungewohnten Sinneseindrücke für einen Moment abzuschalten. Wenn wir länger als eine Nacht am selben Ort bleiben, wird uns bewusst, wie rastlos wir unterwegs sind. Nicht immer halten sich Fernweh und Heimweh in der Waage. In Ungarn verlässt uns Ken, weil ihm das Geld langsam ausgeht. Er radelt noch nach Budapest, dann steigt er in einen Zug. Er wird innerhalb eines Tages in Bern sein. Es fällt schwer zu glauben, dass die warme Dusche und das weiche Bett nur eine Tagesfahrt entfernt sind. Unterwegs mit dem Fahrrad, erlangt man ein ursprünglicheres Gefühl für Distanzen, die Welt erscheint plötzlich wieder gross. Wie Herbst ohne Tod Auch Jonas überlegt sich in diesem Moment ernsthaft, heim zu reisen, widersteht aber der Versuchung

– und wird später froh darum sein. Wir fahren nordwärts nach Riga, um von dort aus nach Stockholm zu schiffen. «Zum Glück gehört auch die Sehnsucht», sagt der Reisejournalist Roger Willemsen. Ich verstehe ihn besser denn je – bereits in Bosnien habe ich geträumt von Skandinavien, das mich auf einer früheren Reise in den Bann gezogen hat. «Du wirst fürchterlich enttäuscht werden, man kann nichts wiederholen !», sage ich mir manchmal. Und tatsächlich wiederholt sich der erste Besuch nicht – der zweite ist noch schöner ! Die unbefahrenen Nebenstrassen schlängeln sich unauffällig von Hügel zu Hügel, von See zu See. Ein Schwede borgt uns sein Kanu. Das Allemansrätten, das Jedermannsrecht, erlaubt es, das Zelt ganz legal an den prächtigsten Orten aufzuschlagen. Wir fahren durch Wälder, wie man sie in der Schweiz nur in den Bergen findet, über uns das schlichte, aber tiefe Blau des Nordens, die schüchterne, aber warme Sonne Schwedens. Es ist wie Herbst, nur ohne Tod. Wozu das alles ? «Warum die Reise ?», fragt uns eine Pfadfinderin, «warum seid ihr in Rumänien ?», will eine Verkäuferin wissen, «warum in Holland?» ein Bauer. «Die Schweiz ist doch auch schön !». «Kriegt ihr Geld dafür ?» Nein, wir kriegen kein Geld dafür, wir bezahlen (allerdings nicht allzu viel – eine Fahr­ radreise durch Europa ist günstiger als das Leben in der Schweiz). «Ja, warum eigentlich ?», frage ich mich auch manchmal, wenn die Beine müde, das Heimweh gross und die Wege lang werden. Dann beginne ich zu rechnen: Glück, Begegnungen und Erfahrung minus Anstrengung – was bleibt übrig ? Ich grüble, und spätestens wenn ich die siebte Wurzel von Radfahren gezogen habe, heisst die grosse Unbekannte allein: «Der Sinn des Lebens». Je mehr ich mich anstrenge, desto ferner rückt die Lösung. Eine Antwort erhalte ich erst, wenn ich nicht mehr danach frage. Wir fahren weiter.

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Horizonte erweitern

Ich bin introvertiert, 

und das ist gut so!

Im Wirtschaftsleben herrscht eine «extravertierte Ethik», die stille Wasser zwingt, sich anzupassen oder unterzu­ gehen. Ihre Eigenschaften, Ernsthaftigkeit, Sensibilität und Scheu gelten eher als Krankheitssymptom denn als Qualitäten. Zu Unrecht, sagt Buchautorin Susan Cain («Still»). Wir bräuchten eine Emanzipationsbewegung   von Roland Rottenfußer der Introvertierten.

E

in leerer Topf macht am meisten Lärm.» Aber wer der Welt etwas Bedeutendes schenken will, benötigt Zeit und Sorgfalt, um es in Stille reifen zu lassen. Das Buch «Still» von Susan Cain ist ein Plädoyer für die Stille, die in unserer Welt des Marktgeschreis und der Klingeltöne zu verschwinden droht. Und für leise Menschen, die endlich lernen sollten, zu ihrem «So-Sein» zu stehen. Mehr als ein Drittel aller Menschen sind introvertiert. Ohne sie hätten wir heute keine Relativitätstheorie, keinen «Harry Potter», keine Klavierstücke Chopins, und auch die Suchmaschine «google» wäre nie entwickelt worden. Denn: «Wenn jemand aussergewöhnliche Talente besitzt, setzt das voraus, dass die für andere Gebiete benötigte Energie von diesen abgezogen wird.» (Allen Shawn) Extravertiert oder introvertiert – dieser Gegensatz bildet laut Susan Cain den «Nord- und Südpol» der Temperamenten-Lehre. Aus Sicht von Extravertierten ist es unerklärlich, warum manche Menschen so reserviert und gedankenverloren wirken. Sie fühlen sich von Introvertierten frustriert und heruntergezogen. Andererseits fühlen sich stille Menschen von dem Überredungstalent und dem Gegockel der Lauten überrannt. Sie verstehen nicht deren Gier, sich vor Publikum zu produzieren. In Gesellschaft fühlen sich Introvertierte schnell gelangweilt und fehl am Platz. Sie vermissen den Freiraum, im Stillen ihren Gedanken nachgehen zu können oder tief gehende Konversation zu betreiben. Keine der beiden Gruppen macht nach Ansicht der Autorin etwas falsch.

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Beide tun nur, wofür sie von der Evolution «designed» wurden. «Introvertierte regenerieren sich, wenn sie allein sind, Extravertierte müssen sich regenerieren, wenn sie nicht genug Kontakt haben.»

In der modernen Arbeitswelt müssen wir auf immer neue Kontakte mit Fremden flexibel reagieren. Das fördert Oberflächlichkeit und Darstellerqualitäten.

Introversion geht oft einher mit Gedankentiefe, geistiger Unabhängigkeit und Konzentrationsfähigkeit. Dazu kommt eine Abneigung gegen Oberflächlichkeit und Herdentrieb. Dennoch ist eine solche Veranlagung für viele Betroffenen oft mit Leidensdruck verbunden. Seit ihrer Kindheit empfinden sie ihren Zusammenprall mit der extravertierten Kultur als Versagen. Eine Teilnehmerin einer Internet-Selbsthilfegruppe schreibt: «Als ich endlich alt genug war, um zu begreifen, dass ich einfach nur zu den Introvertierten gehöre, war die Annahme, etwas stimme grundsätzlich nicht mit mir, schon zu einem Teil von mir geworden.» Introvertierten wird gesagt, sie seien «zu ruhig» oder zu sehr «im Kopf». Sie verstehen nicht, warum sie sich durch Meetings quälen sollen, in denen Maulhelden das Wort führen, obwohl sie


Ich bin introvertiert,

Illu: #tt / *a

«Wenn man seine Ruhe nicht in sich findet, ist es zwecklos, sie anderswo zu suchen.» François de la Rochefoucauld franz. Schriftsteller

allein am besten arbeiten. «Uns wird eingeredet, dass Menschen von Bedeutung eine forsche Art haben und dass Glück mit Kontaktfreudigkeit einhergeht.» Die Autorin variiert ihr Thema auf kurzweilige und erhellende Weise. Sie reist zu den Epizentren der Grosssprecher-Mentalität, etwa in ein Seminar von Tony Robbins und in die Harvard Business School. Sie ergründet, wie Extroversion zum Kulturideal wurde und entlarvt damit seine kulturelle Bedingtheit. Als Vordenker eines Wertewandels hin zu einer Überbewertung der Extraversion gilt der US-amerikanische Bestsellerautor Dale Carnegie («Sorge dich nicht, lebe !»). Er erklärte schon 1913 das Redetalent zur Kardinaltugend: «Heutzutage ist uns klar geworden, das es die unentbehrliche Waffe all jener ist, die im unerbittlichen Wettbewerb der Geschäftswelt vorankommen wollen.» Hier sind schon alle modernen «Ideale» der neoliberalen Ära vorweg genommen. Das Berufsleben wird zum Kriegsschauplatz. Ein Wettrüsten mit Hilfe von Mentaltechniken schuf Generationen von Kampfsprechern. Auch hier ist das Private politisch. Wo «Vertretertugenden» dominieren und zurückhaltende Menschen diskriminiert werden, wird eine Gesellschaft auf optimale ökonomische Verwertbarkeit getrimmt. Amerika wandelte sich von der «Charakterkultur» zur «Persönlichkeitskultur», analysiert Susan Cain. «In der Charakterkultur war der Idealmensch ernsthaft, diszipliniert und ehrbar. Was zählte, war nicht so sehr der Eindruck, den man in der Öffent-

lichkeit hinterliess, sondern wie man sich verhielt, wenn niemand zugegen war.» Mit dem Wechsel zur Persönlichkeitskultur begannen die Amerikaner dagegen «zu schauen, wie andere sie wahrnahmen. Sie waren fasziniert von Menschen, die forsch und unterhaltsam waren.» Im 19. Jahrhundert war dies noch anders gewesen: «Männer konnten im allgemeinen ein ruhiges Auftreten haben, das Selbstbeherrschung und eine Souveränität demonstrierte, die sich nicht zur Schau zu stellen brauchte.» Soziologisch hängt dieser Wandel auch mit der Verstädterung und einer zunehmend anonymen Berufswelt zusammen. In der traditionellen Dorfgemeinschaft war man nur mit wenigen Menschen konfrontiert, die man meist schon seit der Kindheit kannte. Die moderne Arbeitswelt forderte dagegen, auf immer neue Kontakte mit Fremden flexibel zu reagieren. Dies fördert Oberflächlichkeit und Darstellerqualitäten. Der Psychoanalytiker Alfred Adler kreierte in den 1920er Jahren die Modediagnose «Minderwertigkeitskomplex». Sie trug viel zur Stigmatisierung zurückhaltender Charaktere bei. «Bis dahin hatten sich die Experten hauptsächlich über frühreife Mädchen und straffällige Jungen Sorgen gemacht, doch nun konzentrierten sich Psychologen, Sozialarbeiter und Ärzte auf das durchschnittliche Kind mit der ‚fehlangepassten’ Persönlichkeit, insbesondere das schüchterne Kind.» Schon der Begriff «fehlangepasst» ist ja entlarvend. Viele Introvertierte haben eine ausgeprägte Abneigung gegen Konformitätsdruck, jedoch auch nicht die Kraft (oder die Motivation), in der Gruppe die

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Introvertierte, die unter dem Ideal der Extraversion leben, sind wie Frauen in einer Männerwelt: Sie werden wegen eines Merkmals gering geschätzt, das sie im Innersten definiert. «Macht» an sich zu reissen. Rückzug ist die natürliche Schutzreaktion, um integer zu leben – «niemands Herr und niemands Knecht».

Buchtipp: Susan Cain: Still – Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt. Riemann Verlag 2011, 447 S., Fr. 27.80 / 19,95 Euro Filmtipp: Die anonymen Romantiker, Frankreich 2010, Regie: JeanPierre Améris, Darsteller: Isabelle Carrè, Benoît Poelvoorde

Eine gross angelegte Umerziehungs-Kampagne im Sinne extravertierter Ideale fand vor allem ab den 70er Jahren statt, als die Ratgeberliteratur boomte. Die Unsicherheit, von der Leser angeblich geheilt werden sollten, wurde erst erschaffen, indem man suggerierte, so wie sie seien, dürften sie auf keinen Fall bleiben. Auch die Werbung spielte massiv mit den Ängsten der Menschen, nicht gut anzukommen. In einer Zahnbürstenwerbung («Dr. West») hiess es: «Haben Sie schon mal probiert, sich an sich selbst zu verkaufen ? Ein guter erster Eindruck ist für den Erfolg im Geschäftsleben oder bei anderen Menschen das Allerwichtigste.» Ironisch zitiert Susan Cain auch das Motivationsprogramm der Vertriebsmitarbeiter bei IBM. Dort wird morgens ein Lied mit folgendem Text angestimmt: «Wir sind immer gut in Form, und wir

arbeiten mit Schwung. Wir verkaufen, ja verkaufen IBM.» Man muss keinen «Minderwertigkeitskomplex» haben, um bei gleichgeschalteten Ritualen in Unternehmen, Studentenverbindungen oder Fussballklubs Unwohlsein zu empfinden – oder einen unwiderstehlichen Lachreiz. Trotz mancher Spitzen gegen die SelbstdarstellerKultur möchte Susan Cain nicht umgekehrt die Extravertierten diskriminieren. Sie rät: Versucht nicht, schlechte Kopien der Extravertierten zu werden, versucht lieber, eure Stärken als Introvertierte zu pflegen. «Still» stellt sich gegen den Trend vieler Ratgeber, die «selbstbewusstes Auftreten» verherrlichen. «Introvertierte, die unter dem Ideal der Extraversion leben, sind wie Frauen in einer Männerwelt: Sie werden wegen eines Merkmals gering geschätzt, das sie im Innersten definiert.» Die logische Schlussfolgerung: Wir brauchen eine Emanzipationsbewegung der Introvertierten. Wie bei Frauen gilt: Ihre Persönlichkeitsmerkmale sollten nicht wegtherapiert, sondern als wertvoller Teil des Ganzen akzeptiert werden. Es ist eine Beleidigung für Introvertierte, wie gescheiterte Extravertierte behandelt zu werden. «Still» ist das Kultbuch für Schüchterne, hilft aber auch Selbstsicheren, ihre Mitmenschen besser zu verstehen. Auch Schwierigkeiten auf dem Lebensweg, so zeigt das Buch, können mit Mut und Einsicht positive Wirkungen erzielen. «Dort, wo du stolperst, liegt auch dein Schatz vergraben.»

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FranKoskop Unbeugsam, widerständig, mutig, frech, nicht unterzukriegen

Forêt du Risoux – sagt Ihnen der Name etwas ? Vielleicht wissen Sie, dass dort gutes Klangholz wächst. Klangholz, französisch «bois d’harmonie», nennt man Holz, das sich für den Instrumentenbau eignet. Es muss langsam, regelmässig und gerade gewachsen sein. Und eben solches Holz wächst im Risoux, beidseits der französisch-schweizerischen Landesgrenze im Jura. In der Nähe, im Vallée de Joux, ist die 1916 geborene Annemarie Piguet aufgewachsen. Ihr Vater war Förster. Sie kannte den Risoux sehr gut. Das kam ihr im Zweiten Weltkrieg zustatten. Sie betreute als Rotkreuzhelferin in Frankreich jüdische Flüchtlingskinder. Als die Lage für Juden auch im südlichen Teil Frankreichs immer gefährlicher wurde, wagte sie 1943 mit zwölf Kindern die gefährliche Flucht in die Schweiz. Ihr Fluchtweg führte durch den Risoux. Annemarie Im Hof-Piguet hat diese Erfahrung im Buch «Fluchtweg durch die Hintertür» (Waldgut, Frauenfeld) beschrieben. Sie hat sich bis kurz vor ihrem Tod 2010 für die Verteidigung der Menschenrechte eingesetzt. Ein Gespräch von Kurt Aeschbacher mit der damals Neunzigjährigen ist zu sehen auf http://tinyurl.com/6f3vs7d. ***

Ein reicher französischer Banker arbeitet in der Entwicklungszusammenarbeit. Er sieht, was da von ihm erwartet wird, wandelt sich zum entschiedenen Anti-Ökonomen und schreibt einige Jahrzehnte früher als andere Autoren entwicklungskritische Bücher. Er hat damit kaum Erfolg und stirbt in Armut. Erst zwanzig Jahre nach seinem Tod schafft sein Werk den Durchbruch vom Geheimtipp zur allgemein anerkannten Entwicklungskritik. Das ist die Geschichte von François Partant (1926-1987), der eigentlich François Roche hiess. In den Sechzigerjahren arbeitete er für eine französische Bank im Iran, wo damals noch der Schah an der Macht war. Bald wurde sein Haus zum Treffpunkt der iranischen Oppositionsführer. Später arbeitete er in Madagaskar und in der Volksrepublik Kongo, immer im Konflikt mit seinem

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  von Ernst Schmitter

Auftrag als Bankangestellter und Entwicklungshelfer, immer auf der Seite der Unterdrückten und Armen. Eine Frage wurde für sein Leben bestimmend: Ist die vom Westen gesteuerte Entwicklungspolitik eine grosse Illusion oder eine grosse Lüge oder beides ? Jedenfalls hielt er die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis nicht mehr aus, gab seinen Beruf auf und widmete sich nur noch dem Schreiben. So hat er in den Siebziger- und Achtzigerjahren ein globalisierungskritisches Werk geschaffen, das erst heute seine ganze Wirkung entfaltet. Originalton François Partant 1976 über Landwirtschaft: «Das globale Sys­ tem der Lebensmittelproduktion bezweckt nicht das biologische Überleben der Menschheit – der Hunger nimmt Jahr für Jahr zu – und auch nicht den Schutz der Ertragsfähigkeit der Böden – die Ackerfläche geht jetzt allgemein zurück – sondern ganz einfach die Amortisierung und Vermehrung des eingesetzten Kapitals. Dies erreicht man, indem man die Konsumgewohnheiten und die kulturellen Bedürfnisse der zahlungsfähigen Bevölkerung verändert. Man arbeitet nur für die zahlungsfähige Bevölkerung.» *** Menschen tauchen in den Medien auf, haben für kurze Zeit unsere Aufmerksamkeit und verschwinden wieder. Die meisten von ihnen vergessen wir rasch. Dabei wäre es doch schön, zu erfahren, was Leute, die uns früher in den Medien begegnet sind, jetzt tun und wie es ihnen geht. Zum Beispiel Marie Monique Robin (siehe Frankoskop im Zeitpunkt 100, 102, 105). Ihr Buch und ihr Film «Mit Gift und Genen» haben dazu beigetragen, dass die Firma Monsanto in der öffentlichen Meinung nicht mehr als glaubwürdig gilt. Daran hat auch eine Kampagne der amerikanischen Diplomatie im Dienste von Monsanto nichts ändern können, die im August 2011 von Wikileaks aufgedeckt wurde. M. M. Robin hat mittlerweile einen neuen Film gedreht und ein Buch dazu geschrieben: «Notre poison quotidien», deutsch «Unser täglich Gift» (auf Deutsch bis jetzt nur


Frankoskop

als DVD erhältlich). Sie legt darin offen, was uns die Lebensmittelindustrie täglich auftischt. Ein explosives Dokument ! Es zeigt zum Beispiel, dass die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien über die Schädlichkeit des Süssstoffs Aspartam diametral auseinandergehen, je nachdem ob eine Studie durch die Industrie oder durch ein unabhängiges Institut finanziert wurde. Die Autorin wird übrigens von ihren Gegnern mit Respekt behandelt, seit sich herumgesprochen hat, dass ihre Recherchen stimmen. *** Und wie geht es dem «Eichhörnchen» Cécile Lecomte (s. Zeitpunkt 100), der Frau, die seit Jahren bei Atommülltransporten die Polizei mit ihren Klettereien in Atem hält ? Es geht ihr gut. Sie führt ihre Aktionen weiter, ist immer dort, wo man sie nicht erwartet; und wenn die Polizei sie vorbeugend in Gewahrsam nehmen will, ist sie nicht zu finden. Nach Ansicht der Richter ist sie unbelehrbar. Sie lebt in der Nähe von Lüneburg in einem Wohnwagen, umgeben von einigen Gleichgesinnten. Geld braucht sie kaum. Kleider und Nahrung findet die Gruppe in den Müllcontainern grosser Geschäfte, wo die Konsumgesellschaft ihren Überschuss zurücklässt. Eine grosse Sorge hat das Eichhörnchen: Die Dreissig­ jährige wird von Rheumatismen geplagt, die ihr das Gehen schwerer machen als das Klettern. *** Kürzlich durfte ich Xavier Renou (siehe Zeitpunkt 102) live erleben. Renou ist der bekannteste französische Trainer für zivilen Ungehorsam. Er hielt in Genf einen Vortrag über dieses Thema. Der quirlige Mann gehört zum Netzwerk der Ungehorsamen, der Désobéissants. Diese Gruppe wird dort aktiv, wo berechtigte Anliegen von Behörden oder Firmen ignoriert werden, wo sich die Mächtigen hinter

Indian. Spiritualität und schamanisches Heilen

Vernon Foster & Carlos Sauer 28. – 30. März 2012

Craniosacral Balancing Kavi Gemin & Bhadrena Tschumi Gemin Seminar 1 / Trainingsbeginn 11. – 18. Februar 2012

Verbindung mit der Familienseele

Francesca Mason Boring Systemaufstellungen 11. – 13. Mai 2012

Tanzend tausend Tode sterben Andreas Tröndle 5-Rhythmen-Workshop 26. – 29. Januar 2012

The Art of Being Alan Lowen Body, Heart & Soul 1 25. Mai – 1. Juni 2012

Trance und Heilung Paul Carter Einführungsseminar 11. – 13. Mai 2012

Reglementen und Paragraphen oder ganz einfach hinter ihrer Macht verstecken. Wer in Frankreich mit Petitionen, Demonstrationen und Gesuchen nicht weiter kommt, weil die Behörden auf stur schalten, kann sich das professionelle Know-how der Désobéissants zunutze machen. So haben sich Behinderte in einem französischen Departement mit Aktionen des zivilen Ungehorsams Gehör verschafft und schliesslich ihre Rechte durchgesetzt, die vorher jahrelang missachtet worden waren. Die Désobéissants veranstalten Kurse, in denen sie ihre Erfahrung an Gruppen innerhalb und ausserhalb Frankreichs weitergeben. Eine ihrer gefürchtetsten Waffen ist die Unberechenbarkeit, eine andere das Lachen. Die Mächtigen haben das Lachen von jeher gefürchtet. Es bringt ihre Respektabilität ins Wanken, auf die sie so viel Wert legen, besonders wenn sie sie nicht verdienen. Nicht zufällig ist die Taktik des zivilen Ungehorsams gegenwärtig im französischen Sprachraum ein starker Trend. *** Von der heute 91-jährigen Genfer Schriftstellerin Yvette Z’Graggen glaubte man, was sie selbst auch glaubte, nämlich dass ihr Buch «Eclats de vie» (s. Zeitpunkt 100) ihr letztes sei. Aber 2009 musste sie sich einer Knieoperation unterziehen. Die langen Nächte im Spital verkürzte sie sich mit Erinnerungen und mit der Frage, «wie es auch hätte sein können»; daraus ist ein Buch geworden, das von der Kritik begeistert begrüsst wurde: «Juste avant la pluie» (éditions de l’Aire, 2011). Yvette Z’Graggen hat in ihren Büchern das Leben von Frauen erzählt, die, wie sie selbst, nicht bereit waren, sich den Normen eines brav bürgerlichen Frauenlebens zu unterziehen. Dieses Buch sei nun wirklich ihr letztes, liess die Autorin verlauten. Hoffentlich hat sie auch diesmal nicht Recht !

Erwartungen in Beziehungen – vom Frust zum Frieden Sneha Ziegler Lanz & Alexander Lanz Learning Love 2. – 4. März 2012

Wer bin ich wirklich?

Klaus Konstantin & Ursula Maria Auktor Tagesworkshops 31.3./1.4. 2012 Intensivworkshop 13. – 17. Mai 2012

Making Love

Puja & Raja Richardson Tantra-Meditationsretreats für Paare Daten siehe www.waldhaus.ch

WALDHAUS ZENTRUM LÜTZELFLÜH Internationales Seminarhaus CH-3432 Lützelflüh 0041 (0)34 461 07 05 info@waldhaus.ch www.waldhaus.ch

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Wie Jungs zu Männern werden

Im Zelt mit Sanzibar

Auf dem «Weg zur vaterlosen Gesellschaft», den Alexander Mitscherlich 1963 beschrieben hat, sind wir inzwischen weit vorangekommen. Nicht nur die Väter sind aus den Familien verschwunden, auch die Lehrer aus den Schulen. Die Welt der Männer und die Welt der Heranwachsenden sind verschiedene Planeten geworden. Dabei braucht es nach einem afrikanischen Sprichwort ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Während Jugendliche früher schrittweise in den Kreis der Männer aufgenommen wurden – in den Naturvölkern durch Initiationsriten –, müssen sie diese wichtigen Lehrjahre heute weitgehend ohne Bezugspersonen und real existierende Vorbilder bewältigen. «Es ist einfacher, Jungs zu starken Männern zu erziehen, als gebrochene Männer zu reparieren.» Nach diesem Motto arbeitet das vor 14 Jahren von den Amerikanern Joe Sigurdson und Craig McClain gegründete generationenübergreifende Mentoring-Programm «Boys to Men». Burschen erhalten in Gruppensitzungen und Einzelgesprächen erfahrene Mentoren als Gegenüber. Die Mentoren werden von «Boys to Men» gewissenhaft ausgewählt und durch ein mehrstufiges Qualifizierungs- und Ausbil-

dungsprogramm auf ihre Aufgabe vorbereitet. Sowohl die Beschäftigung mit sich selbst, als auch die Interaktion mit den anderen Jungen und Männern als Gegenüber ist neu für viele Burschen. Methoden der Spiel- und Erlebnispädagogik, des Zukunftscoachings, der Konfliktlösung, der Meditation, der Visionssuche und der asiatischen Selbstverteidigung werden sinnvoll miteinander verwoben. Dadurch gewinnen junge Männer Stärke, Selbstsicherheit, Mut, Erkenntnis und Zuversicht. Weltweit gibt es bereits über 30 Boys to Men Centers, seit kurzem auch eines in der Schweiz. Für den Aufbau von Boys to Men Mentoring in Bern werden noch Jungs und Männer gesucht. Jungen brauchen Männer. Männer brauchen aber auch Jungen ! Erst wenn ein Mann seinen Lebenssinn in den Dienst der nächsten Generation stellt, wird er zum wirklich reifen Mann oder nach einem griechischen Sprichwort: Wenn Männer Bäume pflanzen, in deren Schatten sie niemals sitzen werden, dann kann die Gemeinschaft aufblühen. CP

«Sansibar ist eine Gewürzinsel», erklärt Sanzibar alias Beat Alain Rajchman. In der Fantasie des Heilpädagogen riecht und duftet dort alles. Eine echte Insel hat er nicht, dafür aber ein Zelt, das im Alltagsstress schon manchem wie eine Insel vorgekommen sein muss. Sanzibar ist Märchenerzähler. Er erinnert sich bildhaft, wie er als Kind «fast unter den Tisch fiel, wenn der Wolf kam». Inzwischen lässt er gerne andere vom Stuhl kippen. Ob als Wolf, Prinz oder Räuberhauptmann – der Märchenerzähler beherrscht sein Fach. Dass man im Volksmund «Märchen» oft gleichbedeutend mit «Lügengeschichte» verwendet, ärgert Sanzibar. «Märchen vermitteln uns tiefe Wahrheiten», sagt er. Nicht selten erkennen sich die Zuhörer in seinen Märchen selber wieder. Wenn er erstmal pensioniert ist, möchte der Sanzibar mit seinem ausgebauten Bauwagen von Ort zu Ort ziehen. «Mein Zelt aufstellen, die Leute einladen, abbrechen und wieder verschwinden.» Er sei ein Vagabund, schmunzelt Sanzibar.  SL

Feiern wie eine Göttin

Raum für ‹Aigenes›

Weitere Infos: www.boystomen.ch oder bei Peter Schertenleib: peter.schertenleib@boystomen-mentoring.ch Thomas Meyer: ThMeyer@gmx.ch



www.sanzibar-maerchen.ch

Wie darf man sich die «Erste Österreichische GöttinnenKonferenz in Wien» vorstellen ? Sitzen da Hera, Athene Das im Juni 2011 eröffnete Bed&Breakfast und Aphrodite beim Heurigen und beschweren sich ‹aige esdewebe› in der Altstadt von Zug ist, mundartlich über die Herren der Schöpfung ? «Drei wie sein Name sagt, tatsächlich sehr ‹aige›: Tage im Zeichen der Göttin» kündigen die VeranstalDer Gast muss sich entscheiden, ob er etwa in terinnen an, und behaupten: «Lange war die Göttin im Verborgenen und mit ihr die Frauenkraft.» Richtig ist: das der Notschlafstelle, dem Andachtsraum oder   Ab Januar widmet sich die AktionsCaféPatriarchat hat viel Schaden angerichtet und das «weib- doch lieber in der kleinen Wirtschaftskammer Bar monatlich einem anderen Thema und liche Prinzip» muss wiederbelebt werden, wollen wir zu übernachten will. Die zwölf unterschiedlichen veranstaltet dazu Events wie Konzerte oder mehr Harmonie mit der Schöpfung finden. Ob das mit so Zimmer sind ausgestattet mit einem Bett, das Lesungen. Dazu erhält auch die Einrichtung viel Aberglauben und Brimborium ablaufen muss, bleibt Schlafplatz, Stauraum und Lichtquelle in einem monatlich einen neuen Anstrich. Bis dahin Geschmacksache. Ein abwechslungsreiches Matriar- ist, einem Stuhl und einem Waschtisch, alles macht das Café zum Beispiel Filmvorfühchats-Spektakel scheint jedoch garantiert: mit Themen «aigen-händig» designt von Gründer und In- rungen, Spieleabende oder Jazzkonzerte. wie «Göttinnen-Spiritualität», «die politische Kraft des   «Aigen» ist das Unternehmen zweifelsohGöttinnen-Bewusstseins», «Matriarchat und Heilungs- haber Fabian Schmid. kraft». Neugierig darf man auch auf diesen Programm-   Das Bed&Breakfast ist aber nur die eine ne, aber was hat es mit ‹esdewebe› auf sich? punkt sein: «Die neun wichtigsten österreichischen Seite des ‹Aige›, die andere ist eine Aktions- «Das bestgehütete Geheimnis von Zug», erklärt Göttinnen werden eingeladen, benannt, gefeiert und CaféBar. Sie ist Treffpunkt für allerlei Men- Schmid und spricht dabei in Rätseln. Wer dem spürbar gemacht.» Auf einem Maskenfest, «Göttinnen- schen und für Gespräche über Themen, die auf die Spur kommen und das Unternehmen Gala» genannt, soll sich jede Besucherin als Göttin ihrer uns wirklich bewegen. «Mein Ziel ist es, The- besuchen will, hat noch gut drei Jahre Zeit, Wahl verkleiden. Sogar Götter, sprich: Männer, dürfen men anzuschneiden, ohne zu bewerten», so danach muss das Projekt die Räumlichkeiten kommen – wenn sie sich trauen. RR Schmid. Ganz nach seiner Philosophie ‹alles- weitergeben.  SAM Zeit: Sa, 26. Mai – Mo, 28. Mai 2012 (Pfingsten). ist-gut›, bietet er verschiedenen Menschen und  Aige Esdewebe, Grabenstrasse 6, 6300 Zug Ort: Schloss Miller-Aichholz, Linzerstr. 429, 1140 Wien Tel. 041 710 52 10, www.allesistgut.ch Meinungen Platz und fördert das Gespräch  Kontakt: goettinnenkonferenz@gmail.com www.goettinnenkonferenz.at durch Aktionen.

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Integrale Friedensarbeit Mitgefühl für andere und uns selbst fördern und die Friedenskräfte in der Welt stärken – dafür setzt sich das Zentrum für integrale Friedensförderung ZIFF ein. Mit verschiedenen Veranstaltungen, politischer Projektarbeit, Meditationen und Vernetzungstreffen soll Frieden gefunden, entwickelt, verbreitet und politisch umgesetzt werden, damit er dorthin ausstrahlt, wo er gebraucht wird. ZIFF will ein Begegnungsort für Menschen sein, die den Gedanken der Friedensarbeit in ihrem Herzen tragen und nicht nur lokal, sondern weltweit fördern wollen. Mit dem Aufbau eines Friedenskreises sollen weitere Interessierte angesprochen werden. Ein Leitungskreis führt das ZIFF. Daneben arbeitet ein Trägerkreis aus maximal 40 Personen an Projekten und unterstützt das Zentrum auch finanziell. Hervorgegangen ist das ZIFF aus IP Schweiz, der im Mai 2011 neu gegründeten Partei. «Auf die Herausforderungen unserer Zeit können

wir nur Antworten finden, wenn wir das ganze Potenzial menschlichen Erkennens einsetzen», sagte Co-Präsident Gary Zemp am Gründungsakt und umriss damit den Fokus der neuen Partei, die «Politik aus der Intelligenz des Herzens» betreiben will. 

BM

«Lernend Frieden schaffen» heisst der Lehrgang in integraler Friedensförderung mit konkreter Umsetzung von Friedensprojekten. Referenten: 1) Jürg Theiler, Dr. rer.pol., Analyt.-hermen. Tiefenpsychologe 2) Werner Binder, Psychotherapeut & integraler Friedensstifter 3) Denis Knubel, Integraler Politologe 4) Cécile Cassini, Integrale Managerin Esther Räz, Sinn orientierte Unternehmerin

1) 2) 3) 4)

Daten: 27. – 29. Januar 2012 30. März – 1. April 2012 29. Juni – 1. Juli 2012 30. November – 2. Dezember 2012

Zielgruppe: Friedens- und IP-Interessierte Lernziel: Frieden in allen Dimensionen kennen lernen: persönlich, gemeinschaftlich, politisch und in konkreter Projektarbeit Ort: Zentrum der Einheit, www.schweibenalp.ch Anmeldung: Mail: cecile.cassini@integrale-friedensfoerderung.ch, Telefon: +41 61 331 49 54 Näheres unter www.integrale-friedensfoerderung.ch

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Reparier deinen Toaster Leuchtende Kraft, stille Anmut und damit auch die Welt In Zeiten, wo die Marketingstrategie Obsoleszenz einen Neubedarf erzeugt, wo der Bedarf eigentlich gestillt ist – oder brauchen wir wirklich jedes Jahr ein neues Handy? – kommt eine Gegenbewegung ins Rollen. Auf www.ifixit. com finden Bastler und Hobby­schrauberinnen Tipps für das Reparieren von Geräten. Das Motto: «fixing the world, one piece of hardware at a time». Ursprünglich ging es darum, beim Instandsetzen «besonders reparaturanfälliger Geräte» Hilfestellung zu bieten. Der Name der Internetseite verrät dem aufmerksamen Leser, um welche es dabei gehen könnte. Inzwischen nimmt sich das Forum neben Computern auch Haushaltsgeräten und Autos an. Die Handbücher für die Reparatur sind digital bebildert und zeigen Schritt für Schritt, was zu machen ist. Noch fehlt ein Pendant im deutschsprachigen Raum. Vielleicht nutzen ja Sie die Gunst der Stunde.  BM 

Quelle: Manufactum Hausnachrichten

Mit Weitwinkelaugen unterwegs Er fährt nicht durch, sondern in ein Land. Seine Haltung: Ehrfurcht vor dem, was da ist, Hören und Sehen, sich selber zur Nebensache machen. Er, das ist Christian Hannig, 70 Jahre alt, der am 7. Juni mit ‹Tagebuch aus Totemland› sein zehntes Buch veröffentlichte. Seit 50 Jahren sitzt er auf dem Fahrradsattel und hat bereits zehn Erdumrundungen hinter sich. Sein Zelt stand in Grönland, aber auch im heissen Sand der Sahara. Das neue Buch spielt in Kanada, entlang der alten Goldgräberspur. Hannig folgt dem Fluss ‹Stolo› und dem ‹Gold Rush Trail› und lauscht deren Geschichten; über die Landnahme der Weissen und ihrer Gier nach Gold. Ein eindrucksvolles Buch ohne Indianer-Romantik und von einem Reisenden geschrieben, der nicht belehren will, sondern hofft, selbst besser zu werden im Umgang mit dem Fremden. Ob im Bärenrevier oder im Regenwald der Queen Charlotte Islands, beim Lachsfang der Gitksan, den Totems von Gitanyow oder bei dem Stamm der Haida – stets begegnet dem Leser ein SAM anderes Stück Kanada.  

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www.donat-verlag.de Christian Hannig: Tagebuch aus Totemland. Donat Verlag 2011, 192 S., Fr. 18.90 / 12,80 Euro

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Mit einem Didjeridu und einer Fujara, einer slowakischen Hirtenflöte, ist das Duo Naturton bereits seit 25 Jahren unterwegs. Willi Grimm und Gérard Widmer heissen die zwei und spielen zur Feier des Jubiläums gleich 13 Mal in der Schweiz.   Vor 40 Jahren, als das Didjeridu in Europa noch unbekannt war, brachte Grimm das Instrument als erster praktizierender Musiker von Australien in die Schweiz. Seither vertreibt er verschiedene Instrumente und bietet Kurse und Workshops an (siehe ZP 111). Sein Freund Gérard Widmer verliebte sich auf den ersten Ton in die Fujara und spürte sie schliesslich in der Slowakei auf. Seither beschäftigt er sich intensiv mit Bau und Geschichte der seltenen Hirtenflöte,

hat eine eigene Bauwerkstatt und experimentiert mit Klangperformances.   Was geschieht nun, wenn die Klänge der Slowakei auf jene der Ureinwohner Australiens treffen? Das Duo beschreibt es als «eine Musik von leuchtender Kraft und stiller Anmut.» Was die zwei Instrumente verbindet: beide wurden ursprünglich in freier Natur gespielt, weswegen sich das Duo auch den Namen «Naturton» gab.   Die Taufe ihrer neusten CD findet am 30.Oktober in der Nydeggkirche in Bern statt. Sie wurde mit vielen Beteiligten der Musikszene von Bern produziert, wie etwa Mich Gerber oder Hank Shizzoe. 

Tournee: 29.10 – 29.12.2011, www.naturton.ch

Kunst mit Haut und Haar Kann ein Moschusochse im Schneesturm tanzen, ein Auge aus Horn und Stein einem in die Seele blicken ? Als Ende der 40er Jahre die ersten Inuit Art-Skulpturen entstanden, kannte man auf Inuktitut noch kein Wort für Kunst. Was keine Funktion erfüllte, hatte im auf Mobilität ausgerichteten Nomadenleben keine Existenzberechtigung. Noch heute verbindet die meisten Inuit-Künstler eine eher pragmatische Beziehung mit ihren Werken. Sind sie erst einmal fertig, werden sie gleich an der zuständigen Stelle in Bares umgesetzt. Es sind die Qallunaat («die Weissen»), welche die Inuit-Kunst zutiefst berührt. Erst nur als weitere Einkommensquelle für die ausschliesslich jagenden und fischenden Inuit gedacht, hätte die kanadische Regierung kaum mit einem solchen Erfolg gerechnet. Archaisch, als wären sie bei der Entstehung der Welt aus einem Stein gefallen, geben Sie

den Qallunaat etwas zurück, das nicht nur sie längst verloren haben. Die «Canadian Arctic Gallery» in der Basler Spalenvorstadt hat diese Kunst verstanden und stellt sie aus, wie sie gemeint sind: Zum anfassen. Niemals verwenden Inuit-Künstler Vorlagen für ihre Werke, es ist mehr so als wüssten sie, wie sich ein Eisbärenfell anfühlt, wenn es aus der eigenen Haut gewachsen ist. Aus Knochen, Horn und Serpentinit entstehen Schuppen, Felle, Federn, Muskeln, Eisbären, Karibus, Schneeenten und Menschenbrüder. Abends im Halbschlaf, meint man tagsüber einen Freund aus alten Zeiten getroffen zu haben, bis man es wieder weiss: Es war der Eisbär mit der Knochentrommel. Canadian Arctic Gallery Spalenvorstadt 5, 4051 Basel, Tel. 061 263 21 21 www.canadian-arctic.ch

Gefangene brauchen Heilung, nicht Strafe Landet jemand im Knast, ist er nicht Opfer der Umstände, sondern hat eigenverantwortlich eine falsche Entscheidung getroffen. Deshalb braucht es Härte, keine Humanitätsduselei. So wollen es uns jedenfalls neoliberale Hardliner weismachen. Auch Mark Kawika Patterson glaubte das, als er seinen Job als Direktor im Frauengefängnis bei Honolulu (Hawaii) antrat. Dann wurden ihm die Fakten bewusst: Ein Drittel der Insassinnen bekam Medikamente wegen psychiatrischer Erkrankungen. 90 Prozent von ihnen sassen wegen Drogendelikten, und von diesen hatten 75 Prozent eine Traumatisierung hinter sich, oft sexuellen Missbrauch. Selbst Schuld ? Patterson kam zu dem Schluss: Diese Frauen brauchen einen Ort, um zu heilen. So stellte er ein Hilfsprogramm auf die Beine. Fachkräfte von aus-

serhalb halfen den Gefangenen, Gemüseanbau, Kochen oder Schweissen zu erlernen – der Grundstock für eine Anstellung «draussen». Da für solche Programme nie Geld da ist, spendete das Gefängnispersonal privat für die Anschaffung von Stiften und Büchern. Der Direktor beruft sich dabei auf den aus der Tradition Hawaiis bekannten Begriff «pu’uhonua» – ein Heiligtum, wo Regelverletzer Vergebung und Transformation finden konnten. «Früher haben wir uns um die ‚kolohe’ gekümmert, die Menschen mit den ‚harten Köpfen’», sagt Patterson. «Aber jetzt können wir uns auf unsere Nachbarn nicht mehr verlassen. Es ist einfach, die kolohe-Personen zu nehmen und wegzuwerfen. Meine Idee ist es, die Frauen wieder in die Gemeinschaft zu integrieren.»  RR 

Quellen: sein.de


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Agenda Slow Food Market Halle 9.1. + 9.2. der Messe Zürich Freitag, 12 Uhr bis 21 Uhr, Samstag und Sonntag von 10 Uhr bis 19 Uhr www.slowfoodmarket.ch

18. bis 20. November

BuchBasel

  Messe Basel, Halle 4 10 bis 18 Uhr Eintritt: Tageskarte Fr. 25.   Dreitageskarte Fr. 45.www.buchbasel.ch

26. November

Kauf-Nix-Tag

27. – 30. Dezember

28C3 28ter Chaos Communications Congress im Berliner Congress Centrum (ehemaliges Haus des Lehrers) Alexanderplatz, Berlin www.ccc.de

Im Zentrum der Messe des guten Geschmacks steht «Der Markt – ein Erlebnis für die Sinne». Die Besucher sind eingeladen zum Entdecken, Degustieren, Diskutieren und Einkaufen. Der «Slow Food Market Schweiz» bietet die Gelegenheit, mehr über Hersteller und ihre Produkte zu erfahren. Der Messe wird so zum Schaufenster für regionale Spezialitäten und Raritäten sowie Trouvaillen. Gefördert wird das Erleben von authenti-

schen Produkten, Qualität statt Einheitsgeschmack, Tradition versus Herkunftseinerlei, regionale Werte statt globaler Vereinheitlichung, der Erhalt von Biodiversität, die Interaktion von Mensch und Territorium. Die Weinliebhaber kommen auf einer Sonderschaufläche eingerichteten Vinothek auf ihre Kosten. Abgerundet wird das Rahmenprogramm unter anderem durch Diskussionen, Vorträge, Kinder-Kochprogramm und Beiträge über diverse Slow Food Themen.

Oft abseits eines breiten öffentlichen Interesses setzen sich Autorinnen, Autoren und Verlage damit auseinander, was uns Orientierung und Lebenssinn bringt, aber auch gute Unterhaltung und Wissen zu vermitteln vermag – mit unserer Kultur. Die reizüberflutete Realität einer modernen Mediengesellschaft bringt es mit sich, dass Gesagtes oft ungehört, Geschriebenes ungelesen und Gedachtes unbeachtet bleibt.

Die BuchBasel lenkt das Scheinwerferlicht auf dieses reichhaltige Panoptikum.

Der Buy Nothing Day ist ein konsumkritischer Aktionstag am letzten Freitag (Nordamerika) bzw. Samstag (Europa) im November. Er findet mittlerweile in 80 Ländern statt.

Ursprünglich wurde der Buy Nothing Day 1992 von der kanadischen Medien- und Werbeagentur Adbusters Media Foundation erfunden, die unter anderem für Greenpeace und die amerikanischen Grünen tätig war.

CCC knackt Bundestrojaner lautete eine Meldung am 8.10. 2011 – was war geschehen? Der deutsche Staat kündigte schon vor geraumer Zeit an, kriminelle Subjekte auch digital ausspionieren zu wollen und schuf dafür recht enge gesetzliche Grundlagen. Nun bekam der Chaos Computer Club einen dieser sogenannten «Bundestrojaner» (Software des Staates zum ausspionieren von Computern) zugespielt und analysierte diesen. Und wiedereinmal mit enttäuschendem Ergebnis: die gesetzlichen Vorgaben werden mit Füssen getreten!

Der CCC ist nicht nur in Deutschland zur Institution geworden, wenn es um Rechte mit und in der digitalen Welt geht, und lädt auch dieses Jahr vom 27. – 30. Dezember zum 28C3 – dem 28. Chaos Communication Congress – im BCC.

Eine Halle voller faszinierender Bücher, spannende Begegnungen mit Autorinnen und Autoren, hochkarätige Veranstaltungen – all das bietet die BuchBasel. 200 Veranstaltungen umfasst das Festivalprogramm. Lassen Sie sich überraschen und verführen.

Dort finden zahlreiche Vortäge, Workshops und Diskussionen rund um die Themen Hardware, Software, Randbereiche und Demokratie statt. Weitere infos bald auf ccc.de

Kunstparcours Deepr Disco und Holzofenkost Das Kunst-Ereignis in der Natur. Begehbare nächtliche Kunstsphären – verbunden mit Stubentanz, herzhaftem Essen und allerhand Überraschungen...

christiane doerig photographe

11. bis 13. November

26./ 27. /28. Dezember 2011 Prés d‘Orvin im Bärner Jura Aktivierung von Inner- und Ausserhalbem

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Leserbriefe@zeitpunkt.ch Substanz für meinen Weg Ich fühle, wie ich in meinem Leben einen Weg zu mir selbst beschreite. Der Zeitpunkt inspiriert mich jedes Mal neu und gibt meinem Weg dadurch immer wieder Substanz. Dafür wollte ich Euch danken ! Ich weiss, dass es nicht mehr viel braucht und ich gleite über einen zielgenauen Highway, der mich direkt zum Glück trägt. Danke, ihr seid grossartig !  Yanick Forcella, Arlesheim BL Aussteigen sollen die andern Interessant, typisch schweizerisch und irgendwie traurig finde ich, dass die Meisten heute den Atomausstieg wollen, aber die Wenigsten hingehen und Solarstrom buchen. Wir wären in der Schweiz viel weiter, wenn wir nicht immer unsere Verantwortung an Andere delegieren würden, sondern die Dinge in die eigene Hand nehmen würden.  Michael Brandenberger, Thalwil Wir drehen uns im Kreis Der Artikel zum Kaiser und den neuen Kleidern hat erfrischende Teile und sein Ende ist Hoffnungslosigkeit. Brauchen wir weitere Konzepte, brauchen wir Demokratie, dieses neue Kleid, das nicht ist ? Was soll Demokratie sein, die von einem Volk ausgehen soll, das blind ist und jedem Einäugigen nachläuft, na ja, manchem. Ihr Ansatz ist bei weitem kein fruchtbarer. Da gibt es längst gründlichere Wegweiser. Ich bin sicher, dass wir uns im Kreis drehen. Wenn wir uns das schönreden, produzieren wir Selbstgefälligkeit. Helga Korn, Berlin

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Ein Zeichen von Grösse Die Themen, die Sie aufgreifen, sind zwar aktuell, die Art und Weise gefällt mir vielmals weniger. Exemplarisch war Ihr Heft zum Thema Freiheit, wo Sie es versäumten, auch nur mit einem Wort auf die Philosophie der Freiheit von Rudolf Steiner hinzuweisen, was auch angesichts seines 150. Geburtsjahres sicherlich nicht so daneben gewesen wäre. Ein Zeichen von Grösse wäre es, manchmal auf noch Grösseres hinzuweisen. Ane Boelsma, Sissach Ermüdende Wirkung Eine Zeitschrift oder ein Buch soll, um meinen Geschmack zu treffen, sehr wohl Tiefgang beinhalten. Das bringt mich weiter und trägt zu meiner Entwicklung und Urteilsfindung bei, aber es darf auch positiv, lebendig und konstruktiv wirken. Leider ermüden mich die Texte im Zeitpunkt und wirken schwer auf mich.  Eva Streuli, Oberwil Eine Fundgrube Ihre Zeitschrift ist für mich eine wahre Fundgrube. Ich finde darin Anregungen für meinen Alltag, und es gibt Artikel, die mich mit Hoffnung und Tatendrang erfüllen. Zur Zeit bin ich aufmerksam, wo es Menschen gibt, mit denen ein Faden zum «Neustart» möglich ist.  Kristina Weiss, Gasel Feuerlaufen hat nichts mit Mut zu tun Dem inneren Feuer folgen, ZP 114 Als dienstältester Feuerlaufleiter in Europa (seit 1986) erlaube ich mir, zwei Ergänzungen anzubringen: Im 3. Abschnitt steht: «so viel Energie in uns aufbauen, dass sie die Angst förmlich wegspült». Schon die Hindus, Buddhisten etc. führten das Feuerlaufen nicht als Angstbewältigung durch, sondern als Beweis für die Kraft ihres Glaubens. Es geht nicht darum, die Angst zu verdrängen (wegzuspülen), sondern die Kraft, die darin steckt, positiv zu nutzen. Im 4. Ab-

schnitt steht etwas über den «nötigen Mut zum Feuertaufen». Zwar können die 700 Grad mit Mut durchschritten werden, aber nicht immer schadlos. Feuertaufen ist keine Mutprobe (höchstens das Anmelden dazu), sondern eine Sache der Intuition.  Otto Gerber, Wädenswil  (www.feuerlaufen.ch) Zeitpunkt macht glücklich   Handwerk, ZP 115 ‹Handwerk macht glücklich› – auch diesen Zeitpunkt zu lesen, macht glücklich ! Danke für die vielen schönen, aufmunternden, horizonterweiternden Beiträge.  Agnes Kleimaier, Pfäffikon ZH Gegenbewegung zur Obsoleszenz   Der Sprung ins kalte Wasser, ZP 114 Der Beitrag ‹Das Wachstum der Sollbruchstelle› ist sehr informativ und leider auch betrüblich. Das Phänomen der Obsoleszenz ist mir schon oft begegnet. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Hersteller ihre Produkte exakt so ‹gut› machen, dass sie gerade noch heil über den Ladentisch kommen ! Eine schöne Betrachtung über die Obsoleszenz wurde kürzlich in den Hausnachrichten von Manufactum im Mai 2011 publiziert. Hier wird auch berichtet, dass sich langsam eine Gegenbewegung aufbaut, die zum Beispiel detaillierte Reparaturanleitungen für besonders anfällige Produkte online anbietet. ifixit. com ist die viel versprechende Adresse. Wir hoffen, dass das Angebot an Hilfestellungen rasch ausgebaut und bald auch in Deutsch zur Verfügung stehen wird.  Hartwig Roth, Solothurn Weitere Belege zum Bienensterben   Zum Leserbrief von Martin Bracher,   ZP 114 Im ‹Online-Focus› vom 5. April 2011 wird ausführlich über die von Bracher erwähnte UNEP-Studie berichtet. Danach haben «manche Forscher (...) auch elektromagne-


Leserbriefe

tische Felder, die von Stromleitungen oder Mobilfunkmasten ausgehen, im Verdacht, die Bestäuber zu beeinträchtigen. Im ‹Beobachter Natur› Nr. 5/2011 wird in einem Artikel darüber berichtet, dass Bienen durch Mobilfunk in ihrem Orientierungsverhalten gestört werden, zum Teil nicht mehr zu ihrem Stock zurückfinden und die Honigproduktion zurückgeht. Auch die häufig zitierte Studie von Sharma und Kumar hat nachgewiesen, dass Handystrahlung die Honigproduktion stoppt und die Vermehrungsrate der Bienenvölker halbiert. Dies nur einige Belege, dass Mobilfunkstrahlung für Bienen schädlich ist, wenn auch nicht alleine verantwortlich für das verheerende weltweite Bienensterben.  Hartwig Roth, Solothurn Die Politik braucht Parteien   Der Sprung ins kalte Wasser, ZP 114  Eine Liste der Parteilosen unter dem Namen ‹Parteifrei› zu lancieren mag durchaus Anklang finden, herrscht doch bei vielen Leuten ein generelles Misstrauen gegenüber der Politik. Ich glaube jedoch nicht, dass die Parteien «ein grundlegendes Problem für die Demokratie» sind, wie Sie schreiben, sondern vielmehr eine Voraussetzung für diese. Es lässt sich kaum überblicken, was jeder einzelne Parlamentarier in Bern leistet und welche Positionen er vertritt. 546 Personen haben 2007 im Kanton Bern für den Nationalrat kandidiert. Müssten sich die Wählerinnen und Wähler über jede einzelne Person informieren, würde wohl kaum jemand mehr wählen.   Ich würde keineswegs behaupten, die Parteien seien durchwegs gute und anständige Organisationen. Sie sind jedoch die notwendige Organisation von mehr oder weniger Gleichgesinnten in der Politik.  Sie beschreiben die Parteien als schädlich für die Demokratie. Was meiner Ansicht nach der Demokratie schadet, ist wenn man in dermassen negativem Ton über die Politik schreibt. Es mag im Moment erfolgreich sein

gegen die Politik zu wettern, solche pauschalen negativen Aussagen über die Parteien werden jedoch einerseits vielen sehr engagierten Parteimitgliedern nicht gerecht, und fördern zudem den leider vorhandenen Politikverdruss.   Jonas Ryser, Basel Konstruktive Art Es gibt kaum einen Artikel, den ich nicht spannend und informativ finde und ich habe schon etliche Nummern nachbestellt, um sie zu verschenken. Ich kenne keine andere Zeitschrift, die über schwierige und teilweise unerfreuliche Themen auf solch positive, konstruktive Art schreibt. Dazu gratuliere ich ganz herzlich !  Susan Diener, Zürich Keine Zukunft deN Parteilosen   Der Sprung ins kalte Wasser, Nr. 114 Ich war viele Jahre ein sogenannter Parteisoldat, wie sie die Parteimitglieder nennen, und habe mich immer sehr wohl dabei gefühlt. Sicher braucht es in einer Dorfgemeinschaft eine gute Portion Mut, einer Partei anzugehören. Es wird Zeit, dass die Parteilosen auch ihren Beitrag an das Gemeinwohl leisten. Aber wir kennen diese Leute nicht und wissen nicht, ob diese rechts oder links politisieren werden. Es ist eine Illusion zu glauben, dass diese Leute, auch wenn sie die Mehrheit in den Behörden haben, die Probleme besser und schneller lösen werden. Diese Partei der Parteilosen wird keine Zukunft haben.  Andreas Sommerau, Filisur Kein Grundeinkommen ohne Bedingung   Nachbarschaft, ZP 113 Ein Grundeinkommen für jeden Bürger ist zu begrüssen. Aber nie ein Grundeinkommen ohne Bedingung wie dies zurzeit diskutiert wird. Dieses Modell ist strickte abzulehnen. 30 000.- im Jahr sind zuviel

und es müssen dafür neue Geldquellen erschlossen werden. Sicher können wir mit einem Grundlohn nicht die Ursachen bekämpfen. Die Ursache ist der ungerechte Kapitalismus, der momentan völlig aus dem Ruder läuft und nicht willens ist, etwas zu verändern.  Andreas Sommerau, Filisur Noch tiefer ausleuchten Ich finde, sie bringen spannende Themen aus speziellen Blickwinkeln. Manche Artikel fand ich schon etwas polemisch was mich stört – es ist mir irgendwie zu wenig neutral im Sinn von ausgewogen. Sie haben viele Inserate von Angeboten aus dem spirituellen/esoterischen Bereich. Noch interessanter fände ich jedoch, im Zeitpunkt mehr Artikel zu finden, die sich sowohl fakten- und sachbezogen, als auch von einer sprituellen Seite mit einem Thema auseinandersetzten. Ich finde auch, sie dürfte schmaler sein, weniger Themen, dafür tiefer ausgeleuchtet. Denn das ist es doch, was viele beschäftigte Menchen innerhalb der grassierenden Informationsflut suchen; Klare, kompakte, substanzielle Inhalte mit Tiefgang.  Regina Huber, Basel

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Der un kt p t i e Z e äc h s t

B t u n. t, muss g a n. Mit s A Wer en Zeite t f r ä h c ie rs weder d en in ve Wir leb ommen sis k a B in r e e ll a ir an d w Wor ten h c o n h beim lenker wir auc n e g Staa­­ten le ken Deshalb wor t einen Zac weiter. h ic all den t e n Sp r n n ac h n e d s be­kann a w t un ist, f r a ge n, k re t z u n o k zu und e Wenn zur K ris ktiv und ohne d e Wor ten ll n o k ht e u n ch und Geschic e , h c n e li persönli n ö illkom­m er. Pers d s eh r w a n und Ab in s n e g n ber E r fa h r u e Novem d n E is b unkt.ch n@zeit p io t k a d re

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Brennende Bärte

Nachruf: Geni Hackmann (1993 – 2011)

Motto: Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahr­ heit durch ein Gedränge zu tra­gen, ohne jemandem den Bart zu versengen. Lichtenberg

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r war zweifellos der beliebteste Autor dieses Magazins. Jedes Mal, wenn jemand sagte, die Zeitpunkt-Lektüre würde mit der letzten Seite beginnen, war ein gewisser Neid nicht zu unterdrücken. Jetzt bin ich den Konkurrenten los. Begonnen hat Geni Hackmann in der Frühzeit des Zeitpunkt. Sein erster Text erschien im Heft Nr. 8 im März 1993 in der auf ihn abgestimmten Rubrik «Hackbrett». Die «brennenden Bärte», nach über 30 Jahren Journalismus immer noch mein absolutes Lieblingsgefäss, gab es damals schon, erschienen aber unregelmässig und mit wechselnden Autoren. Deshalb wohl das etwas zu naheliegende «Hackbrett». Dieses bearbeitete er während gut fünf Jahren und teilte dort aus, wo mir der Mut oder die Sprache fehlte. Schon in seinem ersten Text geisselte Hackmann das «sustainable development» als Fortsetzung alter Politik unter neuem grünen Deckmäntelchen. Heute wundert man sich, dass «sustainable development damals schon propagiert wurde. Noch immer lese ich seine alten Sachen gerne und laufe Gefahr, mit diesem Nachruf den Abgabetermin zu verpassen, weil ich immer wieder hängen bleibe. Sein Burschenstück lieferte Geni Hackmann mit der Cabiallavetta-Wette im Zeitpunkt 57 vom Januar/Februar 1998. Er schrieb damals: «Ich verwette ein

Pseudonyme haben es so in sich: Man lagert einen gewissen Teil der eigenen Persönlichkeit in eine fiktive Identität aus, die ein Eigenleben zu entwickeln beginnt. Man schreibt und denkt daher auch anders. Jahresabonnement dieser Zeitschrift, dass Mathis Cabiallavetta in zwei Jahren nicht mehr Verwaltungsratspräsident der United Bank of Switzerland sein wird. Warum ich so sicher bin? So sieht der mächtigste Mann der zweitgrössten Bank der Erde doch nicht aus! Natürlich gäbe es noch andere Gründe, warum Mathis

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Cabiallavetta für diesen Posten nicht geeignet ist, aber über die zu schreiben, ist nur halb so lustig.» Ein paar Monate später war Cabiallavetta bereits weg, fünf Leser verloren ihre Wette und durften ein Zeitpunkt-Abo verschenken. Diese Wette hätte mit anderer Personalie immer wieder neu aufgelegt werden können. Ein aktueller Kandidat wäre Philipp Hildebrand, dem ich noch maximal ein halbes Jahr als Chef der Nationalbank gebe. Wenn Sie ein Zeitpunkt-Abo darauf wetten wollen, schreiben Sie mir. Doch nun zur grossen Frage, warum Geni Hackmann gehen musste. Pseudonyme haben es so in sich: Man lagert einen gewissen Teil der eigenen Persönlichkeit in eine fiktive Identität aus, die ein Eigenleben zu entwickeln beginnt. Man schreibt und denkt daher auch anders, wenn man unter anderem Namen schreibt. Das kann sehr produktiv sein. So wechselte Geni Hackmann im Laufe der Jahre von den kleinen Sticheleien zu den pointierten Analysen, unter denen der schüchterne Mensch in mir nicht seinen Namen sehen wollte. Die Strategie zur Bekämpfung der «Stromlücke» gehört dazu oder der «geordnete Ausstieg», mit dem viele Atompolitiker dieses Jahr ihre Wiederwahl sicherten. Das sind Kampftexte und die druckt man nicht gleichzeitig mit einem Bekennerschreiben ab. Wir waren ein harmonisches Paar. Sogar ein Buch wollten wir zusammen schreiben. Jetzt muss ich alleine damit fertig werden. Irgendwann sind die Grenzen dieser produktiven Schizophrenie allerdings erreicht. Da kann man als Autor nur noch sich selber sein, auch wenn man sich dadurch exponiert. Das ist mir – nicht erstaunlich – während der Kandidatur klar geworden. Geni Hackmann ist also nicht mehr. Die 18 000 Internet-Einträge kann man löschen. Einen Nachfolger gibt es nicht. Aber die Bärte brennen weiter. Christoph Pfluger


Was ist wirklich ?

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ZP 116 – Was ist wirklich?