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ZE!TPUNKT

140 Nov./Dez. 2015 10.– CHF / 10.– €

Für intelligente Opt imist innen und konstruk t ive Skept iker

In diesem Zeitpunkt erfahren SiE, dass wir alle irgendwie auf der Flucht sind, wo vor hundert Jahren der Samen der russische Revolution gelegt wurde, warum die ­Blütenstaubwirtschaft kommt und wie sie funktioniert, was der Älteste der Kogi denkt, wie Sie mit dem Zeitpunkt ein Zirkuswunder erleben und UND Vieles mehr.


Impressum Zeitpunkt 140 NOV./DEZ. 2015 Erscheint zweimonatlich in einer ­Mindestauflage von 11 000 Expl. 2015 > 24. Jahrgang Redaktion und Verlag ZEITPUNKT Werkhofstrasse 19 CH-4500 Solothurn Telefon +41 (0) 32 621 81 11 Fax +41 (0) 32 621 81 10 E-Mail: mail@zeitpunkt.ch www.zeitpunkt.ch www.facebook.com/ZeitpunktMagazin Geldfluss: Postkonto 45-1006-5 ISSN 1424-6171

Redaktion Christoph Pfluger (CP), Selina Fehr (SF/ Praktikantin), Vincent Grand (Layout / Illustrationen), Ondine Riesen (OR), M, Ute Scheub (US, Produktion), Hannah Willimann (Korrektorat). Redaktionelle Mitarbeit Christine Ax, Thomas Gröbly, Paul Dominik Hasler, Eva Rosenfelder (ER) Philippe Welti Ständige Autorinnen und Autoren Daniele Ganser, Geni Hackmann, Urs Heinz Aerni Aboverwaltung Hannah Willimann

Herausgeber Christoph Pfluger Anzeigen Zeitpunkt, Werkhofstr. 19, 4500 Solothurn Vertrieb Deutschland Synergia Auslieferung Industriestraße 20 64380 Roßdorf Telefon: +49 (0) 61 54 - 60 39 5-0 Telefax: +49 (0) 61 54 - 60 39 5-10 info@synergia-auslieferung.de

Abonnementspreise Der Preis des Abonnements wird von den AbonnentInnen selbst bestimmt. Geschenkabo Schweiz: 54 Franken ­Geschenkabo Europa: 68 Franken Einzelnummer: 10 Franken / 10 Euro Druck & Versand: AVD Goldach, Papier: Rebello Recycling Titelbild Vincent Grand Beilagen Teilauflagen dieser Ausgabe enthalten Beilagen von Biovision, Gebana, Inspiration Reisen und des Versandhauses Waschbär. Wir bitten um Beachtung.


Welcome?

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser Das Titelthema dieser Ausgabe hat mich aus zwei Gründen unsicher gemacht: Erstens befürchtete ich, dass die weitgehend positive Stimmung Flüchtlingen gegenüber bis zum Erscheinungstermin umschlagen könnte. Diese Unsicherheit hat sich bis zur Druckabgabe nicht gelegt. Und zweitens bin ich immer noch unschlüssig, welches der beste Umgang mit den Flüchtlingsströmen ist. Beide Alternativen im Angebot sind ja nicht wirklich durchzuhalten: die offenen Grenzen und Arme auf der einen und die Abschottung auf der anderen Seite. Besser wäre es, den Menschen vor Ort zu helfen, dass sie nicht flüchten müssten oder bald wieder zurückkehren könnten. Denn wer will schon freiwillig in einem fremden Land ein neues Leben anfangen? Es dauert zehn bis zwanzig Jahre, bis man am neuen Ort heimisch wird. Meist gelingt dies erst der nächsten Generation. Noch besser wäre es, mit der Ausbeutung der Schwellenländer und der Dritten Welt Schluss zu machen und mit der von Europa unterstützten Hegemonialpolitik der USA endlich aufzuhören, die ein Land nach dem andern ins Chaos stürzt. Aber das sind fromme Wünsche, die von den Männern an den Schalthebeln nicht gehört werden wollen. Da kann man selbst als Papst wenig ausrichten, geschweige denn als Redaktor einer kleinen Zeitschrift. Das ist der Strom der Zeit, von dem man sich immer mehr fragt, was er mit uns Menschen noch vorhat und wer ihm die Richtung gibt. Im Grunde sind die Ströme sowohl der Kriegs- als auch der Wirtschaftsflüchtlinge die zwingende Folge der Globalisierung. Mit dem freien Kapitalverkehr müssen wir auch akzeptieren, dass sich die Mächte global ausdehnen und die fehlenden internationalen Normen ausnützen. Und wir müssen auch zulassen, dass die Menschen dem Geld folgen. Das wird kein Zaun der Welt dauerhaft verhindern können. Dabei übertrifft der Schaden der Steuerflucht von Konzernen und Superreichen die Kosten der Migration um ein Mehrfaches. Würden wir sie verhindern, müssten wir auch keine Zäune ziehen. Wenn die Werte bleiben, wo sie geschaffen werden oder fair getauscht werden, bleiben auch die meisten Menschen, wo sie ihre Wurzeln haben. Aber das ist nicht die Wirklichkeit. Realität ist vielmehr, dass sich immer mehr Menschen vor der Gewaltherrschaft des Geldes und ihren Söldnern mit und ohne Uniform in Sicherheit bringen müssen. Da ist Menschlichkeit das Gebot der Stunde. Die Gewaltherrschaft wird das freilich nicht beseitigen. Dazu wird eine andere Menschlichkeit nötig sein: passiver Widerstand, Intelligenz und Bewusstsein. Und die tätige Hoffnung, dass eine gerechte Welt möglich ist. Schliesslich wollen das fast alle. Herzlich Christoph Pfluger, Herausgeber Zeitpunkt 140

• Und schiesslich gibt es das älteste und tiefste Verlangen, die grosse Flucht dem Tod zu entrinnen. J.R.R. Tolkien

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Inhalt

6 Chapeau  6 Chapeau! Wir ziehen den Hut vor Intelexit, dem Aussteigerprogramm für Geheimdienstmitarbeiter, vor Urs P. Gasche und der Medienplattform Infosperber, vor Cornelia Hesse-Honegger und ihren Bildern von missgebildeten Insekten und vor der Teekampagne von Günter Faltin. 8 Das Gute von Ute: Lernen von den Caron Cowboys, Altkleider mit Dreifachnutzen, indigene Solaringenieurinnen und die leuchtende Zukunft, ein neues Siegel für kleinbäuerlichen Landbau, ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung und Knackis, die in Restaurants arbeiten.

10 Flucht

10 Fliehen oder standhalten – die «Flüchtlingskrise» zeigt, dass es positive emotionale Ansteckung gibt Ute Scheub 14 Konflikt, Hunger, Armut – was Menschen in die Flucht treibt David Fritz 16 Geschichten vom Fliehen und Bleiben Selina Fehr und Leila Dregger 22 Heimweh nur im Frühling – vor 59 Jahren geflohen Eva Rosenfelder 23 Vertrieben – ein deutsches Flüchtlingskind von damals wezählt Hans Jürgen Kraft 24 Das Wunder von Riace – ein Dorf im italienischen Süden heisst Flüchtlinge willkommen Michael Braun 28 Die Hälfte des Geldes ist schon geflüchtet – bis zu 32 Billionen Dollar befinden sich bereits in Finanzoasen Christoph Pfluger 29 Zufall oder Absicht – die «Migrationswaffe» ist leider keine Erfindung von Verschwörungstheoretikern Christoph Pfluger 30 Auf Zeit nach Europa kommen – zirkuläre Migration als Kernstück einer neuen Migrationspolitik Beat Stauffer 33 Flüchtlingshilfe für jeden – Irene R. seit 50 Jahren aktiv Selina Fehr 34 Das Asylrecht und die Schlepperbanden Ulrich Schultes 35 Initiativen – was tun? Ute Scheub und Ondine Riesen 36 Fluch der Flucht – wenn Menschen vor persönlichen Problemen fliehen Martina Degonda 37 Glossar Ute Scheub und Ondine Riesen 38 Migration und Kultur Redaktion

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40 entscheiden & arbeiten

40 Zürich als Zentrum der Friedensbewegung – Ausländer gründeten vor hundert Jahren eine internationale pazifistische Bewegung gründen. Mitten unter ihnen: Lenin. Philippe Welti 43 Lenin als Gast in Zürich – wer den Revolutionär damals beherbergte und wo seine Nachfahren heute politisch stehen Philippe Welti 44 Entwicklungshilfe aus Bolivien Fabian Grieger 45 Das neuste von Übermorgen – Roboter: der blinde Fleck der Forscher Philippe Welti 46 Kandidaten auf dem Geldgrill – grosszügige Jury vergibt Wahlempfehlungen Christoph Pfluger 47 Gemeinschaft macht sicher Ondine Riesen 48 Es ist nicht alles gut, was glänzt und andere Nachrichten über entscheiden und arbeiten 51 Brennende Bärte: das Vollgeld und die Linke Geni Hackmann

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Inhalt

52 vollwertig leben

62 Horizonte erweitern

52 Blütenstaubwirtschaft: Wenn Dinge zu Daten werden, ändert sich auch die Grundlage unserer Wirtschaft Georg Hasler 57 Für lange Nächte und neue Jahre: Whisky für Ladies, Willensstärke für’s Neue Jahr und erotische Literatur Martina Pahr 58 Verpisst euch! – pinkeln gegen Glyphosat Ute Scheub 59 Jede Flasche zählt – Olivenöl aus Palästina Selina Fehr 60 Gaumen- und Naturfreuden – farbenfrohe Rande Erica Bänziger 60 Lehrfilm für die private Samengärtnerei und andere Nachrichten für ein vollwertiges Leben

62 «Die Menschen sollen die Erde in Ruhe lassen» – Interview mit dem Kogi-Ältesten Mamú José Gabriel Ute Scheub 65 Wendepunkt: Frontpolizistin in Begleitung Eva Rosenfelder 66 Heldenreise: Auge in Auge mit dem Dämon und andere Nachrichten zur Horizonterweiterung 67 Rigolo – Zirkus der Sinne und eine Leseraktion 68 Unverblümte Buchvernissage im Morgenland Eva Rosenfelder 70 Achtsamkeit: Wir sitzen alle im selben Boot Lio Schneemann 71 Fünf Seiten gute Adressen Ob gesund leben, kreativ arbeiten, nachhaltig wohnen, achtsam verreisen, fair einkaufen oder findig suchen: Dieser Marktplatz hat viel zu bieten. 78 Kleinanzeigen von und für Zeitpunkt-LeserInnen 80 Leserinnen und Leser schreiben 81 Verlagsmitteilungen 82 Geschafft: Die Vollgeld-Initiative steht

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Hansruedi Weber

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Chapeau!

Intelexit

Aussteigerprogramm für Schlapphüte

Eine Mitarbeterin von Intelexit verteilt Flugblätter vor dem deutschen Bundesnachrichtendienst.

Für frustrierte Spione, die von den weltweiten Überwachungsprogrammen und Gesetzesbrüchen ihrer Geheimdienste die Nase voll haben, gibt es jetzt ein Aussteigerprogramm: «Intelexit». Unbekannte warfen Anfang Oktober mit einer Drohne Flugblätter mit entsprechenden Hinweisen über dem Dagger Complex der NSA in Darmstadt ab, deren Personal dem Militärstützpunkt in Ramstein zuarbeitet. Vor der Clay-Kaserne in Wiesbaden, einem künftigen NSA-Standort, und zwei Standorten des deutschen Bundesnachrichtendienstes warben Grossplakate für «Intelexit», das juristische und psychologische Unterstützung anbiete. Auf www. intelexit.org kann man sich ein Kündigungsschreiben zusammenklicken, und in einem Video treten Whistleblower und Ex-Agenten der NSA wie Thomas Drake und Bruce Schneier auf. Ist die Aktion echt? Jein. Dahinter steckt eine Künstlergruppe:

Das «Peng! Collective» will bewusst die Geheimdienste verwirren. Auf der Website findet sich ein kleiner Hinweis, Intelexit sei «die gesellschaftliche Antwort auf fehlende Kontrolle und undemokratische Vorgehensweisen der Nachrichtendienste». Gleichzeitig arbeitet das Peng! Collective aber eng mit Netz-Prominenten wie der Wiener Aktivistin Lizvlx und dem Franzosen Jérémie Zimmermann von La Quadrature du Net zusammen. Laut Zimmermann hat die global angelegte Initiative sehr wohl einen ernsten Hintergrund. Sie wolle in Geheimdienstkreisen und unter Angehörigen von Spionen das Nachdenken fördern. Wenn wirklich jemand aussteigen wolle, sei die Initiative in der Lage, diese Person mit Anwälten, Aktivistinnen oder anderen Whistleblowern zusammenzubringen. Das seit einigen Jahren bestehende Peng! Collective arbeitet ähnlich wie die «Yes-Men» aus den USA. 2013 kaperte es eine Werbeveranstaltung des Ölkonzerns Shell und liess dabei eine Ölfontäne auf der Bühne los. Später rief es dazu auf, Flüchtlinge aus dem Urlaub mit nach Deutschland zu nehmen. Wir ziehen den Schlapphut. Ute Scheub

Urs P. Gasche und Infosperber Die vollwertige Medien-Diät Man muss nicht gleich von «Lügenpresse» reden. Aber die verbreitete Kritik an den Massenmedien ist berechtigt. Sie werden von kommerziellen Interessen gesteuert, nicht von einem gesellschaftlichen Informationsauftrag. Gut drei Viertel ihres Inhalts sind PR oder werden von PR-Agenturen vorbereitet. Dem Zeitdruck fallen wichtige Details und Hintergründe zum Opfer. Und den Journalisten fehlt die Zeit und oft auch die Freiheit für echte Recherchen. Am Medien-Menü, das dabei herausschaut, überessen sich alle; aber niemand wird satt. Zum Glück gibt es Alternativen; eine bemerkenswerte darunter ist die Website www.infosperber.ch. Ins Leben gerufen wurde sie vor fünf Jahren vom heute 70-jährigen Journalisten Urs P. Gasche und der «Schweizerischen Stiftung zur Förderung unabhängiger Information». Bekannt wurde er als Chefredaktor der Berner Zeitung, als Leiter der Konsumentenschutz-Sendung «Kassensturz» und als Mit-Herausgeber von «K-Tipp», «PulsTipp» und anderen Zeitschriften. «Infosperber will die Mainstream-Medien nicht konkurrenzieren, sondern sie ergänzen»,

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schreibt er über die Ziele der mit Spenden finanzierten Plattform. Aber wer die zahlreichen medienkritischen Beiträge liest – nicht zuletzt auch in Bezug auf die einseitige Darstellung Russlands –, wird mit Recht an der Kompetenz des Mainstreams zweifeln. Da machen es die Autoren von Infosperber eindeutig besser. Es sind gestandene Journalisten, nicht wenige bereits im Rentenalter. Sie haben die Zeit und die Erfahrung für gut recherchierten Journalismus, wie er in den 70er und 80er Jahren noch politische Erdbeben auslösen konnte. Diese Wirkung erreicht Infosperber allerdings noch nicht. Aber mit über 8000 (Newsletter-)Abonnentinnen und Abonnenten, darunter viele Meinungsmacher, ist der Einfluss nicht zu unterschätzen. «Der Teufel sind die Unwissenden – jene, die eine Meinung haben, aber keine Ahnung», schrieb der Filmemacher Fatih Akin vor Jahresfrist in der NZZ am Sonntag. In diesem Sinn betreibt Infosperber beste Teufelsaustreibung. Und: Wir verleihen diesen Chapeau nicht bloss zur Anerkennung der Leistung von Infosperber, sondern auch, um möglichst viele Leser zu einem Abonnement des Newsletters zu animieren. Christoph Pfluger www.infosperber.ch

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! u a e p a h C Die Kreatur wird ja gern mal «die stumme» genannt, weil Tiere nichts – oder kaum etwas – Verständliches sagen können. Zeigen können sie allemal. Und dem, der hinschauen kann, vermitteln sie unter Umständen sogar Warnungen. Wanzen zum Beispiel warnen da, wo Menschen wahrnehmungsblind sind. Die Insektenbilder der Zürcher Künstlerin und naturwissenschaftlichen Zeichnerin Cornelia Hesse-Honegger zieren inzwischen Galerien und Museen in aller Welt. Und in ihrer grossen Mehrzahl sind sie Spiegel der atemberaubenden Schönheit des Insekten-Weltreiches. Doch als Cornelia Hesse-Honegger 1987, ein Jahr nach Tschernobyl, in belasteten Gebieten Schwedens auf deformierte Blattwanzen stiess, schwante ihr Unheil. Schon 1967 hatte sie, dreiundzwanzigjährig, mit dem Zeichenstift Mutationen an Frucht- und Stubenfliegen dokumentiert, die unter Laborbedingungen bestrahlt worden waren. Nach Einblicken in die schwedische Wanzen-Fauna porträtierte sie vielerorts Mutationen. Und sie betrieb Feldforschung in Stade, Krümmel und in La Hague, zeichnete im Umfeld von Three Miles Island und in

Chapeau!

Cornelia Hesse-Honegger Bilder der Erkenntnis

den Atomtestgebieten Nevadas. Und überall stiess sie auf Wanzen der Gattung Heteroptera und auf Drosophila-Fliegen, die deutliche Mutationen aufwiesen. Hesse-Honegger dazu: «Während der natürliche Anteil mutierter Insekten bei gerade einmal einem Prozent liegt, ist an den von mir untersuchten Orten bis zu jedes fünfte Insekt körperlich geschädigt. Die Schäden werden vermutlich durch die Aufnahme von radioaktiven Partikeln mit der Nahrung verursacht.» Das eigentlich Alarmierende: Geschädigte Insekten fanden sich nicht nur dort, wo man sie hätte vermuten können, an den bekannten Katastrophenorten, sondern im Umfeld normal funktionierender, gut gewarteter Schweizer AKW. Niedrigstrahlung ist offenbar ein Thema, das weg-geschwiegen wird. Nuclear Free Future Award

Cornelia Hesse-Honegger erhielt am 28. Oktober in Washington den «Nucelar Free Future Award» in der Kategorie Aufklärung. Die edition Zeitpunkt ist glücklich, Cornelia Hesses spannendene Erlebnisse und grossartige Erkenntnisse unter dem Titel «Die Macht der schwachen Strahlung» anfang nächsten Jahres in Buchform herauszugeben.

Günter Faltin und die Teekampagne Nicht abwarten, fairen Bio-Tee trinken Günter Faltin ist ein Pionier in Sachen Nachhaltigkeit und fairer Handel. Als Professor der Freien Universität Berlin wollte er die gelehrte Ökonomie in der Praxis verhaften und gründete vor genau 30 Jahren die «Projektwerkstatt» als Dach für kreative Unternehmen – mit der Teekampagne als erstem Projekt. Der Erfo » dargestellt, Recht. Entrepreneurship, so Faltin, hat mehr mit Kreativität denn mit Kapital zu tun. Ein gutes Konzept reicht – dies, wohlgemerkt, noch vor Zeiten des Crowdfunding. Durch die neue Kombination vorhandener Komponenten lässt sich etwas Eigenes schaffen, das sich durchsetzt. Dies beweist die Teekampagne, die sich auf eine einzige Sorte Tee spezialisiert hat, direkt beim Erzeuger in grossen Mengen einkauft und den Tee ohne Zwischenhandel in Grosspackungen an den Endkunden weitergibt. Der Einkaufspreis liegt über dem Weltmarktniveau und ermöglicht der Teekampagne, positiven Einfluss auf die Arbeits- und Anbaubedingungen in den Teegärten zu nehmen. Auf die Rückverfolgbarkeit des Tees legt man grössten Wert – immerhin wird weltweit mindestens viermal so viel Tee als

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«Darjeeling» verkauft, als im nordindischen Bundesstaat produziert wird. Deshalb darf die Teekampagne auch als erstes deutsches Unternehmen das Logo des «Tea Board of India» verwenden. Die Qualitätsmarke ohne «Branding» ist mehrfach ausgezeichnet, jüngst durch den Nachhaltigkeitspreis der Neumarkter Lammsbräu 2015 mit der Begründung, dass ein «innovativer, mutiger und modellhafter Geniestreich» zum weltweit grössten Importeur von Darjeeling führte – und dies «bio und fair». Faltin selbst hat sein Engagement in vielen anderen Projekten im Bereich «Entrepreneurship» eingesetzt und lehrt seit 2013 an der Universität in Chiang Mai. Die Projektwerkstatt ruht sich auch im Jubiläumsjahr nicht auf den Lorbeeren resp. Teeblättern aus, sondern arbeitet weiter intensiv an der Verbraucheraufklärung. Das Ergebnis geniesst die Autorin dieser Zeilen dankbar jeden Morgen in der Tasse. Martina Pahr

www.teekampagne.de

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Wir Gute Das können vonauch Ute anders

das von

gute ute

Lernen von den Carbon Cowboys

mehr CO2-Emissionen unschädlich machen als ausgestossen werden. Der US-Agrarwissenschaftler Timothy LaSalle vom renommierten Rodale Institute in Pennsylvania hat das Konzept des regenerativen Landbaus massgeblich mitgeprägt. Es gebe eine billige und überall anwendbare Methode für planetarisches «GeoEngineering», so LaSalle kürzlich bei einem

Monokulturen, das und mehr gehöre dazu. Etwa eine kluge Bewirtschaftung von Weidegründen, in die stickstoffbindende Leguminosen eingesät werden. Gräser könnten mit ihrem gewaltigen unterirdischen Wurzelwerk gigantische Mengen Kohlenstoff bis zu vier Meter hinab in die Erde bringen. US-Farmer probieren die neuen Methoden derzeit aus. In einem gleichnamigen Film auf «Vimeo»

Illustration: John Sherffius, White Paper.

«Bringt den Kohlenstoff zurück in die Erde!» Das ist das Motto der sogenannten regenerativen Agrikultur. Grundidee: Mit dem Aufbau humusreicher Böden wird Kohlenstoff langfristig unterirdisch gebunden und dorthin zurückgebracht, wo das Kohlendioxid aus Fossilenergien ursprünglich herkam. Böden sind global gesehen der grösste Speicher für CO2, grösser als Ozeane und Wälder. Damit könnten die weltweiten Agrarflächen jährlich

Vortrag in Berlin, das sei die Photosynthese. Sie verwandelt CO2 in Kohlenstoff und bringe ihn über pflanzliche Wurzelwerke in die ausgelaugte Erde zurück, wo er eine zentrale Rolle für die Förderung des Bodenlebens und der Humusbildung spielt. Mit regenerativem Landbau könne man dadurch gesunde Lebensmittel produzieren, die Wasserhaltefähigkeit der Böden verbessern und die Artenvielfalt erhöhen. Regenerative Landwirtschaft sei mehr als «Bio», sagt LaSalle. Pflugloser Anbau, Mulchen mit Zwischenfrüchten, Misch- statt

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schwärmen die «Soil Carbon Cowboys», dass ihre Böden, Tiere und Pflanzen gesünder werden und sie selbst jede Menge Zeit und Geld sparen. Unter dem Titel «Soil Carbon Restoration: Can Biology do the Job?» führt Jack Kittredge, Politikdirektor der Northeast Organic Farming Association (NOFA), in einem «White Paper» die Potenziale des regenerativen Anbaus aus. Jeder und jede kann dabei mitmachen und eigenhändig Böden wiederaufbauen, unter anderem mit Pflanzenkohle und der Terra-Preta-Technik. Ronnie Cummins vom US-Verband «Organic Consumers Association» schwärmte denn auch jüngst in einem Artikel der Online-Zeitung «Truthout» von der «Regenerativen Revolution», weil sie Böden-, Nahrungs- und Gesundheitskrisen gleichzeitig lösen könne. Wenn man die Erderwärmung unter zwei Grad plus halten wolle, müsse man jährlich global mindestens 0,4 Prozent des atmosphärischen Kohlenstoffes in die Erde zurückbringen. Das sei auf diesem Wege erreichbar, gleichzeitig könne man damit «hunderte von Millionen ländlicher (und urbaner) Jobs» schaffen. Dafür sei es nötig, eine weltweite Koalition von Nahrungs-, Wald- und Klimabewegungen zusammenzubringen, eine «massive Graswurzelarmee von Erd-Regenerierenden: drei Milliarden Kleinbauern und Dorfbewohnerinnen, Rancher, Hirten, Waldbewohnerinnen, Stadtgärtner und indigene Gemeinden – assistiert von mehreren Milliarden bewussten Konsumenten und urbanen Aktivistinnen.» Auch der Papst wird sich hier sicherlich gern einreihen, mit seiner Umwelt-Enzyklika «Laudato Si» unter dem Arm. www.nofamass.org/content/soil-carbon-restorationcan-biology-do-job

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Das Gute von Ute

Altkleider mit Dreifachnutzen Altkleidersammlungen haben einen eher schlechten Ruf – zu Recht. Kommerzielle Unternehmen verkaufen aufgearbeitete Textilien nicht selten in südlichen Ländern und unterbieten lokale Schneiderinnen und Händler. Dass es auch anders geht, zeigt das österreichische «RepaNet», ein landesweiter Zusammenschluss von Sozialunternehmen im Reparaturbereich. Zu seinen Mitgliedern zählen neben Repaircafés und Second-Hand-Läden auch 14 gemeinnützige Betriebe. Sie sammeln über öffentliche Container, Kleiderspenden oder andere Wege jährlich rund 30´000 Tonnen Altkleider und machen sie wieder gebrauchsfähig – das ist ein Drittel der gesamten Sammelmenge in Österreich. Diese Sozialunternehmen sorgen laut RepaNetGeschäftsführer Matthias Neitsch für einen Dreifachnutzen: «Sie fördern die regionale Wirtschaft, arbeitssuchende Personen sowie Menschen mit geringem Einkommen und schonen gleichzeitig die Umwelt.» Gemeinnützige Altkleidersammler schaffen nach seinen Angaben mit vier Containern jeweils einen Vollzeit-Arbeitsplatz in der Region. Drei Viertel dieser Jobs in Sammelstellen und Secondhand-Shops gehen an Langzeiterwerbslose, behinderte oder anderweitig benachteiligte Menschen. Durch das Recycling von Altkleidung werden zudem Energie und Ressourcen gespart. Wegen des ökonomischen, ökologischen und sozialen Mehrwerts wünscht sich der RepaNetGeschäftsführer eine Ausdehnung des Geschäftsmodells auf weitere Länder und Gemeinden: «Es ist so einfach, soziale Verantwortung zu zeigen.» www.repanet.at

Indigene Solaringenieurinnen bringen leuchtende Zukunft Die Cousinen Liliana und Luisa Terán haben ihrem Ort Caspana in der chilenischen Atacama-Wüste zu einer leuchtenden Zukunft verholfen. Eine Ausbildung in Indien zu «Barfuss-Solaringenieurinnen» hat ihr eigenes Leben und das ihrer Gemeinde grundlegend verändert. Im «Barefoot College» im nordwestlichen indischen Bundesstaat Rajasthan lernten sie, wie man Solarpanels installiert, wartet und repariert. Dort wurden bereits mehr als 700 Frauen aus Lateinamerika, Afrika und Asien in Lehrgängen ausgebildet. Die rund 400 Einwohner von Caspana gehören zur indigenen Volksgruppe der Atacama, die unter schwierigen Bedingungen im Norden von

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Chile und im Nordwesten von Argentinien leben. Bis vor zwei Jahren lief der einzige Stromgenerator der Gemeinde täglich höchstens zweieinhalb Stunden lang. Ständig fiel er aus – und damit auch das Licht in den gut hundert Haushalten.

Die indigenen Solaringenieurinnen Lilian und Louisa Terán. Foto: Marianella Jaroud/IPS

Heute aber ist er nur noch zur Sicherheit da, weil die beiden Cousinen die meisten Haushalte mit Solarmodulen für umgerechnet 45 Dollar versorgt haben. Für Wartung und Reparaturarbeiten bezahlt ihnen die Gemeinde knapp 40 Dollar pro Monat. Doch der Zugewinn für sie ist nicht nur materiell, sie erleben auch viel Anerkennung im Dorf. «Die Menschen hier respektieren uns und das, was wir tun», berichten sie. Manche Patriarchen hätten inzwischen einräumen müssen, dass nur wenige Männer den Mut zu einer solch langen Reise gehabt hätten.

Siegel für kleinbäuerlichen Landbau Um kleinbäuerliche Familienbetriebe zu stärken, hat das argentinische Landwirtschaftsministerium jetzt ein neues Siegel eingeführt. «Hergestellt von Bauernfamilien» klebt nun sichtbar als Etikett auf Agrarprodukten aus Familienhöfen. Rund 120´000 Familien leben in dem südamerikanischen Staat von der Landwirtschaft und erzeugen zusammen rund 70 Prozent aller dort konsumierten Lebensmittel. Das neue Siegel geht auf eine gemeinsame Initiative des «Mercosur» zurück, des «Gemeinsamen Marktes von Südamerika», dem Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und Venezuela sowie Bolivien, Chile und Ecuador als assoziierte Mitglieder angehören. Unter seinem Dach wurde die Organisation «Zusammenschluss von Bauernfamilien» gegründet, in der neben Regierungsvertretern auch Repräsentantinnen von Bauernorganisatio-

nen vertreten sind. Brasilien führte ein ähnliches Siegel bereits 2012 ein, in Chile weist das Logo «Bauern-Hände» ebenfalls seit 2015 auf kleinbäuerliche Produkte hin. Bolivien und Ecuador wollen entsprechende Labels demnächst starten. Das Siegel soll nicht nur die wichtige Rolle von Kleinbauern sichtbar machen, sondern auch die Ernährungssouveränität stärken, die Einnahmen kleinbäuerlicher Familien verbessern und den Stadt-Land-Dialog fördern. Zudem soll es laufende Gesundheitskontrollen der Produkte garantieren und für eine Herstellung ohne Agrochemie stehen.

Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung Das französische Parlament hat im Mai ein Gesetz verabschiedet, das Konzernketten, grossen Supermärkten und Schulkantinen verbietet, unverkaufte Nahrungsmittel und Essensreste wegzuwerfen. Lebensmittel mit ästhetischen «Macken» oder abgelaufenem Verkaufssdatum müssen stattdessen Sozialorganisationen oder Bauernhöfen zur Verfügung gestellt werden; Bauern können sie dann an Tiere verfüttern, kompostieren oder zu Biogas verarbeiten. Die Supermarktketten wehrten sich zunächst heftig gegen das neue Gesetz. Umweltministerin Ségolène Royal warf ihnen daraufhin vor, Chlorbleiche auf Lebensmittel zu schütten, damit niemand mehr «containern» kann. Ende August verpflichteten sich die Konzerne dann doch schriftlich auf die neuen Massnahmen.

Knackis arbeiten in Restaurants In England macht eine aussergewöhnliche Rehabilitationsmethode für Strafgefangene von sich reden. Seit 2009 dürfen diese unter dem Projektnamen «Clink Charity» in mehreren Ortschaften Restaurants, Gemüsegärten und ein CateringService betreiben. Das von Stiftungen initiierte Projekt verläuft äusserst erfolgreich. Die Gefangenen, darunter viele frühere Drogensüchtige, fühlen sich oft zum ersten Mal in ihrem Leben nützlich, erhielten beste Bewertungen und nach Verbüssung ihrer Strafe Jobangebote. Jährlich absolvieren etwa 50 Strafgefangene die von privaten Stiftern finanzierte Ausbildung. Bis 2017 will das Clink-Projekt 500 ehemalige Gefangene an neue Arbeitsplätze vermittelt haben. www.theclinkcharity.org

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FLUCHT

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FLUCHT

Fliehen oder standhalten Die «Flüchtlingskrise» zeigt uns, dass es positive emotionale Ansteckung geben kann. Und dass es konstruktiv sein kann, Probleme willkommen von Ute Scheub zu heissen.

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illkommenskultur: Was für ein warmes Wort. Für mich als Deutsche war sein Auftauchen einer der schönsten und überraschendsten Momente dieses Jahres. Wobei es mir hier nicht um die Ausbreitung deutscher Befindlichkeiten geht, sondern um die Beschreibung des historischen Moments, wie die Stimmung in einer vergleichsweise starren konservativen Gesellschaft in eine positive Aufnahmebereitschaft gegenüber Fliehenden kippte. Nie hätte ich mir in diesem jahrzehnte-, wenn nicht jahrhundertelang tendenziell fremdenfeindlichen Land träumen lassen, dass Flüchtlinge am Münchner oder Dortmunder Hauptbahnhof mit Beifall empfangen werden! Dass eine unglaubliche Welle spontaner Hilfsbereitschaft fast die ganze Bevölkerung erfasst, dass sich gespendete Kleider, Schokolade und Spielsachen stapeln, dass Ärzte gratis Kranke verpflegen, pensionierte Lehrerinnen Deutschunterricht anbieten, Prominente und Unbekannte, Junge und Alte, politische und unpolitische Menschen Fremde bei sich aufnehmen oder ihnen musikalische Ständchen in der Notunterkunft bringen. Die in Deutschland ausgetragene Fussball-Weltmeisterschaft 2006 ging als «Sommermärchen» in die Geschichte ein, nun haben wir das «Sommermärchen II» erlebt. All das darf man nicht mit Harmonie oder Euphorie verwechseln – ganz im Gegenteil. Die Hilfsbereitschaft war und ist auch eine Reaktion auf das Totalversagen der Behörden und auf menschenverachtende Anschläge von Rechtsradikalen, und entsprechend wütend sind viele Engagierte. In Berlin ist das für die Registrierung und Verteilung der Betroffenen zuständige Amt bis heute nicht in der Lage, menschenwürdige Prozeduren zu organisieren, sodass Traumatisierte, Kranke, alte Leute im Rollstuhl, ganze Familien in Parks

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nächtigen müssen. Nicht der zuständige Staat, sondern eine vielhundertfüssige ehrenamtliche Initiative versorgt sie mit dem Nötigsten; sie schafft an einem Tag, was die Behörde in vier Wochen nicht hinbekommt. Auch ein erzkonservatives Provinznest wie das schwäbische 24'000-Seelen-Städtchen Wertheim summte im September «wie ein Bienenstock», als dort 600 Flüchtlinge eintrafen, wie eine Beteiligte erzählt. Weil wie an so vielen Orten die staatliche Unterstützung ausblieb, packten neben Feuerwehr, Deutschem Rotem Kreuz, Technischem Hilfswerk vor allem unzählige Freiwillige mit an, unter anderem um eine Sporthalle einzugsfertig zu machen. Kurz vor

Wer ausländische Nachbarn hat oder Flüchtlings­ kinder in seiner Schulklasse, verliert die Angst vor der Kultur anderer. ihrem Bezug verübten Unbekannte einen Brandanschlag, sie brannte aus. Rund 1'500 wütende Wertheimer protestierten tags darauf gemeinsam gegen die mutmasslich rechtsradikalen Täter und versicherten den Flüchtlingen ihr Willkommen. Ereignisse, wie sie Wertheim und viele andere deutsche Orte noch nie erlebt hatten. Obwohl über 60 solcher Brandanschläge im ganzen Bundesgebiet zu beklagen sind, befindet sich die Fremdenfeindlichkeit heute paradoxerweise auf historischem Tiefstand. In Umfragen wird regelmässig getestet, wer Statements wie dem folgenden zustimmt: «Hier leben schon so viele Ausländer, wir können keine weiteren mehr aufnehmen.» Anfang der 2000er Jahre waren fast 40 Prozent dieser Meinung – in einer Zeit stark sinkender Asylantragszahlen. Jetzt, wo diese auf Rekordhöhen schnellen, stimmen dem nur noch 18 Prozent zu. Nach einer

• Wenn ich etwas an Christus verstehe, so ist es das: Und er entwich vor ihnen in die Wüste. Christian Morgenstern

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weiteren Umfrage sind 80 Prozent für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen. Das sei in der deutschen Geschichte «einmalig», bestätigt der Politikwissenschaftler und Rechtsextremismusexperte Hajo Funke. Allerdings kippt die Stimmung jetzt wieder, oder vielmehr: Sie wird von Spin-Doctors und in Redaktionsstuben gekippt, die Moral für überflüssiges Gutmenschentum halten. In den Zahlen zeigt sich auch, dass persönliche Erfahrungen das Bild von Fremden wesentlich bestimmen.

Boulevardmedien hetzten früher gegen «Asylmissbraucher» und «faule Griechen», nun schwimmen sie im Wärmestrom der Menschlichkeit mit. Wer ausländische Nachbarn hat oder Flüchtlingskinder in seiner Schulklasse, verliert die Angst vor den Kulturen anderer und entdeckt, dass überall Mensch drin ist, wo Mensch aussen erkennbar ist, egal wie er oder sie aussieht. Umgekehrt sind die Ressentiments genau in jenen Gegenden Ostdeutschlands bis heute besonders stark, in denen das DDR-Regime keine persönliche Begegnungen mit Ausländern zuliess. In der Schweiz ist die Ablehnung gegen Minarette am grössten in den Kantonen, in denen die wenigsten Muslime leben.

• Anstifter – Brandstifter – Religionsstifter. Man möchte manchmal stiften gehen. Willy Meurer

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Flüchtlinge repräsentieren ungewollt «das Fremde in uns selbst» – das bestätigen sozialpsychologische Studien immer wieder. Also unsere Schattenseiten, die uns selbst befremdenden Gefühle. An der menschenwürdigen oder -unwürdigen Behandlung von Fremden zeigt sich, wie eine Gesellschaft mit ihren inneren Ängsten umgeht. Labile Menschen brauchen als Container für ihre Wut und Statusangst andere, die sozialen Abstieg verkörpern, die sie ausgrenzen, hassen und verachten können. Prominente Beispiele dafür sind der turkophobe deutsche Politiker Thilo Sarrazin, dessen Nachname auf türkische Vorfahren verweist, oder der künstlich erblondete niederländische Rechtspopulist Geert Wilders mit seinen indonesischen Gesichtszügen. Und: «Flucht», das ist ein Angstschweiss-Thema, wohl so alt wie die Menschheit. Es rührt an Existenzängste, dass auch wir irgendwann vor irgendwas fliehen müssen, dass unsere wohlige heizkörperwarme Zivilisation so stabil nicht ist. Flüchten oder Standhalten ist für uns alle ein Thema. Auch deshalb haben wir «Flucht» zum Schwerpunkt dieser Ausgabe gewählt, mit all ihren Facetten. Es ist also eine sehr beruhigende Erfahrung, dass in unruhigen Zeiten die Menschlichkeit siegen kann und nicht die Abwehr. Reporter, die sich unter die Zehntausende von Freiwilligen mischten, machten mehrere Leit-

motive für deren Handeln aus: Die Wut, dass die amtlich Zuständigen versagen. Der Wunsch, sich Rechtsradikalen in den Weg zu stellen. Der Versuch, aus dem Zustand von Ohnmacht und Hilflosigkeit zu entkommen, die einen angesichts der Kriegsbildern im Fernsehen überwältigen. Das Glücksgefühl, Menschen in Not helfen zu können und damit die eigene Selbstwirksamkeit zu spüren. Und schliesslich auch eigene Erfahrungen von Flucht, Vertreibung und Migration, die in vielen Familien der deutschen Nachkriegsgesellschaft präsent sind – sei es, dass die eigenen Grosseltern vertrieben wurden oder die Eltern selbst Flüchtlinge waren. Eine jahrzehntelange Aufarbeitungskultur der deutschen Verbrechen im Dritten Reich trägt hier womöglich auch Früchte. Und Boulevardmedien wie «Bild» spielten eine ausnahmsweise positive Rolle. Früher hetzten sie gegen «Asylmissbraucher» und «faule Griechen», nun plötzlich schwimmen sie eifrig im Wärmestrom der Menschlichkeit mit – wie lange noch, ist allerdings unklar. All das wirkt, als ob nach Jahrzehnten neoliberaler Hirnwäsche ein Selbstheilungsprozess einsetzt und eine Gesellschaft wieder Freude an kooperativer Gemeinschaft statt an konkurrenzhafter Aggression entwickelt hätte. Zusammengenommen ergab all dies eine neue historische Situation: Die Zivilgesellschaft hat die Bundesregierung zum Handeln gebracht. Die deutsche Kanzlerin hiess die Kriegsflüchtlinge willkommen – eine Regierungschefin, die für ihre Vorsicht ebenso bekannt ist wie für ihren politischen Instinkt. Dieser «Instinkt» beruht vor allem auf Meinungsumfragen. Merkel richtet sich stets subtil nach Volkes Wille aus, indem das Kanzleramt tagtäglich Umfragen herausgibt und genau auswertet, was opportun erscheint. Viele Granden in Merkels Partei fanden das allerdings gar nicht witzig, der Bruch in der Regierung ist unübersehbar. Der Innenminister glänzte mit dem verfassungswidrigen Vorschlag, das Grundrecht auf Asyl durch eine Quote zu ersetzen. Und die bayrische CSU ist eh gegen alles und jeden. Demonstrativ lud sie jüngst den ungarischen Ministerpräsidenten und schlimmsten Stacheldrahtzieher nach dem Mauerfall ein. Wütende Demonstranten drehten die Parole des früheren USPräsidenten gegen die Berliner Mauer in die Gegenwart: »Mr. Orbán, tear down this wall!» Wie das alles ausgeht, ist ungewiss. Die angepeilten Gesetzesänderungen in Deutschland und der EU verheissen nichts Gutes. Aber wie gesagt, nicht die deutsche Erfahrung ist daran interessant, sondern die allgemeine, wie Gesellschaften in der Krise mit der Krise umgehen.

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Denn machen wir uns nichts vor: Die Krise ist Normalzustand geworden und der Normalzustand krisenhaft. Flüchtlingskrise, Finanzkrise, Bankenkrise, Eurokrise, Umweltkrise, Klimakrise, Hungerkrise, Wasserkrise – der Kapitalismus selbst ist zum Krisismus mutiert. Die Krisen überlagern sich in systemischer Weise, keine kann mehr ohne die andere gelöst werden, und die politischen Eliten haben dafür keinerlei Konzepte. Perspektivlos gewordene Menschen fliehen in Massen aus den »failed states» im Nahen und Mittleren Osten, im Maghreb und Schwarzafrika, auch die EU droht auseinanderzufallen, und die Schweiz mittendrin wird keine Oase der Seligen bleiben. Grenzzäune, und seien sie noch so hoch, werden irgendwann überrannt, wenn die Not unerträglich wird – auch das ist eine Lehre dieses Sommers. Und wir in den westlichen Ländern beginnen zu ahnen, dass das alles nur der Anfang ist. Denn die eigentlichen Fluchtursachen bekämpft trotz vollmundiger Erklärungen mancher Politiker niemand – ganz im Gegenteil. Wehe, wenn weitere militärische Versuche von «Regime Change» islamistische Monster erst so richtig gross machen. Wehe, wenn Diktatoren, durch westliche und östliche Rüstungsexporteure mitbewaffnet, ihre Bevölkerung weiter drangsalieren, foltern und umbringen. Wehe, wenn Monsanto, Syngenta & Co. mit Landgrabbing und Gentechnik die Existenzgrundlage von Abermillionen kleinbäuerlicher Familien in Afrika zerstören. Wehe, wenn die EU mit Exportsubventionen lokale afrikanische Märkte ruiniert. Wehe, wenn Freihandelsabkommen wie TTIP Schwellenländer verarmen lassen. Wehe, wenn die Schweiz & Co. der Welt das Kapital entziehen, indem sie superreiche Steuerflüchtlinge aufnehmen. Wehe, wenn die Klimakrise irgendwann südliche Länder unbewohnbar macht. Mit welchem Recht werden wir Millionen von Hunger- und Umweltflüchtlingen von unseren Grenzen fernhalten? Werden wir dann immer noch moralisch standhalten? Oder werden wir unsere menschenrechtlichen Standards für «überlebt» erklären und vor ihnen flüchten? Auch der bekannte US-Systemtheoretiker Otto Scharmer vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) sieht in seinem Artikel «As Systems Collaps, Citizens Rise» die Flüchtlingskrise als «Mikrokosmos» dessen, was uns in den nächsten 10 bis 20 Jahren erwartet. Er macht darauf aufmerksam, dass es prinzipiell drei Wege für Regierungen und Gesellschaften gibt, darauf zu reagieren: Erstens Regression und Idealisierung früherer Zustände, Gesetzesverschärfungen und strukturelle oder direkte Gewalt gegen Fremde, Minderheiten und Sündenböcke. Zweitens «Durchwurschtelei» und «mehr vom selben. Mehr Tref-

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fen. Mehr Worte. Mehr Deklarationen. Mehr Heuchelei.» Drittens «empathisch-menschliche Antworten» – wozu er auch die jetzigen der Zivilgesellschaft zählt. In der Praxis sehen wir natürlich auch viele Mischformen. Bekanntlich haben wir in Deutschland schon einmal den regressiven-repressiven Weg erlebt. Nach Superinflation und Weltwirtschaftskrise der 1920er und 1930er Jahre ergriff die Mehrheit der Deutschen massive Sta-

Emotionale Ansteckung funktioniert auch positiv. Zivilgesellschaften sind nicht hilflos, sie können Regierungen in die richtige Richtung treiben. tuspanik. Regressive Wünsche machten sich breit, man wollte «heim ins Reich«, zurück in die Gebärmutter Germania. Hetzmeuten machten die angeblich reichen Juden für das nationale Unglück verantwortlich und steckten die ganze Gesellschaft antisemitisch an. Stück für Stück verschoben sich die moralischen Massstäbe für das, was man ihnen antun durfte. Zuerst war es nur Ausschluss, dann Berufsverbote, Haustierverbote, Eheverbote, Beraubung, Verfolgung, schliesslich Vergasung und Völkermord. «Shifting baselines» nennt die Sozialpsychologie diese schleichende Entmenschung. Was für eine Erleichterung, dass sich im Sommer 2015 die Stimmung in eine ganz andere Richtung entwickelt hat – zumindest vorläufig. Emotionale Ansteckung funktioniert also auch positiv. Zivilgesellschaften sind nicht hilflos, sie können Regierungen in die richtige Richtung treiben. Übrigens nicht zuletzt in ihrem eigenen Interesse, denn Helfen bringt Freude und Sinn ins eigene Leben. Und überhaupt ist es die beste und konstruktivste Haltung, Probleme willkommen zu heissen, weil sie Menschen und Gesellschaften helfen, sich weiterzuentwickeln – auch das ist eine Spielart der Willkommenskultur. Das alles gilt natürlich weit über die Bundesrepublik hinaus. Menschen aus ganz Europa mieten derzeit Schiffe oder Autos, um Fliehende aus schlimmen Situationen herauszuholen. Andere nehmen bezahlten oder unbezahlten Urlaub, um auf griechischen Inseln Flüchtlinge zu versorgen. In einer provisorischen Versorgungsstation auf Lesbos, wo jeden Tag Hunderte Überlebende stranden, schmieren schwedische Rentnerinnen Stullen, Holländerinnen oder französische Ärzte leisten Erste Hilfe. «Das ist sehr erfüllend», sagt eine Schwedin. Und eine Bankangestellte, die sich unbezahlten Urlaub genommen hat, ergänzt: «Helfen macht süchtig.» Helfen ist standhalten.

• Es gibt eine Flucht in die Welt, wie es eine Flucht aus der Welt gibt, jene ist sogar die weitaus häufigere. Jakob Boßhart

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Konflikte, Hunger, Armut

Wir sollten endlich über die Ursachen reden, die Menschen in die Flucht treiben, und was wir dem entgegensetzen können. Vor allem Hilfe zur Selbsthilfe, findet David Fritz

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lucht und Migration kann viele Ursachen haben - vor allem aber extreme Armut, Konflikte, Diskriminierung, Verlust der Lebensgrundlagen durch Klimawandel oder anderen nicht kontrollierbaren Veränderungen. Den Menschen dieser Welt ihre Heimat zu erhalten, das fordern auch viele der 17 Nachhaltigkeitsziele, die die UNO-Generalversammlung im September verabschiedet hat. Anders als die Millenniumsziele beschränken sie sich nicht auf südliche Länder, sondern geben den Regierungen aller Länder eine Roadmap vor, wie wir künftigen Generationen unseren Planeten als Lebensgrundlage erhalten. Inwieweit diese Ziele nun auch umgesetzt werden, ist natürlich noch offen. Aber wenn wir Hunger und Armut massiv reduzieren können, dann reduziert sich auch das Konfliktpotential. Die meisten Konflikte sind das Resultat von Machtkämpfen, die mehr mit Gier als mit Armut zu tun haben. Aber mit steigendem Wohlstand aller Bevölkerungsgruppen würden solche Konflikte eher friedlicher ausgetragen. Wissensvermittlung als Schlüssel für eine nachhaltige Entwicklung Die Stiftung Biovision, die einzige Schweizer NGO mit generellem Konsultativstatus beim

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Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) der UNO, hat vor allem an der Formulierung von Ziel 2 mitgearbeitet: «Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern». Dieses Ziel verfolgt Biovision schon seit ihrer Gründung 1998. Ein globaler Kurswechsel in der Landwirtschaft, der kleinbäuerliche Strukturen auf agro-ökologischer Basis und mehr lokale Nahrungssysteme unterstützt, ist laut Weltagrarbericht von 2008 der einzige Weg, um bis 2050 neun Milliarden Menschen mit Essen zu versorgen. An diesem Bericht arbeiteten vier Jahre lang über 400 Wissenschaftler und Forscherinnen aus aller Welt. Hans R. Herren, Präsident von Biovision und Co-Vorsitzender des Weltagrarberichts, kommentiert: «In einem nachhaltigen System werden alle in der Nahrungskette vorhandenen Elemente wie Umwelt, Mensch, Rohstoffe, Verarbeitung, Infrastruktur und Institutionen berücksichtigt, wodurch der Welthunger gelindert und Ernährungssicherheit gewährleistet werden kann». Die Agroindustrie mit ihrem enormen Aufwand an fossiler Energie, Kunstdünger, Chemikalien, importierten Futtermitteln und Medikamenten kann dagegen kein Rezept für eine langfristig tragfähige Welternährung sein.

Zum einen können sich die weltweit über 500 Millionen kleinbäuerlichen Betriebe, die 70 Prozent sämtlicher Nahrungsmittel produzieren, solch teure Inputs meist gar nicht leisten. Zum anderen zerstört dieses «Doping» auf Dauer unsere Böden und damit natürliche Lebensgrundlagen. Die Kehrseite der industrialisierten Landwirtschaft sind degradierte Böden, verseuchte und übernutzte Gewässer und ein dramatischer Rückgang der Artenvielfalt. Zudem trägt sie erheblich zum Klimawandel bei. Hinzu kommt das «Land Grabbing» durch Grosskonzerne, das kleinbäuerlichen Familien ihre Lebensgrundlage entzieht. Nach ein paar Jahren intensiver Kultivierung sind die Böden degradiert, der Konzern zieht weiter und hinterlässt der lokalen Bevölkerung eine Wüste. Auch sonst schrumpfen die Grundlagen der Landwirtschaft. Heute stehen der Menschheit fünf Milliarden Hektaren Agrarland zur Verfügung: etwa 1,5 Milliarden Hektaren Ackerland und Dauerkulturen sowie rund 3,5 Milliarden Hektaren Gras- und Weideland. Davon sind 1,9 Milliarden Hektaren bereits mehr oder weniger stark degradiert. Laut dem unabhängigen Worldwatch Institute gehen jedes Jahr zehn Millionen Hektaren durch Erosion verloren. Zudem verschlingen die wachsenden Siedlungen auch in südlichen Ländern

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Eine Zukunft für alle, natürlich Biovision fördert seit 1998 die Entwicklung, Verbreitung und Anwendung von nachhaltigen ökologischen landwirtschaftlichen Methoden, mit denen Menschen in Entwicklungsregionen sich selber helfen können. Dabei spielt der ganzheitliche Ansatz eine zentrale Rolle: Gesunde Menschen, Tiere, Pflanzen und eine intakte Umwelt sind Ziel in allen Projekten. Biovision ist gemeinnützig und von der ZEWO anerkannt. 2013 wurde die Stiftung Biovision, zusammen mit ihrem Gründer Hans Rudolf Herren, einem führenden Experten für nachhaltige Landwirtschaft, mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. www.biovision.ch Biovision Spendenkonto: 87-193093-4

immer mehr Böden. Jedem Menschen steht heute global nur noch halb so viel Agrarland zur Verfügung wie 1960. Trotzdem produzieren wir heute weltweit rund 4'600 Kalorien pro Kopf und Tag – mehr als das Doppelte, was die Menschheit zum Essen benötigt. Doch durch massive Verluste von der Produktion bis zum Konsumenten, die Herstellung von Biotreibstoffen und die Fleischproduktion hungern noch immer 800 Millionen Menschen. Andere ernähren sich qualitativ schlecht, Konsequenz: Weltweit sind 1,5 Milliarden Menschen übergewichtig und 300 Millionen haben Diabetes Typ2. Der agrar-ökologische Ansatz ist allerdings sehr wissensintensiv. Dieses Wissen an die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zu vermitteln ist eine grosse Herausforderung – und das wichtigste Projekt von Biovision in Ostafrika mit ihrem Farmer Communication Programme (FCP). Die Wissensverbreitung darf natürlich nicht auf Ostafrika beschränkt bleiben und sollte Bäuerinnen und Bauern weltweit erreichen. Zudem muss noch sehr viel geforscht werden, auch unter Berücksichtigung lokaler Gegebenheiten. Diese Aufgabe sollten Staaten übernehmen, weil Grosskonzerne an agrarökologischen Methoden nicht interessiert sind, da damit für sie kein Geld zu verdienen ist. Armutsbekämpfung, nachhaltige Lebens-

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perspektiven und vermehrte Investitionen in Bildung tragen auch zu einer Reduktion des Bevölkerungswachstums bei. Das zeigt auch der UNO-Weltbevölkerungsbericht: In den letzten Jahrzehnten hat die Kinderzahl pro Familie weltweit im Schnitt um mehr als die Hälfte abgenommen, bei gleichzeitigem Rückgang der Säuglingssterblichkeit und Anstieg der Lebenserwartung. Frauenrechte und Bildung für Frauen scheinen die besten Verhütungsmittel zu sein – gebildete Frauen bekommen weniger Kinder und kümmern sich besser um sie. Die Nachhaltigkeit punktet Für den Erdgipfel Rio+20 im Juni 2012 publizierte das UNO-Umweltprogramm UNEP den Green Economy Report. Die Autoren empfehlen, jährlich zwei Prozent des weltweiten Sozialprodukts in den Übergang in eine klimafreundliche, ressourceneffiziente Weltwirtschaft zu investieren. Jährlich sollten 198 Milliarden US-Dollar – oder gerade mal 0,16 Prozent des weltweiten Sozialprodukts – in die Landwirtschaft fliessen. Die Gelder sollten für die Regeneration degradierter Böden und den Kampf gegen Erosion eingesetzt werden. Zudem sollten Regierungen und internationale Organisationen in effiziente Bewässerungssysteme investieren, in diversifizierte Betriebe mit Pflanzenbau und

Viehhaltung, in biologische Schädlingskon­ trolle, erleichterte Marktzugänge und eine Verminderung der Lebensmittelverluste. Im UNEP-Bericht werden zwei Entwicklungsmodelle bis zum Jahr 2050 gegenübergestellt. Das eine ist nachhaltige Landwirtschaft, das andere die Fortsetzung der gegenwärtigen Agrarpolitik. Die Überlegenheit des nachhaltigen Szenarios ist eindrücklich: Es ermöglicht eine Steigerung der Nahrungsmittelverfügbarkeit pro Kopf um 14 Prozent, schafft 47 Millionen mehr Jobs in ländlichen Räumen und hilft so wirksam, die Armut zu lindern. Gleichzeitig wird weniger Wasser als heute benötigt, wogegen ohne Kurswechsel 40 Prozent mehr Bewässerung anfallen würde. Dieser Wandel der Landwirtschaft würde bewirken, dass sie bis 2050 nicht mehr zur Klimaerwärmung beiträgt, sondern ein Teil der Lösung wird. Um allen Menschen dieser Welt eine Heimat zu bieten, fehlt es nicht an Lösungsansätzen. Wenn die Regierungen die UN-Nachhaltigsziele ernst nehmen und umsetzen, dann gibt es durchaus Hoffnung für die Zukunft der Menschheit. Mit der Schaffung einer gesunden Lebensgrundlage für alle werden Migrationsströme mit Sicherheit abnehmen. Eine Zukunft für alle – natürlich! Der Autor ist Leiter der Kommunikation und Kampagnen bei Biovision, Stiftung für ökologische Entwicklung.

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Geschichten vom Fliehen und Bleiben Auf den folgenden Seiten haben unsere Reporterinnen Selina Fehr und Leila Dregger Berichte von Menschen zusammengetragen, die aus ihrer Heimat flohen – oder sich trotz aller schrecklichen Umstände entschlossen haben, zu bleiben. Shero Atici* aus Syrien: «Als ich dreizehn Jahre alt war, kam ich auf eine Militärschule; die private Sekundarschule war zu teuer für meine Eltern. Am ersten Tag fragte der Lehrer, wer von uns aus Afrin stamme, wo die meisten Leute kurdisch sind. Zwölf von uns standen auf und wir mussten uns an die Tafel stellen. Der Lehrer ging der Reihe nach durch und gab jedem eine Ohrfeige dafür, dass wir Kurden sind. Bevor er mich schlagen konnte, klatschte ich ihm eine und rannte los, über die Mauer heim zu meinen Eltern. Beleidigt man aber einen Lehrer der Militärschule, beleidigt man habe das ganze Militär; und das ist ein Problem. Der Grosscousin meiner Mutter, der bei der Staatsanwaltschaft arbeitet, konnte mich raushauen. 2004 machte ich zum ersten Mal bei einer Demonstration gegen das Regime mit. Die Polizei schoss vom ersten Tag an scharf. Vor meinen Augen wurde ein 13-jähriger erschossen. Da wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, dass etwas hier nicht stimmte und sich entschloss mich bald, der Kurdisch Demokratischen Einheitspartei in Syrien beizutreten, wie mein Vater. Wir organisierten Demonstrationen oder Festivals für

kurdische Poesie. Kurze Zeit später wurde mein bester Freund entführt. Wir fanden ihn am nächsten Tag auf der Strasse, mit 160 Messerstichen getötet. Zwei weitere Freunde von mir verschwanden in der gleichen Woche. Da wusste ich, dass es Zeit war, unterzutauchen. Mit Hilfe von Schleppern gelangte ich zu Fuss und auf einem Motorrad über geheime Pfade an die Grenze zur Türkei. Danach versteckte ich mich im Laderaum mit doppelter Wand eines Lastwagens. Der Raum war zwei Quadratmeter groß, wir waren dort zu viert. Die Luft war schlecht, liegen konnten wir nicht, als Toilette diente uns eine Flasche. Nach drei Tagen wurde ich an einer Raststätte in der Schweiz rausgelassen. Ich hatte Glück. Mit dem Einfluss und Vermögen meiner Familie konnte ich mich immer wieder freikaufen. Viele haben diese Möglichkeit nicht, das bedauere ich zutiefst. Ich versuche Flüchtlingen aus Syrien zu helfen. Ich habe unzählige Revisionsbriefe geschrieben und kenne die Schweizer Gesetzbücher gut. Ich plane, ein Rechtsberatungsbüro zu eröffnen. Ich weiss, dass das illegal ist. Und ich möchte auch

erwischt werden. Damit ich ein Zeichen setzen kann, wie absurd es ist, dass ein gut gebildeter Mann wie ich seit dreieinhalb Jahren in der Schweiz sitzt und nicht arbeiten kann. Die vielen Konflikte im Nahen Osten sind kein Zufall. Die arabischen Länder waren früher eine Firma mit einem Produkt: Erdöl. Zerstückelt man die Firma in viele Teile und schürt die Konkurrenz untereinander, kann man sie gegeneinander ausspielen. Das ist so passiert bei der Aufteilung des Osmanischen Reiches durch den Westen. Auch gibt es Interesse daran, Diktatoren an der Macht zu halten. Diese halten die Bevölkerung ungebildet, aber beschäftigt. Vom Chaos profitieren immer welche.»

Nisrin aus Syrien: «Ich komme aus der Stadt Homs. Ende 2011 liess die Regierung alle Gebäude dort zerstören. Tag und Nacht fielen Raketen. Wer einen Schritt vor die Türe machte, wurde von Scharfschützen erschossen. Die letzten 20 Tage vor meiner Flucht waren schrecklich. Ich dachte jeden Moment sterben zu müssen. Wir haben kaum geschlafen. Telefonleitungen, Strom und Fernsehen waren abgeschnitten, bald gab es kein fliessendes Wasser mehr. Wir ernährten uns von unseren Vorräten. Eines Nachts brachen Soldaten die Mauer unseres Hauses ein und zerstörten unsere ganze Wohnung. Sie suchten meinen Mann. Er wird wegen seines Nachnamens mit Oppositionsführer Bur-

han Ghalioun in Verbindung gebracht. Über 3000 Leute werden einzig deshalb verfolgt. Ich flüchtete zu Fuss in den Libanon mit meiner Tochter. Dort blieben wir drei Jahre, bis wir vom UN-Flüchtlingswerk ausgewählt wurden, um in die Schweiz zu kommen. Meinem Mann geht es gesundheitlich nicht gut, aber hier fühlen wir uns glücklich und sicher. Ich will Bekanntschaften mit Schweizer Familien schließen und nicht mehr von der Sozialhilfe leben. Die Schweizer könnten von uns etwas über Gastfreundschaft und Familienzusammenhalt lernen. Als mein Mann im Spital lag, war er immer von Freunden und Verwandten umringt. Zu den Schweizern kam selten Besuch.»

*Name auf Wunsch der Betroffenen geändert Protokolle und Fotos von Selina Fehr

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Ein Ökodorf für Flüchtlinge Der syrische Ingenieur Fayez Karimeh baut in Schweden ein nachhaltiges Projekt auf – zum Nutzen aller. Ein Porträt von Leila Dregger

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ayez Karimeh, verheiratet, drei Kinder, stammt aus Homs in Syrien. Schon vor dem Bürgerkrieg war der Ingenieur weit gereist, hatte Gemeinden in der Ukraine und Japan in Abwasser- und Kompostmanagement beraten. In seiner Heimatregion leitete er ein Forschungsprojekt für Aufforstung und dezentrale Energieerzeugung. Im Internet stiess er auf die Bauanleitung einer Biogasanlage aus dem Ökodörfer-Netzwerk GEN, liess sich von dem Technikteam beraten und baute sie bis zur Funktionsreife. «Unabhängigkeit in der Energieproduktion», so erkannte er, «ist ein ebenso zentrales Thema wie das Wasser, gerade in von Wüste bedrohten Gebieten.» «Wir litten unter der Diktatur», berichtet er. Als seine Heimatstadt bombardiert wurde, viele Menschen in Trümmern starben und sein Bruder zu Tode gefoltert wurde, wurde es für ihn unerträglich. Und dann wurde auch noch sein Forschungsprojekt zerbombt. Das Ökodorf Tamera in Portugal gab ihm vorübergehend eine Anstellung, damit er legal ausreisen konnte. In Europa wollte er Asyl beantragen und seine Familie nachholen. Nach einer Ämter-Odysee und vielen Monaten Wartezeit in der Türkei traf er in Portugal ein. «Als Flüchtling, der vor Gewalt und Angst geflohen war, traf ich auf eine Gemeinschaft, die versuchte, in allem gewaltfrei zu leben», erzählt Fayez Karimeh. Für einige Wochen arbeitete er im dortigen Ökologie-Team und erneuerte das Kompostsystem. Er bekam ein bescheidenes Gehalt. Das Ökodörfer-Netzwerk suchte ihm einen Platz in Schweden, seinem gewählten Zielland, in das er später seine Familie holen konnte. Er fand eine Anstellung im Suderbyn-Ökodorf. Im Flugzeug dorthin, berichtet er, «kam ich mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch. Gemeinsam entwickelten wir die Idee, in Schweden ein Ökodorf für Flüchtlinge aufzubauen.» Denn viele erlebten die erzwungene Passivität als «erniedrigend». Ein Ökodorf sei deshalb ideal

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Der Anfang vom Modelldorf: Fayez Karimeh (Mitte) bei einem Kurs für Strohballen-Lehmbau. Foto: Archiv

für Flüchtlinge. Es biete Zuflucht, Arbeits- und Ausbildungsperspektiven sowie eine Vorbereitung auf die Rückkehr in die Heimat. Sein neuer Bekannter aus dem Flugzeug vermittelte ihm Kontakte zu Medien, der Universität und dem Bürgermeister von Uppsala. Robert Hall, Geschäftsführer von GEN Europe, stand ihm in Strategiefragen zur Seite. Er traf Bauern, die Land für Flüchtlinge zur Verfügung stellen wollten, besuchte Lager und fand Fachkräfte, die nichts zu tun hatten, als zu warten. Am 1. April 2015 gründete er mit Menschen aus verschiedenen Ländern die NGO «Syrische Initiative für Handwerk und Ökodörfer» (SICE). Die Idee sei, so erläuterte er auf einem Vortrag in der Uni Uppsala, ein Modell-Ökodorf für Flüchtlinge aufzubauen. «Unser Ziel ist es, uns selbst und anderen Syrern die Kraft zurückzugeben, unser eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen, auf eine kostengünstige und ökologisch nachhaltige Weise.» Denn nach dem Krieg «wollen wir unser Heimatland wieder aufbauen.» Zwei Gemeinden, Heby und Avesta, haben bereits Interesse am Bau des Ökodorfes ange-

meldet. Gemeinsam mit schwedischen und syrischen Teilnehmenden arbeitet der Ingenieur am Konzept und Finanzierungsplan. Sie streben billige, bequeme und energie-intelligente Häuser aus lokalen oder recycelten Materialien an. Im Sommer lernten SICE-Mitglieder in Järbo Lehmbau und im Ökodorf Suderbyn den Bau von Pflanzenkläranlagen. «Im Zentrum unserer Vision steht eine Gemeinschaft, die sich zu Basisdemokratie und Respekt vor dem Recht jedes Einzelnen verpflichtet», erläutert der Ingenieur. »Auch Nicht-Syrer sind willkommen.» Vor allem sind Menschen erwünscht, die in Elektrotechnik, Permakultur, Business, Fundraising und Architektur ihre Erfahrung weitergeben können oder von vorhandenen Erfahrungen lernen wollen.

www.ecovillage.nu Am 9.11.15 um 19 Uhr stellt die Autorin in Zürich im Verein Wandellust, Zollikerstrasse 76, im Rahmen der Veranstaltung «Lokale Lösungen für globale Probleme» ihre beiden Bücher über Ökodörfer vor.

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Darios Girma aus Äthiopien: «Die Regierung hat die Bevölkerung Äthiopiens neu eingeteilt nach Stämmen. Leute werden umgesiedelt; wer früher Nachbar war, lebt heute weit auseinander. Seit dieser neuen Aufteilung gibt es viele Konflikte zwischen den Stämmen. Es ist wie in einem Bürgerkrieg. Leute werden von Brücken gestossen oder in ihren Häusern verbrannt. Es gibt keine Gerichtsverfahren. Die meisten Beamten sind korrupt. Ich habe mich politisch engagiert in der Opposition. Wir organisierten viele Demonstrationen und wollten aufzeigen, dass alle Äthiopier gleichwertig sind. Wir wollten daran erinnern, dass wir alle früher geeint waren. Ich hatte viele Berufe: Chauffeur, Touristenführer, Friseur, Koch. Aber alle meine Geschäfte wurden sabotiert von der Regierung. Bei den Wahlen wurde betrogen. Viele Leute kamen ins Gefängnis. Ich war für 15 Tage dort. Ich wurde ausgepeitscht und die Haut meiner Hand wurde verbrannt. Einen Tag lang war ich bewusstlos. Ich entschied, zu gehen, weil ich sonst wieder ins Gefängnis komme. Ich bin auf der Black List. Die Regierung ist stark, weil sie vom Westen unterstützt wird: mit Armeematerial oder Geld. Die USA unterstützen die äthiopische Regierung, weil diese auch gegen Terroristen in Somalia kämpft. Europa denkt, die Regierung mache gute Sachen wie Schulen oder Spitäler bauen. Das tut sie – aber nur im eigenen Stammesgebiet. Die meisten jungen Leute und Intellektuellen sind in der Opposition und fliehen - nach Südafrika, Sudan, Kenia oder Libyen. Aber eigentlich wollen alle nach Europa.»

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Yordanos Kidane aus Eritrea: «In Eritrea müssen alle Männer und alle Frauen, die noch keine Kinder haben, in den Militärdienst. Zwei meiner Brüder sind im Krieg schon umgekommen. Es bleibt wenig zum Leben übrig. Jede zweite Woche hatten wir keinen Strom mehr. Die Lebensmittel waren extrem teuer. Mein Mann entschied sich, nach Europa zu fliehen, und mich und unsere Tochter später nachzuholen. Er reiste über den Sudan und Libyen und erhielt in der Schweiz Asyl. Dann rief er uns an, dass wir auch kommen dürfen. Wir sind zwei Nächte durchgewandert, zu Fuss nach Äthiopien. Tagsüber versteckten wir uns in Höhlen in den Bergen. Meine sechsjährige Tochter musste ich stellenweise tragen, weil sie so schwach war. Wir hatten grosse Angst vor den Hyänen, die dort herumstreifen. Wir waren drei Frauen und drei Kinder und zahlten je 1200 Dollar für den Weg. Der Junge, der uns durch die Berge führte, war erst 14 Jahre alt. Kurz vor der Grenze liess er uns zurück und erklärte den weiteren Weg nach Äthiopien. Dort erhielt ich ein Visum für die Schweiz. Diese hat uns viel geholfen, dafür bin ich dankbar.»

Osman Ali aus Eritrea: «Ich arbeite bei der Partei «Eritrean National Salvation Front» und bei der Organisation «Eritrean Youth Movement for Change in Switzerland». Wir organisieren Demonstrationen in Genf vor dem UNO-Gebäude. Viele Eritreer flüchten auch vor dem unverhältnismässigen Militärdienst. Offiziell dauert er zwei Jahre für alle Männer und alle kinderlosen Frauen. Meist aber viel länger, auch zehn oder zwanzig Jahre. Seit zwei Jahren müssen auch 40und 50-jährige wieder Militärdienst leisten – alles ohne Lohn. Wenn mal kein Krieg ist, müssen die Leute Strassen bauen von Hand oder in Minen arbeiten, ebenfalls ohne Lohn. Viele Soldatinnen werden von Offizieren vergewaltigt und werden schwanger. Die Fälle kommen nie vor ein Gericht. Auch die nationalen Medien sind dem Präsidenten untergestellt. Niemand kann ohne Bewilligung der Polizei von einem Ort zum andern reisen. Es fehlt an Schulen und Spitälern. Die Universität ist geschlossen. Es gibt kein Parlament, keine Verfassung, keine Parteien, keine Abstimmungen und keine Wahlen, nur den Präsidenten. Das ganze Land ist ein Gefängnis. Früher flüchteten 20-jährige, heute machen sich schon 14-jährige auf den Weg. Das Land vor der Grenze zu Äthiopien ist vermint, um Flüchtlinge aufzuhalten. An der Grenze zum Sudan verschwinden viele junge Eritreer. Sie werden von mafiösen Organisationen entführt und umgebracht. Herz, Nieren oder Netzhaut werden im Organhandel verkauft. Auch viele Kinder in sudanesischen Flüchtlingslagern verschwinden auf diese Art.» Protokolle und Fotos: Selina Fehr

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«Eine Eidechse wird auch in der Fremde kein Krokodil» Trotz Armut und Diktaturen in ihren Heimatländern entschliessen sich Menschen, in Afrika zu bleiben. Einer davon ist der Äthiopier Filimon Tesfasilassie.

Die Welt wusste nicht, was sie mit uns machen sollte. Für ein paar Monate waren wir in den Schlagzeilen, dann wurden wir vergessen. Von allen Feierlichkeiten des Lebens blieben uns nur die Begräbnisse. Davon hatten wir viele, es waren kollektive Gelegenheiten, um unseren inneren Schmerz zu weinen. Tod war eine Erlösung, eine Flucht ins Unbekannte aus dem wohlbekannten Schmerz. Vor dem Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea pflegte unsere Mutter zu sagen, wie reich wir doch seien. Wir hatten alles - sogar einen Vater. Wir verloren alles gleichzeitig: den Frieden, die Heimat, die Bürgerrechte, den Vater. Es machte Zack, und ich steckte 14 schreckliche Jahre lang im Lager fest, als Überbleibsel des Krieges. Flüchtling zu werden, bedeutet, deine Herkunft zu verlassen und in etwas Neues hineinzuspringen. Du kannst auf festem Grund landen oder du kannst abtreiben. Wir trieben ab.

Flüchtlingen. Meine Freunde sind unter ihnen, sie haben Asyl beantragt. Ich kenne sie seit vielen Jahren, wir haben alles miteinander geteilt. Die meisten haben einen Master-Abschluss, sind Architekten oder Marketing-Manger. Warum tun sie das, wenn nicht wirklich ein besseres Leben auf sie wartet? Einen kleinen Moment lang dachte ich: Und warum nicht ich? Für einen Moment ergriff die Macht der Mehrheit, der Schmerz der Einsamkeit und die finanzielle Sorge von mir Besitz, und ich dachte: Vielleicht haben sie ja recht? Fast wäre ich ebenfalls auf diese Massenverdummung und Illusion hereingefallen. Doch ich wachte wieder auf. Mir wurde klar, wo sie hingehen würden: in ein Flüchtlingslager! An den Ort, an den ich nie wieder hinwill. Denn ich war dort gewesen, es ist hässlich, und ich hasse es. Ich denke an die schönen jungen Menschen, die sich von dieser falschen Information so haben betrügen lassen, die ihr wertvolles Leben riskieren auf der Suche nach etwas Besserem. Das Leben ist bei weitem wertvoller als jeder finanzielle Erfolg! Manche von euch mögen sagen, dass es grosse Unterschiede zwischen einem Flüchtlingslager in Europa und in Afrika gibt. Ja, das stimmt, aber die Essenz bleibt gleich: Es ist ein Verlust deines Selbst.

Ich brauchte zehn Jahre, um meine Wunden zu heilen. Der Schmerz ist heute nur noch Erinnerung, kein Schmerz mehr. Meine Mutter trug die grösste Last. Da ich dies erstmals aufschreibe, sitze ich neben ihr.

Die Welt ist ein freier Ort, wenn du einen freien Geist hast. In den letzten drei Jahren habe ich 12 Länder besucht, und das mit dem wenigen Geld, das ich verdiene. Ich habe meinen Geist befreit, die Welt ist ein globales Selbst geworden und ich ihr Bürger. Darum bleibe ich. Bitte ändert mich nicht! Ich bin derjenige, der mich verändert. Ein Sprichwort sagt: «Wer zu Hause eine Eidechse ist, wird in der Ferne kein Krokodil.»

Warum bleibe ich also in Äthiopien? Vor einigen Wochen hatte ich die Chance, Europa zu besuchen. Ich wusste von der Masse von

Übersetzt von Leila Dregger

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Filimon möchte in Addis Abeba ein Kulturzentrum aufbauen, wo sich Menschen treffen und austauschen können, wie im Land Alternativen entstehen. Wer ihn dabei finanziell unterstützen will, kann das Geld überweisen auf das Konto der Grace-Stiftung: Konto-Nr.: 92188.56, Raiffeisenbank Zürich (PC account: 87-71996-7), IBAN: CH6181487000009218856, BIC: RAIFCH22, Stichwort «Filimon» in der Betreffzeile angeben. Das Geld wird ohne Abzug weitergeleitet.

Foto: Moritz Ortmann

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ein halbes Leben habe ich in einem afrikanischen Flüchtlingslager verbracht. Mein Leben hing komplett vom guten Willen anderer ab. Spenden haben mich grossgezogen. Das Rote Kreuz war mein Gott. Als Kind stand ich täglich Schlange für einen Teller Essen, unter einer erbarmungslosen Sonne. Sie malten denen ein Zeichen auf Stirn oder Ohren, die ihren Teller schon hatten. Ich lernte früh, für einen weiteren Teller Essen zu betrügen. Denn fünf Kilo Weizen, ein Liter Öl für eine vierköpfige Familie pro Woche - es reichte nie für mehr als drei Tage.

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Choedon Araya aus Tibet: In Tibet zu leben fühlt sich an wie in einem Gefängnis. Die Polizei ist überall präsent in den Dörfern und Städten. Wer sich gegen die chinesischen Behörden auflehnt, wird verfolgt. Wir dürfen nicht den Geburtstag des Dalai Lama feiern, Telefonanrufe ins Ausland werden kontrolliert, in der Schule lernen die Kinder nur noch Chinesisch. Die tibetischen Gebetsbücher in unseren Klöstern wurden abgeändert und zensiert. Ich habe meiner Freundin 2012 zehn Bilder vom Dalai Lama geschenkt – ein Mönch hatte sie mir gegeben. Sie hat die Bilder dann bei einer Demonstration verteilt. Das ist verboten im Tibet. Sie kam ins politische Gefängnis. Die meisten dort verschwinden oder werden getötet. Ich entschied mich zu flüchten, aus Angst, sie könnten auch mich verhaften. Ich bin von meinem Heimatdorf zur Grenze von Nepal zu Fuss durch die Berge gegangen. Meine Schwester und ihre Tochter sind einen Tag vor mir geflüchtet. Ein Sherpa hat uns den Weg gezeigt. Der Marsch war sehr schwer und ich hatte grosse Angst. «In Nepal versteckten wir uns fast fünf Monate in einer Wohnung von Schleppern.»

Dann ging die Reise weiter: Mit dem Flugzeug direkt in die Schweiz. Meine Schwester und meine Nichte sind jetzt auch hier. In der Schweiz ist das Wetter und die Landschaft ähnlich wie in Tibet. Ich vermisse aber Yakfleisch und Yakmilch, die kriegt man hier nicht. In Zürich mache ich mit beim Flüchtlingstheater Malaika. Bei unseren Aufführungen kann ich die Geschichte von Tibet zeigen. Ich singe ein tibetisches Lied und erzähle auch viel Politisches. Bei der letzten Aufführung waren zufälligerweise auch einige Chinesen im Publikum. Als ich sie sah, wurde ich zuerst wütend. Sie waren jedoch sehr berührt von meiner Geschichte und die Begegnung war für mich schlussendlich sehr positiv. Das Problem ist: Die meisten Chinesen wissen gar nicht, was in Tibet passiert. Die anderen Länder schauen manchmal hin, aber eigentlich scheinen sie uns vergessen zu haben. Alle Länder machen Geschäfte mit China und alle haben Angst vor China. Tibet ist ein reiches Land, es gibt viele Rohstoffe, auch Gold. Deshalb werden wir belagert. Ich wünsche mir, dass Tibet wieder frei wird von China. Wir müssen unsere zer-

störten Klöster wieder aufbauen und in der Schule wieder Tibetisch einführen. Ich würde sehr gerne wieder zurückgehen.

«Wir versteckten uns fast fünf Monate in einer Wohnung von Schleppern.»

Radman Mohammed aus Jemen: Junge Menschen, die sich mit Computern auskennen, stehen in Jemen unter Generalverdacht. Wir könnten der Regierung gefährlich werden. 2009 wurde ich mehrmals verhaftet und vor Gericht gebracht, zusammen mit anderen 17- bis 18-jährigen. Die Hälfte der Anklage haben wir nicht verstanden, die andere war fadenscheinig. Wir hätten uns rassistisch gegen Nordjemen geäussert oder an Demonstrationen teilgenommen – das ist in arabischen Ländern immer illegal. Manchmal behaupten sie auch einfach, wir hätten Alkohol getrunken oder uns mit Mädchen eingelassen. Als Beweismaterial zeigten sie eine Bierflasche. Laut Gesetz hätte ich zehn Jahre Gefängnis bekommen; unsere Gerichtsentscheide wurden sogar vom Präsidenten unterschrieben.

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Ich fühlte mich wie ein Terrorist behandelt. Die Wärter warfen den Reis auf den Boden oder brachten ein Huhn für sechs Leute und sahen zu, wie wir darum kämpften. Manche versuchten auch, unser Vertrauen zu gewinnen, damit wir auspacken würden. Nach 20 Tagen kam ich mit Bestechung raus. Mein Vater hatte organisiert, dass ich von Aden nach Saudiarabien gebracht wurde. Mit einem falschen Ausweis kam ich nach Ägypten. Von dort mit einem Flugzeug in die Schweiz. Ich kann Computer reparieren und Passwörter hacken. Ich bin weiterhin im Internet aktiv gegen das System in Jemen. Sie versuchen uns mit Waffen zu bekämpfen, wir sie mit Links, mit Informationen. Protokolle und Fotos: Selina Fehr

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«Europas Strassen sind nicht aus Gold gemacht» Der 32-jährige Gründer einer NGO in einem Slum von Kitale in Kenia bringt Frauen, Bauern und Jugendlichen Ökoanbau und Gemeinschaftsaufbau bei. Seine Gründe dafür schildert Philip Munyasia

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ch war der Jüngste von acht Brüdern einer armen Familie und wusste nie, wann ich das nächste Mal wieder etwas zu essen bekommen würde. Wie durch ein Wunder erhielt ich die Chance, zur Schule zu gehen und später in der USA für sechs Monate an einem PermakulturInstitut zu studieren. Ich war das erste Mal im Ausland. Ein Junge aus dem Slum in den USA, das war ein Traum! Von den sechs jungen Männern, die mit mir reisten, bin ich der Einzige, der zurückkehrte. Meine Familie und Freunde glaubten, ich sei verrückt, freiwillig in diese Armut zurückzukehren. Aber ich glaubte, dass all diese Zufälle, die mir geschehen waren, einen Sinn hatten. Ich hatte die Chance zum Lernen erhalten, das hiess für mich, dass ich die Verantwortung hatte, dieses Wissen dort weiterzugeben, wo es am meisten gebraucht wird. Und das war der Ort, von dem ich kam. Ich wusste, ich könnte wirklich etwas verändern. Ich könnte jungen Menschen helfen, Ausbildung und Arbeit zu finden, ich könnte Frauen helfen, nicht mehr so ausgeliefert zu sein. Dafür gründete ich die gemeindegetragene Selbsthilfeorganisation OTEPIC, die in einem Slum von Kitale arbeitet. Mittlerweile hatte ich mehrmals Gelegenheit, nach Europa zu reisen, mein Wissen zu erweitern und Spenden zu erhalten, von denen ich mehrere Demonstrationsgärten anlegte. Ich sehe die Resultate meiner Arbeit, die Veränderung in meiner Gemeinde und den Vorteil, das mein Wissen meinen Nachbarn gebracht hat. Wenn ich in Europa bleiben würde, wäre das wieder ein Brain-Drain und würde das Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd weiter verstärken. Menschen werden zu Flüchtlingen entweder aus wirtschaftlichen oder aus politischen Gründen. Als ich kürzlich in Kassel in

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Vor drei Jahren war das noch ein Ascheplatz, Philip Munyasia in seinem Vorzeigegarten. Foto: Leila Dregger

Deutschland war, zeigten meine Gastgeber mir eine Waffenfabrik. Die Waffen, die dort produziert werden, werden in Afrika und dem Nahen Osten eingesetzt. Da liegt der Grund für die Flucht! Wir müssen die Lösung zusammen finden, in der globalen Gemeinschaft. Es gibt in Afrika viele kleine Initiativen, die versuchen, die Lebensverhältnisse zu verbessern und die Armut zu bekämpfen. Aber wir werden es nicht allein schaffen. Die internationale Gemeinschaft muss aktiv werden und das Kriegs- und Waffensystem beenden. Wir müssen von beiden Seiten zusammenarbeiten und Lösungen finden. Viele Menschen in Kenia sind gehirngewaschen. Sie denken, Europas Strassen sind aus Gold gemacht. Ich versuche, das Bewusstsein dafür zu wecken, dass wir unseren Lebensstandard dort verbessern können, wo wir sind. Gleichzeitig sehe ich in Europa das leichte Leben. Die Menschen haben keine grossen

Sorgen. Du drückst auf einen Knopf und hast heisses Wasser. Essen ist einfach da, wenn du den Kühlschrank öffnest. Das ist bei uns anders. Aber es nützt nichts, vor Problemen wegzulaufen. Wir müssen sie dort lösen, wo wir sind. In meiner Weltsicht gibt es eine global vernetzte Kette der Probleme und eine andere der Lösungen. Ich möchte Teil der Lösungskette sein. Ich möchte mein Leben als Brücke leben. Die Brücke ist klein, aber sehr wertvoll, ich möchte sie nicht zerbrechen, indem ich weggehe. Ich möchte alle Flüchtlinge ermutigen, in ihre Länder zurückzukehren und ihr Wissen zu teilen. Sie haben ja gesehen, dass auch in Europa nicht alle Menschen glücklich sind. Ich sehe Menschen auf der Strasse liegen, ich sehe viel Einsamkeit. Ich sehe Orte, die wie Paradiese aussehen, aber die Menschen todunglücklich sind. Aufgezeichnet von Leila Dregger

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Heimweh nur im Frühling Wie ergeht es heute den Flüchtlingen von einst? Der 79-jährige Vince Gösi floh vor 59 Jahren in die Schweiz.

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ince Gösi war als 19-Jähriger beim ungarischen Volksaufstand im Oktober 1956 gegen die sowjetischen Besatzer beteiligt. Er musste fliehen und lebt seit 59 Jahren in der Schweiz – als Mechaniker, Taxifahrer, Volksund Betriebswirtschaftler, jetzt als Rentner. Hunderttausende, darunter viele Studenten, zogen damals durch Budapest, so erinnert er sich. Sie forderten Pressefreiheit, Streikrecht, freie Wahlen und Abzug der sowjetischen Besatzungsstreitkräfte. «Mit meinen Freunden war ich von Anfang an dabei, bin einfach so reingerutscht. » Es sei aber sehr schnell ernst geworden, erinnert er sich: Die ungarische Staatssicherheit (AVO) habe beim Radio, wo die Studenten ihre Forderungen einlesen wollten, sogleich mit Gewehrsalven geantwortet. Noch immer in schmerzlicher Erinnerung ist ihm der Freund, welcher direkt neben ihm zusammenbrach: «Er war sogleich tot. Getroffen von einer Kugel, welche die AVO abgefeuert hat!» Wut, Verzweiflung, Angst...

Die Lage spitzte sich zu. Vorerst siegten die Aufständischen, die Sowjets versprachen den Abzug ihrer Streitkräfte. Die provisorische ungarische Regierung trat aus dem Warschauer Pakt aus. Die Delegierten der Regierung wurden von den Sowjets zur Verhandlungen eingeladen, dann aber vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und in einem Schauprozess verurteilt und hingerichtet. Am 4. November 1956 walzten sowjetische Panzer den Aufstand nieder. Als ein Rotkreuzfahrer einen Begleiter suchte, um in Österreich Blutkonserven zu holen, war Gösi dabei. Auf der Reise besuchte er seine Eltern, die ihn dringend baten, nicht nach Budapest zurückzukehren. Als er eines Morgens im Dorf überall russische Panzer vorfand, war ihm klar: «Jetzt musst du weg!» Er floh nach Österreich, landete zusammen mit rund 180'000 Flüchtlingen in einem Auffanglager und wurde in die Schweiz umverteilt.

«Ich wurde in der Hürlimann Traktorenfabrik als Hilfsarbeiter angelernt und wohnte in einem Mansardenzimmer. Später bemühte ich mich um eine Lehrstelle und hatte das Glück, bei der AMAG in Bern Automechaniker lernen zu dürfen.» Die Arbeit habe ihm auf natürliche Weise die Tür zur Schweizer Seele geöffnet. Nach bestandener Taxiprüfung finanzierte er sich später selbst ein Studium. «Die wirkliche Integration hat gedauert, doch die Einheimischen habe ich immer als sehr hilfsbereit erlebt», sagt er. Vince Gösi heiratete eine Schweizerin, wurde Vater. «Heute bin ich leider geschieden. Doch ich habe viele Freunde, fahre Ski, war im Fussball-, im Schachclub und immer noch aktiv im Wildschutzverein.» Seit vielen Jahren rettet er dort Rehkitze, bevor die Bauern ihre Wiesen mähen, putzt Nistkästen von Wildvögeln. Heimweh, ja, das habe er aber manchmal, aber nur im Frühling, sagt er mit unüberhörbar ungarischem Akzent. Eva Rosenfelder

Zahlen, Fakten und Schätzungen • Weltweit sind mehr als 51 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung – so viele wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Weitere Millionen, die dem Hunger, Klimakrisen, Katastrophen und Wirtschaftselend entkommen wollen, nicht mitgerechnet. • Die Mehrheit sind Binnenflüchtlinge, das heisst, sie wurden in eine andere Region ihres Landes vertrieben. 17 Millionen Menschen verließen ihr Heimatland, die meisten wurden von einem Nachbarland aufgenommen. Im Libanon etwa ist jede vierte Person Flüchtling. • 2015 haben bisher rund 700'000 Menschen in der EU Asyl beantragt, bis Jahresende könnten es laut OECD rund eine Million werden. Das Gros sind junge Männer aus Syrien, Irak und Eritrea, die vor dem Militärdienst in ihrem Land fliehen. Viele, vor

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allem die Syrer, stammen aus der Mittelschicht und haben einen vergleichsweise hohen Bildungsgrad. • Die meisten, an die 800'000 in diesem Jahr, wollen nach Deutschland oder sind schon dort. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat das Land rund 14 Millionen Vertriebene aus den verlorenen Ostgebieten integriert und während der Kriege in Ex-Jugoslawien 300'000 Kriegsflüchtlinge aufgenommen. • In Jordanien entstehen für einen Flüchtling Kosten von etwa 3000 Euro im Jahr, in Deutschland über 12’000 Euro. (Peter Singer). Ein Platz auf einem Schlepperboot kostet rund 2000 Dollar aufwärts (David Frum), für viele Flüchtlinge das Mehrfache eines Jahreseinkommens. • Die Zahl der Flüchtlinge ist ungleich evrteilt: In Deutschland kommen 6 Flüchtlin-

ge, in der Türkei 21 und im Libanon 232 Flüchtlinge auf 1000 Einwohner. • Nach dem Volksaufstand in Ungarn 1956 flüchteten rund 200'000 Menschen, davon 14'000 in die Schweiz. Und nach der Niederschlagung des «Prager Frühlings» von 1968 fanden etwa 160'000 in Österreich, Deutschland und der Schweiz Zuflucht. • Experten erwarten eine Abnahme der Migrationsbewegung im Winter. • 2014 wurden in der Schweiz ingesamt 23'765 Asylgesuche gestellt – rund 11 Prozent mehr als 2013, jedoch 50 Prozent weniger als 1999. In den EU-Ländern ist der Anstieg deutlich stärker als in der Schweiz. 6'923 Personen hierzulande waren aus Eritrea, 3'819 aus Syrien, 1'277 aus Sri Lanka. Die Anerkennungsquote der Syrer liegt bei etwa 30 Prozent.

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Vertrieben Ein persönlicher Rückblick eines deutschen Flüchtlingskindes auf die Verhältnisse damals und heute. Ein Porträt

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ls während des Zweiten Weltkrieges Geborener wurde ich mit knapp zweieinhalb Jahren Teil jener Masse von Menschen, die im Januar 1945 aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Westen flüchtete. Wenn eine Mutter mit zwei Kleinkindern – der Bruder fast vier – bei 30 Grad minus zu Fuß von Elbing (Elblag) nach Danzig (Gdansk) unterwegs ist, um ein Rettungsschiff zu finden, so sind die Bedingungen ähnlich brutal wie das, was zur Zeit unzählige Flüchtlinge erleben. Dank eines glücklichen Umstandes haben wir die «Wilhelm Gustloff» überlebt - der als Flüchtlingsschiff eingesetzte Kreuzfahrtdampfer wurde am 30. Januar 1945 durch feindliche Torpedos versenkt, mit 9000 Menschen an Bord. Weil das Schiff überladen war, wurde ein großer Teil der Flüchtlinge, darunter auch wir, vor seiner Abfahrt zurückgeschickt. Bei Betroffenen löste das große Angst aus, nicht mehr rechtzeitig aus Danzig gerettet zu werden. Wir wurden dann von einem kleineren Schiff in Sicherheit gebracht. Ich war zu klein, um mich zu erinnern – allein in meinen Träumen tauchen manchmal Bilder auf, die vielleicht dazugehören. Unsere Mutter jedoch muss Schlimmes durchgemacht haben. Die Angst um das Leben ihrer Kinder und ihr eigenes ließ sie in der Folgezeit

Wir schlossen uns eher mit anderen Flüchtlingskindern zusammen als mit Einheimischen, tauschten Tipps aus, wo man Gemüse vom Feld oder Eier aus dem Stall «besorgen» konnte, um das ständige Kohl-Essen und die knappen Lebensmittelrationen aufzubessern. Das konnte unsere Mutter gut gebrauchen, musste es aber verurteilen und zumindest der Form halber sanktionieren. Im beginnenden Kalten Krieg wurden 14 Millionen Geflüchtete und Vertriebene erfolgreich integriert, auch aus politisch-wirtschaftlichem Kalkül, und trugen ihrerseits erheblich zum sogenannten Wirtschaftswunder bei. Auch wenn mir selbst Traumata erspart geblieben sind – andere hatten weniger Glück –, kann ich sagen: Als missliebiger Flüchtling behandelt zu werden ist grausam und kann über Generationen hinweg traumatisieren. Das wissen wir heute und sollten dazu beitragen, die verheerenden Folgen zu verhindern. Gewiss kann diese in betroffenen Familien weiter gegebene Erfahrung mit als Grund für die erstaunlich positive Resonanz der deutschen Bevölkerung auf die heutigen Flüchtlinge gesehen werden. «Gerade weil wir am eigenen Leib erlebt haben, wie es ist, seine

Als missliebiger Flüchtling behandelt zu werden ist grausam und kann über Generationen hinweg traumatisieren. verstummen. Auch später hat sie nie mehr davon gesprochen. In den 1950er Jahren suchte sie im reaktionären «Bund des Vertriebenen» Trost und Zuflucht. Immerhin waren wir keine «Fremden», sondern deutsche Vertriebene. Doch dieses «Privileg» war nicht viel wert, als wir im März 1945 in Holstein bei einer Bauernfamilie gegen deren Willen einquartiert wurden. Viele vermittelten uns, dass wir störten. Und die zur Aufnahme Verpflichteten hatten selbst oft wenig zu Leben.

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von Hans-Jürgen Kraft

Heimat verlassen zu müssen, stehen wir den Flüchtlingen von heute mit offenen Armen zur Seite», meinte kürzlich der jetzige Präsident des «Bundes der Vertriebenen», Bernd Fabritius. Wie offen und gastfreundlich ein Land sein kann, zeigt sich auch und vor allem darin, wie es mit Fremden umgeht. Mit Flüchtlingen aus Ungarn nach 1956 und aus der CSSR 1968 sammelten die Deutschen weitere Erfahrungen. Und besonders nach 1989 hatten sie Gelegenheit zu üben, so etwas wie Integrati-

Der Autor als Flüchlingskind.

Foto: Privat

onsbereitschaft zu realisieren. Ja, wir übten, denn eine Erfolgsgeschichte der Integration war nur die Zeit unmittelbar nach dem Mauerfall. Als die aus der DDR Kommenden sich den «Segnungen des Westens» eine Weile hingegeben hatten, griffen dort Ressentiments gegenüber den «Ossis» um sich und förderten ein diffus-angstvolles Gefühl. Eine Haltung, die sich in den Folgejahren verstärkt gegen Gruppen von türkischstämmigen Deutschen richtete. Es kann als kleines Wunder gelten, wie positiv sich die Stimmung in Deutschland geändert hat. Dass die Zivilgesellschaft den Flüchtlingen mit Offenheit begegnet und dabei die Politik zum Umsteuern veranlassen konnte – diese Entwicklung ist auch ein Ergebnis der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte.

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Das Wunder von Riace Ein Dorf im italienischen Süden heisst Flüchtlinge willkommen – und schafft damit Arbeitsplätze und Perspektiven. Das Erfolgsgeheimnis: Einheimische und Freunde arbeiten stets im Tandem zusammen. Text und Fotos von Michael Braun

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igentlich müsste dieser Ort gottverlassen sein. Bergdörfer wie Riace gibt es Dutzende im Süden Kalabriens, Dörfer, deren alte Ortskerne langsam verfallen, in denen immer mehr Häuser leer stehen, während der Putz von den Wänden bröselt, in denen die Schulen, die Apotheke, der Metzger und der Tante-Emma-Laden schon lange zugemacht haben, in denen nur noch ein paar alte Männer an den Café-Tischen auf der Piazza hocken. Auch in Riace fallen zuerst die alten Männer ins Auge,

Die Müllabfuhr-Genossenschaft besteht aus zwei Männern aus Riace, zwei Migranten und 14 Eseln samt Karren: «kein Benzin, kein Gestank und Krach, keine Mechaniker», ökologischer geht es nicht.

• Wir müssen lernen, ­entweder als Brüder miteinander zu leben oder als Narren unterzugehen. Martin Luther King

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auf dem runden Platz, hinter dem sich das Dorfzentrum erstreckt, mit ihren sonnengegerbten, zerfurchten Gesichtern. Einfache Joppen haben sie an, Schiebermützen auf dem Kopf, die Gebrechlicheren stützen sich, vornübergebeugt, auf ihren Stock, einige spielen Karten, andere schweigen einander an. Gelegentlich schweifen ihre Blicke über die mitten im Spätsommer erstaunlich grüne Landschaft, über die Feigenkakteen auf den Hügeln, die nur sieben Kilometer vom Meer entfernt sind. Doch die älteren Herrschaften bleiben nicht lange unter sich. Um kurz nach vier erwacht an diesem Nachmittag wieder das Dorfleben – und plötzlich sind ganz andere

Gesichter zu sehen. Zwei Jungs aus Schwarzafrika, wohl 20 Jahre alt, Einkaufstüten in den Händen, schlendern über den Platz, wenige Minuten später kommt ein Paar vorbei, er im Anzug, sie im knöchellangen Kleid, die Haare hat sie mit einem Kopftuch verhüllt, den Gesichtszügen nach stammen sie vom Horn von Afrika, und kurz darauf tollen ein paar Kinder vorbei, auch sie bis auf zwei erkennbar nicht aus Kalabrien, sondern aus Asien und Afrika. Warum das so ist, warum Riace nicht bloss die alten Leute hat, die dann in ein paar Jahren wohl endgültig das Licht im Dorf ausmachen würden – danach muss man gar nicht erst fragen. Gleich am Ortseingang gibt ein grosses Schild Auskunft: «Riace paese dell’accoglienza», etwa: «Riace – aufnahmebereites Dorf». Montiert hat es vor ein paar Jahren der Bürgermeister persönlich. Und die Idee des Bürgermeisters war auch der grosse hölzerne Torbogen an der Piazza, links und rechts dekoriert mit stilisierten Bilden von Frauen, Kindern, Männern aus Afrika. Nur ein paar Meter weiter dann findet sich die überlebensgrosse Statue einer Schwarzafrikanerin in einem grellbunten Gewand. Domenico Lucano heisst der Mann, der Riace nunmehr schon seit 2004 vorsteht. Zum Gespräch verabredet er sich nicht im Rathaus, sondern in dem Palazzo, den sein Verein «Città futura», Stadt der Zukunft, nutzt. Viel Zeit hat Lucano eigentlich nicht, laufend klingelt sein Handy, stecken Mitarbeitende des Vereins den Kopf durch die Tür, um Dringendes zu klären, ausserdem stehen später noch Termine an. Doch Hektik ist dem Mittfünfziger mit den

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Daniel aus Ghana ist stolzes Mitglied der Müllabfuhr-Gemeinschaft.

schütteren Haaren fremd, und er wirkt ausgeruht, während er konzentriert erzählt. Die ganze Geschichte begann im Juli 1998. Lucano, damals noch Chemielehrer, fuhr auf der Küstenstrasse durch Riace Marina, als er ein Boot sah, das auf den Strand zusteuerte. An Bord waren gut 200 Kurden, und für Lucano war klar: Wir müssen ihnen Obdach gewähren. Immer schon sei Kalabrien ein Ort gewesen, der Fremde willkommen geheissen habe, sagt Mimmo, wie alle im Dorf ihn nennen. Er holt weit aus, sein Vortrag bekommt philosophische Züge. Nicht umsonst wurden in den Gewässern vor Riace 1972 die griechischen Bronzestatuen gefunden, die das Dorf berühmt machten, auch wenn sie heute in Reggio Calabria ausgestellt sind. Aber dann ist da noch die andere Seite der Medaille. Seit Jahrzehnten ziehen die Menschen weg, erst emigrierten sie aus diesem Armenhaus Italiens in die USA oder nach Australien, dann Richtung Norditalien, Schweiz oder Deutschland, «und Riace war wie ein Todkranker im Endstadium». Lucano entdeckte die Willkommenskultur, die heute in aller Munde ist, schon 1998 – und besteht seither auf dem Prinzip, dass «Solidarität keine Einbahnstrasse ist». Riace hat Wohnraum, leerstehende Häuser; warum hier nicht Flüchtlinge und Migranten ansiedeln – und so wiederum das Dorf vor Niedergang und Aussterben retten? So philosophisch der Bürgermeister seinen Ansatz vorträgt, so pragmatisch ging er damals sofort ans Werk. Die Ankunft der Kurden gab ihm zusammen mit einigen Freunden den Anstoss, den Verein Città futura zu gründen.

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Der Palazzo, in dem er heute seinen Sitz hat, stand vorher leer. Die Eigentümerfamilie stellte ihn für einen Euro Jahresmiete zur Verfügung, Fördermittel dienten dazu, ihn notdürftig herzurichten. Dann ging es an die Arbeit: Verfallende Gebäude im Dorf wurden von den Leuten des Vereins im Team mit Migranten in Schuss gebracht, um den Menschen aus Kurdistan, aus Afrika oder Palästina als Wohnstätte zu dienen. Ein Modell, das die Bürger des aussterbenden Riace überzeugte: 2004 gewann Lucano die Bürgermeisterwahlen, wurde erst 2009, dann 2014 wiedergewählt. Inzwischen erhält er internationale Preise. Nicht Integration, sondern Interaktion sei der Ansatz in Riace, erklärt Mimmo, und der Erfolg gibt ihm Recht. Ganz praktisch zeigt sich die Interaktion unten auf der Strasse. Wie jeden Tag dreht ein Esel samt Karren seine Runde durch die Gassen – keine Touristenattraktion, sondern die örtliche Müllabfuhr. Daniel, ein Junge aus Ghana, führt die Tiere, sammelt die Müllbeutel ein, zusammen mit einem Kollegen, der immer schon hier gelebt hat. «Vorsicht! Teenager in der Pubertät», verkündet sein gelbes T-Shirt – auf Deutsch, im tiefsten Kalabrien, aber Daniel ist dann doch einige Jahre älter. Konsequente Mülltrennung werde in Riace praktiziert, erzählt er, und die Esel seien klasse, «kein Benzin, kein Gestank und Krach, keine Mechaniker», ökologischer gehe es nicht. Zu viert seien sie in der mit der Müllabfuhr betrauten Genossenschaft – zwei Männer aus Riace, zwei Migranten. Und dann gehören noch die 14 Esel zum Team, zwei sind jeweils im Einsatz, «wir können sie nicht zu sehr strapazieren, deshalb wechseln wir sie regelmässig.»

• Trost gibt der Himmel, von dem Menschen erwartet man Beistand. Ludwig Börne

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Riace hat Wohnraum, leerstehende Häuser, warum hier nicht Flüchtlinge ansiedeln und so das Dorf vor Niedergang und Aussterben retten?

Mit der gleichen Formel ist eine kleine Dorfökonomie entstanden. Die früher verwaisten Geschäftslokale, beherbergen heute Werkstätten für Glasarbeiten, für Stickerei und Weberei, für Töpferei. Und immer sind die Teams gemischt. Tahira zum Beispiel, aus Afghanistan, lebt mit ihren zwei 14- und 12-jährigen Söhnen seit drei Jahren hier, in der Stickerei arbeitet sie Seite an Seite mit Caterina. Natürlich wolle sie nicht weg aus Riace, sagt Tahira, besser habe sie es nicht treffen können, und Caterina setzt nach, «einfach eine schöne Sache» sei das, was sie hier machen, zusammen. Genauso enthusiastisch ist Gloria, in Riace geboren und in der Töpferei tätig. Vier Jahre war sie weg, im norditalienischen Turin, jetzt ist sie froh, dass sie mit ihrem neunjährigen Sohn wieder in ihrem Heimatort leben kann – weil sie hier Arbeit hat, eine Arbeit, die ohne die Flüchtlinge nie denkbar gewesen wäre. «Riace war doch wie eine Kerze, die langsam erlosch», meint Gloria, «und plötzlich ist die Kerze wieder aufgeflammt.» Auch den Alteingesessenen habe die Entwicklung gut getan, «heute herrscht unter uns mehr Harmonie, ein ganz anderes Klima als vorher.» In der Glaswerkstatt fertigt Arogo Bonsaibäumchen aus Kupfer und Glas, seit 2013 ist die Eritreerin in Riace, «wir sind jetzt Freunde»,

Glasarbeiten aus Riace

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sagt sie über ihr Verhältnis zu den Leuten aus dem Dorf. Ihre Kollegin Irene sieht das genauso, und sie unterstreicht die Vorteile auch für die Einheimischen, für Menschen wie sie: «Früher wäre ich weggegangen, gezwungenermassen – jetzt habe auch ich hier Arbeit.» Die «Interaktion» zwischen Einheimischen und Immigrierten hat Spuren im Dorf hinterlassen. 35 Euro pro Person und Tag zahlt der italienische Staat für die Unterbringung von Flüchtlingen. Andernorts füllen sich Geschäftemacher damit die Taschen, während sie die Menschen in miserablen Unterkünften einquartieren. Hier dagegen wurden Projekte angeschoben. Die Müllabfuhr, die Läden, aber auch die über die Jahre verfallenen Terrassen aus dem Dorf hinaus, hinunter zum alten Brunnen, die antike Olivenmühle oder der alte Stand unter dem Torbogen, an dem früher der Fisch verkauft wurde – alles wurde in den letzten Jahren wieder hergerichtet. Dutzende Menschen fanden so Arbeit, aus Riace genauso wie aus Afghanistan oder Eritrea. Den Rest besorgten Freiwillige, die wie der Bürgermeister der Meinung sind, dass die Willkommenskultur nicht bloss praktiziert, sondern auch propagiert werden muss: So ziert, nur ein paar Meter von der Glaswerkstatt, ein Murales eine Hauswand. Weisse Wölkchen sind an einem azurblauen Himmel zu sehen, mit Hinweisschildern, «Irak», «Somalia», «Sudan» oder «Ghana», darunter die Frage: «Wohin tragen dich die Wolken?» Riace hat seine Türen geöffnet – für die Menschen, die hier mittlerweile Wurzeln geschlagen haben, aber auch für Hunderte andere Flüchtlinge, die zeitweise untergebracht werden. 1'600 Einwohner zählt die Gemeinde, davon 300 oben auf dem Berg, der Rest unten im Ortsteil am Meer. Doch sie bietet bis zu 400 Flüchtlingen eine Heimstatt: ein Ausländeranteil, der den Roms oder Mailands bei weitem übersteigt. Das Gros allerdings will dann doch nicht bleiben. «Schlafen und essen, essen und schlafen», das sei sein Alltag, erzählt der vor drei Monaten angekommene 23-jährige Martin aus Kamerun, der das Trikot des FC Barcelona mit weiss-grau karierten Bermudas kombiniert hat. Am Bürgermeister liege das allerdings nicht, setzt er sofort nach, das sei «ein feiner Kerl, der kommt morgens an der Bushaltestelle vorbei, der spricht mit uns allen und fragt, was anliegt.» Und auch die Leute in Riace seien einfach in Ordnung, «mal abgesehen von ein paar Rassisten, die man wohl überall findet.»

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Tandems: In der Stickerei arbeiten Tahira aus Afghanistan und Catarina aus Riace eng zusammen.

Aber hier, im tiefsten Kalabrien, gebe es halt nicht Arbeit für alle. Deshalb will Martin nach Deutschland, wo schon seine zwei Schwestern leben. «Wir haben hier 50 Prozent Frauenarbeitslosigkeit, die Jugendarbeitslosigkeit liegt gar bei 75 Prozent», bilanziert Maurizio Baggetta, Hotelier unten in Riace Marina, direkt am Strand. Ein bisschen ärgert er sich, dass die alten Ferienwohnungen im Ort mittlerweile für die Flüchtlinge angemietet sind, «dem Tourismus tut das nicht gut.» Gleich aber setzt er nach, dass dennoch wohl 70 neue Arbeitsplätze im Dorf entstanden sind, dass gerade viele jüngere Menschen nun bleiben, dass die Flüchtlinge selbst mit ihren bescheidenen Ausgaben auch Umsatz in den örtlichen Läden und Supermärkten schaffen.

Viel einfacher jedoch liegen die Dinge für das alte Mütterchen oben im alten Ortskern. «Keine Probleme» hat sie mit den Flüchtlingen, im Gegenteil, grazie a Dio, Gott sei es gedankt. «Die Palästinenser» – so nennt sie die Zugewanderten alle miteinander – «die sind höflich und liebenswert, und sie helfen immer. Die sind nicht so wie die Leute aus Riace, die so tun, als wenn sie gar nicht mitbekommen hätten, dass du Hilfe brauchst.» Am 4.November um 18:30 Uhr wird Domenico Lucano im Rathaus von Bern ein Preis der Stiftung Freiheit und Menschenrechte verliehen – als «europäischer Pionier im Umgang mit Schutzsuchenden»; die Veranstaltung ist öffentlich. Lucano erhielt bereits mehrere Auszeichnungen, unter anderem als «drittbester Bürgermeister der Welt». Anmeldung: info@freiheits-und-menschenrechte.ch.

Das internationale Dorf: Wandmalereien in Riace

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• Wer eine Not erblickt und wartet, bis er um Hilfe gebeten wird, ist ebenso schlecht, als ob er sie verweigert hätte. Dante Alighieri

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Die Hälfte des Geldes ist schon geflüchtet Zwischen 21 und 32 Billionen Dollar in privaten Finanzvermögen befanden sich nach Berechnungen des Tax Justice Network von 2010 in Finanzoasen. Das sind gut ein Drittel bis etwas mehr als die Hälfte der globalen Geldmenge, die im selben Jahr bei 55 Billionen lag – ein unvorstellbarer Skandal. Daneben ervon Christoph Pfluger scheint Hoeness mit einer Deliktsumme von 30 Mio. Euro geradezu als Kavalier.

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n der Tat geht der überwiegende Teil der Steuerhinterziehung auf das Konto von multinationalen Konzernen, die auch über die rechtlichen Mittel verfügen, ihre Geschäfte über die kleinen Inselfinanzzentren wie Jersey oder die Cayman-Islands abzuwickeln. «Mehr als die Hälfte des Welthandels fliesst (zumindest auf dem Papier) durch Steueroasen», wenn man einer Aussage des damaligen IWF-Direktors Dominique Strauss-Kahn von 1999 glauben will. Die drei wichtigsten Banken in diesem Geschäft: UBS, Credit Suisse und Goldman-Sachs.1 Wenn unsereins einen Kugelschreiber für 8500 Dollar2 verbucht, dann sind die Steuerbehörden schnell zur Stelle. Wenn Multis dies mit internen Transferpreisen tun, ist dies so schwierig zu entdecken, dass es quasi legal ist. Das Ziel: Gewinne aus Ländern mit hohen Steuern in Länder mit tiefen Steuern zu verschieben. Wie lukrativ dies ist, zeigen Apple und Google, Meister dieses Fachs und die derzeit wertvollsten Marken. Diese Praxis soll jetzt unterbunden werden. Dies verspricht wenigstens ein 15-Punkte-Plan der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der sicherstellen soll, dass Gewinne dort versteuert werden, wo sie erwirtschaftet werden. Das Kontrollinstrument ist der «Common Reporting Standard» (CRS), nach dem Steuerdaten transparent und vergleichbar gemacht wer-

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den sollen. Multis müssen Kennzahlen für die einzelnen Länder vorlegen, sodass Briefkastenfirmen ohne Belegschaft, aber mit hohen Gewinnen auffliegen. Aber die OECD ist ein Club reicher Länder und es ist noch offen, wie erfolgreich sie wirklich sein will. Fingierte Niederlassungsbescheinigungen, die Steueroasen gegen Bezahlung ausstellen, werden beispielsweise nicht verboten, kritisiert das Tax Justice Network 3. Und es wird vermutlich nicht lange gehen, bis die Steueranwälte für ihre Kunden neue Schlupflöcher bohren. Eine solche Schwachstelle ist die Bestimmung im OECDHandbuch zur Einführung des CRS, nach der für Konten der Stand am Tag X massgeblich ist, anstatt zusätzlich einen Jahresdurchschnitt zu verlangen, der Bilanzkosmetik schnell offenlegen würde. Das grösste Problem aber dürfte sein, dass die USA den Standard gar nicht übernehmen wollen. Und wie ernst es die EU meint, ist unklar. Ihre Finanzminister veröffentlichten wenige Tage nach der OECD eigene Pläne, die weit weniger weit gehen. So wollen sie sich ab Januar gegenseitig mitteilen, welche Steuerschlupflöcher sie den Konzernen gewähren.4 Nicht stopfen, nur mitteilen! Dabei erreicht der Zwang zur Verdunkelung und Umgehung der Gesetze zunehmend auch die KMUs. Vor anderthalb Jahren erzählte mir der Geschäftsführer einer Schweizer Softwareunternehmung mit rund 100 Mitarbeitern, er hätte zur Abwicklung eines grösseren

USA-Auftrags auf Wunsch des Schweizer Auftraggebers eine Briefkastenfirma in der amerikanischen Steueroase Delaware einrichten müssen. Das Dilemma, vor dem immer mehr Unternehmen stehen: Entlassen oder Betrügen? Es ist zu befürchten, dass gerade die erfolgreichen Firmen auch mehr betrügen. Im Vergleich dazu erscheint die Abgasschummelei von VW wie ein frisches Frühlingslüftchen. Das flüchtende Geld hat eine augenfällige Verbindung zu den flüchtenden Menschen. Die Verluste durch Steuerhinterziehung liegen gemäss OECD «konservativ geschätzt zwischen 140 und 240 Mrd. Dollar».5 Besonders betroffen seien die Entwicklungsländer. Wesentlich höhere Zahlen ermittelte die Erklärung von Bern 2008 in ihrer Dokumentation «Ein Elefant im Wohnzimmer». Danach «verlieren die Entwicklungsländer durch Steuerkonkurrenz, Steuervermeidung von Konzernen und Steuerhinterziehung reicher Eliten jährlich beinahe 250 Milliarden Dollar, den grössten Teil davon durch Scheingeschäfte mit Steueroasen.»6 Mit diesem Geld könnte man den Entwicklungsländern nachhaltig helfen. Aber statt die Konzerne gerecht zu besteuern, müssen die Steuerzahler der reichen Länder für die Entwicklungshilfe von jährlich 135 Mrd. Dollar7 aufkommen, wobei ein grosser Teil dieser Gelder den Projekten multinationaler Konzerne zugute kommt. Und weil diese Entwicklungshilfe unterm Strich

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Zufall oder Absicht? Die «Migrationswaffe» ist leider keine Erfindung von Verschwörungstheoretikern. Ob die Flüchtlingswelle dieses Jahres darunter fällt, ist schwer zu sagen. Aber es gibt ein paar interessante Indizien.

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ass die Verbreitung von Chaos zum strategischen Instrumentarium der USA gehört, will man einfach nicht glauben – aber sie ist Tatsache. Der französische Investigativjournalist Thierry Meyssan, Gründer des Réseau Voltaire, beschreibt das Prinzip der Chaos-Doktrin wie folgt: «Der einfachste Weg zur Plünderung der natürlichen Ressourcen eines Landes über einen langen Zeitraum, ist nicht, es zu besetzen, sondern den Staat zu zerstören. Ohne Staat, keine Armee. Ohne feindliche Armee, kein Risiko für eine Niederlage.»1 Die Doktrin geht auf den Neokonservativen Paul Wolfowitz zurück, der anfangs der 90er Jahre im Auftrag von Bush sen. eine Strategie für die Zeit nach dem Kalten Krieg ausarbeitete und später stv. Verteidigungsminister und Präsident der Weltbank wurde. Das Pentagon hat dazu verschiedene Papiere veröffentlicht. Meyssan hält es für einen grossen Fehler, dass die Doktrin von keiner Militärakademie in Europa ernsthaft studiert werde. In der Tat wird die Liste der failed states ständig länger: Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien; die Ukraine ist auf dem besten Weg dazu. In allen diesen Fällen haben europäische Staaten sogar noch mitgeholfen, Flüchtlingsströme zu generieren.

beschreibt sie 64 Fälle, in denen Herkunftsländer mit der Förderung der Flucht politische Ziele zu erreichen versuchten und diese in 71 Prozent der Fälle mindestens teilweise erreichten. Die Waffe funktioniert gemäss Greenhill, weil grosse Flüchtlingsströme die Zielländer vor erhebliche ökonomische Probleme stellen und meist zu einer Spaltung der Gesellschaft in Befürwortende und Ablehnende führen. Dass die «Waffe» beschrieben wird, heisst natürlich nicht, dass sie in diesem Jahr auch angewendet wurde. Aber dass die USA an Schwierigkeiten in Europa durchaus ein Interesse haben, ist aktenkundig. So erklärte 2008 die damalige Präsidentin des Wirtschaftsrates des Weissen Hauses, Christina Rohmer, man müsse Probleme in Europa schaffen, damit das Kapital in die USA zurückfliesse. Und im Februar dieses Jahres sagte George Friedman, Direktor des Strategie-Thinktanks «Stratfor», ganz freimütig zur Ukraine-Krise, es sei das Ziel der USA, einen Konflikt zwischen Deutschland und Russland herzustellen.

Der Begriff «Migrationswaffe» wurde meines Wissens 2010 mit dem Buch «Weapons of Mass Migration»2 der US-amerikanischen Politologin Kelly M. Greenhill, Professorin an der Tufts University in die Diskussion gebracht. Darin

Absichten zum Einsatz der Migrationswaffe könnten also durchaus bestehen. Aber wurde sie auch eingesetzt? Da bleiben die Hinweise vage. Immerhin: Global Research, ein kanadischer Thinktank unter der Leitung von Michel Chossudovsky, Wirtschaftsprofessor an der Universität Ottawa, veröffentlichte unter dem Titel «Wer twittert die Flüchtlinge nach Deutschland?» eine aufschlussreiche Auswer-

wenig nützt, werden die Steuerzahler zur Deckung der Kosten der Flüchtlingswelle gleich nochmals zur Kasse gebeten. Die von Privaten verursachten Kosten kehren also zurück und werden sozialisiert. Das ist zweifacher Betrug, einmal an den Entwicklungsländern und einmal an den eigenen Bürgern, denen bereits höhere Steuern ins Haus stehen, die mit etwas Gerechtigkeit zum Wohle aller zu vermeiden wären.

Fussnoten: 1 www.taxjustice.net/cms/upload/pdf/The_Price_of_ Offshore_Revisited_Presser_120722.pdf 2 Nichoals Shaxson: Schatzinseln. 2011. S. 23. 3 Holes in new OECD handbook for global financial transparency. www.taxjustice.net/2015/09/15/ holes-in-new-oecd-handbook-for-global-financialtransparency/ 4 EU erlaubt Steuerschummelei weiter, taz 7.10.2015. www.taz.de/!5235370/ 5 Reforms to the international tax system for curbing avoidance by multinational enterprises, Oktober 2015. http: www.oecd.org/newsroom/oecd-presents-out-

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tung der Twitter-Botschaften mit dem Hashtag #RefugeesWelcome.3 76,8 Prozent der Tweets warben für Deutschland, 12,4 für Österreich, das flüchtlingsfreundliche Schweden wurde nur in 0,3 Prozent der Tweets genannt. Doch die Tweets stammten nur zu 6,4 Prozent aus Deutschland, sondern zu mehr als der Hälfte aus den USA, Grossbritannien und Australien. Irgendwer scheint sich da einen koordinierten Spass daraus gemacht zu haben, versteckte Einladungen zu verschicken, ohne die Gastgeber zu fragen. Die Botschaften sind nicht ohne Wirkung: Als über die sozialen Medien die Ankunft eines deutschen Passagierschiffes in Libanon zur Aufnahme von Flüchtlingen gemeldet wurde, zogen Tausende zum Hafen von Beirut. Wer kann ein Interesse an solchen Falschmeldungen haben? Sicher kein Freund der Willkommenskultur. Das Schlusswort zu dieser unerfreulichen und undurchsichtigen Geschichte wollen wir dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban überlassen, der mit seinen wirkungslosen Zäunen im übrigen nur den Schengen-Vertrag erfüllte: «Es wäre vielleicht klug, nicht ständig Staaten zu zerstören.» Christoph Pfluger

1 Die Blindheit der Europäischen Union gegenüber der Militärstrategie der USA. 27.4.2015. www.voltairenet.org/article187423.html 2 Kelly M. Greenhill: Weapons of Mass Migration: Forced Displacement, Coercion and Foreign Policy. Cornell University Press, 2010. 3 www.globalresearch.ca/who-is-twitter-luring-refugees-to-germany/5477477

puts-of-oecd-g20-beps-project-for-discussion-at-g20finance-ministers-meeting.htm 6 www.evb.ch/medien/medienmitteilung/brandaktuelle_evb_doku_zeigt_steueroasen_schaden_entwicklungslaendern/ 7 Welthaus Bielfeld: Datenblatt Entwicklungsolitik, 27.4.2015 www.welthaus.de/fileadmin/user_upload/ Bildung/pdf_fuer_Downloads/Datenblatt-Entwicklungspolitik.pdf Quelle: OECD. 8 www.boerse-online.de/nachrichten/aktien/ZeitungFluechtlinge-kosten-Bundeslaender-2015-bis-zu-6Mrd-Euro-1000739610

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Auf Zeit nach Europa kommen

Zirkuläre Migration für junge Menschen aus dem Maghreb könnte das Kernstück einer neuen Migrationspolitik zum Nutzen dortiger Gesellschaften werden, findet Beat Stauffer

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e dois partir», sagt der 26-jährige Mohamed aus der südtunesischen Stadt Sfax. «Ich muss verreisen. Weg von hier. Nach Europa.» Sein Gesicht wird ernst, seine Züge verhärten sich. Mohamed ist überzeugt davon, dass er in Tunesien keine Chancen für ein besseres Leben hat. Seit er das Gymnasium kurz vor der Matur aufgrund familiärer Probleme verlassen hat, arbeitet er als Kellner. Mit den umgerechnet rund 250 Franken Monatslohn lassen sich keine grossen Sprünge machen. Wenn er den Geldbetrag zur Unterstützung seiner alleinstehenden Mutter, das Busabonnement sowie alle andern täglichen Ausgaben addiere, sagt Mohamed, dann bleibe am Ende des Monats praktisch nichts mehr übrig. Dazu kommt, dass unter solchen Umständen an eine Heirat kaum zu denken ist. Sein Kollege Sofiane hat bereits zweimal versucht, als klandestiner Flüchtling nach Europa zu gelangen. Ein Aufstand in einem überfüllten Flüchtlingszentrum in Lampedusa, an dem sich Sofiane selber gar nicht beteiligte, hatte seine Rückschaffung zur Folge. Sofiane gab nicht auf, legte wieder Geld zur Seite, um einen Schlepper zu bezahlen, brach ein Jahr später erneut auf. Dieses Mal wurde das Boot kurz vor der Küste von Lampedusa von der italienischen Küstenwache aufgegriffen. Doch ein paar Stunden später standen plötzlich tunesische Polizisten an Bord, und alle Emigranten wurden zurückgeführt. Mohamed und Sofiane: Zwei junge Männer, die zwar bei der Vertreibung des ehemaligen Autokraten auf die Barrikaden gegangen sind, die aber heute nicht mehr an die Revolution glauben. Ihr Leben ist seither deutlich schwieriger geworden, und die politischen Errungenschaften der vergangenen Jahre lassen sie kalt. Beide schlagen sich mit schlecht bezahlten Jobs und mit kleinen Mischlereien durchs Leben.

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Flächendeckende Malaise im ganzen Maghreb Mohamed und Sofiane sind keine Einzelfälle; unzählige junge Männer im ganzen Maghreb träumen davon, nach Europa zu emigrieren. In Tunesien sind nach offiziellen Angaben rund 800'000 Menschen arbeitslos. Über hunderttausend von ihnen verfügen über einen Universitätsabschluss oder ein Diplom einer höheren Fachschule. Deutlich mehr als eine Million junger Tunesier haben zwar Jobs, doch diese sind schlecht bezahlt oder nicht ganzjährig. All diese Menschen erleben ihre Lebensverhältnisse als prekär und hoffnungslos. Ihre Frustration ist mit Händen zu greifen. In den anderen Maghrebstaaten ist die Lage nur unwesentlich besser. Zwar verfügte Algerien, zumindest bis vor kurzem, noch über riesige Einnahmen aus dem Erdölexport und konnte seine unzufriedene Jugend mit Geldgeschenken ruhigstellen. Dennoch erleben viele junge Algerier ihre Situation als blockiert und ohne Perspektiven, weil ihnen das Regime keine echten Chancen einer politischen Beteiligung gibt. Eine Änderung der Verhältnisse ist zudem nicht in Sicht. Auch in Marokko ist die Lage für junge Menschen schwierig. Die Stimmung im Land ist zwar etwas besser als in Algerien. Doch auch hier gelangen Jahr für Jahr mehrere hunderttausend junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Die dafür nötigen Stellen fehlen allerdings, und so landen auch gut ausgebildete Menschen in der Erwerbslosigkeit. All diesen Millionen junger Menschen am Südufer des Mittelmeers fehlt zudem die Reisefreiheit. Aufgrund der geltenden Visabestimmungen ist es ihnen kaum möglich, den Maghreb zu verlassen. Reguläre Arbeitsbewilligungen für Europa gibt es nicht, Visa für Studienzwecke nur für Hochbegabte sowie für Jugendliche aus der Oberschicht, die sich etwa eine Tourismus- oder eine Managementschule in der Schweiz leisten können. Wer nicht über eine doppelte Staatsbürgerschaft verfügt oder via

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Europa sollte schon im eigenen Interesse mithelfen, Lösungen zu finden, um die Situation zu entschärfen.

Heirat mit einer Europäerin in den Westen emigrieren kann, hat deshalb praktisch keine Chancen, je seinen Fuss auf europäischen Boden zu setzen. Eine gewisse Chance haben nur diejenigen, welche den Weg der klandestinen Emigration wählen, in Europa irgendwo untertauchen oder sich als Bürger eines Landes ausgeben, das keine Rückschaffungen zulässt. In den meisten Fällen endet diese «Reise» für die Betroffenen aber auf der Gasse oder gar in der Kriminalität. Die sehr hohe Erwerbslosigkeit, der Mangel an Perspektiven sowie eine tief sitzende Frustration unter Millionen junger Menschen im Maghreb stellt eine Zeitbombe für diese Länder dar. Doch auch Europa ist dadurch mittelfristig gefährdet, denn der Migrationsdruck ist schon jetzt sehr hoch. Zwar sind die Maghrebstaaten für diese Zustände - etwa den Niedergang des öffentlichen Bildungswesens – weitgehend selber verantwortlich. Doch Europa sollte schon im eigenen Interesse mithelfen, Lösungen zu finden, um die Situation zu entschärfen. Dabei könnten Projekte im Bildungswesen und vor allem im Bereich der Berufsbildung sehr viel bewirken. Im Falle Tunesiens ist die Schweiz in diesem Bereich auch bereits aktiv.

Auch er hat nichts zu tun und träumt vielleicht von Europa. Foto: Beat Stauffer

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Studium mit Rückkehrer Wichtig wäre aber auch, dass junge Menschen aus dem Maghreb, aber auch aus Sahelstaaten und dem Nahen Osten, eine reelle Chance hätten, in einem europäischen Land zu studieren, ein Stage oder eine Weiterbildung zu absolvieren. Aufgrund der hohen Zahl potenzieller Kandidaten kommen in diesem Zusammenhang eigentlich nur Modelle in Frage, bei denen die Betreffenden nach dem Studium und einer gewissen Zeitspanne wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren müssen. Denn nur so ist gewährleistet, dass ihr Studien- oder Praktikumsplatz dann wieder frei wird, damit ein anderer junger Mensch davon profitieren kann. Gleichzeitig wäre

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Wahrscheinlich kann erst ein grösserer Versuch darüber Klarheit verschaffen, ob zirkuläre Migration wirklich funktioniert. auf solche Weise garantiert, dass das in Europa erworbene Wissen den betroffenen Ländern wirklich zugute kommt. Solche Ausbildungsprogramme sollten auf der Ebene von Universitäten und Fachhochschulen und auch in der Berufsbildung möglich sein. Gerade hier hätte die Schweiz sehr viel Fachwissen anzubieten. Denkbar, aber politisch weitaus heikler, ist auch die Gewährung einer gewissen Quote von Arbeitsbewilligungen für junge Menschen aus diesen Ländern. Da der Wunsch, für eine gewisse Zeit in Europa arbeiten zu können, enorm hoch ist, müsste dabei wohl eine Auswahl nach dem Zufallsprinzip – eine Art Lotterie – durchgeführt werden. Dieses Konzept wird im Fachjargon als «zirkuläre» Migration bezeichnet. Es will der Erfahrung Rechnung tragen, dass seit den 1960er Jahren allein aus dem Maghreb mehrere hunderttausend junge Menschen für ein Studium nach Europa gereist, nach Abschluss ihres Studiums aber nicht in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt sind. Auf solche Weise ist ein grosses Potenzial für diese Länder verloren gegangen. Soll diese «zirkuläre» Migration wirklich funktionieren, so müsste der Kandidat oder die Kandidatin einen Vertrag mit dem Aufnahmeland unterschreiben, und die Behörden seines Herkunftslandes müssten Sanktionen in Aussicht stellen, wenn die betreffende Person nach Ablauf der vereinbarten Frist nicht zurückreisen würde. Im Gegenzug erhielten diese besonderen Migranten eine Ausbildung finanziert und anschliessend die Möglichkeit, eine gewisse Zeit lang in Europa Geld verdienen zu können. Auf solche Weise, so die Idee, könnten tausende junger Menschen aus diesen Staaten in der Schweiz eine Ausbildung absolvieren und Erfahrungen sammeln. Das würde zwar einiges kosten, wäre aber im Gegensatz zu langwierigen Asylverfahren gut angelegtes Geld. Zweifel an freiwilliger Rückreise Funktioniert dieses Modell zirkulärer Migration aber in der Praxis? Werden die Betreffenden nach Ablauf der Frist freiwillig zurückkehren? Oder werden sie vielmehr untertauchen und versuchen, via Heirat einen dauerhaften Aufenthalt in der Schweiz beziehungsweise in Europa zu erlangen? Manche Kenner der Verhältnisse

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im Maghreb befürchten dies. Zu stark, so meinen sie, seien viele junge Menschen von der Idee besessen, dass es für sie nur in Europa eine Zukunft gibt. Auch die offizielle Schweiz begegnet dem Modell der zirkulären Migration bis anhin mit viel Skepsis. Der Bundesrat beantragte im Februar 2014 die Ablehnung eines parlamentarischen Vorstosses (Motion) von Nationalrat Geri Müller, der anregte, in einem Pilotprojekt ein Arbeitsvisum für zirkuläre Migration zu testen. Die Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (DEZA) lässt auf Nachfrage wissen, dass seitens der DEZA keine offizielle Position zum Konzept der zirkulären Migration bestehe. Der DEZA-Sprecher weist auch darauf hin, dass in der Fachwelt offenbar auch keine fixe und verbindliche Definition dieses Konzepts existiere. Der aus Marokko stammende Jurist und Mediator Kader Tizeroual kann der Idee der zirkulären Migration einiges abgewinnen. Er weist aber darauf hin, dass sie längerfristig nur funktionieren kann, wenn sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in den Herkunftsländern verbessern. Denn wenn diese jungen Menschen nach ihrer Rückkehr keine passende und korrekt bezahlte Arbeit finden, so Tizeroual, würden sie alles daran setzen, in Europa zu bleiben. Wahrscheinlich kann erst ein grösserer Versuch darüber Klarheit verschaffen, ob zirkuläre Migration wirklich funktioniert. Denn so wichtig es ist, vor allem Projekte vor Ort zu unterstützen, so dringlich ist es auch, zumindest kleine «Fenster» in Richtung Europa zu öffnen. Abschottung allein kann keine zukunftsträchtige Strategie sein. Denn die Maghrebstaaten sind unsere nächsten Nachbarn im Süden, und aufgrund der Kolonialgeschichte haben sie seit mehr als hundert Jahren Kontakt mit Europa. Viele Maghrebiner schauen auch immer noch mit einer gewissen Bewunderung in Richtung Norden, auch wenn das Image in den letzten Jahren deutlich gelitten hat. Und nicht zuletzt kann Europa den Zustrom von Migranten aus afrikanischen Ländern nur mithilfe der Maghrebstaaten einigermassen kontrollieren. Gründe genug, um mit diesen Ländern eine faire und partnerschaftliche Migrationspolitik zu entwickeln. Der Autor ist Journalist und Maghreb- Korespondent für verschiedene Medien.

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Flüchtlingshilfe für jeden Die pensionierte Lehrerin Irène R. kümmert sich um Schutzsuchende und Traumatisierte.

Ein Porträt von Selina Fehr

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ie Zustände in den Schweizer Asylunterkünften sind eine Zumutung für die Betroffenen und eine Schande für die Schweiz», findet Irène R. Seit über 50 Jahren arbeitet die mittlerweile pensionierte Schweizerin mit Flüchtlingen. Zuerst drei Jahre lang gegen Lohn, seitdem unentgeltlich. Sie sammelt Kleider und Schuhe, durchstöbert Brockenstuben nach hochwertigem Holzspielzeug und hängt Zettel bei Veranstaltungen auf, um aufzuklären und freiwillige Mitarbeitende zu finden. An ihrem Wohnort schlägt Irène wegen ihres eifrigen Engagements bisweilen harscher Gegenwind ins Gesicht. Sie bleibt deshalb für diesen Artikel anonym. Zwei- bis dreimal pro Woche besucht sie ein Durchgangszentrum bei Bern und holt Flüchtlinge raus zum Spazieren, Werken und Deutschlernen. Dabei erhält sie Einblicke in weithin ungesehene Lebenswelten. Menschen wohnen dicht an dicht; Frauen, Männer und Kinder zusammen. Das einzige, was sie hätten, sei ein kleiner Fernseher, der rund um die Uhr laufe. Kinder schauten mit den Erwachsenen mit – «auch Sex- und Kriegsfilme», ärgert sich Irène. In den unterirdischen Zivilschutzanlagen, die als Asylunterkünfte genutzt werden, wüssten die Kleinen oft nicht einmal, ob gerade Tag oder Nacht sei. Irène erlebt auch Rückschläge. Zum Beispiel, als ihre liebevoll eingerichtete Spielecke in einem Bunker beim nächsten Besuch verschwunden war. Alle Spielsachen seien entsorgt worden, weil niemand sie aufgeräumt hätte, erklärte die Aufsichtsperson. Als Irène veranlassen wollte, dass alle Kinder ab 20 Uhr nicht mehr fernsehen dürfen, erhielt sie Geländeverbot. Sie liess sich nicht beeindrucken und führte ihre Arbeit fort – dank diverser Handynummern der Flüchtlinge konnte sie diese per Anruf aus der Unterkunft holen. Wenn Flüchtlinge tagsüber im Bett liegen, fragt Irène nach, was mit der Person los sei.

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«Viele Leute sind psychisch ruiniert», erzählt sie. Von der Flucht, von Folterungen, vom ohnmächtigen Nichtstun immer am selben Ort ohne absehbares Ende. Viele plagen Sorgen um Verwandte und Freunde im Heimatland, bis hin zu Schuldgefühlen. Sie leiden unter Einsamkeit und Verlust von Selbstwertgefühl und sind oft zu kraftlos, um Deutsch zu lernen. Irène wünscht sich inständig, dass mehr Einheimische diese

«Was ich gebe, erhalte ich in Hülle und Fülle zurück» Menschen mit Kuchen, Kleidern, Spielzeug oder Bastelmaterial versorgen. Helfen ist auf vielfältige Weise möglich. Am wichtigsten ist, den Leuten sinnvolle Beschäftigung und Abwechslung zu ermöglichen. Um nicht wegen Schwarzarbeit angezeigt zu werden, bietet sich ein Zeittausch an. Zum Beispiel «eine Stunde Deutschunterricht gegen eine Stunde Haus- oder Gartenarbeit», schlägt Irène vor. Auch materielle Unterstützung ist wichtig. Seit drei Jahren sind Flüchtlinge auf Kleider- und Schuhspenden von aussen angewiesen. «Man-

che konnten den ganzen Winter kaum an die frische Luft gehen. Nur weil sie keine warmen Kleider besassen.» Irène besucht oft Brockenstuben mit Neuankömmlingen, meist können sie sich dort gratis einkleiden. Es fehlt an Freiwilligen, die dasselbe tun. Wer gerne etwas verschenken möchte, fragt am besten telefonisch beim nächsten Asylzentrum nach, welcher Bedarf dort herrscht. Auch Thermoskrüge, Taschenlampen, Koffer, Taschen und Rucksäcke werden dringend benötigt - letztere, damit Menschen auch bei den oft sehr rabiat verlaufenden Ausschaffungen ihre Habseligkeiten nicht verlieren. Ihre Arbeit begann Irène in der Zeit, als Menschen aus Ungarn in die Schweiz flüchteten. «Es schmerzt mich, dass heute genau in diesem Land Zäune gegen Flüchtlinge errichtet werden und diese grundlos ins Gefängnis gesteckt werden», sagt Irène. Die Arbeit, die sie nur mit ihrer AHV finanziert, wächst ihr mittlerweile fast über den Kopf. Sie freut sich deshalb, wenn junge Menschen sich für Schutzsuchende einsetzen. Irène selbst möchte nicht als Gutmensch abgestempelt werden – «was ich gebe, erhalte ich in Hülle und Fülle zurück».

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Das Asylrecht und die Schlepperbanden «E

rbarmungslos» nannte der «Spiegel» in einer Titelgeschichte das Wirken der Schleuser- und Schlepperbanden, die am Elend der Flüchtlinge bestens verdienen und diese «kaltblütig» dem Risiko aussetzen, auf den langen Transportwegen zu Wasser oder zu Land ums Leben zu kommen. «Nur», sagte Herr Keiner, «was irgendwie auch immer zu lesen ist, aber nie wirklich zum Thema wird, das ist, dass diese ‹skrupellosen Geschäftemacher› nicht einfach vom Himmel fallen. Diese Geschäftsgelegenheit gibt es nur aus einem einzigen Grund: Sie ist das Produkt der europäischen Asyl-Gesetzgebung. Diese verbietet es nämlich den Asylsuchenden, in ihrem Heimatland einen Antrag auf Asyl zu stellen, den bei den jeweiligen europäischen Botschaften oder Konsulaten in ihrem Land einzureichen, um sich dann mit dem Fahrausweis eines der üblichen Transportmittel auf den Weg zum gewünschten Zielort zu machen. Die Fahrten mit dem Schiff über das Mittelmeer sähen dann anders aus, und auch die zahlreichen Billig-Airlines würden sicher gerne was von dem Geld abkriegen, das aufgrund der geltenden Gesetzeslage so üppig in die Taschen der Schlepper fliesst. Doch auch da ist eine Richtlinie der EU vor: Die untersagt es den Fluggesellschaften bei Androhung hoher Geldstrafen, die Arbeit der Schlepper auf eine geld- und zeitsparende Weise zu übernehmen. Und damit auch die Todesfälle zu vermeiden, die auf den Transportmitteln der Schlepper nahezu Tag für Tag anfallen.»

«Doch, wie gesagt», fuhr Herr Keiner fort, «was da allseits als ‹kriminelle Begleiterscheinung› der europäischen Asyl-Politik beklagt wird, ist in Wahrheit politisch gewollt: Das europäische Asyl-Recht macht die Asylsuchenden gezielt zu Flüchtlingen, zwingt diese also zu illegalen Ausreiseunternehmungen, um sie so von der realen Inanspruchnahme ihres Rechts

Die Schlepper sind das Produkt der europäischen Asyl-Gesetzgebung auf Asyl abzuschrecken. Sie sollen gefälligst in ihren miesen Lebensumständen verbleiben und ‹uns› nicht auf der Tasche liegen.» «Doch wie das Beispiel Syrien zeigt, gilt dieser Umgang mit dem Asyl-Recht nicht für Staaten, denen gegenüber es ein politisches Interesse Europas gibt, sich mit der Gewährung von Asyl für Kriegsopfer und ‹politisch Verfolgte› in die Herrschaftsausübung vor Ort einzumischen», sagte Herr G., der lange Zeit nur zugehört hatte. «Syrien mit seinem Präsidenten Assad steht für eine missliebige Herrschaft, was mit der Gewährung von Asyl für syrische Untertanen demonstrativ unterstrichen wird. Und so berechnend ging es schon immer bei der Gewährung von diesem Recht zu: Früher waren es die ‹Verfolgten kommunistischer Herrschaft›, die immer und grundsätzlich für einen Antrag auf Asyl gut waren, während an anderer Stelle beispielsweise den Verfolgten des Pinochet-Regimes in Chile das

von Ulrich Schultes

Recht abgesprochen wurde, als ‹politisch Verfolgte› in Deutschland anerkannt zu werden. Dieses Regime gehörte als enger Verbündeter der USA ‹zu uns›, da verbot sich jede politische Einmischung durch die Anwendung des AsylRechts.» «Genau die gleiche Praxis kommt aktuell nicht nur im Umgang mit Syrien, sondern auch im Umgang mit den Balkan-Ländern zum Einsatz», sagte dazu Herr K. «Auch die gehören bekanntlich ‹zu uns›, werden deshalb mit Gesetzeskraft zu ‹sicheren Herkunftsländern› ernannt, deren Bewohner kein Recht auf Asyl in einem anderen europäischen Staat haben. Da müssen sich die Behörden der Asyl-Politik erst gar nicht um die Frage kümmern, ob da Menschen von ihrer Herrschaft in Lebensgefahr gebracht oder etwa als Angehörige einer ‹ethnischen Minderheit› unterdrückt und misshandelt werden. Da kann der Asylsuchende erzählen, was er will. Ein Blick in die Länder-Liste reicht, um alle Ansprüche auf Asyl irgendwo in Europa kategorisch abzuweisen.» Zynisch? «Sicher», sagte Herr K., «doch so funktioniert sie, die europäische Asyl-Politik, deren Prinzipien nicht in Frage stehen, wenn die Staaten der EU aktuell eine heftige Auseinandersetzung darum führen, wie das Bündnis in Zukunft wieder mit ‹einer Stimme› gegenüber den Flüchtlingen auftritt.» Ulrich Schultes Geschichten von Herrn Keiner sind unter dem Titel «Herrschaftszeiten» für 6 € im Buchhandel erhältlich. Einzelne Geschichten werden auch auf www.herrkeiner.com veröffentlicht.


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Initiativen Flüchtlings-Chor

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nter dem Motto «Einsam sind wir Töne, gemeinsam sind wir ein Lied» hat sich Anfang Oktober in Berlin ein «Willkommens­ chor» mit und für Flüchtlinge gebildet. Die Auftaktveranstaltung fand im Roten Rathaus statt, dem Sitz der Landesregierung. Leiter ist Michael Betzner-Brandt, der bereits früher den «Ich-kann-nicht-singen-Chor» gegründet hat, in dem ehemalige Obdachlose, Ex-Junkies und Ex-Alkoholiker gemeinsam auftreten und dadurch zu einem ganz neuen Selbstwertgefühl finden. Träger ist der vom Chorleiter und anderen Freiwilligen getragene Verein «Leadership Berlin – Netzwerk Verantwortung».

Neue Plattform in der Schweiz

Alarm-Phone

ie neue Plattform «Zivilgesellschaft in AsylBundeszentren (ZiAB)» will die organisierte und nichtorganisierte Zivilgesellschaft in Sachen Flüchtlingshilfe miteinander vernetzen. Sie ist eine Art Tauschbörse für Erfahrungen und «good practices» in der Flüchtlingsarbeit, soll aber auch fragwürdige Behandlungen von Schutzsuchenden durch Betreuungspersonal dokumentieren. Verantwortet wird sie von einer Steuerungsgruppe, bestehend aus der Schweizerischen Beobachtungsstelle für Asyl und Ausländerrecht, Amnesty International, Solidarité sans frontières und weiteren Organisationen und Einzelpersonen.

atch The Med Alarm Phone Project» ist ein seit einem Jahr bestehendes Projekt von Freiwilligen aus Europa, Tunesien und Marokko, das Flüchtlinge aus Seenot im Mittelmeer rettet. Das funktioniert über eine Notrufnummer, die über Flüchtlingsorganisationen und Social Media verbreitet wird. Die Freiwilligen retten nicht selbst, sondern geben Notrufe an die Küstenwache weiter, beobachten deren Verhalten und alarmieren gegebenenfalls die Öffentlichkeit. Das Projekt wird über Spenden finanziert.

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www.watchthemed.net

Fluchtairline

Mobile Küche

Starthilfe für Flüchtlings­ initiativen

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www.plattform-ziab.ch

chwedische Unternehmer wollen Flüchtlingen mit dem Flugzeug eine sichere Reise in die EU ermöglichen. Ihre Initiative «Refugee Air» verhandelt mit einer schwedischen und einer norwegischen Fluggesellschaft, damit Flüchtlinge nicht mehr den gefährlichen Land- und Seeweg nach Europa nehmen müssen. Sie sollen direkt nach Skandinavien fliegen können.

«Zwischen Fairtrade und Profit»

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o heisst ein neues Buch, das am 23. November in Zürich von seinen Herausgebern vorgestellt wird, von ZEITPUNKT-Autor Thomas Gröbly und Fausta Borsani. Viele bekannte Autorinnen und Journalisten analysieren darin die Ursachen des Welthungers, der mit zu den gegenwärtigen Fluchtursachen zählt. Sie stellen die Idee der «Ernährungsdemokratie» vor und umreissen politisch-ökonomische Lösungen. Eine der wichtigsten ist die Stärkung kleinbäuerlicher Familien und ihrer Lebensmittelproduktion. Das im Stämpfli-Verlag erschienene Buch hat 360 Seiten und kostet CHF 39.- Buchpremiere am 23.Nov.2015, 19:30 Uhr, Miller´s, Seefeldstrasse 225, Zürich.

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nter dem Namen «Rastplatz» haben sich fünf junge BaslerInnen zusammengetan, weil sie nicht länger der «bedrückend und beschämenden» Flüchtlingsituation zusehen wollten. Durch Crowdfunding finanziert sind sie Ende September mit einer mobilen Küche ins serbisch-mazedonische Grenzgebiet gereist und verteilen seither warmes Essen und Tee. Über tägliche Twitter und Facebookmeldungen erfährt man, dass sie durch die Nacht hindurch 2000 Tassen Tee verteilen, wie Eltern ihre durchnässten Kinder zu ihnen bringen und wie sie daran gehindert werden für die Bedürftigen zu kochen. Wie die Flüchtlinge selbst werden sie mit willkürlichen Befehlen, bürokratische Hürden, Chaos und menschlicher Not konfrontiert. Eine Spende von 1,50 Euro, wie auf ihrer Website zu entnehmen ist, reicht bereits für eine warme Malzeit. IBAN: CH5309000000607675771 BIC/SWIFT Code: POFICHBEXXX Kontoinhaber: Verein INTERKULT www.rast-platz.ch

ie deutsche «Stiftung Mitarbeit» unterstützt mit ihrer Starthilfeförderung selbstorganisierte Initiativen von und für Flüchtlinge. Zwei Beispiele aus Lüneburg und Hamburg: Gemeinsam mit Geflüchteten, Freiwilligen und Nachbarn bringt eine Gruppe von Studierenden in Lüneburg ein kostenloses Stadtteilmagazin heraus, in dem die Lebensverhältnisse der Geflüchteten geschildert werden. Damit wird den Flüchtlingen eine Stimme gegeben. Das Magazin soll demnächst bundesweit an allen Orten mit Flüchtlingsunterkünften erscheinen. In Hamburg wiederum erkunden Einheimische und Fremde zusammen mit Exkursionen die Hafenstadt und halten Gesprächsrunden ab. Das ehrenamtliche Projekt möchte mit alltagsnaher Sprachförderung Freundschaften zwischen Einheimischen und Zugewanderten aufbauen. www.mitarbeit.de/starthilfe.html

Karte der Hilfsbereitschaft

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n Deutschland gibt es inzwischen eine nicht mehr zählbare Anzahl von Initiativen, die Schutzbedürftigen unter die Arme greifen. Pro Asyl hat sie auf einer interaktiven Karte zusammengestellt: www.proasyl.de/de/ueber-uns/foerderverein/mitmachen/

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Fluch der Flucht

Wenn Menschen ständig vor ihren persönlichen Problemen fliehen, verschlimmern sie ihre Lage. Psychologische Beobachtungen von Martina Degonda

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lötzlich war mein Partner weg.» Fast mit den gleichen Worten haben zwei Klientinnen ihre Therapie begonnen. Frau A. konnte sich schon als Kind nicht gut durchsetzen. Bei Problemen zog sie sich jeweils in ihre Fantasie- und Traumwelt zurück und flüchtete so vor jeglicher Auseinandersetzung. Dieses Muster wiederholte sie auch in der Partnerschaft mit einem extrovertierten Mann, bis dieser die Beziehung abrupt abbrach. Scheinbar ganz anders verlief die Vorgeschichte von Frau B., die sich als dominant und ehrgei-

Es ist menschlich, vor schwierigen Situationen und Problemen wegzulaufen, sei dies aus Angst oder in der Hoffnung, alles werde sich von selbst wieder regeln. Schliesslich lösen sich manche Unstimmigkeiten ohne eigenes Zutun. Bei gravierenden Konflikten ist eine vertiefte Auseinandersetzung dagegen meist unvermeidlich. Wer vor einer solchen flieht – in der Erwartung, alles könne nur in einem Desaster enden -, bewirkt oft viel Schlimmeres. So kann Flucht zu einem Fluch werden, der letzten Endes die befürchtete Katastrophe auslöst. Dabei bedeutet Katastrophe im

«Andern kannst du oft entfliehen, dir selbst nie.» Publilius Syrus (90-40 v. Chr.)

zig bezeichnete. Als ihre langjährige Beziehung sich zunehmend verschlechterte, begann sie ihre Karriere mit diversen Fortbildungen auszubauen und sah ihren Partner nur noch selten. Ein harter Aufprall erfolgte, als er ihr unerwartet eröffnete, zu seiner neuen Freundin zu ziehen. Zunächst konnten beide Frauen nicht verstehen, warum diese Trennungen so plötzlich erfolgten. Sie sahen sich als Opfer ihrer Partner, die aus der Beziehung geflohen waren. Es brauchte längere Zeit, bis sie ihre eigenen Fluchtmechanismen gleichfalls erkannten und realisierten, wie lange sie selbst ihren unangenehmen Gefühlen in der Partnerschaft ausgewichen waren.

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Griechischen ursprünglich Umkehr – zu dieser ist es dann aber meist bereits zu spät. Viele Philosophen haben sich mit der Flucht ins Aussen beschäftigt. Nach Blaise Pascal fliehen die Menschen vor jeglicher Musse, weil sie vor der Erkenntnis ihrer Situation fliehen. Er beschreibt das Grundübel des Menschen mit folgender Metapher: «Alles Unheil dieser Welt geht davon aus, dass die Menschen nicht still in ihrer Kammer sitzen können.» Auch Martin Heidegger beschreibt in seinem Hauptwerk «Sein und Zeit» die Flucht in das Gehäuse der Alltäglichkeit als Entfliehen vor der eigenen Verantwortung und der Erkenntnis der unausweichlichen Sterblichkeit.

Die Psychologie beschäftigt sich hingegen primär mit der Flucht nach innen. Mit Eskapismus wird hier die Flucht aus oder vor der realen Welt und dem Meiden derselben zugunsten einer Scheinwirklichkeit bezeichnet. Gerade Jugendliche wählen heute oft diesen Weg. Moderne Computerspiele bieten immense Möglichkeiten, um in virtuelle Welten abzudriften. In diesen gibt es – anders als im realen Leben – kaum Ohnmachtsgefühle (ausser der Computer stürzt ab). Fast alles ist machbar, und bei einem Misserfolg kann mit ein paar Klicks der frühere Zustand wieder hergestellt werden. Kein Wunder fällt es vielen dann schwer, in die äussere Welt zurückzukehren, in welcher die Regeln härter und Fehlschläge spürbar sind. Ob wir eher in eine Fantasiewelt oder in den hektischen Alltag fliehen, ist letztlich nicht so entscheidend – die Auswirkungen können die gleichen sein. Eine daraus entstehende Krise erleben viele Menschen zunächst als hoffnungslose Situation. «Krisis» bezeichnet ursprünglich jedoch einen Wendepunkt in einer gefährlichen Lage. Das oftmals widerwillige Innehalten und Wahrnehmen der eigenen Vermeidungsstrategien kann so zur Chance werden, dem Fluch der Flucht das nächste Mal zu entgehen. Anderen kannst du oft entfliehen, dir selbst aber nie.


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Glossar • Bergflucht In der Schweiz eine gängige Methode, um massivem Kuhglockengeläut, nebliger Trostlosigkeit und seltsamen Gerüchen aus nichtmenschlichen Gehegen aus dem Weg zu gehen. Etliche Bergdörfer in den Alpen haben sich bereits vollständig entvölkert, sodass manche schon von «alpinen Brachen» reden. Im Unterschied zu anderen Fremden wird der Bergflüchtling an sich in den urbanen Tälern recht freundlich empfangen. Ausserdem greifen inzwischen Gegenmassnahmen wie Freilandhaltung und Heufütterung von Fluchtwilligen.

• Flüchten oder fliehen «Fliehen» bedeutet «schnell davonlaufen». Wer flieht, tut das, weil er oder sie selbst den Entschluss dazu gefasst hat. «Flüchten» hingegen stammt aus der Jäger- und Kriegersprache, es bedeutet «in die Flucht geschlagen werden». Wer flüchtet, tut dies meist gegen den eigenen Willen, weil er oder sie vertrieben wurde.

• Weltflucht-TV In Norwegen hat eine neue Art von Fernsehen seit fünf Jahren großen Erfolg: Slow-TV oder Langsamfernsehen. Alle schauen gebannt zu, wie praktisch nichts geschieht. Eine erste Sendung des Staatsfernsehens 2010 zeigte die Live-Übertragung einer siebenstündigen Zugfahrt von Bergen nach Oslo; es folgte eine Dampferfahrt, wobei der Name der Linie ein wenig unpassend erscheint: «Hurtigruten». Weitere Höhepunkte von «Sakte-TV»: Lagerfeuer- und Wettstrick-Übertragungen sowie ein Adventsingen von über zweieinhalb Tagen Länge. Die Nation schaute zu, wie 200 Chöre fast 900 Lieder des norwegischen Kirchengesangbuchs heruntersangen.

• Senile Bettflucht Wer in seiner Jugend als Partyhopper begann und erfolgreich die Nächte durchsprang, kann damit im Alter glatt weitermachen: Senile Bettflucht hindert am Nachtschlaf. Ein Team an den Universitäten von Basel und Zürich macht dafür Hormone verantwortlich, die die inneren Uhren umstellen. Die Frage ist nur, was sich die Evolution dabei gedacht hat, dass Seniorinnen und Urgrossväter nun ihre Urenkel in die Disco begleiten.

• Flucht vor sich selbst Problembeladene Menschen neigen zu diesem Verfahren. Doch in der gesamten Menschheitsgeschichte wurde noch kein Fall bekannt, in dem ein Mensch es geschafft hat, erfolgreich aus seinem Körper zu entfliehen und sein Problemhäufchen hinter sich zu lassen. Die Todesrate liegt hier bei beklagenswerten 100 Prozent.

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• Fluchtinstinkt Der Grund, warum man nicht sitzen bleibt, wenn das Haus brennt.

• Fluchtkunst Ist ein fahrbares Kunstlabor, dessen Herzstück eine Sauna ist. Ehrlich, das steht im Internet. • Fluchtgeschwindigkeit Wird folgendermassen berechnet: Ekin: 1/2 m v² = Epot: G m M (1/unedlich-1/R)=G m M/R. Den Rest machen Sie bitte selber. Wir wollen uns nicht mit Detailfragen aufhalten.

• Fluchthilfe Eine Art des illegalen zivilen Ungehorsams, dessen Urteil nicht durch Gerichte, sondern durch Geschichte gesprochen wird. • In die Flucht schlagen Wütende Angestellte der Air France haben Anfang Oktober auf dem Pariser Flughafen aus Protest gegen die Streichung von 2900 Stellen eine Sitzung der Unternehmensleitung gestürmt, um ihre Top-Manager sprichwörtlich in die Flucht zu schlagen. Pierre Plissonnier und Xavier Broseta flohen mit zerrissenen Hemden und Jacketts und konnten sich nur über einen Zaun vor der aufgebrachten Menge retten. • Fluchtdistanz Ein vom Schweizer Zoologen Heini Hediger 1934 formulierte Grösse, die den Abstand beschreibt, die der Fuchs zur Gans halten muss, bevor diese in Panik ausbricht. Dasselbe gilt auch für Antilopen und Löwen, Kaninchen und Hunde. Je grösser die Fluchtdistanz zum potentiellen Bedroher, desto scheuer nennen wir das Tier. Bei Menschen aber ist es natürlich viel komplexer. • Flucht oder Segen Das darf man sich mal durch den Kopf gehen lassen. • Fliehende Fliegen Fünf freche Frauen fangen fürchterliche Fliegen. Fliehende Flugwespen fluchen.

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Plakative Migration

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ie beiden jungen Grafiker Andrín Stocker und Yannick Gauch haben im Rahmen des diesjährigen Luzerner Plakatfestivals «Weltformat» eine Sonderausstellung zum Thema «Migration und Flucht» organisiert. 40 Plakate haben sie nach ihrem Aufruf erhalten. Zu viel für den kleinen Raum der ihnen

zur Verfügung gestellt wurde. Damit nicht nur die 14 ausgewählten Plakate ihre Betrachter finden, suchen die beiden Initiatoren nun einen grösseren Raum um die Ausstellung zu wiederholen. Drei der 14 bereits ausgestellten Plakate zeigen wir hier.

Raban Ruddigkeit (DE)

Benjamin Herrmann (CH)

Kontakt: www.baracken-design.ch

Matteo Petruzzi (CH)

Dene wos guet geit In Anlehnung an «Dene wos guet geit» von Mani Matter, dem bekanntesten Liedermacher der Schweiz und an das englische Lied «Time to remember the poor», ist anlässlich des Gross-Singen in Bern ein schweizerdeutsches Lied entstanden. Damit sich das Lied in allen Ecken und Winkeln der Welt singen lässt, sammelt Matthias Gerber von «Stimmvolk» Übersetzungen in möglichst unterschiedlichen Sprachen. Für unsere deutschen und österreichischen LeserInnen, machen wir gleich den Anfang und übersetzen von Mundart auf Schriftdeutsch:

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«Denen es gut geht, ginge es besser ginge es denen besser, denen es weniger gut geht. Wir sind Kinder der gleichen Welt. Draussen brennt ein wildes Feuer, doch es ist kalt und schneit. Grosser Sturm um viel Macht und viel Geld. Unsere Schwestern und Brüder weit weg von zu Haus’ Auf der Flucht, die Seele weint, ganz ohne Ruh’. Ich sitze am Feuer in der Stube allein, Jetzt ist die Zeit Mensch zu sein, zu teilen – es hat genug.» Falls Sie Ukrainisch, Arabisch, Urdu, Spanisch oder Wolof beherrschen, schicken Sie ihre Zeilen an sing@stimmvolk.ch

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FLUCHT

Gegen geistige Verrohung

Auch er ist ausgewandert

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r hat an einem Winterthurer Strassenrand steinigen Boden durchbrochen, ungeachtet des Verkehrs. Dieser ausgebüxte Zuchtmais, jeglicher Züchtigkeit entkommen, blüht einem vagen Schicksal entgegen, die Blätter vertrauensvoll zum Licht gerichtet, egal, was komme … (Bei Redaktionsschluss hat er bereits das Zeitliche gesegnet.) Eva Rosenfelder.

Bild: Eva Rosenfelder

üzin Kar, Schweizer Drehbuchautorin und Regisseurin, bringt Asylsuchende ins Kino. Sie hat während ihres Besuches im Asylzentrum von den BewohnerInnen erfahren, wie ihnen besonders kulturelle Beschäftigung fehlt. Es mangelt nicht an Geld, sagt die zuständige Person, sondern an Wissen und Kontakten. Nun setzt Kar sich persönlich dafür ein, dass Theater, Kinos, Kulturhäuser ihre Türe öffnen und Gratiseintritte an Asylsuchende zur Verfügung stellen. Via Facebook hat sie aufgerufen, es ihr gleich zu tun: Kulturhaus anschreiben, Tickets abholen und im Asylzentrum vorbeibringen. OR

mmen b llko ei i w W

Willkommen! Gastfreundschaft weltweit Werner Pieper (Hg.)

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216 Seiten, mit Fotos, kartoniert, ISBN 978-3-925817-66-3, 15,00 €

Im Namen der Menschlichkeit

Vergesst die Gastfreundschaft nicht!

Rettet die Flüchtlinge! Heribert Prantl

Margot Käßmann

Menschen fliehen, weil in ihrer Heimat die Hölle los ist. Heribert Prantl hat ein leidenschaftliches Plädoyer geschrieben – gegen die Abschottung Europas und für ein radikales Umdenken in der Flüchtlingsund Einwanderungspolitik.

In unserem Land leben 16,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, und es werden stetig mehr. Margot Käßmann macht klar, dass es nur einen Weg gibt: Wir müssen offen sein für andere Kulturen und neue Einflüsse ohne unsere Grundwerte aus den Augen zu verlieren.

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tropia.de syn w.

Wenn man in fremden Ländern unterwegs ist oder Menschen aus fremden Kulturen bei sich zu Gast hat, kann man auch bei bestem Willen viel falsch machen und noch mehr: lernen. Werner Pieper hat für über 60 Länder wichtige Fakten von Begrüßungen, Besuchen, zu Gastgeschenken und -gepflogenheiten gesammelt. Ein wertvoller „Ethnologie-Knigge“.

Sultanas Traum Roquia Sakhawat Hussai Die Purdah verschleiert Frauen. Sie war und ist in manchen Regionen eine religiöse Pflicht. Sultana findet sich plötzlich in einer entschleierten Frauenwelt, aus der die Männer – zum Wohle aller – verbannt sind, wieder. 84 Seiten, kartoniert, ISBN 978-3-930442-79-9, 10,00 €

Jetzt bin ich hier Maria Braig (Hg.)

Brief in die Auberginenrepublik Abbas Khider

Flüchtlinge sind nicht nur hilfsbedürftige Opfer, sondern Menschen mit Kraft und Energie und mit Fähigkeiten, die sie nicht in ihrer Heimat zurücklassen, sondern mit in ihr neues Leben bringen.

Der Roman erzählt die Reise eines Liebesbriefs von einem Flüchtling von Bengasi nach Bagdad. Er hat mit seinem dritten Roman ein Tableau der arabischen Welt am Ende des 20. Jahrhunderts geschaffen.

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160 Seiten, gebunden

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ISBN 978-3-89401-770-5, 18,00 €

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Zürich als Zentrum der Friedensbewegung Es sind vor allem Ausländer, die vor hundert Jahren in Zürich eine internationale pazifistische Bewegung gründen. Mitten unter ihnen: Lenin. Aber er hält nichts von der Niederlegung der Waffen und geht an der berühmten Konferenz von Zimmerwald mit Trotzki eigene Wege. von Philippe Welti

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er freie Personenverkehr ist keine neue Erfindung. Vor über 100 Jahren kannte man in Europa nichts anderes. Pässe gabs nicht, jeder konnte sich überall niederlassen. Das Wort Ausländer fand im Schweizerischen Zivilgesetzbuch erst im Jahr 1912 Eingang. Nach der gescheiterten 1848er-Revolution in Deutschland strömen tausende Menschen in die Schweiz mit ihren bürgerlichen Freiheiten, die in zahlreichen anderen Staaten Europas erfolglos eingefordert worden waren. Als Folge davon verzehnfacht sich die ausländische Bevölkerung der Stadt Zürich. Zwischen 1895 und 1913 steigt die Einwohnerzahl der Schweiz insgesamt um 20 Prozent. Die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz, insbesondere die starke Industrialisierung, zieht Menschen aus ganz Europa an. Das Land wird vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland. 1912 zählt die Stadt Zürich einen Ausländeranteil von 32,2 Prozent, 21 Prozent sind Deutsche. In Genf sind es um 1910 sogar 40 Prozent, in Basel 38 Prozent. Zu dieser Zeit schicken wohlhabende Russen ihre Söhne und vor allem Töchter in die Schweiz. Sie bilden einen gossen Teil der Studenten an den Universitäten. Jeder dritte Student im Land stammt aus Russland – rund 90 Prozent davon sind Frauen. Auf die Schweizer entfällt gerade mal ein Drittel. In der Zeit des industriellen Aufschwunges kennen die Arbeiter, die oft unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, wenig Rechte. Zusammen mit den fortschrittlichen Ausländern entsteht eine revolutionär-emanzipatorische Bewegung. Es bilden sich schon früh in Zürich, aber auch andernorts, Arbeiterbildungsvereine, die sich um das Hier entstand der Geist von Zimmerwald: Der sozial­ demokratische Verein «Eintracht» an der 1. Mai-Demonstration von 1912 in Zürich. (Mit freundlicher Genehmigung des Chronos Verlags, aus dem Buch «Bildungsort, Männerhort, politischer Kampfverein» von Karin Huser)

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Proletariat kümmern. Besonders aktiv ist der «Deutsche Arbeiter-Bildungs-Verein Eintracht in Zürich», der im heutigen Theater am Neumarkt zu Hause ist. Die erste Friedensbewegung Während in Europa der Erste Weltkrieg tobt, wird auf der neutralen Insel Schweiz die Stadt Zürich zur Drehscheibe einer internationalen Friedensbewegung. Gleichzeitig gehen tausende Ausländer zurück in ihre Heimat und in den Krieg, während Kriegsflüchtlinge und Deserteure – viele von ihnen revolutionär oder anarchistisch angehaucht – in der Schweiz Schutz suchen. Diese Immigranten bilden die intellektuelle Vorhut der Friedensbewegung, die Arbeiterschaft in den neu eingemeindeten Aussenquartieren ist ihre Basis für den gesellschaftlichen Druck gegen den Krieg. Politisch links geschulte Jugendliche in ihren Organisationen mit Mädchensektionen tun das Ihrige zu dieser Entwicklung. In den Zürcher Stadtquartieren formieren sich linke Diskussionszirkel mit getarnten Bezeichnungen wie zum Beispiel «Kegelklub». Einer der führenden Köpfe der Friedensbewegung ist der Deutsche Willi Münzenberg, der Sekretär der Internationalen Jugendvereinigungen. Er organisiert von Zürich aus die europaweite Agitation für den Frieden und lernt dabei Wladimir Iljitsch Uljanow, Kampfname Lenin, kennen, der immer wieder vor dem zaristischen Russland in die Schweiz flüchtete und mit Unterbrüchen seit 1895 im Land ist. Weitere führende Köpfe der Bewegung sind Fritz Platten, Sekretär der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, der 1917 die Reise Lenins im Eisenbahnwagen nach Russland organisieren wird, später in die Sowjetunion übersiedelt und dort im Zuge des Grossen Terrors in einem Arbeitslager erschossen wird, sowie Ernst Nobs. Er wurde 1943 der erste SP-Bundesrat. Der Friedensapostel Max Daetwyler, Pazifist und erster Schweizer Kriegsdienstverweigerer, findet Anhänger und gehört bis in die 1970er Jahre zum Strassenbild des Landes.

• Sage mir, wer dich lobt, und ich sage dir, worin dein Fehler besteht. Lenin

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Lenin liebt die Schweiz, aber ist frustriert Lenin ist zu dieser Zeit Mitglied der SP Schweiz. Doch von den Schweizer Genossen hält er wenig. Er selber bezeichnet Robert Grimm, den führenden Schweizer Sozialdemokraten und Redaktor der «Berner Tagwacht», als «Schuft», der «in der Partei seines spiessbürgerlichen Landes versinkt». Die Verachtung war übrigens gegenseitig. Während Lenin von der Schönheit der Schweizer Landschaft schwärmt, findet er es je länger desto frustrierender, dass er dieses Land nicht in die Revolution führen kann und fragt sich, was eigentlich dieser «kleinbürgerliche Bazillus» ist, der die Schweizer Revolutionäre angesteckt hat. Die Schweiz lobt er als «ein sauberes, reingefegtes Land», mit «hübschen Bergen, freundlichen Pensionen, klaren Seen». Besonders angetan haben es ihm die Bibliotheken. Die Zentralbibliothek Zürich ist für ihn ein Grund, von Bern umzuziehen: «Was für eine Freude es immer ist, dort zu arbeiten – dies jetzt, wo Krieg herrscht». Als Zentrum der antizaristischen Russen ist die Schweiz für ihn auch ein «Klärbecken der russischen Revolution», wo die Spreu vom Weizen getrennt wird. Ebenfalls in Zürich befindet sich Leo Bronstein, Kampfname Trotzki, Berufsrevolutionär und marxistischer Theoretiker, der nach der ersten russischen Revolution in die Schweiz geflohen ist. Noch sind Trotzki und Lenin damals aber nur einem kleinen Kreis von Leuten bekannt. Trotzki verfasst Programm für Zimmerwald in Zürich Beide verkehren in der «Eintracht», einem politischen Kampfverein, wo Handwerker Arbeit suchen und sich weiterbilden können. Im November 1914 entsteht in der «Eintracht» eine Broschüre, deren Thesen später in Zimmerwald verhandelt werden. Autor: Trotzki. Die Konferenz, einberufen von Robert Grimm, hat das Ziel, die Sozialistische Internationale neu zu organisieren. Im Kampf gegen den Krieg setzt der Initiant auf die direkte Vernetzung der den Internationalismus hochhaltenden sozialistischen Kriegsgegner aus allen Ländern. Während vier Tagen werden im verschlafenen Bauerndorf in der Nähe von Bern die unterschiedlichen Positionen der linken Teilnehmer aus aller Welt diskutiert. Bloss, die Parteien finden sich nicht. Die Minderheit um Lenin ist der Meinung, dass das Proletariat seine Waffen erheben müsse gegen die herrschende Klasse. Trotzdem wird das «Zimmerwald Manifest», ein Aufruf für den Frieden und die Beendigung des Ersten Weltkriegs, von allen Teilnehmern unterzeichnet. Fortan aber ist die Arbeiterbewegung gespalten in Sozialdemokraten und revolutionäre Kommunisten. Die Ideen der Gruppe um Lenin, damals als «Zimmerwalder Linke» bezeichnet, fallen in Russland auf fruchtbaren Boden, führen zur bolschewistischen Revolution und letztlich zur Gründung der Sowjetunion. Das Bauerndorf Zimmerwald trägt fortan den mythisch verklärten Titel: «Wiege der UdSSR».

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Den verabschiedeten Thesen der Konferenz schliessen sich Gruppen in ganz Europa an. Die Bewegung der «Zimmerwalder» verkörpert die «kreative Substanz des undogmatischen revolutionären Denkens mit internationaler Orientierung», bilanziert Bruno Kammerer, Graphiker und Politiker aus einer in Zürich seit Generationen politisch aktiven Familie und Kenner der Arbeiterbewegung. Ein Jahr nach der Konferenz in Zimmerwald ruft Grimm zur Konferenz in Kiental im Berner Oberland. Jetzt gewinnt die revolutionäre Richtung an Einfluss. Der Wille zum revolutionären Klassenkampf findet diesmal in der Resolution der Konferenz Eingang. Bald haben die russischen Agitatoren allerdings ein Problem. Sie sitzen in der Schweiz, während in der Heimat die Revolution ausbricht. Lenin macht sich in einem plombierten Eisenbahnwagen auf den Weg nach Russland, wo er später an die Macht kommt. In der Schweiz toben Streiks und unter den Arbeitern gärt es. Es ist eine unruhige Zeit – auch in Zürich. Der Geist der «Proletarischen Jugend» lebt heute weiter Nachdem er ausgewiesen 1917 wird, baut Willi Münzenberg in Berlin ein kommunistisches Presseunternehmen und gründet die «Arbeiter-Illustrierte-Zeitung». Im selben Jahr gründet unter dem Einfluss von Zimmerwald eine Gruppe von Jungburschen in Zürich die politische Genossenschaft «Proletarische Jugend». Ganz im Sinne der «Eintracht», die zerfällt, bietet sie kulturelle und politische Bildung an. 1934 eröffnet sie mit dem «Café Boy» einen Neubau mit Café, Produktionswerkstätten und Versammlungsräumen. Als Zimmerwald-Tochter ist die Genossenschaft, die heute unter der Bezeichnung «bonlieu» firmiert, seit jeher international gegen den Faschismus tätig. Bis zum Untergang des Franco-Regimes im Jahr 1976 beliefern zum Beispiel «bonlieu»-Kuriere die spanischen Anitfaschisten mit geheimen Unterlagen. Die «bonlieuGenossenschaft für Wohnen und Kultur» engagiert sich heute im privaten und öffentlichen Bereich als Lobbyistin für eine solidarische kulturelle Entwicklung unserer Gesellschaft. So lebt ein bisschen Zimmerwald bis heute weiter, auch wenn sich die Zimmerwaldner selbst gegen ihre Vergangenheit wehren und im Dorf Erinnerungstafeln verboten sind.

Weiterführende Literatur • Frieden allen Ländern – Zürichs Wurzeln und Erbe von Zimmerwald 1915 – 2015, Bruno Kammerer, Bonlieu Editionen • Zimmerwald und Kiental. Weltgeschichte auf dem Dorfe. Bernhard Degen und Julia Richers, Chronos-Verlag • Bildungsort, Männerhort, politischer Kampfverein. Der deutsche Arbeiterverein «Eintracht Zürich» (1840 – 1916). Karin Huser, Chronos-Verlag

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Lenin als Gast in Zürich Sein Vater holte Lenin nach Zürich, bei seinem Onkel wohnte der grosse Revolutionär. Er selbst diente dem Widerstand gegen Franco als Kurier, machte aber auch in Zürich als Gemeinderat erfolgreich Politik. Die Rede ist von Bruno Kammerer, heute 79 und immer noch als selbständiger Grafiker tätig.

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er Mann trägt den Schalk in den Augen und kann sich noch immer diebisch freuen, wenn ihm in der Stadt ein Coup gelingt. Zum Beispiel bürgerliche Politiker dazu zu bringen, sich für Schweizer einzusetzen, die vor noch nicht so langer Zeit noch als «stalinistische Söldner» bezeichnet wurden. Vor drei Jahren gestaltet Bruno Kammerer mit dem Segen der FDP eine Gedenktafel, die heute am Neumarkt 5 an die Spanienkämpfer gegen die Faschisten Francos erinnert, die sich hier im ehemaligen Arbeiterbildungsverein «Eintracht» versammelten. Bei der Enthüllung verliest Kammerer sogar eine Grussbotschaft von König Juan Carlos. Bruno Kammerer verfügt über die DNA der Revolution. Sein Urgrossvater war ein deutscher Anarchist, der in die Schweiz floh, sein Grossvater gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zu den Grütlianern, den Vorläufern der Sozialdemokraten. Ganz klar, dass auch Bruno Kammerers Vater Jean, Mitglied der sozialistischen Jungburschen, vom Virus des Kommunismus angesteckt ist. Später wird er sogar die kommunistische Partei der Schweiz mitinitiieren. Als ihn Lenin in Bern in seinen Plan einweiht, mit seiner Frau nach Zürich umzuzuziehen, bringt Jean seinen Onkel, den Schuhmachermeister Titus dazu, den beiden zwei Zimmer in seiner Wohnung an der Spiegelgasse 14 zu vermieten. Monatlicher Mietzins: 24 Franken. Lenin hat ab und zu Mühe, das Geld aufzutreiben, bezahlt jedoch immer pünktlich. In einem Zimmer schlafen die beiden, im anderen arbeitet Lenin bis spät in die Nacht, wenn Krupskaja längst schläft. Jede Nacht bevor er ins Arbeitszimmer geht, gibt er ihr einen Gute-Nacht-Kuss. Der gute Titus hat allerdings keine Ahnung von der politischen Bedeutung seines Gastes. Lenin war kein leutseliger Mensch. Das weiss Bruno Kammerer von Erzählungen von Onkel Titus und Vater Jean. «Er war ein Vorbild für die Jungen, ein guter Zuhörer, aber auch ein sehr disziplinierter Bürokrat, der die meiste Zeit in der Zentralbibliothek

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verbrachte», so Kammerer. Lenin ist damals immer wieder in Kontakt mit Bruno Kammerers Vater, dem jungen Kommunisten, mit dem er über die Weltrevolution debattiert. Eines Tages echauffiert sich Jean Kammerer so sehr über die Gräuel des Krieges, dass er gleich ein flammendes Pamphlet gegen den Kriegsdienst verfasst. «Da setzte sich Lenin neben ihn und überzeugte ihn innert fünf Minuten vom Gegenteil. Der bewaffnete Kampf gegen die Kapitalisten sei notwendig. Der Revolutionär diktierte dann meinem Vater ein Manifest für den Kriegsdienst.» 1951 stirbt Titus Kammerer. Einmal hatte ihm die Sowjetregierung angeboten, ihm die ganze von Lenin benutzte Wohnungseinrichtung abzukaufen. Doch der stolze Schumacher hat abgelehnt. So kommt es, dass heute der Schreibtisch mit der Lampe, unter der Lenin seine Pamphlete verfasste, im Besitz von Bruno Kammerer ist und in seinem Atelier im Zürcher «Chreis Cheib» steht. Es gibt zu tun für einen umtriebigen Linken wie Bruno Kammerer. Deshalb zieht er 1962 nach Spanien. Unter dem Kampfnamen Big Rubio, abgeleitet von Bigote rubio (blonder Schnauz), schmuggelt er Geld und Briefe aus dem demokratischen Frankreich nach Spanien. Glücklicherweise fliegt er nie auf. Es hätten ihm mehrere Jahre Kerker gedroht. Vier Jahre später ist Bruno Kammerer wieder in Zürich, steigt in die Geschäftsleitung der SP auf und schafft 1970 den Sprung in den Gemeinderat, die Legislative der grössten Schweizer Stadt. Der Mann hat ein Gespür für Polittalente und sagt. «Ich habe Emilie Lieberherr gefördert und Moritz Leuenberger für höhere Aufgaben geschult.» Die Geschichte hat ihm rechtgegeben. Seine grösste politische Tat in Zürich vollbringt er in den Neunzigerjahren. Als Präsident der gemeinderätlichen Verkehrskommission lobbyiert er so geschickt, dass er schon bald den inoffiziellen Titel des zehnten Stadtrats trägt. Sein Vorgehen gewinnt dabei, wen wunderts, revolutionäre Sprengkraft. Unter Kammerer können sich ausserparlamentarische

Wirtschaftsvertreter ebenso wie städtische Beamte und andere Experten zur Verkehrspolitik äussern. Auf diese Weise ringt er dem Parlament den städtischen Verkehrsplan ab, der als «historischer Verkehrskompromiss» in die Geschichte eingeht, der zu einer städtebaulichen Aufwertung Zürichs führt und die Anzahl der Parkplätze plafoniert. Im Jahr 1998 tritt er als Gemeinderat zurück – aber nicht aus der Politik. Von seinem Selbstverständnis her ist Kammerer vor allem ein guter Grafiker. Zweimal zeichnet ihn die Eidgenossenschaft mit dem »Grossen Preis für Angewandte Kunst» aus. Diese Selbstsicherheit habe ihm erst seine «übrigen Kapriolen» erlaubt, sagt er heute mit einem Schmunzeln. Der Name Kammerer verpflichtet. So fehlt denn das «Animal Politique» auch nicht an der 100-JahrGedenkfeier der Zimmerwaldner Konferenz im vergangenen September. Philippe Welti

Bruno Kammerer: Sein Vater holte Lenin nach Zürich, sein Onkel vermietete ihm zwei Zimmer, er selbst war ein erfolgreicher Politiker.

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Entwicklungshilfe aus Bolivien von Fabian Grieger

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chreibe ich nach gerade einmal drei Wochen in Bolivien bereits aus bolivianischer Sicht? Nicht ganz. Aber meine Gedankengänge zum Thema Grundrechte stehen unter dem Eindruck des Erlebten und des Beobachteten hier in Bolivien. Das indigen geprägte Land wird seit einigen Jahren von Evo Morales regiert, der nicht nur selbst indigener Abstammung ist, sondern sich auch noch als Anführer einer «Bewegung für den Sozialismus» sieht. Morales regiert das Land nicht nur, sondern verändert es massgeblich. Da geht es um die Einführung eines Rentensystems, um Unterstützung für schwangere Frauen, um Verstaatlichung der Rohstoffkonzerne und andere grundsätzliche Angelegenheiten. Und noch mehr: zum Beispiel darum, dass der Präsidentenpalast, der vor nicht allzu langer Zeit noch eine jener Zonen war, die nicht von Indigenen betreten werden durften, nun von einem Indigenen geführt wird. Schon nach kurzer Zeit in Bolivien erscheinen mir einige der deutschen Selbstverständlichkeiten gar nicht mehr so unangefochten richtig, zum Beispiel bei der Frage nach der Wahrnehmung der eigenen Grundrechte. Hier lohnt sich ein Blick auf die Art und Weise, mit der die Menschen auf den verschiedenen Kontinenten mit solchen gesellschaftlichen Fragen umgehen. Während in Bolivien der Kampf um die eigenen Rechte oft ein Kampf ums Überleben ist, sehen sich in Deutschland viele nicht mehr in der Pflicht, für ihre eigenen Rechte zu streiten; begründet in einer Faulheit und Konfliktmüdigkeit, die eventuell dem Luxus geschuldet sein könnte. Wer etwa denkt, das aufgeklärte Europa leiste eine Wächteraufgabe, indem es den mächtigen

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Präsidenten Morales in seinen Regierungserklärungen und Tageszeitungen kritisch auf die Finger schaut, der hat sich grundsätzlich geirrt. Wohl nirgendwo sonst wird Morales so kritisch beäugt, wie in seinem eigenen Land oder sogar – und das

In Bolivien ist der Kampf um die eigenen Rechte oft ein Kampf ums Überleben. In Deutschland streiten viele nicht einmal mehr für ihre Rechte ist das eigentlich Faszinierende – von seinen eigenen Anhängern, die ihm immerhin die absolute Mehrheit verschafft haben. Ob sie denn heute kein Quinoa habe? «Nein», erklärte mir die Verkäuferin auf dem Markt. Seit der Präsident begonnen habe, das Andengetreide auf der ganzen Welt zu vermarkten, seien die Preise so gestiegen, dass sie es nicht mehr von den Bauern kaufen könne. «Die Absicht ist ja gut gewesen» , erklärt die Morales-Anhängerin, «aber letztlich hat er nur ein paar Bauern geholfen und uns einfachen Leuten geschadet!» Das Gespräch ist kein Einzelfall. Egal wo, wann und mit wem– es dauert nicht lange bis man über Politik und Morales spricht. Der Friseur, die Marktverkäuferin oder der Mitfahrer in einem der Minibusse; eines teilen sie alle: Interesse und Kompetenz, was politische Themen betrifft. Jeder weiss Bescheid über Morales' letzte Taten, über deren Vorteile, aber auch über deren

Nachteile. Und natürlich bezieht man Stellung. Wer die vielen Pro-Morales-Parolen an den Stadtwänden sieht, die vielen TV-Werbespots der verschiedenen Ministerien oder die Plakate mit dem Gesicht des Präsidenten, dem mag ein bisschen schwummrig werden, dem mag diese Autorität ein bisschen zu präsent sein und der mag sich Sorgen um die Grundpfeiler der Demokratie machen. Diese Zweifel werden beseitigt, sobald man in den Regierungssitz La Paz gelangt und gar nicht daran vorbei kommt, einer der vielen Demonstrationen zu begegnen. Da demonstrieren wenige Jahre nach der Einführung von Renten Rentnervereinigungen mit dem Emblem Che Guevaras für eine Erhöhung der Renten. Und auch die Gewerkschaften wissen die Rechte ihrer Mitglieder zu wahren. Jedes Taxi trägt stolz das Emblem oder die Fahne seiner Gewerkschaft, man weiss hier, wie man sich für seine Rechte starkmacht. Dieses Bewusstsein wird in Bolivien gelebt und es versprüht einen Geist der Politisierung über das Land. Durch diese Erfahrung verhärtet sich gleichzeitig meine Kritik am deutschen Verhalten, wenn es darum geht, die Grundrechte zu verteidigen. Hier gibt es allenfalls den einen oder anderen empörten Aufschrei eines Kolumnisten in einer der verbliebenen kritischen Tageszeitungen. Ein bisschen Entwicklungshilfe von Bolivien könnte uns wieder bei bringen, unsere eigenen Rechte zu nutzen und uns für unsere Rechte einzusetzen.

Der 20-jährige Autor arbeitet nach einem neunmonatigen Einsatz in der Entwicklungshilfe in Bolivien an einem Manuskript über seine Erfahrungen und Erkenntnisse und ihren Zusammenstoss mit der deutschen Realität.

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Das Neuste von übermorgen

Roboter: der blinde Fleck der Forscher Roboter sollen selbständig Entscheidungen treffen und Gefühle zeigen. Das ist Ziel und Philippe Welti gleichzeitig der Denkfehler bei der Entwicklung der Maschinen schreibt

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an sollte sich genau überlegen, welche Filme man «PR2» schauen lässt. Zeigt man dem intelligenten und kollaborativen Roboter ein Video eines Pizzaiolos bei der Arbeit, lernt er innert wenigen Minuten selbst eine Pizza herzustellen. Nicht auszudenken, was passiert, wenn er sich davonschleicht und sich einen Kriegsfilm anschaut. Entwickelt wurde «PR2» vom EU-finanzierten Projekt «Robo How», in dessen Rahmen Roboter für den Alltag entwickelt werden. Mit Hochdruck treibt die Menschheit die Entwicklung von Robotern voran. Womit müssen wir rechnen, wo sind die Grenzen künstlicher Intelligenz? Roboter können heute sprechen, sehen, hören – und lernen ständig dazu. «Jibo» zum Beispiel erinnert seine Besitzer an Verabredungen, lässt sich E-Mails diktieren und spielt sogar mit den Kindern. Braucht es diese vorprogrammierte Bequemlichkeit? Auf die Frage, was der Mensch mit der Zeit anfängt, die er gewinnt, weil er keinen Lichtschalter mehr bedienen muss, gibt «Jibo» leider keine Antwort – noch nicht. Zudem ist davon auszugehen, dass die Zeit dem Besitzer des Roboters gehört, bzw. den dahinterstehenden Investoren. Immer mehr Roboter werden uns Menschen künftig unterstützen. Der Siegeszug der Maschinen hängt allerdings davon ab, ob sie einmal tragfähige Entscheidungen fällen können – Zeit für einen Realitätscheck. Betrachten wir zunächst ein selbstfahrendes Auto. Das Fahrzeug muss im Verkehr blitzschnell Entscheidungen treffen. «Die Maschine fährt sicherer als der Mensch», sagte kürzlich Daimler-Vorstand Wolfgang Bernhard. Er mag Recht haben. Bloss: Es geht manchmal um mehr als bloss Gas geben und Bremsen. Stellen wir uns

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eine Situation vor, in der ein Kind mit dem Ball auf die Strasse rennt. Das Auto ist zu schnell unterwegs, um rechtzeitig bremsen zu können. Auf dem Trottoir geht eine Mutter mit Kinderwagen, auf der anderen Spur kommt ein Velofahrer entgegen. Jetzt muss das selbstfahrende Auto entscheiden, welches Menschenleben es opfert, um insgesamt den geringsten Schaden anzurichten. Die Maschine kann keine gute Lösung bieten – weil sie nicht fühlt wie ein Mensch. Natürlich müssen Roboter, die sich in der Gesellschaft bewegen, mehr Fähigkeiten haben als ein selbstfahrendes Auto. Doch das wird schwierig werden. Die Menschheit hat sich in den letzten 100‘000 Jahren unglaublich entwickelt. Wir sind kreativ, intelligent, verfügen über Humor, bauen Autos, leben in komplexen gesellschaftlichen Strukturen und können sogar mit Paradoxa umgehen. Kurz: Wir «menscheln». • Wir fällen ziemlich viele Bauchentscheidungen. • Wir können zwischen den Zeilen lesen. Zum Beispiel. „Nach den Ferien ist die Waa ge mein Feind.“ Das versteht der Roboter nicht. Er versteht bloss, wenn ich ihm sage, dass ich zugenommen habe. • Wir entscheiden in komplexen Situationen intuitiv. Intuition ist mehr als nur ein Ge fühl. Es ist eine Ahnung, die unbewusst auf Erfahrung beruht. • Wir haben ein Bewusstsein fürs Ganze, das sich im Gottesglauben manifestiert und in allen Kulturen vorkommt. • Wir sind sozial; nicht, weil sich dies lohnt, sondern weil wir Gefühle haben.

zu ermüden für uns erledigen. Dabei setzen wir heute in den Maschinen auch künstliche Intelligenz ein. Nichts spricht gegen die Delegation von Entscheidungen – solange wir die letzte Entscheidungsgewalt behalten. Trotzdem ist die Forschung besessen davon, einen Schritt weiter zu gehen und Roboter zu entwickeln, die fühlen und denken wie wir. Eine Utopie? Die Kopie eines Menschen zu erstellen, die zwar viel kann, dies aber nicht besser tut, als wir es selber können, macht wenig Sinn. Der wirtschaftliche Nutzen ist zudem nicht erkennbar. Roboter sollen Maschinen bleiben und das tun, was sie am besten können: Grosse Datenmengen analysieren, miteinander verknüpfen und daraus Handlungen ableiten, welche uns Menschen das Leben erleichtern. Übrigens: Dass die Roboter einmal nach der Weltherrschaft greifen werden, wie uns Science-Fiction-Filme und Untergangspropheten wahrmachen wollen, ist unwahrscheinlich, denn Machtausübung ist etwas zutiefst Menschliches.

Weil wir unsere Stärken und Schwächen kennen, haben wir Maschinen entwickelt, die Tätigkeiten besser, schneller, billiger und ohne

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Kandidaten auf dem Geld-Grill Was verstehen Nationalratskandidaten von der wichtigsten gesellschaftlichen Einrichtung, dem Geld? Dies wollte der Verein Gelddebatten wissen und lud die wichtigsten Parteien des Kantons Zürich zu einer öffentlichen Prüfung vor Publikum ein.

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ewonnen hat der Landwirt Hans Egli von der EDU, der sich mit dem Buch «Geld aus dem Nichts» von Mathias Binswanger vorbereitet hatte. Die Jury mit Prof. Mathias Binswanger, dem Volkswirtschafter Reinhold Harringer und dem UBS-Historiker Robert Urs Vogler war grosszügig: Sieben der neun Kandidaten erhielten eine Urkunde mit Wahlempfehlung. Wahlveranstaltungen sind weder lustig noch interessant – die Kandidaten verteilen Parolen und Plastik, und wenn’s gut kommt, gibt es noch eine Bratwurst. Das wollte der Verein Gelddebatten, eine vom Zeitpunkt mitgegründete Initiative, besser machen. Denn gerade bei diesem entscheidenden Thema herrscht bedenkliches Halbwissen, auch unter Politikern. Die Spielregeln des Anlasses vom 26. September im Miller’s Theater in Zürich waren einfach: Die Kandidaten erschienen einzeln auf der Bühne und beantworteten die Fragen, die ihnen fünf Minuten zuvor überreicht worden waren. Dann stellte die Jury ein paar Fragen und verteilte die Punkte. Im zweiten Teil stellten sich die Kandidaten den Fragen des Publikums, das aufgrund der Antworten den Publikumspreis verlieh.

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Das waren die Fragen: 1. Erklären Sie die juristischen und ökonomischen Unterschiede zwischen Bargeld und Giralgeld. Ungefähr richtige Antwort: Bargeld wird von der Nationalbank in Umlauf gebracht und stellt einen Anspruch auf einen entsprechenden Anteil der volkswirtschaftlichen Produktion dar. Giralgeld wird von den Banken geschöpft und ist eine Forderung an die Bank, auf Verlangen Bargeld in entsprechender Höhe auszuzahlen. 2. Was ist der gesetzliche Auftrag der FINMA? Die richtige Antwort: Art. 5 des FINMAGesetzes «Die Finanzmarktaufsicht bezweckt … den Schutz der Gläubigerinnen und Gläubiger, der Anlegerinnen und Anleger, der Versicherten sowie den Schutz der Funktionsfä-

Wer weiss es wirklich? Neun mutige NationalratsKandidatinnen und -Kandidaten stellte sich den Sachfragen zum Geld. Bild: André Abel

higkeit der Finanzmärkte.» Interessant und relevant ist die Reihenfolge.  3. Wer ist für die Stabilität des globalen Finanzsystems zuständig? Weltbank, UNO, IWF, OECD, G20, FSB, BIZ, WTO? Ungefähr richtige Antwort: Das Financial Stability Board. Diese relativ formlose Körperschaft ohne völkerrechtliche Basis wurde 2009 im Auftrag der G20 gebildet. Das Sekretariat wird am Sitz des BIZ geführt. 4. Schätzfrage: Wie ist das ungefähre Verhältnis zwischen globalen Geldschulden und globaler Geldmenge? 1:5 (Geldmenge 5 x grösser als Schuldenmenge), 1:2, 1:1, 3:1? Ungefähr richtige Antwort: Die globalen Geldschulden betragen gemäss McKinsey 199 Bio. Dollar. Die aktuelle globale Geldmenge wird offiziell nicht erhoben. 2010 betrug sie rund 55 Bio. Dollar (Mike Hewitt, DollarDaze. com). Heute dürfte sie bei rund 65 Bio. Dollar liegen. Die Geldschulden liegen folglich rund dreimal höher als die Geldmenge. Das Objekt der Begierde: Eine offizielle Wahl­empfehlung der Jury.

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Gemeinschaft macht sicher

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it ihrem Buch «Gemeinsam auf dem Acker» haben die Journalistin Betttina Dyttrich und der Fotograf Giorgio Hösli der solidarischen Landwirtschaft in der Schweiz ein überfälliges Denkmal gesetzt. Mit Begeisterung setzt Dyttrich die Lesenden mitten ins Feld. Ohne romantische Verklärtheit zeigt sie, warum die fünfzehn vorgestellten Gemeinschaftswerke essentiell für die Umgestaltung hiesiger Landwirtschaft sind. Produzenten und Konsumenten gehen eine langfristige Beziehung ein. Sie garantiert für beide ein sicheres Geschäft. Zitate, Bildlegenden und Anleitungen zur Aktion machen die Lektüre trotz Informationsdichte leicht und kurzweilig. Man versteht, dass Landwirtschaft keine Industrie ist und erfährt wie die Genfer Jardins de Cocagne vor drei Jahrzehnten Mehrheitlich richtige Antworten gab es nur bei der Schätzfrage. Erstaunlich, dass die meisten Politiker wissen, dass die Menge der Schulden dreimal so hoch ist wie die Geldmenge und dabei ganz gelassen bleiben. Was sind Schulden, wenn das Geld gar nicht da ist, sie zu decken? Und was ist ein Geld wert, das mehrheitlich aus Schulden besteht, die nicht bezahlt werden können. Pech hatte Judith Bellaiche, die als erste ins Rennen musste und von der Jury trotz guter Antworten strenger bewertet wurde. Dank entgegenkommender Bewertung durch die Jury erhielten folgende sieben Kandidaten ein Zertifikat mit Wahlempfehlung und der Bestätigung «hat die öffentliche Prüfung seines/ihres Fachwissens über die Funktionsweise des Geldsystems bestanden und ist in der Lage, eine sachliche, parolenfreie politische Debatte zu führen». Jacqueline Badran/SP, Judith Bellaiche/GLP, Markus Bischoff/AL (mit Publikumspreis),

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die führende Rolle einer neuen Bewegung einnahmen. Im Interview beschreibt Hans Widmer alias P.M., wie er sein im Gemeinschaftsgarten miterwirtschaftetes Gemüse in den Bioladen der Wohngenossenschaft «Kraftwerk 1» bringt. Ein Beispiel, wie die Beziehung zwischen Konsumenten und Produzenten neu gelebt wird. Dass das Buch eine geistige als auch optische Wohltat ist, verdankt es den 170 grandiosen Bildern Giorgio Höslis. Durch sie hört man Kühe schnauben. OR Bettina Dyttrich & Giorgie Hösli: Gemeinsam auf dem Acker – solidarische Landwirtschaft in der Schweiz. 2015, Rotpunktverlag. Geb., 170 Farbfotos, 288 S., Fr. 38.–/ € 34.–

Hans Egli/EDU (mit Bestnote der Jury), Bastien Girod/Grüne, Stefan Hunger/BDP, Phi­ lipp Kutter/CVP und Peter Vollenweider/FDP. Kein Zertifikat erhielten Nik Gugger/EVP und Wolfram Kuoni/SVP. Die Kandidaten, denen sonst wenig Auftrittsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, äusserten sich dafür sehr positiv zu diesem neuen Diskus-

sionskonzept, obwohl der Besuch am Samstagnachmittag mit 50 Personen eher schwach war. Leider reichten die Mittel nur für eine einmalige Durchführung, Verbesserungsmöglichkeiten können erst auf die nächsten Wahlen realisiert werden. Aber das Format, Sachwissen von Kandidaten jenseits von Parolen abzuklopfen, verdient eine Fortsetzung. Christoph Pfluger

Thema der nächsten Gelddebatte: Raubzug der Retter – wie der IWF Staaten ausnimmt und Krisen verschärft Mit dem Bestsellerautor Ernst Wolff («Weltmacht IWF») und einer Replik von Paul Inderbinen – Leiter Staatsekretariat für internationale Finanzfragen SIF Der Int. Währungsfonds hat sich seit seiner Neuausrichtung in den 70er Jahren zum Geldeintreiber des internationalen Geldkapitals entwickelt. Wie Ernst Wolff in seinem Buch schreibt, erpresst der IWF Staaten, plündert Kontinente und ist dabei zur mächtigsten Finanzorganisation der Welt aufgestiegen.

Anschliessend Diskussion mit Eernst Wolff, Paul Inderbinen und dem Publikum. Raubzug der Retter – wie Weltmacht IWF Staaten ausnimmt und Krisen verschärft. 3. November, 20:00 Uhr, im Miller’s. Zürich Tiefenbrunnen. Eintritt: Fr. 25.–. Anmeldung: www.gelddebatten.ch

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Es ist nicht alles gut, was glänzt

Ethisch fragwürdig Die Schnellen werden langsamer

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ie Ökonomin Esther Duflo erhält den «A.SK Social Science Award» 2015, einen der bestdotierten internationalen Preise in den Sozialwissenschaften. Die französisch-amerikanische Professorin für Armutsbekämpfung und Entwicklung am Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat die Entwicklungsökonomie revolutioniert, indem sie mit experimentellen Methoden Massnahmen zur Armutsbekämpfung auf ihre Wirksamkeit überprüft. In ihrem mit Abhijit V. Banerjee verfassten Buch Poor Economics (2011, Deutsch 2012) zeigte Duflo mit randomisierten kontrollierten Studien, wie sie in der Medizin schon lange verbreitet sind, dass Mikrokredite trotz einiger positiver Effekte kein geeignetes Instrument zur Armutsbekämpfung sind, oder dass die Versorgung einkommensschwacher Haushalte mit raucharmen Kochherden doch keine so einfache Lösung war wie angenommen. Red/WZB

rsprünglich hatte die Fortpflanzungsmedizin zum Ziel, Unfruchtbarkeit zu behandeln. Heute aber entstehen immer neue Eingriffsmöglichkeiten im Bereich der Reproduktion. So suggeriert die vorgeburtliche Untersuchung, das gesunde, perfekte Kind könne garantiert werden. Vergangenen Juni wurde die Änderung des Verfassungsartikels angenommen, die den Weg für die genetische Embryoselektion bereitet. Als letzter Schritt soll nun das revidierte Fortpflanzungsmedizingesetz in Kraft treten. Die darin ermöglichte Embryoselektion ist ethisch fragwürdig. Die umstrittene Technologie vermittelt den Eindruck, bestimmte Krankheiten und Behinderungen seien vermeidbar und kann zu einer Entsolidarisierung mit Behinderten führen. Gegen das Gesetz hat biorespect (vormals Basler Appell) das Referendum ergriffen. CP

ir lieben ihn, den Berliner Flughafen BER. Er ist gigantisch. Er schlägt alle Rekorde. Er hat bereits 153 Umweltpreise gewonnen. Er steht kurz vor dem Wirtschaftsnobelpreis. Und Ehrendoktorhüte trägt er eh, übereinander gestapelt erreichen sie etwa die Flughöhe eines Jumbojets. Denn er ist der Umwelt- und Wirtschaftsgigant schlechthin. Seit 1991, also fast einem Vierteljahrhundert, ist er in Planung bzw. Bau. Zehntausende von Managern, Ingenieuren, Putzfrauen und Kabelziehern sind damit beschäftigt, so zu tun, als sollten dort mal Flieger starten und landen. Der erste Eröffnungstermin war auf 2007 angesetzt. Der zweite hieß Juni 2012, die Party mit 40'000 Gästen war schon angesetzt. Der dritte lautete 2014. Der nächste 2017. Jetzt wird auch der verschoben. Denn das Gebäude hat einen Dachschaden. Dächer existieren zwar, aber sie dachen nicht, sondern krachen, wegen Überlastung. Eine Brandschutzanlage wurde eingebaut, aber sie schützt nicht gegen Brand. Lärmschutzwände stehen rum, aber schützen nicht gegen Lärm. Gepäcktransportanlagen können vielleicht

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ildung als Wellness – Wissensvermittlung in entspannter Atmosphäre» – unter diesem Motto steht das diesjährige Multimediafestival in Lenzerheide. Am Freitag und Samstag finden 15-minütige Referate zu aktuellen multimedialen Themen, Podiumsdiskussionen zum Thema Entschleunigung und kurze Präsentationen zu Trends aus dem Multimedia-Bereich statt. Mit dabei ist neben Joël Luc Cachelin, Autor von «Offliner – die Gegenkultur der Digitalisierung» auch der Zeitpunkt-Herausgeber Christoph Pfluger. Daneben können die Besucher ganztags im «Multimedia Schaufenster» Einblicke in die Arbeit mit Video, Fotografie und Grafik erhalten und nachmittags die Lesungen der Spoken Word Künstler Amina Abdulkadir und Simon Chen im Hamam besuchen. Sonntag ist Familientag: Ab 10:00 Uhr gibt es ein Filmworkshop für gross und klein. Mitg./Red. Multimedia Festival, 20. – 22. November 2015, Lenzerheide. Der Eintritt ist kostenlos. Weitere Infos: www.multimediafestival.ch

Der Ökoflughafen

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Kuchen backen oder Tango tanzen oder irgendeinen unbekannten Zweck erfüllen, aber kein Gepäck transportieren. Mit anderen Worten: Er ist der wunderbarste Ökoflughafen der Welt. Seit -zig Jahren spart er Treibhausgase noch und nöcher ein. Und er ist ein einziges Arbeitsbeschaffungsprojekt, das John Maynard Keynes sich nicht hätte besser ausdenken können. Die einen schaufeln ein Loch, was die anderen sofort wieder zuschütten. Die einen verursachen Schäden, die die anderen beseitigen müssen. Hauptsache, neue Jobs. Die Kosten haben sich zwar verfünffacht, aber die tragen ja die Steuerzahlenden. Darunter viele Männer, die schon immer was mit Flugzeug machen wollten. Also alles verhinderte Flugpiloten mit Neidpickeln, die sich jetzt hämisch freuen, dass alle Flüge verhindert werden, in denen nicht sie selbst im Cockpit sitzen. Wer sich diesen Plan ausgedacht hat, ist unbekannt. Aber es gibt starke Hinweise, dass Rob Hopkins dahinter steckt, der Begründer der Transition Towns. Genial! Ute Scheub

Vorsicht: Weiche Gesetze

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ie Hand des Gesetzes trifft die Kleinen immer härter. Dies ist die Erfahrung in vielen Ländern. Gerade umgekehrt läuft es für die Grossen. Sie bewegen sich zunehmend im rechtsfreien Raum. «Soft Law» nennen sich die Regeln und Standards, die ausserhalb von Institutionen mit demokratischer Legitimation erlassen werden und vor allem für die Finanzbranche gelten. Ein Kritiker dieser Entwicklung ist der Zürcher Wirtschaftsanwalt und Rechtsprofessor Peter Nobel: «Die Nationalen Parlamente haben praktisch abgedankt. Sie haben an den wesentlichen Entwicklungen des Finanzmarktrechts eigentlich nicht mehr teilgenommen.» Nur: Was auf den Finanzmärkten geschieht, was dort verboten und was erlaubt ist, betrifft uns alle. Und was meint die Gegenseite? «Wenn Parlamente involviert wären, müsste es Gesetzgebungsprozesse geben und die sind langwierig», meint Eva Hüpkes vom Financial Stability Board. Fazit: Soft law ist fast food. CP

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Big Brother ist da Politischer Stau

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berall hinterlassen Menschen Datenspuren und werden von immer mehr Playern dazu angehalten, immer mehr Daten preiszugeben. Immer kleinere Sensoren messen nahezu jede Lebensäusserung in Echtzeit. Intelligente Algorithmen machen aus Datenuniversen das unbewusste Handeln der Menschen für die Inhaber der Algorithmen sichtbar. Ihnen erwächst damit eine ungekannte Macht. Das Menschenbild wird zunehmend durch Statistik und Vorhersage bestimmt. Und das verändert die Politik. Längst nutzen Politiker die Erkenntnisse für neue Formen des Regierens: Die Steuerung der Bevölkerung könnte künftig weniger über Gesetze und politische Überzeugungsarbeit ablaufen, als vielmehr über «algorithmische Regulation». Der Traum einer umfassenden Möglichkeit der Steuerung der Gesellschaft scheint wahr geworden: In seinem Buch «Die Herrschaftsformel – wie Künstliche Intelligenz uns berechnet, steuert und unser Leben verändert» zeigt Kai Schlieter, wie Politik und Wirtschaft «Big Data» für ihre Zwecke einsetzen, wie wir manipuliert werden und wie wir uns dem entziehen können – allerdings in beschränktem Mass. Red.

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bwohl das Verkehrsaufkommen am Gotthard stabil ist, haben die gemeldeten Staus in den letzten Jahren um 456 Stunden zugenommen. Das lässt den Verdacht aufkommen, dass mit den Staumeldungen politisch Stimmung gemacht wird. Hinter den Staumeldungen steht Viasuisse, die im Auftrag des Bundesamtes für Strassen ASTRA für die Verkehrsinformation zum Nationalstrassennetz zuständig ist. Die Behörde lässt immer mehr Kürzest-Staus am Gotthard vermelden: Während 2012 vier Meldungen zu Staus von einem Kilometer Länge veröffentlicht wurden, waren es zwei Jahre später 195 Meldungen. Das ASTRA macht Stimmung für den Bau eines 2. Gotthard-Strassentunnels. Politisch ist das inakzeptabel. Evi Allemann, Präsidentin Verkehrs-Club der Schweiz

Yanis Varoufakis in der Schweiz

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ann Griechenland die Erwartungen der europäischen Politik und Finanzwelt erfüllen und sich wirtschaftlich und finanziell erholen? Vom ExFinanzminister Yanis Varoufakis ist Mitte Januar 2016 am Alpensymposium in Interlaken eine Zwischenbilanz aus erster Hand zu erfahren. Weitere hochkarätige Referenten des 14. Alpensymposiums am 12./13. Januar in Interlaken sind unter anderem die Ex-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, die afrikanische Kinder-Aktivistin Dr. Auma Obama, der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach oder der Flugpionier Bertrand Piccard. Moderiert wird die Veranstaltung vom abtretenden «10 vor 10»-Moderator Stephan Klapproth. Mitg./Red. Weitere Infos: www.alpensymposium.ch

Über die 2. Gotthard-Röhre wird voraussichtlich am 28. Februar 2016 abgestimmt.

Kai Schlieter: Die Herrschaftsformel. Wie Künstliche Intelligenz uns berechnet, steuert und unser Leben verändert. Westend Verlag, 2015. 320 S., Fr. 28.90/€ 20.– Der preisgekrönte Journalist Kai Schlieter leitet das Ressort Reportage & Recherche der Tageszeitung taz.

Die Natur hat dieses Auto in Kunst verwandelt. Es steht auf einem offiziellen Parkplatz in der Altstadt von Aarau und wird von seinem Besitzer zur Erfüllung des Parkreglementes regelmässig ein paar Zentimeter

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Wer das Geldsystem verändern will, muss es verstehen. Dieses Buch liefert die Grundlagen und Hintergründe – in scharfer, eleganter Sprache. Gerechtigkeit und Freiheit gibt es nur mit einem gerechten Geld. Christoph Pfluger: Das nächste Geld – die zehn Fallgruben des Geldsystems und wie wir sie überwinden. edition Zeitpunkt, 2015. 248 S., Fr. 23.–/€ 21.– Bestellkarte im Umschlag 49


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Machen sich die Pensions­kassen strafbar?

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eit der Annahme der Abzocker-Initiative müssen Pensionskassen ihre Stimmrechte bei börsenkotierten Unternehmen ausüben und ihre Versicherten darüber informieren. Machen sie es auch? Um Klarheit zu schaffen, haben Actares und das Büro Pol.éthique im Frühjahr die Kampagne PensionFairVote lanciert – Anlass war die Abstimmung zur kontroversen Fusion von Holcim und Lafarge im Mai 2015. Über die Website pensionfairvote.ch erhielten rund 60 Pensionskassen Nachrichten von ihren Versicherten, die wissen wollten, wie abgestimmt wurde. Pensionskassen uneins Erste Erkenntnis: Die Ansichten zur Fusion von Holcim und Lafarge gehen auseinander. Man-

che Kassen stimmten Ja, andere Nein – welche haben nun «im Interesse ihrer Versicherten» gestimmt, wie es die Initiative forderte? Es erstaunt, dass etwa ein Viertel der Kassen, die von Versicherten eine Anfrage erhielten, sich nicht mal die Mühe machte, zu antworten. Und dies obwohl die Abzocker-Initiative für die Nichtbeachtung ihrer Vorkehrungen sogar Gefängnisstrafen vorsah. Glauben die Verantwortlichen der Pensionskassen, über dem Gesetz zu stehen? Oder haben sie den Volkswillen noch nicht zur Kenntnis genommen? Offensichtlich muss das Verständnis für solche Fragen unter Pensionskassen noch reifen.

ein Land importiert so viel Gold wie die Schweiz. Unter dem Titel «Ein goldenes Geschäft» hat die «Erklärung von Bern» im September eine exklusive Recherche über die Herkunft von Gold veröffentlicht. Laut dem Schweizer Bundesrat stammt es aus Togo; laut einem Informanten, dem die «Erklärung von Bern» Anonymität zusicherte, kommt es aber aus fünf handwerklichen Minen in Burkina Faso, in denen viele Kinder arbeiten. Die minderjährigen Minenarbeiter von Burkina Faso werden nach dieser Darstellung auch «Schlangenkinder» genannt, weil sie mit ihren zierlichen Körpern auf der Suche nach Gold ohne jegliche Sicherheitsausrüstung durch dunkle Tunnel kriechen. Die jüngsten sind wohl noch keine zehn Jahre alt. Sie arbeiten oftmals zwölf Stunden am Stück und sind dabei giftigen Dämpfen ausgesetzt. Um Hunger, Durst und Angst zu unterdrücken, konsumieren sie Alkohol, Cannabis und Ampethamine. Das so gewonnene Edelmetall wird anschließend zerkleinert, zermahlen, mit Quecksilber und Zyanid behandelt. Dabei entstehen ungeheure Mengen giftiger Abfälle. Das Gold wird anschließend nach Togo gebracht und von dort in die Schweiz. Der Handel läuft laut der Broschüre ohne jede

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Actares ist eine Organisation von Aktionärinnen und Aktionären, die sich bei Schweizer börsenkotierten Unternehmen für einen achtsamen Umgang mit Geld, Mensch und Umwelt einsetzt. www.actares.ch

Der kleine Alpenclub

Schmutziges Gold

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Den Druck aufrecht erhalten Der Kampf gegen Exzesse in Grosskonzernen ist noch lange nicht zu Ende. Die Pensionskassen sind gesetzlich verpflichtet, sich einzumischen. Damit sie es im Sinne der Versicherten tun, müssen diese den Druck auf die Kassen aufrecht erhalten. Actares hat mit der Kampagne PensionFairVote einen ersten Schritt dazu getan und plant weitere Aktionen. Je mehr Leute dabei mitmachen, desto grösser ist ihr Gewicht. Roby Tschopp, Geschäftsführer Actares

Kontrolle durch Schweizer Behörden über den libanesische Familienkonzern Ammar mit Firmensitz in Genf, der in Afrika so gut wie keine Steuern zahlt. Im Tessin wird es in der Raffinerie Valcambis weiterverarbeitet – für den Finanzsektor oder zu Uhren und Schmuck. Auf diese Weise wird die Schweiz zur Drehscheibe von «schmutzigem Gold». Die «Erklärung von Bern» ruft deshalb Privatpersonen auf, die beteiligten Unternehmen unter Druck zu setzen. Man solle an Konzernverantwortliche schreiben, damit diese ihrer Verantwortung im Hinblick auf Menschenrechte und Umweltstandards gerecht werden. Man möge sich beim Kauf von Gold nach dessen Herkunft erkundigen und nach den Bedingungen, unter denen es abgebaut wurde. Und man solle von den Goldhändlern verlangen, diese Fragen auch seinen Zulieferern zu stellen. Red. www.evb.ch/konzerninitiative

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s waren eingefleischte Bergsteigerinnen und Bergsteiger, die vor 20 Jahren in Brig «mountain wilderness Schweiz» gründeten. Heliskiing, Schneetöffs und unsinnige Tourismusprojekte, welche die Bergwelt immer mehr zum Freizeitpark umfunktionierten, wurden mit Demos vor Ort bekämpft. Das war ungewöhnlich und auch erfolgreich. Aber es kamen neue Einrichtungen dazu, die Touristen für ein schnelles Erlebnis in die Berge locken sollten: Aussichtsplattformen, Hängebrücken oder Fun-Klettersteigen. Dass in der Schweiz, im Gegensatz zum Ausland, über solche Anlagen wenigstens eine intensive Debatte stattfindet, ist das Verdienst von «mountain wilderness». Der «kleine Alpen-Club» kämpft nicht nur gegen die Möblierung der Bergwelt, sondern fördert auch das naturverträgliche Bergsteigen. So erlaubt es die Website AlpenTaxi.ch jährlich Tausenden von Berggängern, bei der Anreise auf das Auto zu verzichten. Wir wünschen «mountain wilderness», dass er wild bleibt (oder sogar noch ein bisschen wilder wird) und unter der Zeitpunkt-Leserschaft neue Mitglieder findet. CP

www.mountainwilderness.ch

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g en i h a c k m a nn • B r ennende B ä r t e

Das Vollgeld und die Linke

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ie Vollgeld-Initiative ist zustandegekommen. Die Schweiz wird als erstes Land der Erde an der Urne entscheiden können, ob die Banken mit selbst gebasteltem Luftgeld Reichtum auf der einen und Not auf der anderen Seite schaffen dürfen – und Konflikt und Krieg dazwischen. Dass die Banken von diesem revolutionären, aber gerechten Vorhaben nicht begeistert sein würden, war zu erwarten. Sie haben sich denn auch schon vor Beginn der Unterschriftensammlung über die «avenir suisse» gemeldet und auf die Vertragsfreiheit berufen. Ok. Wenn die Banken frei sein wollen, dann sollen sie gefälligst auch auf staatliche Garantien, Rettungsschirme, Bail-ins und -outs verzichten. Erstaunt hat mich aber der Widerstand der Linken. Wie kann man nur ein derart fundamentales Privileg wie die private Geldschöpfung verteidigen? (Einschub zur Klärung: 85 Prozent des Geldes werden durch die privaten Banken geschaffen, indem sie den Kreditnehmern Guthaben ins Konto schreiben, die es vorher nicht gegeben hat. Mit diesem buchhalterischen Trick realisieren sie aus dem Nichts happige Zinsgewinne, welche die Volkswirtschaft erarbeiten muss.) Vielleicht haben sie die Sache ganz einfach nicht verstanden, wie etwa Rudolf Strahm, der im Tagesanzeiger (vom 10. Nov. 2014) die Vollgeld-Initiative als «Verwirrung» bezeichnet und die absurde Behauptung aufstellt, «jeder Kredit müsste von der Nationalbank verantwortet oder rückfinanziert werden.» Tragischerweise beschreibt er, ohne es zu wissen, die heutige Situation: Wenn die Banken zu viele uneinbringliche Kredite verleihen, wie

dies heute weltweit der Fall ist, müssen die Zentralbanken mit der Druckerpresse einspringen – heute «quantitative easing», quantiative Lockerung genannt. Andere Kritiker haben mehr intellektuelles Gewicht, Heiner Flassbeck zum Beispiel, der frühere Chefökonom der UNCTAD. Auch er befürwortet nicht explizit die Geldschöpfung durch die privaten Banken – wie könnte er auch? –, aber er kritisiert das Vollgeld,

Probleme muss man lösen, nicht besänftigen. für Dinge, die es nicht ist. Das Vollgeld beruft sich u.a. auf die sogenannte Quantitätstheorie, nach der die Menge des Geldes eine wichtige Rolle spielt. Monetaristen wie Milton Friedman hatten erkannt, dass überschiessende Geldproduktion immer wieder zu Blasen führt und entwickelten eine ökonomische Politik der Geldmengenbeschränkung, mit verheerender Wirkung: Hohe Zinsen trieben in den 80er Jahren die Dritte Welt in eine Schuldenkrise, zerstörten Arbeitsplätze und machten die Reichen reicher. Logisch: Wenn Geld privat geschöpft wird – nämlich von den Banken – und sich sein Preis erhöht, dann profitieren die Banken und ihre Klientel. Das heisst aber nicht, dass die Quantitätstheorie falsch ist. Hätte der Staat das Geldschöpfungsprivileg nicht leichtfertig den Banken überlassen, könnte er Geld in der richtigen, dem Wirtschaftswachstum entsprechenden Menge und zum Wohle der Allgemeinheit in Umlauf bringen. Nicht die Menge des Geldes, sondern seine Herkunft ist das Problem. In einem Aufsatz mit dem Titel «Vollgeld – die Kritik der Kritik» schreibt Flassbeck: «Wir

von Geni Hackmann haben den Monetarismus ja hauptsächlich wegen der naiven Verwendung der ‹Quantitätstheorie› kritisiert, folglich gilt die Kritik für jeden, der sie in gleich naiver Weise verwendet.» Aber formulieren kann er: «Wenn ich ein Tier sehe, das aussieht wie ein Elefant, sich benimmt wie ein Elefant und Töne macht wie ein Elefant, dann nenne ich es Elefant, auch wenn das Tier es explizit ablehnt, Elefant genannt zu werden.» Nur: Flassbeck vergleicht hier faule mit gesunden Äpfeln, privates Bankengeld mit staatlichem Vollgeld. Möglicherweise hat er von der einen Sorte schon zu viel gegessen. Damit nähern wir uns dem tieferen Grund für die linke Abneigung gegen das Vollgeld. Es gibt seit dem Ersten Weltkrieg einen historischen Pakt zwischen dem Sozialismus und den Banken: Die Linken beruhigen das arbeitende Volk mit Wohltaten, die Banken finanzieren sie und verdienen ein Mehrfaches daran. Natürlich sind die obszönen Gewinne der Konzerne und der Superreichen ein Schlag ins Gesicht der Gerechtigkeit. Und sicher lässt sich die Schere zwischen arm und reich durch hohe Besteuerung und staatliche Umverteilung zugunsten der Arbeitenden ein bisschen ausgleichen. Aber die primäre Ursache der Ungleichgewichte ist die private Geldschöpfung, deren Gewinn bei 25 bis 30 Prozent des Bruttosozialprodukts liegt. So viel betragen die Kapitalgewinne gemäss Piketty in der langen Frist. Logisch: Wenn neues Geld von vornherein anstatt in die Allgemeinheit zu den Reichen fliesst, brauchen wir uns über deren Gewinne nicht zu wundern. Das Problem ist die private Geldschöpfung. Und Probleme muss man lösen, nicht besänftigen.

Motto dieser Kolumne ist ein Zitat von Lichtenberg: «Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu versengen.»

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Blütenstaubwirtschaft Wenn Dinge zu Daten werden

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ie besten und schönsten Geigen sind nicht neu, sondern dreihundert Jahre alt. Von diesem Höhepunkt haben wir uns durch den Fortschritt weit entfernt. Diese Feststellung war am Ende meiner Lehrzeit als Geigenbauer der Ausgangspunkt meiner Wanderschaft, um mehr über unsere Welt und diese Fortschrittsbewegung zu erfahren. Unterwegs bin ich zu der Ansicht gekommen, dass wir uns in einem grossen Durcheinander befinden. Wir träumen noch von der schönen Welt des alten Handwerks, wir verhalten uns brav nach den Regeln der Industrie, und wir leben tatsächlich bereits mitten im Informationszeitalter. Unsere alten Gewohnheiten, unsere aktuellen Gesetze und die gegenwärtige technische Realität passen nicht mehr zusammen. Ich meine damit zum Beispiel die Statusmeldung einer «städtischen digitalen Bibliothek» die besagt: «Dieses ebook ist zur Zeit ausgeliehen.» Das ist technisch gesehen so absurd, als hätten wir das Rad erfunden, um es auf dem Rücken herumzutragen. Dinge können ausgeliehen, Daten nur kopiert werden. Und das ebook ist kein Ding. Es ist als Datum jederzeit und überall verfügbar. Mich interessiert die Geschichte, wie es zu diesem Durcheinander gekommen ist, und die Frage, wie wir dieses «Rad» der Digitalisierung richtig nutzen könnten. BIütenstaub gibt einen Hinweis darauf. Menschen sind das, was Automaten nicht sind. Seit Urzeiten steht die menschliche Arbeitsleistung als fester Anker im allgemeinen Wertgefüge. Auf ihrer Grundlage können alle Preise berechnet und verglichen werden, auch wenn sie mehr und mehr von Maschinen erledigt wird. Das funktioniert zu Beginn eines Industrialisierungsprozesses recht gut. Man kann fragen, wie viel menschliche Arbeit diese oder jene Maschine einspart und wie sich dadurch die Lohnstückkosten verändern. Damit setzt eine Dynamik ein, die sich selbst beschleunigt. Sobald die ersten Maschinen gegen die Menschen gewinnen und die Arbeit schneller und günstiger machen, bleibt den frei gewordenen Arbeitskräften, weil sie noch immer lohnab-

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von Georg Hasler

hängig sind, nichts anderes übrig, als weitere Maschinen zu bauen. Das geht so weiter bis zu dem Tag, an dem sie eine Maschine herstellen, die selbst wiederum Maschinen herstellt. Jetzt sind theoretisch alle Arbeiter von der Plackerei befreit. Einige von ihnen sind mit der hochinteressanten Planung dieser Automatisierungsprozesse

Angenommen, eines Tages würde alle physische und geistige Arbeit durch Vollautomaten geleistet, dann würde alles Geld wie bei einem Riesenmagneten bei diesen Vollautomaten landen, und ganz schnell würde alles Wirtschaften zum Erliegen kommen, weil gar kein Geld mehr bei den Menschen ankommt. beschäftigt. Die übrigen Arbeiter könnten etwas anderes tun oder den Blick aufs Blumenfeld geniessen. Weil sie aber weder am Eigentum noch an der Organisation der neuen Automaten beteiligt sind, fehlt ihnen das Anrecht auf deren Ertrag, und das bringt sie in Existenznot. Diese Not ist so alt wie die Industrialisierung. Die Maschinenstürmer wollten schon vor zweihundert Jahren das Problem durch die Zerstörung der Maschinen aus der Welt schaffen, und hundert Jahre später erkannte auch Henry Ford, dass er von seinem Maschinenertrag wieder so viel an seine Arbeiter verteilen musste, dass sie sich selbst aus ihrem Lohn auch die Produkte kaufen konnten, womit das prinzipielle Problem nicht gelöst, aber noch längere Zeit aufgeschoben werden konnte. Einen weiteren Aufschub erhielt das Problem dadurch, dass die durch Maschinen wegrationalisierten Arbeitsplätze teilweise ersetzt wurden durch Kopfarbeitsplätze. Aber genau so, wie die meisten Muskelarbeitsplätze durch die Mechanisierung aufgelöst wurden, werden in den nächsten fünfzig Jahren die meisten Kopfarbeitsplätze durch die Digitalisierung überflüssig. Denn jede Kopfleistung, die nicht mehr tut, als nach bereits bekannten Verfahren bereits bekanntes Wissen zu verarbeiten, wird ersetzt werden. Und wenn wir ehrlich sind, leisten wir in den allermeisten Fällen nicht viel mehr als das. Was sich daraus in den nächsten vierzig Jahren entwickeln

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wird, können wir uns kaum vorstellen, obwohl es uns unmittelbar bevorsteht. Angenommen, eines Tages würde alle physische und geistige Arbeit durch Vollautomaten geleistet, dann würde alles Geld wie bei einem Riesenmagneten bei diesen Vollautomaten landen, und ganz schnell würde alles Wirtschaften zum Erliegen kommen, weil gar kein Geld mehr bei den Menschen ankommt. Alles Geld wäre eingefangen auf der Investitions- und Renditeebene der Maschinenwelt und müsste deshalb so schnell wie möglich wieder durch Sozialbeiträge oder Konsumverschuldung verteilt werden, damit sich die Produkte des Vollautomaten verkaufen lassen. Ansonsten bricht die Bilanz zusammen, denn schliesslich besteht der Wert einer Anlage aus der Rendite, und diese besteht aus den Verkäufen an die Konsumenten. Die doppelte Buchführung ist durch die Automaten auseinandergefallen. Maschinen produzieren, Menschen konsumieren. Investitionen rentieren sich, Konsumenten sind verschuldet. Anstatt die Erträge der Maschinen in den Konsumkreislauf zu verteilen, wird versucht, aus Menschen Investitionsgüter zu machen. Jeder soll selbst auch ein bisschen eine produzierende Maschine werden, indem er Kredit aufnimmt und in seine Ausbildung in-

Und nun stehen wir das erste Mal in der Geschichte an dieser Umweltgrenze – ohne Ausrede, ohne Erziehungsberechtigte und ohne Fluchtmöglichkeit, denn es gibt nur diese eine Erde, die jetzt rundherum zusammenhängt. vestiert, um schliesslich Rendite abzuwerfen. Aber das funktioniert nicht. Der Mensch ist keine programmierbare Maschine, und im Gegensatz zur definierbaren Maschinenarbeit gibt es bei der menschlichen Arbeit eine unlösbare Frage, nämlich den Preis für ihre Leistung. Wenn alles Determinierbare automatisiert ist, bleibt dem Menschen das Unberechenbare. Das, wovon zu Beginn der Arbeit noch nicht klar ist, was später das Produkt sein wird. Und damit lässt sich weder richtig Handel treiben noch Investitionen und Erträge planen. Wie hoch ist der Preis für eine Idee? Entspricht er den Lebenskosten des Erfinders, bis er die nächste Idee hat? Was passiert, wenn es gar keine so gute Idee gewesen ist? Oder, falls es eine sehr nützliche Idee gewesen ist: Entspricht der Preis dem Gewinn, der durch diese Idee realisiert werden kann? Wie werden bei einer Idee die Vorleistungen, also die gesamten kulturellen Voraussetzungen, welche die Idee erst ermöglichten, verrechnet? Und vor allem: Wie und an wen soll die Idee dann verkauft werden? Wie wir gesehen haben, können Ideen nicht in Flaschen gefüllt

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und einzeln verkauft werden, denn kaum sind sie geboren, kann sie im Prinzip jeder nutzen. Wie hoch ist der Preis für die Landschaftspflege, für die Erziehung oder für die Therapie eines Patienten? Entspricht dieser Preis der zukünftigen Mehrleistung des Genesenen? Wer bezahlt an wen, falls er stirbt? Und wann können die Früchte der Erziehung geerntet und verrechnet werden? Wer gibt bis dahin Kredit, und an wen verkauft man die fertig erzogenen Kinder, um den Kredit zurückzuzahlen? Es kommt mir vor, als neigte sich eine Phase, die in ihren Eigenschaften stark an die Pubertät erinnert, nach zwölftausend Jahren ihrem Ende zu. Ich will nicht sagen, dass die Kindheit davor nur paradiesisch war. Aber offensichtlich haben wir uns damals von dem Einssein mit der Natur getrennt und damit begonnen, uns selbst eine Welt zu bauen. In der Zwischenzeit sind wir enorm gewachsen (sieben Milliarden Erdenbewohner), haben grosse intellektuelle Fähigkeiten aufgebaut (Technik), Banden gebildet und herumgepöbelt (Klassen, Staaten und Kriege), haben uns immer wieder für ein neues Thema begeistert (Pyramiden, Mondflug), haben plötzlich die soziale Ader entdeckt (Demokratie, Sozialstaat) und dann wieder den Verstand verloren (Weltkriege), hatten ein stressiges Verhältnis zwischen Männern und Frauen (Gewalt) und haben unsere Umwelt bis an den Rand des Zusammenbruchs ausgereizt. Genau so wie das Pubertierende tun. Und nun stehen wir das erste Mal in der Geschichte an dieser Umweltgrenze ohne Ausrede, ohne Erziehungsberechtigte, und ohne Fluchtmöglichkeit, denn es gibt nur diese eine Erde, die jetzt rundherum zusammenhängt. Normalerweise ist das der Moment, um erwachsen und selbstständig zu werden, Verantwortung zu übernehmen und für das Ganze zu denken. In den vergangenen Jahrhunderten haben wir drei Gewohnheiten angenommen, deren berechtigte Zeit, wie mir scheint, nun vorbei ist. Wir glauben noch immer, dass erstens Einkommen der Ertrag aus früherer Arbeitsleistung sei, dass zweitens Geist, ähnlich wie Dinge, einen Eigentümer haben könne und dass sich drittens Kapital beständig vermehren müsse. Hinter der ersten Gewohnheit, dass Einkommen der Ertrag aus früherer Arbeit sei, steht das Bild von fleissigen Handwerkern und Bauern, die Produkte erzeugen, die sie auf dem Marktplatz an Kunden verkaufen, um mit diesem Geld durch Tausch ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Arbeit gegen Geld für Essen. So heisst in etwa die Formel, die auch den Lohnabhängigen der

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Industriegesellschaft ein trügerisches Gefühl von individueller Selbstversorgung vermittelt. Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sind die Kräfte, die Jugendliche dazu bringen, zu wachsen und von zu Hause auszuziehen. Beim Erwachsenwerden zeigt sich jedoch schnell, dass es im Äusseren keine Unabhängigkeit gibt, dass jeder Mensch von anderen und für andere lebt und arbeitet, und dies sogar umso stärker, je komplexer und spezialisierter eine Gesellschaft organisiert ist. Mehr Arbeitsteilung heisst mehr Abhängigkeit von anderen. Doch genau das bewirkt mehr Selbstbestimmung, um seine eigenartigsten Fähigkeiten auszuleben und sich zu spezialisieren. Das geht ja nur dann, wenn andere Menschen alles Übrige für einen erledigen. In der Summe geht das in etwa auf, denn gesunde Menschen lieben es, sinnvolle Sachen zu machen und sie sind so verschieden, dass nicht alle dasselbe tun wollen. Selbstbestimmung bedingt folglich, von anderen abhängig zu sein. Oder anders gesagt: Selbstbestimmung ist etwas, was man sich gegenseitig ermöglichen muss, etwas, was man seiner Umgebung verdankt. Das Modell des bedingungslosen Grundeinkommens ist ein konsequenter Weg, jedem Bürger diese Selbstbestimmung zu ermöglichen. Es löst den lebensnotwendigen Teil des Einkommens von jeglichen Bedingungen. (…) Hinter der zweiten Gewohnheit, dass Ideen, ähnlich den Dingen, einen Eigentümer haben könnten, steht der Rückschluss aus der ersten Gewohnheit, dass die Früchte meiner Arbeit mir gehören und mein Einkommen bilden. Dies zu hinterfragen braucht Sorgfalt, denn natürlich ist geistige Arbeit anstrengend und ihre Produkte können äusserst wertvoll sein. Beim genaueren Hinsehen wird jedoch deutlich, dass Daten oder Ideen keine Dinge wie zum Beispiel Früchte sind. Und es wird deutlich, dass Dinge in ihrer Anzahl begrenzt sind und im Falle der Früchte aufgegessen werden. Daten, Wissen und Ideen hingegen, kann jeder gleichzeitig besitzen und benutzen, wobei sich Ideen durch ihren Gebrauch sogar vermehren. Die Vorstellung, dass die Früchte meiner Arbeit mir gehören, wird in unserer Informationsgesellschaft problematisch, denn es sind nur noch wenige Menschen direkt mit der Produktion von echten Früchten beschäftig. Die wichtigsten Produktionsmittel bestehen heute aus Wissen, Daten und Ideen, und wenn diese der Allgemeinheit vorenthalten und künstlich zurückgehalten werden, hat die übrige Welt nicht mehr die Möglichkeit, sich mündig und selbstständig einzubringen. Eine Alternative dazu ist die wirtschaftliche Unterschei-

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dung von Daten und Dingen, von Wissen und Können und von Teilen und Tauschen, wie sie in der Open-Source-Bewegung praktiziert wird. Ersteres, Daten und Wissen, soll sich so frei wie Blütenstaub und allgemein wie möglich mitteilen und verbreiten, denn der Geist ist von Natur aus unbegrenzt. Zweiteres, Dinge und Können, soll so sorgsam und gezielt wie möglich getauscht und eingesetzt werden, denn Materie, Energie und Leistungen sind nur begrenzt vorhanden. Dieses Prinzip entspricht dem Leben, wie es sich überall in der Natur abspielt. Es ist verschwenderisch in der Vielfalt, möglichst grosszügig in der Weitergabe der Gene und zugleich wundersam haushälterisch im Umgang mit knappen Ressourcen. Zwischen diesen Polen bewegt sich alles Lebendige und schafft es, aus der Knappheit viel Schönes wachsen zu lassen, vorausgesetzt, jede Zelle und jedes Individuum wird von der Umwelt mit den nötigen Nährstoffen versorgt. Durch die zwei genannten Alternativen zu den ersten beiden überholten Gewohnheiten, wird sich auch die dritte Gewohnheit, nämlich dass sich Kapital vermehren müsse, von selbst ändern. Wenn es uns gelingt, das Wissen aus der Kapitalisierung zu befreien und damit für die Zukunft zu erhalten und weiterzuentwickeln, und wenn es uns gelingt, die Erträge der Automaten

Selbstbestimmung bedingt, von anderen abhängig zu sein. Oder anders gesagt: Selbstbestimmung ist etwas, was man sich gegenseitig ermöglichen muss, etwas, was man seiner Umgebung verdankt. ohne einschränkende Bedingungen zu verteilen, dann kann die Buchführung wieder das Gleichgewicht finden. Vielleicht könnte das gelingen, wenn Geld nicht mehr durch Kredite, sondern durch Einkommen geschöpft wird. Es könnte dadurch die Gegenwart für eine Zukunft zurückerobert werden, die befreit ist von der Hypothek veralteter Renditevorstellungen. Und in dieser Zukunft, deren neues Kapital die unbegrenzt vorhandenen Daten und Ideen sind, brauchten auch keine Raubzüge und Verteilungskriege mehr das Leben zu stören. Es könnte eine friedliche Zukunft sein, in der sich Menschen wieder frei und selbstständig aus dem Gegenwärtigen heraus bewegen können.

Beim vorliegenden Text handelt es sich um gekürzte Ausschnitte aus dem Vorwort und den beiden letzten Kapiteln der bemerkenswerten Neuerscheinung «Blütenstaubwirtschaft – wenn Dinge zu Daten werden» von Georg Hasler (epubli, 2015, 100 S. Fr. 13.60/€ 9.90. Das Buch steht auch zum kostenlosen Download auf www.bluetenstaubwirtschaft.ch zur Verfügung, wo Sie weitere Informationen zu dieser Perle in Buchform finden. Unbedingt lesenswert.

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Für lange Nächte und neue Jahre von Martina Pahr

Whisky für Ladies Es ist ein altes Klischee: Frauen trinken Prosecco, Weisswein oder Cocktails. Whisky dagegen – da winken zumindest in unseren Breiten die meisten Damen ab (während sie in den UK fast ein Drittel der Whiskytrinker stellen). Zu stark, zu scharf, sagen sie. Doch eine Frau, die Whisky nicht mag, hat nur noch nicht den richtigen entdeckt. Diese Suche gestaltet sich

nicht ganz einfach, denn die Bandbreite der Whiskys (in Irland und den USA mit -ey geschrieben) ist in der Tat einschüchternd – von Zungenschmeichler bis hin zum Rachenputzer, im Geschmack von Toffee- , Vanille- und Schokoladennoten über Gewürze und Sandelholz bis hin zu Tang, Holz und Rauch. Um sich dieser Fülle zu nähern, bietet sich ein Whisky Tasting an, das oft Pubs und Fachläden anbieten. Guter Whisky wird pur und etwas kühler als Raumtemperatur genossen, aber nicht auf Eis – kann allerdings tropfenweise mit einem stillen Wasser verdünnt werden. Die bernsteinfarbene Köstlichkeit wird unter der Nase geschwenkt und ihr Aroma durch diese einund durch den Mund ausgeatmet. Der erste Schluck dient dazu, durch die Bewegung des Whiskys im Mund die Geschmacksknospen vorzubereiten – der zweite erlaubt dann den Genuss des vollen Geschmacks. Wichtig: auch etwas Luft mit dazu lassen. Danach kommt der Abgang, der mit einer langanhaltenden Geschmacksexplosion überraschen kann. Zum Einstieg am besten einen weichen, runden, wenig robusten Whisky wählen, etwa aus der schottischen Speyside. Dann langsam steigern. Der Weg ist das Ziel.

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Willensstärke für's neue Jahr

Es ist sicher nicht verkehrt, sich jetzt schon mental mit den Neujahrsvorsätzen auseinanderzusetzen... und zwar nicht nur mit den Vorsätzen (Rauchen aufhören. Mehr Sport. Weltherrschaft.), sondern auch deren Umsetzung. Seien wir ehrlich: Motiviert sind wir alle – aber auf dem Weg zum Ziel geht uns oft die Puste aus. Und zwar alle Jahre wieder. Das muss nicht sein, behauptet da keck ein kleines Büchlein mit dem schönen Titel: «Willensstärke: Energien freisetzen und Ziele erreichen». Willensstärke lässt sich trainieren, und wer auf Hindernisse vorbereitet ist, wird an ihnen nicht scheitern. Der innere Schweinehund ist in Wahrheit unser Freund und jede Schokolade, die wir nicht essen, eine Trainingseinheit. Das alles wird sympathisch präsentiert, lässt sich in einem Schwung durchlesen und hat garantiert für jede den einen oder anderen Augenöffner parat. Schönste Lektionen: Etwas nachsichtiger und liebevoller mit sich sein. Und: Je grösser und attraktiver die Ziele, desto besser!

Erotische Literatur Zum sinnenerweckenden Getränk das passende Buch, das eigentlich zu jeder Jahreszeit gern auch lustvoll und sinnlich sein darf – gerade aber im Herbst, wenn die langen Abende wieder mehr zum Lesen einladen und heisse Gedanken nicht schaden können. Männer konsumieren Pornos, während Frauen Erotica geniessen, heisst es. Tatsächlich scheinen Männer in der Regel mehr auf visuelle Reize anzusprechen und deshalb gern zum bunten Bilder-Magazin zu greifen. Frauen lieben es

dagegen, wenn durch einen anregenden Text ihr eigenes Kopfkino in Gang gesetzt wird – Bilder von noch so attraktiven Kerlen wirken eher wenig erregend. Frau schlüpft lieber in die Haut intrigierender Kurtisanen und peitschender Dominas, erprobt sich als Schlampe, Trophäe oder Jungfrau und streckt so ihre Fühler in Bereiche sexuellen Erlebens aus, wo sie literarisch-risikofrei experimentieren kann – oder sich Inspirationen holt. Dieses Jahr frisch erschienen: «Aufgewühlt» von Jona Mondlicht, in dem der Autor wiederum seine Gabe beweist, den Reiz von SM erfahrbar zu machen. Themen sind die absolute Hingabe, das tiefe Vertrauen, das Sich-fallen-lassen im Rahmen einer Dominanz-Beziehung. In eleganter Erzählweise wird hier die devote Perspektive der Frau auf sprachlich hohem Niveau abgebildet. Wer derbe Sexszenen erwartet, wird enttäuscht – wer intime Einblicke in «dunkle Ecken» spezieller Vorlieben geniesst, wird voll auf die Kosten kommen.

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Verpisst euch! uf der kleinen Holzbühne stand ein selbstgebastelter Urinthron, doch letztlich wollte ihn denn doch niemand öffentlich benutzen. Der Berliner «Prinzessinnengarten» war Ende September einer von vielen Austragungsorten für die «Urinale 2015 – Deutschland pinkelt gegen Glyphosat». Ackergiftgegnerinnen sammelten Pipiproben ein. «Monsanto und Syngenta, verpisst euch!», schallte es aus dem Publikum. Auch an anderen Orten vom norddeutschen Friesland bis zum badischen Kaiserstuhl wurden auf Pinkel-Partys eifrig Urinproben gesammelt und ans Bundesagrarministerium oder an ein unabhängiges Universitätslabor geschickt. Gegen 45 Euro – der Test ist aufwändig und deshalb teuer – kann man dort erfahren, wieviel Glyphosat man selbst im Urin hat. Der Hintergrund der von der bundesweiten Bürgerinitiative «Landwende» koordinierten Aktionen ist nicht so lustig wie die Pinkelpartys selbst. Monsanto, Syngenta, Bayer und BASF stellen das meistverkaufte Ackergift der Welt her, unter anderem unter dem Namen «Roundup Ready». Glyphosat und seine Beiund Abbaustoffe können zahlreiche schwere Krankheiten wie Krebs, Hormon- und Zellstörungen, Nierenleiden, Demenz und Alzheimer auslösen; in lateinamerikanischen Sprühgebieten werden immer mehr Babys mit schrecklichen Missbildungen geboren. Zudem wird es nach neuesten Studien aus Berlin und Buenos Aires mitverantwortlich für das globale Bienensterben gemacht.

Foto: Landwende

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Pinkeln gegen Glyphosat

WHO: Glyphosat wahrscheinlich krebserregend Ein Fachgremium der Weltgesundheitsorganisation WHO stellte vor kurzem fest, dass Glyphosat für Menschen «wahrscheinlich krebserregend» sei. Das Pestizid muss Ende 2015 innerhalb der EU routinemässig neu zugelassen werden, dafür

ist Deutschland zuständig. Die verantwortliche Behörde, das Bundesamt für Risikobewertung, ist jedoch der Meinung, das Ackergift sei so harmlos, dass die zulässigen Aufnahmehöchstmengen sogar um 70 Prozent hochgesetzt werden könnten. In seinem Bewertungs-Dossier, das es nicht veröffentlichen will, hat das Amt vor allem Studien der Pestizidhersteller und sogar Leserbriefe von Monsanto-Mitarbeitern an Fachzeitschriften als Beweis für die «Ungefährlichkeit» aufgeführt, während Untersuchungen kritischer Wissenschaftler vielfach als Quelle herausfielen. Eine repräsentative Untersuchung, wie belastet die deutsche Bevölkerung inzwischen ist, ist bis heute hingegen ausgeblieben. Glyphosatbelastetes Gensoja aus Lateinamerika wird massenhaft in der konventionellen Fleisch-, Milch- und Eierproduktion verfüttert – und wandert so auch in menschliches Blut, Urin und Muttermilch. Im Rahmen der «Urinale 2015» will die Zivilgesellschaft diesen Massentest nun selbst organisieren, da der Staat seiner Schutzpflicht nicht nachkomme. Der Repräsentativität wegen sollen mindestens tausend Pipiproben ausgewertet werden. Bisherige Proben ergaben, dass auch Bioesser Gift von Monsanto und Syngenta im Körper tragen, weil Ökofeldfrüchte nicht vollständig vor Gifteinträgen durch Verwehungen und Grundwasser geschützt werden können. Ute Scheub www.ackergifte-nein-danke.de, www.landwende.de Die Autorin hat das Buch «Ackergifte? Nein danke» über die Kriegsgeschichte und Wirkung von Pestiziden verfasst. Es ist im Drachenverlag erschienen und kann über die Website für 10 Euro bezogen werden.

Besser leben Festival 2015

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nter dem Motto «bewusst, bewegt, konkret, kreativ – besser leben mit weniger Konsum» lädt der Verein Integrale Politik bereits zum zweiten Mal zum «Besser leben Festival», diesmal am Sonntag, den 22. November 2015, ins Kulturhaus Helferei in Zürich. Ein Referat von Prof. Dr. Anton Gunzinger zum Thema «Kraftwerk Schweiz – Plädoyer für ein Denken über Generationen hinaus» und weitere Vorträge zu den Themen Gesundheit und Frieden la-

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den zum Nachdenken ein. Pater Niklaus Brantschen spricht über die Kraft der Stille. Ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Programms sind musikalische Darbietungen und partizipative Aktivitäten wie Improvisationstanz, Austauschmöglichkeiten und gemeinsames Singen. Am Info-Markt präsentieren sich Organisationen, die auf unterschiedliche Weise zeigen, wie man bewusst, bewegt, konkret und kreativ besser leben kann. Besser leben mit weniger Konsum setzt das Festival

auch bei der Verpf legung um: Mit einer «Teilete» oder «Buffet Canadien» – jeder Festivalbesucher bringt eine Speise für das gemeinsame Buffet mit – können alle Teilnehmenden günstig eine Kultur des Teilens geniessen und sich auf einen bunten kulinarischen Genuss freuen. CP

www.integrale-politik.ch/besser-leben-festival-2015/

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Jede Flasche zählt Olivenöl aus Palästina: Unser Genuss ist ihre Zukunft

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Foto: Osama Silwadi

er Bäume entwurzelt, entwurzelt Menschen. Wer Bäume pflanzt, stärkt den Widerstand. Der Verein «Kampagne Olivenöl aus Palästina» verkauft seit über 15 Jahren BioOlivenöl aus Palästina und setzt sich dort für ein menschenwürdiges, selbstbestimmtes Leben der Kleinbauern ein. Im letzten Jahr verkaufte der von Christen, Juden und Moslems getragene Verein über 8150 Flaschen. Weitere 3400 Flaschen sowie über 2000 Kanister à 3 Liter setzte die Fairtrade-Händlerin gebana um. Das BioOlivenöl Extra Vergine kostet 21 Franken, wobei 7 Franken davon als Solidaritätsbeitrag in Projektförderungen gehen: in Solarprojekte, den Bau von Kindergärten in Flüchtlingslagern oder in Bildung zu ökologischer Landwirtschaft. Der Verein hilft auch, neue Olivenbäume zu pflan-

zen; sie können bis zu 3000 Jahre alt werden und stehen als Symbol für den Frieden. Seit 1967 sind rund eine Million Olivenbäume und Olivensetzlinge der israelischen Besetzung Palästinas und Gazas zum Opfer gefallen, nicht zuletzt auch durch den Bau der Trennmauer zwischen Israel und der Westbank, die zum grössten Teil auf palästinensischem Territorium errichtet wurde. Eine Karte für einen Krug Neu im Sortiment der Kampagne sind auch Solidaritätskarten des Fotografen Osama Silwadi. Seit dieser bei einer Demonstration von zwei Schüssen getroffen wurde, sitzt er im Rollstuhl. Seinen früheren Beruf als Kriegsfotograf im eigenen Land kann er nicht mehr ausüben. Stattdessen hält er das kulturelle Erbe Palästinas, insbesondere die Arbeit in den Olivenhainen, auf Fotografien fest. Silwadi ist sich sicher, eines Tages wieder gehen zu können, und dass die Besatzung irgendwann enden wird. Mit dem Erlös der Karten wird der Ölkrug einer bedürftigen palästinensischen Familie gefüllt. Im Sinne von: «Eine Flasche für mich, einen Krug Öl für Palästina», wird das Olivenölverteilprojekt durchgeführt. Fair und bio durch und durch Trotz der Ferne hat das palästinensische Oli-

venöl eine gute Ökobilanz: Per Schiff gelangt es über Israel und Rotterdam zum Basler Rheinhafen und von dort mit dem Zug ins Emmental, wo es in der Behindertenwerkstatt BEWO abgefüllt wird. Die kostbare grüngoldene Flüssigkeit kommt in Halbliterflaschen oder kleinen Kanistern mit aufgedruckter arabischer Kalligrafie zu Ihnen nach Hause. Sie ist ein Symbol für den friedlichen Widerstand und eine Bereicherung für viele Gerichte. Und sie macht sich bestimmt auch gut unter dem Tannenbaum. Selina Fehr Weitere Informationen: www.olivenoel-palaestina.ch

Er sagt es unverblümt «Die Frau will nicht das Abenteuer des Mannes sein. Sie will vom Mann in ein Abenteuer mitgenommen werden.» Wer frei lebt, kann auch frei denken und schreiben. Der Bildhauer Erwin Jakob Schatzmann lebt im «Morgenland», einer Mischung aus Garten, Hüttendorf und Atelier am Rande von Winterthur. Seine 30-jährige Ernte an träfen Gedanken, passt in jeden Kopf, auch Ihren.

396 weitere Aphorismen, Anekdoten und Gedanken sind zu finden in: «unverblümt – aphoristische Denkprosa». von Erwin Jakob Schatzmann. edition Zeitpunkt, 2015. 148 Seiten, mit 13 ganzseitigen farb. Abb. Geb. Fr. 18.–/€ 16.–.

«Eine wahre Lesefreude – die man sich am ­besten portionenweise gönnt.» (Landbote) Zeitpunkt 140

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Gaumen- und Naturfreuden

mit Erica Bänziger (dipl. Ernährungsberaterin)

Farbenfrohe Rande

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lles rot: die Hände, der Urin und sogar der Kot. Der Grund ist der Farbstoff Betanin in der Rande. Er passiert die körpereigene Filteranlage der Niere und bringt Farbe in die Toilette. Das ist nicht nur lustig für Kinder, die sekundäre Subtanz Betanin erfreut auch den Körper. Die Rande wurde immer schon als gesundes und blutbildendes Gemüse geschätzt – wegen ihrer roten Farbe wurde sie von Heilkundigen bei Blutarmut empfohlen. Blutbildend ist aber der Eisengehalt und die Folsäure und nicht der rote Farbstoff. Die Rande stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum, wo es heute noch die wilde Stammpflanze gibt. Verwandt ist sie mit der Runkelrübe, die hauptsächlich als Futter für Rinder und Schafe angebaut wird. Die dunkelviolette Knolle gehört wie Spinat und Quinoa zur Familie der Gänsefussgewächse. Wie so manches andere heimische Wintergemüse ist sie ein absolutes Muss für alle, die sich gesund ernähren möchten. Der Verzehr der Roten Bete, wie sie in Deutschland genannt wird, stimuliert

die Funktion der Leberzellen und regt die Galle an. Eine weitere Substanz der Rande, das Rutin, soll zusammen mit Betanin die Kapillaren und die Blutgefässe festigen. Ferner kann die Rande helfen, den Homocysteinspiegel zu senken - ein Risikofaktor für Gefässerkrankungen. Man könnte fast sagen, Randengenuss schützt vor Herzinfarkt. Sogar eine Antitumorwirkung wird vermutet. Sicher ist, dass der regelmässige Genuss von Randen aus kulinarischen und gesundheitlichen Gründen zu empfehlen ist. Zum Beispiel geraffelt als Salat; lauwarm geviertelt mit Nüssen und Trüffelöl bereichert oder als Randensuppe mit Ingwer und Meerrettich. Randen sind nicht nur lecker und gesund, nein sie sind echte Hingucker auf dem Teller. Etwa als Randenrisotto mit Ziegenfrischkäse und frischem Majoran oder als Farbbombe in einer gelben Kürbissuppe! Genussvolle Farbenschlacht wünsche ich Ihnen. Für weitere Ideen: Kristina Jansson & Natalie Russi: Tolle Rote Knolle. 2015, Fona Verlag, geb., 50 Fotos,112 S., Fr. 22,80/ € 19,90

Lehrfilm für die private Samengärtnerei

Sändele für die Seele

ie Filmcrew von Longo Mai hat nach drei Jahren intensiver Arbeit einen umfangreichen Lehrfilm fertiggestellt. Zuerst war nur ein einstündiger Film über die Saatgutgewinnung geplant, doch ihr Ziel, dies bis ins kleinste Detail erklären zu wollen, brachte sie zu einer Produktion von vier DVDs mit einer Laufzeit von über sieben Stunden. Darin erfährt man alles über die Vielfalt, Bestäubung, den Samenbau sowie die Gewinnung und Konservierung von 32 verschiedenen Gemüsesamen. Der Film ist in kurze Sequenzen von vier bis fünfzehn Minuten unterteilt, die man unabhängig voneinander für die jeweilige Pflanze anschauen kann. Zusätzliche Sequenzen erklären anschaulich Blühbiologie, die Bestäubung durch Insekten und Wind, die botanische Klas-

as Projekt heisst «Ärdele» und das Ziel ist ein Kulturgarten. Was den Kleinen im Sandkasten meist ganz gut gelingt, soll bei den Grossen nun eine Fortsetzung finden. Schauplatz ist eine stillgelegte Stadtgärtnerei in Thun. Hier darf bald nach Herzenslust gegärtnert werden – «muss aber nicht», wie Marc Schlotterbeck, einer der Initianten, einwendet. Im Vordergrund stehe vielmehr der soziale Austausch. Menschen, die sich im Alltag nur flüchtig begegnen, finden hier einen Rückzugsraum, wo sie sich in entspannter Atmosphäre kennenlernen und austauschen können. Was alleine allenfalls denkbar ist, soll gemeinsam verwirklicht werden. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Förderer ist die Stadt Thun, die dem kreativen Gründerkreis um Vereinspräsident Grégory Koch das einmalige Terrain der historischen Schadaugärtnerei – vorläufig bis 2019 – zur Verfügung stellt. Johannes Heckmann

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sifizierung der Pflanzen, wie ein Samenkorn geschaffen ist, usw. Ziel ist es, Menschen für die Produktion von eigenem Saatgut zu gewinnen und zur Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt beizutragen. Die selbst gezogenen Samen kann man dann überall tauschen und verschenken – so kann die Saat aufgehen. Red. DVD-Box mit 4 DVDs auf Englisch, Französisch, Deutsch, Laufzeit 436 Minuten sowie Begleitheft. Fr. 58.– inkl. Porto. Trailer und Bestellung: www.seedfilm.org Longo maï, PF 1848, CH 4001 Basel

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www.aerdele.ch

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Elektroautos erhöhen die CO2-Emissionen

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lektroautos verursachen ungefähr gleich hohe CO2-Emissionen wie normale Benzin- oder Diesel-Pkw. Elektroautos haben zwar am Fahrzeug selbst keine Emissionen, doch ihre Herstellung und ihr Stromverbrauch verursachen welche. Eine Studie des Umwelt- und Prognose-Instituts Heidelberg (UPI) zeigt weitere negative Nebenwirkungen, die in Ökobilanzen und CO2-Szenarien bisher nicht berücksichtigt werden: • Da Elektroautos häufig als zusätzliche Zweit- oder Dritt-Wagen angeschafft werden, erhöhen sie die Anzahl Autos. Dies verschärft den Ressourcen- und Flächenverbrauch des Strassenverkehrs.

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• Da Elektroautos in der EU juristisch als «Null-Emissionsfahrzeuge» definiert sind, führen sie über eine Kompensation der Grenzwertüberschreitungen grosser und schwerer PKW (z.B. SUV, Geländewagen) insgesamt zu einer Zunahme der CO2-Emissionen. • Obwohl sie in der Anschaffung teurer sind als normale Pkw, liegen Elektroautos in den Betriebskosten deutlich niedriger, u.a. da sie nicht an ihren Infrastrukturkosten beteiligt werden. Dadurch verursachen Elektroautos eine Verkehrsverlagerung von der Schiene auf die Strasse und eine NeuInduktion von Verkehr.

• Elektroautos führen zu einem erhöhten Unfallrisiko für Fussgänger und Fahrradfahrerinnen. Vor ihrer Einführung müssen deshalb eine Reihe von Vorkehrungen getroffen werden, um diese negativen Nebeneffekte zu vermeiden oder zu minimieren. Erst dann kann Elektromobilität eine ökologisch sinnvolle Rolle spielen. UPI/Red. www.upi-institut.de/upi79_elektroautos.pdf

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«Die Menschen sollen die Erde in Ruhe lassen» Interview mit dem kolumbianischen Kogi-Ältesten Mamú José Gabriel

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as von Indigenen bewohnte Gebiet der Sierra Nevada de Santa Marta in Kolumbien ist einzigartig auf der Welt. Das Territorium, etwa so gross wie das Tessin, steigt von der Küste sehr steil auf über 5500 Meter hoch; auf vergleichsweise winzigem Raum finden sich dort fast alle Klimazonen der Welt. Dort leben Menschen aus vier Ethnien – etwa 21'600 Kogi, rund 16'000 Wiwa, ungefähr 50'000 Arhuaco und etwa 9000 Kankuamo. Im Schutz der schneebedeckten Berge gelang es den stets weisse Baumwollkleider tragenden Kogi, sich seit nunmehr über 500 Jahren von den europäischen Eroberern fernzuhalten und ihre Kultur zu bewahren. Auf Schrift haben sie bewusst verzichtet, weil diese das Denken verknöchere und dogmatisiere, wie sie sagen. Sie haben keine Fernseher und Massenmedien, die vom Klimawandel berichten – aber sie sind sehr beunruhigt, weil ihre Gletscher schmelzen. Sie sind eines der letzten Völker der Erde, das seine Traditionen fast gänzlich bewahrt hat. Bis heute dürfen Weisse ihr Kerngebiet nicht betreten, nur die Randzonen zwischen 800 und 1'600 Metern, wo rund 1'600 Familien Wildkaffee zwischen den Urwaldbäumen ernten. Der Kaffee wird mühsam auf Eselsrücken zu einer Rösterei gebracht, deren Aufbau von der UN, Deutschland und kolumbianischen Institutionen unterstützt wurde. Der deutsche Aussenminister Walter Steinmeier besichtigte die Rösterei vor einigen Monaten im Rahmen eines Kolumbienbesuches. «Mamú» heissen die spirituellen Oberhäupter der Kogi. Der 73-jährige Mamú José Gabriel ist ihre Autorität für alle Lebensmittel, Bäume und Pflanzen mit roten und gelben Früchten, also auch für Kaffee. Die von ihnen produzierte Mamú José Gabriel auf Besuch im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Foto: Luly Glez

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von Ute Scheub und Thomas Dönnbrink Marke «Café Kogi» sieht er weniger als Handelsgut denn als Verbindung von Produzierenden und Konsumierenden und als Mittel, um ihren Alarmruf zu verstehen. Sie selbst sehen sich als die Hüter von «Mutter Erde», ihre Rituale dienen ihrem Erhalt, zwischen symbolischen und realen Handlungen machen sie wenig Unterschied. Wer sind die Kogi, wie leben sie? Mamú José Gabriel: Wir leben in der Sierra Nevada und nennen uns selbst Kággaba. Wir sind die grossen Brüder, ihr seid die kleinen. Vor Tausenden von Jahren gab es kein Gebiet, keine Bäume, keine Steine, gar nichts, nur pure Gedanken. Aus Gedanken entstand die Erde, erst als kleiner Punkt, dann wuchs sie. Heute, 500 Jahre nachdem Christoph Kolumbus kam, gibt es in Kolumbien noch 86 indigene Stämme, doch nur die Kogi in der Sierra Nevada, dem Herz der Erde, haben ihre Kultur und ihr Wissen bewahren können.

Wir Kogi passen auf uns auf. Es gibt von uns aus keinen Kampf, nur geistige Anstrengung, um das Herz der Erde zu schützen. Die Erde gleicht dem menschlichen Körper. Sie hat ein Herz, Augen, Ohren, Glieder; früher war sie gesund. Aber dann erkrankten ihre Organe, die Flüsse sind krank, die Berge, die Lagunen. Als die Konquistadoren durch das Gebiet zogen, töteten sie viele Indigenas. Warum? Weil wir Indigenen der Sierra Nevada ein so gutes Leben hatten. Wir kannten kein Geld, waren aber reich an Land und auch an Gold, das für uns heilig ist und nur für Opfer benutzt wird. Die Kolonisatoren haben vor 500 Jahren angefangen, die Erde auszubeuten und uns das Gold zu rauben. Wir hatten Puppen und Figuren aus Gold. Die Spanier haben Spiegel mitgebracht. Und als die Indigenen sich darin betrachteten, sind sie bestohlen worden. Warum sind wir jetzt krank?

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Die Federn der Aras sind wichtig für unsere spirituelle Arbeit. Doch das Museum misshandelt sie mit Konservierungsmitteln. Warum töten wir Indigenas uns untereinander? Wegen Geld. Wegen Land, das uns Gott vor vielen tausend Jahren gab. Die jüngeren Brüder haben es schlecht gemacht. Aber nicht alle kleinen Brüder sind schlecht – darum bin ich hier in Berlin. Was meinen Sie mit schlecht? Heute erleben wir Dürren und verschiedene Arten von Krankheiten. Das ist nicht Gottes Werk, sondern Menschenwerk, sie beuten die Erde aus. Das sieht man in der Sierra Nevada genauso wie in Deutschland. Und es soll noch mehr rausgeholt werden aus unserem Gebiet, in der Nähe unserer heiligen Stätten. Die Regierungen verstehen das alles nicht. Und weil sie nicht verstehen, wird es ununterbrochen Sommer geben mit einer vierjährigen Dürre und danach vier Jahre Regen ohne Unterlass. Die Erde trocknet aus, die Bäume, die Flüsse. Die Erde wird nicht verschwinden, die Sonne auch nicht, aber die Flüsse. Und wir. Was kann man dagegen tun? Ich rede mit vielen, um diese Nachricht zu den Menschen zu bringen, damit der kleine Bruder es versteht und um die Gefahr weiss. Ich kann ihn nicht retten. Aber vielleicht gelingt es uns, uns zu organisieren und uns zu verständigen. Die Ältesten sagen, wir können noch 80'000 Jahre leben, aber die kolumbianische Regierung muss verstehen und den Weg der Kogi einschlagen. Es gibt viele Mamús der vier indigenen Stämme in der Sierra Nevada. Wir Mamús haben uns zusammengesetzt und einzuschätzen versucht, was passiert. Bei den Verhandlungen mit der kolumbianischen Regierung sollte nicht so viel Zeit verschwendet werden, denn wenn das Herz stirbt, die Sierra Nevada, dann stirbt die ganze Welt. Denn alles hängt mit allem zusammen. Warum sind Sie hier? Wir haben Kaffee mitgebracht, um unsere Botschaft zu transportieren. Wir produzieren ihn, es gibt ihn jetzt überall. Es ist der beste Kaffee. Mit den Einnahmen können wir unsere Arbeit machen und unsere heiligen Stätten zurückkaufen, die wir brauchen, um die Erde zu heilen. Doch der Verkauf ist nicht so wichtig. Uns geht es um die Botschaft, dass die Erde austrocknet. Darum sind wir hier. Ich möchte, dass unsere Botschaft sich verbreitet, dass die Menschen die Erde in Ruhe lassen und keine Rohstoffe mehr aus ihr herausholen. Seit wann haben die Kogi Kontakt mit Geld? Seit 500 Jahren. Vorher nicht. Früher haben wir Dinge getauscht, etwa Kartoffeln. Aber als der kleine Bruder kam, brachte er Geld mit. Die meisten Kogi haben aber noch heute kein Geld.

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Die Kogi haben sich lange von den Weissen ferngehalten. Wie schafften sie das? Früher haben die Kogi ihre Kulturen frei gesät und sich aus der Natur genommen, was sie brauchten. Heute geht das nicht mehr, man muss alles kaufen. Die neuen Generationen von Kindern, die in Schulen gehen, glauben die Worte der Mamú-Priester nicht mehr. Aber wir Kogi schicken nur wenige Kinder in diese Schulen, wir haben unsere traditionelle Kleidung bewahrt, unsere Taschen, unsere Unterkünfte. Wir bauen immer noch Häuser mit unseren eigenen Materialien. Wenn ein Kind geboren wird und es ausgewählt wird, Mamú zu sein, dann bringen wir es in eine Höhle, damit es seine Sinne schärft und lernt, wie man das Wasser und die Erde schützt. Wir als Kogi wollen nicht verschwinden, wir passen auf uns auf. Es gibt von uns aus keinen Kampf, keinen Streit, nur Gedanken und geistige Anstrengung, um das Herz der Erde zu schützen. Woher können Sie Spanisch? Ich war keine einzige Minute in der Schule. Die Kinder in der Schule sprechen anders als ich. Spanisch habe ich im Urwald gelernt, von anderen Indigenen, ich spreche fünf Sprachen. Wir haben gehört, dass Sie Masken der Kogi aus Berlins Völkerkunde-Museum zurückhaben wollen. Warum? Gestern war ich im Zoo. Ich sah dort einen sehr heiligen Vogel, einen Papagei, der Ara oder Guacamayo genannt wird. Wenn er ausstirbt, dann stirbt auch die Erde. Warum gibt es jetzt Dürre? Weil dieser Vogel in der Sierra nicht mehr in Freiheit lebt. In diesem Museum gibt es für uns sehr heilige Masken, die ein deutscher Anthropologe vor 100 Jahren mitgenommen hat. Diese Masken und die Federn der Aras sind wichtig für unsere spirituelle Arbeit. Doch das Museum gibt uns die Masken nicht zurück, es misshandelt sie stattdessen mit Konservierungsmitteln. Früher gab es viele spirituelle Völker auf der Erde, sie alle machten die gleichen Arbeiten zum Erhalt der Natur – jedes Volk auf seine Art. Heute sind es nur noch sehr wenige. Es sieht so aus, als ob wir die letzten sind, die das alte Wissen bewahrt haben. Wir Kogi machen unsere Opferrituale im Interesse der ganzen Menschheit. Wir haben Rituale für die Mutter der Lebensmittel und den Vater des Urwaldes und der Artenvielfalt. Mit uns stirbt das ganze alte Wissen aus.

Alles über den «Café Kogi»: www.urwaldkaffee.de Bezugsquellen in der Schweiz: www.sabine-hagg.ch, www.wara-nuna.ch. Das Kilo kostet 35,90 SFR.

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Frontpolizistin in Begleitung Nicht nur ihr Diensthund folgte Chantal Perrinjaquet – sie verspürt auch die Präsenz verstorbener Seelen.

von Eva Rosenfelder

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iese zierliche Frau ist gut für Überraschungen. Chantal Perrinjaquet gehört zu der eigenwilligen Sorte von Menschen, die sich nicht so leicht in eine Schublade stecken lassen. Aufgewachsen ist die 40-jährige Aargauerin mitten im Grünen: Ihr Vater war selbständiger Gärtner und wurde von der Familie tatkräftig unterstützt. «Als ältestes von vier Kindern musste ich entsprechend anpacken, doch der grüne Daumen fehlt mir komplett.» Umso mehr nahm sie wahr, was andere nicht sehen konnten. Nach ihrer Wahrnehmung wurde sie während der Kindheit stets von ihrem verstorbenen Grossvater begleitet: «Ihm vertraute ich alle meine Sorgen an.» Ein Geheimnis, das sie lange Zeit aus ihrem Bewusstsein verdrängte. Sie absolvierte später in Aarau die Wirtschaftsdiplomschule und bekam bald darauf ihren ersten Job als Sekretärin. «Als totales Landei kam ich in die mondäne Grosstadt Zürich. Ich fühlte mich als graues Mäuschen und im Büroberuf sehr unglücklich.» Aktenordner gegen Uniform Obwohl sie kurzzeitig nach Kanada ausreiste und für ein Unternehmen in Montréal als Übersetzerin hätte arbeiten können, lockte es sie wieder zurück nach Zürich, diesmal zur Polizei: «Ich bestand die Aufnahmeprüfung an die Polizeischule und schlagartig wurde mein Leben interessant. Mit Begeisterung wechselte ich Aktenordner und Computer gegen Uniform und einen täglich hohen Adrenalinpegel. Ich liebte unvorhersehbare Situationen, bei denen ich die Herausforderung meistern konnte, einen klaren Kopf zu behalten.» Die Arbeit als Frontpolizistin war für sie genau richtig. Jetzt wünschte sie sich nur noch, einen Diensthund übernehmen zu dürfen. Tatsächlich konnte sie sich zur Hundeführerin ausbilden lassen: «Es hat mir total den Ärmel reingezogen.» Ihre besondere Begabung für den Umgang mit Hunden sprach sich bald herum. «In dieser Zeit begann ich wieder eine Art von ‹Präsenz› hinter mir zu spüren, vor allem, wenn ich meditativ oder konzentriert war. Sollte ich

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mich diesen Wesen stellen, mit ihnen sprechen?» Nach ihrer Wahrnehmung konnte sie mit den Seelen Verstorbener in Kontakt treten – so wie früher mit ihrem Grossvater, der sich jetzt auch wieder bei ihr «meldete». Solche Wahrnehmungen wurden auch während dem Dienst zusehends stärker, was ihr Angst machte. Im Dienst der geistigen Welt «Bei Einsätzen kam es vor, dass ich schon vorher wusste, in welcher Lage ich ein Opfer vorfinden würde. Ich fragte mich, was da in und mit mir passiert, wollte es in den Griff bekommen, ohne meine Bodenhaftung zu verlieren.» Ein medialer Berater riet ihr, den Polizistenberuf aufzugeben: «Dieser Beruf macht dich kaputt.» Aber sie liebte ihn, samt allen Herausforderungen – auch das Gefühl, in dieser männergeprägten Welt als «kleine Exotin» zu gelten, die es verstand, brenzlige Situationen zusammen mit ihrem vierbeinigen «Helden» zu lösen. «Ich verstand es einfach, den Hund mit feinsten Zeichen bereits im Vorfeld auf alle unsichtbaren Tatsachen aufmerksam zu machen.» Sie war gefordert, sich für oder gegen ihren Beruf zu entscheiden – und blieb. Gleichzeitig begann sie aber eine mehrjährige Ausbildung,

um ihre medialen Fähigkeiten zu entwickeln und entspannter mit ihnen umzugehen. Aus persönlichen Gründen gab sie ihren PolizeiBeruf schliesslich doch auf, um sich nur noch der medialen Arbeit zu widmen. Den Ausschlag dazu gab ihr eine zufällige Begegnung mit einem Mann in ihrem Dorf, der kurze Zeit später mit dem Motorrad tödlich verunfallte. Noch wusste sie nichts von seinem Tod, als er immer wieder als Geist zu ihr kam und sie dringlich um Hilfe bat, sie möge seiner Frau noch Ungesagtes von ihm mitteilen. «Dies bewirkte später so viel Klärung und Heilung bei dieser Frau, dass ich meine mediale Begabung fortan in den Dienst der Menschen stellen wollte.» Nach einigen Jahren medialer Beratung und einer Ausbildung zum Business Coach unterstützt Chantal Perrinjaquet heute Geschäftsfrauen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und schreibt Romane. «Alles, was ich möchte, ist, meine Gaben zu teilen und ganz bewusst bei mir zu sein ... » www.bewusst-bei-mir.ch Der unter dem Pseudonym Chantal Bavaré erschienene Roman «Ein Schutzengel kommt selten allein» ist für Fr. 19.90 im Buchhandel erhältlich. Der zweite Band erscheint diesen Herbst. www.chantalbavare.ch

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Horizonte erweitern

Heldenreise: Auge in Auge mit dem Dämon

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as Weglaufen vor dem inneren Dämon hat ein Ende. Auf der Burg Waldeck im deutschen Hunsrück tummeln sich am letzten Augustwochenende 150 Heldinnen und Helden. Sie besuchen das sechste «Heldenfestival» des Vereins «Irgendwie Anders». Wer hier vier Tage lang an Selbsterfahrungs-Workshops teilnimmt und abends auf der kleinen Freilichtbühne feiert, hat sich mindestens einmal in seinem Leben seiner größten Angst gestellt: dem eigenen Dämon; hat mit ihm gekämpft und ihn vielleicht sogar lieben gelernt. Sie alle haben ihre persönliche «Heldenreise» gemeistert. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Selbsterfahrungsseminar, das von «Irgendwie Anders» in Deutschland seit etwa 10 Jahren angeboten wird. Mit Methoden aus der Gestalt- und Körpertherapie, Meditationen,

speziellen Atemtechniken sowie Traumreisen machen sich die Teilnehmenden auf den Weg zu sich selbst. Wie die Helden in alten Mythen und Märchen verlassen sie ihr gewohntes Umfeld, betreten eine Lernzone und lassen sich auf völlig unbekannte Erfahrungen ein. Nicht selten werden dabei Prozesse angestoßen, die den Rahmen gewohnter Alltagserfahrungen sprengen, Blockaden lösen und eingefahrene soziale Beziehungen und berufliche Strukturen in Bewegung bringen. Die Idee der Heldenreise geht auf den USAmerikaner Paul Rebillot zurück. 2007 gründeten fünf ehemalige Teilnehmende gemeinsam «Irgendwie Anders» e.V., um dem Seminarkonzept in Deutschland einen institutionellen Rahmen zu geben und es weiterzuentwickeln. Mittlerweile gibt es mehrere Folgeseminare,

deren Namen über den Inhalt bereits einiges preisgeben: «Lovers Journey», «Family Circles», «Der Schatten» oder «Tod und Auferstehung». Ungewöhnlich ist auch die Philosophie der Finanzierung. Im Teilnehmerbeitrag inbegriffen sind nur die Kosten für Unterkunft und Verpflegung. Alles weitere wird finanziert aus Spenden der Teilnehmenden. Das Ziel des Kostenkonzepts: jedem Menschen die Teilnahme zu ermöglichen, aber auch die Erfahrung, Geschenke von Herzen geben und annehmen zu können. Im 2016 sollen erstmals auch Heldenreisen in der Schweiz stattfinden. Jürgen Bartz www.irgendwie-anders.de Der 45-jährige Autor ist ehemaliger Journalist, arbeitet heute als Fraktionsmitarbeiter im Göttinger Rathaus und trägt seit seiner Heldenreise erstmals seit 25 Jahren wieder kurze Haare.

Die «Dezentrale» – wo sie liegt und was sie tut

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m Berner Jura scheint die Freiheit besonders gut zu gedeihen. St. Imier ist eine der Hochburgen der anarchistischen Bewegung. Und hoch über dem Ort, auf dem Mont Soleil befindet sich der Hauptsitz von «Decentralize Now», einer Allianz von Gruppen aus aller Welt, dich sich für Selbstverwaltung einsetzen. Ihre «Dezentrale» liegt gut versteckt in einer Jugendstil-Villa. «Decentralize Now» will Synergien nutzen und eine «sich selbst bekräftigende Kultur» schaffen. Durch Selbstorganisation sollen Abhängigkeiten von Institutionen und Machtstrukturen reduziert und dem Subsidiaritätsprinzip zum Durchbruch verholfen werden. Die genossenschaftlich verwaltete «Dezentrale» der globalen Dezentralisierungsbewegung bietet Raum für kreative Köpfe und Macher, die ihre Projekte voranbringen und umsetzen

wollen. Themen sind Permakultur und Permavillage, Tiny Houses und Energiekonzepte. Am Ende soll ein Netzwerk von Organisationen und Menschen entstehen, das auf Grundlage einer eigenen Infrastruktur Informationen, Wissen und Erfahrung sammeln, teilen und tauschen kann. Es ist Teil des Konzepts, eine wachsende Gruppe von Nomaden aufzubauen, die weltweit in verschiedenen Projekten arbeiten und sich immer wieder auf dem Mont Soleil treffen. Auf der Agenda des ambitionierten Projekts stehen auch die Entwicklung eigener Social Media und Bezahlsysteme, um nahezu alle Bereiche des Zusammenlebens selbst steuern zu können. Am Ende steht die Vision einer eigenständig operierenden glocal community, die global denkt und lokal handelt. Johannes Heckmann www.decentralisenow.org

In dieser Jugendstil-Villa auf dem Mont Soleil wird weltweit dezentralisiert.

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BESSER LEBEN FESTIVAL 2015

Rigolo – Zirkus der Sinne

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nmöglich!» sagt der Verstand. Die Ruhe und Konzentration, die es bräuchte, um eine Feder auf 13 losen aufeinander liegenden Palmblatt-Rispen zu balancieren, besitzt kein Mensch. Der Schweizer Zirkuskünstler Mädir Eugster, Gründer des Swiss Nouveau Cirque «Rigolo» beweist mit «Sanddorn Balance» das Gegenteil. Der fünfzehn minütige Balance- und Konzentrationsakt erhielt vor zwei Jahren den japanischen «Kamiwaza» Preis, eine Auszeichnung für «Meister mit übermenschlichen Fähigkeiten». Inzwischen hat Mädir Eugster die phänomenale Nummer sieben weiteren Artisten beigebracht, die sie weltweit zur Aufführung bringen und für Einnahmen sorgen. Diese flossen in die Probearbeit zum Programm «Wings». Während die Proben vor Tourneestart bei einem normalen Zirkus zwei Wochen und beim bekannten «Cirque du

Soleil» zwei Monate dauern, feilte die RigoloTruppe ganze zwei Jahre an «Wings» Das Programm von Rigolo besteht nicht nur aus atemraubenden Einzelnummern, sondern verbindet Szenen aus Tanz, Artistik, bildender Kunst und Musik zu einer abendfüllenden Geschichte. Seit sie die aktuelle Produktion «Wings by Rigolo» vor einem Jahr in St. Gallen uraufführten, mischen die Artisten die Zirkuslandschaft auf. Anders als der traditionelle Zirkus verzichtet das Ensemble auf Clowns und Tiere. Dafür rückt die Poesie in den Vordergrund. Ganz im Sinn des «Nouveau Cirque». «Wie kann etwas so erhaben sein?» fragt der Geist. «Zauberhaft, märchenhaft, elfengleich» erfreut sich das Herz. OR/CP

22. November 2015 von 11 – 18 Uhr Kulturhaus Helferei, Kirchgasse 13, Zürich

www.rigolo.ch

Foto:www.rigolo.ch

REFERATE Prof. Dr. Anton Gunzinger: «Kraftwerk Schweiz» Peter Itin: «Bewusst gesund» Pater Niklaus Brantschen: «Kraft aus der Stille» Tanja Mirabile: «Wie ich Frieden lebe!» interaktiver Teil mit Heinz Robert

Leseraktion: «Wings» für Abonnentinnen und Abonnenten Mit dem Zeitpunkt zum halben Preis einen beflügelten Abend mit Rigolo erleben Der Zeitpunkt und Rigolo Swiss Nouveau Cirque bieten den Abonnentinnen und Abonnenten für die Vorstellung vom Sonntag, 22. November, 18.00 Uhr Eintrittskarten zum halben Preis an. Normalpreise: Fr. 96.90, 85.90 und 74.90 (Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre die Hälfte) Ort: Halle 52, Katharina SulzerPlatz, 8400 Winterthur

Gleichzeitig laden wir Sie zu einer Einführung in die faszinierende Arbeit von Rigolo durch Mädir Eugster und Lena Roth. Beginn: 17.00 Uhr. Lernen Sie zwei faszinierende Menschen kennen, die vor 38 Jahren mit Strassentheater begannen und heute zu den besten Zirkuskünstlern Europas gehören.

Bestellung der Tickets: Schreiben Sie eine e-Mail an verlag@zeitpunkt.ch mit der gewünschten Anzahl Karten (max. 4). Wir bestätigen die Bestellung und halten die Karten an der Abendkasse für Sie bereit (Abholung bis eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn). Wir freuen uns, viele Leserinnen und Leser zu diesem einmaligen Abend begrüssen zu dürfen. Zeitpunkt

RAHMENPROGRAMM Musik- und Tanzimprovisationen Friedenstanzen und -singen INFO-MARKT Organisationen kennenlernen, die auf unterschiedliche Weise zeigen, wie man bewusst, bewegt, konkret und kreativ besser leben kann. MITBRINGEN Jeder Festivalbesucher bringt eine Speise für das gemeinsame Buffet mit – und trägt so zu einer Kultur des Teilens bei. Informieren, mitmachen und mitdiskutieren: www.integrale-politik.ch


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Unverblümte Buchvernissage im Morgenland Über hundert erwartungsfrohe Menschen trafen sich in der Abenddämmerung des 25. Septembers im fantastischen «Morgenland» am Stadtrand von Winterthur, um die Geburt eines besonderen Erstlings zu feiern.

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er Holzbildhauer Erwin Schatzmann hat mehr zu bieten, als die pralle «Volkskunst eines Volkes, das es noch nicht gibt.» Auch seine «aphoristische Denkprosa», gesammelt und unter dem Titel «unverblümt» zum Buch gebunden, stammt aus einer Welt der Freiheit. Wohl manche der Geladenen dürften mit dem vagen Vorsatz oder der leisen Hoffnung gekommen sein, selbst auch bald kompromissloser für das eigene Seelenfeuer einzustehen. Denn das ist etwas vom Wesentlichsten, was Schatzmann transportiert. Mit dem Charme eines Narren Seit Jahrzehnten folgt Schatzmann unverblümt und kompromisslos seinem ureigenen Weg. «Unverblümt» ist nicht das Ergebnis mühseliger, verkrampfter Schreibtischarbeit, sondern vielmehr gesammelte Ernte eines eigenständigen Lebens – für einmal nicht in Holz, sondern in Buchstaben gemeisselt. Schatzmann‘sche Denkprosa entsteht auf Fresszetteln, irgendwo unterwegs. Es sind eingefangene Geistesblitze in Kurzform, wortwörtlich durchlebt, später auf der alten Hermes Ambassador – hartnäckig dem Computer widerstehend – zu Papier gebracht Als Meister der geistreichen Kommunikation in Kürze oder auch länger, was immer es bedarf, setzt er seine Fähigkeit mit dem Charme eines Narren ein, frei von der Last gängiger Erwartungen.

stimmt gewesen. «Wie die Fahnen auf diesem Gelände keiner Nationalität, sondern nur dem Wind folgen, so folgten ja auch meine Texte einfach dem Geistwind.» Mit Handorgel und einer klangvollen Stimme liess Angela Pina Ganzoni das Gesagte gen Nachthimmel tanzen. Ein Glas Wein zum Wohle des Taufkindes, Begegnungen und Gespräche besiegelten einen besonderen Abend. Aphorismen wie etwa dieser klingen nach: «Die Blume blüht nicht, um aufzufallen. Sie fällt auf, weil sie blüht ...» Eva Rosenfelder Erwin Jakob Schatzmann: Unverblümt – aphoristische Denkprosa. edition Zeitpunkt, 2015, 148 Seiten, mit 13 ganzseitigen, farb. Abb. Geb. Fr. 18.-

Ein Vorbild freien Lebens Erwin Schatzmann sei «ein schweizweites Vorbild, wie man frei leben und sich selber dabei treu bleiben kann», sagte der Verleger Christoph Pfluger in seiner kurzen Einführung – unter grossem Applaus der Anwesenden. Die Kunsthistorikerin Luzia Cavegn bezeichnete Schatzmann als volkstümlichen Erneuerer, der mit seiner spätbarocken Vorliebe für Schnörkel und Heiligenfiguren die Welt wieder verzaubere oder vielmehr «schatzmanisiere». Er selber meinte, seine Texte seien eher für eine Verinnerlichung als für eine Veröffentlichung be-

Perlen aus «unverblümt»: Gott hilft mir vielleicht, auf jeden Fall aber muss ich Gott helfen. Was das Leben unglücklich macht, ist in der Regel nicht die Absenz von Glück, sondern unsere Unfähigkeit, das Glück zu erkennen, wenn es da ist. Wenn Ihnen der Preis eines Kunstwerkes zu hoch erscheint, bedenken Sie: Ich habe eine Stunde oder einen Tag gebraucht, um das Werk zu schaffen, das Sie gerade sehen, aber ein ganzes Leben, um es so machen zu können. Der vielbeschworene «Einklang mit der Natur» ist ein Kitschbegriff, weil lediglich mit GesundheittSchönwetter-Blumenwiese assoziiert. «Einklang mit der Natur» hiesse auch mal hungern, frieren oder früh sterben, denn die Natur kennt weder Spital noch Sozialamt. Kunst kommt aus dem Dunkel, ohne selber Dunkel zu sein.

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Der Mensch im Mittelpunkt

Akademie für Naturheilkunde Atem holen | arbeiten | feiern

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Lebenskunst im Alltag. Schöpferisch leben mit Marianne Lacina und Margret Surdmann, 14. – 15.11. Tanzwochenende zum Weihnachtsoratorium von J. S. Bach «Wie soll ich dich empfangen» mit Annekäthi Aerni, 5. – 6.12. Shibashi Qi Gong – Meditation in Bewegung. Den Baum der Stille pflanzen mit Barbara Lehner, 11. – 13.12. «Siehe, du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären». Adventsretraite zu Hagar und Ismael mit Andreas Fischer, 18. – 20.12. Dem Advent seine Stille geben. Advent – Schatzhaus der Stille mit Peter Wild, 18. – 20.12. KlosterTage Für alle, die die Festtage individuell gestalten und gleichzeitig in Gemeinschaft verbringen möchten. Advent: 3. – 5.12. sowie 17. – 19.12. Weihnachten: 23. – 26.12. Jahreswechsel: 30.12 – 2.1. «Siehe, die HütteKloster Kappel, Kappelerhof 5, 8926 Kappel a.A. 044 764 88 30 | kurse.theologie@klosterkappel.ch | www.kursekappel.ch

Gemeinschaft MonteBasso - Eggiwil im Emmental ►Permakultur

Planungs-Workshops

mit Markus Pölz, Bastiaan Frich, Markus Rüegg

Du lernst planen: Gemüse- & Waldgarten, alle Hausfassaden, Terrassen, Hügelbeete, Aquaponic, Wurmkompost, Terra Preta, Selbstversorgung usw. Die Gemeinschaft (Zone 0) wird bei den Workshops praktisch gelebt, kreativ gestaltet und gemeinsam reflektiert. Einkommensabh. Tarife, Sonderkonditionen z.B. für Alleinerziehende. Kinderbetreuung. Die modularen Workshops können einzeln besucht werden. ►13.-15. Nov. ►27.-29. Nov. ►11.-13. Dez. 2015 ►034

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Wir stehlen vielleicht Zeit, aber wir geben mehr zurück: ZE!TPUNKT


samkeit

mit Lioba Schneemann

Wir sitzen alle im selben Boot – die Verbundenheit aller Dinge Wir sind alle miteinander verbunden. Etwa über die Luft, die wir atmen und das Wasser, das wir trinken. Wir ernähren uns von dem, was andere anbauen, kleiden uns mit dem, was andere nähen. So wie wir uns nie von unserem Atem, Körper und Geist trennen, so sind wir auch nie von anderen Wesen getrennt. Mit jedem Atemzug können wir uns aufs Neue an diese Verbindung erinnern. Daraus entwickelt sich eine ganzheitliche Sicht, die eher von Mitgefühl und Dankbarkeit getragen wird als von Gefühlen der Isolation, Angst und Abwehr. Auch das ist Achtsamkeit. Achtsamkeit ist keine lebensferne Praxis. Sie schult ethisches Denken, indem wir erkennen, was wesentlich, was sinnvoll und nützlich ist; und auch was uns und anderen schadet. Dieses Unterscheidungsvermögen braucht es, um Wertmassstäbe zu entwickeln, die das Verhalten leiten. Dazu gehört das Bewusstsein der gegenseitigen Abhängigkeit

Gschänkt & gratis

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ch kann mich darauf verlassen, dass mich die Inspiration für ein neues Lied immer dann überfällt, wenn ich nichts zum Schreiben dabei habe. Ich merke mir die Songs mit Eselsbrücken. Das erklärt auch den Titel meines neuen Albums «Eselsbrügg». Die Idee zum Song «Gschänkt & gratis» war jedoch ein «Geschenk» einer Tankstellenangestellten, von der ich eigentlich gar nichts geschenkt haben wollte. Als ich das Auto aufgetankt hatte, stellte sie eine Spraydose auf die Ladentheke und erklärte: «Diese gibt es gratis dazu». Ein Spray, um die Felgen zu reinigen. So etwas brauche ich doch nicht. Ich bin ganz froh, wenn das Auto einfach fährt. Verständnislos schaute sie mich an und betonte energisch: «Es ist gratis». Da ich merkte, dass meine Verweigerung sie im Innersten traf, siegte mein Anstand und ich nahm das Warenmüsterchen halt mit. Es steht,

mit allen Menschen und Lebewesen. In diesem Sinne ist Achtsamkeit die Grundlage einer ethischen Geisteshaltung und die wiederum ist Grundlage politischen Denkens. Übung: Versuchen Sie am besten jetzt im Moment, in dem Sie lesen, beim aufwühlenden Thema der Flüchtlingskrise innezuhalten. Beobachten Sie sich selbst für einige Minuten. Wie sitzen Sie da? Spüren Sie ihre Füsse, den Kontakt mit dem Boden und der Sitzfläche? Wie fliesst der Atem, sobald sie an das Thema denken? Verändert er sich? Gibt es irgendwo eine Spannung im Körper? Welche Gedanken tauchen auf? Erforschen Sie, ob Sie herausfinden, was die Gründe sind für ein mögliches Unwohlsein bei diesem Thema?

Gibt es Ängste, die sie konkreter benennen können? Untersuchen Sie, wie real diese wirklich sind. Welche Gefühle begleiten ihre Gedanken in dem Moment? Lassen Sie sich etwas Zeit. Bleiben Sie aufmerksam beim Thema und wiederholen Sie diese Übung mehrmals. Vielleicht tauchen neue Antworten auf. Buchtipp: Hrsg. Britta Hölzel & Christine Brähler: Achtsamkeit mitten im Leben – Anwendungsgebiete und wissenschaftliche Perspektiven. 2015, O.W. Barth. Geb. 336 S., Fr. 28.90 /20 €. Das Werk vereint einige der wichtigsten deutschsprachigen AchtsamkeitsautorInnen. Lioba Schneemann ist MBSR- und Achtsamkeitslehrerin und schult Menschen darin, bewusster mit sich und anderen umzugehen und mehr Dankbarkeit zu entwickeln. Daten für MBSR und Entspannungskurse auf www.schneemann-entspannt.ch

von Stefan Heimoz

glaube ich, noch immer in unserer kleinen Werkstatt. Bald einmal fiel mir auf, dass ich auch in der Drogerie und in anderen Geschäften dauernd mit Warenmüsterchen beliefert werde. Hilfe! Wenn ich ein neues Deodorant brauche, dann kaufe ich doch einfach eines. Ebenso ärgerlich finde ich die unseligen Kärtchen, die man fast allerorts erhält, mit denen das «Zehnte» (Kaffee, Sandwich usw.) dann gratis ist. Dass es in Wirklichkeit gar nichts geschenkt gibt und der Preis des «Zehnten» einfach auf die anderen neun aufgerechnet wird, muss man niemandem erklären. Nur: Wenn ich alle diese Kärtchen sammeln würde, hätte mein Portemonnaie die Dicke eines Taschenbuches. Ich habe übrigens auch keine Supercard und keine Cumulus-Karte. Dafür einen Müllhaufen von Gratis-Müsterchen, die ich nicht brauche. Und eine Idee für einen Song.

Stefan Heimoz ist Liedermacher, Kolumnist und Geschichtenerzähler. Das Lied «Gschänkt und gratis» ist auf seinem fünften Album «Eselsbrügg» zu hören. CD-Taufe am 14. November 20:30 Uhr in der Mahogany Hall in Bern. Begleitet wird der Abend von Oli Kerhli (Berner Chansons) und François Leob (Kurzgeschichten).www.stefanheimoz.ch

Marie-Monique Robin braucht Hilfe für ihr Filmprojekt

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arie-Monique Robin, die preisgekrönte französische Journalistin und Filmemacherin erhält bei den grossen Fernsehanstalten keine Sendezeit mehr. Seit sie den Orden der Légion d’Honneur, der höchsten französischen Auszeichnung, 2013 zurückgegeben hat, will nicht

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einmal Arte neue Projekte finanzieren, das ihre aufsehenerregenden Dokumentarfilme bisher ausgestrahlt hat (darunter «Monsanto, mit Gift und Genen», und «Sacré croissance»). Wenn sie nicht 2500 Vorbestellungen à 30 Euro für DVDs ihres nächsten Films erreiche, müsse sie ihren

Beruf zu wechseln, schrieb sie ihren Freunden. Das darf doch nicht sein! Der Zeitpunkt hat 10 DVDs bestellt und hofft, damit auch andere anzuregen, die Arbeit von Marie-Monique Robin zu unterstützen. Christoph Pfluger Weitere Informationen: http://membres.m2rfilms.com

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n e t u g Die n e s s Adre

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Die guten Adressen

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Adrasan bei Antalya/Türkei Boutique-Hotel Eviniz Tel 0041 079 406 37 90 (Schweiz) sonne7@ferien-antalya.com www.ferien-antalya.com

Bade- und Wanderferien im Boutique-Hotel Eviniz-Swiss bei Antalya, Türkei In unserem kleinen Hotel Eviniz wo man leicht in Kontakt kommt, in Adrasan (Lykischer Weg) mit kleinem Strand. Ferien am Meer und im Grünen inmitten von Hügeln zum Wandern und Besuch historischer Stätten. Gespräche – Natur – Begegnungen, individuell oder in spontanen Gruppen. Günstiger Platz auch für Langzeitaufenthalter für eine Auszeit, zur Rekreation oder als Residenz. 

Zum Goldenen Hirschen Restaurant • Hotel • Seminarhaus Klösterliweg 17, 6410 Rigi Klösterli +41 (0)41 855 05 45 Homepage: www.kloesterli.ch hotel@kloesterli.ch

Ein einladender Kraftort im Herzgebiet der Schweiz Auf 1300 m. ü. M. liegt das über 100 jährige Hotel in herrlicher, voralpiner Bergwelt. Das gemütliche Restaurant (biologische Küche) und die 35 z. T. renovierten Zimmer laden ein zum Geniessen und Erholen oder zu vielfältigen Aktivitäten in der Umgebung. Zwei grosse Säle ermöglichen Familienfeiern, Seminare, Kongresse und weitere Veranstaltungen.

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Rundreisen ∙ Yogareisen ∙ Yoga-, Meditations- und Kreativferien Abwechslungsreiche Reiseprogramme mit sorgfältiger Organisation ∙ Unterkunft in kleineren, persönlich geführten Hotels an schönen Plätzen ∙ Authentische Begegnungen mit Menschen im bereisten Land ∙ Wo möglich, Besuche bei spirituellen Meistern, Heilern und Schamanen ∙  Wo möglich, Teilnahme an Festen, Ritualen und Zeremonien ∙  Zusammenarbeit mit Organisationen, die den sanften Tourismus fördern.

Berggasthaus Salwideli Hotel-Restaurant 6174 Sörenberg Tel. 041 488 11 27 salwideli@bluewin.ch

Ferien in der UNESCO Biosphäre Entlebuch Erleben Sie die Vielzahl der Wander- und Ausflugsmöglichkeiten. Lassen Sie sich von unserem Team mit herzlicher Gastfreundlichkeit kulinarisch verwöhnen. Auch für Gruppen sind wir DER Ansprechpartner in der Region. Profitieren Sie von unserem SommerAngebot: Von Sonntag bis Freitag, drei Übernachtungen und nur zwei bezahlen. Wir freuen uns auf Sie!

Die gute Adresse zur Horizonterweiterung

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Bettina Lambrigger und Andres Ettlin 8302 Kloten 079/232 34 43 bettina@samsara-begegnen.ch www.samsara-begegnen.ch Mensch-Natur-Vision-Sein

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Die Schule macht den Unterschied Die Ko Schule ist eine Shiatsu- und Lebensschule. Sie bietet neben Diplomausbildung und Fortbildung spannende Kurse zum Thema Shiatsu und Wohlbefinden für Interessierte ohne Vorkenntnisse an: Shiatsu Wellness Practitioner (mit Zertifikat), Shiatsu zu zweit, Shiatsu mit Kindern, Samurai Shiatsu in der Schule, Allergien und Abwehrkräfte, Die 6 heilenden Laute.

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Die guten Adressen



praxis vedya

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Doné - Ort der Begegnung Willi Maurer, 6994 Aranno TI Tel. 091 609 10 89 info@willi-maurer.ch www.willi-maurer.ch

Transformation des Schattens durch Gefühls- und Körperarbeit Literatur dazu: Willi Maurer, Der erste Augenblick des Lebens - Der Einfluss der Geburt auf die Heilung von Mensch und Erde, 2009 DrachenVerlag. - Gemeinsam wachsen: Wochenendgruppen und 6-Tage-Intensivgruppen - Gemeinsam lernen: Ausbildung für im Geburts- oder Therapiebereich Tätige - Vorträge und DVD-Film Geburt-Imprinting-gesellschaftliche Auswirkungen

praxis vedya Annemarie R. Hunzinger, MA Beratungen in Solothurn 079 852 71 81 info@vedya.ch www.vedya.ch

indisch-vedische Astrologie Astrologie bringt uns die äussere und innere Dimension von Zeit und Rhythmus ins Bewusstsein. Dies hilft uns bei der Suche nach unserer Bestimmung und leitet uns auf dem spirituellen Weg zur Wahrnehmung des Göttlichen in uns – zur Seele. Gerne berate und begleite ich Sie auf diesem spannenden Weg!

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Naturschule Woniya Dalaus 81C 7425 Masein 081 630 06 18 info@naturschule-woniya.ch www.naturschule-woniya.ch

Ausbildung Natur- und Wildnispädagogik Einjährige, berufsbegleitende Ausbildung Visionssuchen – sich selber finden in der Stille der Natur Tipilager für Kinder und Jugendliche Lager und Naturtage für Schulen

Villa Unspunnen Oberdorfweg 7 3812 Wilderswil 033 821 04 44 info@villaunspunnen.ch; www.villaunspunnen.ch

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Die guten Adressen

Tänze des Universellen Friedens Catherine Bolliger Finkenweg 13, 3123 Belp 031 819 40 52 cathy.bolliger@belponline.ch www.friedenstaenze.ch

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buchplanet.ch: Der Onlineshop für secondhand Bücher buchplanet.ch gehört zur Stiftung Tosam, die mit verschiedenen Betrieben Arbeitsplätze im alternativen Arbeitsmarkt bereitstellt. buchplanet.ch bietet momentan mehr als 40'000 gebrauchte Bücher an, sortiert in über 40 Rubriken. Von Esoterik & Parapsychologie über Märchen & Sagen bis zu Hobby, Sport & Spass. Das Angebot wird laufend erweitert. Ein Besuch auf www.buchplanet.ch lohnt sich deshalb immer.

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Es gibt Zitronen, die werden ausgepresst, bis Blut fliesst. Griechenland ist so ein Fall. Das Ergebnis wird selbst den Köchen der Rettungsdiät nicht schmecken. Der Journalist und Filmemacher Harald Schumann hat die Rezepte analysiert und mit dem Küchenpersonal des IWF, der EZB und der EU gesprochen. Er hat sich vor Ort in Griechenland umgesehen und die Resultate in zahlreichen Artikeln im «Tagesspiegel» und zwei bemerkenswerten Filmen dokumentiert, dem preisgekrönten «Staatsgeheimnis Bankenrettung» (2013) und «Macht ohne Kontrolle – die Troika» (2015). Ein wirklich fantastisches Buch, das mich sprachlos zurückgelassen hat. Ich bin sicher, den wenigsten ist dieser gnadenlose Ausverkauf der Länder bewusst. Corinna Schindler

Die Autorin Ute Scheub hat aus dem umfangreichen Material ein griechische Tragödie geschrieben, samt Chor der Boulevardjournalisten. Alle Darsteller, von Schäuble bis Varoufakis, treten mit Originalzitaten auf. Eine überzeugende, eingängige Darstellung einer Geschichte, die wir verstehen müssen, wenn wir sie noch beeinflussen wollen. Harald Schumann und Ute Scheub: Die Troika – Macht ohne Kontrolle. Eine griechische Tragödie und eine europäische Groteske in fünf Akten. edition Zeitpunkt, 2015. Ca. 100 S., geb. Fr. 15.–/€ 14.– Bestellkarte im Umschlag


Leserbriefe

leserbriefe@zeitpunkt.ch Der Zeitpunkt für Dumpfbacken ZP 139 «Wellenretter» Der Vielfalt meines Lebens geschuldet komme ich zum Schluss: Es reicht mir nicht. Wenn eine gesellschaftskritisch sein wollende Schrift wie der Zeitpunkt zwar auf extrem wichtige Punkte hinweist, es jedoch unterlässt, die konsequente Umsetzung aufzuzeigen. Im letzen Heft werden SurferInnen als «Wellenretter» beschrieben. Doch genau diese Sportart (wie all das andere dumme Adrenalin-Zeug) mit ihren Hunderttausenden von Anhänger­Innen zerstören zentrale Umweltwerte massiv mit: Indem sie Surfbretter aus nicht zertifizierter Produktion kaufen (vielleicht sogar auf Pump), indem sie diese Schwarten verladen und tausende Kilometer transportieren. Was wird denn hier gerettet? Was Not getan hätte, wäre die Aufforderung gewesen, auf diesen ganzen oberflächlichen Event-Rummel zu verzichten und sich sein Leben wieder einfach und bescheiden einzurichten. Wo finde ich im Zeitpunkt entsprechende, sachliche, wissenschaftlich begründete Artikel dazu oder Zeitfragen wie die beklemmende Jugendarbeitslosigkeit in grossen Teilen Europas: Wo beschreiben Sie die rücksichtlose Brutalität der sog. modernen Industriewelt, deren einzige Maxime scheint, die CEO‘s und die Aktionäre zufrieden zu stellen? Wo beschreiben Sie die Unfähigkeit immer zahlreicher werdender Jugendlicher, berechtigte Kritik an ihrem Verhalten im Umgang mit anderen Menschen auszuhalten, ohne zu motzen? Wir werden immer verweichlichter, gleichgültiger, fauler, frecher, feiger, oberflächlicher, verzärtelter, undisziplinierter, egoistischer, unhöflicher, ungeduldiger, narzisstischer, usw. Haben Sie jemals einen Artikel gebracht mit dem Titel «Richtig fördern heisst richtig fordern!»? Eben. Sie spüren, woher mein Wind weht. Ausserdem ahne ich zumindest, wie schwer es angesichts der Verführungskünste von Politik, Werbung und Wirtschaft geworden ist, ein Blatt in meinem Sinne herauszugeben und anständiges Geld damit zu verdienen. Hart gesagt: Jene Dumpfbacken, die diese Schrift abonnieren, lesen, verstehen und das Gelesene umsetzen müssten – die werden vermutlich bis an ihr Lebensende dumpf bleiben. Es ist die traurige Realität – neben all dem Schönen und Wunderbaren, das unsere Welt, ohne jedes lächer-

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liche und umweltzerstörerische Event-Theater, zu bieten hat. Christian Buschan, Wolfhausen Der Ernst der Lage ZP 139 «Können die Banken mit selbst gemachtem Geld bezahlen?» Ein grosses Lob an mutige Menschen, welche unabhängige Zeitschriften hervorbringen und ihre freie Meinung äussern! Die einseitigen, kanalisierten Berichterstattungen im Fernsehen und in den üblichen Zeitungen sind nicht mehr sehens- und lesenswert. Ich lese lieber den Zeitpunkt oder informiere mich auf alternativen Kanälen im Internet über den Wahnsinn dieser Welt. Im Artikel «Können die Banken mit selbst gemachtem Geld bezahlen?» bestätigen Sie die schrecklichen Zustände. Ihr letzter Satz lässt Ungutes ahnen: «Wenn dieses Privileg nicht aufgehoben wird, wird der Tag kommen, an dem die Banken alles besitzen, was es zu kaufen gibt. Vielleicht sogar noch etwas mehr …» Das wäre die Neue Weltordnung. Wer es nicht glauben kann oder will, schaut sich auf Youtube die Aussagen von George Friedman an. Da begreift man den totalen Ernst der Lage. Claudia Müller, Muttenz

Das gehört zum Buch «Das nächste Geld» und als Empfehlung in den Zeitpunkt. Marco Zülli, Thun

Mc Donalds in der Kochstunde Eine Bekannte unserer Kolumnistin Erica Bänziger beschreibt fassungslos das Menu vom ersten Kochunterricht ihres Kindes: «Salat: Tomaten, Mozzarellascheiben, getrockneter Basilikum. Hauptgang: Bagette, Ketchup, Tomaten- und Mozzarellascheiben, Salami, Schinken, getrockneter Basilikum. Dessert: Vanilleglace, zerhackte Maltesers und Smarties. Getränke: Apfelschorle und Eistee von Nestle. Ich bin total geschockt. Was lernen die denn heute in der Schule?? Zu dieser Saison, wo so vieles feines wächst, was auch noch gesund wäre.» Red. Ethik ist wichtiger als Religion «Das nächste Geld» ZP 137/138 Ich nehme an ihr kennt den Appell des Dalai Lama «Ethik ist wichtiger als Religion»

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Verlagsmitteilung

Verlagsmitteilung Liebe Leserinnen und Leser Herzlichen Dank für das ziemlich überwältigende Echo auf «Das nächste Geld». Zuerst eine Richtigstellung: Einige Leserinnen und Leser haben das Buch für ein Geschenk gehalten; dabei ist es im Abonnement enthalten. Es ist sogar so, dass ich es gar nicht hätte schreiben können, wenn es nicht Teil des Abonnements wäre. So gut geht es dem Zeitpunkt nun doch wieder nicht, dass er zwei Hefte ersatzlos hätte streichen können ;-) Die vielen Briefe und Mails haben mich sehr bewegt. Es sind so viele, dass wir sie hier nicht abdrucken können. Sie sind integral unter edition.zeitpunkt.ch/das-naechste-geld zu finden. Der Tenor der Zuschriften ist grosse Betroffenheit – und eine gewisse Ratlosigkeit, wie bei mir auch. Es gibt vielleicht ein Ziel – die friedliche demokratische Umwälzung. Aber eine überzeugende Strategie ist nicht in Sicht. Die von mir propagierte Beschleunigung des Zusammenbruchs bei gleichzeitiger Vorbereitung des Neuaufbaus ist mehr ein Produkt der Logik als ein ernst gemeinter Plan.

Erkenntnis lässt sich weder planen, noch herstellen, geschweige denn erzwingen. Da kann man Bücher schreiben, demonstrieren oder sich vor der Weltbank verbrennen – die Erkenntnis kommt, wann sie will. Oder wenn der Irrtum zu schmerzhaft wird. Darum endet «das nächste Geld» mit dem Zitat Goethes: «Der Irrtum kann nur durch das Irren geheilt werden.» Oder etwas profaner ausgedrückt: Wer nicht hören will, muss fühlen. Angesichts dieser Lage wird es vielen wie dem Anwalt aus Genf ergehen, der mir schrieb: «Was mir am meisten zu schaffen macht, ist die ständige Anstrengung, positiv zu bleiben. Der Betrug, die Verschwörung, wie immer man es nennen will, und die Weigerung der Menschen, die Augen aufzumachen, sind so gross, dass man leicht verzweifeln oder zum Pessimisten werden kann.» Ja! «Wenn du am Ende sagst, dass wir nicht mit Gewalt und Kraft handeln können, hast du sicher recht, denn es gibt schlicht und einfach keine Alternative. Aber leicht ist das nicht. Ich brauche viel Kraft und Meditation dazu.» Ich auch.

Aber: Ich verfüge über einen kleinen Informationsvorsprung. Wir haben in den letzten Wochen hunderte von Büchern an Leser verschickt, die «das nächste Geld» weitergeben wollen. Besonders erfreulich: Darunter sind viele Frauen. Wenn man Vorträge hält oder an Geld-Veranstaltungen geht, ist das Publikum meist männlich und etwas grau. Die wachsende weibliche Aktivität stimmt zuversichtlich. Frauen sind in Beziehungsfragen – und dazu gehört das Geld ohne Zweifel – ganz einfach kompetenter als wir Männer. Und dann habe ich noch einen (unverdienten) Gefühlsvorsprung: Mich dünkt, dass etwas im Entstehen ist. Was, das weiss ich allerdings noch nicht. Deshalb frage ich Sie: Was würden Sie denn gerne tun? Was brauchen Sie dazu? Wenn die Antworten einigermassen klar sind, werde ich mich nach Kräften dafür einsetzen, es zu ermöglichen. Lassen Sie der Frage etwas Zeit, aber nicht bis übermorgen. Lassen Sie Ihre Gedanken reifen, aber nicht verschimmeln. Und lassen Sie von sich hören. Herzlich, Christoph Pfluger

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Was wäre wesenrenW?elt ganz anders

Die Bundesbank und «das nächste Geld»: Der Teufel – oder wohl doch eher ein Engel? – hat es offenbar gewollt, dass der Stand der edition Zeitpunkt an der Frankfurter Buchmesse gleich gegenüber dem der Bundesbank lag. So nah waren sich das Problem und die Lösung schon lange nicht mehr.

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Vollgeld: Die Initiative steht! A

von Hansruedi Weber

ngefangen hat die lange Geschichte der Vollgeld-Initiative eigentlich schon vor über vierzig Jahren, als ich in meiner Buchhandlung auf die Bücher Silvio Gesells stiess, dem Begründer der Freiwirtschaft und des zinsfreien Geldes. In der Folge wurde ich (passives) Mitglied der freiwirtschaftlichen Bewegung, die allerdings nach der Ablehnung ihrer Kaufkraftinitiative anfangs der 1950er Jahre den Schwerpunkt ihrer Aktivität von der Geldreform auf die Bodenreform gelegt hatte.

Der nächste wegweisende Impuls kam 2008 wieder von einem Buch, «Geldschöpfung in öffentlicher Hand» von Joseph Huber und James Robertson. Es beschrieb erstmals im Detail die private Geldschöpfung durch die Banken, die daraus entstehenden Probleme und die Lösung durch die Vollgeld-Reform. Wenn das stimmt, sagte ich mir, dann ist die Schweiz mit ihren direktdemokratischen Instrumenten das einzige Land der Welt, das eine solche Reform an die Hand nehmen kann. Ich stellte das Buch an einer Geld-Tagung vor und gewann auf Anhieb erste Unterstützer. Ein Jahr später organisierte ich eine Tagung im kleinen Kreis mit Joseph Huber, dem Vater der Vollgeld-Reform im deutschsprachigen Raum; weitere Mitstreiter kamen dazu. Mit der Hilfe von Peter Ulrich, dem em. Professor für Ethik an der Hochschule St. Gallen, bei dem ich einen Kurs besucht hatte, konnte ich als nächsten Schritt einen wissenschaftlichen Beirat mit den Professoren Hans Christoph Binswanger, Philippe Mastronardi und anderen gewinnen. 2011 wurde dann der Verein Monetäre Modernisierung (MoMo) gegründet, der sich die Lancierung einer Volksinitiative zum Ziel setzte und in der edition Zeitpunkt einen Sammelband mit wissenschaftlichen Texten und konkreten Vorschlägen für einen Verfassungstext publizieren konnte. Wir waren zwar immer noch ein sehr kleiner Verein, aber die Idee war so gross, dass sich eine gewisse Eigendynamik und ein typischer Konflikt entwickelte: Die Einen wollten mehr Anlaufzeit, um die fehlenden personellen und finanziellen Ressourcen zu gewinnen. Die Anderen drängten auf «vorwärts machen» und zählten darauf, dass die Unterstützung mit der Lancierung schon komme.

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Als Präsident des Vereins und des Initiativ-Komitees habe ich unsere Diskussion nie autoritär geführt. Zum einen bin ich nicht der Chef-Typ, zum anderen habe ich als ehemaliger Lehrer die Erfahrung gemacht, dass man den Menschen Gelegenheit zum freien Ausdruck geben muss. So erreicht man auf lange Sicht am meisten. Es war auch nie meine Ambition, den Leitwolf zu spielen. Es hat sich einfach so ergeben. Zum Glück meldete sich in der Folge ganz spontan der fehlende Organisator in der Person von Thomas Mayer. Mit über zwanzig Jahren Arbeit bei «mehr Demokratie e.V.» in Deutschland brachte er auch eine Menge Kampagnenerfahrung mit. Wir beschlossen, die Initiative zu lancieren, obwohl die selbst gestellten Bedingungen – 300’000 Franken auf dem Kampagnenkonto und 60’000 zugesagte Unterschriften – längst nicht erreicht waren. Die Vorwärts-Leute sollten recht bekommen, allerdings mit Verzögerung. Im ersten Halbjahr nach der Lancierung am 7. Juni 2014 tröpfelten die Unterschriften erschreckend langsam herein. Es entpuppte sich als sehr schwer, die Menschen auf der Strasse in wenigen Minuten von einem unbekannten und nicht leicht zu erklärenden Projekt zu überzeugen. Aber dann begann es anzuziehen. Immer mehr Leute wollten spontan ihre Unterschrift abgeben, weil sie schon vom Vollgeld gehört hatten. Ohne die fantastische Unterstützung von ein paar hochkompetenten Unterschriftensammlern wäre es allerdings nicht zu schaffen gewesen. Überhaupt: Eine Volksinitiative ist wirklich Teamarbeit. Die exponentielle Entwicklung des kollektiven Bewusstseins und der Unterstützung während der Sammelphase gibt mir Hoffnung für die Kampagne, die mit der Einreichung der Unterschriften am 1. Dezember ja erst richtig beginnt. Denn mit dem gegenwärtigen Mitgliederstand ist MoMo nicht in der Lage, den Banken die Stirn zu bieten. Zudem ist der Kassenstand auf Null gesunken, nachdem wir in den letzten beiden Jahren 200’000 Franken ausgegeben haben – ausgeben konnten. Wir standen schon mehrmals am Anfang, und es ist bis jetzt noch immer gut herausgekommen – dank den vielen Menschen, die mitgetragen haben. Das wird hoffentlich auch jetzt so sein, denn jetzt geht es erst recht los! Aufgezeichnet von Christoph Pfluger

Kontakt: Verein Monetäre Modernisierung (MoMo), Postfach 3160, 5430 Wettingen. www.vollgeld.ch. Mitgliederbeitrag mind. Fr. 50.–.

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