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Nummer 02

Juni 2021

FÜR

UNTERNEHMER

NUDGING Wie Chefs mit kleinen Tricks das Engagement ihrer Mitarbeiter wecken

Wie gelingt der Neustart? Die Insolvenzverwalterin Jutta Rüdlin erklärt, welche Gefahren am Ende einer Krise drohen und wie sich kaputte Firmen sanieren lassen


KOMPAKT UND ELEKTRISCH. Der EQA setzt neue Maßstäbe. Weil er Fahrspaß mit Nachhaltigkeit verbindet. Weil er ganz nebenbei Luxus kompakt definiert – auf eine neue Art. Entdecken Sie den ersten vollelektrischen Mercedes-Benz im Kompaktwagensegment für Ihren Fuhrpark. Erfahren Sie mehr über die Vorteile des FlottenSterne-Programms unter mercedes-benz.de/geschaeftskunden

EQA 250: Stromverbrauch kombiniert: 15,7 kWh/100 km; CO₂-Emissionen kombiniert: 0 g/km.¹ ¹Stromverbrauch und Reichweite wurden auf Grundlage der VO 692/2008/EG ermittelt. Stromverbrauch und Reichweite sind abhängig von der Fahrzeugkonfiguration. Anbieter: Mercedes-Benz AG, Mercedesstraße 120, 70372 Stuttgart


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EDITORIAL

Über dieses Heft Langsam wird der Blick frei auf die Nach-Corona-Welt. Unternehmen stoßen auf neue Herausforderungen: Ressourcen werden knapp, Mitarbeiter kommen nicht zurück, Kapital fehlt. Wir zeigen, wie man damit am besten umgeht, beschreiben die gelungene Digitalisierung eines Zementherstellers und fragen eine Insolvenzverwalterin, wann Pleitegehen zur Rettung wird. Das Motto: Alles für den Neustart Ihr »ZEIT für Unternehmer«-Team

Sicher.

Heringsdorf Lägerdorf Bremerhaven

Torgelow am See Hamburg Wolfsburg

Berlin

Wittenberg Göttingen

Hilden Köln

Düsseldorf Niestetal Wuppertal Sankt Augustin Coburg

Dresden Aue Pirna

Rottendorf Mettlach

Nürnberg Wendlingen am Neckar Sengenthal

Titelfoto: Felix Schmitt für ZEIT für Unternehmer

Waldenbuch

Arnstorf

Von Arnstorf bis Wuppertal

Pilz bietet alles, was Sie für die Automation Ihr r

Wo die Firmen ihren Sitz haben, die in dieser Ausgabe vorkommen

Komponenten und Systeme, bei denen Siche -

IMPRESSUM

heit und Automation in Hardware und Software

Herausgeber: Dr. Uwe Jean Heuser Art-Direktion: Haika Hinze Redaktion: Jens Tönnesmann (verantwortlich) Autoren: Carolyn Braun, Jonas Gerding, Maren Jensen,

Kristina Läsker, Jakob von Lindern, Jana Luck, Ingo Malcher, Catalina Schröder, Sarah Sommer Redaktionsassistenz: Andrea Capita, Katrin Ullmann Chef vom Dienst: Iris Mainka (verantw.), Mark Spörrle Gestaltung: Annett Osterwold Infografik: Pia Bublies (frei) Bildredaktion: Amélie Schneider (verantwortlich), Navina Reus Schlussredaktion: Imke Kromer Korrektorat: Thomas Worthmann (verantwortlich) Dokumentation: Mirjam Zimmer (verantwortlich) Herstellung: Torsten Bastian (verantwortlich), Oliver Nagel

Druck: Vogel Druck und Medienservice GmbH,

Höchberg

Geschäftsführung: Dr. Rainer Esser Verlagsleitung Magazine: Sandra Kreft,

Maschinen und Anlagen brauchen: innovative

verschmelzen. Auttom matisierun ngslösungen für die Sicherhe t von Mensch, Maschine und Umwelt.

Malte Riken (stellv.) Projektmanagement: Christopher Goldenstern Verlagsleitung Vertrieb: Nils von der Kall Marketing: René Beck Unternehmenskommunikation und Veranstaltungen:

Silvie Rundel

Anzeigenleitung: Áki Hardarson Anzeigenpreise: Sonderpreisliste Nr. 1 vom 1. 1. 2021 An- und Abmeldung Abonnement (4 Ausgaben):

www.convent.de/zfu

Verlag und Redaktion: Zeitverlag Gerd Bucerius

GmbH und Co. KG, Helmut-Schmidt-Haus, Buceriusstraße, Eingang Speersort 1, 20095 Hamburg, Telefon: 040/32 80-0, E-Mail: DieZeit@zeit.de

Wie gefällt Ihnen dieses Heft, was vermissen Sie? Schreiben Sie uns: www.zeit.de/unternehmer-umfrage

www.pilz.com


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kyoceradocumentsolutions.de


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INHALT

Fotos (v. l.): Rafael Heygster; Philotheus Nisch; Rubén Plasencia für ZfU

Was Sie erwartet

Bei dieser Frau muss jeder Handgriff sitzen Seite 24

Eine IT-Firma macht ihre Mitarbeiter zu Hobbygärtnern Seite 18

TITELTHEMA NEUSTART

SCHWERPUNKT NACHHALTIGKEIT

Die Insolvenzverwalterin Jutta Rüdlin erklärt im Interview, warum manche Firmen erst kaputtgehen müssen, damit man sie wieder aufbauen kann 6–9

Unternehmer fördern das Engagement ihrer Beschäftigten – mit klaren Anreizen und versteckten Tricks 18–21

Am Ende einer Krise sind die Hoffnungen groß – aber auch die Risiken 10–12

Die Wünsche der Verbraucher und die Strategien der Firmen in Zahlen 22/23

DIGITALISIERUNG

Ein Zementwerk könnte Firmen aus anderen Branchen als Vorbild dienen 32–36 LEBEN

Wenn Unternehmerpaare sich trennen, leidet die Firma. Verträge helfen 38–41 FUHRPARK

FOTOSTORY

Was haben Sie aus der Krise gelernt? Unternehmer antworten 14/15

Zu Besuch in der neuen Impfstofffabrik von BioNTech 24–27

RAT AUS DEM SILICON VALLEY

Aynur Boldaz und Asme Kal im Gespräch über ihr außergewöhnliches Familienunternehmen 28–31

Der LinkedIn-Mitgründer Konstantin Guericke weiß, wie man schwierige Gespräche angeht 16

Sie haben sich heftig gestritten – und versöhnt Seite 38

DOPPEL-INTERVIEW

Die Elektrotransporter kommen 42–44 UNTERWEGS MIT ...

... dem Maskenproduzenten Oliver Fiechter 47/48 DIE ERFINDUNG MEINES LEBENS

Zwei Gründer bauen Großbatterien 50


TITELTHEMA   NEUSTART

»Mut ZEIT für Unternehmer: Frau Rüdlin, seit mehr als einem Jahr leidet die Wirtschaft unter der Corona-Pandemie, viele Firmen kämpfen um ihre Existenz. Sie müssten eigentlich gut zu tun haben, oder? Jutta Rüdlin: Seit Dezember 2020 bin ich lediglich mit zwei Unternehmensinsolvenzen aus den Bereichen Metallbau und Montage beauftragt worden, aber das waren Firmen, in deren Branchen die Auftragslage derzeit eigentlich gut ist und die nicht wegen der Pandemie in Schwierigkeiten geraten sind. Hinzu kommen einige Insolvenzen natürlicher Personen. Tatsächlich hatte ich aber in den vergangenen zwölf Monaten keinen einzigen Unternehmer unter meinen Klienten, der pandemiebedingt Insolvenz angemeldet hat. Wir Insolvenzverwalter haben weniger zu tun denn je, im Krisenjahr 2020 haben ja weniger Firmen Insolvenz angemeldet als 2019. Das Insolvenzgeschehen hat sich von der wirtschaftlichen Lage komplett entkoppelt – eine paradoxe Situation. Ist das nicht eine gute Nachricht, wenn möglichst vielen Firmen eine Insolvenz gerade noch mal erspart bleibt? Diese Denkweise zeigt, dass Insolvenzen hierzulande einen viel zu schlechten Ruf haben. Eine Insolvenz wird in erster Linie als ein Scheitern wahrgenommen. Was in Deutschland fehlt, ist die gesellschaftliche Erkenntnis, dass eine Insolvenz einem von einer Krise betroffenen Unternehmen viele Möglichkeiten bietet, sich zu entschulden und zu sanieren, um danach wieder erfolgreich zu sein. Zu Beginn des ersten Lockdowns 2020 hatte ich die Hoffnung, dass sich das in der Corona-Pandemie und der

Jutta Rüdlin ist Insolvenzverwalterin, Sanierungsexpertin und Partnerin der Kanzlei BRRS in Melsungen. Rüdlin hat in Marburg und Freiburg Jura studiert

Jutta Rüdlin ist eine der wenigen Insolvenzverwalterinnen im Land. Hier in Schwierigkeiten befindet und weshalb es am Ende der


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Foto: Felix Schmitt für ZEIT für Unternehmer

zur Insolvenz!« daraus resultierenden noch nie da gewesenen Situation ändern würde und dass es gelingen würde, das mit einer Insolvenz verbundene Stigma aus den Köpfen zu bekommen. Und, hat sich Ihre Hoffnung erfüllt? Nein. Die Bundesregierung möchte uns bei der Rettung und Sanierung der Wirtschaft anscheinend nicht dabeihaben. Und sie hat das Stigma mit ihrer Politik und insbesondere ihrer Kommunikation verstärkt, statt es zu beseitigen. Insolvenzen gilt es mit aller Kraft zu vermeiden. Scheitern wird weiterhin nicht als Chance, sondern als Katastrophe gesehen; eine Insolvenz wird als bitteres Ende betrachtet und nicht als mutiger Neuanfang. Das zeigt sich zum Beispiel beim Überbrückungsgeld: Von dieser Staatshilfe sind Firmen ausgeschlossen, die ihren Betrieb vor dem 30. Juni 2021 dauerhaft eingestellt oder die einen Insolvenzantrag gestellt haben. Dabei besteht da ein himmelweiter Unterschied. Ich finde es wirklich unerträglich, dass Unternehmen, die sich kompetente Unterstützung bei Sanierungsberatern und Sachwaltern oder auch Insolvenzverwaltern suchen, gegenüber Unternehmen benachteiligt werden, die in der Hoffnung auf weitere finanzielle Unterstützung – möglicherweise bereits insolvenzreif – abwarten. Welche Folgen hat diese Politik? Es gibt im Moment sicher viele Unternehmen, die künstlich am Leben bleiben, obwohl sie eigentlich nicht überlebensfähig sind – ganz unabhängig vom Lockdown. Diese Firmen sagen sich: Vielleicht schaffen wir’s noch irgendwie, vielleicht reichen die Kredite und die Fördermittel ja, um uns irgendwie durchzubringen. Ich sage diesen

Unternehmern: Haben Sie Mut zur Insolvenz! Es wäre besser, Sie würden sich mit Ihrer Lage auseinandersetzen, früh einen Insolvenzantrag stellen, im Verfahren selbst das Ruder übernehmen und sanieren, was saniert werden kann. Das ist sicher hart – aber es ist besser, als abzuwarten, möglicherweise unerkannten Haftungsrisiken ausgesetzt zu sein und sich irgendwie durch diese schwierigen Zeiten zu hangeln. Ist es nicht noch sinnvoller, im Zweifel zu viele Unternehmen und Arbeitsplätze zu retten als zu wenige – auch wenn ein paar sogenannte Zombie-Firmen profitieren? Es war sicher wichtig und sinnvoll, zu Beginn der Pandemie quasi »mit der Gießkanne« zu helfen, damit die Unternehmen den Schock verdauen und die vielen gesunden Firmen nicht unverschuldet aufgeben müssen. Diese Vollbremsung brauchte einen Airbag, der sich sofort öffnet. Es war auch richtig, dass man im ersten Lockdown gesagt hat: Wer lockdownbedingt und damit unverschuldet in Liquiditätsprobleme gerät, erhält finanzielle Hilfeleistungen und kann erst mal weitermachen – die Insolvenzantragspflicht ist für diese Unternehmen zunächst ausgesetzt worden. Aber diese Aussetzung wurde mehrfach modifiziert und verlängert, und das kann ernste und unerwünschte wirtschaftliche Folgen haben. Welche denn? Zunächst einmal gibt es einen allgemeinen Vertrauensverlust in der Wirtschaft. Wenn ein Unternehmer die verlässlichen Geschäftspartner nicht mehr von jenen unterscheiden kann, die jeden Moment verschwinden könnten, wird er vorsichtiger,

scheut Investitionen, vertagt Aufträge. Die sogenannten Zombie-Firmen binden außerdem Personal und Kapital, das die Wirtschaft an anderer Stelle gut gebrauchen könnte, um zu wachsen, tolle neue Dinge zu entwickeln oder nach der Pandemie durchzustarten. Und es wächst das Risiko, dass sich sehr viele Insolvenzen gleichzeitig ereignen – und zwar ausgerechnet dann, wenn die Krise vorbei ist, Staatshilfen heruntergefahren werden und die Insolvenzantragspflicht wieder greift. Manche Unternehmen werden dann merken, dass die Welt nicht wieder so wird wie vor der Pandemie. Die werden dann nicht auf dem alten Niveau wieder einsteigen oder mithalten können, selbst wenn sie vor deren Ausbruch gesund waren. Da wäre ein frühes, rechtzeitiges Insolvenzverfahren mit Neustarthilfe gegenüber einer unkalkulierbaren Dauerüberbrückung der bessere Weg – für die Firmen, ihre Mitarbeiter und die Wirtschaft insgesamt. Wie sehr ist diese Krise eine Krise der Insolvenzverwalter? Viele Insolvenzverfahren dauern mehrere Jahre, daher hatte unsere Kanzlei auch während der Pandemie noch Arbeit. Ich hatte das Glück, kurz vor Beginn der Pandemie ein größeres Logistikunternehmen als Sachwalterin begleiten zu dürfen, das im Oktober 2020 durch einen Insolvenzplan saniert werden konnte. Aber es gibt Kollegen, die ihre Leute in Kurzarbeit geschickt oder ihre Kanzlei geschlossen haben. Die Sorgen sind enorm, denn die Zahl der Insolvenzverfahren war ja schon vor der Pandemie rückläufig. Fehlen uns also Insolvenzverwalter, wenn die Welle der Insolvenzen kommt?

erklärt sie, warum sich ihr Berufsstand ausgerechnet während der Corona-Krise Pandemie zu mehr Pleiten kommen könnte VO N JENS TÖ NNES M A NN


TITELTHEMA   NEUSTART

»Manches muss erst kaputtgehen, Jutta Rüdlin, Sprecherin des Beirats

Nein. Ich glaube nicht, dass da eine riesige Welle kommt. Aber es kann passieren, dass es ausgerechnet dann viele Insolvenzen geben wird, wenn wir denken, die Krise sei vorbei. Manchen Unternehmen wird dann nämlich Geld fehlen, um Aufträge vorzufinanzieren. Andere könnten unter Druck geraten, wenn auch alle ihre Wettbewerber gleichzeitig bestimmte Rohstoffe oder Maschinen haben wollen und sie deswegen ihre Aufträge nicht erfüllen können, während sich ihre Fixkosten anhäufen. Sollte der Staat die Finanzhilfen also aufrechterhalten oder sogar noch ausweiten? Es wäre natürlich widersinnig, wenn der Staat die Unternehmen so weit trägt und dann sagt: Den Neustart, den müsst ihr jetzt alleine schaffen. Gleichwohl kann er die Wirtschaft auch nicht auf ewig mit viel Geld am Leben erhalten. Die Politik muss spätestens am Ende der Pandemie genauer hinsehen und Neustarthilfen gezielt verteilen an jene, die wirklich Potenzial haben. Ich fürchte allerdings, dass viele Firmen, die bereits vor der Pandemie Probleme hatten, die Finanzhilfen bis zum letzten Euro ausreizen und erst dann Insolvenz anmelden, wenn es gar nicht mehr anders geht. Dann lässt sich leider kaum noch etwas retten. Und das wäre bitter, denn ich bin ja nicht Insolvenzverwalterin geworden, um Unternehmen abzuwickeln und Grabreden zu halten, sondern um ihre Sanierung und ihren Neustart mitzugestalten. Ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Sanierung im Insolvenzverfahren ist ein frühzeitiger Antrag. Nehmen wir an, ich bin als Unternehmer kurz davor, zahlungsunfähig zu werden oder überschuldet zu sein. Was kann ich durch eine Insolvenz noch gewinnen? Erst einmal ist wichtig zu wissen: Sie müssen nicht fürchten, Ihr Gesicht zu verlieren. Ich erlebe oft, dass gerade ältere Unternehmer sehr lange zögern, weil sie denken, dass dieser Schritt gegen ihre Ehre geht. Denen sage ich: In einem Insolvenzverfahren analysieren wir,

welche Bereiche Ihres Unternehmens noch zukunftsfähig sind, wo es Synergieeffekte gibt, wo vielleicht ein Investor einspringen kann. Es gibt einen zeitlichen Mindestrahmen, in dem ein Sanierungskonzept entwickelt werden kann, um mit dem Stichtag der Insolvenz quasi neu und ohne die alten Schulden zu starten. Sollte die Geschäftsführung Fehlentscheidungen getroffen haben, die persönliche Haftungskonsequenzen nach sich ziehen, sprechen wir hierüber offen und prüfen, ob es Vergleichsmöglichkeiten gibt, die von der Gesamtgläubigerschaft mitgetragen werden und eine Anschlussinsolvenz der Geschäftsführer verhindern. Aber selbst im Falle einer Privatinsolvenz ist inzwischen eine Entschuldung nach drei Jahren möglich. So hart es klingt: Manches muss erst kaputtgehen, damit man es wieder aufbauen kann. Mit einem erfahrenen Insolvenzexperten an der Seite maximieren Sie die Sanierungschancen. Sie sind Beiratsvorsitzende des Verbands Insolvenzverwalter Deutschlands. Warum hört die Politik so wenig auf Sie? Wir werden einbezogen, wenn das Insolvenzrecht angepasst wird. Aber während der Krise hat die Politik manche Regeln mit heißer Nadel gestrickt und zu wenig darauf gehört, welche Chancen damit verbunden sind, wenn man kriselnde Unternehmen frühzeitig restrukturiert. Das liegt sicher auch daran, dass man keine Wahlen gewinnt, wenn man ein tolles Insolvenzregime geschaffen hat; man kann sie aber verlieren, wenn es auf einmal viele Insolvenzen gibt, eben weil die so stigmatisiert sind. In den USA gilt Scheitern als wertvolle Erfahrung, warum nicht hierzulande? Weil zu wenige Geschäftsführer zu den Fuckup Nights gehen, bei denen Unternehmer über ihre Fehlschläge erzählen und sich gegenseitig für die Offenheit auf die Schulter klopfen (lacht). Dabei zeigt sich bei solchen Gelegenheiten, dass Insolvenzen mit vielen Chancen verbunden sind und Unternehmer

resilienter werden, wenn sie mal gescheitert sind. Zumal es ja neben den Regelinsolvenzen und den Insolvenzen in Eigenregie seit Anfang dieses Jahres ein zusätzliches, zeitlich vorgelagertes Restrukturierungsverfahren gibt. Unternehmer haben also mehrere Möglichkeiten, mit einer Krise umzugehen, anstatt sie zu ignorieren, bis es zu spät ist. Bei den Fuckup Nights finden Unternehmer deutliche Worte für ihre Fehler. Wie ist das, wenn die Ihnen gegenübersitzen? Manche können recht klar analysieren, was wann schiefgelaufen ist, und wissen um ihre eigene Verantwortung. Andere haben Angst davor, ihre Fehler einzuräumen, und haben ihren Geschäftspartnern aus Scham lange etwas vorgemacht. Und manche werden sehr emotional. Eine Kollegin von mir hat mal gesagt: Wenn ich gewusst hätte, wie vielen weinenden Männern ich als Insolvenzverwalterin gegenübersitze, hätte ich mir den Job nicht ausgesucht. Ich sehe das anders und rate den Unternehmern: Lassen Sie es raus, ziehen Sie einen Strich unter die Vergangenheit, damit wir uns jetzt mit der Zukunft beschäftigen können! Was tun Sie, wenn ein Unternehmer in Tränen ausbricht? Gehen Sie raus? Nein. Die meisten sind froh, dass ihnen jemand gegenübersitzt, der nicht Teil ihrer Firma ist, sondern von außen mit frischem, unverbrauchtem Blick auf ihre Situation schaut und die nachvollziehen kann. Ich bespreche mit den Unternehmern, wie sie den Mitarbeitern erklären können, warum der Insolvenzantrag nötig war und welche Perspektive es gibt. Und ich gebe ihnen Rat, wie sie die Mitarbeiter auf dieser Reise mitnehmen und ihnen das Gefühl vermitteln können: Es gibt ein lohnendes Ziel auf diesem Weg und nicht nur Schlaglöcher. Kommt es vor, dass Unternehmer Sie vor der Belegschaft zum Buhmann machen? Als Buhmann empfinde ich mich selten. In der Finanzkrise vor zehn Jahren gab es mal eine Situation, in der ich rund hundert Mit-

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ZEIT für Unternehmer 2/21-Leseprobe  

»ZEIT für Unternehmer« ist das Magazin der ZEIT-Wirtschaftsredaktion über den Mittelstand, das große Herz der deutschen Wirtschaft. Unabhäng...

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