Mainz. Menschen - Bauten - Ereignisse

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Johannes Gutenberg Christoph Reske

Jahre überstanden, vieles ist nur noch in späteren Abschriften erhalten, deren Verlässlichkeit zweifelhaft bleiben muss. Das gilt auch für sein Porträt – das erste ausschließlich ihn darstellende Bildnis erschien über 100 Jahre nach seinem Tod und ist fiktiv.

Gutenberg Ideal-Porträt nach A. Thevet, Paris 1584. Eine authentische Darstellung existiert nicht.

Johannes Gutenberg, der berühmteste Sohn der Stadt Mainz, ist eine der bedeutendsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte zuzuschreiben: eine Technologie zur Vervielfältigung von Texten, die mit dem Oberbegriff Buchdruck in den Sprachgebrauch eingeflossen ist. Viel ist über Gutenberg geschrieben worden, darunter viel Spekulatives. Die Quellenüberlieferung ist dürftig, wenig Originäres hat die 74

Johannes Gensfleisch zur Laden zum Gutenberg wurde um das Jahr 1400 in Mainz als Sohn des Patriziers Friele Gensfleisch zur Laden zum Gutenberg und dessen zweiter Frau, der Bürgerstochter Else Wirich zum steinen Krame, im Hof zum Gutenberg (Ecke Schuster- / Christophstraße) geboren. Letzteres lässt sich aus dem Namenszusatz des Erfinders erschließen, da man sich hier nach dem Hausnamen nannte. Über die Jugendjahre Gutenbergs haben sich keine Quellen erhalten. Johannes, einer der häufigsten männlichen Namen des Spätmittelalters, hießen auch mehrere Verwandte der Gensfleischlinie, weshalb eine Verwechslungsgefahr groß ist. Auch ein ihm zugeschriebenes Studium in Erfurt ist unwahrscheinlich. 1434 kann Gutenberg in Straßburg nachgewiesen werden. 1439 strengten die Brüder Dritzehn hier einen Prozess gegen ihn an. Aus diesem erfahren wir, dass Gutenberg zunächst ein Verfahren zur Herstellung von »spiegel« für die Aachener Heiltumsfahrt gelehrt, sich wegen einer Terminveränderung aber einer neuen »kunst« zugewandt hatte. Aus Begriffen wie »iiij stucke inn einer pressen ligen«, »bli« (Blei), »formen vnd allen gezugk« und Dingen, die ein Goldschmied für Gutenberg 1436 gemacht hätte, die »zu dem trucken gehöret«, schloss man früher, dass zu diesem Zeitpunkt bereits der Buchdruck erfunden worden war. Doch hatten heutige Bezeichnungen damals nicht unbedingt dieselbe Bedeutung,


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es fehlt aber vor allem die Erwähnung von Papier, einem der wichtigsten und teuersten Bestandteile des Buchdruckverfahrens. Gutenberg lieh sich 1442 Geld beim Thomasstift und war 1444 in der Steuerliste der »goltsmide vnd moler vnd satteler vnd glaser vnd harnscher« verzeichnet, woraus man irrtümlich ableitete, er sei Goldschmied gewesen. Spätestens 1448 befand sich Gutenberg wieder in Mainz und lieh sich 150 Gulden, was dem Wert

Die Rekonstruktion der Druckerpresse und -werkstatt im Gutenberg-Museum.

des halben Hofs zum Gutenberg entsprach. 1455 ist Gutenberg in einen Prozess verwickelt. Aus dem Notariatsinstrument des Ulrich Helmasperger geht hervor, dass Gutenberg von dem Mainzer Fürsprech Johann Fust zweimal 800 Gulden erhalten hatte, 75


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wobei er für die ersten sein »czuge zurichten vnd machen solte« und dieses dann als »pffant« dienen sollte. Der andere Betrag war für die laufenden Kosten wie Lohn, Miete, Pergament, Papier und Farbe gedacht, die für das »werck der bucher« anfielen. Womit die Herstellung von Druckutensilien und der Druck der Gutenberg-Bibel gemeint sein dürfte. Sah man bisher hier den Beleg für den durch Fust um seine Erfindung gebrachten Gutenberg, zeigen neuere Untersuchungen ein differenziertes Bild. Das Gericht sprach hier als Endurteil jedem Kontrahenten ein Teilrecht zu. Fust durfte schwören, dass er für das gegebene Geld selbst Zinsen zahlen musste und Gutenberg durfte belegen, wofür er das Geld verwendet hatte. Weder eine Übergabe seiner Druckutensilien an Fust kann hieraus abgeleitet werden noch eine Zahlungsunfähigkeit Gutenbergs, vielmehr leistete er noch seine Zinszahlungen an das Thomasstift, die erst 1458 ausblieben. Unklar ist, ob er zu den Verbannten gehörte, die 1462 die Stadt nach der »Mainzer Stiftsfehde« verlassen mussten – es könnte sein, da seit dieser Zeit der Hof zum Gutenberg wohl nicht mehr im Besitz

Gießinstrument zur Herstellung bleierner Einzel-Lettern.

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von Gutenberg war. Dennoch wird er am 17. Januar 1465 vom neuen Erzbischof Adolf von Nassau zum Hofmann auf Lebenszeit berufen, aufgrund seiner »annemigen und willigen Dienste«, und zwar in die höchste Rangstufe mit diversen Privilegien. Unsicher ist, ob er im Hof zum Algesheimer (an der Christophkirche) lebte. Am 26. Februar 1468 quittierte der Stadtjurist Konrad Humery dem Erzbischof den Empfang von »ettliche formen, buchstaben, instrument, gezauwe vnd ander zu dem truckwerck gehorende« aus dem Nachlass Gutenbergs, die ihm gehört hatten. Humery hatte Gutenberg demnach Druckutensilien finanziert. Die Quelle belegt, dass Gutenberg vor diesem Datum gestorben war. Zweifelhaft ist jedoch das ebenfalls überlieferte genaue Todesdatum, der 3. Februar 1468, da es sich hier nur um eine Randnotiz in einem mittlerweile verschollenen Buch handelt. Glaubwürdig ist hingegen, dass Gutenberg im Franziskanerkloster beigesetzt wurde, das vor seiner Zerstörung vor der heutigen Domus Universitatis an der Schusterstraße lag. Bereits die Zeitgenossen schrieben Gutenberg die Erfindung der Druckkunst zu. Womit nicht die bereits bekannte Drucktechnik mithilfe von Holzplatten (Holzschnitt) gemeint war. Der französische Humanist Guillaume Fichet schrieb 1471 in einem Brief: »Nicht weit von der Stadt Mainz, sei (so heißt es) ein gewisser Johannes gewesen, mit dem Beinamen Gutenberg. Dieser habe als allererster die Druckkunst ersonnen, bei der […] nicht mit der Feder (wie zu unserer Zeit), sondern mit Buchstaben aus Erz Bücher hergestellt werden, und dies in schneller, ansprechender und schöner Form«. Mit materiellen Untersuchungen an Drucken und technischen Beschreibungen aus späterer Zeit kann das rekonstruiert werden, was wir als Gutenbergs Entwicklungen und Erfindungen bezeichnen können. Als seine wesentlichen Erfindungen dürfen wohl das Gießinstrument und die Büchse der Buchdruckpresse gelten. Andere wesentliche für die Buchdrucktechnik verwendete Elemente waren bereits bekannt, erfuhren durch Gutenberg jedoch eine Weiterentwicklung. So kannte man die Herstellung von Buchstabenstempeln, die bereits um 1434 in Köln von den Buchbindern zur Prägung von Buchstaben in Leder-


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einbänden genutzt wurden. Um einen lesbaren Text wiedergeben zu können, musste man diesen in kleinste Einheiten auflösen – die Buchstaben. Auf der Spitze eines Stempels aus Eisen wurde seitenverkehrt und erhaben das Buchstabenbild eingeschnitten. Im Gegensatz zu den Buchbindern nutzte Gutenberg einen solchen Stempel aber, um hieraus eine Gussform zu erzeugen. Hierzu wurde der gehärtete (verstählte) Stempel in ein weicheres Metall (Kupfer) eingeschlagen, man erhielt eine Matrize mit einem seitenrichtig vertieften Abbild des Buchstabens. Die glatt geschliffene (justierte) Matrize legte man in ein Gießinstrument am Ende eines Gusskanals – fixiert durch eine Feder. Von der anderen Seite des Gusskanals wurde dann eine Legierung aus Blei, Antimon und Zinn eingefüllt. Nach dem Öffnen des Gießinstruments ließ sich eine längliche Type entnehmen, die das genaue Ebenbild des Ursprungsstempels war – lediglich das überschüssige Metall an der anderen Seite war noch abzuschlagen. Das Gießinstrument erlaubte eine rasche Reproduk-

Die von Gutenberg geschaffene 42 zeilige Bibel.

tion dieses Stempelabbilds in nahezu unbegrenzter Zahl. Von allen benötigten Zeichen waren Stempel und mit ihnen Matrizen anzufertigen. Benötigt man heute etwa 70 Zeichen, fertigte Gutenberg für den Druck seiner Bibel über 290 verschiedene Zeichen an. Außer den Groß- und Kleinbuchstaben noch Abkürzungszeichen, verbundene Buchstaben und Anschlussbuchstaben, allesamt Zeichen, die auch in Handschriften verwendet wurden. Gutenberg wollte also den Sehgewohnheiten seiner Zeitgenossen entsprechen, was sich auch durch die Schriftwahl zeigt – eine konservative Textura. Die einzelnen Typen wurden in einem Setzkasten zeichenweise in einzelne Fächer verteilt, aus denen der Setzer die benötigten Zeichen und das Material für Wortzwischenräume nacheinander herausholte und in einem Winkelhaken zu Zeilen zusammenstellte. Auf einem Schiff wurden dann so viele Zeilen untereinander 77


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gereiht, bis eine Seite gefüllt war. Diese kam auf den Schlitten einer Druckpresse und wurde dort mit Druckerballen eingefärbt. An dem Schlitten befand sich ein Deckel, auf dem man den befeuchteten Papierbogen platzierte. Um das Papier an den Rändern vor Schmutz zu schützen, wurde hierauf ein Rähmchen aus Pergament geklappt. Ganz zugeklappt schob man den Schlitten nun unter eine rechteckige Platte (Tiegel). Durch Zug an einem Holzstab (Bengel) drehte sich eine Spindel und presste den Tiegel auf Deckel, Papierbogen und eingefärbte Druckform. Der wesentliche Konstruktionsunterschied zu bereits bekannten Spindelpressen war eine Büchse zwischen Spindel und Tiegel. Sie verhinderte, dass sich die Drehbewegung der Spindel auf den Tiegel übertrug – nur dadurch wurde ein sauberer, verschmierungsfreier Druck erst möglich. Durch Wiederholung dieses Vorganges ließen sich beliebig hohe Auflagen herstellen. Der berühmteste Druck in der neuen Technik ist die Gutenberg-Bibel, die mit großer Wahrscheinlichkeit im Hof zum Humbrecht (Schusterstraße, am Franziskanerkloster) hergestellt wurde, der einem in Frankfurt lebenden Verwandten Gutenbergs gehörte – laut Notariatsinstrument waren Räumlichkeiten angemietet worden (später druckte hier Gutenbergs Geselle Peter Schöffer). Die Forschung vermutet den Herstellungszeitraum der Bibel für die Jahre 1452–1454. Sicher entstand sie vor 1456, denn in diesem Jahr hatte der Mainzer Heinrich Cremer die roten Überschriften in einer Bibel, wie er notierte, nachgetragen. Materielle Untersuchungen an der »B42« genannten Bibel (B = für Bibel, 42 = Zeilen pro Seite) ergaben, dass diese in einer Auflage von etwa 180 Exemplaren gedruckt worden war, und zwar auf italienischem Papier (einige auch auf Pergament). Diese Angaben konnten durch einen

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Brief des Eneas Silvio Piccolomini (später: Papst Pius II.) von 1455 bestätigt werden, in dem er von einem bemerkenswerten Mann in Frankfurt berichtete, der Teile einer Bibel zeigte, von der man 158 oder 180 Exemplare fertiggestellt und bereits verkauft hatte. Für 1454 und 1455 haben sich auch gedruckte Ablassbriefe erhalten, die mit handschriftlichen Daten versehen sind. Mit ihnen vergab die Kirche Sünden gegen eine Geldzahlung. Sie wurden in hoher Auflage hergestellt und versprachen auch für den Drucker gute Einkünfte. Bemerkenswert ist, dass es zwei zeitgleiche Varianten gibt mit gleichem Inhalt aber unterschiedlichem Typenmaterial. Dieser Umstand gilt neben den Aussagen des erwähnten Notariatsinstruments als weiterer Beleg für zwei zu diesem Zeitpunkt voneinander unabhängiger Druckwerkstätten in Mainz – eine von Gutenberg, die andere von Fust und Schöffer. Letztere nannten sich erstmals 1457 in der Schlussschrift eines Psalters, der mit einem sehr aufwendigen Mehrfarbendruck das bereits erreichte hohe Niveau der neuen Kunst dokumentiert. Gutenbergs Drucke sind stets unfirmiert. Schon 1475 versuchte die Kirche einer unkontrollierte Ausbreitung von Drucken durch Zensur zu begegnen, doch blieben diese Bemühungen weitgehend wirkungslos. Die Ausbreitung vieler neuer Ideen (z. B. Reformation, Aufklärung, naturwissenschaftliche Entdeckungen) sind ohne den Buchdruck nicht denkbar. Zu Recht gilt er bis heute als eine der größten Errungenschaften der Menschheit. Diese Erfindung »lag aber nicht in der Luft«, sondern es brauchte einen ideenreichen, wagemutigen Menschen, der andere für seine Sache begeistern konnte: den Mainzer Johannes Gutenberg.


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Die kurfürstliche Stadt bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 Wolfgang Dobras

Vogelschau auf Mainz von Matthäus Merian 1632/33. Am Bildrand das Gefestigte Albansstift und die Zitadelle mit Jakobs Kloster und Eichelstein. Rechts: die noch unbebauten Bleichen.

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Die Mainzer Stiftsfehde (1461–1463) zwischen dem vom Papst abgesetzten Erzbischof Diether von Isenburg und dem stattdessen eingesetzten Adolf II. von Nassau führte zu einer Zäsur, die die weitere politische und gesellschaftliche Entwicklung der Stadt bis zum Ende des Kurstaats entscheidend bestimmte. Sie brachte den Verlust der Stadtfreiheit und die Degradierung zur »Pfaffenstadt«. Dass sich der Rat der Mainzer Bürgerschaft in diesem Krieg für Diether von Isenburg ausgesprochen hatte, stellte sich als verhängnisvoller Fehler heraus. Die Bilanz des 28. Oktober 1462, an dem Diethers Widersacher An die Eroberung und Degradierung von Mainz zur »Pfaffenstadt« 1462 wurde gerade in der Reformationszeit erinnert, weil man darin ein Fanal für die eigene Gegenwart sah. In der Geschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft von Johannes Stumpf aus dem Jahre 1548 wird die Schilderung durch einen Holzschnitt mit der Fantasiedarstellung eines Straßenkampfes drastisch untermalt.

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Adolf II. von Nassau die Stadt erobert hatte, war schrecklich. Über 350 von insgesamt etwa 1.000 Bürgern hatten den Tod gefunden, zahlreiche Häuser im Zentrum der Stadt waren in Flammen aufgegangen. Dem Sieg folgte das Strafgericht Adolfs von Nassau: Er verbannte seine Gegner für Jahre oder sogar für immer aus der Stadt, konfiszierte die Höfe der patrizisch-zünftischen Oberschicht und überließ sie als Belohnung Leuten seines Gefolges und insbesondere seinen adligen Verbündeten. Zwar versagte Kaiser Friedrich III. Erzbischof Adolf die reichsrechtliche Anerkennung der Unterwerfung, doch der Sieger der Stiftsfehde setzte sich darüber einfach hinweg. Faktisch war die Stadt Mainz damit in den Kurstaat eingegliedert. Vergeblich bäumten sich die Bürger zwölf Jahre später auf. Als nach dem Tode Erzbischof Adolfs 1475 sein früherer Gegner Diether von Isenburg zum Nachfolger gewählt wurde, mochten die Bürger gehofft haben,


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die alten Zeiten würden wieder anbrechen. Stattdessen übertrug Diether als Gegenleistung für seine Wahl dem Domkapitel die Herrschaft über die Stadt. Doch genau dieser Wechsel unter die Herrschaft der Domherren war für die Bürger noch weit weniger akzeptabel als die Regierung des Erzbischofs und führte ein halbes Jahr später zum Aufstand, den Diether als »Retter in der Not« nicht nur rasch niederschlug, sondern auch geschickt dazu nutzte, die Stadt wieder seiner eigenen Herrschaft zu unterstellen. Durch den 1478 begonnenen Bau einer Zwingburg, der Martinsburg, manifestierte der Erzbischof unumstößlich seinen Machtanspruch und auch seinen Willen, Mainz zur Residenz auszubauen. Den Besitz der Stadt Mainz auch reichsrechtlich für den Kurstaat zu sichern, gelang erst Erzbischof Berthold von Henneberg. 1486 gab er dem Sohn Kaiser Friedrichs III., Maximilian, seine Stimme bei der Königswahl, im Gegenzug bestätigte der junge König den Status von Mainz als kurfürstliche Landstadt. So unerwartet der militärische Fall von Mainz war, so wenig konnte das Ergebnis, der Verlust all der Freiheitsrechte, die die Bürger seit 1244 den

Die Martinsburg wurde nach einem Brand 1481 wiedererrichtet und nach Beschädigungen im Markgräflerkrieg 1552 im Renaissancestil umgebaut. Diesen Zustand gibt eine Federzeichnung wieder, die der Künstler Wenzel Hollar 1627 von der Landseite anfertigte. Deutlich erkennbar sind im Erdgeschoss die zwei gekuppelten Prunkfenster, von denen das rechte der beiden noch heute im Inneren des Schlosses zu sehen ist.

Mainzer Erzbischöfen als Stadtherren sukzessive abgerungen hatten, letztlich überraschen. Denn die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise seit Anfang des 15. Jahrhunderts – am deutlichsten ablesbar in den Konflikten zwischen Patriziern und Zunftbürgern sowie der galoppierenden, bis zur Zahlungsunfähigkeit reichenden städtischen Verschuldung – hatte die Handlungsmöglichkeiten des Rats immer stärker eingeschränkt. Wie wenig der Rat noch Herr der Lage war, spiegelte sich in Gedankenspielen wider, die Stadt ihrem größten Gläubiger, der Reichsstadt Frankfurt, zu verpfänden oder der Oberhoheit des Kurfürsten von der Pfalz zu unterstellen. Die Eroberung von 1462 zog einen 81


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Schlussstrich unter diese Politik der Perspektivlosigkeit, ja der Selbstaufgabe. Die Folgen von 1462 waren vor allem in Hinsicht auf die politische und zünftische Verfassung der Stadt gravierend. Die städtische Verwaltung existierte fortan nur mehr von kurfürstlichen Gnaden. Auch das Kaufhaus und die in der Nähe gelegene Stadtkasse, die sogenannte Rente zum Lohneck, kamen unter kurfürstliche Regie. Ein vom Kurfürsten ernannter Statthalter, der Vizedom, ersetzte den Bürgermeister, dessen Amt abgeschafft wurde. Als höchster Beamter übernahm der Vizedom den Vorsitz im Rat, der sich aus 12 Ratsherren zusammensetzte. Diese wurden jedoch nicht mehr von der Bürgerschaft gewählt, sondern vom Kurfürsten bestimmt. An Kompetenzen verblieben dem Rat lediglich die Bürgeraufnahmen, außerdem Bausachen, Zunftstreitigkeiten und Beleidigungsklagen. Alles andere musste dem Kurfürsten und seinen Räten zur Entscheidung vorgelegt werden.

Das älteste erhaltene Bildnis eines Angehörigen der 1477 gegründeten Mainzer Universität stammt von einem Grabstein, der sich in der Kirche St. Johannis befand. Errichtet wurde er für den am 15. Oktober 1514 gestorbenen Studenten Peter Kern.

Nach 1462 gab es deutlich weniger Zünfte in Mainz als zuvor. So wurden die beiden Metzgerzünfte zusammengelegt: Siegel der Metzger der obern und niedern Scharn vor 1462 im Vergleich zum Siegel der vereinigten Metzgerzünfte danach (Hirsch und Ochse mit einem sechsspeichigen Rad).

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Ähnlich wie der Stadtrat wurden auch die Zünfte entmachtet. Sie erhielten von Erzbischof Adolf 1468/69 neue Ordnungen und mussten sich ganz der Aufsicht des Vizedoms unterstellen. Die Bezeichnung »Bruderschaften«, mit der die Zünfte fortan tituliert wurden und die vor allem die religiösen Aufgaben betonte, symbolisierte den Bruch mit der politischen Funktion der Zünfte zur Zeit der freien Stadt. Um die Zünfte besser kontrollieren zu können, wurde ihre Zahl außerdem von 34 auf 19 reduziert. Fortan gab es die Krämer, Fassbender, Goldschmiede, Schmiede, Werkleute, Schreiner, Löher (= Gerber), Kürschner, Schuhmacher, Weber, Schneider, Fischer, Bäcker, Metzger, Gärtner, Steuerleute (einschließlich der Schiffszimmerleute und Holzhändler), Kärcher (= Fuhrleute), Weinschröter (= Fassträger einschließlich der Kohlen- und Sackträger) und Häcker (= Kleingärtner).


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Die Verminderung der Zahl der Zünfte war auch dem Bevölkerungsverlust und der geschwächten Wirtschaftskraft geschuldet. Abgesehen von den Berufen, die von der Nachfrage nach Luxusgütern am kurfürstlichen Hof oder Aufträgen zur Ausstattung der Kirchen profitierten, wie Goldschmiede, Maler, Bildhauer oder Glaser, litt der größte Teil des Zunfthandwerks massiv unter den Auswirkungen der Stiftsfehde. Durch Vergünstigungen für Einwanderer oder Mandate, die Geistlichkeit und Bürgerschaft zum Wiederaufbau der bei der Eroberung zerstörten Häuser aufforderten, sowie weitere Maßnahmen wie die straffere Handhabung des Stapelrechts, wodurch alle Schiffe zum Ausladen und Wiegen der Waren im Mainzer Kaufhaus verpflichtet wurden, versuchten die Kurfürsten, der desolaten Lage von Handel und Handwerk in der Stadt entgegenzuwirken. Diesem Ziel diente auch die Gründung einer Universität, die bereits Erzbischof Adolf versucht hatte, aber erst Diether von Isenburg 1476/77 mit päpstlicher Genehmigung gelang. Als Zeichen seines guten Willens gegenüber den Bürgern wollte der Erzbischof mit seiner Universitätsgründung aber nicht nur das Ende des Ausnahmezustandes signalisieren, sondern auch seinen besonderen Rang als Kurfürst herausstellen und seiner Residenz kulturellen Glanz verschaffen. Hinzu kam, dass die Hochschule die dringend benötigten Beamten für den verstärkten Ausbau der eigenen Landesverwaltung heranbilden sollte und mit den Professoren dem Kurfürsten auch hoch qualifizierte Berater zur Verfügung stellen konnte. So nahm die einst freie Stadt Mainz, seit jeher stark von Kirche und Geistlichkeit geprägt, um 1500 außerdem Züge einer Universitäts- und Residenzstadt an. An die Stelle der abgewanderten, alteingesessenen bürgerlichen Führungsschicht begannen rechtsgelehrte Räte bürgerlicher Herkunft und vor allem Adlige aus der oberrheinischen, fränkischen und schwäbischen Reichsritterschaft zu treten, denen sich Karrierechancen nicht nur wie bisher im Domkapitel, in den Stiften und bei Hof, sondern auch in der städtischen Administration eröffneten. So wurde das Amt des Vizedoms durchgehend bis zum Ende des Kurstaats, das des Gewaltboten, des obersten Sicherheitsbeamten in der Stadt, immerhin

Nach 1462 trat an die Stelle des Bürgermeisters der vom Kurfürsten ernannte und immer dem Adel entstammende Vizedom. Das Grabdenkmal des Mainzer Vizedoms Heinrich von Selbold († 5.2.1578) im Domkreuzgang zeigt diesen in voller Rüstung, umgeben von den Wappenmedaillons seiner acht Ahnen.

bis zum Dreißigjährigen Krieg mit einem Adligen besetzt. Auch topografisch nahmen die Adligen mit ihren Höfen – dem Königsteiner, Isenburger, Nassauer oder Reiffenberger Hof – Besitz von der Stadt. Zum Bezugspunkt für die Bürger wurde der kurfürstliche Hof, für den in privilegierter Stellung als Hofhandwerker zu arbeiten Ziel jedes ehrgeizigen Meisters war. 83


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Als ein auf seine Repräsentation bedachter Renaissancefürst hat sich der Mainzer Erzbischof und Kurfürst, Kardinal Albrecht von Brandenburg (1490–1545), vielfach porträtieren lassen: Die vergoldete Medaille aus dem Jahre 1526 zeigt ihn im Alter von 37 Jahren mit Birett im Profil. Der umrahmende Leitspruch entstammt Psalm 27, Vers 5,1 (»Der Herr ist mein Beschützer, wen sollte ich fürchten?«).

Wie sehr die Jahrzehnte nach 1462 ausreichten, die Tradition der Freien Stadt Mainz und damit ein genuin kommunales Bewusstsein der Bürgerschaft auszulöschen, zeigte sich in der Reformationszeit unter der Regierung Kardinal Albrechts von Brandenburg. Seit 1513 Erzbischof von Magdeburg und Administrator des Bistums Halberstadt, war Albrecht von Brandenburg 1514 auch zum Mainzer Erzbischof gewählt worden. Um der Kurie die Gebühren für das Mainzer Pallium und die Erlaubnis zur kirchenrechtswidrigen Ämterhäufung bezahlen zu können, hatte er die Erlaubnis erhalten, in Deutschland den Vertrieb des Ablasses zugunsten des Neubaus von St. Peter in Rom durchzuführen und die Hälfte der eingenommenen Gelder zur Schuldentilgung zu verwenden. Gegen diesen Ablass verfasste 1517 Martin Luther seine 95 Thesen, die zum Auslöser der reformatorischen Bewegungen im Reich wurden. In der Stadt Mainz verkündete die neue Lehre seit Anfang 1520 der humanistische Domprediger Wolfgang Capito. Der Erzbischof hatte ihn in der Absicht, sich an seinem Hof mit Humanisten zu umgeben, nach Mainz geholt und ließ ihn aus einer gegenüber der reformatorischen Bewegung unent-

In den Quellen ist zweifelsfrei belegt, dass Albrecht von Brandenburg im Konkubinat lebte. Das ihm nachgesagte Verhältnis zu einer Mainzer Bäckerstochter namens Ursula Redinger ist jedoch frei erfunden. Die Legende hat der Mainzer Geschichtsforscher Franz Joseph Bodmann aufgebracht. Eine Altartafel des Künstlers Simon Franck, die sich im Domschatz befand und auf einem Flügel den hl. Martin mit den unschwer zu erkennenden Gesichtszügen Albrechts zeigte, auf dem anderen Flügel die hl. Ursula, gab ihm Anlass zur Vermutung, hinter der Heiligen könnte sich eine Geliebte des Erzbischofs verbergen. Eine Federzeichnung, die er im Jahr 1800 von der Altartafel anfertigte, überschrieb er mit dem Namen »Rehdingerin«.

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