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Das erste Gesicht Augsburg, im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 1286, 22. August Mechthild wusste, sie würde sterben. Ihre gefesselten Hände und Beine zuckten hilflos, als sie sich zu bewegen versuchte. Sie spürte ihren Körper nicht, sie spürte nur Angst. Sie war hart aufgeschlagen, der Aufprall in der tiefen Dornengrube hatte sie benommen gemacht. Grobe Hände hatten sie hinuntergestoßen. Ihre Peiniger nahmen sich Zeit, viel Zeit. Sie sollte die Qual bis ins Letzte erleben. Keine gnädige Ohnmacht sollte sie davor bewahren. Ihr zerschlissenes, schlichtes, dünnes, Leinenhemd entblößte sie mehr, als dass es sie verhüllte. Mechthild blinzelte, Tränen ließen sie die Umgebung in einem Schleier wahrnehmen. Die Taubheit verließ ihren Körper, Schmerz durchflutete ihn. Ihre Haut brannte. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie aus unzähligen kleinen Wunden blutete. Sie stöhnte laut auf. Dornenstacheln bohrten sich in ihr Fleisch, das Gestrüpp legte sich um sie, als wollte es Mechthild blutig umarmen. Als die ersten schweren Brocken Erde auf ihren Rücken niederprasselten, wälzte sie sich verzweifelt herum und versuchte sich aufzurichten. Vergeblich. Es hatte begonnen. Sie würde lebendig begraben werden. Die Schaufelladungen fielen immer dichter und drückten sie in ihr schmerzhaftes Grab zurück. Sie rang nach Luft, aber statt ihre zu bersten drohenden Lungen mit dem Elixier des Lebens zu füllen, drang immer mehr Erde in Nase, Mund und Rachen. Sie röchelte. Ihr Brustkorb wurde bleischwer. Mechthilds Haut lief blau an, ihre haselnussbraunen Augen füllten sich langsam mit Blut. Die Finger ihrer nach oben gestreckten Hände rissen auf – in ihrer Todesangst versuchte sie, sich auszugraben. Die Dornen jedoch bohrten sich nur umso tiefer in ihren Körper. Sie würden ihren toten Leib fest umklammern, damit sie nicht als Wiedergänger zurückkehrte und Rache an den Lebenden für ihre Hinrichtung nähme. So hatte es das Gericht bestimmt. Ihr Blut versickerte in der unersättlichen Erde. Ihre Peiniger – Richter, Gerichtsdiener, Henkersknechte, Geistliche, Bürger, alles anständige Menschen, welche die Verbrecherin in Gottes und 6

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des Königs Namen richteten – umstanden die Grube. Sie beobachteten, wie sich die Erde, die die Unglückliche wie ein Leichentuch bedeckte, noch eine Weile bewegte und schließlich reglos erstarrte. Ein Mönch leierte ein Gebet herunter und besprengte das frische Grab der armen Sünderin mit geweihtem Wasser.

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Prodigium „Ich werde Wunderzeichen bieten am Himmel und auf Erden: Blut, Feuer und Rauchsäulen.“ Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und furchtbare. Jeder aber, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden. Buch Joel 3,3–4

Augsburg, 23. August 1286 Sengende Hitze hatte den gesamten Sommer über den Bewohnern Augsburgs die Kraft aus ihren Körpern gesogen. Mattigkeit hatte die sonst so blühende Handelsstadt ergriffen. Die Stimmung war angespannt, gereizt. Eine Hungersnot stand bevor. Der allmächtige Gott hatte es im Frühjahr und Sommer des Jahres 1286 nicht gut mit den Bauern gemeint. Es war viel zu trocken gewesen. Die Früchte der Felder verdorrten, die Wasser der beiden großen Flüsse Lech und Wertach waren flach, es fehlte ihnen an Kraft, die Mühlen anzutreiben, in denen es wenig Korn zu mahlen gab. Die Bauern fürchteten eine Missernte, auch die übrige Bevölkerung hatte die Zeichen des Hungers längst erkannt. Da lag es nahe, sich der Zauberei zu bedienen. Manch einer beging den Frevel, beim Gottesdienst eine Hostie zu stehlen, sie zu zerkleinern und über seinen Acker zu streuen. Andere beteten und liefen in die Gotteshäuser. Besonders in den Dom in der Bischofsstadt und in die Kirchen des heiligen Ulrich und der heiligen Afra in der Bürgerstadt. Aber alle dunklen Künste, alle frommen Gebete nutzten nichts. Die Ernte fiel zu dürftig aus. Die wenigen Ähren wurden gemäht, das geerntete Getreide wurde gar nicht mehr säuberlich sortiert, auch schlechte Halme wanderten in die Mühlen, um die Säcke zu füllen. Bald würde der Hunger im Umland und schließlich auch in der Stadt zu nagen beginnen. Die Bewohner schickten mehr Gebete denn je zum Himmel – da sandte dieser ein Zeichen. Der 22. August war drückend und schwül gewesen, am Horizont hatte sich Dunst gesammelt. Gegen Abend grollte Donner in weiter 8

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Ferne. Endlich würde die Hitze gebrochen werden. Düstere Wolken brachten mit schweren Tropfen den ersehnten Regen. Am folgenden Morgen kündete ein von rosa Wolkenschleiern durchzogener Himmel von einem weiteren heißen Tag. Verschlafen trottete die Magd Anna aus der Apotheke zum Einhorn in den Garten, um die Wäsche hereinzuholen. Sie hatte den Regen in der Nacht nicht bemerkt. Anna hatte tief und fest geschlafen, nachdem sie erst spät zu Bett gegangen war, wie so oft in letzter Zeit. Durch ihre dünnen Lederschuhe spürte sie das nasse Gras. Undeutlich erkannte sie irgendwelchen Dreck, den der Regen mit sich gebracht haben musste. „Verdammte Sauerei! Die ganze Arbeit noch einmal von vorne, als hätte ich nicht schon genug zu tun!“, schimpfte sie leise vor sich hin. Sie hatte erst gestern die große Wäsche aufgehängt. Als sie sich den Laken und Untergewändern näherte, stockte ihr der Atem. Alle Wäschestücke waren rot – Blut! Nicht ein oder zwei Tropfen, über und über waren sie bespritzt. Anna wich einen Schritt zurück. Sie traute ihren Augen nicht. Erst jetzt sah sie sich genauer im Garten um. Überall haftete Blut. An den Bäumen, an Büschen, Kräutern und Zäunen. Übelkeit wallte in ihr auf. Die Magd schlug die Hand vor den Mund, machte kehrt und lief so schnell sie konnte in die Apotheke zurück. Ihre Kurzatmigkeit, die sie mit ihren weit über vierzig Jahren und mit ihrem massigen Körperumfang immer mehr an schneller Fortbewegung hinderte, ignorierte sie. An diesem Morgen wurde das himmlische Zeichen auch in anderen Gärten, Gassen und Winkeln der Bürgerstadt bis hinaus an die Richtstätte beobachtet. Außerhalb der Mauern, an der oberen Floßlände, berichteten Fischer von Blutstropfen, die auf den Steinen am Flussgrund hafteten und nicht einmal vom Wasser abgespült werden konnten. Wie durch ein Wunder war die abgegrenzte Bischofsstadt im Norden vom Blutregen verschont worden. Ein Mann im dunkelblauen Umhang füllte eine Ampulle mit dem flüssigen Fluch. Die Bestrafung der Sünder stand bevor.

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Die Apotheke zum Einhorn Augsburg, 22. August 1286 Mechthild Brueglin schrie aus Leibeskräften, ihre schmerzende Lunge rang nach Luft. Ihr Körper war schweißgebadet und zitterte. Der Albtraum hatte sie wieder heimgesucht. Mechthild wischte sich verklebte Strähnen ihres dunklen braunen gelockten Haares aus Stirn und Gesicht. Sie erschrak. Feine Blutspuren hafteten an ihren Fingern. Sie starrte ihre Fingerspitzen an und versuchte einen ­klaren Gedanken zu fassen. Sie fasste an ihre Stirn. Die klebrige Feuchtigkeit kleiner Wunden benetzte ihre Fingerspitzen. „Was ist nur mit mir?“, dachte sie, ihren Blick auf die blutigen Finger gerichtet. Es konnten nicht die Dornen und das Grab ihres Albtraumes sein, die die blutige Pein hinterlassen hatten. Durch den Schleier der Verwirrung drang das Lärmen einer Küche. Es war bereits hell. Sie beruhigte sich, sie war in Sicherheit. Niemand hatte sie lebendig begraben. Sie holte tief Luft. Mechthild war in ihrer Kammer in der Apotheke zum Einhorn im Saurengreinswinkel der Stadt Augsburg. Sie war immer noch Lehrmädchen bei Magistra Notburga. Wahrscheinlich hatte sie sich im Schlaf während des Albtraumes verletzt. Die Glocke der hoch auf dem steilen Berg gelegenen Ulrichskirche oberhalb der Apotheke im Saurengreinswinkel rief gebietend und mahnend zur Frühandacht. Die ersten Fuhrwerke, die sich der Stadt über die obere Floßlände durch das Margarethentor und südlich durch das Hustetter Tor genähert hatten, waren von den Brückenzöllnern von Sankt Ulrich empfangen und bemessen worden. Danach rumpelten sie unter dem lauten Geschrei der Fuhrknechte an der Apotheke vorbei. Das Klingen von Hammer auf Amboss aus kleineren Schmieden, das Hämmern von Holzklöppeln und Schlageisen aus Steinmetzwerkstätten mischte sich mit dem Knarren der Tretmühlen, die von Tagelöhnern oder Leibeigenen angetrieben wurden, um Lasten oder Baumaterial zu heben. Das Gackern der Hühner begleitete das Grunzen von Schweinen und das Blöken und Meckern von Schafen und Ziegen, die sich auf den Gassen oder Hinterhöfen tummelten oder ihren letzten Weg zu den Knochenhauern der Stadt antraten. 10

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Mechthild schob die mit Federn gefüllte Decke von sich. Sie konnte sich glücklich schätzen, einen derartigen Luxus hatte sie nicht immer gehabt. Manche ihrer Betten waren mit Heu oder Moos gefüllt gewesen, die auch das eine oder andere Krabbeltier in sich geborgen hatten. Ihr mit kleinen bunten Rechtecken verziertes Kissen hatte sie während des Albtraumes auf den Boden gefegt. Sie schwang die Beine über den Bettkasten, der zwar einfach und nicht mit gedrechselten Einlagen versehen, aber stabil und bequem war, hob das Kissen wieder auf und legte es sorgfältig auf das Bett. Dann wusch sie sich mit kaltem Wasser aus einem irdenen Krug. Legte schnell ihr Übergewand an, das sie am Abend zuvor bereits auf ihrer Kleidertruhe bereitgelegt hatte. Magistra Notburga hatte ihr das wertvolle Stück geschenkt. Mechthild war von zierlicher Statur, ihre Gesichtszüge waren fein geschnitten, anders als bei manchen grobschlächtigen Leibeigenen oder eher rundlichen Bürgerinnen der Stadt. Ihre wohlgeformte Gestalt, ihr weicher Gang, der ihr Becken sanfte, kreisende Bewegungen ausführen ließ, und ihre ansehnlichen Brüste zogen die begehrlichen Blicke der Männer, manchmal auch verstohlene von Frauen auf sich. Doch wandten sich die Gaffer oft schnell wieder ab von ihr, denn ihr Makel war unübersehbar. Manchmal wünschte sie, sie könnte ihre dunklere Hautfarbe mit der Bürste abstreifen. Sie band ihr widerspenstiges Haar zusammen und verließ ihre Kammer im zweiten Stock der Apotheke. Als Mechthild an Magistra Notburgas Räumen im ersten Stock vorbeikam, hielt sie kurz inne. Die Türe zu deren Wohnstube stand offen, ihre Meisterin hielt nicht viel vom Abschließen. Der offene Spalt lud zu einem Blick auf einen behaglich eingerichteten Raum mit hölzernen Truhen, Regalen, zwei gepolsterten Stühlen mit hohen geschnitzten Lehnen, bunt gewebten Wandbehängen und geknüpften Teppichen ein. Besonders gefiel Mechthild das in einer Ecke stehende Schreibpult, das mit reichen Schnitzereien verziert war. Federn und Tuschefässchen standen dicht gedrängt, kostbare Bögen aus feinem Pergament lagen aufeinandergeschichtet auf der Schreibfläche. Für einen kurzen Augenblick stieg in ihr die Erinnerung an ihren Vater hoch; sie verdrängte sie sofort. Auf dem hohen Stuhl vor dem Pult lag ein dickes bunt besticktes Kissen. Magistra Notburga saß gerne weich. Durch mehrere Fensterscheiben drang das Licht des anbrechenden Tages herein. Auf dem Tisch in der 11

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Mitte standen noch ein Becher und ein Krug mit gewürztem Wein vom Abend zuvor. Daneben lag ein eingerolltes, alt erscheinendes Pergament, das sorgfältig mit einem Bändchen verschlossen war und verriet, dass Magistra Notburga in der Nacht wohl bis zu später Stunde studiert hatte. Tagsüber kam sie nicht dazu, denn das Leben als Apothekerin, die sich gegen zahlreiche, zuweilen auch missgünstige, männliche Konkurrenz und gegen bitterböse weib­ liche Zungen in der Stadt durchzusetzen hatte, ließ ihr nur spät am Abend ein wenig Muße. Außerdem musste man in Zeiten der Not vorsichtig sein, allzu leicht geriet man in Verdacht, mit dem Menschenverderber im Bunde zu stehen. Eine Bank mit geometrischen Mustern und gedrechselten Beinen stand einladend an der Wand, auf der es sich Magistra Notburgas Gäste bequem machen konnten. Mechthild riss sich los und stieg die Treppe zum Erdgeschoss des Hauses hinab. Das Lehrmädchen mochte das verwinkelte Haus, das ihr in den letzten beiden Jahren zur schützenden neuen Heimat geworden war. Magistra Notburga und die Magd Anna waren unüberhörbar in der Küche zugange. Mechthild überlegte einen Moment, ob sie zu spät aufgestanden war und dafür gescholten würde. Aber ihre Meisterin war in letzter Zeit oft früher als die beiden anderen Bewohnerinnen des Hauses auf den Beinen. Mechthild hatte nicht verschlafen. Magistra Notburga pfiff in bester Laune lautstark in schiefer Tonlage „Du bist ein Vackel und ein Kien!“ – ein Lied zum Marienlob – vor sich hin. Sie tat dies gern und kümmerte sich nicht um die Meinung anderer, die ihren „Musikkünsten“ wenig zugetan waren. Magistra Notburga, Witwe und Bürgerin zu Augsburg, war von mittlerer, leicht untersetzter Gestalt, klugen Geistes und von energischem Auftreten. Nach dem Tod ihres Gatten, des Apothekers Conrad von Bozen, in der großen Feuersbrunst des Jahres 1279 hatte sie seine Apotheke übernommen. Conrad von Bozen war vom brennenden Dachstuhl eines Nachbarhauses erschlagen worden, als er versuchte, die vom Feuer überraschten und eingeschlossenen Bewohner zu befreien. Das Feuer hatte so heftig in der Stadt gewütet, dass König Rudolf, sobald die schreckliche Kunde in die Königspfalz gedrungen war, die unmittelbar Betroffenen auf zwei Jahre und die übrigen Bürger Augsburgs auf ein Jahr von aller Steuer befreit hatte! Das brachte zwar Notburga ihren Gatten nicht zurück, aber sie hatte nach der 12

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Trauer Mut gefasst und die Apotheke neu eröffnet, die sie über Monate geschlossen gehalten hatte. Das Geschäft begann wieder zu florieren. Sie führte die Apotheke unter dem alten Namen „zum Einhorn“ weiter. Dieser war den Käufern stets als ein gutes Omen erschienen, da das Horn des Einhorns, wenn es als Trinkgefäß verarbeitet wurde, Gifte neutralisierte und zu Pulver zermahlen Vergiftungen heilte. Aber Mägde betuchter Bürgerinnen und Bürger wurden auch verstohlen geschickt, um dem Liebesleben ihrer Herrschaften durch das Pulver des Einhorns mehr Schwung zu verleihen. Notburga vermisste ihren Mann immer noch, auch wenn ihr die Arbeit in der Apotheke über ihren Verlust ein wenig hinweghalf. Es gab wenige Menschen, auf die man sich so verlassen konnte, denen Notburga je so vertraut hatte wie Conrad. Sie dachte mit Wärme und Stolz an ihn, nicht nur wegen des Mutes, den er während des großen Feuers bewiesen hatte. In den langen Jahren ihrer arrangierten Ehe hatte Notburga viel von ihrem Mann gelernt und ihre Studien weitergeführt. Sie hatte bereits zu seinen Lebzeiten im Kräutergarten der Apotheke gearbeitet, kannte alle Pflanzen und ihre heilenden oder schädlichen Eigenschaften und half bei deren Verarbeitung und Mischung zu Salben und Arzneien. So hatte sie nach dem Tod ihres Mannes das notwendige Wissen zur Führung einer Apotheke gehabt. Und Bischof Hartmann, die consules und die Ratgeben der Stadt hatten ihr nach anfänglichem ­Zögern die Weiterführung des Gewerbes und die Aufnahme eines Burschen oder eines Mädchens in die Lehre urkundlich gestattet. Das Scheppern von Kesseln und Töpfen zeigte an, dass die Magd bereits Wasser zum Erhitzen für das Morgenmahl aufsetzte. Das Habermus aus Dinkelschrot und Milch brauchte eine gute Weile und musste früh vorbereitet werden. Die Frauen der Apotheke zum Einhorn mussten sich noch nicht wie viele andere Bewohner Augsburgs und der umliegenden Dörfer Sorgen um das tägliche Brot machen. Die Vorratskammern der Apotheke waren wohlgefüllt, dafür hatte Magistra Notburga gesorgt. Pedantisch darauf zu achten, dass nicht Mäuse und Ratten die Vorräte angriffen, war der Mühe wert gewesen, sie würden diesen Winter nicht hungern. Mechthild betrat die Küche und grüßte die beiden Frauen. „Guten Morgen, Mechthild!“, erwiderte Magistra Notburga munter. „Morgen“, brummte Anna mundfaul, wie es gebürtigen Augsburgern entsprach, und blickte nicht von ihrer Arbeit auf, denn sonst wäre womöglich der Brei am Topf hängen geblieben. 13

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Mechthild setzte sich an den Tisch, um ihre Milch zu trinken. „Ach übrigens, Mechthild, heute wirst du alleine den Laden übernehmen. Der Stadtphysicus hat bei mir gestern eine Mixtur bestellt, die unbedingt fertig sein muss, wenn er zur Abholung kommt. Ich hoffe, ich schaffe das noch rechtzeitig. Ich werde vor dem Abend aus der Offizin wohl nicht mehr rauskommen.“ „Ja, Magistra!“, antwortete Mechthild pflichtbewusst, konnte ihre Enttäuschung jedoch nicht ganz verbergen. „Es muss sein, meine Liebe!“, erwiderte Magistra Notburga, der Mechthilds Missmut nicht entgangen war. Das Lehrmädchen mochte die Arbeit im Ladenraum nicht. Nicht dass ihr das Hantieren mit den Tränken, Tinkturen und Büchsen oder das Portionieren und Zusammenstellen von Rezepten nicht gefallen hätten. Aber sie liebte es, in der Offizin hinter dem Verkaufsraum zu arbeiten, im Kräutergarten oder draußen an Wegesrändern, an den Feldern und im Wald heilkräftige Pflanzen zu sammeln. Weit weg von den Blicken und dem Drängen der Kunden. Es gab Tage, da war der Laden heillos überfüllt. Männer, Frauen, Gelehrte und Ärzte gaben sich die Türklinke in die Hand. Jeder wollte als Erster bedient werden, war seiner Ansicht nach die wichtigste Kundschaft und erwartete, als solche behandelt zu werden. Zum Glück war Mechthild selten für die Arbeit im Laden eingeteilt. Notburga ging schief pfeifend in die Offizin, Anna verdrehte leicht die Augen. Mechthild löffelte betont langsam ihr Habermus. Der Laden konnte noch ein weinig warten. Ihre Gedanken schweiften ab. Sie erinnerte sich an den Tag, als sie die Apotheke zum ersten Mal betreten hatte.

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Henkersbalg Vor den Toren Augsburgs, im Frühjahr 1284 Nach dem unerwarteten Tod des Nachrichters, bei dem Mechthild lebte, seit sie zehn Jahre alt war, musste sie sein Haus verlassen. Der Nachfolger im Amte würde in den nächsten Tagen die armselige Hütte übernehmen. Mechthild war von einem Tag auf den anderen wieder einmal ohne Schutz. Sie war zwar nicht unehrlichen Standes wie der Nachrichter, wusste aber trotzdem nicht, wohin sie gehen sollte. Er hatte sie nach dem Tod ihres leiblichen Vaters in sein Haus aufgenommen, ihr aber nie die Gründe dafür genannt. Und sie hatte nie gefragt. Jetzt blieb ihr nur übrig, als Bettlerin durch die Straßen zu ziehen oder unter dem Dach einer Kupplerin ihren Körper zu verkaufen. Als die Totengräber den kalten Körper des Nachrichters aus dem Haus brachten, hockte Mechthild auf der Schwelle des Hauses und grübelte ausdruckslos vor sich hin. Am frühen Abend näherte sich eine Frau dem Gehöft. Mechthild sah müde auf und erkannte die Magd Anna. Diese hatte in der Vergangenheit immer wieder das Haus des Nachrichters aufgesucht, um für ihre Herrin, Magistra Notburga, heilende Ingredienzien zu erwerben. Mechthild selbst bereitete sie vor und extrahierte sie. Nachdem der Nachrichter das Kind in sein Haus aufgenommen hatte, bemerkte er, dass das Mädchen keine Furcht oder Abscheu vor den Dingen hatte, die er nach Hinrichtungen nach Hause brachte. Die Entlohnung für die Dienstleistungen des Nachrichters aus der Stadtkasse war genau und knapp bemessen. Er war darauf angewiesen, ein Nebengewerbe zu betreiben. „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“ – aus dem Munde eines Henkers haftete dem Ausspruch eine eigene Süffisanz an. Hängen, Enthaupten, Ertränken und Lebendigbegraben waren schlecht bezahlt. Knickerige fünf Pfennige wurden ihm dafür aus dem Stadtsäckel abgezählt. Das Doppelte konnte er für das Rädern eines Mannes erwarten, doch am meisten lohnte sich das Verbrennen eines Verbrechers. Immerhin musste der Nachrichter das Brennholz auf eigene Kosten herbeischaffen. Doch diese Strafen waren eher selten auszuführen ­gewesen. Das Abschlagen einer Hand oder eines Fingers, das 15

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­ bschneiden eines Ohres und das Herausreißen einer Zunge waren A kaum der Rede wert und reichten nicht, um für den Erhalt des kleinen Haushalts zu sorgen. So lernte Mechthild früh in einem windschiefen Schuppen, die Körperteile der Hingerichteten weiterzuverarbeiten und ihre Ausdünstungen zu ignorieren. Vor allem im Blut und den Knochen junger und gesunder Hingerichteter waren die heilenden Kräfte konzentriert. Sie zerließ Menschenfett, das als Armsünderfett ­gegen Schwindsucht und Nervengicht, Krämpfe und Kröpfe sehr begehrt war. Mechthild schnitt Haut in feine Streifen, fügte sie zu Gürteln für Hebammen zusammen, die diese den Frauen in den Wehen umlegten. Sie lernte abgehauene Hände zu präparieren, denn Physici, Quacksalber oder kräuterkundige Weiber nahmen diese gegen gutes Geld ab, versprachen sie doch Heilung bei der entstellenden scrofula. Brachte die Verabreichung von Efeublättern hierbei keine Heilung, griff der Behandelnde zur stärksten Medizin, zur Kraft der Totenhand. Diese sog die schauderhaften Entzündungen aus den Augen, den Lymphknoten des Halses und ließ die rüsselartige Oberlippe verschwinden. Zwar hatte das Auflegen der Hand des Königs dieselbe Wirkung, aber die vielen Kinder der unteren Schichten Augsburgs würden in ihrem ganzen Leben den König nicht einmal sehen, geschweige denn von ihm berührt werden. Gegen andere Krankheiten wurden auch die Hirnschale und das Fleisch Hingerichteter verordnet, welche Mechthild geduldig pulverisiert und konserviert hatte. Allein um das frische und warme Blut Enthaupteter musste sie sich nicht kümmern. Dutzende Fallsüchtiger, die an der Krankheit des heiligen Lupus litten und verzweifelt nach Heilung suchten, lauerten wie Gassenköter am Tag der Hinrichtung an der Richtstätte. Sobald das Blut spritzte, fingen sie es in Gefäßen auf oder soffen es wie Tiere direkt aus der Wunde, als sei sie der Quell des Lebens. Aber für alle anderen Ingredienzien, die ein frisch Hingerichteter zu bieten hatte, waren die Apotheken der Stadt, aber auch Heiler und Quacksalber gute Abnehmer. An diesem Abend war Anna nicht gekommen, um die Vorräte der Apotheke zu ergänzen. Sie überbrachte eine Botschaft. Ihre Herrin forderte Mechthild auf, am nächsten Tag zu ihr zu kommen. Sie suchte ein fleißiges Mädchen, das in der Apotheke wohnen und arbeiten sollte. Am nächsten Morgen packte die Waise ihre 16

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wenigen Habseligkeiten und machte sich auf den Weg. Ein Zurück gab es nicht. Mechthild lief vom einsamen Nachrichtergehöft die flache Ebene entlang, die der Lech hier draußen vor dem Hustetter Tor an der großen Straße über die Alpen seit Tausenden von Jahren formte. Wie so oft bewunderte sie den in der Entfernung darüberthronenden Stadthügel von Augsburg, der nach Westen zur Wertachebene hin wieder abfiel. Bald erreichte sie das Gebiet, das vor der Stadt lag und in harena, auf dem Gries, genannt wurde. Der Nachrichter hatte ihr davon erzählt. Dort hatten der Legende nach schon die Gründer der Stadt, die Römer, Tierhetzen und Kämpfe veranstaltet. Seit christlichen Zeiten stand dort ein abgegrenzter Bereich für gerichtliche Zweikämpfe bereit. Gottesurteile wurden hier zur Findung des Rechts ausgetragen. Der Nachrichter, die Gerichtsdiener, Grieswarten sowie die sich befehdenden Parteien mit ihrem jeweiligen Kämpfer fanden sich auf dem Gelände um die Schranken herum ein. Viel schaulustiges Volk kam dabei auf dem anrüchigen Platz zusammen. Nicht nur der Adel, sondern auch die Klöster kämpften hier untereinander um weltliche Besitztümer, wenn die Gerechtsame des Königs nicht eindeutig zu klären gewesen war. An jenem Morgen, als sich Mechthild auf den Weg zum Stadttor machte, gab es keinen Zweikampf, kein Blut würde heute dort vergossen werden. Nur Männer durften dem Kampf zwischen dem Ankläger und dem Beschuldigten zusehen. Wer selbst nicht kämpfen konnte, sei es aus Gründen der Krankheit, Gebrechlichkeit, Unmündigkeit oder weil eine der beiden vor Gericht getretenen Parteien eine Frau war, konnte einen Lohnkämpen an seiner oder ihrer statt kämpfen lassen. Dabei war es in Augsburg sogar erlaubt, dass eine Frau persönlich zum Kampfe antrat. Nicht jedes Stadtrecht gewährte dies, Gott bewahre! Aber nur wenige Frauen machten von ihrem Recht Gebrauch. Sie mieteten doch meist lieber einen ehrlosen Berufskämpfer, von denen sich auf dem Gries genügend tummelten. Das Los der Lohnkämpfer war hart. Mochte man auch gewonnen haben, was blieb, waren ein paar lausige Silberpfennige, die einem für die nächsten Wochen über die Runden halfen. Kaum ein Sieger in den Zweikämpfen blieb ohne Wunden, dann musste der Bader oder der Nachrichter zur Wundbehandlung aufgesucht werden. Mechthild hatte oft die blutenden und zerbläuten Körper der Männer im Haus des Nachrichters gesehen, die er dann geschickt 17

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wieder zusammenflickte. Der Geldbeutel wurde leichter, noch bevor es ins Leben zurückging. Und der Kämpfer hoffte dann auf neue Aufträge und so ging das immer weiter, bis er auf dem Sand innerhalb der Schranken sein Leben aushauchte oder, schlimmer noch, als bettelnder Krüppel auf der Straße endete. Der Lohnkämpfer ging in die Schranken, und der Tod folgte ihm. Dieses und anderes unehrliches Gesindel, Verfemte und Rechtlose hausten in unzähligen trostlosen Hütten und Verschlägen dort draußen. Das kleine, mehr als bescheidene Gehöft des Nachrichters stand nicht weit von den Schranken auf dem Gries. Nur hier draußen bei den Torffeuern der Ehrlosen hatte er sich niederlassen dürfen, weit vor den Toren der Stadt. Wer wollte schon mit Ausgestoßenen wie Lohnkämpen, Kräuterweibern, Bettlern, Tagelöhnern oder Gesetzesbrechern zu tun haben!? Man mied die Leute vom Gries und erzählte den Kindern in der Stadt Schreckensgeschichten, um ihnen gutes Benehmen und Anstand einzubläuen. Sogar die fahrenden Gaukler und Spielleute und wandernden Arschverkäuferinnen, die ihre Dienste in der Stadt verrichteten, zogen hier schnell durch. So mancher der hier hausenden kuppelnden Winkelweiber, Fellzupfer, Abdecker, Kotfeger und Totengräber stand im Verdacht, mit dunklen Mächten im Bunde zu stehen. „Mechthild, meine Süße, überleg’s dir noch mal. Bei mir hast du ein Dach überm Kopf und ein warmes Bett. Du kannst zu jeder Zeit zu mir kommen, du weißt ja, wo du mich findest!“, schrie ihr die narrische Rosamunde hinterher, begleitet von einem schrillen Lachen. „Du glaubst doch nicht, dass die feinen Bürger ein Henkersbalg in ihren Mauern wollen.“ Mechthild reagierte nicht darauf. Sie hoffte, in der Apotheke bleiben zu dürfen, dafür würde sie auch die niedersten Dienste verrichten. Mechthild erreichte bald die ersten Kleingehöfte der Fischer an der Floßlände. Einige hockten draußen und flickten ihre Netze, Frauen nahmen Fische aus, während Ratten versuchten, das eine oder andere Kadaverstück zu erhaschen. Die meisten Fischer ließen sich an der oberen Floßlände bei der Kapelle des heiligen Nikolaus nahe bei den Toren der Stadt nieder. Sie gingen hier ihrem ehrbaren Handwerk nach, wie sie bei jeder Gelegenheit betonten. Sie wollten mit dem Gesindel weiter draußen auf dem Gries nicht in einen Topf geworfen werden und erst recht nichts zu schaffen ­haben. Manche von ihnen warfen Mechthild einen schiefen Blick 18

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zu, andere einen anzüglichen, als sie rasch vorbeiging. Sie kümmerte sich nicht darum. Doch es gab hier auch freundliche Gesellen. „Mechthild, kannst du mir nicht bei Gelegenheit mein Fett wegschneiden? Oder machst du das nur bei deinen Toten?“ Ein sehr beleibter Fischer zwinkerte ihr dabei zu. „Pass lieber auf, dass dir die Fische nicht wegschwimmen und deine Frau dich nicht beim Schäkern mit Weibern vom Gries erwischt!“, antwortete sie schelmisch. Sie lief am Ufer vor der Floßlände vorbei, wo Wäscherinnen knieten und Bleicher ihre frisch gewaschenen Wäschestücke auf den Wiesen auslegten, um sie der Sonne anzuvertrauen. Mechthild betrat die Floßlände, an der bereits Dutzende Flöße und Lastkähne entladen wurden. Die schmale Brücke, die über die Floßlände führte, war überfüllt. Da war es einfacher auf der breiten Fähre überzusetzen, die leicht schwankend über das eilig dahinfließende Wasser glitt. Nach kurzem Fußmarsch erreichte Mechthild das Margarethentor. Im Vergleich zu den anderen Stadttoren war es klein und schmal. Die pontenarii, die Brückenwächter des Klosters des heiligen Ulrich und der heiligen Afra, besahen sich die Waren genau und verhängten auch hier akribisch festgelegte Zölle. Die Stadtknechte musterten die pontenarii mürrisch. Es herrschte ein nicht enden wollender Streit zwischen den Vertretern des Klosters und der Stadt. Nicht selten kam es zu Schlägereien. Das lärmende Stimmengewirr am Tor war schon von weitem zu hören. Ein Knäuel aus Händlern, Pilgern, Marktweibern, Bauern, Huren, Bettlern und Karren, die von Mensch oder Tier gezogen wurden, Pferden, Eseln und Vieh ergoss sich tagtäglich drängend und schimpfend durch das schmale Tor in die Stadt, die sich hochnäsig darüber zu erheben schien. Die Luft draußen auf dem Gries roch übel. Fischabfälle, erschlagene streunende Hunde und verendete Tiere, deren Kadaver der Abdecker abgehäutet und in großen Gruben verscharrt hatte, stanken zum Himmel. Die Stadtluft war nicht besser, geschwängert von anderen, jedoch nicht angenehmeren Gerüchen. Hier in der Vorstadt, unterhalb des Stadtberges, auf dem die bürgerlichen und bischöflichen Oberstädte westlich darüberthronten, drängten sich die Handwerker in ihren Behausungen und Werkstätten. Wollfärber, Weber, Lederer und Gerber arbeiteten und lebten mit ihren 19

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Familien Herd an Herd. Zu diesen Ausdünstungen gesellten sich noch der beißende Rauch der Feuerstellen, der Essen der Schmieden und der Gestank von Misthaufen, Abtritten und Ehgräben, die die menschlichen Hinterlassenschaften in sich bargen. Mechthild kümmerte sich nicht darum, auch nicht um das Gedränge und den Matsch der Wege, die tiefen Fahrrillen der Karren, in denen man sich leicht einen Knöchel brechen konnte. Sie überquerte die Saubrücke am Schwall, dort wo eine Mühle mit knarrendem Wasserrad stoisch ihrem Tagwerk nachging. Sie bog gleich links an der von frommen Frauen errichteten Kapelle der heiligen Margarethe ab. Sie zwängte sich zwischen Karren, Händlern und Leuten hindurch, die vom Hustetter Tor hereinströmten. Eng an Hauswände gedrückt, um nicht von Ochsen oder Eseln mit ihren Lasten zu Boden geworfen zu werden, bahnte sie sich ihren Weg. Weiter am Rabenbad vorbei, dessen Badebetrieb weit über die Stadt hinaus bekannt war. Gegenüber standen einige Häuser der von der Stadt zugelassenen Hübschlerinnen, die nun bald unter der Aufsicht des neuen Nachrichters stehen würden. Fahrende Arschverkäuferinnen mussten sich in Acht nehmen, nicht von ihm erwischt und der Stadt auf Strafe verwiesen zu werden. Mechthild bog nach rechts ab und kam schließlich im Sauren­ greinswinkel an. Sie konnte sich gut vorstellen, woher der Name kam. Viele verwinkelte Häuser standen dicht aneinandergedrängt, schienen keinen Sonnenstrahl an sich heranlassen zu wollen. Das Gegrein und Gezänk, das aus einigen Höfen und Fenstern drang, waren unüberhörbar. Mechthild zog den Umhang enger um sich und die Kapuze tiefer in ihr Gesicht. Endlich hatte sie das Ende des Saurengreinswinkels erreicht, an dem ein zweistöckiges Fachwerkhaus auftauchte, das mit seinem hellen Putz nicht recht in seine Umgebung passte. Beim Näherkommen erkannte sie auf einem verwitterten Ladenschild ein weißes Einhorn mit goldenem Horn auf verblasstem blauem Grund, das mit stolz erhobenen Vorderläufen auf die Vorübergehenden herabblickte. Mechthild blieb stehen, glättete ihre Kleidung, befreite sie von Schlammspritzern und strich ihre Haare ordentlich nach hinten, während sie auf den kunstvoll gearbeiteten schmiedeeisernen schlangenförmigen schwarzen Griff einer schweren Holztüre blickte. Sie nahm all ihren Mut zusammen und betrat die Apotheke. 20

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Das sanfte Morgenlicht erhellte den Ladenraum. Mechthild fielen die großen, mit Rundbögen und gedrechselten Säulen verzierten Regale auf, die den Laden nicht überfüllt wirken ließen. Darin waren säuberlich Beutel aus Leder oder Leinen, Flaschen und Gefäße aus Ton und Metall mit Kräutern, zerstoßenen Mineralien und Pulvern aufgereiht. Fasziniert bewunderte Mechthild für einen Moment das Farbenspiel, das die Sonnenstrahlen auf die Kleinode zauberten. Das Haus des Nachrichters war klein, dort hatte immer drangvolle Enge geherrscht. Die muffigen, stickigen Räume hatten Mechthild oft die Luft zum Atmen genommen. In der Apotheke hingegen strömten nun unzählige Aromen auf sie ein, manche erinnerten sie an ein orientalisches Hamam oder an eine Kräuterwiese im Sommer, andere bissen sie in Nase und Augen. Aber es roch hier nicht nach kaltem saurem Schweiß, Blut, Urin oder Kot, den die Leichen der Hingerichteten mit in das Gehöft des Nachrichters gebracht hatten. Nirgends haftete in diesem hellen Raum der süßliche, Ekel erregende Gestank frisch gekochten Menschenfleisches. Mechthild hatte das Trennen des Fleisches und Fettes von den Knochen in riesigen Kesseln immer gehasst. Hier gab es keine Schwaden der Verwesung, die von den Gruben der Abdecker oder den Töpfen der Leinsieder in die Hütten auf dem Gries wehten. Ehrfürchtig und staunend verharrte sie. Im hinteren Teil des Ladens bewegte sich etwas. Noch bevor Mechthild erkennen konnte, um wen oder was es sich handelte, stürmte auch schon Magistra Notburga auf sie zu: „Du musst Mechthild sein. Komm näher.“ Das war freilich nicht möglich, da die Magistra bereits direkt vor ihr stand. „Ja, ich bin Mechthild, Heinrich Brueglins Tochter, Gott hab ihn selig. Ihr wünscht mich zu sehen, Magistra Notburga? Sucht Ihr eine Magd? Ich kann gut arbeiten.“ „Wie? Nein, nein, komm erst mal in die Küche mit, Anna hat noch leckeren Brei mit viel Honig übrig. Du wirst bestimmt Hunger haben.“ Die wieselflinke Apothekerin schob Mechthild vor sich her durch den Flur, während sie schief ein Lied pfiff. In der Küche angekommen zupfte sie noch Mechthilds Kleid zurecht, bevor sie sie auf die Bank vor dem schweren Eichentisch drückte, was Mechthild ohne Widerstand hinnahm. Sie mochte es eigentlich nicht, wenn ihr Menschen zu nahe kamen. Bei der Apothekerin aber war das etwas anderes, sie hatte etwas Herzliches in ihrem Wesen. 21

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„So, und du hast also beim Nachrichter geholfen, von dir habe ich also die Henkersmedizin! Kennst du dich mit Kräutern aus?“ Notburga klatschte Mechthild eine Kelle mit dampfendem süßem Brei in eine Schüssel. „Nein, ich habe nur mit den Toten zu tun gehabt“, antwortete Mechthild kurz. „Würdest du gern mit Kräutern arbeiten?“ „Das … habe ich mir schon immer … gewünscht!“, stammelte sie und sah die Apothekerin verdutzt an. Magistra Notburga war ganz anders als der Nachrichter, der wenig geredet hatte und auch sonst von ruhigem Gemüt gewesen war. Diese Frau dagegen war sehr lebendig. „Wie bist du eigentlich in die Dienste des Nachrichters gekommen?“ Mechthild schwieg, sie hatte ein verschlossenes Wesen und war im Umgang mit fremder Neugierde sehr zurückhaltend. „Oh, komm schon, Kindchen, sei nicht so verstockt! Du wirst hier nicht bemessen nach dem, was in der Vergangenheit liegt, sondern nach dem, was du kannst und wie du lernst.“ Die aufmunternde, herzliche und liebevolle Art der Magistra flößte Mechthild Vertrauen ein und sie gab ihre Zurückhaltung auf. Sie begann zu erzählen und Notburga hörte sich Mechthilds Geschichte in Ruhe an. „Mein armes Kind“, sagte Notburga sichtlich betroffen, als Mechthild geendet hatte. „Ich werde alles mit dem Rat der Stadt regeln und dich trotz deines zweifelhaften Rufes als Lehrmädchen eintragen lassen. Dafür werde ich schon Sorge tragen!“ Notburga lächelte verschmitzt. „Du wirst bei mir bleiben und es hier gut haben. Denn die Apotheke zum Einhorn ist nun dein neues Heim!“

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Das Blut der Gläubigen