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Herbst 2015

Politische Bildung bei YFU neu: austauschprogramm mit dem Libanon

TaschengeldFonds: den alltag von Austauschsch端lern unterst端tzen


Inhalt

Politische Bildung Fokus bei YFU Seite 6|7

Neuigkeiten Nachrichten| Gesellschaft | Interkulturelles Seite 4|5

Austausch-Geschichten Neues aus den YFU-Programmen Seite 8|9

Alumni Aktiv für YFU | Jahre später Seite 10|11

Kooperationen Unendliche Geschichten | Seminarreise nach Polen Seite 12|13

Freunde & Förderer Unterstützen | Spenden | Stipendien Seite 14 bis 16

Impressum Herausgeber: Deutsches Youth For Understanding Komitee e.V. Gemeinnütziger Verein | Träger der freien Jugendhilfe Geschäftsstelle: Oberaltenallee 6 | 22081 Hamburg Telefon & Fax: 040 22 70 02 -0 | -27 E-Mail & Internet: info@yfu.de | www.yfu.de Spendenkonto: Commerzbank Hamburg IBAN: DE 67 2008 0000 0908 0302 01 BIC: DRES DE FF 200 Redaktion: Corinna Schmidt Gestaltung: labor b | lele graphik & design Druck: Sievert Druck und Service GmbH Auflage: 6.400 Exemplare | ©YFU September 2015

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Bildnachweis: Titel, 2, 6: iStockphoto | 4: Goethe-Institut Libanon | 5: iStockphoto | 11: Anne de Wolff | 15: Joachim Herz Stiftung | alle anderen Fotos von YFU2015 oder privat. Gedruckt auf umweltfreundlichen FSC-zertifiziertem Papier. YFU magazin | Herbst


Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser, ein Austauschjahr hat viele Facetten: Man erlernt eine neue Sprache, erlebt viel Neues und erwirbt Fähigkeiten, die auch für das spätere Berufsleben hilfreich sind. Austausch ist aber noch viel mehr: Die Teilnehmer entwickeln nicht nur Handlungskompetenzen, sondern erfahren andere Kulturen als etwas Wertvolles, lernen mit Unterschieden konstruktiv umzugehen und entwickeln neue Einsichten in ihre persönliche Verantwortung – egal ob im direkten Umfeld oder auf einer politischen Ebene. All diese Kompetenzen sind nicht nur für die Austauschschüler persönlich gewinnbringend, sie wirken sich auch positiv auf unsere Gesellschaft aus. Um diese Aspekte der politischen Bildung, die YFU mit seinen Programmen leistet, geht es unter anderem in dieser Ausgabe. Wie wichtig die politische Dimension des Jugendaustauschs ist, wird gerade angesichts der aktuellen Situation in Deutschland und Europa wieder deutlich. Wir brauchen Menschen, die den Dialog über kulturelle Grenzen hinweg suchen, die ein differenziertes Verständnis von Kultur und Geschichte haben und sich aktiv gegen Vorurteile einsetzen. Dass Jugendaustausch diese Fähigkeiten und Einstellungen bei allen Teilnehmern und Mitarbeitern fördert, ist ein unschätzbarer Wert, den wir auch gegenüber der Politik immer wieder betonen. Dieses Jahr konnten wir da-

durch zwei wichtige Ergebnisse erzielen: Dank des Einsatzes vieler Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks wurde der Fortbestand des Parlamentarischen PatenschaftsProgramms gesichert. Zusätzlich war der Bundestagsbeschluss zur Förderung von Jugend- und Schüleraustausch in Deutschland ein wichtiges Signal, den unersetzlichen Beitrag von Gastfamilien auch in der Öffentlichkeit stärker zu würdigen. Gerade weil ein Austausch nicht nur das eigene Leben, sondern immer auch das Zusammenleben in unserer Gesellschaft bereichert, ist es wichtig, dass wir möglichst vielen Menschen die Möglichkeit geben, diese einzigartige Erfahrung zu machen. Ich möchte Sie daher bitten, auch Jugendliche in Ihrem Umfeld zu einem Schuljahr im Ausland zu ermutigen, damit auch im nächsten Jahr wieder viele junge Menschen diese Chance nutzen.

Mit herzlichem Gruß

Marcus von Garßen | YFU-Vorstandsvorsitzender

„Als Redaktionsteam haben wir die Umstellung auf das neue YFU-Design genutzt, um das Magazin insgesamt noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Dafür haben wir auch die Leserinnen und Leser nach ihrer Meinung gefragt. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an alle, die sich die Zeit genommen und uns mit ihren Impulsen und Ideen unterstützt haben! Jetzt freuen wir uns auf weiteres Feedback zur neuen Ausgabe und wünschen viel Spaß beim Lesen!“ Das Redaktionsteam: Corinna Schmidt | Marlena Schultz-Brunn Simone Stepp magazin@yfu.de

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Neuigkeiten

→ Jugendliche für Jugendliche: Schüler Helfen Leben Schüler Helfen Leben ist Deutschlands größte von Jugendlichen geleitete Hilfsorganisation. 1992 wurde sie von Schülerinnen und Schülern gegründet, um Gleichaltrigen während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien zu helfen.

YFU-Informationsabend im Goethe-Institut in Beirut.

→ Erstmals Austausch mit dem Libanon In diesem Jahr verbringen zum ersten Mal zwei Jugendliche aus dem Libanon ein YFU-Austauschjahr in Deutschland. Ermöglicht wurde dies durch die Zusammenarbeit zwischen YFU Deutschland und dem GoetheInstitut in Beirut, das den Aufenthalt der beiden Schülerinnen mit je einem Vollstipendium unterstützt. „Als wir von der erfolgreichen Kooperation zwischen YFU Deutschland und dem Goethe-Institut Kairo gehört haben, waren wir begeistert“, so Sabine Haupt, Leiterin der Spracharbeit am Goethe-Institut Beirut und Verantwortliche für Bildungskooperationen. „Uns war schnell klar, dass so ein Programm auch eine große Chance für die deutsch-libanesischen Beziehungen sein würde. Ich freue mich daher sehr, dass es dann am Ende tatsächlich so schnell geklappt hat.“ Denn das erste Treffen in der YFUGeschäftsstelle fand erst im Februar 2015 statt. Dank der Begeisterung und des Einsatzes aller Beteiligten wurde die Idee aber schnell zur Tat. Innerhalb weniger Monate wurde das Austauschjahr für zwei Schülerinnen organisiert, die seit August in Deutschland sind. Die Auswahl der Austauschschülerinnen und die Organisation im Libanon lag beim Goethe-Institut Beirut. „Wir haben eng mit den PASCH-Schulen zusammengearbeitet, an denen ja bereits Deutsch unterrichtet wird, und so zwei wie wir glauben sehr geeignete Stipendiatinnen gefunden“, erzählt Sabine Haupt. Unterstützt wurden sie dabei auch von den YFU-Ehrenamtlichen Injy Fouda aus Ägypten und Gebhard Mohr aus Deutschland, die sich mit ihrer langjährigen Erfahrung im langfristigen Schüleraustausch einbringen konnten.

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Die Jugendlichen sammelten damals Hilfspakete, brachten diese in Flüchtlingslager und bauten Kindergärten und Schulen wieder auf. Heute fördert und betreibt die Organisation Jugend- und Bildungsprojekte in Südosteuropa und Jordanien und richtet jährlich den Sozialen Tag aus. An diesem Tag tauschen rund 85.000 Jugendliche bundesweit die Schulbank gegen einen Arbeitsplatz. Den Lohn spenden sie dann an die Hilfsprojekte von Schüler Helfen Leben. Das Besondere daran: Schülerinnen und Schüler entscheiden, welche Hilfsprojekte gefördert werden. Am 9. Juli 2015 kamen so Gelder in Höhe von ca. 1,6 Millionen Euro zusammen, die Kindern und Jugendlichen auf dem Balkan und syrischen Flüchtlingskindern in Jordanien helfen. Außerdem bietet Schüler Helfen Leben einen Freiwilligendienst in Deutschland und Südosteuropa an und organisiert Kurzaustausche mit Bosnien und Herzegowina. Mehr Infos unter: www.schueler-helfen-leben.de

→ Neu: Tennis-Programm in Serbien Für das Programmjahr 2016/17 bietet YFU erstmals ein Austauschprogramm mit Tennis-Schwerpunkt in Serbien an. In Serbien ist Tennis eine der größten Nationalsportarten und wird besonders gefördert. In Kooperation mit zwei der bekanntesten serbischen Tennisvereine Belgrads haben Austauschschüler die Gelegenheit, während des Austauschjahres drei bis fünf Nachmittage in der Woche intensiv am Tennistraining sowie an Turnieren teilzunehmen. Voraussetzung für die Teilnahme ist, dass die Jugendlichen bereits länger Tennis spielen und das Spiel gut beherrschen. Mehr Infos unter: www.yfu.de/tennis-programm


Drei Zahlen 1: www.model-un.de/de/schueler/2014 | 2: Wikipedia: „Informationen zur politischen Bildung“ | 3: www.bmbf.de/pub/12._Studierendensurvey_Langfassung_bf.pdfvv | 4: Studierendensurvey 1983-2013, AG Hochschulforschung, Universität Konstanz

politische bildung

5.700 → Politisches Bewusstsein durch Austausch stärken Projekt forscht zu politischer Bildung in der internationalen Jugendarbeit Zahlreiche Studien haben sich in den letzten Jahren mit Jugendaustausch befasst, wobei die politische Dimension von internationaler Jugendarbeit jedoch eher selten im Fokus stand. Um dies zu ändern haben sich Fachleute der Branche in einem „Forscher-Praktiker-Dialog“ zusammengeschlossen, um Ansätze für vertiefende Forschungen zu entwickeln. Dem Projekt liegt die Überzeugung zugrunde, dass pädagogisch begleitete Austauschprogramme immer auch zur politischen Sozialisation von Jugendlichen beitragen – sei es durch ein kritischeres Verständnis von Kultur und Geschichte, durch die Fähigkeit zu einem konstruktiven Umgang mit Vielfalt oder durch eine gestärkte Eigenverantwortung, die später oftmals zu mehr Partizipation und Engagement führt. Die Annahme ist, dass diese Aspekte internationaler Jugendarbeit jedoch häufig im Hintergrund stehen und stärker ins Bewusstsein der Teilnehmenden gerückt werden müssen. Ziel des Projektes ist es daher, zunächst anhand von vertiefenden Forschungen neue Erkenntnisse und dadurch schließlich auch neue Impulse für die Praxis zu liefern. Auf dem ersten Fachtag zu Beginn des Jahres wurden dafür schon einige Ansätze gesammelt, die auf einem zweiten Treffen im November vertieft werden sollen. Ein erster konkreter Handlungsvorschlag an die Träger internationaler Jugendarbeit ist beispielsweise, das Politische in der eigenen Arbeit und den eigenen Programmen zu benennen, kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu überarbeiten. YFU hat in dieser Hinsicht mit der Neuformulierung der Bildungsziele bereits einen wichtigen Schritt getan: Die schon zuvor bestehenden Lernziele, wie beispielsweise Demokratieerziehung und Völkerverständigung, wurden diskutiert, in den internationalen Kontext des Netzwerks gestellt und schließlich konkretisiert und an die aktuelle Lebenssituation in einer globalisierten Welt angepasst (siehe Seite 6). Mehr Infos über den Forscher-Praktiker-Dialog unter: www.forscher-praktiker-dialog.de

Schülerinnen und Schüler haben 2014 an insgesamt 22 Konferenzen der Model United Nations (MUN) in Deutschland teilgenommen. Bei diesen Planspielen schlüpfen junge Menschen in die Rolle von Diplomaten und diskutieren gemeinsam weltpolitische Themen und erarbeiten Resolutionen. MUN-Konferenzen werden in verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt und für unterschiedliche Altersgruppen angeboten.1

326 Ausgaben der „Informationen zur politischen Bildung“ , die die Bundeszentrale für politische Bildung vierteljährlich herausgibt, sind seit 1952 erschienen. Seither sind diese durch so manches Klassenzimmer gewandert. Bis 1963 hießen die A4-Hefte noch „Staatsbürgerliche Informationen“. Heute haben sie eine Auflage von 500.000 Exemplaren.2

32 Prozent der deutschen Studentinnen und Studenten schätzten im 12. Studierendensurvey 2014 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ihr politisches Interesse als sehr stark ein – 2001 waren es noch 45 Prozent. Auch studentische Politik an der Hochschule interessiert nur ein Drittel der Studierenden.3

öffentliche ordnung vs. Demonstrationsrecht Zahl der Studenten, die sich 2013 im Zweifelsfall für das Recht auf Demonstration ausgesprochen haben:4

2013 2010 2007 2004 1998 1995 1993

31% 32% 31% 33% 42% 41% 45% YFU magazin | Herbst 2015

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Fokus

Fokus

Politische Bildung bei YFU Internationale Jugendarbeit hat immer auch eine politische Dimension – ob in der Auswahl der Zielländer, der Seminararbeit oder in den individuellen Erfahrungen der Teilnehmer. Oftmals scheint sie aber gegenüber anderen Aspekten – wie etwa dem Spracherwerb – in den Hintergrund zu treten. Unter Vertretern internationaler Jugendarbeit wird daher diskutiert, ob politische Bildung im Jugendaustausch wieder stärker ins Bewusstsein gerückt werden müsse. Das YFU magazin hat mit Dr. Cornelius Görres über die politische Dimension in den jüngst neu formulierten YFU-Bildungszielen gesprochen, an deren Ausarbeitung er sowohl international als auch in der Arbeitsgruppe von YFU Deutschland mitgewirkte. YFU verfolgt seit seiner Gründung einen Bildungsanspruch, der mit Werten wie Demokratieerziehung und Verständigung im Leitbild verankert ist. Warum war die Formulierung neuer Ziele nötig? Weil es weniger darum geht, dass diese Bildungsziele völlig neu wären. Keine Revolution, eine Evolution. Wir haben zwei Dinge getan: Wir haben die „klassischen“ Bildungsziele von YFU Deutschland präzisiert und aktualisiert. Der „Kulturbegriff“ ist ein schönes Beispiel dafür. Nicht nur bei YFU hat sich so ein Verständnis eingeschlichen, in dem „Kultur“ fast schon mit „Land“ gleichgesetzt wird. Das ist praktisch überall auf der Welt eine allzu grobe Verallgemeinerung. Wir haben versucht, Beschreibungen von „Kultur, Zugehörigkeit und Identität“ zu finden, die der heutigen global vernetzten Welt besser gerecht werden. Das andere, was wir getan haben, betrifft mehr die praktische „Interkulturelle Verständigung“ aus dem YFU-Leitbild. Es gab einfach einen starken Bedarf, das genauer zu beschreiben, nicht zuletzt international. Was

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muss man können und also gegebenenfalls lernen, um sich interkulturell zu verständigen, und zwar möglichst erfolgreich, also im Sinne von Kooperation und Problemlösung? Um welche Kompetenzen geht es da? Lächeln hilft schon weiter, aber auf Dauer reicht es nicht – weder um die Herausforderungen einer langfristigen Austauscherfahrung zu meistern, noch um Flüchtlinge zu integrieren. Die praxisorientierten „Haltungen und Handlungskompetenzen“ in unseren Bildungszielen sind natürlich zunächst auf die konkrete Austauscherfahrung bezogen, aber sie bilden zugleich eine wichtige Grundlage für die längerfristigen, gesellschaftlich-politischen Ziele. Den Bedarf, solche interkulturellen Kompetenzen konkret zu formulieren, gab und gibt es nicht nur bei YFU. Übrigens taucht der Begriff „Demokratie(-erziehung)“ in den Bildungszielen auch aus Gründen der besseren internationalen Kompatibilität nicht mehr auf. Das Wort „Demokratie“ hat sich leider dadurch abgenutzt, dass es längst auch von Regimen benutzt wird, die sich regelmäßig die Einmischung in ihre inneren undemokratischen Praktiken verbitten. Und in genau solchen Systemen laufen YFUOrganisationen, die sich für Demokratie einsetzen, Gefahr, als Handlanger ausländischer Mächte gebrandmarkt zu werden. Die jetzige Beschreibung der „Förderung von Eigenverantwortung und Teilhabe an Entscheidungsprozessen“ ist mit den Partnern in solchen Ländern abgestimmt. Die „politische Dimension“ wird also weiterhin deutlich. Wie schätzt du ihren Stellenwert insgesamt in den Bildungszielen ein? Den Stellenwert der gesellschaftlichen, politischen Dimension schätze ich ganz hoch ein. Die fünf Ziele im ersten Abschnitt sind sehr „politisch“. Von der Förderung von Eigenverantwortung und Teilhabe habe ich schon gesprochen. Dazu haben wir uns die „Förderung von interkultureller Kommunikation und Kooperation, von Dialog und Problemlösung“ sowie von „Vielfalt, Hybridität, Integration, Inklusion und Chancengleichheit“ vorgenommen. Das sind Ziele, die nicht allein und nicht nur bei YFU, sondern in der


„Natürlich ist YFU ein Träger der politischen Bildung, ein Akteur. Das steckt in unserer Gründungsgeschichte, das wollten wir gerade bei YFU Deutschland immer sein, das spielt eine ganz wichtige Rolle in unserer Seminararbeit.“

Gesellschaft zu verwirklichen sind. Auch unsere Beschreibung von „Kultur“ ist letztlich politisch: Sie wendet sich ganz explizit gegen den Missbrauch von so etwas wie einer „Leitkultur“ als Mittel der Ausgrenzung des vermeintlich „Anderen“ oder „Anderer“. Zu der Zeit, als wir das formuliert haben, gingen in ganz Deutschland irgendwelche „gida“-Anhängende mit menschenfeindlichen Parolen auf die Straße. Und sie erfahren bis heute in Politik und Gesellschaft oft viel zu viel Zustimmung und allzu wenig Gegenwehr. Ist YFU für dich also ein Träger der politischen Bildung? Ich erinnere mich gut, wie ich meinem Schwager vor vielen Jahren erklärt habe, was wir bei YFU machen. Nachdem ich das ein bisschen beschrieben hatte, sagte er, offenbar überrascht: „Aber das ist ja total politisch!“ Natürlich ist YFU ein Träger der politischen Bildung, ein Akteur. Das steckt in unserer Gründungsgeschichte, das wollten wir gerade bei YFU Deutschland immer sein, das spielt eine ganz wichtige Rolle in unserer Seminararbeit. Es wird auch bei vielen Diskussionen im Verein immer wieder sehr deutlich ausgesprochen. Wenn wir über neue Partnerländer sprechen, unterschiedliche Programmformate, die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern außerhalb von YFU, dann geht es nie nur um Kosten und praktischen Nutzen, sondern immer auch darum, ob wir als Verein „inhaltlich“ dahinterstehen können – und das heißt letztlich meist auch „politisch“. Für Austauschschüler und ihre Eltern scheinen beim Thema Austausch oft ganz andere Dinge im Vordergrund zu stehen, wie etwa eine neue Sprache zu erlernen, ein Abenteuer zu erleben oder bessere Berufschancen. Muss YFU seinen politischen Bildungsanspruch deiner Meinung nach stärker betonen? YFU sollte weiterhin – und mit den neuen Bildungszielen vielleicht noch ausdrücklicher – betonen, wie unglaublich viel Lernpotenzial in solch einer langfristigen Austausch-

erfahrung liegt. Wir sollten stets darstellen, dass man in einem Jahr im Ausland tatsächlich die Sprache meist recht gut erlernt – und noch so einiges mehr, was im Beruf und im Leben genauso nützlich sein wird wie eine Sprache: eine ganze Menge sehr spezifischer (interkultureller) Kompetenzen und dazu eine weiter entwickelte Achtsamkeit auch für gesellschaftliche Fragen. Das wache Bewusstsein für das „Politische“ unserer Arbeit, das es bei YFU gibt, zeigt ja, wie wir das bisher schon betont haben.

kurz und knapp Die YFU-Bildungsziele Langfristige politisch-gesellschaftliche Ziele: → Verständnis von Kultur, Zugehörigkeit und Identität → Verständnis von Geschichte → Förderung von interkultureller Kommunikation und Kooperation, von Dialog und Problemlösung → Förderung von Vielfalt, Hybridität, Integration, Inklusion und Chancengleichheit → Förderung von Eigenverantwortung und Teilhabe an Entscheidungsprozessen

Haltungen und Handlungskompetenzen einzelner Teilnehmender: → Einsicht in die grundsätzliche Anforderung, sich anzupassen und Verantwortung zu tragen → die Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren und Kontakte und Beziehungen aufzubauen → die Festigung von Stabilität und Resilienz → die Entwicklung des Reflexions- und Lernvermögens → die Stärkung des Engagements für das eigene Umfeld Der Ausschuss für die YFU-Bildungsziele arbeitet derzeit an Möglichkeiten, um die Bildungsziele und deren Umsetzung innerhalb magazin können | Herbstsich 2015 des Vereins bekannt zu machen.YFU Interessierte gern in 7der YFU-Geschäftsstelle melden: info@yfu.de.


Austausch-Geschichten

Güle güle İstanbul, biz geri olacak! – Tschüss Istanbul, wir kommen wieder! Familie Hartmann/Sülflow berichtet über ihre Zeit mit Ulaş aus der Türkei

Ulaş war uns quasi zugeflogen – nicht direkt aus der Türkei, sondern eher über Umwege aus Berlin-Kreuzberg. Lange schon umwarben uns Freunde und enthusiastische YFU-Familien, denen wir fleißig Stand hielten. Denn eines hatten wir jahrelang erfolgreich beherzigt: „Wir werden alles – aber nie Gastfamilie!“ Aber dann kam eines Tages eine E-Mail einer Bekannten, die als ehrenamtliche Betreuerin für ihren Gastschüler eine neue Familie suchte. Hilfsbereit sollte die Mail schnell weitergeleitet werden, bis wir zufällig einen Blick auf das Foto erhaschten. Schnell wurde Familienrat gehalten: Alter und Hobbys stimmten exakt mit denen unseres Sohnes Knut überein. Dieser hielt ein inbrünstiges Plädoyer zugunsten Ulaş – und so wurden wir quasi über Nacht Gastfamilie.

Unsere Sorgen waren unbegründet Wenige Tage später begrüßten wir einen sehr schüchternen Jungen mit einem bezaubernden Lächeln, der kaum ein Wort Deutsch sprach. „Das wird ein Projekt!“, dachten wir. Doch unsere Sorgen waren unbegründet: Schon nach zehn Tagen riss Ulaş die ersten Witze, tauchte gemeinsam mit unserem Sohn in die Musik- und Longboard-Welt ein und trieb uns – wie unser eigener Sohn – mit seinen Essgewohnheiten und dem pubertierendem Chaos seines Zimmers so manches Mal auch zur Verzweiflung. Letztendlich ist es unserem Sohn zu verdanken, dass sich Ulaş so schnell bei uns einlebte und große Entwicklungsschritte auch hinsichtlich seiner Deutschkenntnisse machte. Die beiden harmonierten in dem halben Jahr sehr miteinander und wurden zu wirklichen Brüdern.

So modern kann Familienleben in der Türkei aussehen? Ulaş zeigte uns viele Fotos von seinen Eltern, den Urlauben, der Wohnung und wir waren mehr als erstaunt: So modern kann Familienleben in der Türkei aussehen? Wir hielten uns bis dato für weltoffene, tolerante und vorurteilsbewusste Menschen und mussten uns doch eingestehen, dass wir viele Ressentiments und Vorurteile gegenüber der Türkei in uns trugen. Interessant und lustig wurden auch die Gespräche über Religion, die wir mit Ulaş führten. Zum Beispiel, als unsere Tochter unseren türkischen Austauschschüler aufklärte, wann und warum das muslimische Zuckerfest gefeiert wird.

Istanbul wir kommen! Durch Ulaş Aufenthalt entwickelte sich auch ein sehr freundschaftlicher Kontakt zu seinen Eltern, der sich nach seiner Heimreise sogar vertiefte. Als Knut seinen Gastbruder nur wenige Monate nach dessen Abschied in Istanbul besuchte, wurde er dann auch herzlich von Ulaş Familie aufgenommen und schnell zu „our second son, our honey, our German son“. Im darauffolgenden Jahr flogen wir dann erstmals gemeinsam in die Türkei und waren sehr aufgeregt: Was würde uns erwarten? Würde sich Ulaş verändert haben? Und würden wir uns mit den Eltern verstehen? Die Woche übertraf dann alle Erwartungen und wir verlebten sie in einem einzigen Istanbulrausch! Uns überraschte die Liebenswürdigkeit, Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen. Wir haben eine Familie mit einer ähnlichen Wellenlänge kennen- und liebengelernt. Fazit: Mit unserem türkischen Gastsohn haben wir neue Freunde und eine neue Familie gewonnen – und das mit einem einzigen Mailklick!

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„Zuspätkommen ist nichts, was man sich vornimmt: Das passiert einfach!“ YFU-Austauschschüler Maximilian berichtet über sein Austauschjahr in Mexiko

Maximilian, du bist erst vor ein paar Wochen wieder aus deinem Austauschjahr zurückgekehrt. Wie viel Mexiko trägst du noch in deinem Herzen? Ich habe noch engen Kontakt mit meiner Gastfamilie und der Abschied fiel mir schon schwer: Kurz vor der Abreise bin ich krank geworden, sodass sie um einige Tage verschoben werden musste. Da meinte mein Gastbruder, dass mir wohl mein Körper sagt, dass er noch da bleiben möchte. Wer weiß, vielleicht war das ja so. In den deutschen Medien liest man nicht nur Gutes über Mexiko. Hast du dir Sorgen gemacht, bevor du abgeflogen bist? Mexiko war meine Erstwahl. Bei der Bewerbung habe ich zwar gedacht, dass die Sicherheitslage bestimmt schwierig ist, aber dass die Medien sicher häufig übertreiben. Dabei muss man im Hinterkopf behalten, dass man Mexiko nicht verallgemeinern darf. Es hängt sehr von Stadt zu Stadt ab! Wie hast du das Land dann letztendlich erlebt? In meiner Gastfamilie war Sicherheit natürlich schon ein Thema: Es war wichtig, dass meine Gasteltern wussten, wo ich war, mit wem und wann und wie ich nach Hause komme. Ich durfte aber schon abends den Bus nehmen; da waren andere Familien strenger. Da ich mich immer an die Regeln meiner Gastfamilie gehalten habe, habe ich mich nie unsicher gefühlt. Von der Lage insgesamt habe ich vor allem über Studentenproteste in meiner Stadt etwas mitbekommen: Mexikanische Studenten gehen viel auf die Straße und demonstrieren.

Was hat dich rückblickend am meisten überrascht? Man denkt von Mexikanern ja häufig, dass sie nur feiern und dass die Arbeitsmoral dementsprechend „lau“ ist. Das habe ich ganz anders erlebt. Zwar wird am Wochenende die Freizeit genossen und es gibt immer große Treffen und Feiern; unter der Woche aber wird sehr diszipliniert gearbeitet. Zumindest in meiner Gastfamilie war eine 60/70 Stundenwoche normal. Beim Abschied hat mir meine Gastmutter das Sprichwort „O estudas o trabajas“ (Entweder man lernt oder man arbeitet) mit auf den Weg gegeben – das spiegelt die Arbeitsmoral ganz gut wider. Was wäre dein Rat an angehende Austauschschüler? Das allgemein zu sagen, ist eigentlich unmöglich. Was ich aber raten kann ist, immer offen zu sein und auch einmal Neues auszuprobieren, das man anfangs vielleicht „komisch“ findet. Zum Beispiel bin ich mit meinem Gastbruder regelmäßig in die Kirchengruppe gegangen – etwas, das ich in Deutschland nie tun würde. In Mexiko sind dort aber viele Jugendliche und es waren immer nette Treffen. Zum Schluss: Was war dein Lieblingsgericht? Tacos und Churros! Tacos (Tortilla mit Fleisch, Soße und Gewürzen) sind sehr typisch und es gibt sie in ganz vielen Varianten. Churros sind ein Spritzgebäck, das süß gefüllt wird. In meiner Stadt war das eine Spezialität, da gab es ganz viele verschiedene Füllungen.

Pünktlichkeit:

„Das berühmte Zuspätkommen in Mexiko gilt nur bei informellen Anlässen – in der Schule muss man unbedingt pünktlich sein. Ansonsten kann es aber auch schon einmal ein bisschen länger dauern: Auf einer Geburtstagsfeier, die um 15 Uhr anfangen sollte, kamen meine Gastfamilie und ich um 22:30 Uhr an… Das ist nichts, was man sich vornimmt: Es passiert einfach!“

4 Bilder auf dieser und vorheriger Seite: 1: Wie echte Brüder: Ulaş und Knut. 2 & 3: Wiedersehen in Istanbul. 4: Maximilian mit seiner mexikanischen Gastfamilie.

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In jeder Ausgabe stellt YFU 1 Arbeitsbereich & 2 Menschen dahinter vor

Aktiv für YFU

Zwei Stühle, eine Aufgabe

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Haupt- und Ehrenamt gehen bei YFU Hand in Hand Was: Colored Glasses, Toleranz-workshops von YFU Wer: Christin Deege (C), Referentin für Interkulturelle Bildung in der YFU-Geschäftsstelle & Birte Jochimsen (B), unter anderem Koordinatorin von Colored Glasses in Mitteldeutschland. Was macht ihr für Colored Glasses? C: Meine Aufgabe ist es, die Finanzen im Blick zu behalten, Förderanträge zu stellen, Materialbestellungen z.B. von Schulen zu bearbeiten und Workshop-Anfragen weiterzuleiten. Außerdem unterstütze ich die Ehrenamtlichen in ihrer Arbeit. B: Als Koordinatorin organisiere ich Workshops in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, bilde neue Teamer aus und bin Ansprechpartnerin für die Schulen. Im Prinzip behalte ich den Überblick über die tolle Arbeit der Teamenden. Wobei genau helft ihr euch gegenseitig? C: Als Schnittstelle zu den Ehrenamtlichen hilft mir Birte dabei, deren Bedürfnisse im Blick zu behalten. Auch beim Einwerben von Spenden sind ihre persönlichen Kontakte wichtig. Das könnte ich von hier aus niemals so gut leisten. B: Christin ist in erster Linie unsere Ansprechperson in der Geschäftsstelle: Sie hat immer ein offenes Ohr für Probleme oder auch schöne Erfahrungen und motiviert uns sehr mit ihrer Leidenschaft für Colored Glasses.

Warum arbeitet ihr gern zusammen? C: Ich bin immer wieder beeindruckt, wie zuverlässig und professionell sie und die anderen Koordinatorinnen und Koordinatoren ihre Region betreuen. B: Der Kreis aus Koordinatoren und dem Leitungsteam ist für mich schon zu einer Art kleiner Familie geworden. Ich habe zudem bei Christin immer das Gefühl, einfach mit meinen Sorgen bei ihr im Büro reinschneien zu dürfen. Wie stellt ihr euch den Alltag des jeweils anderen vor? C: Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man als Ehrenamtliche viele Bälle gleichzeitig jongliert. Vermutlich kennt Birte dieses Gefühl und ich hoffe, dass sie bei aller Verantwortung nie den Spaß verliert. B: Bestimmt klingelt Christins Telefon ziemlich häufig. Zusätzlich schreibt und beantwortet sie tausende E-Mails und verbreitet viel Colored Glasses „Spirit“ im Verein.

Alumni-Referenten bei YFU

Natascha Kortum aus der Landesgruppe Hamburg stellt ihr Amt vor

Das eigene Austauschjahr liegt schon ein paar Jahre zurück, ein oder zwei Umzüge und der Berufseinstieg sind erfolgreich gemeistert: Ab Mitte zwanzig zählen ehemalige Programmteilnehmer von YFU zu den „Alumni“. In einigen Landesgruppen gibt es für diese Gruppe einen eigenen Alumni-Referenten: In Hamburg bietet Natascha Kortum die Gelegenheit, mit YFU in Kontakt zu bleiben. „Ich finde es besonders spannend, dass alle Altersgruppen vertreten sind, von Mitte 20 bis 70“, erzählt Natascha. Regelmäßig lädt sie ehemalige Austauschschüler, Gast10 YFU magazin | Herbst 2015

eltern, -geschwister und Betreuer ein. Beim gemeinsamen Schlemmen, dem Stammtisch oder Unternehmungen im Freien erfährt Natascha aus erster Hand, „was jeder für sich aus dem Austausch mitgenommen und wie es den weiteren Lebensweg geprägt hat“. Damit die Veranstaltungen gut angenommen werden, sind Anregungen und Ideen der Ehemaligen wichtig. So können die Treffen, die Natascha sich für die Alumni ausdenkt, eine bisherige Lücke füllen: „Als Alumni habe ich es selbst manchmal bemängelt, dass zu wenig für diese Gruppe

angeboten wird.“ Deshalb stellte sich die Neu-Hamburgerin zur Wahl – und freut sich nun, dass sich das Amt gut in ihren Berufsalltag integrieren lässt.

Am 1. Oktober 2015 ist das nächste Alumni-Treffen in Hamburg geplant: Im „Aqui“ in der Schanzenstraße treffen sich um 19:00 Uhr interessierte Alumni zum Cocktail- & Tapasabend. Um Anmeldung wird gebeten: natascha.kortum@yfu-deutschland.de


Jahre später

Jahre später…

… lebt TOKUNBO als Singer/Songwriterin in Berlin. Ihren Traumberuf entdeckte die damals 16-Jährige im Austauschjahr, das sie mit YFU in den USA verbrachte. Die Unterstützung ihrer Gastfamilie und der High School in der Nähe von Los Angeles gaben ihr das Selbstvertrauen, Sängerin zu werden. Die Zeit in den USA hat dich dazu inspiriert, deinen Traum zu verwirklichen. Wie sah dieser Traum aus? Seit ich mit 6 Jahren einen Auftritt der Jackson 5 im Fernsehen sah, wollte ich auf die Bühne. Als ich dann in den USA war, hörte ich immer wieder den Satz: „Go for it.“ Es herrschte die Einstellung: „Wenn Du etwas wirklich willst, dann tue es!“ Das hat mich bestärkt, meinem Traum zu folgen. Ich machte die Aufnahmeprüfung für die Vocal Group der High School, bekam Solo-Parts zu singen und wusste ab dem Moment, ich werde Musikerin. Das Lied „Hummingbird (Homecoming)“ ist deiner verstorbenen Gastmutter gewidmet. Welche Erinnerungen beschreibst du darin? Ich war die siebte Austauschschülerin meiner Gastfamilie, meine Gastmutter hatte ein großes Herz für Jugendliche. Von Anfang an fühlte ich mich geborgen, so als hätten wir uns immer gekannt. In meiner Identitätsfindung als schwarze Deutsche spielte meine Gastmutter eine entscheidende Rolle. Sie brachte mir die Literatur afroamerikanischer Schriftstellerinnen wie Alice Walker, Toni Morrison und Maya Angelou nahe. Mein Song „Hummingbird (Homecoming)“ ist eine Liebeserklärung an diese wunderbare Frau. Du hast deine Kindheit in Nigeria verbracht und bist im Alter von 10 Jahren nach Deutschland gezogen. Wie hast du diesen Kontrast erlebt? Meine Großeltern mütterlicherseits haben wir regelmäßig in Deutschland besucht, zunächst im Sommer, aber später dann auch mal im Winter und das war ein Schlüsselerlebnis: das erste Mal Schnee. Ich war total fasziniert. Wir haben Weihnachten in den Bergen verbracht und die Winterlandschaft hat mich verzaubert. Als ich dann nach Deutschland zog, fühlte sich alles zunächst ganz unspektakulär an, ich hatte ja schon Freunde hier. Erst viele Jahre später habe ich reflektiert, wie gravierend der Schnitt war, angefangen von der Kultur über das Klima bis hin zum Essen und dem allgemeinen Lebensgefühl. Der eigentliche Kulturschock kam im Grunde aber in Form von rassistischen Anfeindungen von anderen Jugendlichen. Ich verstand die Welt nicht mehr: Wie meine Familie mütterlicherseits war ich deutsch, und nun sollte Deutschland nicht meine Heimat sein?

www.tokunbomusic.com

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In den Südstaaten der USA häufen sich in letzter Zeit Fälle von rassistisch motivierter Gewalt gegen Afroamerikaner. Wie hast du die Situation während deines Austauschjahres wahrgenommen? Gewalt gegen Schwarze durch die Polizei in den USA ist leider kein neues Phänomen. Während meines Austauschjahres bekam unsere High School einen Preis für das friedliche Miteinander der Schüler verliehen, während an anderen High Schools mit Metalldetektoren auf Waffen hin gefilzt wurde. An so einem „Friedenspreis“ lässt sich erkennen, wie brisant das Thema Gewalt im Grunde war. Für die Konzerte mit deiner vorigen Band „Tok Tok Tok“ warst du viel in der Welt unterwegs. An welchen Orten in der Welt fühlst du dich zu Hause? Reisen hat mein Leben und mein Wesen geprägt. Ich fühle mich frei und bin schon an Orte gekommen, an denen ich mich auf Anhieb wohl gefühlt habe, obgleich ich das erste Mal da war. Auf Tour ging mir das in São Paulo so. Aber am wohlsten fühle ich mich in Deutschland. 2

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1: Tokunbo ist heute eine erfolgreiche Sängerin. 2: Als Austauschschülerin mit ihrer Gastschwester (links) in den USA. YFU magazin | Herbst 2015 11 3: Auf das aufwendig produzierte Zeichentrickvideo aus dem Song „Hummingbird (Homecoming)“ ist sie sehr stolz.


Kooperationen Kooperationen

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1 & 2: Während des Sommercamps wurden viele neue Freundschaften geschlossen. 3: Orientalische Lampen wie aus 1001 Nacht.

Unendliche Geschichten 120 Jugendliche besuchen Theater- und Multimediacamp in der Türkei 120 Jugendliche aus sieben Ländern haben zwei Wochen lang in Izmir an kreativen Sommercamps teilgenommen. Mit dabei waren auch 30 YFU-Austauschschülerinnen und -schüler des Türkei-Kurzprogramms „Merhaba Deutschland – Hallo Türkiye“. „Würdest du dich trauen, jemanden einfach so anzusprechen?“ – „Ich würde mich erst mal neben sie auf die Bank setzen und dann … ja, weiß ich auch nicht.“ – „Aber irgendetwas muss er doch sagen, oder sie?“ Patrizia aus Deutschland, Alexej aus Russland und Bahar aus der Türkei arbeiten gemeinsam an einem Drehbuch. Ihre Geschichte: Zwei Teenager sehen sich, lernen sich kennen, verlieben sich ineinander. So einfach, so kompliziert, denn obwohl alle drei die Situation beschreiben können, sind sie gleichermaßen verlegen um ein paar erste Worte. Während Alexej also erstmal die Bank in die Vorlage zeichnet und das Textfeld freilässt, beschreibt Patricia für Bahar, was auf Deutsch eigentlich mit dem Wort Flirten gemeint ist. Die drei sitzen im Video-Workshop, in dem Kurzfilme zu Themen wie Liebe, Freundschaft, Einsamkeit und Glück entstehen. Später wird ihr Film dann mit anderen Werken seinen Platz im Multimedia-Projekt Klangstraßensymphonie finden. In vier Gruppen erarbeiten die 70 Teilnehmenden des Multimedia-Sommercamps Geschichten zu verschiedenen Orten auf der Welt, drehen Videos, schreiben Geschichten oder Lieder und vertonen sie. Alle Ergebnisse werden dann am Ende der zwei Wochen im Kunstmuseum von Izmir zu einem Parcours zusammengesetzt, durch den man wandern kann, von Ort zu Ort, von Geschichte zu Geschichte. Zeitgleich erarbeiten die 50 Teilnehmenden des Theatercamps „Unendliche Geschichten“ ein Stück, das

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die Zuschauer mit dem Flugzeug in verschiedene Länder entführt und Textfragmente der Schülerinnen und Schüler verbindet. Damit die Kommunikation klappt, gibt es jeden Tag im Sprachkurs neue Vokabeln – die Deutschen lernen etwas Türkisch, alle anderen üben in der Zeit Deutsch und ansonsten behilft man sich mit Händen und Füßen. 14 Tage haben die Teilnehmenden Zeit, um ihre Geschichte zu erzählen und die der anderen zu hören. 14 Tage, in denen sie jeden Abend später ins Bett wollen, denn sie haben sich ja noch so viel zu erzählen: Heute erst so richtig das Mädchen aus Rumänien kennengelernt oder festgestellt, wie toll der Kroate Gitarre spielt. Und für die YFU-Austauschschülerinnen und -schüler geht es dann sogar noch weiter. Im Anschluss beginnt für sie die Gastfamilien-Woche und damit gleich das nächste Abenteuer.

Beim YFU-Kurzaustauschprogramm Merhaba Deutschland – Hallo Türkiye! lernen Jugendliche aus Deutschland die türkische Kultur und Sprache kennen und nehmen gemeinsam mit türkischen und südosteuropäischen Jugendlichen an kreativen Camps teil. Im Anschluss verbringen sie eine Woche in einer türkischen Gastfamilie. Alle YFU-Teilnehmenden werden finanziell von der Stiftung Mercator unterstützt. Die Camps fanden im Juli und August in Izmir statt und wurden vom Goethe-Institut Ankara organisiert.


Gruppenbild in Krakau.

Viel mehr als eine Klassenfahrt

Internationale Schülergruppe besucht Auschwitz und Krakau

Bereits zum zweiten Mal fand im Mai 2015 in Kooperation zwischen YFU und dem Hamburger Gymnasium Lerchenfeld eine Seminarreise für eine internationale Schülergruppe nach Polen statt. Insgesamt 15 Schülerinnen und Schüler aus Hamburg und 14 Jugendliche aus elf Ländern weltweit besuchten fünf Tage lang Auschwitz und Krakau, begleitet von einem Lehrer des Gymnasiums und drei Ehrenamtlichen von YFU. Gemeinsamer Startpunkt für die Reise war Hamburg, wo die Austauschschülerinnen und -schüler eine Nacht bei den Familien der Hamburger Jugendlichen verbrachten. Von Anfang an als YFU-Betreuerin dabei war Mareike Metten: „In Auschwitz waren wir in unmittelbarer Nähe des Konzentrationslagers Auschwitz 1 untergebracht, im Zentrum für Dialog und Gebet“, berichtet sie von der Reise. „Wir haben vom Team dort unglaublich viel Unterstützung und Gastfreundschaft erfahren.“ Die Jugendlichen besuchten unterschiedliche Erinnerungsorte und nahmen an einem gemeinsamen Seminarprogramm teil, das zum Beispiel aus Workshops zu Themen wie „Kinder in Auschwitz“ und einem Zeitzeugengespräch bestand. In Reflexions- und Gesprächsrunden konnten sich die Schülerinnen und Schüler über die gemachten Erfahrungen

und Erlebnisse austauschen. „Im Rahmen der Abschlussrunde wurde deutlich, inwiefern die Auseinandersetzung mit Geschichte an einem historischen Ort den Erfahrungsschatz der Jugendlichen erweitert“, erinnert sich Mareike. „Die Begegnung mit dem Ort Auschwitz wurde als eine sehr wichtige Lernerfahrung empfunden und auch die Zeit in Krakau stellte in vielerlei Hinsicht eine große Bereicherung für sie dar.“ Der Grundgedanke der Reise bestand darin, das Muster einer üblichen Klassenfahrt durch die besondere Zusammenstellung der Gruppe zu durchbrechen und den weithin national geprägten Geschichtsunterricht durch neue Perspektiven zu ergänzen. „Für uns Betreuende war es schön zu beobachten, wie im Laufe der Woche internationale Freundschaften geknüpft wurden und wie viel die Schülerinnen und Schüler für sich aus der Fahrt mitnehmen konnten“, so Mareike weiter. „ Das durchweg positive Feedback und auch die gute Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Lerchenfeld haben gezeigt, dass YFU an Kooperationen mit Schulen und Bildungsangeboten wie diesem unbedingt festhalten sollte.“ Ermöglicht wurde die Reise durch die großzügige Förderung der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V., die als Verein der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) zugeordnet ist und als Zentralstelle des DeutschPolnischen Jugendwerks (DPJW) fungiert.

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Freunde & Förderer

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Fragen an:

Dr. Susanne Grohé

In jeder Ausgabe stellt YFU ein Mitglied des YFU Kuratoriums vor

Mit einem Stipendium des Parlamentarischen Patenschafts-Programms (PPP) verbrachte Dr. Susanne Grohé 1988/89 ein Jahr mit YFU in den USA. Als Ehrenamtliche blieb sie dem Verein in verschiedenen Funktionen verbunden und engagiert sich heute im YFU Kuratorium. Als Juristin leitet sie die Rechtsabteilung von PayPal für die Länder Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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Was wollten Sie als Kind werden? Ich wollte als Kind erst Tierärztin und dann Journalistin werden.

gezogen sind, weiterhelfen. Eine Willkommenskultur entsteht nicht dadurch, dass nur „Willkommen“ gesagt wird, sondern durch die, die das in praktische Taten umsetzen. Das sollte durch mehr (öffentliche) Anerkennung gewürdigt werden.

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Wo hätten Sie gern einen Zweitwohnsitz? Auf Cape Cod in den USA.

Wem würden Sie mit welcher Begründung einen Orden verleihen? Menschen, die für eine wirkliche Willkommenskultur in Deutschland sorgen. Sei es, dass sie Flüchtlingen helfen, dass sie sich in der Nachbarschaft für Integration einsetzen, einen Austauschschüler aufnehmen oder dem Kollegen und seiner Familie, die gerade nach Deutschland

Was tun Sie, wenn Sie nichts zu tun haben? Es kommt eigentlich nie vor, dass ich nichts zu tun habe. Wenn ich aber beschließe, trotzdem nichts zu tun, dann wäre es Lesen.

Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch? Ich bin Parallel-Leserin: Zum einen „Silicon Valley“ von Christoph Keese, zum anderen „Wie das Gehirn die Seele macht“ von Gerhard Roth und schließlich „Wir sind nachher wieder da, wir müssen kurz nach Afrika“ von Oliver Scherz, das ich gerade meiner Tochter vorlese.

Beleg für den Auftraggeber IBAN des Auftraggebers: Empfänger: YFU Deutschland Oberaltenallee 6 22081 Hamburg

Deutsches Youth For Understanding Komitee e.V.

IBAN des Empfängers:

DE67 2008 0000 0908 0302 01

Verwendungszweck | Betrag

DRES DE FF 200 SPENDE

DE67 2008 0000 0908 030201

Spende Auftraggeber | Einzahler:

Spende Taschengeld-Fonds

Datum:

Wir danken für Ihre Spende! Bei Beträgen bis EUR 200,00 erkennen die Finanzämter den Zahlungsbeleg als Spendenquittung an. Das Deutsche Youth For Understanding Komitee ist ein eingetragener Verein mit Sitz in Hamburg. Wir sind wegen 14 YFU magazin | Herbst 2015 Förderung der Völkerverständigung durch Bescheinigung des Finanzamtes Hamburg-Nord, StNr. 17/411/01218, vom 28.03.2014 als steuerbegünstigten gemeinnützigen Zwecken im Sinne §§ 51 ff. AO dienend anerkannt.

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YFU sagt Danke

→ YFU bei Betterplace.org Seit März 2015 ist YFU bei betterplace.org vertreten. Die größte Spendenplattform Deutschlands möchte Menschen direkt mit Organisationen und Personen zusammenzubringen, die Hilfe benötigen. Den Anfang für YFU machte Jura Schoeder (USA 1991/92), der für seinen Geburtstag und bei mehreren Marathonläufen Spenden für verschiedene Projekte im Bereich „Kinder und Toleranz“ sammelte. Als erstes Hilfsprojekt unterstützte er das YFU-Bildungsangebot „Colored Glasses“, das Toleranz-Workshops an Schulen anbietet. YFU bedankt sich bei Jura für das Engagement und die dabei gesammelten 285 Euro!

→ YFU durch Verzicht auf Erstattungen unterstützen Ein einfacher Weg, YFU finanziell zu unterstützen, ist der Verzicht auf die Rückzahlung von Aufwendungen wie z.B. Fahrtkosten für YFU. Dies kann auf dem Erstattungsantrag angegeben werden. Besonders für Beruftstätige ist diese Möglichkeit interessant, denn mit der Zuwendungsbestätigung von YFU kann der Betrag im Rahmen der Steuererklärung geltend gemacht werden. Weitere Infos unter: foerderer@yfu.de

Lebhafter Austausch auf dem EconomyCamp bei Hamburg.

→ Amerikanische Austauschschüler diskutieren Wirtschaftsfragen Lucia Scharpf, Projektmanagerin im Programmbereich Wirtschaft der Joachim Herz Stiftung, berichtet über das deutsch-amerikanische EconomyCamp, das im Mai 2015 in der Nähe von Hamburg erstmalig stattfand. Mit Unterstützung der Stiftung konnten auch YFU-Austauschschüler aus den USA teilnehmen. Wie kam die Idee des EconomyCamps zustande? Wir möchten Jugendlichen die Möglichkeit bieten, sich mit Wirtschaftsthemen auseinanderzusetzen. Die neuen digitalen Medien stehen dabei im Fokus. Warum haben gerade Jugendliche aus den USA an diesem Programm teilgenommen? In verschiedenen Ländern werden ökonomische Phänomene kulturbedingt unterschiedlich wahrgenommen. Dabei sind die deutsche und die amerikanische Perspektive besonders interessant. Als Beispiel lässt sich hier die starke Gründerkultur in den USA nennen: Was können wir in Deutschland davon lernen?

→ Die Deutsche YFU Stiftung

Welche Themen haben die Jugendlichen erarbeitet? Insgesamt wurden über 30 Wirtschaftsthemen diskutiert. Das reichte vom Wealth Gap über das Freihandelsabkommen TTIP bis hin zu Wirtschaft vs. Klimawandel. Aber die Schüler haben sich auch mit Fragen aus ihrem Alltag beschäftigt: Sind Schülerunternehmen sinnvoll? Welche wirtschaftliche Auswirkung hat ehrenamtliche Arbeit?

Jeder überlegt früher oder später: Was bleibt, wenn ich gehe? Viele Personen, die YFU nahe stehen, möchten sich nachhaltig für den interkulturellen Austausch engagieren. Das eigene Vermögen kann in gute Hände abgegeben werden, indem die Deutsche YFU Stiftung im Testament bedacht wird. Damit wird die Arbeit von YFU unterstützt und ein Zeichen gesetzt – über die eigene Lebenszeit hinaus. Für Fragen zu Testament und Nachlass steht Jantje Theege gerne zur Verfügung: theege@yfu.de | 040 227002-39

Auch YFU-Austauschschüler haben an dem Camp teilgenommen. Was haben die Jugendlichen mitgenommen? Vier Tage lang haben sie sich intensiv mit einer Vielzahl wirtschaftlicher Themen beschäftigt und immer wieder stellten sie sich die Fragen: Welchen Einfluss haben wir? Was kann ich tun? Wie kann ich Dinge verändern? Darin zeigt sich der deutliche Wunsch, mitgestalten zu können. Genau diese Partizipation möchten wir stärken.

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„Mit dem gespendeten Taschengeld war es mir möglich, auf dem Flohmarkt eine Gitarre zu kaufen. Ich habe mir das Spielen selbst beigebracht und konnte so bei einem Schulfest auftreten.“ Argo aus Estland

Schenken Sie Taschengeld!

Ihre Unterstützung für den Alltag von Austauschschülern

Dank zahlreicher Spenden kann YFU Stipendien an Jugendliche vergeben, deren Familie ein Austauschprogramm nicht selbst finanzieren kann. Andere Familien nehmen zwar kein Stipendium in Anspruch, sind dann aber nicht in der Lage, ihrem Kind während des Austauschs noch Taschengeld zu zahlen.

Eigenes Taschengeld erlaubt den Jugendlichen, mit Klassenkameraden und neuen Freunden etwas zu unternehmen, sich im Sportverein anzumelden und ihre Freizeit aktiv zu gestalten. Sie werden so Teil ihres neuen Umfeldes und entlasten gleichzeitig ihre Gastfamilien. Ein kleiner Beitrag, der große Wirkung zeigt!

Diesen Jugendlichen möchte YFU mit dem TaschengeldFonds ein Mindestmaß an finanzieller Flexibilität schaffen. Denn schon kleine Summen können mehr Freiheiten im Austauschjahr ermöglichen und so zur schnelleren Integration der Schülerinnen und Schüler beitragen.

Helfen Sie mit, diese Ziele zu verwirklichen und spenden Sie für den Taschengeld-Fonds!

Unterstützen Sie bedürftige Jugendliche mit einer Spende – für mehr Freiheit im Austausch: → 10 Euro für einen Kinobesuch → 25 Euro für ein Essen mit Freunden → 50 Euro für einen Monat Taschengeld → 80 Euro für Winterschuhe → 150 Euro für die Klassenfahrt → 250 Euro für einen Sprachkurs Mit einer Spende von 500 Euro ist es außerdem möglich, einen Jugendlichen während des gesamten Aufenthalts als Taschengeld-Pate zu unterstützen! Paten wissen, wem ihre Spende zugutekommt und können an dem individuellen Austauscherlebnis teilhaben.

Spendenkonto Empfänger: Deutsches YFU Komitee e.V. Commerzbank Hamburg IBAN: DE67 2008 0000 0908 0302 01 BIC: DRES DE FF 200 Referenz: Taschengeld-Fonds

www.yfu.de/spenden


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