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БАЛТИЯ-ДРУК


Kirche Mariä Geburt (17. Jh.) und Glockenturm bei den “Fernen Höhlen” (18. Jh.)


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Kiew

ede Stadt mit einer jahrhun­der­teal­ten Geschichte hat etwas Einmaliges an sich. Das gilt insbesondere für Kiew. In seiner 1500-jährigen Geschichte sind erstaunliche Legenden und denkwürdige ges­­chicht­liche Ereignisse, ruhmvolle Siege und tragische Niederlagen aufs engste miteinander verwoben. Alles in dieser Stadt ist mit einem besonderen Sinn erfüllt: eine abwechslungsreiche Landschaft, in der der Dnipro an steilen Hängen entlang strömt; eine lebhafte Gegenwart, umrahmt von einzigartigen historischen Denkmälern. Selbst die Luft scheint hier mit dem romantischen Duft der Vergangenheit gesättigt zu sein. Die Bekanntschaft mit einer solchen Stadt ist mehr als nur ein spannendes Erlebnis; die Stadt verführt den Besucher zur Suche nach ihrer Seele, die sich gewiss dem teilnahmsvollen Herzen öffnet. Die Gründungsgeschichte der Stadt Kiew ist mit Legenden umwoben. Der Chronist Nestor hielt in seiner “Geschichte der verflossenen Jahre” eine Überlieferung fest, in der es heißt, der künftige Ruhm der Stadt auf den Dnipro-Hügeln sei

vom Apostel Andreas vorausgesagt worden. Diese Chronik enthält auch die Namen der Gründer Kiews, der Brüder Kyj, Schtschek und Choriw sowie deren Schwester Lybid. Geschichtsforscher sind davon überzeugt, dass es sich dabei um historische Figuren handelt. Einen indirekten Nachweis dafür liefern auch die ältesten Kiewer Ortsnamen: die Namen der Hügel Alt-Kiew, Schtschekawiza und Chorewiza sowie der Name des Flusses Lybid. Und eine der schönsten Kathedralen von Kiew — die Andreas-Kirche — erinnert an die Prophezeiung des Apostels. Vom 6. bis zum 9. Jh. entstand auf dem Hügel Alt-Kiew das so genannte Detinez — die zentrale Befestigungsanlage in der oberen Stadt. Im 10. Jh. wurde hier mit intensiven Bauarbeiten begonnen: Fürstenschlösser, Kirchen aus Stein, Bürgerhäuser und Werkstätten prägten das Stadtbild. Schon im 11. Jh. umfasste die Ober­stadt die Stadtteile Wolodymyr und Jaroslaw sowie die Klosteranlage auf dem Michael­hügel. Dieses Gelände ist ein wahres archäologisches Museum unter freiem Himmel. Die

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St.‑Sophia Cathedral (1017–1037) and the Bell-Tower (17th cent.)


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Die Obere Stadt: von der Kiewer Sophienkathedrale bis zur Universität

m Stadtteil Wolodymyr nimmt die Wolodymyrska-Straße ihren Anfang. Wie ein unsichtbarer Faden ver­bin­det sie die Geschichte Altkiews mit dem modernen Leben der Stadt. Keine andere Straße in Kiew lässt sich von der Vielzahl der Geschichts-, Kultur- und Baudenk­ mäler her mit der Wolody­myr­ska-Straße vergleichen. Geht man von Detinez aus nur zwei Block die Wolodymyrska-Straße hinauf, bietet sich dem Blick ein atemberaubendes Bild: ein weiträumiger Platz dient einem majestätischen Glockenturm als Plattform; hinter Klostermauern verbirgt sich eine erhabene Kathedrale. Das ist die Sophienkathedrale, eines der größten Baudenk­mäler der Weltarchitektur. Sie wurde zwischen 1017 und 1037 zur Zeit der Herrschaft des Großfürsten Jaroslaw des Weisen gebaut. In Analogie zu Kon­stantinopel nannte der Großfürst die zentrale Kathedrale seines Reiches “Sophien­kathedrale”, was soviel wie Weisheit Gottes bedeutet. Ursprünglich maß die Sophienkathedrale nur 43 auf 56 m. In den Jahren 1685 bis 1707 wurde sie renoviert und ihr Äußeres in barockem Stil umges­ taltet. Zugleich wurde ein dreistöckiger Glockenturm

aus Stein errichtet. Die vierte Stufe kam 1852 hinzu. Seitdem beträgt die Höhe des Glockenturms 76 m. Seine Wände schmückt ein üppiges Stuckdekor mit Wappenmustern. Blickt man auf die Fassaden der dritten Stufe von der Seite der Platzes her, zeichnen sich besonders deutlich die Bilder des Apostels Andreas und des Fürsten Wolodymyr ab; auf der gegenüber­liegenden Seite sind Abbildungen des Apostels Timotheus und des Erzengels Rafaels zu sehen. In der zweiten Stufe ist die 800 Pud schwere Glocke aus dem 16. Jahrhundert erhalten geblieben. Der Haupteingang im Glockenturm führt zum Gelände des Denkmalschutzgebiets “Kiewer Sophienkathedrale”. Stellenweise wurde der Mauer­ putz abgetragen, um die fast tausend Jahre alten Steine freizulegen. In der Vorhalle, durch die man in den Innenraum gelangt, sind zwei Modelle aufges­tellt: die Rekon­ struktion des ursprünglichen Bauwerks im byzan­ti­ nischen Stil und die Nachbildung der gegenwärtigen Bauanlage. Steigt man nur ein paar Treppenstufen hinunter (unter Schutzglas ist eine Marmortreppe aus der Zeit Jaroslaws des Weisen zu sehen), kommt man in das Innere der Kathedrale. Von der Halbkuppel über dem

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Der Chreschtschatyk

ie Hauptstraße von Kiew ist nicht groß, ihre Länge beträgt etwas mehr als 1 Ki­lo­ meter. Wie merkwürdig es auch klingen mag, der Chreschtschtyk wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts zum Zentrum der Stadt. Es herrscht die Meinung vor, dass gerade hier die Bewohner Kiews im Jahre 988 auf Geheiß des Großfürsten Wolodymyr die Taufe empfangen haben. Die große Schlucht mit dem ChreschtshatykBach trennte Petschersk und Podil voneinander. Mit der Zeit verwandelten sich die große Schlucht in die Hauptstraße Chreschtschatyk und die sich ihr anschließenden kleineren Schluchten in Nebenstraßen: Instytutska, Luteranska, Prorisna. Im 18. Jahrhundert entstanden rund um den gegenwärtigen Europäischen Platz die ersten bebauten Flächen. Der Chreschtschatyk verband die bisher isolierten Stadtteile Alt-Kiew, Podil und Petschersk. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Chreschtschatyk mit dem Gebäude der Duma, seriösen Banken und dem Postamt, mit luxuriösen Gasthäusern, Theatern und Handelshäusern, mit schicken Restaurants und Kaffeehäusern zum echten Zentrum von Kiew.

Im Jahre 1941 wurde der Chreschtschatyk fast völlig zerstört. Aus der Vorkriegszeit sind nur wenige Bauten erhalten geblieben. Allmählich erschienen jedoch in der Hauptstraße der Stadt vornehme Bauwerke mit reichem Dekor, turmartigen Aufbauten und mit Kacheln geschmückt, deren Sockel mit Granitsteinen verblendet sind; sie bilden in ihrer Gesamtheit ein beeindruckendes architektonisches Ensemble. Der Chreschtschatyk zieht sich bis zum Europäischen Platz hin, dessen Name auf die Bezeichnung eines Hotels zurückzuführen ist, das Anfang des 20. Jahrhunderts an der Stelle des gegenwärtigen Kulturzentrums “Ukraini­sches Haus” stand. Dem Ukrainischen Haus gegenüber liegt das Gebäude der Nationalen Philharmonie der Ukraine. Es ist das ehemalige Versammlungshaus der Kauf­ mannschaft, das nach dem Entwurf des Architekten W. Ni­kolajew im Jahre 1882 gebaut wurde. Die Geschichte der Philharmonie reicht bis in das Jahr 1863 zurück, das Gründungsjahr der Kiewer Filiale der Russischen Gesellschaft der Musikfreunde. Bis zur Errichtung des Versammlungshauses der Kaufleute wurden für Konzerte die Säle des Stadttheaters, der Börse und der Universität genutzt. Mit der Fertigstellung des

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Lypky

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om Chreschtschatyk gelangt man bergauf gehend in das vornehmste Stadtviertel von Kiew — Lypky. Vom Unabhängigkeitsplatz führt die Horodezky-Straße direkt dorthin. Die Besichtigung des Stadtviertels Lypky beginnt man am besten am Iwan-Franko-Platz, in dessen Zentrum ein alter Brunnen inmitten einer kleinen Grünanlage steht, und an dem sich das Nationale ukrainische akademische IwanFranko-Schauspielhaus befindet. Auf der Bühne des 1898 von den Architekten G. Schleifer und E. Bradtman gebauten Theaters trat anfänglich eine Truppe auf, die von dem bekannten Schauspieler und Regisseur Nikolai Solowzow gegründet wurde. Bei Gastspielen präsentierte hier die geniale russische Balletttänzerin Anna Pawlowa den Kiewern ihre Tanzkunst. Seit 1926 befindet sich das ukrainische Iwan-Franko-Theater in diesem Gebäude. Die Schauspieler A. Butschma, W. Dalsky, O. Kussenko, I. Marjanenko, N. Ushwij, Ju. Schumsky u.a. brachten diesem Theater Ruhm und Anerkennung. Rechts vom Theater steht das Gebäude des Gymnasiums, das von dem herausragenden Baletttänzer

Serge Lyfar besucht wurde. In der Grünanlage nebenan steht das Denkmal für den großen ukrainischen Schriftsteller Iwan Franko, das anlässlich des Jubiläums im Jahre 1956 errichtet wurde. Am Theater vorbei kann man zur Bankowa-Straße hinauf, die von besonderem Interesse ist: hier befindet sich eine bizarre Schöpfung des bekannten Kiewer Baumeisters W. W.  Horodezky, das so genannte “Schimärenhaus” (1903). Horodezky schmückte die Fassaden und das Dach seines Hauses mit Skulpturen von Elefanten, Nashörnern, Antilopen, Eidechsen, Fröschen, Delfinen und Nymphen. Dieser Skulp­ turenschmuck diente nicht nur der Werbung für einen Baustoff — Zement — sondern gab auch Anlass zu vielen Gerüchten über die seltsame Phantasie des Architekten. Dem Schimärenhaus gegenüber flößt ein kolossales Gebäude Respekt ein: bis 1991 war es der Sitz des Zentralkomitees der kommunistischen Partei der Ukraine. Heute befindet sich hier das Sekretariat des Präsidenten der Ukraine. Die Bankowa-Straße mündet in die LuteranskaStraße. Dieser Name ist auf eine lutherische Kirchengemeinde zurückzuführen, deren Mitglieder

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I.-Franko-Schauspielhaus. 1896–1898. Architekten G. Schleifer, E. Bradtman

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“Haus der weinenden Witwe”

im 18. Jahrhundert vorwiegend diese Straße bewohnten. In diesem Zusammenhang seien vor allem die Familie Wittgenstein, eines Helden des Krieges von 1812, und die Familie von Gral erwähnt, der viele Ärzte und Pastoren entstammten. Der Fürsorge dieser Familie verdanken wir den Bau der lutherischen Kirche im romanischen Stil nach einem Entwurf der Architekten I. Strom und P. Schleifer. Besonders merkwürdig ist das Haus in der Luteranska-Straße Nr. 23, welches das “Haus der weinenden Witwe” genannt wird. Die Fassade schmückt hier ein Maskaron mit einem für den Stil der Moderne typischen Frauengesicht, über dessen Wangen bei Regen Wasser wie Tränen hinuntertropft. Zahlreiche Gebäude mit einer interessanten Geschichte und Architektur findet man nicht nur in der Luteranska-Straße, sondern auch in den anderen Straßen von Lypky. Hier ist z.B. der zweistöckige Klowsky-Palast zu nennen. In den 50-er Jahren des 18. Jahrhunderts im Barockstil erbaut war er für festliche Empfänge für Ehrengäste des Kiewer Höhlenklosters

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Innenraum der Nationalbank der Ukraine


“Schimärenhaus”. 1901–1903. Architekt W. Horodezky

Nationalbank der Ukraine. 1902–1905. Architekten A. Kobelew, A. Werbyzky

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Ansicht der Dreifaltigkeitstorkirche (12. Jh.) vom Gelände des Kiewer HÜhlenklosters aus


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Petschersk (von “petschera”: “Höhle”)

m besten beginnt man die Besich­ tigung dieses alten Stadtbezirks mit dem  Chreschtschaty-Park, der den Chreschtschatyk abschließt. Von hier aus bietet sich eine herrliche Aussicht auf Podil, Dnipro und den am linken Ufer gelegenen Stadtteil. Im südlichen Teil des Parks stehen zwei aus Ziegeln gebaute Wassertürme; in dem einem befindet sich das Wassermuseum. Vom Park aus kann man Petschersk über eine filigrane Metallbrücke erreichen, die eine merkwürdige Baugeschichte aufzuweisen hat. Im Jahre 1912 wurde nach dem Entwurf des bekannten Brücken­ bauers und zukünftigen Akademiemitglieds E. O. Pa­ton unmittelbar auf dem Boden eine Brücke zusammen­gebaut und danach die Erde unter der Brücke ausgehoben. Diese Parkbrücke wird von den Kiewern “Brücke der Küsse” genannt. Zur Parkanlage gehört auch der Mitte des 18. Jahrhunderts nach dem Entwurf von Rastrelli im Barockstil errichtete Marienpalast. In seiner langen Geschichte wurde er bald als Residenz der Gouverneure, bald als eine Mineralwasser-Heilstätte,

bald als Museum genutzt. Nach dem Großen Vaterländischen Krieg stand das Gebäude praktisch leer. Von 1980 bis 1982 wurde der Palast gründlich renoviert. Die Prunksäle wurden mit Kristallleuchtern, mit einem einzigartigen Einlegeparkett und mit Möbeln im Stil des 18. Jahrhunderts geschmückt. Besonders festlich sieht der zentrale Weiße Saal aus. In seiner Innenausstattung verbinden sich die warmen Töne echten Naturholzes mit funkelndem Bergkristall und feinem Golddekor zu einem harmonischen Ganzen. Heute finden im Marienpalast Festempfänge bei Gipfeltreffen und wichtige Staatsveranstaltungen statt. Zugleich ist der Palast für Besichtigungen offen. Dem Kiewer Höhlenkloster gegenüber wurde 1764 mit dem Bau des Arsenals (Zeughauses) begonnen. Die riesige Anlage hat einen quadratischen Grundriss (der Umfang beträgt rund 800 m); sie wurde in klassischem Stil und mit einem Innenhof erbaut. In ihr befanden sich geräumige Hallen für die Aufstellung von Kanonen und für Reparaturwerkstätten. Beim Bau des Arsenals wurden zum ersten Mal gelbe Ziegelsteine

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Gesamtansicht der heiligen Himmelfahrtskathedrale des Kiewer Hรถhlenklosters


Nikolauskathedrale. 1899â&#x20AC;&#x201C;1909. Architekten S. Wolowsky, W. Horodezky


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Die Neustadt

in großer Vorteil von Kiew als eines touristischen Zentrums besteht darin, dass die meisten altertümlichen Stätten und Sehenswürdigkeiten dicht beieinander liegen. Jedoch gibt es viel Interessantes auch außerhalb des historischen Stadtkerns zu sehen, insbesondere in einem Stadtbezirk, der traditionsgemäß Neustadt heißt, speziell in seiner Hauptstraße Welyka Wassylkiwska sowie in den noch etwas weiter entfernten Stadtteilen, die sich erst im 20. Jahrhundert entwickelt haben. In der kleinen Schota-Rustaweli-Straße ist vor allem die zentrale Choralsynagoge erwähnenswert, die dank der Spenden des Philanthropen Lasar Brodsky gebaut wurde. Sie wurde bis 1926 genutzt und danach von den sowjetischen Behörden geschlossen. Lange Zeit befand sich hier das Puppentheater. Erst 1997 wurde das Gebäude der religiösen Gemeinde zurückgegeben. Die Brodsky-Choralsynagoge ist eine der wirkungsvollsten jüdischen Kultstätten in Kiew. Doch ihre Wände sind nicht in der Lage, das Geschrei der Fußballfans während der Fußballspiele

in dem Olympiastadion, dem mit 80 000 Sitzen besten Sportplatz des Landes, zu dämpfen. Neben der Hauptarena mit dem Fußballplatz und einer Laufbahn gehören zum Stadion mehrere Trainingsplätze, Turn- und Schwimmhallen, Tennisplätze. Die Lieblingsmannschaft der Kiewer ist selbstverständlich Dynamo Kiew. Besondere Erfolge wurden unter der Leitung des Trainers Waleri Lobanowsky erreicht. Ein Denkmal für den großen Couch steht am Eingang zum Dynamo-Stadion, das seinen Namen trägt. Zu den wichtigsten Sporteinrichtungen Kiews gehört auch der Sportpalast, der 1960 gebaut wurde. Seine Räume und die Sportarena sind nicht nur für sportliche, sondern auch für Konzert- und Mes­severanstaltungen bestimmt. Im Sportpalast befin­det sich das Museum des sportlichen Ruhmes der Ukraine. Seit fast Hundert Jahren richtet sich der Blick eines jeden Besuchers, der mit der Eisenbahn nach Kiew kommt, auf die hohen Spitzen der neugotischen St. Nikolauskathedrale in der Welyka-

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Blick auf die Andreaskirche und das “Richard-Schloss” View of St.‑Andrew’s Church and the “Castle of Richard”


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Der Andreas-Steig

er Andreas-Steig ist eine der beliebtesten Straßen des alten Kiew. Dieser gewundene, kopfsteingepflasterte Weg schlängelt sich zwischen zwei malerischen Bergen — Samkowa und Usdychalnyzja — hindurch und hieß einst Borytschiw Tik. Der Andreas-Steig war die Hauptstraße, die den oberen Stadtteil Hora (Berg) mit dem unteren Stadtteil Podil verband. Heute ist der Andreas-Steig insbesondere durch seine Gemäldeausstellungen unter freiem Himmel, die Souvenirstände und die vielen zu einem romantischen Spaziergang einladenden Stellen bekannt. Hier befinden sich originelle Kunstgalerien und Salons, das Theater “Kolesso” (“Rad”) und die kleine Bühne des Theaters von Podil, gemütliche Cafes und Restaurants. Am wichtigsten ist aber die Tatsache, dass diese Straße ein einzigartiges architektonisches Ensemble bildet, aus dem die Andreaskirche, das legendäre Richard-Schloß und einige Anfang des 20. Jahrhunderts im pseudorussischen und neoromantischen Stil erbaute Gasthäuser hervorstechen.

Die Andreaskirche ist ein Architekturdenkmal der Barockzeit, das in den Jahren von 1749 bis 1755 nach dem Entwurf des genialen Architekten F.-B. de Rastrelli von dem Moskauer Bauingenieur I. Mitschurin gebaut wurde. Die einkuppelige Kirche hat die Form eines Kreuzes mit dekorativen Türmen an Ecken. Das Innere der Kirche beeindruckt durch seine Eleganz und die Vielfalt des geschnitzten und vergoldeten Dekors. Der Bauplatz wurde nicht zufällig gewählt. Einer Chronik zufolge verkündete der Apostel Andreas von diesem Berg aus seine prophetischen Worte: “Seht ihr diese Berge? Gott wird Seinen Segen über sie ausgießen, und eine große Stadt wird entstehen, und Gott wird hier viele Kirchen errichten”. Laut der Überlieferung pflanzte der Apostel auf diesem Berg ein Holzkreuz auf. Und mehr als Tausend Jahre danach wurde Ende des 11. Jahrhunderts an dieser heiligen Stelle eine hölzerne Andreaskirche mit einem dazugehörigen Frauenkloster erbaut. Unterhalb der Andreaskirche liegt eine stilles Gärtchen mit einem hübschen Gartenhäuschen.

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Ansicht eines zentrales Teils von Podil


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Podil (der untere Stadtteil)

ie ältesten Siedlungen in Podil datieren aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeit­ rechnung. Von den Zeiten der Kiewer Rus an war Podil das Handels- und Gewerbezentrum der Stadt. Nach der Zerstörung der Fürstenstadt durch Batu-Khan im Jahre 1240 konzentrierte sich das Stadtleben am Dnipro, im Stadtteil Podil, und die Stadt erhielt den Namen Kiew-Podil. Im 15. Jahrhundert vereinigten sich Gewer­ betreibenden von Podil zu Zünften. Zur gleichen Zeit wurde den Kiewer Bürgern das Magdeburger Recht und die Selbstverwaltung gewährt. Kiew-Podil wurde von einem Magistrat verwaltet; der Bürgermeister (Wijt) wurde in allgemeiner Abstimmung gewählt. Trotz erheblicher Einschnitte bestand die Selbst­ verwaltung in Podil bis 1830 fort. Leider sind das Magistratsgebäude und viele andere Denkmäler jener Zeit nicht erhalten geblieben: der aus Holz gebaute Stadtteil Podil litt mehrmals unter Naturkatastrophen: Überschwemmungen und Bränden. Das wiede­ rauf­gebaute Podil hat viel von seinem ursprünglichen Charakter verloren, doch beginnt man seine Besichtigung am Kontraktowa-Platz, so kann man doch durch die spätere Architektur hindurch das

städtebauliche Profil der Kiewer “Agora”, des mittelalterlichen Podil erkennen. Der Kontraktowa-Platz wird mit Recht “das Herz von Podil” genannt. In seiner Bauweise spiegelt sich die Vielfalt des ältesten Stadtbezirks wider. Beim Bau der U-Bahn wurden hier in einer großen Tiefe ganze Stadtviertel mit Holzblockhäusern aus dem 9. bis 12. Jahrhundert entdeckt. Noch zu Zeiten der Kiewer Rus befand sich hier Torhowyschtsche — der zentrale Handelsplatz der Stadt. Als Erinnerung an jene Zeiten wurde im Zentrum des Platzes der “Handelshof” gebaut. Dicht neben diesem “Haus der Kontrakte” steht der dem ursprünglichen Modell nachgestaltete Brunnen “Samson” mit dem biblischen Helden Samson beim Kampf gegen einen Löwen. Ihm gegenüber befindet sich die im Stil der altrussischen Baukunst neu gebaute Kirche Mariä Himmelfahrt zu Pyrohoschtscha. Dieses mehrmals umgebaute Gotteshaus war einst die Hauptkirche des Kiewer Podil. Sie wird im Igorlied — einem Literaturdenkmal des 12. Jahrhunderts — erwähnt. Ein wichtiges Zentrum nicht nur des Handelssondern auch des Kulturlebens war das 1817 gebaute “Haus der Kontrakte”. Es wurde speziell zur Durchführung der jährlichen “Kiewer Kontrakte”

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Kiew Bildband TOP 10 Generaldirektor Ruta Malekinaite Chefredakteur Wirginius Strolja Redakteur Allissa Hryhoruk Olena Kirjatska Gestaltung Pawlo Maschkov Ihor Artemenko

Satz und Druckvorbereitung Wolodymyr Muchin Andri Dowshenko Sergij Opalij Fotoaufnahmen Waleri Barischpolez Juri Buslenko Wiktor Chmara Jewhen Derlemenko Mykola Iwaschtschenko

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