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Das österreichische Kunst-, Kultur- und Kreativmagazin

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Ausgabe 07, 04/13 AT: 3,80 €

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Das österreichische Kunst-, Kultur- und Kreativmagazin

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Editorial

X-Rockz-Magazin web: www.x-rockz-magazin.com e-mail: redaktion@x-rockz-magazin.com fax: +43(0)316 8363 12 mobil: +43(0)650 215 0975 Herausgeber/Initiator: Günther Golob Sitz/Abonnenten-Verwaltung: Moserhofgasse 54 Top 53, 8010 Graz/Styria/Austria/Europe Chefredaktion: Günther Golob Redaktion & Koordination: Günther Golob, Cornelia Schwingenschlögl, Ursula Raberger Art Direction, Layout/Gestaltung, Covergestaltung: Petra Höfler Cornelia Schwingenschlögl Fotografen: Steffen Däuber, Olivia Fürnschuß, Anne Geier, Justin Gill, Gerfried Guggi, Rainer Gutzmer, I.A.M Visual Arts - Steffen Däuber, Helga Höhn, Simone Jahrmann, Martina Kettner, Monika Krebs, Land OÖ/Binder, Vjeran Lisjak, Sebastian Patter, Arnold Pöschl, Peter Purgar, Piya Henrici Fotografie und Design, Anita Raidl, Schauspielhaus Graz/Lupi Spuma, Susanne Schleyer/autorenarchiv.de, Carl Sermon, Sollena Fotografie und Makeup, StairsUp - Atelier für Grafik- und Fotodesign 168 - Björn Fischer, Steinegger Film, Walker Evans Archive/The Metropolitan Museum of Art New York, Janina-Maria Worba Autoren: Clemens Berndorf, Gunter Dorner, Julia Gerger, Lisz Hirn Simone Jahrmann, Martina Kettner, Birgit Kniebeiß, Lea Leitner, Mag. Irmgard Neumann, Tatjana Petrovic*, Anita Raidl, Wolfgang Schatz, Cornelia Schwingenschlögl, Ursula Raberger, Wolfgang Trummer, Jörg Vogeltanz*, Rafael Wagner Lektorat: Mag. Silvia Münzer Verlag: Günther Golob – Buch-, Kunst- & Musikalienverlag Moserhofgasse 54 Top 53, 8010 Graz/Styria/Austria/Europe Country of Distribution: Austria (AUT) – ISSN: 2224-4999 Vertrieb: Valora Service Austria GmbH St. Leonharder Straße 10 5081 Anif/Salzburg Anzeigenleitung: Günther Golob Mobil: +43 650 215 0975 E-Mail: sales@x-rockz-magazin.com X-Rockz-Magazin – verantwortlich für Bild und Text: Günther Golob Cuntra la Kunsthure – Grazer-Szene-Magazin (Beilage Seite 32-43) – verantwortlich für Bild und *Text: Tatjana Petrovic Mobil: +43 660 1656212 www.cuntra.at, www.kunsthure.at

Liebe Freunde, geschätzte Kollegen, werte Leser, Hoffentlich ist in Kürze der kalte und lange Winter 2012/13 endlich vorüber und der heiß begehrte Frühling kann sich von seiner besten Seite zeigen. Weg mit den Wolken und her mit der Sonne! Es gibt wieder viele Neuigkeiten zu berichten aus dem Hause X-Rockz, aber zuerst möchte ich Euch auf unsere Facebook-Seite www.facebook.com/xrockzmagazin hinweisen und auf unsere Webseite www.x-rockz-magazin.com, die wir für Euch neu gestaltet haben. Schaut vorbei, es gibt Vieles zu entdecken!

Foto: Anna M. Fiala

IMPRESSUM/INFO

Ihr fragt Euch sicher, was es mit der Beilage von „Cuntra la Kunsthure“ auf sich hat. Sehr kreative und nette Menschen in Graz sind an uns herangetreten mit der Idee, ihre Kunst selbst transportieren zu wollen. Sie waren vom X-Rockz inspiriert worden, dies als eine Art Magazin umzusetzen, gestaltet von vielen kreativen Köpfen. Wir fanden die Idee hervorragend – daher wird in den nächsten sechs regulären Ausgaben des X-Rockz-Magazins ein neues Magazin geboren werden. Ihr könnt hier Schritt für Schritt den Werdegang mitverfolgen. Wir unterstützten das „Cuntra“-Team bei allen nötigen Schritten in die Zukunft. Was daraus entsteht, wissen wir selbst noch nicht! Wird das neue Magazin von Euch angenommen? Wird es als eigenständiges Medium ausgekoppelt oder bleibt es im X-Rockz-Magazin integriert? Das hängt von Euch ab, wir wünschen dem Cuntra Team jedenfalls viel Erfolg und Spaß beim kreativen Schaffen. Da ich die volle Verantwortung für das X-Rockz-Magazin trage, möchte ich herausstreichen, dass Inhalte und Darstellung des „Cuntra la Kunsthure“-Magazins eigenständig sind und nicht zwingend die Meinung und Linie des X-Rockz-Magazins widerspiegeln. Weitere Infos findet Ihr gleich links im Impressum. Die fünfteilige Kolumne über juristische Themen speziell zur Künstlerbranche von Herrn Mag. Strauss ist abgeschlossen, eine schöne Zusammenfassung findet Ihr in der „BEST OF 2012“-Ausgabe. Ab dieser Ausgabe wird Euch Rechtsanwältin Frau Mag. Irmgard Neumann aufklären und bestens beraten. Ihre Spezialgebiete liegen im Werbe-Wettbewerbsrecht, Veranstaltungsrecht, Urheber-, Medien- und Internetrecht! Wir freuen uns schon sehr auf die interessante Kolumne. Ihr habt zudem die Möglichkeit, über die Redaktion zu den einzelnen Themenbereichen Fragen zu stellen, auf die Frau Mag. Neumann gerne eingehen wird. Die brisantesten Fragen und Antworten werden dann in den folgenden Ausgaben näher behandelt. Nun wünsche ich Euch wieder viel Spaß mit der neuen, siebten Ausgabe des X-RockzMagazins. Wir haben uns wieder mächtig ins Zeug gelegt, Euch zu informieren, zu unterhalten und zu inspirieren. Ich wünsche Euch allen einen schönen Frühling und hoffe, Ihr schaut bis zur SommerAusgabe auch online des Öfteren bei uns vorbei. Das Leben ist ein Theater und die Welt ist ein Zirkus!

X-Rockz-Magazin behält sich sämtliche Rechte, Satz- und Druckfehler vor. Aus Gründen der Satzschönheit und Lesbarkeit verzichten wir auf explizites Gendern. Alle unsere Artikel sind an offene, interessierte Menschen gerichtet, und zwar unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe oder ihrer Lieblingsspeise.

Günther Golob

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Inhalt

31-42 Special: Das Magazin im Magazin „Cuntra la Kunsthure“ Juristisch/Wissen 08 Mag. Irmgard Neumann

Juristische Themen speziell zur Künstler- & Veranstaltungsrecht

60

Stimme und Körper

Stimme und Physik von Julia Gerger Teil 5/5

62

Fotografie

Von Birgit Kniebeiß

65

Ich habe eine App dafür

Augmented Reality

Bühne/Film 44 Denise Heschl

Bühnen- und Kostümbildnerin

46

Rudi Widerhofer

Ein „Self-made“-Schauspieler

24

Kunst/Design Walker Evans

22

Ghazala

Die Kunst des Tanzes

27

Dr. Christian Stuhl

26

Lisa Berghold

Wo die Naht entlang geht

28

Peter Purgar

Das Gesicht Amerikas

Cartoon

Aus dem Bauch heraus

Musik 16 Beggars Street Inn

15 Jahre Beggars Street Inn

18

Fritz Stingl

Austro-Alpenreggae vom Feinsten

Kolumne 20 Wolfis Vinyl-Ecke

Mott the Hopple

59

Wolfgang Schatz

Dass die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide

Literatur 48 Alfred Kolleritsch

Immer auf Spurensuche

50

Die Texterei

Potrait über Simone Jahrmann

52

Milena Michiko Flašar

Nichts bleibt, wie es ist

55

Clemens Berndorff

Delaurian – Teil 2

58

Rafael Wagner

Spiegelbild

Szene 10 Miriam von M. Hautnah

15

Effi Empfehlung von Gunter Dorner | Leiter der Musikredaktion Antenne Stmk./Ktn.

Fun/Info 66 X-Wort Rätsel

Von Birgit Kniebeiß und Emanuel Plauder


Recht

Mag. Irmgard Neumann R e c h t s a n w ä lt i n M ag . Irm g a r d N e u m a n n i s t auf Werbe- und Wettbewerbsr e c h t, V e r a n s ta lt u n g r e c h t, Ur h e b e r - , M e d i e n - u n d I n t e r n e t r e c h t s p e z i a l i s i e rt.

Während ihrer Studienzeit hat sie mehrere Jahre Berufserfahrung in Marketing-, Marktforschungsund Eventagenturen, wie auch beim Steirischen Presseclub, gesammelt und zahlreiche Marketing- und PR-Ausbildungen absolviert. Ihre Spezialisierung auf Rechtsgebiete dieser Branchen ermÜglicht nun die umfassende und praxisorientierte Vertretung von Werbern, Veranstaltern, Medien, Verlegern, Musikern und sonstigen Kreativen. 8


RECHT starkes Event statt RECHTswidrige Überraschungen Nicht nur für Großveranstalter, sondern auch für Organisatoren kleiner öffentlicher Feste oder Musikauftritte sind zahlreiche Vorschriften zu beachten. Das neue Steiermärkische Veranstaltungsgesetz (StVAG) ist mit 01.11.2012 in Kraft getreten und normiert – unter anderem – neue Pflichten für Veranstalter und den ordnungsgemäßen Ablauf von Events (z.B. zur allgemeinen Sicherheit oder zum Ausschank von Alkohol). Alle Veranstaltungen im Sinne des StVAG sind künftig den Behörden zu melden, d.h. bereits Klein­ veranstaltungen, „mobile Events“ oder Veranstal­ tungen, die bereits von einer Veranstaltungsstätten- oder gewerbe­ rechtlichen Betriebsanlagengenehmigung umfasst sind (etwa in Gastgewerbebetrieben, sofern sie nicht durch den Betriebsinhaber durchgeführt werden). Die Fristen hierfür betragen für meldepflichtige Veranstaltungen 2 Wochen, anzeigepflichtige Veranstaltungen 6 Wochen und bewilligungspflichtige Großveranstaltungen mit mehr als 20.000 Teilnehmern 3 Monate.

Freie Werknutzung Musik- und Videodownload Nach dem österreichischen Urheberrecht dürfen Privatpersonen zum rein eigenen und privaten Gebrauch einzelne Kopien von urheberrechtlich geschützten Werken herstellen. Vor dem Kopieren sollte darauf geachtet werden, dass eine legale Quelle vorliegt. Die Kopie darf allerdings nicht (etwa durch „Filesharing in P2P-Netzwerken“) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Bei der Weitergabe innerhalb der Privatsphäre, z.B. an eine Handvoll Freunde, liegt noch eigener Gebrauch vor.

Das Comeback der Privatsphäre In einer Zeit von facebook, twitter und Realityshows machen sich wieder Gegentrends zum Schutz der Privatsphäre bemerkbar. Auch das Medienrecht nimmt eine Abwägung zwischen der Meinungsäußerungsfreiheit und dem Schutz des höchstpersönlichen Lebensbereichs (Familienleben, Kontakte zu Vertrauten, Gesundheit, Sexualleben) vor. Gemäß § 7 (1) MedienG bestehen Ansprüche auf eine finanzielle Entschädigung, wenn der höchstpersönliche Lebensbereich eines Betroffenen in einem Medium in einer Weise dargestellt wurde, die geeignet ist, ihn in der Öffentlichkeit bloßzustellen; dies gilt u.a. nicht, wenn der Medieninhaber annehmen konnte, dass der Betroffene mit der Veröffentlichung einverstanden war oder die Veröffentlichung wahr ist und in unmittelbarem Zusammenhang mit dem öffentlichen Leben steht.

Mag. Irmgard Neumann Lippitsch.Neumann Rechtsanwälte GmbH Wastiangasse 7, 8010 Graz T +43 316 82 74 32 0 F +43 316 82 74 32 34 recht@anwaeltin-graz.at www.anwaeltin-graz.at

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Szene

Myriam von M.

Hautnah Portrait von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von StairsUp - Atelier für Grafik- und Fotodesign 168 – Fish - Björn Fischer, Sollena Fotografie und Make Up, Piya Henrici Fotografie und Design, I.A.M Visual Arts - Steffen Däuber, Illustration von Markus Klein

Skype ist doch was Wunderbares, ermöglicht es einem doch, sich mit den interessantesten Leuten zu unterhalten, auch wenn die gerade irgendwo auf der Welt unterwegs sind. Wie zum Beispiel mit Myriam von M., die als Tattoomodel bekannt wurde, darüber hinaus aber noch jede Menge weitere Talente vorweisen kann.

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http://www.myriam-vom-m.de, http://www.facebook.com/Myriam.von.M, Tattoo-TV: http://www.tattootv.de


Dem „von M.“ liegt ein echter Adelstitel zugrunde, den Myriam allerdings vor langer Zeit abgelegt hat, weil ihr „der ganze Müll“ nichts bedeutet. Als Künstlername schien es allerdings in ihren Tattoomodel-Anfangszeiten ganz brauchbar. Aber fangen wir ganz von vorne an: Geboren wurde Myriam in Deutschland. Sie wuchs in den U. S. A. auf und kehrte als junge Erwachsene wieder zurück. Sie hat jede Menge erlebt und einiges durchgemacht. Ihr beruflicher Werdegang begann mit einer Ausbildung zur Friseurin inklusive Meistertitel. Dann machte sie das Abitur nach, diplomier­te anschließend in Psychologie und praktizierte auch tatsächlich, was sie allerdings seit letztem Jahr zugunsten ihrer Tattoomodel-Karriere nur noch nebenberuflich macht. Mit dem Modeln begann Myriam im Alter von 17 bis 18 – völlig „tattoolos“ übrigens. Das mit dem Tätowieren ging erst Anfang 20 los. Prägende Phasen und Ereignisse in ihrem Leben inspirierten sie zu den Motiven, die sie jeweils mit einem Tattoo-Artist ihrer Wahl ausarbeitete und die nun ihre Haut zieren: „Ich könnte zu jedem einzelnen etwas erzählen.“ Wie viele Tattoos sie tatsächlich hat, kann sie gar nicht sagen – jedenfalls ist bislang nur ihr Rücken frei geblieben: „Aber es kommt bestimmt noch der Tag, an dem der auch fällig ist.“ Sie wurde für das Tätowiermagazin abgelichtet, war Mitglied der Suicide Girls und arbeitete für die Marke Kin Cats: „Das war eine schöne Zeit, ich hatte damals viel Spaß, hab viel ge­ lernt und kam gut voran.“ Unter anderem lernte sie damals auch den Fotografen Oliver Mandic kennen, der ihr den Weg in die Szene noch weiter öffnete. Als sie Anfang 30 zum dritten Mal Mutter wurde, schaltete sie ein paar Gänge zurück: „Das wär sonst alles viel zu stressig gewesen.“ Erst vorletztes Jahr startete sie ihr „Comeback“, „…und es hat wirklich gut funktioniert!“ Was sagen ihre – mittlerweile – drei (!) Söhne dazu, dass ihre Mama ein Tattoomodel ist? „Mein 15-Jähriger hat mir vor Kurzem erzählt, dass ich bei ihm an der Schule einige Anhänger habe – das hat mich einigermaßen überrascht“, lacht sie. Eigentlich sei das kein wirkliches Thema zwischen ihnen, für ihn sei sie in erster Linie Mutter. Der mittlere Sohn, 12 Jahre alt, findet es richtig cool und ist schon dabei, seine künftigen Tätowierungen zu planen. Und der Kleinste ist mit zwei Jahren an der Karriere seiner Mutter noch herzlich wenig interessiert. Mittels genauer Planung bringt sie ihre Parallelwelten unter einen Hut – die Wochenenden gehören ausschließlich dem Nachwuchs: „Das Wichtigste ist, dass es den Kindern gut geht. Und es funktioniert hervorragend.“ Dafür steht wochentags Mit-HochdruckArbeiten am Programm, denn Myriam hat immer mehrere Projekte gleichzeitig am Laufen. Eine Zeitlang arbeitete sie als Moderatorin bei Tattoo-TV. „Wir hatten zum Beispiel einmal das Thema ‚Tätowierte Eltern’. Es ist ja so: Du bist dreifache Mutter, aber wenn du auf die Straße gehst, wirst du von den Leuten schief angesehen.“ Ihr Aufruf, dass sich Betroffene für Interviews melden sollten, schlug wie eine Bombe ein – das Feedback war überwältigend. Leider kam genau zu diesem Zeitpunkt Tattoo-TV aufgrund von Personalproblemen ins Stocken und lag eine Zeitlang auf Eis. Erst seit Kurzem läuft das Projekt wie­ der – zu Myriams Freude, weil sie sehr viel Potenzial darin sieht und es ihr großen Spaß macht, auch wenn es wahnsinnig viel Arbeit bedeutet: „Nach so einem Wochenende am Set brauchst du

erstmal Urlaub.“ Ihr musikalisches Talent nutzt sie als Sängerin und Song­writerin bei Psycho Doll, mit denen sie letzten Sommer auch bereits Studioerfahrung gesammelt hat. Die Mi­schung aus Rock’n’Roll, Punk, Metal und Stoner-Rock entsteht aus den Einflüssen, die jedes einzelne Bandmitglied einbringt. Im Dezember nahm Myriam ein Solo-Akustik-Album mit Coversongs auf, das eigentlich als Weihnachtsgeschenk für ihren Le­ bensgefährten gedacht war. „Mit einem davon müssen wir auf jeden Fall den Durchbruch schaffen!“, lacht sie. Myriam gehört auch zum Team der Online-Tattoomodelagentur tattoomodels.de. Dort betätigt sie sich als Moderatorin und verfasst selbst Beiträge. Dass die Qualität in der Szene erhalten bleibt und gewürdigt wird, ist ihr ein großes Anliegen. Ganz aktuell sieht sie eine Problematik, die ihrer Meinung unter anderem von SocialMedia-Kanälen verstärkt wird: „Es gibt immer mehr Mädchen, die Amateure in negativem Sinne sind. Die zeigen ihre Silikonbrüste in der Hoffnung, ganz schnell ganz groß zu werden – um jeden Preis. Aber um das eigentliche Thema Tätowierung geht es da gar nicht mehr.“ Gerade bei Aktaufnahmen seien die Ästhetik und die Qualität entscheidend. Opportunismus sei da heikel und mache allen Profis in dem Bereich ihre Arbeit schwerer, auch hinsichtlich der Auftragslage. Denn trotz der Freude, die Myriam an ihrem Tattoomodel-Dasein hat, soll es sich dennoch in künstlerischer und finanzieller Hinsicht lohnen. Die Knochenarbeit und der Aufwand, die hinter der Hochglanz-Fassade stecken, sollen anerkannt werden. Gerade in der vermeintlichen Anonymität des Internets werden einige Menschen besonders mutig, wenn es darum geht, ernsthafte Bemühungen und harte Arbeit von anderen nie­ derzumachen: „Auf Menschen, die sich öffentlich darstellen, wird oft keine Rücksicht genommen.“ Das kann auf Dauer ganz schön an den Nerven zehren – Myriam hat gerade erst eine kurze Auszeit hinter sich, weil sie sich persönlich wieder neu sammeln musste. Doch danach ging’s gleich mit Vollgas weiter: Ihr selbst herausgegebener Kalender wurde in professioneller Teamarbeit konzept­ ioniert, fotografiert und gestaltet. Jedes Exemplar erreicht seinen Empfänger handsigniert und ein Teil des Verkaufspreises geht an die Kinderkrebshilfe. Der Kampf gegen Krebserkrankungen und für eine ordentliche Betreuung der Betroffenen liegen ihr sehr am Herzen, weil sie diesbezüglich aus eigener Erfahrung sprechen kann: „Obwohl ich’s geschafft habe, wieder auf die Beine zu kommen, hängt einem das irgendwie nach. Jeder, der diese Krankheit einmal gehabt hat, hat Angst, dass es irgendwann wiederkommt.“ Allerdings sollen weder ihre frühere Erkrankung noch ihr jetziges Engagement im Vordergrund stehen. Anerkennung möchte sie sich mit ihrer Arbeit verdienen. Sie bemüht sich, die Freude zu erwidern, die ihr von ihren Anhängern bereitet wird: „Bald erreicht die Fan-Anzahl auf meiner Facebook-Seite die 10000er-Marke. Für den zehntausendsten Fan werde ich mir natürlich etwas Spezielles ausdenken.“ Wer soviel macht, hat auch viel zu erzählen. So plant Myriam im Moment, ihre Autobiografie zu veröffentlichen, die einiges an Dramatik zu bieten hat: „Es war ein langer Weg, bis ich die war, die ich heute bin.“ 11


Myriam von M. – Hautnah

Tattoo-TV

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Myriams YouTube-Channel inklusive Psycho Doll

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Musik

Effi Closer

Empfehlung von Gunter Dorner, Leiter Musikredaktion Steiermark und Kärnten

Etwas mehr als zwei Jahre ist es her, als bei mir in der Redaktion das Telefon klingelte und ein junger Mann namens Thomas Petritsch sich kurz vorstellte und meinte, ich sollte doch in sein Album Astronaut reinhören, das er mir geschickt hätte. Gesagt getan! Und sofort habe ich EFFI zu uns ins Studio eingeladen, um sein Album zu präsentieren. Nun schreiben wir 2013 und endlich liegt mit Closer nun das neue Album von EFFI im CD-Player. Eines kann man vorab schon sagen: Das Album ist wirklich groß geworden. Es ist EFFI gelungen, die Energie und das Knistern zwischen den Musikern auf diesem Album einzufangen. Die musikalische Vielfalt, die hervorragend mit der Band funktioniert, pro­

fitiert natürlich auch durch die Erfahrung von über 100 Konzerten, die EFFI seit dem Erscheinen seines Erstlingswerkes national und international gespielt hat. Die Songs sind reifer geworden und sprühen voller Lebensfreude. Es gelingt EFFI immer wieder, die Grenzen zwischen den Stilen gekonnt zu überschreiten und sich von einem Ohrwurm zum nächsten zu spielen. Elektro-Sounds gemixt mit Instrumenten wie Trompete, Posaune, Klavier oder auch Ukulele verschmelzen die Songs von Closer zu einem kompakten Gesamterlebnis. Anspieltipps: Bloom, The Long Way Home und das chillige The Breakup. Fazit: Mit Closer sollte EFFI der verdiente, internationale Durchbruch gelingen!

http://www.facebook.com/effimusic

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Musik

15 Jahre

Beggars Street Inn Musikgeschichtlicher Überblick von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von Justin Gill, Sebastian Patter, Arnold Pöschl und BSI-Archiv

Beggars Street Inn – das sind Gründungs­mitglied Bert Katzianer, „dirty riff master“ und Leadsänger der Band, sein musikalischer Partner und mit 10 Beggars-Jahren Langzeitbassist der Band, Georg Rosmann, und, frisch aus den Tiefen des Horror-Punk-Wahnsinns, der talentierte Jan „Samson“ Krizanic an den Drums. Die Band hat nicht nur aufgrund ihrer unzähligen Songs, Videos oder Live-Gigs Interesse auf sich gezogen, sondern auch wegen ihrer abenteuerlichen Unternehmungen voller Spontanität und Verrücktheiten, Mut und Gelegenheiten, Zufälle und Anfälle, Liebe und Frechheiten. Alle Beggars haben eins gemeinsam – eine gute Geschichte. Und genauso fing auch alles an. Wir spulen 15 Jahre zurück … 1992 machte sich Bert Katzinaner auf nach Boston und am Berklée College Of Music sein Diplom. Er beschloss, mit Freund und Drummer Fritz Gregory zu bleiben und im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Musik zu machen. Die tatsächliche Gründung der Beggars Street Inn erfolgte 1997 in Mission Hill/Boston. Diese Gegend galt in den frühen 1970ern als gefährlich, begann sich erst Mitte der 1990er zum Positiven zu

verändern und war zu der Zeit, als Bert und Fritz dort probten, noch recht heruntergekommen. Das Gebäude befand sich gegenüber dem Pine Street Inn, worauf der Bandname anspielt. Es handelte sich um ein „Open House“, das mehrere Proberäume und viele kreative, musikalische Leute beherbergte. Eines Tages klopfte Alan „The Rat“ Hutcheson an. Er fand den Beggars-Sound inspirierend und wollte mitmachen. Ein regelrechtes Rock’n’Roll-Feuer brach zwischen den

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http://www.beggarsstreetinn.com/, http://www.facebook.com/BeggarsStreetInn, http://www.youtube.com/user/beggarsstinn


Dreien aus. „Wir hatten Jamsessions, die so gegroovt haben, dass sogar Leute aus anderen Stockwerken kamen, um uns zuzuhören“, erinnert sich Bert. Derart motiviert begannen im Spätsommer 1997 die Studio­sessions für das erste gemeinsame Album. Im November machten sie sich auf nach New Orleans, um sich vom dortigen Flair inspirieren zu lassen, Songs zu schreiben und Gigs zu spielen – aller­ dings getrennt. Da ihnen die Band so wichtig war – „wichtiger als alles andere“ – nahm jeder einen separaten Flug um sicherzustellen, dass es im Fall eines Unglücks zumindest ein oder zwei Überlebende geben würde – „… damit es die Beggars ewig gibt!“ Zum Glück kamen alle drei wohlbehalten an und waren so in der Lage, für das einzige noch existente Foto der „Ur-Beggars“ zu posen. Auf dem Album Money For The Dead finden sich Songs, die Geschichten von diesem Trip erzählen, zum Beispiel der Track New Orleans: „Wir hätten dort fast ein Hotel in die Luft gesprengt wegen einer Zigarette und Gas. Wir wären beinahe gestorben.“ Gleichermaßen tragisch und kurios, dass genau ein Jahr später Alan einer Aneurysmen-Ruptur erlag – mitten in der Produktionsphase des Albums. Die Münzen, die ihm von den verbleibenden beiden Beggars für das Leben nach dem Tod mit ins Grab gegeben worden waren, sind auf dem Cover von Money For The Dead abgebildet. Bert hielt das Versprechen, das er Alan gegeben hatte: Das Album wurde 2001 fertiggestellt, kurz bevor er samt Kind und Kegel die Staaten wieder verließ. Zurück in Graz zur Weihnachtszeit, hatte man keinen Cent in der Tasche, aber gleich wieder ein Line-Up zusammenge­ stellt: Bert (Vocals, Guitar), Fritz (Drums), Peter Domainko (Bass) und Chris Zirkelbach (Guitar). Drei Monate nach der Rückkehr

hatte die Band auch schon bezahlte Gigs. 2003 wurde Peter Domainko von Georg Rosmann am Bass ersetzt, 2005 nahm Stefan Seiler anstelle von Chris Zirkelbach die Lead-Gitarre in die Hand. Zu dieser Zeit lag der Schwerpunkt der Beggars mehr auf Akustik-Gigs. Die EP Beggars Street Inn – Unplugged entstand. Ende 2006 ersetzte Rob Faith Stefan Seiler und im Herbst 2007 stieg Fritz Gregory aus und Peter Domainko kehrte zurück und nahm seinen Platz am Schlagzeug ein. Mit dieser neuen Formation erschien im Mai 2008 das Album Probably The Best Record In The World. Der bombastischen ReleaseParty im Dom im Berg in Graz folgten unzählige Gigs. Der Bekanntheitsgrad der Band nahm schnell zu. Als Georg Rosmann ausstieg, folgten die „Thurner Years“, die aller­dings sehr viel kürzer dauerten, als sie sich anhören, da Gregor Thurner die Band nach einem Dreivierteljahr wieder verlassen musste. An seiner Stelle ging Ron D. Woo im Herbst 2009 mit auf Europa-Tour. Kurz darauf beendete Peter Domainko zum zweiten Mal sein Beggars-Dasein und wurde durch Helfried Grygar ersetzt. Konzerte, eine Albumproduktion und ein Videodreh in Kalifornien waren für diese Kombo bereits geplant, als Ron D. Woo kurz vor der Abreise wegen eines Unfalls ausfiel. Georg Rosmann kam zurück in die Band und so machten sich die Beggars Street Inn im Februar 2011 doch noch nach Los Angeles, Kalifornien auf. Mit den bekannten Visualisten OchoReSotto entstand das Musikvideo zu Bright Blue Girl. Dann begab man sich ins The Village für Aufnahmesessions, die ebenfalls filmisch dokumentiert wurden. Sogar Besitzer des Studios und Koryphäe in Sachen Musik Jeff Greenberg begab sich höchstpersönlich ins Studio, um zuzuhören und sich lobend zu äußern – der ganze Trip war ein voller Erfolg! Die Release des Multimedia-Packs Down And Out In Hollywood, das fünf Tracks, Foto­ galerie und Musikvideo beinhaltet, ging dann im November samt großer Party in der Lila Eule in Graz über die Bühne. Darauf folgten weitere Live-Auftritte und eine neuerliche Reise nach L. A. Diesmal war bereits Elisabeth Steger alias „Baby Liz“ in organisatorischer Eigenschaft mit von der Partie. Zusammen mit Ghian Wright (bis dato der

Beggars-Sound-Engineer) an den Drums entwarf man neue, dynamische Songs. Im Sommer 2012 verließen Rob Faith und Helfried Grygar die Band. Der neue Drummer, Jan Krizanic, zum Zeitpunkt seines Einstiegs „sweet 16“ und Musikgenie, erwies sich als Geschenk des Himmels. Nun waren die Beggars Street Inn wieder ein Trio wie am ersten Tag ihrer Gründung. Berts Bedenken, nach mehr als zehn Jahren nur eine statt zwei Gitarren in der Band zu haben, wurden rasch zerstreut. Schon der erste Auftritt in der neuen Formation brachte extrem positives Feedback, das bei den folgenden Live-Gigs immer wieder aufs Neue bestätigt wurde. Hochmotiviert ging’s wieder auf nach Amerika. Nachdem einige Konzerte gegeben wurden, unter anderem im kultigen Whisky-A-Go-Go in L. A. und in einem Pub im kanadischen Toronto, zog man sich zur Klausur in ein Studio in Missouri zurück. Zehn Tage lang wurde mit maximaler Intensität gearbeitet. Dabei entstanden acht Rohfassungen neuer Songs – der neue Beggars-Sound war geboren! Viel näher an den Rock’n’Roll-Roots und sehr rockig wird das neue Album werden, dessen Release für Herbst 2013 geplant ist und an dem aktuell noch mit Hochdruck gefeilt und gear­beitet wird. Darüberhinaus sind noch weitere Projekte und eine Tour für das heurige 15jährige Jubiläum geplant. Auch ein weiterer Trip in die Staaten steht am Programm. Genaueres soll aber nicht verraten werden und ist vorerst noch „Top-Secret“. So setzt sich die bewegte, wechselhafte Geschichte der Beggars Street Inn auch weiterhin fort. Eine Geschichte, die zum Rock’n’Roll passt wie die Faust auf’s Auge oder besser, wie das Pinup-Girl zum Cadillac. „Eine Sache, die man bezüglich der Beggars sagen muss – die Band hat nie Members suchen müssen. Alles lief immer geschmeidig Hand in Hand. Es war nie auch nur einen Tag lang ein Mitglied zu wenig. Es hat einen gewissen Zauber, dass die Leute wohl irrsinnig gern dabei sein und spielen möchten“, sinniert Bert und liefert damit den perfekten Abschlussgedanken. Uns bleibt nur, zu gratulieren, dass es seit 15 Jahren so ist, und für die Zukunft zu wünschen, dass es so bleibt: “Beggars 4ever – rock on!”

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Musik

Fritz Stingl Austro-Alpenreggae vom Feinsten Interview von Lisz Hirn, Fotos von Steinegger Film und Anne Geier

Die 2010 gegründete Band FRITZ STINGL aus Ebensee blickt tief in die österreichische Volksseele. Dass das gut gelingen kann, hat Initiator und Urgestein Fritz Stingl bereits mehrfach bewiesen: als jahrelanger Bandleader von Hans Söllners „Bayaman Sissdem“ und auch in seiner Arbeit als Sozialpädagoge. Mitterlerweile kann er auf zwei MundartReggae-Alben (STÜNGÖ – Zwizah, Um wos gehts’n) verweisen.

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fritz.stingl@gmx.at, Video auf YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=2Fp4A6idTuE


F. S.: Ich sehe mich als einen Teil der „Volksseele“ – und nenne alles beim Namen, ob gut oder schlecht …

Die erste Single Die Lösung von FRITZ STINGL wird am 21. März 2013 digital released, wie auch das dazugehörige Video. Dem X-Rockz-Magazin steht „Maestro“ Fritz Stingl vorab Rede und Antwort. XRM: Man sagt immer, dass Kunst etwas sagen „will“. Warum heißt euer kommendes Album Voiksmund?

F. S.: Für mich ist Tradition schon wichtig, jedoch habe ich auch einen etwas iro­ nischen Blick darauf, der sich in meinen Texten deutlich niederschlägt.

Fritz Stingl: Voiksmund deshalb, weil ich verschiedene Themen in meinen Texten aufgreifen kann, die der „Voiksmund“ so spricht … also eine breite Palette.

Wen, glaubst Du, spricht euer neues Album VOIKSMUND besonders an? Die Unkonventionellen oder die Traditionellen?

Wer sind VOIKSMUND? Da hätten wir zu­ allererst Fritz Stingl, dann ...

F.S.: Bei meinem neuen Projekt habe ich sehr gute Musiker an meiner Seite, wie: Georg Wild, Vrony Kosch, Thomas Faltin, Sigi Lemmerer, Julia Sitz, usw. Wie letzt­ endlich die Tourbesetzung aussieht, das wird demnächst besprochen. Die alpenländischen Wurzeln sind unüberhörbar. Was ihr macht ist echter “Alpenreggae”. Wie wichtig ist Tradition für euch?

F. S.: Ich glaube und hoffe, dass es alle anspricht, da sehr viele Menschen die Themen durchleben, die wir in unseren Liedern wie­dergeben. Was hat dich eigentlich auf die Idee gebracht, FRITZ STINGL zu gründen? Was hat Dich ge­ reizt?

F. S.: Ich habe schon seit Jahren eine Dialekt-Reggae-Band namens Stüngö, mit der wir erfolgreich durch die Lande ziehen. Mit dem Projekt Fritz Stingl geht es in Richtung „neue Volksmusik“, Funk, Rock, usw. Es ergibt sich also eine sehr große Bandbrei­ te. Den Grund­ stein für das Projekt Fritz Stingl legte ich mit Thomas Faltin, der sich auch für die sehr gute Qualität der Songs verantwortlich zeigt.

Wie heißt der Song, der euch am besten charakterisiert? Verrätst Du uns den bandinternen Fritz-Stingl-Favoriten?

F. S.: Unser Favorit ist natürlich Die Lösung, die am 21. März als Single und Videoclip erscheint. Wenn man die Fotos zu euren Drehs sieht, denkt man, dass ihr wirklich viel Spaß habt … Wie viel davon ist Show?

F. S.: Keine Show … es ist kaum zu glauben, aber wir haben wirklich Spaß an unserer Arbeit. Wohin geht Fritz Stingls Reise als Nächstes? Was sind die nächsten Ziele?

F. S.: Ziel ist es, mit dieser Band den Leuten unsere Musik erfolgreich zu unterbreiten – vom Nova-Rock bis zum Heimatabend in Jodlhofen … Dein Wunsch an die gute Fee lautet:

F. S.: Gesund bleiben, um weiter gute Musik zu machen.

Ehrlich, bodenständig und mit einer reichlichen Portion schwarzen Humors - ist Fritz Stingl die Antwort auf die Frage nach der österreichischen „Volksseele”?

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Musik

Wolfis Vinyl-Ecke | Teil 4

Mott the

Hoople Kolumne von Wolfgang Trummer, Fotos von Sebastian Patter und Günther Golob

David Bowies gehei m e L i e b e 1965 gründeten in Herefordshire (England), Overend Watts und Dale Griffin die Semiprofiband Silence, die durch Mick Ralphs und Verden Allen vervollständigt wurde. 1969 gingen sie nach London, wo Overend sich Free (die Band), Dale John Mayall anschließen wollte. Mick aber kannte den Manager Guy Stevens, der für die Band einen Sänger suchte. Man fand Ian Hunter buchstäblich auf der Straße. Der Sohn eines Polizisten konnte ein wenig Bass spielen und Mott the Hoople entschloss sich für ihn, weil er die Bob-Dylan-ähnlichste Stimme besaß. Den Bandnamen hatte Stevens aus einem Roman des Amerikaners Williard Manus. Bis 1972 strampelte sich Mott the Hoople als Hard-Rock-Band mittlerer Güte durch das Rockgeschäft. Aufgrund des mäßigen Erfolgs beschlossen sie, Schluss zu machen. David Bowie, ein Verehrer der Band, hörte das und überredete sie zu einer LP, die er produzierte und zu der er den Titelsong All the young Dudes schrieb.

Vinyl-Alben - Mott the Hoople 1969 - Mad Shadows 1969 - Wildlife 1970

Im Frühjahr 1973 stieg Verden Allen aus, im Sommer ging Mick Ralphs. Dafür wurden Ex-Spooky Tooth Luther Grosvenor, Morgan Fischer und Mike Bolton dazugeholt.

- Brain Capers 1971

Honaloochie Boogie und All the Way from Memphis – zwei Songs der vorletzten LP – kamen beide in die Charts. Auf ihrer letzten Studio- LP The Hoople verbuchten sie nochmals zwei Hits, The golden Age of Rock´n Roll und Roll away the Stone.

- Mott 1973

Danach machten sie ohne Ian Hunter unter dem Namen MOTT weiter.

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- All the young Dudes 1972 - Live 1973 - The Hoople 1974 (nicht abgebildet)


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Kunst

Die Kunst des

Tanzes Beitrag von Lea Leitner, Fotos von Rainer Gutzmer und Carl Sermon

Weiblich, klar und durchaus harte Arbeit – der Orientalische Tanz ist Ghazalas Leidenschaft, durch den sie den Zauber des Orients zu uns in die westliche Welt bringt. Ghazala ist hübsch, athletisch und man sieht ihr ihre 29 Jahre bei weitem nicht an – dass sie sich bereits seit über 20 Jahren mit dem Bauchtanzen beschäftigt vermutlich noch weniger. Süße acht Jahre war sie alt, als sie ihrer Mutter, die das Bauchtanzen zu therapeutischen Zwecken begann, beim Trainieren zusah. Die damals noch in Wien lebende Ghazala verliebte sich sofort in die Bewegungen. Der Übergang in das Tanzen verlief fließend, erste Kurse belegte sie mit 14, die sie in Graz weiter belegte, als sie zum Studieren in die Kulturhauptstadt zog. Ihre Tanzlehrerin hat ihr den Anstoß gegeben, eine Tanzlehrerausbildung zu machen und ein Programm in Wien empfohlen – zurück ging es nach Wien. Vor einem Jahr schloss sie zusätzlich die Bühnentanzausbildung an der jomdance®-academy in München ab und arbeitet seit eineinhalb Jahren mit der jomdance®-company in Deutschland zusammen. „Der Tanz als Kunstform wird noch etwas vernachlässigt“, erklärt Ghazala. Dass eine Choreographie von 4 Minuten monatelanges Training von mehreren Stunden täglich erfordert, ist kaum jemandem bewusst. Wenn auch ihre Mutter aus therapeutischen Gründen Bauchtanz praktiziert hat, so war Ghazalas Hauptansatz ein anderer: Ihr war es im Orientalischen Tanz immer wichtig, ein Gleichgewicht zwi­ schen Körper und Seele herzustellen und das auch ihren Schülern zu vermitteln. Im Tanz steckt viel Ausdruck und Emotion, doch Ghazala betont, dass die körperliche Voraussetzung dafür essentiell ist – sprich, dass man die Tanztechnik dafür beherrscht und dann seinen eigenen persönlichen Stempel draufsetzt. Letzterer ist von Person zu Person verschieden. Ghazalas Schülerinnen kommen aus den unterschiedlichsten Gründen in ihre Kurse, sei es wegen der Fitness, um sich weiblicher zu fühlen oder etwas für ihre Wirbelsäule zu tun. Anfängliche Hemmungen gibt es dennoch bei den meisten. „Viele Frauen behaupten zum Beispiel, dass sie sich nicht bewegen können, aber

dann muss es doch wieder einen Grund geben, warum sie sich angemeldet haben“, so Ghazala. Diese Gründe versucht sie herauszufinden und den Teilnehmerinnen mit einer manchmal extremen und sehr direkten Art, aber immer mit einer ordentlichen Portion Humor beizubringen, dass sie es doch können. Das inkludiert oft persönliche Gespräche und zwischenmenschlichen Kontakt. Die Kultur des Orients ist eine ganz andere als jene, die wir kennen, und wird aus Ghazalas Sicht in der westlichen Welt oft als mystisch und unnahbar, schon fast beängstigend empfunden. Diesen Schleier zwischen den beiden Kulturen möchte sie durch ihre Kurse und Tanzauftritte lüften und die westliche Tanzphilosophie mit der des Orients verbinden. Wer sich nur ein bisschen mit dieser exotischen Kultur vertraut macht, wird erkennen, dass sie unheimlich bunt und vielfältig und durchaus faszinierend ist: Hier gibt es kein Schwarz und Weiß und nur wenig Grenzen, alles ist im Fluss – auf dieses Lebensgefühl muss man sich nur einlassen, sich zurücklehnen und es auf sich wirken lassen. Ghazala empfiehlt ein paar Tage in Kairo als „Therapie“: Sie selbst war bereits zwei Mal in der Stadt, besuchte Tanzkurse und Shows der lokalen Stars, sah sich die Basare an oder ließ einfach die Kultur auf sich wirken. In der Stadt ist auch immer was los und der wichtigste Tipp, den Ghazala allen gibt, die einen Besuch in der ägyptischen Stadt planen, ist der, sich nichts vorzunehmen. Denn es kann sein, dass man in einem Moment ein Gespräch mit Einheimischen in einer Shisha Bar beginnt und im nächsten auf eine Hochzeit eingeladen wird. Deswegen gilt: Wird ein Kaffee oder Tee angeboten, kann das Offert ruhig angenommen werden. Auch die Frauen in Kairo haben eine besondere Rolle. Man sieht ihnen schon an der Körperhaltung und ihren Bewegungen und somit auch im Tanz einen weiblichen Stolz an. Ghazala beobachtet diese besondere Art der Frauen gerne und baut diese in ihren Tänzen auch ein.

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http://www.bellydancer.at/


Ihre Besuche in Kairo haben Ghazala geholfen, einmal „runterzukommen“, sich zu finden und zu erden. Dieses Gefühl verband sie mit ihrer Bühnentanzausbildung in München. Dort lernte sie auch viel über sich, was manchmal auch mit Tränen verbunden war. Man will bei den Shows die Zuseher ja auch berühren und ihnen etwas mitgeben, sei es bei einem Publikum von zehn, hundert oder tausend Personen. Das impliziert auch Wissen über die Bühnenfunktionen und fordert viel Kraft, denn das ultimative Ziel ist es, jeden Einzelnen mit dem Tanz zu erreichen. Dieses Wissen hat Ghazala aus den letzten Jahren ihrer Ausbildung mitgenommen. Zusammen mit Bauchtanzkollegin Aminta, mit der Ghazala auch eine intensive Freundschaft teilt, gründete sie vor einem Jahr das Projekt Pas de deux. Es ist ein Begriff aus der Tanzsprache und bedeutet so viel wie „Schritte zu zweit“ und die Choreographien werden im Duo einstudiert. Die beiden unterrichten diese Tanzform auch gemeinsam, da sie sich optimal ergänzen. Während Ghazala durch ihre Bühnenerfahrung Basis, Klarheit und Ehrlichkeit vermittelt, lässt Aminta mit ihrem Hintergrund als Orientalin die Feinheiten und Verzierungen mit einfließen. Da war ihnen bei der Gründung ihres Projektes noch gar nicht klar, was für einen Schatz sie ausgegraben hatten – ihre Kursteilnehmerinnen schwebten regelrecht aus den Kursen. Wer sich davon einmal selbst überzeugen lassen möchte, kann sich zum nächsten Workshop des Pas de deux am 18.5. anmelden. Was ihre Zukunftspläne angeht, so sieht sie sich gerade am Anfang und Ende zugleich. Ghazala sieht sich in ihrem Leben gerade so, dass sie sich primär dem Orientali­schen Tanz widmen möchte. Ihr Wunschziel ist es, diesen besonderen Tanz aus seinem Versteck zu bringen und den Menschen der westlichen Welt näherzubringen. Diesen Juli erfüllt sie sich den Traum vom eigenen Tanzatelier, das in der Puchstrasse

bei den Taggerwerken eröffnet wird. Dort wird sie neben Kursen auch Tanzveranstaltungen organisieren, doch vor allem wird es dazu dienen, dass Ghazala frei an ihren Choreographien und Tanzgeschichten arbei­ten kann.

Tipp Die nächsten TERMINE: 23.3. Ghazala am persischen Neujahrsfest - Graz/AT 3.4. Neuer Kursstart Vormittagskurse - Graz/AT 7.4.13 Tribal Fusion Workshop mit Manca Pavli - Graz/AT 13.4.13 Ghazala auf der Oriental Secret Show - Wien/AT 15.-16.6.13 Workshops mit Said el Amir - Graz/AT 28.9.13 A Glance On Dance SHOW - Frankfurt/DE

GHAZALA - Oriental Dance Artist certified jomdance® stagedancer jomdance®-company dancer 0043/699/11160848 office@bellydancer.at, www.bellydancer.at

Dr. Kristian Stuhl malt die Welt (aus dem aktuellen Bildband „Das Klo spült alles fort“) http://kriskind.info/

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Kunst

Das Gesicht Amerikas: Walker Evans

Decade by Decade Kurzportrait von Martina Kettner, Fotos von Land OÖ/Binder, Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art New York und Martina Kettner

Not und Armut auf amerikanischen Farmen, nüchtern dokumentierte Architektur, müde Gesichter in der New Yorker Subway: Die ungeschönten Ansichten Amerikas sind aus dem kollektiven Bildgedächtnis des Landes nicht mehr wegzudenken und haben den US-Fotografen Walker Evans in die Riege bedeutender Fotografen gehievt.

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http://www.landesgalerie.at


Dem 1975 verstorbenen Künstler widmet die Oberösterreichische Landesgalerie mit Decade by Decade jetzt eine umfassende Einzelausstellung in Linz. Es ist die erste Schau, die sich in Österreich mit dem Gesamtwerk Walker Evans’ befasst. Mehr als 230 Exponate spannen den Bogen über die Dekaden seines Schaffens, von den späten 1920erJahren bis in die frühen 1970er-Jahre. Bekanntheit erlangte Evans vor allem durch die fotografische Dokumen­ tation des amerikanischen Südens für die Farm Security Administration FSA zur Zeit der großen Depression. Im Auftrag der Regierung dokumentierte Evans nach dem Börsencrash 1929 das ärmliche Leben in den Südstaaten der USA. Nicht überzeichnend oder unangenehm zur Schau stellend zeigen seine Bilder karge Schönheit, wo auch Elend ist. Die Landesgalerie beschränkt sich aber nicht auf seine bekannten Motive, sondern zeigt auch Fotos, die oft wenig beachtet blieben. Unter den Bildern seiner Reise nach Tahiti im Jahr 1932 und ins vorrevolutionäre Kuba finden sich ästhetische Fotografien Einheimischer und authentische Alltagszenen.

Ausstellungsdauer: 28. Februar bis 26. Mai 2013

Dass Evans für seine Porträts auch ungewöhnliche Wege ging, zeigen seine Aufnahmen aus der New Yorker Subway. Das Objektiv der Kamera zwischen den Knöpfen seines Mantels versteckt und den Drahtauslöser im Ärmel, fotogra­ fierte Evans unbemerkt Fahrgäste in der New Yorker U-Bahn. Bemerkenswert sind seine Ergebnisse für die Arbeit unter diesen schwierigen Bedingungen. Sein Motiv dafür benannte er 1973 als „Rebellion gegen das Studioporträt“. Ein Protest gegen ästhetische Normen und Posen in der Porträtfotografie. Vor allem seine späteren Werke zeigen dann auch seine Vorliebe für Typo­ graphie und Werbung, eine Vorschau auf die sich entwickelnde Pop-Art-Kultur. Als Fotograf hat Walker Evans sich selbst und seine Meinung stets zurückgenommen, um sachlich und neutral das Leben in Amerika mit der Kamera einzufangen – mit einem unvergleichlichen Blick für das Subtile und Alltägliche. Trotz Auftragsarbeiten für Regierung oder das Magazin Fortune sah sich Evans in seinem Selbstverständnis trotzdem immer als Künstler, nicht als Foto­ journalist.

Klaviere Stimmen Service

Geschäftslokal: Moserhofgasse 53, 8010 Graz Ausstellungsraum: Bambergerstraße 2, 9400 Wolfsberg


Design Szene

Lisa Berghold Die Modedesignerin zeigt in Graz und Wien, wo die Naht entlang geht Text von Simone Jahrmann, Fotos von Lisa Berghold, Monika Krebs

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Lisa Berghold liebt es, Menschen in schöne Stoffe zu hüllen, sie damit glücklich zu machen und ihnen Stoffe und Schnitte zu zeigen, die ihnen und ihrer Figur schmeicheln. „Das ist einfach schön“, schwärmt sie. Und dabei sitzt sie nicht im dunklen Kämmerchen, sondern ist nah am Menschen, immer wieder auch bei ihnen zuhause. Seit neun Jahren übt die Schneiderin ihren Traumberuf aus, den sie schon als Kind hatte. Schon damals designte und nähte sie Kleidung für ihre Barbies. Deshalb war der Weg zur Modeschule unausweichlich. Sie kreierte anschließend in harter Arbeit das Label Moda Lisa zusammen mit einer Kollegin. In der Boutique in Graz mit demselben Namen verkaufte sie ihre Kollektionen, aber auch mehrere andere Modeschöpfer finden mit ihren Kleidungsstücken Platz. „Wir waren ein richtiges Modeinstitut – mit Rundumservice“, erzählt Lisa. Nun hat sie sich vom Laden losgelöst und arbeitet großteils wieder unter ihrem eigenen Namen. „Vor einem Jahr hat sich meine Tätigkeit weiterentwickelt“, erklärt Lisa und ihre schönen Stücke findet man nun unter anderem bei Ardea Luh in Graz. Auch in Wien werden sie bald käuflich und begehrt sein. Mode ist das zentrale Thema in Lisas Leben, doch sie schwimmt nicht mit den allgemeinen Trends, sondern hat ihren unverwechselbaren Stil. Meist entstehen die Ideen zu den Schnitten und Designs mit dem Stoff und dem Herumprobieren an der Schneiderpuppe. Manchmal konserviert sie ihre Ideen anhand von Zeichnungen, wenn die Idee plötzlich da ist.

Lisa Berghold behält ihre Leidenschaft nicht für sich. In Graz gibt es bei der Lebenshilfe Nähkurse, in denen Lisa mit Rat und Tat zur Seite steht. Und das macht sie so gerne, dass sie ihr Können in dem Bereich durch ihr Studium Mode- und Designpädagogik noch erweitert. Wenn es um den richtigen Schnitt, Stoff oder Farbe geht, oder um das Wie und Weshalb, ist Lisa aufgeschlossen. Ihre Schü­ lerinnen sind Frauen, die gerne nähen und lernen, was ihnen selbst steht und wo man wie an seinen „Problemstellen“ kaschieren kann. Und auch außerhalb der Nähstunde hilft Lisa Berghold gerne: Zusammen mit anderen Berufsexperten hat sie den Verein Berufung ohne Grenzen gegründet, um Menschen in Dritte-WeltLändern eine Berufsausbildung zu ermöglichen. In ihrem Fall steht das Nähen im Vordergrund. Sie unterstützt engagierte Frauen und Lehrerinnen in den jeweiligen Gebieten und ist auch immer wieder vor Ort.

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Fotografie

Aus dem

Bauch

heraus Er lebt im Moment, liebt die freie Musik und ist selbst sein strengster Kritiker – Jazzfotograf Peter Purgar im Profil

afie sbüro. Die Fotogr r ein Vermessung fü ja er t ibt. ite tre be be ar nebenbei Eigentlich idenschaft, die er Le e ein ht ar sie rg Pu 06 r ich. Seit 20 ist für Pete s nicht nebensächl ng di er n. all ne et io ut at de ik Nebenbei be en und Publ ig in Ausstellung äß lm ge tire ak s pr to en Fo man seine schon seit 30 Jahr die er immerhin iten er zu Anfangsze Die Jazzfotografie, ezialgebieten. Als Sp rs te ene Pe eig e zu in t ziert, zähl möglich, se ng, war es noch gi n te er ter nz Pe ko rte zz privat zu Ja änderten, ände s sich die Regeln Al n. n. ge te rin er ub nz itz af zu den Ko Kamera m d kam als Fotogr un e eis m sw ko en e eh di t ng n an – nich seine Hera ht ihn am meiste ric sp en ist “ ein nt em an lg sp ge Musik im Al , die „nicht so ein n die freie Musik merzielle, sonder ie Jazz. – wie auch der fre n, “ Fotos zu mache tion ist es, „echte iva ot s tm er up nd Ha so s be ar t Das spiel Peter Purg entisch einfangen. th au t len m Ge e Mo Di n . de lle Fotos, die n eine wichtige Ro afie auf Konzerte hne ganz in Bü r de f in der Jazzfotogr au er sik wenn der Mu t, eis m h inen sic bt gi egenheit er Geschehen mit se ganz abseits vom er od , nn ist da t d en sin em s hält. Da seinem El gar ein Nickerchen er od t eif hw sc ab Gedanken er ihren Rollen. die Menschen hint erist es kaum üb alischen Präferenz ik us m it ke er tig in Tä se s er Angesicht , frei in sein am wichtigsten ist r , te en Pe ed es hi ss tsc da , en raschend h dagegen swegen hat er sic de – d in un se en zu m af m als Fotogr Motive selbst besti so kann er seine ziell davon zu leben – hmen. Er ist finan llen Aufträge anne zie er m chm tsä ko e up in ha “ ke braucht t „Aufträge hängig und nimm ab un e afi gr to Fo von der haftsdienst an. lich als Freundsc tler­ r Bildenden Küns rufsvereinigung de Be r de RT d kA lie ac tg rh Mi ve Peter ist rkollektivs lied des Künstle itg nsm llu ng te du ss ün au to Gr Innen, . Die Fo gruppe Polychrom to Fo im r ls de de d lie Mo tg en sowie Mi emen. Das könn mer bestimmte Th gen behandeln im 28

jazzimbild.at

www.jazzimbild.at, info@

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r, Fotos: Peter Purga

Bericht: Lea Leitne


Denn das Aussehen ist nur Fassade und wenn die erst mal abfällt, ft o r e t in h a d h c s n e M r e d n n a k langweilig wirken. t von Menschen – Peter ist faszinier . in se en en sz gs sonders „fesch“ Studio oder Allta cht unbedingt be ni e di , en ch ns d eine Geschichte interessanten Me Ausstrahlung un em all r vo e di wenn die erst mal aussehen, aber nur Fassade und ist en eh ss Au s rken. Deswegen haben. Denn da er oft langweilig wi nt hi da ch ns Me r n bevorzugt jene, abfällt, kann de nschen ab, sonder Me s lo hl wa t ch lichtet Peter ni kennt. die er persönlich – egal ob es um inem Bauchgefühl se h lic ch tsä up KameraeinstelPeter folgt ha oder die richtige tiv Mo s te gu ein nden Fotografen einen Auftrag, s er jedem angehe wa s, da ch au ist h schon vor dem lung geht. Das . Das schaltet sic hl efü hg uc Ba in odelle“ bei einem rät: Hör auf de , wenn er seine „M ein en er afi gr to gen stellt er nicht. eigentlichen Fo . Fixe Anforderun nt ler en nn s ke al m ll aktiv am Prozes Gespräch erst , wenn das Mode es t ug rz t vo of be h er ten lässt er sic Im Gegenteil, Auch auf Konzer t. er gi ra erte in ich d gl . Mö teilnimmt un Fotos gefragt wird afiert, falls nach ss er ganz da , en m m inspirieren, fotogr no r Musik einge de n vo so ch au weise wird er vergisst. aufs Fotografieren r von sich, als er ngt Peter oft meh rla ve st ni s io kt rfe e Chaos, über da Als ewiger Pe ugt das geordnet rz vo be Er er . od ste ch üs tis eigentlich m auf seinem Schreib ht behält – sei es deswegen ; llt fü ge er er stets die Übersic m kalender ist im in rm Te in Se . te oben werden, denn seiner Festplat e schon mal versch in rm Te e nft ig ist rfr kaum an die Zuku können länge Moment lebt und im r de , t. ch m ns om Me selten vork Peter ist ein heutzutage viel zu e di , aft ch ns ge Ei denkt – eine

Canon ID Kamera: fühl s/w und Farbe, manuell, je nach Ge : ik Fototechn ss stimmig sein ein gutes Foto ... mu chen, Alltagsszenen, r, interessante Mens ike us zm Jaz Motive: Streetfotogr afie eln ives Gefühl vermitt Fotos, die ein posit , Motiv: en ch ns e Me zmusik, interessant haben Inspirationen: Jaz ich ... alles er ledigt ll wi e, rb ste vor ich be

ngen 2013 Geplante Ausstellu ll Manipulierter Zufa ld, Graz mit verhackART rfe ise Ka fé Ca Grand ost & Jazz Festivals Jazz im Bild ing im Zuge des M hr Fe , us ha er eb G Galerie Stockwer k, Graz 2012“ im Jazzcafé AZZ KJ ER W CK „STO

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Bühne & Film

„Wir sind

Weltenbauer“ Portrait von Anita Raidl, Fotos von Gerfried Guggi und Schauspielhaus Graz/Lupi Spuma

Bei ihr hat alles Hand und Fuß. Vorhang auf für Denise Heschl, die als Bühnen- und Kostümbildnerin vielversprechende Newcomerin in der Theaterwelt ist. Drei Menschen, eine Frau und zwei Männer, sitzen, stehen, gehen auf kniehohen Würfeln, bauen Würfelberge auf und wieder ab. Die Würfel tragen Buchstaben und alle Würfel zusammen bilden eine Computertastatur, die das Theaterstück X-Freunde von Felicia Zeller spielt. Einmal lustig, dann wieder ernst und tragisch. So­ lange, bis ein rasanter Strudel aus Zeit- und Erfolgsdruck den Ton abdreht. Das Bühnenbild, im Ganzen ein überdimensionaler Laptoprahmen mit beweglichen Tasten, ein Rahmen, in dem sich alle einzufügen haben, spricht in X-Freunde für sich und für Denise Heschl, eine aparte junge Frau, die mit dieser Arbeit ihren Traum von der ersten eigenen Bühne am Grazer Schauspielhaus verwirklicht hat. Keine halbe Sachen Vor vier Jahren würfelte die damals 24jährige Heschl ihren Lebensweg neu und setzte dabei alles auf eine Karte. Sie brach ihr Zahn­ medizin-Studium im fünften Jahr ab, wechselte ans Schauspielhaus Graz als Bühnenbild-Hospitantin und wollte an der lokalen Kunst-Uni Bühnengestaltung studieren. „Theater hat mich immer interessiert, aber irgendwann hab‘ ich das einfach vergessen. Ich hab‘s verstauben lassen“, sagt Heschl. In der Oberstufe besuchte sie den musischen Zweig, war oft im Theater und in der Oper. Nach der Matura inskribierte sie Zahn-

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medizin, hatte Spaß am Sezieren und Formen von Prothesen und Zahnspangen. Dennoch war das Studium, das Folge einer Kurz­ schlussreaktion war, nichts, was sie auf Dauer glücklich machte. Es waren schließlich Gespräche mit einer Freundin, einer Bühnengestaltungsstudentin, die ihr Interesse an dem Fach weckten und eine Hospitanz, die sie in ihrer Entscheidung bestärkte. „Ich erkannte plötzlich, dieses Theaterflair und dieser Theater­ wahnsinn sind genau meines“, erinnert sich Heschl. Eine Gewissheit, die von einer eineinhalbjährigen Unsicherheit begleitet wurde, denn die Aufnahme an der Kunstuni klappte erst beim dritten Anlauf. Es waren eineinhalb Jahre, in denen die sonst so selbstbewusste Frau zweifelte und lernen musste, mit sich selbst klar zu kommen. Gleichzeitig waren es eineinhalb Jahre, in denen sie die Materie mittels „Learning by Doing“ durchdrang und viele Leute im Theater kennenlernte. Sie weiß nun, wie sie aus einer Krise neue Kraft schöpfen kann. Leben mit dem Theater Heschl, die bis heute parallel zu ihrem Studium, das sie 2014/2015 abschließen wird, mehrmals als Assistentin bei SchauspielhausIntendantin Anna Badora tätig war, von Regisseur Michael Simon mit dem Kostümbild zu Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würge­ engel) betraut wurde, bei X-Freunde in der Regie von Judith Wille


Tipp „X-Freunde“ von Felicia Zeller im Schauspielhaus Graz. Regie: Judith Wille, Bühne und Kostüm: Denise Heschl, Dramaturgie: Christian Mayer. Mit Simon Käser, Evi Kehrstephan und Florian Köhler. Infos und Termine siehe www.schauspielhaus-graz.com

für Kostüm und Bühne verantwortlich zeichnet, liebt ihr Metier. „Wir sind Weltenbauer“, sagt sie. Privat ist die Künst­ lerin, die sich dezent in schwarz kleidet, bodenständig. Sie mag Musik und Bücher, geht gerne mit Freunden aus, schätzt eine heiße Dusche. „Theater soll Teil meines Lebens sein, aber nicht mein Leben“, lautet ihr Credo. Eine ausgewogene Mischung zwischen Privat- und Theaterleben erdet, bewahrt davor, zu vereinsamen und sorgt für Gelassenheit in einem Berufsalltag, der gute Nerven fordert. Immer weiter Bei ihrer letzten Aufnahmeprüfung entwarf sie ein Bühnenbild zu Warten auf Godot von Samuel Beckett. Ein Modell, das sie einmal auf einer Bühne umsetzen möchte, schließlich kommt es nicht oft vor, dass sie auch noch nach Monaten oder Jahren zu hundert Prozent hinter einem Modell stehen kann. Sogar beim Bühnenbild zu

X-Freunde, das von der Kritik durchwegs positiv bewertet wurde, würde sie heute ein paar Dinge ändern. Heschl: „Aber so geht es wohl jedem Künstler. Wenn das nicht so wäre, gäbe es einen Stillstand und in der Kunst ist Stillstand das Schlimmste, was passieren kann. Und Stillstehen kann ich überhaupt nicht.“

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Bühne

Wie man

die Welt durchdringt Foto und Portrait von Anita Raidl

A u f d e r B ü h n e f ü h lt e r s i c h f r e i . Ru d i W i d e r h o f e r ist ein „Self-made“-Schauspieler, der schonungsl o s i n e i g e n e u n d f r e m d e A b g r ü n d e b l i c k t. A n g s t m ac h t i h m n u r da s S c h r e i b e n . Wenn Rudi Widerhofer erzählt, tut er das mit hoher Präzision. Reduziert die Welt auf sein Gegenüber, das er mühelos mit sich zieht, hinein in ein Land, das Höhen wie Tiefen kennt und heute von keinem anderen mehr, als von ihm selbst regiert wird. Rudi Widerhofer, der eigentlich Rudolf Editha Widerhofer heißt, ist ein Schauspieler mit Ecken und Kanten, ein Autodidakt mit Vergangenheit und betriebsamer Gegenwart: Er spielt den Philemon in Goethes „Faust “ und in Nigel Williams „Klassen Feind“ wird er zum Teenager, der über Zukunftsaussichten und Lebenssinn diskutiert. 46

Widerhofer selbst erkennt früh, dass es für ihn nur einen Weg geben kann. Den auf die Bühne. Sein Theaterdebüt feiert er als Fünfjähriger mit dem Stück Rudi fährt zu seiner Großmutter nach Mattighofen mit dem Zug, als Gymnasiast besucht er das Fach Bühnenspiel, schreibt Sketches und tritt mit ersten kleinen Kabarettprogrammen, es sind philosophische Sprachspiele, auf. Wie aber wird man ein „richtiger“ Schauspieler? Widerhofers Eltern, der Vater Arzt, die Mutter Hausfrau, organisieren eine Expertenrunde, darunter ein Bekannter, der beim ORF arbeitet. Sie sollen den Jungen unter die Lupe nehmen. „Ich hatte Wimmerl, war schüchtern, hab’ fast immer auf den Boden geschaut. Die Herren haben mir total abgeraten, was eine große Weiche für mich war“, erinnert sich Widerhofer an das Zusammentreffen. Der junge Widerhofer bewirbt sich kein einziges Mal an einer Schauspielschule. Er geht nach Graz, um Germanistik und Amerikanistik zu studieren, verfasst weiterhin Sketches und gründet 1980 zusammen mit Zimmerkollege Leo Lukas und anderen das Feinkunstcabaret WAWA. 1982 eröffnen die „WAWAisten“ das erste selbstverwaltete Grazer Kleinkunstlokal, das Feinkunstwerk & Tingeltangel, und schließen es 1984 wieder. Widerhofer kann als Kabarettist nicht durchstarten. Er hängt in der Luft, bis er Ende der Achtziger Jahre im Forum Stadtpark Theater dem Regisseur Ernst M. Binder in die Arme fällt. Rund zwei Jahr­ zehnte lang bleibt er bei Binder und spielt in Stücken von Samuel Beckett, Peter Handke oder Wolfgang Bauer auf in- und ausländi­ schen Bühnen. Als Schauspieler geht er aufs Ganze, konfrontiert sich und das Publikum mit der Darstellung extremer Charaktere.


Widerhofer ist heimatbezogen. Er bezieht sich auf Burgkirchen, für Napoleon einst der „Mittelpunkt Europas“, für Widerhofer jener Ort, an dem er aufgewachsen ist. Acht Kilometer weiter, in Braunau am Inn, wurde Adolf Hitler geboren. „Hitler hat e­inen wahnsinnigen Einfluss auf das Dorf und die Gegend“, sagt Widerhofer. Er erzählt von Touristen, die nach der Geburtsstätte Hitlers fragen und davon, dass nach dem Krieg dieselben Leute genau dieselben Posten besetzten als vor dem Krieg. Mit dem Geschehenen und der Figur Hitler setzt er sich künstlerisch ausei­ nander. Er spielt den Hitler zum Beispiel in George Taboris Groteske Mein Kampf und in Burgkirchen. Wie spielt man Hitler? In seinem selbst verfassten Stück Burgkirchen ist Widerhofer an einem Seil, das an der Decke angebunden ist, fixiert. Er trägt einen schwarzen Gaffer-Streifen im Gesicht, ein Hemd und sonst nichts. Die Leute sitzen auf allen vier Seiten um ihn herum. Widerhofer hält einen eineinhalbstündigen Monolog, der die Heimat ein­ kreist, sodass sie am Ende in ein tiefes Loch fällt. Immer wieder „springt“ er den Zusehern und Zuseherinnen ins Ge­sicht. „Das war ziemlich brutal“, sagt er heute über die Performance. „Eine Zuseherin meinte, ich gehöre in den Feldhof“.

„Einmal im Leben muss man absteigen, bis ganz nach unten, damit man weiß, wie tief man gehen kann und muss.“

Einmal landet Widerhofer tatsächlich in der Psychiatrie. Allerdings nicht wegen exzessiven Schauspiels, sondern wegen seiner Alkoholabhängigkeit. „Auf der Bühne bleibt man hölzern. Es gibt kein Durchdringen mehr, die Beziehung des Menschen zur Welt ist gestört“, erklärt er den Zustand eines süchtigen Mimen. Mitte der Neunziger kann er sich kaum noch Texte merken, bricht schließlich zusammen und wird in die Psychiatrie eingeliefert. Er entscheidet sich dafür, trocken zu werden und kreiert mit Erfindungen Überlebenstraining eine Ausstellung und Performance, die nach dem, was vor einer „Erfindung“ ist, sucht. Was ist diese Leerstelle, an der noch nichts ist, aber etwas kommen wird. Widerhofer ist zurückgekommen. Er sagt: „Einmal im Leben muss man absteigen, bis ganz nach unten, damit man weiß, wie tief man gehen kann und muss“. Auf den ersten Blick wirkt der heute 54-Jährige zurückhaltend. Aber Achtung, es ist eine Illusion! Die Theaterbühne ist eine Befreiung davon. Spielen fällt ihm leicht. Anders geht es ihm mit dem Schreiben und das, obwohl Widerhofer neben Burg-

kirchen schon andere Stücke und Texte verfasst und dafür auch Stipendien von Bund und Land erhalten hat. „Schreiben ist mein Lebensproblem. Ich habe Angst davor“, sagt er. Das Schwierige ist nicht das Schreiben an sich, sondern damit an die Öffentlichkeit zu gehen. „Der Leser könnte den Text nicht verstehen und ihn dann ablehnen. Theater ist anders, da kann man den Zugang zum Text vermitteln, das Publikum manipulieren“, führt Widerhofer aus. Wie könnte eine Lösung aussehen? Widerhofer: „Man sitzt wie Homer mit anderen Leuten an einem Tisch und trägt seine Geschichte vor.“

Tipp „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe im Schauspielhaus Graz. Infos und Termine siehe www.schauspielhaus-graz.com „Klassen Feind – oldschool“ von Nigel Williams im Volkshaus, Graz. Infos und Termine siehe www.theater-teig.at

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Literatur

Immer auf

Spurensuche A l f r e d Ko l l e r i t s c h ü b e r da s U n h e i m l i c h e u n d L i t e r at u r i n Gr a z . Interview von Anita Raidl, Fotos von Helga Höhn

Er ist Herausgeber der Literaturzeitschrift „manuskripte“, Mitbegründer und ehemals auch Präsident des „Forum Stadtpark“, pensionierter Lehrer und nicht zuletzt Schriftsteller und Lyriker. 2013 veröffentlicht der 1931 geborene Alfred Kolleritsch einen Gedichtband und die 200. Nummer der manuskripte. Das X-Rockz-Magazin/Anita Raidl gratuliert und besucht den charismatischen Literatur­ liebhaber und -ermöglicher im manuskripte-Büro. 48

XRM: Herr Kolleritsch, Ihr neuer Gedichtband trägt den Titel „Es gibt den ungeheuren Anderen“. Wer ist dieser ungeheure Andere?

Alfred Kolleritsch: Es ist der Andere schlechthin. Die anderen Menschen. Menschen, die einem etwas bedeuten sollen und wollen, und an die man nicht herankommt. Es ist der Versuch, den Verlust der anderen in den Gedichten spürbar zu machen. Ihr letzter Lyrikband liegt fast zehn Jahre zurück.

A. K.: Ich war zwischendurch ziemlich krank und überbeschäftigt. Mir scheint, dass diese Gedichte eine neue Entwicklungsstufe meiner Lyrik sind. Früher waren die Gedichte welthaltiger, ja konkreter. Jetzt habe ich mich auf das Andere, das Unheimliche, das immer fremd bleiben wird, konzentriert. Was bedeutet Ihnen das Fremde, das Unheimliche?

A. K.: Für mich war das immer ein Problem und für den Schreiben­ den muss es ja auch ein Problem bleiben. Denn Schreiben heißt, dass man festgefahrene Identitäten zerbricht und hinausgeht, um neue und andere Erfahrungen zu finden.


Wann haben Sie eigentlich mit dem Schreiben begonnen?

A. K.: Ich habe relativ spät, erst mit dem 40sten Lebensjahr, intensiv zu schreiben begonnen. Geschrieben habe ich immer schon, aber die Jahre davor waren für nichts, ich hab‘ die Sprache und Problematik einfach nicht erfasst. Indem ich mich dann mit vielen anderen Dichtern im Zusammenhang mit den manuskripten beschäftigt habe, ist mir die Notwendigkeit, selber zu schreiben und mich da zu entwickeln gekommen. Das ist ein fortlaufender Prozess gewesen. Als Herausgeber der Literaturzeitschrift manuskripte haben Sie zahlreiche Auto­ren und Autorinnen begleitet, darunter Peter Handke, Oswald Wiener, Wolfgang Bauer und Barbara Frischmuth. Die manuskripte wurden oft als Avantgarde-Zeitschrift bezeichnet.

A. K.: Ja natürlich, Avantgarde im Sinne von plötzlich veränderten Schreibweisen, wo etwas Neues, Fortschrittliches spürbar ist. Der Begriff der Avantgarde ist heute aber schon zu abgenützt, um ihn noch verwenden zu können, er beschreibt eigentlich nichts mehr. Die Zeitschrift möchte den Lauf der Literatur, die hier in Österreich und im deutschsprachigen Raum überhaupt geschrieben wird, verfolgen, begleiten, wahrnehmen, aufnehmen und publizieren. Als Vorfeld der Verlage. Das war und ist Spurensuche. Welche Strömungen sind da erkennbar?

A. K.: In einer Phase kamen Texte, die Nähe zu Thomas Bernhard hatten, dann war politisch engagiertes Schreiben von Bedeutung, dann sind wieder ruhigere Zeiten gewesen. Zwischendurch war der Zug zum experimentellen Schreiben, der in den manuskripten in Zusammenarbeit mit den Autoren der Wiener Gruppe sehr ernst genommen wurde, stark. Dann ist die Krise in der Literatur gekommen, man sollte überhaupt nicht mehr schreiben, sondern nur politisch engagiert auftreten. Zeugen dieses Miterlebens sind die Texte, die man ausgewählt hat.

kete gestartet, meine frühere Mitarbeiterin, die Andrea Stift, ist bekannt geworden, die Valerie Fritsch schreibt bei uns. Ich glaube, es ist eine fruchtbare Zeit. Die Zeitschrift manuskripte wurde 1960 als literarische Plattform des Forum Stadtpark gegründet. Was war zu dieser Zeit in Graz los?

A. K.: Es war nichts los. Graz war ja ein fürchterliches Nazi-Nest mit den dümmsten, ästhetischen Verkrüppelungen. In der zweiten manuskripte-Nummer habe ich Gedichte von Gerhard Rühm gebracht, es wurden vielleicht 200 Hefte gedruckt und verteilt. Da gab es gleich eine große Aufregung, man hat gesagt, denen muss man das Handwerk legen. Wir wurden der Verbreitung von Pornographie bezichtigt. Der Hauptvorwurf war damals ein Satz von Oswald Wiener in „Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman“. Ein Kind fragt das andere: „Vögelt deine Mutter auch noch.“ Es ist lächerlich gewesen. Heute muss ich denen, die uns da an den Kragen wollten, dankbar sein. Weil wir so ins Gespräch gekommen sind. Aus dem Forum Stadtpark heraus hat sich dann Vieles ent­wickelt, auch der „steirische herbst“. Plötzlich ist das Zeitgenössische notwendigerweise auf den Tisch gekommen, der Konsument konnte sehen, was auf der Welt geschieht. Sie waren 1958 Mitbegründer und von 1968 bis 1995 Präsident des Forum Stadtpark. Aus welchen Gründen sind Sie damals zurückgetreten?

Wie betrachten Sie den Prozess des Auswählens?

A. K.: Jeden Tag kommen einige Einsendungen, brauchbare, unbrauchbare. Der Herausgeber einer Literaturzeitschrift hat die Funktion eines Trainers. Der Fußballtrainer muss aus einer Fülle von herumkickenden Menschen, wir aus einer Fülle von schreibenden Menschen, eine Auswahl treffen. Der Trainer trägt das Risiko. Manchmal greift er daneben, manchmal gelingt etwas. Was können Sie den Menschen, die schreiben, raten?

A. K.: Immer weiter schreiben. Nicht glauben, dass das, was man da produziert, schon ein Endprodukt ist. Ich könnte bei jedem Einzelnen, aus dem was geworden ist, nachweisen, dass er an seiner Entwicklung gearbeitet hat. Gelesen hat, kritisch war und nicht nur eigene Stimmungen zu Papier gebracht hat. Es ist harte Arbeit.

A. K.: Ich habe das schon zu lange gemacht, es war erschöpfend, ich wollte nur noch die manuskripte machen. Herr Kolleritsch, kann Sie Literatur noch überraschen?

A. K.: Immer wieder. Wenn ich zurückdenke, war die Elfriede Jelinek eine Überraschung, der Peter Handke, der Thomas Bernhard. Der Werner Schwab ist mit seinen Theaterstücken einen ganz neuen Weg gegangen, der Wolfi Bauer, die Friedericke Mayröcker, der Josef Winkler. Das Überraschende ist, dass immer wieder gute Bücher erscheinen. Was machen Sie am liebsten?

A. K.: Am liebsten Wiener Schnitzel essen (lacht) – was ich am liebs­ten mache, oh mein Gott, ja eh mich mit Literatur beschäftigen.

Was tut sich momentan in der Grazer Literaturszene?

Was planen Sie für die Zukunft?

A. K.: Es geschieht sehr viel. Der Clemens Setz ist ja wie eine Ra-

A. K.: Ein bisschen überleben, sagen wir so, weiterleben. 49


Literatur Szene

Die Schönheit der Worte S c h r e i b Ta l e n t S i m o n e J a h rm a n n g e w ä h rt e i n e n kleinen Einblick i n i h r e W e lt d e r W ö rt e r Bericht: Lea Leitner, Fotos: Simone Jahrmann

Wenn man sie kennenlernt, könnte man Simone Jahrmann als einen eher ruhigen Menschen bezeichnen. Doch stille Wasser sind in diesem Fall tief. Gewaltig tief. Simones Einfallsreichtum ist enorm, ihr Interessensgebiet weitumfassend, und alles dreht sich rund ums Schreiben – was man auch an ihrem Berufsfeld erkennt: Simone ist seit letztem Jahr Werbetexterin, ihr erster Roman ist bereits unterwegs und darüber hinaus ist sie auch noch als Zeremonienmanagerin buchbar. Ein beachtliches Resümee. Simones Liebe zum Schreiben war schon früh bemerkbar. Be­reits mit acht Jahren kreierte sie Gedichte, Lieder und einfach alles, was ihr einfiel. Später war sie eine der ersten, die ihre eigenen Blogs verfasste. Erlebnisse hat sie in Prosa oder Gedichtform festgehalten – doch das war stets eine private Leidenschaft. Das Schrei-

ben einmal zum Beruf zu machen, daran dachte sie damals noch nicht – geschweige denn, selbstständig zu werden. Den Anstoß dazu gab ihr die Arbeit beim X-Rockz-Magazin. Seitdem möchte Simone ihr Hobby zu ihrem Beruf machen und es hat sich bereits Vieles getan. Noch dieses Jahr wird sie ihr erstes Buch veröffentlichen. Ein Roman, der interessanterweise in kein bestimmtes Genre fällt: Ein Mann mit einem anscheinend perfekten Leben – perfekter Job, perfektes Auto, perfekte Freundin – stellt plötzlich alles in Frage, steigt ins Auto und ist mal weg. Einfach so. Auf der Suche nach dem Glück – seinem eigenen Glück. Dafür wird Simone sich auch auf Feldrecherche begeben, da es ihre Hauptfigur bis nach Rügen verschlägt. Die Authentizität einer Story ist für Perfektionistin Jahr­ mann nämlich essenziell. Was gehört für sie noch zu einem guten Buch? Zunächst mal muss es eine Story sein, die immer wieder überraschende Wendungen hat. Außerdem ist für Simone der spannendste Teil eines Buches der Anfang. „Ich würde am liebsten nur Buch­ anfänge schreiben“, gestand sie. Deshalb versorgt auch jedes Kapitel ihres Buches den Leser mit der Frage „Was ist da passiert?“,

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„Mir geht das Herz auf,

wenn ich einen guten Artikel oder ein gutes Buch lese. Das will ich auch

für andere erreichen“

indem sie abrupte Anfänge und Enden einbaut. Inspirierende Wirkung hat für Simone Wolf Haas, der Geschichten primär für sich schreibt, denn erst, wenn er eine Geschichte selbst interessant findet, ist sie es wert, gelesen zu werden.

konstant blieb, aber der Wunsch nach kirchlichen Zeremonien deutlich abnahm. Simones Ziel ist es, individuell abgestimm­ te Zere­monien zu organisieren und mit ihren jeweiligen Reden persönlich auf das Hochzeitspaar einzugehen, was auch die Besucher näher an das Paar bringt. Dazu möchte sie nicht nur Rituale aus aller Welt anbieten, sondern auch deren Bedeutung vermitteln. Es war Simone auch wichtig, säkulare, nicht spirituelle Rituale in ihr Kontingent einzubauen, da ihrer Meinung nach Zeremonien schon zu häufig christlich behaftet sind. Das Angebot umfasst das Programm vom Einzug bis zur Feier danach.

Seit einem Jahr ist Simone auch als Werbetexterin tätig. Inspiration dazu war die Literaturmanagerin Doris Lind, bei der sie Schreibseminare und Praxisworkshops belegte. Die ersten Aufträge kamen bald ins Haus, und Simone hatte bald einiges zu tun. Auch in ihrer Freizeit hält sie ihre Augen offen nach guter Werbung. ­Simone bereut ihre Selbstständigkeit keine Sekunde. Sie hat dadurch eine Menge gelernt, hat mehr Eigenverantwortung und kann sich ihre Zeit freier einteilen. Simones wahrscheinlich größtes Projekt findet sich in einer etwas anderen Kategorie, doch auch in Verbindung mit dem Texten: Vor über zweieinhalb Jahren wurde in ihr die Idee des Zeremonienmanagements geboren, mit dem Fokus auf Hochzeitszeremonien. Grund dafür war, dass der allgemeine Bedarf an Zeremonien stets

Steckbrief Beruf: Texterin, Zeremonienmanagerin, Autorin Markanteste Eigenschaften: Chaos, kreativ in vielen Dingen, will alles machen und können wie nähen, malen, basteln, dekorieren, einrichten, ideenreich Leidenschaften: schreiben in jeglicher Form, lesen (natürlich), Musik (Blues und Jazz, Dubstep) Liebt: meine Katze, die deutsche Sprache, Farben Hasst: unreife Menschen, Intoleranz, Fleisch Bevor ich sterbe, möchte ich … in Berlin gewohnt haben, Bücher veröffentlicht haben, in einer Band gesungen haben, eine Skulptur geformt haben

Seit 200 Ausgaben Erstveröffentlichungen Die Jubelnummer erscheint Ende Juni mit Beiträgen u.a. von: Günter Brus, Barbara Frischmuth, Elfriede Jelinek, Vea Kaiser, Clemens Setz

50 JAHRE

Einzelheft: € 10 / Abo: € 27 Jährlich erscheinen vier Hefte.

manuskripte – Zeitschrift für Literatur

www.manuskripte.at 51 E-Mail: lz@manuskripte.at


Literatur

Nichts bleibt, wie es ist Die Schriftstellerin Milena M i c h i ko F l a š a r ü b e r da s Schöne am MenschSein.

Interview von Anita Raidl, Foto von Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

Milena Michiko Flašar bannt die fragilen Fäden, die zwei aus dem Rahmen Gefallene zueinander und in die Welt ziehen, auf Papier und tauft das zarte Gewebe „Ich nannte ihn Krawatte“ – ein Stoff, für den sie 2012 mit dem Alpha-Literaturpreis ausgezeichnet und für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Anita Raidl vom X-Rockz-Magazin traf die überlegte Geschichtenerfinderin zu einem Plausch im Wiener Café Westend. XRM: In Deinem Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ bricht Hiro mit einem Satz, „Wir treiben auf schmelzendem Eis“, sein Schweigen zum „Salaryman“. Ist diese Begegnung Zufall oder klare Entscheidung?

Der Salaryman führt ein Doppelleben, Hiro verweigert das Leben, ist ein „Hikikomori“. Beide sind sie in sich Gefangene, die für diese Freundschaft aus sich hinausgehen. Wie ist das möglich?

Milena Michiko Flašar: Einen anderen in seinen Blick einzulassen, jemanden überhaupt da sein zu lassen oder selber auch für jemanden da zu sein, ist etwas, was Hiro zwei Jahre lang nicht ausgehalten hat. Ein­­­ ander wirklich, also auf einer ganz tiefen Ebene zu begegnen, ist eigentlich immer eine Entscheidung. Ich denke, auch für Hiro ist die Begegnung mit seinem Gegenüber, dem Salaryman, eine Entscheidung.

M. M. F.: Hiro und der Salaryman können durch Sprechen und Zuhören viel von­ einander lernen. Wichtig ist, dass sie einander bei diesem Zuhören nicht bewerten. So können sie sich frei genug fühlen, von dem zu erzählen, was sie bisher gequält hat und immer noch quält.

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Auch in Deinen Büchern „Okaasan – Meine unbekannte Mutter“ und „[Ich bin]“ sind Begeg-

nungen, das Abschiednehmen und wieder von vorne anfangen, Handlungsmotor.

M. M. F.: Ein Grundthema von mir sind sicherlich Beziehungen, weil ich denke, dass Beziehung etwas Ur-Menschliches darstellt. Jeder Mensch ist in Beziehung, ist in Beziehung zu den Eltern, zu Freunden, Bekannten, zu Dingen, auch zu sich selber. Und Teil einer Beziehung ist sowohl Beständiges als auch Unbeständiges, also Dinge, die vergehen. Gerade in der Art und Weise, wie man mit Vergänglichem umgeht, wie man sich dazu stellt, was für Ängste das beispielsweise auslösen kann, dass nichts so bleibt, wie es ist, diese Traurigkeit, nichts


festhalten zu können, auch einen geliebten Menschen nicht - ich glaube, darin liegt so viel, was Mensch-Sein ausmacht, dass mich das besonders interessiert. Wie gehst Du als Schriftstellerin mit der Konstante Unbeständigkeit um?

M. M. F.: Eigentlich ist es ein großes Paradox. Wir Schriftsteller versuchen etwas, das gar nicht Bestand hat, zu Papier zu bringen. Dieses unbedingte Festhalten-Wollen aber offenbart gleichzeitig viel Schönheit, finde ich. Das Streben nach Perfektion, nach der wirklich schönen Geschichte, nach wirklich schönen Sätzen. Ich denke an Kumamoto aus „Ich nannte ihn Krawatte“, der irgendwann feststellt, so etwas wie Perfektion gibt’s ja gar nicht und das, was er die ganze Zeit gesucht hat, ist nur ein Splitter vom Ganzen. Trotzdem strebt man immer wieder danach und das ist etwas sehr Schönes am Mensch-Sein. Wenn Du nach einer neuen Geschichte suchst, wie gehst Du vor?

M. M. F.: Ich sage nicht, so, jetzt will ich was Neues schreiben, mache vier Stunden Brainstorming und dann wird sich schon was finden. Prinzipiell warte ich darauf, dass die Ideen auf mich zukommen. Und das Warten lohnt sich (lacht). Wie sehen solche Ideen aus, sind es Handlungsstränge, Charakterzüge?

M. M. F.: Am Anfang kenne ich nur die Stimmung der Geschichte. Bei den Figuren ist es vielleicht eine gewisse Musik, die sie umgibt. Die Handlung entwickelt sich während des Schreibens, dadurch gebe ich den Figuren auch ein Stück Freiheit. Oft bin ich überrascht, was sie dann gerade tun (lacht). In „Ich nannte ihn Krawatte“ findet man immer wieder japanische Wörter. Das „Bentō“ steht für eine Mahlzeit zum Mitnehmen, „Salaryman“ ist ein männlicher Firmenangestellter.

M. M. F.: Ja, oder „Itadakimasu“, das sagt man in Japan immer vor dem Essen, das bedeutet so viel wie „Ich nehme es dankbar an“. Aber das sagt man bei uns nicht so. Es gibt im Japanischen sehr viele Ausdrücke, wo mir die Entsprechung im Deutschen fe-

„Das Streben

nach Perfektion,

nach der wirklich

schönen Geschichte, nach wirklich

schönen Sätzen.“ hlt, zum Beispiel die vielen lautmalerischen Ausdrücke für den Regen. Je nachdem, ob es stark oder schwach regnet, sagt man „zaazaa“ oder „para-para“. Auch wenn man Japanisch nicht sprechen kann, enthält doch vielleicht der Klang oder zumindest das Wort, das man auf dem Papier sieht, eine Art zusätzliche Bedeutung und kann ausdrücken, was im Japanischen gemeint ist. Du selbst hast eine japanische Mutter, einen österreichischen Vater und bist in Niederösterreich aufgewachsen. In deinem Roman „Okaasan – Meine unbekannte Mutter“ geht es um eine Mutter-Tochter Beziehung, die Mutter ist Japanerin und hat mit ihrer Tochter nie Japanisch gesprochen, hat ihr gewissermaßen die eigene Heimat vorenthalten. Wie ist das bei Dir?

eine Stimme geben kann. Für mich war es dann fortlaufend von der Volksschule über Gymnasium bis hin zum Studium immer wichtig zu schreiben. Wie kam es zu Deiner ersten Buchpublikation „[Ich bin]“?

M. M. F.: Ich hatte eine Lesung am St. Pöltener Landestheater und dort saß zufällig, zusammenfällig könnte man vielleicht sagen – ich finde , das ist immer so ein Zusammenfallen von Ereignissen – jedenfalls saß da der damalige Leiter des Residenz Verlags, Herwig Bitsche. Der Verlag hat sich dann ein paar Wochen später bei mir gemeldet und gefragt, ob wir nicht zusammenarbeiten wollen. Ein Zusammenfall?

M. M. F.: Ich bin von Geburt an zweisprachig und bikulturell aufgewachsen. Meine Mutter hat mir sehr viel mitgegeben. Darunter fallen auch bestimmte Werte und Glaubenseinstellungen, sogar Bewegungen, Gestik und Mimik. Dinge, die man nachher meist nicht mehr lernen kann, die einem einfach so auf den Weg mitgegeben werden. Wann hast Du den Weg zum Schreiben gefunden?

M. M. F.: Schon in der Volksschule. Ich kann mich erinnern, es gab ein Kinderbuch „Anne of Green Gables“, da geht es um ein Mädchen, das gerne Geschichten erfindet und für die das auch eine große Rettung bedeutet. Sie ist ein Waisenkind und hat nicht recht viel, außer ihrer Phantasie und ihren Geschichten. Das hat mich sehr fasziniert, dass so etwas wie eine Geschichte Rettung bedeuten und vor allem, dass man Dinge und Menschen lebendig machen, ihnen

M. M. F.: Im Landestheater war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich glaube schon, dass es eine Ordnung in dem Sinne gibt, als man etwas tut und dieses Tun dann eine natürliche Konsequenz hervorruft. Wenn man sich aufs Schreiben konzentriert, wird man Leuten begegnen, die mit Schreiben zu tun haben und entsprechende Angebote bekommen. Aber wenn man überhaupt nichts mit dem Schreiben am Hut hat, wird wahrscheinlich auch nichts in diese Richtung passieren. Ein Zusammenfall ist dann Konsequenz einer Entscheidung?

M. M. F.: Ich glaube schon. Man entscheidet sich beispielsweise zu schreiben, dranzubleiben, öffentlich aufzutreten, auszuprobieren. Ein Text ist immer eine Entscheidung.

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Literatur

DMC-12

FIT | RUN | BIKE | OUTDOOR Eine Zeitreise von Clemens Berndorff, Fotos von www.delorean.com

Teil II: Live Your Dream. John Zachary DeLorean ließ kaum eine Party aus, verführte die Supermodels seiner Zeit, legte sich gern für Schönheits-OPs unters Messer und bescherte uns ganz nebenbei noch das Muscle-Car und eines der schlechtesten Autos aller Zeiten: den DeLorean DMC-12. Frühjahr 1924, Detroit, Michigan: Als der kleine John in einer frühlingshaften Nacht, irgendwann Anfang April, in die Welt gevögelt wurde, herrschte wahrlich eine Aufbruchsstimmung: Menschen begannen, sich sogenannte Radios in ihre Behausungen zu stellen und der Tonfilm wurde erfunden. Frauen schnitten sich die Mähne ab und in den Bars wurde munter drauflos gekokst. Autos rollten in Massen vom Fließband und kurbeln musste man auch nicht mehr, um sie anzuwerfen. Das waren die Roaring Twenties! Doch von Fortschritt und Aufbruch bekam der kleine John wohl nicht viel mit. Stattdessen viel von Trauer und Entbehrung. Johns Vater, ein besoffenes Schwein, stahl sich früh davon und hinterließ vier Kinder samt völlig überforderter Mutter. Bitterarm aufgewachsen, lernte er schon früh, sich durchzuboxen. Und zwar in Windeseile. Innerhalb kürzester Zeit schloss DeLorean ein Studium in Betriebswirtschaft und im Automobilbau-Ingenieurswesen ab und diente nebenbei auch noch bei Chrysler als Konstrukteur und bei der Army im Zweiten Weltkrieg. Sommer 1956, Detroit, Michigan: Oft kann ein simpler Anruf das Leben verändern. Als an diesem warmen Sommermorgen in der Wohnung von John Zachary DeLorean das Telefon klingelte und General Motors am anderen Ende der Leitung war, trat eben solcher Fall ein.

DeLorean arbeitete damals als Ingenieur in der Produktentwicklung der kränkelnden Packard Motor Company und wurde von einem Kopfjäger des US-Giganten abgeworben. DeLorean sollte bei der Pontiac-Division anfangen. Doch das war ein ziemlich fader Laden und produzierte nur Schrott von vorgestern. Pontiac war eine Langweiler-Marke, imagelos, ungefähr so fad wie heutzutage Seat oder Skoda. Die Marke mit dem Indianerkopf-Emblem produzierte bloß patscherte Cadillac-Kopien unter dem Motto „Will, aba kann ned“. Im Volksmund spöttelte man übrigens nur „Poor Old Nigger Think It’s A Cadillac“. Dementsprechend entsetzt war der junge John und wollte in diesem Ramschladen partout nicht arbeiten. Doch der damalige neue Chef von Pontiac, Semon E. „Bunkie“ Knudsen, ließ nicht locker und überredete schließlich den jungen Ingenieur. The American Dream Was nun folgte, war eine typisch amerikanische „vom Tellerwäscher zum Millionär“-Erfolgsstory a la Frank „Ich moch miar Soargn um Östarreich“ Strohsack. Na gut, wenigstens hat DeLorean seine Mitmenschen nie als Möchtegern-Politiker genervt. Gemeinsam mit Knudsen ging DeLorean also in Windeseile ans Werk und verpasste der Marke Pontiac ein sportlich-jugendliches Image, ließ regelmäßige Qualitätskontrollen durchführen und führte die verschiedensten Innovationen ein (über 200 Patente unter seiner 55


Riege bei Pontiac). Innerhalb von vier Jahren katapultierte sich die ehemalige Spießer-Marke von Platz Sechs auf Platz Drei der Verkaufsstatistik des US-Marktes. Pontiac wurde so etwas wie der amerikanische BMW: gute Qualität, logische Bedienbarkeit und starke Motoren. Und damit wären wir beim Muscle-Car. The Golden Age Of American Motoring Das Prinzip ist denkbar einfach: Kompakte Karosserie (für amerikanische Verhältnisse), gepaart mit bärenstarkem Motor. Also nahmen die Jungs bei Pontiac den leichtgewichtigen Tempest und statteten diesen mit der größtmöglich verfügbaren Motorisierung aus: dem 6,4 Liter V-Achtzylinder mit 325 Pferdestärken (mit einem optionalen Sechsfach- Vergaser waren sogar 348 PS möglich) und doppelflutiger Auspuffanlage. DeLorean, ein erklärter Ferrari-Fan, taufte den Wagen dann noch GTO (Gran Tourismo Omologato) und fertig war das Muscle-Car. Klar, Versuche in der Art gab es auch schon vorher, doch DeLorean wusste es perfekt zu vermarkten. Fahrwerk und Bremsen wurden weitgehend vernachlässigt, sodass der Wagen zwar hervorragend beschleunigte, doch nie wieder stehenblieb und Kurven wie der Teufel das Weihwasser fürchtete. Wurscht. Denn in Amerika geht es eh immer nur geradeaus. Der Tempest GTO kam Ende 1963 als 1964er Modell in die Showrooms und wurde zu einem durchschlagenden Erfolg, sodass es 1965 ein eigenständiges Modell wurde, das sich über 60.000 Mal verkaufte. Ford, Chrysler und AMC zogen mit, unaufhaltsam setzte sich die Erfolgsstory des Muscle-Cars fort, bis sie Anfang der 1970er durch horrende Versicherungsprämien und die Ölkrise ein jähes Ende fand. Schade, denn das Besondere, die Faszination an der Muscle-Car-Kultur war ihre Massentauglichkeit. Es war ein Traum, der erreichbar war. Jeder fleißige Amerikaner konnte sich diesen Wagen leisten, der sogar einen Ferrari auszubeschleunigen ver­ mochte. Im Gegensatz zu Europa, wo Sportwagen nur den Reichen vorbehalten waren und das Geschmeiß mit 34-PS-Käfern herumfahren musste. Ein unkontrollierbares Monstrum Nachdem DeLorean Pontiac vollständig saniert hatte, bekam er den Auftrag Chevrolet zu retten. Das war im Frühjahr 1969. Die Brotund Butter-Marke von General Motors war fast fünfmal so groß wie Pontiac und brachte fast die Hälfte aller Umsätze von GM am nord­

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amerikanischen Markt. Doch es herrschte dort seit gefühlten 30 Jahren innovativer Stillstand. Grund dafür war die ausschließliche Profitorientierung. Durch die Verwendung von immer billigeren Materialien und durch die Auslegung auf billigste Fertigungsme­ thoden blieb die Qualität auf der Strecke. Die unflexible Firmen­ hierarchie tat ihr Übriges: Mit jedem noch so kleinen Problem kamen die Mitarbeiter direkt zum Chef, um ihn entscheiden zu lassen. DeLorean hob diese lähmende Arbeitsweise auf, indem er die gesamte Firma in viele kleinere Verantwortungsbereiche strukturierte. Lange Rede, kurzer Sinn – letztlich bezwang er selbst diese Herausforderung und Chevrolet schrieb wieder schwarze Zahlen. DeLorean, der Visionär, wusste, dass es Zeit für einen echten Kleinwagen war, der VW Käfer verkaufte sich schließlich auch in den USA wie geschnitten Brot. Doch mit seinen Plänen stieß er bei der GM-Obrigkeit auf taube Ohren. „An großen Autos verdienen wir mehr“ lautete der Tenor der Chefriege, was soviel hieß wie: „Wenn wir weiter unseren Schrott verkaufen, sparen wir uns teure Ent­ wicklungskosten“. Und so wurde munter an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbeiproduziert. Ein Schuss ins Knie, wie uns die Geschichte 40 Jahre später lehrte. 2009 musste GM Insolvenz anmelden und der Staat mit Milliarden an Steuergeldern einspringen. Überhaupt wurde DeLorean den Oberen zum Dorn im Auge. Er passte mit seinen rebellischen Visionen, seinen italienischen Maßanzügen, seinem neu modellierten Kinn und mit Ursula Andress und Raquel Welch im Bett so gar nicht in das spießige Weltbild der GM-Obrigkeit. Steine wurden ihm in den Weg gelegt und Intrigen gesponnen. Sie kappten seinen Einfluss, indem sie ihn pro forma weit weg von Forschung und Entwicklung ins Top-Management zu einem der Vize-Präsidenten beförderten. Dort hielten sie ihn wie ein Maskottchen, mit dem sie sich nach außen hin ihrer Fortschrittlichkeit und Jugendlichkeit brüsteten. So wie die Firma Schwarze, Frauen und Mexikaner zum Vorzeigen hatte, wurde er zu ihrem Vorzeig-Hippie. Im April 1973 hatte John Z. die Schnauze voll und zog aus, um GM zu zeigen, wie man richtige Autos baut. Herbst 1982, London. In der 10 Downing Street tönten bereits um kurz vor Sechs muntere Klänge aus dem Radio. Miss Thatcher genoss es früh aufzustehen, denn die frühen Morgenstunden waren


die einzigen, die sie ganz für sich alleine hatte. Es waren Stunden der Harmonie und Stunden des Krafttankens, bevor ein stressiger Premierministerinnen-Alltag begann. Doch an diesem regnerischen Morgen kam alles anders. Es liefen die SechsUhr-Nachrichten als Margaret gerade dabei war, sich ihre Haare kunstvoll zur eisernen Lady hochzutoupieren. Doch trotz der über 40jährigen Routine rutschte sie diesmal, garniert von einem spitzen Schrei ihrer­ seits, mit dem Kamm ab. Grund dafür war John Z. DeLorean, dem sie vor Kurzem nochmals 30 Millionen Pfund an Steuer­ geldern für die Errichtung seiner Automobilfabrik in Nordirland nachgeschossen hatte und von dem sie gerade hörte, dass beim versuchten Verkauf von mehreren Kilo­gramm Kokain die Handschellen klickten. DeLorean wurde größenwahnsinnig. Ausschließlich mit der Concorde flog er regelmäßig zwischen New York und Belfast hin und her. In Dunmurry, einem Vorort von Belfast, hatte er innerhalb von nur drei Jahren ein Automobilwerk mit 2600 Beschäftigten aus dem Boden gestampft. Hier wollte er laut eigener Aussage „das beste Auto der Welt“ bauen. Es sollte ein ethisches, nachhaltiges, hoch modernes Sicherheitsauto werden. Ganz anders als die rückschrittlichen Kisten, die seine Ex-Firma GM produzierte. Doch wie es im Leben so oft ist, kam es anders. Dabei sah anfangs alles so gut aus: Über 20.000 Vorbestellungen gab es nach der Präsentation des ersten Prototypen 1977 auf der Detroit Motor Show. Dort stand

ein unglaublich fortschrittliches Auto mit betörender, von Giorgetto Giugiaro gezeichneter edelstahlbeplankter Kunst­ stoffkarosserie, einem Mittelmotorkonzept und hochmodernen Airbags. Der Erfolg schien garantiert, doch einen Prototypen zur Serienreife zu bringen ist ein ganz anderes Paar Schuhe. DeLorean ließ sich mit der Serienentwicklung viel zu wenig Zeit und musste dadurch viele schmerzhafte Kompromisse eingehen. Heraus kam ein unausgegorenes, ziemlich undurchdachtes Auto, dessen Achillessehnen ironischerweise seine schlechte Verarbeitung und der durstige, schwachbrüstige Motor wurden. Eine tückische Angelegenheit war auch das Fahrwerk: Der Motor wanderte von der Mitte nach ganz hinten. Somit konnte man hervorragend aus der Kurve fliegen. Ganz klar, die Hecksau wurde von der Fachpresse in der Luft zerrissen. DeLorean machte genau die gleichen Fehler, die er bei seiner verhassten Ex-Firma anprangerte. Besser als Gold Ende 1982 kam das endgültige Aus: Die eiserne Lady drehte den Hahn ab und die DeLorean Motor Company wurde unter Konkursverwaltung gesetzt. DeLorean startete den letzten verzweifelten Versuch, seinen Traum zu retten. Mit den Worten “Good As Gold. Gold Weighs More Than This, For God’s Sake.” wurde er beim versuchten Verkauf eines Koffers voll Kokain in einem Hotelzimmer am Flughafen von Los Angeles verhaftet. John Z. war auf einen alten Bekannten hereingefallen, der ihn mit schnellem Geld

und großem Gewinn lockte. Dieser alte Bekannte entpuppte sich aber als FBISpitzel, der seine Verzweiflung ausnutzte und damit einen der medienwirksamsten Prozesse in Amerika lostrat. Den DeLorean schließlich gewann. Was dort genau passier­ te, ist abendfüllend und wird uns demnächst von George Clooney erzählt werden, den man für die Rolle des Herrn DeLorean verpflichten konnte. Doch erholen konnte sich John nie mehr so richtig. Angeblich arbeitete er wie besessen an einem Nachfolger seines DMC-12, übers Reißbrett hinaus kam diese Idee aber nie. John Z. Delorean starb 2005, 80-jährig an einem Schlaganfall. Auf dem Partezettel stand der Spruch, mit dem DeLorean seinen geliebten DMC-12 anpries: „Live Your Dream“.

Delaurean-Fotos als Wallpapers downloaden von www.delaurian.com 57


Literatur

Spiegelbild Verfasst von Rafael Wagner, Foto von Janina Worba Er ist beliebt. Er wird gebraucht. Er ist Teil der so genannten „High Society“. Sein Haar ist perfekt gekämmt, sein Kinn glatt rasiert. Er steht mit freiem Oberkörper vor mir, in seinen zitternden Händen raucht eine Zigarette, an der er manchmal zieht. Ohne seinen Anzug sieht man wie blass er ist. Er wirkt ungesund. Nein. Krank. Nun ändert sich der Ausdruck in seinen Augen. Er wird das was ich will. Wenn ich ihn so ansehe und ihm in die Augen blicke, läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Die Angst in seinen Augen. Angst vor Schmerz. Angst vor mir. Es ist diese Angst, die ich brauche. Ich ernähre mich davon. Wie ein Schwamm der ins Wasser geworfen wird, sauge ich sie auf. Sie zeigt mir, dass ich etwas bewirken kann. Dass ich Einfluss habe. Dass ich nicht machtlos bin. Ich kann Angst verursachen. Ich sehe blutende Striemen auf seiner blassen Haut. Den Schmerz sehe ich nur in seinen Augen. Kein Muskel zuckt. Ich fühle mich frei, wenn ich ihn leiden sehe. Doch ich sollte nicht so lange vor dem Spiegel stehen. Man wartet auf mich.

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Literatur

Dass die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide Philosophische Betrachtung von Wolfgang Schatz, Foto von Olivia Fürnschuß

Mit diesem Schlegel-Zitat ist wohl alles über die Poetik gesagt, um Unwissenden hektarweise literarische Spielwiesen verfügbar zu machen – entweder, um genüsslich zu dilettieren, oder um sich ungeniert Machwerke reinzuziehen ohne in Erklärungsnotstand zu geraten – so auch dem Autor. Mein Kumpel der Kindheit – unsere Wege trennten sich nach der Pflichtschule – antwortete im Vorbeigehen (wir waren unterwegs zu Nachbarn) auf die Frage einer Tante, ob er wohl ein Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen wolle: „Na hob schon ans.“ Wir trotteten weiter und ich überlegte mir, welches Buch ich denn hätte. Mir wollte jedoch keines einfallen, womit ein weiterer kindlicher Schwanzvergleich vertagt wurde. Außerdem besuchten wir die Hühner der Nachbarn, um die Tauglich­keit unserer neuen Speere (umgebaute Schistöcke) unter Beweis zu stellen. Die Speere waren zwar scheiße, aber Stunk gab es trotzdem - wie immer. Jedenfalls war das mein erster bewusster Kontakt mit Literatur, mit dem Ergebnis, dass mein Interesse auf das geschriebene Wort, in unserem Haushalt, gelenkt wurde, wobei die Abbildung menschlicher Genitalien (gezeichnet in einem medizinischen Buch) dazu führte, die mehr oder weniger pornographischen Zeitschriften vom Großvater meines Kumpels aufzuspüren, was mit Stunk endete – wie immer (wir rächten uns an ihm, indem wir ihn mit ausgeblasenen Eiern bewarfen, was mit Stunk endete – wie immer). Jahre später – und Stunk wie immer (nur Keith Richards und Franz Klammer dürfen

alles machen, das haben sie sich ver­dient) – entgegnete ich auf die Ansage des zukünftigen Redakteurs, er werde ein Kulturmagazin publizieren: „Nocha schreib i a Kolumne.“ Als er dann anrief und fragte, wo denn nun die Kolumne sei, schrieb ich eine Kolumne und wartete auf Stunk – wie immer. Natürlich stellt sich die Frage, was ist gut und was ist schlecht. Es muss gemessen, gewogen oder sonst wie geprüft werden, um beurteilt werden zu können, womit wir bei den Regeln der Poetik sind, die – so verschieden die Schulen auch sind – auf Biegen und Brechen durchgesetzt und/oder verteidigt werden müssen. Jedoch alle Literaturapostel sind sich einig: Es muss gelesen werden! Nun gut, aber was denn nun? Das ist die Frage uniformierter Nonkonformisten, Fettnäpfchen vermeidend, in beschränkter Offenheit verharrend, damit man dem gewählten Rudel zugehörig ist, ohne sich dabei zu weit aus dem Fenster zu lehnen, um bei Bedarf problemlos die Seiten wechseln zu können, ohne Stunk – wie immer. Einerseits übersteigt die Vielfalt an Publikationen jedes menschliche Maß an Überschaubarkeit. Daher ist man entwe­der den Kritikern ausgeliefert oder man scheißt drauf und überlässt die Auswahl persön-

lichem Verlangen oder der Verfügbarkeit. Solange man daraus keine absoluten Wahrheiten ableitet, is’ eh ok. Andererseits entspricht es der eigenen Eitelkeit, die investierte Zeit nicht vergeudet zu haben, was in literarischen Diskussionen dazu führt, sich Stunk einzuhandeln – wie immer. Sieger ist immer der, der zu mehrt vorhanden ist. Aber ist die Meinung der Mehrheit deswegen richtiger oder nur demokratisch legitimiert? (Seinerzeit ver­ anlasste die Abstimmung „Atomkraft in Österreich, Ja/Nein“ meinen Vater zum Ausspruch: „Do baun s’ a Atomkroftweak und nocha gehen sie die olte Buachbairin frogn, ob si’s aufspern suln“.) Was ist Literatur? Keine Ahnung. 59


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Stimme & Körper | Teil 5

Stimme und Physik

Serie von Julia Gerger

Die Stimme ist schwer beschreibbar, aber leicht fühlbar. Auf jeden Fall ist sie aber zu einem gewissen Grad messbar. Mit dieser Messbarkeit werden wir uns im letzten Teil der Reihe „Stimme“ beschäftigen. Die physikalischen Parameter der Stimmgebung werden näher erläutert und wir werden preisgeben, wie und von wem man seine eigene Stimme eigentlich messen lassen kann.

Durch die Bewegungen der Stimmlippen werden Luftteilchen in eine wellenförmige Bewegung versetzt: Schall, den wir mit unserem Gehör wahrnehmen. Bei der menschlichen Stimme handelt es sich also um eine akustische Schwingung, ein Schallereignis, quasi ein menschliches Radio. Die menschliche Stimme unterliegt somit physikalischen und akustischen Gesetzen. Mithilfe von physika‑ lischen Einheiten kann die Stimme auch gemessen und dargestellt werden. Einige dieser Größen möchte ich nun näher beschreiben: Ein Klang besteht aus mehreren periodischen Schwingungen, die sich aus Grundton und Obertönen zusammensetzen. Die meisten Musikinstrumente erzeugen Klänge. Das organische, portable Musikinstrument Mensch produziert ebenso Klänge, nämlich die Stimme. Jeder Klang benötigt einen Resonator, einen Klangraum. In diesem Raum entsteht Resonanz. Das bedeutet, dass der erzeugte Klang gefiltert, verstärkt und gedämpft wird. Bei der Gitarre beispielsweise ist der Holzkorpus der Resonator. In unserem Körper über­nimmt das sogenannte Ansatzrohr diese Funktion. Das ist der Raum von den Stimmlippen bis zur Mundöffnung. In diesem besagten Raum gibt es für die Qualität der Stimmgebung entscheidende Areale. An bestimmten Punkten des Ansatzrohres werden nämlich die Obertöne des Klangs optimal verstärkt. Diese verstärkten Obertöne nennt man Formanten. Die Anzahl der Obertöne, die Lage der Formanten und der Grad an Verstärkung und Dämpfung der Obertöne entscheiden über die Klangfarbe einer Stimme (oder eines Instruments). Für SängerInnen bedeutet das, dass die adäquate Mundöffnung während der Klangerzeugung, sprich während des Singens, wesentlich zur Qualität der Stimme beiträgt. Je weiter und größer das Ansatzrohr, desto günstiger für die Resonanz und den Klang! Man kann dies deutlich bei OpernsängerInnen beobachten, die meist die Mundöffnung bis zu ihren Grenzen hin strapazieren und somit auch gewaltige Stimmklänge hinkriegen.

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Je nachdem wie schnell die Stimmlippen schwingen, entsteht eine bestimmte Tonhöhe (Frequenz). Wie sicher viele musik­interessierte LeserInnen bereits wissen, ergibt sich die Höhe eines Tons durch die Anzahl der Schwingungen pro Sekunde. Die Einheit ist Hertz (Hz). In der Musik werden die Frequenzen mithilfe von Buchstaben festgelegt. Der Kammerton a1 liegt bei 440 Hz. Die Spannung der Stimmlippen ist bei hohen Frequenzen erhöht und bei tiefen gering. Zu guter Letzt: Die allseits beliebte und umstrittene Lautstärke. Die Lautstärke ist von der Höhe des Drucks abhängig (bei der Stimme: der Luftdruck der Atmung), der auf das schwingende Medium ausgeübt wird und wird in Dezibel (dB) gemessen. Die Stimmlippen sind bei leisen Tönen dünn und bei lauten verdickt. Aus all dem ergeben sich bestimmte Umfänge für die menschliche Stimme. Die sogenannte „Mittlere Sprechstimmlage“ definiert eine Stimmlage, die im Alltag als am wenigsten anstrengend empfunden wird. Bei Frauen liegt diese Stimmlage circa zwischen f - c1 und bei Männern häufig zwischen F - c. Die Lautstärke beim durchschnittlichen Sprechen liegt bei ca. 70 dB. Während des Sprechens liegt die Modulation circa bei ½ - 1 Oktave, je nachdem wie aufre­ gend die zu erzählende Geschichte abläuft. Bei spannenden Szenen kann die Lautstärke um circa 20 dB anschwellen, beim Mitteilen von Geheimnissen wird sie sich wohl eher um 20 dB minimieren. Wie in den vorherigen X-Rockz-Ausgaben besprochen wurde, ist die Atmung für die Stimmgebung unerlässlich. Der Unterschied von Sprech- und Singstimme äußert sich dabei unter anderem durch verschiedene Verhältnisse beim Ausatmen. Das Verhältnis von Einatmung zu Ausatmung beträgt beim Sprechen maximal 1:8. Beim Singen und Jodeln allerdings kann das Verhältnis bis 1:50 betragen. Durch diesen Unterschied und den erhöhten Luftdruck ergeben sich beim Singen andere Normwerte als beim Sprechen. Das Frequenzspektrum der Singstimme liegt bei circa 50 – 2500 Hz und wir können maximal bis zu 120 dB laut werden!

Berufsverband logopädieaustria: http://www.logopaedieaustria.at


und Sängerin und stellte uns schon in Den letzten vier Ausgaben des X-Rockz-Magazins ihre Fachkenntnis zur Verfügung.

Berufsverband logopädieaustria

Julia Gerger BSc ist Logopädin

Wobei die normale gesunde Stimme einen Umfang von 55 – 90 dB erreicht. Ein physiologischer Stimmumfang liegt bei untrainierter Stimme bei etwa 2 Oktaven. Die persönlichen Stimmparameter können mittels einer Stimm­ feldmessung ermittelt werden. Diese Messung wird von Logo­ pädInnen, meist in Krankenhäusern, durchgeführt (in Graz im Elisabethinen Spital und an der phoniatrischen Abteilung- LKH). In der Grafik seht ihr ein Beispiel einer Stimmfeldauswertung bei einer Sängerin. Die Graphik „Singstimmfeld“ zeigt anhand der drei eiförmigen Kreise den Normbereich an. Der innerste Kreis steht für die untere Norm, der mittlere für den Durchschnitt und der äußere Kreis für den oberen Normbereich. In der Graphik „Sprechstimmfeld“ ergeben sich natürlich andere Resultate, wobei das Rufstimmfeld (höchster Wert der y-Achse) die maximale Lautstärke im Bereich „Sprechen“ darstellt.

Grafische Darstellung eines Sprechstimmfeldes (weiblich)

Als SängerIn kann eine derartige Messung beispielsweise darüber Aufschluss geben, in welchen Bereichen man sein Stimmfeld erweitern könnte oder ob eventuell sogenannte Registersprünge zu beobachten sind. Dies bedeutet, dass der Übergang von Bruststimme zur Kopfstimme nicht kontinuierlich verläuft. Eine typi­ sche Schwierigkeit beim Singen, deren Meisterung man aber problemlos erlernen kann. Zu guter Letzt möchte ich betonen, dass die Abstraktheit der Stimme und die hohe emotionale Komponente natürlich nicht messbar sind. Dafür aber umso fühlbarer. Wie in dem ersten Teil der Reihe „Stimme“ erwähnt, weist unser Klang eine Vielzahl von Attributen auf. Wir klingen präsent, präzise, sachlich oder stockend. Beruhigend, sonor, entspannt, kernig, erotisch und sexy. Brilliant, zurückhaltend, füllig, zerbrech­ lich, schneidend, gedämpft, melodisch, monoton, fest, zittrig, warm, hell, weich … Quelle: Hammer, S. S., (2003). Stimmtherapie mit Erwachsenen. Springer Verlag, Seiten 11 - 23

Grafische Darstellung eines Singstimmfeldes (weiblich)

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Zuerst das Negativ, dann die Schuhe Nun stand der unbegrenzten Vervielfältigung der Bilder nichts mehr im Weg. Zeitreise von Birgit Kniebeiß

Fast zur gleichen Zeit wie Daguerre in Frankreich, entwickelte William Henry Fox Talbot in England ein praktikables fotografisches Verfahren. Talbot war ein Angehöriger der gebildeten Oberschicht, welcher sich auch für viele andere Wissenschaften interessierte. Seine Hauptmotivation, sich mit der Fotografie zu beschäftigen, entstand wohl daraus, dass er auf zahlreichen Bildungsreisen die wunderschöne und fremde Landschaft abbilden wollte. Es war für ihn äußerst unbefriedigend, die Natur nur nachzeichnen zu können, da für ihn der „… treulose Stift auf dem Papier nur traurige Spuren hinterlassen hatte“. Im Frühjahr 1834 arbeitete er – im Unterschied zu Daguerre, der Metallplatten verwendete – mit durch Kochsalz und Silbernitrat lichtempfindlich gemachtem normalem Schreibpapier. Zuerst platzierte er Gegenstände auf dem Papier und ließ es durch die Sonne belichten, womit er zum Urvater der Fotogramme wurde. Was ist ein Fotogramm? Bei einem Fotogramm benötigt man keine Kamera wie bei der Fotografie, sondern lediglich lichtempfindliches Material, Gegenstände, die man darauf platzieren möchte und eine Lichtquelle wie zum Beispiel die Sonne. Je nachdem, wie lichtdurchlässig die platzierten Gegenstände sind oder in welchem Abstand sie sich zum lichtempfindlichen Material befinden, werden die entstehen62

William Henry Fox Talbot den Konturen und Schatten des Objekts abgebildet. Durch das Bewegen der Gegenstände oder der Lichtquelle während der Belichtung ist es möglich, auch andere Effekte hervorzurufen. Später nahmen sich einige Künstler dieser Technik an, wie zum Beispiel Moholy-Nagy, Schad und Man Ray, um nur einige zu nennen. Talbot verfeinerte seine Technik so, dass er die präparierten Papierstücke auch in einer Kamera verwenden konnte. Am 8. Februar 1841 ließ er sein verbessertes Verfahren unter dem Namen Kalotypie patentieren. Der Name leitet sich aus dem Griechischen von kalos = schön und typos = Druck her. Der größte und wichtigste Unterschied zur Daguerreotypie liegt wohl darin, dass die Kalotypie ein Negativ-Positiv-Verfahren ist, welches die Vervielfältigung eines fotografischen Bildes erlaubte. Ein weiterer Vorteil ergab sich durch das Einführen einer Entwicklerflüssigkeit, welche die Belichtungszeit drastisch verkürzte. Ein relativ schwaches Lichtsignal lässt sich durch Entwicklung erheblich verstärken. Das Prinzip funktioniert so: Früher belichtete man ein Bild solange, bis das Abzubildende darauf erschien, Talbot entdeckte, dass sich schon bei einem kurzen Belichtungsvorgang die Beschaffen-


heit der Silbersalze veränderte, sodass sie durch eine chemische Nachbehandlung zu Silber reduziert werden konnten. Nur wenige Atome werden durch die direkte Lichteinwirkung zu Silber reduziert, Zehntausende jedoch durch die Entwicklung. Er belichtete das Negativ nur kurze Zeit, bis sich ein latentes Bild (nicht sichtbar) darauf ergab, welches dann erst durch die Entwicklerflüssigkeit im Labor sichtbar wurde. Dieses Verfahren, die Entwicklung des „latenten Bildes“, erwies sich auch für die meisten späteren Verfahren als grundlegend. Dieses Positiv-Negativ-Verfahren wurde von Talbot so optimiert, dass es ihm möglich war, einen Bildband mit dem Titel The Pencil of Nature herauszugeben. Pro Ausgabe benötigte er 24 Kalotypien. Insgesamt brauchte er Tausende von Abzügen für sein Vorhaben. Seine Motivation, solch ein Buch herauszugeben, war nach eigener Aussage „etwas von den ersten Anfängen eines neuen Verfahrens zu dokumentieren“. Obwohl dieses Verfahren mehr Vorteile hatte, fand es bis etwa 1960 keine starke Verbreitung. Dies lag zum einen daran, dass die Daguerreotypie stark von der französischen Regierung und der Öffentlichkeit getragen wurde. Man betrachtete die Weitergabe der Erfindung als Geschenk Frankreichs an die Welt. Talbot dagegen bekam keine offizielle Unterstützung, die Royal Society lehnte es sogar ab, seine Arbeit über die Fotografie in ihren regelmäßigen Veröffentlichungen zu berücksichtigen. Auch in den Verei­nigten Staaten war sein Verfahren so gut wie nicht existent. Ein weiterer Grund für die zaghafte Verbreitung dieses Verfahrens war Talbot wohl selbst zuzuschreiben. Talbot bestand sehr vehement auf die Kontrolle seines Patents und das Einheben von 100 bis 150 Pfund jährlich von jedem, der Kalotypien herstellte. Dies wurde zu einer fast unerträg­ lichen Belastung für die Fotografen,

Beispiel für Kalotypie weshalb Vorsitzende der Royal Academy an Talbot appellierten, seinen Griff diesbezüglich zu lockern. 1852 gab er die Kontrolle über sein Patent auf, außer in den Fällen der gewerblichen Nutzung. William Henry Fox Talbot baute mit der Erfindung des Positiv-Negativ-Verfahrens, welches die Vervielfältigung eines Bildes ermöglicht, die Grundlage für die Fotografie wie sie verwendet wurde, bis die digitale Fotografie ihren Vormarsch hatte. Nicht nur Talbot musste unter der Vorherrschaft der Daguerreotypie leiden – auch ein Landsmann von Daguerre schaffte es mit seiner Erfindung nicht zu Ruhm oder Geld. Zur gleichen Zeit wie Talbot oder Daguerre, ab 1839, entwickelte der Franzose Hippolyte Bayard seine „Dessins photogéniques“ – Fotogramme von Pflanzen und gewebten Spitzen. Er verwendete genauso wie Talbot keine Metallplatten, sondern behandeltes Schreibpapier. Der Weg zu Ruhm und Erfolg wurde ihm leider von den französischen Behörden verwehrt. Diese hatten sich entschlossen, die Daguerreotypie zu verwerten. Obwohl Bayards Verfahren genauer dokumentiert war und vielversprechender erschien, wurde es abgelehnt. Betroffen von der verlorenen Anerkennung verarbeitete er sein Scheitern als Erfinder in einem der ersten Selbstportraits, die je gemacht wurden. Er stellte sich selbst als Leiche dar, mit einem „Abschiedsbrief“ auf der Rückseite: „Die Leiche des Mannes, die Sie umseitig sehen, ist diejenige des Herrn

Bayard … Die Akademie, der König und alle diejenigen, die diese Bilder gesehen haben, waren von Bewunderung erfüllt, wie Sie selber sie gegenwärtig bewundern, obwohl er selbst sie mangelhaft fand. Das hat ihm viel Ehre, aber keinen Pfennig eingebracht. Die Regierung, die Herrn Daguerre viel zu viel gegeben hatte, er­klärte, nichts für Herrn Bayard tun zu können. Da hat der Unglückliche sich ertränkt. H.B., 18. Oktober 1840.“ – Auszug zitiert nach André Jammes: Hippolyte Bayard: ein verkannter Erfinder und Meister der Photographie. Bucher, Frankfurt/Main, Luzern 1975, Abb. 21 Dieses doch etwas makabere Selbstportrait sicherte Bayard schließlich einen festen Platz in der Geschichte der Fotografie als erster Fotofälscher der Welt. Der Name Talbot taucht nicht nur im Bereich der Fotografie auf – auch in vielen anderen Wissenschaften fühlte sich der Engländer heimisch und verewigte sich mit Entdeckungen wie zum Beispiel in der Mathematik mit „Talbots Kurve“, in der Physik mit dem „Talbot-Effekt“ und dem „Talbot“ (einem Namen der Einheit der Lichtmenge), in der Psychologie mit „Talbots Gesetz“, in der Botanik mit zwei Spezies, die nach ihm benannt sind und in der Astronomie mit dem Mondkrater Talbot, der 1976 nach ihm benannt wurde. Seinen Lebensabend verbrachte er mit Übersetzungen aus dem Assyrischen. Der beste Nachruf auf einen der Urväter der Fotografie erschien nicht in einer Foto­ zeitschrift, sondern in den „Transactions“ der Gesellschaft für biblische Archäologie. 63


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Augmented Reality Ich habe eine App dafür Text: Simone Jahrmann, Fotos: Vjeran Lisjak und www.rjdj.me

Stell dir vor, deine Musik in deinen Ohrstöpseln versucht nicht, gegen den ganzen Alltagslärm, gegen den du dich damit schützen willst, anzukämpfen, sondern nimmt sie wahr und verändert sie so stark, dass er erträglich wird. Oder macht daraus ein Spiel, oder gleich eine neue Dimension. Und dies kann für mehrere Bereiche sinnvoll sein. Beispielsweise gibt es genug Apps, die dir beim Einschlafen helfen sollen – Geplätscher, Vogelge­ zwitscher und Ambient Music sind nur einige der „Methoden“. Aber dass dir dein Smartphone die störenden Umgebungsgeräusche aufnimmt, sie filtert und mit angenehmen Sounds sampled, ist die Königsklasse der Einschlaf-Apps. Die wohl bekannteste App zu Augmented Reality Sounds ist die zu dem Film Inception. Hans Zimmer, der Komponist des Soundtracks, wollte eine Möglichkeit zur Veränderung der Umgebungsgeräusche auf das Smartphone bringen, um wie im Film Realität und Virtualität verschwimmen zu lassen. Sobald du die „Traumwelt“ betrittst, ändern sich die Geräusche deiner Umgebung, kommen zu dir zurück, oder vermischen sich mit den Sounds von Inception. Es ist durchaus auch unheimlich, diese Welt zu betreten. Du musst in diesem „Spiel“ nicht nur aktiv sein, sondern meisterst manche Stadien in absoluter Stille. Oder es muss einfach nur Mitternacht werden. Oder Vollmond. Es passiert mehr um dich herum als auf deinem iPhone-Screen oder deinen Ohrstöpseln. Die App kann auch dein täglicher Begleiter werden, der deinen Alltag etwas aufmischt.

Auch der Film The Dark Knight Rises hat seine AR-App bekommen. Ähnlich gedacht ist von den gleichen Machern auch Dimensions, die verspricht, dich in andere Dimensionen zu entführen. Noch interessanter ist dies für Musik. Wenn sich die Musik je nach Umgebung verändert, bekommt man das Gefühl, sich in der Musik zu befinden. Dafür entwickelten die Männer von Rjdj die gleichnamige App, die allerdings nicht mehr erhältlich ist. Aber gerade für Musiker bietet es viele neue Möglichkeiten, Musik zu machen oder herumzuexperimentieren. Um Umgebungssounds selbst zu mischen und deren Herr zu sein, kannst du mit Rj Voyager mit mehreren Tracks als DJ deine eigenen Mixes kreieren. Mach doch einfach aus Baustellenlärm einen Dubstep Mix! Google bastelt gerade an einem Augmented Reality Music Player. Er soll die Musik danach auswählen, wo wir uns gerade befinden. Die Air France hat sich etwas anderes überlegt und nutzte für ihre App Air France Music Augmented Reality, in der man das Album erst durch gewisse Aktionen (z.B. Handy gegen den Himmel halten) nach und nach freischaltet und auch „hidden tracks“ finden kann. Alle geschilderten Apps gibt es nur für iPhone, iPad und iPod Touch.

Augmented Reality, zu Deutsch „erweiterte Wirklichkeit“, meint eine virtuelle Erweiterung der Realitätswahrnehmung durch digitale Zusatzinformationen. Eine visuelle Einblendung von Objekten und Inhalten ist bereits weit verbreitet, doch auch mit Geräuschen und Wahrnehmung lassen sich einige Experimente anstellen.

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X-Wort-Rätsel 1

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von Birgit Kniebeiß und Emanuel Plauder

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Waagrecht:

1. Millionen tummeln sich in dieser Online-Welt, um epische Schlachten zu schlagen; 12. Macht nicht immer lustig, sondern manchmal auch stinkig; 15. Um sich zu retten oder darauf zu wohnen, sollte dieses Fortbewegungsmittel nicht länger als 11 Meter sein; 16. Einfaches Sitzmöbel ohne Lehne; 17. Dies gibt’s reichlich in Bud-Spencer- und Terence-Hill-Filmen; 18. Engl. f. „zu“; 20. Der Kontrollator fällt in Zeichentrickfilmen öfter vom Himmel; 24. What a Lady means when she says, “No”; 28. Slimers geisterhafte Absonderung; 29. Kf. f. Time-Code-Reading; 31. Mr. Depp in seiner schneidensten Rolle; 34. Leere Hand mit Schlagkraft; 37. Dieser Bär machte Mark Wahlberg das Leben schwer; 43. Ohne Kochen, Braten oder Backen; 44. In der Antike verband sie Ortschaften und Städte; 45. Nur ein itsy-bitsy-bisschen Stoff zur heißen Jahreszeit; 46. Der Amerikaner kaut ihn zu Blasen; 47. Der Befehlende gegenüber dem Knechte; 49. Niederländischer Schnittkäse aus Kuhmilch; 50. Ob die Rede von einem Mann oder einer Frau ist, kann man an Hand dieser Namensabkürzung nicht feststellen; 52. Kf. f. Nation; 53. Wenn sich die Haarpracht zur Kugel formt; 54. Wesentlich heißer als eine Lampe, wenn es kalt wird, kann es nicht mehr fließen; 58. So wird ein Kästchen oder eine Schachtel in Schweden genannt; 59. Adams sündige Versuchung; 63. Die Ummantelung eines Makis, die uns sonst nur das Urlaubsvergnügen verdirbt; 65. Von anderen Menschen getrennt und abgeschieden; 66. Dieser Hawaiianer sang: „Somewhere over the Rainbow“; 67. Dieses Wort kann man jemandem anbieten; 68. Wer sich zusammen nehmen will, sollte sich am Gesuchten reißen; 69. Ob kurz oder lang, damit ist man immer angehängt; 70. Darmspülung;

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Senkrecht:

2. Einer der begehrtesten goldenen Glatzköpfe; 3. Auch Sahne oder Obers genannt, hat mit dem Arbeitsspeicher nichts zu tun; 4. Eine Hansestadt; 5. Obama ist wohl einer der Bekanntesten; 6. Sohn des Agamemnon; 7. Kf. f. Europäischer Wirtschaftsraum; 8. Typische Hamburger Witze handeln von der kleinen Namensgeberin; 9. Nachlassempfänger eines Verstorbenen; 10. Der wohl bekannteste Ostfriese; 11. Zeichnung durch Licht; 13. Kf. f. London Symphony Orchestra; 14. Eine Anhäufung von Material; 19. Wenn in Spanien nichts, aber auch gar nichts mehr da ist; 21. Entweder ein Haustier oder Kunst­ stoff; 22. Kf. f. Abwasser; 23. Die „Liebe zum Saturn“ zeigt sich in einem Schmuckstein; 25. Dieses Musical handelt nicht von der Band BAAB; 26. Ziemlich verschwommene britische Rockband, die nicht nur zwei Songs geschrieben hat; 27. Kf. f. Magnet-Resonanz-Tomographie; 30. Woran die Trauben hängen; 32. All you need is …; 33. Die drei sportlichsten Streifen der Welt; 35. Sie besteht aus dem Venushügel, den Schamlippen und der Klitoris; 36. Denkorgan, wird meist mit Ei verspeist; 38. Schriftsteller, dem in Prag der Prozess gemacht wurde; 39. Der männliche Namensverwandte von Ermi; 40. Wenn es nach Die Ärzte geht, scheint die Sonne auch für die „Neuen“ nicht; 41. Tropische kugel- oder birnenförmige Beerenfrucht; 42. Ursprünglich 68.000, heute nur noch 3.300 km2 kühles Nass; 48. Die Grunge Erbin stopfte mit dieser Band ein musikalisches Loch; 51.) bezeichnet eine Gesetzeskonformität; 55. Umrundete die Erde 86.325 Mal; 56. „So ist es“ am Ende des Gebets; 57. Der Titel „längster Fluss der Welt“ wird ihm nur vom Amazonas streitig gemacht; 60. … und davon; 61. Umgangssprachlich für Amerikaner; 62. … sagt der Deutsche wenn er nein sagen will; 64. Dieses Wort kann man jemandem anbieten;


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X-Rockz Magazin - Ausgabe 07 | April 2013  

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