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Das u na b h ä ng ige ö s te r re ic h is c he Ku ns t - & Ku l t u r mag a z i n Das u na b h ä ng ige ö s te r re ic h is c he Ku ns t - & Ku l t u r mag a z i n #06

Ausgabe 06/Special-Edition 01, 01/13 AT: 12,90 €

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#06

06

ISSN 2224-4999


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Editorial

X-Rockz-Magazin web: www.x-rockz-magazin.com e-mail: redaktion@x-rockz-magazin.com fax: +43(0)316 8363 12 mobil: +43(0)650 215 0975 Herausgeber/Initiator: Günther Golob Sitz/Abonnenten-Verwaltung: Moserhofgasse 54 Top 53, 8010 Graz/Styria/Austria/Europe Chefredaktion: Günther Golob Art Direction: Petra Höfler Cornelia Schwingenschlögl

Layout/Gestaltung: Petra Höfler Cornelia Schwingenschlögl Gerald Senger Fotografen:

Anna M. Fiala Christopher Mavric Peter Purgar Katrin Kreiner 1st--Avenue Martina Berger Mirja Geh Michael Hametner Jasmin Kabir Markus Osanga Tobias Adel

Dirk Behlau Blaine Davis Michael Dohr Evil Frog Nikolai Friedrich Olivia Fürnschuß Günther Golob Derrick Green D. Hermes Janina Worba Matthias Heschl

Simone Jahrmann K. B. Cat. Kris Kind Birgit Kniebeiß Alexandra Linortner Mikel Muruzubal Sebastian Patter Anita Raidl ShotShotShot Else Roymans/Gig-Pix.com Heimo Ruschitz

Olivia Fürnschuß Peter Gigerl Peter Josel Anne Kahle Franziska Kleinschmidt Martina Berger Michaela Krucsay Rickey Tai Toaster Mag. Evelyn Walland Matthias Alber

Clemens Berndorff Igor Pucker Gunter Dorner Julia Gerger Lisz Hirn Simone Jahrmann Birgit Kniebeiß Thomas Kraus Catrin Neumayer Matthias Fabsits

Autoren: Emanuel Plauder Anita Raidl Wolfgang Schatz Sarah Schönwetter Cornelia Schwingenschlögl Mag. Reinhard Strauss Wolfgang Trummer VICTORY Advertising Agency Rafael Wagner Andrea Stift

Verlag: Günther Golob – Buch-, Kunst- & Musikalienverlag Moserhofgasse 54 Top 53, 8010 Graz/Styria/Austria/Europe Country of Distribution: Austria (AUT) – ISSN: 2224-4999 Anzeigenverkauf: mobil: +43 699 18 12 64 33 e-mail: sales@x-rockz-magazin.com Verantwortlich für Bild und Text: Günther Golob

X-Rockz-Magazin behält sich sämtliche Rechte, Satz- und Druckfehler vor. Aus Gründen der Satzschönheit und Lesbarkeit verzichten wir auf explizites Gendern. Alle unsere Artikel sind an offene, interessierte Menschen gerichtet, und zwar unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe oder ihrer Lieblingsspeise.

Liebe Freunde, geschätzte Kollegen, werte Leser, die erste Special-Edition des X-RockzMagazins ist da. Darin haben wir das Beste aus allen vergangenen Ausgaben für Euch zusammengefasst. Ab der Seite 11 findet Ihr einen ausführlichen und grandiosen Bildbericht vom 1. X-Rockz-Circus, den wir am 1. Dezember 2012 für Euch in der Grazer Stadthalle veranstaltet haben. „Sehen, staunen, fühlen & genießen“ war das Motto.

Foto: Anna M. Fiala

IMPRESSUM/INFO

Wie geht es nun mit dem X-Rockz-Magazin weiter? Die Zeichen der Zeit deuten immer mehr in eine digitale mediale Zukunft, weswegen nur noch Specials als PrintEditions erscheinen werden. Stattdessen wird die Internetpräsenz zum multimedialen und teilweise interaktiven Online-Magazin ausgebaut werden. Wir wissen, dass nicht nur unsere Leser diesem Trend immer mehr folgen, sondern auch Künstler und Werbepartner einen Aufmerksamkeitsmittelpunkt im Internet anstreben, da dadurch schnelle, gezielte Information und globale Reichweiten erlangt werden. Damit wird eine Plattform, die Interessen vereint und so aus der Masse herausragt und die Aufmerksamkeit bündelt, immer wichtiger. Als solche versteht sich das X-Rockz-Magazin im Bereich Kunst und Kultur. Es werden interaktive Bildportale und Bereiche zur Veröffentlichung von Web­storys eingerichtet. Es wird neben den gewohnten spannenden Berichten und Storys über Künstler und themenaffinen Unternehmen auch Videoberichte und exklusive Interviews und vieles mehr geben. Euren Eventkalender, den Ihr selbst mit Euren oder für Euch interessanten Veranstaltungen bestücken könnt, findet Ihr weiterhin, genauso wie die heißbegehrten Rätsel, auf der Webseite. Des Weiteren habt Ihr die Chance, Euer kreatives Netzwerk auszubauen: Einmal kostenlos registriert, könnt Ihr Euch mit allen anderen unterhalten, sei es mit Grafikern, Musikern, Autoren, Filmemachern, Malern, Werbetextern und Artisten jeglicher Art. Zurzeit arbeiten wir an einer App um den Online-Zeitungskiosk für Euch zu bestücken. Unser Schwerpunkt bleibt, Euch Wissenswertes in vielen Sparten der Kunst zu bieten, seien es neue Technologien, aufstrebende Künstler, Insider-Tipps, unterhaltsame Kolumnen, Sinnvolles aus dem Web oder neue Trends und Möglichkeiten. Um noch mehr Features und Services für Euch bereit zu stellen, streben wir eine Kooperation mit einem namhaften Verlag im deutschsprachigen Raum an, der unsere Interessen im Bereich Multimedia teilt und vertritt. Es bleibt also sehr spannend, kommt vorbei und stöbert auf unserer Webseite www.x-rockz-magazin.com An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön für die Treue an unsere Werbepartner, Leser, Künstler und alle Gönner des X-Rockz.-Magazin. Wir wünschen Euch ein gesundes, erfolgreiches und kreatives Jahr 2013! WEITERHIN AUF GUTE ZUSAMMENARBEIT! Das Leben ist ein Theater und die Welt ist ein Zirkus!

Günther Golob http://www.x-rockz-magazin.com, https://www.facebook.com/XRockZMagazin, redaktion@x-rockz-magazin.com

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Inhalt 09

X-ROCKZ-CIRCUS: Das Leben ist ein Theater

11

Aussteller

Sehen, fühlen, staunen & geniessen

Dr. Christian Stuhl, Cuntra La Kunsthure, C.B.Cat, Peter Purgar, Zombines Monstrositäten, Emil Srkalovic, Shoeparty Graz, Pinky Bonita Studios, Ritter Nails

16

Wild at Heart

Die Geschichte einer Tanz- und Modeschow

20

Couch Geschichten

Interviews

25

Impressionen

Bilder erzählen

28

Die Kunst der Verführung

Burlesque Circus

30

Cosmic Circle

Feuer, zieh mit mir

32

Coy

Leidenschaft ist ansteckend

33

Saint Lu

Eine Stimme voller Soul´n´Roll

34

LastDayHere

Modern Melodic Metal

Juristisch/Wissen 06 Mag. R. Strauss

Juristische Themen speziell zur Künstlerbranche TEIL 1–5

151

Recherchiert

48

Unsere Wahrnehmung, Töne des Universums, Im Auge des Betrachters, Der erste Akt, Bildtechnologie, Ein Reim soll es sein, Was wir hören, Synästhesie, Sinn – Sinne, Stimme und Person, Stimme und Körper, Stimmhygiene, Der Beginn der Fotografie, Die Daguerreotypie, Best Of Apps

Musik Ray Childish

Interview

52

Harald Federer

Love, Peace & Guitars

54

Privelege Of Approval

Modern Deathmetal from Styria

56

Channel Zero

Festivalbesuch von C. Schwingenschlögl und B. Kniebeiß

59

Fippies

Die multikulti(gste) Band

60

Stefan Wedam

Keine Ausreden – Keine Kompromisse

64

Slip Into

My World Of Music

65

Oliver Majstorovic

66

Kunst um sich selbst zu finden

Free party for free people

X-Rockz taucht in die bunte Welt des Goa ein

68

Sepultura

It´s really only Rock´n´Roll

70

Wolfis Vinyl-Ecke

Lyrischer Hard-Rock vom Feinsten – Mountain, Das Beste vom Besten – Jazzrock, Swingender Folk Rock – Strawbs

Szene 40 Baltimore: Cafe-Pub

Not just a cafe, but a way of life …

42

1st Avenue

Model Academy & Model Agency

44

Mitzi May

Das Comeback der Burlesque

46

The new face of love

73

Kunst Jörg Vogeltanz

Nie zweifeln, dass Es passiert

77

Jörg Stefflitsch

78

The Scary Guy

Von Suche und Selbstbehauptung

Joey Davis

Bake a bread. Eat your job. Sleep in time.

80

Beef statt Bacon

Ein Besuch beim Grazer Künstler Josef Wurm

84

Michael Dohr

Kunst der Gegensätze


86

K.B.Cat - Katharina Bianca Vitkovic

Kunst, gezeichnet vom Leben

88

Kris Kind

90

Design Shot Shot Shot

Motion Design

80

David Angelo Tschmuck

Schicht für Schicht

Science Fiction, Nintendo & Sin City

Fotografie 92 Anna-M. Fiala

Mensch und Natur in Kombination mit Fantasie und Wirklichkeit

94

Christopher Mavrič

Die Kunst der Fotografie

96

Alexandra Linortner

Der Ritt auf dem Honigkuchenpferd

98

Sebastian Patter

Mehr als nein können sie nicht sagen

104

Mirja Geh

Eine fliegt mit den Adlern

106

122

Judith Wille

Wo ein Wille, da ein Weg

124

Young Jean Lee

Über Religion und Identitätssuche

Literatur 126 Poetry Slam

Was ist Poetry Slam? Slammen was geht!!

128

Andreas Unterweger

130

HC Roth

Ich würde erst aufhören zu schreiben, wenn mir nach einem Unfall beide Arme fehlen würden

131

Katerina Černa

Ich seh mich selbst bunt

132

Markus-Peter Gössler

Über Zeigefingertheater und die Notwendigkeit, zu sich selbst zu stehen

134

Twitter

Die Renaissance der philosophischen Gedankensplitter

136 137

Wie Katzen Rickey Tai Toaster

Postcard from the 80’s – Liebe Barbie!

Cornelia Travnicek

Imagine

Margit Kmentt

138

Es ist nicht wichtig wo es passiert, sondern DASS etwas stattfindet

Literatur auf Schleuderkurs

108

Derrick Green

140

Clemens Berndorff

Heute sitzen wir vorne! DMC-12: Das Schaf im Wolfspelz

144

Wolfgang Schatz

Vom Sich-gegen-seitig-Zucker-in-den-Arsch-blasen (GeZuidAb)

146

Julia Gerger

Special moments in time

Film 110 Der Hansi und die Knutsch-Girls

Der Steinegger Hansi hat einen coolen Job

114

Space Tours – Mission E.V.A

Der schlechteste Film aller Zeiten

Bühne 116 Stefan Moser

Vom Messen lesen auf die Bühnen Österreichs

118

Konstantin Wecker

Die Poesie begleitet mich wie ein täglich Brot

147

Alle Jahre wieder

Julia Gerger & Peter Josel

Wos is do los?

148

Michaela Krucsay

Horror vacui

149

Lisz Hirn

De Sades’s daughter, Calypso’s Lament No. 13

150

Rafael Wagner

Perfektion


Mag. R. Strauss Juristische Themen speziell zur Künstlerbranche, betreut von rechtsanwalt

Fotos von Alexandra Linortner, Christopher Mavricˇ

Mag. Reinhard Strauss

Musik und Recht, das wird von Musikern oft so empfunden, als würde man vor dem Sex mit seinem Partner einen Vertrag darüber aufsetzen, was erlaubt ist und was nicht. Das Prickeln ist damit jedenfalls dahin, und was bleibt sind langweilige Regeln. Diese Ansicht könnte aber gar nicht irriger sein. 6

Das Brot für die Kunst Wenn der Verkauf von Platten heute nichts mehr einbringt, müssen sich die Musiker wohl der Frage stellen, aus welchen sonstigen Quellen Einnahmen fließen können. Die beiden derzeit wohl wichtigsten Einkunftsmöglichkeiten sind einerseits Tantiemen aus Radioeinsätzen, andererseits die Gagen für Livegigs. Damit sind auch schon zwei weitere wesentliche Rechtsfragen angesprochen, nämlich das Urheberrecht an Kompositionen und Texten und das Rechtsverhältnis zu Veranstaltern. Um diese beiden Quellen möglichst am Fließen zu halten, sollte man wissen, wie man Songs schützt und anmeldet, bzw. welche schriftlichen Vereinbarungen man am besten vor einem Auftritt mit einem Veranstalter schließt.


Die Band

Jede Band ist ein Rechtsgebilde, unabhängig davon, ob die Bandmitglieder das wollen oder nicht. Das beginnt bei der Frage, ob nun alle gemeinsam oder auch nur einzelne Bandmitglieder über den Bandnamen verfügen dürfen, geht weiter zur Entscheidung, ob beispielsweise ein PA-System gemeinsam angeschafft wird, wie Einkünfte zu verteilen sind, wie es um die Rechte an gemeinsamen Kompositionen und Texten bestellt ist, was zu geschehen hat, wenn Bandmitglieder die Band verlassen usw. Es ist also unschwer zu verstehen, dass sinnvolle und wohlüberlegte Vereinbarungen zu den oben angeschnittenen Fragen eben nicht das kreative Prickeln abtöten, sondern ganz im Gegenteil, dafür den entsprechenden Freiraum schaffen, da nun alle wissen, nach welchen Regeln gespielt wird.

Selbst ist der Manager?

Natürlich kann man Auftritte selbst organisieren, Flyer auf eigene Kosten drucken lassen, bei Radiostationen vorstellig werden und dergleichen. Manchmal ist es jedoch besser, damit einem Promoter oder Manager zu beauftragen. Hier gilt jedoch als Regel: Wenn der „Manager“ nicht gerade der älteste und beste Freund des Bassisten ist, und man diesem daher bedingungslos vertrauen kann, sollte man die Vereinbarungen, gerade mit professionellen Managementagenturen, sorgfältig überdenken und überprüfen, da diese Agenturen aus guten Gründen meist einen Exklusivvertrag mit dem Künstler bzw. der Band schließen wollen, was einen einschneidenden Verlust an Selbstständigkeit zur Folge hat und daher nur dann einen Sinn macht, wenn das Management wirklich an den Act glaubt und für diesen hart arbeitet.

Vertrieb

Wer braucht in Zeiten von YouTube und I-Tunes noch eine Plattenfirma? Das ist eine berechtigte Frage, denn Plattenfirmen haben mittlerweile viel von ihrer Macht und ihrem Einfluss im Musikbusiness verloren. Daher ist gerade trotz aller Begeisterung über das Angebot einer Plattenfirma zum Abschluss eines Vertrages dieses besonders kritisch

und sorgfältig zu prüfen, da Plattenfirmen längst kein Garant für einen wirtschaftlichen Erfolg mehr sind, andererseits aber die in einem Plattvertrag eingegangenen Bindungen die Entwicklung und den Fortbestand eines Künstlers regelrecht lähmen können.

Ob nun Film, Fotografie, Grafikdesign, Handwerk, Musik oder Multimedia – die geistigen Leistungen, die kreative Menschen erbringen, sind mannigfaltig und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Da kreative Menschen von ihren Ideen leben, ist für diese der Schutz dieser Ideen von enormer Bedeutung. Der Schutz dieser geistigen Leistungen zerfällt in unterschiedliche Kategorien. Bevor nun diese Kategorien übersichtsartig dargestellt werden, ist festzuhalten, dass die Idee allein, so originell und individuell sie auch sein mag, keinen Schutz genießt. Erst wenn sich die Idee materialisiert, beispielsweise ein literarischer Text niedergeschrieben wird und hierdurch das Werk entsteht, beginnt der Schutzanspruch.

Urheberschutz

Der Urheberschutz ist wohl der klassischste Bereich des Schutzes von geistigem Eigentum. Er gilt für Musik, Literatur, Foto und Film, aber auch für Computerprogramme. Nachdem das Werk vollendet ist, entsteht der Schutzanspruch automatisch, sofern dieses ausreichend individuell und originell ist. Einer gesonderten Anmeldung (bzw. Registrierung) bedarf es nicht. Den nachfolgenden Kategorien geistigen Eigentums ist gemein, dass es für diese einen stärker formalisierten Schutz in Form

der Anmeldung gibt, wobei hierfür folgende Einrichtungen in Frage kommen: Österreichisches Patentamt, Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt, Europäisches Patentamt, World Intellectual Property Organization. Die wichtigsten in diesen Bereich fallenden Kategorien sind der Markenschutz für Produktnamen, der Geschmacksmusterschutz für Designs (z. B. die Form einer Kaffeekanne) und der Patentschutz für technische Erfindungen. Die Anmeldung beim Österreichischen Patentamt ist gebührenpflichtig und die Gebühren betragen in etwa zwischen EUR 350,– und EUR 500,–, wobei nach Ablauf bestimmter Fristen auch Wiedererneuerungsgebühren fällig werden. Der wesentlichste Vorteil der Anmeldung besteht darin, dass die diversen Rechtsansprüche gegen Plagiaristen einfacher und effizienter durchzusetzen sind. Für Menschen im Kreativsektor ist der aktive Schutz ihres geistigen Eigentums von essentieller wirtschaftlicher Bedeutung und signalisiert gegenüber jedem Geschäftspartner Know-how und Professionalität.

Die Musiker

Die Band ist ohne Zweifel ein echter Mythos der Populärmusik. Welcher junge Musiker, sofern er nicht gerade Ambitionen als Solokünstler verfolgt, wünscht sich nicht, in einer Band zu spielen und mit dieser Karriere zu machen. Bedauerlicherweise zerbrechen aber viele Bands an Streitereien und schlechter Organisation, bevor sie es wirklich in das Rampenlicht schaffen. Aus diesem Grund soll dieser Artikel Anregungen liefern, wie man einer Band eine solide organisatorische und rechtliche Basis verschaffen kann. Die Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GesbR) – was ist das? „Durch einen Vertrag, vermöge dessen zwei oder mehrere Personen einwilligen, ihre Mühe allein, aber auch ihre Sachen zum gemeinschaftlichen Nutzen zu vereinigen, wird eine Gesellschaft zu einem gemeinsamen

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Erwerbe errichtet“ – so definiert das Gesetz die GesbR. Übersetzt man diese alte gesetzliche Formulierung in den modernen Sprachgebrauch, so bedeutet „Mühe“: Arbeit und Zeit. Und „Sachen“ heißt: Alles, was von wirtschaftlichem Wert ist. Da für die Entstehung einer GesbR kein schriftlicher Vertrag notwendig ist, bedeutet das, dass Musiker, die mit ihrer Band proben und auftreten (=„Mühe“), für diese Equipment anschaffen oder einen Proberaum anmieten (=„Sachen“), eine GesbR sind – ob sie das wollen oder nicht. Wir sind eine GesbR Die GesbR kann weitgehend frei gestaltet werden. Allerdings gibt es eine wichtige und zwingende Regel: Jeder Gesellschafter, also jedes Bandmitglied, haftet für Bandschulden uneingeschränkt und persönlich mit seinem gesamten Privatvermögen. Ein Beispiel zur Erklärung: Kauft eine Band ein Mischpult und wird der Kaufpreis dann nicht bezahlt, so kann der Verkäufer des Pultes jedes Bandmitglied auch einzeln auf den vollen Kaufpreis klagen. Die Organisation der Band bzw. GesbR: Die beiden wesentlichsten organisatorischen Fragen sind: die Beteiligung der einzelnen Bandmitglieder an Einnahmen und Ausgaben und [x] die Abstimmungsregeln, also die Gewich tung der einzelnenStimmen. [x]

Was nun die wirtschaftliche Beteiligung der Bandmitglieder betrifft, so besteht die einfachste Variante darin, nach Köpfen zu teilen. Erscheint dies unangemessen, könnte eine Staffelung nach den Beitragsleistungen der einzelnen Mitglieder erfolgen. Auch das Mitspracherecht muss nicht notwendigerweise gleichteilig sein. Schlüsselpersonen, wie beispielsweise der dominierende Songwriter, können durchaus einen höheren Stimmanteil erhalten. Regeln, Regeln, Regeln ... Folgende Punkte sollten die Bandmitglieder jedenfalls klären: Wem gehört der Name der Band? Wie viele Stimmen sind für die Aufnah me eines neuen Mitglieds nötig oder um ein Bandmitglied auszuschließen? [x] Was geschieht, wenn ein Bandmitglied aussteigt? [x] Wie viele Stimmen sind notwendig, wenn Ausgaben anstehen? [x]

[x]

Wie man sieht, sollte auch abseits von Groove- und Riff-Ideen etwas gehirnt werden – hat man Zweifel, schadet es nicht, sich von einem Fachmann beraten zu lassen.

Wurde ein urheberrechtlich schützenswertes Werk geschaffen, so liegt es in den meisten Fällen im Interesse des Urhebers, dieses Werk auch wirtschaftlich zu verwerten. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass weder das Urheberrecht noch das Werk selbst einfach verkauft oder verschenkt werden können. Der Grund dafür besteht darin, dass das Urheberrecht Persönlichkeitsrechte enthält und deshalb ebenso wenig verkauft oder verschenkt werden kann wie der eigene Name. Die Verwertung des Urheberrechtes bzw. des Werkes erfolgt daher durch die Einräumung

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sogenannter Werknutzungsrechte, welche auch als Lizenzierung bezeichnet werden.

Die Lizensierung

Nur in Ausnahmefällen verfügt der Urheber selbst über die Möglichkeit sein Werk zu vertreiben. Der Regelfall besteht daher darin, dass der Urheber eine größere wirtschaftliche Einheit sucht, welche sein Werk wirtschaftlich verwertet. Typischerweise sind diese größeren wirtschaftlichen Einheiten Verlage, Schallplattenfirmen oder Vertriebe. Mit diesen schließt der Urheber dann sogenannte Verwertungsverträge über Werknutzungsrechte ab. Die grundlegende Formel, die diesen Verwertungsverträgen gemein ist, lautet wie folgt: „Du bekommst von mir das Recht, mein Werk wirtschaftlich zu verwerten, und ich erhalte dafür einen bestimmten Anteil der von dir lukrierten Erlöse aus der Verwertung.“

Werknutzungsrechte

Die Einräumung von Werknutzungsrechten erfolgt dabei exklusiv oder nicht exklusiv. Erfolgt die Rechtseinräumung exklusiv, so darf der Urheber das von ihm geschaffene Werk selbst nicht mehr verwerten oder einer weiteren Einheit übertragen. Typischerweise eingeräumte Nutzungsrechte sind die Vervielfältigung, die Verbreitung, die Vermietung, das Senden, die öffentliche Darbietung, sowie das zur Verfügung Stellen im Internet. Zudem ist die zeitliche und örtliche Geltung der Rechtseinräumung festzulegen, allenfalls das Recht, das Werk zu bearbeiten sowie die Möglichkeit, dass der nunmehr Werknutzungsberechtigte die eingeräumten Rechte weiter überträgt.

Beachtenswertes

Für diese Verwertungsverträge gilt grundsätzlich, dass diese im Rahmen der zwingenden Vorschriften des Urheberrechtsgesetztes frei gestaltet werden können. Darüber hinaus muss bei Abschluss dieser Verträge keine bestimmte Form eingehalten werden, was bedeutet, dass diese schriftlich, per Email und sogar mündlich geschlossen werden können. Hier ist die Schriftform jedenfalls zu bevorzugen, da der Inhalt einer mündlichen Vereinbarung im Streitfall nur sehr schwer oder auch gar nicht unter Beweis gestellt werden kann.


Zudem kann gar nicht genug betont werden, dass der Urheber durch den Abschluss eines Verwertungsvertrages das wirtschaftliche Schicksal seines Werkes weitgehend aus der Hand gibt. Aus diesem Grund ist es dringend anzuraten, vor dem Abschluss derartiger Verträge anwaltliche Beratung in Anspruch zu nehmen.

Es ist einem Musiker praktisch unmöglich, festzustellen, wie oft ein Song, den er geschrieben hat, im Radio, im Fernsehen, bei Veranstaltungen und in Gastwirtschaftsbetrieben gespielt wird. Als Urheber, also als geistiger Eigentümer dieses Songs, hat der Musiker jedoch das Recht, für diese Art der Verwertung Geld zu verlangen. Umgekehrt ist es unmöglich, für all die vorgenannten Einheiten ihrerseits mit jedem Urheber einen individuellen Vertrag auszuhandeln und abzuschließen.

Gesetzliche Basis

Die Verwertungsgesellschaften werden in Österreich durch das Verwertungsgesellschaftengesetz geregelt. Auf der Basis dieses Gesetzes sind die Verwertungsgesellschaften verpflichtet, die Rechte der Urheber wahrzunehmen und auszuüben, und jedermann zu angemessenen Bedingungen Nutzungsrechte einzuräumen. Die Verwertungsgesellschaften stehen hierbei unter der Aufsicht der Aufsichtsbehörde „KommAustria“.

Rechte und Pflichten

Die wichtigste Verpflichtung aus Sicht des Urhebers ist wohl die Verpflichtung der Verwertungsgesellschaften, die Einnahmen, die für die Erteilung von Nutzungsbewilligungen erzielt werden (Tantiemen), unter den Urhebern zu verteilen. Kulturell hochwertige Werke sind hierbei wirtschaftlich höher zu bewerten. Um in den Genuss der Tantiemenverteilung zu kommen, muss der Urheber mit der Verwertungsgesellschaft einen sogenannten „Wahrnehmungsvertrag“ zur Wahrnehmung seiner Rechte und Ansprüche abschließen. Erst dieser Vertrag berechtigt die Verwertungsgesellschaft, die ihr vom Urheber eingeräumten Rechte und Ansprüche zu wahren und durchzusetzen. Darüber hinaus sind Verwertungsgesellschaften verpflichtet, mit den Verwertern, also den Nutzern von Urheberrechten, ebenfalls entsprechende Verträge, auch Rahmenverträge abzuschließen. Die wichtigsten österreichischen Verwertungsgesellschaften aus Sicht der Musiker: [x] [x]

Aus diesem offensichtlichen Bedürfnis nach der Verwaltung des geistigen Eigentums entstanden die Verwertungsgesellschaften, die die Rechte der Urheber kollektiv treuhändisch verwalten und gegenüber den Verwertern durchsetzen.

AKM, welche treuhändig die Rechte und Vergütungsansprüche der Autoren, Komponisten und Musikverleger wahrnimmt,

Austro-Mechana, welche treuhändig die Vervielfältigungs- und Verbreitungsrechte auf Ton- und Bild/Tonträgern und die damit im Zusammenhang stehenden Vergütungsansprüche der Komponisten, Textautoren und Musikverleger wahrnimmt,

[x]

LSG, welche treuhändig die Rechte und Vergütungsansprüche der ausübenden Künstler (Sänger, Instrumentalisten, etc.), sowie der Tonträgerproduzenten und Musikvideoproduzenten wahr nimmt. Darüber hinaus gibt es in Österreich noch Verwertungsgesellschaften für audiovisuelle Medien, für bildende Künstler, für Filmschaffende, sowie für Rundfunkunternehmer.

Verwertungsgesellschaften international: Die österreichischen Verwertungsgesellschaften haben sogenannte Schwesterngesellschaften im Ausland, mit welchen die Vergütungsansprüche der Urheber verrechnet werden. Die für österreichische Urheber wohl bedeutsamsten sind die GEMA in Deutschland und SUISA in der Schweiz.

Wer ist ein ausübender Künstler?

Ein ausübender Künstler ist eine Person, die ein Werk der Literatur vorträgt, ein Werk der Tonkunst aufführt oder bei einer Aufführung künstlerisch mitwirkt. Aus diesem Grund wird der ausübende Künstler häufig „Interpret“ genannt und die klassischen Beispiele im Bereich der Musik für ausübende Künstler sind „SängerInnen“ und die „Instrumentalisten“. Die Rechte ausübender Künstler Dem ausübenden Künstler kommen die sogenannten Leistungsschutzrechte zu. Schutz genießen dabei vorrangig die Darbietung von Sprache, Musik, Tanz, allenfalls sogar Pantomime. Inhaltlich genießt die Verwertung der Darbietungen eines ausübenden Künstlers insbesondere durch das Festhalten dieser Darbietung auf einem Bild oder Tonträger die Übertragung dieser Darbietung im Rundfunk, bzw. sonstige öffentliche Wiedergabe, Schutz.

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Wie sind diese Rechte im Einzelnen gestaltet? Der ausübende Künstler muss einwilligen, dass seine Darbietung auf einem Bild- oder Tonträger festgehalten wird. Das bedeutet, dass die Produzenten, welche diese Darbietungen aufnehmen wollen, sich dieses Recht vom ausübenden Künstler einräumen lassen müssen. Diese Rechtseinräumung sollte am besten durch einen Vertrag festgelegt werden. Dies gilt auch für die Vervielfältigung und Verbreitung von Aufnahmen der Darbietungen des ausübenden Künstlers.

Die Vergütungsansprüche Persönlichkeitsschutz des ausübenden Künstlers Werden die Darbietungen eines ausübenden Künstlers mit dessen Zustimmung vervielfältigt, verbreitet oder gesendet, erhält der ausübende Künstler einen Vergütungsanspruch, welcher direkt aus den Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes erwächst, und von den Verwertungsgesellschaften, welche in der letzten Ausgabe näher dargestellt wurden, wahrgenommen wird.

Der ausübende Künstler kann die Vervielfältigung, Verbreitung oder Sendung seiner Darbietung dann untersagen, wenn die Gefahr besteht, dass diese Darbietung durch Veränderungen oder mangelhafte Wiedergabe die Reputation oder das Ansehen des ausübenden Künstlers beeinträchtigt. Zusammenfassend ist daher ausübenden Künstlern zu empfehlen, stets eine wohlüberlegte Vereinbarung mit den Produzenten über die jeweilige Darbietung des Künstlers zu treffen.

Auch eine Sendung der Darbietung des ausübenden Künstlers im Rundfunk bedarf der Zustimmung des ausübenden Künstlers.

Mag. Reinhard Strauss, Jahrgang 1967, selbst Musiker und Musikproduzent, beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Fragen des Musikrechts und vertritt zahlreiche Künstler und Musikproduzenten. Kontakt: RECHTSANWALT Mag. Reinhard Strauss Körösistraße 64, 8010 Graz Tel.: +43(0) 316 675 220, Fax: DW 12 office@anwalt-strauss.at www.anwalt-strauss.at

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Das Leben ist ein Theater und die Welt ist ein Zirkus …

Sehen, fühlen, staunen und genießen! Am 1. Dezember 2012 veranstaltete das X-Rockz-Magazin seinen 1. X-Rockz-Circus in der Stadthalle Graz. Das Programm hatte das Prädikat „bombastisch“ verdient und war passenderweise bunt und vielfältig wie das Kunst- und Kultur­magazin selbst. Spaß, Show und Entertainment aus und mit den verschiedensten Kunstrichtungen lautete die Devise.

Auf den folgenden Seiten blicken wir zurück auf diesen Abend, der ein weithin sichtbares Lebenszeichen der Freude an der Kunst gesetzt hat. Unser Dank gilt allen Besuchern, Ausstellern, Künstlern, Live-Acts, Sponsoren und vor allem unseren unermüdlichen Mitarbeitern und Helfern – you rock!


Wir bedanken uns sehr herzlich bei den mitwirkenden Ausstellern und K端nstlern des 1. X-Rockz-Circus!

Cuntra La Kunsthure http://cuntralakunsthure.blogspot.co.at

K. B. Cat http://www.kb-cat.com/ 12

Peter Purgar http://www.jazzimbild.at/


Dr. Kristian Stuhl http://kriskind.info/

Zombines Monstrosit채ten http://www.zombines-monstrositaeten.at/

Emil Srkalovic http://www.atelier-artis.at/ mit freundlicher Unterst체tzung der Wirtschaft Graz/Projekt Jakominiviertel

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Shoeparty Graz https://www.facebook.com/tamara.hutter.370

Pinky Bonita Studios http://www.pinkybonita.at/

droom! internetagentur http://www.droom.at/ Clocktower - Harley Davidson http://www.hdgraz.at/ Joey Davis http://www.joey-davis.com/ Monster Energy http://www.monsterenergy.com/ Ritter Nails http://www.fingernagel.at/ Spank http://www.drinkspank.com/

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Wild at Heart Nachbericht von Anita Raidl, Fotos von Birgit Kniebeiß, Sebastian Patter, Peter Purgar und Heimo Ruschitz

Die Geschichte einer Tanz- und Modenshow. Pink, brasilianisch, verschwörerisch und furios!

Am Anfang war Dunkelheit. Dann tauchte eine auf. Die zweite, die dritte, die vierte und die fünfte. Im weißen Tutu tanzten sie der Dämmerung entgegen. Sie, die scheinbar unschuldigen Weihnachtsengel der Grazer Tanzfabrik, leuchteten sich selbst den Weg; Lichterketten am Körper übersetzten Codes aus einer anderen Welt: Rosa, gelb, gelb. Blau, weiß und nochmal blau. Grün und lila. Rosa, lila.

Botinnen des Lichts Mon Dieu! Die kühnen Tänzerinnen brachten tatsächlich Farbe ins Spiel. Geschmeidige Bewegungen, waghalsigen Hebefiguren und Verrenkungen? So­ wieso. Regisseur Pascal Chanterie, vormals Balletttänzer an der Grazer Oper, nun Choreograph und Chef der Tanzfabrik: „Die Show soll eine romantische Stimmung verbreiten.“ Die eigens für den Circus inszenierte Tanz­ vorführung aber war der Auftakt einer

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zwischen Helligkeit und Finsternis pendelnden Live Show mit Tanz, Mode, Musik und Body Art.

Momente in Pink Die gab’s immer wieder, einfach so. Draht­zieherin war stets Katharina Ritter – Grossmann Cabralde Lima alias Pinky Bonita als toughe Moderatorin, Ver­ anstaltungsorganisatorin und Künstlerin. Mit ihrem Team von Ritter-Nails Kosmetik und Pinky Bonita Studio’s peppte die extravagante Lady mit der pinken Mähne Make-up, Frisur und Nägel der Tänzerinnen auf. Bei Model Kerstin war es gleich der ganze Körper, live und mit Bodypainting. Die coole Blondine betrat die Bühne zu Airbournes „Blonde, Bad and Beautiful“ mit pinken Fingernägeln, Kaugummi im Mund und Pelzmantel am Körper. Letzteren ließ


sie aber schnell wieder fallen. Auf die viele nackte Haut sprühten und pinselten Pinky und Co-Painter Daniel Lima im Rythmus von AC/DCs „Big Gun“ Spezielles. „Denn das Motiv muss immer zur Trägerin passen“, klärte Pinky im Gespräch auf. Bei Kerstin war es eine abstrakte Körperlandschaft in weiß, lila und schwarz. Stilsicher!

Mode erscheint Sakrale Töne ebneten den Weg für eine mysteriöse Erscheinung und ihre Begleiterinnen mit rotem Umhang. Dabei verteilte das mysteriöse Wesen, nämlich Choreograph Pascal Chanterie selbst, großzügig Weihrauch. Die Frauen lüfteten ihre Umhänge und zogen alle Blicke auf extravagante Abendkleider aus Taft, Leder und Brokat in gedeckten Farben wie rot, braun, schwarz oder oliv. Masken verdeckten ihr

wahres Gesicht. Achtung: Stanley Kubricks Eyes Wide Shut lässt grüßen! Eine der Frauen erreichte mit Verspätung die geheimbündlerische Runde. Am Leib trug sie nur hautfarbene Unterwäsche und blickte keck im Kreis. Zweite Chance mit Andre Rieus The Second Waltz im Ohr. Denn Designerin Lisa Berghold kleidete sie live in ein schwarzes Abendkleid ein. Gerettet! Lisa Bergholds Roben eignen sich für einen eleganten bis frechen Ball­ auftritt. Mit ihrem Label Moda Lisa möchte sie, frei nach Leonardo da Vinci, „Kleidung, die einen umschmeichelt, den Charakter untermalt und die Figur im rechten Licht erscheinen lässt,“ kreieren. Sie bietet auch Nähkurse an. Cacau Cassel wird ohne Nähkurs auskommen. Die gebürtige Brasilianerin studierte Mode in Rio de Janeiro und gründete in Graz das Modelabel Tropicália Couture. Sie schöpft weibliche Mode, die an die Periode Tropica­ lista Brasileiro, eine Art brasilianische Hippie-Zeit, erinnert. Cacau Cassel setzt auf exklusive Mode. Ihre Stoffe importiert sie aus Brasilien, mitunter sind es Raritäten. Immer höchste Qualität. Für den Circus schneiderte sie erstmals Wintermode. Die Farbe schwarz dominierte die vorwiegend kurzen

Kleider. Ungewöhnlich für Cacau Cassel. Zum Glück fanden aber für sie charakteristische Blumenmotive und Farbstrukturen, wenn auch gedeckter gehalten als sonst, einen Platz in der Kollektion. Chanteries Truppe agierte unauffällig und stolzierte mit Cacau Cassels Kleider souverän über den Laufsteg.


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Anders bei Magus, dem Leder-Designer mit Atelier im Burgenland. Drei laszive Amazonen räkelten sich im roten Licht. Wild im Herzen, präsentierten sie handgefertigte Lederstücke in schwarz, gold, silber und rot auf schwarzem bis transparentem Outfit. Armschienen, Oberschenkeltasche und Hüftgürtel. Alles detailverliebte Einzelstücke!

exklusives Schuhwerk gekonnt in Szene. Tamara Hutter von Mary Shoes versprach: „Auf der Straße wird es keine Doppelgängerinnen mehr geben.“ Also: Wer auf High Heels abfährt, ist bei Mary Shoes genau richtig. Die Teile kommen aus Spanien, Großbritannien oder Brasilien und können auf „Shoe parties“ im Raum Graz und Weiz erworben werden.

Magus ist gelernter Herrenkleidermacher, sein Faible ist Leder, das er immer selber färbt. Geheimtipp!

Sambafeuerwerk

Schuhmania Kleidung reicht nicht? Pascal Chanteries Tanzfeen setzten im kleinen Schwarzen

Federkrone und allem Drum und Dran zum brasilianischen Karneval ein. Am Ende fanden sich alle Teilnehmer/innen zum Defilée auf der Bühne ein. Und das im Licht. Zumindest im Scheinwerferlicht.

Zum Abschluss lieferten sich Daniel Lima und Kollege Norbert Wallner einen energischen Schlagabtausch. Am Schlagzeug. Heiße Rhythmen mit einer großartigen Überraschung aus Südamerika: SambaTänzerin Regina Santos da Costa lud mit 19


Couch-

Geschichten Text von Cornelia Schwingenschlögl Fotos von Birgit Kniebeiß und Peter Purgar

Natürlich ebenfalls mit dabei am 1. X-Rockz-Circus: Unsere RedaktionsCouch. Wenn die sprechen könnte, könnte sie bereits allerhand Geschichten erzählen! Doch da sie das nicht kann, haben wir stattdessen illustre Gäste gebeten, Platz zu nehmen und ein wenig mit uns zu plaudern.

Unsere Talkmasterin Danja Trub im Gespräch mit den

Beggars Street Inn v. l. n. r.: Georg Rosmann, Jan Krizanic, Bert Katzianer, Liz Steger

Das Video zum Interview findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewbsi

Im Gespräch mit Mr. Lick-Of-The-Week

Ben Seven

Das Video zum Interview findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewbsi

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Im Gespr채ch mit den drei K체nstlerinnen vom

Burlesque Circus v. l. n. r.: Heller Wahnsinn, Kathi Katze, Monika Weber

Das Video zum Interview findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewburlesque

Im Gespr채ch mit der Musikerin Sabrina Sagmeister alias

Coy

Die Fotogalerie zu Coys Auftritt findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewcoy

Die vier Damen aus der

Cuntra La Kunsthure 2. v. l.: Tatjana Petrovic

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Im Gespräch mit dem DJ des Abends

DJ Tali

Das Video zum Interview findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewtali

Im Gespräch mit

Cosmic Circles

Das Video zum Interview findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewcosmiccircles

Im Gespräch mit Modeschöpferin

Lisa Berghold

Das Video zum Interview findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewberghold

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Im Gespr채ch mit Leder-Designer

Magus

Das Video zum Interview findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewmagus

Im Gespr채ch mit dem Initiator von Graviton - Music Services

Menno Kappe Das Video zum Interview findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewmenno

Im Gespr채ch mit

The Rosetti Sisters v. l. n. r.: Marko Jandl, Heinz Wallner

Das Video zum Interview findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewrosetti

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Im Gespräch mit

Saint Lu

Das Video zum Interview findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewsaintlu

Im Gespräch mit Pascal Chanterie und den Künstlerinnen von der

Tanzfabrik

Das Video zum Interview findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewtanzfabrik

Im Gespräch mit dem

X-Rockz-Team v. l. n. r.: Daniel Lima, Pinky Bonita, Günther Golob, Cornelia Schwingenschlögl, Thomas Pirker

Das Video zum Interview findest du online auf www.x-rockz-magazin.com/interviewxrockz

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Impressionen Fotos von Birgit KniebeiĂ&#x;, Sebastian Patter, Peter Purgar und Heimo Ruschitz

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Die Kunst

der Verführung

Die wunderbar originelle und sinnliche Darbietung der drei Künstlerinnen des Burlesque Circus zog das Publikum völlig in ihren Bann.

Applaus von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von Birgit Kniebeiß, Sebastian Patter, Peter Purgar und Heimo Ruschitz

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Niemand im Saal konnte sich dem Charme der zweiteiligen Show des Burlesque-Circus aus Wien entziehen. Wer zuvor noch kein Fan dieser besonderen, traditionsreichen Form des Striptease war, war es hinterher auf jeden Fall. Schon beinahe irreal wirkten die drei Künst­lerinnen – so, als seien tatsächlich drei Pinups leibhaftig aus ihren Postern oder von ihren Blechwerbetafeln gestiegen,

um nun vor uns auf der Bühne zu stehen. Die wunderschönen Kostüme, das perfekte Make-up und das professionelle Styling machten aber nur einen Teil des Zaubers aus. Verspielt, frech und atemberaubend sexy – jeder Moment der Show war ein Erlebnis. Die Mimik, die Choreografie, die Begleitmusik, die Requisiten, alles stimm­te bis ins letzte Detail. Die Darbietungen wirkten durch und durch

gekonnt, aber nicht einstu­diert. Vermutlich ließ gerade diese fast schon wieder unschuldig wir­kende Natürlichkeit die Erotik der­maßen knistern. Wie schön, daran erinnert zu werden, was für einen Spaß es machen kann, ein bißchen rot zu werden und zu kichern! Ein Hoch auf die Kunst, die das in unserer abgebrühten Zeit zustande bringt: die Burlesque.

http://www.burlesquecircus.at/

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Feuer,

zieh mit mir Pressetext von Cornelia Schwingenschlögl Fotos von Birgit Kniebeiß und Peter Purgar

„Wir Feuerbegeisterten werden uns, solange Feuer im Universum existiert, an diesem erfreuen, mit ihm arbeiten und es schätzen sowie achten.“ – Cosmic Circle

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http://www.cosmic-circles.cc/


Eine Feuershow muss man einfach live erleben. Via Bildschirm funktioniert das nicht. Man muss schon wirklich dort stehen, in der Dunkelheit. Nicht nur mit den eigenen Augen sehen, sondern auch die Hitze auf der eigenen Haut spüren, wenn diese Künstler ihre leuchtenden Gemälde in den Nacht­himmel malen. Das Tosen der Flammen selber hören. Nur dann kann man die Faszination wirklich begreifen, die der Show von Cosmic Circle zugrunde liegt. Die Liebe zum Feuer ist es, was die Gruppe inspiriert. Die Harmonie zwischen Mensch und Feuer ist es, was sie in bei ihren spektakulären Auftritten zelebrieren.

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Als One-Woman-Show gewann sie 2010 den tradtitionsreichen Newcomer-Wettbewerb im Grazer Orpheum. In den letzten zwei Jahren spielte sie österreichweit über 50 Solo-Shows. Ihr Debut-Album „All Spots On Me“ braucht keine Angst vor Genres, Schubladen oder vorschnellen Zuordnungen zu haben. Es ist intensiver Pop mit Kraft und Sentiment. Live begeisterte Coy am X-Rockz-Circus das Publikum mit ihrer kraftvollen Stimme und ihrer schwungvollen Musik. Ihrer Authentizität und Energie konnte sich niemand entziehen. Eine sehr gelungene Performance, zu der man der jungen Musikerin aus Graz nur gratulieren kann!

Coy Text von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von Birgit Kniebeiß und Peter Purgar

Leidenschaft ist ansteckend – das bewies Coy alias Sabrina Sagmeister einmal mehr bei ihrem mitreissenden Auftritt am X-Rockz-Circus

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http://www.coy-music.com/


Saint Lu

Eine Stimme voller Soul’n’Roll und eingängige Melodien voller Groove und Leidenschaft

Text von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von Sebastian Patter und Peter Purgar

Saint Lu, ursprünglich aus Linz, mittlerweile in Berlin zuhause, bildete den musikalischen Headliner des Abends. Kaum zu glauben, dass diese junge Ausnahmekünstlerin nicht von den Ufern des Mississippi sondern der Donau stammt!

http://www.saintlu.com/

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LastDayHere Rückblick von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von Birgit Kniebeiß, Sebastian Patter und Heimo Ruschitz

Modern Melodic Metal aus Slowenien bildete den fulminanten Abschluss der Live-Acts am 1. X-Rockz-Circus.

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LastDayHere, die fünfköpfige Metal-Kombo aus Slowenien, bildete den Schlusspunkt des Live-Programms. Und was für einen! Die Jungs machten nochmal so richtig Stimmung mit ihrer druckvollen Performance. Ein Highlight für die Headbanger im Publikum und die Gelegenheit, so richtig mitzugehen und sich auszutoben. Melodiös und doch richtig schön brachial ist der Sound von LastDayHere. Live sorgt zusätzlich die sympathische Art der Band dafür, dass ihnen die Herzen der Anwesenden schnell zufliegen. Und dass sie auch eine gesunde Portion an Humor vorzuweisen haben, beweist ihr Video Least Bored When Bored, das in der Wartezeit vor ihrem Auftritt im BackstageBereich enstanden und nun auf YouTube zu bewundern ist.

YouTube-Video “Least Bored When Bored”

http://www.lastdayhere.com

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Impressionen Fotos von Birgit KniebeiĂ&#x;, Sebastian Patter, Peter Purgar und Heimo Ruschitz


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Er bringt die

Musik

Vojo Concerts. Das hat man schon oft gelesen. Dieses Portrait zeigt den Mann, der dahinter steht, Vojo Radkovic. Ein Mann, der sich schon seit vielen Jahren in der Musikszene aufhält, lässt sein Leben Revue passieren und plaudert über Rock’n’RollKlischees, Begegnungen mit Weltstars und das harte Dasein als Konzertveranstalter. Text: Matthias Alber, Fotos: Katrin Kreiner, Christopher Mavricˇ

Oft verändert man sich bei einem Schüleraustausch. Manche erleben dort ihren ersten Kuss, manche haben ihren ersten richtigen Rausch. Ein junger Grazer tauschte in den Sechzigern seine Schule gegen eine englische. Und dort entdeckte er die große Liebe zur Musik. Der Name des Jungen war Vojo Radkovic, heute arbeitet er schon seit bald 40 Jahren als Konzertveranstalter und Journalist. Der Musikbegeisterte mit den markanten langen, grauen Haaren ist Pionier in zweierlei Hinsicht – er war der erste österreichische Journalist, der in einer Tageszeitung über Pop- und Rockthemen berichtete und er war derjenige, der die internationale Konzertszene in die Steiermark holte. Er wuchs in Graz auf, einer Stadt, die in den 60er Jahren kein Teil des Rockolymps war. „Bei uns war tote Hose, da hat man gerade gewusst, dass es

die Beatles gibt“, denkt er zurück. Dass es auch anders sein kann, hat er beim Schüleraustausch in England mitbekommen. Seine Gastfamilie war musikvernarrt. „Da haben sich auch Erwachsene für neue Musik interessiert, das hab ich so nie erlebt“, erzählt er. Am ersten Abend gab es gleich „Top of the Pops“ zu sehen, mit Beatles, Stones, Kinks, Who und sämtlichen anderen. Die meisten dieser „Helden der 60er“, wie Vojo Radkovic sie bezeichnet, hat er damals auch live gesehen. „Beim Konzert der Beatles hat man nicht viel von der Musik gehört, weil die Mädchen alle so gekreischt haben“, erinnert er sich zurück. Trotzdem ein unvergessliches Erlebnis – die Beatles live gesehen zu haben, das können in unseren Breiten wohl nicht viele behaupten. Der Zufall als Segen Vojos Interesse für Musik war somit geboren, damit begann er auch nach dem Bundesheer als Musikjournalist zu arbeiten. Bei der „Neuen Zeit“, einer Tageszeitung, die vor seiner Ära Unterhaltungsmusik aus dem Ausland eher links liegen ließ. Er fuhr zu vielen Konzerten nach Wien, um von dort zu berichten und stellte sich die Frage, warum diese nicht auch in Graz stattfinden konnten. Dann wäre etwas für die lokale Szene getan und zudem würde er sich auch die kraftraubenden Fahrtwege ersparen. Wohl müsse man dies selbst in die Hand nehmen, dachte er sich wohl und diese Idee bestimmte von dort an sein Dasein. „Ich glaub, es war 1973“, denkt Vojo Radkovic zurück, damals sorgte er für das erste internationale Rockkonzert in der steirischen

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Landeshauptstadt. Emerson, Lake & Palmer waren die, die die Ehre hatten, das erste Vojo-Konzert zu geben und die Bühne der Liebenauer Eishalle zu bespielen. Dieser Auftritt war der Startpunkt für eine lange Karriere im Veranstaltungsbereich. Tausende Konzerte hat Vojo Radkovic bisher organisiert und sämtliche Musikerinnen und Musiker von Pop über Rock bis hin zu Hip-Hop und Elektronik nach Graz geholt. Darunter auch Größen wie AC/DC, Metallica, Tina Turner oder Rammstein. „Ich hole die Bands, die ich selber auch hören will“, sagt er. Allerdings muss er immer ein spezielles Augenmerk darauf richten, wie sehr auch das Publikum interessiert ist. Ein Veranstalter ohne Gespür für das Publikum ist eben kein Veranstalter. Wie Vojo zu all diesen Konzerten kommt? „Meine Prämisse ist: Immer neue Bands suchen, immer neue Bands vorstellen.“ Es gebe sehr viele Gruppen, die nur in bestimmten Ländern Erfolge feiern und in anderen gar nicht wahrgenommen werden. Bands vorzustellen, das mache ihm besonders

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Spaß. „Parov Stelar, zum Beispiel“, sagt er, „die kommen aus Österreich und die sind riesige Stars in Russland, Frankreich, Amerika – aber bei uns nicht!“ Erst kürzlich hat er sie auf die Kasemattenbühne eingeladen und gemerkt, wie gut sie auch hierzulande funktionieren. Einprägsame Begegnungen Vojo Radkovic denkt gerne zurück an die Zeit, als Musik noch anders wahrgenommen wurde. Damals in der Zeit, als noch keiner etwas mit dem Begriff Internet anfangen konnte. Damals, als der Rock’n’Roll noch in seiner Blüte war und die Menschen ihn nicht nur hörten, sondern auch lebten. Vieles hätte sich verändert, aber wohl nicht alles zum Positiven. „Die Musikindustrie hat sich sowieso durch den Begriff ‚Musikindustrie‘ verändert“, sagt er. Der alte Slogan „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“, der sei schon lange nicht mehr gültig, das harte Business verändere alles. „Große Stars hinter der Bühne sind nicht anders als Bankmanager, die ihren Job machen“, berichtet er aus Erfahrung.

Doch nicht alle verhalten sich so. „Da hat’s Begegnungen gegeben, die vergisst man einfach nicht.“ Ein Abendessen mit Neil Young oder Frank Zappa zum Beispiel. Oder ein Frühstück mit Johnny Cash und seiner Gattin. Ein Cash-Konzert in der Liebenauer Eishalle war (was man heute kaum nachvollziehen kann) zu schlecht besucht, „seine Frau hat mir dann heimlich 3000 Dollar zugesteckt, um das Defizit etwas auszugleichen“, erinnert sich Vojo Radkovic zurück. Würde er sein Leben noch einmal von vorne beginnen, würde er es trotz der wertvollen Erfahrungen anders machen: „Journalist würde ich schon sein, Veranstalter nicht. Das ist einfach zu riskant“. In finanzieller Hinsicht könne man dabei fast nicht mehr gewinnen. „Die Gagen sind linear gestiegen – was früher eine Million Schilling gekostet hat, kostet jetzt eine Million Euro“. Reine Kalkulationsarbeit steckt hinter dem Beruf des Veranstalters. Schätzt man ein Event falsch ein, dann kann etwas schnell in die redensartliche Hose gehen. „Ein großes Konzert, zum Beispiel von Metallica,


„Große Stars hinter der Bühne sind nicht anders als Bankmanager, die ihren Job machen.“ kostet bestimmt 1,5 Millionen“, es handle sich immer um so große Beträge, dass man selbst bei einer guten Besucherzahl mit keinen hohen Erträgen rechnen könne. Zudem sei Graz für Großveranstaltungen ein schwieriger Boden. „Graz ist ein Dorf, man braucht unbedingt das Publikum von auswärts, mit den Grazern allein kann man gar nichts anfangen“, so Vojo Radkovic. Die Metamorphose der Musik Die besten Songs seien in den Sechzigern entstanden, meint er. Viele Dekaden der Musikgeschichte hat der Journalist und Konzertveranstalter Vojo Radkovic hautnah miterlebt und vielen Trends, die im Laufe der Zeit entstanden sind, kann er etwas abgewinnen. Schade findet Vojo nur, dass fast alle einem gewissen Ideal nacheifern. „Früher wusste man beim ersten Klang, welche Band das ist. Das ist heute schwer“, nach-

dem viele Musikgruppen sich im Gleichschritt bewegen. Besonders junge, britische Bands klingen in seinen Ohren alle ähnlich. Sie sehen gleich aus, benehmen sich gleich und machen im Prinzip dieselbe Musik. Ob man wohl nur mehr imitieren kann? Vojo Radkovics Meinung: „Es ist schwer, dass noch Neues entsteht, nachdem im Grunde genommen schon alles da war.“ Trotzdem sollte man versuchen, herauszustechen. Prinzipiell haben in heutiger Zeit junge Musikerinnen und Musiker nur mehr durch viele Livekonzerte die Chance Berühmtheit zu erlangen und dabei auch etwas zu verdienen. Den Sprung in die großen Hallen schaffen aber nur die wenigsten. Dafür sei vor allem in Österreich der Markt zu klein, trotz der Tatsache, dass „die Grazer Szene immer gut war, da sind viele Impulse rausgegangen“.

Dass bei den meisten Bands die Leidenschaft fehlt, wenn zu viel Geld im Spiel ist, betont Vojo Radkovic häufig. „Die ersten Alben sind super und dann geht’s meist bergab, dann geht’s ums Geld, dann wird’s zur Routine“, und dann sterbe langsam auch die Seele ab, die anfangs der Musik innewohnte. Diese Seele der Musik, von der er immer spricht, die kennt Vojo Radkovic gut. Er blickt auf eine lange Geschichte in der Branche zurück und war stets im Zentrum des Geschehens. Ob es sich gelohnt hat? „Finanziell nicht. An Erfahrungen und Erlebnissen schon“, sagt er und schmunzelt. Gewiss ist, dass wir noch viele Konzerte erleben können, die Vojos Aufschrift tragen. Und, dass Graz ohne ihn bestimmt um einiges langweiliger wäre.

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Szene

T S U J NOT

, E F A C A fe ...

i l f o y a but a w enn 1997 trafen phie werden, d so o il h P r zu te ll so emeinsamen g ... dieser Slogan r e d s u A s. k a e fr 70er-Jahre-Musik te lu so b a i e zw sich beruflicher Weg r e m sa in e m e g in ickelte sich e Leidenschaft entw TIMORE“. L A B „ s e d e d n tu 98 die Geburtss und so schlug 19

Namensgeber war eine amerikanische Rockband, die sich „Sir Lord Baltimore“ nannte, der besseren Merkfähigkeit wegen aber auf BALTIMORE verkürzt wurde. Der Aha-Effekt, dass nicht die gleichnamige Stadt in den Usa dafür Pate gestanden hat, ist garantiert. Von Freunden zunächst kritisch beäugt, wagten Wolf&Wolf, so die Namen der beiden Freunde, die jeder ein eigenes Lokal in der Innenstadt führten, den Sprung auf die rechte Murseite, die Murvorstadt, die damals im Dornröschenschlaf lag. Die schöne Location mit Gewölberäumen wurde als Lokal adaptiert, welches am 18.9.1998 seine Pforten öffnete. Zunächst ein Insidertipp für Eingeweihte und Rockmusikaddicts, wurde das Lokal zunehmend auch von Menschen besucht, welche den wunderbar sonnigen Gastgarten mit Blick auf den Schlossberg, sowie die Freundlichkeit der Gastgeber und das Lokal, das den Spirit der 70er Jahre atmet, für sich entdeckten. Im Zuge des Kulturjahres 2003 (Murinsel, Kunsthaus) rückte plötzlich die rechte Murseite in das Bewusstsein der Grazer. Sowohl der Mariahilferplatz als 40

langjährige Homebase des „Jazzsommers Graz“, als auch das BALTIMORE wurden zum Hotspot für Musikbegeisterte und darüber hinaus. Das Lokal ohne Ruhetag etablierte sich als Ort mannigfaltiger Events sowohl indoor als auch outdoor, wo sich während der Sommermonate diverse Veranstaltungen vom Biergarten aus miterleben lassen. Zudem wurde ein heißumkämpfter Tischfußballtisch, ein „Wuzzler“, angeschafft, der sich größter Beliebtheit erfreute und erfreut. Was für Matches gingen hier schon über die Bühne! Der scheinbaren Diskrepanz zwischen gelebter Leidenschaft für Rockmusik und 70er-Jahre-Feeling einerseits und gepflegter Gastronomie andererseits, kombiniert mit einem Ambiente mit Wohlfühlcharakter, wozu die vielen, teils originalen 70er-JahreDekoobjekte beitragen, zum Trotz ist das BALTI, wie es längst von seinen vielen Stammgästen liebevoll genannt wird, ein Ort der Begegnung ohne Berührungsängste: Weitgereiste Weltenbummler,


Studenten, Künstler, Vertreter aller Berufssparten, Frauen- oder Männerrunden, Singles oder Ehepaare, Tagungsteilnehmer verschiedenster Kongresse, Leute aus der Musik- und Eventszene u. v. m., Touristen aus aller Herren Länder und Menschen aller Altersklassen treffen sich hier und ergeben einen bunten Publikumsmix. Musik verbindet eben. Und so kommt es auch nicht selten vor, dass Eltern und deren fast erwachsene Kinder das Lokal gleichermaßen frequentieren, zu unterschiedlichen Zeiten, versteht sich! Die Passion der beiden Lokalgründer für die Musik der 70er Jahre ist aber nicht nur Selbstzweck sondern auch Mission: Beinahe jede Strömung der Musik jener Zeit wird hier, dank der umfangreichen Plattensammlungen der beiden Protagonisten, zu Gehör gebracht: Bluesrock, Hardrock, Spacerock, Brassrock, Folkrock, Jazzrock, Artrock und wie sie noch alle heißen mögen, das Spektrum ist breit gefächert. Ein besonderes Anliegen der beiden Musikfreaks ist es jedoch, vor allem jungen Menschen die Musik mit Vergangenheit nahezubringen, basiert doch letztendlich die ganze moderne U-Musik darauf. Ihnen sozusagen die Augen und besonders die Ohren auch für die große Anzahl eher unbekannter aber gleichermaßen einflussreicher Bands abseits der „Godfathers of Rock“, z.B. Led Zeppelin, Rolling Stones, Deep Purple, etc. zu öffnen. All den eher nicht so gängigen Musikgruppen wollen Wolf&Wolf einen gebührenden Platz zumindest im eigenen Lokal einräumen. Nicht nur bewahren

Gemütliches Cafe-Pub mit Blick auf die Murinsel und den Uhrturm nahe dem Kunsthaus.

und pflegen, sondern weitergeben und mit Leben erfüllen, ist das Motto der beiden. Durch den Zugang zur guten alten Schallplatte aus Privatbesitz wird dieser Schatz jungen Menschen wieder erlebbar und im wahrsten Sinn des Wortes begreifbar gemacht, und ihr Mysterium erschließt sich neu. Tipps zum Plattensammeln und Aufbauen einer eigenen Kollektion sind gratis und inklusive. Aber auch versierte Kenner des Genres werden sich mit Ihnen, die übrigens wandelnde Musiklexika sind, an der Bar genussvoll austauschen können. Im Jahre 2010 wurden die Räumlichkeiten erweitert und bieten nun noch mehr Menschen die Möglichkeit, den Geist der 70er kennenzulernen. In diesem Sinne: „Keep on rockin’ and let’s see what’s new in BALTIMORE“! Text: Mag. Evelyn Walland

Wir haben das Lokal um 40 m2 vergrößert und können nun unseren “way of life” für Raucher und Nichtraucher gleichermaßen erlebbar machen. Reservierungen für größere Gruppen sind nunmehr möglich. Musik von Rock über Blues bis Jazzrock, Bier vom Fass, heimische und internationale Weine - Sonniger Gastgarten - Im Sommer zahlreiche Veranstaltungen am Platz (Murszene) - Ideal für Feiern bis ca. 20 Personen - Geeignet für Vernissagen, Firmen-Meetings - Angenehme Atmosphäre - Gute Musik aus den 70ern - Reichhaltiges Getränkeangebot - Kleine Speisekarte (auch hausgemachte Köstlichkeiten) - Tischfußball Reservierung unter:

Baltimore Mariahilferplatz 5, 8020 Graz Tel: +43 (0)316 760968

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1 -Avenue st

Model Academy & Model Agency PR-Text von Cornelia Schwingenschlรถgl, Fotos von 1st-Avenue

Die 1st-Avenue Model Academy in Wien ist Ansprechpartner Nummer 1, wenn es um eine fundierte Modelausbildung geht. Die Model Agency bietet professionelle Model-Shootings an. 42


Die Modelbranche ist ein hartes Pflaster. Ohne fachliche Begleitung sind die Chancen gering, erfolgreich zu sein. Die 1st-Avenue in Wien bietet zukünftigen Models an zwei Orten eine professio­nelle Ausbildung. Die Kurse beinhalten Fitness-, Körperhaltungs- und Catwalk-Training, Schauspielunterricht, Makeup und Styling und natürlich Posing/Shooting. Während der Ausbildung werden außerdem wichtige Tipps für Casting, Job und Karriere erteilt. Ist die Abschlussprüfung erst einmal bestanden, erhalten die Absolventen und Absolventinnen einen Modelvertrag in der 1st-Avenue Agency. „Unsere angehenden Models wissen, dass eine Model­ karriere nur zu erreichen ist, wenn das Gesamtpaket stimmt“, so die Geschäftsführerin Frau Mag. Nancy Kanellopoulou stolz. Außerdem bietet das Unternehmen 1st-Avenue Shootings in einem modernen Fotostudio an. Unter Verwendung bester Ausrüstung wird eine professionelle Setcard erstellt. Und was sagen die Model-Lehrlinge selbst? „Ich bin sehr froh darüber, mich Anfang des Jahres dazu entschieden zu haben, an der 1st-Avenue Model Academy teilzunehmen. Die Academy hat mein Leben durch viele Sachen bereichert. Abge­sehen von dem Spaß, den wir jedes Mal miteinander haben, bekommen wir sehr gutes und hilfreiches Training in den verschiedensten Bereichen, wie z. B. Catwalktraining oder Schauspielunterricht. Dort werden wir gut für etwaige Jobs bzw. Castings vorbereitet und es

ermöglicht uns, selbstsicherer aufzutreten. Ich fühle mich in der Academy in guten Händen und weiß, dass ich mich immer auf die Unterstützung unserer Trainer verlassen kann.“ – Diana Höppel „Die 1st-Avenue Model Academy bietet sehr gute Übungsmöglichkeiten. Man hat die Gelegenheit, in angenehmer Atmosphäre die verschiedenen Anforderungen an ein Model kennen zu lernen bzw. sich unter Traineranleitung zu verbessern. Und ich bin zuversichtlich, dass die Ausbildung meine Chancen, als Männermodel gebucht zu werden, steigert!“ – Martin Müllner Wer sich für die Voraussetzungen, die Dauer und die Kosten einer fundierten Ausbildung bei 1st-Avenue interessiert, den informiert Frau Mag. Kanellopoulou gern in einem persönlichen Gespräch.

S h o rt Fac t s 1st-Avenue Academy • Wien HOLMES PLACE, Hütteldorferstraße 130, 1140 Wien • Baden FITNESSLAND, Sochorgasse 3, 2512 Oeynhausen. Ansprechpartnerin: Frau Mag. Nancy Kanellopoulou Mobil: +43(0)676/530 20 14 E-Mail: office@1st-avenue.at

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Mitzi May Portrait von Peter Gigerl

Das Comeback der Burlesque Seit einiger Zeit erlebt mit der Burlesque eine einstmals sehr populäre Form der Unterhaltung, bei der klassischerweise Frauen, aber mittlerweile auch immer mehr Männer, auf theatralisch-humorvolle Art und Weise mit Hilfe des erotischen Tanzes ein Bühnenstück aufführen, ein großes Revival. 44


Auch in Österreich existieren bereits einige BurlesqueGruppen. Eines der ersten und mittlerweile wohl das bekannteste der heimischen Ensembles ist die Salon Kitty Revue, welche seit 2011 regelmäßig in ausverkauften Häusern auftritt. Die von Kitty Willenbruch, der dienstältesten Burlesque-Künstlerin Österreichs, gegründete Gruppe zählt neben Madame selbst und der sinnlich-weiblichen Mitzi May auch Jacques Patriaque als ersten heimischen Boylesque-Künstler zu ihren Mitgliedern. Die vielen wohl bekannte Conchita Wurst ergänzt als Moderatorin und führt durch die Shows. Dem X-RockzMagazin gewährt Tänzerin und Multitalent Mitzi May exklusiv einen Blick hinter die Kulissen sowie in ihren Lebenslauf. Bei der aus Graz stammenden Künstlerin zeigt sich schon früh Spotlight-Affinität, als sie im Alter von zwei Jahren beim elter­ lichen Hausbau vor den Handwerkern flitzt. Später fliegen die Schulsachen immer öfter in die Ecke, weil verkleiden mehr Spass macht und Grossmutters Kleiderschrank eine schier endlose Quelle an Kostümen anbietet. Sie begleitet ihren Vater auf Reisen in alle Welt und entwirft wo sie kann, Fantasiekleider. Im Teenager-Alter macht May sämtliche Musikstile (bis auf Techno!) mitsamt zugehörigen Jugendkulturen mit und besucht die Ortweinschule mit Schwerpunkt Grafik- und Kommunikationsdesign. Immer schon von der Familie unterstützt, entfaltet May hier ihre Leidenschaft für das Fotografieren. Das Fotolabor wird ihr zur zweiten Heimat. Dennoch folgen bald erste Modelerfahrungen: Zunächst bei Shootings für Schulkollegen, bald darauf als Pin Up auf Laufstegen in Ungarn und Deutschland, denn May löst mit siebzehn ein Interrail-Ticket, schreibt Fotografen an und geht eigenständig auf Shootingtour. Bald vom Modeln unterfordert und immer schon von Burlesque fasziniert, beginnt May mit dem Schreiben erster Acts sowie mit dem Entwerfen von Bühnenkostümen, denn von den Brettern, die die Welt bedeuten, fühlt sie sich magisch angezogen. Mit Freund­ innen gründet sie ihre eigene Burlesque-Gruppe,

die kurzlebigen Bitch’n’Candy, denn allein will sie nicht auf der Bühne stehen. Umjubelte Auftritte wie bei Rockabilly-Festen oder bei Wild Evil’s 30er-Feier folgen. Dies ist der Zeitpunkt, an dem sie ihre Seele an die Burlesque verkauft. Mit dem Umzug nach Wien ist das Bitch’n’Candy-Ensemble Geschichte und May übt in den nächsten Monaten die unterschiedlichsten Jobs aus. Unter anderem in der Cupcake Backstube, wo sie an einem freien Tag dennoch der Spezialbestellung eines Kunden nachkommt: Sie soll eine Korsett-Torte für eine Burlesque-Party kreiern. Die Bühne vermissend, interessiert sich May für Burlesque-Clubs in Wien und wird mit dem Varieté Arena Bar im 5. Bezirk fündig. In dieser seit den 50ern existierenden Location findet bereits die Salon Kitty Revue statt, bei der May bald Gastauftritte absolviert. Das Talent und die unglaubliche Bühnenpräsenz erkennend, bietet ihr Gründerin Kitty Willenbruch ein fixes Engagement an. Seither tritt May einmal im Monat mit der Salon Kitty Revue in der Arena Bar auf und präsentiert jedes Mal ein völlig neues Programm. Die Kostüme näht übrigens jedes Mitglied mit viel Liebe und Hingabe selbst. Neben den regulären Shows tritt die Gruppe bei verschiedensten Anlässen wie auf dem Diversity Ball, bei Grufti-Parties im Viper Room oder auch auf Weihnachtsfeiern gerne auf. Die Revue selbst besteht zu einem Großteil aus Einzelacts, bei denen aktuelle Boulevard-Themen parodiert werden, denn Humor ist ein elementarer Bestandteil von Burlesque. So nimmt die Gruppe die Oscarverleihung, Batman und Robin oder auch Dirty Dancing gehörig aufs Korn. Miteinander verwoben werden die Solo-­Auftritte von Conchita Wurst, die durch den Abend führt. Unter der Woche arbeitet die von Star Wars begeisterte als Dekorateurin und ist deshalb viel auf Flohmärkten unterwegs, denn sie spenden eine Fülle an Inspiration für Privates wie auch Berufliches. Für die Zukunft sind bei der Salon Kitty Revue weiterhin Shows in der Arena Bar und im Viper Room geplant.

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Szene

The new face

of love Vorstellung von Cornelia Schwingenschlögl, Foto von Dirk Behlau

Seine Lebensgeschichte ist mit Tinte geschrieben – mit der Tinte des Tätowierers, um genau zu sein. Sein Name ist The Scary Guy, aber fürchten muss man sich vor ihm nicht, denn er ist ein Apostel des Friedens. Sein Gesicht und sein ganzer Körper sind mit Tattoos geschmückt, die seinen persönlichen Lebensweg und seine Erfahrungen dokumentieren. The Scary Guy, der in New Hope, Minnesota augewachsen ist, fühlte sich immer zum Geschichtenerzählen hingezogen. „Ich sehe Geschichten als einen machtvollen Prozess, durch den der Mensch seine Ideen kommunziert und teilt, seine Visionen und seine Realität. Heute ‚lese‘ ich Geschichten in den Gesichtern, Worten und Taten jeder Person, die ich treffe.“ Scary schreibt klassische Musik. Er ist Künstler, Sänger, Komödiant, Filmproduzent. Er hat an einem College gearbeitet, war Baby-Fotograf und Computerverkäufer. Er war Besitzer von drei Tattoo-Shops, die er 1998 verkaufte und aufbrach, um die Welt zu verbessern. Oder besser gesagt: Um die Welt zu lehren, ein Leben in Frieden zu führen: „Jetzt tättowiere ich die Herzen und Seelen von Millionen Menschen.“ Auf Anfragen von Ländern, Städten und Gemeinden hin reist er rund um die Welt, um mit seinen unterschiedlichen Programmen Verhaltensänderungen zum Positiven hin in Gang zu setzen. Seine „Shows“ werden als provokativ, eindrucksvoll und aufrüttelnd beschrieben. Um nur eine der zahlreichen Rückmeldungen zu zitieren: “A wake-up call to help change the mindset of the world“. Eine große Aufgabe, die sich der Scary Guy da gestellt hat – es bleibt nichts, als ihm weiterhin ein frohes und erfolgreiches Schaffen zu wünschen.

http://www.thescaryguy.com

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steinegger

film


Ray Childish

Musik

D i e W e lt i s t u n s e r Z i r k u s

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„Kennst du Ray Childish?“, werde ich unlängst gefragt, und ich muss zugeben, ich habe nur von ihnen gehört. Und schon überkommt mich das Gefühl eine ungefüllte Wissenslücke zu haben, etwas Wichtiges zu versäumen.


Musik

Ich mache mich also schlau, im Internet. Aha … Grazer Band, entstanden 2007. Bestehend aus Magda Von Nieniewski – Songwriterin, Sängerin und Pianistin – und Helfried Grygar, Schlagzeuger. Die beiden haben anscheinend selbst Schwierigkeiten ihre Musik einzuordnen. Namen wie Kurt Weill, Berthold Brecht, Nick Cave fallen in einer Zeile. Aus den Begriffen chansonesk und Vaudeville kann ich mir rein gar nichts zusammenreimen. Avantgarde und experimentell helfen meiner Vorstellung auch nicht wirklich weiter. Ran an die Hörbeispiele! … und jetzt beginne ich zu verstehen, warum es bisher keiner geschafft hat, die Musik dieser Band in Worte zu fassen. Ich muss gestehen, dass die Aussicht, dieses Duo demnächst persönlich kennenzulernen, immer mehr an Reiz gewinnt, und das nicht in unwesentlichem Maße … Irgendwo in der Pampa, Graz-Umgebung, treffe ich die Beiden. Ich will mir selbst ein Bild von der Sängerin machen, von der berichtet wird, sie sähe so streng aus, und dem Drummer, der an The Animal aus der Muppet Show erinnert. Sie begrüßen mich in ihrem „Werksraum“. Das rote Beverly, Baujahr ´60, springt mich förmlich aus dem Augenwinkel an, und gleich gegenüber steht die Atrappe eines Klaviers, versichert Magda Von Nieniewski mit einem schelmischen Grinser. Der kühle, nur schwach beleuchtete Raum, dessen Wände aussehen, als hätte jemand Alienkörper darin einzementiert, verstärkt das mulmige Gefühl, das ich ohnehin schon habe. Doch schon nach einer Tasse grünen Tees entpuppen sich die Musiker als zwei mitteilungsfreudige, sogar recht witzige Gesellen. X-Rockz: Man sagt, eine Band ist eine Form von musikalischer Ehe. Wie habt ihr euch gefunden? Magda Von Nieniewski: Ich hatte gerade eine

komplette Tour durch Deutschland gebookt, da ist mein früherer Schlagzeuger kurzfristig abgesprungen. Ich dachte, ich probiere es einmal mit einem Inserat – wenn die Tour stattfinden soll, dann wird sich auch die geeignetste Person dafür finden. Drei Tage später hatte ich Helfried am Telefon, vier Wochen danach spielten wir schon in Berlin.

“Wir spielen mit dem

Tempo und der Dynamik

wie mit einer Eisenbahn

oder einer Puppe.”

X-R: Helfried, die Liste deiner Erfahrungen als Profimusiker ist erstaunlich lang. Was ist das Besondere an Ray Childish?

Die Time ist nicht immer konstant. Wir spielen mit dem Tempo und der Dynamik wie mit einer Eisenbahn oder einer Puppe. Man kann mit ihnen Dinge anstellen …

Helfried Grygar: Abgesehen davon, dass

mich die Musik vom ersten Augenblick an umgehauen hat, ist es sehr spannend mit Magda zu spielen. Es passiert alles sehr unmittelbar. Unser Sound ist unverdünnt. Pur. Es wird nichts geschönt, und das gefällt mir. Das Klavier klingt in allen Registern einer Band. Es gibt schwere, tiefe Bässe ebenso wie zarte, fast filigrane Melodien. Zusammen mit der Stimme ergibt das eigentlich schon ein fast vollständiges Bild. Das Schlagzeug ist so etwas wie ein Kontrapunkt, eine Art Kommentar dazu. Manchmal habe ich auch das Gefühl, es ist einfach nur lauter. Das ist ok. Dynamik ist ein sehr wichtiges Stilmittel in der Musik. Irgendwie ist alles etwas anders als bei anderen Projekten, in denen ich spiele. Ich habe bei Ray Childish eine andere Funktion als in üblicheren Bandkonstellationen.

X-R: Gibt es Künstler oder Bands, die eure persönliche Entwicklung geprägt haben? MN: Fiona Apple hat mich am Anfang sehr beeinflusst, vor allem was die Klavierbegleitung anbetrifft. Später habe ich die White Stripes für mich entdeckt. Die Emotionalität, Intensität und Aggressivität von Jack Whites Performances haben mich schwerstens beeindruckt. Es gab eine Phase, da habe ich nur schreiend gesungen. Jetzt ist es eine der Facetten, die meine Stimme reicher macht. HG: Diese Antwort würde eindeutig den Rahmen sprengen, aber nur soviel: ich beschäftige mich mit jeglicher Musik, die mich inspiriert, egal aus welcher Ecke sie kommt.

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X-R: Magda, du hast zuvor erwähnt, dass ihr in Deutschland auf Tour wart. Wie waren die Reaktionen, und welchen Eindruck hat sie bei euch hinterlassen? MN: Die Tour war eine Wahnsinnsbe-

reicherung für unser Zusammenspiel. Ich glaube, Liveauftritte sind für einen Musiker immer zutiefst emotional. Wenn man solche Momente als Gruppe erlebt, dann schweißt das schon sehr zusammen. Der Lernprozess geschieht viel schneller. Und was die Publikumsreaktionen anbetrifft … am liebsten denke ich an unser Konzert in Hannover zurück. Ich habe so etwas noch nie zuvor erlebt. Wir hatten an die 300 Leute, und die sind komplett durchgedreht. Eine Frau ist auf die Bühne gestiegen und hat sich dort in Trance getanzt; einige spielten Luftgitarren zur Musik. Nach dem Auftritt signierten wir Rücken, Arme und Kleidung. Wir schwammen förmlich im Publikum. Jeder wollte uns berühren, uns gratulieren. Es grenzte fast schon an Hysterie! HG: Ich habe nie erlebt, dass Leute unseren Gig verlassen hätten. Am Ende der Vorstellung waren immer so viele da wie am Anfang und oft auch mehr, egal ob der Gig gut besucht war oder weniger gut. Die Leute blieben bis zum Schluß. Das ist nicht selbstverständlich und hat mich sehr beeindruckt. Offensichtlich macht unsere Musik neugierig. 50 www.facebook.com/pages/Ray-Childish/135771403105205

X-R: Ihr habt vor Kurzem die Aufnahmen für euer Nachfolgealbum „Kali’s Paradox“ abgeschlossen (voraussichtliches Erscheinungsdatum: Ende September). Gibt es Unterschiede zum Debütalbum „Apparitions & Little Disturbances“? MN: Kali’s Paradox ist ein aufrichtigeres, direkteres und sensibleres Album als mein Erstlingswerk. Es hat die Form eines musikalischen Tagebuchs. Aus lyrischer Sicht verwende ich zwar Metaphern, aber die Information ist eindeutig. Manche Songs sind so persönlich, dass es mir unangenehm ist, sie vor Publikum zu performen. Ich hoffe dann immer, dass keiner genau auf den Text hört. Außerdem ist Kali’s Paradox ein Konzeptalbum. Ich habe beschlossen, die Entwicklung einer Liebes-

Short

Facts:

beziehung chronologisch zu dokumentieren, ohne ihren Ausgang zu kennen. Aus der Beziehung selbst ist nichts geworden, aber die Erfahrungen und Einsichten daraus sind unbezahlbar. X-R: Nach eurem letzten Cover-Artwork darf man auch auf die kommende künstlerische Ausgestaltung gespannt sein… MN: (lacht) Der amerikanische Künstler Hasani Claxton hat ausgezeichnete Arbeit geleistet. Passend zum Grundton des Albums sind die Grafiken realistisch, haben aber den typischen Ray ChildishTouch. X-R: Wo seht ihr Ray Childish in zehn Jahren? MN: Ich sehe uns darüber lachen, was wir damals für möglich gehalten haben.

Besetzung: Magda Von Nieniewski – Gesang, Piano Helfried Grygar – Schlagzeug Veröffentlichungen: EP The Corpse Bride (2008) LP Apparitions & Little Disturbances (2009) LP Kali’s Paradox (2011)

www.myspace.com/raychildish


Szene

Frame saw At Your Side

Empfehlung von Gunter Dorner, Leiter Musikredaktion Steiermark und Kärnten

Es ist immer wieder spannend, mit einer Band die man nicht wirklich kennt, einen Interviewtermin zu vereinbaren. Man bereitet sich vor, hört sich die Titel an, informiert sich auf der Homepage und macht sich so sein Bild. Im Falle der Formation Frame Saw, sie stammen aus Leibnitz und Graz, sind die Erwartungen voll und ganz eingetroffen. Sympathische Musiker(Innen), die ganz genau wissen, was und wohin sie wollen. Dass der gelungene, kraftvolle Mix aus Pop und Rock bei ihren Liveshows das Publikum immer wieder begeistert, ist letztendlich auch der wirklich unverwechselbaren Stimme der Frontsängerin Katharina Walter zu verdanken. Das haben sich auch Bands wie

Nazareth oder auch Kontrust zu Nutze gemacht und Frame Saw als „supporting act“ engagiert. Dass die Band über auch über Songwriting Potential verfügt, hat schon der erste Longplayer „One Hundred And Twenty“ aus dem Jahr 2009 bewiesen. Und nun bringen sie mit der aktuellen, neuen Single „At Your Side“ eine hörenswerte Rockballade auf den Markt, die übrigens von Gwen Damman (Bassist von Christina Stürmer) produziert worden ist. Das neue Album, auf das man gespannt sein darf, wird im Frühjahr 2013 erscheinen und mit dem Album im Gepäck werden Frame Saw nach New York reisen und dort bei der Wiederöffnung der Grand Central Station sicher für Furore sorgen. Und dazu wünsche ich heute schon: „Rock the big apple!“

www.frame-saw.com

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Harald Federer Seit Jahren sind Purple Bluze nicht mehr aus der Grazer Musik-Szene wegzudenken. Das Powertrio vermengt gekonnt psychedelische Elemente mit hartem Rock, umhüllt von der Schwere des Blues. Ich habe Mastermind Harald „Purple Harry“ Federer, dem Mann mit der Federboa, auf den Zahn gefühlt. Text: Peter Gigerl, Fotos: Alexandra Linortner, Peter Purgar

Geboren wurde Harald Federer 1962 in Graz. Früh entwickelt er eine Faszination für Jimi Hendrix und denkt sich: „Das will ich auch können!“ Schon bald schrubbt Harry die ersten Akkorde auf der Akustischen und es sollte bis zu seinem 15. Lebensjahr dauern, bis er sich von seinem ersten Lohn eine Elektrische kauft. Obwohl er die Musikschule besucht, bringen ihm die Platten seiner Idole weit mehr bei als irgendein Gitarrenlehrer je könnte. Besonders das Spiel von Ritchie Blackmore, Gitarrist von Deep Purple und später Rainbow, prägt Harald maßgeblich und es dauert nicht lange, bis der Autodidakt sämtliche Platten nachspielen kann. 52

Bald spielt Harald mit seinen ersten Bands in Jugendzentren in und um Graz und begeistert das Publikum genauso wie Musikerkollegen. Obwohl er, wie er sagt, ein Getriebener ist, macht er die Lehre zum Installateur fertig, anstatt ins Profimusikerleben einzusteigen. Neben Arbeit und Familie schafft er es aber, ständig in Bands aktiv zu sein. So sorgt er vor allem mit der Kombo „Straight Ahead“ in den 80ern für Furore. Später spielt er unter anderem bei Funkfurter und den Lonsperch Rofflern, auf deren Tonträgern er auch zu hören ist. Die Musik führt den mittlerweile zum Psychotherapeuten ausgebildeten Harry um die ganze Welt. So spielt er mit lokalen Musikern in Indien und Nepal, sowie in Syrien und im ehemaligen Jugoslawien. Musik verbindet. Musik ist ein zeitloser Raum. Und Berührungs­ ängste kennt Harald sowieso keine. Im Jahr 2001 gründet Harald seine eigene Band „Purple Bluze“. Nach jahrelangem Konsens kann er endlich seiner Vision von einer Fusion aus Blues und Rock, Psychedelic und Jazz nachgehen und freien Lauf lassen. Die Band nimmt zwei vielbeachtete Alben auf und trotz etlicher Besetzungswechsel ist „Purple Bluze“ live ständig präsent. Die Publikumsmasse ist Harald seit jeher egal, denn es geht ihm um das Spielen an sich. So kann man „Purple Bluze“ in schumm­rigen Grazer Blueslokalen genauso erleben wie auf FreiluftFestivals im ganzen Land.

www.purplebluze.at, Kontakt: www.gxsound.com

Foto: Alexandra Linortner (Akademie für angewandte Photographie/Graz)

Musik


Foto: www.jasminschuller.com

Das Schönste ist für Harald, wenn er mit Musikern spielen kann, die der Musik ihren Stempel aufdrücken und gemeinsam mit ihm Neues entstehen lassen können. Die Freundschaft kommt für ihn zuerst, erst dann das Bandgefüge. Und Freunde hat Harald einige. So verwundert es auch nicht, dass er parallel zu „Purple Bluze“ und Solo-Auftritten auch noch die „Purple Bluze Experience“ betreibt, wo er mit größter Freude ausschließlich Hendrix-Kompositionen zum Besten gibt. Für die Zukunft hat Harald Federer einiges geplant. So arbeitet er bereits an neuem Material für „Purple Bluze“ und freut sich auf die kommenden Auftritte. Und auch am Wunsch „USA-Tour“ hält er eisern fest. Bei dem Durchhaltevermögen und der Leidenschaft für die Musik, über die Harry verfügt, wird es aber sicher nicht verwundern, wenn dieser Wunsch bald in Erfüllung gehen wird.

Foto: www.jasminschuller.com

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Musik

Privilege Of Approval Reportage von Peter Gigerl, Fotos von Sabine/moremetal.org

M o d e r n e r D e at h M e ta l T r i ff t a u f Versatzst端cke aus Thrash und Grindcore. So definieren Privilege Of Approval ihren eigenwilligen Stil. Dar端ber hinaus liegen dem musikalischen Schaffen der Band intelligente Texte mit einer in sich geschlossenen Storyline zugrunde. 54

http://www.myspace.com/privilegeofapproval


„Ungewöhnlich“. Dieses Adjektiv fällt einem als Erstes ein, wenn man an die Herangehensweise von Privilege Of Approval denkt. Die 2010 in Liezen gegründete Band verschließt sich keinem Genre, sondern versteht sich als Kollektiv, das verschiedensten Stilen gegenüber offen ist. Ungewöhnlich dabei ist, dass nicht wie üblicherweise im Pro beraum gejammt wird, sondern dass Drummer Gregor alle Songs zuhause am Computer entwirft und erst dann mit der Band ausfeilt, wenn er mit der Komposition zufrieden ist. Auch sämtliche Texte und Konzepte stammen von ihm, denn Privilege Of Approval verstehen sich als Konzeptband. So ist ihr Debüt-Album „Sepsis. Lichtpest“ nicht bloß eine Ansammlung von diversen Songs aus verschiedenen Schaffensperioden, wie bei den meisten Bands, sondern ein Konzeptalbum mit durchgehender Storyline, die erst mit dem zweiten Album abgeschlossen sein wird. Wichtig ist es der Band dabei, keine Epen zu schaffen, sondern knackige Songs miteinander zu verweben und eine spannende Dramaturgie aufzubauen. Deswegen liegt den Alben ein Manifest zugrunde, in dem alle Inhalte und Figuren und ihre Zusammenhänge genau erklärt werden. „Sepsis.Lichtpest“ teilt sich in zwei Hälften. In der ersten – „Sepsis“ – geht es um die Infektion des Menschen im allgemeinen durch verschiedenste Süchte und Suchtzustände. So handeln die Stücke von Glücks- wie auch Eifersucht, Spielsucht, Geld und Gier. Im Verlauf dieser ersten Hälfte werden verschiedene Charaktere beleuchtet und ihr Weg im Umgang mit der Infektion dargestellt. Es wird reich­lich mit Metaphern gespielt (zum Beispiel werden Manager etwa mit dem Teufel verglichen), denn der Band ist es wichtig, möglichst aussagekräftige Texte mit Bildern im Kopf zu verknüpfen, die dennoch immer offen für jegliche Interpretation bleiben.

Nach einem akustischen Intermezzo ist man bald in der zweiten, mit dem Namen „Lichtpest“ betitelten Hälfte des Liezener Höllentrips angekommen. Hier zeigen sich die Effekte der ersten Hälfte in all ihrer unheilvollen Pracht. Die Worst-Case-Szenarios treten ein, die Schlinge zieht sich zu und der Horror schlechthin manifestiert sich in der Figur der „Lichtpest“. Sie ist Synonym für all das Kranke in unserer Gesellschaft. Für die unstillbare Gier und das ewige Streben nach Macht. Hier endet das Album und lässt den Hörer mit heruntergeklappter Kinnlade stehen. Noch in diesem Jahr soll mit den Arbeiten zum Nachfolgealbum begonnen werden, in dem sich die Geschichte auflöst. Zum Stück „Lichtpest“ haben Privilege Of Approval einen hochprofessionellen Clip gemeinsam mit dem steirischen Filmemacher Johann Steinegger gedreht. Verschiedene Charaktere des Albums werden dargestellt, allesamt verknüpft mit dem Erscheinen der Lichtpest. Fünf Tage lang wurde gedreht und das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen. Die beklemmende Atmosphäre des Albums wird in dieses fast schon kurzfilmartige Video gepackt und toll in Szene gesetzt. Das Video spielt in einem Haus mit seinen verschiedenen Bewohnern, die so oder so ähnlich auch im Album besungen wurden. Da gibt es die „heile Familie“ deren Vater sich mit dem Drogendealer der Tochter beim Glücksspiel trifft, Szenen häuslicher Gewalt und überall die Lichtpest. Die Hauptfigur wurde übrigens vom bekannten Wiener Model Suzy Q gespielt. Zuviel will die Band über das Video noch nicht verraten, aber so viel sei gesagt: Es wird Regen geben. Und Schwarzes Blut.

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Musik

Channel Zero Festivalbesuch von Cornelia Schwingenschlögl und Birgit Kniebeiß, Fotos von Elsie Roymans/Gig-Pix.com

It’s a dirty job, but someone’s got to do it: Eingeladen von Graviton Music Services finden wir uns wieder in Belgien am „Festival Werchter Boutique“ bei perfektem Open-Air-Wetter, gemeinsam mit etwa 55.000 weiteren Besuchern. Das Lineup kann sich sehen lassen: Ghost, Gojira, Channel Zero, Mastodon, Soundgarden und als Hauptact Metallica. Drittgenannte Band ist der eigentliche Grund für unsere Anreise. Die belgische Metalband, die bereits jetzt ihr Album Feed ‘Em With A Brick in Gold verwandeln konnte, ist nun mithilfe von Graviton Music Services international am Durchstarten. Nach der energiegeladenen Show bekommen wir die Gelegenheit, mit Tino de Martino (E-Bass) und Phil B (Drums) von Channel Zero zu sprechen. XRM: Erstmal Gratulation zu Eurer goldenen Schallplatte!

Tino De Martino: Danke! Es war schon eine Überraschung, auch wenn wir darauf gewartet haben. Immer wieder haben wir gefragt: „Wann kriegen wir Gold? Wann kriegen wir Gold?“ Und jetzt haben sie’s uns endlich gegeben. Und ihr spielt seit 20 Jahren zusammen?

T.D.M.: Ja … das lässt uns natürlich nicht wirklich jung aussehen ... (lacht) Wir haben vor 22 Jahren angefangen – 1990. Wir haben zusammen gespielt bis 2003 oder so ... ich weiß nicht mehr genau. Dann haben wir komplett aufgehört.

XRM: Was habt ihr dann gemacht? Hattet ihr Solo-Projekte?

T.D.M.: Jeder unterschiedlich ... Franky, unser Sänger, hatte seine eigene Band. Phil, unser Drummer, hörte mit der Musik praktisch ganz auf und ging in die Bekleidungsbranche. Ich ging in die U.S.A., gründete eine Familie und dachte eigentlich nicht mehr ans Musik machen, spielte nur manchmal in Bars. Und dann kamen wir zurück und – wisst ihr, das hat einfach alles geändert, all die fixen Pläne! So und so wird’s für den Rest meines Lebens laufen – Hey, nein! Du wirst mit Metallica auftreten. – Oh. Okay. (lacht) Wie probt ihr denn zusammen, wenn du in den U.S.A. lebst?

T.D.M.: Wir stimmen eben unsere Terminpläne aufeinander ab. Und ich bin sowieso nach Belgien zurückgekehrt. Aber Mikey, unser Gitarrist, lebt noch immer in Kalifornien. Also kommt er zwischen zwei Wochen und einem Monat zuvor her und dann arbeiten wir. Erarbeitet ihr Eure Songs zusammen oder gibt es einen Song-Writer?

T.D.M.: Hmmm ... hauptsächlich ist unser Gitarrist unser Song-Writer. 56

http://www.channel-zero.be/, https://www.facebook.com/thebandchannelzero, http://www.youtube.com/thebandchannelzero, https://twitter.com/OfficialCZero


Er ist extrem effizient. Du steckst ihn einfach ins Studio, sperrst die Tür ab, und wenn du zwei Tage später zurückkommst, hat er zwanzig Songs. Er ist der Wahnsinn, wirklich unglaublich. Und ich komponiere auch, wisst ihr, aber ich staune einfach nur darüber, wie er das macht. Und es funktioniert wirklich gut so. Wir sind uns alle einig. Er baut die Struktur und wir fügen es gemeinsam zusammen und spielen … War das von Anfang an so?

T.D.M.: Ihr meint am Anfang von Channel Zero? Nun ja, unser ursprünglicher Gitarrist, Mikey ist ja unser neuer Gitarrist, ...

T.D.M.: Ich weiß nicht, ich kann’s nicht sagen … im Moment ist alles im Umbruch … man muss sich auf jeden Fall genau anschauen, was das Label de facto für einen tut. Auch für die Labels ist es jetzt schwer. Die Leute können einfach ins Internet gehen und sie finden dein Album. Ich bin auch bezüglich unseres Albums sicher, dass die Hälfte der Leute es nicht gekauft, sondern es sich einfach „besorgt“ hat. Dennoch ist das gut. Sie haben es sich geholt und es gefällt ihnen – in Ordnung! Ich denke, wir stehen erst am Anfang dieser virtuellen, digitalen Möglichkeiten, die ganze Welt zu erreichen. Es ist fast so wie damals, bevor es eine große Musikindustrie gab. Du verdienst dein Geld mit deinen Shows. Das ist normal. Du arbeitest dafür, du spielst Deine Shows, du wirst bezahlt. Die Leute holen sich deine Songs gratis? Schön für sie.

(Große Augen.)

T.D.M.: Aha, ich verstehe, okay (lacht). Also, ja, wir hatten die Band und dann trennten wir uns für, ich glaube, ungefähr dreizehn Jahre. Und dann kam der Zeitpunkt, an dem viele Leute aus Belgien nach einer Comeback-Show fragten. Nur eine Art Special: „Channel Zero kommt für eine einzige Show zurück.“ Wir haben darüber geredet, es waren ein paar Tausend – das sind für Belgien wirklich viele Leute.

(Phil B, der Drummer von Channel Zero, gesellt sich zu uns. Wir stellen das X-Rockz-Magazin vor und erwähnen unter anderem, dass wir auch über Tattoo-Künstler schreiben.) Phil B: Tattoos? Ich hab einen Tattoo-Shop. Und seine Frau (zeigt auf Tino) ist auch eine große Tattoo-Künstlerin. Wir sind mitten in der Szene. Also habt ihr auch außerhalb der Band viel zu tun?

XRM: Das wären es auch für Österreich!

T.D.M.: (lacht) Ja, aber für amerikanische Verhältnisse sind zwei-, dreitausend Leute gar nichts. Also … wir beschlossen, es durchzuziehen und eine Show zu versuchen. Die war in zirka zehn Minuten ausverkauft. Das waren zweitausend Leute. Also setze man eine Zweite an. Auch in zehn Minuten ausverkauft. Und so setzte sich das fort bis es acht solche Shows waren. Dabei waren wir zu der Zeit gar nicht sicher, wie’s weitergehen würde, ob wir vier uns wieder zusammentun würden. Und unser Gitarrist hatte Probleme mit seinem Gehör. Er sagte: „Leute, das ist ja alles wunderbar, aber ich kann einfach keine acht Shows hintereinander spielen. Ich bin draußen. Ihr müsst jemand anderes finden.“ Also begannen wir, einen Gitarristen zu suchen und ließen viele aus Belgien und Holland vorspielen. Eines Tages hörten wir von diesem Typen in Kalifornien, der bei Soulfly und Snot gespielt hatte. Interessant! Und dann kam er vorbei und es war einfach – perfekt! Innerhalb einer Stunde war alles geregelt. Yeah, und jetzt passt es. Und die Leute sind begeistert! Wir waren die einzigen, die eure Lyrics nicht auswendig konnten.

T.D.M.: (lacht) Habt ihr Playback mitgesungen? Na klar! Übrigens, es scheint, als hättet Ihr gute Verbindungen. Ein Ex-Machinehead hat Euer letztes Album produziert … ?

T.D.M.: Neben der Tatsache, dass Mikey, unser Gitarrist, ein guter Kerl ist und optimal zur Band passt, ist einer seiner Pluspunkte, dass er die ganze Welt kennt. Erst heute, hier, sind Metallica mal aufgekreuzt, so: „Heyyy, was geht, Alter!“ – und wir: „Okay … cool … die kennst du auch?“ – und er: „Yeah, ich kenne jeden.“ Tja, und er kannte Logan Mader und das war die perfekte Wahl. Würdest du jungen Bands eher raten, sich ein Label zu suchen oder es auf eigene Faust zu versuchen?

T.D.M.: Wir sind für vieles offen. Ich bin auch Art-Direktor und mache Grafik-Design, er macht in Tattoos, also … es gibt nicht nur die Musik. Hast du das Album-Artwork selbst gemacht?

T.D.M.: Ich habe das Projekt geleitet. Ich habe mir bemerkenswerte Leute gesucht, die dann für das Album und mich gearbeitet haben. Ich mache eh schon die Musik, das reicht. Ich muss nicht alle Credits für mich haben. Es ist schön, gute, interessante Leute zu haben, die für uns – oder besser – mit uns arbeiten. Phil, erzähl uns von deinem Tattoo-Studio! Tätowierst du Backstage?

P.B.: Oh, ich tättowiere nicht. Ich bin der Manager. Ich bin wie der Produzent in einem Tonstudio. Er ist kein besonderer Drummer oder Gitarrist, aber er weiß, was gut ist und was nicht. Ich entscheide und gestalte das Geschäft nach meinem Konzept. Und das ist nicht Rock’n’Roll, sondern mehr wie eine Lounge. Ein Tattoo-Shop einer neuen Generation, auf einem neuen Level. Ich mag es, mir meine Mitarbeiter auszusuchen. Die großen Meisterstücke diskutieren wir immer gemeinsam. Und ich erledige eben das Management und bin Body-Piercer. Ich leite die Projekte, teile den Künstlern die passenden Aufträge zu und wenn das Projekt zu niemandem passt, empfehle ich auch einen anderen, besser geeigneten Shop. Ich liebe es, beim Erstkontakt die Projekte mit den Leuten durchzusprechen. (Tino fragt, ob es sehr schlimm sei, wenn er sich jetzt ausklinke … er würde so gern noch zu Soundgarden gehen, da er sie erst einmal gesehen habe und das sei schon ewig her. Wir haben natürlich vollstes Verständnis.) XRM: Welches Konzert hast du zuletzt besucht?

P.B.: Ich hab so vielfältige Einflüsse … die letzte Show, die ich gesehen hab, war Skrillex, der Dubstep-DJ. Er ist sehr jung, ich glaub um die 23,

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und alle bitten ihn um Remixes. Hier in Belgien ist er vor sechs- oder siebentausend Leuten aufgetreten – ganz allein, als DJ! Ein junger Bursche aus L.A. Es gibt ihn erst seit drei oder vier Jahren und er ist überall f***ing ausverkauft! Er ist sehr intensiv. Aber ich höre verschiedenste Musikrichtungen. Die meiste Zeit höre ich viel E-Pop und alle Arten von Metal. Ich steh auch auf OldschoolHipHop, zum Beispiel Notorious B.I.G. oder Public Enemy. Was Metal betrifft, mag ich alles Mögliche, I-M-U gefallen mir sehr … wenn irgendwas gut ist und mir was gibt, wenn es Emotionen weckt, dann gefällt es mir. Du magst zwar die eine Musikrichtung nicht, aber du hörst dir den einen Song an und sagst, da spür ich was, davon will ich mehr … da bin ich wirklich völlig offen. Sicher stammen die meisten meiner Einflüsse aus dem Metal, das ist meine Schule, aber auch aus dem HipHop. Channel Zero ist benannt nach der Single She Watches Channel Zero von Public Enemy. Sie waren die ersten, die Harcore-HipHop mit so extremem Metal gekreuzt haben, diesen Beat und dazu die Riffs von Slayer. (Singt uns ein Riff vor.) Das ist ein Wahnsinns-Song. In dem Moment, in dem wir ihn zum erstmals hörten, sagten wir: „Wow! Das wird unser Bandname.“ Das wäre unsere nächste Frage gewesen! Es ist ziemlich schwer, den richtigen Bandnamen zu finden.

P.B.: Mittlerweile ist es noch schwerer. Der Bandname ist jetzt deine Identität. Als ich zur Schule ging, war Vinyl aktuell. Du hast dir im Vorbeigehen immer wieder die Plattencovers angesehen und wenn dir eins gefiel, hast du die Platte gekauft. Die Covers bildeten die Identität der Band. Mit den CDs änderte sich das schon ein bisschen, aber nicht so sehr. Doch jetzt, in der digitalen Welt, existiert kein Cover mehr. Du hörst Musik mit I-Tunes, du suchst die Videos auf YouTube … das Cover hat nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher.

P.B.: Oh ja! Ganz anders! Früher waren wir mehr im Proberaum, haben alles Mögliche ausprobiert, und jetzt sitzen wir alle vor dem Bildschirm (lacht). Wir erstellen unsere Kompositionen auf dem Computer und danach erlernen wir sie, wisst ihr? Früher haben wir geprobt und geprobt bis etwas dabei rauskam, jetzt komponieren wir auf dem PC. Dadurch kann man objektiver zuhören, weil die Aufmerksamkeit nicht durch das Spielen beansprucht wird. Übst du täglich Schlagzeug?

P.B.: Nicht täglich … manchmal mach ich zwei, drei Wochen Pause, aber wenn wir proben, spiele ich jeden Tag vier Stunden. Ich mache viel Sport und versuche, gut in Form zu bleiben. Das ist sehr wichtig für mich. Macht es dich nervös, vor einem so großen Publikum wie heute zu spielen?

P.B.: Uuuaaahh … wisst ihr, gerade als Drummer ist man für den ganzen Rhythmus verantwortlich … und ich spiele live nicht on click, das schränkt mich zu sehr ein. Also ist es wichtig, dass ich im richtigen Tempo, im richtigen Groove bin und nichts vergesse. Wenn der Drummer einen Fehler macht, sind alle verloren. Gegenüber dem Publikum? Sicher, man will ja richtig gut sein, aber nicht mehr so sehr wie früher. Was machst du, um dich auf einen Auftritt vorzubereiten?

P.B.: Ich höre die Songs, die ich live spielen werde, über Kopfhörer. Ich spiele Songs teilweise auf meinem Übungs-Pad. Ich wärme mich auf, das ist wichtig. Metallica zum Beispiel haben hier einen Truck, in dem sich ein Studio befindet und da drin proben sie. Es ist wichtig zu üben, und zwar on click! Nimmst du Stunden?

Was für einen Rat würdest du jungen Bands geben?

P.B.: Das Schwierigste ist es, Leute zu finden, zwischen denen die Chemie stimmt. Ich arbeite gern mit unterschiedlichen Charakteren zusammen. In erster Linie ist es wichtig, eine starke Persönlichkeit zu sein, ein großes Ego zu haben. Aber behandle jeden mit Respekt. Du musst einen Rahmen finden, in dem man zusammenkommen und etwas aufbauen kann. Du kannst nicht sagen: Ich bin der Sänger, ich bin die wichtigste Persönlichkeit. Bei Channel Zero gibt jeder sein Bestes. Jeder ist mit voller Energie dabei, wir teilen alles auf – so ist das in einer richtigen Band. Das ist schwer zu finden, es passiert oder es passiert nicht. Du musst die richtigen Leute finden … es ist fast wie zwischen Frauen und Männern. Doch wenn man streitet, kann man keinen Sex haben (lacht). Es ist Glückssache, Leute zu finden, mit denen man langfristig arbeiten kann. Jetzt, da ihr Gold habt, was kommt als nächstes?

P.B.: Tatsächlich arbeiten wir grade an neuen Songs. Es gibt viel zu tun. Viel Organisationskram für weitere Shows. Denn man muss an den richtigen Orten spielen, sich eine sehr gute Strategie zurechtlegen. Unterscheidet sich eure jetzige Arbeitsweise von eurer früheren?

P.B.: Nein, mach ich nicht. Ich mach manchmal „Clinics“ für meinen Endorser*. Kennt ihr das? Das ist ein Schlagzeug-DemonstrationsProgramm. Ich hab das schon mit Nicko McBrain von Iron Maiden gemacht und mit Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers. Der hat denselben Endorser*. Aber ich hasse das. Du bist ganz allein mit deinem Schlagzeug, fünfhundert Drummer vor deiner Nase … und ich sage immer am Anfang: „Hi, ich bin Phil und ich bin sicher nicht der weltbeste Drummer. Bestimmt sind viele von euch besser als ich. Aber ich bin hier und ihr seid dort – es tut mir leid.“ (lacht) Ich bin kein großer Techniker, aber ich werde euch meine Persönlichkeit erklären und wie ich Musik sehe. Die Sache ist die: Du musst den Vocals und der Gitarre Raum lassen und kannst deinen Job nicht absolvieren wie eine technische Demonstration. Die wahre Komposition eines Schlagzeugs, die versuche ich zu erklären und meine eigene Methode herzuzeigen. Die Persönlichkeit meiner Drums ist das Spezielle daran, nicht meine Technik. Viele Musiker sind sehr gute Techniker, aber sie können nicht komponieren. Und das lernt man nicht in der Schule. Das hast du oder du hast es nicht. Ja, man kann lernen, wie man eine Melodie macht … aber das Feeling hat man oder nicht. Da kannst du acht Stunden täglich Gitarre üben. Es ist etwas, was du an dir hast, Magie. Wenn du brennst, ist dein Platz auf der Bühne, ansonsten davor. (lacht)


Musik

Fippies Text und Fotos: Simone Jahrmann

Der Kern der multikulti(gsten) Band Fippies kam exklusiv für das X-Rockz-Interview nach Graz, um über den Dächern der Stadt über Kunst zu philosophieren. Man stelle sich vor, eine farbenfroh gekleidete, lebenslustige Band mit lateinamerikanischen Rhythmen auf der Bühne und überwiegend schwarz gekleidete, langhaarige, totenkopfverzierte Menschen im Publikum. Was passiert? Das Publikum tobt vor Begeisterung! „Das hat uns geprägt und prägt uns sicher heute noch, wie zur Hölle so etwas passieren kann“, erzählt Ivan fassungslos. Wer ist diese Band? Wer sind die Fippies? „Wir sind die Band aus Österreich“, Yvi Szoncsò (Sängerin, Klavier, Geige, alles, was man ihr in die Hand gibt) aus der französischen Schweiz, Ivan Plajh (Gitarre) aus Kroatien, Alberto Lovison (Percussion) aus Italien, Felipe Sequeira de Oliveira (Bass) aus Brasilien und Valentin Schuster (Schlagzeug) aus dem Waldviertel plus/ minus weitere internationale Musiker. Zuhause sind sie überall. Die Kosmopoliten reisen viel für ihre Musik, haben weltweit Konzerte, nicht immer gemeinsam, nicht immer in der gleichen Besetzung, aber immer mit reichlich Herzblut. Diese bunt zusammengewürfelte Truppe professioneller Musiker formierte sich in Graz und bestand jahrelang unter dem Namen Sway. Den aktuellen Namen Fippies kann man als Fusion von „falsche Hippies“ verstehen, eine Hommage an die 60er, als Kunst noch freier war. „Eigentlich sind wir unverbesserliche Weltverbesserer“, gibt Ivan zu. Ihre Texte behandeln gesellschaftliche und menschliche Themen. „Als Künstler hat man einen Auftrag“, ist Yvi überzeugt, man hat eine gewisse Verantwortung und Pflicht, mit seiner Kunst die Menschen zu

berühren, Emotionen mitzugeben. Sie haben es sich zusätzlich zur Aufgabe gemacht, der-Lady-Gaga-Nation mit Schema-F-Kompositionen komplexe, harmonische Tonfolgen entgegenzusetzen. Texte und Musik stammen aus den Köpfen, Händen und Herzen des Dream-Teams, das ihre Ideen und ihr Können zu einem perfekten Song zusammenfließen lässt. Für sie braucht jede Emotion einen bestimmten Rhythmus, eine eigene Sprache und eigene Harmonien. Alles muss in sich stimmig sein. Insofern singen sie in mehreren Sprachen und verwenden verschiedenste Stile. Die Latina-Ethno-Folk-ProgressiveFunk-Retro-Jazz-was-auch-immer-Band kann und will man in keine bestimmte Musikrichtung stecken. Ihr Ziel ist es, mit den weltweit besten Musikern in jedem ihrer Genres zusammenzuarbeiten und mit ihnen hochwertige Musik zu machen. „Das Beste, das dir als Künstler passieren kann, ist, geachtet zu werden. Das ist mehr wert als eine Million Euro“, verdeutlicht Ivan und fordert von der Gesellschaft mehr Achtung gegenüber exzellenten Musikern, die oft um einen Hungerlohn oder auf der Straße spielen müssen. „Hier in Graz sieht man auf der Straße bessere Musiker als in vielen Jazzclubs, die wir weltweit gesehen haben.“ Ein sehr ernstes Thema, das Aufmerksamkeit verdient. „Wenn jemand wirklich so viel harte Arbeit in die Musik hineinsteckt und sein Talent erkannt hat, frage ich mich, warum lässt eine Gesellschaft zu, dass diese Menschen, die wertvoll für unsere Kultur sind, am Minimum

leben müssen?“ empört sich Ivan. Darüber hinaus sieht er das Problem auch bei den Musikern selbst, die sich zu oft unter ihrem Wert verkaufen bzw. unfähig sind, um ihren Preis zu verhandeln. Ihre eigene Truppe passt kaum in ein Schema der österreichischen Musikindustrie und hatte in Österreich genauso jahrelang zu kämpfen. Sie entschlossen sich Ende letzten Jahres auszuwandern und haben seither in ein paar Monaten mehr erreicht als die 10 Jahre zuvor in Österreich. Beispielsweise haben sie einige Bandausschreibungen gewonnen. Publikums- und Jurysieger beim Citroen Wettbewerb DS5, weswegen sie nun ein Jahr mit einem schicken Hybrid-Auto die Straßen Europas unsicher machen. Zusätzlich erscheinen sie auf der CD des Rolling Stone und des Musikexpress, wo sie sich laut Yvi „deplatziert“ fühlen, da ihr Artikel irgendwo zwischen Bob Dylan und seinesgleichen platziert wurde. Außerdem streckten sie ihre musikalischen Fühler zurück nach Österreich aus, um das Voting für die Band auf der FM4-Bühne für das diesjährige Donauinselfest zu gewinnen. Dass man erst sterben oder auswandern muss, um (in Österreich) Erfolg zu haben, ist ein essentieller Kritikpunkt unserer gesellschaftlichen Bedingungen. Das aktuelle Album Retro-Jam, das mit dem Release des neuen Namens am 1.1.2012 auf den Markt kam, ließen sie sich einiges kosten. Sie produzierten es selbst mit der besten technischen Ausstattung, die es zurzeit für Musik gibt und ließen es professionellstens mastern. Respektierte Musiker wie Bernhard Wimmer und Georg Gratzer durften auf ihren Aufnahmen nicht fehlen. Alsbald werden zwei neue Videos ihrer Singles veröffentlicht. „Die Spaghettis werden fliegen“, verriet das Paar bloß. Ihre Fans sind überwiegend in Südamerika beheimatet, es gibt sie aber bereits weltweit. Auf die Frage, ob sie ihre Bekanntheit weiter ausdehnen wollen, antworten sie: „Die Welt ist uns definitiv nicht genug, wir wollen auch am Mond oder am Mars spielen! Es wäre interessant, wie sich der Schall dort ausbreiten würde.“

www.fippies.com, www.twitter.com/fippies, http://www.youtube.com/FIPPIES, www.facebook.com/FIPPIES.tv

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Musik

„Es soll alles immer

Hand und Fuß

haben“

Stefan Wedam Portrait von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von Matthias Heschl

Keine Ausreden – keine Kompromisse Stefan Wedam, Multitalent, Weitgereister, Musiklehrer und seit kurzem junger Vater – wir gratulieren übrigens herzlich – veröffentlicht sein erstes Solo-Album „vooshell“. Während einer chilligen Jamsession in der X-Rockz-Redaktion plaudern wir über sein persönliches Woher und Wohin. 60

S h o rt Fac t s Albuminfo: Stefan Wedam – Vooshell (61 min. Spiellänge.) Fotos: Matthias Heschl Cover: Mike Belitz (Idee), Mörn!? (Layout), Chris Zirkelbach (Umsetzung) Produktion: Additiv Media/Tirol Produktionsabwicklung: Max Bieder


Während vooshell aus den Boxen perlt, erzählt Stefan Wedam die Geschichten und Begebenheiten, aus denen die einzelnen Tracks entstanden sind. Der Sound ist abwechslungsreich: Mal latinfunky, mal Cello-rockig, sowohl instrumentale Stücke wie auch Songs im Singer-Songwriter-Style. Starke Einflüsse aus Wedams Zeit in Südamerika sind unverkennbar vorhanden. Diese haben auch dazu geführt, dass das Album komplett akustisch geworden ist: „Ursprünglich wären schon für ein paar Nummern E-Gitarren angedacht gewesen, aber das wäre zu heftig geworden – es ist ja so schon ein so gewaltiger Stilmix.“ Die richtige Atmosphäre wird einigen der Songs durch selbstaufgenommene Ambience-Geräusche aus Bolivien (z. B. Brüllaffen-Schreie) verliehen. Zwei Jahre hat er an dem Album gebastelt (unterbrochen von Studio-Jobs, Pausen und Vaterschaft). Bis auf drei Nummern hat er alle Bässe, Gitarren und Celli selbst eingespielt. Die beiden letztgenannten Instrumente sind – neben seiner Stimme – seine „Hauptwerkzeuge“. Und wenn man selbst produziert, muss man sich natürlich auch selbst um alle Aspekte des Entstehungspro­ zesses kümmern: „Gerade die organisatorische Arbeit ist oft nerven­aufreibender als das Aufnehmen selbst. Und wenn nichts weitergeht, kann man niemandem sonst die Schuld geben.“ Inspiriert wird Wedam durch die Erlebnisse des Augenblicks. Die Instrumentale Asurata entstand beispielsweise während einem trägen, heißen Nachmittag in dem gleichnamigen Ort in Bolivien. Auf 2000 m Höhe im Hostal de las piedras („Hostel der Steine“) nach einer anstrengenden Reise über 6000er, durch den Dschungel und per Boot. „Das Land ist sehr hart und zehrt an den körperlichen Kräften. Es nimmt dich mit und macht dich fertig.“ Von ewigem Frühling umgeben relaxte man fünf Tage lang auf der Terrasse des Hostel und genoss den Ausblick auf die herrliche Landschaft und den Urwald im Tal: „Und du liegst in der Hängematte und klim­perst die ganze Zeit einfach so herum und dann kommen die Ideen.“ Und wie hat alles angefangen? „So mit fünfzehn auf der Gitarre der Mutter, dann ein halbes Jahr später: ‚Ich will eine E-Gitarre zu Weihnachten!‘“ Seine damaligen Helden waren u. a. Brian May (Queen), Joe Satriani und die Band Living Color. Der starke musikalische Background in seiner Familie bewegte sich vor allem im klassischen Bereich – Wedams Rebellion war die Liebe zur E-Gitarre. „Die Eltern hätten zu der Zeit eben lieber gehabt, wenn ich mehr Cello geübt hätte, als Brian-May-Riffs nachzuspielen“, lacht er. Die Art, wie Musik unterrichtet wird, sieht er ein bisschen kritisch. Der Drill verderbe oft die Freude am Musikmachen. „Meine persönliche Meinung ist: Auch klassische Musik ist nicht starr. Die ist ja leidenschaftlich und kann interpretiert werden.“ Sobald die Technik ordentlich erlernt und damit das Werkzeug geformt sei, solle mehr Wert auf Improvisation, Feeling und Weiterentwicklung ge­legt werden: „Die berühmtesten Musiker sind doch die, die nicht mit Scheuklappen durch die Welt gegangen sind, sondern etwas Neues ausprobiert haben.“

Er selbst entschied sich nach dem Zivildienst gegen die Orchesterarbeit und fing an, sein eigenes Ding durchzuziehen: Arrangieren, spielen und das Ganze mit Rock, Jazz und Funk vermischen. Obwohl ihm seine klassische Ausbildung am Cello oft sehr hilft und auch Spaß gemacht hat: „Aber es war einfach nicht so meins. Ich wollte nie der fünfte Cellist in der dritten Reihe sein.“ Eher sei er der Kontroll-Freak, statt selbst kontrolliert werden zu wollen. Ihm sei es wichtig, kompromisslos seine Musik machen zu können. Wedams Spiel ist bewusst anspruchsvoll: „Ich will nicht klingen wie ein Sänger, der ein bisschen Gitarre spielen kann, und auch nicht wie ein Gitarrist, der ein bisschen dazu singt. Es soll alles immer Hand und Fuß haben.“ Manche alten Stücke würde er mittlerweile anders machen – lässt es aber doch bleiben, um ihre Authentizität nicht zu zerstören: „Du gibst eben alles was du zu dem Zeitpunkt kannst, emotional und dem Stand deines Könnens entsprechend.“ So könne man auch im Rückblick zu allem stehen und zufrieden sein. Ab nach Südamerika ging’s 2006. Ein Jahr unterrichtete er in Bogota, Kolumbien, an der deutschen Schule E-Gitarre und Cello und leitete den Schulchor. Einmal kam er dort sogar zu einem Job in dem kleinen, aber feinen Home-Studio, das von Juanes’ Keyboar­ der betrieben wird. Danach ging’s mit Mindestgepäck ein halbes Jahr weiter, unter anderem durch Ecuador, Bolivien und Argentinien. „Sobald die Einheimischen sehen, du hast eine Gitarre umgehängt, kommen sie sofort, laden dich ein und wollen, dass du spielst.“ Nicht selten kommt es dann vor, dass die Zuhörer selbst ihre Instrumente auspacken und ein spontaner Jam entsteht. „Das ist so ein Lebensgefühl – einfach unbeschreiblich.“ Aus dieser Zeit stammen auch die starken spanischen und Latin-Einflüsse auf vooshell. Kurz vor Weihnachten 2007 kehrte Wedam in die winterkalte Heimat zurück. Anfangs fand er es schwierig, sich wieder einzugewöhnen: „Man merkt einfach, man selbst hat sich verändert und ein bisschen Latino-Lebensstil aufgesaugt. Und die anderen eben nicht. Für die ist alles noch wie zuvor.“ In Südamerika war er erstmals musikalisch auf sich gestellt gewesen, hatte Nummern geschrieben und neue Ideen entwickelt. Er entschied sich dagegen, eine neue Band zu formieren, sondern begann, am Album zu arbeiten. „Das Konzept dahinter ist: Ich kann jede Nummer solo spielen und singen, egal ob mit Cello oder Gitarre. Die Aufnahme im Studio wird sozusagen aufgefettet mit dem Rest“, erklärt er. Dadurch kann er sein komplettes Programm alleine, mit vollständiger Beset­­ z­ung, im Duo oder im Trio spielen und ganz zur Location passend arrangieren. Die Live-Performance ist überhaupt seine Stärke und macht ihm viel Spaß. Das wird er schon bald unter Beweis stellen, nämlich im August auf seiner Deutschland-Tour. Davor wird er am Soundwave Croatia zusammen mit ESKA auf der Bühne stehen.

http://www.youtube.com/user/vooshell1

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Musik

S h o rt Fac t s Albuminfo: Burn Brightly Alone (51:20 Spiellänge, 13 Tracks) Vocals: Wolfgang Weiss Guitars: René Kramer Bass: Peter Droneberger Schlagzeug: Paul Droneberger Fotos: Wolfgang Weiss Produktion: Tom Zwanzger & Peter Droneberger/ Stress-Studio, Graz (2010-2011) Mastering: Mika Jussila/Finnvox Studio, Hesinki/Finnland Portrait von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von Wolfgang Weiss/Cadaverous Condition

Das steirische Metal-Urgestein gibt nicht oft ein Lebenszeichen von sich, aber wenn, dann ein kräftiges. „Burn Brightly Alone“ heißt ihr soeben in Eigenregie veröffentlichtes Album. René Kramer, Gitarrist einer der dienstältesten(!) österreichischen Deathmetal-Bands, stattete uns einen Besuch in der Redaktion ab. 1990 ist das Gründungsjahr der Grazer Band Cadaverous Condition. In 22 Jahren tut sich einiges und mittler­weile sind sie zu vielseitig unterwegs, als dass die Bezeichnung Death Metal allein genügen würde. Das schreckt zwar eingeschworene Headbanger teilweise ab, andererseits sind der vierköpfigen Formation einige Fans der ersten Stunde bis zum heutigen Tag treu geblieben: „Die sind zwar mittlerweile über die ganze Welt verstreut, aber man hört immer wieder was von ihnen.“ Die bestellen auch immer wieder die Neuerscheinungen, auch wenn da neben klassisch hartem Geknüppel teilweise Songs drauf sind, in denen Growl-Gesang von fast romantischen Akustik-Gitarrenklängen untermalt wird. „So ein Publikum musst du ja erst mal finden“, stellt René trocken fest. Genregemäß ausgesehen haben sie sowieso noch nie: „Paul,

unser Schlagzeuger, hatte lange Dreads und Peter, unser Bassist, war Vollblut-Punk mit Iro und so weiter. Wolfi und ich waren immer eher die Normalos. So das richtige Metal-Outfit hatten wir eigentlich nie.“ Begonnen hat alles ja sowieso mit Grindcore, stark beeinflusst von Bands wie Carcass, „so richtig mit Skeletten und allem“. Mit der Zeit veränderte sich der Sound von selbst. René spielt Gitarre, seit er vierzehn ist, und gründete mit sechzehn die Band zusammen mit Wolfgang Weiss, dem Sänger. Bis auf den Bassis­ten, der zeitweilig durch einen anderen ersetzt worden war, und den zweiten Gitarristen, der vor sechs Jahren ausstieg, hat sich das Lineup nicht geändert. Die Zuständigkeiten sind klar verteilt: Das Songwriting findet in Renés Keller statt. Von dort aus werden die Aufnahmen nach Wien zu Wolfgang gemailt, der die Lyrics verfasst. Steht eine Studiosession oder ein Konzert an, versammelt sich das Metal-Kleeblatt zum Proben. Alle Aktivi­täten sind auf das Wesentliche reduziert worden. Dadurch können die Bandmitglieder gut ihre beruflichen und familiären Zeitpläne mit den musikalischen vereinbaren – sicher einer der Gründe, dass es Cadaverous Condition noch immer gibt. Bis auf den Vertrieb der Platten wird alles von der Band selbst er­ledigt und organisiert. „Das, was ein kleines Label für mich tun kann, kann ich selbst erledigen. Man hat ja jetzt viele Mög­lichkeiten via Internet und

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http://www.cadaverouscondition.com, Facebook: https://www.facebook.com/CadaverousCondition


so weiter“, meint René. Burn Brightly Alone wurde also von dem 1995 selbst gegründeten Label herausgebracht. Nachdem ihr Debut­ album In Melancholy 1993 bei Lethal Records erschienen war, bekam man Lust auf elektroni­sche Experimente, mit denen das Label natürlich wenig anfangen konnte. Also brachte man Eisbär 90210 einfach selbst heraus. 2008 kam auch einmal eine Remix-CD namens Destroying The Night Sky heraus, an der z. B. Nurse With Wound oder Ali Helnwein mitgewirkt hatten. Die Full-LengthAlben dauern immer ihre Zeit – To The Night Sky hat auch schon wieder sechs Jahre auf dem Buckel. „Es gibt da kei­nen Druck bei uns“, meint René. Lieber sich mehr Zeit lassen, dafür umso inspirierter arbeiten. Live-Auftritte sind seltener geworden als in den ersten Jahren. Statt in kurzen Abständen in immer wieder denselben Locations aufzutreten, sucht sich die Band nun Gigs aus, auf die sie Lust hat und die gute Promo bringen: „Wir wollen von dem Erlebnis ja auch selbst was haben.“ So wurden zum Beispiel zwei Konzerte in Reykjavík gegeben, weil ohnehin alle in der Band gern mal Island sehen wollten. Auch der Gig beim Rockstation Festival 2004 in Ankara (Türkei) war die Reise wert: „Da haben auch sehr coole Bands gespielt, die mir selbst gefallen, zum Beispiel Sodom.“ Finanziell zahle man dabei zwar gewöhnlich drauf, sammle aber tolle Erfahrungen und träfe neue Leute. In der Zeit der ersten beiden Alben sei man schon noch viel in Österreich, Deutschland, der Tschechoslowakei und Slowenien unterwegs gewesen. Allerdings hätten sich die kleinen Festivals hinsichtlich der Kosten-Nutzen-Frage kaum gelohnt. Man gehe in der Masse der Bands, besonders bei mehreren, gleichzeitig bespielten Stages, völlig unter. Stattdessen werden andere Wege beschritten, um die Welt auf sich aufmerksam zu machen. Man sei vertreten in Genremagazinen wie unter anderem Legacy, Metalhammer oder RockHard, steuern Songs zu Samplern bei und verschickt ReviewMaterial. „Da muss man aber drauf achten, dass man den richtigen Redakteur erwischt. Wenn dein Zeug bei jemandem landet,

der überhaupt nichts mit dieser Musik anfangen kann, kann das auch schiefgehen.“ In dieser Hinsicht hat man auch schon mal „Lehrgeld bezahlt“. Ausgerechnet, als sie in der Hoffnung auf professionelle Betreuung ein Promo-Unternehmen angeheuert hatten. „Seitdem machen wir alles selber.“ Das funktioniert am besten, auch aufgrund der langjährigen Erfahrung. Man kennt sich einfach aus in der Szene, hat bereits bestehende Kontakte und weiß, was möglich ist. Die Download-Problematik macht es nach Renés Meinung für neue Bands heutzutage schwerer, mit ihrer Musik Geld zu verdienen. Sich in vielen kleinen Shows mit wenig Ergebnis aufzureiben sei sinnlos und Supportgigs bei großen Shows seien oft einfach unleistbar. Darum macht sich Cadaverous Condition keinen Stress mehr. Besser entspannt bleiben und sich die Freude an der Sache bewahren: „Wenn wir was machen, dann machen wir das für uns selbst.“ Und welchen Metal hört der professionelle Metaller privat? René nennt als seine Lieblingsband Carcass – „Von denen kann ich mir echt vom ersten bis zum letzten Album alles anhören“ – aber auch Death, Morbid Angel, Obituary oder Pungent Stench hat er bis heute gern. Oft stöbert er auf YouTube nach neuen Bands und wenn ihm was zusagt, kauft er das Album. Seine neueste Entdeckung namens Toxic Holocaust haucht dem guten alten Thrash Metal neues Leben ein. Auch auf Konzerten trifft man ihn gelegentlich an: Laibach, die im Oktober nach Österreich kommen werden, wird er sich auf jeden Fall anschauen. Was die Band betrifft, existieren noch keine fixen weiteren Pläne. Der „leichenhafte Zustand“ wird aber auf jeden Fall auch weiterhin andauern.

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Musik

Slip Into

My World Of Music Porträt von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von Birgit Kniebeiß

Eine Venue. Ein Mikrofon. Ein Typ ohne Instrumente, stattdessen mit „Chaos-Pad“. Und der groovt ganz allein wie eine ganze Band, respektive ein ganzes DJ-Set. Es ist die Nacht, in der die „Looping The Earth Tour 2012“ von Georg Viktor Emmanuel im Club wakUum in Graz Halt macht. Die erste Frage bejaht Georg ohne zu zögern: Es gibt so viele Beatbox-Richtungen, wie es Beatboxer gibt. Gerade ist er vom ersten Abschnitt seiner Tour zurückgekehrt: „Italien war eine Herausforderung!“ Schon seit seinem 11. Lebensjahr habe er davon geträumt, als Musiker durch die Welt zu ziehen. Später studierte er eine Weile Jazz-Gesang. Lange Zeit sang er in Bands. Nachdem man sich getrennt hatte, beschloss Georg, es mal auf eigene Faust zu versuchen. Seit zwei Jahren erst macht er sein Soloprojekt, mit dem er nun die ganze Erde loopen will. Im Jänner 2010 gewann er zu seiner eigenen Überraschung den Kultband Contest der Volksbank. Damals kaufte er in Ermangelung einer Band seine erste Loopstation, die er immer noch verwendet. Im März 2010 geht er’s ernsthaft an und beginnt, Beatboxen zu lernen. Zur Vorbereitung der Tour machte er 2011 in Amsterdam seine Streetshow: „Ich wollte wissen, was auf mich zukommt. Wie das Auf-der-Straße-Spielen überhaupt geht und so weiter.“ Dabei wurde ihm klar, dass er noch nicht weit genug war und er verschob den Start auf 2012. Das Tourkonzept hat er allein erdacht. Er hat aber einige Leute, mit denen er bei der Umsetzung zusammenarbeitet. Zum Beispiel mit seinem Filmemacher Michael Murnau: „Wir sind so eine Art kreatives Team. Er ist ganz anders als ich und das ergänzt sich gut. Dabei kommen Ideen heraus, an die man alleine nie denken würde.“ Die Looping Earth Tour hat verschiedene Aspekte: Die Interaktivität ist der erste Punkt. Jeder kann mitbestimmen, wo es hingeht, voten und Ideen einbringen. Was möglich ist, wird umgesetzt. Auch wenn er gelegentlich in Clubs oder auf kleineren Festivals auftritt, ist die Straßenmusik der Schwerpunkt. Der erste Flashmob-Event wird in Budapest stattfinden. Die Tour lebt von spontanen Aktionen. Vor wenigen Tagen mutierte zum Beispiel Maribor zum Videodrehort. „Und da waren plötzlich fünfzehn, zwanzig Leute dabei – in einem Land, wo ich keinen kenne, wohlgemerkt!“ Darum geht es Georg hauptsächlich: Das Potential nutzen, das zwischen ihm und den Menschen entsteht, die er „auf der Straße“ trifft. In den nächsten

sechs Monaten, die ihn durch siebzehn Länder führen werden, kann noch so manches passieren. Den Ort für das letzte Konzert am 21. Dezember 2012 sollen die Leute im Internet bestimmen. Bis dahin wird er vielerorts zu hören sein. Dabei arbeitet er teilweise spontan, teilweise mit fixen Songkonstrukten – „Doch trotzdem sind die Songs nie komplett gleich.“ Auf der Straße läuft alles anders, mit Club-Gigs habe das nichts zu tun. „Es ist gewöhnungsbedürftig. Aber ich find’s geil. Man wächst mit diesen Auftritten.“ Oft bleiben gerade die Leute stehen, von denen er es nicht gedacht hätte. Manche glauben, er mache nur Playback. Dass viele einfach vorbeigehen, dürfe man nie persönlich nehmen: „Seit ich das selber mache, bewundere ich jeden Straßenmusiker. Das ist echt kein Zuckerschlecken.“ Bei einem Straßengig lerne er zehnmal soviel wie bei jeder normalen Show. Die Weiterentwicklung sowohl als Musiker wie auch als Mensch ist das Ziel. „Du musst lernen, ganz bei dir selbst zu sein. Und wenn du deine Musik dann selber spüren kannst, dann hast du auch die Ausstrahlung, die die richtigen Leute anzieht. Und die Straßenmusik zwingt dich dazu.“ Durch das interaktive Tour-Diary auf www.looping-earth.com kann jeder ein bisschen mitreisen und miterleben, wie es einem geht, der „einfach“ alles aufgegeben hat und losgezogen ist. „Wurscht, was dabei rauskommt. Es kann ja auch voll in die Hosen gehen.“ Von dem Projekt menschlich profitieren werde er auf jeden Fall, egal ob sich die damit verbundenen Karrierewünsche erfüllen oder nicht. Auch der Auftritt im Club wakUum hat mehr eingebracht als erwartet. Schon ist ein Termin mit den beiden Support-Acts des Abends (Edo Mjusik und Gregor Staudinger) vereinbart, an dem man sich treffen, quatschen, jammen und voneinander lernen wird. Ein Live-Album ist in Arbeit, der Gang ins Studio ist für nächstes Jahr vorgesehen. Auch da werden die Instrumente draußen bleiben müssen. Dem Beatboxen wird er hundertprozentig treu bleiben. „Es macht mir einfach solchen Spaß, was man nur aus der Stimme machen kann. Diese Musik ist was Besonderes.“

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http://www.looping-earth.com, Facebook: https://www.facebook.com/georgviktoremmanuel, YouTube: http://www.youtube.com/georgviktoremmanuel


Musik

Kunst, um sich selbst zu finden Entlockungsversuch und Fotos von Olivia Fürnschuß

Nahe der Grazer Kunst-Uni lebt der Pianist Oliver Majstorovic. Das X-Rockz hat versucht, ihm Biographisches zu entlocken.

„Kunst

befreit!“

„Musik ist eine höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie“ – Dieses Zitat Ludwig van Beethovens ist eines der ersten Dinge, die man auf Oliver Majstorovics Homepage zu lesen bekommt. Im Gespräch erweist sich der vielseitige Musiker als gebildeter und vor allem höchst kunstinteressierter Mensch. Er denkt nach, bevor er antwortet und verwendet immer wieder Vokabel, die in der Umgangssprache selten geworden sind. Oliver Majstorovic wählt seine Worte mit Bedacht. Er spricht nicht gerne über Persönliches, auch nähere Ausführungen über seine äußerst stilvoll möblierte Wohnung will er an dieser Stelle nicht lesen. Sein privates Umfeld tut nichts zur Sache, über seine Kindheit verrät er gerade soviel, dass man den Eindruck gewinnt, man habe es hier mit einem Menschen zu tun, dessen musikalisches Talent bereits früh gefördert wurde. Der in Zagreb aufgewachsene Pianist hat bereits in jungen Jahren Konzerte im In- und Ausland gegeben. In seiner Wahlheimat Graz studierte er dann Klavier und hat vor einigen Jahren auch zu malen begonnen. Für ihn ein weiterer Weg zur Befreiung. Möglichst groß­formatig, möglichst bunt. Und so wenig Majstorovic sonst über sich selbst preisgeben will, so wichtig ist ihm seine Message: Kunst befreit. Egal ob Musik, Malerei, Bildhauerei – jeder kann durch den künstlerischen Ausdruck besser zu sich selbst finden. Und daraus sollte jeder Mensch seinen Nutzen ziehen. Vor Grazer Publikum zu hören sein wird Oliver Majstorovic spätestens wieder im Herbst dieses Jahres. Er beschäftigt sich momentan mit Glanzpunkten der Klavierliteratur. Bilder einer Ausstellung von Modest

Mussorgski zum Beispiel. Oder Chopins Preludes. Stücke, die ausser technischem Können auch geistige und körperliche Kondition erfordern. „Das Klavier braucht viel Zeit“, sagt der Musiker. Und so offen er auch für alle anderen Kunstsparten sein mag, der scheue Oliver Majstorovic ist in erster Linie ein leidenschaftlicher Pianist. Und er läßt am liebsten das Klavier sprechen.

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Musik

Free party for free people Ein Blick in den Underground von Simone Jahrmann, Fotos Optix Tribe

X - Ro c k z m e e t s U n d e r g ro u n d u n d ta u c h t i n d i e b u n t e W e lt d e s G oa e i n . Ein Feld irgendwo im Nirgendwo. Alles ruhig. Die Grillen zirpen. Die Vöglein zwitschern. Die ersten Autos und Kleintransporter kommen angefahren. Binnen Minuten stehen Lautsprechertürme und Bar. Farbenfrohe Gebilde mit Neonfäden wachsen rundum aus dem Nichts. Die Gäste kommen. Werden via GPS-Koordinaten hingelotst. Es wird Party gemacht. Meistens nicht nur eine Nacht. Jeder zahlt für die Getränke, was sie ihm wert sind. Es wird aufgeräumt und abgezogen. Niemand hat etwas gewusst. „Free Party for free people.“ Das politische Statement: „Jeder hat das Recht, zu feiern und Musik zu hören, was ist so schlimm daran?“ Wer? So kann der Underground feiern. Muss aber nicht. Viele Veranstaltungen werden angekündigt. Und doch kommen nicht viele Fremde dazu. Wir sprechen hier von der Goa-, Freetechno-, Psytrance-Szene, wie auch immer sie sich nennt. Goa und Techno sind aber Stiefkinder. Die Musikrichtungen verbindet man mit Vielem, wie oft bekommt man aber so eine Schwarzlicht-Wunder­ welt schon zu sehen? Die Partys sind meist im Sommer, meist im Freien. Die Athmo­ sphäre ist jeweils unvergleichlich, 66

wie „von einer anderen Welt“. Die Menschen, die hier zusammenkommen, könn­ ten unterschiedlicher nicht sein. In einem sind sie sich dennoch einig: Sie wollen keine Kommerzialisierung. Anderswo ist Goa schon massentauglich und wird „full on“ genannt. Davon distanziert sich die Underground-Szene. Sie macht etwas schwerer genießbare Musik. Mit hoher Geschwindigkeit. Bis zu 190 Beats per Minute. Staccato. Hämmernd. Synthetische Klänge und Geräusche. Das kann nicht nur unter Drogen high machen. In der Menge, grelle Farben, harter Beat. Der Körper schüttet Dopamin aus. Joe Niedermayer Er ist einer von denen. Er ist einer von ihnen. Von Goa-Partyliebhabern. Von Optix Tribe. Joe Niedermayer (24) ist in der Underground-Szene in Graz daheim. Dafür musste er aber erst hierher ziehen. Hier kümmert er sich um sein Studium, dessen Vertretung und dessen Zeitung. Genauso wie um Optix Tribe und dessen Mitglieder. Optix Tribe Optix Tribe ist ein Verein, der seit einigen Jahren Goa-, Psy- und Technopartys organisiert. Eine eingeschworene Truppe,

die einfach funktioniert. 12 Freunde, die wissen, was sie können und zu tun haben. Die man in Österreich und Nachbarländern buchen kann. Für Visuals und Deko bis hin zur ganzen Partyorganisation. Inklusive DJ. Vom Standard-Plattenspieler bis zum High-End-Live-DJ. Vielleicht mit selbstgebastelten Synthesizern. Vielleicht sogar extra eingeflogen. Und im Gegenzug dafür will Optix Tribe nicht viel: Spaß haben, feiern und Spritkosten. „Bei den Partys geht


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es nicht darum, Gewinn zu machen Wenn wir mit Null aussteigen sind wir happy“, so Joe. Sie sehen es als Freizeitbeschäftigung. Ein Hobby. Es fing auch alles damit an: Sie bastelten String-Art-Konstrukte für Veranstaltungen. Diese wurden irgendwann nicht mehr gebraucht. Sie machten einfach ihre eigenen Partys damit. Und die fassen bei ihnen bis zu 600 Leute. Auf diesen Partys ist man als Außenstehender Tourist.

S h o rt Fac t s Die Termine für kommende Veranstaltungen, sowie Reviews vergangener Parties findest du online im Veranstaltungskalender oder auf: optix.io Facebook unter Optic Tribe Facebook unter Psy Optix Decorations

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Musik

Sepultura Interview by Cornelia Schwingenschlögl, Photos by Sebastian Patter

It’s really only rock’n’Roll On the 16th of August 2012 one of the greatest Metal bands in history visited Graz to play at P. P. C.; X-Rockz was there – not only for the show, but to have a little talk with Sepultura’s singer, Derrick Green. XRM: Our first contact happened via Facebook. You are very busy there?

Derrick Green: Yeah, I have to run the Sepultura Facebook page. It’s a lot of work, but you get a lot of insight on fans and how they feel about us and our shows. It’s really important. So do you do all your social media work yourself?

D.G.: No, no … (laughs) our website is done by a webmaster and Facebook and Twitter is done with the help of Sepularmy. That’s a lot of people and friends that we have around the world who help to keep everything up to date. You know, that connection with fans has grown very strong. This means a lot. How does it feel to be part of a major band in metal history? Is it a lot of pressure?

D.G.: Not really. You know, one thing I really like to do is music. I’ve always done something with music from a very young age. To join this band of course was a lot of pressure, but at the same time something I wanted to do. When you have passion about something, then you don’t really think about pressure – you just do it. So it was great to join this band with such a rich history. It’s great to work with these artists. I don’t think, anybody had anything similar to this. (laughs) It’s been amazing. What do you think, did you change, when you joined Sepultura – or did it change you?

D.G.: We all changed. I think, with time everything around us is changing. So it was inevitable, that it was going to change. There was nothing to be done to really prevent that and something that we really needed. It was something that was extremely important to maintain Sepultura history to have changes in albums. To take on, what’s happening around us and put that in our music as an influence. I moved to a different country, learned a different language, a different culture. It changed my life radically. I had been living in the United States for almost 15 years then. It was something I had never ever imagined or even I was seeking out. But the turn of events has been flowing in a way, that I can’t really see where it’s going. (laughs) How did the audience respond to Sepultura’s changes of style over the years? Did you loose or gain audience or did it stay pretty much the same?

D.G.: I think it’s a mixture of what you are saying. When we are writing new songs or different styles, or it sounds different, it’s inevitable, because everyone has their own opinions what they like and what they’re into. For us as artists it’s extremely important to change. You know, we don’t wanna be a slave to our past. We don’t wanna box ourselves into something that, if we do wanna change, we can’t get out of. It’s extremely important to evolve, to grow. It’s impossible to create something that’s gonna please everybody. And if you start thinking in that way, then you are not really an artist anymore. You’re just trying to create some type of pop metal. The fans are going to realize, that you are trying to fabricate something that’s not real and catch you out on it. That’s why I like doing alternative music: Not everybody is gonna

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http://www.sepultura.com/


agree with everything, but it’s something that you believe in and you do it. It’s important to really stick to that.

is completely about us, four guys really playing strong music and not holding back. (laughs) Who are you a fan of? Who inspires you?

At last year’s show you did here, the most supporting bands acted tough and hard. We remember you having fun, you were smiling. That’s not typical for that kind of music.

D.G.: Yeah … I think it’s really important that you don’t take yourself too serious. You know, it really is only Rock’n’Roll. You are there to have a good time along with everybody else at the end of the day. And I’m not gonna try to personify myself as somebody who’s like killing people. It’s kind of corny to me. I like to have fun with the audience. I think they enjoy it. I like to see them smiling. It’s great when people walk away with a good time and feel that you are human and not like a monster. I think it’s important just to really be yourself on stage. Your new album is named Kairos. We found out, that’s an ancient greek philosophical term for the right time to make a decision.

D.G.: Yeah, that’s pretty much it. (laughs) It was an idea that our guitarist had, Andreas. There’s the chronological time from the god Chronos, but that’s the time that we live on. The concept of time we humans made up. Kairos is a time, that they felt was god time, when something extraordinary happens that wasn’t planned. It just kind of falls in. Maybe a speech that had such an impact that reverberated around the world. Maybe like speeches by Ghandi or Martin Luther King. They weren’t really timed to have such an impact, but they did. You know, it was the moment in there that was like „Boom“! And that moment happens around us many times. I think, in the history of Sepultura it has. Something just happened in that moment and that helped keep everything going on. You know, it’s a good feeling. We wanted to write about the history of the band. We had to think about ourselves. I honestly loved the solos, that weren’t that typical Rock’n’Roll solos. I thought, they were really creative. And it really worked well. Bringing out those elements was like jaming, having a part to just rock on for a while so people can bang their heads. And that’s what’s really powerful in Sepultura. This album

D.G.: I really like Mike Patton. He’s one of my favourite singers. Just the fact that there’s such a diversity in the music he’s working with. And he’s an incredible frontman. I always admired Faith No More since I was very young. He ended up becoming like a pretty cool friend. That’s one musician I have a lot of respect for. But, God, there are so many, I don’t know … (laughs) How do you prepare for a tour?

He lives with his mother in Prague?

D.G.: Yes. Normally when we have off-time or are not touring it’s family time, you know, spending time together, going on vacation. It’s an incredible feeling. He idealizes the band and that style of music already. She (his mother) tries to keep him fresh with my memory and with what I’m doing and is showing him and it really has an impact on him. When I’m home I always try to spend with him as much time as possible and don’t go online or anything. Is there a favourite song, a song you like to play most from Sepultura?

D.G.: Well, we come together and practise, just go over an idea for a setlist. More than a setlist actually, we go over as many songs as possible so that we can switch on tour when we see, a song isn’t working well. The songs are in our heads but we sometimes need a jump start some times before. We’ve done tours before where we got on the tour and just started playing. But it’s great to practise, it’s important. It’s essential if you want to stay tight and want people to hear good music. (laughs)

D.G.: I like Kairos because … when we start the song people are stoked to hear it. That song is so great, I love playing it and – again – it’s one of my son’s favourite songs. It has a strong impact, the lyrics, the song itself … I think it’s stronger than I imagined. So it’s cool to see the reaction – live. (giggles)

Are you still nervous, before you get on stage?

D.G.: I think it’s important to really master your craft. To really practise as much as possible. I know, everybody says that, but it’s true. And to really have an honest passion for it. You know, if it’s something that’s like „uuuh, kind of, uuuh, it’s okay“ then you are really not gonna go as far as you’d like to. You really have to be able to have that commitment and be able to do those sacrifices you have to do to do music. Not everything is gonna happen immediately. You really need to have faith in what you’re doing. Stay true to what you like to do and – like I said – put your personality into it. Being an artist is about showing, communicating and it’s not always pleasant. (laughs) It can really be hurtful at times when you are not used to hearing criticism. But it’s important to hear these criticisms, the positve ones and the negative ones. And you really have to be reflective and honest with yourself. You know: This is what you wanna do, this is what you do and believe it. I think, the most important thing is: Stop trying to do what other people expect or want you to do. Do what you wanna do.

D.G.: No, not nervous but anxious. You spend the whole day just waiting to play. You know, it’s that moment – Kairos! (laughs) You live for that moment. And it is so short! You tour a lot. You’ve got a son, Nolan Maddox. Isn’t it sometimes hard to be so far away from family?

D.G.: It’s probably the most difficult thing hands-down Rough. But at the same time he needs to go to school, he needs clothes, he needs a proper place to live – you know, and this is what I do. All those things cost money, that’s the reality of the situation. I can’t do a nine-to-five type job and I try to be there as much as possible. How old is he now?

D.G.: He’s three years old. He really needs to establish his own life, build friends and be in a scene for a regular child.

One obligate qestion: As someone who has managed to stay successful over such a long time, what would be your advice for a young band? What’s most important in your opinion?

Lies das vollständige Interview wahlweise auf englisch oder deutsch online auf http://www.x-rockz-magazin.com/

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Musik

Wolfis Vinyl-Ecke | Teil 1

Mountain Kolumne von Wolfgang Trummer, Fotos von Christoph Mavriˇc

Ly ris c her HardRo c k vom feinsten aus den U. S. A. Sie trafen sich bei den Aufnahmen zu Leslie Wests erster LP. Felix A. Pappalardi war Produzent und Bassist, der sich nur um die Aufnahmen kümmern wollte, dann aber selber mitspielte. Schlagzeuger Laurence Gordon „Corky” Laing, der schon für Herbie Mann gearbeitet hatte, und Keyboarder Steve Knight. Das New Yorker Quartett beschloss, zusammen zu bleiben. Leslie West wurde von der Musikpresse bald mit Eric Clapton, Jimmy Page und Jeff Beck auf eine Stufe gestellt. Felix A. Pappalardi produzierte die Alben von John Symon Asher „Jack“ Bruce (Solo) und ist als Co-Autor von Cream in Erscheinung getreten. Mit ihrem donnernden, dynamischen Hard-Rock, der lyrische und romantische Elemente enthielt, gehörte Mountain zu den originellsten Heavy-Bands der frühen 70er Jahre. Besonders Gesang und Bassläufe erinnern an Cream. Die Gruppe wurde zu einer beliebten Live- und Festivalband (Woodstock). 1972 wählten Kritiker die Band zur größten Hoffung des Jahres, doch ein Jahr später trennten sich die vier Musiker, Leslie West und Corky Laing taten sich mit der Jack Bruce zu einem – West, Bruce & Laing – zusammen. Pappalardi widmete sich wieder dem Produzieren. Es kamen noch zwei Alben (Mountain) auf den Markt. Ein Live- Doppelalbum (1974) sowie eine Studioplatte (1974)

Vinyl-Alben Leslie West-Mountain 1969

- Climbing 1970

- Nantucket Steighride 1971

- Flowers of Evel 1972

- Live 1972

- Live – Twin Peaks 1973

- Avalanche 1974

West, Bruce & Laing - Why Dontcha 1973

- Whatever Turns You On 1974

- Live’n’Kickin 1974

Leslie West Band - Same 1975 Leslie West - The Great Fatsby 1975

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Wolfis Vinyl-Ecke | Teil 2

Musik

If Das Beste vom Be s te n – J az z Roc k Im Jahre 1969 war sie fällig, die erste englische Jazz-Rock-Formation im Stil der früheren Chicago oder Colosseum. Dick Morrissey (Saxophones, Flute), einst als Wunderkind des Jazz bezeichnet, und Terry Smith (Guitar), beide im Melody Maker (ältestes Musikmagazin Englands) im Genre „Jazz“ ausgezeichnet, suchten bis 1970 Mitspieler für ein gemeinsames Bandprojekt. J. W. Hodkinson (Vocals, Percussion) hatte schon bei Georgie Fame gesungen. Dave Quincy (Saxophones) hatte mit Jet Harrys, Ronny Scott (beide Jazzer) und mit der Band Blind Face (Cream-Nachfolger) gespielt. John Mealing (Vocals, Piano, Organ) hatte eine klassische Orgelausbildung hinter sich. Jim Richardson (Bass) hatte über leichten Pop mit Scott Walker zum Jazz gefunden (er spielte Vinyl-Alben auch kurz bei der Keith Tippett Group). Mit Denis Eliot (Drums) war die Suche nach Bandkollegen beendet. Diese Einheit von Musikanten kreierte die wiedererkennbare, originelle und - IF 1970 aufregende Verschmelzung von Hardrock und Jazz, sogar leichte Einflüsse von Klassik sind zu - IF“2“ 1970 hören. Der Drive des Hardrocks und die unbegrenzte Ausdrucksmöglichkeit des Jazz machen - IF“3“ 1971 If zu einem unvergesslichen Klangerlebnis.

- IF“4“ 1972 If wurden in Amerika zur Hoffnung des Jahres 1970 erkoren. Die LPs hielten Einzug in die US-Charts. Auch in ihrer Heimat England waren sie erfolgreich. 1972 verließen Jim Richardson, Denis Elliott und John Mealing (der sich Doldingers Passport anschloss) If. Die neuen Mitspieler waren Steve Rosenthal, Cliff Davies (Ex-Roy Young Band) und Pete Arnesen. Große Trauer herrschte bei den Fans als If sich auflöste. Ende 1973 formierten Dick Morrissey und Cliff Davies die Band neu. Mit Geoff Whithorn, Gabriel Magno und Walt Monaghan entstanden die beiden letzten Alben Not Just Another Punch of Pretty Faces und Tea Break Over, Back on Your `Eads, beide 1974. Danach war das Ende der Gruppe If besiegelt, die Wege der Musiker trennten sich …

oder - Waterfall 1972 (German press/different Tracks) - Double Diamond 1073 - Not Just Another Punch Of Pretty Faces 1974 Tea Break Over, Back On Your ‘Eads 1974

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Musik

Wolfis Vinyl-Ecke | Teil 3

Strawbs Kolumne von Wolfgang Trummer, Fotos von Sebastian Patter

S w in gender F o lk Roc k Aus dem Folk-Duo Strawberry Hillboys (Dave Cousins & Tony Hopper) entstand 1967 die Gruppe Strawbs. Dieser gehörte unter anderem auch Sandy Denny an, die 1968 bei Fairport Convention einstieg. Rick Wakeman (Organist) stieß 1970 zur Band, die sich immer mehr vom traditionellen Folk zu einem swingenden Folk-Rock hin bewegte. 1971 trennte sich Rick Wakeman wegen musikalischer Differenzen von der Band und arbeitet seitdem für die Prog-Rock-Pioniere YES. Für ihn kam ExFair-Weather Blue Weaver zu Band. Mit der Single Lay down auf der LP Bursting at the seams 1973 tauchte die Band zum ersten Mal in den englischen Top 10 auf. Zu ihrem Konzeptalbum Grave new World 1972, auf dem sie das Thema „Leben von der Geburt bis zum Tod“ behandelten, drehte die BBC einen Film. Kurz darauf verließ Gründungsmitglied Tony Hopper die Band, für ihn kam Dave Lambert. Mit Part of the Union (ein Gewerkschaftssong) erreichte die Band Nr. 1 der Charts, wurde aber von der Presse und von den Fans heftig kritisiert. Ihr Musikstil wurde als zu kommerziell empfunden.

Vinyl-Alben - The Strawbs 1969 - Dragon Fly 1970 - Just A Collection Of Antiques And Curious 1971 - From The Witchwood 1971 - Grave New World 1972 - Bursting At The Seams 1973 - Hero And Heroine 1974

Kurz darauf gab es wieder eine Änderung. Richard Hudson und John Ford stiegen aus und gründeten das gleichnamige Duo (Hudson & Ford). Blue Weaver ging ebenfalls. Nachdem sie durch Rod Coombes, John Hawken und Chas Cronk ersetzt worden waren, spielte die Band noch einige LPs ein.

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- Ghosts 1975 - Nomadness 1975


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Jörg Vogeltanz N i e zw e i f e l n, da s s e s passi e rt. „Scheitern ist inkludiert. Das ist auch okay so. Viele meiner Sachen sind was geworden, viele sind nichts geworden.“ Das Problem sei, dass viele aus Angst vorm Versagen erst gar nichts anfangen – stattdessen wird gejammert. Dabei gäbe es Ideen genug. „Die meisten warten auf Geld, aber das kommt nie wirklich. Das kommt eben erst, nachdem du was gemacht hast!“ Jörg Vogeltanz, der freischaffende Künstler, Grafiker, Illustrator, Verleger, Lehrbeauftragter an FH und Kunstuni und jüngst auch Filmemacher aus Graz macht nicht den Eindruck, als hätte er sich je von Ängsten aufhalten lassen. Im Gegenteil: Alles Unheimliche, Unerklärliche, Obskure übt seit jeher eine große Anziehungskraft auf ihn aus. Als Kind lernte er, seine Albträume loszuwerden, indem er sich mit ihnen aktiv beschäftigte. Auch später überwand er schwierige Phasen, indem er sie künstlerisch verarbeitete. „Sonst wäre ich vielleicht ein Serienkiller geworden!“ lacht er. Sein Glück sei es, das Düstere als sein Ausdrucksmittel gewählt zu haben: „Die Ästhetik

des Bösen, die Abjektkunst, wie von Kristeva definiert, hat natürlich einen Vorteil: Man kann aus einem großen Pool schöpfen, weil wir alle wissen, was uns Angst macht.” Gerade dann, wenn man eigentlich wenig „Blut und Beuschl“ tatsächlich zeigt, weil die Vorstellungskraft in der Ungewissheit am besten funktioniert. Das Wesentliche, durch das die Spannung erzeugt wird, ist in Vogeltanz’ Werken die Atmosphäre, der Raum: „Ich finde oft Menschen, wenn man sie nur ansieht, erschreckender, als wenn sie etwas Erschreckendes tun … Wenn du zum Beispiel in einem Film einen Typen hast, der Bedrohung ausstrahlt, dann ist die Bedrohung in dem Moment vorbei, indem er handelt.“ Seine Inspiration hierfür bezieht er bei den Besten: „Hitchcock konnte sowas gut und davon hat auch David Lynch viel gelernt. Sowas macht mir Spaß – Atmosphäre erschaffen.“ Als weitere Einflüsse nennt er unter anderem Möbius, Bilal, H. R. Giger, Flori Sigismondi, Nicolas Roeg, Andrzej Zulawski, Stanley Kubrik, H. P. Lovecraft, Allan Moore und J. J. Abrams. „Was mich seit meiner Kindheit wirklich interessiert hat, ist die Verflechtung von Realitäten.“


Kunst

Text und grafische Gestaltung: Cornelia Schwingenschlögl Fotos und Artwork: Jörg Vogeltanz

Unter dem Motto „Reality Is Debatable“ steht auch sein aktuelles und erstes Film-Projekt: Im November 2009 stellten er und Bernhard Reicher, eingefleischte Fans von englischen und amerikanischen Serien wie „Twin Peaks“ oder „Torchwood“, sich zum erstem Mal die Frage: „Warum kann man das nicht genauso gut bei uns machen? Graz ist ja eigentlich sogar schöner als Cardiff.“ Ausserdem ist die Stadt eigentlich schon historisch verknüpft mit okkulten Themen: „Es gibt ja nicht nur den Erzherzog Johann. Die wenigsten wissen, dass der gesamte Vampirmythos in Wahrheit eine Grazer Geschichte ist.“ Ergebnis dieser Überlegung: „Pantherion“, die erste österreichische Mystery-Serie, deren PilotFilm jetzt im Jänner 2012 veröffentlicht wird. Erst durch viele freiwillige Mitarbeiter und GratisUnterstützung wurde die eigenfinanzierte Produktion umsetzbar. Die Anschaffung eines Computer für den Filmschnitt wurde mit Hilfe der Filmabteilung des Landes Steiermark ermöglicht. An fünfzig Drehtagen produzierte man mit hundert Mitwirkenden ca. 2,15 Stunden Filmzeit. Der wunderbare Soundtrack, der in Zusammenarbeit mit Christian Gschier und Lea Haslehner entstand, komplettiert das Ganze. Enthusiastisch erzählt Vogeltanz von der Harmonie beim Dreh, dem Zauber der original Grazer Drehorte, den selbstgebauten Steampunkwaffen, aus denen das Arsenal der Geheimorganisation „Pantherion“ besteht und von den vielen neuen Erfahrungen, die er im Lauf des Projekts sammeln konnte. Natürlich hätte auch alles schief gehen können, immerhin sind alle Beteiligten Laien, „… aber wenn man immer darauf wartet, dass jemand anders etwas macht, passiert nie was.

Daher haben wir‘s gemacht. Und jetzt werden wir schauen, wie‘s weitergeht.“ Der rote Faden in Vogeltanz‘ Arbeit: Es gibt immer einen doppelten Boden, immer mehrere Wirklichkeiten, die einander überlagern und ineinander verschwimmen. Die Oberfläche ist nur die dünne Membran über einem geheimnisvollen Abgrund. So auch in den „Anger Diaries“, die 1997 ihren Anfang nahmen. Heimo Sver und Vogeltanz entwickelten sie eigentlich aus der Not heraus, dass gute Comics in Graz damals Raritäten waren: „Wir dachten, es muss doch möglich sein, auch hier etwas Ordentliches zu machen.“ Da eine Massenproduktion ohnehin nicht in Frage kam, wählten sie die thematische Nische nach ihrem eigenen Geschmack: „Verschwörungen, Film Noir, Blade Runner, Monster, Außerirdische und Jalousien.“ Der erste Band „Citoyen” entstand noch eher spontan, während für die restlichen drei Bände detaillierte Drehbücher erarbeitet wurden.


Die „Anger Diaries“ haben schon dadurch ein hohes Nerd-Potential, dass man ununterbrochen auf versteckte Bedeutungen, verschlüsselte Hinweise und hintergründige Zusammenhänge stößt. Ein eigenes Universum hinter/unter/zwischen unserer Wirklichkeit tut sich auf, ohne sich jemals restlos zu offenbaren. „Die Sachen, die wir machen, sind prinzipiell für Leute, die weiterrecherchieren wollen.“ sagt Vogeltanz. Denn erst durch die Beschäftigung mit der gesamten Welt erschließen sich einem ihre gesamten Möglichkeiten. Natürlich fühlen sich manche von seinen Bildern vor den Kopf gestoßen oder empfinden sie als zu provokativ. „Man wird ja ständig schief angeschaut”, antwortet er auf die dahingehende Frage, „Mittlerweile kommen die Leute gar nicht mehr zu mir, wenn sie nicht was Besonderes brauchen … aber bis vor ein paar Jahren war es schon so, dass es dann geheissen hat: ‚Können S‘ was Nettes auch machen? Aber nix Blutiges, das ist für Kinder!‘” Und natürlich kann er das auch – aber mehr Spaß hat er am Spiel mit der dunklen Seite. Große Achtung hat er vor Leuten, die zwar selbst nichts mit seinen Arbeiten anfangen können, ihre Qualität und ihren Nutzen für andere aber dennoch anerkennen. Generell meint er, einen langsamen Paradigmenwechsel zu spüren. „Auch wenn es ebenso harte Rückschläge in Richtung Rechts und konservativ gibt, gibt es in den letzten Jahren ganz erstaunliche Ausbrüche in Richtung Freiheitsgedanken und wirklich gelebtem, sozialem Bewusstsein. Gerade auch durch das Internet.“ Doch bei den jungen Leuten müsse nachgehakt werden, bevor sie von den Medien zu dummen Konsumenten erzogen werden. „Es geht jetzt darum: Wie gestalten wir die nächste und die weitere Zukunft. Und wenn wir es nicht schaffen, dass Menschen die an einem Ort leben, sich nicht in irgendeiner Weise auch positiv mit diesem identifizieren können, dann werden wir es auch nicht schaffen, dass sie etwas mitgestalten wollen. Und ich bin jetzt zwar auch schon dreiundvierzig, aber ich kann mir halt nicht vorstellen, dass Aufsteirern und Tourismus­events wie Gokart-Fahren das einzige sind, womit man Identität aufbauen kann in einer Stadt, gerade für jüngere Leute.“ Seinen Studenten und allen jungen Kreativen und Künstlern rät er zur Eigeninitiative: „Man darf nur nicht dran zweifeln, dass es passiert. Glauben hilft gar nix. Nicht daran zweifeln darf man. Das ist wichtig. So mach ich alles.” sagt er und lacht.

erstelltes Profil deutet n : uelle cherche Q Re rne Exte weitere at für anz. .at t l e .vog erion www .panth l.at e www .prequ w ww

subversive Tendenzen Weitere Beobachtung Subjekts dringend ange empfohlen. Weitere An und Anweisungen zu


Kunst

Jörg Stefflitsch

Vo n S u c h e und Selbstbehauptung Jörg Stefflitsch, geboren 1957, lebt und arbeitet in Wolfsberg/Kärnten. Nach Besuch der Fachhochschule für gestaltendes Metallhandwerk in Steyr und Praxisjahren in Salzburg, Tirol und Wien, legte er 1985 die Meisterprüfung für Gold-, Silberschmiede und Juweliere ab. Seine Entwicklung vom Goldschmied zum freischaffenden Künstler war absehbar und zwingend, zumal seine überbordende Kreativität von Anbeginn die Grenzen seines Berufes gesprengt hatte. Sie führte sichtbar vorbestimmt zur bildenden Kunst und Literatur. In seinen lapidar-satirischen Texten, wie auch im konzeptionellen Ansatz der Malerei kultiviert Jörg Stefflitsch nicht selten das Absurde. Seine das Widersprüchliche und Paradoxe miteinbeziehende Phantasie verdichtet sich zum notwendigen Korrektiv einer zumindest scheinbar perfekt funktionierenden Welt der Gegenwart. Die bewusste Irreführung über eine Oberfläche von Absurdität und Nonsens erfordert die Bereitschaft zum „zweiten Blick“ und vermag dann den

reflektierenden Künstler mit seiner Lebensweisheit und Tiefgründigkeit zu offenbaren. Damit steht Jörg Stefflitsch in bester Tradition, verwandt vielleicht mit jener von Grimmelshausen im 17. Jahrhundert literarisch verdichteten Gestalt des schelmischen „Simplicius Simplicissimus“ und deren Selbstdefinition: „Es hat mir so wollen behagen, mit Lachen die Wahrheit zu sagen.“ In seinem persönlichen Habitus wie auch in seinem künstlerischen Wirken entzieht sich Jörg Stefflitsch immer wieder mit Erfolg den üblichen Versuchen des Einordnens. Seine stets gegebene Lust auf Neues, sein elementarer Spieltrieb, seine flirrende Unstetigkeit des Geistes führt zu überraschenden Assoziationen und höchst komprimierten künstlerischen Prozessen. Sein kreatives „ChangeManagement“ ist, auch im Sinne einer unternehmerischen Begriffsdefinition, seine besondere Fähigkeit im „Gehen“ Lösungen zu finden (Solvitur ambulando), das heißt, persönliche Entwicklung zu ermöglichen und seine künstlerische Kraft weiter ent­ wickeln zu können. In einer Art virtueller Traumreise entwirft Jörg Stefflitsch häufig auch topographische

Motive, von denen er meint, sie nie besuchen zu können. So betritt er durch sein artifizielles „Stargate“ fremde Welten aber auch Städte wie „Istanbul“ und „Rio de Janeiro“ und schafft mit ausgeprägter Sensibilität eine überzeugende Wirklichkeitsnähe. Seine Maxime des unkonventionellen Strebens führt auch in der Gestaltung seiner Arbeiten zu einer besonderen Gesprächigkeit der bildnerischen Mittel. Die formale Bildsprache zeigt eine bewusst gewählte Zwischengegenständlichkeit, eine indifferente Disposition, aus der Ordnung und Unordnung der Werke abgeleitet erscheinen. Neben zufällig und spontan gesetzten Gesten prägen bestimmte Ordnungsvor­ stellungen markant das Bildgefüge mit: Das Runde, das Viereckige, das Scharfkantige sowie das Blockhafte sind erkennbare Indizien des Geordneten und schließlich wichtiges Element einer spannungsvollen Bildgestaltung. Die Arbeiten von Jörg Stefflitsch lassen ein reiches Spektrum gestalterischer Schwerpunktsetzung erkennen: Collagierte objekthafte Ausprägungen und grafisch malerische Lösungen mit starkem Illusions­ charakter; zarte harmonische Komposit­ ionen und sperrig gegensatzbetonte Bildfindungen; nuancenreiche Mischtöne und leuchtende Kontrastfarbigkeit. Die Malkunst des Jörg Stefflitsch offenbart mit ihren erzählerischen Qualitäten und ihr­er individuellen und kraftvollen Dynamik das existenzielle Ringen um die persönliche und künstlerische Identität. Text: Igor Pucker

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Kunst

Joey Davis

In einer Kunstmetropole wie Graz kann man keine paar Schritte tun, ohne von Kunst in jeglicher Form umgeben zu sein. Kaum ein Wochenende ohne eine Galerie-Eröffnung oder Ausstellung im großen Format vergeht. Richtet man seine Augen jedoch fort von der Mainstream-Kunst und blickt in den Untergrund der heimischen Kunstszene, entdeckt man einen jungen Grazer, der seit kurzem ebendort seinem Kunstschaffen nachgeht. 78

Bake a b r e a d. E at yo u r job. Sleep in time.

Seitdem malt Davis Unmengen an Bildern. Allein im letzten halben Jahr sind zehn großformatige Bilder und über 50 kleinere Objekte entstanden. Dabei arbeitet er meist an fünf Bildern gleichzeitig. An zwei großen und drei kleineren. Weil die Farben trocknen müssen und er keine Zeit verschwenden will. Außerdem entsteht immer noch mindestens ein kleineres Bild, wenn er Farbe von den größeren Objekten übrig hat. „Meine Wohnung ist voll von meiner eigenen Kunst, jede Wand ist voll mit meinen Bildern. Der Weg von A nach B in meiner Wohnung ist erschwert durch Papier und Farben, die mir im Weg liegen.“

Joey Davis, 1990 in Graz geboren, wurde von einem Schlagzeuger und einer Sängerin aufgezogen. In derart kreativen Verhältnissen gereift, hatte er schon recht früh Kontakt zur Kunstszene. Als Sohn eines Grafikers und Malers wurde er ständig mit Bildern und Grafiken konfrontiert. „Ich hatte schon recht früh eine Affinität zu großen Gemälden, da einige Werke meines Vaters überdimensional angesiedelt waren und ich diese jeden Morgen im Wohnzimmer betrachten konnte“. Doch zunächst war Davis ein Teenager und Schüler. Er machte seine Ausbildung an der Handelsakademie und wurde nebenbei Sänger in einer Band, welcher er seit seinem 16. Lebensjahr angehört. Allerdings war die Handelsakademie nicht die richtige Schule für ihn, denn schon recht früh bemerkte er sein Desinteresse an der Thematik der Wirtschaft. Seine Gedanken trieben immer mehr in Richtung Kunst. Im Alter von 20 Jahren, nach Abschluss seiner schulischen Laufbahn und Matura, fing er selbst an zu malen. „Ich habe vorher noch nie gemalt. Von einem Tag zum anderen fing ich damit an und konnte seitdem nicht mehr aufhören. Es machte Klick und ich war da.“

Davis hat schon früh seinen eigenen Stil gefunden. Er malt im neoexpressionistischen Stil à la Jean-Michel Basquiat. Zu seinen Vorbildern gehören außerdem Salvador Dalí, Pablo Picasso, Franz Ringel und der junge kanadische Künstler Michael Shantz. „Ich malte einige Bilder und besorgte mir dazwischen immer Biographien einzelner Künstler. Überhaupt hat mich die Persönlichkeit der Großmeister immer sehr inter­ essiert. Ich konnte mich in jedem dieser Künstler ein klein wenig wiederfinden. Wie sie arbeiteten und lebten. Ich hatte bereits einige Bilder gemalt, dann stieß ich auf Jean-Michel Basquiat. Es machte mir zunächst Angst, weil ich meine Bilder und meine Art zu malen in seinen Werken wiederfinden konnte. Die Ähnlichkeit war verblüffend. Seitdem ist er meine Inspiration. Ich kenne keinen anderen Künstler, der mir mit seinen Bildern so viel gegeben hat wie er. Ich könnte stundenlang seine Arbeiten betrachten.“ Auch seine Beziehung zu Jazz und Bebop gleicht der Basquiats. Musiker wie Charlie Parker und Theolonious Monk, aber auch Jamiroquai und Astrud Gilberto laufen immer im Hintergrund, wenn Davis malt. Und das tut er vorwiegend in den Abendstunden.


Kunst

„Ich habe vorher noch nie gemalt.

Von einem Tag zum anderen fing ich damit an

und konnte seitdem nicht mehr aufhören.

Es machte Klick und ich war da.“

„Manchmal kommt es mir so vor, als bräuchte es einen ganzen Tag bis mein kreativer Zenit erreicht ist. Am Morgen bin ich eher unkreativ und mir fehlt der Antrieb.“ Im Allgemeinen sind Davis‘ Bilder sehr farbenfroh. Er verwendet hauptsächlich Acryl, versucht aber immer andere Materialien mit einzubringen. Etwa Ölkreide, Filzstift, Malstifte, Sprühfarbe und Wasserfarben. Und er malt gerne Gesichter, Körper, abstrakte Anatomie und Kreaturen. Auch Worte und Symbole finden immer ihren Weg in seine Bilder. „Mein ganzes Leben schon sehe ich diverse Figuren und Dinge in den einfachsten Objekten. Etwa in Fliesen oder Flecken in der Umgebung. Damals speicherte ich diese Bilder im Kopf ab. Heute male ich sie.“ Sein unendlicher Ideen-Reichtum treibt ihn wie besessen dazu, Dinge zu malen. Ein Grund, weshalb in so kurzer Zeit so viele Bilder entstanden sind. „Ich sprühe ständig vor Ideen. Sie kommen wie Blitze daher geschossen und ich male meine Bilder bereits im Kopf, bevor ich einen Pinselstrich getätigt habe. Während ich male kommen immer neue Gedanken und Ideen dazu, die ich sofort einbringe. Meistens sind es Sätze oder Wörter, die sofort auf der Leinwand landen. Ich komme mit dem Malen und Kaufen der Leinwände und Farben nicht mehr nach. Außerdem versuche

ich nicht zu viel Zeit in ein Bild zu investieren. Meine Lieblingsbilder sind in sehr kurzer Zeit entstanden. Die Bilder an denen ich Wochen gearbeitet habe, stehen bei mir hinter der Tür.“ Zudem interessiert sich Joey Davis auch für das Medium Film. Er hat gerade die Dreharbeiten seines Erstlings Jours abgeschlossen. Jours war eigentlich als eine Art Dokumentation über mein Tun gedacht. Ich begann im Frühling 2011 mit den Dreharbeiten und filmte mich beim Malen und fabrizieren von Kunst. Ich filmte stetig und es kamen immer neue Geschichten und Ideen in den Film. Eine Szene im Film finde ich ganz besonders bemerkenswert. Es ist eine Szene, in der ich mich beim Essen filmte. Diese Mahlzeit war mitunter ein Grund, wieso ich drei Monate gesundheitliche Probleme hatte und viel Gewicht verlor. Ich finde es bis heute noch merkwürdig, dass ich genau dieses Mahl gefilmt hatte. Später beschäftigte ich mich mit der Street-Art Szene. Banksy und andere Street-Art Künstler hatten es mir angetan. Ich filmte Werke einiger Künstler in Graz und tauchte mehr und mehr in die Thematik ein. Glücklicherweise traf ich einen Grazer Street-Artist mit dem Namen Robin Good, welchen ich einen Tag lang bei seiner Tätigkeit filmte und interviewte.“ www.da-vis.daportfolio.com, davis@unterderbruecke.de

Zurzeit wird der Film gerade geschnitten und von dem jungen talentierten Film-Produzenten David Gesslbauer bearbeitet. Der Film wird Anfang 2012 zu sehen sein. Joey Davis arbeitet gerade an einigen Gemälden, welche voraussichtlich im Sommer 2012 in Zürich zu sehen sein werden. Auch für seine Heimatstadt Graz malt er gerade ein Bild. „#Davis is ST art.“

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Kunst

Beef statt Bacon

Atelierbesuch von Olivia Fürnschuß, Fotos von Karin Lernbeiß

Ein Besuch beim Grazer Künstler Josef Wurm Josef Wurm hatte Anfang des Jahres seine erste Einzelausstellung. Eine spannende Sache, auch für ihn selbst. Nach mehreren Gruppenausstellungen im In- und Ausland waren seine Großformate nun einen Monat lang in der Akademie Graz zu besichtigen. Beeindruckt von seinen Bildern, habe ich ihn fürs X-RockZ in seinem Atelier am Färberplatz besucht. 80


Das Bild ist noch da. Frech lugt es aus dem Regal. Nach allen Regeln der Verführungkunst gibt es nur einen kleinen Teil von sich preis, zieht dann ganz kokett das Kleid ein Stückchen höher. Ich habe es sofort erkannt. Es hat auf mich gewartet, leugnen hilft da gar nichts. Und es wird noch länger warten müssen, denn die Bilder des jungen Künstlers Josef Wurm kosten schon etwas mehr, als mein Budget derzeit hergibt. Aber keine Sorge, wenn wir wirklich füreinander bestimmt sind, das Bild und ich, dann werden wir auch irgendwann zueinander finden. Derweil begnüge ich mich damit, es mit kurzen flüchtigen Blicken zu bedenken, während ich ein sehr interessantes und entspanntes Gespräch mit seinem Schöpfer führe. Als ich ihm beim Betreten des Ateliers einen der beiden Coffee-togo-Becher - quasi mein Gastgeschenk - reiche, ist das der Beginn eines Kaffee-Exzesses. Erst nach der x-ten Tasse gelingt es uns endlich, die Finger von dem schwarzen Teufelszeug zu lassen. Dass es überhaupt soweit kommen konnte, liegt wahrscheinlich daran, dass Josef Wurm so gastfreundlich ist. Er ist überhaupt so freund­ lich und gut gelaunt, wie ich es mir aufgrund seiner aktuellen Bilder nicht erwartet hätte. Im Gespräch mit ihm wird deutlich, dass er großes Interesse an allen Aspekten des Daseins hat. Sonnenschein und Totenfeier schließen sich für ihn anscheinend nicht aus. Im Hintergrund läuft

Reggae und Latin, während Wurm zwei seiner Totenschädel-Gemälde für den Transport in Luftpolsterfolie verpackt. Von den Bildern, die in der Akademie Graz ausgestellt waren, hat er fast alle verkauft. Das eine, das mich so anspricht, allerdings nicht. Sehr schön. Aber bitte redma nicht über Francis Bacon, das kann ich schon nicht mehr hören, jeder kommt mit dem Vergleich daher, sagt Josef Wurm und lacht. Gut, der Vergleich ist ja nicht unbegründet. Aber das B-Wort wird heute nicht mehr fallen. Es gibt ohnehin genügend andere Dinge, die den Maler inspirieren. Die Literatur zum Beispiel. Und dass Wurm viel liest bzw. lesen läßt, merkt man schnell, wenn man sich mit ihm unterhält. ‘Kinski spricht Werke der Weltliteratur’, das ist geil! Goethe, Villon, Rimbaud, Brecht, Hauptmann, Nietzsche … Sehr skurril am Anfang, aber ich find ihn genial! Um seiner Begeisterung noch mehr Nachdruck zu verleihen, springt er auf, und schon weichen die sonnigen Rhythmen der gewaltigen Stimme Klaus Kinskis. Während Josef Wurm sich kurz entschuldigt, prasselt die Kombiantion François Villon/Klaus Kinski auf mich ein wie eine Naturgewalt. Man schlag dem ganzen Lumpenpack das Maul mit einem Hammer kurz und klein. Ich bin Villon! Das braucht mir keiner hier verzeihn. rezitiert Kinski. Es wäre ein Vorurteil, zu behaupten, dass mich nur morbide Dinge inspirieren, sagt Wurm und setzt sich wieder. Gleichzeitig inspiriert mich auch genau das Gegenteil, die schönsten Sachen, die Natur. Es gibt ja auch zwischen den

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Kunst

„Es wäre ein Vorurteil, zu behaupten, dass mich nur morbide Dinge

inspirieren.“

Menschen diese liebevollen, fröhlichen Dinge. Aber es ist halt auch spannend, wenn man sich auf die Dinge einläßt und, wie bei meinen Bildern, die Schönheit und tiefere Feinheit dahinter entdecken kann. Einlassen sollte man sich auf Josef Wurms Bilder unbedingt. Anfangs oft düster und irritierend, auf den ersten Blick meist rätselhaft, lohnt sich ein zweiter und dritter Blick, um die Vielschichtigkeit der Gemälde wahrzunehmen. Wurm selbst glaubt, dass man die im Arbeitsprozess entstandenen übermalten Farbschichten spürt, dass sie mitschwingen, auch wenn man sie nicht sieht. Man merkt, dass sich hier einer mit dem Leben auseinandersetzt, sich Fragen stellt, experimentiert, und manchmal auch, wie vor allem in seinen Fleisch-Arbeiten, dem Betrachter die Skurrilität der Gesellschaft vorführen will, ohne sich dabei selbst auszuklammern. Es entwickelt sich ein Gespräch über den Menschen und seinen Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit. Über die Menschheit, die sich selbst nicht mehr als Teil der Schöpfung sieht, sondern als ihr übergeordnet. Wir reden über das grausame Leben einer Extrawurst, spanische Gemüseplantagen, hawaiianische Begräbnisse und den Einfluss, den Wurms Träume auf seine Bilder haben. Es geht um das große Ganze und seine Gegensätze, um Licht und Schatten, Geburt und Tod. Und auch hier fehlt es ihm - wie in seinen Bildern - nicht an einer guten Portion Humor. Der Maler passt zu seinen Gemälden. Durchaus. Ich frage ihn, ob er sich als aufstrebender Künstler sieht. Immerhin hatte er vor kurzem seine erste Personale, wo seine Bilder

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sich verkauften wie die warmen Semmeln. Da mach ich mir keine Gedanken drüber, da gibts andere, die sich den Kopf zerbrechen, antwortet er bescheiden. Was er außer malen sonst noch so macht, möchte ich wissen. Wurm steht auf und kramt in seiner Schreibtischlade. Heraus holt er ein Buch des Grazer Autors Joachim J. Vötter. Es heißt „Wörter die der Nacht gehören“. Dafür hab ich einige Illustrationen mit Kugelschreiber gemacht. Ein cooles Buch, meint er. Und spielen, das macht Spaß, fügt er hinzu und deutet auf die Gitarre in der Ecke. Bevor Josef Wurm anfing, mit Acrylfarben auf Leinwand zu experimentieren, hat er hauptsächlich gezeichnet und gesprayt. Nach seiner Lehre zum Grafiker gründete er mit einigen Kollegen die Agentur permanent-unit, die sich unter anderem mit Grafikdesign und Streetart beschäftigt. Nach dem Motto „Gestaltet wird, was Gestaltung braucht!“, setzen diese Künstler weiterhin ihre Duftmarken in und um Graz, auch wenn Josef Wurm seit kurzem nicht mehr bei der Agentur ist. Und falls Sie mal zufällig im Speisesaal des Hotel Wiesler sitzen, wird Ihnen bestimmt die Wandgestaltung auffallen - die ist auch von ihm. Mittlerweile hat sich das Schaffen des 27-Jährigen allerdings stark in Richtung Leinwandmalerei verlagert. Und er fühlt sich sichtlich wohl in seinem InnenstadtAtelier, dass er sich mit dem Künstler ILA teilt und schmunzelnd als „Batcave“ bezeichnet. Hier ist es gemütlich, nicht zu groß und ziemlich ruhig. Außer zu Silvester und beim Aufsteirern, ergänzt er, da geht draußen die Post ab. Aber das hat ja auch was, das Spiel zwischen außen und innen. Apropos außen: Es wird Zeit, das heimelige Atelier zu verlassen und mich ins Getümmel der Grazer Innenstadt zu stürzen. Noch ein letzter Blick auf das Bild. Für mich zeigt es einen Menschen, der in seiner scheinbaren Alternativlosigkeit kurz davor steht, einen Pakt mit dem Teufel zu schließen. Ein zutiefst menschlicher Moment.


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Kunst

„Man muss einfach selber

positiv sein,

dann kann man

alles schaffen.“

Michael Dohr Portrait von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von Michael Dohr

Kunst der Gegensätze An einem regnerischen Augustnachmittag ist Michael Dohr, bildender Künstler aus Wolfsberg/Kärnten, mit dem Bus angereist. Auf der Redaktionscouch angekommen, legt er erst einmal sein Ei auf den Tisch.

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http://www.mdohr.com/


Ein Schelm, wer jetzt Böses denkt! Denn es handelt sich natürlich um Michaels neueste Skulptur namens Zehn Eier. Was es damit auf sich hat, ist schnell erklärt: Dieses Ei besteht tatsächlich aus den Schalen von zehn Eiern, die erst fein gemahlen, dann mit Leim vermischt, wieder in die Eiform gebracht und mit originalgetreuer Farbe versehen wurden. Eine künstlerische Allegorie über Schein und Sein der Dinge. Professioneller Künstler ist Michael erst seit zirka drei Jahren, aber gemalt hat er schon immer. In der Hauptschulzeit experimentierte er mit Ölmalerei, was die Mutter bald einstellte. „Sie hat gesagt, es stinkt ihr zu sehr“, erzählt er lachend. Also stieg er um auf Aquarellfarbe. Seither fand eine stetige Weiterentwicklung statt. Wir blättern im Katalog seiner abgeschlos­­senen Serie The Hippo Life. Michael arbeitet hauptsächlich mit Öl und Acryl. Manchmal auch mit Kreide. Seine Bilder wirken sehr spannungsreich und dynamisch. Hyper­ realistische Grundmotive werden von graffitiartigen Formen, Slogans oder expressiven Kritzeleien unterbrochen, umrahmt und verstärkt. Der Realismus allein reduziere einen zu viel auf die Technik. Der Griff zum Airbrush befreie von technischen Vorgaben oder Hemmschwellen. Trotzdem könne man auch auf den Realismus nicht verzichten, weil gerade das Zusammenspiel der künstlerischen Kontraste so interessant sei: „Ich finde, das pusht sich dann gegenseitig.“ Außerdem gäbe gerade der Moment den besten Adrenalinkick, in dem man über den extrem genau ausgearbeiteten Hintergrund einfach Farbe sprüht. Vorher malt man ja sehr lang „ohne gröbere Gefühlsaus­ brüche“. Unglücklich mit dem Ergebnis war er noch nie: „Im Endeffekt hat das dann immer so sein müssen. In dem Augenblick hat es einfach gepasst.“ Die Vorlagen für die realistischen Bildteile stammen übrigens

von selbst veranstalteten Fotoshootings, für die sein Freundeskreis herhalten muss: „Das haut immer ganz gut hin. Es steckt irgendwie in jedem ein Model. Die meisten wissen’s nur nicht.“ Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen aus dem Hyperrealismus benutzt er keinen Projektor, sondern malt direkt von den Fotos ab. Vor Kurzem hat Michael begonnen, sich für Tattoos zu interessieren. Seither nutzt er auch ComicElemente für seine Kompositionen. Sein Arbeitsplatz ist das alte „SchüsslerKino“ in Wolfsberg, das eine unvergleichliche Atmosphäre bietet. Die betagten Filmprojektoren schweigen jetzt, geschichtsträchtige Ruhe ist eingekehrt. „Ich habe das Gefühl, dass ich dort perfekt reinpasse. Und ich bin auch richtig produktiv im Augenblick.“ Mittlerweile kann er von seiner Kunst leben. Natürlich war es nicht immer leicht und natürlich müsse man immer am Ball bleiben. „Man weiß ja nie, wie lange es so geht. Man muss einfach selber positiv sein. Dann kann man alles schaffen.“ Seine Themen kommen aus dem Tagesgeschehen. Aktuell beschäftigt er sich zum Beispiel mit den jüngsten Schießereien in den U.S.A.: „Zu manchen Sachen muss man einfach was malen.“ Vor seiner Selbstständigkeit studierte Michael Übersetzer und Dolmetscher. Doch dann musste er krankheitshalber längere Zeit im Spital verbringen. Wieder genesen beschloss er, nur noch Dinge zu tun, die ihm Spaß machen. Statt die Diplomarbeit

fertigzustellen, machte er seine erste Ausstellung im Haus der Kunst in Graz. Seitdem war keine Zeit mehr für den Abschluss. „Ich zahle seit Jahren Studiengebühren, weil ich jedes Semester gedacht habe: Na, aber diesmal werd’ ich sie schreiben!“ lacht er. Dieses Vorhaben hat er nun aufgegeben, macht aber nun den Bachelor in „Transkultureller Kommunikation“, den er kommendes Semester abschließen wird. Das Gelernte kann er für seine Arbeit sehr gut nutzen, da er all seine Texte selbst in professioneller Weise verfassen und sie sogar in mehrere Sprachen übersetzen kann. Als wir die mitgebrachten Fotos durch­ sehen, taucht ein Bild mit einer E-Gitarre auf. Nein, Gitarrist wollte er nie wirklich werden. Singen wollte er schon immer, aber eigene Stücke. Daher begann er mit dem Songwriting und dem Gitarrenspielen, um sich selbst begleiten zu können. „Mit so vier Akkorden hab ich also dann meine Top-Hits geschrieben“, erzählt er grinsend. Jetzt ge­ rade steckt er in den Vorbereitungen für die ersten Aufnahmen mit seiner Indie-Band. Dieses Projekt startete er vor zirka sechs Jahren zusammen mit Georg Hochecker. Doch erst in den letzten eineinhalb Jahren gesellten sich drei weitere Musiker dazu, mit denen nun die Songs ausgearbeitet werden. Und schon hat Michael seine Fühler in weitere künstlerische Bereiche ausgestreckt – was da genau vorgeht ist einstweilen aller­ dings noch Top-Secret.

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Kunst

Katharina Bianca

Vitkovic

Im Gespräch mit Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von K. B. Cat

Kunst, gezeichnet vom Leben Katharina Bianca Vitkovic, alias K. B. Cat, ist eine richtige Allround-Künstlerin. So bunt und vielfältig wie sie selbst sind ihre Arbeiten und Aktivitäten. Sie einfach nur mit dem Label „Falcos Ziehtochter“ zu versehen, wie das viel zu oft passiert, wird ihr nicht im Mindesten gerecht. Sie zeichnet, malt, beschäftigt sich mit digitaler Kunst, Fotografie, Möbel-Redesign, Webdesign und Tattoo-Kunst – man kann sich von ihr auch mittels synthetischer Dreadlocks verschönern lassen. Katharina Bianca Vitkovic macht laut eigener Aussage „nur Frauensachen“. In erster Linie malt und fotogra­ fiert sie auch immer Frauen. Einerseits, weil sie den weiblichen Körper sehr erotisch findet und andererseits, weil die Frau in vielen Bereichen noch immer „untergeht“ in der Gesellschaft. Die ewig gleichen, klischeehaften Darstellungen sind ihr viel zu fad. In ihren neuen Bildern, den Sexy Dark Dolls kommen zum Beispiel immer eher runde, mollige Frauen vor: „Weg von diesen Standard-Schönheiten! Das ist zwar nett anzuschauen – aber da ist ja nix dahin­ter.“ Die wahre Kunst ist ihrer Meinung nach, anders zu sein und sich selbst dabei zu gefallen, auch wenn man „zum Beispiel ein bissl mehr drauf hat“. Die Spezialisierung auf weibliche Themen rührt wahrscheinlich daher, dass sie ohne Vater mehr oder weniger in einem fast rei­ nen „Frauen-Clan“ aufgewachsen ist. Ihre erste Ausstellung The Symmetry Of Life im Verein Niesenberger in Graz und in einer Wiener Galerie fand vor etwa zwei Jahren statt. Damals arbeitete sie mit Spiegelungen, verwendete als Grundmotiv unter anderem weibliche Hände und kam von dort aus immer mehr zum weiblichen Körper. Für ihr nächstes Fotoprojekt sucht sie Frauen, die Narben tragen, deren Gesichter von der Vergangenheit erzählen – Frauen mit sichtbarer Geschichte. Katharinas eigenes Motto lautet ja auch: „Ich bin Kunst, gezeichnet vom Leben.“ Der Unterschied zwischen der Grazer und der Wiener Kunstszene besteht für Kathi vor allem im kleineren Umfang. Laut ihrem Empfinden gibt es in Graz hauptsächlich zwei Be­ reiche: Die bunte Undergroundszene und die Kunst-Schickeria.

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http://www.kb-cat.com/


Dazwischen existiere relativ wenig. Vielleicht muss sie aber einfach erst die Leute kennenlernen. So lange ist der Umzug von Wien nach Graz ja noch nicht her. Doch gerade neue Kontakte reduzieren sie vielfach gleich auf ihre Vergangenheit: „Es ist extrem schwierig. Man wird oft praktisch gemobbt.“ Jeder denke nur an die damaligen Sensationsmeldungen und nicht daran, was es für einen Menschen bedeute, das durchleben zu müssen.

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Kürzlich fand sie zum Tätowieren. Dabei faszinieren sie im Speziellen Traditionen von Naturvölkern, shintoistische und buddhistische Motive. „Die lokale Szene ist ein bisschen eingefahren auf Heavy Metal und Old School. Da muss man auch mal was anderes reinbringen.“ Im brandneuen Pinky Bonita Studio in Graz lernt sie, die Nadel zu schwingen. Außerdem hat sie ge­rade ihre Ausbildung als „Grafikerin und Kommunikations­ designerin“ abgeschlossen. Wofür sie die Zeit für all die Projekte hernimmt? „Ich schlafe wenig“, sagt sie und lacht. Wenn man in dem, was man tut, wirklich aufginge, dann ginge das schon.

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Die Tatsache, dass sie begonnen hat, sich aus früheren Schub­ laden freizukämpfen, führt sie unter anderem auf die Unterstützung und Ermutigung ihres Freundes Harald zurück: „Er hat immer gesagt: ‚Was du da machst ist klasse – also mach weiter damit!‘“ Sie begann also, sich zu verändern, nicht nur äußerlich, sondern auch ihren Lebensstil betreffend. In niemandes Schatten mehr stehen, keinen öden Bürojob mehr machen, stattdessen selbstbewusst zeigen, wer man ist und was man kann. Früher habe sie lange versucht, sich anzupassen, endlich einmal nicht aufzufallen und in der Masse zu verschwinden. Doch es funktionierte nicht: „Ich hab’ immer wieder eine auf den Deckel bekommen.“ Dann lernte sie neue Menschen kennen, durch die sie

neue Perspektiven bekam. Sie erkannte, dass sie durch die Verarbeitung der Vergangenheit wachsen würde. Den diesbezüglich wichtigste Schritt tat sie 2008 durch die Veröffentlichung ihres Buches. Es ist die Geschichte einer Vater-Tocher-Beziehung, nicht die der Fassade „Falco“: „Das war für mich wie eine Therapie.“ Doch bald wurde ihr der darum veranstaltete Rummel zu viel. Sie zog sich völlig aus der Öffentlichkeit zurück, „… und jetzt sitz ich da!“

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Kunst

Mit ungefähr zwanzig entdeckte er seinen Wunsch, sich kreativ auszudrücken. Die letzten Jahre verbrachte Kris Kind damit, sich selbst auszubilden. Er eignete sich verschiedenste Techniken an, bis er 2008 erstmals seinen eigenen Ausdruck fand. „Wenn du eine Ausbildung machst, hast du einen Fahrplan, und wenn du die fertig hast, bist du – was auch immer. In der Kunst muss man sich echt selbst erfinden.“ Seit 2009 hat er sein eigenes Atelier, 2010 hatte er seine erste Ausstellung. „Im End­ effekt definiere ich mich erst seit drei Jahren selbst als Künstler. Seit wirklich was weitergeht.“ Seine aktuelle Collagentechnik ergab sich aus seinem Interesse an Struktur und Tiefe. Er verwendet Polyesterharz, um seine Bilder aus transparenten Schichten aufzubauen, in die man „hineinschauen und hineinkippen” kann. Dass seine Bilder dadurch praktisch aus Plastik bestehen, sieht er als sehr zeitgenössisch. Das hat auch den Vorteil, dass sie nahezu unbegrenzt haltbar und re­lativ unempfindlich sind. „Die kannst du fast mit dem Kärcher absprühen“, lacht er. Als bekennender Medienjunkie bezieht er viel Inspiration aus internationalem Fernsehen, Zeitungen und Musik. Oder besser gesagt, aus der Angst, die ihm das aktuelle Weltgeschehen bereitet, von dem

Kris Kind –

Schicht für Schicht Portrait von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von Kris Kind

„Kunst, Malerei – was ist das eigentlich?“ Mit dieser Frage setzte Kris Kind sich ausführlich auseinander, nachdem er sich entschlossen hatte, Künstler zu werden. 88

er über die Medien erfährt. Das Gefühl der Ohnmacht und der Wut kanalisiert er in seiner Kunst. Als letztes Jahr in Berlin die Autos brann­ten, fackelte er in einem seiner Bilder einen Porsche ab. Der Gedanke dahinter: Mit der Zerstörung fremden Eigentums konnte er zwar nichts anfangen, verstand aber den Zorn dahinter. Also gab er sein Statement auf der Leinwand ab – konstruktiver Protest statt destruktivem. Gleichzeitig konservierte er damit ein Stück Zeitgeschichte.


„Da ich sehr

politisch bin,

muss auch

meine Kunst

so sein.“

Kris hat für jede Arbeit ein detailliertes Konzept. Seine Ideen hält er erst per Skizze auf Papier fest. Danach erstellt er am PC einen genauen Entwurf. Dieser Arbeitsschritt beinhaltet bereits die genaue Planung der Umsetzung und des handwerklichen Aspekts. Erst dann wird das Ganze auf dem endgültigen Medium ausgearbeitet. Kris Kind arbeitet immer über mehrere Schichten, teilweise in Collagentechnik. Dadurch dauert die Fertigstellung einer Arbeit wochenlang. Er beschäftigt sich daher immer gleichzeitig mit mehreren Projekten, um Stehzeiten zu vermeiden. Kris wirkt im Gespräch entspannt, fokussiert und organisiert. Seine Bilder dagegen sind schrill, plakativ, expressionistisch und schreien vor Sarkasmus. Polarisierende Kunst, die teilweise Missverständnisse und Empörung hervorruft. Nicht nur posi­tives Feedback, auch Beschimpfungen hat sie ihm schon eingebracht. Aber auch das ist Kris Kind recht, so­lange irgend­eine Art von Dia­log ent­ steht. Kunst hat für ihn definitiv

einen Auftrag, muss dazu führen, dass es in den Menschen zu rumoren beginnt. Die Aussage, die Ge­schichte, die ein Bild erzählt, ist das Wich­tigste daran. Alles, was der Idee dienlich ist, ist erlaubt. „Das ist eben mein Zugang. Ich habe erkannt, da ich selbst sehr politisch bin, muss auch meine Kunst so sein.“ Seit Kris von Graz nach Wien gezogen ist, hat sich viel getan. Anfangs lebte er in einer kommunenhaften WG, in der ein ständiges Kommen und Gehen herrschte. „Für mich war das eine sehr wichtige Zeit, weil wir so konstruktiv und lösungsorientiert gearbeitet haben. Das war extrem wichtig, vor allem für meine geistige Weiterentwicklung.“ Mittlerweile arbeitet er solo in seinem Souterrain-Atelier. Seine Ausstellungen und Aktionen nehmen an Zahl zu, zum Beispiel in der Galerie fotowerk-wien oder seine Streetart-Arbeit am Donaukanal namens Louis Vuitton trash bag. Doch auch in Wien hat man es abseits der etablierten Kunstszene nicht leicht. Daher arbeitet er prinzipiell nur mit jungen Künstlern zusammen, die wie er „am Sprung sind“. So könne man durchaus etwas aufbauen, ohne kontraproduktives Konkurrenzdenken. Eine dadaistische Anekdote zum Schluss: Letztes Jahr lag das eben für eine Ausstellung fertiggestellte Bild namens Konsum macht frei im Atelier auf dem Boden und ein unaufmerksamer Besucher trat darauf. „Zuerst dachte ich wirklich: ‚Oh mein Gott!’ Aber dann merkte ich, diese Zerstörung passt eigentlich total zum Thema. Schließlich ist unser konsumorientiertes Handeln ja auch zerstörerisch.“ Kris’ Ansicht ist, Kunst passiert sowieso, also ist auch deren Vergänglichkeit interessant. Gleich wie beim Menschen, der ebenfalls Macken und Fehler hat.

http://kriskind.info/

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Design

Die Story Zwei Musiker aus Graz zogen mit ihren Bands in die weite Welt hinaus, der eine nach Berlin, der andere nach New York, und kamen zurück in ihre Heimatstadt mit einer Idee: Warum denn nicht Motion Design? Das verschlafene Graz hatte damals noch nichts davon gehört. Über Musikvideos, die sie schon für ihre Bands drehten, ergab das eine das andere und heute können sie ein breites Spektrum an Möglichkeiten bieten, eine Idee oder ein Produkt auf den Bildschirm zu bringen.

Shot Shot Shot

Geschichtenerzähler

Portrait von Simone Jahrmann, Fotos von ShotShotShot

Viel Fantasie, aufregende Geschichten und einzig­ artige Figuren machen das Motion Design des Kreativteams ShotShotShot aus. Zwei Musiker ließen ihre Instrumente und die Welt stehen und produzieren heute bunte Geschichten. Was wohl die Band Die Ärzte, ein „Fuck you“-Kaktus und boshafte, schwerbewaffnete Katzen namens Kitty und Kittler gemeinsam haben? Sie tauchen alle im aktuellen Musikvideo Miststück der Ärzte von ShotShotShot auf. ShotShotShot ist ein Motion-DesignStudio im Herzen von Graz, gegründet von den beiden Herren Daniel Bauer und Richard Techt. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine gewaltige Anzahl an Stilen und Genres in Animation, Stop Motion, viralen Spots, Filmen, Musikvideos, Werbespots und Imagefilmen ausprobieren. Und dafür haben sie ein handverlesenes interdisziplinäres Team von zirka 11 Köpfen.

Und so stellen sie mittelalterliche Geschichte mittels eines Drachen dar, erklären komplexe firmeninterne Zusammenhänge mit einem Robotercharakter, lassen Designermöbel durch die Räume schweben oder Menschen Gras auf der Haut wachsen. Den einen oder anderen Spot kennt ihr aus der Werbung. „In Werbung kann man in 20-30 Sekunden sehr viel Energie packen. Das ist vor allem künstlerisch sehr interessant, weil du einfach viele Möglichkeiten hast, deine Geschichte in so kurzer Zeit zu erzählen“, so Richard Techt, einer der beiden Gründer. Sie sehen sich am liebsten in der Rolle der Regisseure, derer, die inszenieren. Aber auch als Erfinder. Bislang fanden bereits Kunden wie Austrian Airlines, Bob, T-Mobile und Hervis zu ihnen. Miststück Die Ärzte wollten für ihr neues Album zu jedem Track ein Musikvideo auf YouTube stellen. Also haben sie mehrere Animationsstudios in Europa kontaktiert, unter anderem ShotShotShot, um für sie eine Verfolgungsjagd zu animieren. Wie genau, blieb den Kreativen selbst überlassen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Ärzte werden in Pussy Town (No humans no problems) von den dort ansässigen hinterhältigen Katzen nicht gerade nett empfangen. Die Schönheit steckt hier im Detail. Ein kristallener Phoenix beispielsweise. Richard Techt verriet, dass man in diesem Video einiges entdecken kann, wenn man genau hinsieht. Gras auf der Haut Andere Musikkünstler wie Binder & Krieglstein, Monk, Max Min oder Psycho Path werden von ShotShotShot in Szene gesetzt. Bei Ersteren wird auf einer Almhütte mit Milch in Oktoberfestkrügen gefeiert, die die Kellnerin aus einer monströsen Melkmaschine melkt. Diese lässt den Gästen Gras auf ihrer Haut wachsen und tötet sie. Auf ShotShotShot.com findet man eine bunte Mischung ihrer Videos, die wir sehr empfehlen, denn: Diese bewegten Bilder kann man nicht beschreiben, die muss man einfach sehen.

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http://www.shotshotshot.com


Portrait Design

David Angelo Tschmuck Reportage von Cornelia Schwingenschlögl

Science Fiction, nintendo & Sin City Eine neue Generation an Comiczeichnern steht in den Startlöchern. Zu gleichen Teilen von klassischen Comics, Mangas und Videospielen geprägt und inspiriert, unter Verwendung digitaler Techniken anstelle von Bleistift und Papier, schaffen sie ihren eigenen, neuen Stil. Einer von ihnen ist der Grazer David Angelo Tschmuck. Seit Herbst 2011 ist er neben seiner Ausbildung (Kolleg für Kommunikationsdesign an der FH Joanneum) selbstständig. „Ich wollte ja eigentlich immer eine Ausbildung zum Comic-Zeichner machen. Es gibt aber leider keine.“ Da muss man schon selber am Ball bleiben. Den größten Teil seiner Zeit beansprucht derzeit die erste Überarbeitung seiner Grafiknovelle „Keeper Of Evil“, die gleichzeitig seine Diplomarbeit sein wird. Hundertfünfzig Seiten stark soll der erste Band werden, mehrere Bände sind geplant. Die SciFi-Story hat alles, was man braucht: Einen Helden, der sich zu seiner eigenen Überraschung als Auserwählter herausstellt, bitterböse Gegenspieler und

verschiedene Handlungsstränge, die mal spannend, mal unterhaltsam ineinandergreifen. „Das Charaktere erfinden ist noch leicht, aber die einzelnen Geschichten so zu entwickeln, dass sie immer logisch bleiben und zusammenpassen, ist die größere Herausforderung.“ Deshalb bleibt er bei der Entwicklung so flexibel wie möglich, legt nur Anfang und Ende fest und spinnt dazwischen den Hergang der Ereignisse. „Ich find’s interessanter, wenn sich das Ganze noch entwickeln kann, als wenn alles schon festgelegt ist.“ Natürlich ist er ein absoluter Comic-Fan (der „Forbidden Planet“ in London ist sein erklärter Lieblingsort), doch zum Zeichnen ist er eigentlich ganz anders gekommen: Schon als Kind faszinierten ihn die Illustrationen in den Inlays seiner Nintendo-Spiele und die Geschichten, die sich im Spiel aus den Charakteren entwickelten. Auch die U.S.Zeichentrickserien mit Anime-Einfluss, die damals in den Achtzigern erstmals via SAT über die heimi­schen Fernsehschirme flackerten, haben seinen Stil beeinflusst. So verzichtet er auf zu hohe Detailtreue und setzt stattdessen auf plakativen Ausdruck. Dabei kombiniert er Photoshop und digitales Zeichentablett bei Bedarf auch mit Freihand-Elementen, um die richtige Dynamik hinein zu bringen. „Es wirkt einfach anders. Man sieht, ob ein Pinselstrich von Hand gemacht ist oder nicht.“ Bis auf die Covers sind seine Comics prinzipiell schwarz-weiß. Seine diesbezüglichen Vorbilder sind unter anderem

Grafiknovellen wie „Sin City“, die ebenfalls vom geschickten Spiel mit Hell-DunkelKontrasten leben. Aus welcher Science-Fiction-Ecke David kommt, ist schnell geklärt: Mehr als einmal wird „StarWars“ als Beispiel oder Bezugs­ punkt erwähnt. „Eigentlich ist das ja eine Samuraigeschichte, gemischt mit Western und technisch-wissenschaftlichen Aspekten.“ sagt er und lacht. Alles also schon mal dagewesen? „Natürlich bleibt es nicht aus, dass man im Nachhinein draufkommt, dass jemand eine spezielle Idee schon vor einem hatte – doch solange sie nicht absichtlich geklaut ist und ein eigenes Flair hat, ist das okay und auch nicht zu vermeiden.“ Einfach abpausen hat er jedenfalls schon immer für „feig“ gehalten. Sehr gern würde er sich mit anderen ComicZeichnern zusammenfinden, um neue Projekte zu starten oder einfach Gedanken und Erfahrungen auszutauschen. Seiner Meinung nach wäre eine Basis für eine echte Community schon vorhanden: „Ich bin sicher, es gäbe viele, aber die wissen nichts von der Existenz der anderen.“ Wirklich freuen würde er sich, wenn mal wieder ein richtig guter (kein 3D-)Zeichentrickfilm ins Kino käme. Und natürlich, wenn er eines Tages vom Comic-Zeichnen leben könnte – vielleicht sogar in seiner Lieblingsstadt London? Und Musik möchte er weiterhin machen können. Das Singen macht seinen Kopf frei und die Bühnenauftritte haben ihn wachsen lassen: „Man lernt schon allein viel dadurch, dass man sich einfach traut.“

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Fotografie

„Fotografie gibt mir die Möglichkeit, Dinge zu erleben und zu fühlen, zu denen ich ohne meine Kamera in Händen keinen Zugang hätte.“

Motive: Motiv: Inspiration: Am liebsten: Kamera: Fotografie-Vorbilder: Zitat:

Mensch und Natur in einer Kombination aus Fantasie und Wirklichkeit Erschaffung einer Parallelwirklichkeit, Neugierde Licht, einzigartige Gesichtszüge, Duft, Literatur, Poesie, Stoffe, Opern, alte Dinge, Kulturen unterwegs sein, zuhören, zeichnen, spazieren, Menschen kennen lernen derzeit eine Nikon D700 Annie Leibovitz, Lara Jade Coton, Tim Walker „Wirklich gute Fotografen können einfach nicht aufhören zu fotografieren. Ihr ganzes Leben ist ihr Sujet.“ (aus „Life through a Lens“)


Mit ihrer Kamera will die Grazerin Anna-M. Fiala hoch hinaus in der Modefotografie der nächsten Jahrzehnte. Noch parallel zu ihrer Zeit im Gymnasium absolvierte sie deshalb die Akademie für angewandte Photographie am Geidorfplatz und arbeitete wochenends als Eventfotografin, um, wie sie selbst kommentiert „über sich hinauszuwachsen“. „Fotografie gibt mir die Möglichkeit, Dinge zu erleben und zu fühlen, zu denen ich ohne meine Kamera in Händen keinen Zugang hätte.“ meint Anna im Gespräch mit X-RockzMagazin. Die Frage, wie sie zur Fotografie gekommen sei, quittiert die charmante Frau mit einem Lachen und sagt: „Die Fotografie hat mich schon als kleines Kind fasziniert. Bloß durfte ich nicht fotografieren, weil mein Vater mir erklärte, dass man Filme nicht einfach verschießen dürfe. Als das Zeitalter der digitalen Fotografie anbrach, schenkte er mir meine erste digitale Spiegelreflexkamera.“ Seither strebt Anna kontinuierlich nach Verwirklichung ihrer Ideen. „Ich versuche, das Haus nie ohne eine Kamera zu verlassen. Ich weiß schließlich nie, was passieren wird.“ Für die Zukunft hat sie dennoch Pläne: In einer Metropole dieser Welt Fotografie zu studieren.

Anna-M.

Fiala http://facebook.com/AnnaMFialaPhotography

www.annafiala.com

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Fotografie

Christopher Mavriˇcs Arbeit „Gegenstücke“, die in den letzten zwei Jahren entstanden ist, zeigt uns Momentaufnahmen, die in den Straßen seiner Heimat aufgenommen wurden. Der Fotograf arbeitet mit ungewöhnlichen Perspektiven, Detail-, Ausschnitthaftigkeit und Unschärfe als Stilmittel. Darüber hinaus zielt Mavriˇc darauf ab, dass das Motiv verknüpft mit dem Entwicklungsprozess auf dem Trägermaterial (Fliese) zusammenarbeitet und weitere Konnotationen oder Bedeutungsebenen hervorruft. Jedes einzelne Stück ist einzigartig, zumal das Ergebnis vom Herstellungsprocedere und den verwendeten Werkzeugen abhängt. Es kann vom Fotografen nicht in der absolut gleichen Art und Weise wiederholt hergestellt werden. Bildstörungen wie Risse, Farbveränderungen, Falten und Blasen oder andere Bildfehler sind beabsichtigt. Mavriˇcs Gebrauch von Fliesen als Bildträger lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den technischen Aspekt der Fotografien, und genau das macht den Reiz seiner Arbeiten aus.

p o t s i r Ch 94

č i r v a M r e h


Christopher Mavric

geboren in Bruck/Mur

hat seine Dunkelkammer in Graz

Studium Informations-

Kommunikationsdesign an der

FH Joanneum (Graz)

Schule für künstlerische

Fotografie Wien

Freischaffender Portrait- und

Dokumentarfotograf www.c-mavric.at

Ich portraitiere Menschen aus Interesse an ihrer Person, halte einzelne Details von ihnen fest und stelle sie gegenüber. In bestimmten Momenten dokumentiere ich Konstellationen von Menschen und städtischer Umwelt. Fotografie kann uns helfen, unsichtbar gewordene Umwelten und ihre Zeichen wieder neu zu entdecken. Sie kann Menschen, Dinge und Orte die sich sonst widerstreben würden zusammenbringen.

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Alexandra Linortner Fotografie

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„Schon seit ich denken kann, kam jegliche Ausübung von Kunst einem Ausritt auf dem Honigkuchenpferd gleich. Wie allseits bekannt, brauchen Pferde ständige Bewegung, doch bis zu meiner Matura gab es leider vergleichsmäßig viele Tage, an denen die Stalltüren verschlossen blieben. Dies sollte sich jedoch bald ändern, denn ich beschloss, meiner Kreativität mehr Raum zu geben – durch ein Studium an der Werbe-Design-Akademie Salzburg. Eines meiner höchsten Ziele war stets, einen Beruf auszuüben, in welchem ich mich selbst verwirklicht sehe. Heute arbeite ich als Grafikdesignerin in einer Werbeagentur, und das kommt dem angestrebten Ziel schon sehr nahe. Während der Ausbildung in Salzburg habe ich die Fotografie für mich entdeckt. Sie war es auch, welche mich im Oktober 2011 nach Graz geführt hat, an die Akadmie für angewandte Photographie. Die Grafikerin in mir beschäftigt sich gern mit der digitalen Bildbearbeitung, doch ich möchte auch keinen „magic moment“ in der Dunkelkammer missen. Die Fotografie eröffnet mir neue Wege, dort wo mich das Grafikdesign einschränkt. Eine berufliche Symbiose aus beidem stellt zur Zeit den Masterplan dar, was jedoch keineswegs das Ende der Weiterbildung bedeuten soll.“

Heimat: St. Wolfgang im Salzkammergut Alter: 22 Jahre Ausbildung: Werbe-Design-Akademie Salzburg, derzeit berufsbegleitend: Akademie für angewandte Photographie Graz Beruf: Grafikdesignerin bei Teilzwei in Graz www.flickr.com/photos/alexandra_linortner/

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Fotografie

Sebastian Patter Portrait von Simone Jahrmann, Fotos von Sebastian Patter

Mehr als „Nein“ kö n n e n s i e n i c h t s ag e n Sebastian Patter kam zur Fotografie, wie die Jungfrau zum Kinde. Als „eigentlich“ Beamter bringt er nicht nur in seine Bilder hohen Kontrast. 98


Er würde uns ja gerne von seiner langjährigen Erfahrung mit der Fotografie erzählen, doch das bleibt aus. Denn Sebastian Patter fotografiert erst seit zwei Jahren („Ich bin recht jungfräulich in die Fotografie gestolpert“), auch wenn ihm das beim Anblick seiner Fotos niemand glaubt. Sein Stil, unverkennbar, kantig und rauh, seine Portraits wie gezeichnet. Die Portraitierten (wie) gezeichnet vom Leben. Zurzeit tunkt er seinen großen Zeh in die Gewässer der Sportfotografie und hat damit eine Leidenschaft entdeckt. Doch er experimentiert noch in allen möglichen Genres herum, um seines zu finden. Seine Fotografenausbildung war autodidaktisch, YouTube und Konsorten waren seine Meister. Die Meisterprüfung selbst verweigert er, denn die Bedingungen wären weder zeitgemäß noch brauche er sie für seine Fotografie. Seine Bilder allein bestechen. „Ich tu’ niemandem weh mit meinen Bildern“, sagt er, und das ist ja auch wahr. Er lässt sich von Techniken bekannter Fotografen inspirieren und bastelt daraus seine eigene Handschrift. Natürlich muss man sich als Fotograf oft sagen lassen: „Deine Fotos sehen aus wie…“, aber wenn sie schon aussehen wie von bekannten Fotografen, kann es nicht so schlecht sein, meint das Fotografengenie. „Man kann

sowieso das Rad nicht neu erfinden in der Fotografie“, offenbart er uns, „denn es hat alles schon gegeben.“ Sebastian Patter lässt sich definitiv nicht in das Bild eines typi­ schen Fotografen zwängen. Er wird keine Klassenfotos machen, um überleben zu können. Der junge Fotograf arbeitet daran, sich mit seiner Fotografie einen Namen zu machen, um vielleicht eines Tages davon leben zu können. Er weiß um die Risiken als beruflicher Fotograf und gesteht: „Des Geldes wegen darf man es nicht machen.“ Er möchte Aufträge annehmen, die ihm Spaß machen und interessant sind und lehnt auch Aufträge ab, für die er technisch nicht perfekt vorbereitet ist. Es soll nur erstklassige Qualität von ihm zu erwarten sein. Und seine Bilder sprechen für sich, ausdrucksstark und eisern. Sein Werk ist für ihn Kunst, der Weg dahin kann aber nur durch Wissen und Handwerk beschritten werden. Sein nächster Meilenstein soll sein, für eine Sportbildagentur zu fotografieren, Möglichkeiten tun sich bereits auf. Seine bisherigen Gelegenheiten, Größen wie zum Beispiel Alice Cooper mit Orianthi Panagaris oder Skunk Anansie vor die Linse zu bekommen, ergriff er durch „einfach fragen, mehr als nein können sie nicht sagen“.

http://www.patter.at

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Fotos von Sebastian Patter


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Wir schreiben den 30. Mai 2012. Hitze und dunkle Wolken breiten sich aus. Irgendwo in Graz befindet sich ein Lokal, das unver­ kennbar von Musikliebhabern betrieben wird und wie eine amerikanische Stadt heißt. Kenner/X-Rockz-Magazinleser wissen hingegen, dass der Namensgeber des Cafés eine Band namens Sir Lord Baltimore war. Dort soll an diesem besagten Tag die große Schießerei stattfinden. Das ganze Lokal wird zu einer einzigen Kulisse, wo das Leben Theater spielen soll. Der für seine präzisen Schüsse berüchtigte Sebastian Patter betritt jenen Ort mit jeder Menge auffälligem Equipment und einem Assistenten, der ihm beim ganzen Geschehen behilflich sein soll. Seine Hand­griffe führt er geschickt und routiniert aus, als

wären ihm Ereignisse dieser Art wohlbekannt. Eine Lady, bekannt als Pinky Bonita, ist ebenfalls auf das Ereignis vorbereitet und und zerrt ihre bunten kleinen Waffen, in Köfferchen verpackt und als Makeup getarnt, sowie jede Menge Kostüme herbei. Sie fackelt nicht lange und nimmt jedes anwesende Mitglied der X-RockzGang nach der Reihe unter ihre Fittiche. Und das ganze Theater nur, um die Individuen und ihre Tätigkeiten beim Magazin in uriger und signifikanter Kulisse darzustellen. Inzwischen hat der Fotokünstler sein Equipment schon längst an Ort und Stelle aufgebaut und wartet in lässiger Lehnpose auf das Abdrücken. Er schlichtet uns in seine Zielscheibe und überlegt, wie er uns am besten treffen kann. Wir erstarren mit unseren Accessoires, wie hinter Schutzschildern, in den uns zuge­wiesenen

sich von Sebastian Patter ablichten und bearbeiten zu lassen. Positionen. Wir inszenieren ein geschäftiges Ambiente in einem Lokal, in das selbstverständlich, genauso wie immer, die Autoren ihre Schreibutensilien mitbringen, die Fotografen ihre Kameras, der Verkäufer die „große Kohle“, der Herausgeber sein iPad, die Grafikerin einen Riesenbleistift und nebenbei stößt man noch an: Auf das X-Rockz, Kollegen! Sebastian Patter arrangiert jeden Zentimeter der Kulisse und oft geht es nur um eine falsch positionierte Hand oder ähnliches, die er an unseren Posen bemängelt. Bis alles für den endgültigen Schuss sitzt, sind die erstarrten Positionen schon schwer zu halten. Doch wir bleiben gespannt und bewahren die Haltung. Nach ein paar Minuten ist alles vorbei. Der Aufwand hat sich gelohnt, das Ergebnis kann sich sehen lassen!

X-Rockz konnte es sich natürlich nicht entgehen lassen, die Gelegenheit zu nutzen und

Erlebt von Simone Jahrmann, Foto von Sebastian Patter

Das Leben ist ein Theater


Fotografie

Mirja Geh: Eine fliegt mit den

Thomas Morgenstern, Gregor Schlierenzauer, Felix Baumgartner, David Alaba – Mirja Geh hatte sie alle. Vor der Linse. Doch auch für weniger Sportbegeisterte lohnt sich ein Blick ins Portfolio der Bad Ischlerin. Dem X-Rockz hat Mirja Geh einige Fragen beantwortet. XRM: Mirja, wie hast du den heutigen Tag verbracht? Mirja Geh: Ich hatte ein Mountainbike-Shooting mit Olympiateilnehmerin Lisi Osl in Kirchberg/Tirol. Es war supernett mit ihr. Als nächstes gehts nach Seefeld zur österreichischen Fußball-Nationalmannschaft und dann zu einem Shooting mit Lindsey Vonn. Volles Programm momentan ... Viele Fans würden sich wahrscheinlich das linke Ohrläppchen abbeißen, um mit Gregor Schlierenzauer oder Anna Fenninger einige Stunden verbringen zu dürfen. Du scheinst mit den großen Wintersportlern unserer Zeit bestens bekannt zu sein. Wie hat sich das ergeben? M.G.: Zu den ‚Adlern‘ bin ich vor Ewigkeiten durch Wolfgang Loitzl

gekommen. Wir kennen uns seit wir 18 sind und irgendwann hab ich mir gedacht, mal eine Ausstellung beim Skifliegen am Kulm zu machen und ein paar von den Springern zu fotografieren. Irgendwie bin ich da hängengeblieben. Jetzt fotografiere ich halt Thomas Morgenstern oder Schlieri für Red Bull, Martin Koch oder Anna Fenninger für eine Fotostory im Sportmagazin.

Mirja Geh

E-Mail-Korrespondenz von Olivia Fürnschuß, Fotos von Mirja Geh

Felix Baumgartner

Adlern ... Der richtige Moment, das richtige Licht, absolute Schärfe, hier und da eine Prise Glück ... Dingen einen Plan zu bekommen, habe ich dann die Berufsschule nachgemacht und anschließend die Meisterprüfung. Der richtige Moment, das richtige Licht, absolute Schärfe – Was macht letztlich den Unterschied zwischen einem schönen Bild und einem richtig geilen Foto?

M.G.: Genau diese drei Dinge. Hier und da muss auch eine Prise Glück dabei sein. Und die Perspektive muss auch passen. Deine Fotos sind qualitativ sehr hochwertig. Welches Equipment verwendest du?

Wie bist du zur Fotografie gekommen?

M.G.: Ich bin quasi als Quereinsteigerin zur Fotografie gekommen und habe mir das Meiste selbst beigebracht. Um von den technischen 104

M.G.: Ich habe Canon Equipment. EOS 5D Mark II, EOS 5D Mark III, EOS 7D und dazu alle Objektive, die man so braucht. Vom Fisheye bis zum Tele.


Thomas Morgenstern

Als ausgebildete Fotografin hast du bestimmt auch noch analoge Zeiten miterlebt. Inwiefern hat sich die Fotografie im digitalen Zeitalter verändert?

M.G.: Durch die digitale Fotografie sollten Bilder oft schon veröffentlicht sein, bevor sie überhaupt entstanden sind. Es ist halt alles schneller geworden. Zumindest für aktuelle Tagesmedien. Und da so ziemlich jeder inzwischen eine digitale SLR-Kamera besitzt und sich davon einige ‚Fotograf‘ nennen, leidet eben auch oft die Qualität der Bilder darunter.

M.G.: Ich denke, das Wichtigste ist, seinen eigenen Stil zu finden und rauszufinden, in welcher Sparte der Fotografie man sich zuhause fühlt. Bei mir ist das z.B. die Sport-, People - und Werbefotografie.

Lindsey Vonn

Was würdest du jungen Leuten raten, die sich als Fotografen etablieren wollen?

Welche Begebenheiten wären bis jetzt die Highlights in deinen Memoiren?

Du hast dich mit deinen Fotos auch am Protest gegen den Hundemord in der Ukraine im Rahmen der EM beteiligt. Für was lohnt es sich zu kämpfen? Kann die Fotografie die Welt verändern?

M.G.: Schwer zu sagen. Das Tolle an meinem Job ist, dass ich immer wieder neue Leute kennenlernen darf, zu denen man sonst eher schwer Zugang hat, weil man sie halt nur aus den Medien kennt. Eine coole Begebenheit war z.B. als ich für einen Job mit dem Red Bull Skydive-Team Felix Baumgartner als persönlichen Fotohelikopter-Pilot ‚zugeteilt‘ bekommen hab. Oder als ich Natascha Badmann kennenlernen durfte – die Frau ist der pure Sonnenschein!

M.G.: Auf alle Fälle lohnt es sich zu kämpfen! Ich habe via Facebook über die beschissenen Zustände in der Ukraine erfahren und finde es einfach nur abartig, wie gewisse Völker mit Tieren umgehen. Ich habe überlegt, wie man als Einzelperson etwas tun kann, um mehr publik zu machen, was dort drüben abgeht. Also habe ich mir gedacht, was ich tun kann, ist, meine Kontakte zu bekannten Sportlern zu nutzen und sie zu fragen, ob sie sich mit einer Message gegen das Hundemorden in

der Ukraine fotografieren lassen. Gegen eine komplett unnötige Fussball-EM in einem Land, das die Städte von Hunden „säubert“ um nach aussen hin für den Rest der Welt gut dazustehen. Ein Land, das Stadien im Wert von 160 Millionen baut, obwohl sich kein durchschnittlicher Ukrainer überhaupt eine Eintrittskarte für ein Spiel leisten kann. Und das alles für vier Wochen und dann ist alles wie vorher. Komplett krank. Die Fotos, die ich gemacht habe, haben sich auf Facebook sehr schnell verbreitet und waren auch in Österreichs größter Tageszeitung zu sehen. Ich denke, es hat sich ausgezahlt, etwas zu machen. So haben sicher viele Leute davon erfahren. Und das ist gut so.

http://www.mirjageh.com

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Fotografie

Margit Kmentt Mensch: Name: Gefühlsstatus: Location: Aufgabenstellung: Ziel:

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weiblich. wunderbar in ihren Ideen. workaholikerin. Kmentt-Margit.at Erregt in allen Sinnen! Säuberlichst ausgesucht, liegend am dreckigen Boden. Zeige mir deine Stärken und ich zeige dir meine Schwächen. Sich den besten „Schuss“ zu geben!


Kiloweise Ausrüstung wird über einige 100 Meter durch fuhrparkuntaugliches Gelände geschleppt. Immer mit an Bord guter Prosecco (die moderne Frau will doch nicht aufgrund von Prosecco-Durst den Tod erleiden) und taschenweise Equipment für das heutige Outdoor-Shooting: Trollies gefüllt mit Highheels, themenbezogenen Gewändern, Perrücken sowie Schmuck. Das Ganze in vierfacher Ausführung – sicher ist sicher. Angekommen und jedes Mal in bester Laune reicht die Kunst-Lingerie-Fotografin Kmentt Margit ihrem heutigen Shooting-Star – und zu denen zählen sich mittlerweile Promis aus allen Bereichen – und der immer vor Ort und zur Bestleistung bereiten Visagistin ihre gefüllten Prosecco-Kelche. Herzlich verpackt, im Vorfeld schon im Detail besprochen, geht es an an das erste Sujet. Gesammelte Inszenierungen, perfekt eingestelltes Blitzlicht, ausnivelierte Liege- bzw. Hockwinkel der Fotografin sowie das ausschlag­ gebende Posing sind gestellt und … „Los geht’s, mach mich an!“ Das sind wohl die Worte, unter denen man die Fotografin kennen lernt. Nicht die Idealmaße sind ihr wichtig, sondern die Möglichkeit, die Stärke seines „Ichs“ zu zeigen. Frauenpower, Erdigkeit, anders und ausgeflippt zu sein und das vor der Kamera zu zeigen, sind Ideale, die sich die Fotografin wünscht und auch bekommt. Daraus entstehen die mittlerweile landesweit bekannten Motionbilder.

Visagistin: Andrea Saurugger, Haar- & Make up Stylistin

Es ist nicht wichtig zu wissen wo etwas passiert, sondern DASS etwas stattfindet. Alte Schlösser und Wehrtürme, aufgelassene Kraftwerke, Höhlen sowie ausgewählte Plätze in der Natur sind die geheimen Fleckchen des Geschehens. Wo diese verborgenen Stätten zu finden sind, konnte auch unser Redaktioncharme der Fotografin nicht entlocken. Es ist nicht wichtig zu wissen, wo etwas passiert, sondern DASS etwas stattfindet. Die Stärke ihrer „Mädls“ (wie die Fotografin ihre Modells liebevoll nennt) und ihren eigenen Ehrgeiz nahm die Künstlerin zum Anlass, beim weltweiten Fotowettbewerb TRIERENBERG 2012 mitzumachen. Prompt gewann sie in der Rubrik „colours“ Gold für Österreich. Wir gratulieren der lebenslustigen Fotografin und wünschen ihr noch viele dreckige Böden für absolut astreine Fotos. 107


Fotografie

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Derrick Green Vorwort, Kommentare und Fotos von Derrick Green

“Time passes by so quickly and our lives can be defined by special moments in time. I wanted to try and capture these special moments with photography and I learned that it is impossible to capture them all. What I did discover was that all the moments in time are important, 2

even if you don’t feel that it is a special moment. Every moment in time is significant and if you open your mind and eyes you can see it all around us. I was lucky to be able to share some of these moments that I captured.” 108

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1. Sao Paulo fashion week felt like invasion of the body snatchers. 2. This is in a city in Brazil where people believe in aliens all the way back to the 60s with rumors of alien and UFO sightings. These girls were with their father and flashed me their hand signs backstage. 3. In Siberia at a bar bathroom. They have soft pads above to the urinal so that you can rest your head while taking a piss. Absolutely genius. 4. My first time in India and many people were really freaking out over me. I still don‘t know why, because of my size and look, but kids everywhere were the most interested. Even passing by this bus they were coming out of the windows. 5. Inside the club Che Guevara felt like a bunker. 6. A hotel lobby view looking up. 7. At the Prague zoo with many people 8 pounding on the glass trying to get the attention of the gorilla. He looked like he was day dreaming of being some place else far away from there. Somewhere peaceful. 8. A women balancing across water and I thought it was funny seeing the smiley face looking at her also smiling the same way that I was. 9. Gent, Belgium 10. Early morning Sao Paulo this starts to become a familiar image but I can never get used to it 11. This guy was working on setting up our show in Cuba. I talked with him and never told him I was in the band. He was happy to speak English with me.

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Film

Der Hansi & die Knutsch-Girls Reportage und Fotos von Olivia Fürnschuß

Der Steinegger Hansi h at e i n e n c o o l e n J o b . Auf sein Kommando fangen zwei Mädels zu knutschen an, ein Model wirft sich in Pose. Und weils so schön war, gleich noch einmal. Zweimal. Zehnmal. Was geht hier vor? Ist der Hansi Nachtclubbesitzer? Scheich? Zirkusdirektor? 110


„Und, Mädels,

knutschen!“

Nein, ist er nicht. Oder bestenfalls von allem ein bisschen. Der Hansi ist Regisseur. Hier, im Tanz- und Theaterzentrum Graz, dreht er den Werbespot für das X-Rockz-Magazin. Hübsche Damen, ein bisschen nackte Haut. Das ist immer gut. Inhaltlich soll der Spot die Schwerpunkte des Magazins aufgreifen: Musik, Literatur, TattooKunst, Malerei, Fotografie, Szene. Den passenden Jingle wird der renommierte Pianist Oliver Majstorovic basteln. Danach wird der Spot nach Berlin gehen, wo er von Markus Sulzbacher den letzten Schliff erhält und auch fürs Radio adaptiert werden soll. Für den Dreh hat sich der Hansi ein gutes Team zusammengestellt. Sebastian Postl führt die Kamera, David Gesslbauer und Michi Edl assistieren. Für das richtige Licht sorgt Filmveteran Wolfgang Hackl, der sich mit seinen Dokumentationen längst auch international einen Namen gemacht hat. Wie in der Printausgabe will das X-Rockz auch im Kinospot vor allem durch die Optik auffallen. An ein Märchen soll man denken, an einen Traum. „Das Leben ist ein Theater“ lautet die Botschaft. Und das Magazin versteht sich im weitesten Sinne als Programm­ heft. Wer schon einmal Dreharbeiten miterlebt hat, wird wissen, dass in wenigen Sekunden Film stundenlange Arbeit steckt. Und so begann auch das XRM-Spot-Drehwochenende mit einem langen intensiven Samstag, an dem vorbereitet, angeliefert und getestet wurde. Alle Sets wurden zur Probe aufgestellt, Kamerafahrten ohne Darsteller geprobt, das Equipment gecheckt, Einzelheiten besprochen und letzte Requisiten aufgetrieben, damit am nächsten Tag alles wie geschmiert läuft.

Am nächsten Tag präsentiert sich das Set tatsächlich wie eine Bühne. Ein, zwei Spots beleuchten einen Dichter, der bei kaltem Glühwein seine Verse schreibt. Ausserhalb dieser kleinen beleuchteten Manege ist es kaum möglich, Manderl von Weiberl zu unterscheiden, während in der realen Welt die sonnigen Stunden des 22. Jänner verfliegen. Und wenn wir nach circa 780 Minuten Dreh das TTZ verlassen werden, werden sich unsere Augen über den nahtlosen Übergang zur Nachtschwärze freuen. Und der Dichter raucht und schreibt und raucht wieder, während das Filmteam sich seit geraumer Zeit bemüht, die perfekte Kamera­ kran-Fahrt hinzulegen. Geschmeidig, zügig, fugenlos. Im fertigen Spot werden nur wenige Sekunden davon zu sehen sein. Jaaaaa, die war’s! freut sich der Hansi. Die Szene ist im Kasten, der Dichter ist entlassen. Er geht nach Haus und legt sich schlafen. Für einen Sonntag hat der Tag ja auch verdammt früh angefangen. Danke, Ronny, schlaf gut. Inzwischen haben sich die dunklen Ecken des TTZ mit allerhand Gestalten gefüllt. Jörg Vogeltanz, Harald „Purple Harry“ Federer, Mag. Reinhard Strauss zum Beispiel. Die lieben Onkel der X-RockzFamilie. Cornelia Schwingenschlögl, die gute Seele des Magazins. Es wird Zeit für die große Szene. Das zehn Meter breite Gemälde, das als Bühnenbild dient, wird aufgestellt. Der junge Künstler Joey Davis hat es am Vortag in stundenlanger Arbeit gemalt. Ein unaufdringliches Ockergelb trägt die Kulisse. Mr. Purple Bluze bildet - ganz in Purpur versteht sich - den erfrischenden Paradies-VogelKontrast. Er erscheint als Fotograf. Neben ihm steht ein schwarz

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Ab 15. April 2012

online auf www.x-rockz-magazin.com

Bademantel rumläuft, weil sie darunter ziemlich leicht bekleidet ist. Der Hansi hat eben doch einen coolen Job. Und die wirklich harte Arbeit kommt erst hinterher. Wenn er dann nächtelang am Schneidetisch sitzt und vor lauter Futzlerei nicht mehr weiß, wo vorn und hinten ist.

gekleideter Mann mit einem Stativ. Darauf befestigt sind zwei bemalte Papierteller - vulgo der Blitz. Dieses Provisorium soll später durch Computerzauber wie ein echter Lichtbogen erstrahlen. Der Mann in Schwarz ist X-RockzHerausgeber Günther Golob. Er war es, der den Dreh mit viel Einsatz organisiert hat. Er wird es auch sein, der das TTZ als Letzter verlassen und aufgeräumt übergeben wird. Und, Mädels, knutschen! ruft der Hansi Steinegger aus dem Dunkel und ähnelt dabei schon ein bisschen einem Zirkusdompteur. Die Peitsche braucht er dennoch nie zu schwingen. Und auch sein Mega­fon kann er stecken lassen. Lea und Florentina folgen ihm auch so. Dieser Take wird später allerdings nicht verwendet werden. Während draußen also Teeparty gespielt wird, bekommt im Hinterzimmer einer lange Ohren. Werbespot-Chamäleon Wolfgang Schatz hat schon öfter ausgeholfen, wenn die Firma Steinegger für einen Werbefilm Statisten brauchte. Diesmal aber soll er weniger Staubsaugervertreter als Bohémien sein, deshalb verpaßt ihm Visagistin Kathi Ritter alias Pinky Bonita zwei Flesh Tunnel samt zugehörigen Ohrläppchen. Modelliert und aufgepickt. Spekuliereisen und Baskenmütze erledigen den Rest. Fertig ist der Maler. Ganz metropolitan mit Halstuch, aber gar nicht schal. Das Auge, das Wolfgang in der nächsten Szene „malen“ wird, stammt eigentlich von dem Ausseer Künstler Amin Loitzl und hat die A9 schon bei Nacht gesehn. Denn in genau jener Nacht, als FM4 in der Arena Geburtstag feierte und die Maissauer Turnerinnen am Ball der Freiwilligen Feuerwehr Maissau zu Riverdance die Halle zum Beben brachten (was zwangsläufig in Zugabe und Tortenverlosung ausartete), in der Nacht vor dem Dreh also, fuhr der Hansi Steinegger im ärgsten Schneegestöber nach Bad Aussee, um das Bild persönlich abzuholen. Und das teilweise mit 62 km/h, weil vor ihm Schnee gepflügt wurde. Naja, im Notfall muss halt einer die Krot fressen, auch das ist Teil des Jobs. Als Ausgleich darf der Hansi aber wie gesagt ein paar Stunden später ein bisschen herumdirigieren. Zum Beispiel die hübsche Brasilianerin Miriam, die für den Spot das Fotomodel gibt. Oder Pamina, die von Rebel Rock-Chef Muno “tätowiert” wird und im

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Und genau das macht der Hansi gerade. Während dieser Text hier entsteht, schneidet er den X-Rockz-Spot. Deshalb kann ich Ihnen an dieser Stelle leider nicht beschreiben, wie das Ergebnis geworden ist, denn ich spreche aus tiefster Vergangenheit zu Ihnen. Mittlerweile aber, jetzt wo Sie diesen Text lesen, sollte der Spot fertig sein. Am besten, Sie sehen selbst. Im Internet. Oder im Kino Ihres Vertrauens. Übrigens: Falls Sie sich wilde Geschichten über brennende Menschen und herabfallende Kristall-Luster erwartet haben, muss ich Sie enttäuschen. Uns ist nicht einmal das Bier ausgegangen. Und dass das alles so reibungslos funktioniert hat, verdanken wir den Menschen, die für ein Gulasch und ein Seiterl mitgeholfen haben, diesen Spot zu realisieren: Julia Bacher, Tina Bausch, Marco Antonio da Costa, Miriam Duarte, Harald Federer, Gerald Fink, Helmut Greil, Florentina Groller, Daniel Grossmann, Lea Haslehner, Helga Höhn, IPunkt, Martina Isopp, Matthias Isopp, Romy Isopp, Foto Köberl, Han-I Kou, Markus Krieg, Cabral de Lima, Pamina Mathy, Ronny Priesching, Wolfgang Schatz, Andreas Schwarzmann, Cornelia Schwingenschlögl, Peter Stodulka, Mag. Reinhard Strauss, Markus ‘Sulzi’ Sulzbacher, Jörg Vogeltanz, Thomas Woppel, Carola Zarfl.

Danke!


Kunst

Joey Davis

Teutonen I-VI Kulisse und Kunstwerk in einem Joey Davis zeichnet verantwortlich für die wunderbare Kulisse des X-Rockz-Videospots, die mittlerweile zu einem Kunstwerk geworden ist: „Das Bild besteht aus mehreren Abschnitten. Es geht um den ewigen Kampf zwischen König und Königin. Der Königin folgt ihr Gefolge um den König zu stürzen. Der Schlichter in der Mitte versucht die Königin zu stoppen, doch so ein derartiges Biest kann nicht gestoppt werden. Gehindert wird die Königin von dem Labyrinth der Teutonen und den tiefen Gewässern der blauen Katze. Der König ist fast schon zerbrochen und vernichtet.“

http://www.joey-davis.com, E-Mail: info@joey-davis.com

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Film

Space Tours – Mission E.V.A.

Portrait von Cornelia Schwingenschlögl, Fotos von Birgit Kniebeiß, Sigrid Querch und Helge G. Suppan

B i s l a n g g a lt E d Wo o d s „ P l a n 9 F ro m O u t e r S pac e “ a l s s c h l e c h t e s t e r F i l m aller Zeiten. Ihn vom Thron zu stoßen, war das designierte Ziel von Andreas Auinger, dem Grazer Filmemacher. Inspiriert von einem Horror-Urlaub in der Türkei machte er sich schließlich ans Werk. Eine Raumschiffcrew ist im Auftrag eines Tourismuskonzerns im All unterwegs, um potentielle neue touristische Destinationen zu erforschen. Der Supercomputer E.V.A. an Bord des Raumschiffes hat die Aufgabe, die Daten von den Cyborg-Reiseleitern zu speichern und zu verarbeiten, die auf den einzelnen Planeten stationiert sind. Das ist der Konkurrenz natürlich ein Dorn im Auge und so startet sie ihrerseits eine Mission, um das Elektronen­ gehirn zu vernichten und den unliebsamen Mitbewerb ein für alle Mal loszuwerden. Damit beginnt ein wahnwitziges Filmabenteuer, vollgestopft mit Hommagen und Zitaten aus der gesamten Science-Fiction-Filmgeschichte, made in Graz. Aber was macht Space Tours zum schlechtesten Film aller Zeiten im Vergleich zu anderen Trash-Schmankerln wie Dark Star oder Der Angriff des Riesen-Moussaka? „Ich würde sagen, das Produktionsbudget“, lautet die Antwort. Das betrug nämlich zu Beginn genau null Euro – im Endeffekt kostete das Projekt € 266,27. („Das Teuerste an der ganzen Produktion war ein schwarzer Dildo.“) Space Tours ist nämlich nicht unfreiwillig schlecht. Der Hintergrundgedanke war: Was bleibt von einem Hollywood-SciFiBlockbus­ter übrig, wenn man das ganze Geld weglässt? Nun: Zum Beispiel Requisiten wie ein „Bumper“ (Aha, Dune!), der in seinem früheren Leben einmal Swimming-Pool-Filter war. Bauzeit: Die zwei Minuten vor Drehbeginn der Szene. Oder Drehorte wie der Keller eines Freundes (Aha, Dark Star!) und ein paar Räume in einer Schule. Natürlich ist die Ansage, den schlechtesten Film machen zu wollen, auch eine interessante Marketingstrategie, wie Rainer Kantz

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anmerkt: „Weil die Leute sagen: ‚Moment, das muss ich mir anschauen, ob der wirklich so schlecht ist, wie die Burschen behaupten.“ Kantz, der in Space Tours als homosexueller Prospekt-Fotograf Jean Rollin beweist, dass ihm einfach jede Haarfarbe steht, und Auinger blicken auf gemeinsame Anfänge zurück. Mit zirka Vierzehn bekamen die beiden zum ersten Mal eine Videokamera in die Hände – innerhalb eines Nachmittags nach der Schule entstand das erste filmische Werk. Im Laufe der Zeit produzierten die beiden eine große Anzahl an Kurzfilmen und Filmen von 5 Minuten bis 2 Stunden Dauer. Schnell kristallisierte sich heraus, dass die beiden auch beruflich in diese Richtung wollten: Auinger im Bereich Drehbuch und Regie, Kantz als Schauspieler. 1997/98 machten sie sich gemeinsam auf nach L. A., um in die Branche reinzuschnuppern und ihre Möglichkeiten auszuloten. Allerdings machte sich nach ihrer Rückkehr in heimatliche Gefilde bald Demotivation breit. „Ich habe mich damals verstärkt mit dem Filmvertrieb auseinandergesetzt“, erzählt Auinger, „und wollte eine Online-Plattform machen, auf die man Videos hochladen kann, die sich dann jeder anschauen kann.“ Leider konnte damals kein Investor aufgetrieben werden, der an die Idee glaubte und so war das Projekt gelaufen. „Wir sahen auch das Problem, dass das Filmsystem in Amerika ganz anders ist als das in Österreich“, erklärt Kantz: „Bei uns ist es viel schwerer, als Newcomer ins Geschäft rein­zukommen.“ Förderungen seien schwierig zu bekommen und vor Allem sei der Film in den U.S.A. ein viel wichtigerer Wirtschaftsfaktor. Daher bestehe dort auch ein viel besseres Vertriebssystem. „In Öster­reich ist das Pro­blem, wenn du einen Film fertig hast: Was machst du jetzt damit?“ Es hapert allein schon am Marketing. „In Amerika werden pro Jahr zirka vierhundert Filme produziert, dreihundert davon kommen nach Europa. In Europa werden siebenhundert Filme produziert, kommen aber meist aus dem eigenen Land gar nicht raus.“ erzählt Auinger. Außerdem sei es in Amerika üblich, dass Filmfirmen mit ihrem Überschuss an Gewinnen Kunstschaffenden ein Budget für ihre Projekte zur Verfügung stellen. Diese

http://www.spacetours-movie.com/


„Es gibt tatsächlich Leute, die den Film

spannend finden!“

Problematik war einer der Ursprünge für die Idee, einen Film bewusst ohne Budget zu machen. Und sein Katastrophen-Urlaub in der Türkei lieferte Auinger dann schließlich den geeigneten Aufhänger für den Plot: „Dann schrieb sich das Ganze praktisch von allein.“ Die Zitate aus anderen Science-Fiction-Filme sind genau recherchiert und eins zu eins kopiert. „Neunzig Prozent der Arbeit hat Andreas allein gemacht“, sagt Kantz, „Bei den Dreharbei­ ten war ich eigentlich nur einer von vielen Schauspielern aus der Theaterszene, die gesagt haben: Okay, wir machen mit. “ (Darunter befinden sich u. a. Frank Hoffmann, Christian Sprenger und Wolfgang Pappel, die Synchronstimme von Harrison Ford.) Auch hinter den Kulissen waren – ohne Gage – Vollprofis am Werk: Die Nachbearbeitung übernahm Klaus Stangl, der schon an Produktionen wie Avatar beteiligt war. Er war verantwortlich für Green Screen, Animationen und Visual Effects. Sounddesign und Originalmusik stammen von Norbert Mehrl. Die Dreharbeiten zogen sich zwar über zwei Jahre, betrugen aber insgesamt nur in etwa dreißig Tage. Eine filmische Dokumentation des Drehs gibt es leider nicht. Stattdessen werden während einem „Making-Of-Interview“ des Filmemachers Fotos vom Set präsentiert: „Wir hatten ja nur eine Kamera, und die war zum Drehen da“, erklärt Auinger. Storyboards gab es fast ausschließlich für die Szenen mit Spezialeffekten: „Wir haben versucht, alles schlecht zu machen, aber das heisst nicht, dass wir uns nicht bemüht haben.“ Die Präsentation und Vermarktung des Filmes nahm das Duo Auinger-Kantz wieder vereint in Angriff. „Hauptsächlich, weil ich besser englisch kann“, lacht Kantz. Space Tours brachte die beiden nämlich sehr schnell in Gegenden, in denen der steirische Dialekt nicht ganz so geläufig ist – zum Beispiel zum New York Indepen­dent Film Festival, wo sie gleich drei Preise abräumten, und zum Filmfestival nach Cannes, wo ihnen eine Ehrung zuteil wurde. Was allerdings die Vermutung nahe legt, dass Space Tours an seinem Ziel vorbeigeschrammt und doch nicht ganz so schlecht ausgefal­len sein dürfte. SciFi-Geeks werden sich aufgrund der vielen Anspielungen auf andere Vertreter des Genres mit Sicherheit amüsieren.

Doch auch Zuschauer ausserhalb der Fan-Szene sollen ihren Spaß haben. Dafür nahm Auinger sich Mel Brooks zum Vorbild: „Ich wollte den Film so blöd machen, dass man ihn auch lustig findet, wenn man die Anspielungen nicht versteht.“ Die Meinungen, ob Space Tours nun besonders schlecht oder besonders witzig ist, sind natürlich geteilt – mit einer kleine Gruppe hat Auinger aber gar nicht gerechnet: „Es gibt tatsächlich Leute, die den Film spannend finden! Darauf hatte ich es eigentlich gar nicht angelegt. Aber das freut mich natürlich.“ Eine der Anekdoten aus Amerika erzählen Auinger und Kantz mit besonderem Stolz: Brian Yuzna, nach dem das Raumschiff aus Space Tours benannt wurde, nahm mit seinen beiden Söhnen an der Vorführung am Filmfestival in L. A. teil. „Er kam mit leuchtenden Augen raus, und das erste, was er sagte, war: You named the spaceship after me – like the Nostromo!“ erinnert sich Auinger. Danach verbrachte man zusammen einen gemütlichen Abend bei einigen Flaschen Wein, fachsimpelte ausgiebig und beschloss, in Kontakt zu bleiben. Generell erregten die beiden Österreicher in ihren Space-ToursT-Shirts mit Tante-Jolesch-Aufdruck („Was ein Mann schöner is wie ein Aff, is ein Luxus.“) ordentlich Aufmerksamkeit. Oder als sie in einem Souvenir-Shop zufällig einen „Oscar For The Best Tourist“ aufstöberten, ihn mit auf die Bühne nahmen und ihn anschließend einem Bekannten im Publikum verliehen. Daraufhin wusste absolut jeder dort, wer die beiden „Guys from Space Tours“ waren. Der letzte Schritt des Projekts ist nun, den Film auf DVD herauszubringen. „Übers Internet findet man auf jeden Fall sein Publikum“, meint Auinger, „aber dennoch ist es schwierig, mit einem Film soviel Geld zu verdienen, dass man den nächsten machen kann.“ Den nächsten? „Es ist auf alle Fälle ein neues Drehbuch fertig“, verrät Kantz. Ein Online-Projekt ist ebenfalls in Arbeit und sieht seiner baldigen Präsentation ent­gegen. Doch dazu sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr ge­sagt als: Gurkenzeit!

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Bühne Szene

Stefan Moser Vom Messen lesen auf die Bühnen Österreichs Dem Grazer Stefan Moser wurde sein Traumberuf auf den Leib geschneidert: die Schauspielerei. Die Bühnen der Theater in Wien, Graz und im Schloss Porcia am Millstättersee sind sein Alltagsmilieu. Er ist einer dieser Menschen, die den Anschein erzeugen, sie würden immer auf einer Bühne stehen. Eine Begrüßung mit offenen Armen ist demnach keine Ausnahme. Allerdings spielt er den Menschen nichts vor, außer er steht auf der Bühne. „Das glauben viele Menschen, dass Schauspieler ihnen etwas vorgaukeln können, aber das habe ich mir noch nie zu Nutze gemacht. Ich bleibe mir treu“, spricht der 31-Jährige. Er nahm auch nie Charakterzüge seiner Rollen, die er spielte, von der Bühne mit hinunter. Auch wenn er als Musiker auf die Bühne geht (Stefan Moser & Band) nimmt er die Rolle des Musikers ein und legt sie wieder ab, wenn der Gig vorbei ist. Er war als Kind schon theaterbegeistert, sah sich die Kindervorstellungen an und spielte sie zu Hause nach. „Ich hab‘ mir die ganzen Vorstellungen immer so angeschaut, sodass ich sie zu Hause ziem-

lich detailgetreu nachspielen konnte. Ich habe das nicht nur mit Theaterstücken gemacht, sondern auch mit Berufen. Bademeister habe ich zuhause nachgespielt, oder Lehrer, bis das mit der Zeit ein bisschen absurd wurde, weil ich dann Messen gelesen habe, detailgetreu, wie der Pfarrer.“ Sein Werdegang war ein klassischer Strike. In der Schauspielschule in Wien hat er mit Manuel Rubey und Angelika Niedetzky den Kaugummi geteilt und ist danach gleich ins Burgtheater hinfort geschritten. Seit dieser Zeit gondelt er zwischen Graz, Wien und Schloss Porcia, wobei seine Stammbühnen das Schloss und die Kleine Komödie sind. Seine Spielkameraden waren unter anderem Oliver Baier, Werner Schneyder, mit denen er schon öfter zusammengearbeitet hat bzw. Robert Palfrader, Marion Mitterhammer, Christoph Fälbl, Ciro de Luca, Ulrich Tukur, Eva Mattes. Und zu guter Letzt war Michael Niavarani sein künstlerischer Leiter im Kabarett Simpl in Wien. Mit einigen verbindet ihn auch durchwegs eine freundschaftliche Beziehung. „Ich hatte eigentlich immer Glück“, gab Stefan zu, er hatte sich nie schwer getan, von der Schauspielerei leben zu können oder eine Rolle zu bekommen, „es hat sich irgendwie immer etwas ergeben.“ Dass diese Laufbahn ein Glücksgriff ist, weiß er. „Wenn ich denke, ich bin mit wirklich exzellenten Schauspielern in die Schauspielschule gegangen und viele von ihnen machen heute ganz etwas anderes, weil sie kein Glück hatten, oder lange keinen Auftritt und umso länger man weg ist von der Bühne, umso mehr Überwindung ist das Auftreten. Man bekommt Angst, wenn man nicht mehr geübt ist.“ Er selbst hat zwar das typische Lampenfieber vor jedem Auftritt, aber das sollte man seiner Meinung nach haben. Zur Zeit spielt er „Paul“ in Intimitäten oder Cyrano in Baffalo, ein wirklich sehens- und lachenswertes Stück in der Kleinen Komödie, das noch bis 13. Februar gespielt wird. Text und Fotos: Simone Jahrmann

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www.stefanmoser.com


Bühne

Clemens Berndorff Reportage von Peter Gigerl, Fotos von Pia Clodi

Keine Tabus, Keine Grenzen Der österreichische Schauspieler Clemens Berndorff ist als Grenzgänger und Enfant Terrible der heimischen Theaterszene bekannt. Nicht nur seine Rollen, in denen er zumeist kaputte, abgründige Menschen verkörpert, sondern auch sein Widerwillen, sich jeglicher Authorität zu beugen haben ihm den Ruf des Bad Boys eingehandelt. Bisher vor allem auf Schauspielbühnen in Österreich und der Schweiz zugegen, soll 2012 das Jahr werden, in dem er vermehrt in Film und TV in Erscheinung treten wird. Clemens Berndorff wird 1982 in Graz geboren und wächst abwechselnd in der steirischen Bezirkshauptstadt Deutschlandsberg sowie im Bergdorf Osterwitz auf. Nach einer harmonischen Kindheit und Jugend im heimatlichen Idyll wendet sich seine schulische Laufbahn dem Chaos entgegen, als er an die Handelsakademie wechselt. Des Öfteren entgeht er dem Rauswurf nur knapp. Nach der Matura absolviert Berndorff das Bundesheer. Laut Eigenaussage ist es dort eine schöne Zeit, die ihm dennoch etliche Aufenthalte im „Häfn“ beschert und wegen einer Schlägerei mit einem Offizier gar eine Vorstrafe einhandelt. Mehrmals schläft er bei der Wache ein, gefährdet Staatseigentum und beschimpft Vorgesetzte. Er ist nicht gemacht für das Befolgen von Befehlen. Und kuschen kann er sowieso nicht. Nach dem Wehrdienst bewirbt sich Berndorff mehrmals vergeblich um Plätze an verschiedenen Schauspielschulen. Von den Absagen nicht entmutigt, wird er schlussendlich am Konservatorium der Stadt Wien angenommen und unter der Leitung von Tim Kramer und Peter Ender ausgebildet. In den vier Jahren am Konservatorium nimmt er an Workshops von Juri Krasovsky, Hubert Zorell sowie Peter Ries teil und spielt nebenher an allen möglichen Theatern in Wien. So verdient er sich erste Sporen am Theater Drachengasse, im Metropol und am Theater an der Gumpendorferstraße. Bald folgen erste Engagements für das Fernsehen. So gibt er etwa einen Skateboardtrainer bei „Tom Turbo“ oder einen Vorarbeiter in der Serie „Der Winzerkönig“. Doch die große Liebe soll das Theater bleiben.

Vorerst. Berndorff hält nichts von Method Acting. Einfach deswegen, weil die Gefahr, daran zu Grunde zu gehen, enorm ist. Stattdessen glaubt er, totale Konzentration vorausgesetzt, an die eigene Vorstellungskraft und spielt am Ende aus dem Bauch heraus. Überhaupt ist das Prinzip des Schauspiels für ihn ein simples, denn man muss sich ja eigentlich nur vorstellen können, wie der Charakter auf die jeweilige Situation reagieren würde. Die Kunst ist es für ihn, jede Rolle authentisch zu spielen. Das bedeutet für Berndorff, an die eigenen Grenzen zu gehen und sie zu überwinden. So sagt er, dass, falls sich der Regisseur beim Filmdreh einen Betrunkenen vorstellt, der eine Wohnung verwüstet, er gar kein Problem damit habe, sich auch um 7 Uhr früh in Windeseile einen Vollrausch anzutrinken, um anschließend das Set in Schutt und Asche zu legen. Soll der Charakter auf Kokain üble Geschäfte verrichten, so nimmt Berndorff auch diese Schwelle und gibt den miesesten, überdrehtesten, übernachtigsten Drogendealer, den sich der Regisseur wünschen kann. „Alle Charaktereigenschaften, die eine Rolle haben kann, sind in dir drinnen!“ Berndorff verlangt von seinen Schauspielpartnern genau so viel Einsatz wie von sich selbst. Oft ist das gesamte Talent seiner Schauspielkollegen gefordert, um seinen intensiven Performances Paroli bieten zu können. Überhaupt ist das Wort „Spielen“ bei ihm verpönt. „Spielen“ sei der Tod des Films, der Tod des Theaters. Er bevorzugt zu „Agieren“, denn du musst in der Situation sein und in dieser Situation agieren können. Dies stellt für ihn den Unterschied zum Method Acting dar. Denn er muss nicht an die dunkelsten Orte seines seelischen Innenlebens reisen, um die Rolle authentisch darstellen zu können. Viele, zumeist unerfahrene Schauspieler üben sich im Method Acting und kommen dann aus ihren Rollen nicht mehr raus. Oftmals resultiert das in menschlichem Zerfall. Der private Clemens Berndorff findet neue Energie in der Natur, der er seit Kindertagen sehr verbunden ist. Deshalb verbringt er so viel Zeit wie möglich auf der Alm in Osterwitz. Außerdem ist der glücklich liierte Schauspieler immer schon ein Autonarr, der es genießt, mit seinem 69er Buick die Landstraßen zu befahren, um mit Rock´n´Roll Musik und V8 Sound dem Verlangen nach Freiheit nachzugeben. In der nahen Zukunft will sich Clemens Berndorff auf die Arbeit beim Film konzentrieren. Einige Projekte sind abgedreht und werden nach und nach veröffentlicht. Dennoch spielt er nach wie vor am Theater. Aktuell im Theater am Lend in Graz, wo er im Stück „Cafe dèjà Vu – oder nur nichts anbrennen lassen“ mitwirkt. Im Kino ist Clemens Berndorff demnächst in der spanisch-indischen Produkt­ion „Spanish Masala“ zu sehen.

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Bühne

Alles nur

Illusion

Interview von Anita Raidl, Fotos von Christopher Mavric

Der Komponist und Liedermacher Konstantin Wecker über Facetten der Angst, das Geschenk der Kreativität und die Welt als Wille und Vorstellung. Die Plattenveröffentlichung „Genug ist nicht genug“ mit der Ballade vom „Willy“ machte Konstantin Wecker anno 1977 bekannt. Es folgte ein intensives Leben, gepflastert von zahlreichen Auftritten, Auszeichnungen und auch privaten Eskapaden. Derzeit tourt der gebürtige Münchner mit seinem Programm „Wut und Zärtlichkeit“ durch die Lande. Das X-Rockz-Magazin traf den sympathischen Musiker kurz vor seinem Auftritt im Grazer Congress. XRM: „Freiheit hoaßt koa Angst habn, vor neamands“, heißt es in deiner berühmten Ballade vom erschlagenen Willy. Der Willy legt sich darin mit grölenden Nazis an. Du bist derjenige, der ihn zurückhalten möchte. Ohne Erfolg. Denn dem Willy kostet sein beherztes Credo das Leben. Das Lied hat mittlerweile mehr als 30 Jahre auf dem Buckel. Wie gehst du heute mit dem Thema Angst um? Hast du noch vor etwas Angst?

Konstantin Wecker: Ja, freilich! Immer wieder. Das ist ja die große Sehnsucht im „Willy“ gewesen und deswegen ist der Willy auch eine, ich würde mal sagen, eine Mischung aus einer fiktiven Figur und mir selbst. Irgendwo bin ich in dem Lied beide Personen. Ich bin der, der sich traut und der, der Angst hat und den anderen immer wieder zurück halten will. So viele Jahrzehnte später denke ich mir, dass das wohl einer der Erfolge des Liedes war, dass jeder in sich diese Zerrissenheit spürt. Jeder ist beides. Keiner ist immer mutig, außer er ist dumm (lacht). In welchen Situationen sollten wir keine Angst haben und mutig sein?

K. W.: Sicherlich wenn es um das Thema Zivilcourage geht. Dass wir Angst haben ist ganz logisch. Also ich gehe jetzt auch nicht auf fünf muskelbepackte Neonazis los und lass‘ mich von denen zusammenprügeln. Aber ich möchte nicht, dass man im Vorfeld Angst hat. Diese vorauseilende Angst macht eigentlich die mangelnde Zivilcourage aus. Bevor man wirklich in der Situation ist, dass man sagt, das ist aussichts-

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los, darf man keine Angst haben. Wenn man vorher schon Angst hat und praktisch dauernd nur immer allen Recht gibt, dann ist das dieser vorauseilende Gehorsam. Der, wie ich glaube, uns Deutschen ein bisserl im Blut liegt. Und den Österreichern?

K. W.: Naja, denen schon auch. Aber wir dürfen nicht vergessen, die Österreicher waren ja nie Nazis. Sie tun wenigstens so (lacht). Hast du Angst vorm Sterben?

K. W.: Das ist eine Stimmungssache. Es gibt Momente, da klammert man sich wahnsinnig ans Leben. Es gibt Momente, da denkt man, der Tod ist ein tolles Abenteuer. Also, so richtig Angst vorm Tod habe ich nicht. Aber ich kann jetzt viel erzählen und wenn‘s so weit ist, kann es sein, dass plötzlich das große Zähneklappern beginnt. Interessant ist, dass man immer die älteren Leute fragt, ob sie Angst vorm Tod haben. Es gibt ja auch Junge, die sterben. Ich glaube, ich habe als junger Mann mehr Angst vorm Tod gehabt als heute. Da habe ich mich in meinen Liedern auch anders mit dem Thema auseinander gesetzt. In einem Lied, da war ich vielleicht 22, habe ich geschrieben: „Lang mi net o, du depperter Tod.“ Da wollte ich kämpfen. Mittlerweile habe ich eingesehen, dass es ziemlich aussichtslos ist, gegen den Tod anzukämpfen. Das heißt wohl auch, dass ohnehin alle Versuche, den Tod zu besiegen, früher oder später scheitern müssen. Deine 2007 erschienene Biographie trägt den Titel „Die Kunst des Scheiterns“. Darin schreibst du, dass das Scheitern, die Niederlagen, Sprossen nach oben sein können.

K. W.: Natürlich gibt es sehr viele Sprossen des Erfolgs, auf denen man nach oben klettert. Aber ich habe gegen das allgemeine Urteil, dass das Scheitern und die Niederlagen eigentlich etwas zu sein haben, das man aus dem Leben, vor allem aus dem Eigenen, auszuklammern hat, angeschrieben. Die Niederlagen können durchaus Sprungbretter sein, wenn man sie für sich annimmt. Wenn man sie akzeptiert! Wenn man natürlich mit Niederlagen so umgeht, dass man der Meinung ist, es sind immer die Anderen Schuld, es ist das böse Schicksal schuld, es sind die Eltern schuld, es ist der Staat schuld, dann wird man wenig daraus ziehen können.


„Die Poesie begleitet mich

wie ein täglich Brot.” Woran bist du zuletzt gescheitert?

Wann hast du zuletzt die andere, nicht mit Vernunft begreifbare Welt, mittels Poesie betreten?

K. W.: Das sag‘ ich jetzt nicht (lacht). In deiner Biografie schreibst du auch, dass du deinen Kindern das Träumen vermitteln möchtest. Was bedeutet das?

K.W.: Träume sind für mich Ideen, Träume sind aus einer Welt, die wir nicht verstehen. Die Wirklichkeit ist so viel größer, als wir es uns zu erdenken wagen. Das weiß man, wenn man sich mit Musik und Poesie beschäftigt. Da wird einem etwas aus einer Welt vermittelt, die wirklich ist, die wir aber mit der Ratio noch nicht begreifen können. Darum gibt es Gedichte. Zum Beispiel Rilke (Anm. Red.: Rainer Maria Rilke, Lyriker, 1875 - 1926]). Rilke vermittelt uns etwas aus einer Welt, die es gibt, aber die wir mit der Ratio nicht erfassen können. Und das merkt man immer, in jedem kreativen, inspirativen Prozess. Weil das Kreative kommt ja wo anders her. Wenn mir als Zehnjährigem Melodien ein­gefallen sind, konnte ich nie sagen, woher das kommt. Ich wusste immer, dass es ein Geschenk ist. Ein Geschenk, irgendetwas zu erfahren, wo man sich hin öffnen kann. Das Geheimnis, wie man sich dahin öffnet, habe ich bis heute nicht ergründet. Manchmal geht’s, manchmal geht’s nicht.

K. W.: Also die Poesie, die begleitet mich wie ein täglich Brot. Es gibt eigentlich keinen Tag, an dem ich mich nicht irgendwelchen Gedichten zuwende. Beileibe natürlich nicht nur den eigenen. Das wäre sehr langweilig. Welche Dichter und Musiker faszinieren dich momentan?

K. W.: Für mich gibt es zwei Eckpfeiler von Genies, die aus einem anderen Universum kommen. In der Musik ist es Mozart und in der Lyrik ist es Rilke. Beide sind für mich so unbegreiflich. Wie kann vor allem Mozart mit einer so unendlichen Leichtigkeit auch komplizierte Dinge ausdrücken? Mit einer solchen Selbstverständlichkeit, mit einer solchen Naivität? Und ebenso ist es bei Rilke. Er kann schreiben, über was er will. Beim Lesen wirst du immer auf dich selbst zurückgeworfen. Es gibt ein Gedicht von Rilke, das heißt „Archaischer Torso Apollos“. Da heißt es am Schluss, du musst dein Leben ändern. Und ich habe bei fast jedem Rilke-Gedicht, egal ob er vom Papageienpark spricht oder von einem Karussell, das Gefühl, ich muss mein Leben ändern. Er hat mich nicht nur zum Nachdenken angeregt, sondern auch dazu, mir selbst zu begegnen.

Das heißt, Texte und Melodien fallen dir unwillkürlich ein?

K. W.: Ja. Es passiert oder es passiert nicht. Interessanterweise glaubt man, man kann sich bestimmte Stimmungen dazu schaffen. Man probiert es dann alleine und einsam, streift durch die Wälder. Aber es kann passieren, dass es im Kaufhaus los geht und dann sind sie eben da. Man muss ja auch fragen, was sind das für Leute, die überhaupt keinen Zugang zur Kreativität haben? Das gibt’s ja auch. Beuys (Anm.: Joseph Beuys, Aktionskünstler, 1921 - 1986) sagte, jeder Mensch ist ein Künstler. Ich glaube es ganz bestimmt, jeder ist in der Lage, diesen Raum zu betreten. Doch er muss den Türöffner finden. Wie man den Türöffner jetzt wirklich findet und wo diese Pforte ist, ist wie in diesen Fantasyspielen. Man geht irgendwo und plötzlich kann man durch irgendeine Tür durchgehen. Ich hab‘s nicht rausgekriegt. Manche erzählen einem auch, es würde durch Meditation gehen. Natürlich geht es nicht durch Faulheit. Also das ist klar. Man muss bereit sein. Einfach nur im Bett liegen und warten, dass irgendwas kommt, das geht dann meines Erachtens auch wieder nicht. Bist du ein spiritueller Mensch?

K. W.: Ich glaube, dass ich immer schon, nämlich aus den Gründen, die ich gerade aufgezählt habe, ein spiritueller Mensch war und bin. Wobei ich immer wieder sagen muss, dass Spiritualität für mich etwas anderes als Religiosität ist. Was ist denn der Unterschied?

K. W.: Da gibt’s ein schönes Beispiel. Hat mir einmal ein amerikanischer Obdachloser erklärt. Religiös sind Menschen, die Angst vor der Hölle haben, spirituell sind Menschen die durch die Hölle gegangen sind. Für mich nach wie vor der beste Satz zu diesem Thema (lacht).

Apropos Begegnung. Tourneen sind ja auch eine Art Begegnung mit neuen Menschen, neuen Orten. Die derzeitige „Wut und Zärtlichkeit“– Tournee ist ja nicht deine erste. Inwieweit ist da schon Routine dabei?

K. W.: Da ist viel Routine dabei und das find ich sehr schön. Ich bin ja ein Freund der Routine. Routine bedeutet für mich, dass man viel weniger Angst hat als früher. Und keine Angst haben bedeutet ja Freiheit. Ich habe schon so unglaublich viele Sachen auf Konzerten erlebt, ich habe persönlich Betrunkene von der Bühne runter getragen, ich musste zweitausend Leute mit akustischem Klavier für eine halbe Stunde versorgen. Es gibt kaum etwas, was ich nicht erlebt hätte. Und es ist eine gewisse Routine zu wissen, man kann damit umgehen. Wichtig ist, dass man mit Schwierigkeiten so umgeht, wie es jeder tun würde. Auch verunsichert. Es hat keinen Sinn, da irgendeine Show abzuziehen. Und deshalb gefällt es mir, routiniert zu sein. Weil wenn ich dauernd Angst hätte, müsste ich mich immer an etwas klammern. Und auf der Bühne bin ich ehrlich gesagt angstfreier als in meinem sonstigen Leben. In „Die Kunst des Scheiterns“ erklärst du, dass die eigene Biografie Interpretationssache ist und vom derzeitigen Bewusstseinszustand abhängt. Hast du seit dem Erscheinen des Buches Erfahrungen gemacht, die den Blick auf deine Biografie ändern?

K. W.: Oh ja. Ich habe jetzt gerade in Salzburg eine Lesung gehabt und aus „Die Kunst des Scheiterns“ gelesen. Da habe ich gemerkt, dass es schon wieder ein paar Sachen gibt, die ich anders sehe und vielleicht auch anders geschrieben hätte. Da gibt’s einen sehr launigen Beitrag über das Altern. Ich schreibe, dass das Altern eine Katastrophe ist. Das ist auch sehr witzig und irgendwie stimmt‘s auch immer noch, aber jetzt ist für mich eine andere Stufe dazugekommen, nämlich die Abhängigkeit von der Tagesform.

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Du wirst es aus deinem eigenen Leben kennen. Wenn du über Dinge nachdenkst aus deiner Kindheit, interpretierst du sie schon morgen anders, weil du sie aus einer anderen Sicht heraus betrachtest. Vielleicht nicht mehr aus einer so extrem egoistischen, wie man es ja meistens tut, sondern plötzlich bringt dich etwas dazu, deine eigene Biografie aus der Sicht eines anderen zu sehen. Ich hab das Glück, dass ich noch Freunde habe, die mit mir in die Schule gegangen sind. Wenn die dann wieder Sachen aus der Kindheit, aus der Jugend, erzählen, dann hat das so viele andere Aspekte, dass ich manchmal denke, das war ich gar nicht, das gibt’s doch gar nicht. Aber das sind fließende Grenzen … es ist ja sowieso alles Illusion. Ich muss sagen, je älter ich werde, desto buddhistischer werde ich in dem Sinn. Es ist alles eine Illusion, die wir uns sehr schön zum Teil mit der Kraft der Fantasie zurecht bauen. Und eine Wirklichkeit, die wir uns zurecht schneidern mit der Fantasie. Berührungspunkte sind dort, wo es Leid gibt. Du merkst es, wenn du aus einem intensiven Traum aufwachst, der dich zwar psychisch sehr zerstören kann, so dass man den ganzen Tag noch völlig deppert ist, aber einen körperlichen Schmerz hast du nicht in dem Traum. Also der körperliche Schmerz finde ich, ist immer wieder ein Punkt, wo man merkt, da haben wir jetzt einen Schnittpunkt mit einer Wirklichkeit die ich mir nicht restlos wegdenken kann. Das sagen auch große Zen-Meister. Also, die können zwar wahrscheinlich mehr Schmerzen ertragen als wir, die haben das auch irgendwie geübt. Aber wenn ihnen einer einen Arm abhackt, dann merken sie es auch mitten in der Meditation. Insofern gibt’s auch immer einen Schnittpunkt mit dem Materiellen. Aber ansonsten ist unsere Welt wirklich Wille und Vorstellung, da bin ich ganz Schopenhauer-Schüler. Heißt das auch, der körperliche Schmerz macht mehr Angst als der emotionale?

K. W.: Nein, es ist nur ein Punkt, an dem man das Materielle spürt. Also wenn Leute zu mir sagen, es ist doch alles sowieso nur ein Traum. Dann sage ich, da ist vieles dran. Es ist alles nur ein Traum! Ich merke aber, dass ein Tag, an dem du starke Magenschmerzen hast, ein anderer ist, als ein Tag, an dem du keine hast. Es ist eben nicht alles nur ein Traum. Irgendwann merken wir, wir hauen uns trotzdem am Stuhl an, auch wenn wir uns diesen Stuhl, und das ist ja auch das Interessante, gemeinsam seit Jahrtausenden als Materie vorgestellt haben. Du kannst mit Physikern reden, mit Hans-Peter Dürr, der sagt, es ist wirklich alles nur ein leerer Raum in dem ab und zu Quanten aufeinander treffen, aus irgendeinem Zufall heraus, die sich dann kurz zu Materie verdichten. Vielleicht haben wir uns das alles ja nur eingebildet, aber wir haben es uns so stark eingebildet, dass es halt weh tut, wenn wir uns anhauen (lacht). Und wir haben es uns gemeinsam eingebildet! Es gibt Sachen die man sich alleine einbildet. Ich habe ja schon Psychosen gehabt in meiner Drogenzeit. Mit einer Psychose kannst du völlig anders drauf sein. Ich habe Menschen im Raum gesehen, die nicht da waren. Ganz real. Und es gibt Menschen, die sind immer so drauf. Es ist ja ganz gut wenn du weißt, dass du alles doppelt siehst, weil du Alkohol getrunken hast. Stell dir vor, du bist so drauf, ohne jemals Alkohol getrunken zu haben. Gibt’s auch! Es gibt so unendlich viele verschiedene Universen. Jeder Mensch ist ein eigenes Universum und da ist es erstaunlich, dass wir uns manchmal sogar begegnen können.

Neues Konzept – Neue Musik – Neue Inszenierung Samstag, 11. August 2012, ab 16:30 Uhr Gössl am Grundlsee mit 5/8erl in Ehr´n und Altsteirischen Jodlern, umrahmt von Klassik, Bauernhofidylle und der mächtigen Gössler Wand

Konstantin Wecker und Band beehren heuer mit ihrer erfolgreichen „Wut & Zärtlichkeit“-Tour das Sprudel, Sprudel & Musik Festival am Grundlsee. Dazu gesellen sich im begehbaren Konzert die frischgebackenen Amadeus-Award-Gewinner 5/8erl in Ehr´n mit ihrer brandneuen CD Gut genug für die City. Ebenso wie das Duo Haertel/Wascher, welche auf Drehleier und Geige einige uralte Jodler des Salzkammergutes zu neuem Klang erwecken. Ein klassisches Streichquartett sowie bildende Künstler aller Kunstrichtungen werden wieder in gewohnter Vielzahl und Vielfalt ihr Können darbieten. Neu ist der Ort der Veranstaltung und das Konzept: Weg vom Toplitzsee hin zur Gössler Wand. In sieben Jahren wurde versucht, das Thema „Natur als Ursprung der Kunst“ intensiv zu behandeln, von allen Seiten zu beleuchten und zu demonstrieren. Im neuen Zyklus wird dieses Thema um die Komponente Mensch erweitert. Ging es bisher um das Entdecken und Verstehen der Zusammenhänge „Kunst – Natur“, so geht es jetzt um das „Leben mit der Natur und Leben mit der Kunst“. Man nähert sich damit dem Menschen, nähert sich dem Alltäglichen. Man verlässt den Toplitzsee, um in das kleine, vorgelagerte Bauerndorf Gössl einzutauchen. Die mächtige Gössler Wand dient als Kulisse. Die weiten Felder dienen als Bühne. Vor dem Abschlusskonzert wird man für drei Stunden auf ein begehbares Konzert geschickt. Man bewegt sich durchgehend frei und individuell zu ausgesuchten Plätzen und Stationen. Ebenso kann man Bauernhöfe kulinarisch erwandern. Echte, selbstgemachte Köstlichkeiten erwarten Sie. Von Bauernbrot, Aufstrichen, Speck und Würsten über selbstgemachte Säfte, Schnäpse, Most und selbstgebackenen Desserts mit frischem Kaffee. „Leben mit und von der Natur“. Zwischen diesen Stationen des kulinarischen Erlebens werden Künstler ihre Werke präsentieren – werden verdeutlichen, wie sie das Verhältnis „Natur – Kunst – Mensch“ erleben.. Was ist dran an der Kybernetik? Wie verändert sich der Mensch – im Leben mit der Natur – unter Beeinflussung von zeitgenössischer Kunst? Diese Verhältnisse werden im neuen Sprudel-Zyklus beleuchtet. Seien Sie gespannt…

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Bühne

Bis ans Äußerste Portrait von Anita Raidl, Foto: Josef Klammer

An Ernst Binder kommt niemand, der sich ernsthaft fürs Theater interessiert, vorbei. Schon gar nicht in Graz. Dort ist er künstlerischer Leiter von „dramagraz“. Außerdem ist er Regisseur, Dichter und vor allem ein kritischer Geist, der erlebt, erinnert und erfindet. Eigentlich heißt der Mann, der so gerne schwarz trägt und einen unglaublich präzisen Umgang mit Sprache pflegt und fordert, nicht nur Ernst. Sondern auch Marianne. Ernst Marianne Binder also. Den Namen „Marianne“ hat er sich selbst gegeben. Es ist ein wortgewordenes Grabmal, eine Erinnerung an seine gleichnamige Frau, die vor mehr als dreißig Jahren unter unglücklichen Umständen ums Leben gekommen ist. Seither möchte Binder bedingungslos aufmerksames und kritisches Gesellschaftsmitglied sein. „Wir bestehen aus dem, was wir erlebt haben und der Erinnerung daran“, sagt Binder. „Und jede Erinnerung ist Erfindung“, ergänzt er. Was ist die Wirklichkeit? Binder kann zumindest zwei Geburtsorte aufweisen. Zum ersten Mal erblickt er 1953 als Säugling das Licht der Welt. Ob im ex-jugoslawischen Mostar oder im südoststeirischen Feldbach liegt im Dunklen. Zum zweiten Mal, und das weiß er wirklich, in Innsbruck anno 2009 im Zuge einer lebensrettenden Lebertransplantation. Seine Kindheit und frühen Jugendjahre verbringt Binder im verschlafenen Feldbach. Er verfasst schon als Siebenjähriger erste Gedichte, einige Jahre später auch Protestlieder. Woher kommt dieser frühe Drang, zu schreiben? Binder: „Wenn man niemanden hat, dem man sich anvertrauen kann, hat man nur die Wahl zwischen Papier oder Umbringen.“ Er wählt Ersteres. Und versucht in gewissem Maße auch Letzteres. Mit fünfzehn Jahren lernt er Haschisch kennen, mit neunzehn Jahren schlittert er in eine neun Jahre andauernde Heroinabhängigkeit. Während dieser Zeit arbeitet er beim

Rundfunk, hält Lesungen, gibt Konzerte. Zum Beispiel als Schlagzeuger der Grazer Rockband Fut. Auf der Bühne ziehen sie sich nackt aus, bekommen Auftrittsverbote aufgrund von Drogeneskapaden und Verherrlichung von Sex. Binder möchte mit den Drogen aufhören, dafür geht er nach Kreta, wo er sein Drogenstück mit dem Titel Hochzeitsnacht schreibt. Uraufgeführt wird es 1983 im Schauspielhaus Graz. Und Binder geht das erste Mal bewusst ins Theater. Die Drogen sind passé. Ebenso die Musik. Und vorübergehend auch das Schreiben. Denn Schreiben bedeutet für ihn zu dieser Zeit Selbstzerstörung durch Alkohol und Drogen. „Mich hat es in dem Sinn nicht gegeben. Darüber zu schreiben, dass ich nichts zu erzählen habe, interessiert mich nicht,“ erklärt Binder. Der Ausweg heißt Theater. Oder: Man nehme einen fremden Text und mache ihn lebendig. „Für alle Leute, die wenig können, ist Regisseur der ideale Beruf. Man engagiert Leute, die alles können. Man selbst muss nur arrangieren,“ so Binder. Das „wenig können“ führt ihn unter anderem als Hausregisseur ans Mecklenburgische Staatstheater Schwerin, ans Slowenische Nationaltheater in Ljubljana, zum Berliner Ensemble. In Graz gründet er 1987 das forum stadtpark theater, das seit 2004 als dramagraz auftritt, mit, ist künst­ lerischer Leiter und inszeniert. Binder ist anspruchsvoll. Er möchte bis ans Äußerste gehen, so wahrhaftig wie möglich sein, denn Wahrhaftigkeit, Integrität und Talent sind für ihn die wichtigsten Eigenschaften, um Künstler zu sein. Er ist immer verliebt in die Menschen, die er inszeniert. Er liebt

gescheiterte Figuren wie Woyzeck, Per Gynt oder Hamlet, denn Scheitern bedingt, dass man etwas probiert. Binder beginnt nach zwanzig Jahren wieder zu schreiben. Anlass dafür war der Ausbruch des ersten Irakkriegs – auf allen Zeitungsständern war „Krieg“ zu lesen – und der Wunsch, dem etwas entgegenzusetzen. Entstanden ist das Theatergedicht Gipsy’s Lullaby, eine Liebeserklärung an die Welt, das 2004 uraufgeführt wird. Es ist die Geschichte eines Roma-Mädchens, dessen Dorf zerstört wird. Nur sie und eine Ziege überleben. Die beiden ziehen fortan gemeinsam durch die Welt, ein Symbol für Hoffnung trotz Heimatlosigkeit. Weitere Stücke und Texte entstehen. Und Binder lebt weiterhin intensiv. Er ist Quartalstrinker, trinkt, um sich, wie er sagt, selbst zu entkommen. Der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören, ist immer präsent. Schließlich ist eine Lebertransplantation unausweichlich, die Diagnose ist Leberzirrhose im Endstadium. „Ich finde die Erfahrung super. Weil ich’s überlebt habe. Sonst wär’s ja keine Erfahrung.“ Heute ist Binder trocken. Raucht nur noch Tabak. Seine Lebensmittel sind Musik und Bü­ cher. Er liest mehrere Bücher gleichzeitig, darunter Durs Grünbein, „Vom Schnee“. Er findet es beruhigend, wenn Bücher da sind, die er noch nicht fertig gelesen hat. Weil man dann noch nicht sterben kann. Man muss sich ja immer selbst überlisten. Und man muss sich immer wieder selbst neu erfinden.

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Bühne

Wo eine Wille, da ein Weg Portrait von Anita Raidl, Fotos von Evil Frog, D. Hermes

Neuanfänge sind ihre Sache und Regie sowieso. Ende Oktober gab Judith Wille ihr Debüt als freischaffende Regisseurin am Schauspielhaus Graz. Grund genug für ein kleines Stelldichein im Herzen von Graz. Wir sitzen in der gleißenden Mittagssonne, hoch oben auf dem Grazer Schlossberg, und während sie mit sanfter Stimme erzählt, denke ich mir, ja, der Name ist Programm. Judith Wille hat einen starken Willen. Die zierliche Frau mit den rotblonden Haaren gehört zu den Glücklichen, die immer mit einem klaren Ziel vor Augen durchs Leben gehen und wenn sie ihren Werdegang schildert, klingt es wie eine Fügung glücklicher Zufälle, vielleicht auch wie ein Märchen.

Audrey Tautou lernte. Mit doppeltem Erfolg, sie wurde aufgenommen und erhielt eines der begehrten Vollstipendien.

Judith Wille, Jahrgang 1983, verbracht ihre Kindheits- und Jugendjahre in Berlin. Die Eltern hatten bodenständige Berufe und waren einst deutsche Meister im Turniertanz. Wille schlüpfte in die funkelnden Kostüme der Vergangenheit und drehte sich dabei vor dem Spiegel in alle Richtungen. Kindersendungen liebte sie, vor allem bewunderte sie das Mädchen, das Pippi Langstrumpf spielen durfte. Heute sagt Judith Wille, dass sie, seit sie denken kann, Schauspielerin werden wollte.

Eines Tages sagte ihre Mentorin: „Judith, du musst unbedingt Regie machen“. „Das interessiert mich gar nicht“, war die Antwort. Schließlich ließ sich Wille doch zu einer Inszenierung überreden und kündigte an, Lars von Triers Film Dogville auf die Bühne bringen zu wollen. Die Reaktion der Schulleitung: Du spinnst ja, der Film ist viel zu schwer, du hast nicht Regie studiert. Durchgesetzt hat Wille ihr Projekt trotzdem. Obendrein wurde die Inszenierung als die Beste ihrer Schule prämiert. Bei den Proben dazu habe es einen „total kitschigen“ Moment gegeben. „Die Decke ging auf, der weiße Lichtstrahl war zu sehen, und ich dachte, meine Güte das könntest du dein ganzes Leben lang machen.“ Seitdem stand Wille nie wieder auf einer Bühne. Ihren Platz hat sie dahinter gefunden.

Sie lernte Ballet, machte beim Schultheater mit und leitete in der elterlichen Tanzschule Kurse zu Hip Hop, Street Dance oder Kickboxen. Nach dem Abitur bewarb sie sich an einigen Schauspielschulen im deutschsprachigen Raum. Talentiert war sie, dennoch wurde ihr geraten, es im nächsten Jahr nochmal zu probieren. Darauf hatte die junge Frau natürlich keine Lust und versuchte es kurzerhand an der internationalen Schauspielschule Cours Florent in Paris, wo auch

Sie wurde Regieassistentin am renommierten Berliner Ensemble, wo sie auch mit Robert Wilson und Hermann Beil zusammenarbeitete. Im Jahr 2009 zog es Wille dann ans Grazer Schauspielhaus, ausschlaggebend dafür war die „Ebene 3“, ein Saal, in dem die RegieassistentInnen RegisseurInnen, also „die Großen“, sein dürfen. Wille zeichnete dort für die erfolgreichen Reihen Let’s talk about sex und Weibsstücke mit Steffi Krautz als Darstellerin verantwortlich.

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Heute ist Judith noch immer in Graz, einer Stadt, die nicht ablenkt, wie sie sagt, denn mit dem „Radl“ sei man in 10 Minuten überall. Privat hat sie ihr Glück mit einem „echten Steirer Buam“ gefunden. Und beruflich? Ihre vierjährige Assistenzzeit am Schauspielhaus ist vorüber. Nun wagt sie den Sprung in die Unabhängigkeit und feiert als freischaffende Regisseurin am 23. Oktober mit der österreichischen Erstaufführung von Felicia Zellers Stück X-Freunde ihren Einstand. Ein Stück über Stress und Selbstoptimierung mit vielen Lachern die gegen Ende aber im Halse stecken bleiben. Warum, das verrät sie nicht. Ihre Pläne für die Zukunft aber schon, die wären, an möglichst vielen Häusern Regie zu führen und dabei das Publikum zu berühren. „Das schlimmste ist, wenn jemand aus meinem Stück rausgeht und sagt, es ist vollkommen egal, ob ich da jetzt drinnen war oder nicht. Da sollen sie sich lieber ärgern.“ Wir ärger uns über die unglaubliche Hitze, die uns zum Schmelzen bringt, und beschließen, den Schlossberg zu verlassen. Unten, da wartet schon ihr „Radl“.

Tipp

Alle Informationen zu „X-Freunde“ von Felicia Zeller, Regie Judith Wille, sowie eine Biographie, Inszenierungen und Aktuelles findet man im Web unter ... Infos: http://judithwille.com, www.theater-graz.com/schauspielhaus Anzeige

Kreative Arbeiten inspiriert von deinen Ideen! Wir sind Pinky Bonita – ein kleines, aber feines Kreativ-Studio in Graz, das Platz für viele Leute und Selbstkreationen bietet. Die Kunst liegt uns sehr am Herzen und ist daher unser Fachgebiet: Tattoo • Soft Lift Lining Permanent Make-up • Nails Make-up • Styling Synthetic Dreads • Bodypainting Painting / Digital Art • Grafik Design Band Booking • Musikmanagement Sound Studio

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Bühne

Adieu

Comfort Zone Yo u n g J e a n L e e ü b e r R e b e l l i o n und Identitätssuche Interview von Anita Raidl, Foto/s von Blaine Davis

Wider die Selbstzufriedenheit! Der New Yorker Avantgarde-Shootingstar Young Jean Lee konfrontiert mit ihrer 2003 gegründeten „Young Jean Lee’s Theater Company” auf unterhaltsame Weise mit pikanten Inhalten. „Untitled Feminist Show“ – Der neueste Streich der preisgekrönten Truppe erlebt seine deutschsprachige Erstaufführung in Graz.

XRM: Von „Time Out New Yourk“ bist du „eine der besten experimentellen TheaterautorInnen in Amerika“ genannt worden und wurdest vom „American Theater Magazine“ als eine der 25 KünstlerInnen nominiert, die das amerikanische Theater für die nächsten 25 Jahre prägen werden. Wie bist du mit dem Theater in Berührung gekommen und warum bist du dabei geblieben?

Young Jean Lee: Ich habe am UC Berkeley zehn Jahre lang Shakespeare studiert bevor ich gemerkt habe, dass ich überhaupt nicht für die akademische Welt geschaffen bin. Ich hasste die akademische Forschung, ich hasste das akademische Schreiben und das Lehren gefiel mir nicht. Also bekam ich irgendwann einen kompletten Nervenzusammenbruch, schied aus und beschloss, nach New York zu ziehen, um Theaterautorin zu werden. Ich machte Praktika und lernte von Grund auf, wie Theater gemacht wird, während ich andere Künstler beobachtete. Ich blieb beim Theater, weil ich es liebte. 2003 hast du „Young Jean Lee’s Theater Company“ gegründet. Was sind die jetzigen Schwerpunkte deiner Theaterarbeit?

Y. J. L.: Wenn ich mit einem Stück anfange, frage ich mich selbst: „Was wäre die letzte Show der Welt, die ich je machen wollen würde?“ Dann zwinge ich mich selbst dazu, sie zu machen. Das tue ich, weil das Verlassen meiner Komfortzone mich dazu nötigt, meine eigenen Thesen in Frage zu stellen und an unerwarteten Orten Kostbarkeiten zu finden. Ich versuche, für jede Show in einem anderen Genre, zu einer anderen Thematik zu arbeiten. Je größer die Herausforderung ist, desto inspirierter fühle ich mich. Ich will nicht am laufenden Band immer dieselbe Art Show produzieren, weil ich mich so an eine spezielle Art zu Arbeiten gewöhnt habe. Ich schreibe meine Stücke so, wie ich sie inszeniere, in Zusammenarbeit mit meinen Darstellern und meinem künstlerischen Team und mit einem WorkshopPublikum, von dem ich Feedback erhalte. Unser Ziel ist es, Wege zu finden um die Defensive des Publikums gegen unangenehme Themen zu durchdringen und die Leute

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für die Konfrontation mit schwierigen Fragen zu öffnen, indem wir sie desorientiert halten und sie zum Lachen bringen. Was bedeutet der Begriff „Avantgarde“ für dich? In welchem Ausmaß bist du – deiner Meinung nach – Teil der „Avantgarde“?

Y. J. L.: Der Begriff „Avantgarde“ klingt für mich immer sehr altmodisch. Für mich sind „Avantgarde“, „experimentell“ und „downtown“ im Grunde nur Marketingausdrücke, die „eigenartig“ bedeuten. Ich bin froh, dass diese Begriffe auf mich angewendet werden, obwohl manches meiner Arbeit mit Absicht zugänglicher ist, unterhaltsamer und/oder traditioneller, als diese Worte andeuten.

Was ist deine Meinung über das amerikanische, speziell das New Yorker Theater? Hältst du Veränderungen für notwendig?

Ist Nacktheit eine Notwendigkeit, um die Bedeutung der Aufführung zu verstehen?

Y. J. L.: Ich denke, dass das zeitgenössische amerikanische Theater in ästhetischer Hinsicht sehr konservativ ist und dass die Tickets zu viel kosten. Ich hasse es, irgendwo hinzugehen und mir ein Stück anzu­ sehen, wo jeder im Publikum wohlhabend aussieht. Da ich selbst keinen Platz für ein Theater habe, muss ich mich im Allgemeinen nach den Erfordernissen meines Veranstaltungsortes richten und hab bei den Eintrittspreisen nicht viel zu sagen. Traditionellerweise habe ich mit Theatern gearbeitet, die nicht so viel Eintritt verlangen, aber dieser Trend ändert sich, wenn ich an größeren Veranstaltungsorten arbeite. Ich bin mir nicht sicher, was es da für eine Lösung gäbe.

Y. J. L.: Sie mussten nackt sein, weil Kleidung, Haar und Makeup zu stark spezielle Geschlechteridentitäten signalisieren, auf die sich das Publikum projizieren würde. Die Flexibilität ihrer Identität war nackt höher.

Ist „Rebellion“ ein Thema von dir oder deiner Arbeit?

Y. J. L.: Ich rebelliere gegen die Selbstgefälligkeit. Dagegen kämpfe ich am meisten – das Scheitern des Sich-selbst-in-Frage-Stellens weil man sich so sicher ist, dass man selber recht hat und die anderen im Unrecht sind. In deinem letzten Experiment „Untitled Feminist Show“ kommen sechs weibliche Stars des Downtown-Theaters, des Tanzes, des Varietés und der Burlesque-Welt zusammen, um ein fließendes und grenzenloses Identitätsgefühl zu zelebrieren. Bestimmt der Körper die Identität?

Y. J. L.: Überhaupt nicht. Eine meiner Darstellerinnen, Becca Blackwell, wurde bei der Geburt das weibliche Geschlecht bescheinigt, aber nun identifiziert sie sich selbst weder als männlich oder weiblich. Ich denke, das ganze Problem mit dem Sexismus kann darauf reduziert werden, dass Leute denken, dass wenn du Brüste und eine Vagina hast, du von Natur aus Männern gegenüber minderwertig bist. Wenn du bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben wirst, wird dir, während du aufwächst, ständig das Gefühl gegeben, dass du inadäquat bist, Männern unterlegen, dass du dich wegen deines Körpers und Aussehens schämen musst. Die Darsteller in der Show, die alle bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeteilt wurden, repräsentieren Leute, die nicht an diesen Gefühlen der Unzulänglichkeit, Unterlegenheit und Scham leiden. Sie nehmen jeden Augenblick jede Geschlechteridentität an, die sie wollen, ohne sich durch festgelegte Geschlechterrollen eingeschränkt zu fühlen. Becca identifiziert sich selbst weder als männlich noch weiblich und in der Welt der Show kann Becca Beccas nackten Körper zeigen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass die Leute als gegeben voraussetzen werden, dass Becca weiblich ist.

Warum hast du in dem Stück Worte vermieden?

Y. J. L.: Es gibt in dem Stück keine Worte, weil ich wollte, dass das Publikum eigene Fragen, Gedanken und emotionelle Reaktionen hat, ohne dass ihm eine simple, politische Aussage aufgedrückt wird. In den U. S. war man deshalb aufgebracht und sagte, dass man predigen muss, wenn man feministisch sein will, aber der Meinung bin ich nicht. Darüberhinaus kam es uns von Anfang an so vor, als würde Bewegung das, was wir sagen wollten, viel stärker kommunizieren als Worte. Wir haben das von vielen Mitgliedern des Workshop-Publikums immer wieder gehört. Ich habe mir die größte Mühe gegeben, Worte zu schreiben, die sich mit der Bewegung und dem Tanz würden messen können, doch ich konnte es nicht. Gehst du konform damit, wie Feminismus definiert wird?

Y. J. L.: Ich denke, es gibt viele unterschiedliche Definitionen von Feminismus. Die Show versucht nicht, Feminismus zu definieren oder ein Statement darüber abzugeben. Diese Show ist kein „feministisches“ Stück in dem Sinn, dass es eine Definition versucht oder sich an einer feministischen Debatte beteiligt. Wir sehen es mehr als feministisches Stück als ein Stück über den Feminismus. Und das ist es, weil es versucht, die Auffassung davon zu hinterfragen, wie Leute mit weiblich-kodierten Körpern zu sein haben (im Speziellen weiblichkodierte Körper, die von der akzeptieren Norm abweichen). Was bedeutet dir persönlich Identität?

Y. J. L.: Ich sehe Identität als etwas, was dir von außen aufgebürdet und benutzt wird, um festzulegen, wieviel Geld du bezahlt bekommst und wie du behandelt wirst. Für mich ist das Verfließen von Identitäten (das die Show zelebriert) ein Zeichen, dass wir Leute nicht in Identitätskategorien stopfen können. „Untitled Feminist Show“ ist ein Vorgeschmack auf Utopia. Wie wichtig sind Utopien für deine Welt?

Y. J. L.: Ich halte Utopien für nützlich, um den Weg in eine bessere Zukunft zu weisen. 125


Literatur

Slammen was geht! Text und Interview: Andrea Stift

Den Begriff Poetryslam hat fast jeder schon einmal gehört. Was er eigentlich genau bedeutet, wissen nicht alle so genau. Poetryslam ist vielleicht die gegenwartstaugliche Form von Literatur. Oder auch nicht. Was Poetryslam ist, kann man erst erklären, wenn man einmal dabei war. Vor einigen Jahren hat es in Österreich begonnen. Lesungen wurden plötzlich hip und rhytmisch. Poetryslammer haben einen Nickname, so wie Doris Nussbacher, die sich auf der Bühne Mieze Medusa nennt. Sie rockt mit Text und ohne Musik. Slamtexte sind stark rhytmisiert, können gereimt sein oder frei. Slamtexte sind spannend. Manche Slams sind offen, manche themenbezogen. Bei offenen Slams kann jeder auf die Bühne gehen und Selbstverfasstes performen. Zum Schluß stimmt das Publikum über den Sieger ab. Es gibt wenig Vorgaben, zum Beispiel: Musik ist nicht erlaubt. Ob der Text frei gesprochen wird oder vom Blatt abgesprochen, im Liegen, Tanzen oder Sitzen vorgebracht wird, ist egal beziehungsweise dient im besten Fall der Bühnenwirkung. Die Profis unter den Slammern erkennt man schnell: daran, dass sie das Publikum sofort in ihren Bann ziehen.

Ob der Text frei gesprochen wird oder vom Blatt abgesprochen,

im Liegen, Tanzen oder Sitzen vorgebracht

wird,ist egal beziehungsweise dient im besten Fall der

Bühnenwirkung.

Du bist noch nicht bereit auf die große Bühne zu gehen? Du glaubst, Dein Text ist vielleicht nicht „slam-tauglich?“ – Es gibt auch andere Möglichkeiten, mal probeweise vor Publikum zumindest zu lesen: Literaturtausendsassa Franz Hofer betreibt in Kooperation mit dem Radio Helsinki den Literarischen Flohmarkt (meist, aber nicht immer im Kunsthaus Graz); hier kann jeder lesen, der möchte. Informationen und Termine unter: franz.hofer@chello.at.

In Graz ist die Slamkultur etwas beschränkt: Der bekannteste Slam findet regelmäßig im Kulturzentrum bei den Minoriten statt (http://www.kultum.at/Literatur/index.htm). In Wien ist die Szene schon dichter, fast unüberschaubar: Slams finden am Badeschiff (Dogma.Chronik.Arschtritt), rhiz (Textstrom), Literaturhaus (SlamB) und an vielen anderen kleinen und großen Veranstaltungsorten statt (eine Übersicht gibt es auf http://www.poetryslam.at).

Und ebenfalls bei den Minoriten Graz unterhält Catherine T. Nicholls die Reihe Blattgold: „Bei BLATTGOLD bringen AutorInnen bisher unveröffentlichte, selbstständig verfasste Texte mit, die für alle TeilnehmerInnen kopiert und ohne Verfasserangabe vor Veranstaltungsbeginn an alle TeilnehmerInnen ausgeteilt werden. Die Texte werden von anderen Anwesenden vorgetragen und in der Runde besprochen, wobei nicht verraten wird, von wem welcher Text stammt.“

www.kultum.at/Literatur/2010/Literatur_10.htm


5 Fragen an

Mieze

Medusa Liebe Doris, seit wann und warum nennst du dich Mieze Medusa?

Mieze Medusa nenn ich mich seit ziemlich genau 10 Jahren. Ich hab ja mit Rap begonnen oder mit Lyrik zu Beats, so richtig Rap ist es erst ein bisschen später geworden. Als Rapperin brauchst du aber einen MC Name und Mieze Medusa erhob sich aus dem Staub oder so. Mieze als Anklang an MC, ist ja eine ähnliche Lautung. Medusa, weil ich etwas nicht Rosarotes als Ergänzung gesucht hab und weniger rosarot als die Medusa geht ja fast nicht mehr. Und natürlich: Stabreim. Und sowieso: Hélène Cixous, “Das Lachen der Medusa”. Schreibhemmung und Überwindung selbiger aus feministischer Sicht. Hat mich damals zum Nachdenken gebracht. Zum Schreiben hat mich der HipHop gebracht. Und so gings los.

Wo war dein letzter Auftritt?

MS Helene im Rahmen des Linzer Frühlings. Eine Bootsfahrt cum Lesung bei Sonnenuntergang und Richtung VOEST Hafen. Toll!

Was ist deine Lieblingslocation oder slamst du überall gleich gern?

Die richtige Antwort ist natürlich: Jeden Abend werden alle Karten neu gemischt. Aber man merkt einem Slam das Herzblut des Slam-Masters an. Und seine Geschichte. Es gibt Slams, bei denen das Publikum seit Jahren erzogen wurde, also weiß, was ein Slamtext ist, schon einiges gehört hat, aber immer noch hungrig ist. Es hängt ein bisschen davon ab, ob ich grad rumreise oder daheim bin. In Österreich bin ich ja oft Slammasterin (textstrom, Wien; Minoriten Slam, Graz und allerlei Gastspiele). Die Rollen sind da anders. Da bin ich verantwortlich dafür, dass die Bühne für alle die auftreten, gut und respektvoll und freudebringend ist. Das nehm ich sehr ernst, das ist mir sehr wichtig. Als Slam-

merin bin ich ein bisschen Genießerin. Ich mag gern gut eingeführte Slams in Bars, ich mag gern Slams in niederschwelligen Locations, da hat das Publikum nicht so hochkulturell verschränkte Hände und nicht so eine: „Na, das schau ich mir an, was das sein soll”-Attitüde. Andererseits ist es toll, wenn eine Theaterbühne einen Rahmen gibt. Es hängt sehr von den anderen SlammerInnen ab, man macht einen SlamAbend gemeinsam mit den anderen und genießt den Applaus gemeinsam mit den anderen, egal ob man gewinnt oder schon in der ersten Runde rausfällt. Das klappt gut, es gibt sehr viele nette SlammerInnen :-) Was rätst du jemandem, der das erste Mal die Bühne betritt?

Genieß es. Versuch was zu lernen. Den anderen zuzuhören und das Publikum zu spüren. Aber such nicht nach einfachen PerformanceStrategien. Probier dich aus. Komm wieder.


Literatur

Imagine VON ANDREAS UNTERWEGER Der John Lennon der Jahre 1976 bis 1980 gilt als Inbegriff des fürsorglichen Vaters und treu sorgenden Ehemanns: Er habe – heißt es – seine wilden Jahre hinter sich gehabt, sei kaum noch außer Haus gegangen, anstatt mit Ringo, Mick und anderen Rabauken einen drauf zu machen, sei Lennon – heißt es – viel lieber zuhause geblieben, dort – heißt es – habe er mit Inbrunst Vollkornbrot gebacken, und das sogar – heißt es – nach eigenen Rezepten. Die Wahrheit freilich sah ein bisschen anders aus. In Wirklichkeit war Lennon selber noch ein Kind, war unselbständig, abhängig, er nannte Yoko Ono, seine Ehefrau, nur „Mother“, er tat dies sogar außer Haus, und das war auch der Grund, warum ihm Yoko, der er seit Jahren schrecklich auf die Nerven ging, schon bald verboten hatte, die Wohnung im Dakota Building zu verlassen. So blieb er Tag für Tag zuhause. Tagsüber buk er in der Küche Vollkornbrote, nachts sperrte Yoko ihn in seinem Zimmer ein. 128

Auf diese Weise, dachte sie, laufe er weder in Gefahr sich (und vor allem sie!) vor der zynischen New Yorker Öffentlichkeit zu blamieren, noch könne er zu seiner alten, zu seiner unvergessenen und großen Liebe, der Liebe seines Lebens sozusagen, zurückkehren: dem Heroin. Daran lag Yoko viel. Es reichte schließlich, dass ein Elternteil des kleinen Sean von diesem Zeug nicht loskam: sie. Wenn John sie je dabei ertappt hätte, wie sie sich völlig ausgepumpt nach einem langen harten Tag, die Beine hoch, die beiden Kinder endlich in den Betten, am Wohnzimmersofa vor dem Fernseher ein Schüsschen setzte, er wäre ausgerastet. Sie high auf H, während er selber Vollkornbrezeln futtern musste! Nicht auszudenken, was geschehen wäre … Womöglich hätte John sie dann samt Sean einfach so auf die Straße und sich selbst wieder unter Strom gesetzt, unter den „guten alten Rock-“, den „guten alten Beatles-Strom“, wie er das nannte, unter den Heroin-, den Kokain-, den Brandy Alexander-Strom, vom LSD-Strom ganz zu schweigen (sofern John von diesem überhaupt, woran Yoko seit mehreren Jahren gehörig zweifelte, jemals wieder heruntergekommen war …). Womöglich wäre das dann auch das Ende von Yokos Avantgarde-Kunst gewesen, womöglich hätte sie auf populäres Zeug umsteigen und mit dem populären Zeug dann auch noch handeln müssen, Geld verdenen!, gosh, seufzte Yoko, wenn sie nur dran dachte, es war bei Gott nicht auszudenken, was alles über sie hereingebrochen wäre, www.andreasunterweger.at

hätte sie John nur einmal mit dem Stoff erwischt … Aus diesem Grund übte sich Yoko stets in größter Vorsicht. Sie nahm das Heroin nur dann, wenn John schon fest und hinter Schloss und Riegel schlief. Und wie sie überhaupt an das Zeug herankam, das wusste außer ihr nur einer: Mark, Johns kauziger Biohändler. Morgen für Morgen brachte Mark einen großen Jute-statt-Plastik-Sack voll Roggen-, Dinkel- oder Maismehl. John zahlte, trug ihn in die Küche und ging dann Radio hören oder spielen. Kaum war John aus der Küche, schlich Yoko herein und stürzte sich auf den Sack. Tief in ihm drin, zwischen den groben gelben Körnern, fand sie Tag für Tag ein kleines Säckchen, das prall gefüllt mit einem feinen weißen Pulver war ... Yoko krallte sich das Säckchen und verschwand. John kam erst etwas später wieder in die Küche und machte sich ans Vollkornbrot. Er hatte am Mehl Marks nie etwas auszusetzen. Im Gegenteil: Marks Mehl war immer bester Qualität. Und wie auch nicht: John zahlte gut, und Mark galt als einer der innovativsten Biohändler der gesamten Ostküste. Kurz: Yokos System funktionierte tadellos. Nicht ein einziges Mal war es vorgekommen, dass sie kein Säckchen gefunden hätte – nur einmal war es leer gewesen, an einem Tag schon spät im Jahre ´80 … Nun gut, hatte sich Yoko an diesem Morgen gesagt, da sei wohl nichts zu machen, Mark habe wohl vergessen, es anzufüllen, so etwas könne vorkommen, ein Drogendealer sei


ja auch nur ein Mensch. Sie hatte die leere Hülle aus dem Dinkelmehl gezogen, damit sich John am Plastik nicht verschlucken möge, hatte es in den gelben Sack geworfen und war seelenruhig shoppen gegangen. Der Gedanke, das Säckchen mochte beim Transport aufgegangen und sein kostbarer Inhalt mit den Körnern Johns vermischt worden sein, kam ihr erst einige Stunden später, beziehungsweise, um genau zu sein: einige Stunden zu spät … Kaum dass seine Frau die Wohnung verlassen hatte, machte sich John Lennon an die Arbeit. Er vermengte das Dinkelmehl mit Sesam-Samen, mit Sonnenblumenkernen, Leinsamen und Salz. Er löste Hefe auf in Obstessig und warmem Wasser, gab sie

zum Mehl dazu und knetete daraus einen ausgesprochen weichen Teig – in der Vollkornbrotbackcommunity jener Epoche waren Johns besonders weiche Teige legendär! Dann fettete er die Kastenform – ein handgearbeitetes Stück, im Übrigen ein Geschenk seines alten Freundes Paul – aus, bestäubte sie mit noch mehr Mehl – o ja, er sparte nicht an Mehl! – und legte den Teig hinein. Er bepinselte die Oberfläche mit Wasser und ritzte mit dem Messer etwas in den Teig. IMAGINE hatte er in den Teig geschrieben – das G war ihm wie immer nicht besonders gut gelungen. Dann schob er das Brot in den Ofen (im Übrigen ein Geschenk seines alten Freunds George), machte den Ofen an, die Küche sauber

und holte die Kindergitarre aus Seans Zimmer. Während der folgenden sechzig Minuten hörten ihn die Nachbarn, wie jeden Morgen, mit schriller Stimme wieder und wieder seinen alten Song „Mother“ singen. Dann waren die sechzig Minuten um – John legte die Gitarre weg und holte das Brot aus dem Backofen. So wie es jetzt war, noch ganz heiß, noch dampfend, hatte er es am liebsten. Als er nach dem Messer griff, spürte er einen kleinen elektrischen Schlag, der ihn aber nicht weiter bekümmerte. Er schnitt sich ein dickes Stück Brot ab – gosh, sah das gut aus, so knusprig, so braun! – und stopfte es sich gleich als ganzes in den Mund … So gesund begann der letzte Tag im Leben John Lennons. Andreas Unterweger:

geb. 1978 in Graz, lebt in Grafenwörth. Schriftsteller, Songwriter. Letzte Veröffentlichung: „Du bist mein Meer“. Novelle in 3 x 77 Bildern (Droschl 2011).

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Literatur

HC Roth Reportage und Fotos von Simone Jahrmann

„Ich würde erst aufhören zu schreiben, wenn mir nach einem Unfall beide Arme fehlen würden.“ Der 32-jährige Schriftsteller und Musiker, für gewöhnlich Behindertenbetreuer/Sozialpädagoge und Vater, schreibt, um in Welten nach seinem Geschmack tauchen zu können. Alles begann mit schlafberaubten Kindern und einer gelangweilten Gießkanne, die nach Hawaii wollte. Jene Kinderbücher, die die Verlage nicht verlegen wollten. Also legte auch H.C. Roth diese Bücher beiseite und versuchte es ohne Kinder, stattdessen aber mit Verlag. Und gibt nun Erwachsenen mit seinen surrealen Büchern die Möglichkeit zu träumen. „Es ist ja alles möglich, ich kann da hineinschreiben, was ich will.“ Deshalb der Hang zum Surrealen. Er kann sich eigene Wirklichkeiten erfinden und in diesen seine Kreativität ausleben. Und mit dieser bereits überschäumenden Kreativität wird man in in jedem seiner Sätze und Wortspiele, in jeder Figuren- und Ortsbenennung oder -beschreibung konfrontiert, ja überschüttet. Figuren des ersten Bands sind etwa: Staubi Staubsauger (von KarlHeinz, der Finanzminister werden wollte, Drecksack geschimpft), der seine Staubine von Staubhausen die Dritte und deren Staubsaugerbaby Stäubchen Staubsauger-von-Staubhausen („es trug einen Doppelnamen)“ wegen „Kaviar, Kokain, Klavierstunden“ verriet. Oder Claudio Clownfisch, ehemaliger Berufsclown, der sich unter dem Decknamen Haimo Haifisch als Berufsverbrecher versuchte. Was hier doch etwas nach Kinderbuch klingt, ist allerdings gespickt mit Anspielungen, die schon mal ein lautes Auflachen initiieren. Er erzählt vom historischen Venushügel, „die aus Funk und Fernsehen bekannte griechische Abenteurerin Venus von Milo hatte seinerzeit, obwohl ihr doch die Arme fehlten, ihre ersten Tauchgänge an jener Stelle absolviert.“ Mit seinem ersten herausgebrachten Buch „Der Tag, an dem Berta Bluhmfeld starb,“ begann er „literarischen Selbstmord“, wie er es nennt. Halbseitige Sätze und unzählige Wort- und Satzwiederholungen, das Grauen eines jeden Deutschlehrers, werden bei ihm zu gekonnt eingesetzten Stilmitteln, die einen gewissen Humor in die Erzählungen bringen. Er warnt jeden Leser persönlich vor der Anstrengung, die mit dem Lesen seines ersten Buches verbunden sei, ahnt dabei wohl nicht, welch Wunderwerk er damit geschaffen hat. Das Wort „Kurzgeschichten“ ziert das Cover und lässt nicht ahnen, dass diese verschiedenen Geschichten sensationell ineinander verwoben sind. Aber das soll ja niemand wissen, um den Überraschungseffekt nicht zu nehmen, erklärte er mir nach der Enthüllung

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des Geheimnisses. Welche Rolle Berta Bluhmfeld dabei spielt, muss man allerdings selbst herausfinden. Sein zweites Buch mit dem Titel „Wie ich verflucht wurde und die Zeit still stand. Ein Heavy- MetalMärchen“ enthält immerhin einen realistischen Erzählstrang neben dem unrealistischen. Doch das soll es von seiner Seite noch lange nicht gewesen sein. Er schreibt unaufhörlich und würde erst aufhören, wenn er beide Arme verlieren würde. Er hätte noch drei fertige Bücher in petto, zwei davon werden demnächst veröffentlicht. Er eifert niemandem nach, macht sein eigenes Ding, was seinem individuellem Stil sehr zugute kommt. Schätzenswerte Kollegen hat er aber doch, Sven Regener und Dirk Bernemann, die ebenfalls einen eigenen Schreibstil den ihren nennen dürfen. Privat liest er allerdings meist Autobiografien, die er selbst nie schreiben würde. Er will nicht als Privatperson im Buche stehen, sondern Geschichten erzählen. Von einem heute einstigen depressiven Rockstar, der 1994 von Aliens mit vier Fingern entführt wurde, um ihnen Gitarrenunterricht zu geben. Aliens von einem Planeten, auf dem gemischtgeschlechtliche Beziehungen verpönt waren. Fern der Realität. Die Realität mit seinen Tücken verarbeitet er lieber in seiner Musik, schreibt Protestsongs und ist auch dafür bekannt. Damit kam er schnell in die Punk- bzw. Undergroundszene und sieht sich noch immer mehr dort „zugehörig“, als in der Literaturszene. Seine musikalischen und literarischen Arme reichen bis Leipzig, wo sein Verlag, sein Lektor, seine Zeitschrift und seine Szene beheimatet sind. Ebenso die Buchmesse, auf der er dieses Jahr vertreten war. Lesungen hält er überall, wo es sich ergibt und es ergibt sich meist in Deutschland. Seit 1999 ist er Kolumnist der Zeitschrift OX, in der er lebensnah Jugenderfahrungen oder politische Themen diskutiert. Ebenso Respekt verdient der junge Behindertenbetreuer als Preisträger für die Villacher „Nacht der schlechtesten Texte“ 2007, denn für einen leidenschaftlichen Schriftsteller ist es wohl eine viel größere Herausforderung, einen gewollt schlechten Text als einen gewollt guten zu schreiben. Jeden Sonntag um 22 Uhr kann man ihm im Radio Helsinki lauschen, wie er eigene oder fremde Texte liest.


Literatur

Kateřina Černá

In mir ist es fremd. In mir draußen bin ich unentwegt damit beschäftigt den Zaun zu überprüfen – ob er wohl keine lecken Stellen hat. In mir hallt das Fremde wider wie ein unabsichtliches Geräusch in einem leeren dunklen Raum. Weil er früher eine Drogerie war riecht er nach Schampoo und Waschmittel. In mir draußen bin ich unentwegt mit dem Überprüfen des Zaunes beschäftigt weil er die Illusion aufrecht erhält ich wäre zuhause in mir. Ich möchte das Fremde zwischen den Menschen wegreden. Heute im Café, auf der Toilette – ich möchte sagen: „Hallo! So ein Zufall – schön, dass wir uns hier treffen!“ Wir sind gerade eben nebeneinander gesessen. Du drei Tische von mir entfernt und ich mochte deine Jacke. Wie eine alte Bekannte erscheinst du mir wenige Minuten später.

„Ich seh mich selbst bunt“ Parkstraße 9. Das Haus, wo lange Paris, London und Graz wohnten. Stand zumindest an der Türglocke. Es war jenes Haus, das langsam zuwuchs und verfiel. Hier fand die Lesung mehrerer Schriftsteller und Schriftstellerinnen mit Migrationshintergrund des Afroasiatischen Instituts statt. Eine von ihnen war Katerina Cerna, eine junge Grazer Autorin mit tschechischem Background und vielen Ideen. Hinter der Tür, an der ihr Name prangte, herrschte Finsternis. Katerina saß im Dunklen mit einem riesigen Hut und projizierte weiße Wörter an die Wand. Wörter aus einem ihrer Texte. „Auch in der Literatur müssen Veränderungen möglich sein“, sagte sie zu mir im Interview. Alle möglichen Dinge wären modernisiert worden, nur Lesungen sind noch immer so verstaubt wie eh und je. Ihre große Liebe gilt der Stimme, weshalb auch die Lesung nicht stumm bleiben sollte. Sie untermalte ihre Wörter mit Beats, Klängen, Gesang und spielte mit ihrer Stimme mit Verzerrungen und Loops am sogenannten Kaoss Pad. Das Leben habe sie hierher geführt, „denn das Leben führt einen an den Platz, an den man gehört“, erzählte sie. Katerina hatte zuvor ihre Begabung zu gering geschätzt, um an dieser Schreibwerkstatt teilzunehmen, aus der die Lesung resultierte. Und heute ist sie stolz, sich freischaffende Künstlerin nennen zu dürfen und zusätzlich den exil- Literaturpreis in der Tasche zu haben. Die 26-jährige steckt voller Fantasie und bedauert, dass diese Vorstellungskraft, nicht im Sinne von Fantasy und Science Fiction, sondern dieses Kindliche, vielleicht auch Märchenhafte, bei Erwachsenen verloren ginge. „Die ganze Welt steckt voller kleiner Geschichten, man muss sie nur erkennen“, schwärmte sie. Sie erklärte mir anhand eines roten Bildes an der Wand, welches in Wirklichkeit eine Geheimtüre wäre, was sie damit meinte. Sie lauern überall, bereit, einen jederzeit zu über-

Heute hat mich jemand angestrahlt. Jemand hat das Strahlen das er auf meinem Gesicht gesehen hat zurückgestrahlt. Selten strahlt eine Fremde eine Fremde an. Es war ein Versehen. Jemand hat an mir vorbeigestrahlt. ˇ Textauszug Kateˇrina Cerná

fallen. Und so kam es, dass sie während unseres Interviews von Ideen attackiert wurde und diese rote Geheimtür nun im Manuskript ihres Kinderbuches steht. „Ich komme aus einer Familie von Geschichtenerzählern,“ rechtfertigte sie sich und wo sie herkommt spielt in ihrem Leben eine große Rolle. Sie schrieb schon, seit sie schreiben konnte. Schon als 7-jährige wurde sie in der Schule aufgefordert zu schreiben. Ihr war ihr Talent damals noch nicht bewusst, aber kam mit einem ihrer Texte schon damals in ein Buch von Kindern für Kinder. Erst vor ein paar Jahren nahm sie Stift und Notizbuch wieder zur Hand und begann wieder ihre Gedanken und Geschichten auf Papier zu bringen. Und heute schreibt sie an einem Kinderbuch mit Geschichten von Frau Monster und einem in Briefform von einer Träumerin, welches von der Schreibwerkstatt der Edition Exil begleitet wird. Ihre Mentorin, Edith Draxl, motiviert die junge Chaotin weiterzuschreiben und den Glauben an sich nicht zu verlieren. Das Kritischste, das einem Autor oder einer Autorin unterkommen kann, ist wohl die eigene innere Zensur. „Ich glaube, dass es bei einem Text wichtig ist, den richtigen Ton zu finden. Wenn ich ein Buch lese, ist es so, als würde ich die Stimme der Erzählerin oder des Erzählers hören. Ich habe ihre Stimme im Ohr und die muss einheitlich sein, damit ich die Geschichte glaube. So ist es für mich auch in diesem Kinderbuch, da habe ich noch nicht immer den richtigen Ton. Zwischendurch habe ich ihn und dann weiß ich, das ist er, das ist mein Ton.“ Sie schreibt generell, was die Situation verlangt, seien es Kurzgeschichten oder Geschichten. Sie versucht Figuren zu formen, ihnen Charakter und Beziehungen zu geben und sie in die richtige Textform zu positionieren. In gewisser Weise sind viele ihrer Texte autobiografisch. Text und Fotos: Simone Jahrmann


Literatur

„Schreiben, wie man schreiben will, erspart einem viel Kopfweh“

Interview und Foto von Olivia Fürnschuß

Der freie Autor Markus-Peter Gössler über Zeigefingertheater und die Notwenigkeit, zu sich selbst zu stehen Vor fast zwanzig Jahren zog es den gebürtigen Münchner Markus-Peter Gössler ins lauschige Graz. Als Schauspieler und freier Autor war er seither unter anderem an der Grazer Oper, am Schauspielhaus Graz und in der freien Szene tätig. Das X-Rockz-Magazin hat den Herrn im Iron Maiden-Shirt auf einen Espresso getroffen.

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XRM: Markus, du schreibst auf deiner Facebook-Seite, du wärst “Der Depp vom Dienst bei dir selbst”. Wie hat man sich den Alltag eines freien Autors vorzustellen?

Markus-Peter Gössler: Wie eine klassische Büroarbeit, nur unüberwacht. Man hat relativ ähnliche Arbeitszeiten, ist aber immer darauf angewiesen, dass man selbst motiviert ist, die Arbeit zu erledigen. Da liegt auch die Gefahr. Zu gewissen Zeiten neigt man vielleicht dazu, eine Stunde früher aufzuhören oder später anzufangen. Wenn man tatsächlich tageweise Stunden von der Arbeitszeit abzwackt, mag das pro Tag nicht allzuviel sein, aber im Endeffekt sind es pro Woche schon fünf bis sechs Stunden, die man weniger arbeitet, und das kann einen großen Unterschied für das Endprodukt machen.


Kann man vom freien Schreiben leben?

Gössler: (lacht) Man kann davon leben. Es können nicht viele davon leben, noch weniger können ausschließlich davon leben, aber wenn man eine relativ realistische Einstellung zum eigenen Lebensstandard hat, kann man davon leben, ja.

Moral aus der Geschichte“? Worauf achtest du besonders, wenn du Kinderstücke schreibst?

Gössler: Die Moral per se ist mir ganz unwichtig. Das ist auch der Grund, warum meine Kinderstücke immer wieder mal Schwierigkeiten bekommen. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass jegliche Art von Zeigefingertheater etwas ist, das man im 17. Jhdt. lassen kann.

An welchen Projekten arbeitest du gerade?

Gössler: Ich bin gerade dabei, ein Singspiel zu schreiben. Ein ZehnMinuten-Singspiel. Es geht darum, das Stück mit Sechs- bis Zehnjährigen einzustudieren und dann vor Erwachsenen zu spielen. Das ist insofern ein Herzensprojekt, als es ein Stück für Erwachsene ist, aber von Kindern vorgespielt wird. Das ist sehr spannend. Was kann man Kinder sagen lassen, das für Erwachsene witzig ist, ohne dadurch großartige Skandale zu provozieren. Diese Dynamik ist eine kreative Herausforderung, auf die ich mich sehr freue. Du selbst hast keine Schauspielschule besucht, sondern unter anderem Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert. Wie bist du dorthin gekommen, wo du heute stehst?

Gössler: Hauptsächlich über die vielen Zweige. Das, was den ganzen kreativen Berufen innewohnt, ist Talent und der Wille, die Lust am kreativen Arbeiten. Wenn man sich nur auf ein Medium konzentriert, kann es sein, dass man mögliche Sprachen ausschließt, die man genauso gut verwenden könnte. Schauspieler arbeiten oft als Autoren, Autoren arbeiten oft als Schauspieler. Das sind unterschiedliche Arten, mit Kreativität umzugehen. Bei mir war es so, dass ich von klein auf immer kreativ tätig war. Ich habe Theater gespielt, ich habe gesungen, ich habe geschrieben. Dass das irgendwann zusammenfließt, war ein logischer Schritt. Als Sänger und Schauspieler warst du seit 1997 an der Grazer Oper, im Schauspielhaus Graz, beim steirischen Herbst und auch in der freien Szene zu sehen. Wie sehr hat sich in den letzten 15 Jahren dein beruflicher Schwerpunkt vom Schauspieler hin zum Autor verlagert?

Gössler: Ich spiele seit einiger Zeit sehr wenig. Wenn ich die Möglichkeit gehabt habe, das Eine oder das Andere zu machen, habe ich mich immer für das Schreiben entschieden, weil der Schaffensprozess länger ist. Ich glaube, was sehr vielen Leuten, die in kreativen Bereichen tätig sind, wichtig ist, ist die Lust am Schaffensprozess selbst, nicht am fertigen Werk. Allerdings fällt es mir manchmal schwer, Werke von mir wegzulegen und einen Schlussstrich zu ziehen. Ich habe die Angewohnheit, meine Kinder festzuhalten und meine Stücke fast schon löwinnenhaft gegen Angriffe von aussen zu verteidigen. Deshalb ist die Arbeit mit mir als Schauspieler in meinen eigenen Stücken sicher nicht ganz leicht. Das Stück „Ikarus“, für dessen Text du verantwortlich zeichnest, wirft Fragen auf wie: „Wie soll man fliegen, wenn man Angst hat zu fallen?“ „Muss man klug sein, um reich zu werden?“ Wie wichtig ist dir „die

Ich glaube, dass es inzwischen möglich ist, Leuten etwas hinzusetzen und sie selbst entscheiden zu lassen, was sie aus der Geschichte mitnehmen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Figuren und Charaktere in dem Stück nicht mehr wirklich wahrgenommen werden, sondern nur noch Abziehbilder, nur noch Typen und Allegorien sind, wie man sich zu verhalten hat. Das ist die Art von Theater, die ich als Kind - und das ist der einzige Vergleichspunkt den ich habe - gehasst habe. Welche Tipps kannst du jungen Leuten geben, die sich in der Grazer Theaterwelt als Autoren versuchen wollen?

Gössler: Dass man lernt, sich auszudehnen und sich nicht nur auf ein Gebiet zu konzentrieren. Wenn man nur als Dramatiker in Graz für ein spezielles Publikum schreiben will, hat man wenig Möglichkeiten, weil es wenige Theater gibt. Sobald man andere Medien wählt, sich zum Beispiel auch musikalisch oder als Schauspieler betätigt, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass man Leute kennenlernt und deshalb auch mehr arbeiten kann. Am Wichtigsten ist, mit seiner Arbeit zufrieden zu sein. Und zwar genauso, wie man sie macht. Dass man zwar Input annimmt, mit Kollegen und Theaterschaffenden diskutiert und Ideen spinnt, aber im Endeffekt trotzdem die Sachen so schreibt, wie man sie schreiben will und wie man sie für richtig hält. Das ist letztlich die einzige Möglichkeit, für das anerkannt zu werden, was man geschrieben hat. Wenn man seine eigenen Texte so umarbeitet, das sie plötzlich ein bestimmtes Publikum ansprechen und wenn diese Texte dann Erfolg haben, ist man jedes Mal in der Versuchung, seine Texte so umzuschreiben, dass sie einer bestimmten Gruppe gefallen, ohne dass man selbst mit den Texten zufrieden ist. Wenn man die Sachen so schreibt, wie man sie schreiben will und zu hundert Prozent damit einverstanden ist, dann erspart man sich sehr viel Kopfweh. Wenns ankommt, kommts an und wenns nicht ankommt, dann vielleicht das nächste Mal. Wenn jemand wirklich kreativ arbeiten will, dann muss er das mit einer sehr großen Leidenschaft machen. Sonst ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er das Handtuch wirft, weil es im Normalfall ein sehr langsamer Aufstieg ist. Du bist auch Filmprojekten nicht abgeneigt, zuletzt sah man dich in der männlichen Hauptrolle von Peter Brandstätters Film „Paß auf deine Wünsche auf“. Wird Markus-Peter Gössler in einigen Jahren als wurstsemmelwerfendes Rex-Herrl im Fernsehen zu sehen sein oder schaut deine Zukunftsplanung doch anders aus?

Gössler: Wer weiß ...

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Literatur

Twitter Die Renaissance der philosophischen G e da n k e n s p l i t t e r

Text: Simone Jahrmann

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Dort wo Firmen nüchtern ihre Werbeslogans rausträllern mit 10 Hashtags (diese hier: #) und 20 Kürzeln, ist eine Community Dein X-RockZ-Magazin auf Twitter: www.twitter.com/XRockZMagazin

beheimatet, die es sich innerhalb dieses anonymen Kurzphrasenkinos gemütlich gemacht hat. Sie tragen keinen eigenen Namen. Manch­ mal können sie sich selbst nicht von bloßen Nachrichten- oder Polittwitterern unterscheiden. Doch ich nenne sie liebevoll Twitteraten, weil sie ein Kommunikations­ medium von 140 Zeichen für eine neue Form von digitaler Literatur nutzen. Hier trifft Humor auf Poesie, Müll auf Kunst, Wortakrobatik auf Penetration. Dabei nehmen sie sich oft selbst nicht ernst und karikieren sich selbst als einsame introvertierte Trinker ohne Sex. Ob dies der Realität entspricht, bleibt offen. In ihren Aphorismen zeigen sie allerdings meist viel von sich. Man lebt Tweet an Tweet mit Menschen, die ihren Liebeskummer zum Ausdruck bringen oder depressiv sind oder gerade ein Kind erwarten. Es werden Meinungen zum Welt- oder Alltagsgeschehen kund getan oder Groschenweisheiten getextet, wie auch philosophische Ergüsse. „Poesie und Twitter. Die Umarmung dieser beiden ungleichen Formen der Ausdrucksweise zeigt, dass Literatur nicht nur Goethe und Schiller, dass Twitter nicht nur ,Grad Pizza gegessen, bin voll.’ sein muss.“ Nadine Pauland, Jurorin des „Der Duft des Doppelpunktes“-Literaturpreises

“Und? Sexe?n”wildesten T räumen. Dein “Nicht mal in cht! “Natürlicthenini gelber Zwerg In denen tanz ten Ohren in Gulasch.” mit tätowier ese ka @Einstueck

Um in der ganzen Schnelllebigkeit von Twitter die wirklichen Sprachschätze nicht ungehuldigt zu lassen, gibt es nun schon in vielen größeren deutschen Städten Twitter­ lesungen. Auch Bücher mit dieser Mikroliteratur von Twitter wurden verlegt. Ich möchte Florian Meimberg (@tiny_tales) nennen, der Twitter für seine „Tiny Tales“Geschichten in 140 Zeichen gebraucht und damit schon großen Erfolg hat.

Die Übelkeit. Der Heißhunger. Die ausbleibende Periode. Es gab keinen Zweifel. Maria räusperte sich: „Josef? Wir müssen reden.“ (@tiny_tales) Stumm irrte Lorenz zwischen den Auto­wracks umher. Die Leiche lag mitten auf dem Asphalt. Erst auf den zweiten Blick erkannte er sich. (@ tiny_tales) In Österreich wird der „Der Duft des Doppelpunktes“-Literaturpreis für Tweets ver­liehen, gewonnen hat jener Mikroblog: Ich möchte nie zurückkehren in das Haus, wo die Stubenfliegen asthmatisch keuchen im Staub der Hoffnungslosigkeit archivierter Leiden. (@Anwardya) „Auch in Tweets können es nur Worte sein, die beeindrucken. Aber in dieser Kürze müssen die wenigen Worte noch besser zusammen passen. Asthmatisch keuchende Stubenfliegen, Staub der Hoffnungslosigkeit, archivierte Leiden. Wieder sind es Bilder, die die genannte Hoffnungslosigkeit in meinem Kopf entstehen lässt und dort verweilt, Erinnerungen hervorholt und mich selbst keuchen lässt.“ Robert Lender, Juror des „Der Duft des Doppelpunktes“-Literaturpreises Es ist unsere geringe Aufmerksamkeits­ spanne, die uns oft ein Buch oder einen Artikel verpassen lässt. Geübten Twitterern reichen 140 Zeichen, um das Augenmerk auf sich zu lenken.

Stehe ne

Entschuldigung,

Ihre Gedanken tropfen! @AndreasPoser

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Literatur

Wanna be

part of it? Wir suchen Autoren, OnlineRedakteure und Journalisten in und für alle Bundesländer! Möchtest du über die Kunst- und Kulturszene in deiner Umgebung berichten? Mit deinen Artikeln unser Wissen bereichern? Deine Lyrik oder Kurz-Prosa veröffentlichen?

Wie Katzen von Simone Jahrmann Drei Fläschchen Nagellack stehen am Schreibtisch. Sie wurden noch nie benutzt. Auf jenem Schreibtisch, an dem täglich gearbeitet wird, stehen sie schon seit Monaten. Ich sehe sie jeden Tag und ignoriere ihre Präsenz. Ab und zu schnuppert Mauzi* daran, aber- und abermals, wobei sich weder Konsistenz noch Lage der Fläschchen je verändert hat. Wie Mauzi bewegen wir uns stets am selben Ort. Versuchen Dinge von einem anderen Blickwinkel zu betrachten, um eine Veränderung unserer Situation zu bewirken, doch die Dinge bleiben regungslos. Mauzi steckt bei ihren Entdeckungsreisen durch die Wohnung jedes Mal, wenn sie daran vorbeischleicht, ihren Kopf in die Öffnung meines Stiefels. Sie weiß, dass sich darin nichts verbirgt, doch sie tut es unaufhörlich. Sie hat es wohl bei mir gesehen, wie ich mehrmals täglich dieselben unnützen Handlungen vollführe. Facebook checken. Twitter checken. E-Mails checken. Als würde sich etwas innerhalb von zehn Minuten verändern. Es ist das Warten auf Etwas. Etwas Sensationelles. Etwas, das uns losreißt von unserem täglichen Alltagstrott, aber nicht zu viel, uns durch die Luft wirbelt, uns in Staunen und Begeisterung versetzt und uns dann wieder vor dem Computer absetzt. Eigentlich sind wir wie Mauzi. Wir verbringen unsere Zeit mit Essen, Schlafen und Sch… Die Zeit, die davon noch übrig bleibt, verleben wir damit, sinnlosen Dingen hinterherzujagen. So sinnlos, wie ein Schraubverschluss, dem Mauzi stundenlang ihre Zeit schenken kann. Jeden Tag aufs Neue kann sie sich damit beschäftigen. Wie wir uns mit mit Computerspielen, Internetsurfen, Fernsehen, Sudoku Lösen Tag für Tag auseinander setzen, ohne Sinn darin zu suchen. Wie oft beneide ich Mauzi für ihr sorgloses Leben. Sie ist mit etwas Futter und ein paar Streicheleinheiten schon hoch zufrieden, scheint weder ihrem Dasein unbedingt Sinn geben zu müssen, noch sich über Dinge Gedanken machen zu müssen, die uns tagtäglich plagen. Vielleicht bin ich morgen einmal mehr Mauzi. *Name von der Redaktion geändert

Schick deine Kontaktdaten und Textproben an redaktion@x-rockz-magazin.com

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Literatur

Unbezahlbare Werbeeinschaltung oder

Postcard from the 80s Brief von Rickey Tai Toaster, Foto von Flickr

Meine liebe Barbie! Stell dir vor, heut in der früh wach ich auf total in Panik, und weiß mit Sicherheit, irgendwas ist da passiert. Sofort schalt ich das Radio ein und die Nachrichtensprecher berichten mir mit überschlagenden Stimmen, dass das Loyd‘s dort in der City in Flammen steht, nach einem mutmaßlichen terroristischen Anschlag, hunderte Menschen sind in Büros und Pflichten eingeschlossen, tausende Feuerwehrleute versuchen, die Situation in den Griff zu bekommen, es herrschen Schrecken und Chaos, Sirenen heulen im Hintergrund, die Börsenkurse purzeln in den Keller. Der Keith beruhigt mich, es handle sich nur um ein Werbespiel anlässlich eines neuen angelaufenen Thrillers in den großen Kinos des Landes. Die ersten vor Ort bekämen eine gratis Eintrittskarte. Uff. Noch mit Herzrasen geh ich runter auf die Straße, um aus dieser Zeitungsbox dieses Gratismitteilungsblatt für offene Stellen zu holen. Diese Box ist nicht mehr da, aber an der selben Stelle ist über Nacht eine Litfaßsäule gewachsen, auf der ein etwa 2m hohes Portrait eines übersinnlich schönen Models prangt, und ihre Haare in einem perfekten asymmetrischen Schnitt sind außen so plastisch auf die Säule raufappliziert und wehen im Wind. Hab sowas noch nie gesehen, lese die Adresse von so einer Toni&Guy und mach mich augenblicklich auf dem Weg dahin. Am Busstopp ist da ein Plakat angebracht, dass eine 25W Birne zeigt, die in einem halben Pfund Butter steckt. Als ich dann das Wartehäuschen betrete, leuchtet dieser Wolframfaden auf. Das macht Spaß, ich hüpfe aus und ein. Wir sollten unbedingt der nämlichen Versicherungsgesellschaft beitreten. Der Bus kommt, ich lös mich aus dem Spiel und spring gleich hinein. Gleich da vorne unten trinkt ein dicklicher Bub einen blitzblauen Softdrink, seine nahmichan Mutter trägt zebrafellgefärbte Haare – nein es ist sicher kein Hut – und Schneebrillen mit einem eingebauten Mini-TV. Ich nutze natürlich die Gelegenheit und stell mich schräg hinter ihrem Sitzplatz auf, so dass ich grad

Rickey Tai Toaster: Hat die 80er live er- und belebt, steht auf Haare, London und Bärenklauspinat und switcht sich immer aus der Werbung.

London, E5., 29/03/1985 unauffällig schief hineinlugsen kann, ohne sie zu belästigen. Was ich da seh, is sowas wie ein Psychothriller: Jemand, so mit der Mimik eines Komikers, beißt da in ein feinziseliertes Teeglas und schließt dabei genießerisch die Augen. Daraufhin kaut und kaut der, und anstatt das ihm das Blut aus Mund und Lippen schießt, beißt er glatt nochmals ins Glas und die Scherben splittern nur so durch die Gegend. Und hui, die verwandeln sich in der Luft magisch in so Marmeladekekse, und das Ganze war ein Werbeclip für so eine Backwarenfabrik. Der Bub nahm erstaunlicherweise absolut keine Notiz vom Brillen-TV – übersättigt? – und verlangte nach einer weiteren Dosis des blauen Gesöffs. Über diesen atemberaubenden Glaskeksmetamorphosen hatte ich meine Busstation verpasst, sprang ab und beschloss, die zwei Stationen zu Fuß zurückzuwandern. Unterwegs ließ ein Milchproduktkonzern Joghurts verteilen. Ich schnappte mir gleich drei, und stellte dann etwas irritiert fest, dass es Spinatjoghurts waren. Okay, warum also nicht. Die Litfaßsäulen-Adresse war ein gestylter todschicker Friseurladen, ich fragte nach der Tony, doch die schien nicht da zu sein, und Guy gab‘s da sowieso keinen. Die Mädels wirkten alle schon eher cool und wortkarg, nur die Scheren, Messer, Klammern und Kämme klapperten enorm schnell und rhythmisch und die Föns fauchten und brausten geschäftig. Da fragte mich eine ganz junge Angestellte, ob ich nicht ihr Modell sein wollte, das brächte mir fünf Pfund ein und ihr Erfahrung und ich hätte dann eine tolle neue Frisur. Ich war überrascht, und schon irgendwie geschmeichelt – ich und Modell! – und so willigte ich ein. Ja, und jetzt hab ich also pastellrosarote Haare, exakt stufig geschnitten und gekreppt, sitz auf einer dieser Zeitungsboxen weiter oben und trau mich nicht nach Hause. Für die fünf Pfund hab ich ein 10er-Packerl Silk Cut, diese Kunstbierbrausetabletten und

eine Dose Baked Beans erstanden. Bleiben noch genau 22p für eine Briefmarke. Diese blöden Heftchen hier! Vielleicht verkauft mir hier doch einer eine einzelne Marke, dass ich diesen Brief wenigstens noch aufgeben kann. Inzwischen ist es ziemlich dunkel geworden, ich könnt die Stellenangebote sowieso nicht mehr entziffern, ich sollt also wirklich… Das Spinatjoghurt schmeckt übrigens gar nicht so schlecht, eines werd ich wirklich dem Keith … Na, also, jetzt reicht‘s. Von der gegenüberliegenden Seite kommt da plötzlich ein riesiger glühlämpchenbesetzter Stöckelschuh dachgleich quer über die Straße ausgefahren, droht, auf mich niederzusinken, wie diese Geisterbahnjahrmarktattraktionen, nein, nicht mit mir, Automobilfirma oder was auch immer, ich werd mich jetzt auf den Heimweg machen. Alles was recht ist. An der Ecke geht die Tony&Guy-Litfaßsäule grad in Flammen auf. Also ich schwörs, Barbie, ich wars nicht. Liiiebe Barbi, ich hoff‘ es geht dir gut. Okay, ich wag‘s, ich geh jetzt heim. Drück mir die Daumen. Busserl, die Rickey 02.04. Der Keith hat mich angeschaut, die Augen zugekniffen, mich noch einmal angeschaut – und nix gesagt. Ich habe meine Schätze ausgepackt und eröffnet, dass dies eben mein Job gewesen sei und hier wäre der Lohn. Er hat die Dose Bohnen aufgewärmt und wir haben sie mit dem verbliebenen Spinatjoghurt gegessen. Er hat noch immer eisern geschwiegen, das sei eben so grauslich wie mein neuer Haarstil. Er hat wenigstens den Mund aufgemacht. Heut hat er mir ein Polycolor gebracht. Blauschwarz. Das stünde mir wenigstens. Ich lasse es gerade einwirken. P.S. Der Keith is überhaupt nicht Macho. XXX R.

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Literatur

auf Schleuderkurs Interview und Fotos von Anita Raidl

C o r n e l i a T r av n i c e k ü b e r A l ltag , L i t e r at u r k r i t i k u n d westlichen Egoismus. Sie ist Barbetreiberin, Informatikerin, Sinologin und vor allem Schriftstellerin. Als solche legte die 25jährige Cornelia Travnicek Anfang 2012 mit „Chucks“ ihren vielgelobten Debütroman vor und erlangte beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb den Publikumspreis für „Junge Hunde“. X-RockzMagazin/Anita Raidl traf die tat- und schlagkräftige

XRM: „Schreibt nicht zu knapp an ihrem eigenen Leben vorbei und meistens ein großes Stück weit darüber hinaus“, heißt es auf deiner Homepage. Mae, die rebellische Protagonistin deines vielgelobten Romans „Chucks“, nimmt am liebsten alles selbst in die Hand. Wie viel Mae steckt in dir? Cornelia Travnicek: Als Autorin kann man das immer schwer beurteilen. Das würde ja voraussetzen, dass man sich selbst bis in die letzte Ecke komplett kennt und das ist eine schwierige Aufgabe. Mit der Aussage meine ich eher, dass man kleine Stückchen aus der eigenen Erfahrung, dem eigenen Leben, vielleicht auch aus dem Bekanntenkreis, nimmt, oder einfach auf Dinge, die man nur beobachtet, zurückgreift. Das Ganze dann weiter entwickelt, größer macht und mit anderen Sachen ausstattet, schaut wie es miteinander harmoniert, wo sich Spannungsfelder ergeben und in welche Richtung sich da eine Geschichte entwickeln könnte. Liegt deine Inspiration demnach vor allem im Alltag?

Autorin zum gemütlichen Plaudern am Wiener

C. T.: Genau. Es kann etwas sein, das mir im öffentlichen Raum

Donaukanal.

oder ganz zufällig irgendwo im Fernsehen, im Internet, beim Lesen, begegnet.

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Literatur

Umwelt verschmutzt hat in der Zeit, in der sie genau die Entwicklung durchgemacht hat wie nun China. Dann kann man nicht einfach hergehen und jemandem ein bestimmtes Tun aufzwingen.

C. T.: Also, der Bachmann-Wettbewerb war auf keinen Fall Alltag (lacht).

Du selbst lebst nicht nur fürs Schreiben, sondern betreibst seit wenigen Monaten auch eine Bubble Tea – Bar, bist außerdem noch als Researcher in einem Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung beschäftigt. In welchem Verhältnis stehen diese Tätigkeiten zu deiner Schriftstellerei?

Die Bachmann-Jury würdigte den ironischen Ton deines Textes „Junge Hunde“. Jurorin Corinna Caduff aber hatte ein Problem mit der Sprache.

C. T.: Sie sind ein Ausgleich. Verschiedene Gegenpole zu haben und sich nicht nur in eine Richtung zu bewegen, finde ich ganz wichtig.

C. T.: Man muss auf Augenhöhe miteinan-

C. T.: Ja, Frau Caduff hat besonders die

Wie bist du auf Bubble Tea gekommen?

Du wurdest bereits mit einigen Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Zuletzt etwa mit dem Publikumspreis beim BachmannWettbewerb. Zählt das schon zum Alltag?

Wiederholungen des Wortes „groß“ zu kritisieren befunden. Ich bin ja der Meinung, dass man in der Literatur Sachen machen darf, die in einem Schulaufsatz rot angestrichen werden. Sicher muss man einmal lernen, wie sich’s gehört, was der gute Ton beim Schreiben ist. Im Grunde ist es aber wie beim Autofahren. Wenn man mal so weit ist, kann man Schleuderkurse machen und schauen, was entsteht, wenn die Situation nicht mehr unter Kontrolle ist. Beim Wettbewerb wurde diskutiert, ob Literatur nun verstören oder unterhalten soll. Was denkst du darüber? C. T.: Literatur sollte auf jeden Fall beides. Ich denke, meine Kurzprosa war immer mehr verstörend als unterhaltend. Gerade bei Chucks habe ich aber das Gefühl, endlich eine gute Balance gefunden zu haben, weil es ja ein sehr trauriges, aber an manchen Stellen auch wieder lustiges Buch ist. Das ist genau wie im Leben. Man kann in einem Moment auf die Nase fallen, und im nächsten ganz großartig darüber lachen. In „Chucks“ stirbt Paul, in „Junge Hunde“ sterben Tiere. Spielt der Tod eine besondere Rolle in deiner Literatur? C. T.: Ich glaube er spielt ungefähr die gleiche wie im Leben selbst. Man ist immer wieder damit konfrontiert und deswegen finde ich es legitim, darüber zu schreiben. Natürlich muss es auch Texte geben, in denen, um jetzt etwas vom Bachmannpreis zu zitieren, niemand tot oder pervers ist. Aber für die Entwicklung der Figur in Junge Hunde waren die Todesfälle essentiell. In Blumenberg von Sibylle Lewitscharoff sterben zum Beispiel alle fünf Hauptfiguren. Bei mir lebt wenigstens irgendwer noch weiter (lacht).

C. T.: Ich habe Bubble Tea während einer China-Reise kennen gelernt und gesagt, wir brauchen das unbedingt auch in Österreich. Als es dann in Wien aufgekommen ist, war ich hoch erfreut, und dachte, das mach ich jetzt auch.

Sondern?

der sprechen und sagen, ja, es war bei uns genauso, aber jetzt im Nachhinein betrachtet wissen wir, es war schlecht. Das von oben herab behandeln ist für mich das eigentlich große Problem. Fließen politische Standpunkte in dein Schreiben ein? C. T.: Ich gehe an einen Text nicht mit dem

Vorsatz heran, ein politisches Statement zu verfassen. Aber wenn die Figuren in meinem Buch gleichberechtigt miteinander umgehen, Hast du aus Asien noch etwas anderes mit- ist das schon ein Statement. genommen?

C. T.: Außer Bubble Tea (lacht)? Natürlich viele interessante Eindrücke. Wenn man wie ich aus einer sehr kleinen Stadt kommt, war Wien schon eine Umstellung. Bewegt man sich aber ein paar Wochen in einer asiatischen Großstadt, verändert das die Dimensionen und auch den Blickwinkel auf die Welt. Man denkt dann darüber nach, wie das Kräfteverhältnis auf der Welt eigentlich ist, wie es logischerweise sein sollte und wie wichtig man sich als Österreicher selbst nimmt. Egoismus als Charakterzug der westlichen Welt? C. T.: Ja, wir haben uns da von den hunderten Jahren der Dominanz des weißen Mannes, jetzt wirklich des Mannes und nicht der Frau, zu einem Blickwinkel verleiten lassen, der so nicht stimmt und der in Zukunft wahrscheinlich so nicht mehr stimmen wird. Damit muss man sich auseinandersetzen. Welcher Blickwinkel stimmt denn? C. T.: Der Blickwinkel der Gleichberechtigung. In der internationalen Politik wurde immer wieder so gehandelt, als wäre man derjenige mit dem einzigen richtigen Weg. Es wird zum Beispiel gesagt, China ist ganz schlimm, was die Umweltverschmutzung angeht. Man vergisst dabei aber, was die westliche Welt selbst an

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Literatur

Heute sitzen wir vorne! Liebeserklärung von Clemens Berndorff, Fotos aus dem BMW-Archiv

Die 80er Jahre: Twix hieß noch Raider, Michael Jackson war noch dunkelpigmentiert, Ex-Bundespräsident Waldheim durfte noch in die USA einreisen, Opa fuhr noch einen 123er Benz und Onkel Horst gar einen 635er BMW. Vom Rücksitz aus spähten wir nach vorne und malten uns aus, wie es wohl sein würde, wenn wir endlich groß sind und selbst am Volant drehen. Das ist die Generation 30. Die Generation Youngtimer.

Onkel Horst ist mein Onkel. Und im Gegensatz zu meinem Vater, der damals einen weißen Subaru Leone mit Automatik und unglaublichen 90 PS pilotierte, fuhr Onkel Horst das beste, was die Bayern damals auf die Strasse stellten: Einen BMW M 635CSI, mit sage und schreibe 286 PS. Für Mitte der Achtziger Jahre war das bombastisch. Und auch heute können sich die Fahrleistungen sehen lassen: 255 Spitze, von 0 auf 100 in knapp über sechs Sekunden. Gerade einmal 1500 Kilo Eigengewicht. Damals waren große Coupés noch leichter als heute die Sport­wagen. Man kam auch ohne 20 Airbags, 10 Fahrstabilitätsprogramme und 40 Parksensoren aus. Apropos Fahrstabilitätsprogramme: Damals musste man noch fahren können, um schnell zu sein. Heute kann das jeder Vollidiot. Die Automatisierung lässt grüßen. „M“ steht übrigens für „Motorsport GmbH“, die Abteilung für richtig scharfe Waffen bei BMW. Und als diese Herrschaften im 1984er Jahr den von Paul Bracq entworfenen 635er überarbeiteten, war die Welt noch in Ordnung. Sommer 86: Ich erinnere mich noch daran, als ob es gestern wäre: Tiefschwarz, mit breiten Reifen, ewig langer Motorhaube und bösem Haifischmaul glänzte er im frühsommerlichen Abendlicht. Gierig am Asphalt leckend und jederzeit zum Zubeißen bereit. Eigentlich wirkte er wie ein autogewordener, wunderschöner deutscher Schäferhund. Anfangs traute ich mich gar nicht, ihn anzufassen. Damals wurden Autos nicht nur schützend für den Fußgänger, den man ja anfahren könnte, konstruiert, sondern für den Fahrer. Und dieser ebengenannte BMW ist ein fabelhaftes Beispiel dafür: Das Instrumentenbrett umschmeichelt den Piloten regelrecht. Alles ist leicht und ergonomisch perfekt für den Fahrer erreich-

bar, ohne dass er seine Aufmerksamkeit von der Strasse abwenden müsste. „Fahrerorientiertes Cockpit“ nannte das BMW damals. Keine tausend Schalter für allen möglichen überflüssigen Firlefanz, sondern die reinste Fahrmaschine. Als ich endlich den Mut zusammen hatte, diese lange, schwere Türe von Bracqs Meisterstück zu öffnen, überwältigte mich fünf­jährigen Lausbuben der Duft von wunderschönem senfbraunem Büffelleder. Für die fünf Büffel, die dafür gestorben sind, muss es eine Ehre ge­wesen sein, ihre Haut für das damals schnellste deutsche Serienauto zu spendieren. Ich staunte nicht schlecht über das, was einem im Bauch dieses Boliden geboten wurde: Ein an einen Düsenflieger erinnerndes Cockpit, futuristische Digitalanzeigen für Klimaanlage und Bordcomputer, im Mittelpunkt ein wunderbares Lenkrad mit dem Logo der M-GmbH. Ich erinnere mich noch, als sich die letzten Sonnenstrahlen dieses wunderschönen Juniabends mit den Logo-Farben Estorilblau, Velvetblue und Imolarot herrlich vermischten. Alles wirkte so irrsinnig futuristisch und neu auf mich. Nur einmal bin ich mitgefahren. Natürlich musste ich hinten sitzen. Doch trotz straffem Fahrwerk und duftendem Nappaleder wurde mir furchtbar schlecht. Zwischen den wunderschön be­ lederten Kopfstützen, vorbei am nicht minder wunderschönen Kopf meiner damals noch jungen Tante, kotzte ich bei der vorderen Seitenscheibe raus in die wunderschön blühende steirische Natur. Wenn ich damals nur gewusst hätte, dass die hinteren Seitenscheiben elektrisch versenkbar sind, wäre mir eine Katastrophe erspart geblieben. Das ganze Malheur hatte auch sein Gutes: Seitdem durfte ich bei meinem Onkel immer vorne sitzen.


Mein Onkel Horst verkaufte den Wagen leider sehr bald wieder, da mein Cousin auf über 1,90 angewachsen war und auf den billigen Plätzen keinen Platz mehr fand. Nach dem „M“ kam noch ein toller BMW 745er Turbo und dann irgendwann ein schnöder Opel Senator. Leider. Ich glaube, ich war sehr traurig darüber, als mich eines Tages das liebgewonnene Haifischmaul nicht mehr begrüßte. Aber Papa wurde mit dem Subaru auch nicht alt. Der Japaner machte Harakiri und warf sich nach ein paar Jahren dem massiven Rostbefall zum Fraß vor. Schlussendlich gab auch die Automatik irgendwo in steirischen Bergen den Geist auf. Ein jähes Ende für ein furchtbar normales Auto. Keine Träne wurde damals vergossen. „Diese Autos heute, sie schauen allesamt, als hätten sie in eine Zitrone gebissen! Diese verzweifelten und vulgären Visagen! Diese hochstehenden Ärsche! Was ist los? Nehmen die Designer die falschen Drogen? Will man in so einem Auto mit seinem Mädchen herumfahren?“ Clint Eastwood im Interview mit der SZ. Sommer 2012: Vor ein paar Wochen sah ich ihn wieder; meinen Star der 1980er Jahre. Von seiner eleganten Grimmigkeit hat er nichts eingebüßt. Im Gegenteil: Unter all den vom Windkanal rundgelutschten, einfallslosen Karren mit ihren hochstehenden Ärschen wirkt er wie ein Ding von einem fernen Planeten. Seine leichte Patina steht ihm gut; wie George Clooney die grauen Haare. Der schmale Dachaufbau und die hohen Seitenscheiben wirken heutzutage gewöhnungsbedürftig. Zu sehr haben wir uns an hohe Gürtelli­nien und an Fenster, schmal wie Schießscharten, gewöhnt. Schade, denn der BMW hat einen wunderbar lichtdurchfluteten Innenraum und eine perfekte Rundumsicht. Ihr lieben Autodesigner! Baut doch wieder so etwas! Wo sind die Meilensteine der Designkultur geblieben? Was ist mit der „Architektur für die Strasse“ bloß passiert? Was nützen beheizte, ventilierte, hundertfach verstellbare Sitze, die einem auch noch den Rücken massieren, wenn man sich nicht und nicht wohlfühlen kann? Was bringen LED-Licht und 22-Zoll-Felgen wenn einem

beim Anblick seines mühsam erworbenen Vehikels vor Langeweile die Augen zufallen? Im Laufe der jüngeren Geschichte des Automobils hat es immer wieder Anstalten gegeben, Designikonen neu zu beleben und zu interpretieren. „Retro-Design“ nannte man das fortan und in den meisten Fällen ging es ziemlich in die Hose. Man denke nur an die stilistische Entgleisung VW-Beatle oder den nicht minder missglückten Mini-Cooper. Die einzigen, die Designikonen relativ gut wiederbeleben können, sind die Amerikaner. Chevrolet Camaro, Ford Mustang und Dodge Challenger werben erfolgreich um die Gunst Ihrer jungen Käufer. Trotzdem: Soweit das Auge reicht, findet man in heutigen Interieurs eine mehr oder weniger billige Plastikwüste. Keine chromeingefassten Instrumente, keine Schalter aus echtem Metall und kein Lenkrad aus Bakelit. Damals wurden Autos eben noch für die Ewigkeit gebaut. Alles wirkte wie aus dem Vollen gefräßt. Natürlich braucht ein Youngtimer mehr Sprit. Doch mit dem jährlichen Wertverlust eines Neuwagens kann man locker das ganze Jahr über tanken und meist auch alles warten und instandsetzen. Apropos Nachhaltigkeit: Die Herstellung eines neuen Autos ist erwiesenermaßen ziemlich umweltbelastend. Und zwar so sehr, dass es sich lohnt, alte Autos zu erhalten und weiterzufahren. Darüber hinaus ist man Erhalter von automobilem Kulturgut. Auch wenn es Umweltschutzextremisten nicht wahrhaben wollen: Die Fortbewegung mittels Verbrennungsmotor ist mittlerweile weit über 100 Jahre alt und fester Bestandteil unserer Kultur. Ein schönes Jugendstilhaus wird ja auch nicht abgerissen, nur weil es unökonomisch zu heizen ist. Also, worauf warten wir noch? Billiger werden die meisten sicher nicht mehr. Und schon gar nicht ein BMW 635 CSI. Lange bin ich noch vor ihm gestanden, vor meinem Star der 80er Jahre. Seine treuherzigen Augen blickten mich an und sagten: „Kauf mich! Kauf mich! Ich brauche Auslauf! Brettere mit mir über die Bahn! Mit 250 Sachen!“ Ich glaube, ich sollte mal mit meinem Bankbetreuer sprechen …


Literatur

DMC-12 Eine Liebeserklärung von Clemens Berndorff, Fotos von www.delaurian.com

das Schaf im Wolfspelz. Filmstar. Flügeltüren. Wegweisendes Design mit rostfreier Kunststoffkarosserie und Edelstahl-Beplankung. Doch trotzdem entpuppte sich der Traum meiner schlaflosen Nächte als lahme Ente. Erinnerungen an eines der schlechtesten Autos der Welt. Herbst 1991, Deutschlandsberg, Südweststeiermark: Gebannt sitze ich, frischgebackener Hauptschüler, vor dem alten, dröhnenden Metz-Fernsehapparat meiner Großmutter. Er dröhnt nicht nur weil er alt, sondern weil meine Großmutter schwerhörig ist und sie den Monolautsprecher dieses gutbürgerlichen, mit feinstem HolzImitat bezogenen Stücks grundsolider, deutscher Wertarbeit wohl schon in den frühen 1980ern abgestochen hat. Aber gut, wenigstens ist alles schon in Farbe. Außerdem muss man zufrieden sein! Ich vor Allem, der Vier-Käse-Hoch, jubiliere ja schon, weil ich mal dem Hauptabendprogramm aktiv beiwohnen darf. Bisher war ich ja nur passiv dabei. Tatort kannte ich bis dato nur als Hörspiel hinter Wänden. Doch als frischgebackener Hauptschüler ändern sich die Zeiten schön langsam und man kommt in den Genuss angenehmer Erwachsenenprivilegien. So war dieser kalte Herbstabend gewissermaßen Premiere für mich. Und was für eine! Es lief Zurück in die Zukunft - Teil 1. Was für ein Film! Michael J. Fox war noch jung und ohne Parkinson und Christopher Lloyd war noch nicht der Kopf durch die Haare gewachsen. Die beiden spielten sich die Seele aus dem Leib, doch so sehr sie sich auch abmühten, Hauptdarsteller war jemand anders. Dieser Jemand hieß DeLorean DMC-12, hatte Flügeltüren, eine Karosserie aus Edelstahl und war mit einem „Fluxskompensator“ ausgestattet,

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mit dem man durch die Zeit reisen konnte. Was für ein Wagen! Dagegen sahen „McFly“ und „Doc Brown“ schon damals ziemlich alt aus. Den Film hatte ich bald wieder vergessen, doch dieser Wagen mit seinem unverwechselbarem, einzigartigem Äußeren wollte mir nicht und nicht aus dem Kopf gehen. Sommer 2012, Wien, Österreich: Irgendwo in der Nähe von Floridsdorf stehe ich vor dem rostigen Tor einer ranzigen, alten Fabriks­ halle. Die Sonne brennt mir erbarmungslos auf den Schädel und mein Nivea-Deo kämpft erbittert gegen meine Schweißdrüsen. Ist mir aber egal, denn gleich ist es soweit: Gleich treffe ich meinen Star, den unangefochtenen Hauptdarsteller jenes kalten Herbst­ abends 1991 im warmen Wohnzimmer meiner seligen Großmutter. Ich bin nervös, gehe auf und ab, stecke mir eine Camel nach der anderen ins Gesicht. Endlich! Mein Freund Ivko ist da und öffnet mir das Schloss des Tores. Ob er wirklich so schlecht ist, wie die Fachpresse damals urteilte? Gibt’s doch nicht, das von Giuguaro gezeichnete Blechkleid macht die paar Detailmängel sicherlich wieder wett. Man darf ja nicht kleinlich sein. Das rostige Tor rattert nach oben, mein Puls gleichermaßen. Und da steht er, mir den Rücken zugekehrt.Vorsichtig nähere ich


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mich „ihr“. Hab ich gerade „ihr“ gesagt? Was für ein Hintern! Die abfallende Fastbacklinie, der wunderbare Edelstahl, diese herr­lichen Lichter! Wie aneinandergereihte Legobausteine. Doch je mehr ich mich ihr nähere, umso mehr Enttäuschung macht sich breit. Es ist ein Blind-Date, das gerade im Begriffe ist, in die Hose zu gehen. Ich muss sie schönsaufen, denk ich mir, doch wo krieg ich jetzt Alkohol her? Verdammt! Autojournalisten von damals haben nicht übertrieben. Der Wagen ist nicht bloß schlecht verarbeitet, sondern abenteuerlich. Nichts passt, nichts stimmt überein. Kein Spaltmaß, keine Türverkleidung, kein Schalter. Der Wagen wirkt, als ob ein paar besoffene, depressive, rothaarige Nordiren ihn nach zehn Flaschen pisswarmen Ale zusammengeschustert hätten. Nachdem ich mich umständlichst unter der Flügeltür hindurch in den Innenraum gewunden habe, muss ich lachen. Nicht nur, weil mein Freund Ivko sich ein Mo­ dell mit GM-Dreigang-Automatik über den Teich geholt hat, wo von den bescheidenen 132 PS nochmal an die 30 im gieri­ gen Wandler verschwinden, nein! Mich amüsiert die Breite der Sitzauflage. Ich bin durchschnittlich groß und mein Hintern ist durchschnittlich breit. Doch in diesem Auto verschwindet der Sitz unter meinem Arsch. Dieser Wagen ist für kleine Hobbits gebaut! Es ist einfach unglaublich! Unglaublich, dass dieser Wagen hauptsächlich für den nordamerikanischen Markt gebaut wurde.

Wo sitzt dann der Durch­ schnittsamerika­ner mit seinem Durchschnittshintern? Auf der Mittel­konsole? Oder was passiert, wenn der Herr Durchschnittsamerikaner Hunger bekommt und in den Drive-in fährt? Ich sag euch, was dann passiert: Nehmen wir an, er bestellt sich einen Cheeseburger, einen Big Mac und eine 0,5er Coke. Gut. Den Cheeseburger kriegt er ja noch locker durch den zirca 30 cm langen und 15 cm breiten Öffnungs-Spalt im Fenster. Beim Big Mac wird’s schon schwierig und die 0,5er Coke kann er vergessen. Um die in den Innenraum zu bekommen, muss er aussteigen. Was in eine ziemlich schwierige Angelegenheit ausarten kann. Nicht nur, dass man sich erst mit viel Kraftaufwand aus der Sitzschale schälen muss, nein, es fällt einem dabei gleichzeitig die Flügeltüre auf den Kopf, denn die hält nicht. Und hat auch noch nie gehalten. Schon von Werk aus nicht, denn die Gasdruckdämpfer des Öffnungsmechanismus sind zu schwach konzipiert. Super. Nach einer Schweigeminute bitte ich mei­ nen Freund um eine Probefahrt. Doch der Wagen springt nicht an. Er sei noch nie, außer einmal, angesprungen, erzählt mir Ivko verbittert, es sei wohl die Elektronik. Warum wundert mich das nicht? Doch was versäume ich? Den Klang des biederen

Renault-V6, der weder durch besondere Laufruhe, noch durch besondere Leistung, sondern vielmehr durch besondere Trinksitten glänzt. Ein mäßig komfortables, eher sportliches Fahrwerk, das mit den vielleicht noch vorhandenen 100 Pferdestärken völlig unterfordert ist und ein stetig vor sich hin knarzendes Interieur, welches den Blues der Schlampigkeit zum Besten gibt. Ein ent­behrliches Vergnügen. Doch trotz allem Tadel, der Wagen hat was. Er strahlt eine nicht zu beschreibende Faszination aus. Vielleicht sind es gerade die vielen Unzulänglichkeiten, die Ihn begehrenswert machen. Vielleicht aber, sind es einfach nur Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit. Erinnerungen an jenen kalten Herbstabend 1991, als ich mir voll kindlicher Phantasie ausgemalt habe, wie es wohl so sei, als Zeitreisender. Doch irgendwie schade, dass er nicht anspringt, oder?

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Literatur

Vom Sich-gegenseitig-Zucker-inden-Arsch-blasen (GeZuidAb) Philosophische Betrachtung von Wolfgang Schatz, Foto von Olivia Fürnschuß

In diesem Rückblick auf die vergangene Meisterschaftssaison des GeZuidAb, erhebt der Autor keinen Anspruch auf Objektivität. Objektivität versperrt einem die freie Sicht auf das Ganze, damit nicht wegen der Vielfalt spontan Kreativität entsteht – und ich stelle ausdrücklich klar, dass ich sehr wohl eine Jahreskarte für alle Meisterschaftsspiele habe und auch gehabt hätte (habidere), nur gesehen habe ich nicht alle. Womit auch schon das Grundprinzip der obersten Regel in diesem Spiel erklärt wäre, die da lautet: Das regeln wir schon.

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Als Kärntner bin ich ein Fan der Mannschaft mit dem derzeitigen Namen „Bart of The Game“ (BTG), die heuer jedoch in der Wertung die Erwartungen nicht erfüllen konnte, da in den Jahren nach dem plötzlichen Abgang des genialen Obertaktikers die Lücke nicht geschlossen werden konnte. Die süßen alten Zeiten der NAPOLAnten, denen nachzueifern wäre wohl das Schlechteste nicht (sie färbten ihre braunen Matchleibchen in verschiedene Farben um, aber das Braun schimmerte immer so durch), werden weiterhin keine Renaissance erhalten. Ein Vers aus der Vereinszeitung bringt wohl das Dilemma auf den Punkt: Da Scheich dea sog zum Emir Geh, leich an Kilo Kaffe mia Do sog da Emir zum Scheich Wast eh, dos i dia nix leich Ein solch mageres Abschneiden ist der Grund, dass Spieler den Verein verlassen und beim neu gegründeten Verein „Zum alten Zausel“ unterschrieben haben. Aufhorchen lies dieser Neuzugang, als er, kaum geboren, zielsicher die Zuckervorräte ansteuerte und elegant trickreich anzapfte. Ein Traum-Start. Ob keine Linie zu haben als der Weisheit letzten Schluss zu verkaufen den Wahrheitsbeweis antreten kann? Man wird sehen wie genau er den Parcours studiert hat. Jedenfalls ein Meister des Geld-bekommen-weil-man-esnicht-braucht. Wobei, sonderlich schwer hat’s ihm die Konkurrenz ja nicht gemacht.

Die Nationalmannschaft „TWIT“ hat auch nicht geglänzt. Der Kunst des Die-Hand-zugeben-und-sie-gleichzeitig-auf-zu-halten, wird nur mehr schlampig nachgegangen. Daraus ergibt sich diese mangelhafte Technik, die dem Fan nur mehr ein „GEHT’S SCHEISSEN“ ins Hirn springen lässt. Vorbei sind endgültig die Zeiten des alten Sonnenkönigs und weit entfernt die glorreiche Mannschaft der 70er und 80er Jahre. Die Spieler in Rot-Schwarz bleiben so ziemlich alles schuldig, mehr noch werden die langjährigen Strippenzieher, im Hintergrund, sträflich ans Licht gezerrt, was nun wirklich jeder Etikette entbehrt. „Swap“ aus Salzburg kann nur als Totalausfall gewertet werden. Anscheinend hat die Vereinsleitung den Überblick und die Nerven verloren. Stümperhaft wurden 1,7 Mio. auf nimmer wieder sehen die Salzach hinunter gejagt, ohne dass auch nur ein Brösel in die eigene Tasche wanderte – ein lausiges Ergebnis. Zusammenfassend gesagt ist die abgelaufene Saison Gott sei dank abgelaufen. 2013 werden die Karten neu gemischt, wenn auch die Protagonisten dieselben sein werden. Ein hoffnungsvoller Nachwuchs ist weit und breit nicht zu sehen und somit ein weiteres abrutschen in der Weltrangliste nicht zu vermeiden. Denn nur Keith Richards und Franz Klammer dürfen alles machen, das haben sie sich verdient. Schreibt euch das hinter die Ohren, ihr Vollpfosten. bandsman

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Literatur

alle Jahre

wieder

Text: Julia Gerger, Musik: flow (A&O Studios, Graz)

Alle Jahre wieder kam ich hier an wart gespannt in dem Bann bis irgendwann der Geist der Zeit zeigt, was er treibt an wem er sich reibt und wen er sich einverleibt

ich atme tief durch und dann eil ich zu ihr die Geduld liegt am Boden direkt hinter der Tür besinn mich und vertreib noch die alte Gier dreh meinen Kopf, beug mich runter zu ihr

Bilder der Zeit warten auf den Moment bis unsre Geduld sich in Stille erhängt nur ein Wort empfängt wo Gefühle verdrängt wartet auf den Moment bis der Kampf endlich anfängt

ihr Atem ist schwach aber dauerhaft ihre Flügel aus Gold, direkt engelhaft ich halt ihren Kopf und ich flüster ihr zu: „bitte verzeih mir und schenke mir Ruh.

die Feuer von früher sind schnell entfacht die Wut feuert schneller und grinst und lacht es ging wieder rascher als gedacht und die Kerzen die brennen ganz aufgebracht

du bist der Schatz der so nahe lag du bist meine Hand, durch dich bin ich stark du bist es die den Frieden lehren mag du machst dies heut zu einem Festtag!“

wir alle wolln bloss diesen Show-down vertagen uns laben und sagen „lass es uns doch vertagen!“ doch die Geister der Zeit wollen sich nicht vertragen die wollen, schmolln und sollen austragen was einem Kind nicht möglich zu sagen ist woran ein Kind alltäglich seine Helden misst

ich bin aufgebracht und ich zieh in betracht den Verdacht, dass sie nun nie mehr wieder aufwacht „hol dir Kraft,“ mein ich ganz sacht, „nun bin ich ja da und auf ewig bedacht!

und nun steh ich da und versuch es zu wagen entsage den Plagen und versuche zu sagen dass das Feuer ein Feuer des Kampfes ist dass der Kampfgeist der Vater des Friedens ist und dass ich versuche mich davon zu lösen da erwacht die Wut aus ihrem kurzen Dösen sie schreit und tobt, dass die Erde erbebt erzählt von der Trauer die über ihr schwebt sie sagt: „Trauer macht sauer, leg dich schnell auf die lauer, sei kein Erbauer einer erkalteten Mauer … nun geh und erwecke die Geduld zum Leben! nur SIE hat es drauf sich mit mir an zu legen, sie lässt sich erheben übers bittere Leben, nur sie fliegt hinauf meiner Trauer entgegen …“ patience safe me from limitations! patience lead me with fascinations! patience teach me some moderations! patience safe me from limitations!

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wortlos gross will ich los zurück zu dir atemlos in deinen Schoss mich verdrehen, nichts sehen, nichts verstehen, einfach mit Frieden meinen Weg gehn.“ die Augen verschlossen liegt sie einfach nur da ich heb sie zu mir, ich bin ihr ganz nah hab Angst dass die Wut einfach größer war ich kann es kaum fassen, was ich dann sah sie öffnet die Augen und blickt langsam zu mir ich schaue hinein und ich sehe in ihr eine Weite in der man sich selbst erkennt eine Stille die all deinen Mut benennt „schau nochmal tiefer und ganz hinein hab keine Angst du bist nicht allein,“ sagt die Geduld sanft und insgeheim, “siehst du das Feuer, auch dies ist dein Heim. in dieser Ruhe da kann es gedeihen, das Maß unsrer Liebe, das Verzeihen!“ patience safe me from limitations! patience lead me with fascinations! patience teach me some moderations! patience safe me from limitations!


Literatur

Wos is do los? Text von Peter Josel und Julia Gerger, Fotos von Cornelia Schwingenschlögl Musik von Kaiser Josel & die Monarchen

Wos is do los? – sad’s es wirklich olle nimma bei Trost? Wos is do los? – sad’s es wirklich olle nimma bei Trost? Wos do los is, des mecht i wissn, wei auf dem Planetn is so einiges beschissn 2012 und no imma net meglich, dass olle wos zum Essn hob’n, des is do unerträglich I wü an treffn, der des wirlich ois kapiert, wei ans des is ganz sicha, daß’as so net bessa wird die meistn sogn, daß sie ois regeneriert, bin i da anzige, der des ondas gspüart Chemtrails, Haarp und der ganze Schaaß, es passiert so vü, wos in Woaheit kana waß Geo-Engineering, des is a schenes Woat, in Woahrheit is des oba nua a Synonym füa Moad Wos is do los? – sad’s es wirklich olle nimma bei Trost? Wos is do los? – sad’s es wirklich olle nimma bei Trost? Wos do los is, i kann’s net sog’n, wei die Scheiße, de steht uns bis zum Krogn Brauchs’t da nua anschaun, wos ollas passiert, ans des is sicha, Du bist der, der valiert I geh auf ’d Strossn, schau ma de Leit an, mia hobn zwoa olle vü göd, trotzdem is a jeda oam dran Wo san de Gsichta, de Die anlochn, die meistn san grantig, und des de gonze Wochn Und jetzt geht’s gut ab, i nimm mein Hut ab Des Zü is haß zum spühn, bis daß de Kohln glühn Jetz kummt da Kaisa, spüht sicha net leisa, wem des net gfoit, dem sog i hau de üba’d Häusa

He, He Wos is do los? – sad’s es wirklich olle nimma bei Trost? He, He Wos is do los? – sad’s es wirklich olle nimma bei Trost? Wos is do los? Frog i mi atemlos die Leit die drahn nan Fernseh auf und glaubn es is a Trost Millionen Billionen Trillionen Euronen fia sulche Zohlen hob i kane Neuronen olles Kreationen von Manipulationen die seit Jahrzehnten in uns wohnen es waas a jeder dass des Göd gor net mehr gibt und trotzdem moch ma olle bei dem Spül no imma mit die Zohln die werdn verschoben in Banken einigwoben die Groben die san oben und lochn gaunz gehobn Wos is do los? Frogst du bedenkenlos die Leit di drahn des Hirn ob und glauben es is a Trost i frog mi nur, wie sul des aunders werdn? hüft do beschwern, oda einfach aussiplärn? wal ans is sicha, es is zum narrischwerdn Waun die Leit sie verholten wie a Rinderherdn He, He Wos is do los? – sad’s es wirklich olle nimma bei Trost? He, He Wos is do los? – sad’s es wirklich olle nimma bei Trost?

L i s t e n to t h e m u s i c auf www.myspace.com/kaisajosel

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Literatur

Horror vacui Verfasst von Michaela Krucsay, Illustration von heymeca.deviantart.com

Das Leben: Leere im Geist der Menschheit zwischen den Zeilen: /Nichts/ Begegnung wo die Regentropfen verdampfen ehe sie die Erde berühren bleibt nur der Geschmack des Verlangens bitter erzitternd im Blut hastend durch die Gleichförmigkeit

Elegie Lust ist unlogisch ein eigen-sinnliches Wesen Erlöser oder Verräter -rettet, treibt an

zerstört wild wuchernde Schönheit selbst im Schatten des Todes regiert sie das Fleisch und umhüllt mit Pothos den Geist. Wusstet ihr nicht von den giftigen Dornen der blauen Blume?

Fragmente Fasern, gelöst aus dem stählernen Geflecht des Geniekults stumme, rostige Zeugen der Besessenheit erst Werkzeug dann Reliquie Der Schlaf schmilzt seine Gedanken warm fließend eingehüllt in die Vergangenheit träumt er im Schatten der Sykomore von der Melodie der Dämmerung

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Literatur

De Sade’s daughter by Lisz Hirn Please me at night Tease me at day Tame my lost mind Lead it astray! Wherever i run There´s nowhere to hide The stranger inside me Will stay at my side. Please, take my hand And help me to gain Whatever it takes To silent my pain!

Calypso’s Lament No. 13 by Lisz Hirn (To Niki Friedrich) Calypso calls her mighty knight To take arms against the fright Whose shadows slowly do embrace The sweet nymph of gloomy grace. The lady´s mind is not decieving Lord Odysseus knows it well At nights she still dreams of recieving A message hidden in a shell.

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Literatur

Perfektion Verfasst von Rafael Wagner, Foto von Birgit Kniebeiß Du bist die Person, die mich festhält. Mein persönlicher Fels in der Brandung. Wenn die Wellen wieder einmal drohen mich zu ertränken, kann ich auf dich zählen. Mich aussprechen und all meine Probleme auf deine Schultern laden und notfalls meine Tränen trocknen. Ich drohe oft fortgespült zu werden. Halt mich fest. Bitte. So fest du kannst. Wenn ich mich wieder halbwegs aufgerichtet habe, muss ich dich ansehen. Und ich werde neidisch. Neidisch auf deine perfekte, heile Welt, deine tollen Beziehungen und dein Glück. Warum bekommst du alles? Ich beginne zu hassen. Im selben Moment bemerke ich die Gegensätzlichkeit meiner Gedanken und ich schäme mich. Ich schäme mich und habe Schuldgefühle. Und erneut kommen riesige Wellen der Trauer auf mich zu. Ich bin am Boden zerstört. Und komme zu dir. Du fängst mich mit offenen Armen und einem Lächeln auf den Lippen. Einem Lächeln, das mich aufmuntert. Aber es ist ein falsches Lächeln. Weil es dir das Herz bricht, mich weinen zu sehen. Doch du hältst eine Fassade aufrecht, die mich tröstet und vor mir selbst schützt. Deine perfekte Welt zerbricht, genau wie dein Herz. Übrig bleibt nur leere Fassade.

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Wissen

Unsere Wahrnehmung Neben Sehen, Riechen, Hören, Schmecken und Tasten kennt die moderne Physiologie für den Menschen aber noch vier weitere Sinne: Temperatursinn (Thermorezeption) Schmerzempfindung (Nozizeption) Gleichgewichtssinn (Vestibulärer Sinn) Körperempfindung (Propriozeption) Darüber hinaus gibt es weitere sensorische Fähigkeiten, die aber nicht bewusst oder direkt wahrnehmbar sind. Beim Menschen etwa die Blutdruck-Rezeptoren im Bereich der Kehle mit denen innere Regelkreise für eine hochwertige und gleichmäßige Blutversorgung des Körpers, insbesondere des Gehirns sorgen. Bei normalem Befinden ist dieses Signal ständig gut ausgeregelt, gelingt dies jedoch nicht mehr, so treten Störungen des Gesamtzustands ein, etwa eine plötzliche Bewusstlosigkeit.

Hörschäden „Die akustische Schmerzschwelle erreicht man bei 130 dB. Die höchste Sensibilität der Warnehmung variiert je nach Alter und Geschlecht und befindet sich zwischen 1000 und 3500 Hz.“ Eine Ursache für Hörschäden ist Lärm. Bei Hörschwächen durch Lärm ist nicht nur der beruflich bedingte Lärm, sondern leider auch der Freizeitlärm. Bei den Berufskrankheiten steht trotzdem noch die Lärmschwerhörigkeit mit 8.000 neuen Berufsunfähigen pro Jahr an zweiter Stelle.

Die Geräusche und Klänge der Natur besitzen eine große Wirkung auf die Stimmungslage der Menschen: Das Plätschern der Wellen, das Tosen des Sturms, das Knistern eines Feuers, Regen, der gegen das Fenster prasselt – all diese Geräusche rufen in uns Emotionen hervor. Ob Fernweh, Melancholie oder Fröhlichkeit, sie stärken uns und bringen uns näher zu uns selbst. Das Geräusch des Meeres zum Beispiel ist natürliches weißes Rauschen und hat die psychoakustische Fähigkeit, andere Geräusche zu überdecken, nicht weil es lauter ist, sondern wegen seiner harmonischen Komplexität. „Weißes Rauschen ist ein Geräusch der Ewigkeit, ein Geräusch, das seit Millionen von Jahren erklingt.“

Töne unseres Lebens „Lichtschnelle Raumjäger gleiten mit donnernden Triebwerken elegant auf der Leinwand von Planet zu Planet, Schlachtschiffe explodieren mit lautem Getöse – die Erbsenzähler unter den Science-Fiction-Fans winken da gelangweilt ab: Im All hat Schweigen zu herrschen.“

Schallwellen Schallwellen werden durch Luft, Flüssigkeiten und Festkörper übertragen. Auf der Erde wird beispielsweise die Luft an der Quelle eines Ger-

Der Hörverlust bei Lärmschwerhörigkeit beginnt häufig bei den Frequenzen um 4.000 Hz. Oberhalb und unterhalb dieses Bereiches bleibt das Gehör zunächst normal. Auch das Sprachverständnis ist vorerst, außer beim Flüstern, nicht beeinträchtigt. Doch die Entwicklung bleibt bei weiterer Lärmschädigung nicht stehen: Immer mehr Frequenzbereiche fallen aus. Nach neuen Erkenntnissen gibt es keine Altersschwerhörigkeit im eigentlichen Sinne. Vergleichende Studien an Naturvölkern haben gezeigt, dass 70-jährige Eingeborene noch so gut hörten wie 30-jährige Städter. Tatsächlich ist der Alterungsprozess des Gehörs das Resultat aller für das Ohr schädlichen Einflüsse während des ganzen Lebens. Hier sind vor allem Lärm, Alkohol, häufige Infektionen, Nikotin und einige Medikamente zu nennen. Das Nachlassen der Hörfähigkeit im Alter hat Hörprobleme in den oberen Tonbereichen zur Folge. Konsonanten wie “K”, “L” oder “S” werden durch diesen “Hochtonverlust” nur teilweise oder nicht mehr gehört.

Vergleichende Studien an Naturvölkern haben gezeigt, dass 70-jährige Eingeborene noch so gut hörten wie 30-jährige Städter. Recherche: Mad Sin (Matthias Fabsits)

Töne des

Universums äuschs zusammengepresst und bewegt sich von dieser Stelle aus, als Druckwelle weiter. In der Leere des Alls gibt es nichts, was komprimiert werden könnte, also klingt auch nichts? Von wegen! Die unendlichen Weiten des Weltraums sind nicht völlig leer. Und selbst die geringe Dichte von Materiepartikeln genügt, um unter bestimmten Voraussetzungen Schallwellen zu transportieren, auch wenn der Schall extrem tief und leise ist und nur mit technischen Tricks in unseren Hörbereich gebracht werden kann. „2003 maß man den tiefsten Ton des Universums: 57 Oktaven unter dem mittleren C“

Urknall In den 20er Jahren hat der Astronom Edwin Hubble die beständige Ausdehnung des Universums entdeckt und den Grundstein für die Urknall Theorie gelegt. „2004 hat Mark Whittle (University of Virginia) die Wellen der kosmischen Hintergrundstrahlung, eine Art Nachglühen des Urknalls, aufgezeichnet und analysiert.“ Noch 400.000 Jahre nach dem Urknall verursachten die Wellen der Hintergrundstrahlung Schwankungen, die dem Schallpegel eines Rockkonzerts entsprechen. Das errechnete Ur-Geräusch ist mehr als 50 Oktaven zu tief für das menschliche Gehör und

lässt sich nur mit Hilfe der Technik in dem für Menschen hörbaren Bereich übersetzen. Das Ergebnis klingt wie eine Mischung aus Brüllen und einem Zischen. Die beiden tiefsten Töne des ersten kosmischen Akkords ergaben eine Dur-Terz. FeierlichEdwin Hubble majestätische Dur als Auftakt der Universums-Symphonie. Das Ganze unvorstellbar laut.

Töne der Natur Eine Zimmerfliege macht 352 Flügelschläge in Sekunde, was dem f’ in unserer Tonleiter (349,2 Hertz) entspricht. Die Hummel erzeugt einen Ton mit der Frequenz von 220 Hertz (Ton a). Die Biene führt 440 Flügelschwingungen in der Sekunde aus (a’), wenn ohne Fracht geflogen wird, und kommt bei Honigtransport auf nur 330 Hertz. (e’). Käfer erzeugen ein Brummen, da sie ihre Flügel nicht so schnell bewegen können. Die Mücken dagegen surren in einem widerlich hohen Ton, 500 bis 600 Schwingungen in der Sekunde. Zum Vergleich sei gesagt, dass die Luftschraube eines Flugzeugs im Schnitt etwa 35 Umdrehungen in der Sekunde ausführt. 151


Wissen

Im Auge des Betrachters „Dieses Bild ist wunderschön“, sagt eine Dame in der Galerie. Ein künstlerisches Attribut ist „wunderschön“ wohl nicht, vielmehr handelt es sich hierbei um eine der subjektivsten Aussagen, die man überhaupt treffen kann. Warum findet man manches schön und manches hässlich? Warum merken wir uns manche Eindrücke, während uns andere Reize gar nicht auffallen? Bevor wir über ein Bild urteilen, müssen wir unseren Blick darauf richten. Und wenig haben unsere Augen nicht zu tun. Mit demselben Augenpaar erblicken wir sowohl die Kunstwerke einer Ausstellung, als auch die Müsliriegel im Supermarkt. Visuelle Reize, die auf uns hereinprasseln, sind mächtig. Wir nehmen nicht bloß Informationen auf, wenn wir etwas sehen, wir gleichen das Gesehene auch mit unserer Erinnerungswelt ab. Hätten wir noch nie zuvor gesehen, wie ein Reiskorn aussieht, würden wir es auch nicht zuordnen können. 152

Außerdem nehmen wir auch nur das wahr, was für uns als relevant erachtet wird – den Großteil sehen wir gar nicht. Würden wir alles wahrnehmen, was um uns ist, wären wir restlos überfordert. „Was weiß der Fisch vom Wasser, in dem er sein ganzes Leben verbringt“, fragte einst Albert Einstein und will damit sagen, dass wir das Unmittelbarste oft gar nicht vernehmen. Selektive Wahrnehmung wird dieses Phänomen in der Psychologie genannt. Selbst bei der Betrachtung eines Gemäldes nehmen wir nur einen Teil davon wahr,

die Ganzheit bleibt uns verschlossen. Wir sehen und merken uns, was für uns am Markantesten erscheint. „Das, was wir vor uns sehen, blickt uns an und hallt in uns wider“ – so sagte es der französische Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman. Es sind die Farben, es sind die Motive, es sind die Ausschnitte, die Emotionen in uns wecken. Welche Emotionen das sind, das hängt von den gespeicherten Erinnerungen oder Erwartungen ab, kurz: unsere Gedankenbilder beeinflussen uns andauernd. Was wir nun als schön oder hässlich einstufen, hängt ebenfalls von unseren Wertvorstellungen ab. Wir glauben zwar, diese Entscheidung selbst zu treffen, aller­dings gibt uns eigentlich die Gesellschaft vor, was schön zu sein hat. Im Auge des Betrachters oder, besser ge­ sagt, im Kopf des Betrachters liegt das Urteil über die Schönheit eines Bildes. Fest steht nur, dass die anfangs erwähnte Dame in der Galerie positive Gefühle bei der Betracht­ung hatte. Warum genau, das kann wohl nicht einmal sie selbst sagen. Der Mensch ist ein Mysterium. Dabei bleibt’s.


Wissen

Der erste

Akt

Eine wunderbare Weise, sich auf kreative Art düstre Winterabende zu vertreiben, ist das Aktzeichnen. Ob in illustrer Runde oder in trauter Zweisamkeit: Haben Sie schon mal versucht, einen Akt zu zeichnen? Falls ja, befinden Sie sich dabei durchaus in guter Gesell­ schaft. Wahlweise verehrt oder verteufelt, spielte die Darstellung des baren menschlichen Körpers in der Geschichte der Menschheit stets eine wichtige Rolle. Die Venus von Willendorf, Adam und Eva, Michelangelos David, Hildegard Knef in „Die Sünderin“. Allesamt nackt. Im Gegensatz zu den anderen war’s die Knef allerdings nur für drei Sekunden (und löste damit 1951 einen Skandal in der deutschen Filmgeschichte aus). Heute wäre es wohl eher ein Skandal, wenn es nur drei Sekunden wären. Es hat einen Grund, warum Aktzeichnen selbst im digitalen Zeitalter an allen Kunstschulen und Universitäten als Schwerpunkt unterrichtet wird. Es ist die Königsdisziplin des Zeichnens. Von der 2-Minuten-Skizze bis zur detailliert ausgearbeiteten Naturstudie gibt es unendlich viele Möglichkeiten, den menschlichen Körper zu verbildlichen. Wer sich derart mit Licht, Schatten und Verhältnismäßigkeiten auseinandersetzt, wird viel Nutzen daraus ziehen können. Nicht nur im übertragenen Sinn. Auch beim Zeichnen und Malen aller anderen Themen. Und auch in der Fotografie. Es geht um Komposition. Und um Proportionen. Nicht am Gemächt wird hier der Mann gemessen, sondern am Kopf. Als Durchschnittsmaß für die menschliche Proportion wird eine aufrecht stehende Figur mit circa siebeneinhalb bis acht Kopf­längen bemessen. Handelt es sich gar um einen männlichen Helden, darf man auch mal auf achteinhalb Kopf erhöhen. Die Geschlechtsteile befinden sich ungefähr in der Mitte des Körpers, der Oberschenkel entspricht in seiner Länge dem Unterschenkel, die Fußlänge circa der Unterarmlänge minus Hand usw. Unter den zahlreichen Auseinandersetzung­ en des Menschen mit seinen Proportionen ist der wohl bekannteste Beitrag

Leonardo Da Vincis Skizze Der Vitruvianische Mensch (15. Jhdt.). Die Zeichnung wurde von den Schriften des römischen Architekten und Architekturtheoretikers Vitruv inspiriert und stellt den Zusammenhang zwischen dem aufrecht stehenden Menschen und den geometrischen Grundformen Kreis und Quadrat dar. Vitruvs idealisierter Mann lässt sich in beide Formen einpassen. Legt man ihn mit gespreizten Extremi­täten aufs Kreuz, setzt eine Zirkelspitze in seinen Bauchnabel und zieht anschließend einen Kreis, so werden sowohl Finger- als auch Zehenspitzen diesen berühren. Da die Arm-Spannweite unseres Idealmannes seiner Körpergröße entspricht, fügt er sich genauso problemlos in ein Quadrat. Und weil des Menschen Auge bei all der Harmonie einen Freudensprung tut, ziert der Vitru­vianische Mensch nicht nur die italienische Euromünze und allerhand Möbel sowie Kleidungsstücke, sondern spielt auch zweitausend Jahre nach Vitruv eine Rolle, wenn es darum geht, wie der Mensch sich selbst darstellt und seine Umgebung gestaltet. Doch lassen Sie sich nicht durch derartigen Perfektionismus den Spaß an der Sache verderben. Finden Sie ein passendes Modell, bringen Sie es in eine interessante Pose

und beginnen Sie, den Körper und seine Proportionen grob zu erfassen. Vergessen Sie nicht, sich das Zeichenblatt gut einzuteilen. Es gibt schon genug abgeschnittene Füße auf der Welt. Danach können Sie immer mehr in die Details gehen und den Körper plastisch herausarbeiten. Zum Beispiel, indem Sie durch eine Verdichtung von kurzen Strichen dunklere Bereiche schaffen. Nur, wie findet man nun das passende Modell für eigene Studien? Wenn Sie keinen verpflichtbaren Partner zu Hause haben, können Sie in einem Kunstkurs professio­ nelle Hilfe bekommen. Vielleicht findet sich auch ein guter Freund oder eine Freundin, um Modell zu stehen. Wenn Sie sehr viel Glück haben, kommen Sie vielleicht mit einem Anmach-Spruch wie „Du hast wunderschöne Augen. Darf ich dich aktzeichnen?“ durch. Besonders der körperbewusste Mann wird sich Ihnen sogleich begeistert darbieten. Das Wichtigste ist, wie so oft im Leben, dass man beginnt. Zeichnen kann man lernen. Für den Anfang braucht es nur Stift und Papier. Und falls das Modell fehlt, tut‘s fürs erste auch Obst oder Gemüse. Das hat ebenfalls schöne Rundungen. Text: Olivia Fürnschuss

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Wissen

Bildtechnologie Ein Ausflug auf die technische Seite der Kreativität.

Das Wort Technik stammt vom griechischen „technikós“ und leitet sich ab von „téchne“, was zu deutsch Kunst, Handwerk oder Kunstfertigkeit bedeutet. Man sieht also: Technik und Kunst sind seit je her untrennbar miteinander verbunden.

Tourguide: Cornelia Schwingenschlögl, Installation und Foto von Birgit Kniebeiß Die Bedeutung der Technik beschränkt sich in der Kunst keineswegs auf die Umsetzungsart (wie z. B. Aquarelltechnik, etc.). Ein Bereich, der gerade für bildende Künstler, Illustratoren und Grafiker sehr bedeutend ist, ist die Bildtechnologie. Sie beschreibt Gegebenheiten und Voraussetzungen und liefert Erkenntnisse, die schon bevor und während ein Bild entsteht, wichtig für das Endergebnis sind.

Die subjektive Farb- und Formenveranlagung Jeder Mensch besitzt eine ganz persönliche Farb- und Formenveranlagung. Das klingt einleuchtend. Aber warum ist die so wichtig, dass zum Beispiel Johannes Itten (Maler, Kunsttheoretiker und -pädagoge) in seinem Werk „Kunst der Farbe“ den subjektiven Farbklängen ein ganzes Kapitel gewidmet hat? Weil sie die Basis für jede echte kreative Entwicklung im bildnerischen Bereich ist. Leider spielt sie oft „hard to get“. Itten schreibt darüber: „Wer beruflich mit Farben arbeitet, hat oft Mühe, die subjektiven Farben zu finden. Manchmal realisieren Übende nur ihr Wunsch­ denken, sie malen ihre Komplementärfarben oder modisch interessante Farben, anstatt sich selbst zu reflektieren.“ Die echten subjektiven Farbklänge sind also nicht immer auf Anhieb leicht zu finden. Dabei spiegeln sie sich (immer!) auch im Äußeren des je­ weiligen Menschen wieder. Sie werden je nach Verfassung blasser oder leuchtender. Die körperlichen, seelischen und intellektuellen Komponenten des momentanen Zustands wirken darauf ein und verursachen verschiedenste Kombinationen. Der subjektive Farbakkord eines Menschen ist mehr als ein Fingerabdruck – er erfasst ihn in seiner psychischen und physischen Gesamtheit.

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Damals, als Johannes Itten sein Buch geschrieben hat, hat er Maler in drei Gruppen eingeteilt: 1. Die Epigonen Sie besitzen fast keine eigenständige Farbgebung und komponieren ihre Bilder wie ihre Lehrer oder sonstige Vorbilder. 2. Die Originalen Sie malen so, wie sie selbst sind und komponieren immer ihren subjektiven Farbklang. Auch wenn ihre Themen variieren, bleibt der Farbausdruck immer derselbe. 3. Die Universellen Diese Künstler versuchen, nach objektiven Gesichtspunkten zu komponieren. Jede ihrer Kompositionen hat einen ihrem Thema entsprechenden Farbausdruck. Das Essentielle an solchen Basisinfos ist folgendes: Diese Gruppen stellen keine Wertung dar. Es ist nicht die eine Gruppe zwangsläufig „mehr Künstler“ als die andere. Und auch die „Zugehörigkeit“ zu einer der Gruppen muss nicht unverrückbar oder absolut sein. Um sich weiterentwickeln zu können, muss man aus seinen eigenen Grenzen ausbrechen. Und dafür muss man seine eigenen Grenzen erst einmal kennen. Das gilt für jeden Lebensbereich und damit natürlich auch für die Kunst. Allerdings reicht Begabung allein nicht aus. Werden Talente nicht gefördert und gefordert, verkümmern sie. Die beste Methode, um nicht in seiner eigenen subjektiven Farben- und Formenveranlagung zu verharren, sind gezielte Aufgabenstellungen und Übungen, die einen dazu zwin­ gen, darüber hinaus zu gehen und dadurch – mit der Zeit – darüber hinaus zu wachsen.


Wissen

Ein Reim soll es sein Wortkunst Frank Ramond ist Texter für Annett Louisan, Roger Cicero und Ina Müller. Sein Geheimnis ist recht plausibel: Seine Texte sind alltagsnah gereimt, er selbst ist Musiker und er textet auf Risiko - stets ein bisschen zu provokant. Doch seine Interpreten übernehmen seine Texte mit Begeisterung. Er kreiert durch seine Reime eine Figur. Er will Geschichten konkret in Reimen erzählen, keine Abstraktionen. Seine Geschichten sollen über mehrere Ebenen interessant gestaltet sein. Er baut Spannung auf. Dazu braucht man den Kehrreim, um die Katze nach der Hälfte schon fast ganz aus dem Sack zu lassen, aber noch Stoff für Über­raschungen übrig zu haben. Er liebt es, Themen durchzudeklinieren und das Wort ganz genau zu betrachten. Was man dazu braucht? Ein phonetisches Gefühl, sprachliches Geschick und Spaß daran, mit Sprache zu spielen.

Der Rhythmus ist die Basis. Theoretische Erkenntnisse lassen sich selten in lyrische Bilder fassen. Das große Ganze ist im Gedicht meist nicht wichtig. Versformen sollten eingehalten und nach Art des Gedichtes gewählt werden. Mit freiem Dichten macht man es sich aber nicht einfacher, da es sprachlich viel präziser sein und eine Art Versstruktur vorhanden bleiben muss, um nicht in Prosa zu verfallen. Häufige Fehler: geborgte Bilder, unpassende Vergleiche, den Sachverhalt unzu­reichend zu treffen. Fremde Einfälle sollten ein Tabu sein. Man sollte nur an eigenen Einfällen basteln, um auch den ganzheitlichen Sinn zu kennen und daran arbeiten zu können.

Jedes Gedicht ist eine Annäherung an das Beschreibende. Also, nur Mut zum Gedicht! (Vera Simon) Beispielfoto

Text: Simone Jahrmann

Reimsuchmaschinen Im weltweiten Internet gibt es eine Fülle von Reimsuchmaschinen, die alle nach dem gleichen Prinzip funktionieren: Die Silben des Wortes, das man eingibt, werden aufgespalten und es wird nach den hinteren Silben gesucht (siehe Beispielfoto). Somit wird einem zwar die Suche nach dem Reim erleichtert, das Einfügen in die selbst geschriebenen Gedichte jedoch nicht erspart. Außerdem kann einem die Suchmaschine nur bei direkten Reimen helfen, wie z.B.: -tiv: attraktiv, informativ, ... aber keine indirekten Reime darauf finden, wie z.B.: Mief.

Was ist ein guter Reim? Gedichte sind eigentlich „nur“ Zeilenumbrüche, die zur verstärkten Wirkung gekonnt eingesetzt werden. Verse bilden Sinneinheiten, bei denen der Satzbau Nebensache ist. Lyrik (Gedichte) überzeugt durch die Unmittelbarkeit des Ausdrucks, des Lyrischen Ichs, soll bedeuten: das erlebende und empfindende Ich. Nur im Empfinden ist der Mensch einzigartig. Dadurch bekommt das Gedicht seine eigene Note.

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Wissen

Was wir hören Tonträgern auf der Spur

Damals, als technische Entwicklungen noch überschaubar waren, als es immer nur einen aktuellen Tonträger gab, den jedermann und jedefrau besitzen musste – wer kann sich denn daran noch erinnern?

Reportage und Fotos von Simone Jahrmann

Auf jeden Fall hat niemand von uns die Entstehung von musikalischen Aufzeichnungen miterlebt, denn dies war 1888, die braune Wachsrolle an einem Phonograph. Die Qualität dieses erstgespielten Stückes, eine Aufführung von Händels Oratorium „Israel in Ägypten“ ist heute kaum noch erdenklich: ein fernes, leises Summen. Ebenso würde kein Mensch heute eine Walze drehen, um Musik hören zu können. Einen Play-Knopf zu bedienen ist mittlerweile das höchste der Gefühle. 1897 kam dann schon die Schellackplatte auf den Markt, ein kleines zerbrechliches Scheibchen mit 12cm Durchmesser, abspielbar auf einem Grammophon und mit einer Abspieldauer von wenigen Minuten.

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Erst ab 1928 wurde das Kurbeln vom vollelektronischen Grammophon abgelöst und die Herren der Schöpfung mussten doch wieder in die Muckibude gehen, um ihren Bizeps zu trainieren. Währenddessen konnte man dann 7 Jahre später auf dem Vorgänger aller Tonbandgeräte, dem Magnetophon K1, schon 20 Minuten den Klängen aufgezeichneter Melodien lauschen. Um diesen Apparat zu heben, brauchte man jedoch doch wieder starke Männer, denn er wog an die 50kg. Mit „Portable Music“ war es also noch nicht weit her. Dann vielleicht doch die Entwicklung zur Schallplatte abpassen, denn die ließ nicht lange auf sich warten. Die Erfindungen und Neuerungen waren damals trotz des zweiten Weltkrieges schneller als der Markt. Schellack wurde 1948 durch Polyvinylchlorid (PVC) ersetzt, das schlichtweg den Namen Vinyl erhielt. Plattenspieler


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waren nun der letzte Schrei. In den 50ern wurde das Format standardisiert, die Tonqualität verbessert, das Rauschen reduziert und die Schallplatte wurde der Welthit. Dann hieß es: Let’s Rock’n’Roll. Der Hype der Tonträger war so gigantisch, dass sie die Live-Musik bei Veranstaltungen immer mehr ablösten. Die Nebenentwicklung der Tonbandgeräte – 1963 die MC (Musikcassette) – sollte auch nicht außer Acht gelassen werden. So konnte der Otto Normalverbraucher sich seine Lieblingsmusik selbst mitschneiden. Mit der Einführung der CD (Compact Disc) 1982 wurden die Schallplatte und dann auch die Tonbandkassetten fast zur Gänze abgelöst. Doch die die Nachfrage nach der schwarzen Scheibe ist nie erloschen und die Produktion der LPs hat sich in den letzten Jahren wieder vervielfacht. Allein in Europa werden seit 2010 15 Millionen Schallplatten hergestellt. Die Tonqualität der Tonträger wurde in den letzten Jahr­ zehnten immer wichtiger und daher auch vielfach diskutiert. Die digitale Weiterentwicklung wurde 1992 in Deutschland geboren: Das MPEG Audio Layer-3 (mp3)-Format. Dieses bedient sich der Psychoakustik, was bedeutet, dass nur noch Signale gespeichert werden, die das menschliche Ohr auch wahrnehmen kann. Somit ließ sich die Größe des Formats gut verringern. Wir nehmen allerdings den Unterschied nicht bzw. kaum wahr. Physikalische Tonträger verlieren heute immer mehr an Bedeutung, die digitalen Formate verbreiten sich durch das Internet schneller. Und wer hat nun noch den Überblick über die Neuerungen der Audio-Formate nach MP3, den scheinbar willkürlich aneinander gereihten Buchstaben und manchmal auch Zahlen? Es ist auch nicht so einfach: Wir, die Musikendverbraucher, haben mit sogenannten Containerdateiformaten zu tun, wie MP3, M4A, OGG oder WMA. Die darin enthaltenen Audiodaten sind mit einem sogenannten Codec komprimiert, welcher die Qualität und Datenmenge bestimmt. Hierzu ein Beispiel: Kauft man bei iTunes ein Musikstück, erhält man eine M4A-Datei mit AAC codierten Audiodaten. So der Stand der Dinge zu Beginn des Jahres 2012. Es wird im digitalen Zeitalter allerdings noch einiges an Tonträgeroptionen auf uns zu kommen. So mancher sehnt sich bei diesem immer komplizierter werdenden Namens- und Formatwirrwarr die einfache Nadel, die mit einem Knacksen die schwarzen Furchen einer Langspielplatte berührt, zurück. Die Haptik und die Eigengeräusche eines Tonträgers (der Laut einer zu Ende gespielten Kassette und das darauffolgende Klacken der Play-Taste) sind Nostalgiewerte, die physische Tonträger nie aussterben lassen.

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Synästhesie Reportage von Anne Kahle, Foto von Janina Worba

Diese Veranlagung, die Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt wurde, wird Synästhesie genannt, nach dem griechischen Wort „synaisthanomai“, was soviel wie „zugleich wahrnehmen“ bedeutet. Bei Synästhetikern werden verschiedene Sinneseindrücke miteinander verbunden, z. B. Hören und Sehen oder räumliches und zeitliches Wahrnehmen. So gibt es Menschen, die eine klare räum­ liche Vorstellung der Wochentage haben und vor ihrem inneren Auge Dienstag etwa oben und Sonntag in der Mitte sehen. Die am meisten verbreitete Form von Synästhesie ist die MusikFarben-Synästhesie. Hier werden durch Töne Farbeindrücke erzeugt. Tonarten, Tonhöhen oder Akkorde werden mit bestimmten Farben assoziiert. Der Komponist Michael Torke erstaunte als Fünfjähriger seinen Klavierlehrer mit der Aussage: „Ich liebe das blaue Stück. Das Stück in D-Dur. D-Dur ist blau.“Auch heute haben für ihn alle Tonarten die gleichen Farben, die sie in seiner Kindheit hatten. Musiker mit Musik-Farben-Synästhesie profi­tieren von dieser Begabung. Manche nutzen sie sogar, um ihre Instrumente zu stimmen. Ein berühmter Synästhetiker war Wassily Kandinsky. In seinem Buch „Punkt und Linie zur Fläche“, das 1925 veröffentlicht wurde,

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Welche Farbe hat ein A? Wie schmeckt der Klang eines Cellos? Wie riecht die Farbe Grün? Für viele Menschen mögen diese Fragen absurd klingen, doch für Synästhetiker ist die Verknüpfung von verschiedenen Sinnen so normal, dass sie sich oft nicht vorstellen können, dass ihre Wahrnehmung besonders ist. ordnet er Farben und Flächen Temperaturen und sogar Richtungen zu: „Die Horizontale ist kalte, tragende Basis, schweigend und schwarz. Die Vertikale ist aktiv, warm, weiß. Die freien Geraden sind beweglich, blau und gelb. Die Fläche selbst ist unten schwer, oben leicht, links wie Ferne, rechts wie Haus.“ Vladimir Nabokov teilte ebenfalls diese Art der Wahrnehmung. Für Ihn hatten schon als Kind Buchstaben eine bestimmte Farbe. Als er eine Box mit farbigen Holzbuchstaben geschenkt bekam, war er sehr enttäuscht, da fast allen Buchstaben die „falsche“ Farbe hatten. Die Ursachen der Synästhesie können unterschiedlich sein. Sie wird sowohl vererbt (Nabokovs Mutter z.B. war Synästhetikerin) als auch durch Gehirnschäden verursacht. Seit einigen Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler intensiver mit diesem faszinierenden Thema, um die Erkenntnisse zu erweitern. Wieviele Menschen tatsächlich Synästhetiker sind, kann nicht genau erfasst werden. Schätzungen zufolge ist es einer von 2000. Wahrscheinlich sind es aber mehr, da sich viele nicht bewusst sind, dass sie Dinge anders wahrnehmen als ihr Umfeld.


Sinn – Sinne Reportage von Lisz Hirn, Fotos von Nikolai Friedrich

Lisz Hirn ist studierte Philosophin und Künstlerin. Auf der Suche nach Futter für Sinn und Sinne ist sie dieses Mal für einige Monate in Nepal unterwegs: Im Dienste der Philosophie an der Kathmandu University und als Gesangsstudentin des letzten Hofmusikus der nepalesischen Könige, Prabhu Dhakal. Sinn und Sinne. Diese beide Worte haben mehr gemeinsam, als den meisten bewusst ist. Wir Menschen sind in jeder Hinsicht sinnliche Geschöpfe – vom Tag unserer Geburt an. Das Wort „Sinn“ heißt einmal die Bedeutung, das Allgemeine einer Sache, ein anderes Mal bezeichnet es die Organe der unmittelbaren Auffassung. Können Sinn und Sinne zusammen kommen? Und wenn ja, wie? Menschen hören, riechen, schmecken, sehen und tasten sich durch das Leben. Durch unsere Sinne bekommen wir Inputs und diese tasten wir auf Sinn ab. Das heißt, wir fragen uns, was es mit dem wahrgenommenen Zeug denn auf sich hat. Was denn der Sinn hinter all dem Sinnlichen sei. Und es gibt soviel sinnlich Wahrnehmbares in der Post-Gutenberg-Medien-Phono- und Fotografie mitsamt ihren radiophonen und televisionären Abkömmlingen (Jochen Hörisch), dass es schwer für uns ist, bei Sinnen zu bleiben. Oder Sinn hinter all dem medialen Tohuwabohu zu sehen. Wir kommen kaum aus dem Staunen und www.liszhirn.at

Zweifeln heraus, denn wir überfüttern unsere Sinne und kasteien unseren Geist. An dieser Stelle kommt im schlimmsten Fall der Psychiater, im interessantesten Fall der Philosoph ins Spiel. Philosophieren, das ist das ultimative „Sinn machen“. Man, gemeint ist damit die Schar komischer Typen, die man zumeist Philosophen schimpft, ist darauf aus, Sinn zu erzeugen und nicht unbedingt die Sinne zu erfreuen. Obgleich zu bemerken ist, dass das eine das andere keineswegs ausschließt. Vor allem im Kombination mit einer anderen äußerst wirkungsvollen Stimulanz: dem Reisen. An einem fremden Ort, an dem man sich nicht zurecht findet, die Sprache nicht spricht, die Sprache nicht versteht, andere Musik gespielt wird, sich unbekannte Gerüche aufdrängen, sprich da, wo nichts mehr einen Sinn macht, öffnen sich die Sinne besonders weit. Dieses sinnliche Chaos von Eindrücken und Erregungen kann schon mal überwältigend sein. Erträglich wird es, wenn man es schafft, diese Reize in sinnvolle Zusammenhänge zu ordnen, was neurobiologisch „Kohärenz“ genannt wird. Wenn das gelingt, kommt es zu den genialen kreativen Ergüssen, von denen alle, besonders Künstler, träumen. Jeder Gedanke, jede Reise, jede Anstrengung ist eine neue Herausforderung, Sinn und Sinne in Kohärenz zu bringen. Kein einfaches Bestreben und nicht immer von Erfolg gekrönt, auch wenn die New-AgeEsoterik- und Selbsthilfeindustrie in ihren umsatzstarken Büchern etwas anderes behauptet. In diesem Sinn ist Philosophie was für harte Jungs. 159


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Die Stimme | Teil 1

Stimme und Person

Serie von Julia Gerger

„Person“

Griech. Prósopon: Gesicht, Miene, äußere Gestalt, Maske, Rolle, soziale und moralische Rolle.

„Person“

Lat. Persona: „durch die Maske (des Schauspielers) hindurchtönen“ Nach einem stundenandauernden Prozess ist es endlich soweit. Wir haben den langen Marsch durch den Geburtskanal hinter uns gebracht, quetschen uns hinaus ins Freie um nun endlich im Hier und Jetzt anzukommen. Unsere Mutter und alle um sie Versammelten warten nur noch auf eins. Auf das Ursprünglichste, das sichere Zeichen, den Beginn des neuen Lebens. Sie warten auf den Schrei!

handelt, kommt man nicht um die Tatsache herum, dass unsere Stimme stark mit unserer Gefühlsebene in Verbindung steht. Ich möchte nun ein paar Beispiele anführen, wie man im Alltag den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Stimme und Emotion beobachten kann.

Die menschliche Stimme ist wie ein Fingerabdruck. Unter 7,01 Milliarden Stimmen ist jede dieser Stimmen einzigartig und unvergleichlich in ihrem Klang. Sie ist etwas sehr Intimes, unser persönlicher Ausdruck. Oder, wie die Wissenschaft es kunstvoll bezeichnet, ein intrapersonelles Phänomen.

Jeder und jede war sicher schon einmal in der Situation, vor einer versammelten Menge sprechen zu müssen. Der Raum wird ruhiger, die Gespräche verebben. Unser so genanntes vegetatives Nervensystem tut das, was es am besten kann, und setzt zum nächsten tollkühnen Schlag an. Dieses System ist für seine allseits beliebten Gefühlszustände jedem und jeder von uns bekannt. Es erhöht stante pede unseren Pulsschlag, kurbelt schlagartig die Schweißproduktion an und verhilft so manchen zu einer einschlägigen roten Gesichtsfarbe. So, und nun ist es an der Zeit das erste Wort an die Zuhörer zu richten. Doch… unsere Kehle schnürt sich zu. Sie fühlt sich eng und fest an. Wir haben das Gefühl es steckt uns was im Hals, wir müssen uns räuspern, aber es hilft nichts, doch da endlich kommt das erste Wort … „Ähhh.“ Ähnlich verhält es sich, wenn wir verliebt sind. Auch da schlägt, wie wir alle wissen, das Vegetativum wieder beinhart zu.

Dieser menschliche Klang entsteht im Kehlkopf, mithilfe eines fein justierten Spiels aus winzig kleinen Muskeln, dem Resonanzraum des Mund- und Rachenbereichs und der unsagbar starken Kraft der Atmung. Die Muskeln werden von Nerven gesteuert, die wiederum von unserer Kommandozentrale, dem Gehirn, kontrolliert werden. Da es sich bei unserer Spezies um sehr emotional gesteuerte Wesen

Oder aber am Telefon. Wir rufen eine uns vertraute Person an. Sie hebt ab und spricht die ersten Worte. Sofort bekommen wir einen Eindruck davon, wie es dieser Person geht. Wir fragen. „Hey alles okay bei dir?“ oder „Du klingst so fröhlich. Erzähl, was ist passiert?!“. Der unmittelbare Eindruck wird dabei einzig und allein durch den Klang der Stimme erzielt.

Und da ist er. Endlich. Der lebensnotwendige Reflex wird ausgelöst, unsere Lungen entfalten sich und mit einem 450 Hz hohen Schrei rennen wir in die Zielgerade. Wir haben gerade zum ersten Mal in unserem Leben unsere Stimmbänder in Schwingung gebracht. Und dies war erst der Anfang. Von diesem Tage an werden sie schwingen und schwingen und schwingen, uns Tag für Tag begleiten. Sie werden für und mit uns sprechen, singen, rufen, lachen, weinen und weiter schreien.

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Julia Gerger BSc ist Logopädin und Sängerin. Sie wird dem X- Rockz-Magazin weiterhin ihre Fachkenntnis zur Verfügung stellen.

Oder aber wir sprechen mit einer uns unbekannte Person. Der Klang dieses Menschen ruft ein Gefühl in uns hervor. Diese Reaktion kann über Sympathie oder Antipathie entscheiden. Jeder Mensch klingt und schwingt eben individuell. Intrapersonell. Wie jemand klingt, ist abhängig von zahlreichen Faktoren, wie zum Beispiel seiner Persönlichkeit, seiner Geschichte und dem derzeitigen Gefühlszustand. Man kann sich dabei die Frage stellen: Warum klingt dieser Mensch eigentlich SO? Einen gewaltigen Einfluss auf den Stimmklang hat hierbei die Intention des Gesagten. Will ich einen wissenschaftlichen Vortag halten, ein ein Metal-Konzert auf der Bühne ankündigen, mich reumütig entschuldigen oder gar jemanden verführen? Will ich mich beschweren, mich versöhnen, von der abgefahrenen Nacht gestern erzählen oder trau ich mich gerade zum ersten Mal für dich zu singen? Unsere Intention trägt also maßgebend zur Muskelspannung und somit zum Schwingungsverhalten unserer Stimmbänder bei. Sogar bei der Herkunft des Wortes Intention stößt man auf diesen wesentlichen Zusammenhang. Es leitet sich von dem italienischen Wort „intensio“ ab und bedeutet übersetzt „Spannung“. Unsere Intention stellt also unsere Stimme so ein, dass wir unser Ziel erreichen können. Es ist interessant, die eigene Stimme im Alltag zu beobachten und damit zu experimentieren. Man kann zum Beispiel hinhören, in welchen Situationen die eigene Stimme wie klingt, und wie sich verschiedenste Gemütszustände auf den Stimmklang auswirken. Klinge ich präsent, präzise, sachlich oder irgendwie stockend? Oder vielleicht beruhigend, sonor und entspannt? Oder gar kernig, erotisch und sexy? Worum ging es in meinem letzten Gespräch, was war der Inhalt? Wie habe ich mich dabei gefühlt? Man kann sich durch Stimmbeobachtungen ein Stück weit besser kennen lernen, höchst intrapersonell tätig sein.

Geschäftslokal: Moserhofgasse 53, 8010 Graz Ausstellungsraum: Bambergerstraße 2, 9400 Wolfsberg

Durch den engen Zusammenhang zwischen Stimme, Situation und Intention kann man auch den umgekehrten Weg gehen und zum Beispiel die Stimme bewusst ruhiger, wärmer und etwas tiefer klingen lassen, wenn man sich gehetzt und kurzatmig fühlt. Das tut gut. Damit werden Unstimmigkeiten beseitigt. Das hebt die Stimmung. Dann stimmt´s wieder.

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Wissen Teil 2

Die Stimme | Teil 2

Stimme und Körper Serie von Julia Gerger

In der letzten Ausgabe wurde die enge Verbindung zwischen Stimme, Person, Intention und Situation erklärt. In dieser Ausgabe werden noch weitere Parameter erläutert, die die Stimme maßgeblich beeinflussen. Bei diesen Parametern handelt es sich um Atmung, Tonus und Artikulation. Ein wesentlicher Faktor, der den Stimmklang beeinträchtigt, ist die Atmung. Ohne Luft kein Klang, ohne Luft kein Sprechen. Klar. Ein gesundes Atemmuster ist dann gegeben, wenn man „costoabdominal“ atmet. Das heißt, dass die vielen Atem- und Atemhilfs­ muskeln, die den Lungen zu einer optimalen Füllung und Ent­ leerung verhelfen, optimal genutzt werden. Die Rippen (costae) und der Bauch (abdomen) werden beide dabei gemütlich und gleichmäßig bewegt. Jedem ist diese Atmung sicher als „du musst in den Bauch atmen“ bekannt. Diese costo-abdominale Atmung ist die Grundvoraussetzung für einen vollen und weichen Stimmklang. Viele Menschen neigen zu einer sogenannten Hoch­ atmung. Dabei wird beim Atemvorgang vorwiegend der Brustkorb gehoben. Der Bauch bewegt sich kaum bis gar nicht. Dies kann vielerlei Ursachen haben. Zwei dieser Ursachen möchte ich hier kurz herausheben. Zum einen kann es Ausdruck von Stress sein. Vor lauter „jetzt muss ich noch das machen, damit sich das dort noch ausgeht, dann muss ich dorthin und, ja genau, den Anruf darf ich auf keinen Fall vergessen, oh Gott, ich habe ja vergessen, dass …“. PUH! Pause! Da wird einem ja ganz schwindlig vor lauter kurzen, schnellen und hohen Atemzügen. Zum anderen existiert eine verheerende und weit verbreitete Angewohnheit, vor allem im weiblichen Teil der Be­völkerung – der sogenannte Beauty Reflex. Bei diesem „Reflex“ spannt der oder eben oft DIE Betroffene konstant den Bauch an, um schlanker zu wirken und der Massenwerbung zu entsprechen. Man kann sich vorstellen, dass es bei derlei Gedankengut nicht viel Platz für eine ausgewogene Bauch­ atmung gibt. Der Glaube, dass mit einem grossen Bauch grosses Leid Einzug hält ins Leben der Frau, hat fatale Folgen für Atmung, Stimme und Stimmung.

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Sofort abgewöhnen, weil Psyche und Atmung eng verbunden sind und … weil extrem ungesund. Übung zur costo-abdominalen Atmung: In Rückenlage eine Hand flach auf den Bauch legen, die Bewegungen der Bauchdecke und den Atemrhythmus wahrnehmen: Einatmen – Ausatmen – Atempause. Ruhig und sanft atmen. Sich etwas Gutes damit tun. Den Atemstrom genießen. Wenn der Bauch sich nicht bewegt, bewusst zur Hand hin atmen, den Bauch vergrößern, richtig aufblähen, versuchen, die Hand mit dem Bauch wegzudrücken. Danach kann die Übung im Sitzen und im Stehen ausgeführt werden. Ein weiterer beeinflussender Faktor bei der Stimmgebung ist der Muskeltonus bzw. die Haltung. Wie in der letzten Ausgabe bereits erwähnt, wird der Stimmklang durch ein ausgefinkeltes Zusammenspiel von vielen winzigen Muskeln im Kehlkopf gebildet. Diese Muskeln haben zum Einen die Aufgabe, den Kehlkopf zu stabilisieren, und zum Anderen, die Stimmlippen optimal zu spannen. Die Stimmlippen bestehen aus dem Musculus Vocalis und den Stimmbändern. Man hat zwei davon. Rechts und links. Die Länge eines Muskels beträgt bei Frauen 13 bis 17 mm, bei Männern 17 bis 24 mm. Verdammt kurz. Diese Mini-Muskeln beginnen mithilfe des (costo-abdominalen) Atemdrucks und der Intention, etwas sagen, singen oder schreien zu wollen, zu schwingen. Jetzt kommt’s: Wenn man nun z.B. sprechen möchte, dann fangen die Vocalis-Muskeln zu schwingen an, beim Mann 100 bis 150 Mal pro Sekunde, bei der Frau meist noch öfter (200 bis 250 mal) – deshalb haben Frauen meist höhere Stimmen. Diese Schwingung wird in Hertz (Hz) gemessen. Man kann sich also vorstellen, dass unser Kehlkopf eine höchst

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verantwortungsvolle Aufgabe hat. So eine muskuläre Feinjustierung ist keine einfache Sache. Zum Glück steht er ja keinesfalls allein da. Unser Körper ist übersät mit Muskulatur, von Kopf bis Fuß, von innen nach außen. Wir werden mithilfe unserer Muskeln bewegt, gehalten, beatmet, durchströmt von Blut – die Liste ist lang. Der Kehlkopf ist im Halsbereich in unseren Körper eingebettet. Die Kehlkopf-Mini-Muskeln sind verbunden mit der Zungen- und der Halsmuskulatur. Diese wiederum sind mit dem Schultergürtel verbunden. Der Schultergürtel mit dem Rücken, der Rücken mit dem Becken usw … eben verknüpft von Kopf bis Fuß. Aus diesem Grund beeinflusst die allgemeine Muskelspannung im Körper (=Muskeltonus) auch unseren Stimmklang. So­gar die Fußstellung wirkt sich auf die Stimme aus! Wer hätte das gedacht? Daraus ergibt sich also, dass unsere Körperhaltung den Klang maßgebend beeinträchtigt. Versuch mal zum Beispiel einen Song in gekrümmter Körperhaltung zu singen und danach auf­recht stehend. Klarer Fall. Übung zur Lösung festgehaltener Spannung und Lockerung der Muskeln und Gelenke: Locker stehen, Füße hüftbreit auseinander, Knie und Fußgelenke locker, Oberkörper aufrecht. Jetzt beginnen, leicht mit den Knien zu wippen. Die Bewegung langsam steigern. Alle Muskeln und Gelenke locker lassen, besonders Kreuzbein-Lenden-Gebiet, die Schultern und Arme und den Unterkiefer. Vorstellungshilfe: Wie eine Marionetten-Puppe, alles hängt locker vom Körper runter, nur die Knie wippen. Die restliche Körper wird nur durch das Wippen der Knie bewegt. Der letzte Punkt, auf den ich hier eingehen möchte, ist die Artikulation. Mit Artikulation ist das Zusammenspiel von Kiefer, Zunge und

Lippen gemeint. Eine präzise Artikulation und eine angemessene, aber lockere Kieferöffnung unterstützen die Stimmfunktion. Das Beibehalten einer entspannten Weite des Mundraumes während des Sprechens fördert die Resonanzbildung. Die Artikulation wirkt sich also auf die Resonanz, die Lautstärke, den Stimmklang und auch auf die Anstrengung bei der Stimmgebung aus. Der Ausspruch „Fest die Zähne zusammen beißen und durch!“ ist vielerorts bekannt. Versuch es mal. Beiß fest die Zähne zusammen und sag was Romantisches. Oder versuche dabei zu singen. Wie klingt denn die Stimme dabei? Passt das zusammen? Eher nein. Der Muskel, der sich an der Wange anspannt beim „Zähnezusammenbeißen“ wird übrigens auch als Stress-Muskel bezeichnet. Die Spannung steigt mit dem Stresspegel. Deshalb wirkt Kauen entspannend und baut Stress ab. Übung zur Lockerung und Weitung der Artikulationsorgane: Stell dir vor, du hättest ein riesiges Stück Kaugummi im Mund. Versuche, bei geöffnetem Mund so große Kau- und Kieferbewegungen wie möglich zu machen. Danach dieselbe Kaubewegung mit geschlossenen Lippen ausführen. Als Drittes mit geschlossenen Lippen die Außenseite der Zähne mit der Zungenspitze „putzen“. Dabei große Kreisbewegungen ausführen und bei jedem Zahn zehn Sekunden verweilen. Jede der drei Übungen mindestens 60 Sekunden ohne Unter­ brechung durchführen! Dies war ein kurzer Überblick über das Zusammenspiel von Stimme und Körper. In der nächsten Ausgabe wenden wir uns dem Thema „Stimmhygienische Maßnahmen“ zu, mit praktischen Tipps, wie man die Stimme im Alltag schonen kann.

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Die Stimme | Teil 3

Stimmhygiene Serie von Julia Gerger

Unsere Stimme ist täglich großen Anforderungen ausgesetzt. Sprechen, rufen, singen oder gar schreien und rauchen beanspruchen unsere Stimmlippen und unseren Stimmapparat Tag für Tag. Wie können wir im Alltag unsere Stimme und deren Klang schützen? In dem vorliegenden Artikel findet man praktische Hinweise zur Stimmschonung und präventive Maßnahmen zum Schutz vor Stimmstörungen, sowie praktische Anleitungen zu stimmhygienischen Übungen. Über die Stimme werden Gefühle, Emotionen und Inhalte vermittelt. Sie ist somit ein wesentlicher Aspekt der zwischenmenschlichen Kommunikation. Ein bewusster Umgang ist der erste Schritt, um seine Stimme gesund zu erhalten. Folgende Punkte sind für den Alltag empfehlenswert: Körperhaltung Eine aufrechte Körperhaltung und regelmäßige Bewegung (auch in frischer Luft) verbessert die Resonanz der Stimme. Sprechen bei Lärmbelastung Die Leistungsfähigkeit jeder Stimme ist begrenzt. Eine permanente Überbeanspruchung kann zu einer Stimmstörung führen. Ratsam ist es, einen ruhigen Platz für Besprechungen und Gespräche zu suchen. Distanzen zu Gesprächspartnern sollten möglichst kurz gehalten werden. Telefonieren Das Telefonieren beansprucht die Stimme im besonderen Maße, weil dabei die Stimme alleiniges Kommunikationsmittel ist. Während des Telefonierens ist auf Kopfhaltung und Lautstärke zu achten.

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Räuspern vermeiden Permanentes Räuspern beansprucht die Stimmlippen. Diese reiben sich dabei förmlich aneinander auf. Etwas schonender ist es, vorsichtig zu husten (hüsteln) statt zu räuspern. Manchmal hilft auch ein Schluck Wasser, um das lästige Gefühl in der Kehle („Frosch im Hals“) loszuwerden. Auch einige Male trocken zu schlucken, ist ein alltagstaugliches Mittel.

Luftfeuchtigkeit/ Trinken Der Sprechapparat ist mit Schleimhaut ausgekleidet. Nur eine gut befeuchtete Schleimhaut ist elastisch und kann schwingen. (Gesunde Stimmlippen schwingen beim Sprechen 150 – 250 Mal pro Sekunde.) Damit diese nicht austrocknet, hilft es, ausreichend Flüssigkeit in kleinen Schlucken über den Tag verteilt zu trinken. Besonders auch dann, wenn die Luftfeuchtigkeit gering ist, z. B. in beheizten Räumen. Eine gute Alternative ist auch das Lutschen von Pastillen (Emser Pastillen, Isla Moos, Ipalat, Grether’s Pastillen etc.). Zu scharfe Hustenbonbons (Menthol, Eukalyptus) trocknen die Schleimhäute zusätzlich aus. Regelmäßiges Inhalieren mit nicht zu heißem Dampf befeuchtet die Schleimhäute und ist somit gut für die Stimme.

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Stimmruhe Bei jeder Erkältung mit Heiserkeit ist die Stimme zu schonen. Andernfalls könnte es zu langandauernden Stimmproblemen kommen. Die durch die Erkältung angegriffenen Stimmlippen werden durch permanentes Sprechen stark überlastet, sodass es zu Ermüdungserscheinungen der Muskeln kommen kann. Die Stimme klingt dann kraftlos und leise, die Kopfstimmfunktion bei Sängern ist eingeschränkt. Das bedeutet für Personen in Sprechberufen, ihren Unterricht, ihre Vorlesung oder Besprechung abzusagen. Flüstern vermeiden Beim Flüstern ist die muskuläre Beanspruchung der Stimmlippen größer als beim normalen Sprechen. Vor allem bei Erkältungen mit Heiserkeit ist Flüstern als Schonhaltung kontraproduktiv, da es die Stimmlippen dauerhaft schädigt. Auch wenn die Stimme heiser klingt, wird empfohlen in normaler Lautstärke zu sprechen. Gähnen Gähnen ist ein wirksames Mittel, die Muskeln oberhalb des Kehl­ kopfes zu dehnen und wirkt gegen Enge- und Kloßgefühle in der Kehle. Rauchen vermeiden Sowohl Aktiv- als auch Passiv-Rauchen greift die Schleimhäute an und es kann zu Veränderungen in den oberen Zellschichten führen. Lebenseinstellung Man sollte nötigenfalls die Lebensumstände überdenken und bei Stress Energiequellen im Alltag finden, sowie Ressourcen aktivieren und Regenerationsphasen einhalten. Auch eine gesunde Ernährung wirkt sich auf die Stimme aus: Leicht verdauliche, nicht zu stark gewürzte Nahrung ist zu empfehlen. Alkohol in Maßen und nicht zu spät abends essen (zwei Stunden vor dem Schlafengehen). Ein Leben in körperlich-seelischem Einklang bildet die Grundlage für eine klangvolle, ausdrucksstarke Stimme. Atmung Eine freie, unbehinderte (Nasen-)Atmung bildet die Basis für eine gesunde Stimmgebung. Beengende Kleidung schränkt den Atemfluss ein und kann zu einer Hochatmung führen. Beim Sprechen soll nicht geräuschvoll eingeatmet werden. Weiters sollte zu kalte,

staubige oder trockene Luft wenn möglich vermieden werden (z. B. im Winter nasse Tücher auf die Heizung legen). In Berufen, bei denen die Stimme als Kommunikationsmittel unerlässlich ist und mehr als 50 % eingesetzt wird ist empfehlenswert sich ein Basiswissen in Stimm- und Sprechtechnik anzueignen. Davon sind mehr als 80 % aller Berufsgruppen betroffen!

Morgenübungen zur Stimmpflege (Quelle: Evemarie Haupt, Logopädin, Sängerin): 1. Seufzer-Übung: Über die Schulter schauen (Einatmung) – in die Mitte zurück mit leisem Seufzerton, lächelnd 2. Gähn-Übung: Rechte Schulter langsam kreisen, dasselbe links. Dasselbe mit Gähnen und Mundform beibehalten über den Schluss hinaus. Dasselbe mit „mjam-mjam-mjam…“ und „hoooo…“ 3. Manuelle Vibration: Die Hände liegen seitlich an den unteren Rippen auf Atembe wegung spüren. Sehr leise Summtöne auf „m, n, ng“ und die Hände vibrieren federnd mit, Einatmung kommen lassen. Oben – Mitte – unten – seitlich – hinten möglich. 4. Das kleine bdu: Über das Gesicht streichen, dann leichtes Zupfen im Gesichts bereich Dazu sehr leise „bdu“ phonieren auf verschiedene Ton höhen. Der Kiefer geht bei „u“ nach unten und zurück in leichte Lächelstellung (reflektorische Einatmung), Spiegel hilft. Das leise Tönchen klingt wie ein kleiner Tropfen.

Quellen: „Stimmhygienische Massnahmen“ von Heike Muench, MSc & Anna Steiner BSc Logopädische Abteilung - KH der Elisabethinen, Graz; „Ein Leben in körperlich-seelischem Einklang bildet die Grundlage für eine klangvolle, ausdrucksstarke Stimme.“ Von der Phoniatrischen Abteilung der HNO – LKH Graz; „Morgenübungen zur Stimmpflege“ von Evemarie Haupt (Logopädin, Sängerin)

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Fotografie | Teil 1

Der Beginn der Fotografie Zeitreise von Birgit Kniebeiß

A m A n fa n g wa r d i e C a m e r a o b s c u r a – klingt obskur? Ist es aber nicht. Gewöhnlich sind Menschen im Besitz von nicht nur einer sondern gleich zwei dieser Gerätschaften. Ich spreche hierbei über unsere Augen, die nach demselben Prinzip funktionieren. Diese Erkenntnis verdanken wir Leonardo da Vinci. Das Prinzip der Camera obscura (Latein für „dunkle Kammer“) ist allerdings schon länger bekannt und leicht erklärt. Sie besteht aus einem komplett abgedunkelten Raum oder Behältnis, welches an einer Seite ein kleines Loch besitzt, durch das Licht einfallen kann. Daraus ergibt sich ein auf dem Kopf stehendes Abbild auf der gegenüberliegenden Seite. Dieses Prinzip ist schon zwischen 384–322 v. Chr. entdeckt worden. Allerdings gelang es der Menschheit erst im 13. Jahr­hundert, Einsatzmöglichkeiten für dieses Gerät zu finden. Sie wurde von Astronomen zum Beobachten von Sonnenflecken und Sonnenfinsternissen benutzt, um nicht mit dem bloßen Auge in das helle Licht der Sonne blicken zu müssen. Ein Bild konnte man schon erzeugen, aber von einem Foto war man noch meilenweit entfernt, da das Aufnahmematerial, also der Film, fehlte. Trotzdem war der Siegeszug der Camera obscura nicht aufzuhalten. Im 17. Jahrhundert etablierte sie sich als Zeichenhilfe für Maler. Man konnte in ihr die Landschaft auf Papier abmalen und dabei alle Proportionen richtig wiedergeben. Dies war anfangs noch umständlich, da man einen ganzen betretbaren Raum brauchte. Es wurde erst später 166

durch den Einsatz einer Linse einfacher, die es ermöglichte, die Camera obscura kleiner und somit auch transportabler zu entwerfen. Dies setzte sich im 18. Jahrhundert so stark durch, dass sie zur Standardausrüstung der Künstler wurde. Am Ende des 18. Jahrhunderts kamen wir der Entwicklung eines „Films“ für die Kamera schon näher. Experimente mit lichtempfindlichen Materialien ermöglichten es, schon ein flüchtiges Bild mit der Camera obscura festzuhalten. Es gelang, das Motiv für einen bestimmten Zeitraum aufzuzeichnen. Sobald es jedoch erneut der Sonne ausgesetzt worden war, schwärzte sich das gesamte Bild. Das Rätsel, wie man die in Gang gesetzte chemische Reaktion wieder stoppen konnte, musste noch gelöst werden. Die ersten auf diese Art entstandenen Bilder erregten große Aufmerksamkeit, konnten aber nur, fast verstohlen, im Licht einer Kerze präsentiert werden, um die Bilder vor starkem Lichteinfall zu schützen. Die Gebrüder Niépce – beide sehr geschickte Erfinder – experimentierten auch mit dem Festhalten der Bilder, die durch die Kamera erzeugt wurden. Sie waren im Gegensatz zu ihren Kollegen erfolgreich, und so entstand ca. 1827 das erste Foto der Welt: Der Blick aus dem Fenster ihres Arbeitszimmers. Das Bild benötigte eine Belichtungszeit von sage und schreibe acht Stunden. Somit war es möglich, Gebäude festzuhalten. Aber ein Abbild von Menschen oder bewegten Gegenständen zu erschaffen, war auch mit dieser Methode zum Scheitern verurteilt. Diese harte Nuss

musste noch geknackt werden. Wie sollte man die Belichtungszeit verkürzen? Wie oft in der Wissenschaft, war es auch diesmal bloßer Zufall, der die Lösung des Problems brachte. Louis Daguerre belichtete eine Fotoplatte, brach den Vorgang dann aber ab, weil das Wetter nicht mitspielte. Er verstaute die Platte in seinem Chemikalienschrank. Als er sie später wieder herausholte, entdeckte er überrascht, dass sich auf ihr ein Bild abzeichnete. Irgendetwas in seinem Schrank musste also die Belichtungszeit der Platte verkürzt haben, nur was war es gewesen? Um das herauszufinden, machte er weitere Fotos und legte sie in den Schrank. Von Bild zu Bild entfernte er jeweils eine Chemikalie. Bei dem letztem Bild blieben nur noch ein paar Tropfen versehentlich verschütteten Quecksilbers zurück. Da begriff Daguerre, dass es sich bei des Rätsels Lösung um Quecksilberdämpfe handelte. So gelang es ihm, die Belichtungszeiten von acht Sunden auf vier Minuten zu reduzieren. Dieses entwickelte System hatte fast zwei Jahrzehnte lang die Vorherrschaft. Der Begriff „Fotografie“ war noch lange nicht erfunden, aber damals war die „Daguerreotypie“ in Aller Munde und der Grundstein für die Fotografie, wie wir sie heute kennen, wurde gelegt.

Um sich selbst in einfachere Zeiten zurück zu versetzen, haben wir euch einige Bastelanleitungen als Inspiration unter www.x-rockz-magazin.com zum Download zur Verfügung gestellt.


Wissen Dirkon – die Papierkamera Der Ausschneidebogen der Lochkamera erschien 1979 in dem Magazin „ABC für angehende Techniker und Naturwissenschaftler“ in der ehemaligen Tschechoslowakei (Download unter www.x-rockz-magazin.com). Der Beitrag und die Konstruktion stammten von Martin Pilný, Mirek Koláf und Richard Vyslkovský. Der Name ist eine Wortschöpfung aus dem tschechischen Wort für Lochkamera (dírka) und der Verballhornung von ‘Nikon’.

Die Lochkamera (Camera obscura) heute Einige Fotografen nehmen sich der Urform der Fotografie heute noch an, wie zum Beispiel die deutsche Fotografin Vera Lutter, welche ganz nach antikem Vorbild begehbare Lochkameras konstruiert. Bevorzugte Motive sind Stadtansichten oder Industriebauten. Es ergeben sich dabei Belichtungszeiten von einigen Stunden bis zu einigen Tagen. In dieser Zeit hält sich die Künstlerin zumeist in diesen abgedunkelten Räumen auf, um bei Bedarf Einfluss auf die Belichtung zu nehmen. Der besondere Reiz an diesen Bildern ist, dass es großformatige, menschenleere Unikate sind, da sich die Personen zu schnell durch die Bilder bewegen und somit nicht mehr abgebildet werden können. Bastelanleitung: Am besten eignet sich dafür eine digitale Spiegelreflex-Kamera oder eine Kamera mit Wechselobjektiv. Den Gehäusedeckel der Kamera suchen. Nachdem dafür die halbe Wohnung auf den Kopf gestellt wurde, ein Loch in den Deckel schneiden. Dieses Loch mit Blech (z. B. Cola Dose) verschließen. In das besagte Blech nun mit einer Nadel ein kleines Loch machen und fertig ist die DSLLochkamera. Die Lochkamera heißt im englischen „pinhole camera“, da das „Linsenloch“ meist mit einer Stecknadel gestochen wird.

Abschließen möchte ich mit einer kleinen aufmunternden Anekdote: Helmut Newton ist im Restaurant: Der Koch: „Ihre Fotos gefallen mir, Sie haben bestimmt eine gute Kamera.“ Newton nach dem Essen: „Das Essen war vorzüglich – Sie haben bestimmt gute Töpfe.“ Ein guter Topf macht noch keinen guten Koch genauso wenig wie ein guter Fotoapparat einen guten Fotografen macht. Also rann an die Schere und probiert aus, was ihr alles aus der günstigsten Kamera der Welt raus­ holen könnt!

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Fotografie | Teil 2

Die Daguerreotypie (Das erste praktikable Fotografische Verfahren) Zeitreise von Birgit Kniebeiß

Ein Spiegel mit Gedächtnis wurde diese Erfindung damals genannt, doch den wenigsten von uns ist dieser Meilenstein der Fotografie noch in Erinnerung. Zu unrecht, wie wir meinen, und wir wollen mit diesem Bericht Abhilfe schaffen. Louis Daguerre veröffentlichte 1893 sein nach ihm benanntes fotografisches Verfahren, das Begeisterungsstürme auslöste. Noch im selben Jahr erwarb der französische Staat die Rechte daran. Daguerre und der Sohn von Niepce erhielten für ihre Leistung eine le-benslange Rente von 6000 Franc jährlich. Der großzügige französische Staat stellte die Nutzung dieser Erfindung jedermann unentgeltlich zur freien Verfügung. Die Regierung war sehr bemüht, das neu entdeckte Medium zu verbreiten und beauftragte Daguerre damit, öffentliche Vorführungen für die französische und für die Bevölkerung anderer europäi­scher Staaten abzuhalten. Was das Publikum vor allem störte, war der anfangs hohe Preis für die Kamera und das Entwicklungszubehör. Der Preis betrug 400 FF, fast ein komplettes Monatsgehalt, und die Sperrigkeit der Geräte trug auch nicht gerade zu ihrer Beliebtheit bei. Bald darauf wurden die Kastenkameras kleiner, die Maße für die zu belichtenden Platten standardisiert (Maßstandarts, die wir heute noch kennen) und somit konnte auch der Preis gesenkt werden. Nun war

die Daguerreotypie zugänglicher und eine neue Berufsgruppe konnte sich bilden. Die ersten Aufnahmen stammten von Architekturmotiven und Sehenswürdigkeiten in fernen Ländern, welche dann mit herkömmlichen Druckverfahren vervielfältigt wurden. Dies ist auch der Hauptgrund, warum wenige der frühen Daguerropienen erhalten geblieben sind, da sie durch die Anfertigung von Kupferstichen zerstört wurden. Diese Drucke wurden auch in Zeitungen veröffentlicht, wodurch sich schon ankündigte, dass das Abzeichnen der Natur von dem neuem Medium abgelöst werden würde. Obwohl viele dieser Drucke, die anhand von Daguerrotypien gefertigt wurden, zahlende Abnehmer fanden, waren die Menschen etwas enttäuscht, da das Bedürfnis nach einem eigenen Abbild, nach einem Portrait, nicht gestillt werden konnte. Um Menschen abzubilden war die Belichtungszeit immer noch zu hoch. Daguerre selbst zweifelte daran, dass es ihm je gelingen würde, mit seiner Erfin-dung ein natürliches Portrait zu fertigen. Andere Ateliers versuchten die Belichtungszeit zu verkürzen, indem sie mit großen

Spiegeln das Sonnenlicht einfingen, um so ihr Motiv besser ausleuchten zu können. Doch dies war alles andere als angenehm für die zu Porträtierten, da diese acht Minuten regungslos dasitzen mussten, mit dem grellen Sonnelicht im Gesicht, das die Augen tränen ließ. Solange man solche Qualen auf sich nehmen musste, hatten diese Ateliers noch keinen großen Zulauf. All das änderte sich erst mit einigen technischen Revolutionen. Zum einen brachte gegen Ende 1840 der Wiener Peter Friedrich Voigtländer ein verbessertes Objektiv auf den Markt, das 22 mal so lichtstark war als jenes, das Daguerre benutzt hatte, und zum anderen wurde die Lichtempfindlichkeit der Platte gesteigert durch einen weiteren Halogenüberzug auf der jodierten Platte. Dem „Quick-stuff“, wie die englischen Daguerreotypisten den Beschleuniger nannten, und dem neuen Objektiv war es zu verdanken, dass man nun Portraitaufnahmen in weniger als einer Minute fertigen konnte. Eine optische Verschönerung der Daguerreotypien gelang durch die Erfindung des Goldbades, wodurch die Schatten des


Bildes kräftiger wurden und das Gesamtbild gefälliger. Mit diesen technischen Verbesserungen schossen die Portraitateliers in Nordamerika und Europa wie Pilze aus dem Boden. Eröffnen konnte solch ein Atelier fast jeder, innerhalb von zwei Wochen waren die technischen Fertigkeiten erlernt. Es wurde auch mit dem Slogan geworben, dass man ein Atelier eröffnen konnte und dafür „keinerlei wissen über Malerei brauchte“. Dennoch befanden sich unter den Inhabern der damaligen Fotostudios einige Portraitmaler, die nun umsattelten da sie sich um ihre Existenz sorgten. Das Verlangen nach Portraits war gewaltig und nachdem die Herstellungskosten relativ gering waren, konnte es sich nahezu jeder leisten, porträtiert zu werden. Obwohl die Belichtungszeit von acht Minuten auf nur noch zirka 20 Sekunden gesenkt wurde, war dies immer noch eine äußerst lange Zeit um regungslos dazusitzen. Man musste mit dem Operateur, so hießen die damaligen Fotografen, eng zusammenarbeiten um ein gutes Ergebnis zu erhalten. Denn wen man sich bewegte oder eine zu unnatürliche Haltung einnahm, war das Bild unbrauchbar. Hierbei gab es Hilfsmittel wie z.B. die Kopfstütze, die den abgebildeten Personen das lange Verharren in ihren Positionen vereinfachen sollten. Zur gleichen Zeit erlebte auch die Karikatur einen Aufschwung und so war es nicht selten, dass die Fotografie zum Zielobjekt des Hohns wurde. Zahlreiche Karikaturen von Menschen in Haltevorrichtungen ver­ spotteten die Portraitfotografen. Dies tat der Nachfrage an Portraits jedoch keinen Abbruch. Besonders Familienbilder waren sehr begehrt, was wahrscheinlich mit dem Wissen um die eigene Sterblichkeit zusammenhängt. Fast jedes Atelier bot auch posthume Portraits an. Am meisten verbreitet war zu dieser Zeit das Dreiviertelportrait oder auch „Knieportrait“.

Auch in Europa gab es zahlreiche Daguerreotypisten, aber mit der größten Begeisterung nahmen die Amerikaner sie an. So ist es auch kein Wunder, dass eine Maschine, die das mühselige Polieren der Silberplatten übernahm, aus Amerika stammt. Die Ateliers wurden zu regelrechten Bild­fabriken. Ein New Yorker Atelier rühmte sich einer Tagesproduktion von 300 bis 1000 Portraitaufnahmen. 1853 gab es bereits 86 Ateliers in New York. Trotz ihrer Beliebtheit hat die Daguerreotypie einige Nachteile, die ihr ein Ablaufdatum bescherten.

Einmal ganz vom gesundheitlichen Aspekt (das ständige hantieren mit Quecksilberdämpfen) und den noch immer recht langen Belichtungszeiten abgesehen, war das größte Problem, dass sie nicht reproduzierbar war. Jede Daguerreotypie ist ein Unikat und lässt sich nur durch erneutes Abfotografieren vervielfältigen. In Europa war der Beruf des Daguerreotypisten schon 1856 fast ausgestorben. In Amerika blieben solche Ateliers noch etwas länger erhalten, aber 1864 konnte man den Beruf des Daguerreotypisten auch nicht mehr im amerikanischen Branchenver-

Wie kann man sich nun eine Daguerreotypie vorstellen? Die Aufnahme wurde auf einer Silberplatte oder später, um Kosten zu sparen, auf einer versilberten Platte gebannt. Obwohl die Daguerreotypie dem positiv Verfahren zugeordnet wird, hängt es vom Lichteinfall ab ob man sie als Negativ oder als Positiv wahrnimmt. Dies kommt zustande, da die hellen bzw. weißen Stellen durch eine matte helle Amalgamschicht und die Schattenpartien der Aufnahme durch das blanke Silber repräsentiert werden. Je nachdem ob sich darin Licht oder Dunkelheit spiegelt, sieht man das Negativ oder das Positiv. Wegen diesem Umstand war es äußerst unüblich, Daguerreotypien an die Wand zu hängen. Man stellte sie lieber auf damit der Betrachter sie in die Hand nehmen und so neigen konnte, dass das Abbild richtig erschien. Daguerreotypien mussten auch immer hinter Glas geschützt werden, da die Oberfläche, auf der sich das Bild abzeichnete, sehr dünn und verletzlich war. Sie wurde mit einem Schmetterlingsflügel verglichen, den man beim Reinigen einfach wegwischen konnte. Zum anderen war das Glas auch wichtig, da es somit möglich war, das Bild luftdicht zu versiegeln, was für die Haltbarkeit der Darstellung von Nöten war. Die Luft enthält Schwefelpartikel, die mit dem Silber der Platte reagieren und Silbersulfat bilden. Dadurch entsteht eine bläulich schwarze Färbung auf der Daguerreotypie und zerstört sie letztendlich. Wenn man eine Daguerreotypie richtig aufbewahrt. erweist sie sich allerdings als besonders haltbar, da sie auch bei Sonnenlicht nicht ausbleicht wie die heutigen Fotografien.

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Wissen

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Guitar: Solo Lite (Android) Wohl eine der beliebtesten Musik-Apps am Android Markt. Spiele auf deinem Smartphone Gitarre! Auch diese App hat eine Akkordbibliothek, in der du dir die einzelnen Griffe zeigen lassen kannst.

Strasser Harmonika (iphone, iPad, Android) Hier kannst du auf einer originalgetreuen Ziehharmonika dein Bestes geben, kannst es aufnehmen und verschicken. Ziehen kannst du mit einem Slide. Wenn du noch nicht spielen kannst, kannst du dir Walzer, Polka etc. „vorspielen“ lassen. Die App wurde in Graz entwickelt.

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djay (iPhone, iPad, iPod Touch, Mac) Für Android-User ähnlich gut: Droid DJ Eine Dj-App für Anfänger und Profis, von der du auf deine Musiksammlung zugreifen und mit vielen Mixing Tools deine eigenen Mixes erstellen kannst – live oder zum Aufnehmen. Wenn du nicht alles selbst machen willst, kannst du den Automix-Modus mit automatisierten Übergängen verwenden (Fade, Backspin, Reverse, Brake, Random). Natürlich kannst du hier scratchen, loopen und mit Kopfhörern vorhören. Du hast eine BPM Analyse mit automatischer Beat- und Tempoanpassung, Pitch-Bend und Cue Point Trigger. Der Designer der App stammt aus Graz.

Stimmgeräte Der Stimmgeräte haben sich viele verschiedene Appentwickler angenommen. Gute Gratistools sind TyroTuner (iPad, iPhone, iPod touch) oder Free guitar tuner (Android). Wenn du ein etwas genaueres Stimmgerät haben möchtest, musst du dafür in die Tasche greifen und wählst dann am besten Cleartune (iPhone, iPad, iPod touch, Android) oder Ultimative Guitar Tools (iPhone, iPad, iPod touch, Android), welches du mit Ultimate Guitar Tabs (siehe weiter unten im Text) kombinieren kannst.

Metronome Metronome kann man in jeder Preis­klasse und in jedem Design bekommen. Gratis und simpel bekommst du das Metronom – reloaded (iPhone, iPad, iPod Touch) oder Mobile Metronome (Android). Für große Exaktheit ist das Metronom™ (iPhone, iPad, iPod Touch) die richtige Wahl, denn es kann 25 verschiedene Taktsignaturen. Es kann dir mittels LEDs die Betonung

deiner Schläge anzeigen oder erkennen. Es weiß, wie viele Takte du spielst und hat 13 Klangsets für Schlagzeug. Du kannst in dieser App auch eine Setlist erstellen.

Amplitube (iPhone, iPad, iPod touch) Mit dieser App hast du dein Aufnahmestudio immer dabei. Nimm auf, bearbeite und übe mühelos. Zusätzlich kannst du jederzeit Gitarreneffekte hinzufügen. Oder original FenderVerstärkerklänge. Du kannst über ein Adapterkabel (z.B. iRig) die Gitarre am iPhone/iPad anstecken und verschiedene Gitarren­ effekte und -verstärker simulieren.

iReal B (iPhone, iPad, iPod touch, Android) Hier kannst du Lead-Sheets für Proben und Konzerte erstellen, bearbeiten und diese mit der App gleich zum Üben als Playback mit einem Pianosound abspielen.

Reactabe Mobile – (iPhone, iPad, iPod touch, Android) Basierend auf dem echten Reactable das von Musikern wie z.B. Björk verwendet wird, ist die mobile Version ein experimenteller Synthesizer, mit dem sich verschiedene Soundgeneratoren und Effekte auf eine einzigartige Weise miteinander kombinieren lassen. Durch diese App bekommst du Zugriff auf Downloads und Remixes von originalen Tracks von Oliver Huntemann, Nortec Collective: Bostich & Fussible, Amo & Navas, Gui Boratto etc. Ähnlich dieser App ist Node Beat (iPhone, iPad, iPod touch, Android), welche billiger und netter designed ist.

PocketBand Lite/Pro (Android) Eine bemerkenswerte App, mit der du z.B. mit deinen Freunden über Social Music Musik machen kannst. Deine Songs erstellst du dafür aus Loops, Synthesizern, Rhythmuselementen, Modulatoren und Aufnahmen. Füge Effekte hinzu und exportiere die Tracks als MP3s oder Klingeltöne. In der PocketBand Community kannst du dann die Tracks veröffentlichen, abspielen und gemeinsam bearbeiten.


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