Issuu on Google+

„Sie nannten uns ‚Kartoffelkäfer‘“ ­  Ein Vertriebener aus Schlesien berichtet über  seine Erfahrungen in Belm.  Wann genau sind Sie vertrieben worden? Das genaue Datum kann ich Ihnen leider nicht mehr sagen, jedoch weiß ich, dass die Russen  uns nachts um ca. 2:30 Uhr geweckt haben. Und was geschah dann? Dann mussten wir von  Frankenstein – das liegt in Schlesien ­ nach Breslau laufen. Jeder  durfte nur das Nötigste mitnehmen. Dann sind wir von dort in einen Zugwaggon eingestiegen,  der nach Halen fuhr. Auf dem Weg wurde öfter angehalten. Russen und Polen machten zum  Teil die Wagontüren auf und klauten uns die Sachen. Wir wurden geschlagen, Frauen wurden  vergewaltigt. Sobald man sich wehrte, wurde man zusammengeschlagen oder gar getötet. So  verlor ich auf diesen Weg meinen Onkel und meinen Bruder.  Und wohin ging es dann?  Von Halen konnte man sich entscheiden, wo man hinmöchte. So wurde ich letztendlich in  Belm mit ein paar anderen Leuten abgesetzt.  Was haben Sie ohne jegliche Sachen gemacht?  Wir wurden im Gasthof „Bei Berger“ einquartiert, aber dort wurden wir sehr oft beklaut.  Wie haben die Besitzer des Gasthofes Sie behandelt?  Die Besitzer des Gasthofes waren recht gütig. Sie gaben uns ein Brot und Wasser pro Tag,  sodass wir etwas versorgt waren.  Wie ging es dann weiter? Ich ging mit dreizehn Jahren in die 1. Klasse und musste zunächst Deutsch lernen. In der Zeit  hatten wir natürlich kein Geld und mussten „hamstern“ gehen. „Hamstern“ bedeutet, dass wir  Kartoffeln aus Bauernfeldern aßen oder Kohl von fahrenden Zügen klauten. Nach großen  Beschwerden gab uns die Stadt Unterstützung, damit so etwas nicht mehr passierte. Als wir  dies bekamen, ging alles nur noch bergauf. Einen Job zu finden, war nicht schwer. Wir waren  sehr motiviert und brauchten das Geld. Ich habe dann eine Malerlehre angefangen. Viele aus  meiner Klasse kamen in denselben Betrieb.   Wie reagierten die Deutschen auf die neue Situation?   Als wir nun unser eigenes Geld hatten und oft sogar besser bezahlt wurden als die Deutschen,  hatten wir oftmals auch besser Sachen als die Deutschen. Dann wurde immer gesagt, dass wir  die Sachen klauen würden und sie nannten uns „Kartoffelkäfer“. So entstand ein Vorurteil.   Wie war der Kontakt zu den Deutschen? Wir wurden oft von den Deutschen beschimpft. Auch wenn wir nur tanzen gingen, wurden  wir immer von den Deutschen beschimpft. Irgendwann war es zu viel. Wir Flüchtlinge taten  uns zusammen, um uns gegen die Deutschen zu wehren. Danach waren sie erst mal ruhig. Die  Zeit danach haben sie sich im Luna Park in Belm oft getroffen, um sich dort zu schlagen. Wir  durften nicht im Fußballverein spielen oder bei sonstigen Aktivitäten teilnehmen, denn die  Deutschen wollten uns nicht dabei haben.


Wie fühlte sich das an, dass Sie nirgends teilnehmen durften?  Wir haben uns nichts dabei gedacht und haben halt unter uns Fußball gespielt. Dennoch war  es schon traurig, dass sie uns nicht akzeptierten, weil wir doch genauso Menschen waren wie  sie. Sogar den kleinen deutschen Kindern wurde verboten mit uns zu spielen.  Denken Sie, dass Sie jetzt ein Einheimischer sind? Oder fühlen sie sich immer noch als  Schlesier?  Ich denke, dass man den Unterschied nicht merkt.  Vielen Dank für dieses Interview.  Das Interview führten Matthias Gregor und Madeleine Langemeyer.


http://www.projekt-bramsche.de/stories/docs/zz/LangemeyerGregor