Page 36

Literatur

Warten auf Abdullah

„Ein Hologramm für den König“ ist Dave Eggers’ Abgesang auf eine in die Jahre gekommene Weltmacht Die Lage ist verzweifelt. Und weitgehend hoffnungslos. Aber Alan Clay, 54 Jahre, geschieden, hoch verschuldet bei Freunden und drauf und dran, wegen Zahlungsschwierigkeiten seine Tochter vom College nehmen zu müssen, sieht seine letzte Chance gekommen: Für eine amerikanische IT-Firma soll er König Abdullah persönlich in einer künstlich angelegten Siedlung in Saudi-Arabien eine technische Errungenschaft präsentieren; eine Videokonferenz als Hologramm. Die Umstände aber sind widrig. Der König kommt nicht, Clay und sein Team sitzen tagelang untätig in einem schlecht klimatisierten Zelt herum und nachts schießt er sich mit Schwarzgebranntem ab. Kriselnde Männer sind ein guter Ausgangsstoff für Literatur. Und Dave Eggers, kämpferischer Autor und aufmerksamer Zeitkritiker, der er ist, macht diese Zeit-Geschichte um Alan Clay zu großer Literatur. In einer leichtfüßigen und in der Wüste angesiedelten Variante von „Warten auf Godot“ zeigt er treffsicher und mit grimmigem Humor die Absurdität eines modernen Lebens, das von der Qualität der WLAN-Verbindung abhängt und von der x-fach gebrochenen Verbindung des Menschen zu etwas wirklich Greifbarem und Echtem. Alan Clay ist aus der Zeit gefallen - oder vielleicht eher stehen geblieben, während sich al-

Buch-

des MoTipp nats

les rings um ihn herum rasend schnell weiterentwickelt hat. Ein Globalisierungsopfer, das in seinem früheren Leben als Vertreter einer US-Fahrradfirma genau das betrieben hat, was er jetzt beklagt: Auslagerung der Produktion, Rationalisierung, Bankrott. Bei einem Anruf bringt es sein Vater auf den Punkt: „Als ihr angefangen habt, die Fahrräder nach Taiwan auszulagern, hab ich das kommen sehen. Und jetzt bist du in Saudi-Arabien und verkaufst den Pharaonen ein Hologramm. Das schießt den Vogel ab.“ Tom Tykwer verfilmt diesen Stoff jetzt - mit Tom Hanks in der Hauptrolle. In „Cast Away - Verschollen“ hat er ja schon einmal einen Schiffbrüchigen gespielt. Jetzt strandet er in der Wüste. Man darf gespannt sein.

Ein Hologramm für den König

Dave Eggers aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann 352 Seiten Kiepenheuer & Witsch, 19,99 Euro

Jüdische Geschichten

Der Duft des Sussita Robert Scheer 155 Seiten Hanser Berlin, 16,90 Euro ******

Ein Rumäne, der nach Israel auswandert, dann in Tübingen studiert, dort hängen bleibt und sein erstes Buch auf Deutsch schreibt - das ist Robert Scheer. Mit seinem leicht merkwürdigen, weil brutal geraden Deutsch, erinnert er etwas an Wladimir Kaminer. In seiner Gedanken-Umzingelungs-Taktik an Thomas Bernhard. In seinem ersten Erzählungsband versammelt er zwölf lose miteinander verbundene und biografisch angehauchte Geschichten über Israel, die immer angenehm leicht ins Surreale kippen. Kostprobe? Einem gängigen israelischen Mythos zufolge waren Kamele ganz verrückt nach dem Fiberglas des Automodells „Sussita“ der kurzlebigen israelischen Fahrzeugmarke Sabra. In der Titelgeschichte kriegt die Familie des Erzählers ein neues Auto, sie machen eine Spritztour, gehen essen - und weg ist das Fahrzeug. Sie haben es nicht mit Anti-Kamel-Spray eingenebelt.

Blöder Beruf

Wenn ich was kann, dann nichts dafür Jan-Uwe Fitz 256 Seiten Ullstein, 8,99 Euro ******

Zurück zu seinen Wurzeln, respektive Tauben, kehrt Jan-Uwe-Fitz mit seinem zweiten wohlweislich nicht „Roman“ betitelten Buch. Stattdessen erzählt der Berliner Twitter-Star und Autor in dieser irrwitzigen bis ins Jahr 2035 ausgreifenden Lebensgeschichte eines Vergrämers nicht nur von Tauben, sondern auch von Menschen, vornehmlich durchgedrehten. Denn die Welt ist verrückt geworden, und dieser Jan-Uwe Fitz, der als Vergrämer mangels Tauben aus seinem Schweizer Bergdorf in die Welt hinaus muss, ist vielleicht der einzige Normalo. Der Stil: überwiegend schmerzhaft abgedrehte, wenig gesellschaftsfähige Dialoge. Die Geschichte: miteinander verkettete Miniaturen einer Heldenreise. Das Ende: Es gibt Hoffnung.

36

Ekliger Wohlstand

Die Schrecklichkeit des Lebens an meiner Seite Christoph Höhtker 248 Seiten Berlin Verlag, 17,99 Euro ******

Ein außergewöhnlich widerwärtiger Kotzbrocken ist dieser Frank Stremmer. Als PR-Angestellter eines Schweizer Bankunternehmens in Genf verbringt er seine Werktage mit wenig Aufwand damit, die Website (aber nur die deutschsprachige) zu aktualisieren. Wofür er ein ordinär hohes Gehalt bezieht, das er wiederum in Alkohol und Drogen investiert. Von Patrick Bateman, dem Oberflächen-fixierten Serienmörder in „American Psycho“, unterscheidet sich der Ich-Erzähler Stremmer lediglich dadurch, dass er keine Menschen meuchelt und selbst weiß, wie hohl, leer und kaputt das alles ist. Grenzwertig hochtourig jagt Christoph Höhtker diesen Stremmer in seinem Roman durch eine einwöchige Tour de Force. Wäre dieser Roman ein Auto, bestünde das Getriebe am Ende aus Metallspänen. So ist es eine recht drastische und sehr, sehr komische Tirade über die Finanzwelt und eine Parabel darüber, dass einfach alles immer so weitergehen wird.

Xaver 07|13  

Das Kultur- und Veranstaltungsmagazin für Ostwürttemberg!

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you