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E D I T I ON 2

LEBEN 4.0

DIGITALISIERUNG. Unsere Welt steht vor einem großen Wandel, ausgelöst durch die Möglichkeiten neuer digitaler Technologien und Anwendungen.

MÄRKTE. Digitalisierung verändert das Consumerverhalten, was neue Produkte, neue Technologien und neue Märkte zur Folge hat.


E D I T I ON 2

I NH ALT

01

02

03

DIGITALISIERUNG.

MÄRKTE.

MENSCHEN.

Wir haben es kaum bemerkt, aber wir befinden uns mitten in einem Science-Fiction-Film: Roboterarbeit, mobile Geräte, mit denen wir unseren Alltag regeln, unser Sozialleben findet virtuell/ online statt. Digitalisierung bedeutet Leben 4.0.

Die Datenflut in unserem Leben hat das Consumerverhalten verändert. Bewertungen, Produktreviews u. Ä. spielen in der Entwicklung neuer Produkte und Märkte eine immer größere Rolle. “Coopetition” ist eine der neuen Strategien.

Bei Digitalisierung geht es letztlich immer auch um Menschen. Die kommende digitale (R)Evolution verlangt immer schnellere Anpassungen. Das führt zu immer mehr Stress, bringt aber auch neue Möglichkeiten mit sich.

LEBEN 4.0 Industrie 4.0 und die Zukunft der Arbeit


04

05

UMSETZUNG

INNOVATION.

Was bedeutet Digitalisierung für die Unternehmen bzw. den gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland? Wie kann man sich als Unternehmer für die kommenden Veränderungen rüsten? Ein Interview mit Patrick Franke.

Digitale Transformation, das klingt wie eine unangenehme Hausaufgabe, ist aber der Schlüssel zu etwas sehr Wichtigem: Innovation. Die Digitalisierung ermöglicht neue Produkte, Prozesse und Märkte, stellt aber gerade Deutschland vor eine Herausforderung.

Mai 2017

Digitalisierung, das klingt abstrakt, betrifft aber heute schon uns alle. Kaum merklich haben sich digitale Geräte in unserem Leben breit gemacht und sind dabei, im großen Stil unseren Alltag, die Arbeitsmarktsituation und das Leben der Zukunft zu verändern. Die Geräte, nicht nur unser ‘Smartphone’ werden immer smarter. Wer wirklich clever ist, nutzt nicht nur smarte Endgeräte, sondern die Digitalisierung an sich für Veränderung und Wachstum. Darum geht es in Edition 2 unseres Magazins LEBEN 4.0


DIGITALISIERUNG. Leben 4.0 wird ein digitales Leben sein. Niemand wird sich dem langfristig entziehen kรถnnen.


01 Je nachdem, mit wem man spricht, sind die Veränderun-

1993, zu Beginn der Digitalisierung, waren ca. 3% der weltwei-

gen, welche die Digitalisierung in den nächsten Jahren mit

ten technologischen Informationskapazität digital gespei-

sich bringen wird, eine Bedrohung (59% aller sozialver-

chert, 2007 waren es vermutlich schon um die 94%2. Seit der

sicherungspflichtigen Arbeitsplätze in Deutschland könnten

Jahrhundertwende spricht man daher auch vom “Digitalen

einer Studie1 zufolge wegfallen) oder eine Riesenchance

Zeitalter”. Wir befinden uns also bereits mitten in einer

für Innovation und Wachstum. Eines jedoch ist sicher: Die

Entwicklung, die sich zunehmend beschleunigt. Vor fast 50

Auswirkungen der Digitalisierung werden uns alle betreffen.

Jahren hat Gordon Earle Moore, der spätere Gründer von Intel, die These aufgestellt, dass sich die Rechenleistung von

Was ist das überhaupt, Digitalisierung? Die meisten denken

Prozessoren alle 18 Monate in etwa verdoppeln wird. Dieses

dabei an Zahlen; das ist jedoch nur die Basis der kommenden

‘Moore’sche Gesetz’ hat sich bis heute bestätigt; das bedeutet,

Veränderungen. In dieser Ausgabe von Leben 4.0 geht es

dass auch die Menge an Daten, die verarbeitet werden kann,

uns mehr um die Menschen. Denn immer mehr und immer

sich alle eineinhalb Jahre vervielfacht.

komplexere Daten verändern ganz direkt unser tägliches

Entsprechend hat sich die Größe der Computer bzw. Digital-

Leben, unsere Einstellungen, unser Kauf- und Konsumenten-

geräte verändert: Statt besserer Rechenmaschinen, die riesige

verhalten, und als Folge die Entwicklung neuer Produkte und

Räume füllten, tragen wir heute Geräte am Handgelenk, die

Märkte. Digitalisierung ist nicht etwas, das jenseits von uns

ein Vielfaches dessen können, was die damaligen Großrechner

stattfindet, sondern wir sind ein Teil davon, bereits jetzt.

leisteten. Und die Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Man rechnet damit, dass elementare Bauteile wie Tran-

Digitalisierung ist in seinem Ursprung die Umwandlung

sistoren in einigen Jahren nur noch die Größe weniger Atome

analoger Größen (Text, Bilder, Musik etc.) in digitale Daten.

haben werden. Intelligente Nanobots, die zu medizinischen

Einfacher ausgedrückt: Mit Digitalisierung bezeichnet man

Zwecken in unsere Blutbahn geschleust werden, sind viel-

den gesamten Vorgang, um Daten zu erfassen, aufzubereiten

leicht bald schon Standard. Und man arbeitet bereits daran,

bzw. umzuwandeln und auf einem digitalen Speichermedium

in Zukunft die DNA, die menschliche Erbinformation, als

(CD, USB-Stick, Bild- oder Audiodateien etc.) zu speichern.

digitalen ‘Superspeicher’ nutzen zu können. Science-Fiction wird im nächsten Jahrzehnt für uns zur Realität.

1

Ing-DiBa: Economic Research/ Die Roboter kommen, 2015 2 Martin Hilbert, Priscila López: The World’s Technological Capacity to Store, Communicate and Compute Information. In: Science, 2011

“Pro Kubikmillimeter könnte DNA ein Exabyte an Daten speichern, d. h. eine Milliarde Gigabyte.”


Vinyl. Erinnern Sie sich noch an analoge Musik? Musik, die man anfassen konnte?

Ein gutes Beispiel für die dabei stattfindenden Prozesse

Apple auf die – aus damaliger Sicht völlig verwegene – Idee

ist die Musikindustrie; Ähnliches wird sich in allen Berei-

kam, dass man Telefon, Internetzugang und Musikabspiel-

chen abspielen, mit immer schnelleren Innovationszyklen.

gerät in einem “Smartphone” kombinieren könnte, wird

1979 brachte Sony den Walkman auf den Markt, das erste

Musik fast nur noch gedownloaded oder gestreamt,

mobile Gerät, um Musik zu hören. Der Walkman galt als

Handys ersetzen gleich mehrere Geräte auf einmal und werden

die Technologie der Zukunft. Heute, knapp 40 Jahre später,

heute selbstverständlich als Navigations- und Diktiergerät,

könnte nichts überholter sein als Musikkassetten – überholt

Terminkalender, Kommunikationsmodul, Bezahlmöglichkeit,

von digitalen Veränderungen. Denn die (analogen) Kassetten

Fahrkarte, Spielekonsole, Tageszeitung etc. eingesetzt. Ohne

wurden abgelöst von CDs, d. h. digitalen Speichermedien, mit

Handy würde das Leben vieler Menschen kaum noch funktio-

denen man statt einer LP gleich Dutzende auf einen Daten-

nieren. Genau das macht die Digitalisierung mit unserem Leben.

träger brennen konnte. Und der Walkman wurde schnell von

Durch die beschleunigte Entwicklung treten wir jetzt jedoch

tragbaren CD-Playern ersetzt. Der Fortschritt ging weiter: Ein

in eine neue Phase ein, in der digitale Prozesse und Produk-

neues Musikformat bereitete den Weg für MP3-Player. Seit

te auch unser Arbeitsumfeld massivst verändern werden.


Da immer mehr Daten verarbeitet werden können, enstehen völlig neue Technologien und Produkte. Selbstfahrende Autos z. B. können nur funktionieren, wenn unglaubliche Datenmengen über Sensoren erfasst und verarbeitet werden, und das in Sekundenbruchteilen. Sie befinden sich bereits in der Erprobungsphase und so, wie Kinder heute nicht mehr wissen, was Musikkassetten sind, werden sie in einigen Jahren vielleicht überrascht sein, in ‘alten’ Filmen Autos zu sehen, die von Hand von einzelnen Fahrern gesteuert werden und Benzin statt erneuerbarer Energien verwenden. Unser Leben so, wie es heute ist, wird unglaublich ‘retro’ sein. Diese Entwicklungen lassen sich nicht aufhalten. Sie werden viele der heutigen Produkte, Technologien oder Fertigungsanlagen durch schnellere, intelligentere und leistungsfähigere Dinge ersetzen, die das Potential haben, uns das Leben leichter und angenehmer zu machen (und hoffentlich ökologisch vernünftiger). Die Entwicklungen können quasi über Nacht geschehen und aus einer völlig unerwarteten Ecke kommen – niemand hätte erwartet, dass ein Mobiltelefon die gesamte Musikindustrie revolutionieren würde. Solche Revolutionen werden in allen Bereichen stattfinden; große Unternehmen haben deshalb bereits seit Jahren Kreativund Innovationsabteilungen eingerichtet, aber

Wir können zu den Träumern, den Innovatoren, den Pionieren und Wegbereitern gehören. Oder uns von den kommenden Entwicklungen überrollen lassen.

vielleicht wird eine entscheidende Entwicklung wieder in einer Garage stattfinden. Oder mit dem 3D-Drucker eines unzufriedenen Ex-Mitarbeiters. Oder in Ihrem Unternehmen? Unsere Herangehensweise kann den Unterschied zwischen Chance und Bedrohung ausmachen. Für diejenigen, die die Zukunft mitgestalten wollen: Was wir jetzt brauchen, ist die Bereitschaft zu Veränderung, Offenheit für neue Impulse und Ideen, Kreativität, um außerhalb der gewohnten Bahnen zu denken, und effektive Vorgehensweisen, um die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen.


“Konsumieren findet überall statt und ist genauso mobil geworden wie der Coffee to go.”


M Ä RK TE.

02

“Konsumenten und User haben heute einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung neuer Produkte, Anwendungen und Märkte.“

Viele Unternehmen stecken noch in alten Annahmen

ähnlichen Prinzip handeln); aber über Reviews und Bewer-

dessen, was ihr Produkt und das Kundenverhalten anbelangt.

tungen spielen Kunden eine aktive Rolle bei der Verbreitung

Das kann zunehmend zur Falle werden.

von Produkten und Dienstleistungen. Die ‘Likes’ und ‘Dislikes’, d. h. der buchstäbliche Daumen hoch oder runter, können

“Früher”, und wir sprechen von vor ein paar Jahren, war die

dabei über den Erfolg eines neuen Produkts oder das Schick-

Angelegenheit ziemlich einfach. Um noch einmal bei unserem

sal ganzer Unternehmen entscheiden. Dieser Faktor wird bei

Beispiel der Musikindustrie zu bleiben: Musiklabels kauf-

uns oft unterschätzt und noch viel zu selten genutzt.

ten die Musik von den Künstlern und verkauften sie in Form

Online-Rezensionen haben die Rolle persönlicher Empfeh-

von LPs oder CDs über Musikgeschäfte oder Supermärkte

lungen eingenommen. Das Ärzteportal, auf dem man sich die

an die Endkunden. Deren passive Rolle als Käufer ist durch

Erfahrungen anderer Patienten anschauen kann, die Bewer-

die digitale Entwicklung genauso verändert worden wie die

tungen für Hotels, den neuen Farbdrucker, Kosmetik oder Ab-

Form, in der Musik heute gekauft oder downgeloaded wird.

nehmprodukte: Das Bedürfnis der Menschen, sich auszutau-

Fans übernehmen inzwischen einen Teil des Marketings, promo-

schen und mitzuteilen, hat bewirkt, dass gute und schlechte,

ten neue Songs ihrer Lieblingskünstler ebenso wie Konzerte

faktenstarke oder emotionale, faire oder unfaire Bewertungen

oder das neueste Video. Wird ein Song vor Erscheinen ‘ge-

zu fast allen Produktsparten online zu finden sind. Das hat

leakt’, d. h. illegal ins Netz hochgeladen, verlieren Plattenfirmen

vielleicht noch nicht das B2B-Business erreicht, aber inzwi-

und Künstler oft Millionen. Kunden spielen also im Verkauf und

schen ist es doch relativ selbstverständlich geworden, sich

der Verbreitung von Waren eine immer größere Rolle. Künst-

online über Produkte, Dienstleistungen und auch die Anbie-

ler mit einer großen Fangemeinde gründen inzwischen eigene

ter zu informieren. Deshalb wird das Firmenimage auch ein

Plattenlabel, bringen ihre ‘Ware’ also direkt vom Erzeuger zum

immer wichtigerer Teil der eigentlichen Produktbotschaft.

Endkunden. Und Crowdfunding-Plattformen wie ‘Kickstarter’ ermöglichen Künstlern, Entwicklern und Startups, neue Pro-

David L. Rogers, Direktor des Instituts für digitale Business-

dukte ohne den Einfluss von Investoren oder Banken auf den

Strategie und digitales Marketing der Columbia Business

Markt zu bringen. Hier entscheiden die Konsumenten, welche

School, sagt, bei der auf uns zukommenden digitalen Transfor-

Produkte später auf den Markt kommen werden.

mation gehe es im Businessbereich nicht um die Technologie an sich, sondern um ein “Upgrade im strategischen Denken”. Und

Jenseits des Musikbusiness bilden sich vielleicht keine Fan-

nicht nur die Produkte und Märkte, auch die B2B-Landschaft

gemeinden (Apple-Kunden ausgenommen, die nach einem

wird sich verändern. Im Sinne neuen strategischen Denkens


“Digitalisierung bietet die MĂśglichkeit, Waren individueller, schneller und ressourcenschonender zu produzieren. Kunden werden im Zweifelsfall immer das individuellere Produkt vorziehen.â€?


werden sich neue Wettbewerbs- und Kooperationsformen von Firmen untereinander herausbilden. Paypal z. B., mit mehr als 192 Millionen aktiven Nutzern in über 200 Märkten, ist ein Zusammenschluss zweier ursprünglich erbitterter Wettbewerber, die sich in einer schwierigen Marktsituation nicht bekriegten, sondern gemeinsam zu einem der Marktführer elektronischer Bezahlsysteme zusammenschlossen. “Coopetition” ist der Begriff für eine der möglichen Strategien solcher Zusammenschlüsse und eine praktische Umsetzung der “Mechanismus-Design-Theorie”, für die im Jahr 2007 der Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften vergeben wurde; das Wort wurde aus den englischen Begriffen für cooperation (Kooperation) und competition (Wettbewerb) zusammengesetzt. In Gablers Wirtschaftslexikon heißt es dazu: “Kooperation von Wettbewerbern im Sinn der Bildung von strategischen Allianzen, um durch die Bildung von Wertschöpfungsnetzen Erträge zu stabilisieren bzw. zu optimieren. Coopetition verhindert einen ruinösen Preiswettbewerb und führt damit zu Wettbewerbsvorteilen für beide Anbieter (Win-Win-Strategie).”3 Im Zuge der Digitalisierung werden Kunden zunehmend von passiven Konsumenten zu aktiv in den Produktionsprozess eingebundenen Partnern. Viele Apps z. B. werden durch das Feedback zahlreicher User verbessert und ergänzt. Frühere Wettbewerber werden zu Coopetitions-Partnern, besonders in den Bereichen Forschung und Weiterentwicklung. Denn die Innovationszyklen werden immer kürzer, auch durch das schnelle Kundenfeedback, das Inhouse-Abteilungen für Datenbeschaffung und Innovation bei geschicktem Marketing und Kundenbindung teilweise sogar ersetzen kann. Diese Prozesse werden in den kommenden Jahren immer mehr Bedeutung erlangen. Dies setzt ein Verständnis der eigenen Situation, des Marktes, der Kunden und der Möglichkeiten voraus. Und vor allem die Flexibilität, um sich der digitalen Transformation zu stellen. Veränderungsfähigkeit wird in Zukunft eine der wichtigsten Ressourcen sein. 3 Springer Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Coopetition, online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/123679/coopetition-v3.html


03 Veränderungsfähigkeit im evolutionären Sinn wird als “Adaption” bezeichnet. Je besser sich ein Organismus bzw. Wesen an seine Umgebung anpassen kann, desto größer sind seine Chancen zu überleben, aber auch zu wachsen (d. h. sich fortzupflanzen und zu verbreiten). “Es ist nicht die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann”, schrieb Charles Darwin. Das gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für Unternehmen und Märkte. Veränderungsfähigkeit wird in Zeiten der digitalen Transformation mit darüber entscheiden, wohin sich Unternehmen bewegen, im Zweifelsfall sogar darüber, ob sie überleben werden. Coopetition ist ein Beispiel für eine effektive Anpassungs- bzw. Überlebensstrategie des neuen digitalen Zeitalters. Das Thema Adaption zeigt jedoch auch, wo Veränderung beginnt: bei uns Menschen. Die Digitalisierung erzeugt lediglich eine ungeheure Menge neuer Möglichkeiten. Die durch die Digitalisierung erwarteten Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt werden als “Industrie 4.0” bezeichnet, also die vierte industrielle Revolution seit der Erfindung der Dampfmaschine (Industrie 1.0), der Entwicklung der Fließbandarbeit (Industrie 2.0) und der Einführung von Computertechnologie (Industrie 3.0). Alle drei Revolutionen haben die Arbeitsbedingungen grundlegend verändert, aber auch die sozialen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, d. h., die Welt, in der wir leben. Wir verdanken diesen Revolutionen nicht nur bessere Arbeitsbedingungen und die Möglichkeit, in Massenproduktion hergestellte Konsumgüter zu für fast alle erschwinglichen Preisen zu erwerben. Auch unser Sozialsystem wurde beispielsweise aufgrund der veränderten Arbeitsformen eingeführt und finanziert. Man kann daher genauso von einer Evolution wie von einer Revolution sprechen; auch die “digitale Revolution”, die in den nächsten Jahren unser Leben prägen wird, hat das Potential, positive Dinge für alle zu bewirken. Vorausgesetzt, dass wir die evolutionäre Adaption, d. h. Anpassung schaffen. Adaptionsfähigkeit lässt sich sowohl messen als auch trainieren. Gemessen wird sie seit Jahrtausenden, in Form der östlichen Pulsdiagnostik. „Ist der Herzschlag so regelmäßig wie das Klopfen des Spechts oder das Tröpfeln des Regens auf dem Dach, wird der Patient innerhalb von vier Tagen sterben“, schrieb der chinesische Arzt Wang Shu-he in seinen Schriften „Mai Ching/ The Knowledge of Pulse Diagnosis“ im 3. Jahrhundert nach Christus. Anders ausgedrückt: Wenn sich unser Herzschlag nicht mehr anpassen kann, sterben wir.

“Festgestellt wurde, dass bei so komplexen Reaktionen wie Liebe oder Dankbarkeit [...] eine messbare Synchronisation der Rhythmen von Herz und Atmung erfolgt.” Wikipedia zu HRV


MENSCHEN.

Die westliche Entsprechung zur Pulsdiagnose ist die HRV-Mes-

Die WHO führt 70% aller Erkrankungen (andere Wissen-

sung. HRV steht für “Herzratenvariabilität” bzw. “Herzfrequenz-

schaftler bis zu 95%) ursächlich auf Stress zurück. Anders

variabilität”. Unser Herz schlägt nicht regelmäßig. Es passt

ausgedrückt: 7 von 10 Menschen, die krank werden, erkranken

sich in jedem Augenblick unseres Lebens den Umgebungsbe-

aufgrund von Stress. Oder auch: 7 von 10 krankheitsbedingten

dingungen an, d. h. Bewegungen und Aktivität, aber auch

Ausfalltagen ließen sich durch besseres Stressmanagement

Belastungen wie Stress, negativen Emotionen, selbst unseren

vermeiden. Das Betriebliche Gesundheitsmanagement liefert

Gedanken und Erwartungen. Auch aus westlich-medizinischer

hier durch zusätzliche Maßnahmen weitere Unterstützung.

Sicht besteht ein äußerst enger Zusammenhang zwischen

Denn durch Studien wurde vielfach bewiesen, dass z. B. die

einer ausgeprägten Variabilität des Herzschlags und unserer

Arbeitsorganisation, das Führungskräfte-Verhalten oder ganz

Gesundheit. Die Kehrseite ist: Die Adaptionsfähigkeit verrin-

allgemein das Arbeitsklima entscheidend zu Stress bzw. der

gert sich bei Stress, Hetze oder Ärger. Sprich: dem normalen

Entstehung von Krankheitstagen beitragen.

Berufsalltag der meisten Menschen.

Die Digitalisierung wird diese Themen noch wichtiger machen.


“Mit speziellen Stressreduktionstechniken kann man die Gesundheit eines Menschen innerhalb weniger Minuten signifkant verbessern. Das lässt sich z. B. am berechneten “Gesamtgesundheitsindex” oder dem “biologischen Alter” nachweisen.”


Messbare gesundheitliche Verbesserungen, mehr Leistungsfähigkeit und Motivation. Wie wäre es mit einer ‘Gesundheits-Challenge’: Wie gesund wollen Sie in 5 Minuten sein?” chnEine effektive und sofort wirksame Möglichkeit, hier an-

spannen bzw. gelangen erst nach Training in den tief ent-

zusetzen, ist, Mitarbeiter in effektive Stressreduktionstechni-

spannten, “kohärenten” Zustand, der den Organismus inner-

ken einzuführen. Um beim Thema Digitalisierung zu bleiben:

halb weniger Atemzüge aus dem “Notfallmodus” in die “Hei-

HRV-Messungen liefern digitale Einblicke in das, was sich inner-

lungszone” bringt. Studien haben gezeigt, dass in meditativen

halb unseres Körpers und unserer Psyche abspielt, und das in

Zuständen, wie sie mit HRV-Messungen gezielt trainiert wer-

Echtzeit. Die Herzratenvariabilität ermöglicht es, sichtbar zu

den können, mehr als 2000 Gene so programmiert werden,

machen, wie hoch das Stresslevel eines Menschen ist, wie groß

dass Heilungsprozesse gefördert, Entzündungsprozesse ge-

der Druck ist, unter dem er steht, sowie die Auswirkungen,

hemmt und Alterungsprozesse verlangsamt werden.4

die seine aktuelle Lebensweise auf seine Gesundheit hat uvm. Dafür wird eine Art EKG aufgezeichnet und der Kurvenverlauf

Im Rahmen einer speziell für den BGM-Bereich entwickelten

analysiert. Mathematische Rechenmodelle ermöglichen eine

“Gesundheits-Challenge” werden diese digitalen Möglichkei-

exakte Auswertung der Daten, die im Rhythmus des Herz-

ten nicht “nur” zur Stressreduktion eingesetzt. Aus der Herzra-

schlags enthalten sind. Dies reicht bis hin zu einer Meridian-

tenvariabilität lässt sich auch die Adaptionsfähigkeit berechnen

auswertung, die systemische Einblicke in das Körpergeschehen

– die einzelner Mitarbeiter, aber hochgerechnet auch ganzer

erlaubt – genau wie in der östlichen Pulsdiagnostik.

Abteilungen oder eines Unternehmens. Verbesserungen dieses Adaptionsindexes zeigen auf, wie fit sich ein Unterneh-

Der Vorteil gegenüber der “analogen” Pulsmessung ist, dass

men für Veränderungen und die digitale Zukunft macht.

die HRV-Software die Ergebnisse der HRV-Scans in Form aussagekräftiger Darstellungen und konkreter Zahlenwerte für

Eine der großartigen Möglichkeiten, welche die Digitalisierung

die Probanden nachvollziehbar macht. Wenn sich nach dem

bietet, ist, Daten in einem weit größeren Rahmen als bisher

Stressreduktionstraining das biologische Alter um 10 oder 20

nutzbar zu machen. Um bei dem HRV-Beispiel zu bleiben: Die

Jahre verbessert, die Werte für die Meridianfunktion um ein

Einzeldaten der Mitarbeiter können (unter Berücksichtigung

Vielfaches höher liegen oder die Regenerationsfähigkeit des

datenschutzrechtlicher Richtlinien) für das Unternehmen

Körpers messbar unterstützt wird, gibt diese visuelle Rück-

evaluiert werden und so eine schnelle und einfache Standort-

meldung einen zusätzlichen Motivationsschub.

bestimmung liefern. Hierzu werden Risikopunkte ausgewertet,

Jeder weiß, dass er mehr für seine Gesundheit tun sollte.

die eine Einteilung in verschiedene Risikogruppen ermöglicht,

Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, wie wichtig Stress-

z. B. für eine “Burnout-Prävention”. Denn wenn die Adaption

reduktion, gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung

nicht mehr bzw. nur noch eingeschränkt funktioniert, ist das

für unsere Gesundheit sind. Der Grund, warum die meisten

ein Frühwarnsystem und zeigt dringenden Handlungsbedarf

guten Vorsätze schon nach kurzer Zeit vergessen sind ist,

an. Mit dieser sichtbar gemachten Stressreduktion könnten

dass sich die Erfolge nicht schnell genug zeigen; HRV-Mes-

die 70% Ausfälle deutlich reduziert – und das durch die ver-

sungen machen sie sichtbar. Und sie veranschaulichen auch,

hinderten Krankheitstage eingesparte Geld viel sinnvoller in

wie effektiv das Stressreduktionstraining durchgeführt wird.

BGM- und Digitalisierungsmaßnahmen investiert werden, d. h.

Manche Menschen haben schon völlig verlernt, sich zu ent-

in die Zukunft der Mitarbeiter und des Unternehmens.

4 Aus: “Denken schadet Ihrer Gesundheit oder: die Heilungszone”. Katrin Klink, 2016


“Viele Menschen sehen in der zunehmenden Digitalisierung und Gewinnung von Daten eine Bedrohung. Dabei liegt hier eine riesige Chance - für alle. Wir sorgen dafür, dass die Daten für uns arbeiten, nicht gegen uns.“


04

?

UMSETZUNG. Digitalisierung bedeutet weitaus mehr als Prozesse von Papier auf digital umzustellen. Unsere Innovationskraft im Bereich der Digitalisierung wird entscheidend für den Wirtschaftsstandort Deutschland sein. Fünf Fragen helfen bei der eigenen Standortbestimmung:

1. Verändert die Digitialisierung meine Zielgruppe, das Verhalten oder die Erwartungen meiner Zielgruppe?

2. Hat die Digitalisierung das Potenzial, den Markt für meine Produkte oder Dienstleistungen zu verändern? 3. Kann ich mit Hilfe der Digitalisierung neue Werte für meine Produkte/ aus meinen Produkten generieren? 4. Wie kann ich die Digitalisierung nutzen, um mich von meinen Wettbewerbern abzusetzen? 5. Wie kann ich die Mitarbeiter in meinem Unternehmen motivieren, an den digitalen Veränderungen teilzuhaben und sie innovativ umzusetzen? Die letzte Frage lautet dann nur noch: Wie gehe ich die Digitalisierung in meinem Unternehmen konsequent und professionell an? Ein Interview mit Patrick Franke von NXTGN SOLUTIONS GmbH.


“Das Unternehmen der Zukunft liefert ein intelligentes Netzwerk aus Anwendungen und Dienstleistungen.”

Leben 4.0 _ Herr Franke, warum ist die Digitalisierung ein so

Patrick Franke _ Genau. Daten entstehen ständig, überall. Wir

großes Thema, gerade jetzt?

helfen dabei, diese Daten zu nutzen, d. h. sie in Erkenntnis-

Patrick Franke _ Wir entmystifizieren das Thema in unseren

se zu verwandeln, bzw. in Nutzen und Werte. Und dann ent-

Workshops und Beratungen erst einmal. Digitalisiert wird seit

wickeln wir Strategien, um diese Daten für das Unternehmen

mehr als 70 Jahren, und die Digitalisierung hat uns weit mehr

arbeiten zu lassen. Unsere Kunden sind immer wieder über-

Vorteile als Nachteile gebracht. Was sich jetzt geändert hat,

rascht, wie viele Möglichkeiten es dafür gibt.

ist das Tempo des technologischen Fortschritts. Deshalb wird

Leben 4.0 _ Das klingt nach tollen Optionen, aber wenn man

sich kaum ein Unternehmen auf Dauer diesem Thema ent-

den digitalen Wandel als Ganzes sieht, dann sieht es doch so

ziehen können.

aus, als würden diejenigen auf der Strecke bleiben, die nicht

Leben 4.0 _ Die Entwicklungen beschleunigen sich, weil die

mitmachen.

Prozessorleistungen und Datenverarbeitung immer schneller

Patrick Franke _ Wir wollen eigentlich weg von diesem Bedro-

werden?

hungsszenario. Aber natürlich stellen Unternehmen Weichen

Patrick Franke _ Ja, im Augenblick wachsen die Möglichkeiten

mit ihren Entscheidungen. Ein einfaches Beispiel: Deutsch-

im Monatsrhythmus exponentiell. Dadurch entwickeln sich

land ist ‘das Sensorenland’, hier gibt es sehr viele Firmen, die

ständig neue Anwendungsmöglichkeiten und Geschäftsfelder.

für verschiedenste Anwendungsbereiche Sensoren herstellen.

Und dabei begleiten wir unsere Kunden.

Leben 4.0 _ ... Sensoren, die natürlich Daten sammeln.

Leben 4.0 _ Können Sie uns ein Beispiel aus der Praxis ge-

Patrick Franke _ Jede Menge Daten. Hier ist im Augenblick

ben? Digitalisierung, Big Data, Internet der Dinge – es werden

noch eine Grenze gegeben. Die aktuellen Rechenleistungen

immer mehr Daten gesammelt, aber wie kann man sie nutzen?

reichen noch nicht aus, um alle Daten zu verarbeiten, aber das

Patrick Franke _ Wir sprechen hier von einer digitalen Wert-

ist nur eine Frage der Zeit. Selbstfahrende Autos z. B. wer-

schöpfungskette: Wir helfen unseren Kunden dabei, ihre Daten

den dann einsatztauglich sein, sobald die dafür erforderliche

gewinnbringend zu verwerten. Das können Anforderungen

Datenmenge schnell und leicht verarbeitet werden kann.

neuer Märkte sein, bei denen wir auf der Basis der vorhandenen

Google, die weltgrößte Suchmaschine, ist eine Tochterfirma

Daten neue Einnahmequellen erschließen oder zeit- und kosten-

von Alphabet Inc. Die eigentliche Kompetenz von Alphabet liegt

intensive Prozesse umstellen. Wir helfen auch bei einer effek-

nicht darin, Suchanfragen zu beantworten, sondern immens große

tiveren Lead-Generierung – oder dabei, Wissen, Kompetenz

Datenmengen innerhalb kürzester Zeit zu verarbeiten. Entspre-

und Daten an Nachfolger zu übergeben, wenn Firmen-

chend dieser Kompetenz ist Alphabet Inc. auch einer der Haupt-

chefs oder Experten in den Ruhestand gehen. Wir sehen uns

akteure bei der Entwicklung autonomen Fahrens.

dabei nicht nur als Datenspezialisten, sondern als Coach,

Leben 4.0 _ Digitale Transformation heißt also, die eigentliche

Mentor oder Sparringspartner in schwierigen Situationen,

Kernkompetenz auf neue Geschäftsfelder auszuweiten?

aber auch beim Erschließen neuer Möglichkeiten und Märkte.

Das ist leicht nachvollziehbar, wenn es um Software oder

Leben 4.0 _ Daten sind also nichts Abstraktes, sondern haben

andere digitale Produkte geht. Aber wie sieht es mit Unterneh-

ganz konkret mit den bisherigen Tätigkeitsfeldern und der Kern-

men aus, die z. B. Hardware herstellen? Wie schaffen die den

kompetenz der Unternehmen zu tun?

Sprung in den digitalen Bereich?


Patrick Franke _ Wenn wir beim Thema Sensoren, also Hard-

Patrick Franke _ Hier liegt aber das eigentliche Potential.

ware, bleiben, dann können sich Hersteller dafür entscheiden,

Selbst der smarteste Sensor liefert nur Rohdaten. Spannend

weiterhin Sensoren in guter Qualität zu erzeugen und zu lie-

wird es, wenn es darum geht, diese Daten zu verwandeln: in

fern. Das wird so lange klappen, wie der Markt ihre Sensoren

Prozesse, in Dienstleistungen, in die Entwicklung neuer Hard-

braucht oder die Unternehmen in der Lage sind, ihre Produkte

ware. Genau hier setzen wir an, wenn wir unseren Kunden

an die sich immer schneller verändernden Marktbedürfnissen

helfen, aus Daten Geschäftsmodelle zu machen.

anzupassen. Sensoren werden weiterhin kleiner und schneller

Leben 4.0 _ Und wie geht es weiter, wenn wir den Sprung in

werden müssen, weil die Endgeräte immer kleiner werden.

die Digitalisierung schaffen?

Die Alternative ist – wie Alphabet Inc. es macht – die Kompe-

Patrick Franke _ Ein wichtiges Thema werden menschen-

tenz auf neue Geschäftsfelder auszuweiten. Hersteller könn-

orientierte Anwendungen sein. Die T-Shirts, die den Blutdruck

ten also damit beginnen, nicht Sensoren, sondern Daten zu

oder Trainingserfolge messen oder Warnzeichen geben, wenn

liefern, die Sensoren wären in diesem Fall quasi nur noch das

sich die Körperfunktionen über eine gewisse Grenze hinaus

Mittel zum Zweck. Im Englischen nennt man das “product as

verändern. Oder ‘urbanes Monitoring’: Wenn noch größere

a service”, d. h., aus Lösungen Produkte zu machen. Senso-

Datenmengen in Echtzeit verarbeitet werden können, dann

ren sind austauschbar, damit auch Sensorenlieferanten. Wer

geht es nicht mehr nur um Datenanalyse, sondern wir kön-

Daten liefert, kann nicht so leicht ersetzt werden.

nen auch ein permanentes Monitoring vornehmen. Stellen Sie

Leben 4.0 _ Und, wie Sie vorhin sagten, Daten zu sammeln

sich z. B. eine App vor, mit der Sie den Schadstoffgehalt in der

und zu liefern ist nur der erste Schritt. Man könnte also noch

Luft angezeigt bekommen, für alle Straßen in Ihrer Umgebung

weiter denken und direkt neue Anwendungsmöglichkeiten

genau differenziert, damit Sie mit Ihrem Baby oder für einen

entwickeln, um die Daten nutzbar zu machen und für sich

Asthmakranken die beste Route auswählen können.

arbeiten zu lassen. Sind Daten die neue Währung?

Leben 4.0 _ Letzte Frage: Was kommt noch, was ist die

Patrick Franke _ Wir sprechen tatsächlich davon, dass

nächste konkrete Entwicklung?

Unternehmen zu Datenbrokern werden. Daten sind unge-

Patrick Franke _ Sensor-Netzwerke, d. h. immer weiter ver-

heuer wertvoll, das wird in der Diskussion über die Digitali-

netzte Daten. Auch Unternehmen werden zunehmend ver-

sierung viel zu wenig bewusst gemacht.

netzter denken und arbeiten müssen, um die digitalen Mög-

Leben 4.0 _ Meist klingt es ja so, als wäre Digitalisierung nur

lichkeiten voll auszuschöpfen. Und: selbstlernende Roboter

eine unangenehme Hausaufgabe, die erledigt werden muss;

bzw. selbstoptimierende Programme, z. B. für eine Lead-

der direkte Nutzen wird kaum kommuniziert.

gewinnung aus in der Vergangenheit gewonnenen Daten.


INNOVATION. Neuland für Deutschland?

Laut einer im harvard business review veröffentlichten Studie („Where the digital economy is moving the fastest”) ist Deutschland gerade dabei, den Anschluss im Digitalisierungs-Wettbewerb zu verpassen.


05

“Digitalisierung bedeutet, Daten in Werte zu verwandeln, Kunden in aktive Unterstützer und bestehende Produkte in Innovationen teilweise in völlig neuen Märkten.”

“Made in Germany”, das war viele Jahrzehnte lang ein

Anders ausgedrückt: Lust auf Digitalisierung hat so gut wie

Gütesiegel, das für höchste Qualität stand. Die Basis dafür

niemand. Und das steht Innovation massiv im Wege, zumal

waren Wesenszüge, für die man die Deutschen belächelt

die wenigsten Unternehmen die Digitalisierung überhaupt mit

und bewundert hat: Zuverlässigkeit, Effizienz und Gründlich-

dem Thema Innovation in Zusammenhang bringen: Im Ver-

keit. Genau diese Eigenschaften behindern uns jetzt eher

gleich zu 2015 sind 2016 die Investitionen für Innovation in

bei der digitalen Transformation. Denn heute sind Flexibilität,

Deutschland sogar gesunken.7 Innovationen sind jedoch die

unkonventionelles Denken und Schnelligkeit gefragt.

große Chance, wenn es um die digitale Transformation geht.

Wer beim Thema Digitalisierung nur an Daten denkt, denkt

Das Land der Dichter und Denker ist auch oft ein Land des

zu kurz. Capgemini schreibt zu einer Studie “IT-Trends 2016”:

Bedenkens und Zögerns. Ganz weit vorne in der Umsetzung

“Im Moment setzen CIOs bei der Digitalisierung offenbar

und Nutzung der Digitalisierung liegen asiatische Länder, die

auf die Vernetzung von Informationen, Prozessen und Daten.

einen anderen Ansatz des Lernens und Experimentierens haben,

Neue Geschäftsmodelle, Services und Innovationen werden

die sich vor ihrem kulturellen Hintergrund leichter damit tun,

erst in einem zweiten Schritt umgesetzt.”5

prozess- und nicht ergebnisorientiert zu arbeiten. Von deutschen Entwicklern und Ingenieuren werden dagegen schnelle,

Viele Firmen haben noch keinen CIO (‘Chief Infomation Officer’)

sichere Ergebnisse erwartet. Die “Abgasaffäre” bei Volkswagen

oder CDO (‘Chief Digital Officer’). Besonders im mittelständi-

zeigt, wie eine Firmenkultur Forschung und freie Entwicklungen

schen Bereich gehen Unternehmen oft noch davon aus, dass die

bremsen oder sogar unmöglich machen kann. Innovation hat

Digitalisierung sie nicht allzu sehr betrifft. Laut einer Umfrage

immer mit Menschen zu tun, und in einem Klima der Angst

der ‘Innovation Alliance’, eines Verbundes von Partnern aus der

und Enge kann kaum etwas Neues entstehen. Deshalb geht

IT-Branche, steht die Mehrheit des Mittelstands noch am Be-

es bei der digitalen Transformation nie nur um Daten, son-

ginn der Umsetzung von Digitalisierungsmaßnahmen. 37%

dern auch um die Menschen, die sie nutzen werden, und auch

der Unternehmen haben bereits erste Schritte gemacht,

darum, neue Denk- und Arbeitsweisen zu entwickeln, z. B.

18% sehen sich zumindest am Anfang, 12% glauben, die

eine intelligente “Kultur des Scheiterns”. In einer digital trans-

Hälfte des Weges hin zur Digitalisierung geschafft zu haben.

formierten Welt sind Prozesse beschleunigt. In dieser Umge-

Die Umfrage zeigte aber auch, wie negativ das Thema besetzt

bung ist Experimentieren mit offenerem Ausgang und schnel-

ist: Jeder dritte Entscheider verbindet mit der Digitalisierung

leres Lernen oft wichtiger als schnelle Ergebnisse.

Angst oder Einsamkeit, fast die Hälfte betrachtet sie als Wagnis und 75% lediglich als ‘Pflichtveranstaltung’.6

5, 7 Aus: Capgemini, “Studie IT-Trends 2016; Digitalisierung ohne Innovation?” 6 Innovation Alliance: „Psychologie der Digitalisierung“


Die (virtuelle) Einbeziehung von Kunden, z. B. in Beta-Tests von Software, ermöglicht schnellere Innovation, schnellere Ergebnisse – und kostensparende frühe Erkenntnisse darüber, was klappt und was nicht. Dies umfasst mittlerweile nicht nur Produktfunktionen, sondern auch die Akzeptanz bei den Kunden, die weit über den reinen Nutzen hinausgeht. Firmenimage, ökologische Standards, Umgang mit den Arbeitnehmern etc. spielen immer entscheidendere Rollen dabei, wie Produkte auf dem Markt platziert werden können; oder vom Markt verschwinden. Produkt-Design wird neue Wege gehen und Marketing und Psychologie mit einschließen. In Holland zeigte eine aktuelle Studie, dass man über das Verpackungsdesign nicht nur Kaufanreize setzen, sondern auch z. B. beeinflussen kann, wie und ob die Kunden Verpackungen recyceln. Das Thema Digitalisierung zeigt auf anschauliche Weise ein direkt mir ihr verbundenes Problem: die ungeheure Komplexität und Datenfülle, in der man sich erst einmal zurechtfinden muss. Aber auch, welchen Nutzen man daraus ziehen kann, wenn die vorhandenen Daten in eine greifbare Form gebracht werden. Deshalb hier noch einmal die wichtigsten Punkte, die wir mit der zweiten Edition von Leben 4.0 für Sie zusammengestellt haben:

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Digitalisierung betrifft uns alle. Als Nutzer sind wir bereits mittendrin, z. B. jedes Mal, wenn

wir unser Handy benutzen. Die Vorteile überwiegen, deshalb lassen sich die Entwicklungen nicht aufhalten. Diese Entwicklungen vollziehen sich immer schneller und werden die Märkte sowie die Produktions- und Wertschöpfungsketten komplett umstrukturieren. Deshalb ist das Thema Digitalisierung gerade in aller Munde. Veränderung erfordert Flexibilität und die Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand hinaus-

zuschauen. Das bedarf nicht nur unternehmerischer, sondern auch persönlicher Anpassungsleistungen, möglichst aller Mitarbeiter. Veränderungsbereitschaft lässt sich trainieren und Veränderungen können professionell begleitet werden. Abgesehen davon, dass die Anpassung an neue Konsumenten-Bedürfnisse, neue Märkte und neue Arbeitsweisen (von Crowd- und Cloud-Working bis hin zu Coopetition) sich nicht werden vermeiden lassen, verkennen viele Unternehmen noch die Riesenchance, die in der Digitalisierung liegt. Denn wie immer, wenn Neuland betreten wird, werden jetzt Claims neu abgesteckt. Daten sind schnell, mobil und flexibel. Die wichtigsten Protagonisten des digitalen Zeit-

alters haben nicht umsonst in Garagen oder dem eigenen Schlafzimmer gestartet. Airbnb begann mit der Idee, Schlafmöglichkeiten zu vermieten und mit einer innerhalb von vier Tagen erstellten Webseite. Ohne eine einzige Immobilie zu besitzen, hat Airbnb heute mit mehr als 3 Millionen Inseraten aus fast 200 Ländern mehr als 150 000 000 Gästen eine Übernachtungsmöglichkeit vermittelt - digital. Durch die Komplexität, die immer größere Datenmengen erzeugen, sind jetzt neue, vernetz-

tere Denk- und Arbeitsformen gefragt. Man spricht auch von einer ‘Sharing Economy’, d. h. einer Welt des Teilens. Je vernetzter Sie arbeiten und je mehr Schnittstellen Sie mit anderen haben, desto erfolgreicher können Sie die digitale Transformation bewältigen und nutzen. Innovation wird von großen Firmen einfach eingekauft, in kleinerem Maßstab nutzt man die Kompetenz von Experten, um Prozesse zu initiieren, zu begleiten und zu beschleunigen.


”Digitale Innovation bedeutet Wachstum und eine höhere Produktivität. Unterm Strich bedeutet das auch: mehr Aufträge, mehr Arbeitsplätze, sicherere Jobs.”

Um mit Hilfe der Digitalisierung zu starten, zu wachsen oder

sein. Und jeder, der mit Daten umgehen kann, und alle, die

auch ungeheuer erfolgreich zu werden, benötigt es heute weder

bereits Zugang zu Daten haben (in Produktionsanlagen, über

Investoren noch große Unternehmen. Kreativität, Flexibilität

Kundendatenbanken, aufgrund langjähriger Zusammenarbeit

und Offenheit dafür, auch mal quer zu denken, sind die wich-

mit anderen Firmen etc.) hat bereits einen strategischen Vor-

tigeren Faktoren. Das heißt aber auch: jeder kann mit dabei

teil – den er nur nutzen muss. Am besten jetzt.


Wenn Sie eine Idee oder Unternehmen voranbringen oder auch einfach nur die Welt verbessern wollen, ist jetzt ein guter Zeitpunkt und die Digitalisierung ein gutes Mittel dafĂźr.

IMPRESSUM Herausgeber: Xara Business Solutions GmbH

LEBEN 4.0

Industrie 4.0 und die Zukunft der Arbeit

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Fotos: Herzlichen Dank an: Daniel Chen, Angela Franklin, Oliur Rahman, Michael Battaglia, Clarisse Meyer, artificial photography, Rob Sarmiento, Jackson Jost, Alex Jodoin, Gilles Lambert, Caroline Methot / unsplash sowie istock photos

FĂźr Fragen und weitere Informationen wenden Sie sich bitte an die Person, die Ihnen dieses Magazin gegeben hat.

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Leben 4.0, edition 2  

Digitalisierung, das klingt abstrakt, betrifft aber heute schon uns alle. Kaum merklich haben sich digitale Geräte in unserem Leben breit ge...

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