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Wort zum WiWi

N째 64 Juni 2013 Freie Fachschaft Wirtschaftswissenschaften


W ir danken dem S tadtrat und dem B auamt f체r die F ahrrad st채nder am W iwi -S eminar . E ine I nitiative der F reien F achschaft W irtschaftswissenschaften


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Liebe WiWis, wer würde sich nicht gerne laben an diesem Kelch, der voll ist mit Stein-derWeisen-Wasser? „Jeder Student, wir alle!“, würden wir wagen zu sagen. Beäugt den datterigen, blitzgescheiten Greis auf unserem Titelblatt! Nach fast lebenslangem Probieren und Studieren hält er seine Lebensweisheit in Händen. Viel Arbeit musste er hineingesteckt haben. Unseren Weg zur Weisheit haben wir längst angetreten und erkennen daher, dass der vermeintliche Kelch ein Erlenmeyerkolben ist. Ein jeder muss sein eigenes Rezept finden, um auf seine ganz persönliche Weisheit zu stoßen. Dabei ist Zusammenarbeit erwünscht und spicken erlaubt.

Professoren weiter. Außerdem werfen wir noch einen Blick auf die experimentelle Wirtschaftsforschung und widmen uns Kondratieff, der mit seiner Theorie behauptet, dass die aktuelle Wirtschaftswissenschaft in die falsche Richtung forscht. Die ganze Welt strebt nach Weisheit. Ansonsten ergäbe es keinen Sinn, dass Tübinger Studenten mit Austauschstudenten zeitweise ihren Platz austauschen. Wie schon in den 63 vorigen Ausgaben, widmet sich das WZW allen wichtigen Geschehnissen an der Fakultät und in der Welt. Bereits viele dachten während der WZW-Lektüre, das Wort zur Weisheit in Händen zu halten. Das ist schmeichelhaft und anmaßend zugleich, findet

So spicken wir nun gemeinsam in die 64. Ausgabe des Wort zum WiWi und lernen von Berichten anderer. Schwer traf uns der Weggang unserer Wirtschaftsweisen.Nichtsdestotrotz forschen unsere

eure

Impressum

Auflage 1.000 Exemplare

Herausgeber FreieFachschaft Wirtschaftswissenschaften Mohlstrasse 36 72074 Tübingen Tel: 07071/29-74656

Erscheinungsdatum 19. Juni 2013

R edaktion

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V.i.S.d.P. Anne Beck, Amadeus Müller

www.ffw.uni-tuebingen.de

Redaktion & Layout Jan Ahrens, Anne Beck, Amadeus Müller, Torben Riese

Sprechstunde Montag bis Donnerstag 10-14 Uhr

wzwmail@gmx.de

Sitzung Montag, 20 Uhr

Editorial


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Inhalt F achschaftsthemen Semesterbericht S. 6 Fachschaftshütte S. 7 Weihnachtssingen S. 8

D as P rüfungsamt informiert ...

S tudieren an der W i W ifakultät Neu an der Fakultät: Jun.-Prof. Dr. Wiebke Schlabohm S. 10 Arbeit der Stuko S. 12 Unternehmenskontaktstelle S. 14 Forschungsberichte Prof. Dr. Biewen S. 16 Prof Dr. Pfeifer S. 19

Durchfallquoten S. 21

A uslandsberichte

W i W i -T hemen

Córdoba, Argentinien S.22 Haifa, Israel S.24 Fairbanks, Alaska, USA S.26 Internationale in Tübingen S. 28

Der Kondratieff-Zyklus S. 30 Experimentelle Wirtschaftsforschung S. 34

K arikaturen Neulich an der Uni... S. 39

S tudentenleben in T übingen Unterwegs mit dem Semesterticket S. 42

D ies &D as Bildstrecke Kampfradler vs. Warnweste S. 43 WirrWarr S. 47


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Im Rückblick: Das Wintersemester Wie in jedem Jahr durften wir auch im vergangenen Wintersemester den zahlreichen neuen Erstsemestern das Tübinger Studentenleben zeigen. Infocafés, Stadtspiel, Kneipentour und Ersti-Party erleichterten den Neuankömmlingen den Start an der Uni und vielen gefielen unsere Einführungsveranstaltungen so gut, dass sie seither engagiert und mit großer Begeisterung bei uns mitarbeiten. Zusammen mit den Rückkehrern aus dem Ausland ist die Fachschaft damit nun größer als je zuvor. Seit langem sind auch wieder Masterstudenten mit dabei, sodass nun alle Studienabschnitte vertreten sind. Mit so vielen Mitgliedern ließ sich einiges auf die Beine stellen: Ende November konnten wir endlich wieder ein Clubhausfest feiern, das trotz verkleinerter Räumlichkeiten ein voller Erfolg war – nicht zuletzt wegen unserer legendären Bierbörse. Schon um 23 Uhr war das Clubhaus mit hunderten Feierwütigen gefüllt. Am nächsten Tag wurde bei der Graduate Party direkt weitergefeiert und unsere ehemaligen Kommilitonen gebührend verabschiedet. Natürlich bestand das Semester nicht nur aus Partys. Beim Erasmus-Infocafé konnten sich interessierte Drittsemester mit aus dem Ausland zurückgekehrten Studierenden austauschen und wertvolle Tipps für ein gelungenes Auslandssemester erhalten. Auch am Fachbereich gab es einiges zu tun, zum Beispiel die Berufungskommission der Juniorprofessur Marketing, die mit der erfolgreichen Berufung von Frau Dr. Schlabohm abgeschlossen werden konnte. Auch in den hochschulpolitischen Gremien setzten sich zahlreiche Fachschaftler für die Interessen der

Studierenden und wichtige Themen wie die Umsetzung der Wiedereinführung der Verfassten Studierendenschaft ein. So vergingen die ersten Monate des Semesters wie im Flug und schon stand Weihnachten vor der Tür. Selbstverständlich durfte die traditionelle WiWi-Weihnachtsfeier nicht fehlen und Professoren, Mitarbeiter und Studierende verbrachten einen schönen Abend bei Glühwein und Waffeln im WiWi-Seminar. Wie jedes Jahr sorgten der Weihnachtsmann mit seinem Süßigkeitenquiz für Abwechslung und der Fachschaftschor für die musikalische Untermalung. Dieser hatte beim alljährlichen Weihnachtssingen hohe Spenden für ein regionales und ein internationales Projekt erzielen können. Nach dem großen Erfolg im letzten Jahr gab es zudem eine Neuauflage der XXLmas-Party. Viel zu schnell begann die Prüfungszeit und das Semester neigte sich dem Ende zu. Wir freuen uns schon auf die Zusammenarbeit mit alten und neuen Fachschaftlern im neuen Semester.

V on J udith B lecke und J utta B erg Semesterkoordinatoren im WS 12/13


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Geschäftige Hüttengaudi Das Ziel der diesjährigen Fachschaftshütte hieß Bad Rippoldsau-Schapbach. Am 19. April machten sich 44 motivierte Fachschaftler auf den Weg zur Hütte, in der wir das Wochenende verbringen sollten. Nach etwas mehr als einer Stunde Fahrt kamen wir schließlich an und staunten nicht schlecht, als wir unsere Zimmer bezogen: Die Hütte war früher ein Hotel gewesen, sodass es reichlich Platz und komfortable Übernachtungsmöglichkeiten gab. Am ersten Abend stand zunächst nur gemütliches Kennenlernen auf dem Plan. Das war auch notwendig, da die zahlreichen neuen Fachschaftler aus dem zweiten Semester und die Sechstsemester, die gerade aus dem Ausland zurückgekehrt waren, doch noch einige Probleme bezüglich der Namen hatten. Am Samstag fiel die geplante Wanderung wegen des schlechten Wetters leider aus. Doch die Stimmung blieb weiter auf hohem Niveau und so ging es dann voller Energie an die Arbeit. In vielen unterschiedlichen Workshops bekamen vor allem die neuen Fachschaftler einiges an Informationen und Erfahrungen vermittelt. Beim Wiwi-Netzwerk ging es um Grundlegendes. Dort wurden neue Wege und Strategien zur Erweiterung ausgetüftelt. Die Teilnehmer des WZW-Workshops legten derweil die Themen für die neue Ausgabe fest. Damit neue Fachschaftler noch besser in die Fachschaft integriert werden können, aktualisierten einige Fachschaftler die Anleitung für die Fachschaft, die vor allem den Erstsemestern eine Übersicht über Aufgaben und Organisation der Fachschaft geben soll. Bei den Workshops, die sich mit der Graduate Party und den Wiwilympics beschäftigten, ging es vor allem um die

Planung der Events. Da deren Organisation in diesem Jahr zum großen Teil in anderen Händen als in den vorherigen Jahren liegt, war es für alle Beteiligten äußerst lehrreich und produktiv. Auch im Workshop zum Thema Studienkommission wurde intensiv gearbeitet. Dort vermittelten erfahrene Fachschaftler die Inhalte und Arbeit der Studienkommission an die Jüngeren. Vor dem Abendessen trafen sich alle zu einer kurzen Präsentation der Ergebnisse im Gruppenraum. Nach einem gemütlichen Abend machten wir uns am Sonntag schließlich wieder auf den Weg nach Tübingen. Was vom Wochenende in Erinnerung bleibt, ist das schlechte Wetter, eine tolle Hütte und jede Menge Spaß. Zudem wurde unsere Erfahrung aus den Vorjahren bestätigt, dass die Fachschaftshütte das Gruppengefühl innerhalb der Fachschaft stärkt und die intensive Zusammenarbeit während des Wochenendes den Grundstock für unsere Ziele im Semesterverlauf legt. Was wir uns für das nächste Jahr eingetrichtert haben, ist, dass nicht jeder Fachschaftler ein Glas Würstchen isst und dass man mit Trockenblumen nur bei gutem Wetter bastelt.

V on T homas T ichelbäcker

Fachschaftsthemen


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Weihnachtssingen Während der Advent eigentlich eine besinnliche Zeit sein soll, in der man sich auf Weihnachten vorbereitet und zur Ruhe kommt, sieht der Alltag doch meist ganz anders aus: Geschenke müssen besorgt, die Taschen gepackt und die Heimfahrt für die bereits jetzt viel zu kurz erscheinenden Ferien organisiert werden. Außerdem hat man nebenbei noch Vorlesungen zu besuchen, Assignments abzugeben und die Klausurenphase rückt ebenfalls schon bedrohlich nahe. Um dennoch ein wenig Weihnachtsstimmung am Fachbereich zu verbreiten, zog die Fachschaft auch im letzten Wintersemester als rot bemützter Chor mit der Gitarre in der Hand durch die Lehrstühle und Vorlesungssäle. Dabei erhielten wir wie immer große Unterstützung seitens der Professoren: Neben zahlreichen Einladungen zu den Lehrstühlen kamen dank Herrn Professor Neus und Herrn Professor Schöbel auch die Bachelorstudenten aus dem ersten und dritten Semester und auf Initiative von Herrn Professor Grammig sogar ein Masterkurs in den Genuss unseres Gesangs. Zudem stimmten einige Lehrstuhlteams bereitwillig mit ein, wenn es seitens der Fachschaft einmal an genügend Sängern mangelte. Wie in jedem Jahr diente das Weihnachtssingen jedoch nicht nur dem Spaß und der Unterhaltung, sondern der finanziellen Unterstützung von zwei Hilfsprojekten, eines davon in Tübingen, das andere international, bei deren Auswahl wir ebenfalls Unterstützung von Lehrstühlen und Studenten erhielten: Als lokales Projekt entschieden wir uns, den Förderverein für krebskranke Kinder

Tübingen e.V. zu unterstützen, auf den uns Frau Volkert vom Lehrstuhl Stadler aufmerksam machte. Der Verein unterhält ein Elternhaus, in dem die Familien an Krebs erkrankter Kinder und Jugendlicher wohnen können, während diese in der Uniklinik in Behandlung sind und bietet Aktionen und Ferienfreizeiten an. Weiterhin finden die betroffenen Familien hier Antworten auf ihre zahlreichen Fragen und werden auch über das Ende der Behandlung hinaus betreut und unterstützt. Die zweite Hälfte der insgesamt 1.300€ an Spenden erhielt das Projekt Las Hormiguitas, auf Deutsch „Die Ameisen, in Matagalpa“, Nicaragua. Hier wird den Kindern der Stadt, von denen die meisten arbeiten müssen, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern, Hausaufgabenhilfe und ein kleines Freizeitprogramm geboten. Zudem leisten die Mitarbeiter wichtige Aufklärungsarbeit bezüglich Menschenund Kinderrechte und sexuellem Missbrauch, die dank einer mobilen Schule auch die Kinder erreicht, die nicht zum Haus des Projekts kommen können. Wir danken den ProfessorInnen und MitarbeiterInnen, sowie den StudentInnen für die zahlreichen Spenden und hoffen, dass wir auch in Zukunft ein wenig Weihnachtsstimmung in die sonst so stressige Vorweihnachtszeit am Fachbereich bringen können werden.

V on J udith B lecke


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Neu an der Fakultät Jun.-Prof. Dr. Wiebke Schlabohm Was war Ihr Traumberuf, als Sie klein waren? Als meine Mutter mich fragte was ich werden will, sagte ich: „Rentner, genau wie der Opa“. Später habe ich verstanden, dass es volkswirtschaftlich problematisch ist, wenn jeder gleich nach dem Ende der Kindergartenzeit Rentner wird. Was war Ihr Lieblingsfach in der Schule? Mathe Wo haben Sie ihr erstes Praktikum gemacht? Hamburg Messe und Congress Was haben Sie studiert? BWL an der Universität Duisburg-Essen und der Christian-Albrechts Universität Kiel. Im BWL Studium habe ich meine Leidenschaft für die Marktforschung entdeckt und daher an der Tilburg University diesen Schwerpunkt im Masterprogramm Marketing Research weiter vertieft. Wieso dieses Studium? Ich fand wirtschaftliche Zusammenhänge schon während der Abiturzeit spannend und wollte gerne etwas in die Richtung machen. Was waren Ihre Schwerpunkte oder Vertiefungen? Marketing und Controlling. Ich habe mich dann aber mehr auf Marketing und Marktforschung konzentriert

Warum haben Sie die Laufbahn als Professorin eingeschlagen? Ich finde das Erforschen und Verstehen von Zusammenhängen sehr spannend. In der Forschung an der Universität kann man der Sache auf den Grund gehen, dafür hat man im operationellen Geschäft im Unternehmen oft nicht die nötige Zeit. Zudem möchte ich meine Begeisterung für Marktforschung auch gerne teilen und über die Lehre an die Studenten weitergeben. Wie kam es dazu, dass Sie Professorin in Tübingen wurden? Ich habe mich beworben, da die Ausrichtung des Fachbereichs mir sehr zusagte und Tübingen eine ausgezeichnete Universität ist. Zahlreiche exzellente Kollegen und ein sehr angenehmes Berufungsverfahren machten die Entscheidungen für Tübingen leicht.


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Was zeichnet Ihre Lehre besonders aus? Ich will anwendungsorientiert und interaktiv mit den Studenten arbeiten. Aus Studentenzeit kenne auch ich die Situation sich passiv in eine Vorlesung zu setzen und sich unterhalten zu lassen. Lernen tut man dennoch mehr, wenn man teilnimmt und ich hoffe diese Interaktion ein wenig in jede Veranstaltung integrieren zu können. Was wollen Sie den Studierenden vermitteln? Ich möchte die Leidenschaft für mein Fach weitergeben. Marketing sollte immer quantitativ betrachtet werden, d.h. der Wert einzelner Marketingmaßnahmen sollte bestimmt und auf Effizienz untersucht werden. Mein Ziel ist es die Studenten für Marketing zu begeistern und zu zeigen, dass Marketing mehr als bunte Bildchen ist. Wie gefällt Ihnen Tübingen? Bis jetzt sehr gut. Mir gefällt die kleine Altstadt, der Neckar, und dass man schnell im Grünen ist. Wo findet man Sie in Ihrer Freizeit? Je nach Wetter: Sonne: auf dem Fahrrad Regen: im Tanzsaal Schnee: in den Alpen auf Skiern

I nterview von T homas T ichelbäcker

WiWi-Fakultät


12 Einblick in die Arbeit der Studienkommission

Das Beispiel Pflichtpraktikum Circa 70% aller Studierenden des Fachbereichs Wirtschafswissenschaften absolvieren während ihres Studiums ein Praktikum, obwohl die aktuelle Prüfungsordnung (PO) dies nicht verpflichtend vorschreibt, sondern nur eine Empfehlung abgibt: Innerhalb des Studiums soll während der vorlesungsfreien Zeit ein dem Studienziel dienendes Praktikum bei einem Unternehmen oder einer öffentlichen Einrichtung abgeleistet werden. [Bachelor PO 2012, Allgemeiner Teil, I §1 (7) Satz 1] Folgende Problematik ist dadurch gegeben: Einige Praktikumsgeber (private Firmen wie Siemens oder öffentliche Institutionen wie das Auswärtige Amt) vergeben Praktika nur an Studierende, die laut ihrer PO ein Praktikum machen müssen.

Der Hintergrund dafür ist, dass genannte Voraussetzung die Übernachfrage nach Praktikumsstellen mindern soll und auf Seiten der Unternehmen ein Pflichtpraktikum in puncto „Sozialabgaben“ günstiger ist. Auch die Deutsche Bahn verweigerte einer Tübinger Studentin die Ausstellung eines Semestertickets für die Praktikumszeit, da der geforderte Nachweis für ein Pflichtpraktikum fehlte. Wegen genannten Gründen wenden sich Studenten seit geraumer Zeit an den Fachbereich, u.a. an die Studienfachberatung. Diese suchte wiederum den Kontakt mit der Fachschaft in ihrer Funktion als Studierendenvertretung, um gemeinsam eine Lösung für genanntes Problem zu finden. Am 12. November 2012 wurde das Thema erstmals in der Studienkommissionssitzung (Studiendekan, vier Professoren,


13 vier Studenten, ein Mitarbeiter des wissenschaftlichen Dienstes) erwähnt und im Anschluss daran zur genaueren Erörterung und Lösungsfindung ein Arbeitskreis aus Studenten der Fachschaft und Mitgliedern des Studiendekanats und der Unternehmenskontaktstelle gebildet. Folgender Vorschlag wurde hierdurch erarbeitet und nach Beratung mit der Rechtsabteilung am 13. Dezember 2012 an den Fachbereichsvorstand und eine Woche später an die Studienkommissionsmitglieder versendet: Die PO solle geändert werden und zukünftig ein Pflichtpraktikum beinhalten. Allerdings gäbe es die Möglichkeit der Befreiung durch begründeten Antrag an die Unternehmenskontaktstelle und den Besuch von Ersatzveranstaltungen des Career Service. Weiterhin würde das Pflichtpraktikum zusammen mit einem nicht benoteten Kolloquium (Präsentation von Praktikumsberichten) mit 3 ECTS Punkten im SQ-Bereich curricular eingebunden werden. Die inhaltliche Betreuung und Kontrolle läge gleichermaßen verteilt (soweit wie möglich) bei den Lehrstühlen. In der zweiten Sitzung des Wintersemesters, am 14. Januar 2013, diskutierte die Studienkommission diesen Entwurf und befürwortete die Einführung eines Pflichtpraktikums mit Ausnahmeregelung. Die Vertreter der Professoren legten der Kommission jedoch nahe, das geplante Prozedere ohne Vergabe von ECTS Punkten durchzuführen, da das damit verbundene Kolloquium bzw. die Bewertung von Praktikumsberichten einen Mehraufwand für die Lehrstühle darstelle und diese Ressourcen den Studenten in der Lehre abhanden kämen. Dieser Vorschlag wurde

von den Studierendenvertretern unterstützt, da zwar einerseits der Erwerb von ECTS-Punkten ein willkommener Nebeneffekt wäre, die Bescheinigung über ein Pflichtpraktikum und somit der Zugang zu attraktiven Praktika jedoch das Hauptanliegen der Studenten ist, was mit so wenig Aufwand wie möglich für die Studenten und Professoren verbunden sein sollte. In den darauffolgenden Wochen kam die Realisierung eines Pflichtpraktikums jedoch ins Stocken, da grundsätzliche Bedenken gegenüber der Idee eines Pflichtpraktikums vom Fachbereichsvorstand und von der Rechtsabteilung bezüglich einer erneut notwendigen PO-Änderung geäußert wurden. Folglich wurde das Thema „Pflichtpraktikum“ auf das Sommersemester verschoben. Die Freie Fachschaft Wirtschaftswissenschaften wird sich weiterhin dafür einsetzen, dass für die Pflichtpraktikumsproblematik schnellstmöglich eine Lösung gefunden wird. Dieser Einblick in die Arbeit der Studienkommission zeigt, dass bei der Bearbeitung von aktuellen Themen und Problemen neben großem Engagement einige Schritte, Sitzungen und auch zusätzliche Treffen dazwischen notwendig sind, um einen Konsens aller beteiligten Parteien zu finden oder auch rechtliche Probleme zu lösen. Andererseits ist es auch möglich, bei akuten Problem, wie z.B. der überfüllten WiFiPo-Vorlesung, innerhalb kurzer Zeit eine Lösung zu finden.

V on A nne B eck , J utta B erg , S ophia W olpers , F rank W essbacher

WiWi-Fakultät


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Eine Brücke zwischen Theorie und Praxis Die Unternehmenskontaktstelle Man hört immer wieder Studierende, wie Studierende sich beschweren ihr Studium sei zu trocken, zu viel Theorie und auch von Seiten der Wirtschaft wird immer wieder bemängelt, dass die Studierenden zwar über sehr gutes theoretisches Wissen verfügen, aber kaum über praktische Erfahrungen verfügen, die wichtig für das Berufsleben sind. Als Reaktion auf diese Umstände wurde die Unternehmenskontaktstelle (UKS), auf Initiative der Fachschaft, ins Leben gerufen. Die UKS dient als Brücke zwischen Theorie und Praxis. Sie ermittelt zwischen den Wünschen und Bedürfnissen der Unternehmen und den Plänen der Absolventen. Derzeit wird sie von Herrn Bastian Kieper betreut. Er ist der feste Ansprechpartner für Unternehmen und zeigt ihnen die breite Palette an Kooperationsmöglichkeiten am Fachbereich auf, gleichzeitig gibt er Studierenden Hilfestellung rund um das Thema Bewerbung. Die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und dem Fachbereich kommt den

Studierenden in Form von Seminaren und Workshops zu Gute. Unter anderem organisierte Herr Kieper den Vortrag eines Sportrechtevermarkters und eines Vertreters der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (giz) im Rahmen der Reihe Beruf & Praxis. Weiter plante er in diesem Semester einen Workshop mit Roland Berger und eine Exkursion mit dem Lehrstuhl Personal und Organisation von Frau Prof. Pull zum Werk der AUDI AG in Neckarsulm. Dort konnten die Studierenden bei einer Werksführung und einem anschließenden Insider-Gespräch zur Organisation der Personalarbeit der AUDI AG Einblicke in die alltägliche Praxis des Unternehmens gewinnen. Ebenso wurden Fragen zu Einstiegsmöglichkeiten aus 1. Hand beantwortet. Ein Service, den die Studierenden sehr häufig nutzen, ist der Bewerbungsmappen-Check. Bei Voranmeldung geht Herr Kieper die Bewerbungsmappe mit dem Studierenden Schritt für Schritt durch und gibt wichtige Verbesserungsvorschläge und Tipps für die perfekte Bewerbung.


15 Die UKS stellt maßgeblich einen Knotenpunkt zwischen Theorie und Praxis her. Sie knüpft wichtige Kontakte zur Wirtschaft und die daraus resultierende Zusammenarbeit stellt sowohl für Firmen als auch für Absolventen eine einmalige Chance dar, sich noch vor dem eigentlichen Berufsstart kennenzulernen. Die Unternehmen können ihren Geschäftsbereich mit ihren Anforderungen und Perspektiven vorstellen, die Studierenden gewinnen dadurch erste Eindrücke von ihren möglichen Arbeitgebern und können sich selbst präsentieren. Durch die vielen Verbindungen mit Unternehmen und Organisationen werden diese zudem an die sehr gute Ausbildung am Fachbereich erinnert, was hoffentlich im späteren Bewerbungsprozess der Tübinger Absolventen von Vorteil ist. Um das Angebot für Studierende, Absolventen und alle Mitglieder des Fachbereichs noch attraktiver zu machen, ist Herr Kieper immer wieder auf der Suche nach neuen Ideen für Kooperationsmöglichkeiten und Partnerschaften für Projekte. Er lädt daher alle Studierenden, studentischen Organisationen und alle Mitglieder des Fachbereichs ein, sich mit ihren Wünschen, Anregungen und Fragen an ihn zu wenden. Die Unternehmenskontaktstelle befindet sich im ersten Stock der Nauklerstr. 47 und sie ist online über die Fachbereichs-Seite unter dem Punkt „Praxis“ zu finden.

V on F reya H orn

WiWi-Fakultät


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Lehre und... …an was wird geforscht? Die Arbeit unserer Professoren abseits von Hörsaal und Seminarräumen ist den meisten von uns Studenten unbekannt – obwohl sie zumeist mehr als fünfzig Prozent der Arbeitszeit der Professoren umfasst. In dieser Ausgabe des WZWs freuen wir uns daher über die Beiträge von Professor Martin Biewen und Professor Johannes Pfeiffer, die uns ihre aktuellen Forschungsprojekte näher bringen und zeigen, in welche Richtungen in ihren Spezialgebieten gerade viel gearbeitet wird.

Prof. Dr. Biewen (Lehrstuhl für Ökonometrie, Statistik und Quantitative Methoden) Als Lehrstuhl für Ökonometrie, Statistik und Quantitative Methoden forschen wir v.a. in den folgenden vier Bereichen: 1) Einkommensverteilung, 2) Arbeitsmarktökonomik, 3) Dynamische Panelmodelle und 4) Bildungsökonomie. Der Bereich Einkommensverteilung ist sicher einer unserer Hauptschwerpunkte. So interessieren wir uns beispielsweise für die strukturelle Analyse der Einkommensverteilung, also die Frage, wie sich die Einkommensverteilung über die Zeit entwickelt und was die möglichen Ursachen für beobachtete Entwicklungen sind (z.B. Arbeitslosigkeit, Veränderungen der Lohnstruktur, Reformen im Transfer- oder Steuersystem, Änderungen in der Bevölkerungsstruktur u.ä.). Hier waren wir auch mit einem umfangreichen Forschungsprojekt in Kooperation mit dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) im kürzlich veröffentlichten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung vertreten. Die Analyse der Einkommensverteilung betrifft auch viele statistischmethodische Fragestellungen, mit denen wir uns ebenfalls beschäftigen.

In einem weiteren Projekt im Bereich Einkommensverteilung versuchen wir empirisch die Hypothese zu untersuchen, ob Produktionsfaktoren gemäß ihren Grenzproduktivitäten bezahlt werden, oder ob es hier Abweichungen gibt, welche dann z.B. auf Marktunvollkommenheiten hindeuten. Ein weiteres Beispiel ist die Schätzung von sogenannten Äquivalenzskalen aus Zufriedenheitsdaten. Äquivalenzskalen haben den Zweck, das Einkommen verschiedener Haushaltstypen vergleichbar zu machen (z.B. brauchen die zwei Mitglieder eines Zweipersonenhaushalts nicht das doppelte Einkommen eines entsprechenden Single-Haushalts weil sie Wohnung und Haushaltsgegenstände gemeinsam nutzen können). In einem ähnlich gelagerten Projekt weist unser Doktorand Andos Juhasz ebenfalls mit Hilfe von Zufriedenheitsdaten nach, dass es tatsächlich so etwas wie eine Armutsgrenze gibt, also ein Einkommensniveau, unter dem sich die subjektive Zufriedenheit sprunghaft verschlechtert.


17 Weitere Forschungsprojekte verfolgen wir im Bereich der Arbeitsmarktökonomik. In einem Projekt beschäftigen wir uns zum Beispiel mit der Frage, in welchem Maße die nach Chetty (2008) zu unterscheidenden (guten) Liquiditäts- und (schlechten) Moral Hazard Effekte der Arbeitslosenversicherung im deutschen System vorhanden sind und ob sie sich seit den Hartz-IV Reformen verändert haben. In weiteren, inzwischen schon abgeschlossenen Projekten gingen wir der Frage nach, ob es Stigmatisierungseffekte von Arbeitslosigkeit gibt, d.h. ob Personen allein deshalb in der Zukunft schlechtere Arbeitsmarktchancen haben, weil z.B. Arbeitgeber sehen, dass sie schon einmal arbeitslos waren. Auch die Evaluierung der kausalen Effekte von aktiven Instrumenten der Arbeitsmarktpolitik (insbesondere von der Bundesagentur geförderte Weiterbildungsmaßnahmen) auf die Beschäftigungschancen von Arbeitslosen ist eines unserer Interessengebiete. Ein weiteres, von unserer Doktorandin Stefanie Seifert bearbeitetes Projekt im Bereich Arbeitsmarktökonomik untersucht, inwieweit es horizontale und vertikale Geschlechtersegregation bzgl. Berufen innerhalb von Unternehmen gibt und welche deren Determinanten sind.

In methodisch-ökonometrischer Sicht interessieren uns ganz besonders Methoden der Panelökonometrie, mit welchen sich sämtliche individuelle dynamische Verläufe (individuelle Arbeitslosigkeitsverläufe, Einkommensverläufe, Armutsverläufe, Verläufe des Gesundheitszustands, der Zusammensetzung des Vermögens u.ä.) ökonometrisch modellieren lassen. Hierzu benötigt man sogenannte Paneldaten, in denen Individuen, Haushalte, Unternehmen usw. über die Zeit hinweg verfolgt werden. In diesem Zusammenhang ergeben sich interessante methodische Fragestellungen, z.B. die Frage, inwieweit sich dynamische Effekte („Führt vergangene Arbeitslosigkeit ceteris paribus zu zukünftiger Arbeitslosigkeit?“) von den Effekten unbeobachteter Eigenschaften („Sind manche Individuen einfach immer wieder arbeitslos, weil sie schlechte unbeobachtete Arbeitsmarkteigenschaften haben?“) trennen lassen. Eine weitere interessante Frage ist, inwieweit es dynamische Wechselbeziehungen (d.h. Feedback-Effekte) zwischen verschiedenen Größen gibt. Auch in diesem Bereich arbeiten wir sowohl methodisch als auch inhaltlich. Beispielsweise hat unser Doktorand Markus Niedergesäss ein dynamisches ökonometrisches Modell geschätzt, welches die dynamischen

WiWi-Fakultät


18 Wechselwirkungen des Beschäftigungszustands, des Beziehungszustands sowie der Fertilität von Personen beschreibt. In einem weiteren aktuellen Projekt modelliert unser Mitarbeiter Gideon Becker mit Hilfe von panelökonometrischen Methoden die Portfoliowahl (d.h. die Zusammensetzung der Vermögen) der Haushalte über die Zeit. Ein letztes Interessengebiet des Lehrstuhls ist der ebenfalls wichtige Bereich der Bildungsökonomik, in dem unser Fachbereich Teil der innerhalb der Exzellenzinitiative geförderten Graduiertenschule LEAD („Learning, Educational Achievement, and Life Course Development“) ist. In einem schon vor der Gründung der Graduiertenschule begonnenen Kooperationsprojekt mit der Wirtschaftspädagogin Olga Troitschanskaia aus Mainz verwenden wir beispielsweise Methoden der Panelökonometrie, um die Entwicklung der Fachkompetenz, Motivation und der epistemologischen Überzeugungen von Wiwi-Studierenden über die Zeit zu modellieren. Wir planen, innerhalb der LEAD Graduierteschule weitere Projekte mit ähnlichen Fragestellungen zu verfolgen.

V on P rof . D r . M artin B iewen


Prof. Dr. Pfeifer (Lehrstuhl International Macroeconomics and Finance) Politikunsicherheit und Konjunkturzyklen Forschungsgegenstand Nach dem Platzen der Hauspreisblase fielen die USA im Dezember 2007 in die längste und tiefste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise. Die anschließende Wirtschaftserholung verlief außergewöhnlich schleppend. Für die Konservativen war der Schuldige schnell gefunden: die Regierung Obama, die mit ihren Plänen zur Krankenversicherungsreform und anderen regulatorischen Initiativen ein Klima der Unsicherheit geschaffen habe, in dem sich Unternehmen und Haushalte mit Investitionsprojekten zurückhielten. In der Tat lässt sich eine erhöhte Politikunsicherheit nicht von der Hand weisen. Beide Parteien konnten sich nach Beginn der Finanzkrise nicht auf eine angemessene Politikantwort verständigen. Auf der einen Seite wurden Rufe nach einem Konjunkturpaket mit Steuerentlastungen und staatlichen Ausgabenprogrammen laut. Auf der anderen Seite riss der Konjunktureinbruch ein Loch in die öffentlichen Finanzen, sodass Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen gefordert wurden. Während keine klare Richtung der Politik zu erkennen war, erhöhte sich die Spannweite möglicher Politikmaßnahmen und damit die Unsicherheit. Forschungsfrage Auf den ersten Blick erscheint die Hypothese, dass diese erhöhte Politikunsicherheit entscheidend zum Rückgang der ökonomischen Aktivität beigetragen hat, plausibel. So lehrt die mikroökonomische

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Theorie realer Optionen, dass es bei einem Anstieg der Unsicherheit über zukünftige Erträge optimal sein kann, Investitionen zu verschieben, bis sich die Unsicherheit aufgelöst hat. Ein gemeinsames zeitliches Auftreten sollte jedoch nicht mit dem Vorliegen einer kausalen Beziehung zu verwechseln. Und selbst falls eine kausale Beziehung vorliegen sollte, stellt sich die Frage nach dem quantitativen Ausmaß des Effektes. Aus diesem Grund habe ich zusammen mit Benjamin Born von der Universität Mannheim die quantitativen Auswirkungen von Unsicherheit über Steuern, Staatsausgaben und Geldpolitik auf den Konjunkturzyklus im Rahmen eines auf US-Daten geschätzten makroökonomischen Modells untersucht. Ergebnisse Die Daten deuten zwar auf ein erhöhtes Maß an Unsicherheit während der letzten Jahre hin, dieses bewegte sich aber in etwa auf demselben Niveau wie in der Rezession nach dem 11. September, als ebenfalls über Konjunkturpakete gerungen wurde. Des Weiteren stellten wir fest, dass ein solcher Anstieg an Politikunsicherheit nur einen geringen negativen Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat und damit nicht Hauptursache für die Dauer und Tiefe der Rezession sein kann. Der Grund für diesen Befund liegt darin, dass sich mikroökonomische Theorien nicht ohne weiteres auf die makroökonomische Ebene übertragen lassen. Es liegt eine Art Sparparadoxon vor: Nicht alle Personen einer Volkswirtschaft können gleichzeitig ihre

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20 Investitionen senken und mehr sparen, da im Gleichgewicht die Ersparnis immer den Investitionen entsprechen muss. Deswegen müssen sich der Preis der Ersparnis, also die Zinsen, und das BIP solange anpassen, bis die Gleichheit erfüllt ist. Im vorliegenden Fall verläuft die Anpassung vor allem über die Zinsen, weswegen das BIP und die Beschäftigung kaum betroffen sind. Der Grund hierfür ist, dass die amerikanische Zentralbank auf einen Anstieg der Unsicherheit mit einer deutlichen Senkung der Zinsen reagiert, welches den sonst negativen Effekt der erhöhten Unsicherheit so stark dämpft, dass dieser quantitativ unbedeutend wird. Falls allerdings die Nullzinsgrenze eine weitere Zinssenkung verhindert, können die negativen Auswirkungen von Politikunsicherheit deutlich größer sein. Es ist jedoch zweifelhaft, ob dies derzeit der Fall ist, da die Federal Reserve mit unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen wie dem sogenannten „Quantitative Easing“ darauf abzielt, die Nullzinsgrenze zu umgehen.

Fazit Auch wenn Politik und Presse das Thema Politikunsicherheit immer wieder aufbringen, deutet vieles darauf hin, dass die langsame wirtschaftliche Erholung anderweitige Ursachen hat. Daher sollte sich die Politik weniger Gedanken über die Vermeidung von Unsicherheit machen als um das Erreichen effektiver Problemlösungen, auch wenn die Diskussionen über optimale Politikmaßnahmen temporär zu einer Erhöhung der Unsicherheit führen können.

V on P rof . D r . J ohannes P feifer Anm: Der Bericht von Prof. Pfeifer ist ebenfalls in den WiWiNews erschienen.


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Das Pr端fungsamt informiert Pflicht- und Profilbildungsmodule

Wintersemester 2012/13 Haupttermin Februar 2013 Klausur

Teilnehmer

nicht bestanden

Durchfallquote

Durchschnitt

Haupt

Neben

Haupt

Neben

Haupt

Neben

Haupt

Neben

Einf Wiwi

204

134

8

19

3,92%

14,18%

2,00

2,75

EDA

285

18

38

10

13,33% 55,56%

2,96

4,09

Mathe

291

60

60

29

20,62% 48,33%

3,09

4,08

ReWe

272

58

17

14

6,25%

2,12

2,91

24,14%

I&F

228

31

35

11

15,35% 35,48%

3,12

3,75

Makro I

146

18

11

7

7,53%

38,89%

2,43

3,44

Marketing

19

33

1

9

5,26%

27,27%

2,59

3,33

P-Recht

203

4

11

0

5,42%

0,00%

2,52

3,68

QM

143

13

6

3

4,20%

23,08%

2,36

3,30

BW WI

58

7

0

0

0,00%

0,00%

1,31

1,94

Nachholtermin April 2013 Klausur

Teilnehmer

nicht bestanden

Durchfallquote

Durchschnitt

Haupt

Neben

Haupt

Neben

Haupt

Neben

Haupt

Neben

Einf Wiwi

126

38

8

11

6,35%

28,95%

2,26

3,16

EDA

56

10

17

6

30,36% 60,00%

3,48

4,40

Mathe

81

33

20

15

24,69% 45,45%

3,19

4,08

ReWe

46

37

7

16

15,22% 43,24%

2,71

3,52

I&F

89

23

12

6

13,48% 26,09%

2,93

3,60

Makro I

149

11

25

3

16,78% 27,27%

2,96

3,15

Marketing

4

14

0

8

0,00%

57,14%

1,58

4,14

P-Recht

40

2

1

0

2,50%

0,00%

2,52

4,00

QM

86

9

16

3

18,60% 33,33%

2,92

3,97

BW WI

20

2

0

0

0,00%

1,48

2,35

Durchfallquoten

0,00%


22

Darf‘s ein Rindersteak sein ? Argentinien: Land der Rinder, des Gauchos und des Matés. Dazu Land einiger Austauschstudenten, darunter ich. In sieben Monaten wollte und sollte ich viel davon kennenlernen. Vier Monate verbrachte ich an der Universidad Nacional de Córdoba, kurz UNC. Der Anfang gestaltete sich schwierig. Ein Auszug aus einem meiner Rundschreiben an Freunde und Verwandte trifft es ganz gut: „Es war, wie ins kalte Wasser geworfen zu werden: Kaum vorbereitet flog ich, tauchte ein und bekam einen kleinen Schock. Zunächst musste ich mich hier unten in Argentinien orientieren. Aber wie das nun einmal unter Wasser der Fall ist, versteht man die anderen Leute kaum – und diese einen auch nur schlecht. Aber nach einer Weile tauchte ich auf. Seitdem paddle ich hierhin und dorthin oder lasse mich einfach im städtischen Strom von Córdoba treiben.“ Ein Großteil der über hunderttausend Studenten wohnt im Viertel Nueva Córdoba. Dass hier ein reges Nachtleben herrscht, könnt ihr euch vorstellen. Es kann schon mal vorkommen, dass man sich dienstagmorgens um 4 Uhr in einer Kneipe wiederfindet und sich verwundert

die Augen reibt, weil alle Tische besetzt sind. Die lokale Ausgehkultur bewirkt, dass Clubs um 1 Uhr leer sind und um 2 Uhr fast bersten. Der europäische, vor allem italienische Einfluss bewirkt, dass es überall Pizza, Pasta und Fernet (Magenbitter) gibt. Gleichzeitig werden landestypische Gepflogenheiten zelebriert – sei es beim Maté (Tee) schlürfen oder beim Grillen. Die staatliche, kostenlose Universidad Nacional de Córdoba feiert dieses Jahr ihr 400-jähriges Bestehen und lockt Studenten aus dem ganzen Land an. So kann es also gut vorkommen, einen Kommilitonen zu treffen, der aus Feuerland – dem südlichsten Zipfel Argentiniens – kommt und damit 3.000 Kilometer von zuhause entfernt studiert. Dieser Tatsache entspringt der Charakter dieser Stadt: Überaus viele kommen aus der Fremde und sind damit äußerst herzlich und kontaktfreudig. Ein argentinischer Freund drückte es so aus: „Ihr Deutschen seid genauso offen wie wir, vorausgesetzt man drückt euch zuvor ein Glas Wein in die Hand.“ Vorlesungen an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (nicht an allen!) finden zwischen 15 und 23 Uhr statt, damit die Studenten morgens jobben können. Die Universitätsgebäude sind eher spartanisch eingerichtet. Beamer hängen keine an der Decke, der Fachschaftsraum besteht aus einem Verschlag mit drei Aktenordnern und einem Computer, das Sportgelände hat statt einer Kletterwand einen Kletterbaum. Mein kleinwüchsiger Prof quatschte vor vollbesetztem Hörsaal mit mir und zauberte Mitte des Semesters, während seinen Ausführungen zur Inflationspolitik, einen


23 Notizzettel aus dem Ärmel. „Verstehst du?“, las er vor. Mit der Zeit verstand ich tatsächlich. In der Vorlesung „Wirtschaftspolitik in Argentinien“ studierte ich die in der Vergangenheit angewendeten Politikinstrumente, außerhalb des Hörsaals die aktuellen. Denn politisch mutet Argentinien wie ein Versuchsfeld an. Der vorherrschende Peronismo lässt alle Politiken zu, wichtig dabei ist nur, dass die herrschende Politikerkaste an der Macht bleibt. Dafür unternimmt sie einiges. Die Politik fälscht Daten und redet die Inflation klein, dabei galoppiert sie dem Wirtschaftsministerium schon lange davon. Um Wille und Engagement zu zeigen oder vorzutäuschen, fror die Regierung im Februar und März dieses Jahres die Preise bei Supermärkten und ihren Zulieferern ein. Mit der Folge, dass sich im April die Preisspirale ruckartig schneller drehte. Die Mittelschicht wird dabei ausgepresst, um diverse Sozialpolitiken finanzieren zu können. Eine Frau bekommt, sobald sie sieben Kinder geboren hat, bis an ihr Lebensende eine üppige monatliche Rente vom Staat zugeteilt.

Kein Wunder, dass mehrmals die Woche demonstriert wird – während meines sommerlichen Wintersemesters kamen zweimal 25.000 Wutbürger zusammen. Wollte ich diesem Trubel entfliehen, flüchtete ich mit meinen argentinischen amigos in die nahegelegenen Sierras de Córdoba. Für Kletterexkursionen, Radtouren oder das Baden im Bach ist das felsige Gebirge geradezu prädestiniert. Weil das Semester in Córdoba im August anfängt und somit bereits im November endet und es zurück in Tübingen erst im April weitergeht, bietet es sich an, Südamerika noch etwas besser kennenzulernen. So schaute ich mir in zehn unvergesslichen Wochen Chile vom Fahrradsattel aus an.

V on A madeus M üller

Auslandsberichte


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Israel: Weit weg und doch so nah. 24. Dezember 2012, 8 Uhr morgens, 25°C. Dieses Szenario mag dem Ein oder Anderen bekannt sein, der zum Beispiel nach dem Abitur für ein Work & Travel-Jahr in Australien war. Allerdings bin ich nicht auf dem Weg zum Strand, sondern zu meinem allmorgendlichen Hebräisch-Kurs. In einem Land, in dem nur etwa 2% der Bevölkerung Christen sind, haben die für uns üblichen Feiertage kaum Bedeutung; nur als meine Arabisch-Lehrerin mittags Baklava mitbringt, kommt ein kleines bisschen Festtagsstimmung auf. Was verschlägt mich also in dieses Land, das wir zwar aus den Nachrichten kennen, uns aber doch so fern scheint? Nachdem ich vor drei Jahren schon meinen Zivildienst in Jerusalem verbrachte und dort körperlich Behinderte pflegte, hat es mich gereizt, noch einmal zurück zu gehen und das Land als Student kennen zu lernen. Israel liegt am östlichen Rand des Mittelmeeres und ist damit näher als man denkt: Mit etwa dreieinhalb Flugstunden von Berlin ist es nicht weiter entfernt als Gran Canaria. Das Land, das etwa so groß wie

Hessen ist, besteht zu großen Teilen aus einer Wüste, hat Zugang zu drei Meeren (Mittel-, Totes und Rotes Meer) und doch kann man im Winter im Norden Ski fahren. Die Großstädte sind ähnlich vielfältig. Die Hauptstadt Jerusalem ist das Zentrum der drei großen monotheistischen Weltreligionen, Tel Aviv ist eine der modernsten Partymetropolen und gilt mit seiner Weltoffenheit als eine der Hauptstädte der Schwulen- und Lesbenszene und in Haifa sind viele Technologiefirmen angesiedelt. Kurz gesagt: In Jerusalem wird gebetet, in Tel Aviv wird gefeiert und in Haifa wird gearbeitet. Demnach war Haifa zum Studieren wohl nicht der schlechteste Standort; weil die anderen beiden Städte innerhalb von zwei Stunden erreichbar sind. Da sich sowohl der jüdische als auch der muslimische Kalender von unserem gregorianischen unterscheiden, wurde auch Silvester kaum gefeiert. Für einen Dienstag waren abends zwar recht viele Leute unterwegs in der Stadt unterwegs, allerdings auch nicht mehr als an einem normalen Donnerstag. „Donnerstag als üblicher Partytag?“, mag man sich vielleicht fragen. Ganz genau! Da die Muslime am Freitag ihren Ruhetag begehen und die Juden mit dem Sabbat folgen, erstreckt sich das israelische Wochenende auf diese beiden Tage und ist damit quasi einen Tag „vorverlegt“. Doch es gibt auch noch andere Unterschiede. Das Preisniveau ist in vielen Fällen höher als in Deutschland (ein Bier kostet in einer Bar meistens 5-6€) und ein Cheeseburger wird nur auf Nachfrage mit Käse belegt, da in der koscheren jüdischen Küche Milch und Fleisch getrennt werden. „Ist es da unten denn nicht viel zu gefährlich?“, ist eine häufig gestellte Frage.


25 Nach meiner Erfahrung: Nein! In den insgesamt knapp eineinhalb Jahren, die ich im Land gelebt habe, war mein Leben nie gefährdet. Vor jedem Supermarkt ist ein Sicherheitsmann postiert, der jegliche Taschen kontrolliert und vor wichtigeren Gebäuden wie der Central Bus Station, Bahnhöfen oder der Universität wird mit Metalldetektoren gearbeitet. Natürlich ist das für einen Neuling erst einmal irritierend, aber ich habe mich in Deutschland fast schon unsicher gefühlt, als ich zurückkam. Die politische Lage erlebte ich wie folgt: Als ich das erste Mal nach Israel kam, dachte ich, dass ich „den Konflikt“ endlich verstehen würde. Einerseits verstehe ich ihn jetzt viel besser, aber eine Lösung scheint mir andererseits viel weiter entfernt. Vor Ort merkt man dann doch, wie häufig man die beiden Völker mit einer gewissen europäischen Arroganz bewertet und die Situation zu stark simplifiziert. Besonders beängstigend war es, als im November der Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen so stark wurde, dass die israelische Armee stärker reagierte als zuvor. Ich selbst war zwar nicht bedroht, da die Raketen nicht ganz bis in den Norden reichten, allerdings bekam diese militärische Auseinandersetzung eine persönliche Note, als fünf Freunde von mir für eine eventuelle Bodeninitiative eingezogen wurden und eine Woche lang in den Vorlesungen folgten. Auf einmal war das, was man sonst in den Nachrichten sieht , sehr nah und konnte nicht so schnell ausgeblendet werden. Zum Glück konnten die beiden Konfliktparteien rechtzeitig einen Waffenstillstand aushandeln, sodass die Fünf unverletzt zurückkehrten.

Wenn Ihr nun trotz der angespannten Lage ein Auslandssemester in Israel erwägt, gebe ich Euch noch Folgendes mit auf den Weg: Die Bewerbung erfolgt über das Dezernat für Internationale Angelegenheiten, das uniweit jeweils einen Platz pro Semester vergibt. Vor Ort kann man leider keine WiWi-Kurse wählen, allerdings gibt es an der eigens eingerichteten International School sowohl diverse Politik-Kurse als auch Hebräisch- und Arabisch-Unterricht. Ich habe es deswegen eher als Pausen-Semester angesehen, das ich zwar nicht direkt anrechnen lassen kann, das mir aber trotzdem den Blick über den WiWi-Tellerrand hinaus erweitet. Mit einem israelischen Stempel im Pass kann man die beiden Nachbarländer Jordanien und Ägypten bereisen, für die restlichen Länder des Nahen Ostens braucht man einen zweiten Reisepass. Israel ist also ein guter Start für alle, die in diese interessante Region eintauchen wollen; egal, ob man ein ganzes Semester dort verbringt oder nur den nächsten Urlaub.

V on L ennart S tangenberg Anm: Dieser Artikel erschien in leicht abgewandelter Form auch auf Lennarts Blog dasphilosophierenderondell.de

Auslandsberichte


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Ein Jahr an „Amerikas arktischer Universität“ „Du willst nach Alaska? Im Winter? Bist du verrückt?“ So oder so ähnlich liefen die meisten Gespräche ab, wenn mich jemand nach meinem Auslandssemester fragte. Aber ich kann jeden beruhigen: So schlimm ist es nicht! Im Gegenteil: Ein Semester an „Amerikas arktischer Universität“ zählt wohl zu den eindrucksvollsten Erlebnissen, die man im Rahmen eines Auslandssemesters im englischsprachigen Raum erleben kann. Aber eben auch zu den ungewöhnlichsten. Die Möglichkeit, den größten Bundesstaat der USA kennenzulernen, bekommt man so schnell wohl nicht wieder. Zu groß sind die Entfernungen, zu viel gibt es zu erleben, als dass man alles während einer normalen Reise kennenlernen könnte. Tolle Städte gibt es zwar nicht zu entdecken, shoppen ist auch eher nicht möglich, dafür bekommt man aber alles, was man zum Leben braucht. Besonders Fairbanks, die Stadt, welche die University of Alaska beheimatet, gehört definitiv zu den hässlichsten Städten, die ich bisher gesehen habe. Auch die Innenstädte der beiden anderen großen Städte, Anchorage und Juneau, sind auf jeden Fall keine

Highlights, die man gesehen haben muss. Dafür entschädigt Alaska mit einer unglaublich vielfältigen Natur. Egal ob Sommer oder Winter, ob die Temperaturen noch angenehm warm sind oder die klirrende Kälte mit Schnee vor der Türe steht: Die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung sind enorm: Kajakfahren, Rockclimbing, Wandern, Angeln, Jagen oder Schwimmen in den zahlreichen Flüssen und Seen im Sommer und Langlaufen, Eisklettern, Schneeschuhwandern im Winter: In Alaska gibt es etwas für jeden Geschmack. Die kalten Temperaturen im Winter sind zwar etwas gewöhnungsbedürftig, lassen sich aber trotzdem sehr gut aushalten: Anfang Dezember werden in der Regel die magischen -40°C/F das erste Mal unterschritten. Was sich schrecklich anhört, ist nicht allzu schlimm. Wer sich richtig mit verschiedenen Schichten kleidet und vernünftig ausgestattet ist, wird sich schnell an die Temperaturen anpassen und die Kälte als normal empfinden. Der große Vorteil von Fairbanks: Es ist fast immer absolut windstill und die Kälte ist staubtrocken. Durch die extreme Trockenheit „kriecht“ die Kälte nicht unter die Kleider, sodass mit der richtigen Bekleidung -30°C in meinen Augen deutlich angenehmer


27 auszuhalten sind, als -10°C in Deutschland. Auch gibt es keine Schneemassen, da es die meiste Zeit zu kalt ist, um zu schneien. Wenn es mal wieder richtig „warm“ wird (ca. -10°C), schneit es. Das ist zwar nicht oft der Fall, der Schnee taut jedoch bis Ende April nicht mehr, sodass am Ende des Winters nicht mehr als ein halber Meter Schnee liegt. Trotz der Abgeschiedenheit Alaskas, trotz des ungewöhnlichen Klimas, oder vielleicht gerade deshalb, ist es spannend, den wohl einmaligsten Bundesstaat der USA zu entdecken.

Wer auf der Suche nach dem Amerika jenseits der Wolkenkratzer und Megacities ist, wer auf der Suche nach einer Erfahrung ist, das vielleicht die meisten nie erlebenwerden, der ist in Alaska auf jeden Fall genau richtig. Wer kälteempfindlich ist, sowie Action und Animation braucht oder wem das alles zu verrückt klingt, der sollte sich besser ein anderes Ziel suchen. Ich für meinen Teil kann Alaska jedem nur empfehlen. Ich hatte eine unvergessliche Zeit.

Wo kann man sonst Nordlichter sehen und Elche, Rentiere, Adler, Lachse, Biber, Otter oder Wölfe in freier Wildbahn und in einer Landschaft entdecken, die aussieht wie aus den Tolkien-Filmen? Wo kann man eine Woche mit dem Kajak durch kleine Flüsse paddeln, angeln, zelten und grillen, ohne anderen Menschen zu begegnen?

Auslandsberichte

V on T obias K erzel


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Internationale Studierende in Tübingen Wir haben an unserer Falkutät mehrere Studenten aus anderen Ländern, die hier ganz normal ihren Bachelor studieren. Das WZW stellt in dieser Ausgabe einige von Ihnen vor: Welchen Studiengang studierst du im wievielten Semester? IBA im 4. Semester mit Japanisch Was war dein erster Eindruck von dem schwäbischen Dialekt? Erste Begegnung: von einem alten Mann eine Wegbeschreibung bekommen und nicht mal die Wörter „links“ und „rechts“ verstanden ;D Wie gefällt dir das Tübinger Studentenleben? Ich liebe das Tübinger Studentenleben. Ich bin Optimist aber trotzdem wurden meine größten Erwartungen noch übertroffen.

F ilipe R ocha aus P ortugal Wie hast du Deutsch gelernt? Und wie lange, bevor du nach Tübingen gekommen bist? Ich bin in Porto auf die „Deutsche Schule zu Porto“ gegangen und habe dort mein Abitur abgelegt.

Hast du das Gefühl, gut integriert zu sein? Warum ja/nein? Ich sitze gerade im Zug auf dem Rückweg nach Tübingen mit 10 Kumpels, die mich in Porto besuchen waren. Ja, glücklicherweise wurde ich in Deutschland super aufgenommen und bin sehr dankbar dafür!

Was waren deine ausschlaggebenden Gründe, dich für ein Studium in Deutschland zu entscheiden? Die deutsche Kultur, die Sprache und die traumhafte Atmosphäre einer deutschen Studentenstadt.

Wie oft besuchst du deine Heimat? In den Semesterferien versuche ich so viel Zeit wie möglich dort zu verbringen und aufgrund von günstigen Flügen kann ich auch Weihnachten und Ostern bei meinen Verwandten sein.

Warum fiel deine Wahl auf Tübingen? In Tübingen gibt es die beste Wirtschaftsund Sprachenkombination.

Bewerte deine bisherige Zeit in Tübingen auf einer Skala von 1 bis 10! Tausend!


29 Welchen Studiengang studierst du im wievielten Semester? Int. Eco. 4. Semester mit Schwedisch und Englisch Was war dein erster Eindruck von dem schwäbischen Dialekt? Da ich ursprünglich aus Kiel komme und nichts mit dem Ländle zu tun hatte, war ich total perplex als ich mich auf diese andere Sprache einstellen musste. Wie gefällt dir das Tübinger Studentenleben? Perfekt! In so einer kleinen Studentenstadt macht das Studieren Spaß!

M iles R ouchotas aus G riechenland Wie hast du Deutsch gelernt? Und wie lange, bevor du nach Tübingen gekommen bist? Meine Mutter ist Deutsche und hat es mir beigebracht. Ich bin in Kiel geboren und kann seit meiner Kindheit Deutsch sprechen, obwohl ich in Griechenland aufgewachsen bin. Was waren deine ausschlaggebenden Gründe, dich für ein Studium in Deutschland zu entscheiden? Die wirtschaftliche Situation in Griechenland aber auch die guten Bedingungen hierzulande. Warum fiel deine Wahl auf Tübingen? Ich war für das Auswahlgespräch nach Tübingen und habe mich sofort in diese Stadt verliebt. Die internationale Ausrichtung des Studiums war ein weiterer Anreiz.

Hast du das Gefühl, gut integriert zu sein? Warum ja/nein? Ja, ich glaube da war ich eher in Griechenland weniger integriert. Sportschau, Tatort, usw. gehört einfach bei mir dazu. Wie oft besuchst du deine Heimat? So oft ich kann! Da ich auf der Insel Lesbos aufgewachsen bin, habe ich ständig Sehnsucht nach dem Meer. Planst du für deinen Master/ Berufseinstieg ebenfalls in Deutschland zu bleiben? Ich habe ehrlich gesagt noch keine Pläne für das Post-Bachelor-Leben gemacht. Bewerte deine bisherige Zeit in Tübingen auf einer Skala von 1 bis 10! Tausend!

D ie I nterviews führte J an A hrens

Auslandsberichte


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Nikolai Kondratieff: Die perfekte Welle? Ihre Ideen und Ansichten machten die etablierte Wirtschaftswissenschaft obsolet. Mit ihrer Theorie der Kondratieff-Wellen kritisieren Anhänger wie Leo Nefiodow oder Erik Händeler, dass wir uns heute auf Preise, Zinsen, Löhne, Wachstum, langfristige Staatsausgaben oder Geldmenge fokussieren, obwohl das alles nicht die Ursache, sondern nur die Folge ökonomischer Entwicklung sei. Objektiv und ohne Wertung widmet sich das WZW diesem Thema und setzt damit seine Reihe fort, in der Ökonomen und ihre Theorien vorgestellt werden. Dieses Mal: Nikolai Kondratieff (1892- 1938) und seine Theorie der langen Konjunkturzyklen. Demnach gibt es lange Wellen der Konjunktur, die 40 bis 60 Jahre dauern. Ge-

trieben wird die Konjunktur jeweils von Basisinnovationen, welche die Wirtschaft samt Gesellschaft umkrempeln. Dabei nimmt die Konjunktur erst richtig Fahrt auf, wenn eine Technik ausgereift ist, die breite Öffentlichkeit davon überzeugt ist, bis endlich ausreichend in die Infrastruktur investiert wurde und genug ausgebildete Fachleute in der neuen Basistechnologie

zur Verfügung stehen – das dauert Jahrzehnte. Anschlussinnovationen heizen die Wirtschaft weiter an. Aber was sind Basisinnovationen? Um diesen Begriff zu verstehen, lohnen mehrere Blicke in die Vergangenheit. Zunächst versetzen wir uns ins England um 1770. Die englische Flotte hat sich ein Monopol im Welthandel erkämpft; die Nachfrage der Armee und des Exportes sind weit größer, als die heimische Wirtschaft produzieren kann. Unternehmer kommen nicht hinterher, Kohlebergwerke zu entwässern oder Webstühle mit Wasser- oder Tierkraft anzutreiben. Der Engpass, die Produktivitätsreserve, liegt in der Bereitstellung mechanischer Energie. Dieser Engpass löst den ersten Kondratieff aus, die Dampfmaschine ist die Folge. Eine Basisinnovation entfaltet erst ihre Kräfte, wenn sie wirtschaftlich geworden ist, weil die gesellschaftlichen Voraussetzungen stimmen wie in England Ende des 18. Jahrhunderts: Weil Schafsweiden lukrativer sind, vertreiben Gutsherren die Landbevölkerung von ihrem Ackerland – die sucht nun in den Städten Arbeit. Von gekaperten Schiffen und aus Sklaven- und Welthandel haben Banken genug Geld, die Dampfmaschinen der Unternehmer zu finanzieren, Binnenkanäle haben den Transportaufwand bereits verbilligt und Binnenzölle wie in Deutschland und Frankreich sind längst abgeschafft. Damit hat England komparative Vorteile und prosperiert im Vergleich zu anderen. 1750, vor der Industrialisierung, stellt England 1,9 Prozent der Weltindustrieproduktion her – das passt im Verhältnis zur Bevölkerungszahl. Am Ende des ersten Kondratieffs um 1830 produziert es


31 aber fast zehn Prozent der weltweiten Gütermenge. Dabei waren in England weder Löhne oder Zinsen niedriger, noch Staatsausgaben höher als in anderen Ländern. Eisen- und Textilindustrie treiben die Wirtschaft an. Drum herum brummt die Wirtschaft – vor allem als Zulieferer für das neue technologische System und für den Konsum der zusätzlich beschäftigten Arbeiter. England wird aus wirtschaftlicher - nicht aus militärischer - Überlegenheit Weltmacht. Und so lässt sich die Geschichte weiterspinnen. Der nächste Engpass ist der Produktionsfaktor Transport. Weiteres Wachstum lohnt sich nicht mehr, weil der Transport von Erz, Kohle, Roheisen und Fertigprodukten auf wackeligen Ochsen- und Pferdekarren oder den wenigen Kanälen zu teuer wird. Die Eisenbahn löst dieses Problem. Sie ermöglicht den Massentransport von Gütern und Menschen. Wirtschaftshistoriker sagen heute nach Mengen- und Wertaufzählungen von Kohle, Eisen oder Schienenkilometern, dass die Eisenbahn nichts mit dem großen Wirtschaftswachstum von 1840 bis 1873 zu tun hatte, weil sie nur zwei Prozentpunkte zum Bruttosozialprodukt beigetragen habe. Das Problem ist, dass sie den Effekt der Eisenbahn auf Lebensqualität, Nutzen und Produktivität verkennen. Man muss sich nur vorstellen, wie viel mehr Zeit sich nun ein Geschäftsmann seinen Geschäften widmen kann, weil er von New York nach Chicago statt drei Wochen nur noch drei Tage braucht. Wie eine S-Kurve verläuft ein Konjunkturzyklus von 40 bis 60 Jahren. Zuerst stotternd, dann mit Wucht treibt die neue Innovation die Konjunktur an und bleibt

schließlich in langen Stagnationsjahren stecken. Der Grenznutzen fällt. Zunächst die großen Städte mit der Eisenbahn zu verbinden, hält einen großen Nutzen bereit, später den ländlichen Raum zu erschließen weniger. Dabei zeigt sich noch ein anderer Effekt: Im langen Abschwung suchen die Unternehmer ihr Heil im Massenausstoß; es gibt Fusionen, um die Stückpreise zu senken. Der heimische Markt kann nicht mehr Güter aufnehmen, was sich auf die Politik auswirkt. Während die Länder im Kondratieffaufschwung um Ressourcen konkurrieren, konkurrieren sie im Abschwung um Absatzmärkte – Zölle und Handelsschranken werden ebenso wie Subventionen eingeführt. Die Krise endet mit der Verbreitung des elektrischen Stroms, Massenproduktion wird möglich. Elektrische Maschinen, welche die Produktion in allen Branchen verbilligen, werden selbst zu einem neuen Wirtschaftszweig mit erheblichem Arbeitsbedarf. Schreibmaschinen erleichtern die Organisation, große Städte erhalten Straßenbahnen. Durch die Elektrifizierung kann nun die Industrie chemische Stoffe aller Art in Masse produzieren, was sich positiv auf die Produktivität der anderen Branchen auswirkt. Wieder zeigt sich: Die Konjunktur wird von der Basisinnovation getrieben und durch Anschlussinnovationen weiter befeuert. England verschläft die Elektrifizierung. Generationenunterschiede, Traditionen, Sozialethos, veraltete Fabriken und Arbeitskämpfe führen dazu. Dagegen wird Deutschland, das sich voll auf den dritten Kondratieff einstellt, zur Weltmacht. Alle Staaten wachsen, dies aber unterschiedlich stark. Die Verschiebung von Macht

WiWi-Themen


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Q uelle : K ondratieff . biz

und Ressourcen führt zu Spannungen. Damals denkt eine Gesellschaft, deren Wirtschaft im Vergleich zu früher stark wächst, den konkurrierenden Nachbarstaat bald überholt zu haben und ihn einsacken zu können. Aufrüstung, Kolonialisierung und Erster Weltkrieg sind die Folgen. Alle Volkswirtschaften bauen ungeheure Produktionskapazitäten in Chemie und Schwerindustrie auf, investieren in arbeitssparende Maschinen und treiben die Elektrifizierung der Fabriken voran. Der Kriegswettlauf ist in Wahrheit ein wirtschaftlicher Wettlauf darum, wer seine Produktion am schnellsten ausweitet. Der Krieg beschleunigt das Tempo, mit dem der dritte Strukturzyklus erschlossen wird. Ende der 20er Jahre schrumpft die Wirtschaft, weil es keine Produktivitätsschübe mehr gibt. Die meisten Fabriken und Haushalte sind jetzt elektrifiziert. So wirkt der Mechanismus des Kondratieffabschwung: Gewinne schmelzen, Preise fallen, Unternehmen flüchten in Überproduktion, wirtschaftliche Verteilungskämpfe senken die Löhne und zerstören den Rechtsstaat und Zinsen sinken. Weil es sonst keine

rentablen Investitionsmöglichkeiten gibt, fließt das Geld in die Spekulation mit Aktien. Die Hausse stürzt 1929 am „Schwarzen Freitag“ in sich zusammen. Das Automobil ist da noch nicht so weit, die Wirtschaft zu beflügeln. Ein neues technologisches System entwickelt sich zuerst als Nische, Nutzer oder Zulieferer des aktuellen Strukturzyklus und mausert sich zu einem eigenen Kondratieff, bis es in seinem wirtschaftlichen Gewicht selbst wieder zum Lieferanten seines Nachfolgers absinkt. Die gesellschaftlichen Gruppenethik – wie Nationalsozialismus, Kommunismus oder japanischer Rassismus – ist mit ihrem Rechtsbewusstsein auf die eigene Gruppe beschränkt. Das passt zur neuen Arbeitsorganisation rund um das Automobil. Die Arbeit am Fließband ist für den Einzelnen auf wenige Handlungsschritte begrenzt. Gesellschaftlich wie wirtschaftlich ist der Einzelne nur als Teil einer Maschinerie, einer größeren Einheit, etwas wert. Der Zweite Weltkrieg beschleunigt den vierten Kondratieffaufschwung, löst ihn


33 aber nicht aus! Auch ohne Krieg wären Produktionsmöglichkeiten und die nötige Infrastruktur aufgebaut worden (die Pläne für deutsche Autobahnen waren schon 1927 fertig gezeichnet – Hitler holte sie später nur aus der Schublade). Die US-Öl- und Gummiindustrie baut während des Krieges ungeheure Kapazitäten auf, was später den Wohlstand sichert. Deutschland liegt zwar zu großen Teilen in Trümmern, aber der Bestand an Produktionsanlagen in Westdeutschland liegt 1947 trotzdem über dem Industriepotenzial des strahlenden Olympia-Jahres 1936. Statt Panzern werden jetzt eben VW-Käfer hergestellt. Mit Ludwig Erhards Währungsreform im Juni 1948 hält die freie Marktwirtschaft, die im Aufschwung sozial wird, Einzug in Westdeutschland. Der Welthandel macht, was er in jedem bisherigen Kondratieffaufschwung auch so gemacht hat: Er expandiert. 1967 werden Zölle zwischen EG-Ländern abgeschafft. Und was ist mit Japan? Es wurde durch den Zweiten Weltkrieg noch stärker zerstört als Deutschland und erhielt keinen Marshallplan. Warum wurde Japan trotzdem reich? Weil es früh in die nächste Basisinnovation, den Computer, investierte und so Informationstechnik am besten beherrscht. Dies hängt vor allem von den Wertvorstellungen ab. Durch Hierarchie, Ehrerbietung und Firmenethos fließen Informationen innerhalb der eigenen (Kampf-)Gruppe effektiver. Mithilfe der Computerchips können die Japaner Mitte der 80er Jahre vieles besser und billiger herstellen als alle anderen: Kameras, Fernseher, Musikinstrumente, Motorräder, Autos.

Eine Folgeinnovation des Computers ist das Internet und der damit verbundene kostenlose Zugang zu Informationen und zu Vernetzung. Und warum haben wir bei all der Flut von Information kaum ein Wort über den Namensgeber der Kondratieff-Zyklen verloren? Nun, der russische Ökonom wurde früh mundtot gemacht. Mit Veröffentlichung seiner Theorie der langen Konjunkturwellen im Jahr 1926 und der Aussage, dass sich der Kapitalismus nach einer Abschwungphase erholen würde, passte er nicht zur Doktrin der Planwirtschaft und wurde schließlich nach acht Jahren im Gulag hingerichtet. Wirtschaft ist in den Augen Kondratieffs ein komplexer Prozess, der aus fünf Subsystemen besteht, die sich gegenseitig beeinflussen und sich nebeneinander entwickeln: Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Politik und gesellschaftliche Kultur. Es gelte, all diese in die Wirtschaftswissenschaft einzubeziehen. Nur so sei es möglich, lange Krisenzeiten zu erklären und der realen Wirtschaft auf die Beine zu helfen. Und wo liegt die nächste Produktivitätsreserve, der nächste Engpass? Vielleicht in uns selbst. Vielleicht bestimmt die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen, dem effizienten Austausch von Informationen, wie wertvoll das ist, was am Ende produziert wird.

V on A madeus M üller Das Buch zum Thema: „Die Geschichte der Zukunft“ von Erik Händeler

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Experimentielle Wirtschaftsforschung „Herzlich Willkommen zum Euro-Projekt, wir gratulieren Ihnen als Weltbürger zu Ihrer hervorragenden, freiwilligen und mündigen Entscheidung, dem Euroraum beizutreten. Im Anhang finden sie die detaillierten Anweisungen für eine erfolgreiche Teilnahme an diesem Wirtschaftsprojekt. Wir sind offen für Kritik und hoffen auf bestes Gelingen. Mit freundlichen Grüßen Ihre Euro-Experiment Leitung 1. Januar 2002“ Das waren noch Zeiten! Ein paar Jahre nach dem frohen Beginn meines neuen Lebensabschnittes habe ich nun erneut Post erhalten: „Sehr geehrte Teilnehmer des Euro-Experiments, leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass sich unser Projekt in ernsthaften Schwierigkeiten befindet und daher eine Unterteilung des Euroraums bevorsteht. Falls Sie weiterhin teilnehmen möchten, so lassen Sie uns bitte wissen, in welchem Region. Andernfalls wenden sie sich bitte an die IOGF. Mit freundlichen Grüßen Ihre Euro-Experiment Leitung 1. Januar 2014“ Als mündiger Weltbürger habe ich bekanntlich freie Wahl zwischen all den interessanten Projekten der Internationalen Organisation für Gesamtwirtschaftliche Feldversuche (IOGF). Diese wurde - als Experiment – nach Ende des Kalten Krieges in den 90er Jahren von besorgten Intellektuellen aus der ganzen Welt unter Regie des Spieltheoretikers Reinhard Selten gegründet, nachdem sie “The End of History and the Last Man” von Francis Fukuyama

gelesen hatten. Auf diese Weise wurde die vom Aussterben bedrohte soziokulturelle Evolution künstlich am Leben erhalten und das widersprüchliche Monopol des den Wettbewerb predigenden Kapitalismus zerschlagen - zu Gunsten eben des friedlichen Wettbewerbes innerhalb der Menge aller theoretisch möglichen Wirtschaftssysteme. Das theoretische Fundament ihrer Entstehung, sowie das letztendliche Ziel von IOGF, entnimmt man am besten der Präambel des Statuts: „Angesichts der sich herausbildenden Vormachtstellung des westlichen Wirtschaftsmodells und fehlender Alternativen, welche jenes durch Wettbewerb zu stetigen Verbesserungen zwingen könnte, gründen wir die IOGF mit der Absicht, als Vermittlungsstelle zu wirken. Als solche möchten wir die experimentelle Wirtschaftsforschung dazu anregen, sich vermehrt dem Design geeigneter Modellentwürfe hinsichtlich vorhandener theoretischer Grundlagen zu widmen. Des Weiteren sollen diese Entwürfe veröffentlicht werden, um so gegebenenfalls ausreichende Resonanz zu erzeugen und entsprechende Projekte in die Wege zu leiten. Langfristig erhoffen wir uns hierdurch eine Veränderung von Nationalstaatlichen Denkstrukturen in Richtung einer Kosmopolitischen Ansicht. In Kombination mit einer dadurch erhöhten Mobilität und größerem intrasystematischen Konsens wird der menschlichen Kreativität ein neuer Motivationsimpuls gegeben, welcher im besten Fall bis heute undenkbare Produktivitäts- und Steigerungen des menschlichen Wohlbefindens auslösen könnte. Gleichzeitig fordern wir einen


35 Paradigmenwechsel in der experimentellen Wirtschaftsforschung: basierend auf philosophisch angeregten, sowie rechtlich und technisch möglichen Systemkonfigurationen kann diese im Weltbürger ein neues Bewusstsein schaffen, da dieser seit jeher unwissend und de facto Objekt diverser Wirtschaftsexperimente ist.” Tatsächlich – und damit kommen wir nun zur Realität – beschäftigt sich die Politische Ökonomie traditionell mit dem rationalen Umgang mit Gütern, die nur beschränkt verfügbar sind. Als Teildisziplin hiervon beschränkt sich die Experimentelle Wirtschaftsforschung hauptsächlich auf die Überprüfung von Thesen der gängigen Wirtschaftstheorien, sowie deren Mechanismen. Die entsprechenden Experimente wurden und werden größtenteils in Laboren durchgeführt, wo ausgewählte Teilnehmer an einem wohldefinierten Spiel teilnehmen.

Hierbei wurde unter anderem das AllaisParadoxon entdeckt, welches eine Verletzung des Unabhängigkeitsaxioms der Entscheidungstheorie darstellt. Ziel sei es, eine allgemeine Theorie des menschlichen Verhaltens zu finden. An dieser Stelle möchte ich einwenden, dass die Existenz einer solchen konsistenten und allgemeingültigen Theorie eventuell nur unter Vorhandensein eines Mechanismus, welcher nicht der wechselseitigen, transformierenden Beziehung (WTB) zwischen den Systemen „Mensch” und „Nichtmensch” (physische, soziale Gegebenheiten) unterworfenen ist, garantiert werden kann. Hierzu könnte in Zukunft das HumanBrain-Project unter Leitung von Henry Markram einen wertvollen Beitrag leisten. Ein erfolgreicher Abschluss dieses Projektes würde bedeuten, dass jener Mechanismus (im wahrsten Sinne des Wortes) existiert und man Feldversuche einfach

WiWi-Themen


36 durch „Agent-based Computational Economics” ersetzen könnte. Angenommen ein solcher Mechanismus existiert nicht, so ist das System „Mensch” in all seinen Teilsystemen transformierbar und kann daher keine allgemeingültigen und zeitlich unveränderlichen Verhaltensmechanismen aufweisen. Eine logische Folgerung hieraus könnte sein, dass die herkömmlichen Laborexperimente zwar einen wichtigen Beitrag leisten in Hinsicht auf Verhaltensweisen des Systems „Mensch”, wie es sich unter den historischen „Nichtmensch”-Systemen entwickelt hat. Jedoch werden potenzielle Entwicklungen in theoretisch möglichen Systemkonfigurationen durch solche Versuche nicht erforscht, da die mittel- und langfristige Dynamik der WTB gar nicht zum Zuge kommt. Eine Vorreiterrolle für gesamtwirtschaftliche Feldversuche spielte das „Neuseeland-Experiment”, welches Roger Douglas 1984 ins Leben gerufen hatte, und das damals weltweit viel Aufmerksamkeit unter eingefleischten Anhängern der Kompetitiven Feldexperiment-Theorie erweckte. Historisch betrachtet gab es jedoch schon früher verschiedene Formen realwirtschaftlicher Experimente, sowie mehr oder weniger realisierbarer Utopien. An dieser Stelle seien einige der herausragendsten Beispiele - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - erwähnt: Einen Grundstein legte Platon mit „Politeia”, auf welchem sich im Laufe der Geschichte ein vielschichtiges Mauerwerk an Beiträgen zu denkbaren

„Nichtmensch”-Systemkonfigurationen entwickelt hat. Den entscheidenden Anstoß zu dem, was heute unter Utopie verstanden wird, lieferte Thomas Morus mit seinem Roman „Utopia”. Besonders hervorheben möchte ich jedoch einerseits Francis Bacon und sein Werk „Neu-Atlantis” (anno 1627), da man sich bei ihm eine Idee davon machen kann, wie weit die kreative Vorstellungskraft eines Menschen bezüglich des technischen Fortschritts reichen kann: “We have also means to make divers plants rise by mixtures of earths without seeds; and likewise to make divers new plants, differing from the vulgar [...] We have also means to convey sounds in trunks and pipes, in strange lines and distances.[...] We have ships and boats for going under water [...]” Andererseits gibt Étienne-Gabriel Morelly in ihrem “Code de la nature” (anno 1755) einen Eindruck davon, wie eine andersartige Gesetzstruktur aussehen könnte: „Nichts Anderes in der Gesellschaft wird einem insbesondere gehören oder sein Eigentum werden als die Sachen, die man entweder für seinen Bedarf, sein Vergnügen oder seine tägliche Arbeit benötigt. Jeder Staatsbürger wird ein öffentlicher, vom Staat ernährter und beschäftigter Mensch sein. Jeder Staatsbürger wird zum gemeinsamen Nutzen beitragen, soweit seine Kräfte, seine Talente und sein Alter es erlauben. Hiernach werden seine Pflichten gemäß den Zuteilungsgesetzen bestimmt.“


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Diese und weitere Ideen haben im Laufe der Zeit unzählige konkrete Projekte angestoßen. Um nur vier Beispiele zu nennen: Das bedingungslose Grundeinkommen wurde bereits 1796 von Thomas Paine in den USA als Schadenersatz für die willkürliche Aneignung von Grund und Boden vorgeschlagen. Der demokratische Präsidentschaftskandidat George McGovern hat es 1972 in sein Wahlprogramm aufgenommen, jedoch eher in einer FriedmanVersion. Heute wird es häufig als eine Transitionsmöglichkeit in eine andere, ungewisse Zukunft gedeutet, bei welcher das Vertrauen in das menschliche Individuum im Mittelpunkt steht. Umgesetzt wird es bereits in Form von diversen Feldexperimenten. Das Wunder von Wörgl ist auf eine Idee von Silvio Gesell zurück zu führen. 1932 befand sich ganz Österreich in einer

profunden Wirtschaftskrise, während in der österreichischen Gemeinde Wörgl die Aktivität aufblühte, weil das sogenannte Schwundgeld eingeführt worden war. Es ist ein Tauschmedium mit regelbarer Umlaufgeschwindigkeit durch Wertverlust, aber ohne inflationäre Emission (das WZW berichtete in Ausgabe 62). Die Bürger Islands haben per Crowdsourcing in Anlehnung an „Liquid Democracy” einen Verfassungsentwurf erarbeitet: “We, the people who inhabit Iceland, wish to create a just society where every person has equal opportunity.” In Mexiko kann man nicht nur für Drogenbarone kämpfen. Vielmehr gibt es auch die Möglichkeit, dies an der Seite des „Ejército Zapatista de Liberación Nacional” (EZLN, „Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung”) zu tun, welche

WiWi-Themen


38 schon um die 40.000 Unterstützer hat. Ziel ist eine „neue soziale Beziehung [und] antikapitalistische partizipative Demokratie”, die auch schon umgesetzt wird. Auf einem Schild in einem von Zapatistas kontrollierten Gebiet steht: „Sie befinden sich in Zapatistischem Aufstandsgebiet. Hier befiehlt das Volk und die Regierung gehorcht.” Das Forschungsfeld der Experimentellen Wirtschaft könnte in Zukunft nicht nur Themen bereits vorhandener Theorien und realwirtschaftlicher Situationen, sondern auch - und damit sozusagen über seinen eigenen Schatten springen - die Expansion des eigenen Forschungsfeldes beinhalten. Bisher nicht umgesetzten, gesamtwirtschaftlichen Entwürfen kann die Experimentelle Wirtschaft einen Entfaltungsraum geben und gleichzeitig wichtiges experimentelles Know-How vermitteln. Hierzu bedarf es aber sicherlich auch einer rahmengebenden Struktur, wie z.B. die fiktive IOGF. Das erwähnte Monopol des Kapitalismus könnte hierdurch aufgelöst und durch folgendes Szenario ersetzt werden: Wir könnten in einzelnen Regionen unterschiedliche Wirtschaftssysteme einführen. Wirtschaftssysteme florierender Städte würden von anderen kopiert und verbessert. Verschiedene Wirtschaftssysteme stünden in Konkurrenz zueinander und müssten sich deshalb ständig verbessern und um Einwohner kämpfen. Freie Weltbürger ziehen nämlich in die Region, in deren wirtschaftlichen und sozialen

Umfeld es ihnen am besten gefällt. Wie hoch ist hierbei die Wahrscheinlichkeit, dass der Kapitalismus als eine unter unendlich vielen denkbaren Wirtschaftskonfigurationen gleichzeitig die beliebteste ist? In diesem Sinn habe ich auch meine Antwort an die IOGF bereits verfasst, denn nach dem Euro-Experiment möchte ich nun lieber einem eher technisch orientierten Experiment beiwohnen (den Flug habe ich bereits gebucht): „Sehr geehrte Damen und Herren, Hiermit teile ich Ihnen mit, dass ich in Zukunft am ´Experiment in der Karibik´ teilnehmen möchte. Bitte leiten Sie entsprechende Formalien ein. Mit freundlichen Grüßen Florian Heitmann“

Der Autor wohnt seit 2010 in Argentinien und studiert dort parallel VWL und Physik an der UNC. Anregungen und Kommentare sind willkommen: florian-heitmann@web.de


Neulich an der Uni...

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Unterwegs mit dem Semesterticket Ein Klassiker: Die Wurmlinger Kapelle Die Tübinger Altstadt ist bei den Studenten sehr beliebt. Damit ist sie optimaler Start- und Zielpunkt unseres Ausfluges. Und was thront über der Altstadt? Der Herzog von Württemberg – so war das ehemals, vor vierhundert Jahren. Dass er reich und mächtig war und seine Töchter schön, sollte das Fußvolk schon aus der Ferne sehen. So nähern wir uns also zu Fuß, über Trepp´ und Stein, dem Klotz von Schloss. Was viele nicht wissen, ist, dass sie sich auf Universitätsgelände wiederfinden, sobald sie die Zugbrücke zum Schloss Hohentübingen überqueren. Außer der Empirischen Kulturwissenschaft sind hier oben noch Lehrsammlungen verschiedener Institute, wie Ur- und Frühgeschichte, beheimatet. Nun ist der Ausflugstipp des WZW dafür konzipiert, den Uni-Alltag hinter sich zu lassen und Tübingens Umgebung zu erkunden. Wir überqueren den Schlosshof, verlassen das Uni-Gelände und widmen uns heute der näheren Umgebung. Kurze Zeit später laufen wir am Bismarck-Turm vorbei, um uns anschließend vom Wald

schlucken zu lassen. Vom Schloss bis kurz vor die Wurmlinger Kapelle bewegen wir uns, ohne dass der Höhenmesser nennenswerte Änderungen anzeigt. Achten sollten wir darauf, uns eher links auf dem Sommerweg zu bewegen, um nicht auf dem Winterweg voranschreiten zu müssen. Nach gut einer Stunde inmitten zwitschernder Vögel erblicken wir aus dem Unterholz heraus unser Ziel. Die Silhouette der Wurmlinger Kapelle ist markant und schon vom Schwarzwald aus zu erahnen. Umgekehrt ist das natürlich genauso – die Wurmlinger Kapelle ist ein wunderbarer Aussichtspunkt. Wer Durst verspürt, hat nun zwei Möglichkeiten: Er steigt ab nach Hirschau, kehrt ein und nimmt den Bus zurück nach Tübingen (kurze Variante) oder läuft über den Schwärzlocher Hof zurück nach Tübingen (lange Variante). Um zum Schwärzlocher Hof zu kommen, wandern wir im Ammertal am Waldrand entlang Richtung Tübingen. So können wir Hof und Biergarten nicht verfehlen. Von hier bis in die Altstadt ist es nur ein Katzensprung.

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Kampfradler vs. Warnweste

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Zum 1. April 2013 wurden einige Bußgelder für Delikte von Fahrradfahrern erhöht. Der Kampfradler hält dies für einen Aprilscherz; sein Opponent, die Warnweste, dagegen für legitim. Beide erklärten sich gegenüber dem WZW bereit, eine repräsentative Strecke in Tübingen zu beradeln, um ihre Standpunkte vorzubringen. Schließlich einigte man sich darauf, eine Ortsberadlung vom Französichen Viertel zum WiWi-Seminar in der Mohlstraße zu unternehmen.

START

Fahren ohne Licht. Früher 15 €, jetzt 20 € Kampfradler: Was zählt, ist, was ich sehe. Gefährliche Situationen erkenne ich im Voraus und umfahre sie. Ob mit Licht oder ohne – bei meiner Geschwindigkeit sieht man mich sowieso nicht rechtzeitig. Warnweste: Sehen und gesehen werden. Meine Reflektoren stechen übrigens auch den Mädels ins Auge.

DKies olumne &Das


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Fahrzeug geführt, obwohl das Gehör durch ein Gerät beeinträchtigt war. 10 € Kampfradler: Musik aufs Ohr! Der Swag muss stimmen für die rasante Fahrt zur Uni. Außerdem höre ich dann meine verrostete Kette nicht mehr. Warnweste: Viele brenzlige Situationen können durch Kommunikation gelöst werden. Sei es ein warnendes Hupen, quietschende Reifen oder ein fröhlich gesungenes „Achtung!“.

Benutzung eines Mobiltelefons (ohne Freisprecheinrichtung). 25 € Kampfradler: Die Musik verstummt, das Handy vibriert, freihändig fahrend (Strafe: 5€ extra) wird der Anruf entgegen genommen. Effiziente Zeitausnutzung während des Fahrens beinhaltet natürlich auch wichtige Telefongespräche. Warnweste: Wer telefoniert nimmt aktiv nur noch mit den Waden im Straßenverkehr teil, nicht aber mit dem Kopf. Und mal ehrlich: Kurz anzuhalten ist doch wirklich kein Problem. Auf Geh-und Radweg Geschwindigkeit nicht an Fußgänger angepasst. 15 € Kampfradler: Gemischte Wege mit dem lahmen Fußvolk erfordern vom sportlichen Radfahrer sowieso schon eine Slalomstangenfahrt – wie viel Zeit soll man denn noch verlieren? Warnweste: Alles andere kann zu fahrlässiger Körperverletzung oder gar arglistiger Tötung führen.


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Fußgängern am Zebrastreifen das Überqueren nicht ermöglicht. 40 €, 4 Punkte Kampfradler: Mein Rad ist ca. 20cm breit; warum man dem Fußgänger die Breite des ganzen Zebrastreifens überlassen muss und nicht vor oder nach ihm über die Straße huschen kann, war mir schon in der Fahrradprüfung ein Rätsel! Warnweste: Das Bußgeld erzieht uns zu Gentlemen. Rücksicht ist eine Tugend. Missachtung des Rotlichts an der Ampel. 45-120 €, 1 Punkt Kampfradler: Die letzten Meter in vollem Tempo den Berg hochgekämpft, noch zwei Meter, noch ein Meter – die Ampel schaltet auf Rot (im Kampfradler-Jargon: Dunkelorange), die Uhr tickt jedoch weiter und es wäre einfach zu schade den Flow durch abruptes Bremsen zu stoppen. Warnweste: Wer an der Ampel nicht hält, verhält sich respektlos gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern und dem Gesetz, das unser Zusammenleben ordnet und sicherer macht. Fehler beim direkten oder indirekten Linksabbiegen. 15 – 30 € Kampfradler: Ein Schulterblick genügt, dann hat der erfahrene König der Straße die Situation überschaut und zieht gekonnt nach links rüber, ohne dass der Fahrtwind nachlässt, mein Gesicht angenehm zu kühlen. Warnweste: Umsehen, Handzeichen, links einordnen, Vorfahrt beachten, Gegenverkehr Vorrang gewähren, nochmals umsehen, im großen Bogen abbiegen, Fußgänger beachten. Wer´s nicht hinbekommt, sollte sowieso nicht zur Uni fahren dürfen.

DKies olumne &Das


46 Radweg in falscher Richtung befahren. Früher 15 €, jetzt 20 € Kampfradler: Die Straße vom rechten Radweg zum Linksabbiegen zu überqueren ist gefährlicher, als ein paar Meter wachsam in Gegenrichtung über den Radweg zu düsen. Warnweste: Der Geisterradler. Ein Phantom, das leider viel zu häufig herumgeistert. Manch einer hat dabei schon seine Schneidezähne verloren.

ZIEL

Fazit: In gemütlichen rund zwanzig Minuten ist es der Warnweste gelungen den Weg zur Mohlstraße zurückzulegen. Alle STVO Regeln wurden vorbildlich befolgt. Mit etwas Glück schafft es der Kampfradler ohne erwischt zu werden in etwas über acht Minuten zur Uni – wobei jedoch ein Risiko von Strafgeldzahlungen bis zu 280 € und 4 Punkten in Flensburg eingegangen wird.

V on J an A hrens , A nne B eck und A madeus M üller


Wort zum WiWi Nr. 64  

Die Fachschaftszeitung der Freien Fachschaft Wirtschaftswissenschaften im Sommersemester 2013.

Wort zum WiWi Nr. 64  

Die Fachschaftszeitung der Freien Fachschaft Wirtschaftswissenschaften im Sommersemester 2013.

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