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Kochen Sie gerne Ihr eigenes Süppchen? Oder lieber mit Freunden? Zu einem sehr guten Essen gehört das Gleiche wie zu einer sehr guten Lösung. Salopp gesagt: Exzellente Zutaten, exzellent zusammengestellt. In unserem Fall also hervorragende Leute in der richtigen Mischung. Genau das ist es, was wir bei Deloitte, einer der führenden Prüfungs- und Beratungsgesellschaften, so machen. Wir stellen für jeden unserer Kunden Teams auf, oft sogar aus allen Disziplinen, die voneinander profitieren. Es treffen sich also Wirtschaftsprüfer, Steuerexperten, Corporate FinanceBerater und Consultants. So ist ein Rundum-Blick über alle Bereiche garantiert und eine Lösung, die weitergedacht und wirklich auf dem Punkt ist. Für einen langfristigen Mehrwert. Dass das nicht nur unseren Kunden schmeckt, sondern auch den Mitarbeitern, versteht sich von alleine. Wenn Sie mehr über uns und Ihre Karrieremöglichkeiten bei Deloitte wissen möchten, finden Sie die wichtigsten Infos auf unserer Website: www.deloitte.com/careers

Und wann kommen Sie auf den Punkt?

Deloitte bezieht sich auf Deloitte Touche Tohmatsu, einen Verein schweizerischen Rechts, und/oder sein Netzwerk von Mitgliedsunternehmen. Jedes dieser Mitgliedsunternehmen ist rechtlich selbstständig und unabhängig. Eine detaillierte Beschreibung der rechtlichen Struktur von Deloitte Touche Tohmatsu und seiner Mitgliedsunternehmen finden Sie auf www.deloitte.com/de/UeberUns. © 2008 Deloitte & Touche GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft




Editorial Liebe Wiwis, wieder einmal erscheint eine neue Ausgabe des WZW. Spannende Artikel zum aktuellen Geschehen in der Fakultät, Erfahrungsberichte unserer Kommilitonen im Ausland, informative und erheiternde Beiträge – es ist für jeden etwas dabei. Zuallererst geben euch die Koordinatorinnen des Sommersemesters unter dem Punkt „Aus der Fachschaft“ einen Rückblick auf das vergangene Semester. Darüber hinaus schildern Erstsemester ihre ersten Wochen an der Fakultät und ihren Ausflug zur Erstihütte. In der Rubrik „Aus der Fakultät“ stellen wir Euch diesmal einige der neuen Dozenten vor. Frau Herbst, Herr Ljubicic und Herr Huergo standen uns Rede und Antwort und gaben überraschende Anekdoten ihrer Vergangenheit preis. Wie immer gibt es bei uns auch exklusiv die aktuellen Durchfallquoten. Außerdem informieren die Fakultätsratsmitglieder über neueste Entwicklungen sowie über die geplante Umstruktu-

Impressum Chefredaktion: Amrei Plaas-Link Werbevermarktung: Anke Neuber, Lars Willen Creative Director: Jörg Stefan Haselmeyer Redakteure: Anke Neuber, Lars Willen, Jörg Stefan Haselmeyer

rierung der Universität. Unter „Reportagen & Kommentare“ findet ihr in dieser Ausgabe einen Kommentar zur Finanzkrise, einen Bericht darüber wie VWL an anderen Universitäten unterrichtet wird und eine Studie der eher unwissenschaftlichen Art… An dieser Stelle muss auch unbedingt unser kreativer Werbeentwurf fürs Wiwi-Clubhausfest erwähnt werden, der hoffentlich viele von Euch zum Kommen motiviert! Glücklicherweise konnten wir besonders viele Studenten dazu bewegen, über ihre Auslandserfahrungen zu schreiben. Unsere Korrespondenten sind in Brasilien, Chile, Russland, Südafrika, den USA, Belgien und China. Wir wünschen Euch viel Vergnügen mit dieser Ausgabe des Wort zum Wiwi. Amrei und Anke PS: Wenn Ihr Lust habt am WZW mitzuwirken und zu sehen, wie eine Zeitung entsteht, meldet euch unter wzwmail@gmx.de . Wir freuen uns! Herausgeber: Freie Fachschaft Wirtschaftswissenschaften Nauklerstr. 47, 72070 Tübingen wzwmail@gmx.de V.i.S.d.P.: Amrei Plaas-Link Fichtenweg 31, Zimmer 109 72076 Tübingen Auflage: 1000 Stück




Inhaltsverzeichnis Editorial

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Impressum

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Erstsemestereinführung Tagebuch eines Erstsemesters

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Aus der Fachschaft Semesterrückblick 6 Sport, Spaß und jede Menge neuer Ideen Erstihütte 10 Invasion in Oberilfingen

Neues aus dem Fakultätsrat 12 Die Fachschaft am Puls der Zeit

Aus der Fakultät Interview mit Fr. Prof. Herbst 13 Tübingen mit neuer Verhandlungsmacht Interview Luis Huergo 19 A ‘nei g’schmeckta Argentinier 22 Fakultätsneugliederung Eine Übersicht über die Vorschläge

Interview mit Marko Ljubicic 16 Vom Fussballprofi zum Rechnungsleger Durchfallquoten 21 Mit freundlicher Unterstützung von Hr. Bauer

Reportagen & Kommentare Kommentar zur Finanzkrise 24 Der Tod des Kapitalismus: Ein Nachruf Klischees 28 Heimliche Studien in der Vorlesung VWL in Brasilien 34 Hier wird fein säuberlich getrennt!

Making of: Klischees Fotoshooting im WHO

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Wie studiert man heute VWL 31 Fragen zu einem modernen Studium VWL in Südafrika 37 Economics am Kap der guten Hoffnung

VWL in Chile 39 Hier produziert man Generalisten

Ausland & Praktikum Auslandsbericht - Moskau 42 Ein Semester in der teuersten Stadt der Welt Auslandsbericht Brasilien 48 Do’s and Dont’s in Rio Praktikumsbericht Brüssel 54 “Ist noch frischer Kaffee da?”

Auslandsbericht USA 44 Ein Erfahrungsbericht aus Bozeman, Montana Auslandsbericht - Südafrika 51 Warum denn Stellenbosch? 56 Praktikumsbericht Peking Olympia in Peking


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8. Januar 21:00

Bierbรถrse Livemusik

WIWI

Clubhausfest




Semesterrückblick Sport, Spaß und jede Menge neuer Ideen Das Sommersemester fing gleich im April mit einem Highlight an: Die gesamte Fachschaft fuhr für ein Wochenende auf eine Hütte in Ehningen. Neben den positiven Auswirkungen auf den fachschaftsinternen Zusammenhalt wurden in Workshops verschiedene Themen und Ideen erarbeitet und diskutiert. Nach diesem Wochenende konnte die Fachschaft hochmotiviert in das neue Semester starten. Schon eine Woche später fanden die Wiwilympics statt. Trotz des Regens in den Tagen zuvor und der damit verbundenen Verlegung der Fußballspiele in die Halle, liefen die Fußball- und Volleyballspieler der verschiedenen Fakultätsmannschaften zu Höchstformen auf. Ein gemeinschaftliches Pizzaessen am Abend rundete den gelungenen Sport-Event ab. Die Erfahrungen vom Bücherflohmarkt des Wintersemesters

2007/2008 hatten wohl viele so sehr abgeschreckt, dass sie nicht mehr zum Bücherflohmarkt im Sommersemester kamen. Ein Glück für diejenigen, die sich nicht abschrecken ließen und viele billige Bücher ergattern konnten. Umso mehr Interessierte kamen zum Infocafé „Auslandsstudium in Übersee“. Die Zweitsemester konnten sich bei Studenten der höheren Semester über deren Erfahrungen informieren und sich für einen Aufenthalt im Ausland begeistern lassen. Die neue Aktion „Fachschaft trifft…“ (bei der wir eure Meinung zu Fakultätsbelangen einholen wollten) hatte leider keinen erfolgreichen Start. Nachdem zu der ersten Informations - Veranstaltung zu Studiengebühren niemand erschien, wurde die Veranstaltung bis auf weiteres abgesetzt. Das Grillfest anlässlich des EM-


 Spiels Deutschland gegen Österreich bekam in diesem Semester zusätzliche Bedeutung. Vor Anpfiff des Fußballspiels wurde der erste WiwiImpuls an Herrn Prof. Starbatty übergeben. Er erhielt den Lehrpreis für die von ihm organisierte Veranstaltungsreihe zur Globalisierung im Rahmen des Studium Generale. Wir werden den Wiwi-Impuls auch im Jahr 2009 wieder an Personen oder Gruppen verleihen, die durch besondere Aktivitäten neue Impulse zur Verbesserung des Studiums an unserer Fakultät geben. Wir freuen uns auf Vorschläge, die auf unserer Homepage abgegeben werden können. Nach diesen Veranstaltungen war die Zeit reif für eine Wiwi-Party im Blauen Turm. Obwohl es die erste Wiwi-Party dieser Art war, feierten verschiedene Jahrgänge zusammen bis spät in die Nacht. Bei den Uni-Wahlen im Juli 2008 konnte unsere Fakultät die zweithöchste Wahlbeteiligung vorweisen. Danke schön! Die neuen Fakultätsratsmitglieder haben ihre Arbeit bereits aufgenommen und werden sich auch weiterhin für eure Interessen auf Fakultätsebene einsetzen. Einen gelungenen Abschluss stellte das Stocherkahnfahren mit der gesamten Fachschaft Mitte Juli dar. Bei Essen und Trinken schipperten wir gemütlich dem Ende des Sommersemesters entgegen. Abgesehen von all der Gremien-

arbeit und den Aktionen für und mit Studierenden unserer Fakultät konnten wir im Sommersemester noch einige andere Dinge erreichen. Anfang des Wintersemesters 2008/2009 gab es zum ersten Mal einen Mathe-Vorkurs für die Erstis, der von der Fachschaft angeregt wurde. Zudem kooperiert die Fachschaft weiterhin eng mit der Unternehmenskontaktstelle um euch dadurch neue Möglichkeiten zu eröffnen. Zu guter Letzt hat sich die Fachschaft im vergangenen Sommersemester intensiv um eine Umgestaltung des Aufenthaltsraumes in der Mohlstraße bemüht. Nach diversen Streich- und Möbelkaufaktionen und dank der Unterstützung von Seiten der Fakultät, konnte er nun eingeweiht werden und lädt zum Treffen und Verweilen ein. In den ersten Wochen des Wintersemesters haben wir bereits einige neue Mitglieder gewonnen und freuen uns auch weiterhin über jeden, der bei uns mitmachen möchte! Ihr seid herzlich zu unseren Sitzungen montags um 20Uhr c.t. in den Keller der Nauklerstraße eingeladen! Die Semesterkoordinatorinnen des SS 2008, Claudia & Marie




Erstsemestereinführung Tagebuch eines Erstsemesters Sonntag 18.38: Die letzte Person, die ich hier kenne und mag, ist gerade ins Auto gestiegen um mich endgültig allein zurückzulassen. Ich bin noch mit den wichtigsten, zum Überleben notwendigen Utensilien ausgestattet worden. Freiheit, Selbstständigkeit und Pflichtlosigkeit warten auf mich, ich muss mich nur noch umdrehen. 18:39: Meine Freude über das neu gewonnene Leben wird dadurch gehemmt, dass das erste selbstgebratene Steak schmeckt, als wäre es eines natürlichen Todes gestorben. Montag Mathe-Vorkurs. Der wird ab jetzt jeden Tag auf dem Plan stehen. Hier kann ich ungehemmt meine erstsemestlerische Motivation ausleben und neue Kontakte knüpfen. Zum größten Teil machen wir Schulstoff, der wiederholt und aufgearbeitet wird. Dieses Jahr findet er zum ersten Mal statt und wird von einer großen Anzahl von Neu-Studenten wahrgenommen. Die regelmäßige Teilnahme daran war auf jeden Fall hilfreich. Danach beginnen die ersten InfoCafés - heute findet eins für die iEcos statt. Nach der Hauptveranstaltung werden Kleingruppen gebildet, denen Studenten höherer Semester vorstehen. Diese erschei-

nen mir besonders hilfreich, da man sich hier eher traut, die Fragen, die einem auf der Seele brennen, loszuwerden. Der an das Info-Café anschließende Kneipenbesuch ist super um Kontakte zu knüpfen und künftige Mitköche zu finden, damit mein Steak demnächst auch essbar wird. Dienstag - Mittwoch Zwei weitere Info-Cafés für Eco/ BAs und IBAs und der Einstufungstest Spanisch für iEcos stehen an. Ich wollte eigentlich schon vor zwei Tagen mein Bett beziehen, bin aber zu sehr damit beschäftigt meine neue Umgebung zu erkunden. Donnerstag Wieder ein Infocafé, diesmal ein allgemeines. Ich kann mich bei Studienberatern der Sprachen, Geschichte, Politik und Geografie über jegliche Sorgen bezüglich meines Studiums auslassen und mich über die verschiedenen Sprachen informieren. Abends findet die lang ersehnte Kneipentour statt. Wir werden nach unseren Geburtsmonaten sortiert und mischen uns unters Volk. Die Gesellschaft ist lustig, das schwäbische Bier beschwingt und die Zeit vergeht schnell. Drei Bars machen wir durch und von der vierten lasse ich mich durch die späte Stunde nicht abhalten.


Freie Fachschaft WiWi Universität Tübingen

Freitag Ich bin begeistert. Heute um vier habe ich sogar noch mein Bett bezogen und die Wäsche gewaschen. Meinem plötzlichen Enthusiasmus ist leider auch mein iPod zum Opfer gefallen, den ich jetzt liebevoll zum Trocknen auf der Heizung platziere. Während des Stadtspiels entdecken wir, was man alles für „‘n Appel und ‘n Ei“ eintauschen kann (in den meisten Fällen ist man vom Resultat doch relativ überrascht. Eingetauscht wurden Bierkrüge, Liedtexte, Pornokalender, Schokolade und Laugenbrötchen), tunken unsere Arme in den Neckar (an dieser Stelle einen anerkennenden Gruß an den Jüngling, der die Gelegenheit zu einem mit Bier vergoltenem Vollbad im Neckar tapfer wahrnahm) und werden von einem Ende Tübingens zum anderen gejagt. Hin und wieder könnte man den Eindruck gewinnen, dass die höheren Semester bei der Planung der Stadtrallye ihre sadistischen Vorlieben ausgelebt haben, aber ich füge mich ergeben meinem Schicksal und habe am Ende sogar meine Freude daran. Donnerstag (der ersten Vorlesungswoche) Nachdem ich nun sowohl die anderen Erstis als auch Tübingen kennengelernt habe, geht‘s zum nächsten Event über: die Erstseme-

ErstsemesterVeranstaltungen 2008

ster-Party im WHO. Was gibt es Schöneres als feiern, tanzen, trinken und dann auch noch am nächsten Tag in keine Vorlesungen gehen zu müssen? So konnten wir die Party richtig genießen. Damit geht dann auch die zweite Woche zu Ende und das Studium beginnt langsam. Aber ich bin mir sicher, mit meinen neu gewonnen Freunden wird alles ohne große Langeweile über die Bühne gehen. Insgesamt kann ich eine positive Bilanz der Einführungswochen ziehen; Sie erleichtern den Start ins Studium, man lernt die ersten Kommilitonen kennen und wird mit seinem neuen Umfeld schon ein wenig vertrauter, was das Einleben auf jeden Fall erleichtert. Egal wie schwer es manchen fällt, sich eine Woche früher von zu Hause zu lösen, ich kann es jedem nur empfehlen! Cara & Philipp




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Erstihütte Invasion in Oberilfingen Es war einmal an einem Freitagnachmittag... 30 glückliche Erstis trafen sich vor der Wiwi-Fakultät um gemeinsam ins Hüttenwochenende zu starten. Die ausführliche (allerdings nicht immer hilfreiche) Wegbeschreibung führte uns über Umwege und nach gefühlten sieben Stunden zum Berghof. Unsere Schwierigkeiten können aber auch am Restalkohol (die Erstiparty war am Vorabend) gelegen haben. Auf der Fahrt konnte man die schöne schwäbische Landschaft bewundern und einige trauten sich sogar das schöne Wetter im Cabrio zu genießen. Kaum in Oberiflingen angekommen, wurden bereits Küchen- und Tischdienst eingeteilt, wodurch ein bisschen Landschulheim-Feeling aufkam. Während die Mädels den Luxus von 4-Bett-Zimmern genießen durften, zog es die Jungs in ein 15-Bett-Zimmer. Am ersten Abend wurden wir ausgehungerten, kleinen Erstis mit Bergen von Chili con

Carne gesättigt und mit Red Bull abgefüllt. Dann gingen wir zum gemütlichen Teil des Abends mit Kennenlernspielen, Bier etc. über. So teilte sich die buntgemischte Gruppe aus IBA’s, IECO’s und ECOBA’s in Dick, Dünn und Doof ein und ordnete sich nach Zahl der Ex-Partner oder Farbe der Unterwäsche, was für allgemeine Erheiterung und einige Überraschungen sorgte. Vereinzelt aufkommende Müdigkeit wurde direkt mit Red Bull bekämpft, so dass man noch viel Zeit hatte, sich näher kennenzulernen. Der Samstag begann dann mit einem ausgiebigen Frühstück, wobei wir abwechselnd von Partyschlagern und klassischer Klaviermusik beschallt wurden. Um auch die Letzten wach zu bekommen, ging es raus auf die Wiese, wobei sich zeigte, wer Stadt- und wer Landkind war. Letztendlich aber konnten alle als Amöben und Gorillas ihrem Spieltrieb freien Lauf lassen


11 und gemeinsam gegen böse Viren kämpfen. Auf gings dann mit Gebrüll zu unserem Tagesausflug nach Freudenstadt. Dort genossen wir den strahlenden Sonnenschein bei Kaffee oder Eis und schossen natürlich das obligatorische Gruppenfoto. Später im Panoramabad konnte dann jeder nach seiner Façon relaxen; Whirlpool, Dampfgrotte und heißes Außenbecken luden ein. Highlight des Abends war die Demonstration für billigeres Bier, bei der sich die Gruppe unzertrennlich zeigte und einige blaue Flecken in Kauf nahm, um nicht von der Bundespolizei abtransportiert zu werden. Nach einigen Bieren wurde der Partykeller seinem Namen geAnzeige

recht und ein paar männliche Teilnehmer bewiesen, wie „hardcore“ sie tanzen können. Nach einer langen Nacht, den üblichen Partyschlagern und Kuhwiesenspielen zog es am nächsten Morgen einige Kulturinteressierte zur Burg Hohenzollern, andere direkt zurück in die Wahlheimat Tübingen. Wir bedanken uns an dieser Stelle bei der Fachschaft für dieses super organisierte und tolle Wochenende! Ein großes Lob an euch, es war super so viele andere tolle WIWIErstis kennenzulernen! Judith & Sandra


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Neues aus dem Fakultätsrat Die Fachschaft am Puls der Zeit Gestärkt durch die zweithöchste Wahlbeteiligung der gesamten Universität, haben die neuen Studierendenvertreter ihre Arbeit im Fakultätsrat und in der Studienkommission aufgenommen. Beide Gremien haben bisher einmal getagt. Ein zurzeit sehr aktuelles Thema ist die Verwendung der Studiengebühren. Mitte Dezember müssen die erarbeiteten Vorschläge der Fakultäten an die Uni weitergeleitet werden, damit dann in der Studiengebührenkommission über die endgültige Zuteilung und Verwendung entschieden werden kann. Aus diesem Grund wurden jetzt die Anträge eingereicht. Wichtige Anträge sind unter an-

derem das Tutorienprogramm, die Finanzierung der Sprechstunden des Prüfungsamtes, die Unternehmenskontaktstelle und die Ausweitung der Öffnungszeiten der Seminarbibliothek. Die Fachschaft selbst hat auch einige Anträge gestellt, z.B. für eine mögliche Gastprofessur für verschiedene Wirtschaftsthemen, die an unserer Fakultät durch die bisherigen Lehrstühle nicht abgedeckt werden. Wenn ihr selbst Ideen für die Verwendung der Studiengebühren habt, könnt ihr uns diese gerne per Mail oder in der Sprechstunde mitteilen. Ein weiteres Thema ist die Verbesserung der Koordination unserer Fakultät mit anderen Fakultäten und dem FSZ. Dafür wurde angeregt, dass sich ein Mitarbeiter des Dekanats um diese Aufgabe kümmert. Wir machen uns auch dafür stark, den internationalen Auftritt unserer Fakultät zu verbessern, was nicht nur den „i“-Studiengängen dient. Zusätzlich wollen wir versuchen, dass die Bachelorstudiengänge für Studierende und Studienbewerber interessanter werden. Wenn Euch Themen einfallen, die aufgegriffen werden sollten, dann wendet Euch an uns und wir werden versuchen, diese dann in den entsprechenden Gremien anzusprechen. Eure Studierendenvertreter


Interview mit Fr. Prof. Herbst Tübingen mit neuer Verhandlungsmacht Die 28-jährige Juniorprofessorin Uta Herbst arbeitet seit April 2008 Seite an Seite mit Prof. Berndt am Lehrstuhl für Marketing und bietet in diesem Semester eigene Veranstaltungen zu diesem Thema an. Um mehr über ihre Person, Lehre, Forschung und ihre zukünftigen Pläne zu erfahren, haben wir sie exklusiv für Euch interviewt: Hallo Frau Herbst. Was haben Sie vor Ihrer Juniorprofessur gemacht und wann wussten Sie, dass Sie eine Universitätskarriere einschlagen wollen? Nach meinem Abitur 1999 in Nürnberg habe ich Kommunikationswissenschaften an der Universität Hohenheim studiert. Dort habe ich schließlich nach dreijähriger Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Marketing Anfang 2007 promoviert. Hierauf folgte ich dem Ruf auf eine Juniorprofessur für Industriegütermarketing an der European Business School im Rheingau. Nach einem Semester kam dann bereits der Ruf nach Tübingen, dem ich gerne folgte. Mir wurde recht schnell bewusst, dass ich meine Karriere an einer Universität fortführen möchte. Man hat dort schlichtweg mehr Freiheiten in der Gestaltung seiner Arbeit sowie in der Wahl der Themengebiete, mit denen man

sich beschäftigt. Aus diesem Grund empfinde ich die Tätigkeit an der Universität als spannender und abwechslungsreicher. Dennoch muss man sich natürlich auf bestimmte Themengebiete spezialisieren, um fundierte Forschungsarbeit leisten zu können und darin Erfolge vorzuweisen. Das Konzept der Juniorprofessur wurde an deutschen Universitäten im Jahr 2002 eingeführt. Was kann man sich genau darunter vorstellen? Im Vergleich zu Amerika, wo es den sogenannten „assistant professor“ schon länger gibt, ist die Juniorprofessur in Deutschland ein neues Konzept. Eine Juniorprofessur muss man sich vorstellen wie eine Habilitantenstelle, abgesehen davon, dass man eigenständig in Lehre und Forschung arbeitet und anstelle einer klassischen Habilitation mehrere Papers einreicht. Sind Sie als Juniorprofessorin unter Veröffentlichungsdruck? Ja sehr. Als Juniorprofessor wird man regelmäßig für seine Leistung evaluiert und muss demzufolge sehr viel forschen und veröffentlichen, um eine Chance auf eine Professur zu haben. Welche neuen Veranstaltungen bieten Sie dieses Semester an

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14 und welche Schwerpunkte haben diese? Da ich selbst meinen Schwerpunkt auf Industriegütermarketing und Verhandlungsmanagement gesetzt habe, biete ich eine Vorlesung genau zu diesem Thema an. Meine Schwerpunkte ergänzen sich somit sehr gut mit denen von Herrn Berndt, sodass die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät nun ein breiteres Spektrum an Veranstaltungen im Bereich Marketing anbieten kann. Im Sommersemester wird immer die Einführungsveranstaltung in Marketing angeboten. Ist es vorgesehen, dass Sie diese von Herrn Professor Berndt übernehmen? Wird es dabei inhaltliche Veränderungen geben? Ich werde die Einführungsveranstaltung nicht vollständig übernehmen, sondern Herr Berndt und ich werden uns im Jahresrhythmus damit abwechseln. Ziel der Veranstaltung ist es, den Studenten zu vermitteln, was Marketing ist. Folglich werden sich unsere Vorlesungen inhaltlich weitestgehend decken. Jedoch hat natürlich jeder eigene Folien und eine individuelle Art, das Thema zu präsentieren. Weshalb sollten sich die Studierenden Ihrer Meinung nach für das Fach bzw. den Schwerpunkt Marketing entscheiden? Welche Voraussetzungen und Interessen

sollten sie dabei mitbringen? Man muss sich bewusst sein, dass Marketing einen beachtlichen Beitrag zum Unternehmenserfolg leistet und somit für Unternehmen von großer Bedeutung ist. Schließlich macht neben dem als so wichtig proklamierten Finance and Controlling der Umsatz einen großen Teil des Unternehmenserfolgs aus. Darüber hinaus spielt im Bereich Marketing neben dem Konsumgütermarketing das Industriegütermarketing eine ebenso große, wenn nicht sogar größere Rolle. Ein Vorteil für Wirtschaftsstudenten der Uni Tübingen ist es deshalb, dass die Fakultät nun auch einen Marketing-Schwerpunkt im Bereich des Industriegütermarketing hat. Sie selbst haben Kommunikationswissenschaften studiert. Was hat ihrer Meinung nach Marketing mit Kommunikation zu tun? Verhandlungsmanagement ist ein Kerngebiet im Industriegütermarketing. Und Verhandlungen ohne Kommunikation finden selten statt. Daher finde ich den von mir gewählten Schwerpunkt sehr interessant und wichtig. In Ihrem Interesse für Verhandlungsmanagement lässt sich auch begründen, weshalb Sie eine der Initiatoren des Battle of Universities waren. Beschreiben Sie kurz,


15 um was es sich dabei handelt und wie es zur Entstehung dieses Projektes kam. Zur Entstehung des Projektes kam es aufgrund meiner Idee, einen deutschlandweiten Verhandlungswettstreit zwischen Universitäten durchzuführen. Die Umsetzung dieser Idee erfolgte dann gemeinsam mit meinem Doktorvater der Universität Hohenheim, Prof. Dr. Markus Voeth. Die fünf Tage andauernden Verhandlungen erfolgten zwischen Zweierteams, die vorab von uns die dafür notwendigen Informationen zugesandt bekamen. Da die mehr als 300 Teams aus fast 50 verschiedenen Hochschulen ganz Deutschlands kamen, haben wir eine virtuelle Plattform programmiert, in der die Teilnehmer via Computer miteinander verhandeln konnten. Die Veranstalter selbst schnitten übrigens sehr gut ab. Die Uni Hohenheim siegte und Tübingen war unter den Top Ten. Ziel des Projekts war es, die Verhandlungskompetenzen der Studenten zu trainieren, denn durch praktische Umsetzung erkennt man seine Stärken und Schwächen am besten. Dazu wird den Studenten an deutschen Unis kaum die Möglichkeit geboten. Dies ist z.B. an amerikanischen Universitäten besser, da dort Verhandlungsmanagement direkt in die universitäre Lehre integriert wird.

Haben Sie geplant, solch einen Verhandlungswettstreit noch einmal durchzuführen? Ja auf jeden Fall. Der Battle of Universities war ja nicht mein erstes Projekt in diesem Bereich. An der Uni Hohenheim habe ich 2006 bereits einen Battle of Sexes veranstaltet, bei dem Frauen und Männer gegeneinander antraten. Schon nächstes Jahr wird wieder ein Verhandlungs-Battle sein. Dieses Mal wird die Abschlussveranstaltung dann in Tübingen stattfinden. Allerdings bin ich mir noch nicht sicher, ob es wieder ein Duell zwischen Universitäten werden soll. Was können Sie den Wirtschaftsstudenten in Tübingen für ihr weiteres Studium mit auf den Weg geben? Den Studenten kann ich auf den Weg geben, dass es wirklich sehr empfehlenswert ist, in Tübingen seinen Master zu machen, denn die Lehre hier ist sehr gut, aktuell und im Vergleich zu anderen Unis gut organisiert. Des Weiteren bietet die Universität den Studenten zahlreiche Unternehmenskontakte in der Umgebung sowie viele gute Veranstaltungen und Projekte an. Vielen Dank für das interessante Interview! Anke & Lars


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Interview mit Marko Ljubicic Vom Fussballprofi zum Rechnungsleger Mit leckerem Kaffee und Kuchen im Gepäck haben wir uns aufgemacht, um für Euch die neuen Dozenten mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Marko Ljubicic hält die Vorlesung “Technik des betrieblichen Rechnungswesens”. Einem ungewöhnlichen Nachnamen gebührt auch ein „ungewöhnliches“ Herkunftsland: Er ist zwar in Deutschland geboren, aber seine Eltern sind gebürtige Kroaten. Eine kleine Kostprobe auf kroatisch? „Bog!“ Das heißt so viel wie Hallo und Tschüss in Einem. Unser neuer Dozent ist 29 Jahre jung, noch ledig und hat auch keine Kinder. Auch mussten wir leider feststellen, dass er ein Fast-Weihnachts-Kind ist und wir somit an seinem Geburtstag nicht für ihn singen können. Herr Ljubicic sagt über sich selbst, dass er ein sehr aufgewecktes Kind war: „Fußballprofi wollte ich werden, so wie wahrscheinlich jeder kleine Junge.“ In welchem Verein? „Werder Bremen. Da war ich früher ein großer Fan von.“ Nach seinem Abitur 1998 begann der 18-Jährige sein Studium an der FH Reutlingen in dem Studienfach „Produktionsmanagement“, „an der Schnittstelle zwischen den Wirtschaftswissenschaften und dem Ingenieurwesen.“ Zumindest teilweise konnte sich sein Studium dabei über das Kicken beim SSV

Reutlingen finanzieren. „So gut war ich nicht, aber im Fußball wird auch schon in den unteren Ligen für Studentenverhältnisse ganz gut gezahlt.“ Im Laufe seines Studiums zog es ihn dann mehr und mehr zur BWL, speziell zur Rechnungslegung und der Steuerlehre, was er dann auch an der Uni Tübingen in Form eines Zweitstudiums vertiefte. Seine erste Diplomarbeit zog Marko ins 8.Semester vor und schrieb sie während eines viermonatigen Auslandsaufenthaltes bei der Firma „Putzmeister“ in Wisconsin, USA. Im Jahr zuvor hatte er bei dieser Unternehmung ein sechsmonatiges Auslandspraktikum absolviert. Warum in die USA? „Es sollte ein englischsprachiger Raum sein und da reduzierte sich mein Entscheidungsfeld auf zwei Möglichkeiten in Amerika und eine in Südafrika. Schlussendlich ist die Wahl dann auf Putzmeister in der Nähe von Chicago gefallen.“ Nach seinem Praktikum reiste er noch drei Wochen mit einem Kommilitonen an der Westküste entlang. Dabei war ein Abstecher nach Las Vegas eher ernüchternd: „Las Vegas bei Tageslicht war die hässlichste Stadt, die ich auf meiner Reise gesehen habe“. Sein Studium an der Uni Tübingen im Bereich Betriebswirtschaftslehre begann Marko Ljubicic nach der Rückkehr aus den USA und dem Diplom-Abschluss an der


17 FH Reutlingen. Er war während des Studiums in Tübingen schon studentische Hilfskraft an mehreren Lehrstühlen und wurde direkt nach Abschluss seiner zweiten Diplomarbeit Mitarbeiter am Lehrstuhl von Frau Prof. Hecker. Dort ist er bis heute tätig. Dieses Jahr hält er nun seine ersten Vorlesungen an der Uni Tübingen und der FH Reutlingen. Was die Zukunft bringt? „Erstmal muss die Doktorarbeit fertig werden, am besten Mitte nächsten Jahres.“ Unser neuer Dozent kann sich sehr gut vorstellen in Lehre und Wissenschaft zu bleiben, aber auch in der Praxis dürfte er mit seinem Themenfeld „gerne gesehen“ sein. Kleine Anmerkung unsererseits: z.B. als vollkommen unvoreingenommener Wirtschaftsprüfer! Wie sind sie wohl, die Gefühle vor der ersten Vorlesung? „Es war total schlimm. Ich war ganz aufgeregt“ Davon haben wir zwar nicht viel bemerkt, aber glauben wollen wir es dennoch gern. „Und mittlerweile macht es sehr viel Spaß und es ist eine nette Atmosphäre in der Vorlesung“. Marko Ljubicic schätzt sich selbst als offen und kommunikativ ein, jemand „der gerne in Gesellschaft ist und schon immer Spaß daran hatte, das eigene Wissen zu vermitteln.“ Deswegen hat er sich gerade im Vorfeld der Vorlesung viele Gedanken darüber gemacht, wie man alles ein bisschen aus „Studentensicht“

darstellen könnte. Das Resultat sind die vielen zum Teil selbst gestalteten Grafiken und der parallele Einsatz des Overhead-Projektors und des Beamers. Haben Sie Tipps für alle „Erstis“? 1. „Eine kleine psychologische Hilfeleistung: Nicht verzweifeln in den ersten Wochen der „Technik des betrieblichen Rechnungswesens“. Gerade wenn man von einem Allgemeinen Gymnasium kommt, versteht man anfangs noch nicht viel von der Systematik des Buchens. Das ging mir genauso. Erst gegen Ende des Semesters werden alle ungefähr auf dem gleichen Level sein!“ 2. „Alles kritisch hinterfragen und nichts blind abkaufen! Um die Qualität eines Ratschlages, einer Aussage oder einer Meinung besser abschätzen zu können, ist es wichtig zu beachten, wer diese Aussage macht und mit welchen Motiven.“ 3. „Immer positiv eingestellt sein, egal in welcher Situation.“ Sein Buchtipp für uns sind unter anderem die Grisham-Bücher, sowie die Bücher von Michael Crichton. Neben seiner Dozententätigkeit hat Marko Ljubicic natürlich auch ein Privatleben und viele Hobbys. Er malt gerne (leider dürfen wir seine Kunstwerke nicht abdrucken), geht gelegentlich Bergwandern und segelt. Seine große Leidenschaft ist immer noch der Fußball, wo er früher im defensiven Mittelfeld


1 „aufgeräumt hat“. Als „Nachteule“ lässt er sich morgens vom Radio WirrWarr wecken und verlässt dann so schnell wie möglich das Haus. „Ich bin morgens ungern lange zu Hause; am Besten würde ich gleich aus dem Bett ins Auto fallen.“ Marko liebt am Leben, „dass alles offen ist - die ganze Unsicherheit, dass man nicht weiß, was noch auf einen zukommt!“ Auf die Frage, was er gern in seinem Leben rückgängig machen würde, schmunzelt er nur. „Nichts würde ich rückgängig machen, weil man aus seinen Fehlern lernt. Bisher bereue ich Nichts.“ Gefragt nach dem Verrücktesten Anzeige

was er bisher gemacht hat: „Ich bin mit einem Kommilitonen in den Hollywood Hills auf das Hollywood-Zeichen geklettert. Das war bei der ganzen Kameraüberwachung gar nicht so leicht!“ Anmerkung der Redaktion: Wir empfehlen Euch, ihm das nicht nachzumachen, es sei denn, ihr möchtet gern Bekanntschaft mit der amerikanischen Polizei machen. Irgendwann ging dann auch das netteste Gespräch bei Kaffee und Kuchen zu Ende und so sagen wir: Danke schön für das nette Interview und „Bog“! Anne

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Interview Luis Huergo A ‘nei g’schmeckta Argentinier Sein vollständiger Name lautet Luis Augusto Huergo (nicht: Hürgo!), er stammt aus La Plata in Argentinien und ist seit dem 19. März 2008 mit einer Schwäbin verheiratet. Zusammen haben sie eine Tochter, die neun Monate alte Pirjo-Sophie (finnischer Name). Herkunft: Seine Vorfahren kamen als Eroberer nach Argentinien. Er erzählt uns, dass er zu 75-% Italiener sei: Die Mutter seines Vaters sei Vollblutitalienerin, seine Mutter ebenfalls Italienerin. Er selbst identifiziere sich eher mit den italienischen Vorfahren, die aus der Unterschicht stammten und sich mit viel Fleiß hochgearbeitet hätten. Bisherige Laufbahn: Mit vier Jahren konnte er multiplizieren, im selben Alter wurde er eingeschult und wenige Monate später in die 2. Klasse versetzt. Dennoch bleibt er bescheiden, erzählt von den überhöhten Erwartungen seiner Eltern an sein doch so durchschnittliches Genie. Weil sein Berufswunsch schon seit frühester Kindheit Biologe war, begann er dieses Studium mit 17. Nach ganzen drei Tagen brach er jedoch ab, weil für ihn die Arbeit im Labor zu naturfern war und begann Ingenieurwesen zu studieren. Sieben Jahre später schloss er als Zweitbester seines Studienganges ab und entschied sich für ein Aufbaustudium der Wirtschaftswissenschaften. Trotz des ursprünglichen

Wunsches, an der London Business School zu studieren, verschlug es ihn nach Reutlingen. Obwohl er dort immatrikuliert war, besuchte er jedoch immer wieder Vorlesungen an der Uni Tübingen die ihm so gut gefielen, dass er beschloss in Tübingen, zu promovieren. Sein Doktorvater ist seit 2005 Prof. Dr. Dr. h.c.mult. Schaich. Seine Zukunftspläne: Erst einmal möchte er seine Doktorarbeit abgeben und sich auf seine Mathevorlesung konzentrieren, in die er, nach eigenen Angaben, viel Herzblut steckt. Tipps: Davon hat der reife 38-Jährige viele. Wenn man wisse, dass etwas gut und das Richtige ist: Augen zu und durch. Vor allem solle man niemals Entscheidungen aus Angst treffen und sich nicht durch „Schnellwissen“ beeindrucken lassen. Er rät jedem so lange zu suchen, bis er das Richtige gefunden hat. Ein bisschen zerknirscht fragt er sich, ob das ein guter Rat sei, da er selbst erst mit 38 Jahren gefunden habe, was ihn wirklich erfülle. Hobbies: In Argentinien hat er mit großer Hingabe verschiedene Kampf- und Wassersportarten betrieben. In Deutschland gehört er dafür nun zum Inventar des Kraftraums im Sportinstitut, betreibt Aikido und angelt. Außerdem spielt der Argentinier seit bereits 20 Jahren die klassische Gitarre, mit

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20 der er täglich übt. Tanzen kann er übrigens auch: Salsa, Tango, Meringue, was halt grad so an Lateinamerikanischem anliegt. Als er hierher kam, belegte er zahlreiche Tanzkurse (Zitat: „ich hatte gehört, die Deutschen fahren drauf ab“) und gab später auch selbst Kurse. Buchtipp: Das Dilbert Prinzip von Scott Adams. Es sei zwar nicht gerade neu, aber aktueller denn je. Lieblingsmusik: Was die Musik angeht, hört er momentan alles was im Radio (SWR 3) läuft. Früher habe er auch sehr gerne Klassik gemocht. So habe er z.B. von Mendelssohns „Stück für die Geige“ alle jemals gespielten Versionen. Besonders am Herzen liege ihm aber das „Konzert für 3 Geigen“ von Bach, denn die Atmosphäre sei gewaltig. Sein Eindruck von Tübingen: Er brauchte nur fünf Minuten, um sich in die Stadt zu verlieben. Er möge Tübingen, denn es sei nicht nur postkartentauglich, sondern habe zudem noch eine Seele. Er sieht es als chaotische Stadt in der teilweise südländische Verhältnisse herrschten. Lieblingsessen: Er liebe Fleisch, und zwar „in Unmengen“. In Argentinien habe seine Familie ein eigenes Grillzimmer, wo an gemeinsamen Abenden 1 Kilo Fleisch pro Mann einkalkuliert werde. In Deutschland habe er sich mit dem Zwiebelrostbraten ganz gut arrangiert. Fleisch gebe es aber trotzdem zu wenig.

Lebenstraum: Erstmal sei es ihm wichtig, dass er seiner Tochter ein zufriedenes und glückliches Leben ermöglichen könne. Auf den Rest könne er verzichten. Das Verrückteste was er je getan hat: Er tut geheimnisvoll, die zwei verrücktesten Dinge seines Lebens habe er mit seiner Frau gemacht. Das Drittverrückteste erzählt er uns dann doch - lachend. (Anm.d.Red.: Wir haben uns dazu entschieden, Eure reinen Seelen nicht zu beflecken und behalten deshalb die Geschichte für uns. Hierbei wird besonders auf die minderjährigen Erstis Rücksicht genommen.) Auf den „Limmes“ angesprochen: Er reagiert schockiert, als wir ihm erzählen, dass er oft sage, Dinge seien „trivial“ oder „Kinderkram“, „ekelhaft“, gesteht er ein. Allerdings habe er beschlossen, den Limes jetzt ganz offiziell mit Doppel-M zu schreiben. Während des Interviews lernten wir unseren Mathe-Dozenten als sehr sympathischen, überraschend offenen und bescheidenen Menschen kennen. Wir bedanken uns sehr herzlich für das Interview und den Kaffee und wünschen ihm alles Gute für die Umsetzung seiner Pläne und seine weitere Laufbahn. Cara


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Durchfallquoten mit freundlicher Unterst端tzung von Hr. Bauer Grundstudium

Sommersemester 2008 Haupttermin Juli 2008 Klausur

Teilnehmer

nicht bestanden

Durchfallquote

Durchschnitt

Haupt

Neben

Haupt

Neben

Haupt

Neben

Marketing

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50

9

15

4,31%

30,00%

2,50

3,63

Mikro

188

36

57

22

30,32% 61,11%

3,45

4,23

Int ReWe

183

17

15

7

8,20%

41,18%

2,77

3,93

Wa & Ri

222

11

34

8

15,32% 72,73%

2,74

4,61

APO

174

52

2

11

1,15%

21,15%

2,50

3,38

Ext ReWe

228

3

27

2

11,84% 66,67%

2,59

3,77

WiFiPo

109

6

6

0

5,50%

2,45

2,72

0,00%

Haupt

Neben

Nachholtermin Oktober 2008 Klausur

Teilnehmer

nicht bestanden

Durchfallquote Haupt

Durchschnitt

Haupt

Neben

Haupt

Neben

Neben

Haupt

Neben

Marketing

48

19

7

10

14,58% 52,63%

2,95

4,11

Mikro

87

7

20

4

22,99% 57,14%

3,49

4,43

Int ReWe

91

7

18

3

19,78% 42,86%

3,16

4,19

Wa & Ri

37

2

8

2

21,62% 100.00%

3,05

5,00

APO

47

12

4

7

8,51%

58,33%

2,52

4,25

Ext ReWe

68

0

32

0

47,06%

--

4,10

--

WiFiPo

24

3

6

2

25,00% 66,67%

3,25

4,57


22

Fakultätsneugliederung Eine Übersicht über die Vorschläge „Von vierzehn auf sechs“ lautete die Überschrift eines Artikels im Schwäbischen Tagblatt vom 22.10.08. Auf den ersten Blick scheint dieser Bericht eher belanglos, aber wenn man den Untertitel liest, stellt man fest, dass es sich um die Umstrukturierung der Universität handelt. Der Rektor plant, die aktuelle Anzahl an Fakultäten drastisch zu kürzen. Diesen Vorschlag unterbreitete er im September den Dekanen und bot zugleich ein Schema zur möglichen Aufteilung. Dieses sieht vor, dass es vier sogenannte Großfakultäten und zwei theologische Fakultäten geben wird. Ein Landtagsbeschluss sichert sowohl der katholischen als auch der evangelischen Theologiefakultät ihre Eigenständigkeit. Die Wirtschaftswissenschaften sollen mit den Juristen und den Gesellschaftswissenschaften zusammengelegt werden und dann als sogenannte

Departments mit ca. 71 Professuren weiterbestehen. Dabei hätten die Wiwis mit 20 Profs und die Juristen mit 22 Profs eine sehr starke professorale Mehrheit. Die zweite Großfakultät soll die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät (inklusive Informatik und Psychologie) werden und die dritte die Philosophische Fakultät, zu der u.a. alle modernen Fremdsprachen, Geschichte, Medienwissenschaften und Philosophie zählen sollen. Die medizinische Fakultät, die zurzeit mit 102 Professuren die größte Fakultät ist, soll in ihren Strukturen erhalten bleiben. Am 22. Oktober fand eine Informationsveranstaltung für Wiwis, Juristen und Gesellschaftswissenschaftler statt, auf die auch in einem Artikel des Schwäbischen Tagblatts hingewiesen wurde. Im Rahmen dieser Veranstaltung erläuterte der Rektor, weshalb es seiner Meinung nach sinnvoll sei, die Strukturen zu ändern. Dennoch blieben sehr viele Fragen offen, da es außer dem zukünftigen Fakultätsgliederungsplan keine näheren Informationen zur möglichen Gestaltung gab. Gründe für die Änderung seien die gesetzlich vorgesehene Einführung der


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Finanzbuchhaltung, Verschlankung der Verwaltung und Entlastung der Professoren durch weniger Gremienarbeit. Mittlerweile gibt es einen etwas detaillierteren Plan. So soll es in den Großfakultäten den kleinen Fakultätsrat geben, in dem laut Landeshochschulgesetz nur drei gewählte Studierendenvertreter sitzen dürfen. In unserem Fall könnte es dazu kommen, dass dann kein Wiwi-Student mehr die Interessen unserer Studenten vertreten kann, da er nicht hineingewählt wurde. Zurzeit vertreten sechs Studierende ca. 2000 Studenten, bei der Großfakultät wären es dann drei Vertreter für ca. 8000 Studenten. Auch soll der Senat von zurzeit 40 Mitgliedern auf 20 reduziert werden, womit dann nur noch zwei gewählte Studenten darin vertreten wären. Auch sollen die jeweiligen Gremien öfter, eventuell sogar alle zwei bis drei Wochen tagen. Dies kann zwar zur Beschleunigung der Prozesse führen, aber eine aktive Mitarbeit der Studenten wird sich dadurch erschweren. Vor allem, da

aufgrund der Bachelor-/Masterumstellung und der damit verbundenen verkürzten Studiendauer diese bereits mehr Zeit in ihr Studium investieren müssen. Auch der Senat soll öfter tagen und zum Teil Aufgaben anderer Kommissionen, wie zum Beispiel der Strukturkommission, übernehmen. Daher stellt sich die Frage, inwieweit die Studierenden dann noch aktiv und effizient Hochschulpolitik betreiben können und wie viele überhaupt noch motiviert sein werden, sich in solchen Gremien zu engagieren. Gerüchten zu Folge sollen diese Strukturen zum 1. Oktober 2010 in Kraft treten. Im Rahmen einer Vernetzung von Mitgliedern verschiedener Fachschaften ist ein neuer Vorschlag eingebracht worden, der stärker auf die studentischen Belange eingeht. Inwieweit dieser in den noch ergebnisoffenen Entscheidungsprozess einfließen wird, steht allerdings noch nicht fest. Alexandra


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Kommentar zur Finanzkrise Der Tod des Kapitalismus: Ein Nachruf Als wir bei der Verteilung der Artikel für diese Auflage des WZWs zum Thema Finanzkrise kamen, war bei niemandem die Begeisterung sonderlich groß, einen Artikel darüber zu schreiben. Worüber sollte man auch berichten? Zuviel ist schon geschrieben worden zu diesem Thema: Über das weltweite Ausmaß der Krise, über die Bankiers, auf die diese Tage so gerne geschimpft wird, vielleicht über Joseph Ackermann, der mit seinem vermeintlichen „Gehaltsverzicht“ im falschen Moment mal wieder seinen Ruf als Buhmann der Wirtschaftsnation gefestigt hat, über Greenspan, der die Zinsen zu weit senkte, über die deutschen Banken, die sich schämen, das Hilfspaket der deutschen Bundesregierung zu schlucken, über eben diese Bundesregierung, die fragwürdige Gesetze erlässt um populistischen Gehaltsverzicht zu erzwingen oder über Hans-Werner Sinn, der mit einem unklugen Vergleich die Reputation deutscher Ökonomen in den Keller zog und damit auch noch seine neue TV-Karriere jäh beendete. Über all diese Dinge zu schreiben ist eine große Herausforderung. Darüber hinaus besteht bei der aktuellen Geschwindigkeit des „Sturms“ natürlich noch die Gefahr, dass bei erscheinen dieses Artikels die neuesten Entwicklungen schon wieder in den Schatten gestellt wurden, da

Langlebigkeit sicher kein Merkmal dieser Krise ist. Also packen wir die Sache gleich bei den Wurzeln und greifen die Titel auf, die unsere größte Aufmerksamkeit in diesen Tagen auf sich ziehen und die größten Quoten versprechen: Der Tod des Kapitalismus, wie Anne Will und der Daily Telegraph erst vor einigen Wochen titelten. Während manch ein Aktivist über solche Schlagzeilen sicherlich jubeln würde und viele Ökonomen nur den Kopf schütteln, will ich zunächst fragen: Was ist denn da eigentlich gestorben, wenn überhaupt? Nun, es ist sicherlich jener neoliberale Kapitalismus gerade ums Leben gekommen, der Finanzprodukte verpackt, anstreicht, versiegelt und irgendwie hofft, dass am Ende eine utopische Rendite Papiergeld erzeugt, ohne das je in reale Produkte investiert worden wäre. Vielleicht haben die Menschen auch gelernt, dass die meisten Wertsteigerungen der letzten Jahre durch Erwartungen und Blasen hervorgerufen wurden und dass diese genauso schnell wieder in den Keller gehen können wie sie entstehen. Doch ist der Kapitalismus dadurch tot? Haben wir nicht gelernt, dass in unserem wirtschaftlichen System die Menschen immer nach der für sie besten Investition suchen? Werden sie also nicht wieder tun, was sie für richtig halten und neue Investitionsformen erfin-


25 den? Der Kapitalismus, der vielleicht die beste Methode ist, Geld und Investition dorthin zu leiten wo sie die größte Wertschöpfung erzeugen können, ist sicherlich nicht tot. Aber vielleicht ist der Kapitalismus gestorben, der durch seine extremen Ausmaße in der Lage ist, innerhalb von wenigen Monaten die gesamte Welt in eine Rezession zu stürzen? Ich sehe schon, so wird es nichts. Je mehr man den Tod des Kapitalismus auf argumentativem Wege sucht, desto lebendiger wird er. Vielleicht stellen wir uns also zuerst die Schuldfrage: Wer hat den Kapitalismus umgebracht? Es können nur die Menschen selbst gewesen sein, die Bürger eines Landes, die die Politik durch Wahlen mitgestalten, die sich über die Wirtschaft, in der sie leben möchten, eine Meinung bilden. Doch: Wer hat es geschafft, die Meinung der Menschen so zu beeinflussen, dass sie jetzt Titel wie den dieses Artikels schreiben? Es kann nur die Finanzkrise selbst sein, die solche Fragestellungen ausgelöst hat. Aber: der Kapitalismus, ein Selbstmörder? Und wenn ja, wer hat ihn auf dem Gewissen? Schauen wir uns die Akteure an: • Die Bankiers: Natürlich. Raffgierige Spekulanten, die für kurzfristigen Kapitalgewinn Kreditpakete verpacken, zerstückeln und wieder zusammensetzen, bis keiner mehr die Zutaten kennt und mit fremdem Geld irgendwann faule

Kredite kauft. Dann sichern sie sich Aktienoptionen, um fleißig mit zu verdienen. Haben gewissenlose oder auch ahnungslose Bankiers den Kapitalismus auf dem Gewissen, indem sie Finanzprodukte kreierten, die sie selber nicht mehr kontrollieren konnten?

Dr. Josef Ackermann Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bank • Der Zentralbänker: Ist Greenspan schuld? Ist es die aktuelle Zinspolitik der Vereinigten Staaten, die den Menschen letztendlich zu viel Geld zu einem zu kleinen Preis überreichte und die Banken zu einer verzweifelten Suche nach neuen Aktivitäten zwang, die sie auf dunkle Pfade führten? • Die Politiker: Sind unsere obersten Repräsentanten schuld, die


26 es weder schafften, eine effektive Bankenaufsicht zu implementieren, noch eine internationale Finanzaufsicht zu koordinieren, die die Regeln schreibt für ein Spiel der Marktwirtschaft, das offensichtlich so dermaßen von externen Effekten und Informationsassymetrien gekennzeichnet ist, dass es nie zu einem perfekten Markt kommen kann, in den man nicht eingreifen muss? • Die Bürger: Sie nehmen die günstigen Kredite und kaufen sich mehr als sie eigentlich bezahlen können. Mit Kreditkarten shoppen sie die Malls leer und folgen den Lockrufen der guten Häuserpreise und günstigen Darlehen, um sich den Traum vom Eigenheim zu finanzieren. Währenddessen profitieren sie vom Kapitalismus wenn sich das Wohlstandsniveau erhöht, die Wirtschaft wächst (weil fleißig investiert wird) und die Armut sich in großen Teilen der Welt verringert. So viele Verdächtige - und irgendwie sind sie alle schuldig. So ein Mist. Erst ist der Kapitalismus ein Selbstmörder und jetzt kann man noch nicht mal jemanden verurteilen, da ja alle selbst verstrickt sind und keiner eine wirkliche Verurteilung will in der Befürchtung, nachher selbst am Galgen zu hängen. Und so dreht sich die Welt derzeit im Kreis, wenn sie nach den Schuldigen fragt, die nicht nur den Kapitalismus umbrachten, sondern

auch noch nebenbei sogar die entlegensten Regionen der Welt an einer Wirtschaftskrise teilhaben lassen. Der eine schustert dem anderen die Verantwortung zu, je nach dem, ob er Politiker, Ökonom, Bürger oder Bankiers ist. Tragen die fehlenden Regeln die Schuld, oder die Menschen, die von den fehlenden Regeln profitieren? Das ist für mich letztendlich die Kernfrage, die wir nach dem Tod des Kapitalismus, zumindest des Kapitalismus, wie wir ihn in den letzten 20 Jahren gekannt haben, zu beantworten nicht in der Lage sind. Die Institutionenökonomik würde sagen: Es sind die Regeln, die fehlen, da wir die Menschen nicht ändern können. Die Bürger unseres Landes aber sagen, es sind die Bankiers, die jeglichen Sinn für Realität verloren haben. Und genau diese Bürger sind es, die den Kapitalismus umgebracht haben: wenn sie mit den Füßen und den Wahlzetteln abstimmen und eine andere Politik fordern, wenn sie solche Artikel wie diesen schreiben und wenn sie sich einen - Achtung, jetzt kommt ein Wort ohne Definition - „sozialen und verantwortlichen Kapitalismus“ wünschen. Oder war es doch der Kapitalismus, der die Menschen dazu gebracht hat, ihn umzubringen? Hier beißt sich die Ratte in den Schwanz Philipp S.


Making of: Klischees Fotoshooting im WHO Was gibt es Besseres, als einen Sonntagnachmittag damit zu verbringen, Klischeefotos in aller Öffentlichkeit zu machen? Alles fing mit der Idee an, die unterschiedlichen Kleidungsstile, und damit die unterschiedlichen Typen der Wiwis stilisiert darzustellen. Diese Aufgabe erwies sich als recht einfach, da man sich nur hinten in den Hörsaal setzen und Leute beobachten muss. Allein zwischen den verschiedenen Sitzgruppen im Hörsaal sind Unterschiede allzu offensichtlich und hat man dann ein paar kreative Ideen gesammelt, muss das Outfit nur noch zusammengestellt werden. Das Schöne am Klischee ist, dass sich ganz leicht in jedem Kleiderschrank etwas Passendes dazu finden lässt. Man muss nur ein wenig wühlen. Nun fehlten nur noch die passenden Accessoires: Brille, Schal, Kreditkarten, Handy, Wäsche, Kaffeetasse und natürlich

auch der Schira, denn unsere Statistikbibel darf nicht fehlen. Nachdem das geklärt war, trafen wir uns an jenem besagten Sonntag im WHO und starteten unsere kleine Fotosession mit der Unterstützung eines Top-Fotografen. Schon das erste Bild war ein Knüller: graues Brett vor dem Gesicht. Auch die Hintergrundkulissen ließen sich aufgrund der bunten Studentenwohnheime variieren und rosa, blaue und gelbe Häuser wurden eifrig abgelichtet. Besonders viel Freude machte die Darstellung der verschiedenen Typen und der damit verbundenen Posen wie springen, fluchen, verschlafen aussehen usw. Allerdings hatte nicht nur das Fototeam Spaß, sondern auch alle vorbeikommenden Leute, die z.T. sehr begeistert zuschauten. Amüsierte Gesichter waren vor allem bei jenen zu finden, die uns zuerst im Weltverbessereroutfit und danach im Partystyle gesehen haben. Grüße auch an die Erstis, die vorbei kamen und schon gespannt auf diese Ausgabe des WZW warten. Nach gut zweieinhalb Stunden, sechs verschiedenen Outfits und ca. 440 Bildern war der ganze Spaß leider auch wieder vorbei. Seitdem kommen Erinnerungen in manchen Vorlesungen wieder hoch, wenn man glaubt sich wiederzuerkennen. Alexandra

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Klischees Heimliche Studien in der Vorlesung

Warum gibt es sie, wenn wir alle so eindeutig davon Abstand nehmen? Ganz einfach: Weil wir Spaß daran haben! Ähnlichkeiten mit Personen an dieser Fakultät sind ungewollt aber nicht zufällig entstanden. Die Kragenfutzis Merkmale: (Rosa) Polokragen, Affinität zu Marken- kleidung, gegelte Frisur Immer dabei: Papas Kreditkarte und Autoschlüssel für Sportwagen Lebenslauf: Internatsabitur, Praktika bei Papas Freunden, Verbin- dungsstudent Abends: Im Top10 Lieblingsfach: Externes Rechnungs- wesen Wunsch: Chef bei Porsche werden Die Weltverbesserer Merkmale: Tendieren zu Öko- kleidung (natürlich ohne Markenlogo), leicht verwuschelte, etwas längere Haare Immer dabei: Thermoskanne (mit fair gehandeltem Tee) Lebenslauf: Nach dem Abi ein frei- williges soziales Jahr in Lateinamerika, Engagement bei der GHG Abends: Auf Wohnheimpartys Lieblingsfach: Sie studieren iVWL: natürlich Politik Wunsch: Bei der UNO oder bei Unicef tätig werden


29 Die Hochbegabten Merkmale: Legen nicht viel Wert auf ihr Äußeres Immer dabei: Die Bibel (Schira) Lebenslauf: Durchschnittliches Abitur, kein freiwilli- ges Engagement, gute Noten ohne viel Lernaufwand Abends: Neue Papers lesen, Billard spielen Lieblingsfach: Statistik Wunsch: Bisher kein eindeu- tiger Wunsch, lan- den im Zweifelsfall bei McKinsey

Die Heimfahrer Merkmale: Kleidung hängt von Mamas Geschmack ab Immer dabei: Butterbrotdose, große Kiste mit Dreckwäsche Lebenslauf: Gutes Abitur, jedes Jahr mit Mama und Papa in Urlaub gefahren Abends: Das Gleiche wie während der Schulzeit Lieblingsfach: Einführung in die Wirtschaftswissen- schaften Wunsch: Bei Papa im Unter- nehmen einsteigen


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Die Partystudenten Merkmale: Können nicht genannt werden, da in Vorlesung nie anwesend Immer dabei: Kondom, Taxinummer Lebenslauf: Abitur nur durch Abschreiben bestan- den, seit sie 14 sind: Discogänger Abends: Stehen sie auf und dann:„Partey“- was denn sonst? Lieblingsfach: Wie, Fächer? Wunsch: Langzeitstudienge- bühren müssen abge- schafft werden!

Die Unternehmer Merkmale: Korrekte Kleidung, Immer dabei: Terminplaner, Ak- tentasche, Handy Lebenslauf: Abitur am Wirt- schaftsgymnasium, leiten ihre eigene Unternehmung, haben in der 10. Klasse den Gründer preis gewonnen, können ihre Oppor- tunitätskosten genau beziffern Abends: Financial Times lesen, Depot verwalten Lieblingsfach: Investition und Finanzierung Wunsch: Übernahme von Opel

Amrei & Jörg mit Hilfe von Alexandra & Julian


Wie studiert man heute VWL Fragen zu einem modernen Studium Wer von uns hat sich diese Fragen nicht schon gestellt: Was wünsche ich mir von meinem Studium der Volkswirtschaftslehre? Was muss ich als VWLer können? Was macht ein Ökonom überhaupt? Auch uns als Fachschaft interessiert diese Frage, da ihre Beantwortung doch entscheidend für unsere Aktionen und unsere Politik ist. Gerade wenn es um die Besetzung von Professuren, die Umstellung auf den Bachelor und die Ausrichtung des Studienganges geht. Also: Wie sollte man heute VWL studieren? Während dieser Artikel einen Überblick über die Fragestellung und ihre aktuelle Bedeutung gibt, findet ihr auf den folgenden Seiten den Blick ins Ausland: Wie studiert man dort eigentlich VWL? Schließlich möchten wir euch aufrufen, Eure Meinung zu sagen – schreibt einfach einen „Leserbrief“ an „wzwmail@ gmx.de“. Eine Zusammenfassung gibt es dann demnächst auf unserer Homepage. Warum diese Frage so schwierig zu beantworten ist; Wer entscheidet darüber was Studierende lernen sollen? Wer legt die Anforderungen fest, die an einen Studiengang gestellt werden? Sind es die Studierenden mit ihren Interessen, die Professoren, die den besten Einblick in die Materie haben, oder sind es die Arbeitgeber,

die Fähigkeiten und Wissen definieren? Jede dieser Gruppen scheint ein Mitspracherecht zu haben. Die Studierenden stimmen mit den Füßen ab, ob ihnen ein Angebot zusagt. Die Vorstellungen der Studienbewerber spielen also eine große Rolle, da nur die attraktivsten Angebote die Kunden (=Studenten) anziehen. So einfach ist das allerdings nicht, denn je nach Anzahl der studierten Semester variieren die Interessen. Am Anfang möchte man möglichst wenig Mathematik machen, wohingegen man später nach Vertiefung fragt und die Politik abwählt, da sie einem zu unkonkret vorkommt. An welchem Jahrgang soll man sich also orientieren? Nimmt man die Machtverhältnisse an einer Universität zum Maßstab, sind es jedoch eindeutig die Professoren, die das Sagen haben: Sie legen den Inhalt der Veranstaltungen fest, entscheiden über Professuren und schreiben den Studienplan. Darüber hinaus spülten die letzten Jahre eine Welle von Wirtschaftsvertretern an die Uni, welche nun an Absolventengesprächen, Round Tables und Verwaltungsräten partizipieren. Sogar die IHK redet inzwischen bei der Neueinrichtung von Professuren mit. Welche Arbeitgeber bestimmen also das Anforderungsprofil eines VWL-Absolventen? Wirtschaftsforschungsinstitute, der Vorstand einer Bank, NGOs oder

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32 Wirtschaftsredaktionen? Drei Gruppen – drei Sichtweisen? Im Prinzip schon, und doch möchte ich als vierte und entscheidende Gruppe den extern an uns herangetragenen Markt hinzuziehen: Den Markt für Studiengänge, Professoren und Forschungsleistungen. Dieser Markt beeinflusst uns durch Konkurrenzangebote genauso wie durch den Typ von Professor, welcher heute auf dem Economics-Arbeitsmarkt herausgebildet wird. Er fasst letztendlich alles zusammen, was wir nicht beeinflussen können und was außerhalb unserer Universität mit dem Fach „Economics“ passiert. Wohin der Markt uns treibt Wenn wir in Economics (also der Volkswirtschaftslehre, die forscht, die Politik berät und an der Gestaltung des Wirtschaftsgeschehens teilnimmt) mitspielen wollen, müssen wir mit dem Markt mitgehen, den die Economics-Lehrstühle, Organisationen und Institute für uns bereiten. Dort wird promoviert, quantitativ analysiert und modelliert, wird publiziert und gerankt. Am einflussreichsten ist, wer viel zitiert und oft erwähnt wird. Klar, dass dieser Markt einen bestimmten Typ von Wissenschaftler produziert, nämlich einen, der eben nicht unbedingt deskriptiv unterrichtet, Wirtschaft mit Kultur verbindet oder unter Wirtschaftsgeschichte Ideengeschichte versteht. Dadurch

verändern sich auch die Zuschnitte von Professuren, Lehrveranstaltungen und Forschungsarbeiten. Auf der anderen Seite schießen in Deutschland gerade Lateinamerika- und Ostasien-Studiengänge aus dem Boden, werden gemischte Programme für Kultur, Philosophie und VWL angeboten. Eine bunte, undurchschaubare Vielfalt an Angeboten tut sich auf, aus der die Studierenden zu Generalisten ausgebildet werden. Schließlich wird Internationalität zur Pflicht. Alle gehen ins Ausland, Sprachen werden so oder so gelernt und Englisch versteht sich von selbst. Internationalität ist mittlerweile Voraussetzung geworden, anstatt ein Qualitätsmerkmal zu sein. Zentrale Fragen: • Können wir es uns leisten, uns so sehr auf Economics zu konzentrieren, dass unsere Studierenden am Ende nichts von Schumpeter oder Jevons gehört haben? Mit Prof. Starbatty und Prof. Preusse ging und gehen die beiden letzten deskriptiv arbeitenden Professoren unserer Fakultät. Dies soll kein Nachruf sein, sehr wohl aber ein Statement für historische Zusammenhänge, Ideengeschichte und Allgemeinwissen. Da reicht es eben nicht, nur ein Buch zu lesen. Kaum ein Fach ist so breit angelegt wie VWL und kann so tief in die Lebensbedingungen eines Menschen eingreifen. Genau deshalb sollte ein


33 VWLer auch Wissen über die empirische und theoretische Seite hinaus entwickeln! • Brauchen wir noch ein Rahmenprogramm abseits von Fremdspracherwerb und VWL? Die Idee des Studiengangs IVWL bestand darin, ein volles Volkswirtschaftsstudium mit Wissen über Sprache und Kultur einer Weltregion zu kombinieren, sowie in einer weiteren Wissenschaft die nötigen Analysetools zu lernen, um eine Region der Erde auch von anderen Standpunkten aus betrachten zu können. Durch den Bachelor ist letzteres stark reduziert worden, kommt zu spät und steht in Konkurrenz zur VWL-Vertiefung. Ist das ein Zeichen dafür, dass Politik oder andere Gesellschaftswissenschaften aus dem Curriculum fliegen sollten? Nein, denn egal wohin wir blicken, zur VWL gehört immer ein Nebenfach, eine andere Sichtweise. Wirtschaft ist nur zu verstehen, wenn man die anderen Aspekte einer Gesellschaft auch betrachten kann. • Wie funktioniert die Wirtschaft in anderen Teilen der Welt? Früher gab es Veranstaltungen für einzelne Regionen, heute wird behauptet, die Theorie sei auf jede Region übertragbar. Aber sind die Regionen der Welt inzwischen so gleich? Haben Globalisierung und Internationalisierung regionale Unterschiede aufgefressen? Weltweite Krisen scheinen dies zu bestätigen. Infla-

tion funktioniert in allen Ländern gleich, aber wir sollten trotzdem wissen, dass man in Lateinamerika von ISI, in Nordamerika von Push and Pull und in Afrika vom Kolonialismus spricht. Und wer überträgt die Theorie auf die Regionen? Die Theoretiker, die darüber publizieren, müssen auch irgendwo dafür ausgebildet werden. Also warum nicht im Studium eines internationalen Volkswirtes? • In welcher Liga wollen wir spielen? Die Qualität unserer Studierenden gibt eine klare Antwort: Hier sind Menschen, die unsere Gesellschaft mitgestalten wollen. Unsere Rufe und (hoffentlich) kommenden Professoren auch: Wir wollen in die Klasse der wenigen VWL-Standorte, die Zugang zu internationaler Forschung und nationale Aufmerksamkeit erhalten. Wer hat jetzt Recht? Wie lauten die Antworten? Dieser Artikel soll keine geben – aber er soll ein Diskussionsbeitrag sein, der zumindest eines sagt: Wir brauchen ein VWL-Studium, das uns zu aktueller Forschung und Lehre in Economics hinführt und wir brauchen ein VWL-Studium, das seinen Absolventen das Hintergrundwissen und den Weitblick für die Jobs dieser Welt vermittelt. Es kommt nur auf die Mischung an. Philipp S.


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VWL in Brasilien Hier wird fein säuberlich getrennt! Ist das VWL-Studium in Brasilien anders als in Tübingen? Ja und nein. In meinem Ökonometrie-Kurs bin ich verblüfft, dass die Anwendung der griechischen Buchstaben und sonstigen Nomenklaturen sich fast bis ins Detail mit der in Tübingen deckt. In meinem Kurs der Theoriengeschichte frage ich mich hingegen, wie viel Prozent der Tübinger Studis wohl die epistemologische Falsifikationslehre von Karl Popper kennen. (Die besagt übrigens, dass wir nicht definitiv wissen können, ob eine Theorie richtig ist, sondern nur, dass eine Theorie nicht richtig ist. Weil wir in unserem Leben ausschließlich weiße Schwäne gesehen haben, heißt das nicht, dass alle Schwäne weiß sind. Daher lehnen wir auch Hypothesen in der Ökonometrie möglichst immer ab und versuchen nicht, sie anzunehmen.) Der Studienplan und die Ausrichtung der Fakultät hängen allerdings in Brasilien sehr von der Uni ab. Grundsätzlich sind die privaten und kirchlichen Unis eher quantitativ ausgerichtet, die staatlichen deskriptiv. Das liegt vor allem daran, dass die staatlichen Unis die VWL zum großen Teil noch als eine Sozialwissenschaft ansehen. Inhalt des Studiums Was meiner Meinung nach für alle Universitäten gilt, ist, dass ein VWL-Studiengang erstmal keine einzige BWL-Veranstaltung bein-

haltet, da VWL und BWL jeweils ihre eigene Fakultät haben. Grundsätzlich ist aber jedem freigestellt, eine gewisse Anzahl an Kursen an irgendeiner anderen Fakultät zu belegen (in Deutschland oft „Studium Generale“ genannt). Viele Studenten nutzen die Gelegenheit, in Jura oder BWL Grundkenntnisse zu erwerben. An der staatlichen Universität UFF (Universidade Federal Fluminense) in Niterói (Rio) wird sehr viel Wert auf Theorie- und Wirtschaftsgeschichte gelegt. So gibt es vier verpflichtende Kurse, die sich mit dem Gedankengut (1) der Klassiker, (2) Marx, (3) der Neoklassiker und den neueren Mikro-Strömungen sowie(4) Keynes et al. beschäftigt. Diese Kurse sind rein deskriptiv und teilweise recht philosophisch. „Wirtschaftsgeschichte Brasiliens“ ist ebenfalls verpflichtend, auf freiwilliger Basis kann man auch „Neuere Wirtschaftspolitik Brasiliens“ belegen. An der UFF wird auch viel „angewandte Wirtschaft“ gelehrt. So gibt es zum Beispiel das Angebot „Wirtschaft der Naturressourcen und Umweltökonomie“, „Agrarökonomie“, „Energiewirtschaft“ und „Entwicklungstheorie“ (ein Fach, das unter anderem viel Wachstumstheorie beinhaltet). Im Unterschied zu Tübingen sind hier nicht nur Statistik I und


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II, sondern auch Ökonometrie verpflichtend. Das macht vielen Studenten zwar arg zu schaffen (weil die Ausbildung in Matrizenrechnung etwas unzureichend ist), aber dennoch ist es ihnen hinterher ganz hilfreich bei der Bachelor-Arbeit. Das Problem der Tübinger VWLStudenten, die in den ersten Semestern nach der „VWL“ in ihrem Studium suchen, besteht somit nicht: Ab dem ersten Semester geht es mit den Standardkursen Mikro, Makro, Mathe und Theoriegeschichte los. Mathematik-Gehalt ... ist, wie zu erwarten war, deutlich geringer. Vor allem in der Makro werden nur die Basis-Formeln erklärt, komparativ-statische Analyse wird selten betrieben. Auch hier wieder: wenn eine Makro-Theorie vorgestellt wird, dann eben eher anhand des „Menschenbildes“ bzw. der Idee über die Verhaltensweise der Akteure und weniger anhand der Annahmen, die eine bestimmte Formel impliziert. Ein Beispiel aus der Mikro: Die meisten kennen die

Bedeutung und die Annahmen des Nash-Cournot-Gleichgewichtes in- und auswendig, die wenigsten haben aber mal eines durchgerechnet. Recht interessant ist auch das Studium der „Empirical Economics“. Hier werden jede Menge Modelle vorgestellt, Endogenitäts- und Kausalitätsprobleme besprochen, viele praktische Arbeiten durchgeführt, aber der mathematische Hintergrund bleibt den Studenten weitgehend verschlossen. Folgen dieser Methode sind, dass die meisten Studenten mit Computer-Programmen umgehen und die Werkzeuge konsistent anwenden können, aber die „Programmiersprache“ dahinter nicht verstehen. Didaktik Auch wenn die Kursgröße bei 2030 Personen interaktives Arbeiten ermöglichen würde, sind die Veranstaltungen wie Vorlesungen aufgebaut. Die Studenten müssen in einigen Fächern viel Lektüre durcharbeiten, aber grundsätzlich ist das Arbeitspensum gut zu bewältigen. Im Gegensatz zu Tübingen müssen die Studenten schon während ihres Bachelor-Studiums verschiedene Hausarbeiten anfertigen, die vom Umfang je nach Kurs stark variieren. Ansonsten lernt der Student hier anhand seiner Mitschriebe (Lehrbücher werden nicht so intensiv gebraucht) und mittlerweile auch im Rahmen des neuen


36 „Tutorienprojektes“. Der Umfang des „Eigenstudiums“ ist allerdings immer noch weit aus geringer als in Tübingen. Der offizielle workload eines Semesters (nur Unterrichtsstunden) beträgt 360 Stunden. (Der Bologna-Bachelor sieht insgesamt 900 Stunden workload pro Semester vor.) Bildungspolitik (Im Folgenden beziehe ich mich auf einen Vortrag des „nationalen Studiendekans“, des Direktors der „Nationalen Vereinigung der VWL-Bachelor-Studiengänge“.) An staatlichen Universitäten wird die Volkswirtschaft wie gesagt sehr viel ausgeprägter als angewandte Sozialwissenschaft angesehen. Das

Studium soll den „methodologischen Pluralismus“ fördern, sprich die verschiedenen Denkansätze und Paradigmen vermitteln und kritisch beleuchten. Dabei werden – auch ältere und von vielen als „überholt“ geltende – Theorien weitgehend gleichwertig nebeneinander gestellt und relativ wertneutral miteinander verglichen. In der Ausbildung der VWL-Studenten geht es um die „historische Perspektive der Wirtschaftstheorie, die es auf Brasiliens Realität und den weltweiten Kontext anzuwenden gilt“. Tanja

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VWL in Südafrika Economics am Kap der guten Hoffnung Um einen Einblick in das VWLStudium in Südafrika und insbesondere in Stellenbosch zu bekommen, muss man sich erstmal die Umstände vor Augen führen: Die Uni Stellenbosch ist eine der ältesten des Landes (1910 gegründet) und war während des Apartheid-Regimes als „Afrikaans-Uni“ die Kaderschmiede der weißen Eliten. Heute ist sie (mit der UCT in Kapstadt) immer noch eine der besten Unis Südafrikas und des ganzen afrikanischen Kontinents. Auch dank Kooperationen mit ausländischen Unis sind Forschung und Lehre auf aktuellem Stand. Man spürt zwar noch Folgen der Apartheid (Kurse auf Afrikaans, deutlich mehr weiße Studenten und Profs), aber die Uni ist zukunftsorientiert und auf Internationalität bedacht – nicht selten haben die jüngeren Profs einen Abschluss im Ausland gemacht. In Südafrika spielt die VWL (insbesondere Makro, Geld- und Währungspolitik) eine sehr große Rolle und als Schwellenland strebt Südafrika nach nachhaltiger Entwicklung. Allerdings hat es mit vielen Problemen zu kämpfen (mangelnde Bildung und Infrastruktur, Instabilität, hohe Inflation, etc.) und leidet stark unter der Finanzkrise. Dennoch wird die Politik des Landes und der Zentralbank von der Weltbank und dem IMF als stabil und vernünftig gelobt. Her-

vorzuheben ist die Währungspolitik „Inflation Targeting“, deren wichtigste südafrikanische Vertreter hier in Stellenbosch lehren und forschen. Dementsprechend hoch sind das Selbstverständnis des „Department of Economics“ und die Anforderungen an die Studenten. Inhalt des Studiums VWL und BWL werden hier getrennt, auch wenn beide Departments zur WiWi-Fakultät gehören. Ähnlich wie in den USA müssen die Studenten neben ihren VWL-Pflichtfächern andere Fächer belegen, wodurch sie sich BWLKenntnisse aneignen. Das Studium ist nach dem Baukastenprinzip organisiert und hat drei Stufen: Bachelor, Honours Level (würde in Tübingen auch zum Bachelor zählen, erst danach hat man seinen ersten „richtigen“ Abschluss) und Master. Im Bachelor hat man nicht viele Wahlmöglichkeiten, dafür bekommt man eine fundierte Ausbildung, zu der neben Makro und Mikro auch Ökonometrie gehört. Auch wenn bei meinem „Monetary Economics“ Kurs ein Bild von Keynes an der Wand hing wird viel Wert auf verschiedene Theorien und Geschichte gelegt. Der deskriptive Anteil ist dabei höher als in Tübingen, auch wenn es keine explizit deskriptiven Kurse gibt. Außerdem sind die Profs um Aktualität und Praxisnähe bemüht


38 und man orientiert sich stark an aktuellen Geschehnissen in den USA und Südafrika. So wurde die Finanzkrise in „Monetary Economics“ kurzerhand in den Lehrplan aufgenommen und am Ende des Kurses analysiert. Mathematik-Gehalt Der Mathematik-Gehalt schwankt im Laufe des Studiums und je nach Veranstaltung sehr stark. In den Pflicht- und Basiskursen ist er sehr hoch, weshalb später gute Kenntnisse vorausgesetzt werden. In der Vorlesung wird weniger Mathematik besprochen und mehr Wert auf deskriptive Elemente gelegt. Doch auch hier gibt es starke Schwankungen: Sind gute Kenntnisse in Mikro zum Durchkommen ein Muss, wird in Makro-Kursen mehr Wert auf das Verständnis von Zusammenhängen gelegt. Didaktik Die Kurse sind insgesamt klein, werden aber (meistens) wie Vorlesungen gehalten. Man hat zwar einen besseren Kontakt zum Dozenten, doch die studentische Arbeit wird zu Hause erledigt. Die Note setzt sich je nach Vorlesung und Dozent aus Tests, Assignments, Hausarbeiten, Essays, Klausuren oder ein wenig Mitarbeit zusammen. Tutorien sind keine Selbstverständlichkeit, also muss man sich auf mehr Eigenarbeit einrichten. Das Lektürepensum ist enorm, ich habe noch nie so viele (mathe-

matische und deskriptive) Papers, Essays, Reden oder Bücher lesen müssen. Das wirkt zuweilen etwas chaotisch und unstrukturiert, weil man nicht genau weiß, was relevant ist – interessant ist es aber allemal und man bekommt eine weite Perspektive zum behandelten Thema. Bildungspolitik Die Bildungspolitik ist in Südafrika generell sehr wichtig und das Land ist bemüht, die Folgen der Apartheid zu beseitigen und vor allem die armen (meist farbigen) Teile der Bevölkerung zu fördern. Die für Südafrika sehr hohen Studiengebühren werden in solchen Fällen oft erlassen. Die Lehre ist auf Praxis- und Realitätsnähe bedacht, da gerade im Schwellenland Südafrika gute Wirtschaftspolitik und ein Verständnis aktueller Ereignisse sehr wichtig sind. Dabei ist es den VWLern hier durchaus bewusst, dass sie Einfluss auf Politik und Wirtschaft haben. Entsprechend pragmatisch scheint das Ausbildungsziel der Uni. Ich habe den Eindruck, dass in Stellenbosch vor allem zwei Arten von WiWis ausgebildet werden: Makroökonomen und Accountants. Die einen gehen in die Politik bzw. in die Institutionen des Landes, die anderen in die freie Wirtschaft. Jérôme


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VWL in Chile Hier produziert man Generalisten Um das Profil der einzigen chilenischen Partneruniversität Tübingens, der Pontifica Universidad Católica de Santiago de Chile, besser einschätzen zu können, ist ein Blick auf die Herkunft der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und der Professoren sehr hilfreich: Als katholische Privatuniversität gegründet und seit 120 Jahren als Kaderschmiede Chiles etabliert, spielt die Universität eine zentrale Rolle bei der Bildung der zukünftigen Führungsriege des Staates und seiner Unternehmen. Fast 70% der Abiturienten Chiles wollen hier studieren, doch nur die Besten werden auch genommen und müssen dann hohe Studiengebühren bezahlen – dementsprechend hoch ist aber auch das Niveau der gesamten Uni, wobei die VWL als eines der schwierigsten Fächer gilt. Die Professoren, die

im Economics-Department der WiWi-Fakultät unterrichten, haben fast alle ihren PhD in den Vereinigten Staaten gemacht, vor allem in Chicago, Harvard und am MIT, einzelne aus Berkley und Stanford sind auch zu finden. Inhalt des Studiums Die WiWi-Studenten haben in Chile vier Jahre zusammen zu studieren, VWL und BWL gleichwertig – und das auf hohem Niveau. Die „Grundausbildung“ eines BWL-Studenten umfasst eigentlich einen kompletten VWL-Bachelor aus Tübingen. Sie enthält sowohl Veranstaltungen wie Ökonometrie, Trade, Makro II und Mikro II, als auch die entsprechenden Kurse in BWL. Diese sind jedoch nach Aussage einiger Kommilitonen aus Tübingen nicht ganz gleichwertig zu den hiesigen zu bewerten. Erst im fünften und letzten Jahr beginnt die Spezialisierung, wobei man jedoch schon im vierten Jahr im Unterricht deutlich an den Motivierten und Nicht-Motivierten erkennen kann, wer VWL und wer BWL studiert. Die BWLGrundkenntnisse eines VWLers sind dementsprechend weitreichend, was aber nicht als Nachteil angesehen wird (wobei sie sich auch nichts anderes vorstellen können). Das liegt vielleicht auch daran, dass man hier schon sehr früh (mit 17/18) anfängt zu studieren und sich in diesem Alter noch sehr wenige für


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VWL interessieren. Das VWL-Studium umfasst inhaltlich alle gängigen Theorien und Erklärungsansätze der modernen Economics, tendenziell wiegt, auch durch die Ansichten der Professoren, der Neoklassische Ansatz etwas schwerer. Im 5. Jahr gibt es auch ausgefallene Kurse wie „Wirtschaft und Armut“ oder „Development Economics of Latin America“, ansonsten umfasst das Studium das komplette Standardprogramm. Mathematik-Gehalt Dieses Standardprogramm wird auch komplett mathematisch berechnet, in den meisten Fällen war das Matheniveau meiner chilenischen Kommilitonen sehr gut ausgebildet und vor allem jederzeit abrufbereit. Durch die verkürzte Schulzeit muss die Uni viel in Mathematik nachholen, sodass die Studierenden in den ersten Jahren viel Mathe und Statistik pauken. Dafür

sitzen dann die Mathekenntnisse sehr stabil – die meisten Ausländer (und zum Teil auch die Tübinger) klagen über das Mathematikniveau in den Kursen. Insgesamt ist das Studium extrem durchgeplant, sodass die Professoren jederzeit wissen, in welchem Kurs man was gelernt haben müsste – ein bisschen fühlt es sich dann aber auch wie Schule an. Didaktik Kleine Klassen, extrem gute Professoren, ein striktes Programm – eine Kurzzusammenfassung des Didaktik-Programms. Leider nutzen die Professoren die kleinen Klassen nicht, sodass am Ende doch Vorlesungen herauskommen. Diese sind zwar etwas kürzer als in Deutschland, finden dafür aber zweimal in der Woche statt. Obwohl das Studium hier ähnlich mathematisch wie in Tübingen ist, sind die Studierenden doch deutlich bewanderter in Theoriegeschichte und Literatur, da der Student hier schlicht zum Lesen gezwungen wird. Neben den normalen Klausuren gibt es daher Reading-Controls, in denen dann in einem Wachstumstheoriekurs auch mal die Originale von Solow, Ramsey, Swan und noch ein bisschen


41 Begleitliteratur von Sala-i-Martin in einer einzigen Klausur abgerufen werden, von der pro Semester vier geschrieben werden. Ich habe noch nie eine solche Menge an ökonomischer Literatur gelesen – jetzt aber zum ersten Mal einen Eindruck von der Art, wie Forschung und Lehre auf fortgeschrittenem Niveau stattfindet und wie der aktuelle Stand der ökonomischen Diskussion ist. Bildungspolitik Mit welchem Ziele bildet diese Fakultät einen Volkswirtschaftler aus? Nun, es geht schlicht darum, die Menschen auszubilden, die später die Wirtschaft des Landes lenken sollen. Viele VWLer arbeiten später in zentralen Institutionen Anzeige

(wie auch einige der Professoren unter anderem in der Chilenischen Zentralbank arbeiten), sodass die Qualität der Ausbildung nachher entscheidend dazu beiträgt, wie gut die Institutionen einer ganzen Volkswirtschaft funktionieren. Ein Text, der die Rolle der UN-Kommission für Wirtschaft in Lateinamerika (ECLA) evaluiert hat, weist dementsprechend auch auf die Rolle der Ausbildung der Ökonomen bei der Einführung einer „vernünftigen“ und stabilen Wirtschaftspolitik in Ländern wie Brasilien, Mexiko oder Chile hin, die sicherlich eine entscheidende war bei der Entwicklung dieser Volkswirtschaften. Philipp S.


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Auslandsbericht - Moskau Ein Semester in der teuersten Stadt der Welt Moskau, die größte europäische Stadt, die Stadt, die immer wieder in unserer Geschichte auftaucht und doch niemals einfach zu erklären ist. Die Haupstadt eines Landes voller Superlative und vieler offener Fragen. Hier wollte ich mein Auslandssemester an der Higher School of Economics (HSE) im Wintersemester 2008/09 verbringen. Die HSE hat den Ruf, eine russische Eliteuni zu sein und die Tübinger Wiwifakultät bietet jedes Semester zwei Auslandsplätze an, wenn man russische Vorkenntnisse und ein abgeschlossenes Grundstudium vorweisen kann. Die Koordination läuft über den Erasmuszuständigen und im Nachhinein gesehen sind die Aufenthaltsvorbereitungen das Einfachste am Austausch. Die Higher School of Economics antwortete schnell auf jede Art von Fragen und

war stets ein helfender Begleiter bei Bewerbung, Unterbringungsfragen bis hin zur Visabeantragung. Das Studium erwies sich als echter Glücksgriff für meine persönlichen Neigungen im Bachelorstudiengang International Economics. Es gibt hier sehr kleine Klassen, eine erlesene Auswahl an Dozenten und nicht zuletzt die immerwährende Hilfsbereitschaft der Russen, die es einem leicht machen anzukommen. Die wenigen Austauschstudenten konnten sich ihre Kurse frei auswählen. So konnte ich mir einen Stundenplan zusammenbasteln, der zu einem großen Teil aus Masterkursen besteht und alle Gebiete abdeckt, die nur selten angeboten werden: Energiepolitik, Russische Wirtschaft, Kultur asiatischer Länder, Internationale Beziehungen aus russischer Sicht und Vieles mehr. Das Leben in Moskau ist niemals


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Routine und so war es für uns Austauschstudenten schwierig, bei den sehr ungewohnten Lebensbedingungen einen Arbeitsrhythmus zu finden. Die Unterbringung im Wohnheim, zusammen mit russischen Studenten, ist das Beste was meinen Sprachkenntnissen passieren konnte und durch die sprichwörtliche Gastfreundlichkeit unserer Kommilitonen wurde schnell die Nacht zum Tag. Das Kulturleben in Moskau ist sehr vielfältig. Eintritte in Theater, Oper und Konzerte sind für Studenten fast immer ca. zwei Euro billiger, öffentliche Verkehrsmittel und einfache Lebensmittel sind vergleichsweise günstig und doch vergisst man nie, vor allem beim Blick in die Schaufenster oder beim Eintritt der zahlreichen Clubs und Bars, dass man in der teuersten Stadt der Welt lebt. Zum Schluss meines kleinen Berichtes aus der Kälte möchte ich

noch erwähnen, dass Moskau eine Stadt ist, die man entweder abschreckend findet oder sich augenblicklich in sie verliebt (in meinem Fall war es Letzteres). Wer einen Austausch an die HSE plant, sollte Anpassungsfähigkeit, Offenheit, sattelfeste Russischkenntnisse und eine ordentliche Portion Idealismus, Abenteuerlust und Flexibilität mitbringen. Moskau ist nicht Europa, so sehr sich diese Stadt auch in europäischen Maßstäben präsentiert. Die Russen und deren Hauptstadt können einen in manchen Momenten bis an den Rand von Toleranz und Kraft bringen. Wer für dieses Abenteuer bereit ist, wird nicht enttäuscht werden und sein Leben jeden Tag ein wenig einfacher und warmherziger beginnen können. Anne S.


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Auslandsbericht USA Ein Erfahrungsbericht aus Bozeman, Montana Montana – Ein Staat in den USA, geringfügig größer als Deutschland, aber mit rund 944.632 Einwohnern (2006) viel dünner besiedelt. Was bewegt einen BWLer der Uni Tübingen dazu, nach Bozeman in Montana zu gehen? Es waren zunächst der Zufall und rein fachliche Kriterien, denn Bozeman ist nur eine kleine Stadt in Gallatin County mit vielleicht gerade einmal 30000 Einwohnern. Eine Kleinstadt im Nirgendwo, umgeben von weiter Graslandschaft und Bergen. Wer den Film „Pferdeflüsterer“ gesehen hat, mag vielleicht einen ersten Eindruck davon haben. Aber nach der Ankunft verschwand die anfängliche Skepsis schlagartig. Ich wurde am Flughafen persönlich empfangen, mit einer Offenheit und Hilfsbereitschaft, wie ich sie noch nie erlebt habe. Da ich hier On-Campus lebe, konnte ich auch sofort in die Residence Halls (die Dorms) einziehen, eine Entschei-

dung, die sich bezahlt gemacht hat. Ich war sofort umgeben von lauter neuen Freunden, unter anderem drei Tübinger Mitstreiter die ebenfalls hier On-Campus leben. Die Montana State University selbst liegt sehr zentral in der Stadt und alle Gebäude liegen kompakt beieinander. Die Dorms, die Verwaltung, die Uni-Gebäude, die Sporthalle usw. liegen alle dicht beisammen. Nichts ist weiter entfernt als 5-10 min Fußmarsch und es ist alles da: Fitness-Center, Sauna, Bowling-Bahn, Billard, kommerzielles sowie unieigenes Kino, Bookstore, Supermarkt,... Und dann ist da das Herz der Kleinstadt Bozeman: Die Mainstreet. Hier spielt sich das Barleben ab und befindet sich das „Shopping-Paradies“ für Angler und Jäger. Die Bars sehen aus, wie man es von einer amerikanischen „Western-Bar“ erwartet und es gibt Gewehre an jeder Ecke, was man als Durchschnitts-Europäer einfach nicht gewohnt ist. Zunächst befürchtete ich, dass sich mein Leben ab jetzt nur noch mit Country-Musik, Jägern und Anglern abspielen würde, da sogar einige amerikanische Wohnheim-Nachbarn zu der Angler- und Jäger-Fraktion zählen und ein eigenes Ge-


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wehr besitzen. Diese Befürchtungen haben sich jedoch keineswegs bestätigt. Weiterhin befürchtete ich hier im Nirgendwo festzusitzen, da ich leider kein eigenes Auto habe. Hier zahlt sich jedoch der Vorteil von Bozeman aus, da es ein eigenes, kostenloses (!) Bussystem gibt, das einen zu den Einkaufszentren außerhalb der Stadt bringt. Somit ist man innerhalb der Stadt nicht auf ein eigenes Auto angewiesen. Außerdem gibt es hier ein sogenanntes „Outdoor-Recreation-Center“. Das ist eine Einrichtung, die geradezu für Austauschstudenten wie mich gemacht zu sein scheint, aber für jeden offen steht. Diese organisiert Wochenendausflüge in die nahegelegenen Berge und sogar in die weiter entfernten Nationalparks. Und diese Ausflüge muss man wirklich mitgemacht haben! Denn der Yellowstone-Nationalpark ist gerade mal zwei Stunden von Bozeman entfernt und ist einfach umwerfend. Wenn man einmal dort war, will man immer wieder dort hin. Und

wer vorher nichts von reiner Natur hielt, wird es spätestens nach einem Besuch dort tun. Die vulkanische Landschaft mit den vielen Geysiren und Hot Springs ist einfach faszinierend. Dasselbe gilt auch für den weiter entfernten (sechs Stunden von Bozeman) in Montana gelegenen Glacier - Nationalpark. Nach einem Besuch in den nahegelegen Nationalparks möchte man nicht mehr studieren. Gerade das sollte man jedoch hier in Bozeman, denn die Business Klassen sind klein und der Professor kennt einen mit Vornamen und spricht einen auch damit an. Völlig ungewohnt ist der Aufwand, der einem für einen Kurs abverlangt wird. Ich für meinen Teil verbringe die ganze Woche nur damit, Zeitungsartikel und Bücher zu lesen sowie Essays zu schreiben. Es ist enorm, wie viele Essays hier zu schreiben sind. Und das ist auch ein großer Unterschied zu Tübingen, zumindest in der Betriebswirtschaftslehre. An der MSU Bozeman wird viel mehr Wert auf das Verste-


46 hen von Zeitungsartikeln gelegt als auf das mathematische Verständnis. Ich würde sogar sagen, dass es hier sogar völlig an mathematischem Verständnis fehlt. Denn das erste was ich in meinem Finance-Kurs machen durfte, war einen Finanztaschenrechner zu kaufen um Dinge auszurechnen (Effektiv - Zinssätze) die bei Herrn Professor Schöbel per Hand zu erledigen sind. Ich

werte jedoch das Ausrechnen per Hand als großen Vorteil, da keiner meiner amerikanischen Mit-Studenten wirklich wusste, was sie eigentlich gerade ausrechnen. In meinem Accounting-Kurs werden sogar Tabellen verwendet um simple Diskontierungen durchzuführen. Man kann also sagen, dass sobald es um Mathematik geht, wir Tübinger Studenten (denn außer mir ist hier noch ein weiterer BWLer und ein VWLer in Bozeman) klar im Vorteil sind. Allerdings haben wir

alle mit der Menge an Lernstoff zu kämpfen. Dieser ist auch gerade deswegen so hoch, da die Professoren im Unterricht lieber von sich oder von Zeitungsartikeln reden, als uns Dinge zu erklären die auch in der Klausur abgefragt werden. Das Studium ist also ein reines Selbststudium mit exaktem Zeitplan. Und der Lernstoff wird auch jede Woche regelmäßig abgefragt. Sollte es jedoch einmal nicht so gut laufen, gibt es meistens Extra-Credits für Dinge, die eigentlich gar nichts mit dem Stoffverständnis zu tun haben, zum Beispiel das Besuchen von KarriereVeranstaltungen. Nun aber zum eigentlichen Leben in Bozeman. Was mir hier zu allererst aufgefallen ist (und das obwohl ich mich als seriösen Studenten bezeichnen würde), ist die strikte Handhabung von Gesetzen, zum Beispiel die Alkoholhandhabung. Es gilt absolutes Alkoholverbot auf öffentlichen Straßen, Plätzen und Einrichtungen. Dazu zählen auch die Residence Halls, bzw. die Dorms. Alkohol jeder Art ist nur in den eigenen Zimmern erlaubt und auf keinen Fall auf den Fluren und Gängen. Das gilt allerdings nur in meinem Wohnheim (in dem interessanterweise alle Deutsche untergebracht sind). Studentische Aufseher, sogenannte Resi-


47 dence Adviser (RAs), sorgen jeden Tag und auch in der Nacht für die strikte Einhaltung jeglicher Gesetze und Regeln. Die Überwachung der Einhaltung von Gesetzten und Regeln geht sogar soweit, dass es selbst an Halloween keine Ausnahmen gibt. Für mich als lärmerprobter WHO-Bewohner ist das zum Teil eine rechte Verwunderung. Dafür scheinen jedoch die meisten Amerikaner ihren Frust über die strikte Gesetzeslage in ihren Privathäusern auszuleben. Mein Eindruck dazu ist: Alles wie im Film! Alles in allem haben sich jedoch alle anfänglichen Befürchtungen über Anzeige

Bozeman und Montana in völlige Begeisterung gewandelt, von der strikten Haltung der Amerikaner einmal abgesehen. Deshalb heißt es jetzt nur abzuwarten bis es schneit, denn der nächste Ski-Lift ist gerade einmal 20 Minuten entfernt! Solange dies jedoch noch nicht der Fall ist, verfolge ich nur ein Ziel: Ich möchte einen Bären in der Wildnis sehen. Natürlich aus der Distanz, aber dieses Mal ohne Fernglas. Winfried


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Auslandsbericht Brasilien Do’s and Dont’s in Rio Einen wirklichen Kulturschock bekommt man in Brasilien nur selten. Dennoch gibt es einige Feinheiten, mit deren Kenntnis man sich den Start und das Leben hier generell erleichtern kann. Diejenigen unter Euch, die schon in Rio waren, dürfen in Erinnerung schmunzeln oder auch widersprechen. Diejenigen, die nach Rio möchten: aufgepasst! Do: Den ganzen Tag und überall Havaianas tragen. Die brasilianischen Flipflops sind auf der ganzen Welt für ihre Eleganz und ihre bequeme Konstruktion bekannt. Die „Designer-Modelle“ lassen sich sogar im Büro tragen! (Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Orthopäden) Don‘t: Unsicherheit im Straßenverkehr zeigen. Wer zögert, hat schon verloren: In Rios völlig verrücktem und regellosem Straßenverkehr muss man sich einfach behaupten. Es dauert allerdings eine Weile, bis man so lässig wie ein Carioca (Rios Einwohner) in langsam rollende Autokolonnen einfach reinspaziert, die dann auch wirklich anhalten. Do: Dreimal täglich duschen: Nach dem Aufstehen, nach dem Strand, vorm Ausgehen abends. Bei den Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit hier ist es nicht nur angenehm, sondern entspricht auch dem Hygieneanspruch der Cariocas. Durchschwitzte Hemden von Ge-

schäftsleuten gehören zwar zwangsweise zum Alltag, dafür kann man in jedem Fahrstuhl und jeder Metro die angenehmen Düfte von Shampoo, Deo und Parfüm genießen. Don‘t: Sich über Tattoos wundern. Die Bewohner von Rio lieben es ihren Körper dauerhaft zu bemalen und kennen weder bei Motiven noch Umfang der Zeichnungen Grenzen. Man kann sowohl Puzzelteile auf dem Unterarm, Fußballwappen auf der Brust oder der Wade, oder exotische „Indio-Zeichen“ auf dem Nacken finden. In meinen Augen ist das ein Zeichen der generellen Einstellung hier: Wir leben im Hier und Jetzt. Wie mein Körper in 50 Jahren aussieht, darüber mache ich mir in 50 Jahren Gedanken. Do: Alles in Raten zahlen. Der Carioca zahlt selbst die kleinsten Beträge mit Kreditkarte


49 und in Raten. Typisch für die Kultur: „Das mach ich später!“. Ob das tatsächlich mit rationalen Überlegungen zu tun hat (Zinsersparnisse? Oder gleichmäßige Aufteilung von Ausgaben?) wage ich zu bezweifeln. Don‘t: An der UFF zugeben, dass man nie einen Text von Karl Marx gelesen hat. Das führt meist zu blankem Entsetzen, Unverständnis und einem mindestens anderthalbstündigen Vortrag darüber, wie wichtig der große Marx und überhaupt die ganzen alten Klassiker waren. Gefolgt von einem Rundumschlag gegen den Kapitalismus, die multinationalen Konzerne, die Elite, den Neoliberalismus und ach ja, meist auch noch die Politiker. Do: Kleingeld mit sich tragen. Wenn auch nicht so schlimm wie in Argentinien, ist auch hier in Brasilien Wechselgeld oft Mangelware. So ist es beispielsweise in einem Bus manchmal schwierig, mit einem 20-Reais-Schein zu bezahlen (ca. 7 Euro). Deshalb ist das Portemonnaie eines typischen Carioca mit Kreditkarten und Kleingeld gefüllt. Do: Neue Früchte und Gemüsesorten ausprobieren. Im Supermarkt unbekanntes und merkwürdig wirkendes Obst oder Gemüse einfach einkaufen und irgendwie verarbeiten. Geschält und gegebenenfalls gekocht lässt sich alles essen und schmeckt meistens überraschend gut.

Don‘t: Schlechte Tischmanieren. Die Menschen hier - unabhängig vom „sozio-ökonomischem Hintergrund“ - haben auffallend gute Tischmanieren. Es wird fast alles mit Messer und Gabel gegessen (auch Pommes frites und Pizza) und selbst bei lebhaften Unterhaltungen bei Tisch bleiben Essen und Besteck dort, wo sie hingehören. Do: Immer zweimal fragen. Auskünfte von Mitmenschen über Wegrichtungen, Öffnungszeiten und Busrouten sind oft essentiell, weil es einfach über Nichts geordnete Informationen gibt. Aber: Ein Brasilianer hilft immer gerne. Selbst wenn er keine Ahnung hat, gibt er doch irgendeine Auskunft. Deshalb: Lieber an der nächsten Straßenecke noch einmal fragen. Don‘t: Sich nach deutschem Bier sehnen. Auch wenn das völlig verständlich wäre. Aber wenn man das knapp an der Gefriergrenze gehaltene Wasser mit Bieraroma nicht mehr aushält, kann man ja immer noch auf Caipirinha umsteigen. Do: Mit jedem tanzen. Der von sich aus eher Körperkontakt scheuende Deutsche sollte in Brasilien schnell über seinen eigenen Schatten springen. In Discos sind Brasilianer aus Rio zwar recht aufdringlich und vorschnell, bei richtigem Samba, Forro oder Salsa hingegen geht es vielen wirklich nur ums Tanzen. Diese „Professionali-


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tät“ spiegelt sich dann auch schnell im Tanztalent wieder, was man sich nicht entgehen lassen sollte. Do: Kurse wählen, die sich in Tübingen nicht anrechnen lassen. Da sollte man das Angebot der UFF schon nutzen, um in eine andere Sicht der VWL einzutauchen. Ob nun spezifisch zu Brasilien, allgemein über Umweltökonomie oder Entwicklungstheorien, es ist sehr interessant und bereichernd, die Wirtschaft auch von einer eher „praktischen“ Seite her zu betrachten. Don‘t: Ungeduldig sein. An der Kasse, bei einer Behörde und vor allen Dingen im Stau wird man sich an das Warten früher oder später gewöhnen müssen. Auch, wenn einem während des „Schlangestehens“ einhundert Arten einfallen wie man den jeweiligen Prozess effizienter organisieren könnte, muss man der eigenen Ohnmacht irgend-

wann gewahr werden und sich die innere Gelassenheit antrainieren. Do: Alle Facetten Rios kennenlernen. Soweit es irgendwie möglich (und sicher) ist, sollte man versuchen, die menschliche und soziale Vielfalt in Rio zu genießen. Ein Besuch in der Mangueira, der berühmtesten Sambaschule in einer der großen Favelas (Armenviertel), oder ein Einkaufsbummel im Markt der Madeira lohnen sich genauso wie ein Nachmittag in einer feinen Churrascaria („Barbecue-Restaurant“) oder eine Party in Catete (einem alten Künstlerviertel ähnlich dem berühmten „Santa Teresa“). Don’t: Wegschauen oder abstumpfen. Auch wenn es anstrengend ist, jeden Tag mit Elend und Armut konfrontiert zu werden, sollte man versuchen nicht abzustumpfen und es nicht (wie viele Einwohner Rios es tun) als unveränderbares Datum hinnehmen. Do: Freundlich sein. Dieses Vorurteil lässt sich bestätigen: Man kommt mit einem Lächeln wirklich weiter. Es macht den Alltag so viel angenehmer, mit jedem Verkäufer, Taxifahrer oder „Beamten“ ein freundliches Wort zu wechseln oder einfach nur irgendeiner lustigen Anekdote zu lauschen. Tanja


Auslandsbericht - Südafrika Warum denn Stellenbosch? Überraschung und Unverständnis waren die häufigsten Reaktionen auf meine Entscheidung, nach Südafrika gehen zu wollen. Jetzt, wo mein Auslandssemester an der Universität Stellenbosch schon viel zu schnell seinem Ende entgegen geht, kann ich nur antworten, dass ich es keine Sekunde lang bereut habe. Stellenbosch ist eine kleine Studentenstadt etwa 45 Minuten außerhalb von Kapstadt. Die Größe der Stadt und der Uni sind mit Tübingen vergleichbar, ebenso wie die Tatsache, dass die Stadt in den Semesterferien leicht verschlafen ist. Doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen, denn Stellenbosch ist als Stadt wirklich lebenswert! Zuerst einmal kommt es einem nicht so vor, als ob man in Afrika wäre. Der große Campus mit seinen hellen Gebäuden, dem Unipark und dem Studentencenter (da kann die Mensa Wilhelmstraße sich mal eine Scheibe von abschneiden) erinnert eher an eine amerikanische Uni. Die Stadt ist hübsch, sauber und hat jede Menge netter Restaurants, Bars, Cafés und Discos. Die Region ist bekannt für ihre guten Weine und man sollte auf jeden

Fall einige der hundert Weinfarmen hier besuchen. Das Leben ist günstig, das Wetter (spätestens ab Mitte Oktober) fantastisch und der Strand direkt um die Ecke. Insgesamt kann man es sich hier einfach gut gehen lassen. Als ich Ende Juli ankam, hatte ich nach ein paar Tagen chaotischer Bürokratie, Gesprächen und E-Mails meine Kurswahl festgelegt. Einigen komplizierten Regelungen zum Trotz habe ich eine gute Mischung aus VWL, Politik und Kursen mit afrikanischem Schwerpunkt. Das spezielle Kurssystem (internationale Studenten haben Kurse nur für sich) erfordert zwar ein wenig Vorarbeit aus Deutschland, dafür ist die Qualität der Vorlesungen (insbesondere der VWL) gut und vor allem die weniger mathematische Herangehensweise ist eine gute Abwechslung zu Tübingen.

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52 Ein WG-Zimmer hatte ich mir schon von Tübingen aus organisiert, in einem großen Wohnkomplex mit Hunderten anderen Studenten aus aller Welt – so ist es zwar schwieriger, Südafrikaner kennen zu lernen, aber von A(rgentinien) bis Z(imbabwe) habe ich viele tolle Bekanntschaften gemacht und Freundschaften geschlossen. Bei allen Annehmlichkeiten ist Stellenbosch aber eine Welt für sich. Es war während der Apartheid die Uni der weißen Eliten und ist auch heute noch eine reiche Stadt. Hier wird viel gefeiert und ausgelassen gelebt, doch man sollte nicht vergessen, dass das „echte“ Afrika direkt vor der Tür liegt. Und um dieses kennen zu lernen, ist Stellenbosch ein guter Ausgangspunkt. So habe ich unter der Woche im hiesigen Township Kayamandi (den Slums vor der Stadt) Freiwilligenarbeit verrichten können. Südafrika hat

riesige Schwierigkeiten mit AIDS und Kriminalität und leidet zurzeit sehr unter der Finanzkrise. Die Regierung hat große Mühe gegen die Folgen des Apartheidregimes, wie zum Beispiel Ungleichheit im Land und mangelnde Bildung der Bevölkerung, vorzugehen. Auch politisch geht es in letzter Zeit hoch her; Der Präsident wurde vor kurzem abgesetzt und viele wissen nicht, was die Zukunft bringen wird. Die kulturelle Vielfalt mit dutzenden schwarzafrikanischen Kulturen, burischem und englischem Einfluss macht Südafrika zu einem Schmelztiegel – und zu einem interessanten Land, das es zu erforschen gilt! Trotz aller Probleme ist das alltägliche Leben in Stellenbosch ungefährlich, solange man sich an gewisse Spielregeln hält (aber ganz ehrlich, auch in Deutschland gibt es einige Gegenden wo ich nachts nicht hingehen würde). Was bleibt,


53 ist ein Land, das mir eine ganz neue Perspektive sowohl auf Kultur und Alltagsleben als auch auf Wirtschaft und Politik eröffnet hat. Zu meiner Entdeckung Afrikas haben auch die vielen Reisemöglichkeiten beigetragen. Da man für die Uni hier in Schüben arbeiten muss

(Zwischenklausuren, Essays etc. – da ist es mit einer Abschlussklausur nicht getan), aber das Semester schon recht früh vorbei ist (spätestens Mitte November), bleibt noch genug Zeit für Reisen. Das kann ein Surfurlaub sein, Haifischtauchen, Bungeejumping – Extremsportler kommen auf ihre Kosten – oder,

in meinem Fall, Kurzreisen durch Afrika: in ländliche Provinzen, nach Johannesburg, nach Namibia und nach Mozambique (das scheint zwar weit weg, aber auf so einem riesigen Kontinent sind Distanzen kein großes Hindernis). Afrika ist wunderschön aufgrund seiner Küsten, tropischen Strände, Gebirge, Wüsten, Steppen und endlosen Weiten voller wilder Tiere. Mein Semester in Stellenbosch war mit Sicherheit ein wenig verrückt und außergewöhnlich und ich musste lernen mit einer Mischung aus bekannten und fremden Kulturen zu leben und alles etwas entspannter zu sehen (es hat seinen Charme, dass nicht alles wie in Deutschland funktioniert). Man lebt in einer paradoxen und sehr ungleichen Welt zwischen Luxus und Armut. Alltag oder Routine habe ich hier nicht aufkommen lassen, dazu gab es einfach zu viel zu sehen und zu machen! Ich wollte im Ausland an einer guten Universität auf Englisch studieren und trotzdem in ein exotisches, aufregendes Land gehen. Stellenbosch und Südafrika haben mich kein bisschen enttäuscht. Jérôme


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Praktikumsbericht Brüssel “Ist noch frischer Kaffee da?” Subsidiarität bezeichnet das Prinzip, Verantwortlichkeiten auf die kleinstmögliche Ebene oder Verwaltungseinheit zu verlagern. Nicht nur ein Dogma der Europäischen Union, sondern auch eine Beschreibung meiner Tätigkeiten: Alles was ich kann, darf ich auch machen. Brüssel: die meisten Leute setzen Brüssel mit Bürokratie gleich, für mich hat dieses Wort jedoch einen magischen Klang. Und das nicht erst seit meinem Erasmusjahr im benachbarten Löwen. Brüssel ist einfach unvergleichlich - hässlich und schön, alt und modern, hektisch und ruhig. Und ich mittendrin. Deutscher Städtetag: Hin und wieder war mir der Begriff in den Medien begegnet, aber was genau sich hinter dem DST und den beiden anderen kommunalen Spitzenverbänden (Deutscher Landkreistag und Deutscher Städte- und Gemeindebund) verbirgt, wusste ich vor meinem Praktikum auch nicht. Der DST vertritt die Interessen der größeren Städte gegenüber Bund, Ländern und auch der EU. Der Hauptsitz ist in Köln und Berlin, in Brüssel gibt es ein Europabüro. Europabüro: Der Deutsche Städtetag, der Deutsche Landkreistag, der Deutsche Städte- und Gemeindebund und der Verband kommunaler Unternehmen bilden zusammen mit dem Deutschen Sparkassen- und

Giroverband eine Bürogemeinschaft. Bei so viel deutschem Einfluss vergisst man manchmal glatt, dass man mitten in Brüssel ist. „Dienststelleninterne Serviceeinheit“: So beschreibt mein Chef unsere Aufgabe hier in Brüssel. Konkret heißt das, dass wir auf der einen Seite die deutschen Städte über die kommunalen Auswirkungen der EU-Gesetzgebung informieren und auf der anderen Seite den EU-Institutionen die Position der deutschen Städte vermitteln. Arbeitsalltag: Alltag gibt es eigentlich nicht. Bei Konferenzen, Sitzungen im Parlament oder im Ausschuss der Regionen, Treffen mit anderen Vertretern von Kommunalverbänden, der Recherche für neue Newsletterartikel oder der Analyse von Studien, Urteilen oder


55 anderen EU-Dokumenten kommt so schnell keine Langeweile auf. Empfänge: Das Zauberwort in Brüssel. Irgendwo ist immer etwas los, irgendwo wird immer eine Ausstellung eröffnet, ein Preis verliehen oder ein aktuelles Thema diskutiert. Money: Das Praktikum ist nicht vergütet. Allerdings gibt es seit einem Jahr im Rahmen des Erasmus-Programms der Europäischen Kommission die Möglichkeit, für ein 3- bis 12-monatiges Praktikum ein Stipendium zu bekommen. Die Maximalförderung beträgt 400

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Euro pro Monat. Das ist zwar nicht genug, um das Leben in Brüssel zu finanzieren, aber eine gute Unterstützung, die mit ein paar unproblematischen Formalitäten zu bekommen ist. Und schließlich: Kaffee – den koche ich hier auch jeden Tag – aber hauptsächlich deshalb, weil ich selbst so viel trinke. Und weil fünf Minuten Ruhe in der Küche auch mal ganz schön sein können. Kristina


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Praktikumsbericht Peking Das Großereignis rückte näher und ich realisierte: Da muss ich hin!!! Womit lässt sich so etwas besser kombinieren, als mit einem interessanten Praktikum? Zahllose früh morgendliche Telefonate (Zeitverschiebung!) und anschließende Bewerbungen an alle von IVWlern begehrten Adressen, resultierten nach einer Reihe von Absagen schließlich doch in einer Zusage: Von der AHK in Peking. Yippieh – Peking wartete auf mich! Allerdings hatte ich die Rechnung ohne die Volksrepublik gemacht. Was man als junge Europäerin mittlerweile gern vergisst, ist die Notwendigkeit eines Visums. Aufgrund der verschärften Sicherheitsregelungen im Vorfeld der Olympischen Spiele war ich bei meinem Antrag auf ein Arbeitsvisum für den chinesischen Staat ein potentielles Sicherheitsrisiko - die Spiele also doch vorm Fernseher! Doch was für eine Überraschung lag wohl Ende Juni in meinem EMail Postfach? Ein Praktikumsangebot der Deutschen Botschaft in Peking während der Olympischen Spiele! Mit dieser Arbeitgeberadresse löste sich schlagartig das in mir vermutete Sicherheitsrisiko in Luft auf. In aller Eile organisierte ich Visum, polizeiliches Führungszeugnis, passende Garderobe (vor allem Schuhe, denn alles außer Püppchen-Größe ist in China

Olympia in 北京

schwer zu bekommen), DAADKurzstipendium und den Flug. Nach 2 ½ Wochen - eine Woche vor der Eröffnung der Spiele - war ich drin in der Volksrepublik und im Diplomatenleben! 北京 - Peking war mitten im Ausnahmezustand, in der Ruhe vor dem großen Sturm! Die Stadt, und mit ihr ganz China, warteten seit der Olympiavergabe 2001 auf dieses Ereignis. Nach Jahrhunderten von Krisen im Inneren und Unterdrückung durch äußere Mächte kam nun endlich die Gelegenheit, den Wandel und die errungenen Fortschritte der Welt, aber auch sich selbst, zu präsentieren. Verbotene Stadt und Himmelstempel waren aufwändig restauriert worden und riesige Reklameschilder verkündeten in über zehn Sprachen das Motto „同一个世界,同一个梦 想“- eine Welt, ein Traum. Überall grünte und blühte es plötzlich.


57 Durch die Halbierung des Verkehrs, das vorübergehende Stilllegen von Fabriken und Kraftwerken, durch mit Silberjodid-Raketen „abgeschossene“ Wolken und den darauf folgenden künstlichen Niederschlägen, war der sonst unerträgliche Smog der Stadt in saubere Luft gezaubert worden und blauer Himmel und Sonnenschein ließen kaum einen Pekinger seine eigene Stadt wieder erkennen. In nahezu allen Straßenzügen warteten 400.000 ehrenamtliche Olympiahelfer auf die aus dem In- und Ausland einströmenden Touristen und Olympioniken. In diesem „Paradies“ waren Bettler, Prostituierte und Wanderarbeiter in Luft aufgelöst und marschierendes, bewaffnetes Militär kümmerte sich

um die Sicherheit. That´s Beijing! Die Deutsche Botschaft in Peking ist mit über 180 Mitarbeitern eine der größten der über 200 Auslandsvertretungen des Auswärtigen Amtes. Als Praktikantin wird man in einer der Abteilungen Politik, Presse, Wirtschaft oder Kultur eingesetzt. Man merkt sehr schnell, dass hier einiges anders läuft. Wichtige Personen aus Politik, Wirtschaft und auch dem kulturellen Bereich gehen ganz selbstverständlich ein und aus. Muss man auf einen Außentermin, reserviert man sich schnell mal die schwarze Diplomatenlimo. Aber auch die regelmäßigen internen Besprechungen finden nicht einfach so statt. Ein abhörsicherer Raum, zu dem nur deutsche Botschaftsmitarbeiter Zugang haben (und den sogar die deutschen Sicherheitsbeamten putzen müssen), garantiert, dass die Besprechung auch „unter uns“ bleibt. Man wird gleich in den ersten Tagen in einer Belehrung sensibilisiert, dass alle Gespräche innerhalb der Botschaft vom chinesischen Sicherheitsdienst abgehört werden und man auch außerhalb ein gefundenes Fressen für Informanten sein kann. Dies war tatsächlich ein Arbeitsumfeld der anderen Art! Der Alltag sieht auf den ersten Blick erst einmal


58 unspektakulärer aus. So kümmert man sich als Referent in der Botschaft um ein Thema, beispielsweise Menschenrechte, zu welchem man auf dem neuesten Stand sein muss und das man in Form von Berichten – die leider allzu oft doch ohne Bedeutung zu sein scheinen - Berlin mitzuteilen hat. Spannender wird es im direkten Informationsaustausch auf chinesischer und internationaler Ebene. So trifft man sich beispielsweise als Menschenrechtsbeauftragter mit chinesischen Menschenrechtsverteidigern oder Untergrundkirchenführern, um direkt über die aktuelle Lage informiert zu werden und Kontakte aufzubauen. Oder man bereitet mit seinen Kollegen aus anderen europäischen Botschaften den EU-China-Menschenrechtsdialog vor. Auf Empfängen und Themenveranstaltungen in den Botschaften oder in den Ministerien ist man als Diplomat dann im wahrsten Sinne des Wortes Vertreter der Bundesrepublik Deutschland: Mit schwarzer Limo mit Stern geht’s auf die Jagd nach neuen Kontakten und Informationen! Durch die Olympischen Spiele herrschte auch in der Botschaft der Ausnahmezustand: Zahlreiche Themenveranstaltungen, Pressekonferenzen, aus Deutschland einströmende Delegationen - darunter auch hochrangige Gäste wie die Minister Jung, Schäuble und Stein-

brück oder unser Bundespräsident Horst Köhler - zwei Kunstausstellungen und als Krönung noch drei große Empfänge in der Botschaft mit bis zu 400 geladenen Gästen. Wirklich alle Mitarbeiter waren mit eingespannt. Interessant dabei war, dass ich bei der ersten großen Veranstaltung noch über jeden mittelmäßig bekannten Gast entzückt war. Doch bereits bei der dritten Veranstaltung, bei der ich selbst organisierte und schuftete, war ich weder wegen eines Bundesministers noch wegen eines Sportlers wie Dirk Nowitzki aus dem Häuschen. Lust bekommen? Das Auswärtige Amt bietet mehreren hundert Studentinnen und Studenten im Jahr die Möglichkeit auf ein studienbegleitendes Praktikum in einer deutschen Auslandsvertretung. Ihr bewerbt euch einfach mindestens sechs, besser aber 12-24 Monate vor eurem geplanten Praktikum über das Online-Bewerbungsformular. Dabei könnt ihr euch bis zu acht Auslandsvertretungen auswählen, an die eure Bewerbung weitergeleitet wird. Im Falle einer Zusage erhaltet ihr die besagte E-mail. Es gibt zwar keine Praktikumsvergütung, allerdings bietet der DAAD eigens für Praktika an deutschen Auslandsvertretungen Kurzstipendien an, die man auch sehr leicht bekommt! Veronika


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Wort zum WiWi Nr. 55 (WS 08/09)