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Band 1 der »Reihe P«, herausgegeben von Joachim Sartorius, Hans Thill, Ernest Wichner

© 2009 Verlag Das Wunderhorn Rohrbacher Straße 18 69115 Heidelberg www.wunderhorn.de Alle Rechte vorbehalten Erste Auflage Satz: Cyan, Heidelberg Druck: Fuldaer Verlagsanstalt, Fulda ISBN: 978-3-88423-329-0


Juri Andruchowytsch

Werwolf Sutra Gedichte Deutsch von Stefaniya Ptashnyk unter Mitwirkung von Isolde Baumgärtner, Michael Donhauser, Anna Halja Horbatsch, Olaf Kühl, Joachim Sartorius, Sabine Stöhr, Hans Thill, Anja Utler

Wunderhorn


Exotische Vögel und Pflanzen (1985 – 1990)


Drei Balladen Die Lemberger Katastrophe von 1826 »Ein Ereignis am 14. Juli 1826 vermochte ganz Lemberg zu erschüttern: der alter Rathausturm bekam am Nachmittag einen Riß, und um viertel nach sieben am Abend brach er mit großem Lärm zusammen. Bereits im Vorfeld wurde der Marktplatz von Menschen geräumt, dennoch kamen in den Trümmern ein Hornist, zwei Schützen und einige Gesellen ums Leben.« Ivan Krypjakewytsch »Historische Spaziergänge in Lemberg«

Vom Posaunentag, an dem das Rathaus fiel, gabs Worte im Archiv, für immer eingeschrieben, um herauszustellen: "Die Menschenopfer waren unbeträchtlich und nicht viele, es kamen um: ein Hornist, zwei Schützen, einige Gesellen." Eine kleine Apokalypse, direkt am Marktplatz sie geschah, Lemberg tragisch gähnend an der Verzweiflung Schwelle, und der Herr Geheimrat zählt auf in seinem Kommentar: ein Hornist, zwei Schützen, einige Gesellen. Man sammelt Kerzen für die Witwen, Arznei den Müttern. Für die Kinder fand man in der Waisenstraße das Internat. Zur Trauerfeier Krüppel, gemeinstes Volk, nicht zu erschüttern, übers Kopfsteinpflaster humpelte das Klumpfußproletariat (und jeder mit dabei: beim Essen, Trinken, Weinen, beim Bestellen, es kamen um: ein Hornist, zwei Schützen, einige Gesellen).

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Unterm Turm begraben, ruhen sie in jenen Kammern, wo Licht erlischt und Blut gerinnt, wo Finsternisse kochen, des Lebens Meersrauschen in Kneipen, auf Plätzen und das Jammern. Dort das andere Licht, weiß schimmernd an den Knochen. Sie wanderten hinab wie in eine unterirdische Stadt, – auf Erden ungeliebt, vergessen im wolkigen Gefüge. Voran schritt der Hornist. Er blies inbrünstig, rein und satt – Als ob er kein Horn sondern eine Fackel trüge. Schulter an Schulter lagen sie auf dem Erdengrund, fadenscheinig wie Kleider die entschlafenen Augen, nur die Fanfare, mystisch rauh, versiegte nicht in einem Mund, turmhoch ragte des Hornisten Schnauben.

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Eine didaktische Vorstellung im Bogusławski-Theater »Einen großen Eindruck hinterließ in Lemberg, daß ein Schauspieler Särge mit menschlichen Knochen entdeckte: Beim Umbau einer Kirche zu einem Theater hatte man vergessen, die alten Überreste aus dem Keller zu entfernen …« Iwan Krypjakewytsch »Historische Spaziergänge in Lemberg«

Verehrtes Publikum, auf daß die Herzen flimmern und sich erfrischen mit Gefühl, das Blut pulsiere wie geboten, seht diese Knochen aus unterirdischen Zimmern. Herrschaften, wir alle marschieren über Toten einher, wie über Brücken. Unten liegen sie beisammen, hart wie Fundamente, gebaut auf festem Boden – nach unten wachsend, gleich unsichtbaren Flammen. Seid durchdrungen von ihren Knochenstrahlen, den maroden. Prachtvoll sitzt ihr in den Logen wie in einem Schoß, Gedränge auf den Galerien, Ausverkauf, Sonderangebote, ihr klatscht so stürmisch, als wärt ihr bloß die Schuldigen am Hinscheiden dieser Toten … Herrschaften, bitte Ruhe! (Vom Lüster tropft es wächsern …) Tot sind die Toten, ihnen ist’s egal. Am Menschheitsleib sind wir die Krätze – so hungrig, so lebendig und so genial. Errettet uns! Betrachtet durch Lorgnetten die Haut der Galateen, anämisch, mager, bleich. Gebt Brot, verbindet unsre Wunden, legt uns in Betten – verehrte Herrschaften, wir alle sehen Menschen gleich!

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Spielen wir hier Könige, Prinzen oder Garden, unsere Mäntel abgetragen, Säcke gegen jedes Wetter, und finden Dunkelheit in abendlichen Mansarden – zum Schlafen legen wir uns auf harte Bretter …

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Das Geflüster der Jahrhunderte »1855 besuchte zur Abendstunde Franz Joseph erneut das Schloß, im Kaffeehaus gab der Adel einen Empfang, und vom Balkon des Kaffeehauses aus bewunderte der Kaiser das Feuerwerk zu seinen Ehren«. Iwan Krypjakewytsch »Historische Spaziergänge in Lemberg«

Mein Kaiser, sei gepriesen — wie glücklich die Nation, da Du zur Abendstunde unseren Sand betrittst. Wie ein greller Himmelstrauch erblüht die Illumination, Silbern glänzen Deine Sporen. Du blickst herab. Die Augen ätzt Raketenrauch – bewegende Frenesie! Dem Zeremonienmeister steht im Genick der Schweiß der Mühen. Wir sind bereit und gelte es das Leben – jetzt oder nie, tränenvoll die Augen der Sauknechte, Gendarmen glühen. (Ein Garten wurde unser Hinterland. Traktiert mit Bomben und Petarden entfaltet sich der Himmelsgrund zu seiner vollen Pracht. Orchester dröhnen, Trompeten, Posaunen, hingebungsvoll zu Milliarden, die Nutten in frisch gewaschenen Negligés schön zurecht gemacht.) Illumination! Orchester! Wir jubeln mit Radau – Das Schicksal unergründlich – kommt Mißbehagen, Brand, Seuche oder Krieg, Tod in Sarajevo? Schau, sei fröhlich, unser Kaiser, noch bist du ein Knabe! Auf weißem Roß, den Hut mit Federn schön verziert, die Macht ist eine harte Nuß, weit ist Dein Reich auf allen Karten, im Geheimen läßt Du hängen, fingierst Papiere, Dein Tod, das zwanzigste Jahrhundert, läßt auf sich warten. 10


Etüden mit Bauwerk die kaserne wir sehen sie niemals und kennen sie nicht im morgengrauen laufen wir los und kehren erst in der nacht zurück sie wird gemauert sein bis heute riecht sie nach männerschweiß und dem heu aus den pferdeställen des husarenregiments anscheinend hat sie eine treppe aus stein wenn wir ihren schwarzen boden mit glasscherben und stumpfen klingen schrubben kommt es uns vor als schrubbten wir den rücken eines großen wals der im seichten strandete um sechs uhr morgens tönt das wecksignal in die novemberdunkelheit – und trennt jeden vom mädchen seiner nacht, nach den rohen drohungen der korporale springt die zweite kompanie auf die köpfe der ersten wir haben die augen noch kaum geöffnet unsere hände greifen noch nach den mädchen die entschwinden so beginnt der tag

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der bahnhof gern würden wir in den richtigen zug einsteigen wir folgen den schildern eilen durch schmale gänge über bündel koffer keine zeit für einen blick zum kuppelgewölbe wo ein verstaubter schmutziger florentinischer lüster hängt. wie eine springfeder drücken wir in der hand die kupfermünzen klebrig vor schweiß wir reihen uns ein ins chaos der schlangen über uns schwebt eine gipserne putte aus dem jahr 1910 an der wand die in ein vergoldetes horn bläst zuweilen schielen wir zu der blondine hinüber die sich gelangweilt an die säule lehnt und ihren apfel isst endlich hebt es uns empor auf den bier- und rosendufttrunkenen perron wir küssen jemanden bitten daß man uns nicht vergisst zweifeln ob wir den richtigen platz gefunden haben bis wir uns mit einer weichen beschleunigung von der erde lösen um in aller ruhe durchs fenster das erste gelb im grüngürtel der stadt zu betrachten.

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die universität wir beherrschen die toten sprachen irren ratlos zwischen astrolaben retorten und schädeln umher auf der höhe des walls hören wir die nikolaus-glocke und lauschen im gepflasterten hof den schönen worten des rhetors cicero mit kreideflecken bei den vorlesungen der anatomie blicken wir in die augen der toten tragen tabak und anstößige bildchen in den taschen versteckt morgens gehen wir brav dem kaplan hinterher werfen mit philosophischen kieselsteinen nach katzen mittags verlassen uns die syllogismen und schlagendsten formeln denn hinter den steilen und feuchten mauern nebenan hängt die süße magd des untervogtes die feuchte schwere wäsche frisch gewaschen zum trocknen auf.

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die gruft dann sind wir alle beisammen die familie vereint sobald der totengräber hinter dem letzten von uns den zarten strahl durchtrennt treffen wir uns wieder wie einst beim börsenspiel bei fiakerfahrten sonntäglichen bällen im klub auf dem lande – jetzt auf dem harten boden liegend unter der marmornen schale schwer belastet mit regenwasser laub aber in bester gesellschaft rechts der zuckermagnat links der operntenor zwar ist nicht zu hören ob wasser rauscht oder der wind aber wir schrecken zusammen in manch tiefer nacht wenn die jungen ein derbes lied anstimmen auf dem heimweg vom tanzklub in die arbeiterviertel.

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die bibliothek wir suchen nach dem wissen in höchster präzision erklimmen die leiter steigen hinauf in die obersten fächer wir durchstöbern regale den spinnen behilflich beim aufwirbeln von kreidenwolken unter der decke wie auf der spitze eines hohen turms fühlen wir uns als luftgymnasten denen es den atem verschlägt kaum wahren wir das gleichgewicht wir tauchen ein in dicke folianten ohne hoffnung auf ein zurück wie meere verschlingen uns die bücher nach geschnitzten simsen fassen unsere hände kaum können wir uns an der oberfläche halten und wenn wir gänzlich ermüden außer atem mit putz eingestaubt dann finden wir vielleicht im dickicht des saffian und der perkaline das leichte warme nest einer straßenschwalbe an der wand.

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die heilanstalt jedes mal werden wir leichter um zehn uhr morgens gehen wir nach den kuren ins freie alle im gleichen flanell-pyjama immer schwereloser werden unsere bewegungen wir schlendern durch den park des alten anwesens spielen domino an der gipsstatue einer badenden über dem teich am nachmittag spielen wir domino im krankensaal gelegentlich schilt uns die pflegerin wenn einer mit seinen galoschen den museumsteppich verschmutzt wir spielen domino schauen in die fenster manchmal trägt man einen an der orangerie und der laube vorbei bedeckt mit einem hart gestärkten laken wir essen äpfel haben immer mehr klarheit in den augen bis spät in die nacht erzählen wir heimlich witze und horchen gespannt wann endlich erscheint am waldrand der erleuchtete fernexpress

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Werwolf Sutra  

Werwolf Sutra von Juri Andruchowytsch, Gedichte, Reihe P, Verlag Das Wunderhorn, 2009.

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