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© 2010 Verlag Das Wunderhorn Rohrbacher Straße 18 69115 Heidelberg Alle Rechte vorbehalten Satz: Cyan, Heidelberg www.wunderhorn.de Druck: Fuldaer Verlagsanstalt 1. Auflage ISBN: 978-3-88423-354-2


Hans Thill

Museum der Ungeduld Gedichte

Wunderhorn


Marthe Thill 1923 - 2009


Disen stein sol nieman erhaben Hie stat Ulenspiegel begraben Grabschrift Der weise Anacharsis ist in den Scitischen wuesten ­gebohren worden. Martin Opitz Fourneau: Ist das griechisch oder Negersprech? Vater Ubu: Ăœbersetzen Sie erstmal, dann werden wir schon sehen. Alfred Jarry, Ubu in den Kolonien


Traumkritik


I Helm, Guillaume Wir trinken den weißen Schlamm der Felder, tragen uns über Mauern aus Reisig und Tarnseide. Im Hof der Pioniere kauen wir Getreide, Musik aus Menschenhaut und ein Hund spricht objektiv. Ein Kopf redet von den Mörsern und zerschossenen Kiefern. Die Knochen reden. Ein Kopfverband im Wilhelmjubel. Wir blättern weiter zu dem Zeigefinger über Züri. Wir blättern weiter zu den Arimaspen über der Schampann. Die (kurze) Zeit heißt plötzlich ich und hat bei eins schon ausgezählt. Es geht ein bißchen rauf, es geht ein bißchen runter. Dazwischen liegt der tote rote Fluß. Babel. Die Affen verlassen die chemische Fabrik, ein ganzer Wald geht da nachhause. Gut zu erkennen: der Frisör der Dornen (Ekze). Ein Zeigefinger, der wandert, hängt am Faden einer Maus. Ich lege meinen Leib neben die Marquise. Ihr Schoß ist weich wie ein Turnschuh. Ich bin der Kosack eines umzäunten Reichs aus Holz und Kohle. Ich bin ein Sack Mehl auf dem Maultier nach Montmartre. Die Marquise öffnet den spitzen Schirm, der eine Kirche ist In einer Garage hinter festem Draht und Zucker bäckt sich kyrillisches Latein, der Magen liest sich lieber satt mit Maggipulver. Nieder mit Wilhelm, à bas Guillaume, in dieser Nacht waren beide eins und zwei. In dieser Nacht fiel es ab von mir wie Gips, der einmal Stein war. Ich lag versteckt im Hof des Kalahari, der damals Bischöfe buk zu kühlem Brot. Karl Peter Caspari dies Gedicht auf meine Wenigkeit dein Namensgrab. Es gab (wir aßen) Algen aus Algeciras, Äpfel aus Baumwolle. Im Hof der Pioniere lagern die Tiere

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II Sprechende Pferde – traurige Matrosen Ich verspotte die heimlichen Gestirne, deren Licht die Erde düngt. Ich erkenne die Ewigkeiten, weiblich männlich, an ihren zwei Rücken, an ihrer Rinde aus Plastik Der kahle Apoll hat das Schrapnell geschluckt. Zu dritt, zu viert steht man um den Sarg, der eine Fahne ist. Ein harter Satz wechselt den Besitzer. Auf dem Möbel steht der Mädchenwein bereit Frauenähnliche Früchte werden mit Handschuhen gepflückt, man schält sie rasch im Halbdunkel. Die Stadt füllt sich mit Inselbewohnern und ihrem Getier. Die Marquise folgt dem Roß wie einer Skizze auf Papier, letzter Punkt ist das bittere Haus

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III Ich war ein Hund an Jahren der vor dem Türchen der Marquise schlief. Den unschuldigen Schnee roch ich im Fell (Kilimantscharo) der Prinzen. In der oberen Ecke des Horizonts brannte ein Feuer ohne Duft und ohne Wärme leuchtende Steine platzten herab sie konnten meinen Schlaf nicht stören. Mein Körper war ein Holz lange in der Horizontalen. Der Kopf ein frohes Gewehr (Gewieher) eine Perle im Perlenmeer

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IV Wunderhorn, Eisenspäne Der Pagurus sprach – das ist mein Hemd mein Hut, mein gestochenes Blut :,: der Pagurus sprach – jeder Stein zeigt seine Mieter vor, ein leserliches Gekrakel. Ich ging über die Felder in schweren hungrigen Gedanken blinder Sänger auf Grabesfüßen :,: der Pagurus sprach – Kill Him Soon ein Despot, der kein Feld bestellte. Mein Inneres war Reis und Wasser zu verschiedenen Zeiten :,: Krieger entkamen dem Kleid des Waldes (bemalte) Männer mit ihren Fühlern züchte Wespen :,:

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V Uns fehlen (Deleuze) Uns fehlen die Völker mit Augen auf Gürtellinie. Uns fehlen die Gefangenen des Tintentropfens. Uns fehlen die Frauen mit den gestrickten Brüsten. Uns fehlt der Buchstabe und seine laute Verwandtschaft. Uns fehlen die Tiere die es tun. Uns fehlen die halbautomatischen Brüder uns fehlen die Tomaten. Uns fehlen die Tränen die wir in Literflaschen füllten. Uns fehlen die knallharten Karten. Uns fehlen die Morde begangen im Namen. Uns fehlen die Linden uns fehlen die Kalender. Uns fehlen die Sprünge der Natur. Uns fehlen Bauer Müller Bäcker im Hof von Schland o Schland

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VI B´s Beschreibung aller Gebirge (Brüggemann) der Rest ist schnell erzählt: Evil B, ein schlimmer Himmel. Wären wir Licht würde keine Zeit vergehen. Den Garten unserer Kindheit tauschten wir gegen eine drückende Kühle. Die Täler öffneten und schlossen sich wie eine Auster vor unseren Schritten (Petrarca) Eingeborene schleppten uns die Stufen hinauf die körpereigenen Opiate hätten nicht ausgereicht. Wir bezahlten mit unserem Bruder den sie im Geröll zurückließen. Oben angekommen waren unsere Sohlen rutschig der Nebel hing uns noch Jahre unter den Mänteln. Afrikanischer Gesang und die hellroten Zungen der Frauen. Vögel pickten in die Luft die manchmal schwarz war von ihren Schwärmen. Berge wuchsen im Regen im sechseckigen Schnee. Wir lagen im Dunkeln wie sie. Wir lagen unter blühenden Kirschen. Unsere Körper ähnelten einer trockenen Tanne einem geritzten Stein

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Wälder rare Vaterware. Ich hatte sieben an der Zahl und in der Reihe. Auf allen Wegen war mein Gruß ein Kindergeld in Schachteln aus Lorbeerspan, leer von Zigarren, darin die Orden wie Vögel schrien nach der Brust in einem Durcheinander. Ich öffnete, es war ein Wolf. Ich öffnete, es war ein Hannibal rittlings auf dem Elfenbein Vor der Tür stand ein Lavendel, rauchte Köpfe. Ich sagte: roter Ton für Bienen oder Gelbvögel. Mein Geld war schwarz gebraten Brot und nickte. Ich öffnete, es war eine Kirche klein. Die Nacken sah ich gebeugt und nackt die Leute trugen Elemente Fallerie. Ich öffnete, es war ein Teich mit Mühlen Mein Beinkleid war ein Rosenstrauch, der schlief im Wald bis ihn ein kaltes Frollein fand. Ich nenne das Forellen. Das Bächlein trat das Rad aus totem Holz und wie beschnitten so geprahlt das Ringlein. Ich öffnete, es war ein Gott mit Ohren. Ich öffnete, es war ein Schillerkrieg. Den Wäldern wuchs das schwarze Haar, die Ebene war aus den Fugen. Der Blick aus Blech (Daphne) aufgeschnappt im Gehen, diese weibliche Silberrinde an der unsere Messer sprangen Teich-Insekten, flatternd wie ein Alb, flatternd wie Jalousien, Fallera 15


Außenmärchen

ein fließender Strom trägt keine Fische Vicente Huidobro

I Siedler in ihren Sätteln trafen Leute in Häuten und ihre Lassos waren lang wie Mönche in Menschenform und steinerne Weiber, fertige Schergen, grünfüßige Treter von sonstwo gekeltert und kalt. Suso, nach einer Sause heißen viele nach Tieren. Ein Märchen kostet! Klebt eine Zacke auf jedem Dach? Chlebnikow war ein Lacherer, Osso das liebkoste Scheibenkalb unterm Schirm. Dörfer dürfen eben nicht, Sagt Konstantin. Beständige Siedler triefen vor Stolz. Schussel sind sie, eitle Scheißer, die meinen: manche sind geizig, manche sind dünn, aber es gibt auch hübsche, denen schillern die Schuppen, da sie durch fertile Flüsse

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Hans Thill »Museum der Ungeduld«  
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