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Lektorat: Angelika Andruchowicz © 2011 für Texte und Photographien bei den Autorinnen und Autoren © 2011 für diese Ausgabe Verlag Das Wunderhorn GmbH, Rohrbacher Straße 18, 69115 Heidelberg Umschlagfoto: Brüder Robert und Otto Marx, privat Druck: Fuldaer Verlagsanstalt, Fulda Satz: Cyan Heidelberg Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-88423-353-5


Norbert Giovannini / Claudia Rink / Frank Moraw

Erinnern, Bewahren, Gedenken Die jüdischen Einwohner Heidelbergs und ihre Angehörigen 1933   - 1945 Biographisches Lexikon mit Texten Herausgegeben vom Förderkreis Begegnung

Wunderhorn


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Grußwort Grußwort

In den vergangenen Jahrzehnten ist eine Reihe von Veröffentlichungen erschienen, die sich der Geschichte der Juden in Heidelberg – und insbesondere ihren Verfolgungsschicksalen während der NS-Diktatur – widmen. Häufig kamen die Anregungen dazu von der Stadt Heidelberg und ihrem Stadtarchiv, das wiederholt auch als Herausgeber dieser Dokumentationen und Erinnerungsschriften aufgetreten ist oder zumindest den Verfassern Hilfestellungen geleistet hat. Grundlagen für das Entstehen dieser Publikationen schufen oftmals die Begegnungen mit den ehemaligen Heidelbergerinnen und Heidelbergern, die wegen ihres Glaubens und aus rassistischen Gründen verfolgt und zur Flucht gezwungen wurden und später in Israel, Nord- und Südamerika oder anderen Teilen der Welt eine neue Heimat fanden. Eine dieser Begegnungen fand 1996 aufgrund der Einladung der Stadt Heidelberg zur 800-Jahr-Feier statt. Das Treffen der ehemaligen Mitbürgerinnen und Mitbürger wurde zur Rückbesinnung auf die schrecklichen Jahre von der nationalsozialistischen Machtergreifung bis zur Zerstörung jüdischen Eigentums, bis zur Emigration und Deportation. Aus jenen Erinnerungen entstand das 1998 erschienene und von Norbert Giovannini und Frank Moraw herausgegebene Buch „Erinnertes Leben“, mit einer umfassenden Sammlung autobiographischer Texte zur jüdischen Geschichte Heidelbergs. Mit dem vorliegenden Buch „Erinnern, Bewahren, Gedenken – die jüdischen Einwohner Heidelbergs 1933-1945. Biographisches Lexikon und Texte“ haben Norbert Giovannini und Frank Moraw gemeinsam mit Claudia Rink die bereits bestehenden Dokumentationen über das Leben und die Schicksale der ehemaligen Heidelberger Juden um ein weiteres wichtiges Werk ergänzt. Das Buch enthält die Namen von rund 2500 jüdischen Menschen, die von 1933 bis 1945 in Heidelberg wohnten, ordnet sie ihren Familien zu und macht so die Schicksale von Generationen und Familien – an deren Ende Flucht und Exil oder Deportation und Tötung in Lagern stand – fassbar. Diese Veröffentlichung ist somit ein weiterer wichtiger Baustein am Gebäude des Erinnerns und Gedenkens, das uns Anlass und Rückhalt gibt, politischen Hass und Fanatismus bereits in deren Anfängen zu bekämpfen. Ich danke deshalb den Autoren und der Autorin sehr herzlich für ihre Mühe um dieses umfangreiche Werk, ebenso dem Förderkreis Begegnung, der durch die Bereitstellung der finanziellen Mittel die Herstellung und Veröffentlichung des Buches ermöglicht hat. Mein Dank geht ebenso an den Wunderhorn-Verlag, der die Entstehung dieses Buches betreut hat. Ich wünsche dem Buch einen großen interessierten Leserkreis vor allem unter jungen Menschen sowie unter den ehemaligen Heidelberger Mitbürgern jüdischen Glaubens und ihren Nachkommen in aller Welt. Dr. Eckart Würzner, Oberbürgermeister


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Grußwort Grußwort

Die Bewahrung der Erinnerung an den schrecklichen, mit unermesslichem Leid verbundenen Zivilisationsbruch, an die Vernichtung beinahe der Hälfte eines Volkes, ist für Nichtjuden wie auch für Juden, wenn auch zum Teil aus unterschiedlichen Gründen, ein existenziell wichtiges Anliegen. Publikationen wie das vorliegende Gedenkbuch sind ein unschätzbarer Beitrag dazu. Wenn Familiengeschichten über mehrere Generationen nachgezeichnet werden, wenn Emigration, Deportation und Vernichtung thematisiert werden, wird der jüdischen Einwohner Heidelbergs in den Jahren 1933-1945 in einer Weise gedacht, die weit über die üblichen Formen der Erinnerungskultur hinausreicht. Was die Bewahrung der Erinnerung betrifft, so ist in unserer Stadt schon viel geschehen. So wird seit Jahren auf dem Platz der ehemaligen Synagoge – wo sich auch die Namenstafeln der Deportierten befinden – alljährlich am 9. November eine Gedenkstunde abgehalten. Auf zwei Ereignisse im letzten Jahr möchte ich auch hinweisen: Auf den Sternmarsch am Jahrestag der Deportation der badischen und saarpfälzischen Juden in das Konzentrationslager Gurs sowie auf die Verlegung der ersten Stolpersteine in Heidelberg. Es waren beides Momente der gemeinsamen Erinnerung, und es sind sicher nicht die letzten gewesen. Viele weitere Stolpersteine sind noch geplant, darüber hinaus eine Gedenktafel in der Plöck, da, wo einmal die kleine orthodoxe Synagoge stand. Die heutige Jüdische Kultusgemeinde Heidelberg besteht zu mehr als neunzig Prozent aus Einwanderern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Viele von ihnen haben nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in ihrer Heimat gelitten. In vielen der Einwandererfamilien gibt es Flüchtlingsschicksale ebenso wie Ghetto- und ­Konzentrationslagerschicksale. Dass diese Menschen sich aber dazu entschieden haben, hierher zu kommen, zeigt, dass Deutschland heute – trotz eines unleugbar noch vorhandenen Antisemitismus – als ein Land gesehen wird, in dem man als Jude leben kann. Deutschland hat heute die drittgrößte und die am schnellsten wachsende jüdische Bevölkerung in Europa. Damit daraus eine jüdische Gemeinschaft werden kann, muss etwas getan werden. Jedes Mitglied einer jüdischen Gemeinde, nicht nur die sogenannten “Verantwortlichen“, sollte dazu beitragen, dass wir eben als Gemeinschaft in diesem Land mit seiner über tausend Jahre alten jüdischen Tradition wieder erstarken. Dafür brauchen wir die Erinnerung an die, die vor uns hier gelebt haben – ohne Erinnerung gibt es keine Kontinuität. Judentum im heutigen Deutschland ist aber auch ohne das Erinnern, Bewahren und Gedenken der uns umgebenden Menschen undenkbar. „Sein Gedenken ist ewig“, „Sichro lanezach“, sprechen wir in unseren Neujahrsgebeten. Möge auch unser Gedenken niemals aufhören. Rabbiner Jona Pawelczyk-Kissin Gemeinderabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Heidelberg


Inhalt

Grußworte 5 Inhaltsverzeichnis 9 Vorwort 11 Einleitung 13 Dank 17 Gurs und andere Lager 21 Abkürzungsverzeichnis 26 Biographisches Lexikon A-Z 27- 455 mit Texten zu: Siegfried Bieberfeld Eine grauenvolle Komödie, die gespielt werden mußte S. 52 · Dora Busch Eine Kriegerwitwe wird deportiert S. 69 · Hermann ­Durlacher Überraschend und überfallartig schlug der NS‑Staat zu S. 86 · Eugen Ehrmann Die Geschwister Ehrmann aus der Theaterstraße S. 92 · Alfred Flor Ich dachte, das ist ein Irrtum S. 108 · Hans Flor Eine Handschuhsheimer Familie wird auseinander gerissen S. 111 · ­Johanna Geißmar Erinnerung braucht Namen S. 129 · Norman Gottfried Begegnungen und Wiederbegegnungen S. 140 · Paul Hirsch Mit „Pyrifer“ wurde die Deportation verhindert S. 175 · Elisabeth Kaufmann-Bühler Die Rohheit der Auswahl S. 213  · Katharina von Künßberg Untertauchen S. 228 · Ludwig Lenel Nach 66 ­Jahren wieder am KFG S. 240 · Conrad Leser Ein Weltbürger wider Willen S. 243 · Die Oppenheimers Eine Familie vor dem Holocaust S. 323

Tabellen sog. Judenhäuser 457 Literatur 491 Personenregister 495 Autoren 531


Vorwort 11

Vorwort Vorwort

1996 hatte die Stadt Heidelberg die ehemaligen jüdischen Einwohner zum erstenmal eingeladen, ihre Geburtsstadt, ihre frühere Wohngemeinde, den Ort, an dem sie gearbeitet hatten, zur Schule gegangen waren oder studiert hatten, zu besuchen. Im Mai 1996 kamen so 103 „ehemalige Heidelberger“ in der Stadt zusammen. Einst ausgegrenzt, entrechtet, zur Flucht gezwungen, waren sie nun mit Freuden erwartete Gäste. Das gegenseitige Kennenlernen war mehr ein Abtasten zwischen Gästen und Gastgebern. Dennoch war man sich überraschend schnell näher gekommen. Dies lag vornehmlich an der jungen Generation, vertreten durch Gastgeber und Betreuer, denen unsere Gäste offen und vorurteilsfrei entgegenkamen. Wie wenig wussten wir doch über die Schicksale unserer Gäste, über verwandtschaftliche Verflechtungen, über die untergegangene jüdische Gemeinde unserer Stadt. Dies wurde uns während der wenigen Tage des Zusammenseins, bei Veranstaltungen, noch mehr aber bei den vielen Gesprächen bewusst. So erfuhren wir unendlich viel über die persönlichen Verbindungen, das Innenleben der jüdischen Gemeinde, über Wohnorte, Stadtteilbeziehungen, berufliche Tätigkeiten, Nachbarschaften, Freundschaften und soziale Engagements. Und immer deutlicher wurde uns, welcher Schatz an Kenntnissen und Erinnerungen in den Mitteilungen unserer Gäste aufgehoben war die uns so wenig oder überhaupt nicht bekannt waren, insbesondere dort, wo sie über die persönlichen Lebensumstände und die Reaktionen in ihrem biographischen Umfeld berichteten. Und so entstand nach diesem Besuch 1996 der Gedanke, ein Buch zu veröffentlichen mit autobiographischen Texten der noch lebenden jüdischen Zeitzeugen. Dieses Buch „Erinnertes Leben“, finanziert durch unseren Förderkreis, erschien 1998. Es wurde zu einem bewegenden Dokument persönlicher Schicksale unserer früheren Bürgerinnen und Bürger. Mit diesem Buch war ein erster Schritt getan, der Öffentlichkeit etwas Persönliches, oft sehr Privates und unmittelbar betroffen Machendes zugänglich zu machen. Ziel des nun hier vorliegenden, dokumentarischen Projekts war es, die Schicksale der jüdischen Einwohnerschaft im Zusammenhang mit Flucht, Exil, Deportation und Tötung in den Lagern zu rekonstruieren. Auch um diese Erinnerung für künftige Generationen zu bewahren. Wir hatten in den Historikern, die schon eindrucksvoll das Buchprojekt „Erinnertes Leben“ betreut hatten, Fachleute, die engagiert Schritte zur Realisierung der umfassenden, dokumentarischen Erhebung unternahmen. Nun war noch die Finanzierung dieses Projektes sicherzustellen. Aus dem Vermögen unseres Vereins war nur ein kleiner Beitrag möglich. Wegen der angespannten Haushaltssituation unserer Stadt konnten wir auch von dieser Seite keine Förderung erwarten. So mussten neue Unterstützer für dieses Projekt gefunden werden. Mit ihrer Hilfe konnte schließlich die Dokumentation vorangebracht werden. Dank großzügiger Gönnerschaft durch Privatpersonen unserer Stadt war im Jahre 2010 die Finanzierung des Projektes gesichert.


12 Vorwort

Besonderer Dank gilt unseren Historikern, die diese Dokumentation nach sorgfältiger, zeitaufwändiger Vorbereitung, durch jahrelange, äußerst schwierige und umfangreiche Recherchen mit Leben erfüllten. Dank gebührt auch unseren engagierten Vereinsmitgliedern und den Sponsoren, die letztlich diese Veröffentlichung erst ermöglichten. Voller Dankbarkeit also können wir das Buch „Erinnern, Bewahren, Gedenken“ unserer Stadt und ihren Einwohnern als Teil einer aktiven Erinnerungskultur übergeben. Konrad Müller Förderkreis Begegnung


Einleitung 13

Einleitung Einleitung

Bei dem Besuch ehemaliger jüdischer Einwohner Heidelbergs und ihrer Familienangehörigen im September 2001 entstand der Plan, ein Gedenkbuch herzustellen, das die jüdischen Einwohner Heidelbergs im Zeitraum der nationalsozialistischen Herrschaft vollständig dokumentiert. Gesammelt werden sollten die Daten der über 2000 Einwohner, die Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren oder durch die NS-Gesetzgebung als jüdisch definiert wurden, sowie Angaben zu deren Familienangehörigen, die durch Heirat und verwandtschaftliche Beziehung einbezogen waren in die Repressionen und Verfolgungen durch das NS-Regime. Mit diesem Gedenkbuch wollen wir einen Beitrag leisten zum historischen und kulturellen Gedächtnis unserer Stadt. Ereignisse, Biographien, Schicksale werden vor dem Vergessen bewahrt, Erinnerung wachgehalten und das Gedenken mit zuverlässigen Kenntnissen fundiert. Dies ist auch dringend geboten angesichts des beträchtlichen zeitlichen Abstands zu den Geschehnissen zwischen 1933 und 1945. Überlebende und Zeitzeugen sind in hohem Alter, viele schon verstorben. Dank der verdienstvollen und intensiven Vorarbeiten von Arnold Weckbecker aus den achtziger Jahren und seiner tabellarischen Zusammenstellung „Gedenkbuch an die ehemaligen Heidelberger Bürger jüdischer Herkunft“ (1983) verfügten wir zu Beginn unserer Recherchen über eine erste, solide Grundlage. In den fast drei Jahrzehnten, die zwischen Weckbeckers Untersuchung und Dokumentation und diesem Gedenkbuch liegen, sind indes zahllose ergänzende, korrigierende, vertiefende und vollständig neue Kenntnisse zusammengetragen worden, die auch in mehren Veröffentlichungen ausgewertet wurden. Dennoch hat uns die Ergiebigkeit vieler Datensammlungen und Recherchemittel überwältigt und – paradoxerweise – zugleich damit konfrontiert, dass unsere Kenntnisse oft lückenhaft, ungesichert und nach wie vor bei vielen Personen dürftig sind. Lücken, die wir auch bei fortgesetzter Recherche nicht hätten schließen können. Wir konnten zurückgreifen auf die im Archiv der Stadt Heidelberg gesammelten, bis in die ersten sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurückreichenden Korrespondenzen der ehemaligen jüdischen Einwohner mit der Stadt Heidelberg. Aus vorsichtigen Kontakten wurden enge und vertrauensvolle Korrespondenzbeziehungen, die insbesondere an den ehemaligen Oberbürgemeister Reinhold Zundel und seinen engen Mitarbeiter Günther Heinemann adressiert waren. Es folgten viele private und offizielle Besuche und Einladungen an ehemalige Heidelberger. Aktiv wurde die Stadt insbesondere mit Einladungen im Jubiläumsjahr 1996 und im Jahr 2001, aber auch bei Besuchen in den USA und in Israel in den Amtszeiten von Reinhold Zundel und seiner Nachfolgerin Beate Weber, bei denen viele Kontakte geknüpft und gefestigt wurden. Mit Interesse, Wohlwollen und Vertrauen begleiteten und begleiten viele der Ehemaligen deshalb auch unsere Recherchen und gaben wertvolle und authentische Auskünfte. So konnte dieses Gedenkbuch auch mehr werden als eine tabellarische Liste, denn es ist angereichert mit Erinnerungen und Erzählungen, mit


14 Einleitung

biographischen Details und prägenden Wahrnehmungen. Es enthält den Widerschein der empirischen Fülle des Lebens und gibt auch denen Namen und Gestalt, die Terror, Flucht, Deportation und Lager nicht überlebten. Die Unterlagen des Karlsruher Generallandesarchivs und insbesondere die Datensammlungen der Archivdirektion Stuttgart zu den 1966 veröffentlichten Dokumenten über die Verfolgung der jüdischen Bürger in Baden-Württemberg durch das nationalsozialistische Regime 1933-1945, boten eine seriöse Datenbasis. Dank zahlreicher Personen und Institutionen, die uns unterstützten, und der vorhandenen Dokumentationsbestände etwa des Bundesarchivs oder den im Internet zugänglichen Listen von Lagerinsassen, können wir in diesem Gedenkbuch die Daten von etwas über 2400 von 1933 bis 1945 in Heidelberg mit Wohnsitz verzeichneten jüdischen und als jüdisch deklarierten Einwohnern mit ihren Angehörigen darstellen. Bemerkenswert ist, dass nahezu jeder Zweite zur Gruppe der Emigranten und Flüchtlinge zählt. Wertvolle Kenntnisse konnten wir den bisherigen Veröffentlichungen zur jüdischen Stadtgeschichte entnehmen, Arno Weckbeckers Untersuchungen von 1985 „Die Judenverfolgung in Heidelberg 1933 -1945“, der Aufsatzsammlung „Jüdisches Leben in Heidelberg. Studien zu einer unterbrochenen Geschichte“ von 1992, der chronologisch angelegten „Geschichte der Juden in Heidelberg“, die in städtischer Regie 1997 erschienen ist, und der Sammlung autobiographischer Texte in dem Band „Erinnertes Leben“ (1998), aber auch mehreren Spezialstudien, die im Literaturverzeichnis enthalten sind. Zu Beginn unserer Arbeit entschieden wir, die zu verzeichnenden Personen nicht einfach durchgehend alphabetisch aufzulisten (wie dies charakteristisch ist für die aus Namenslisten zusammengesetzten Memorial- und Gedenkbücher), sondern ein zweites, internes Merkmal der Sortierung einzuführen: die Darstellung von Familienzusammenhängen. Für die Leser und Leserinnen bedeutet dies, dass innerhalb der grundständigen alphabetischen Gliederung systematisch nach Familienkontexten geordnet wurde. Dadurch gewinnt das Bild der jüdischen Bewohnerschaft Heidelbergs Plastizität und biographische Tiefe. Einzelschicksale und Familienschicksal werden nachvollziehbar, oft über drei und mehr Generationen. In der Regel erfolgt die Einordnung bei Ehepaaren nach dem alphabetisch ersten Vornamen der Ehepartner. So folgen bei den zahlreichen Oppenheimer-Familien auf die Familie Babette und Leopold Oppenheimer mit Kindern der Bäckerlehrling Erich Oppenheimer, dann das Ehepaar Flora und Sally Oppenheimer und auf diese das Ehepaar Gertrud und Richard Oppenheimer mit dem Sohn Alfred. Bei Mischehen steht immer der jüdische Partner an erster Stelle. Bei den nicht hervorgehoben gedruckten Namen handelt es sich um Personen, die vor 1933 verstorben oder weggezogen sind, aber zur Darstellung der Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen aufgenommen werden mussten. Nach den Angaben zu den Eltern werden Kinder und Enkel, in einigen Fällen auch mitwohnende Personen verzeichnet. Angaben, die eine ganze Familie betreffen (Wohn­ adresse, Fluchtdaten, Begräbnisorte, Verwandtschaftsbeziehungen) werden meist am Ende des Eintrags zusammengefasst, damit sie bei den Einzelpersonen nicht mehrfach aufgeführt werden müssen. Eine strikte Standardisierung der Einträge war weder beabsichtigt noch möglich. Dennoch geben wir – wo möglich – nach dem Namen die Geburts- und Sterbejahre in Klammern an, gefolgt von Geburtsdatum und –ort, sowie Angaben zum Familienstand und zur ersten


Einleitung 15

Berufstätigkeit in dem dokumentierten Zeitraum. Je nach Wissenslage ergänzen wir diese Basisdaten mit Hinweisen auf Ausbildung, Berufsweg und private, biographische Angaben, Tätigkeiten im öffentlichen Leben, den jüdischen Gemeinden und anderen Organisationen. Das Schicksal der Personen und ihrer Familien während des Nationalsozialismus, die Wege der Ausreise, Flucht und Emigration ebenso wie Stationen der Verfolgungen, der Deportationen und die Umstände (und wo möglich den Zeitpunkt) des Todes stellen wir im Anschluss dar. In den biographischen Passagen finden sich auch Hinweise auf Arbeitsstellen, Betriebe, Eigentumsverhältnisse und die wirtschaftlichen Schicksale im Zeichen der Enteignung und „Arisierung“. So weit wir Auskünfte erhielten, können wir auch Angaben zum weiteren Lebenslauf in der Emigration, nach der Auflösung der Lager und in der deutschen (manchmal auch der Heidelberger) Nachkriegsgesellschaft machen. Auf Personen, die einen anderen Namen (durch Heirat oder Namensanpassung in den Emigrationsländern) angenommen haben, weisen wir durch Hinweiseinträge in der korrekten alphabetischen Reihenfolge hin, ebenso auf Namenseintragungen, die innerhalb eines anderen Beitrags ausführlich biographisch dargestellt sind. Dem Kenntnisstand entsprechend sind diese Angaben von großer Unterschiedlichkeit und Präzision. Dennoch ist es uns gelungen, viele Biographien, die in den achtziger Jahren noch vollständig im Dunkeln lagen, aufzuhellen. Dass die Einträge stark unterschiedlichen Umfang haben, stellt keinesfalls eine Wertung dar, sondern ist den unterschiedlich umfangreichen Erträgen unserer Recherchen geschuldet. Auch wir mussten die Erfahrung machen, dass Recherchen über die „kleinen Leute“ um ein Vielfaches aufwändiger und gleichwohl ergebnisärmer waren als die bei Bildungsbürgern und Hochschullehrern, die schon durch ihre publizistische Präsenz leichter dokumentierbar sind. Bei vielen Einträgen konnten wir auf Veröffentlichungen verweisen, die entweder aus der biographischen oder regionalgeschichtlichen Literatur stammen oder aus Texteinträgen im Internet und in dokumentarischen Sammlungen. Vielfach standen uns auch biographische Texte zur Verfügung, die eigens für Veröffentlichungen zur jüdischen Geschichte Heidelbergs verfasst wurden. Bei Universitätsangehörigen und publizistisch Tätigen versuchten wir, wenigstens einen Eindruck von deren Forschungs- und Veröffentlichungsschwerpunkten zu geben. Auch wenn dies uns Autoren, Leser und Nutzer nicht wirklich zufrieden stellt, müssen wir davon ausgehen, dass unser Recherchestand nur ein vorläufiger ist. Es mag uns gelungen sein, Kenntnislücken zu füllen und Irrtümer zu klären, aber möglicherweise transportieren auch wir (neue) Mängel, Fehler und Auslassungen, die eine noch tiefere Recherche hätte vermeiden können. Wir bitten deshalb ausdrücklich um Korrekturen und Ergänzungen. So weit dies nicht aus der Zusammenstellung der Familienangehörigen ohnehin ersichtlich ist, geben wir zusätzlich Hinweise auf verwandtschaftliche, insbesondere geschwisterliche Beziehungen. Wir bemühten uns auch, Personen, die nur kurzzeitig in Heidelberg wohnten, zu erfassen und zu beschreiben. Deshalb tauchen Angaben auf zu Patienten in Heidelberger Kliniken sowie zu Personen, die vor der Flucht oder auf der Durchreise mehrere Wochen bis Monate in Heidelberg untergekommen waren, ebenso wie Angaben zu Studierenden, auch wenn sie nur wenige Monate an der Heidelberger Universität immatrikuliert waren. Bei diesen Personengruppen war aufgrund der lückenhaften Datenlage Vollständigkeit nicht zu erreichen. In 14 umfangreicheren Beiträgen von Frank Moraw werden exemplarische Schicksale vertieft dargestellt, meist basierend auf intensiven Recherchen und persönlichen Begegnungen


16 Einleitung

von Frank und Ingrid Moraw mit Zeitzeugen und deren Nachkommen. Dem biographischen Lexikon treten die schildernden und erzählenden Passagen zur Seite, auch um Beispiele zu geben, wie viel zu vertiefen und zu erforschen noch möglich ist. Um die zahlreichen Angaben zu den Deportationsorten verständlicher zu machen, haben wir eine Darstellung der Lagersituation in Frankreich während und nach der Oktoberdeportation der badisch-pfälzischen Juden 1940 in das Internierungslager Gurs eingefügt. Um die Wohnsituation in Heidelberg zu verdeutlichen, haben wir neben den Adressangaben in den Personeneinträgen auch eine Zusammenstellung der sogenannten Judenhäuser aufgenommen. In diese Häuser, die jüdische Eigentümer hatten, wurden nach der Pogromnacht im November 1938 zahlreiche entmietete und aus ihren Wohnungen vertriebene jüdische Einzelpersonen und Familien eingewiesen. Zur Bilddokumentation konnten wir auf einen in den letzten Jahren gewachsenen Bestand an Portrait- und Familienbildern zurückgreifen. Die Sprache der Bilder korrespondiert mit den Texten. Sie belegt die Heterogenität, kulturelle Vielfalt und habituelle Bandbreite des Heidelberger Judentums. Ein selbstbewusstes Bürgertum, das Wohlstand, Bildung und z.T. akademischen Status verkörpert, daneben das hart um seine wirtschaftliche Existenz ringende Kleinbürgertum, das aber durchaus zukunftsund bildungsorientiert war. Die innerreligiösen Gegensätze zwischen Orthodoxen und Liberalen, zwischen den aus Osteuropa stammenden Familien und den seit Generationen mitteleuropäisch orientierten, sind optisch nicht auf den ersten Blick erkennbar. Dabei sind die Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in ihrem Selbstverständnis keine homogene Gruppe innerhalb der Stadtbevölkerung gewesen. Gerade hier finden wir scharf abgegrenzte Milieus, aber auch Grenzgänger und integrative Kräfte. Erinnern, Bewahren, Gedenken ist auf die Zukunft gerichtet. Wir hoffen, dass dieses Gedenkbuch kein Museum der Namen und Daten wird. Dass es genutzt wird, in den Schulen und allen anderen Bildungsstätten, bei der praktischen Erinnerungsarbeit und dem Würde gebenden Gedenken. Dass es denen Namen, Bild und Erinnerung wiedergibt, die durch Verfolgung, Lager und systematische Tötung ausgelöscht werden sollten. Dass es die Begegnungen mit den Überlebenden und ihren Nachkommen bereichert und Anstöße gibt für weitere, intensive Erinnerungsarbeit. Norbert Giovannini, Claudia Rink und Frank Moraw Heidelberg 2011

Erinnern, Bewahren, Gedenken  

Erinnern, Bewahren, Gedenken, Die jüdischen Einwohner Heidelbergs und ihre Angehörigen 1933-1945, Giovannini, Moraw, Rink (Hg.), Verlag Das...

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