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Edition K端nstlerhaus


Edition Künstlerhaus, herausgegeben von Michael Buselmeier. Band 31 Die Edition Künstlerhaus ist eine literarische Reihe des Künstlerhauses Edenkoben, einer Einrichtung der »Stiftung Rheinland–Pfalz für Kultur«; verantwortlich: Ingo Wilhelm.

© 2010 Verlag Das Wunderhorn Rohrbacher Straße 18 69115 Heidelberg www.wunderhorn.de Alle Rechte vorbehalten Erste Auflage Satz: Cyan, Heidelberg Druck: Fuldaer Verlagsanstalt, Fulda ISBN: 978-3-88423-352-8

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ERNEST WICHNER

»bin ganz wie aufgesperrt« Gedichte

Wunderhorn 3


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Dohle Der Winter war lang, hier keine Jahreszeit bloß naßkaltes Feuchtgebiet in Grau, belegt mit technischen Vokabeln. Mitunter etwas Weiß, paar Flecken auf den Morgendächern flüchtige Symbole, geprägt von schwarzen Vogeltritten, inszeniert, als sollte ich hier eine Schrift entziffern. Konkret: sag, was diese Dohle sieht, da du sie anschaust. Sie geht die Krähenspuren ab im Schnee des Daches vis-à-vis und mißt den Rhythmus ihrer Schritte ab an deinem Wimpernschlag. Aus ihren Augenwinkeln fällt das Licht auf dich und deine morgendlichen Malaisen: Hebst du den Arm mit Zigarettenhand zum Mund, weiß sie, du wirst ganz in dir bleiben keine Gefahr, allein dein Blick, der sie verläßt und eine Strecke vor ihr jenen Punkt fixiert, kann ihr zum Schrecken werden. Klein und fern behält sie dich im Auge, hat deinen Willen fest im Blick und spiegelt dir zurück den Hochmut deiner dürren Jahre.

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Als ob es Engel gäbe Mein Teil war dein Teil minus mein Teil. Kannst du mir sagen, auf welcher falschen Seite du dich anlehnst, wo in der Verknotung der Sinne sich deine Anmut auf hält? Ich male stets mein Inbild von dir noch in die Landschaft, das Grau etwa, mit dem die Wolkenwut mir übern Kopf rollt und steinern knirscht, das Blau als Widerschein der höhern Himmel in den Pfützen und Gold, das technisch reproduziert und festlegt was dich doch lose nur umstrahlt. Wär ich bloß in der Lage, eines dieser Bilder zu ergreifen, ich stülpte es über mich, stürzte kopfüber hinein, vergäße jenen Doppelsinn und daß er frech die Zunge dir in den Rachen stößt; was heißt hier Mitternacht vorbei und nah am Tod durch jene menschenscheue Stadt zu fahren? Es bleibt dein Bild, was dich bei mir vertritt und nichts quittiert, daß du nur du bist, wenn ich fehle – ein Minuszeichen an den Horizont gesetzt, und darauf rast dein Auto in meinem Kopf jetzt zu.

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Lots Weiber Sie hatten Warnschilder aufgestellt in alten Büchern nachgeschlagen, aufgegeben nach dem Wetter zu sehen den Tauben, den Gaben und Flaschen auf dem Gartentisch. Hatten in staubigen Pappkartons gekramt und ein Knarzen hervorgeholt unter einer Taschenuhr, der Blechtrompete aus den Kindertagen, zwei uneingelösten Versprechen Büroklammern und welken Stempeln. Sie haben sich abgewandt, sich selbst den Rücken gekehrt, den Weg genommen den man geht, wenn man bleibt wo man nie war. Haben Abschiede wie Ankünfte gefeiert, Lots Weiber gemimt und Maßnahmen angedroht für über und nächstes sowie dieses Jahr.

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Sonderwege wir anderen tranken dagegen an, wogen Adern und Herzen vor der Einhornwand das Genomcenter, das italienisch Wahre, verfügte über verschwiegene Orte in schüchtern gewordener Geographie – weder ein überhebliches Tal noch Fähren (Plätten) diesem und jenem Heldenmal in der van Toorn-Zone aber: Beweglichkeiten und die Kunde über Selbzwei … die anderen trug jemand nach Null hin: Wie rauh das Gras auf den Wangen war – ein lallender General aber diesmal auf Polnisch

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Fundstelle Gras wuchs zwischen den Fingerknochen geschlossen um den Griff der Handgranate die Kennmarke haltbares Aluminiumblech fünfunddreißig Meter weiter im Fischteich

Bausoldat OP der Bahndamm unter einer unwahrscheinlich perfekten siebenbürgischen Kirschblüte ein junger Mann in rumänischer Militäruniform läßt sich auf Deutsch vom Grünen Heinrich lesen

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Gras Gleisanlagen. Sirrender Draht, daneben gehen Menschen. Gras das zu siegen nicht auf hört. Abgewandt schweigender Morgen.

Abend Nun machen die Sommerwörter sich davon. Kälter das Fahrgeräusch schwärzer liegt der Glanz auf dem Asphalt, langsamer steigt der Alkoholpegel. Freundlich, Freunde abends die Röte des Gifts.

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Von der 287. Nacht es käme alles was je war und wie vorbei stechschritten hallten die Chausseen grell und grün zerspränge jäh der Hahnenschrei keiner der mehr lachte Engelszungenpflaster wo nun Stiefel gehen

Atem los

für Klaus Hensel

Schatten werfen, das ist Sinn und dessen Mehrung ein Problem der Wellenlänge. Andere Tricks sind nicht mehr drin. Ausgestopft die Leiber mit dem Wurmfortsatz Gehirn Flecken dort noch im Gestänge.

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Kleider Das T-Shirt endet drei Finger über dem Nabel, die Hose zwei darunter. Den Bauch hat sie sich tiefrot angemalt. Wo eine weiße Strähne wippt im schwarzen Haar, entgleitet jetzt ein Sonnenstrahl. Fällt auf den linken Turnschuh, färbt das Nachbild bunter.

Schwebt im Wind lüftet sich leise und grüßt vorbei ganz schnell vom Hut dein Kopf der

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Desperates Berlin der Zeit 1920 1 Man liegt sich in den Armen sieht sich auf Beine und Liebest端chtigkeit an und macht sonst Kunst 2 Ach aber viel Sehnsucht hab ich bei Regenbogen und Wolkent端rmen und gr端nem Wasser und braunem Tang bei Jasmin und bei Buchenwald und bin ganz wie aufgesperrt und zart innen vor Erwartung

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Brief Eigentlich glücklich ist man nur Mit Sich Allein und im Freihen – Alles Andere ist Schatten Spill, Auch währe Ein Ewiger rausch Wenn es möchlich währe Sehr gut, man ist halb blind man weiß von keiner Zukunft noch Vergangenheit, man ist so gereist durch die Nerwen so irre im denken oder vielmehr nicht denken, daß alles so fort fliest

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Im Spiel Wer hat, was in uns w端hlt, codiert und zum Problem gemacht. Wo sitzt die Macht, die deine Angst diktiert, wo meine Phantasie vom Meer. Ich seh es nicht, es knirscht im Staub und alle Winde schweigen. Gott schuf das Telephon, die Treppen und auf dem Display das Nicht Verbunden. Die Trauer, die es meint, hat es von uns, von uns den Sinn f端r paradoxe Epiloge. Mein Gewinn bei diesem Tun: ich bleibe im Spiel, verwalte deine Launen auf Papier und darf krause Elegien schreiben.

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Sie lügt, da sie mich fragt, und schmeichelnd ihr und mir lüg ich zurück was sie gefragt, bleibt ohne Antwort, was ich gesagt wird kein Gespräch ich liege, da ich nicht weiterspreche, neben ihr sie liegt in meinem Bett folgenlos sind wir vereint gewesen dann redeten wir folgenlos, sagten kluge Lügen auf, als wären es Zitate auch hat die Sonne kurz einmal herein geschaut und nicht gewärmt bloß einen von zwei weißen Leibern kurz gestreift und hinter Wolken sich verzogen ich aber bin eingenickt, nahm einen Billigflug und machte mich davon in deine Arme, wo du mich wiederfandst, als ich gelandet war und heitere Lügen auf den ach so schmalen Lippen trug

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Ernest Wichner: »bin ganz wie aufgesperrt«  

Innenseiten aus Ernest Wichner »bin ganz wie aufgesperrt«

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