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Programm Hugo Wolf (1860-1903): Sechs geistliche Lieder nach Eichendorff (Text: Joseph von Eichendorff) 1. Aufblick 2. Einklang 3. Resignation Max Reger (1873-1916): Es waren zwei Königskinder - Rezitation E. T. A. Hoffmann (1776-1822): Kreislers musikalisch-poetischer Clubb (Ausschnitte aus: ‚Fantasiestücke in Callot’s Manier’) Robert Schumann (1810-1856): Wenn mein Stündlein vorhanden ist (‚Endenicher Choral’) Hugo Wolf (1860-1903): Sechs geistliche Lieder nach Eichendorff (Text: Joseph von Eichendorff) 4. Letzte Bitte 5. Ergebung 6. Erhebung Max Reger (1873-1916): Ich hab’ die Nacht geträumet - Rezitation E. T. A. Hoffmann (1776-1822): Kreisleriana Nro. 1-6, Vorwort Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters musikalische Leiden (jeweils Ausschnitte aus: ‚Fantasiestücke in Callot’s Manier’) John Rutter (* 1945) The Owl and the Pussycat (aus ‘Five Childhood Lyrics’, Text: Edward Lear) Goffredo Petrassi (1904-2003) The Old Man of Cape Horn (Text: Edward Lear) John Rutter (* 1945) Sing a Song of Sixpence (aus ‘Five Childhood Lyrics’)


„Wahnsinn und Unsinn“ Mit Vorurteilen welcher Art haben leidenschaftliche Musiker eigentlich zu leben? Es gibt derer viele – der völlig abgedrehte Komponist, der weltfremde Individualist, der entrückte Improvisateur, der schöngeistig musizierende Taugenichts, der sprunghafte oder hypersensible Irrationalist, der ausgeflippte Dirigent, der exaltierte Neurastheniker. All dies lässt sich leicht einem pointierten Nenner unterordnen: der landläufigen Vorstellung vom verrückten Musikus.

Genie und Wahnsinn Das traditionelle Klischee der Nachbarschaft von Genie und Wahnsinn wurde und wird auch heute nirgends häufiger bemüht, als wenn es darum geht, sich unerwartete Stimmungen oder unverständlich gebliebene Werke eines Musikers möglichst lapidar zu erklären. Dennoch ist die Musikgeschichte nicht arm an prominenten Beispielen, bei denen sich viele der Vorurteile tatsächlich nachvollziehen lassen und Bestätigung finden. Das heutige Programm des convivium musicum ist ein bewusstes Spiel mit diesem Klischee – denn es beinhaltet im ersten Teil mehrere Werke, denen ein Hauch der Nähe von Pathologie und künstlerischer Inspiration anhaften könnte. Schon alleine deshalb, weil deren Komponisten nachweislich ‚verrückt’ waren bzw. unter psychomentalen Störungen litten.

Hugo Wolf Im Jahr 1881 komponierte Hugo Wolf Sechs geistliche Gesänge nach EichendorffGedichten. Seine Arrangements zeugen von detaillierter Textkenntnis und einem großen lyrischen Feingefühl für die Verse des katholischen Romantikers Joseph von Eichendorff (1788-1857). In den vier- bis sechsstimmigen a capella-Chören lässt sich Wolfs jugendliche Verehrung der beiden Antipoden Richard Wagner und Johannes Brahms ausmachen. An den Gestus Brahmsscher Chorlieder erinnert das geschickte Auffangen des gedanklichen Zusammenhangs und der Grundstimmung einer Dichtung; die Harmonik hingegen – mit ihren reizvollen chromatischen Stimmverläufen und facettenreichen Modulationen – orientiert sich an Wagner und Liszt. Zum Zeitpunkt der Komposition hatte Wolf sich bereits mit der Syphillis infiziert, was in der Folgezeit zu drastischen Hirnschädigungen führen sollte. Ende der 1890er verschlimmerte sich seine Nervenkrankheit zunehmend, die u.a. mit einem Suizidversuch und Anzeichen schwerer Identitätsspaltung einherging – in einem paralytischen Anfall hielt er sich bespielsweise für den neuen Wiener Hofoperndirektor, obwohl diese Position sein Kommilitone Gustav Mahler


innehatte. Hugo Wolf starb 1903 in der Wiener Landesirrenanstalt in vollkommener geistiger Umnachtung.

Robert Schumann Das nicht minder tragische Ende von Robert Schumann ist bekannt: nachdem er am Rosenmontag 1854 in Selbsmordabsicht in den Rhein gesprungen war, verlebte er seine letzten beiden Lebensjahre hochgradig psychisch gestört in der Nervenheilanstalt Endenich bei Bonn. Als Patient – der sich zunächst freiwillig in die renommierte Klinik begeben hatte, therapeutische Maßnahmen in paranoiden Phasen jedoch zunehmend als Vergiftungsversuche empfand – fühlte sich Schumann in seiner Menschen- und Künstlerwürde nicht selten herabgesetzt. Dort entstand Ende 1855 der eindringliche Choralsatz Wenn mein Stündlein vorhanden ist – er ist das letzte kompositorische Zeugnis Schumanns, der nur noch in wenigen Momenten geistiger Klarheit arbeitsfähig war. Es scheint, als habe er hierin christlich-demütig und unmissverständlich der sicheren Ahnung seines bevorstehenden Lebensendes Ausdruck verliehen.

Max Reger Nach der Ableistung seines Militärdienstes erlitt Max Reger – er selbst bezeichnete ihn ironisch als seine „Sturm- und Trankzeit“ – einen Nervenzusammenbruch und kehrte körperlich angeschlagen für mehrere Jahre in sein Elternhaus zurück. Den dabei von ihm erkannten Gefahren des Alkohols vermochte er sich jedoch auch künftig nie ganz zu entziehen. Gleichwohl setzte bei Reger ein geradezu manischer Schaffensdrang und Furcht vor ungenutzter Zeit ein. Er komponierte überall und ständig: zu Hause, im Hotel, im Zug, in einer kurzen Probenpause. Dies führte freilich nicht immer zu musikalisch völlig gelungenen Ergebnissen. Im Gegensatz dazu sind aber die beiden Volkslieder Es waren zwei Königskinder und Ich hab’ die Nacht geträumet Paradebeispiele für Regers höchst durchdachte, kunstvolle und raffinierte Arrangements, die einfache Choral- oder Volksliedmelodien variantenreich umsetzen.

E. T. A. Hoffmanns Kapellmeister Johannes Kreisler Der romantische Komponist und Schriftsteller E. T. A. Hoffmann (1776-1822) hat mit dem Kapellmeister Johannes Kreisler eine äußerst illustre und die wohl wirkungsträchtigste literarische Künstlerfigur des 19. Jahrhunderts geschaffen. Die kurzen Texte unter dem Obertitel Kreisleriana, so Hoffmanns Herausgeberfiktion, seien Aufzeichnungen und Briefe, die Kapellmeister Kreisler nach seinem geheimnisvollen Verschwinden hinterlassen habe. Hoffmann selbst hat auf die enge Verwandtschaft verwiesen, die zwischen ihm und seiner Kreisler-Figur besteht. In der bissigen Satire Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters musikalische Leiden verarbeitet


er beispielsweise Erlebnisse seiner Bamberger Zeit. In der kleinen Residenzstadt war er ab 1808 als Theaterkapellmeister sowie als musikalischer Hauslehrer beschäftigt und fühlte sich von der bügerlich-philiströsen Kleinstadt-Gesellschaft eingeengt. Die Leiden des Künstlers – Hoffmanns wie Kreislers – resultieren aus dem respektlosen Umgang des Großbürgertums mit Musik. Denn in dieser Umgebung dient die Kunst nur zum Zeitvertreib, zur Nebenbei-Unterhaltung; die Musik wird zum bloßen Konsumgut degradiert. Kreisler, der enthusiastische und wahre Künstler, hat freilich eine völlig andere Musikauffassung. Für ihn ist Musik etwas Absolutes, ein eigenes Reich – die Musik eröffnet göttliche Sphären und bietet metaphysische Einsichten. Indes bergen die schrankenlose Hingabe an die Musik und die hervorgerufenen Emotionen aber auch die Gefahr, dem Wahnsinn zu verfallen. Letzteres illustriert der Text Kreislers musikalisch-poetischer Clubb, der eine freie Klavier-Improvisation Kreislers thematisiert. Kreisler überlässt sich bis zur Erschöpfung seinen Empfindungen und Phantasiebildern, die exakt den erklingenden Akkorden zugeordnet sind; wegen dieser Exaltiertheit wird er von seiner Umgebung als klinisch Verrückter angesehen, den das Leben für und in der Kunst von jedweder Vernunft entfernt hat.

Unsinn Auch wenn man leicht dazu geneigt ist, den britischen Komponisten John Rutter mit dem Prädikat ‚Bob Ross der zeitgenössischen Sakralmusik’ zu versehen, greift dies etwas zu kurz. Zwar gelangte er in diesem Bereich mit sehr eingängigen und kompositionsgeschichtlich epigonalen Monumentalkompositionen weltweiten Ruhm. Dass er aber auch darüber hinaus alles andere als humorfrei komponieren kann, beweisen v.a. die originell realisierten Five Childhood lyrics. Mit dem 1871 publizierten Gedicht The Owl and the Pussycat vertont Rutter einen Text des britischen Nonsensdichters Edward Lear (1812-1888). Die wortspielerischen Verse beschreiben die überaus skurrile Geschichte einer Liebesgeschichte zwischen einer Katze und einer Eule. Während ungefähr in der Mitte des Stücks die Männerstimmen im unisono den Ablauf der Hochzeit schildern, lässt Rutter in den Frauenstimmen den berühmten Hochzeitsmarsch aus Felix Mendelssohn Bartholdys Sommernachtstraum anklingen. Goffredo Petrassi greift mit The Old Man of Cape Horn ebenfalls auf einen Text von Edward Lear zurück. Die Melodie des Altes wird von sich beständig wiederholenden Dissonanzen in den Begleitstimmen lethargisch untermalt, bevor das kurze Stück mit mehreren auskomponierten Gähngeräuschen endet. Der seit dem 18. Jahrhundert belegte Kinderreim Sing a song of sixpence beschließt den Unsinn-Teil unseres Programms. John Rutter vertont diesen mit rhythmisch sehr perkussiv eingesetzter Begleitung. Zum Abschluss lässt er alle acht Stimmen nach und nach einsetzen und zu einem gemeinsamen Geschwindigkeitsrausch anheben, an deren Ende das Tempo so hoch ist, dass der Text kaum mehr artikulierbar ist.


Texte Hugo Wolf 1. Aufblick Vergeht mir der Himmel vor Staube schier, Herr, im Getümmel zeig' dein Panier! Wie schwank ich sündlich, lässt du von mir: unüberwindlich, bin ich mit dir! 2. Einklang Weil jetzo alles stille ist und alle Menschen schlafen, mein' Seel' das ew'ge Licht begrüsst, ruht wie ein Schiff in Hafen. Der falsche Fleiß, die Eitelkeit, was keinen mag erlaben, darin der Tag das Herz zerstreut, liegt alles tief begraben. Ein andrer König wundergleich mit königlichen Sinnen, zieht herrlich ein im stillen Reich, besteigt die ew'gen Zinnen. 3. Resignation Komm, Trost der Welt, du stille Nacht! Wie steigst du von den Bergen sacht, Die Lüfte alle schlafen, Ein Schiffer nur noch, wandermüd', Singt übers Meer sein Abendlied Zu Gottes Lob im Hafen. Die Jahre wie die Wolken gehn Und lassen mich hier einsam stehn, Die Welt hat mich vergessen, Da tratst du wunderbar zu mir, Wenn ich beim Waldesrauschen hier Gedankenvoll gesessen. O Trost der Welt, du stille Nacht! Der Tag hat mich so [müd']1 gemacht, Das weite Meer schon dunkelt, Laß ausruhn mich von Lust und Not, Bis daß das ew'ge Morgenrot Den stillen Wald durchfunkelt.

Max Reger Es waren zwei Königskinder Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb, sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief. "Ach liebster, kannst du nicht schwimmen? So schwimme doch her zu mir! Drei Kerzen will ich dir anzünden, und die sollen leuchten dir." Das hört eine falsche Nonne, die tat, als wenn sie schlief; sie täte die Kerzen auslöschen, der Jüngling ertrank so tief. Ein Fischer wohl fischte lange, bis er den Toten fand: "Nun sieh da, du liebliche Jungfrau, hast hier deinen Königssohn." Sie nahm ihn in ihre Arme und küsste seinen Mund: "Ade nun, o Vater und Mutter, wir sehn uns nimmermehr."

Robert Schumann ,Endenicher Choral' Wenn mein Stündlein vorhanden ist aus dieser Welt zu scheiden, so hilf du mir, Herr Jesus Christ in meinem letzten Leiden. Herr, meine Seel an meinem End befehl ich dir in deine Händ, du wirst sie wohl bewahren.


Hugo Wolf 4. Letzte Bitte Wie ein todeswunder Streiter, der den Weg verloren hat, schwank' ich nun und kann nicht weiter, von dem Leben sterbensmatt. Nacht schon decket alle Müden, und so still ist's um mich her, Herr, gib Frieden! Herr, auch mir gib endlich Frieden, denn ich wünsch' und hoff' nichts mehr! 5. Ergebung Dein Wille, Herr, geschehe! Verdunkelt schweigt das Land, Im Zug der Wetter sehe ich schauernd deine Hand. O mit uns Sündern gehe erbarmend ins Gericht! Ich beug' im tiefsten Wehe zum Staub mein Angesicht. Dein Wille, Herr, geschehe!

Die Blüten tät ich sammeln in einem goldnen Krug; der fiel mir aus den Händen, dass er in Stücke schlug. Draus sah ich Perlen rinnen und Tröpflein rosenrot. Was mag der Traum bedeuten? Herzliebster, bist du tot? John Rutter The Owl and the Pussycat The Owl and the Pussycat went to sea In a beautiful pea-green boat, They took some honey and plenty of money Wrapped up in a five-pound note. The Owl looked up to the stars above And sang to a small guitar, "O lovely pussy! O pussy my love, What a beautiful pussy you are!" Pussy said to the owl, "You elegant fowl!

6. Erhebung So laß herein nun brechen die Brandung, wie sie will, du darfst ein Wort nur sprechen, so wird der Abgrund still. Und bricht die letzte Brücke zu dir, der treulich steht, hebt über Not und Glücke mich einsam das Gebet.

Max Reger Ich hab' die Nacht geträumet Ich hab' die Nacht geträumet wohl einen schweren schweren Traum: Es wuchs in meinem Garten ein Rosmarienbaum. Ein Kirchhof war der Garten, ein Blumenbeet das düstre Grab, und von dem grünen Baume fiel Kron und Blüte ab.

How charmingly sweet you sing! O let us be married! to long we have tarried: But what shall we do for a ring?" They sailed away for a year and a day, To the land where the Bong-tree grows, And there in a wood a piggywig stood, With a ring at the end of his nose. "Dear pig, are you willing to sell for one shilling Your ring?" Said the piggy "I will." So they took it away and were married next day By the turkey who lives on the hill. They dined on mince, and slices of quince, Which they ate with a runcible spoon, And hand in hand, on the edge of the sand, They danced by the light of the moon.


Goffredo Petrassi

Danilo Tepša

The Old Man of Cape Horn There was an Old Man of Cape Horn, Who wished that he had never been born; So he sat upon a chair, Till he died there of despair, That dolorous Old Man of Cape Horn.

...wurde 1980 als Sohn kroatischer Eltern in Idar-Oberstein geboren. Als Kind lernte er Geige, Cembalo und Orgel und wirkte solistisch

bei

verschiedenen

Vokal-

ensembles mit. Mit 16 übernahm er zum ersten Mal die Leitung eines Chores. Tepša

John Rutter Sing a Song of Sixpence Sing a Song of Sixpence, A poecket full of rye; Four and twenty blackbrids, Baked in a pie. When the pie was opened The birds began to sing; Was not that a dainty dish To set before the king. The king was in his counting house, Counting out his money; The queen was in the parlour, Eating bread and honey. The maid was in the garden, Hanging out the clothes, There came a little blackbird And snapped off her nose.

ist Mitglied des Kammerchores Mainz, des Landesjugendchores

Rheinland-Pfalz

regelmäßiger

beim

Gast

und

Kammerchor

Gießen. Nach dem Studium der Schulmusik mit Hauptfach Gesang bei Julia Bauer und katholischer Theologie in Mainz, belegte er den Studiengang Diplom-Musiklehrer Gesang bei Andreas Karasiak und vertieft derzeit seine Ausbildung mit dem Studiengang "Master of Voice". Tepša

absolvierte

Meisterkurse

u.a.

bei

Georges Delnon, Céline Dutilly, Cornelius L. Reid und Claudia Eder. Er wirkt regelmäßig als

Tenor

bei

Opern

am

Stadttheater

Aschaffenburg, der Kammeroper Rheinsberg, den Staatstheatern in Mainz und Wiesbaden sowie der Oper Frankfurt mit.

Das convivium musicum mainz wünscht Ihnen einen musikalisch und literarisch genussreichen Sonntagvormittag! Unser Chor braucht starke Partner, um auch in Zukunft mit einer fruchtbaren musikalischen Arbeit die Vielfäligkeit der Konzertlandschaft in Rheinland-Pfalz bereichern zu können. Am Ausgang erhalten Sie die Möglichkeit zu einer Spende an das convivium musicum mainz. Darüber hinaus finden Sie dort Informationen zu der "Gesellschaft der Freunde und Förderer des convivium musicum mainz e.V." Für weitere Details besuchen Sie unsere Websites

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Wahnsinn & Unsinn - Programmheft 26.10.08