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Vorw채rts. Aufw채rts. Innerw채rts. Nirgendw채rts. 2


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WOLL dankt allen Teilhabern dieser ersten Ausgabe, die im völligen Wahnsinn und zum ungünstigsten Zeitpunkt entstanden ist. Wohl bekanntlich die besten Momente. Danke Freunde, danke Familie. Das Experiment hat begonnen, wo es eines Tages hinführen mag, bleibt abzuwarten. Die Familiengründung WOLL hat somit begonnen. Vorwärts. Aufwärts. Innerwärts. Nirgendwärts. Herzlichst, Christoph Hirnstein

Photos Andreas Lux www.andreaslux.com Layout www.iconomi.de WOLL Website & Corporate Design www.icecreamforfree.com

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Impressum Inhaltlich verantwortlich gemäß § 55 Abs. 2 RStV: Christpoph Kümmecke Hirnstein Prenzlauer Allee 170 10409 Berlin E-Mail: mail@wollberlin.de Internet: www.wollberlin.de Die in der Website enthaltenen Textbeiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Alle Teile der Website unterliegen dem Copyright und sind urheberrechtlich als Datensammelwerk geschützt. Jede Verwertung bedarf der schriftlichen Zustimmung des Copyright-Inhabers. Haftungshinweis: Trotz sorgfältiger inhaltlicher Kontrolle übernehmen wir keine Haftung für die Inhalte der externen Links. Für den Inhalt der Verlinkten Seiten sind ausschließlich deren Betreiber verantwortlich. Copyright 2010

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Interview Medienwissenschaftler und Redakteur Christoph Hirnstein im Interview über Faker, Ficker, WOLL und Wahnsinn.

Was ist WOLL und welche Bedeutung verbirgt sich dahinter? Sprachlich stammt WOLL aus der dialektalen Region meiner Heimat. Mit diesem „Wort“ bin ich in meinen alltäglichen Sprachgewohnheiten bis in meine späte Pubertät sozialisiert worden, bevor ich mir dieses im bewussten Kultivierungsprozess abgeeignet habe. Etymologisch leitet sich WOLL aus der dialektalen und persönlichen Alltagssprache ab, herrkünftlich aus dem Land der tausend Berge. Ein (Abtönungs-)Partikel der deutschen Sprache, zur Bekräftigung eines Satzes, eines Ausdrucks. Ein Begleiter des Gesprächs, der mündlichen Verständigung, der einen ständigen Kontakt zwischen den interagierenden Kommunikatoren sichern soll. Welche Intention verbirgt sich hinter WOLL? WOLL ist eine Hommage an das alltägliche Leben, an die Geschichten des Alltags, die uns allesamt widerfahren, berühren und beschäftigen. Eine öffentliche Respektbezeugung an die Pluralität akzentuierter Lebensaspekte in Form von Text, Bild und Ton. WOLL ist die gezielte Zusammenführung und Konservierung subkultureller Lebensaspekte und greift dabei ihre Gedanken auf, die in ihrer reflexiven Vielfalt und Einzigartigkeit unser Denken leiten, es veri- oder falsifizieren und dabei die Sinnhaftigkeit der digitalen Bohème beleuchten. WOLL fügt, prägt und repräsentiert durch kreative und intellektuelle Auskundschaftung die Menschen, die uns in der Gegenwartskultur umgeben. Auf der darstellenden Ebene soll sich dies in Form eines Online-Magazins respektive -Booklets vollziehen. WOLL soll als aspektorientierter und medialer Raum amtieren, ohne dabei „krampfhaft“ Coolness, Obskuritäten oder Hippness aus dem Internet (vor-) selektieren zu wollen. Dafür gibt es weitaus liebenswerte Blogger/Innen, die sich tagtäglich mit der Dynamik von ‚in’ und ‚out’ mehr oder weniger erfolgreich beschäftigen.

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„Mich haben all die Faker, Ficker und der Wahnsinn dieser Stadt dazu bewegt, mit aktiver Leidenschaft etwas Substanzielles ins Leben zu rufen, quasi Gedankenimpulse, die unaufhaltbar mit meinen Gehirnwellenfrequenzen und mit dem Austausch meiner Umwelt interagieren.“

Ein Online Magazin das welches Konzept verfolgt? WOLL soll als aphoristischer Freiraum ästhetischer und intellektueller Ideologeme fungieren, als Selbstmodellierungsprozess von Autoren, Kreativen, Visionären und Spinnern. Ständig dabei bedacht sich in Wort, Bild und Ton Schritt für Schritt zu perfektionieren. Dabei soll das kultivierte Potential einer Person, und nicht explizit die Person an sich, in den Fokus der Aufmerksamkeit gebracht werden. Wie das nun im Einzelnen aussehen mag, bleibt weitestgehend offen, da die Experimentierfreude und –kraft nicht durch mir selbst auferlegte Konventionen erstickt werden soll. WOLL fokussiert einen kreativen Prozess, Inneres in eine äußere und kommunizierbare Form „zu gießen“, in soziale Beziehungsmuster einfliessen zu lassen, um eigene Denkformen und Verhaltensmuster in Form von ästhetischen und intellektuellen Ideologemen kritisierbar zu machen, dabei stets reflexiv aufzulösen, neu zu organisieren oder vorhandene zu manifestieren. Was war und ist die Ambition WOLL überhaupt ins Leben zu rufen? Mich haben all die Faker, Ficker und der Wahnsinn dieser Stadt dazu bewegt, mit aktiver Leidenschaft etwas Substanzielles ins Leben zu rufen, quasi Gedankenimpulse, die unaufhaltbar mit meinen Gehirnwellenfrequenzen und mit dem Austausch meiner Umwelt interagieren. Wahnsinn im Sinne von all dem kreativen Potential, welches mich allgegenwärtig und tagtäglich umgibt. Sei es aus beruflicher Ambition heraus oder die Tatsache, welche Mitmenschen respektive Umwelten mich umgeben. Warum erscheint WOLL in Form einer Online- und nicht als Printausgabe? Das Internet ermöglicht eigentlich jedem zum Amateurexperten zu avancieren oder uns mit Hilfe des Netzes permanent selbst zu stilisieren. Dabei will WOLL mehr als die schiere Stilisierung einer Persönlichkeit oder leeres Eindrucksmanagement vermitteln. WOLL will sich mit Detailverliebtheit und sorgfältig selektierten Themen die Vorzüge des Internets zu nutze machen, d. h. universelle Erreichbarkeit und Zugänglichkeit, dabei die Risiken und Verluste dieses Mediums umgehen. Damit ist gemeint: Verweilen, nicht oszillieren.

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„Entfalte Dich und hab die Freiheit dich kreativ auszuleben, aber erwarte niemals dadurch die Sicherung deiner Existenz – leider vordergründiges Charakteristikum der digitalen Bohème.“

Das passt nicht auf den ersten, aber auf dem zweiten Blick. Und drucken kann wer mag, denn es existiert die Möglichkeit, jede WOLL-Ausgabe individuell auszudrucken. Damit umgeht sich jeglicher Verlust des Anspruches auf Haptik und Dauerhaftigkeit. WOLL’s Heimat ist Berlin – wie viel Berlin steckt in WOLL? Hier liebe, lebe und leide ich. Jeden Tag auf’s neue, in unterschiedlichsten Intensitäten. Hier verspüre ich Heimat, engste Verbundenheit. Das umschreibt ein Gefühl von „angekommen sein“. Hier ist Familie - nichts ist inspirierender. Hier ist Freiraum, für alle, für jedermann. Dem Eigenaktionismus sind keine Grenzen gesetzt. Subkultur erblüht ins Unermessliche, das ist eine Form von Freiheit, gleichzeitig eine Form von Angst. Wieso Angst? Weil dieses unermessliche Vorkommen Subkultur eines Tages explodieren wird, das denke ich manchmal zumindest. All das vorherrschende kreative Potential scheint in den eigenen Stärken dieser Stadt unterzugehen. Entfalte Dich und hab die Freiheit dich kreativ auszuleben, aber erwarte niemals dadurch die Sicherung deiner Existenz – leider vordergründiges Charakteristikum der digitalen Bohème. Wie wird den Lesern in den nächsten Ausgaben erwarten? Jeder der etwas erwartet wird so oder so enttäuscht werden. Ich erhoffe mir kreatives und intellektuelles Potential, dass eine Plattform verdient hat. WOLL fungiert dabei als eine Art Repräsentant, weil wir Hoffnung und Glauben an den positiven Aktionismus des Menschen schüren. Ausgabe 1 befasst sich mit der Thematik Computerliebe warum? Es gibt keinen eigentlichen Grund. Ein allgegenwärtiges Thema, mit dem fast jeder im digitalen Zeitalter einmal konfrontiert wurde. Weniger geht es um die Liebe zur Maschine, Mensch Maschine – Maschine Mensch. Vielmehr geht es um das Gegenüber auf der anderen Seite des Bildschirms, eine für uns meist fremde flirtende Online-Identität. Das fasst im Wesentlichen die Thematik des Essays zusammen.

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Computer Liebe Kraftwerk besang es, WOLL spricht es aus. Die Computerliebe. Ins Herz geklickt. Ein Essay von Christoph Hirnstein.

Die Computerliebe - ein Sozialphänomen des digitalen Zeitalters. Die Verinselung jedes einzelnen Individuums, gleichzeitig die Vernetzung eines jeden. Die Sehnsucht nach erfüllter Zweisamkeit, nach dem sozialen Kollektiv, entfremdet jeglicher Wahrhaftigkeit. Eine innere Diskrepanz, sei es die Angst des Alleinseins oder die Sucht der endlosen Suche nach dem Absoluten, die auf dem digitalen Pfade ihre Balance sucht. Es ist kein kompliziertes und gedankenvolles Unterfangen den Computer zu aktivieren und in die Leere des Bildschirms zu blicken, dabei wahllos oder selektiv Schritt für Schritt auf Online-Portalen umherzuklicken, stets wartend auf ein Feedback, eine Nachricht oder auf einen Menschen, der partielle Bedeutung in der eigenen (Virtuellen-) Welt einzunehmen vermag. Reiz und Spannung zugleich erleben, über eine Maschine an anderen Lebenswelten teilhaben zu können und dabei nicht unmittelbar mit der realen Welt konfrontiert zu sein. Unvorsehbar befinden wir uns mitten drin: Im globalen Dorf – die Welt schrumpft auf erschreckende Art und Weise auf das Minimalste zusammen. Das Internet verschafft jedem Menschen einen freiheitlichen und eigenwilligen Zugang, mit vielfältigen Möglichkeiten mit anderen Menschen Kommunikation zu betreiben. Dabei verstecken wir uns hinter der anonymen Maske einer Maschine, die es uns ermöglicht, ohne jegliche Courage Kontakte aufzubauen. Diese Maske verpflichtet und zu keinerlei Verbindlichkeiten, sondern wir werden vielmehr zu einer dauerhaften Online—Präsenz ermutigt. Ermutigt, um den Sendbutton zu aktivieren. Ermutigt, um ein Profil aufzurufen. Ermutigt, sich auf spezielle Art und Weise erkennbar zu machen. Manche mögen diesen Mut als Feigheit, Selbstüberschätzung oder Stalking bezeichnen. Tatsache ist: Wir erschaffen uns eine zweite Identität, eine Online-Identität. Dabei bewegen wir den Mousecursor stets in einer mehr oder weniger bewussten Scheinwelt voller Erwartungen an dem oder die gegenüber.

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Computer Liebe, Computer Liebe Ich bin allein, mal wieder ganz allein Starr` auf dem Fernsehschirm, starr` auf dem Fernsehschirm Hab` Heute noch nichts zu tun, hab` Heute noch nichts zu tun Ich brauch ein Rendez-vous, ich brauch ein Rendez-vous Ich w채hl die Nummer, ich w채hl die Nummer Rufe Bildschirmtext, rufe Bildschirmtext Hab` Heute noch nichts zu tun, hab` Heute noch nichts zu tun Ich brauch ein Rendez-vous, ich brauch ein Rendez-vouz [Kraftwerk]

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Ich bin ein digitaler Kavalier. Ich bin ein digitaler Selbstdarsteller. Ich flirte mit der digitalen Macht des Wortes und der Selektion. Die Ausmaße nehmen dabei kein wirkliches Ende. Das virtuelle Spiel des Flirtens lässt uns zwangsläufig nicht körperlich präsent sein. Zunächst sind wir uns unbekannt. Es kommt zu einer Entkopplung von Körper und Kommunikation, bei der wir weitestgehend anonym agieren. Lt. Duden Fremdwörterbuch bedeutet anonym zunächst ‚ungenannt, ohne Namen, ohne Angabe des Verfassers, namenlos‘ - Fehlend einer jeglichen realen Identität, um die Wahrhaftige zu verschleiern, zu beschönigen oder nicht erkennbar machen zu wollen. Eine anonyme Kommunikation repräsentiert somit eine Art künstliche Kommunikation, bei der jeder Teilnehmer nur soviel vom Gegenüber weiss, wie dieser von sich preisgeben mag. Doch es gibt diese einzigartigen Momente, langfristige oder stabile Begegnungen online fortzuführen. Es folgt der meist mutigste und bedeutungsvollste Schritt, eine Online-Begegnung wahrhaftig begegnen zu wollen oder es bei einer aufgebauten Scheinwelt zu belassen. Angetrieben von Ängsten, Sehnsüchten und innerer Leere. Endlosen Kommunikationssequenzen soll letztendlich eine Face-to-Face Begegnung folgen. Der Reiz der wahrhaftigen Begegnung und der Erwartungserwartung, folgt die Bestätigung der aufgebauten Scheinwelt oder die Ernüchterung der verzerrten Selbstdarstellung des Menschen Gegenübers. Täuschung, Enttäuschung, Schockierung oder die einzigartige Chance, virtuelle Sympathie und Herzklopfen im realen Leben fortzusetzen. Der Computer delegiert, den Menschen davor und den Menschen gegenüber. Liebe zur Maschine, Liebe zur Virtualität. Die Grenzen, ob der Computer dabei den Menschen bestimmt oder umgekehrt, bleiben dabei stets diffizil.

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