Page 1

E

XTRA

Sonnabend, 13. Oktober 2012

Das Magazin zum Wochenende

Erst Polizist,

dann Rocker,

heute Künstler mit Leib und Seele

Kaum eine Vita ist so vielfältig wie die des Winsener Malers Andreas Ole Ohlendorff Von Marcel Maack Winsen. Früher wedelte er mit der Polizeikelle, heute schwingt er den Pinsel - Andreas Ole Ohlendorff (*1958) aus Winsen hat das, was kaum jemand hat: eine Vita so vielfältig wie eine Farbpalette. Auf Letztere kann der freischaffende Künstler nicht verzichten, die Polizeikelle dagegen gehört seit mehr als 30 Jahren der Vergangenheit an, und er sehnt sich nicht nach ihr zurück. Gleichwohl steht Ohlendorff zu seinem Lebenslauf, bezeichnet er jede einzelne Station als wichtigen Teil seines Lebens, haben alle Etappen zur Persönlichkeitsprägung beigetragen. Um Persönlichkeiten geht es auch in seinen Werken: Mit Vorliebe malt Ole Ohlendorff verstorbene Musikerlegenden. Seine Arbeit auf diese „Dead Rock Heads“ zu reduzieren, wäre jedoch verkehrt. „Tattooed Soul“, „Born to be child“, „Der Seelenzwilling“, „Die Innere UnSicherheit“ oder auch „Angst“ - Ohlendorffs Bilder behandeln auch ganz andere Themen, er hält eigene Lebenserfahrungen in ihnen fest, und auch die Harley-Ära hat es ihm angetan, weshalb er so manches „Easyrider“-Bild erschaffen hat. Dabei ist der Winsener höchst bodenständig geblieben: Andreas Ole Ohlendorff bewohnt mit Lebensgefährtin Martina ein ganz normales Einfamilienhaus im Winsener Ortsteil Borstel, er spricht mit hamburgischem Akzent, und neben Ölfarbe kommt beim Malen auch schon mal Winsener Erde zum Einsatz. WA EXTRA hat den Künstler in seinem Zuhause besucht. Es ist einer der wärmeren Tage, Ohlendorff läuft barfuß durchs Haus. Er bittet ins Wohnzimmer, reicht Apfelschorle. Alkohol ist im Hause Ohlendorff tabu, Ole lebt mittlerweile , wie er es nennt, „auf dem Trockendock“. Ganz im Gegensatz zu früheren Jahren, da galt noch: „Ich hab' ganz schön gegurgelt.“ Damals bei der Polizei – Ohlendorffs Revier war u.a. der Hamburger Kiez, er arbeitete auch auf der legendären Davidwache – hat er so manchen Kollegen im Alkoholsumpf versinken sehen, er erinnert sich: „Die meisten Leute glauben, der Kiez ist nur ein Mega-Amüsierbetrieb. Aber da leben ja auch 30.000 Bürger der Stadt Hamburg mit ihren Kindern. Da hat man das gesamte Spektrum von All-

Nachlass seiner Eltern wiederse Form des 'Aus-sich-raus-Hodruckt hat ihn die Zeit dentagsgewalt, Alkoholismus, Gegefunden. Das Werk bedeutet lens' und '-Lassens', ja, das ist noch, heute lebt sie in seinen walt gegen Kinder... das sind ihm viel: „Ich empfand diese auch ein Reinigungsprozess, Bildern weiter: „Ich hab' diese Momente, die dich als jungen damalige Kinderzeichnung im eine Katharsis, das merke ich. Zeit des Harley- und des Polizisten schnell aus der Bahn sehr viel späteren Reflektieren Dann spuken die Geister nicht Rocker-Kultes in Bilder gewerfen. Damals gab es noch als so wegweisend und als gemehr in mir rum, sondern ich bannt. Sie dienten mir selbst keinen Polizeipsychologen. radezu mysteriös, denn meine hab' sie auf die Leinwand gezur Aufarbeitung. Durch die Der beste Psychologe damals, große Liebe, was Auslandsreibannt, dann können sie dort Zeichnungen ist es mir gelundas war die Kneipe. Man sen betrifft, war und ist Afrika. ihr Unwesen treiben oder mich gen, eine besondere Facette denkt: Trink' dir die Sorgen Ich war ein paar Mal da, vorzum Schmunzeln bringen.“ dieser langhaarigen, bärtigen, doch einfach weg! Ein Irrglaube! Ich hab' Ehen zerbrechen sehen unter den Kollegen, weil viele mit ihren Erlebnissen einfach nicht klarkamen!“ Dass er überhaupt Polizist geworden ist, hing wohl mit seinem jugendlichen Erlebnisdrang zusammen: „Ich war 17, war auf dem Abenteuertrip. Ich hab' Piraten-Romane gelesen, Karl May und Jules Verne. In meiner Fantasie konnte ich mir alles vorstellen, auch bei der Polizei – ich wollte sozusagen in dem großen SandAndreas Ole Ohlendorff wurde 2009 mit dem Kulturpreis „Blauer Löwe“ des Landkreises Harburg ausgezeichnet. kasten für ErFoto: Archiv Ohlendorff wachsene Kunehmlich und sehr gerne in KeZum Schmunzeln deswegen, lauten Typen zum Betrachter chen backen. nia. Ich liebe die Küste, aber weil nicht jeder Gedanke, den zu transportieren, etwas, was Logischerweise bin ich dann noch viel mehr den Kilimader Künstler verarbeitet, ein alle Menschen gern möchten: mit der brutalen Realität konndscharo.“ Fast schon unheimtiefsinniger ist. „Da ist ja auch Freiheit! Sie möchten frei sein, frontiert worden: Mitte der lich: Als Ohlendorff einmal bei Lebensfreude dabei!“ Das alles wollen, dass ihnen niemand 70er-Jahre, die RAF war noch Sonnenaufgang auf den Berg aus seinen Bildern herauszuleauf die Füße tritt! Es gab daganz stark in Deutschland akblickte, hörte er in seinem sen, gelinge aber nicht innermals diesen schönen, langmütiv... wir jungen Polizisten waKopf eine Stimme, die „Willhalb weniger Sekunden, sagt tigen Sinnspruch: 'Auf nach Las ren mal gerade 'ne Woche auf kommen zu Hause!“ zu ihm Ohlendorff, der Betrachter Vegas, die Sonne putzen!'“ der Polizeischule und fanden sagte. Ohlendorff rückblimüsse schon etwas länger hinSo entstanden in den frühen uns schon mit der Maschinenckend: „Da war ich platt!“ schauen. 80er-Jahren Ohlendorffs erste pistole auf den Kreuzungen Lange bevor aus dem anSchwarz-Weiß-Zeichnungen, wieder, wo wir Autos anhalten Platt und im Gegensatz zu fänglichen Polizisten und späund das, so erinnert sich der und kontrollieren mussten. der Stimme im Kopf sprachlos terem Rocker der freischaffenKünstler, habe in ihm Mut auf Dazu die Gewaltproblematik dürfte sein, wer Ole Ohlende Maler wurde, hatte sich Anmehr geweckt. „Und dann hat allgemein in der Gesellschaft, dorffs Bilderlager betreten dreas Ole Ohlendorff schon mir 'ne Freundin Ölfarben gedie eben auch auf dem Kiez darf: Dort tummeln sich neben einmal erfolgreich mit Pinsel schenkt und Pinsel. Da merkte bestand, nicht nur im Milieu, vielen anderen Bildern auch und Farbe versucht: 1966, im ich: Das Ganze geht auch farbisondern auch familiäre Gewalt die Legenden aus Rock, Pop, zarten Alter von gerade mal ger!“ Bereits zu jenem frühen in den Familien... das zu verarBlues, Punk, Jazz sowie der acht Jahren, malte Klein-Ole Zeitpunkt stellte Ohlendorff beiten, ist schwer!“ Songwriter-Szene, allesamt für seine Mutter zum Mutterfest: „Ich arbeite sehr stark So kam es, dass Andreas Ohverstorben, von Ohlendorff tag ein Bild, das zwei dunkelbiografisch, das heißt ich halte lendorff die Uniform in den sozusagen ins Leben zurückhäutige Afrikaner neben eimeine Lebenserfahrungen, Spind und den Beamtenstatus geholt – denn auf den großnem brennenden Feuerhaufen Träume und so weiter in Bilan den Nagel hängte. „Ich bin formatigen Leinwänden, die zeigt. Dieses Werk, das der dern fest. Das mache ich auch dann kurz ins gegensätzliche hier lagern, sehen die „Dead kleine Andreas „In Afrika ist heute noch.“ Lager gewandert zu den MoRock Heads“, wie Ohlendorff Muttertag“ nannte und der Ohlendorff geht sogar noch torrad-Rockern, hab' mir da seine mittlerweile mehr als große Ole mit „Kein Rauch oheinen Schritt weiter, soll heiein gutes Jahr mehr oder min100 Porträts umfassende Serie ne Feuer“ betitelt, hängt heußen: Er hält nicht nur fest, sonder die Hörner abgestoßen. Ich nennt, so lebendig wie zu dete in Ole Ohlendorffs Wohndern er verarbeitet auf diese merkte jedoch, dass auch dies ren Lebzeiten aus. Ob John zimmer, der Künstler hat es im Weise auch. Ohlendorff: „Dienicht meine Welt ist.“ BeeinLennon oder Jimi Hendrix,

Extra

Cyan Magenta

Yellow Kontrast

Frank Zappa oder – jüngst dazugekommen – Amy Winehouse, Ohlendorff malt große Musiker-Persönlichkeiten, und das nun schon seit 16 Jahren. Dabei geht es ihm gar nicht so sehr um die Personen an sich, sondern vielmehr um das, was er mit ihnen verbindet: „Es geht nicht um Stars, sondern um Gefühle, es geht um dich, um mich, um uns und um das Weiterreichen des Feuers!“ Ein bisschen bedauert Ole Ohlendorff, dass die Rocklegenden, wenn sie nicht gerade auf Ausstellungsreise sind, im Lager dicht an dicht stehen müssen. Sie hätten einen besseren Platz verdient, doch dazu ist das Haus, in dem der Maler und seine Lebensgefährtin leben, zu klein. Im Übrigen ist es so, dass sich einige seiner Werke mittlerweile in privaten und öffentlichen Sammlungen befinden, so beispielsweise im Rolling Stones Museum in Lüchow, im Hotel Residenz Hafen Hamburg auf St. Pauli, im Deutschen Rock- und Popmuseum im nordrhein-westfälischen Gronau, im Kunstarchiv Lüneburg oder auch im Trophäensaal des brasilianischen Fußballverbandes CBF in Rio de Janeiro. Außerdem wurde Ole Ohlendorff im Jahr 2009 mit dem Kulturpreis „Blauer Löwe“ des Landkreises Harburg ausgezeichnet. Man darf also gespannt sein, welche Rocklegenden Ohlendorff als nächstes porträtieren und was er sonst noch alles malen wird. Das kreative Feuer glüht jedenfalls noch immer heftig in ihm, und vielleicht findet er eines Tages ja sogar Räume für ein Atelier und damit einen Platz, an welchem er seiner künstlerischen Leidenschaft noch mehr Lauf lassen kann. Davon träumt der Maler zumindest, und wer weiß... manchmal werden Träume bekanntlich schneller wahr als man denkt. Zu wünschen ist es Andreas Ole Ohlendorff in jedem Fall, denn im Gespräch mit ihm wird klar, wie sehr er seine Tätigkeit, die nicht nur Beruf, sondern auch Berufung ist, liebt. Oder wie der Künstler es ausdrückt: „Diese Momente an der Staffelei, diese Schwingungen, die das Ganze mit sich bringt, indem man den Pinsel auf der Leinwand arbeiten lässt, das sind unbeschreibliche Momente!“ Mehr Informationen über Künstler und Werk unter: www.ohlendorff-art.de


Wohin?  

Wohin im Oktober?

Advertisement
Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you