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FORUM ARCHITEKTUR & BAU

Kritisieren statt fabulieren

Architekturkritik beschränkt sich zunehmend auf einige wenige Seiten. FORUM sprach mit der deutschen Architekturkritikerin Ursula Baus über Geschichte, Aufgaben und Formen der Kritik. MAG A ZIN ▶ SE IT E 4

Restaurative Nachhaltigkeit

Experten beschäftigen sich mit einem Paradigmenwechsel bei Nachhaltigkeitsstandards, wobei der Fokus auf dem aktiven ­Beitrag zur Regenerierung und Verbesserung der Umwelt liegt. PL A N E N  ▶ S EI TE 9

Tänzerische Skulptur

Der sich um die eigene Achse drehende, monolithische Museumsneubau der Landesgalerie Niederösterreich wird ab dem Frühjahr 2019 die Kunstmeile Krems als Landmark bereichern. BAU E N  ▶ SE IT E 1 4

#05/2018 6,90 € | # 484 | 28. MAI 2018 W W W. ARC HI T E K T UR- BAUFORUM . AT

Wenn Boden verschwindet

Das fehlende Bewusstsein bei Flächenverbrauch wird als Hindernis für eine nachhaltige Landschaftspolitik gesehen. THE MA

SE IT E 1 8

DIE Ö STER R EICH IS CH E FACH ZEI T SC H R I F T F Ü R BAU K U LT U R | ÖST ER R EI C H I S C H E P OST AG , W Z 0 2 Z 0 3 0 7 5 1 W, ÖST ER R . W I RTSC HAF TSV E RL AG , G RÜNBE RG ST R . 15, 1120 W I E N, RE TO URE N AN P F 100, 1350 W I E N

Der dritte Baukulturreport stellt Zukunftsszenarien zur Entwicklung der Baukultur in Österreich vor, um daraus Leitgedanken für die strategischen Entscheidungen baukultureller Belange abzuleiten. Im Bild: Szenario National ZEICHNUNG: ANDREA MARIA DUSL, 2017

KO MM EN TAR

Offene Fragen VON CHRISTIAN KÜHN

Das Wien Museum Neu ist beschlossene Sache. Noch rasch zum Ende ihrer Karrieren als Stadträte haben Renate Brauner und Andreas Mailath-Pokorny dem Projekt den finanziellen Segen für die Umsetzung besorgt, dem sich nur die Vertreter der ÖVP im Gemeinderat widersetzt haben. Immerhin bedeutet diese Entscheidung, dass die Variante, das Museum in einem PPP-Modell umzusetzen, definitiv gestorben ist. Jetzt ist die Stadtplanung am Zug, dem Projekt die maßgeschneiderte Flächenwidmung zu verpassen, also die Krönung des Wien-Museums mit einem Ausstellungsquader und die entsprechende Aufstockung der Zurich-Versicherung, die den Abbruch der Verbindungsbrücken des von Georg Lippert geplanten Versicherungsgebäudes kompensiert. Dennoch bleiben mehr Fragen offen, als dem Projekt guttut: Von einem Vertrag, in dem die Versicherung verbindlich zugesagt hat, diese Widmung zu nutzen, ist noch nichts bekannt. Genauso wenig erfährt die Öffentlichkeit bisher über den aktuellen Stand der Planung selbst, etwa in Bezug auf die Materialität des Ausstellungsquaders. Es wird Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen.

Zukunftsszenarien und ­Handlungsstrategien Z UR QUALITÄT DE R BAUKULT UR  Am 25. April wurde dem Nationalrat der dritte Österreichische Baukulturreport vorgelegt. Anders als seine beiden Vorgänger weicht dieser von der Konvention des Zusammentragens von Fakten und Folgerns von Empfehlungen ab. Der dritte Report stellt Zukunftsszenarien zur möglichen Entwicklung der österreichischen Baukultur vor, die potenzielle Konsequenzen operativen Handelns oder Unterlassens skizzieren, um daraus Leitgedanken für das strategische Entscheiden baukulturpolitischer Belange abzuleiten. V O N R E N AT E H A M M E R

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iemand kann vorhersehen, wie sich gebaute Umwelt und gestaltete Räume in Zukunft tatsächlich entwickeln werden. Dahingehend erheben die Szenarien des Reports keinen Anspruch auf hohe Eintrittswahrscheinlichkeit. Sie sind keine Prognosen, sondern zugespitzte Erzählungen, die durchaus polarisieren wollen, um Ansatzpunkte für die Diskussion über anzustrebende Qualitäten zukünftiger Baukultur zu bieten. Die Inhalte der Szenarien gehen auf eine Vielzahl unterschiedlicher Erzählbeiträge zurück. So waren rund 70 Experten eingeladen, ihre persönlichen Vorstellungen einer bestmöglichen, aber auch schlimmstdenkbaren zukünftigen Ausprägung von Baukultur in den Handlungsfeldern Landschaft, Stadt und Region, Wohnbau so-

wie öffentlicher Sektor zu formulieren. Einer umfänglichen Methodik folgend wurden daraus drei ­exemplarische Zukunftsszenarien abgeleitet.

SZENARIO GLOBAL Eine liberalisierte und globalisierte Wirtschaft bestimmt das gesellschaftliche Gefüge. Dem gegenüber nimmt der Staat seine legislativen und lenkenden Aufgaben nur noch in engen Grenzen wahr. Einkommen und Vermögen sind zunehmend ungleich verteilt, wobei wirtschaftliches Wachstum, billige Verfügbarkeit von Energie, Rohstoffen, Lebensmitteln und Arbeit sowie eine staatliche Gewährleistung sozialer Mindeststandards die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten verhindern. Landschaft kann digital vermittelt oder entlang von Hochleistungsverkehrskorrido-

ren wahrgenommen werden. Das Bild ist geprägt vom Zusammenwachsen von Ballungsgebieten und großräumlich organisierten, intensiv genutzten Bereichen. Zwischen Nahrungsmittel- und Energieproduktion, Rohstoffabbau, Siedlungsentwicklung, Tourismus, Freizeitnutzungen, Verkehrs- und Infrastruktureinrichtungen herrscht Flächenkonkurrenz. Zentrale Lagen sind stark verdichtet, die Peripherie wird hingegen weiter flächig entwickelt. Waldgebiete sind in höhere Lagen gedrängt und die Alpen frei von Gletschern. In touristischen Zielgebieten wird die Landschaft vorstellungsgerecht überformt. Siedlungen in Abwanderungsbieten fallen brach. Das Wohnen ist privatwirtschaftlichen Interessen unterworfen, die soziale Segregation ausgeprägt. Generiert werden lageabhängige, ▶  SE IT E 2


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ARCHITEKTUR & BAU FORUM

S TA DTGES PR ÄC H

Wittgenversteinert V O N W A LT E R M . C H R A M O S TA

Szenario Integral:   ZEICHNUNG: ANDREA MARIA DUSL, 2017

▶ kundensegmentorientierte Angebote, wobei Bestandsgebäude vorwiegend im Luxusbereich erhalten bleiben. Das soziale Wohnsegment ist marginal, wodurch sich informelle Wohnformen etablieren. Um wettbewerbsfähig zu sein, wird die Verwaltung rationalisiert und weitgehend auf Bundesebene zusammengezogen. Kompetenz und Zuständigkeit der Gemeinden werden an die Privatwirtschaft übertragen. Bauprojekte führen international tätige General- und Totalübernehmer durch. Die mittelständische Planungsszene ist auf wenige Büros mit Spezialkompetenz zusammengeschrumpft.

SZENARIO INTEGRAL Eine gesteigerte Nachfrage nach Lebensmitteln, Rohstoffen und Energie führt zu mehr Kostenwahrheit auf den Weltmärkten. Die Europäische Union verstärkt in Reaktion ihre Subsistenzwirtschaft und Integration. Ein Bewusstseinswandel hin zu mehr Nachhaltigkeit und Gemeinwohl setzt ein. Lebensqualität wird zunehmend in die Bewertung von Wohlstand einbezogen. In Österreich entstehen neue Formen der Zusammenarbeit von staatlichem und privatem Sektor. Neben etablierten großen Wirtschaftseinheiten werden kleine und mittlere, oft gemeinschaftlich organisierte, Strukturen gestärkt. Vermögen und Einkommen sind ausgeglichener verteilt, Zuwächse bleiben jedoch gering. Die Landschaft wird bestimmt vom Wechsel kompakter Siedlungen und klar gefasster Ballungsgebiete mit land-, forst- und energiewirtschaftlich genutzten Flächen. Kleinteilig bewirtschaftete Gebiete mit kulturlandschaftlichem Charakter stehen weiträumigen, rationalisiert genutzten Zonen sowie Naturschutzgebieten teils konkurrierend gegenüber. Die obere W ­ aldgrenze ist gestiegen, die alpine Vergletscherung minimal. Um der wachsenden Bevölkerung ­Wohnraum zu bieten, werden im Kontext einer geordneten Siedlungsentwicklung Sanierungen und Nachverdichtungen forciert und unterschiedliche Funktionen in Zentren reintegriert. Nur gegebenenfalls werden kompakte Neubaugebiete ergänzt. Das trägt zur Stagnation von Flächenverbrauch und Neuversiegelung bei. Die soziale Durchmischung und die Vielfalt an Organisationsformen nehmen zu. Der Bund etabliert eine Einheit zur Übernahme übergeordneter baulicher, räumlicher und baukultureller Aufgaben. Im europäischen Integrationsprozess kumuliert die Region als neue Verwaltungseinheit, die rasch Kompetenz und Zuständigkeit für Bauwesen, Raumordnung und Baukultur übernimmt. Es besteht eine vielfältige mittelständische Architekturproduktion, ergänzt durch professionelle Angebote partizipativer Prozessbegleitung. Planung und Ausführung werden getrennt und nach qualitätsgesicherten Verfahren vergeben.

SZENARIO NATIONAL Unter dem Druck einer anhaltend instabilen weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Lage spaltet sich die Europäische Union in Staatenbünde auf. Österreich verlässt die Gemeinschaft und setzt ganz auf nationalstaatliche Souveränität. Um Versorgungssicherheit zu gewährleisten, ­werden punktuell opportune, bilaterale Wirtschaftsverträge geschlossen. Aufgrund strikt begrenzter Migration nimmt die Bevölkerung leicht ab. Einkommen und Vermögen bleiben unausgewogen verteilt, und die Gesellschaft segregiert entlang

der sozialen Verhältnisse. Einzelne Bevölkerungsgruppen verarmen. Die räumliche Entwicklung wird durch eine antiurbane Grundhaltung bestimmt. Suburbanisierung, Zersiedlung, funktionale Trennung und der motorisierte Individualverkehr prägen die Landschaft. Energie- und Rohstoffgewinnung sowie die Landwirtschaft sind großflächig organisiert, kleinteilige Strukturen lediglich in schwierig zu bewirtschaftenden Lagen verblieben. Allgemein herrscht räumliche Konkurrenz unter den Nutzungen. Die obere Waldgrenze ist gestiegen, die alpine Vergletscherung minimal. Naturschutz unterliegt der Maßgabe touristischer Anforderungen. Wohnen im Einfamilienhaus gilt als ideal­ typisch. Folglich wachsen im ländlichen Raum und an der Peripherie der Städte entsprechende Siedlungsgebiete, während die meisten Kernstädte schrumpfen und Zentren veröden. Flächenverbrauch und Versiegelung nehmen unverhältnismäßig zu. Speziell in den Städten kommt es zu ­Segregation. Menschen mit Migrationshintergrund leben im minderwertigen Altbaubestand, der anlassbezogen durch großvolumige Neubebauungen ersetzt wird. Der heimischen Bevölkerung stehen der Kommunal- und Sozialwohnungsbestand zur Verfügung. Föderalismus und Subsidiarität liegen im politischen Interesse. Öffentliche Zuständigkeiten im Planungs- und Bauwesen sind folglich auf verschiedenste Verwaltungseinheiten aufgeteilt. Die Abwicklung der meisten Bauprojekte erfolgt durch Generalunternehmer. Die freischaffende Planungsszene ­bedient lediglich Nischen, wie den Erhalt baukulturellen Erbes.

FÜNF STRATEGISCHE LEITGEDANKEN Im Zuge der Konzeption des Reports wurde klargestellt, dass die Szenarien mögliche alternative Zukünfte abbilden sollen, ohne jedoch ein Ziel­ szenario zu kreieren, da die Vorgabe von ­Zielen der Politik obliegt. Um einen realpolitischen Kontext herzustellen, wurden die Szenarien daher ­einem Vergleich mit existierenden politischen Zielsetzungen unterzogen. Zielformulierungen, mit ­einer für diesen Vergleich geeigneten Disposition, wurden aus den, zwischen Februar 2000 und Dezember 2017 gültigen, Regierungsprogrammen der österreichischen Bundesregierungen entnommen. Die darin festgeschriebenen Vorgaben sind einerseits in einer Situation konkreter Umsetzungsverantwortung formuliert und andererseits von grundlegendem und konzeptionellem Charakter. Wie zu erwarten ergab die systematische Durchsicht dieser Programme, n ­ eben vielen Übereinstimmungen, auch deutlich divergierende Intentionen in den Zielvorgaben. Als übergeordnete, politisch verbindliche Objektivierungsgrundlage wurden daher die in den Baukulturellen Leitlinien des Bundes festgeschriebenen Kriterien für das Gelingen guter Baukultur aufgegriffen, welche, durch einen Ministerratsbeschluss vom August 2017 legitimiert, auch im aktuellen Regierungsprogramm von 2018 verankert sind. Ausgehend von diesen Kriterien konnten die Szenarien einer Chancen-Risiken-Analyse unterzogen und die politischen Zielevorgaben der Regierungsprogramme in ihren Wirkungen auf das Gelingen guter Baukultur eingeordnet werden. Die abschließende vergleichende Gegenüberstellung dieser Bewertungen zeigt bemerkenswerte Auffälligkeiten. So ist im Kontext der in den Szenarien skizzierten Risiken besonders auf die Konkurrenz um

die vorhandenen Flächen hinzuweisen. Hier zeigen speziell die jüngeren Regierungsprogramme wachsendes Problembewusstsein. Gleichzeitig implizieren andere Zielsetzungen, wie die vermehrte Nutzung nachwachsender Rohstoffe, die Erzeugung erneuerbarer Energie, der Ausbau von Infrastrukturen etc., einen ungebrochen ­hohen Flächenverbrauch. Mängel in der priorisierten Durchsetzung übergeordneter politischer Ziele, angesichts vielfältiger oft gegenläufiger Interessen, werden hier deutlich. Bezüglich der, in den Szenarien dargestellten, Chancen zeigen die politischen Zielsetzungen weitgehende Übereinstimmung betreffend den Erhalt naturnaher Räume. Eine ausgeprägte Diskussion besteht rund um die Leistbarkeit des Wohnens. Die wesentlichen Chancen der Nutzung und Weiterentwicklung des Gebäudebestands finden sich in den Regierungsprogrammen nur punktuell, ebenso die Etablierung von Kostenwahrheit im Verkehrsund Energiesektor. Aspekten wie der Bereitstellung öffentlichen Raums oder der Nutzung von Brachen konnten keine Zielvorgaben zugeordnet werden. Aus der Gegenüberstellung von Chancen und Risiken mit den Wirkungen politischer Zielsetzungen wurden fünf strategische Leitgedanken als grundlegend für das zukünftige Gelingen von Baukultur abgeleitet. Bewusstsein für Baukultur entwickeln und geeignete Strukturen fördern: Die breite Öffentlichkeit und die verantwortlichen Entscheidungsträger sollen eine Vorstellung über Möglichkeiten, Potenziale und Effekte des Gelingens von Baukultur entwickeln, um ihr Wirksamwerden strukturell und entschieden zu befördern. Gemeinwohl stärken: Baukultur ist auf den Ausgleich von Einzel- und Gemeinschaftsinteressen auszurichten, etwa in Bezug auf den Zugang zu leistbarem Wohnraum, die Verfügbarkeit von öffentlichem Raum, den Schutz baukulturellen Erbes und des Orts- und Landschaftsbildes. Ganzheitlich, langfristig und innovativ planen: Planungskultur ist ein essenzieller Bestandteil von Baukultur. Sie prägt die Qualität des Gebauten und der nachfolgenden Prozesse von Nutzung, Betrieb, Veränderung und Erneuerung. Zukunftsfähigkeit kann im Rahmen der Planung durch Kompetenz, Kreativität und Innovation sowie durch Koordination, Partizipation und Kooperation, ... realisiert werden. Flächen und andere Ressourcen mit Bedacht nutzen: Ressourcenschonung durch Baukultur konkretisiert sich vordringlich in der Sicherung öffentlicher und gemeinschaftlicher Interessen. Dazu gehört im Speziellen ein verantwortungsvoller, zukunftsorientierter Umgang mit natürlichen und endlichen Ressourcen wie dem Boden. Öffentliche Mittel an Qualitätskriterien knüpfen: Um den Herausforderungen, etwa in der Siedlungs- oder Verkehrsentwicklung, effektiv begegnen zu können, sind Steuern, Abgaben, Transferzahlungen und Förderungen so umzugestalten, dass sie die politischen Baukultur-, Nachhaltigkeits- und Klimaschutzziele befördern. Zahlungen öffentlicher Gelder sind an die Erfüllung evaluierbarer Qualitätskriterien zu binden.

Angesichts der für Bewunderer von Wittgensteins Denken befreienden Abbrucharbeiten zwischen Kundmann- und Parkgasse kam die Hoffnung auf, auch das rücksichtslos in die Stadt gesetzte Hochhaus würde endlich verschwinden. Aber das ist Illusion. Am Ergebnis des am 1. 9. 2015 entschiedenen Realisierungswettbewerbes mit dem merkwürdig unkonkreten Titel „Unser neues Haus 2019“, den das Pariser „Atelier d‘ architecture Chaix & Morel et associés“ für sich entscheiden konnte, und am entsprechenden Plandokument 7368 des Flächenwidmungs- und Bebauungsplans vom 3. 1. 2017 ist ablesbar: Das Hochhaus bleibt! Damit wird die prekäre Raumsituation für einen weiteren Lebenszyklus versteinert, die der spekulativen Phantasie der 1970er Jahre entspringt, an der Stelle des Wittgenstein-Hauses müsse ein „modernes Großhotel“ entstehen. Bernhard Leitner warnte am 18. 6. 1971 in der Tageszeitung „Die Presse“: „Ein Monument des Geistes wird durch Betten ersetzt.“ Damit rettete er letztlich Wittgensteins Bau, aber die Spekulationsfigur krallte sich wenige Meter südlich fest – Schreibtische stellen den Geist in den Schatten. Weitsichtige Stadtplanungspolitik hätte mit an diesem Ort historisch gut begründbaren städtebaulichen Argumenten versucht, die Fehler der Vorgänger zu reparieren. Ein raumbewusster Bürgermeister hätte mit den öffentlichen Eigentümern des abgereiften SV-Komplexes bauherrlichen Klartext geredet. Aber es kam wie am Hauptbahnhof, am Heumarkt, im Alsergrund, im ­Erdberger Mais, am Wienerberg und am Karlsplatz: Der Weinbau floriert, aber der Städtebau ist die Donau hinuntergegangen.

I MPR ESS UM Erstellt gemäß § 25 Abs 2 MedienG in der Fassung ab 1. 7. 2012: Medieninhaber, Verleger, Herausgeber, ­Redaktion: ­Österreichischer Wirtschaftsverlag GmbH, 1120 Wien, ­Grünbergstraße ­15/Stiege 1, T: +43 1 54664 0, www.wirtschaftsverlag.at Geschäftsführung: Thomas Letz Erscheinungsweise: 9 x jährlich, 51. Jahrgang Chef­ redaktion: Dr. Christine Müller, DW 347, ­E: c.mueller@wirtschaftsverlag.at ­Konsulenten der Redaktion: DI Walter M. Chramosta, DI Volker Dienst, Dr. Barbara Feller, DI Dr. Christian Kühn, DI Dr. Reinhard Seiß, Dr. Franco V ­ eremondi Redaktionsleitung: Stefan Böck Grafik: Make Media Mediendienstleistungen OG, 1140 Wien, office@makemedia.at Grafisches Konzept: Simon J­ appel Verkaufslei­ tung: Dr. Rainer Wimmer, DW 240 Anzeigen- und Medienbera­tung: Gabriella Leschhorn, M: +43 664 1320349, E: g.leschhorn@wirtschaftsverlag.at Anzeigenservice: DW 444, ­E: anzeigenservice@wirtschaftsverlag.at Anzeigenrepräsentanz OÖ: G ­ erhard Weberberger, Kleinwört 8, 4030 Linz, T: +43 732 315029 0, F: +43 732 315029 46, M: +43 676 5185575, E: g.weberberger@verlagsbüro.at Anzeigentarif: Nr. 34, gültig ab 1. Jänner 2018 H ­ erstellung: Friedrich Druck & Medien GmbH, 4020 Linz, Zamenhofstraße 43–45, www.friedrichdruck.com ­Abo-Service: T: +43 1 54664 135, E: a­ boservice@wirtschaftsverlag.at Einzelpreis ­(Inland): 6,90 Euro ­Jahresbezugspreis (Inland): 60 Euro für Studenten (Inland): 35 Euro Ausland: 103 Euro inkl. Portospesen; Abonnements, die nicht einen Monat vor Ablauf des Bezugsjahres storniert werden, laufen weiter. Bankverbin­ dung: Bank Austria, IBAN: AT17 1100 0095 2329 8900, BIC: BKAUATWW, Nachdruck nur mit Genehmigung des Verlages. Namentlich gezeichnete Beiträge entsprechen nicht zwingend dem Standpunkt der Redaktion, sondern widerspiegeln die Meinung des Autors. Aus Gründen der Textökonomie wird auf geschlechterspezifische Formulierungen verzichtet. DVR: 0368491 Druckauf­lage: 10.592 (2. HJ 2017) Offenlegung: Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.wirtschaftsverlag.at/offenlegung ständig abrufbar. Wir tragen Verantwortung: Wir verpacken unsere Zeitschrift nur dann in (umweltverträgliche) Folie, wenn der Postversand es aufgrund von Beilagen erfordert. Der Verlag und alle unsere Druckbetriebe sind CO2-neutral. Mehr erfahren: www.wirtschaftsverlag.at/ ueber-uns/csr und auf Twitter @CSR_Verlag Datenschutzerklärung: Wenn Sie diese Publikation als adressierte Zustellung erhalten, ohne diese bestellt zu haben, bedeutet dies, dass wir Sie aufgrund Ihrer beruflichen Tätigkeit als zur fachlichen Zielgruppe zugehörig identifiziert haben. Wir verarbeiten ausschließlich berufsbezogene Daten zu Ihrer Person und erheben Ihr Privatleben betreffend keinerlei Daten. Erhobene Daten verarbeiten wir zur Vertragserfüllung, zur Erfüllung gesetzlicher Verpflichtungen sowie zur Bereitstellung berufsbezogener Informationen einschließlich (Fach-)Werbung. In unserer, unter (www.wirtschaftsverlag.at/datenschutz) abrufbaren, vollständigen Datenschutzerklärung informieren wir Sie ausführlich darüber, welche Kategorien personenbezogener Daten wir verarbeiten, aus welchen Quellen wir diese Daten beziehen, zu welchen Zwecken sowie auf welcher Rechtsgrundlage wir dies tun. Ebenso erfahren Sie dort, wie lange wir personenbezogene Daten speichern, an wen wir personenbezogene Daten übermitteln, und welche Rechte Ihnen in Bezug auf die von uns verarbeiteten Daten betreffend Ihre Person zukommen. Gerne übermitteln wir Ihnen die vollständige Datenschutzerklärung auch per Post oder E-Mail – geben Sie uns einfach per Telefon, E-Mail oder Post Bescheid, wie und wohin wir Ihnen diese übermitteln dürfen. Sie erreichen uns hierzu wie folgt: Per Post: Österreichischer Wirtschaftsverlag GmbH, Grünbergstraße 15/Siege 1, 1120 Wien, Österreich. Per T: +43 1 54 664-135. Per E: datenschutz@wirtschaftsverlag.at


SEITE DREI

28. MAI #05/2018 

Baukultur für Europa

MAGAZIN

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S TR EI FZ ÜGE

DAVO S D EK L A RATI O N   Zu Beginn des Jahres fand in Davos im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums eine informelle Kulturministerkonferenz statt. Als Ergebnis der Gespräche beschlossen die Teilnehmerstaaten die „Erklärung von Davos zur Baukultur“. Die Bedeutung hochwertiger Baukultur für Europa soll damit gestärkt werden. V O N B R I G I TT E G R O I H O F E R

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Am ehemaligen Standort des „Engel“ in ­Lauterach entsteht bis Ende 2018 das Gasthaus und ­Hotel ­„Johann“.  F O T O : A R C H I T E K T E N L U D E S C H E R + L U T Z

uf Einladung des Schweizer Bundespräsidenten Alain Berset waren K ­ ulturminister von Vertragsstaaten des Europäischen Kulturabkommens und der Beobachterstaaten des Europarats, Vertreter der UNESCO, ICCROM, von Europarat, Europäischen K ­ ommission, Architects Council of Europe, European Council of Spatial Planners, ICOMOS International und Europa Nostra nach Davos gekommen. Aus Österreich nahmen Georg Pendl, ACE Präsident, und Christian Kühn, Präsident der Architekturstiftung Österreich teil und vertraten Kulturminister Gernot Blümel.

Ort der Begegnung

ZUR GESTALTUNG DES LEBENSRAUMS Ausgangspunkt war das Bewusstsein, dass die vielfältigen Herausforderungen in Bezug auf Umwelt, Migration, Klimawandel, wachsender Ungleichheit, der Verlust an Qualität der gebauten Umwelt, verantwortungsloser Landverbrauch, Vernachlässigung des historischen Bestands und der Verlust regionaler Identitäten zu verhindern ist und, dass gegenwärtige und zukünftige soziale, wirtschaftliche, ökologische und klimatische Entwicklungen und Trends sowie die Qualität der gebauten Umwelt als Chance für Verbesserungen genutzt werden. Das Europäische Jahr des Kulturerbes 2018 als Zeitpunkt für die Deklaration schien richtig und darauf hinzuweisen, dass die Gestaltung des Lebensraums in erster Linie ein kultureller Akt und deren Verbesserung ein europaweites, politisches Anliegen sei. Alle Teilnehmer waren sich einig, dass mit dem deutschen Begriff „Baukultur“, der erstmalig in offiziellen internationalen Dokumenten verwendet wurde, neues Terrain für eine integrierte Sichtwei-

Teilnehmer der informellen Kulturministerkonferenz mit dem Schweizer Bundespräsidenten Alain Berset.  FOTO: RUBEN SPRICH

se von Erbe, Bestand und Neubau betreten wird. Baukultur umfasst die Summe aller menschlichen Tätigkeiten, die gebaute Umwelt verändern: Neben der architektonischen, konstruktiven und landschaftsarchitektonischen Gestaltung und ihrer Materialisierung umschreibt Baukultur auch planerische Maßnahmen und Prozesse der Bauplanung im ­Städte- und Siedlungsbau.

VISION EINER HOHEN BAUKULTUR Die Davos-Deklaration soll den Wert der Baukultur international stärker in den Fokus rücken und Wege aufzeigen, wie in Europa eine hohe Baukultur politisch und strategisch zu verankern ist. Die Unterzeichner verpflichten sich, die I­ deen und

Grundsätze einer hohen Baukultur zu verbreiten, zu fördern undd alle relevanten Beteiligten des öffentlichen wie privaten Sektors dazu aufzufordern, die positiven Auswirkungen einer hohen Baukultur auf das Gemeinwohl anzuerkennen und ihre Verantwortungen bei der Umsetzung wahrzunehmen. Baukultur kann nur im Schulterschluss von Gesetzgebern, Institutionen und Planern gelingen. Österreich hat als Vorreiter u. a. 2012 mit der Niederösterreichischen Baukultur Deklaration und 2017 mit den im Ministerrat beschlossenen „Baukulturellen Leitlinien des Bundes“ konkrete Schritte gesetzt, deren Umsetzung im türkisen Regierungsprogramm auch versprochen wird. W W W. DAVO S DEC L A R AT ION 2 0 1 8 .C H

Uli AIgner, One Million, Stück 2638, Porzellan  F O T O : 2 0 1 8 M I C H A E L KO S A KO W S K I

chens, das keine Umgehung zulässt. Soweit kurz zusammengefasst das Projekt der heute dreiundfünfzigjährigen Künstlerin, für dessen Umsetzung diese fünf Tage in der Woche und dreißig Jahre lang wird arbeiten müssen. Ausgenommen natürlich nicht unwahrscheinliche Zwischenfälle, Unvorhersehbares, Ablenkungen, Abwesenheiten.

Anstelle des einstigen Traditions-Gasthauses „Engel“ am Alten Markt im Zentrum von Lauterach soll das neue „Johann“ bis Ende 2018 zur Begegnung einladen und den Ortskern neu beleben. Das „Johann“ (eine ­Hommage an den Bauherrn i+R Gruppe und deren Firmengründer Johann Schertler) wird zwei Gasträume mit rund 80 Sitzplätzen, eine Bar sowie 15 Hotelzimmer bieten. Der markante Baukörper der Architekten Ludescher + Lutz soll mit einer kupferbraun lasierten Fichtenholz-Fassade und grauem Walmdach einen lebendigen Akzent setzen. Beheizt und gekühlt wird mit Erdsonden, Fußbodenheizung und aktivierten Bauteilen.

Neues Aquarium im Tierpark Schönbrunn RENDERING: 3XN & GERNER GERNER PLUS

Unterwasserwelt Der Entwurf des neuen spektakulären Aquariums im Tiergarten Schönbrunn stammt vom dänischen Architekturbüro 3XN mit Gerner Gerner Plus aus Österreich und ATT, dem technischen Planungspezialisten für Großaquarien. Die sanft geschwungene großflächig begrünte Dachlandschaft präsentiert sich elegant, unprätentiös und dennoch mysteriös und fügt sich perfekt in das Wegenetz der historischen Anlage ein. Auf insgesamt 6.000 Quadratmetern erstreckt sich der großzügig verglaste Körper aus Beton über vier Ebenen. Rund um das Haifischbecken entsteht eine perfekt inszenierte stimmunsvolle Wasserwelt.

NACHDENKEN ÜBER DIE KREATIVITÄT

Uli Aigner, One Million  F O T O :

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Eine Million KU N S T P RO J EKT  Kleine und einfache Gegenstände können uns noch in Staunen versetzen, unerwarteterweise und ohne großes Aufsehen, obwohl uns die technologische Macht unserer späten Modernität an ganz anderes gewöhnt und dabei unsere Erwartungen und Wünsche so richtig manipuliert hat. VON FRANCO VEREMONDI

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elten, aber noch kommt es vor, dass kleine und einfache Gegenstände sich uns durch eine messianische Aura aufgeladen präsentieren, wenn es ihnen gelingt, über scharfsinnige Andeutungen und Gedanken eine zusätzliche Spannung aufzubauen, wie die österreichische Künslertin Uli Aigner beweist. Aigner, die mit Auszeichnung an der Universität für Angewandte Kunst unter dem vielseitigen Architekten Matteo Thun promovierte, lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Berlin. Seit einiger Zeit hat sie sich ein Arbeitsziel gesetzt, das in der Umsetzung

einer unendlichen Sammlung von Porzellangefäßen besteht. Objekte bescheidener Größe, hergestellt auf Basis der wohl kunsthandwerklichsten Arbeitsweise, die man sich vorstellen kann. Und doch wohnt diesem Projekt etwas Utopisches inne, denn die Idee besteht darin, nach und nach selbst von Hand eine Million Exemplare zu fertigen; wenn auch oft kaum merkbar, klar vonei­ nander unterscheidbar. Die Gefäße werden durch Einritzen an der Oberfläche vor dem Brennen mit fortlaufenden Nummern versehen, als eine Art Echtheitssignatur und Bestätigung eines Verspre-

Trotz der relativen Einfachheit der so hergestellten Formen, scheint dieses langfristig und auf eine enorme Anzahl realisierter Objekte angelegte Vorhaben eine Infragestellung der großindustriellen Arbeitsweise der Robotisierung zu sein. Aber mehr noch, Aigners Projekt lädt dazu ein, über ihre eigene – und unsere – kreativen Fähigkeiten nachzudenken: „Dies bedeutet“, erklärt Uli ­Aigner, „dass ich täglich etwas lerne und dass alles, was ich täglich schaffe, sich voneinander unterscheiden wird. Es geht nicht darum, das perfekte Design zu finden, sondern jene Fähigkeiten für sich zu entdecken, um das zu tun, was man will.“ In diesem Spiel zwischen dem Tun und dem zeitlichem Raum, in dem es zu leben gilt, scheint Uli Aigner auf die potenzielle Unendlichkeit der Kreativität zu setzen, die es vermag, sich über den Horizont des Lebens hinaus zu denken. Mit anderen Worten eine Wiedergutmachung für dieses Gefühl der Angst, das uns unaufhörlich beherrscht. Uli Aigner hat ihrer gesamten Produktion mit „Eine Million“ einen vereinheitlichenden Titel gegeben. Ein kolossales Werk, erdacht in der idealen und symbolischen Form einer Utopie, wenn auch auf spezielle Weise, weil in der Realität verankert. Es ist der Historiker George Kubler mit seinem Aufsatz „The Shape of Time“ (1962), der Aigner in ihrer Performance ermutigt, wenn er sagt, dass jeder durch Menschen geschaffene Gegenstand „seiner eigenen Zeit bedarf“.

Nach dem „Wohnen von morgen“ fragt AWG in ­einer Ausstellung in Brünn.  F O T O : A W G

Zusammenleben Wie lebt man in der Stadt von morgen? Welche Traditionen würde man übernehmen, wie sähen neue Ideen aus? In einer Reihe von Umfragen, Workshops und Referaten hat das Team der Architekten AllesWirdGut unterschiedliche Themen untersucht, die gemeinsam unsere ideale Stadt beschreiben. Es entstand ein Gebäudeprototyp, eine Art Stadtbaustein, für ein „Wohnen von morgen“. Partizipation aktiv einfordern soll dabei auch das „Planen von morgen“. In einer Ausstellung lädt AllesWirdGut bis 24. Juni nach Brünn, um in einer Ausstellung Ideen und Wünsche an den Wohnbau von morgen einzuholen.  HTTPS://GALERIEARCHITEKTURY.CZ/


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ARCHITEKTUR & BAU FORUM

IM GESPRÄCH MIT URSULA BAUS

Kritisieren statt fabulieren MU T Z U M D I S P U T  Architekturkritik im Sinne eines fundierten Erklärens von Gelungenem, aber auch Misslungenem beschränkt sich im dichten Blätterwald auf einige wenige Seiten. Im Vormarsch sind zunehmend inhaltsleere Beiträge mit immer hohleren Floskeln, die kaum mehr von Lifestyle- oder PR-Texten zu unterscheiden sind. Diese besorgniserregende Entwicklung war für Orte Architekturnetzwerk Niederösterreich Anlass, die deutsche Architekturkritikerin Ursula Baus in den Wiener Presseclub Concordia einzuladen. Nach ihrem Vortrag sprach sie mit FORUM über Geschichte, Aufgaben und Formen der Kritik, die sie als eine der wichtigsten Errungenschaften menschlichen Denkens in Erinnerung rief. Zu erfahren war, wie Architektur und Öffentlichkeit in den Medien zusammenwirken, wie es um Meinungspluralismus bestellt ist und welche Abhängigkeiten bestehen. HEIDRUN SCHLÖGL IM GESPRÄCH MIT URSUL A BAUS

In jeder anderen Kunstgattung, ob in Literatur oder Theater, ob in Film oder Musik, ist auch negative Kritik ganz selbstverständlich. Selbst Weltstars sind nicht davor gefeit, dass ihr jüngster Roman, ihr aktuelles Stück oder ihr letztes Album in den Feuilletons durchfallen. Aber gibt es ein Gebäude von Jean Nouvel oder Zaha Hadid, von Hans Hollein oder Coop Himmelb(l)au, das der Architekturkritik in den letzten zwei Jahrzehnten missfallen hätte? Diese erschöpft sich allzu oft in reiner Beschreibung – oder aber der unreflektierten Übernahme vorgefertigter PR-Texte. Auf diese Weise werden auch belanglose Bauten durch hohle Begrifflichkeiten mit Bedeutung aufgeladen – und bleibt misslungene Architektur unwidersprochen. Kritik heißt jedoch unterscheiden beziehungsweise trennen, heißt beurteilen – anhand nachvollziehbarer Maßstäbe. Aber verfügen wir aktuell überhaupt über sachliche Maßstäbe zur Beurteilung von Architektur? Damit verbunden ist auch die Frage nach der Position der Kritiker, nach dem richtigen Abstand zwischen Schreibenden und Planenden. Schon ­George Orwell hat – für die Literaturkritik – gefordert, den Kontakt mit dem Autor zu meiden, um sich auf die Kritik des Werks konzentrieren zu können. Zudem solle er sich von jedweden Gefühlen freimachen, denn sowohl Sympathie als auch Antipathie für den Kritisierten führe zwangsläufig zur Verzerrung der Kritik. Dabei wäre verzerrungsfreie Kritik nirgends so wichtig wie in der Baukunst. Denn steht ein Haus erst einmal oder ist ein Platz gestaltet, prägen sie für Jahrzehnte unseren Lebensraum. Während alle anderen Kunstformen von ihrem Publikum selbst gewählt in Anspruch genommen werden, ist Architektur unausweichlich.

­ARCHITEKTURKRITIK DER GEGENWART KOMMT OHNE ­GESELLSCHAFTLICH ­KONSTITUIERENDE, POLITISCHE POSITIONEN NICHT AUS. Was leistet seriöse Architekturkritik, warum ist sie wichtig, und in welchen Medien ist sie am wirkungsvollsten? Ursula Baus: Man muss grundsätzlich zwei Arten von Architekturkritik unterscheiden: Einerseits die Fachkritik, die in Fachmagazine, ob gedruckt oder online, gehört. Andererseits die Architekturkritik in Publikumszeitschriften und Tagespresse, deren Zielgruppe Menschen sind, die sich für Architektur interessieren oder für sie zu interessieren sind. Die Rolle der Tageszeitungen halte ich diesbezüglich für ausgesprochen wichtig, weil sie von betroffenen Bürgern sowie von Entscheidungsträgern in Wirtschaft,

Verwaltung und Politik gelesen werden. Hier kommt der Architekturkritik, ebenso wie in Radio und Fernsehen, eine immense Bedeutung für die breite Öffentlichkeit zu, weil sie Prozesse veranschaulichen kann – sowie das funktionale, ästhetische und atmosphärische Ambiente, in dem sich unsere Gesellschaft zurechtfinden muss, beeinflusst. Oft wird der Forderung nach kritischerer Beurteilung entgegengehalten, dass baukulturelle Vermittlung und somit das Aufzeigen von Best Practices viel wichtiger sei. Kann man von schlechten Beispielen nichts lernen? Doch, man kann von allem, das erklärt werden kann, lernen. Schlechte Beispiele geben Anhaltspunkte, um zu ergründen, warum etwas misslungen ist: Wurde das Raumprogramm falsch geschrieben? Ist das Haus am falschen Platz gebaut worden? Ist die architektonische Form im vorhandenen Kontext zu egozentrisch vom Architekten entwickelt worden? An guten wie schlechten Beispielen lässt sich viel verdeutlichen, wobei in beiden Fällen dieselben Fragen zu stellen sind. Beeinflusst Architekturkritik tatsächlich die baukulturelle Entwicklung? Ja. Das lässt sich schon aus der Geschichte herauslesen. Bereits im Frankreich des 18. Jahrhunderts hat die Kritik in den Salons, wo auch über Architektur debattiert wurde, eine bemerkenswerte Rolle gespielt. In den heutigen Zeitungen steht außerordentlich viel über Architektur. Allerdings nicht in Form von differenzierter Architekturkritik, sondern in den Nachrichten der Immobilienseiten. Dort spiegelt sich die Ökonomisierung des Bauens, der Stadt- und Siedlungsentwicklung wider, und wir erfahren, wo hohe Renditen zu erwarten sind und welche Investmentfonds etwa im Wohnungsbau welche Inte­ ressen verfolgen. Welche Themen vermissen Sie in der medialen Auseinandersetzung mit Baukultur? Ich vermisse all das, was uns gesamtgesellschaftlich beschäftigt. Entscheidungsprozesse im Entstehen von Architektur und Stadtentwicklung müssten aufgezeigt werden, aber auch dahinterstehende Finanzströme oder etwa Abrissgründe müssten erklärt werden. Architekturkritik der Gegenwart kommt ohne gesellschaftlich konstituierende, politische Positionen nicht aus. Außerdem müsste über Architektur bereits in einem viel früheren Status und kontinuierlich debattiert werden. Orten Sie Nachwuchskräfte für die Architekturkritik? Im Moment nicht, weil das Bauen Konjunktur hat und die Architekten – zumindest in Deutschland – voll beschäftigt sind. Große Büros schließen zum Teil sogar ihre Wettbewerbsabteilungen, weil sie nicht ausreichend Personal finden, um die gewonnenen Wettbewerbe auch umzusetzen. Das macht es schwierig, fachlichen Nachwuchs für die Architekturkritik zu begeistern. Vermutlich wird sich das aber ändern, so-

dass geschätzte 20 Prozent der Architekturstudenten, die talentiert und neugierig sind, im Schreiben tätig werden könnten.

se politische Programmarbeit mitgestalten sowie eine Beraterrolle einnehmen, und das macht mir großen Spaß.

ALS GHOSTWRITER WERDE ICH NUR ENGAGIERT, WENN DERJENIGE, FÜR DEN ICH EINEN VORTRAG ODER AUFSATZ VERFASSEN SOLL, MIT MEINER KRITISCHEN HALTUNG UND ART EINVERSTANDEN IST.

Kann Architekturkritik nicht auch jenseits der Medien geäußert werden und trotzdem eine Öffentlichkeit erreichen? Ja, beispielsweise in moderierten Rundgängen oder Podiumsdiskussionen, die viel zum Architekturbewusstsein beitragen können. Sie sind bereits eine Konsequenz aus einschneidenden Großprojekten, die die Bevölkerung mitunter auch mobilisieren.

Sollte Architekturkritik Gegenstand der Lehre sein? Ist dieses Feld für junge Menschen überhaupt interessant? Ja, es ist von Interesse. Doch haben wir es bereits mit den „digital natives“ zu tun, die zu einem großen Teil nur über Internet-Wissen verfügen und nicht einmal ansatzweise begreifen, wie kümmerlich es im Vergleich zu dem ist, was in unseren Bibliotheken „gespeichert“ ist. Das ist ihnen allerdings weniger anzulasten als ihren Professoren. Deswegen plädiere ich dafür, Architekturkritik an Hochschulen als Lehrfach zu etablieren und nahe der Architekturtheorie anzusiedeln. Kritik hat das Potenzial, Entwicklungen aufzuzeigen und steht in einer engen Wechselwirkung zur Theorie. Meines Erachtens ist es sehr wichtig, konsequent die Architekturkritikgeschichte zu erforschen und zu verfolgen, um zu begreifen, was Architekturkritik wann, warum, wie und wo bewirkt hat. Dann wird sich herausstellen, dass sie beispielsweise in den 1920er und 1950er Jahren außerordentlich einflussreich war. Dissertationsthemen zur Geschichte der Architekturkritik gäbe es jedenfalls zur Genüge. Autoren beklagen sich häufig darüber, dass sie für ihre Beiträge von den Medien schlecht bezahlt werden. Viele sichern ihre Existenz daher anderweitig ab, etwa indem sie PR-Texte über oder für Architekten, Bauträger oder die Planungspolitik schreiben. Kann man als Auftragsschreiber noch ausreichend kritisch sein? Wie gehen Sie damit um? Es ist schwer, die nötige Querfinanzierung zur Existenzsicherung hinzukriegen. Das gelingt mir unter anderem mit Ghostwriting. Freilich werde ich als Ghostwriter nur engagiert, wenn derjenige, für den ich einen Vortrag oder Aufsatz verfassen soll, mit meiner kritischen Haltung und Art einverstanden ist. Wer politisch an der Front steht, hat viel zu wenig Zeit, um sich auf die Weiterentwicklung von Agenden zu konzentrieren. Insofern kann ich als Ghostwriter auf diese Wei-

Welchen Einfluss hat das Zeitalter der Digitalisierung auf die Architekturkritik? Einerseits wissen wir, zu welch üblem Missbrauch die freie Meinungsäußerung im inhaltlich unkontrollierbaren Internet führt, wenn Profit vor Ethik geht. Andererseits gibt es in den digitalen Medien aber doch sehr viele Möglichkeiten, gerade in unprofitablen Themenbereichen wie der Architekturkritik eine sachlich interessierte Leserschaft zu erreichen und breite Diskurse anzuregen. Wie sind Ihre beiden Foren frei04 publizistik und marlowes entstanden? Und wie schätzen Sie die weitere Entwicklung beider Medien ein? Ich war lange Redakteurin bei einer Fachzeitschrift der Deutschen Verlagsanstalt, die 2004 verkauft wurde. Sehr rasch wurde klar, dass die neuen Eigentümer nicht mehr die Interessen einer ordentlichen Architekturpublizistik verfolgten, und so habe ich mich mit zwei Kollegen selbstständig gemacht. Zwischenzeitlich veröffentlichen wir wöchentlich architekturkritische Beiträge auf unserer Webseite frei04 publizistik und gründeten vor drei Jahren das unabhängige Portal marlowes. Dieses Online-Magazin bietet aktuelle Nachrichten, Kritiken, aber auch Fotoessays zu Architektur und Stadt. Unsere Newsletter erreichen eine erfreuliche Öffnungsrate von 50 Prozent. Gibt es Werbeeinschaltungen in Ihrem Newsletter? Nein. Zwar gibt es den Unterstützerclub ­„Friends of marlowes“, der sich für freie Kritik einsetzt. Aber jegliche Einflussnahme auf die Inhalte ist ausgeschlossen.

URSULA BAUS studierte Kunstgeschichte und Philosophie sowie Architektur, unter anderem in Paris. Sie war viele Jahre Fachredakteurin und gründete 2004 mit gleichgesinnten Kollegen die Partnerschaftsgesellschaft frei04 publizistik. Sie ist in diversen Gremien, Stiftungen und Kuratorien engagiert und befasst sich vor allem mit den Grenzbereichen von Architektur, Stadt, Ökonomie und Politik. Seit 2017 ist sie Mitherausgeberin des InternetMagazins „marlowes“. W W W. F R E I0 4 -P U B L IZ IST IK . D E


28. MAI #05/2018 

F O T O : L A R RY R . W I L L I A M S

MAGAZIN

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ARCHITEKTUR & BAU FORUM

S C H A U P L ÄT Z E

R A N DB EMER K UN GEN

Hollein-­Stipendium

Freiraum für alle!

Prämiertes ­Aluminium

AUSS CH RE I BU NG  

Das Bundeskanzleramt sucht auch dieses Jahr wieder ­junge ­Architekten und Designer für das Hans-­ Hollein-Projektstipendium.

KO N F ER EN Z  

Die BOKU Wien ­veranstaltet von 7. bis 9. Juni die 5. ­Internationale X-LArch Konferenz zum Thema Landschaftsarchitektur und öffentlicher Raum.

PR EIS  

Die Hans-Hollein-Projektstipendien im Bereich Architektur und Design werden an jüngere Architekten und Designer vergeben, deren Werk sich durch einen besonderen Grad an Originalität und eine außergewöhnlich innovative Komponente auszeichnet. Ziel ist die Ermöglichung künstlerischer, konzeptueller, theoretischer und forschungsorientierter Auseinandersetzungen. Einzureichen ist ein Projekt mit experimenteller Ausrichtung bzw. innovativem Charakter, dem breiteres Interesse zugeordnet werden kann. Architekten und Designer mit österreichischer Staatsbürgerschaft oder ständigem Wohnsitz in Österreich sind antragsberechtigt, jedoch keine Studierende. Das Stipendium hat eine Laufzeit von jeweils sechs Monaten, ist mit je 7.800 Euro dotiert und muss noch 2018 begonnen werden. Über die Vergabe des Stipendiums entscheidet eine unabhängige Jury. Weitere und detaillierte Informationenn: W W W.KUNST KULT UR .BKA .GV. AT

Es ist Zeit, die Rolle der Politik für die Gestaltung des öffentlichen Raums näher zu betrachten. Unter dem Titel „Parc Politics“ veranstaltet das Institut für Landschaftsarchitektur an der BOKU Wien unter der Leitung von Lilli Lička in Kooperation mit dem Az W eine 3-tägige Konferenz, die zahlreiche Experten aus den Bereichen Landschaftsarchitektur, Design, Urbanismus, Geographie, Politikwissenschaft und Soziologie versammelt. Erstmals werden politische und gesellschaftliche Zusammenhänge untersucht, die für Design, Nutzung und Management von Parks als öffentlicher Raum ausschlaggebend sind. Interdisziplinäre Vortragende (u. a. Ruedi Baur, Naama M ­ eishar, Isolde Rajek, Emily Eliza Scott und Alan Tate) sprechen über Theorie und Praxis. Auch über Projekte wie Nordbahnhof, Praterstern oder PerAlbin-­Hansson-Siedlung. Das dichte Programm umfasst 35 Vorträge, Diskussionen, Garden-­Party und Exkursionen. HTTPS : // X- L A RC H. AT

Der mit 10.000 Euro dotierte Preis zeichnet innovative, herausragende architektonische Leistungen aus, die gestalterische sowie technische Möglichkeiten von Aluminiumprofilen aufzeigen. Neben technischen und ästhetischen Aspekten sind Lebenszyklusbetrachtungen, Nachhaltigkeitskonzepte und Gebäudezertifizierungen Beurteilungskriterien. Einzureichen sind in Österreich ausgeführte Bauten mit einem Fertigstellungsdatum ab dem 1. Jänner 2015. Dies gilt für Neubauten sowie für Sanierungen. Die überwiegende Verwendung von Aluminium-Profilsystemen, die die Gemeinschaftsmarke „Alu-Fenster“ führen, ist eine weitere Voraussetzung dieser Einreichung. Teilnahmeberechtigt sind Architekten, Planer, Bauherren und Metallbauer. Einreichfrist: bis 10. September 2018. Im Oktober 2018 bewertet die hochkarätige Experten-Jury die eingereichten Objekte und entscheidet über die Preisvergabe.  W W W. A LU F E N ST E R . AT /A A P 2 0 1 8

Hans Hollein (1934–2014)

Jardin de Luxembourg, Paris

Preisträger 2016: Wohn- und Bürohaus Hernalser in Wien von pool Architektur

F O T O : L A R RY R . W I L L I A M S , 2 0 0 9

FOTO: LILLI LIČKA

F O T O : W W W. A L U F E N S T E R . AT | H E R T H A H U R N A U S

Zum insgesamt 11. Mal lobt das AFI gemeinsam mit der Architekturstiftung ­Österreich und IG Architektur den Aluminium-Architektur-Preis aus.

Visionen für Klagenfurt Minimalismusmeister Bis 8. Juni zeigt das Archi­ tektur Haus Kärnten in der Ausstellung „Nicht gebautes Klagenfurt“ Visionen, ­geplante und verworfene Projekte .

AU SST ELLUN G  

Im Jubiläumsjahr 2018 unter dem Titel „Klagenfurt 500“ liegt der Programmschwerpunkt im Architektur Haus Kärnten auf der zukünftigen Entwicklung der Stadt Klagenfurt, mit dem Ziel, ein neues Bewusstsein zu schaffen und Raum für Neues aufzuzeigen. Die Ausstellung zeigt nicht realisierte visionäre Projekte, Diplomarbeiten, verworfene Wettbewerbe und Ideen. 500 Jahre Planungsgeschichte kann anhand von Plänen, Bildern und Modellen betrachtet werden. Die in Kooperation mit dem Bauarchiv Kärnten, der ZV der Architekten in Kärnten, der FH Kärnten Studiengang Architektur, der Abteilung Stadtplanung Klagenfurt, der Kleinen Zeitung und dem Landesarchiv Kärnten entstandene Schau soll zum Nachdenken anregen: In einem großen Stadtgrundriss (Maßstab 1:500) auf dem Boden des Ausstellungsraumes sind Projekte gekennzeichnet, begleitet durch Bilder, Pläne, Computer-Renderings, Texte und Modelle, ergänzt durch Baudaten, Baubeschreibungen oder Zeitungsartikel, die heftig diskutierte Projekte zum Teil sogar verhinderten. Zehn Projekte und Themenschwerpunkte erlauben einen neuen Blick auf Klagenfurt. H TT PS://ARCHIT E KT UR- KAE RNT E N. AT

Junya Ishigami – Gewinner des Goldenen Löwen bei der Architektur Biennale Venedig 2010 – findet den Kontext für seine architektonischen Projekte meist in der natürlichen Welt – Landschaft, Wolken, Wälder – und entfernt dann die Grenze zwischen Innen- und Außenraum. Scheinbar frei von Regeln und Zwängen der Architektur wurden seine Bauten schnell für ihre Einzigartigkeit anerkannt und mit zahlreichen Preisen geehrt. In der Ausstellung „Freeing Architecture“ führt ­Ishigami seine neuesten Forschungen zu Funktion, Form, Maßstab und Umwelt in der Architektur vor und zeigt so seine Visionen für die Zukunft. In über 40 Modellen und zahlreichen Filmen sowie Zeichnungen werden zwanzig seiner Werke von der Entstehung bis zum komplexen Prozess der Realisierung präsentiert. An den im Laufe eines Jahres entstandenen Modellen kann man die vielen Schritte und mühsame Arbeit sehen, die zur Entwicklung der endgültigen Formen seiner Bauten geführt haben. Sie unterscheiden sich hinsichtlich Materialität, Größe und Detaillierungsgrad und verdeutlichen den langsamen Reifungsprozess Ishigamis architektonischen Werks. Bis 10. Juni. W W W. FO N DATI O N CA RTI ER .C O M

Auch Diplomarbeiten Studierender erlauben einen neuen Blick auf nie realisierte Planungsvorschläge für Klagenfurt.

Universität Kanagawa, Japan, „Lecture Hall in the Park“

FOTO: HELGA RADER

F O T O : J U N YA - I S H I G A M I + A S S O C I AT E S

AUSS T E L LU NG  

Die Pariser Fondation ­Cartier pour l’art contemporain widmet den Bauten des jungen japanischen Architekten Junya Ishigami erstmals eine Ausstellung.

Karl Schwanzer (1918–1975) FOTO: FRANZ HUBMANN

Er flog voraus „Er flog voraus – eine Hommage“, so der T ­ itel des Theaterstücks, das zum 100. Geburtstag des großen österreichischen Architekten Karl Schwanzer am 23. Mai im Wien Museum zur Uraufführung gelangte. Drehbuch und Regie des Einpersonenstückes, das auf Originalzitaten Schwanzers basiert, stammen von Max Gruber. Der erfreuliche Anlass dieses Events: Der umfangreiche Nachlass Karl Schwanzers wird von seinem Sohn, Martin Schwanzer, der diesen archivierte, erforschte und kontextualisierte, an das Wien Museum als Schenkung übergeben und ist somit für die wissenschaftliche Aufarbeitung des wichtigen Vertreters der Nachmoderne gesichert. Schwanzer war wie kaum ein anderer zu der Zeit an der Implementierung konstruktiver Innovationen interessiert. Idealziel war die Symbiose von Technik und Gestaltung. Neben funktionalen und ästhetischen Kategorien war ihm die soziologische Bezogenheit der Architektur auf das Individuum und die Gemeinschaft wesentlich. Der Zeit voraus und wegbereitend war auch seine Unterrichtstätigkeit an der TH, der späteren TU Wien, wo er 1959 eine neue Ära einleitete. In seiner aufgeschlossenen Atmosphäre formierten sich Gruppen wie u. a. Coop Himmelblau, Hausrucker & Co Zünd-Up und Missing Link. B R I G I TT E G R O I H O F E R

Ice and Water World, Dawang Mountain Resort, ­Changsha, China (2013– )  RENDERING: COOP HIMMELB(L)AU

Treffpunkt Bauzustand F ÜH RUN G  

Architektur & Bau FORUM lädt am 27. Juni zu einer von Architekt Bernhard Marte geführten Baustellen­ besichtigung der Landesgalerie Niederösterreich nach Krems.

Ein urbanes Zeichen wollen die beiden Architekten ­Bernhard und Stefan Marte mit ihrem monolithischen Neubau der Landesgalerie Niederösterreich in Krems setzen, der sich fast manieristisch in die Höhe schraubt. In dem aus Beton gefertigten Baukörper wird auf Sichtbetonelemente verzichtet. Die tageslichtlosen Ausstellungsräume werden sich in neutralem Weiß präsentieren und trotz geneigter Wandflächen – die bei den Kuratoren ein wenig Besorgnis hervorrufen – der Kunst das Feld überlassen. Eröffnung: Frühjahr 2019. Am 27. Juni bietet eine exklusive Architektenführung die Möglichkeit, diese spektakuläre Baustelle vorweg zu besichtigen. Architektur & Bau FORUM TREFFPUNKT BAUZUSTAND Landesgalerie Niederösterreich Franz-Zeller-Platz 3, 3500 Krems an der Donau 27. Juni, 11.00 Uhr Parkmöglichkeit: Parkdeck Kunstmeile Krems Begrenzte Teilnehmerzahl, Anmeldung erforderlich:  FOTO : LOX P I X

W W W. A RC H IT E K T U R-BAU FORU M . AT / E V E N T

50 Jahre jung Am 8. Mai 1968 gründete Wolf. D. Prix noch nicht 26-jährig gemeinsam mit den Partnern Helmut Swiczinsky und Michael ­Holzer in Wien das Büro Coop Himmelb(l)au. Heute, nachdem die Co-Gründer und spätere Partner fort sind, kann Prix stolz den 50. Geburtstag von Coop Himmelb(l)au feiern, das sich von Beginn an durch seine konstante ­Suche nach einer nicht mehr von linearen Geometrien bestimmten Architektursprache auszeichnete. Lyrisch und polysemisch war und ist der Firmenname der Anfänge nach wie vor. In der Bürobezeichnung hatte das Kollektiv scharfsichtig auf eine linguistische Weise die Konzepte der entstehenden dekonstruktivistischen Strategie rezipiert, die in der Philosophie von Jacques Derrida mit seinem Aufsatz „Grammatologie“ (1967) ihren Ausgang nahm. Und als Philip ­Johnson 1988 die Ausstellung ­„Deconstructivist ­Architecture“ im MoMa, New York, organisierte und dazu Planer aus Europa und den USA vereinte sowie eine neue architektonische Sensibilität mani­festierte, konnte neben Zaha Hadid, Frank O. Gehry, Rem ­Koolhaas, Daniel ­Libeskind, ­Peter Eisenman, Bernard ­Tschumi auch Coop Himmelb(l)au (damals Prix + Swiczinsky) nicht fehlen. Historisch gilt dieser Moment als die Geburtsstunde der „dekonstruktivistischen“ ­Architektur. 

FRANCO VEREMONDI


28. MAI #05/2018 

PE R I S KO P

MAGAZIN

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20 Jahre architektur in progress weissglut + GERNER GERNER PLUS + querkraft 19. Juni, 19.00 Uhr, querkraft, Börseplatz 2, 1010 Wien

„Neue Wege – Changing Strategies“ – Zukunftschance Architektur

Ein voller Erfolg

Fragmentarisch

OPEN HOUSE  Mitte April hatte die New D ­ esign University Studieninteressierte nach Sankt Pölten eingeladen, um den Studienbetrieb und das WIFI New Design Centre näher kennenzulernen. Lehrende wie Studierende informierten die rund 700 Besucher über die Ausbildungsmöglichkeiten im Design- und Gestaltungsbereich. Präsentiert wurden dabei die fünf Bachelor- und zwei Masterstudiengänge sowie die fünf akademischen Lehrgänge im Bereich Design, Technik und Business. Offene Lehrveranstaltungen, Workshops, Studiencorner oder Führungen durch das Haus erlaubten einen umfangreichen Einblick in den Studienalltag.

E RÖ F F N U N G   Eine Brücke zwischen Gestern und Heute, zwischen Ost und West versucht die unter großem Publikumsinteresse vor Kurzem im MAK eröffnete Ausstellung „Adriana ­Czernin. Fragment“ (bis 30. September) zu schlagen. Ausgehend von Holzornamenten des Minbars der Ibn-Tulun-Moschee in Kairo (1296), einem Meisterwerk aus der Mameluken-Zeit, entwickelt die Künstlerin eine Werkserie, die unterschiedliche Aspekte geometrischer Konstruktion thematisiert. Die raumgreifenden Werke paraphrasieren die Fragmente des Minbars und werden zur dynamischen Komposition scheinbar freier Formen, die andere Elemente durchbohren.

Studierende und Lehrende beantworteten die Fragen der ca. 700 Besucher rund um das Studium und gaben wertvolle Tipps zu Aufnahmeverfahren und Finanzierung.

V. l.: Johannes Wieninger (Kustode MAK-Sammlung ­Asien), Adriana Czernin (Künstlerin) und Christoph Thun-Hohenstein (MAK-Generaldirektor) im Rahmen der Eröffnung in der MAK Galerie

F O T O : ­N D U

FOTO: MAK/MONA HEISS

weissglut wurde 2013 von Lisi Wieser (*1981) in Wien gegründet. Am Anfang stand der Wunsch, Archi­tektur anders anzubieten und anders als üblich zu leben. Für Wieser bedeutete dies die Suche nach einem Architektenleben mit freier Zeiteinteilung, ausreichender Muße, ungebunden an Orte, mit adäquatem Verdienst, minimaler Haftung und somit größtmöglicher Freiheit. Für ihre Kunden ist sie Creative Coach, der die besten Ideen für ihre Bedürfnisse findet.

Seit Ende 1997 bietet architektur in progress der Vielfalt spannender Teams, die sich in Österreich ab Mitte der 1990er Jahre gründeten, am Beginn ihrer Karriere eine Plattform. Viele der Erstvortragenden wurden zu international erfolgreichen Büros, aus denen mittlerweile die nächste Architektengeneration hervorgegangen ist. Diese sehr jungen Teams stehen im Mittelpunkt dieser Reihe. „Welche Strategien und Ziele verfolgen sie? Wie haben sich Herausforderungen, Rahmenbedingungen und Lebenskonzepte verändert? Welche Förderung brauchen junge Architekten zum Start in den Beruf, und welche neuen Wege gehen sie?“ Renommierte Teams sprechen über ihre Erfahrungen und stellen hierfür ihre Ateliers als Vortragsort zur Verfügung. Den Impulsvorträgen folgt die moderierte Diskussion mit Lisi Wieser/weissglut, Jakob Dunkl/querkraft, Oliver Gerner und Andreas Gerner/Gerner Gerner Plus und dem Publikum über neue Wege und Lebensmodelle.

W W W.W E ISSG LU T. AT

Oliver Gerner (*1988) sieht in einer ausgewogenen Work-Life-Balance die Basis für ein erfolgreiches Architektenleben. Schon als Kind war er mit dem Architekturbüro der Eltern vertraut. Später sammelte er internationale Erfahrungen und lernte dabei auch neue Organisationsformen kennen. Seit 2018 ist er Partner bei Gerner Gerner Plus. W W W.G E R N E RG E R N E R P LU S .C OM W W W. A RC H IT E K T U R-IN P RO G R E SS . AT

Lisi Wieser von weissglut FOTO: KRISTINA ­B R A N D S T E TT E R

Besprechung Team Gerner Gerner Plus FOTO: GERNER GERNER PLUS

Großes Opening

Auf gute Nachbarschaft

E RÖ FF NU NG   Rund 150 geladene Gäste waren am 2. Mai zur feierlichen Abendveranstaltung in das stilwerk Hamburg gekommen, um den ersten Wittmann Flagship-Store in Deutschland einzuweihen. Der junge Design-Star S ­ ebastian Herkner stellte persönlich seine neue Edition der „Merwyn“-Kollektion vor. Im Erdgeschoß des stilwerk auf über 150 Quadratmetern sind nun alle aktuellen Wittmann-Möbel-Kollektionen führender Designer, wie Sebastian Herkner, Jaime Hayon und Monica Förster zu sehen – darunter etwa auch Neuheiten wie die freistehende „Vuelta“-Chaiselongue von Jaime Hayon.

G L E I C H E N F E I E R   Anlässlich der Dachgleiche zum Wohnbau am Margareta-Heinrich-Weg in Favoriten in unmittelbarer Nachbarschaft des Kurparks Oberlaa wurde erst kürzlich mit zahlreichen Vertretern aus Bauherrenschaft, Baufirma und Architektenteam gefeiert. Interessierte Gäste konnten den Rohbau unter Führung der Architekten Gert M. Mayr-Keber besichtigen. Helmut Kubasta, Geschäftsführer der Gemeinnützige Bauvereinigung Wohnungseigentum GmbH (WE), freute sich über den gelungenen Baufortschritt. Die WE errichtet insgesamt 75 Mietwohnungen. Fertigstellung: Herbst 2018.

V. l.: Wittmann-Geschäftsführer Hartmut Roehrig, Designer Sebastian Herkner und stilwerk-Inhaber Alexander Garbe beim Flagship-Store-Opening im stilwerk Hamburg.

V. l.: Bei der Gleichenfeier des Wohnbaus mit insgesamt 75 Mietwohnungen: Michael Pech (ÖSW), Michael ­Bierbaum (Strabag) und Helmut Kubasta (WE)

F O T O : S T I L W E R K / S T I M M U N G S FÄ N G E R

FOTO: ÖSW AG

Freudige Schüler mit (v.l.n.r.) BIG Geschäftsführer Wolfgang Gleissner, Bildungsministerin Sonja Hammerschmid, Landesschulratspräsidentin Elisabeth Meixner und Schuldirektor Reinhard Gande

Am 24. Jänner durfte Grohe Vorstandsvorsitzender ­Michael Rauterkus (Mitte) die Auszeichnung im ­Humboldt Carré Berlin stellvertretend für das Unternehmen entgegennehmen  F O T O : T. M A E L S A / B M A S

FOTO: ROBERT FRANKL

Kinderspielplatz im Grete-Jost-Park, Eingang zur Mall „Post am Rochus“, Hauptgebäude der Österreichischen Post AG (Arch. Schenker/Salvi/Weber mit feld72, 2013–17), Rochusplatz 1, 1030 Wien, März 2018  WALTER M. CHRAMOSTA

Trends aus den Bereichen Gartengestaltung, Interieur und Terrassen, Wellness und Home-Spa, Technik, HiFi und Lifestyle zu sehen. Der Schlossgarten mit den fließend ineinander übergehenden Standaufbauten lud dazu ein, Design mit allen Sinnen zu erleben. Im Inneren des Schlosses stand das nationale Handwerk im Mittelpunkt. Die Besucher konnten österreichischen Manufakturen aus den Bereichen Mode, Schmuck, Holz, Kunst und Accessoires über die Schulter blicken. Für die kulinarischen Genüsse sorgten unter anderem zahlreiche Foodtrucks. Am Freitag wurde zum Architektenbrunch mit Ernst J. Fuchs geladen, dessen Pavillon Wolke 7 im Schlosspark mit dem Bauherrnpreis 2017 ausgezeichnet worden ist.  W W W. D E SIG N -DAYS . AT

Design Days M ESSE  Von 11. bis 13. Mai strömten 18.500 Gäste in das Schloss Grafenegg und seinen Park, um die neuesten Interieur- und Life­styletrends zu entdecken. Die zweiten Design Days konnten einen sensationellen Besucherrekord verzeichnen. Bei 120 ausstellenden Marken waren die neuesten

Unter den Gästen waren u. a. Designer Rainer Mutsch, Landesrätin Petra Bohuslav, Nationalratsabgeordnete ­Marina Diesner-Wais, Bürgermeister ­Anton P ­ feifer sowie Architekten und Designer.  F O T O : R . R U D O L P H

Rost am Pochus DA S L E T Z T E   Der eherne, unter Bauherrn nördlich der Alpen seit der Frühneuzeit gepflogene Brauch, der in mittelalterlichem Latein „hochus pochus urbanus“ hieß, war seit Beginn der Moderne in ganz Europa populär. Die hehre Absicht, dem Hausgott mehr Raum zu geben, gerann zur Spruchweisheit unter Stadtbürgern: Wo Du brauchst ne Halle, bau Dir gleich ne Malle. Die auf schamanische Techniken zurückgehende Mobilisierung der Ortsmagie ermutigt Bauherrn, ihre Halle mit zwei, anstatt wie üblich mit nur einem Eingang zu bauen – mehr hygienischer Durchzug, mehr transzendentaler Bezug, mehr Hausglücksversprechen. Erst jüngst wurde über die Deutung neolithischer RE-Steinritzungen ein Frühjahrsritual von immobilien Stämmen in der Gegend von Cannes, die maritime, kollektive Sonnenbeschwörung des „Mipimisierens“, als Wur-

zel des nordalpinen „hochus pochus urbanus“ erkannt. Bei der Entwicklung der Postzentrale am Rochusplatz konnte ein solches Sonnenritual vollzogen werden, resultierend in einer Mall mit großartigen Attraktionen für die Sockelzone. Einerseits zieht die ostentative Doppelpostfiliale mit den Spezialdienstleistungsmagneten „El Knautscho“ für die weiche Ware (Brief) und „Packshop“ für die harte Ware (Paket) die Kunden magisch an, andererseits verspricht das den Kindern zugedachte „Stadtviehparadies“ auch Erwachsenen eine Erinnerung an die verlorene Tradition des Viehtriebs aus den ungarischen Steppen über die Landstraßer Hauptstraße zum Viehmarkt. Aber es ist noch still in der Post am Rochus. Ist Rost am Pochus, weil das Haus nicht exakt zur Wintersonnenwende eröffnet wurde? 

WA LT E R M . C H R A M OSTA


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#05/2018

FORUM PL ANEN

Brockholes Visitor Center, Lancashire Wildlife Trust, 2008 von Adam Khan Architects nach höchsten Umweltstandards als schwimmendes und in die natürliche Landschaft integriertes Gebäude geplant, Preston, UK 

FOTO: NORTHOFF

Restaurative und regenerative Nachhaltigkeit1 PA R AD I G M EN W ECH SEL  Im Rahmen der europäischen Forschungsinitiative COST (European Cooperation in Science and Technology) ist seit vergangenem Jahr ein Netzwerk von Forschenden und Experten aus Industrie und technologischer Entwicklung aktiv mit der Frage nach einem Paradigmenwechsel bei Nachhaltigkeitsstandards im Bausektor beschäftigt. Gefordert wird ein umfassenderer Nachhaltigkeitsansatz, der weniger den Energiefokus ins Zentrum setzt, sondern einen aktiven Beitrag zur Regenerierung und Verbesserung der Umwelt leistet. V O N E D E LT R A U D H A S E L S T E I N E R , M A R T I N B R O W N , D I A N A A P R O , D I A N A KO P E VA , E G L A L U C A , K AT R I - L I I S A P U L K K I N E N , B L E R TA V U L A R I Z VA N O L L I

U

nter dem Titel „RESTORE: REthinking Sustainability TOwards a Regenerative Economy“ vereint die Initiative Fachpersonen aus dem akademischen, öffentlichen und privatwirtschaftlichen Bereich aus 36 Ländern. COST (Europäische Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technologie) ist neben Horizon 2020 eine der wichtigsten Säulen der Förderung von Forschungszusammenarbeit in Europa. Durch COST-Aktionen werden thematisch offene Forschungsnetzwerke gefördert und ein gemeinsamer Austausch sowie eine verbesserte Koordination von Forschungsaktivitäten inklusive der Verbreitung ihrer Ergebnisse ermöglicht. Besonders hervorzuheben ist der multi- und interdisziplinäre Ansatz. COST ermöglicht Forschern, Ingenieuren und Wissenschaftlern aus allen Bereichen der Wissenschaft und Technologie gemeinsam eigene Ideen zu entwickeln und neue Initiativen zu initiieren. In regelmäßigen Treffen werden aktuelle Themen und Zugänge diskutiert sowie Workshops, Trainingsschulungen und Konferenzen organisiert.

ARC HI T EK T U R & BAU FO RU M

AKTIV ZUR NACHHALTIGKEIT BEITRAGEN Das transdisziplinäre Netzwerk RESTORE wurde 2017 gestartet und widmet sich seither dem Dialog über einen restaurativen und regenerativen Nachhaltigkeitsansatz in den Bereichen Planung, Bau, Betrieb und Instandhaltung von Gebäuden. Ausgangspunkt dieser Diskussion sind die für unzureichend erkannten Maßnahmen bei Gebäuden und Städten, welche nur wenig zur Erreichung notwendiger Klimaziele beitragen. Trotz mehr als einem Jahrzehnt von Nachhaltigkeitsstrategien und -programmen für die gebaute Umwelt, die auf der Begrenzung der Erderwärmung auf 2 °C basieren, konnten Fortschritte in wichtigen Nachhaltigkeitsthemen nicht sinnvoll angegangen werden. Die Brundtland Kommission, auch Weltkommission für Umwelt und Entwicklung genannt, formulierte 1987 in ihrem Bericht jene bis heute breit anerkannte Definition der nachhaltigen Entwicklung: Nachhaltig ist eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“ In

Nachhaltigkeitsstandards für Gebäude und Städte wird nach der gegenwärtigen Praxis diese Forderung dahingehend interpretiert „nicht weiter zu gefährden“. Sie sind nur unzureichend an einer längerfristigen Wiederherstellung eines funktionierenden Ökosystems ausgerichtet. Im Dezember 2015 haben sich 195 Länder auf der Pariser Klimaschutzkonferenz (COP21) erstmals auf ein allgemeines, rechtsverbindliches weltweites Klimaschutzübereinkommen geeinigt. Das Übereinkommen umfasst einen globalen Aktionsplan, der die Erderwärmung auf deutlich unter 2 °C gegenüber vorindustriellen Werten begrenzen soll. Diese Zielvorgaben bedeuten nachdrücklich mehr Anstrengungen, dass nicht nur Verluste und Schäden minimiert, sondern auch positiv bilanzierende Klimaschutzmaßnahmen Platz greifen sollen. Hier setzt der „restaurative“ und „regenerative“ Nachhaltigkeitsansatz an und fordert konkret im Bausektor einen aktiven Beitrag zur Regenerierung und Verbesserung der Umwelt. Angesichts der Pariser Vereinbarung von 2015, die globale Erwärmung auf 1,5 °C auszurichten, sind in allen Bereichen die Nachhaltigkeitsziele nachzuschärfen und Strategien hin zu

... wenn es um Produktentscheidungen und um innovative Raumgestaltung im Objektbereich geht!

BADDESIGN am 28. Juni 2018

einer Verschiebung in Richtung eines rein positiven und restaurativen Nachhaltigkeitsdenkens erforderlich. Die gebaute Umwelt spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie trägt mit einem Anteil von 40 Prozent bei Energie, Wasser, Kohlenstoff und Abfall in hohem Maß zum Klimawandel bei. Umgekehrt liegt darin auch großes Potenzial für einen positiven Beitrag und ein Schlüssel zu erfolgreichen Lösungen durch potenzielle Verbesserungen im Gebäudesegment. Das COST RESTORE-Netzwerk arbeitet daher an einem umfassenden Rahmenkonzept von „restaurativem und regenerativem Design“, bezogen auf die Entwicklung, Erprobung und Umsetzung nachhaltiger Lösungen für eine nachhaltige Entwicklung. In der multidisziplinären Zusammenarbeit sind Praktizierende ermutigt, über die Grenzen ihrer fachlichen Spezialisierungen hinaus zu denken, gemeinsam mit Expertisen aus weiteren wissenschaftlichen Bereichen wie Ökologie, Geo▶  SE IT E 1 0 1 COST Action CA16114 RESTORE. REthinking Sustainability TOwards a Regenerative Economy, finanziert im ­Rahmen der europäischen Forschungsinitiative COST ­(European Cooperation in Science and Technology).


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ARCHITEKTUR & BAU FORUM

S T R A T E G I E N D E R N A C H H A LT I G K E I T / D A S A U S G E L O B T E L A N D

RE-INTEGRIERTES ­LEBENDIGES KULTURELLES ERBE

RESTAURATIVER / ­REGENERATIVER NEUBAU

REGENERATIVE ÖKONOMIE

SOZIALES, GESUNDHEIT, PARTIZIPATION

ORT

Visueller, sozialer, kultureller, ­wirtschaftlicher Katalysator (z. B. Tourismus) für die Gemeinschaft

Teil des Ortes, Interaktion mit ­„grüner“ Nachbarschaft und ­Umgebung

Beziehung mit Ort, Ökologie, Natur, Boden, Bioklima (Verhalten & Unternehmen)

Die Erde als eine Gemeinschaft und nicht als Ware

ENERGIE

Energie aus Umweltressourcen (vgl. histor. LowtechKonzepte); lokale / erneuerbare Energieressourcen

Effiziente Nutzung, speichern, teilen; lokal / erneuerbare Energie

Restaurative und r­ egenerative Energie (altern. Geschäftsmodelle)

Lokal / erneuerbare Energie; ­Eigentum und Management

KOHLENSTOFF

Reduzierung / Vermeidung durch Wiederverwendung

Kohlenstofffreie Technologien, mehr Sauerstoff, weniger CO₂

Kohlenstoffkosten

Natürliche Kohlenstoffsysteme; Verschmutzung, Luftqualität und Gesundheit, soziale Auswirkungen

WASSER

Nachhaltige Wasser- / Abwassersysteme (Wiederverwendung, Wassersammlung …)

Nachhaltige Wasser- / Abwassersysteme (Wiederverwendung, Wassersammlung …)

„Blaue Ökonomie“

Gebäude und Städte integriert in Wasserzyklen, lokaler Wasserschutz; soziale Auswirkungen

RESSOURCEN

Historische Gebäude selbst als Ressource nutzen; lokale Ressourcen, Materialien und Techniken

Material- u. Ressourcenzyklen; neue innovative Materialien

Kreislaufwirtschaft, regenerative Wirtschaft

Lokale, zugängliche und kostengünstige Ressourcen und Gebäude; Verantwortung zur Verwaltung der Gemeingüter; gesundheitliche Auswirkungen, salutogenetische Materialien, Biophilie

WOHLBEFINDEN

Beseitigung ungesunder Materialien; Qualität von Luft, Licht und Komfort sichern

Gesundheit; Verbundenheit mit der Gesundheit, Glück, Achtsamkeit, Natur; neue „soziale Funktionen“ in Komfort (Verhalten) Gebäuden integriert

Glück, das zum individuellen, gemeinschaftlichen und (oder globalen) Wohlbefinden beiträgt, ohne andere Menschen, die Umwelt oder zukünftige Generationen auszubeuten; Salutogenese

GERECHTIGKEIT

Zugänglichkeit; integriert in die lebendige Stadt

Inklusion; geringe „Betriebskosten“; benachteiligte Personen unterstützen

BILDUNG

Von der Vergangenheit lernen (Geschichte); kulturelles Erbe vermittelt Geschichte

Zusammenarbeit, Interaktion, Verhalten, Fortentwicklung der nächsten Generation (Kunde & Interdisziplinarität; steigendes Bewusstsein in allen Altersgruppen Unternehmen)

▶ graphie, Biologie, Physiologie und Psychologie Wissen zu teilen und für alle Phasen des Entwurfs, des Baus und des Betriebs von Gebäuden weiterzuentwickeln. Eine erste Arbeitsgruppe im Forschungsnetzwerk RESTORE hat im vergangenen ersten Jahr ihre Zusammenarbeit vor allem dazu genutzt, um über grundlegende Begriffe und Definitionen zu reflektieren beziehungsweise die ­ Eckpunkte eines regenerativen Nachhaltigkeitsansatzes näher einzugrenzen. Dazu wurden strategische Ziele und Handlungsfelder einer regenerativen Nachhaltigkeitsagenda priorisiert. Das RESTORE-Team regt an, den sehr engen Fokus auf die „Energie-Performance“ eines ­Gebäudes zu erweitern und einen breiteren Rahmen zu betrachten, der Orte, Menschen, Ökologie und Kultur einbezieht. Im Mittelpunkt steht dabei die Idee durch Planungs- und Bauaufgaben einen positiven und regenerierenden Einfluss auf Ökosysteme zu erreichen, mit besonderer Priorisierung der menschlichen Gesundheit und des Wohlbefindens sowie Ansätzen, die Nutzer in Einklang mit dem natürlichen Ökosystem sehen (z. B. Biophilia). Vertiefende Diskussionen in vier Themengruppen – soziale Aspekte, Neubau, historische Gebäude, Ökonomie – brachten weitere Aussagen betreffend längerfristig angestrebte Visionen und notwendige Maßnahmen zu deren Zielerreichung.

Maßnahmen von Bürgern, Gemeinden, Unternehmen, Wissenschaftlern und Regierungen steuern. Veränderung der Denkweisen und die Weiterentwicklung eines verantwortungsbewussten nachhaltigen Handelns in Gegenwart und Zukunft in der Bildung zu verankern, ist von zentraler Bedeutung. Die Zukunft benötigt eine zunehmende öffentliche Teilnahme und eine breitere Diskussion mit Einbeziehung relevanter Entscheidungsträger zur Problemerkennung und Erarbeitung von Lösungsvorschlägen. Die entwickelte Vision „Wohlbefinden und Liebe mit Bewusstsein zum Planeten“ leitet sich von der Erkenntnis ab, dass Gesundheit und Wohlbefinden langfristig und nachhaltig nur gesichert sind, wenn sie auf allen Ebenen des Systems existieren, vom einzelnen Menschen bis zum gesamtökologischen System Erde. Sie baut auf der gesunden und fruchtbaren Interaktion zwischen den (Öko-)Systemen auf, ohne die Dominanz einer der Arten (einschließlich Menschen). Ziel ist eine gesunde Umwelt durch das gesamtsystemische Zusammenwirken von Menschen, Ökosystemen und der gebauten Umwelt. Um diese Vision zu erreichen, ist es entscheidend, jene bereits vorhandenen „Agenten der Veränderung“ zu identifizieren und darauf aufbauend ein breites Netz aus „Agenten der Veränderung“ in Richtung einer regenerativen Zukunft aufzubauen.

VON PIONIEREN ZUM MAINSTREAM

RESTAURATIVER / REGENERATIVER NEUBAU

Die Regeneration von Ökosystemen wird vorrangig in ökologischen Studien thematisiert. Dabei wird vielfach die soziale Rolle von Bürgern und Gemeinschaften in Regenerationsprozessen vernachlässigt. Die übermäßige Ausbeutung der Ressourcen der Erde durch menschliche Aktivität erzeugt auf dem Planeten Erde ernsthafte negative Auswirkungen, besonders auf lebende Systeme. Es ist unmöglich, in geschädigten Ökosystemen ein gesundes Leben zu führen. Nachhaltige Entwicklung statt Wachstum um jeden Preis muss die Entscheidungen und

„Restaurative Nachhaltigkeit“ zielt ab auf die Wiederherstellung eines sozial und ökologisch ausgewogenen und gesunden Ökosystems. In Bezug auf den Neubau verfolgt dieser Ansatz die Umkehrung und Wiedergutmachung bereits erfolgter Schäden. Dies bedeutet in der Praxis die Fähigkeit der gebauten Umwelt, durch ihren Einfluss Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität positiv zu beeinflussen. Wesentlicher Eckpunkt ist dabei die Verbindung der Menschen mit der Natur zu stärken und biophile Designkonzepte anzuwenden.

Fairness, Inklusion, Respekt (Kunde & Unternehmen)

„Regenerative Nachhaltigkeit“ erweitert diese Forderung noch dahingehend, dass durch den regenerativen Designprozess nicht nur ausgewogene Ökosysteme wiederhergestellt werden, sondern darüber hinaus eine Verbesserung der Lebensqualität für biotische (lebende) und abiotische (chemische) Komponenten der Umwelt erfolgt. Regenerative Gebäude folgen einem gesamtsystemischen Denkansatz zwischen physisch gebauter und natürlicher Umgebung, wie Ort, Wasser, Material, Energie, Pflanzen, Mikroben, Menschen und Kultur.

RE-INTEGRIERTES BAUKULTURELLES ERBE Historische Gebäude tradieren Geschichte, Tradition sowie kulturelle und soziale Praktiken von einer Generation zur nächst folgenden. In ihnen materialisieren sich Erinnerungen der Vergangenheit und Lehren für die Zukunft. Die Bestimmung und Auswahl von historisch erhaltenswerten Gebäuden ist stets verbunden mit der Konstruktion, Rekonstruktion und Dekonstruktion von Erinnerung und Identität. Konservierung, Restaurierung, Rekonstruktion, Wiederverwendung und Wiederbelebung sind wichtige Ansätze zur Erhaltung eines lebendigen kulturellen Erbes. Sie gewährleistet zugleich eine ökologisch und sozial gerechte Zukunft. Nachhaltige Entwicklung bedeutet die weitgehende Wiederverwendung, Erhaltung und Integration des kulturellen Erbes in einen sozio-kulturellen oder stofflichen Kreislauf. Ein restaurativer Ansatz verfolgt überdies das Ziel, die Leistungsfähigkeit sozialer und ökologischer Systeme wiederherzustellen. Dies kann zum Beispiel durch eine bessere Zugänglichkeit hergestellt werden oder durch Flexibilisierung, Erweiterung und Hybridisierung ihrer Funktionen. Wenn keine anderen Wiederverwertungsmöglichkeiten verfügbar sind, sollte die adaptive Wiederverwendung als bevorzugte Strategie verfolgt werden, das bedeutet, einzelne eingesetzte Baumaterialien und -teile in anderen Anwendungen weiter zu verwerten.

Alle Stimmen sollen gehört ­werden, soziale Gerechtigkeit Bottom-up-Kulturen / -Initiativen (Permakultur, Urban Gardening, lokale Währungen, Stadtpioniere etc.)

Die Vision „regenerativer historischer Gebäude“ bezieht darüber hinaus die Vorstellung einer „Katalysator-Funktion“ mit ein. Dabei werden bestehende Gebäude als Teil eines sozialen und ökologischen Systems betrachtet, das nicht nur sich selbst regenerieren, sondern auch zur Weiterentwicklung des Gesamtsystems beitragen kann. Allen vorangestellt ist die sozio-kulturelle Integration in den gemeinschaftlich kulturellen Kontext vor Ort und die Stärkung des Bewusstseins für das kulturelle Erbe.

ÖKONOMIE UND REGENERATION Kreislaufwirtschaft basiert auf dem Konzept, dass Wachstum und Wohlstand vom Konsum natürlicher Ressourcen abgekoppelt sind und damit nicht zur Verschlechterung des Zustands der Ökosysteme beitragen. Indem gebrauchte Produkte nicht weggeworfen, sondern deren Komponenten und Materialien in die richtige Wertschöpfungskette umgeleitet werden, kann eine gesunde Ökonomie im Einklang mit der Natur generiert werden. Regenerative Ökonomie erweitert dieses Konzept der Kreislaufwirtschaft. Während Kreislaufwirtschaft darauf abzielt, Produkte durch einen positiven Entwicklungszyklus auf höchsten Stand zu halten, sieht sich das regenerative System in einem Zyklus laufender Wiedergeburt, Erneuerung und Weiterentwicklung. Dieser Übergang zu einer regenerativen Wirtschaft bedeutet eine Verschiebung hin zu einer ökologischen Weltanschauung, in der die Natur das Vorbild ist. REGENERATIVE NACHHALTIGKEIT KOMPAKT Der Dialog über Rahmenbedingungen, Zielsetzungen und Konzepte zur praktischen Umsetzung einer restaurativen oder regenerativen Nachhaltigkeitsagenda steht nach diesem ersten Jahr des intensiven theoretischen Diskurses weiterhin am Beginn. In der eben fertiggestellten Broschüre „Sustainability, Restorative to Regenerative“ sind die hier vorgestellten theoretischen Konzepte umfassend dokumentiert und stehen zur Nachlese und zur Weiterführung des Diskussionsprozesses bereit. Brown, M., Haselsteiner, E., Apró, D., Kopeva, D., Luca, E., Pulkkinen, K., Vula Rizvanolli, B., (Eds.),: Sustainability, Restorative to Regenerative. (2018) COST Action CA16114 RESTORE, Working Group One Report: Restorative Sustainability. www.eurestore.eu

LES EZ EI C HEN Joost Meuwissen Zur Architektur des Wohnens Herausgegeben von der Fakultät für Architektur der Technischen Universität Graz. Überarbeitete Neuausgabe. Broschiert. 264 Seiten, 236 SW-Abbildungen. ISBN 978-303860-095-4 Deutsch

Was bleibt „Zur Architektur des Wohnens“, das den zweiwöchigen Karlsruher Vorlesungszy­ klus von Joost Meuwissen zwischen Okto­ ber 1992 und Juni 1993 wiedergibt, ist keine einfache Präsentation verschiedener Wohn­ hausarchitekturen. Meuwissen legte dar­ in vielmehr dar, wie Wohnhäuser überhaupt als Teil der Stadt entstanden sind und die­ se architektonisch geformt haben und umge­ kehrt. Auf fast poetische Art, mit vielen Fotos, Zeichnungen und persönlichen Handskiz­ zen, spannt er den Bogen vom Entstehen des Wohnens als Bautypus in der Antike bis in die 1990er Jahre und prüft damit indirekt das architekturgeschichtliche Wissen des in­ teressierten Lesers. Was von diesem nie­ derländischen Architekten, Stadtplaner und Architekturkritiker bleibt, ist ein Lesebuch, dessen Inhalte an Aktualität nichts einge­ büßt haben und das uns als praktizierende und lehrende Architekten und Stadtplaner, aber auch als wissensdurstige Studenten anspornt, nach den Inhalten von Architek­ tur zu forschen und der Frage nachzugehen, wie Inhalte in der Architektur überhaupt zu­ stande kommen. Das Lesen der Texte macht aber vor allem neugierig darauf zu erfahren, was Meuwissen während seiner 21-jährigen Arbeit in Österreich, als Städtebauprofessor an der TU-Graz oder Professor an der Aka­ demie der Bildenden Künste in Wien, alles gelehrt hat. M I C H A E L KO L L E R

Ákos Morawánsky Stoffwechsel. ­Materialverwandlung in der Architektur Birkhäuser, Basel 2018; ISBN 978-3-0356-1018-5

Materialgeschichten In zehn dichten, reich illustrierten Kapiteln breitet Ákos Morawánsky die Theorie des Stoffwechsels aus, die Gottfried Semper im 19. Jahrhundert zum zentralen Element ei­ ner praktischen Ästhetik erhoben hatte. For­ men, die ursprünglich eng mit der Bearbei­ tungstechnik eines Materials verbunden waren, seien später auf andere Stoffe über­ tragen worden, als exemplarisches Beispiel führt Semper in seinem Hauptwerk „Der Stil in den technischen und tektonischen Küns­ ten“ bekanntermaßen den „Holzstil“ an, der nach und nach in den „Steinstil“ eingeflossen sei. Anhand der „alchemistischen Trans­ formation“ des Materials bzw. der Materi­ alität in der Architektur geht ­Morawánsky – ein profunder Kenner von Sempers Schrif­ ten – den zahlreichen Verästelungen und Missverständnissen, aber auch Potenzialen nach, die das Konzept des Stoffwechsels im 20. und 21. Jahrhundert für die Architektur­ praxis bereithält. Durch schlüssige Verwei­ se auf jüngere bzw. zeitgenössische Beispiele – in bewährter alphabetischer Zwangsläu­ figkeit wird der Bogen von Aalto bis Zumthor geschlagen – gelingt es, den spröden histori­ schen Stoff aus der Vergangenheit in die Ge­ genwart zu transformieren. Wer sich von den „Stoffen der Natur“ (Kap. 3) bis zum „Prin­ zip der Bekleidung“ (Kap. 8) vorgetastet hat, wird in den beiden letzten Abschnitten „Affen der Stoffe“ und „Immaterialität und Formlo­ sigkeit“ mit besonders eindrücklichen Bei­ spielen eines Materials ohne Eigenschaften belohnt.  GABRIELE KAISER


28. MAI #05/2018 

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Die Unbefangenheit A BS TAN D I S T UN VERZ I CH TBAR  Die Preisrichter müssen im Architekturwettbewerb unabhängig und unbefangen sein, was unvermeidlich die Frage nach dem „wovon“ nach sich zieht. Da die Notfallroutinen inkomplett sind: Jedes Preisgericht hat präventiv dafür zu sorgen, dass es nicht an fehlender Distanznahme scheitert. Eine Grenzziehung. V O N W A LT E R M . C H R A M O S TA

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ie Unbefangenheit und die Unabhängigkeit der Preisrichter sind für den Architekturwettbewerb von höchster Bedeutung. Nur wenn sichergestellt werden kann, dass im Preisgericht jenes Mindestmaß an Unvoreingenommenheit herrscht, das es erlaubt, die Wettbewerbsarbeiten im Sinn der Wettbewerbsordnung zu beurteilen, kann ordnungsgemäß entschieden werden. Die Sphäre der Unvoreingenommenheit wird durch permanente und nicht permanente Sperren gesichert. Permanente, präventive Sperrwirkung müssen dokumentierte Haltungen und Aussagen erzeugen, die dem Wettbewerbsziel prinzipiell entgegenstehen. Vertreter solcher Positionen können nicht Mitglied eines Preisgerichts in einem kontrovers angelegten Architekturwettbewerb sein. Solche Personen wird ein verantwortungsbewusster Auslober gar nicht bestellen – so die konfligierenden Aussagen vor der Konstituierung des Preisgerichts bekannt sind. Die Bestimmungen zur Unbefangenheit im Wettbewerbsstandard Architektur (WSA 2010) sind durchwegs als temporäre, nicht permanente Sperren aufzufassen, die ein bestellter Preisrichter im Fall der Fälle zu beachten hat. § 8 Z 15 WOA zur Geschäftsordnung des Preisgerichts sagt: „Erklärt sich eine Preisrichterin oder ein Preisrichter für befangen in dem Sinne, dass den Vorgangsweisen des Preisgerichts nach § 3 nicht mehr entsprochen werden kann, scheidet diese Person aus dem Preisgericht aus. In diesem Fall ist entsprechend Abs. 14 vorzugehen.“ Und dort ist zu le-

sen: „Bei dauerndem Ausfall einer Preisrichterin bzw. eines Preisrichters tritt, wenn dies möglich ist, das vorgesehene Ersatzmitglied auf Dauer an ihre oder seine Stelle.“ Mit der Einwilligung zur Teilnahme am Preisgericht und der Bestellung durch den Auslober akzeptiert der Preisrichter im kammerkooperierten bzw. nach WOA durchgeführten Verfahren sämtliche Verpflichtungen und Vorgangsweisen, wie sie in § 3 WOA angeführt sind. Dort ist in Z 1 festgelegt: „Durch ihre Tätigkeit bekräftigen die Mitglieder des Preisgerichts, a) dass sie die Bestimmungen der Wettbewerbsordnung vollinhaltlich und vorbehaltlos anerkennen; b) dass ihnen keine Gründe bekannt sind, die ihre Unbefangenheit und Unabhängigkeit beeinträchtigen könnten; c) dass sie ihr Amt sofort zurücklegen werden, wenn – durch welche Umstände auch immer – die Voraussetzungen im Sinne der lit. b nicht mehr vorliegen sollten; d) dass sie im Rahmen der durch die Wettbewerbsordnung und durch die Auslobungsunterlagen festgelegten Bedingungen unabhängig und unbeeinflusst nach bestem Wissen und Gewissen ihr Amt als PreisrichterIn ausüben werden.“ Die Sicherung der Unbefangenheit des Preisgerichts beruht nach WSA auf der Eigenverantwortung und -intitative der Preisrichter. Die moralische Dimension eigenverantwortlicher Berufsausübung ist auch mit der Floskel nach „bestem Wissen und Gewissen“ nochmals deutlich angesprochen. Da in der Preisrichterrolle aber verschiedene Berufe mit unterschiedlichen Ethi-

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ken erscheinen, kommt erstens der bedachten Auswahl der Preisrichter durch den Auslober und zweitens dem Vorsitz bei der aufmerksamen Führung der Sitzungen (im Hinblick auf externe Umstände, die die Unbefangenheit eines Preisrichters beeinträchtigen könnten) besondere Wichtigkeit zu. Wie das Beispiel des Realisierungswettbewerbes „Althan-Quartier, 1090 Wien“ kürzlich gezeigt hat, waren Preisrichter, deren in der Bearbeitungszeit getätigte, in eklatantem Widerspruch zur geltenden Auslobungsunterlage stehende Aussage („Stellungnahme der Bezirksvertretung Alsergrund vom 17. 1. 2018 zum Plan­ entwurf Nr. 8233“) nicht in der Lage, ihre Befangenheit zu erkennen und zurückzutreten. Abgeleitet aus diesem zugegeben seltenen, aber exemplarischen Fall von Störung der Unvoreingenommenheit wird abzuwägen sein, ob eine explizite Ausschlussmöglichkeit von Preisrichtern, die im laufenden Verfahren von der in der konstituierenden Sitzung akkordierten Wettbewerbsunterlage abgehen und damit einen unüberwindlichen Interessenskonflikt erkennen lassen, im WSA zu normieren ist. Anknüpfen könnte man bei § 3 WOA Z 2 wo sich „die PreisrichterInnen verpflichten, dem Preisgericht unverzüglich mitzuteilen, wenn von einer Wettbewerbsteilnehmerin oder einem Wettbewerbsteilnehmer der nachweisliche Versuch unternommen wurde, sie in ihrer Entscheidung zu beeinflussen.“ Preisrichter müssen auch verpflichtet werden, Entscheidungen, die sie außerhalb des Preisge-

richts persönlich (z. B. als Mandatare einer Gebietskörperschaft), verbindlich und öffentlich getroffen haben, und die ihre bisher im Preisgericht vertretene Sachposition konterkarieren, mitzuteilen. Auf Antrag des Vorsitzenden müssten dann die Haupt- und ggf. auch die vom Dissens mitbetroffenen Ersatzpreisrichter aus dem Preisgericht ausgeschlossen werden. Ein passender Nachbestellungsmechanismus wäre einzuführen. Janus­ köpfe argumentierten noch nie für tragfähige Entscheide in Architekturwettbewerben: gedankliche Grenzziehung ist hygienisch unerlässlich.

Welche Empfehlungen sind zur Unbefangenheit im Preisgericht zu geben? 1. Die beste Strategie, im Preisgericht unbefangen beurteilen zu können, ist das durch einstimmigen Beschluss dokumentierte Einverständnis über die Wettbewerbsaufgabe. 2. Die Basis jeder guten Auslobungsunterlage ist eine sorgfältige Wettbewerbsvorbereitung, die sich den Konfliktlagen des Projekts (vor der Auslobung) offensiv stellt. 3. Der Auslober ist gut beraten, spätestens in der konstituierenden Sitzung kritisch zu hinterfragen, ob die Planungsgrundlagen am Wettbewerbsort mit der Wettbewerbsaufgabe vereinbar sind.

Fliesenkleber und Natursteinverlegung Abdichtungen Fugenmassen und Dichtstoffe Galabau und Natursteinverfugung Voranstriche und Haftbrücken Bodenspachtelmassen Bodenbelags- und Parkettklebestoffe Wandspachtelmassen Baustoffe und Estriche

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ARDEXAustria


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ARCHITEKTUR & BAU FORUM

V E R B O R G E N E S C H ÄT Z E

Gefährdete Nachkriegsmoderne

IN KOOPERATION MIT

NIE D ERÖ S T ER REI CH   Bauten der 1950er bis 70er Jahre werden oftmals auf schlechte Dämmwerte und minderwertiges Baumaterial reduziert oder von vielen als ungefällige Architektur empfunden. Es ist höchst an der Zeit, das baukulturelle Erbe der Nachkriegsära in ein neues Licht zu rücken, um ihren Wert für die Gegenwart und Zukunft erkennen zu können. VON MARIA WELZIG

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rechnen, wie es um die Energiebilanz des Gebäudes bei vollständig dichtenden Fenstern bestellt wäre. Das überraschende Ergebnis: Die Bilanz wäre schlechter als im derzeitigen Zustand mit undichten Fenstern (denn man müsste im ersteren Fall kühlen). Die Bilanz: „So schlecht sind diese Bauten energetisch gar nicht.“

ie Veranstaltung „Zur Zukunft der Nachkriegsmoderne“ von ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich führte in eines der Hauptwerke jener Zeit, die jüngst viel publizierte WIFI-Zentrale in St. Pölten von Karl Schwanzer. Auf eine Führung durch den Baukomplex mit dem Hausherrn folgten ein Vortrag von Nott Caviezel, Professor für Denkmalpflege und Bauen im Bestand an der TU Wien, und eine Diskussionsveranstaltung mit dem Vortragenden, den Architekten Karl Langer, Johanna Rainer und Andreas Vass sowie dem Leiter der Abteilung für Inventarisation und Denkmalforschung am BDA, Paul Mahringer. Die Verfasserin moderierte.

FORDERUNG NACH DENKMALSCHUTZ

PLÄDOYER FÜR DIE NACHKRIEGSMODERNE Schon die Besucherzahl zeigte, dass das Inte­ resse an der Thematik mittlerweile groß ist. Die KfZ-Werkstätte der WIFI-Zentrale, in originalem Zustand mit Sichtziegelwänden und Sheddächern, wurde zum stimmungsvollen Veranstaltungssaal umfunktioniert, zeigte im Kleinen, wie offen für Umnutzungen Strukturen jener Zeit sein können. Weder hinsichtlich Denkmalschutz noch in der allgemeinen Wertschätzung ist es um die niederösterreichische Nachkriegsmoderne gut bestellt. Die Veranstaltung war daher auch als Plädoyer für die Bausubstanz jener Zeit gedacht, die von Aufbruch und den Prinzipien des Wohlfahrtsstaates geprägt war. Architektur hatte den Anspruch, das Zusammenleben und die Lebensqualität des Einzelnen zu verbessern. Im Dienst dieses Anspruchs kamen neue städtebauliche Ansätze, Typologien und Bauweisen zur Anwendung. Aufenthaltsqualität, soziale und städtebauliche Qualität bilden wesentliche Kriterien. Ein beträchtlicher Anteil des niederösterreichischen Baubestands jener Zeit sind gemeinnützige Bauten: von Schulen über Bäder und Stadthallen bis zu Reformkirchen. Nur eine verschwindend geringe Anzahl dieser Bauten ist geschützt. Paul Mahringer vom BDA meinte selbst: „Ja, da sind wir in Verzug.“ Da das Denkmalamt für den Schutz der (Nachkriegs-)Moderne offenbar nicht über ausreichende Kapazitäten verfügt, leisten private Aktionsgruppen und Vereine mittlerweile die Grundlagenarbeit: Docomomo Aus­ tria, Bauten in Not, Initiative Denkmalschutz und nicht zuletzt das Architekturnetzwerk ORTE.

LEHRBEISPIELE DES BAUENS Der Veranstaltungsort selbst war das beste Zeugnis für die Qualität der Architektur jener Zeit: Trotz der unterschiedlichsten funktionalen Anforderungen und der enormen Größe des Gebäudekomplexes gelang Karl Schwanzer ein Lehrbeispiel des Bauens für die Bedürfnisse der einzelnen Nutzer und für ein humanes Maß. Um zehn Höfe herum bilden sich überschaubare Einheiten, die jeweils unmittelbaren Zugang zu einem begrünten Außenraum haben. Im Obergeschoß stehen Terrassen mit Pflanztrögen als Pausenräume zur Verfügung. Klarheit in der Orientierung, fließende Übergänge von Innen und Außen, Lichtfülle, handwerkliche Qualität sind hier zu einem Höhepunkt gebracht. Höchste Flexibilität war die Voraussetzung für die Anlage – die Konstruktion aus monolithisch gegossenen Betonteilen ermöglichte bis zu 20 Meter stützenfreie Räume. Die vertikale Ergänzung zur horizontal gelagerten Sichtbeton-Skulptur des Lehr- und Werkstättengebäudes bildete der Internatsturm. Er war ein Orientierungspunkt der Stadt, und seine bauplastischen Qualitäten ließen ihn sogar posthum zur Ikone werden. Am Ende des 20. Jahrhunderts hatte die Wirtschaftskammer den Abriss des fraglos denkmalwürdigen Turmes erwirkt. Der Turm und sein Abriss weisen auf zwei bezeichnende Probleme im Umgang mit der Nachkriegsmoderne hin: die offensichtliche Einflussnahme eines mächtigen Eigentümers via Politik auf das weisungsgebundene Bundesdenkmalamt; die angebliche Unsanierbarkeit von Sichtbe-

Roland Rainer, Parkbad Ternitz, 1950er Jahre, Sprungturm vor der jüngsten Geländersanierung  FOTO: MANFRED SCHIMEK

Karl Schwanzer, WIFI, Internatsturm, St. Pölten, NÖ, 1965–1972, Internatsturm 1999 abge­rissen. 

Denkmalschutz für die wichtigen Bauten der 1950er bis 1970er Jahre ( für das Lehr- und Werkstättengebäude erfolgte er 2014) würde nicht nur deren Erhalt sichern, sondern den allgemeinen Respekt für die Bausubstanz jener Zeit erhöhen. Denn entscheidend für die Zukunft der Nachkriegsmoderne, so der Tenor, ist die Wertschätzung der Eigentümer und Nutzer. Umso wichtiger wäre es, jene vor den Vorhang zu holen, die aus Überzeugung, ja Dankbarkeit für „ihren“ Bau, für die entsprechende Pflege und den Erhalt sorgen, meinte Irene Ott-Reinisch aus dem Pu­blikum. Als Beispiel nannte sie die Schule, die sie selbst besucht und deren Architektur sie nachhaltig geprägt hatte, Josef Lackners paradigmatische Planung für die Ursulinen in Innsbruck.

Karl Schwanzer, WIFI Lehr- und Werkstättengebäude in St. Pölten, 1965–1972, Vorhof  F O T O :

MANFRED SCHIMEK

FOTO: ARCHIV KARL SCHWANZER WIEN

SYMBOLE DER AUFBRUCHSZEIT

Roland Rainer, Turnsaal der Hauptschule Ternitz, 1950er Jahre  F O T O : ton als Argument, das gerne herangezogen wird, um einen Abriss zu erwirken. Die unansehnlichen Rostungen und Aufbrüche sind jedoch sanierbar und bilden kein grundsätzliches statisches Pro­ blem (Karl Langer). So selbstverständlich, wie wir unsere Autos warten, so sollten wir das auch mit unseren Bauten tun (Johanna Rainer). Allein dadurch lassen sich viele gröbere Schäden

MANFRED SCHIMEK

verhindern. Und: Es müssen nicht immer Totalsanierungen sein. Auch kleine Reparaturen reichen oft, auch in Bezug auf das Energieverhalten – dann messen, schauen, was funktioniert. „Wir sind im 21. Jahrhundert eine Reparaturgesellschaft“, zitierte Caviezel den Kunsthistoriker Wilfried Lipp. Aufschlussreich war eine Erzählung des WIFI-Institutsleiters: Der Eigentümer ließ er-

Neben dem leichtfertigen Abriss und den enorm gestiegenen Bau- und Sicherheitsauflagen ist es letztlich das (Sanierungs-)Angebot der Baumarkt-Industrie, welches das größte Problem für die Zukunft der Nachkriegsmoderne darstellt ­(Veronika Vogelauer aus dem Publikum). Über die am Baumarkt-Angebot geschulte Ästhetik mokierte sich schon Roland Rainer: „Die Leute wollen, dass es ‚neich‘ ausschaut.“ Der neben Schwanzer bedeutendste österreichische Architekt der Nachkriegsmoderne plante für die Stadtgemeinde Ternitz, die in den 1950er und 1960er Jahren baulich in ihre Zukunft investierte, Hauptschule, Stadthalle, Siedlung und Parkbad. Der Sprungturm im Bad aus Sichtbeton ist ein Symbol jener Aufbruchszeit. Die Sicherheitsauflagen ließen jüngst aus den ursprünglich filigranen Geländern „Schutzwände“ werden. Immerhin, der Turm blieb bestehen. Der Turnsaal-Bau der Ternitzer Hauptschule ist mittlerweile für die heutigen Anforderungen zu klein geworden. Mit seiner hohen Raumqualität, der sichtbaren Holzkonstruktion und der erstaunlich guten Akustik würde sich der Saal jedoch auch für andere Funktionen eignen und könnte ein Beispiel für eine gelungene Umnutzung sein. Der Beschluss für seinen Abriss in diesem Sommer ist jedoch gefallen.


A R C H I T E K T U R TA G E 2 0 1 8

28. MAI #05/2018 

Architektur bewegt A RC H I T E K T U R & BAU K U LT U R Am 8. und 9. Juni finden in ganz Österreich und über die Grenzen hinaus bereits zum neunten Mal die Architekturtage statt, die größte biennale Veranstaltung für Architektur und Baukultur. Unter dem Motto „Architektur bewegt“ liegt der Fokus heuer auf Architektur in Film und Bewegtbild. Damit sollen dem interessierten Publikum die vielschichtigen Aspekte und Inhaltsebenen von Architektur nähergebracht werden. Die Architekturtage zeigen nicht nur die Vielfältigkeit der österreichischen Regionen und ihrer spezifischen Architekturlandschaften, sondern auch die große Bandbreite, mit der Architektur im Alltag zu bewegen vermag. In ganz Österreich finden Filmscreenings statt, die das Wechselspiel zwischen Architektur und Film in den Blick nehmen. Die Bandbreite der gezeigten Arbeiten reicht dabei von Experimentalfilmen über Dokumentationen zu ausgewählten architektonischen Themen oder bemerkenswerten Architekten hin zu Spielfilmen, bei denen Architektur als Inhalt und/oder dominierendes Setting präsent ist. Neben den Filmscreenings tragen Gespräche mit Architektur- und Filmschaffenden, kreative Interventionen und Performances, geführte Stadtspaziergänge und Touren zu einem umfassenden Architekturerlebnis bei, welches durch eigene Programmpunkte für Familien, Kinder und Jugendliche abgerundet wird. Im Rahmen von „Zu Gast bei …“ öffnen Architekten auch heuer wieder in ganz Österreich ihre Ateliers, Baustellen und Gebäude und geben Einblick in ihre Arbeit.  VON REDAKTION

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KÄRNTEN

Besucher können die Stadt Klagenfurt auf eine ganz besondere Weise erleben, denn sie liegt ihnen zu Füßen. Für dieses Projekt wird der Fußboden im Architektur Haus Kärnten mit hochauflösenden Orthophotos im Maßstab 1:500 überzogen und kann zudem mit einer 3D-Brille erfahren werden. Parallel dazu lädt das Architektur Haus Kärnten auch zu drei Spaziergängen an der frischen Luft, um die Baukultur der Landeshauptstadt hautnah zu erleben. Bei einer Tour können Kinder städtische Freiräume als Spielräume erleben, eine weitere bietet Einblick in das südliche Flair mit Arkadenhöfen, und die dritte Tour schärft den Blick für neue Architektur in der historischen Altstadt. Und auch das Feiern kommt nicht zu kurz – bei Lichtinstallation und Performance.  Architektur Haus Kärnten  F O T O : G E R H A R D M A U R E R

BURGENLAND

Am Samstag, den 9. Juni werden in Mattersburg die stadtplanerischen Folgen von Shopping Citys mit dem Architekten Klaus-Jürgen Bauer und dem Landschaftsarchitekten Heinz Gerbl im Rahmen einer Führung diskutiert. Filmvorführungen in der Raumburgenland Galerie Contemporary werfen einen Blick über die Grenzen und stellen in Filmessays die Städte Kapuvar in Ungarn und Galanta in der Slowakei vor. Kleinstädte, die mit ähnlichen Problemen wie in Österreich zu kämpfen haben – Leerstände und Verödungen in den Ortskernen. Und auch das Werk von Bogdan Bogdanovich wird filmisch in das öffentliche Bewusstsein geholt. Hotel Hansa, Kapuvar  F O T O : R A I N E R S C H O D I T S C H P H O T O G R A P H Y

NIEDERÖSTERREICH

Das von ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich kuratierte Architekturtage-­ Programm konzentriert sich auf Krems und setzt dabei ganz auf das Medium Film: Im Kino im Kesselhaus wird am Freitag zum langen Abend des Architekturfilms geladen, der seine Fortsetzung am nächsten Tag in einer Architekturfilm-Matinee findet und mit einem Videowalk im Kremser Stadtpark am Samstagnachmittag abgeschlossen wird. Zehn Filme, von Kurzfilm- bis Spielfilmlänge, porträtieren die Baukultur prägende Persönlichkeiten und Meilensteine aus deren Oeuvre aus unterschiedlichen Perspektiven. Zu sehen sind u. a. „Die Böhms – Architektur einer Familie“, die Reportage „Sechs Architekten vom Schillerplatz“ und „Zaha Hadid – Gebaute Visionen“ über eine der innovativsten Entwerferinnen unserer Zeit. Fotomontage  F O T O : O R T E A R C H I T E K T U R N E T Z W E R K N I E D E R Ö S T E R R E I C H

OBERÖSTERREICH

In Oberösterreich werden die Architekturtage mit dem Architekturfrühling in Haslach an der Mühl eingeläutet. Das regionale Festival rund um Architektur, Baukultur und Ortsentwicklung findet heuer bereits zum zwanzigsten Mal statt. Weitere Veranstaltungsorte sind Ried im Innkreis, wo man sich mit dem Thema Leerstand beschäftigt, Wels, wo der ehemalige Lokalbahnhof im Zentrum steht, der in den nächsten Jahren zum urbanen Quartier werden soll, sowie Linz und Leonding. Mit der One Hour Gallery vor dem afo architekturforum oberösterreich, dem gemächlich rotierenden Galerieraum eines tschechischen Künstlerkollektivs, werden gewohnte Verhältnisse von Raum und Bewegung verdreht. Zudem erschafft das Cine Traktori, ein rollendes Pop-up-Lichtspielhaus, Kino dort, wo es sonst nicht ist.  Architekturspaziergang 2016  F O T O : P E T R A M O S E R

STEIERMARK

In Graz gibt es Filme über Architektur, Stadt und Menschen an ungewöhnlichen Orten zu sehen. Drinnen und draußen, oben und unten, früh und spät. Der Film „The Competition“ über Jean Nouvel, Frank Gehry, Dominique Perrault, Zaha Hadid und Norman Foster wird am Freitag in der Kammer der ZiviltechnikerInnen gezeigt. In der Contipark-Tiefgarage gibt es ein spannendes Kurzfilmprogramm. Die Doku über New Yorks berühmte Stadtaktivistin Jane Jacobs wird im Forum Stadtpark zu sehen sein. Am Samstag lädt die TU Graz dann zum Filmbrunch mit dem legendären Filmklassiker „Mon Oncle“ von Jacques Tati. Weitere Filmprogramme gibt es im Dachgeschoß von Kastner & Öhler, im Grazer Stadtpark kombiniert mit einem Rundgang zum Thema „Architektur. Wozu?“ und an der Universität Maribor. Und mit einem Fest im HDA wird zusammen mit den Architekturtagen auch der Architektur/ Sommer eröffnet. Filmstill aus Jacques Tati: Mon Oncle  F O T O : L E S F I L M S D E M O N O N C L E

TIROL

In Tirol konzentriert sich das Programm auf das Innsbrucker Hauptbahnhofareal. Ein Gebiet inmitten der Stadt, seit Jahren Projektionsfläche von Politik und Verwaltung, aber weitgehend unbekannt in der öffentlichen Wahrnehmung. Dieser Raum im Zentrum der Stadt wird über ein vielfältiges Programm im Rahmen der Architekturtage in das öffentliche Bewusstsein geholt und damit die vorhandenen Qualitäten dieses Areals sichtbar gemacht. Zentraler Veranstaltungsort ist die denkmalgeschützte Remise. Spaziergänge und Führungen durch das Areal, eine davon von Kindern für Kinder, ein Film zur Stadtaktivistin Jane Jacobs sowie ein interaktives LiveFilm-Remix-Konzert von Timo Novotny mit dem Film „Trains of Thoughts“ (Musik: Sofa Surfers) in der Remise ergänzen das von aut. architektur und tirol gestaltete Programm.  Rundlockschuppen der ­Remise am ­Bahnhofsareal Innsbruck  F O T O : A U T. A R C H I T E K T U R U N D T I R O L

SALZBURG

Das Salzburger Programm findet im zukünftigen Architekturhaus statt, wobei über Videoschaltungen auch andere Regionen einbezogen werden. Im Film „Die Zukunft ist besser als ihr Ruf“ werden Menschen porträtiert, die etwas bewegen und den Lauf der Dinge selber mitgestalten. Und die Dokumentation „­ Urbanized“ stellt Visionen für die Zukunft unserer Städte vor. Am Freitag zieht Walter Angonese – seit 2012 Mitglied und seit 2015 Vorsitzender des Gestaltungsbeirats der Stadt Salzburg – in dem Vortrag „Üble Nachrede“ Bilanz. Dass diese nicht nur schmeichelhaft ausfallen wird, verspricht bereits der Titel. Am Samstag lädt die Initiative Architektur zum Frühstück mit Film-Matinee. Gezeigt werden: „Il Girasole – Una casa vicino a Verona“ von Christoph Schaub, „Aus dem Auge“ von Matthias Zuder und „Moving Midway“ von Godfrey Cheshire. Architekturhaus Salzburg  F O T O : S A B I N E B R U C K N E R

VORARLBERG

Die Vorarlberger Architekturtage haben heuer ihren Schwerpunkt in der Stadt Bludenz. Dort ist der Wanderkiosk am ehemaligen „Schmidt’s Erben-Areal“ Freitag und Samstag modularer Freiraum, wunderbarer Leerstand und füllbar mit Leben. Der Wander­kiosk ist Haltestelle, Sammelplatz, Treffpunkt, Musikzimmer, Werkstatt, Atelier und Stammtisch. Mit Kassettinger, ­Bialetti und Kola­kracher, Meisterwurz, Preblauer und Keksen. Ein Treffpunkt zum Verweilen und Ausgangspunkt für Spaziergänge. Alte und gelb angemalte Stühle werden als temporäres Mobiliar in der Stadt verteilt, dienen als Blickfang, laden zum Verweilen ein und symbolisieren Partizipation und Aufwertung des Stadtraums. Den Abschluss bildet die Eröffnung der Ausstellung ­„Making of – Austrian Pavilion | La Biennale di Venezia 2018“ im vai Vorarlberger Architektur Institut in Dornbirn. Spurensuche  F O T O : D A R KO T O D O R O V I C

WIEN

Das Umspannwerk Favoriten von Eugen Kastner und Fritz Waage (1931) wird am Freitag für die Besucher der Architekturtage geöffnet und ist architektonisch eindrucksvoller Veranstaltungsort eines speziell konzipierten Filmprogramms sowie Vorträgen zu Raumfahrt, Weltall, Elektrizität u. v. m. Am Samstag können im ­ÖGFA-Vereinslokal in der Liechtensteinstraße mit den Vorstandsmitgliedern aktuelle Themen der Architektur und Stadtplanung diskutiert werden. Die einzigartige Theaterperformance von Kud Ljud aus Ljubljana startet um 11 Uhr und führt im Anschluss über Straßen und Plätze des 9. Bezirks. Vielfältige Partnerveranstaltungen ergänzen das Programm: Grätzeltouren, ein Departure-Talk zu „Digitalen Realitäten“, eine Bustour des Architekturzentrum Wien sowie das Architekturfest „best of HERZBLUT“. Umspannwerk Favoriten, Sonderdruck  F O T O : B R O W N B O V E R I


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ARCHITEKTUR & BAU FORUM

B A U Z U S TA N D : N E U B A U L A N D E S G A L E R I E N I E D E R Ö S T E R R E I C H , K R E M S - S T E I N

FOTO S : LOX P I X RENDERING: MARTE .MARTE ARCHITECTS PL ÄNE: MARTE .MARTE ARCHITECTS

Tänzerische Skulptur als neue Landmark MUSE UM S N EUBAU  So bezeichnete die Juryvorsitzende Elke Delugan-Meissl den sich um die eigene Achse drehenden Monolith, der den Stadtraum im UNESCOWeltkulturerbegebiet Wachau neu choreografiert. Das neue Museum wird ab dem Frühjahr 2019 termingerecht die Kunstmeile Krems als weitere Attraktion bereichern. V O N B R I G I TT E G R O I H O F E R

D

ie Entscheidung der Kulturverantwortlichen, die bildende Kunst des Landes in Krems zu zentrieren, machte einen Neubau notwendig. Eine Weiterentwicklung und Akzentuierung der bestehenden Kunstmeile Krems, für die dieser Portal- und Verteilfunktionen übernehmen wird, war daher nur logisch. Das Grundstück war vorhanden, wenngleich der Blick zwischen der architektonisch anspruchsvollen Schifffahrtsanlegestelle und dem neuen Standort von einem hässlichen Gewerbebetrieb und einer Tankstelle beleidigt wird. Stein ist Teil der Stadt Krems, 995 erstmals urkundlich erwähnt, zählt es zu den ältesten Städten des Landes, ist Tor zur Wachau und UNESCO Weltkulturerbe. Das erfordert einen sensiblen Umgang mit dem Bestand, und ICOMOS war von Beginn an in den 2014 ausgeschriebenen Wettbewerb eingebunden. In der Ausschreibung war neben 3.250 Quadratmetern Ausstellungsflächen, Depots, Büros und Gastronomie auch die Verortung und Verklammerung mit den umliegenden Häusern, wie dem Karikaturmuseum (Gustav Peichl), der Kunsthalle (­ Adolf K ­ rischanitz) sowie den anderen Kunstanbietern auf dem A ­ real – dem Eybl-Gebäude mit der Artothek, der Zen­ trale des Architekturnetzwerkes ORTE, dem Forum Frohner, dem Minoritenplatz in Stein und etwas weiter weg mit der Dominikanerkirche in Krems – gewünscht. Um die geforderten Flächen unterzubringen, kamen alle acht vom Preisgericht ausgewählten Bewerber der 2. Stufe zum Ergebnis eher monolithischer Volumen. Die hochkarätige Jury des in Kooperation mit der Kammer ausgelobten Realisierungswettbewerbs wählte einstimmig den Entwurf der Architekten Marte.Marte aus Vorarlberg.

FIGURA SERPENTINATA Bernhard Marte hat sich, wie er sagt, in der Auseinandersetzung mit dem Thema sehr stark mit dem Ort beschäftigt. Die Möglichkeit, das Museum über einen Steg von der Donau herauf über die beiden Kreisverkehre hinweg zu erschließen, erschien ihm ein für diese Gegend zu urbanes Zeichen. Daher richtete das Architektenduo den Baukörper so aus, dass dieser sich zur Donau hin orientiert und die dort ankommenden Besucher mit einer Art großzügiger Geste empfängt. In einer sensiblen Reaktion auf die Umgebung dreht sich der Monolith, schraubt sich wellenförmig in

die Höhe. Dieses Motiv, das wir aus der Kunstgeschichte kennen, die „figura serpentinata“, die manieristische Geste des Bildhauers G ­ iovanni ­Bologna, genannt Giambologna (1529–1608), führt den Betrachter um die Figur, hier um die Architektur herum. Die zur Stadt westlich ausgerichtete Erdgeschoßzone windet sich in einer nach oben hin akzentuierten Drehbewegung südlich in Richtung Donau. Laut Bernhard Marte ein Versuch, die Herkunft der durchaus nüchternen Vor­ arlberger Formensprache aufzubrechen, ihr ein dynamisches Element hinzuzufügen, wenngleich die gewählte Form, ein gedrehter Würfel, eher einfach erscheint. Durch die Drehung und gleichzeitige Verschlankung nach oben hin entstand im obersten Geschoß eine 110 Quadratmeter große Terrasse mit Blick zur Donau und zum Stift Göttweig. Ein dreieckiges, drei Meter breites Fenster gibt für die Besucher einen spektakulären Blick über die mittelalterliche Altstadt von Stein frei. Spannung erhält der Baukörper sowohl durch die Drehung als auch durch die Verjüngung nach oben hin, nämlich von 33 x 33 Metern im Erdgeschoß auf 30 x 30 Meter, also drei Meter weniger im Obergeschoß. Durch die Drehung wird der Bau auch wie ein Passstück in die Umgebung eingefügt. Er weicht vom nebenan liegenden Karikaturmuseum etwas zurück, lässt diesem Raum. Auf der gegenüberliegenden Seite definiert er nicht zufällig die Lotrechte, jene Ecke, an der die ­Steiner Landstraße und die Doktor-Karl-Dorrek-­ Straße aufeinandertreffen.

MATERIAL, FASSADE, KONSTRUKTION Der aus Beton gefertigte Baukörper verzichtet auf Sichtbetonelemente. Sichtbar bleibt dieser ausschließlich in den beiden ineinander verschlungenen Treppenhäusern. Der gesamte Innenbereich wird weiß gestrichen und mit einfachen Holzböden aus acht Millimeter Esche ausgelegt. Die Architekten wählten für die Gebäudehülle 7.200 silbergraue Titan-Zinkschindeln, sowohl aus pragmatischen als auch aus praktischen Gründen. Zink, ein sehr widerstandsfähiges und dauerhaftes Material, wurde aufgrund der guten Verformbarkeit und guten Energiebilanz gewählt. Es setzt Patina an, die wie eine Schutzschicht wirkt und eine wartungsfreie Oberfläche bildet. Angebracht werden die Zinkschindeln in Blöcken jeweils Stockwerk für Stockwerk, von oben beginnend. Die Schindeln sind nicht nur das ideale


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B A U E N 15

PROJE KT DAT E N Landesgalerie Niederösterreich Krems Stein

Bauherr ARTES Grundstücksvermietung GmbH Auftraggeber Amt der NÖ Landesregierung: Abteilung Gebäudeverwaltung und Abteilung Kunst und Kultur Architekturbüro marte.marte architects, Projektleitung Alexandra Grups Projektsteuerung HYPO NOE Real Consult GmbH, Michael Weiß Statik M+G Ingenieure, DI Gelehr ZT GmbH Fassadenplanung KuB Fassadentechnik ÖBA/GNOE_Neubau TDC ZT GmbH Planung TGA & ÖBA TGA/GNOE_Neubau Haustechnik Dick + Harner GmbH, TB Herbst – Planbüro für Elektrosysteme Ausführende Firma Bau DYWIDAG GmbH Glasfassade SFL technologies GmbH Blechfassade Heinrich Renner GmbH Trockenbau Baierl & Demmelhuber ­Innenausbau GmbH Estrichlegearbeiten Spoma Parkett und Ausbau GmbH Ausführende Firmen – TGA Klenk & Meder, Bacon Gebäudetechnik, Ledermüller Installationen Betreiber Kunstmeile Krems Betriebs GmbH

Rendering Landesgalerie Niederösterreich 

Querschnitt

Grundriss und Lageplan Material mit der nötigen Dachqualität, sondern denken optisch auch die Ziegelstruktur der Dächer von Stein weiter. Wichtig war den Architekten, dass die Zinkschindel nicht glänzen, weshalb sie vorbehandelt und geätzt wurden. Sie sollen nur sanft seidenmatt schimmern. Die Zinkfassade als alles überspannende Membran verleiht dem Gebäude eine gewisse Leichtigkeit. Der im Moment noch monumentale Eindruck wird sich auch verändern, sobald die Glasbögen im Erdgeschoß fertiggestellt sein werden. Diese sind eine technische Meisterleistung, eine Sonderschalung aus zweifach verkrümmten, sphärischen Scheiben, die – so der Wunsch der Architekten – dem Gebäude eine zusätzliche tänzerische Transparenz und Dynamik sichern werden. Letztlich wird jeder Quadratzentimeter Fassade unterschiedlich konfiguriert sein. Eine konstruktive Herausforderung war die gekrümmte Fläche allemal. Die Kraftableitung erfolgt über die gekrümmten Außenwände, wird gesammelt, gebündelt und über vier Eckpunkte mittels massiven, raumhohen Stützen mit 2,50 x 2,50 Metern Durchmesser im Untergeschoß abgeleitet.

DIE AUSSTELLUNGSRÄUME Das Gebäude besteht aus fünf Geschoßen. Einem Untergeschoß, der verglasten Erdgeschoßzone mit Eingangsbereich, Shop, Gastronomie und einem 315 Quadratmeter großen Ausstellungsraum und drei Obergeschoßen. Diese sind völlig stützenfrei, die Ausstellungsräume im ersten Obergeschoß mit 750, im zweiten Obergeschoß mit 700 Quadratmetern sind fensterlos. Das dritte Obergeschoß hat 445 Quadratmeter Ausstellungsfläche plus die Aussichtsterrasse und mit dem bereits erwähnten Dreieckfenster. Es gibt keine gerade Wand, was den Ausstellungsgestaltern einiges Kopfzerbrechen bereitet. Man darf gespannt der Hängung der Exponate entgegenblicken. Zu den ursprünglich geplanten Ausstel-

lungsräumen kam in der überaus positiven Stimmung zwischen künftigen Nutzern, Auftraggebern und Architekten im Planungsprozess noch eine weitere Idee zur Realisierung: Die unterirdische Verbindung zwischen Kunsthalle und Museum wird nun nicht als bloßer Verbindungsgang geführt, sondern zu einer 715 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche verbreitert. Übrigens dem einzigen Ausstellungsraum mit geraden Wänden. Der so entstandene Ausstellungsgang mündet in einem von Marte.Marte geplanten Pavillon vor der Kunsthalle, in den man vom Gang aus hinaufsteigt. Diese „U“-Form – neues Museum, unterirdischer Ausstellungsgang, Kunsthalle Krems – ermöglicht den Besuchern die Wahl entweder beide Häuser in einem Rundgang oder aber jeweils einzeln zu besichtigen. Tickets kann man sowohl im Foyer des neuen Museums als auch im Pavillon vor der Kunsthalle kaufen. Zusätzlich behalten beide Häuser ihre Unabhängigkeit, Identität und Adresse. Die Säle ohne Tageslicht erfüllen, so Direktor Christian Bauer „die härtesten konservatorischen Anforderungen der Welt und erfüllen klimatisch höchste Standards. Die kleinen Tageslicht­säle dagegen nehmen den Dialog mit dem Außenraum auf. Dort arbeiten wir nun daran, auch diese so abschotten zu können, dass dort Werke aus der Tate Gallery oder dem MoMa gezeigt werden könnten. Und die gekrümmten Wände sind natürlich eine Challenge für die Ausstellungsgestalter. Doch Normalität, die Besucher meist eher langweilt, wollten wir nicht. Wir haben uns intensiv mit existierenden Beispielen, wie dem Kunsthaus Graz beschäftigt und mit Experten beraten und – so denke ich – eine gute Lösung gefunden.“ Vorbildhaft werden mit den festgelegten 35 Millionen Euro Baukosten der finanzielle Rahmen ebenso wie der Terminplan eingehalten. Das Museum wird im 1. Halbjahr 2019 eröffnet.

Konstruktionsart Stahlbetonskelettbau mit tragendem Kern Grundstücksfläche 2.500 m² Grundrissfläche Kubus ca. 30 x 30 m Höhe des Kubus ca. 24 m Gebäudehülle mehrschalige, hoch­ gedämmte Fassade mit ­Titan-Zinkschindeln Ausstellungsfläche ca. 3.000 m² Anzahl der Geschoße Kellergeschoß mit Durchgang zur Kunsthalle Krems, Erdgeschoß (mit Shop und Gastronomie), drei Obergeschoße Erschließung 2 Stiegenhäuser in einem Kern mit ca. 176 Stufen vom Keller auf die Dachterrasse 1 Personenlift und 1 Lastenlift

ARCHIT E KT E N MARTE.MARTE ARCHITECTS Bernhard Marte, geb. 1966 in Dornbirn, Vorarlberg Stefan Marte, geb. 1967 in Dornbirn, Vorarlberg Die Brüder Bernhard und Stefan Marte absolvierten ihr Architekturstudium an der Technischen Universität in Innsbruck. 1993 erfolgte die Gründung des gemeinsamen Büros in Weiler, Vorarlberg. Beide engagierten sich im Vorstand der ZV der Architekten Vorarlbergs. Stefan Marte ist seit 2005 Präsident des VAI, Vorarlberger Architektur Institut. Neben einer Vielzahl an eigenwilligen Privatbauten können Marte.Marte auf eine beachtliche Reihe preisgekrönter Bauwerke im Bereich Kultur, Bildung, Infrastruktur und Gesundheit verweisen. Ihre Entwürfe sind geprägt von rigider Abstraktion, Reduktion und untrüglichem Verständnis für den jeweiligen Ort. Zahlreiche Wettbewerbserfolge und internationale Auszeichnungen belegen den Stellenwert des Büros mit zurzeit rund 30 Mitarbeitern. Sie gewannen zahlreiche Preise, u. a. 2004 den Österreichischen Staats­preis für Architektur, 2006 den Österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit, 2014 den German Design Award sowie zahlreiche Bauherrenpreise. 2016 waren sie als einziges österreichisches Architekturbüro mit einem Einzelbeitrag in der zentralen Ausstellung der Architekturbiennale Venedig vertreten. Projekte in Bearbeitung (Auswahl): Landesgalerie Niederösterreich, Krems; Museum Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, Berlin; Messehallen 9–12, Dornbirn; Pädagogische Hochschule Niederösterreich, Baden Bauten (Auswahl): Diözesanmuseum Kärnten, Freisach, 2010/11; Schaufelschluchtbrücke Ebnit, Dornbirn, 2011/2012; Schutzhütte im Laternsertal, 2010/2012; Sonderpädagogisches Zentrum, Dornbirn, 2008/2011; Schulzentrum Grieskirchen, 2003/2011; Aflenz-Brücke, Lorüns, 2009/2010; Landessonderschule Mariatal, Kramsach, 2003/2007, Pathologie Landeskrankenhaus, Feldkirch, 2003/2007

Architektur & Bau FORUM TREFFPUNKT BAUZUSTAND Landesgalerie Niederösterreich Franz-Zeller-Platz 3, 3500 Krems an der Donau 27. Juni, 11.00 Uhr Parkmöglichkeit: Parkdeck Kunstmeile Krems Begrenzte Teilnehmerzahl, Anmeldung erforderlich: 

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FORUM KOMMUNAL

Seiersberg Süd, Region Graz-Süd, ein dynamischer Wirtschafts- und Siedlungsraum, der in eindrucksvoller Weise vom fossilen System geprägt ist.  F O T O :

T O R N Q U I S T. F I E D L E R

Broadacre City 2.0 Z U R Q UA L I TÄT D ES RAUM ES  Bis zum Jahr 2050 müssen nach dem Klimaabkommen von Paris 95 Prozent der Treibhausgasemissionen ersetzt werden. Schon 2020 – also übernächstes Jahr – soll eine Reduktion von 20 Prozent erreicht sein. Diese Vorgabe verlangt einiges an Innovation. Während Technik und Wirtschaft auf die Herausforderungen der post-fossilen Transformation mit technologischen Entwicklungen durchaus konstruktiv reagieren, wird die Frage der räumlichen Innovation in der öffentlichen Diskussion möglichst vermieden. VON JOHANNES FIEDLER

K

ann man mit den aktuellen baulichen Formaten einfach weitermachen? Wie sieht die Straße der Zukunft aus? Was wird aus den Einfamilienhausgebieten? Gibt es eine post-fossile Shopping-City? Der Eindruck, den jener gebaute Raum vermittelt, der sich in unserem Land außerhalb der historischen Stadtgebiete breitgemacht hat, und der sich entlang der Straßen bis in die Alpentäler erstreckt, ist der einer suburbanen Gesellschaft, die mit ihrem Verkehr und ihrem Konsum weder Vergangenheit noch Zukunft zu kennen scheint. Munter werden stets neue Umfahrungsstraßen, Kreisverkehre und Autobahnspangen gebaut, die ihrerseits Einkaufsmärkte und Gewerbehallen zum Sprießen bringen. Den Humus für diese Entwicklung bildet die allgegenwärtige Population der Einfamilienhäuser. Rastlos zirkulieren die Konsumenten in ihren Fahrzeugen durch diesen artifiziellen, aber noch nicht kultivierten Raum. Es ist eine viel zu wenig beachtete Tatsache, dass der Raum, wie er von Bewohnern wahrgenommen wird, mit seinen Korridoren, die sich dauerhaft in die Psychogeografie einschreiben, einhergehend mit der Einschätzung der örtlichen und regionalen Zusammenhänge, in hohem Maß verhaltensprägend ist. Nicht nur bei den biografischen Entscheidungen über Wohnort, Arbeitsstandort und Lebensmodell spielt die räumliche Wahrnehmung eine entscheidende Rolle, sondern auch im alltäglichen Verhalten. Wie die Straße vor dem Haus aussieht, entscheidet darüber, ob man sich überhaupt vorstellen kann, zu Fuß zu gehen oder ein öffentliches Verkehrsmittel zu nutzen. Ob man gewillt ist, das Auto stehen zu lassen, hängt nicht allein davon ab, wie weit man gehen muss, sondern auch von der Qualität des Raumes, vom Charakter der Bebauung, von den vielen sozialen Faktoren, die über die Architektur und über die Gestaltung der Freiräume vermittelt werden.

ZUR POST-FOSSILEN ZUKUNFT Wenn es um die Gestaltung einer post-fossilen Zukunft geht, kann man sich nicht allein darauf verlassen, dass technologische Entwicklungen wie E-Mobilität und Digitalisierung den notwendigen Klimaeffekt hervorbringen werden. Wenn die Trendwende in Richtung CO2-Reduktion und Nachhaltigkeit funktionieren soll, dann muss sich auch die räumliche Struktur in einer Weise ändern, dass sie die Verhaltensänderung unterstützt und letztlich eine höhere Raumqualität, einen nachhaltigen Maßstab, generiert. Es geht nicht darum, Wachstum zu bremsen, sondern um die Verlagerung von quantitativem zu qualitativem Wachstum. Wie dieser neue, post-fossile Raum aussehen und funktionieren könnte, damit befasst sich derzeit das Programm Broadacre City 2.0, dessen Ergebnisse ab Ende Juni im kunsthaus muerz zu sehen sein werden. Ausgehend von der Stadtvision von Frank Lloyd Wright von 1935, in der dieser die Verbindung aus Demokratie und Autoverkehr architektonisch imaginiert, wird nun an Konzepten für die suburbane Stadt des Jahres 2050 gearbeitet. Als Grundlage dient dabei ein Ausschnitt der Region Graz-Süd, einem dynamischen Wirtschafts- und Siedlungsraum, der in eindrucksvoller Weise vom fossilen System geprägt ist. Die Ideen zur post-fossilen Transformation werden derzeit im Rahmen von Masterarbeiten und Lehrveranstaltungen in den Fächern Städtebau (Aglaee Degros, TU Graz), Raumplanung (Rudolf Scheuvens, TU Wien), Landschaftsarchitektur (Lilli Liĉka, BOKU Wien) und Verkehrswesen (Astrid Gühnemann, BOKU Wien) entwickelt. Harald Frey (TU Wien) ist zudem als Experte für Verkehrsplanung involviert. Zugleich entsteht ein Modell im Format der Broadacre City von 1935, konzipiert von Jördis Tornquist und Johannes Fiedler, umgesetzt mit Studierenden der TU Graz.

den dominanten Raumtyp in der rezenten Entwicklung darstellt – sowohl mengenmäßig, also bei Flächenverbrauch und Bauvolumen, aber auch im Wertesystem der Bevölkerungsmehrheit. Den Nachweis dafür erbringt täglich die Werbung. Zum anderen ist der suburbane Raum der Schlüssel für die Zukunft der Mobilität. Bislang fand die Reduktion des Autoverkehrs ja hauptsächlich dort statt, wo es einen pre-automotiven Raum gibt, der sich aufgrund der in der Entstehungszeit angelegten Fußläufigkeit mit geringem baulichem Aufwand re-qualifizieren lässt – nämlich in den historischen Bestandsgebieten. In den Peripherien hingegen ist auch in den letzten Jahrzehnten der Ausbau autogerechter Strukturen in großem Tempo weiter betrieben worden – nicht zuletzt deswegen, weil hier kein räumliches Referenzsystem vorhanden ist, auf das sich zurückgreifen ließe. Hier prägen die Standards des Auto­ verkehrs das Baugeschehen unreflektiert und auf allen Maß­stabsebenen – vom Grundstückszuschnitt bis zum Autobahnnetz. Bei den post-fossilen Konzepten der Broadacre City 2.0 geht es nicht darum, das suburbane Sys-

tem mit seiner extremen Verdünnung zu perpetuieren, sondern um die Entwicklung von Raumtypen und typischen Lösungen, die die Klimaziele unterstützen und dabei jene elementaren Kräfte und Wünsche im Auge zu behalten, die das suburbane System antreiben: Selbstbestimmung, Freizeitansprüche, Spontaneität – auf der individuellen Ebene – und um unternehmerische Gestaltungsmöglichkeiten im Bereich der Wirtschaft. Im Fall der gelungenen post-fossilen Transformation wird die Broadacre City des 21. Jahrhunderts Bereiche hoher Dichte einerseits und durchgrünte Freiräume andererseits haben, und sie wird vom öffentlichen Verkehr strukturiert sein. Dabei soll dieses räumliche System aber keine Fortsetzung funktionalistischer Stadtanlagen des 20. Jahrhunderts sein, sondern ein offenes System, das dem Einzelnen räumliche Möglichkeiten im Rahmen eines post-fossilen Konsensmodells einräumt. Damit schließt sich der Kreis zur Broadacre City von Frank Lloyd Wright, dessen zentrale Botschaft in der individuellen Raumaneignung bestand.

DIE SUBURBANE STADT Warum liegt der Fokus auf der suburbanen Stadt? Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen, weil sie

„Frank Lloyd Wright and the City: Density vs. Dispersal“ (Feb.–Juni 2014). IN2274.18. FOTO: THOMAS GRIESEL


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ARCHITEKTUR & BAU FORUM

RAUMPLANUNG

Allein durch Beton und Asphalt gehen in Österreich täglich rund fünfzehn Hektar Boden verloren. Der Wiederaufbau eines 2,5 Zentimeter tiefen fruchtbaren Bodens dauert rund 500 Jahre. Mitverantwortlich für die Versiegelung von Flächen mit Gewerbegebieten ist der Wettlauf um die Kommunalsteuer.  F O T O S : U L R I K E S C H M I D B A U E R , U M W E LT B U N D E S A M T / M . D E W E I S , U M W E LT B U N D E S A M T / B . G R Ö G E R

Wenn der Boden verschwindet BOD ENVERS I EG ELUN G   Das fehlende Bewusstsein für die ökologische und die ökonomische Bedeutung des Bodens sowie die mangelnde Kenntnis möglicher negativer Auswirkungen des Flächenverbrauchs wird von vielen Fachleuten als eines der wichtigsten Hindernisse für eine nachhaltigere Landplanungspolitik und Flächennutzung angesehen. Eine Reflexion zur aktuellen Lage. VON ULRIKE SCHMIDBAUER

B

öden sind eine unverzichtbare Lebensgrundlage für Menschen, Tiere und Pflanzen. Sie liefern Nahrungsmittel und Rohstoffe, speichern und filtern Wasser und bauen Schadstoffe ab. Die fruchtbaren Böden werden jedoch weltweit immer weniger. Allein in Österreich wurden laut Umweltbundesamt von 2012 bis 2017 täglich im Schnitt fünfzehn Hektar wertvolle Wiesen und Äcker durch Straßen, Siedlungen, Shopping-­ Center oder voluminöse Gewerbe- und Industriehallen versiegelt. Verantwortlich für diese nicht nachhaltige Politik ist der Wettlauf um die Kommunalsteuer, da

DELTA verbindet

im Zuge des jährlichen Finanzausgleichs wachsende Gemeinden finanziell belohnt werden. Österreich ist dadurch zum Europameister bei der Versiegelung von Böden geworden. Nirgendwo in Europa sind das Straßennetz mit fünfzehn Metern pro Kopf und die Einkaufsflächen mit 1,80 Qua­ dratmetern pro Kopf dichter als in Österreich. Setzt sich dieser Trend fort, wird es in 160 Jahren keine fruchtbaren Böden für die Landwirtschaft mehr geben. Doch der tatsächliche Bedarf ist gar nicht so hoch, denn der Leerstand nimmt dramatisch zu. Schätzungen des Umweltbundesamtes zufolge stehen rund 50.000 Hektar an Industrie- und Gewerbeflächen sowie Wohnimmobilien leer. Das entspricht mehr als der Fläche Wiens – und es kommen jährlich 1.100 Hektar an brachliegender Fläche hinzu. Experten unterschiedlicher Disziplinen fordern daher eine dringende Korrektur der Bodenpolitik, eine bessere Mobilisierung von bestehendem Bauland als Ersatz für Neuwidmungen, ein effizientes Nutzungskonzept für Industrie- und Gewerbebrache, Vorrangflächen für Bodenschutz, die Revitalisierung von Ortskernen, eine Reform der Raumordnung sowie die aktive Einbindung der Bevölkerung.

überregionale Expertise mit kommunalen Bedürfnissen. die gebäude denker green line

REFORM DER ­RAUMPLANUNG Der aktuelle Rückgang des täglichen Bodenverbrauchs von zwanzig auf fünfzehn Hektar ist zwar positiv, allerdings wird immer noch sechsmal mehr verbaut, als in der Nachhaltigkeits-

strategie im Jahr 2002 festgeschrieben wurde. Der Bodenverbrauch müsste demgemäß um fast 90 Prozent reduziert werden. Eine flächenintensive Siedlungsweise (freistehendes Einfamilienhaus) und die Baulandhortung führen darüber hinaus zur Zersiedlung weiter Teile unseres Landes. Dies ist nicht nur ein ästhetisches und ökologisches Pro­blem, sondern auch ein volkswirtschaftliches. Um diese willkürlichen Flächenwidmungen einzudämmen, sollte sich Österreich ein Vorbild an jenen Staaten nehmen, in denen Gremien mit unabhängigen Experten für Zwecke der Raumplanung eingesetzt wurden. Die Zustimmung dieser Gremien ist für Umwidmungen erforderlich, wodurch eine möglichst nachhaltige Raumordnung machbar wird. Dieses Thema wurde in den letzten beiden Regierungsperioden von nur zwei Parteien im Parlament eingebracht – und zwar von den Grünen und den Neos. „Hier müsste man im Sinne der Flächen- und Raumordnung brachial vorgehen, was schwierig ist, weil man durch diese Änderung den Menschen etwas wegnehmen müsste und lokale Politiker an Einfluss verlieren würden. Das blockieren die Großparteien, da diese viele Bürgermeister stellen. Momentan gibt es maximal zehn Prozent, die dieses System unterstützen würden“, erklärt der Nationalratsabgeordnete der Neos Michael Bernhard. In der politischen Realität liefern Flächenwidmungspläne somit weiterhin vor allem eine Legitimation für die aktuell durchsetzungsfähigen Nutzungsansprüche. So sind Standorte und Strukturen vielmehr die Folge von individuellen Ad-hoc-Übereinkünften von Investoren, Liegenschaftseigentümern und Akteuren des politischen Systems als das Ergebnis vorausschauender staatlicher Lenkung. Des Weiteren sollten Widmungen zeitlich begrenzt werden, da viele Grundstückseigner ihre Flächen in der Hoffnung horten, dass diese immer mehr an Wert gewinnen. Ein dauerhafter Rechtsanspruch auf eine Widmung würde dadurch wegfallen.

REVITALISIERUNG VON BRACHFLÄCHEN Der Umgang mit Boden ist laut Europäischer Bodencharta viel zu leichtfertig, denn der Wiederaufbau eines 2,5 Zentimeter tiefen fruchtbaren Bodens dauert rund 500 Jahre. Daher ist es umso wichtiger, den in den letzten Jahrzehnten rasant gestiegenen Bodenverbrauch in den Griff zu bekommen. Helfen könnte eine gesetzlich vorgeschriebene Erfassung von Brachflächen, Leerständen und Baulücken, denn diese werden in den Überlegungen oft vernachlässigt. Vor allem die Vorarbeit bei der Datenerhebung zur Bewertung infrage kommender Flächen ist dabei die besondere Herausforderung. Der Grundstück­suchende könnte sich dabei auf die wirklich nutzbaren Flächen konzentrieren und diese auf einer elektronischen Landkarte ausfindig machen. Das System würde dann Informationen wie Katas­tralgemeinde, Straßenname, Grundstücksnummer und Fläche automatisch liefern. Mehrere Grundstücke könnten zu einer Planungsfläche zusammengefasst werden, zudem ließen sich Flächen in Kategorien wie Baulücke, Brachfläche, Althofstelle, leerstehendes Gebäude, Leerstand in einem Gebäude, untergenutzte Fläche oder Restnutzung einteilen. Darüber hinaus können spezielle Informationen, wie Angaben zum Planungsrecht oder eine Beurteilung der Infrastrukturanbindung im Kataster hinterlegt werden. In Deutschland zeigen zahlreiche Beispiele, dass dieses Instrument praxistauglich ist. Dies ist laut Bernhard in Österreich jedoch nicht so einfach umzusetzen, da unser Land von neun verschiedenen Raumordnungsgesetzen geprägt ist, denen mangels einer entsprechenden Kompetenz in der Bundesverfassung kein gemeinsamer bundesgesetzlicher Rahmen zugrunde liegt. Neun Raumordnungsgesetze mit unterschiedlichen Widmungskategorien führen zu neun verschiedenen Kombinationen im Bundesrecht, im Übrigen auch mit


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neun verschiedenen Naturschutzgesetzen. „Daher gibt es auch keine Möglichkeit eines einheitlichen Katasters. Dafür bräuchte es eine Bundeskompetenz für Raumordnung mit einheitlichen Vorgaben und Richtlinien sowie langfristigen Plänen, an die sich die Beamten auch halten könnten“, erklärt Bernhard. Sind die Standortbedingungen für eine Revitalisierung von Brachflächen ungünstig, müssen Anreize gesetzt werden, um die Wiedernutzung zu forcieren, beispielsweise anhand von Förderprogrammen, welche die Attraktivität der Wiedernutzung von Brachflächen steigern und Kostennachteile wie Sanierung und Abbruchkosten ausgleichen. „Die von der ÖHV beauftragte IHS-Studie zeigt, dass mit einer Förderung von Brachflächenrecycling positive volkswirtschaftliche Effekte einhergehen. Das Ergebnis der Studie: Stellt der Staat in den nächsten zehn Jahren jährlich 100 Millionen Euro dafür zur Verfügung, dann würden in diesem Zeitraum mehr als 24.000 Vollzeitarbeitsplätze geschaffen, eine Wertschöpfung von 2,14 Milliarden Euro erwirtschaftet und an den Staat 680 Millionen Euro an Abgaben zurückfließen“, erklärt der Pressesprecher der Hagelver­ sicherung Mario Winkler.

REVITALISIERUNG VON BRACHFLÄCHEN In Zeiten, in denen die Raumordnung stärker eingeschränkt ist als noch vor einigen Jahren, sind geeignete brachliegende Objekte vermehrt im Fokus einer zielgerichteten Expansion. Europas größte Gartencenter-Gruppe Dehner übernahm die Verkaufsflächen des ehemaligen Obi-Baumarkts im Fachmarktzentrum Wiener Neustadt Nord. Die Revitalisierung des bestehenden Objektes ist der Beweis dafür, dass dies sehr gut funktionieren kann, vor allem dann, wenn eine ähnliche Vornutzung vorliegt. Das Bestandsgebäude mit einer Fläche von rund 6.000 Quadratmetern wurde in nur fünf Monaten auf den neuesten Stand der Technik gebracht und ohne staatliche Förderungen saniert. Das 3.000 Quadratmeter große Gewächshaus wurde komplett

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G R A F I K E N : U M W E LT B U N D E S A M T

neu verglast. „Entscheidungsgrundlage für die neue Filiale war primär der geeignete Standort, denn eine Filiale muss viele Jahre erfolgreich sein. Mit dem Altbestand hatten wir sicherlich auch minimale Vorteile gegenüber einer Errichtung auf der grünen Wiese, da zum Beispiel die Ausarbeitung eines Verkehrskonzeptes nicht notwendig war. Die Revitalisierung des Obi-Baumarktes war eine Aufwertung der ganzen Immobilie“, sagt Thomas Frewein, Projektleiter Österreich Expansion, Immobilien und Projektentwicklung bei Dehner.

ÖKOLOGISCHER FINANZAUSGLEICH Die fortschreitende Beanspruchung neuer Flächen geht insbesondere zulasten landwirtschaftlicher Nutzflächen. Deren Reduktion bedingt Nahrungsmittel, die wiederum auf Böden mit verhältnismäßig geringer Produktivität kultiviert werden. Die Ausweisung landwirtschaftlicher Vorrangflächen oder die Festlegung von „Zielwerten für die Bodenerhaltung nach Raumtypen“ sind konkrete Schutzmaßnahmen. Das derzeitige Finanzausgleichssystem belohnt jedoch den Flächenverbrauch, denn die Gemein-

deeinnahmen bemessen sich hauptsächlich an der Einwohnerzahl. Dadurch wird die Ausweisung neuer Industrie- und Gewerbegebiete auf der „grünen Wiese“ sowie von neuem Wohnbauland belohnt und ist somit ein Anreiz für zusätzlichen Flächenverbrauch. Der ökologisch umgestaltete Finanzausgleich sollte Gemeinden finanziell dafür entschädigen, dass sie sparsam mit Bauland umgehen und nicht alle kurzfristig möglichen wirtschaftlichen Vorteile ausreizen. Insbesondere wenn dies zugunsten übergeordneter öffentlicher Interessen geschieht, wie bei der Freihaltung von Hochwasser-Rückhalteräumen oder ökologischer Vorranggebiete, ist eine faire Teilung der Lasten zwischen den Gemeinden sinnvoll.

ROLLE VON BÜRGERINITIATIVEN Ein Beispiel für ein durch den Druck von Bürger­ initiativen verursachtes Umdenken in der Raumplanung ist das Projekt Postverteilzentrum im niederösterreichischen Langenzersdorf. Geplant war das größte Logistikzentrum Österreichs in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Wohngebiet, einem Feinstaubsanierungsgebiet und zwei

Natura 2000 Europaschutzgebieten. Um dies zu ermöglichen, reichte die Gemeinde Langenzersdorf eine Umwidmung von zunächst zehn Hektar in Bauland Betriebsgebiet Logistik ein. Aus dem Antrag ging allerdings klar hervor, dass stufenweise vierzig Hektar entwickelt werden sollten. Um das Postverteilzentrum an diesem Standort zu legitimieren wurde ein Screening eingereicht, dass zum Ergebnis kam, dass keine strategische Umweltprüfung (SUP) notwendig sei. Die Bürgerinitiative hatte Schwierigkeiten, diese Aussagen mit dem realen Projekt in Übereinstimmung zu bringen. Sie forderte die gleichrangige Berücksichtigung von Umwelt, Wirtschaft und Sozialem, anstatt der bisher erfolgten Bevorzugung wirtschaftlicher Interessen. Laut dem niederösterreichischen Raumordnungsgesetz §24 Abs 11 hat die Landesregierung das örtliche Raumordnungsprogramm zu versagen, wenn dadurch die geordnete wirtschaftliche, kulturelle und soziale Entwicklung anderer Gemeinden beeinträchtigt wird. Die Gemeinde Bisamberg legte in einem Gegengutachten diese wesentlichen Beeinträchtigungen dar, was im Endeffekt zu einer Verlegung des Standortes führte.

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Die studentische Idee wird Realität

Kirchenvorplatz Edelstal vor der Neugestaltung  F O T O S :

KRÄFTNER L ANDSCHAFTSARCHITEKTUR

Visualisierung neuer Kirchenvorplatz Edelstal – Blick von der Paargasse in Richtung Kirche Vorentwurf / Wettbewerbsprojekt: Samuel Bucher, Eva Radenich Entwurfsplanung, Ausführungsplanung: Kräftner Landschaftsarchitektur

W ETT B EW ERB  Öffentliche Räume zu gestalten, ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität und die Akzeptanz des Neuen durch die Nutzer hängen nicht nur vom gestalterischen Entwurf ab. Vielmehr sind – bereits in der Entwurfsphase – die technische Umsetzbarkeit, die Wirtschaftlichkeit in Herstellung und Erhaltung sowie die nachhaltige Lebensdauer der Fläche zu berücksichtigen. All diese Anforderungen unter einen Hut zu bringen, sind die Kerninhalte des vom Forum Qualitätspflaster ausgelobten studentischen Ideen-Wettbewerbs an der Universität für Bodenkultur. Mit fachlicher Begleitung der Lehrenden sind ein verkehrsplanerisches und freiraumplanerisches Konzept, ein landschaftsarchitektonischer Entwurf und eine gestalterische und bautechnische Detailplanung zu entwickeln. Gemeinden profitieren vom professionell begleiteten Ideenreichtum der beruflichen Einsteiger, und die teilnehmenden Masterstudenten erhalten einen ersten Einblick in die berufliche Praxis eines Landschaftsarchitekten. Bei der Preisverleihung 2017 zeigte sich die Jury-Vorsitzende Anna Detzlhofer beeindruckt von der hohen Planungsqualität der eingereichten Projekte: „Es ist sehr erfreulich, dass die Bedeutung öffentlicher Räume in ländlichen Gemeinden zunehmend Beachtung findet. Sie stärken das Zusammenleben und sind wichtige Bühnen für das soziale Zusammenspiel. Diesem Aspekt trägt auch der Paving Design Award für die Neugestaltung des Kirchenplatzes in der Gemeinde Schwarzau am Steinfeld Rechnung.“ Das Ergebnis des Ideen-Wettbewerbes 2015 wird bald in natura in Edelstal im nördlichen Burgenland zu besichti-

gen sein. „Die Wettbewerbsteilnahme hat uns die einmalige Gelegenheit gegeben, den Ortskern zeitgemäß zu planen, ohne dabei den dörflichen Charakter außer Acht zu lassen. Die Umsetzung wird zwar in drei Phasen erfolgen, wobei wir mit dem erweiterten Kirchenplatz beginnen, aber wir machen nur minimale Abstriche vom Entwurf.“ „Für den nächsten Durchgang suchen wir bereits eine Gemeinde mit einem konkreten Projekt, das in den nächsten Jahren umgesetzt werden soll. Der Vorteil beim Paving Design Award ist einerseits die hohe Kreativität der Studenten und andererseits die Kompetenz der in der Jury vertretenen Fachexperten, die auch der Gemeinde unterstützend zur Seite stehen“, erläutert Eduard Leichtfried, Vorstandsvorsitzender des Forums Qualitätspflaster. Der Wettbewerb wird vom Forum Qualitätspflaster für Nachwuchstalente der Masterstudien Landschaftsplanung & Landschaftsarchitektur und Kulturtechnik & Wasserwirtschaft vergeben und ist insgesamt mit 6.000 Euro dotiert. Gemeindevertreter haben volles Mitspracherecht und sind in der Jury vertreten.

GEMEINDEN GESUCHT Für den nächsten Paving Design Award 2020 sucht das Forum Qualitätspflaster bereits Gemeinden mit konkreten Projektvorhaben. FORUM QUALITÄTSPFLASTER KENNWORT: PAVING DESIGN AWARD WESTBAHNSTRASSE 7/6A | A-1070 WIEN T: (01) 522 44 66 88 E: INFO@FQP.AT I: WWW.FQP.AT

Licht on demand LI CHTT ECHNI K  Mit „O“ schuf Alejandro Aravena in Zusammenarbeit mt dem Leuchtenspezialisten Artemide eine immaterielle Außenleuchte. Je mehr der Planet kultiviert wird, desto mehr schätzen wir den Wert von Naturräumen. Städte mit der besten Lebensqualität sind jene, die vorausschauend genug sind, um unberührte Teile der Natur in ihrem städtischen Gefüge zu erhalten und sie in öffentlichen Raum zu verwandeln und den Bürgern ein gutes Ambiente zu bieten. Aber, wenn wir ein Ambiente beleuchten wollen, um es sicher zu machen, erobern wir es mit Masten und Kabeln. Einer der stärksten Eingriffe in die natürliche Ordnung (und doch ein Eingriff, der fast unbemerkt bleibt) ist das Verschwinden der Dunkelheit in unseren Städten. In dem Bestreben, Parks sicher zu machen, überfallen wir ihn nicht nur mit Masten und Kabeln, sondern verändern auch den circadianen Rhythmus, der für die Existenz von Tier- und Pflanzenarten wichtig ist. Das Projekt

Elemental von Artemide ist ein Versuch, die Bedürfnisse des natürlichen sowie des städtischen Ambientes miteinander in Einklang zu bringen. Die Leuchte für den öffentlichen Raum soll bei Nichtgebrauch möglichst unbemerkt bleiben verschiedene Arten von Sensoren nutzen, so dass das Licht nur dann erscheint, wenn es gebraucht wird. „O“ greift so wenig wie möglich in ein bestehendes Ambiente ein und wird durch die Bewegung des Menschen aktiviert, der Raum also nur für einen begrenzten Zeitraum beleuchtet. Darkness and Disappearance wird der Beitrag von „O“ zur Natur und öffentlichen Räumen sein.

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„O“ von Alejandro Aravena für Artemide: Ein Versuch natürliches und städtisches Ambiente in Einklang zu bringen. Design: Elemental, Farbe: Schwarz, Typ: Stehleuchte, Pendelleuchte  F O T O : A R T E M I D E

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ARCHITEKTUR & BAU FORUM

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Neue Maßstäbe für Bio-Schwimmbäder 2.000 Quadratmeter bioBright-Pool besteht unter der heißen Sonne von Antalya. mit zirka 250 Metern Länge, die sich entlang der zwei Reihen von jeweils 16 Villen erstrecken und damit den Charakter der Gesamtanlage entscheidend prägen.

„Göl Evleri“, eine Anlage von insgesamt 32 luxuriösen Privatvillen knapp 20 Kilometer nördlich von Antalya, verfügt mit einer Wasserfläche von fast 2.000 Quadratmetern über das bislang größte Bio-Schwimmbad der Welt.  F O T O : B L U E B A S E

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nde Mai 2016 besuchte Kadir Ural – Bauträger aus Antalya – den Osten Österreichs, um einige private bioBright-Schwimmbäder von blueBase zu besichtigen und sich von deren Qualität ein Bild zu machen. Er war auf der Suche nach einem Partner für die Umsetzung seiner Vision eines biologischen Pools für sein Projekt „Göl Evleri“ (zu Deutsch: Seehäuser), einer Anlage von insgesamt 32 luxuriösen Pri-

vatvillen knapp 20 Kilometer nördlich von Antalya. Danach ging alles sehr rasch: Anfang Juli Vertragsabschluss, Ende Juli Finalisierung der technischen Planung und Beginn der Einbauten und Installation der Pooltechnik, Anfang Dezember Inbetriebnahme des mit einer Wasserfläche von fast 2.000 Quadratmetern bislang bei Weitem größten Bio-Schwimmbades der Welt. Dieses besteht aus zwei Strängen

Kreative Planung Die Herausforderung für blueBase als Systemplaner und -lieferant war nicht nur wegen der Dimension des Projektes denkbar groß. Auch die extrem langgezogene Form der Becken war ungewöhnlich und erforderte kreative Planungsüberlegungen bzgl. der Dimensionierung und Anordnung der Leitungen und Technikmodule. Und dann noch das Wichtigste: Das System musste den extrem heißen, klimatischen Bedingungen in Antalya gewachsen sein.

Erfahrene Partner blueBase ging mit zehn Jahren Erfahrung mit Bio-Pools an die Aufgabenstellung heran und konnte zuvor die hohe bioBright-Qualität bereits bei sehr vielen kleinen, auch beheizten Pools in Österreich reproduzieren. Auf das Aufbereitungssystem mit dem naturnahen und auch über den Winter aktiven Bodenfilter war somit Verlass. Darüber hinaus wurde für die

Schwimmbeckenreinigung der intensive Einsatz von fünf hydraulischen Poolrobotern konzipiert, um Boden und Wände auch bei permanent hoher Sonneneinstrahlung und fehlender Poolabdeckung vollkommen frei von Belägen zu halten. Angesichts der hohen Verdunstungsrate umfasst das Konzept schließlich auch noch eine Umkehrosmoseanlage zur Vorbehandlung des Nachfüllwassers. Im Herbst 2017 konnte resümiert werden, dass das bioBright-Schwimmbad in Göl Evleri alle Erwartungen auch über den Hochsommer erfüllt hat. Kadirs Vision von den „Häusern am Bio-Pool“ ist damit in Erfüllung gegangen, und blueBase setzt mit diesem Referenzobjekt neue Maßstäbe. Facts & Figures zum bioBright-Pool: 1.954 m² Gesamtfläche, Beckenauskleidung mit hellgrauer PVC-Poolfolie, acht Technikschächte, 30 Biofilter-Becken, 32 Skimmer, 18 Biofilter-Pumpen, acht Schwimmbad-Pumpen, acht Sandfilter DA 1200, fünf hydraulische Poolroboter.

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Was sind die wesentlichen Herausforderungen in der Regenwasserbewirtschaftung? Fortschreitende Urbanisierung, Zunahme von extremen Wetterereignissen sowie die Limitierung der öffentlichen Kanalisation. 2050 werden 50 % der Weltbevölkerung in urbanen Räumen leben. Als Folge daraus ergibt sich eine zunehmende Versiegelung der Oberflächen welche innovative Entwässerungskonzepte benötigen. Die Zunahme von Starkniederschlägen ist ein weiterer wesentlicher Aspekt. ■

Nun bedarf es eines intelligenten Regenwassermanagements, um den natürlichen Wasserkreislauf zu unterstützen. Die Aufgabe von ACO heute und in der Zukunft ist es, innovative Lösungen zu schaffen, um das Wasser vor dem Menschen und den Menschen vor dem Wasser zu schützen. Jedes Projekt ist anders hat seine eigenen Anforderungen und Herausforderungen. Neben unseren Produkten bieten wir Ihnen unser Know-how und unseren Service, um gemeinsam maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln – von der Planung bis zur Betreuung nach der Fertigstellung, entlang der ACO Servicekette.

Alle weiteren Informationen zu unseren Komplettsystemen finden Sie auf www.aco.at.

Entwässerungsrinnen

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Rückhalte- und Speicheranlagen

140 verschiedene Glas­ typen wurden in der Münchner Konzernzentrale der Siemens AG verbaut. FOTO: SIEMENS AG

Ressourcenschonend bauen G L A S T EC H N I K   Mit der Ankündigung, als erster Indus­triekonzern weltweit bis zum Jahr 2030 eine neutrale CO2-Bilanz erreichen zu wollen, hat Siemens ein Zeichen gesetzt: Die neue Münchner Konzernzentrale von Henning L ­ arsson Architects ist ein innovativer, offener und ressourcenschonender Bau. Der Neubau entstand an alter Stelle zwischen zwei historischen Bestandsgebäuden am Wittelsbacher Platz. Dem lichtdurchfluteten Komplex mit seinen fünf begrünten Innenhöfen gelingt der Spagat zwischen Tradition und Moderne – städtebaulich wie architektonisch. Das Atrium wurde zum Ort der Begegnung mit Café und Restaurant, die öffentlich zugängliche Siemens-Passage verbindet Altstadt und Kunstareal der Maxvorstadt. Laut Siemens verbraucht die neue Firmenzentrale 90 Prozent weniger Strom und rund 75 Prozent weniger Wasser. Mehr als 7.400 energieeffiziente LED-Lampen wurden installiert, mehr als 30.000 Datenpunkte an die Gebäudeautomatisierung angeschlossen. Mithilfe von Tageslichtsensoren und Präsenzmeldern wird der Energieverbrauch um 25 Prozent reduziert. Die Photovoltaikanlage mit einer Gesamtfläche von 1.300 Quadratmetern liefert fast ein Drittel der benötigten Energie. Auf dem Dach wird das Regenwasser gesammelt: 1,5 Millionen Liter pro Jahr werden im Schnitt für WC-Spülung, Bewäs-

serung der Außenanlagen und Gebäudeklimatisierung genutzt, die Energie liefern Erdwärmesonden. Auch die Verglasung trägt zur nachhaltigen Energiebilanz bei. Alle Fassaden zu den Innenhöfen bestehen aus wärmedämmendem Dreifach-Isolierglas und sind um fünf Prozent geneigt, um Büros und Höfe mit viel Tageslicht zu fluten. Insgesamt 16.000 Quadratmeter Elementfassade montierte der Fassadenspezialist Strabag Metallica in drei Jahren Bauzeit. 7.000 Quadratmeter davon sind plane und gebogene Uniglas Sun Sonnenschutz-Isolierglaselemente, weitere 1.000 Quadratmeter aus beschusshemmenden und abhörsicheren Gläsern. Dennoch wirkt die gläserne Fassade letztlich an allen Gebäudeteilen sehr homogen und widerspiegelt die reichen Möglichkeiten moderner Glastechnologie. Die Vorhangfassade weist ausserdem einen exzellenten Wärmedurchgangskoeffizienten von 0,9 W/m2K auf. Zur Anwendung kam das glastec Super Spacer® Warme Kante System für die Dreifach-Isolierglas­ einheiten. EDGETECH EUROPE GMBH GLADBACHER STRASSE 23, D-52525 HEINSBERG, T: (00 49 24 52) 964 91-0 E: INFO@EDGETECH-EUROPE.COM I: HTTPS://DE.QUANEX.COM; WWW.SUPERSPACER.COM


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Brillant und trocken: dauerhaft intensive Farbtöne an der Fassade Die jüngste Innovation aus dem Hause Sto, StoColor Dryonic® S, wirkt wie ein Regen- und Sonnenschirm zugleich. Die neue Fassadenfarbe schützt vor Sonneneinstrahlung und hält intensive Farbtöne dauerhaft brillant.

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leichzeitig sorgt die bionische Farbe für eine schnelle Rücktrocknung nach Regen, Nebel oder Tau und somit für trockene, schöne Fassaden. Das ermöglichen zwei Technologien, mit denen die Farbe ausgestattet wurde: die bereits auf vielen Millionen Quadratmetern Fassadenfläche bewährte Dryonic Technology und die neue SunBlock Technology. Intensive, brillante und dunkle Fassaden liegen im Trend. So manchem architektonischem Designwunsch machte bisher jedoch die Physik einen Strich durch die Rechnung: UV-Strahlung bleicht intensive Farbtöne aus und eine kräftig-rote Fassade wird Pastell-rosa. Verhindern kann das ein wirksamer UV-Schutz, der ähnlich wie eine handelsübliche Sonnencreme funktioniert, allerdings in ganz anderen Dimensionen: Die SunBlock Technology von Sto ist ein Lichtschutzmittel, wie es etwa bei der Lackierung von Fahrzeugen eingesetzt wird. Es reflektiert die Sonnenstrahlen und schützt die Pigmente vor dem Ausbleichen. Fassaden in kräftigen Farbtönen bleiben lange strahlend und schön. StoColor Dryonic S ist standardmäßig auch mit der x-black Technology ausgestattet. Sie ist auf dunkle Töne abgestimmt und senkt die Oberflächentemperatur bei direkter Sonneneinstrahlung. Spannungen und Rissen wird so vorgebeugt. Damit können auch wärmegedämmte Fassaden mit ei-

seinen Mund fließen lässt. Der Effekt: Durch den Drainageeffekt bleibt der Wandaufbau ohne den Einsatz von Bioziden langfristig trocken.

Die revolutionäre SunBlock Technology schützt mit wirksamem UV-Filter vor dem Ausbleichen. nem sehr dunklen Farbanstrich realisiert werden – und bleiben dauerhaft brillant und trocken. Wüstentrockene Fassaden Wenn es regnet, kann Feuchtigkeit in Form von Wasser oder Tau an der Fassadenoberfläche das Wachstum von Algen und Pilzen fördern. Die Technologie hinter StoColor Dryonic S, die von

StoColor Dryonic S ermöglicht selbst ­intensive RAL-Farbtöne.  F O T O S : S T O

Sto entwickelte Dryonic Technology, verhindert das. Sie lässt durch ihre spezielle hydrophil-hydrophobe Oberfläche Feuchtigkeit rasch abfließen und lässt Mikroorganismen keine Chance. Vorbild für das bionische Prinzip war der Rückenpanzer des Nebeltrinkerkäfers, der die knappe Feuchtigkeit der Namibwüste in Form von Morgentau an seinem Körper kondensieren und in

Vielseitig in Anwendung und Farbauswahl Die neue Fassadenfarbe Sto­ Color Dryonic S kann auf allen bauüblichen Untergründen mittels Rolle, Pinsel oder Maschinentechnik appliziert werden. Sie deckt hervorragend, ist wasserdampfdurchlässig und hoch mechanisch belastbar, was die Gefahr des Füllstoffbruchs deutlich reduziert. StoColor Dryonic S ist in den Farbtönen des Sto­ColorSystems und auch in intensiven RAL-Farbtönen erhältlich.

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Energiespeicher Beton Innovativ, zukunftssicher und nachhaltig.

In der Decke integrierte Rohrleitungen speisen den Betonspeicher und sorgen für eine effiziente Raumtemperierung.

Der passive TCB-RB-Kühlkonvektor von Trox sorgt im Louvre Abu Dhabi für angenehmes Raumklima. FOTO: ROL AND HALBE

Das richtige Klima KLI MAT I SI E RU NG   Rund ein Jahr nach der offiziellen Eröffnung wurde der Louvre Abu Dhabi von Sheikh Khalifa bin Zayed Al Nahyan, dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, im November letzten Jahres eingeweiht. Das Museum, das enge Beziehungen mit dem L ­ ouvre in Paris unterhält, wurde auf der Insel Saadiyat nach Plänen des französischen Architekten Jean Nouvel errichtet. Für die im Wüstenklima der arabischen Halbinsel so wichtige Kühlung des 24.000 Quadratmeter großen Verwaltungsgebäudes haben sich die Auftraggeber für den passiven Kühlbalken TCB-RB von Trox entschieden. Das 1951 in Deutschland geründete Unternehmen ist führend in Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von Komponenten, Geräten und Systemen zur Belüftung und Klimatisierung von Räumen. Intensive Forschung macht das Unternehmen seit Jahren zum anerkannten Technologieführer auf diesem Gebiet. Der in Großbritannien entwickelte und gebaute Trox TCB-RB ist ein passiver Kühlkonvektor, der für die Montage unter der Decke ausgelegt und in verschiedenen Breiten, Höhen und Längen erhältlich ist. Das Luft-Was-

ser-System eignet sich besonders für die Abfuhr hoher Wärmelasten bei niedrigem Energieverbrauch. Durch den thermischen Auftrieb strömt die warme Raumluft nach oben, wird durch den Wärmeübertrager gekühlt und strömt mit niedriger Geschwindigkeit nach unten in den Aufenthaltsbereich. Dadurch wird ein angenehmes Raumklima bei niedrigen Strömungsgeschwindigkeiten garantiert. Der Auftrag im ­Louvre Abu Dhabi bedeutet für Trox eine der ersten Installationen von Kühlbalken in der Region und ein wichtiges Referenzprojekt. Besonders hohe Erwartungen wurden bei der Projektvergabe an einen sehr guten thermischen Komfort gestellt. Das erst kürzlich eingeweihte Museum Louvre in Abu Dhabi ist bereits weltweit bekannt. Trox UK lieferte hierfür an Trox Middle East passive Kühlkonvektoren. TROX AUSTRIA GMBH LICHTBLAUSTRASSE 15, A-1220 WIEN T: (01) 250 43-0 E: TROX@TROX.AT I: WWW.TROX.AT

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Forum 05/18  
Forum 05/18