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Digitalisier oder stirb Karl-Heinz Land prophezeit die Apokalypse. Zumindest jenen Unternehmen, die sich nicht dem Trend der Digitalisierung stellen. Ein Gespräch über Überlebensstrategien im Internetzeitalter. Interview: Daniel Nutz

Herr Land, auf Ihrer Visitenkarte steht „digitaler Darwinist“ und „Evangelist“. Erklären Sie uns einmal, was das soll? Darwin hat bekanntlich die Evolutionslehre erfunden. Diese beschreibt eine mehrere tausend Jahre lange Entwicklung. In meinem Buch „Digi­ taler Darwinismus“ beschreibe ich in dieser Tradition die digitale Evo­ lution. Auch sie ist wie bei Darwin nichts Schönes. „Pass dich an oder stirb!“, lautet das Motto. Der Evangelist ist dagegen der Überbringer der frohen Botschaft in der Bibel. Auch ich habe eine Botschaft, die lautet: „Halt, du kannst etwas tun.“ Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist: Du musst auch etwas tun. Sie haben den Digital-Readiness-Index eingeführt, um zu messen, welche Unternehmen den digitalen Herausforderungen gewachsen sind. Wer ist ready? Wir schauen uns 150 Datenpunkte an. Die zentrale Fragen lauten: Wie funktioniert die Webseite, gibt es ein Loyalty-Programm, sind die Syste­ me miteinander vernetzt, und erkennt mich das System wieder, wenn ich das nächste Mal komme? Wie lange braucht der Support, wenn ich eine Mail schreibe oder eine Facebook-Anfrage stelle? Reagiert das Unternehmen überhaupt? Wir haben 300 Unternehmen aus 13 Branchen bewertet und dabei festgestellt, dass es starke Unterschiede gibt. Life­ style-Firmen, also Fashion Retail oder Automotive, schneiden relativ gut ab. Versicherungen und Elektrokonzerne, also Utility, eher schlecht. Warum? Weil die Utility-Branche bisher wenig Interaktion mit dem Kunden hat­ te. Im Rahmen der Deregulierung, wo sie normalen Wettbewerb spüren, kriegen sie den vollen Wind des Kunden zu spüren. Das hat signifikante Auswirkungen auf das Geschäftsmodell. Heute sind alle Produzenten und Consumer zur selben Zeit. Das stellt das ganze Geschäftsmodell infrage. Viele Unternehmen haben diesen Fitnessprozess noch nicht abgeschlossen. Für sie habe ich mit dem Digital-Transformation-Index ein zweites Modell entwickelt. Dort betrachten wir acht Dimensionen von Leadership, Strategie, Produkte, Organisation, Kultur, People über die Gouvernements bis hin zur Informationstechnologie. Viele Leute denken, die Technologie ist das Wichtigste. Das glauben wir nicht. Wir denken, dass Personen, Organisation und Kultur wichtiger sind.

Zur Person Karl-Heinz Land war General Manager und CEO in internationalen Technologieunternehmen. Er ist Buchautor, international gefragter Speaker zum Thema „Digitale Transformation“ und wurde mit dem „Technology Pioneer“ beim Weltwirtschaftsforum in Davos ausge­ zeichnet. Im Herbst sprach er am Austrian Innovation Forum.

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die wirtschaft Nr. 12 | Dezember '14

Viele Unternehmen wissen, dass sie etwas tun müssen. Aber sie wissen nicht, wo sie anfangen sollen. Was ist wichtig? Es gibt Dinge, die sind einfach umzusetzen und haben einen hohen Wirkungsgrad, und es gibt Dinge, die sind schwer und haben einen geringen Wirkungsgrad. Unternehmer dürfen sich nicht dazu verleiten lassen, die Negativseite zu beleuchten. Sie müssen die positive Indikati­ on sehen. Ein Beispiel: Amazon hat mit dem Onlinevertrieb begonnen, weil man die Vorstellung hatte, online sei eine Riesenchance. Hätte der Handel auch die Chance und nicht die eigenen Zweifel gesehen, hätte er diesen Trend nicht verschlafen. Wer ein etabliertes Geschäftsmodell

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Die Wirtschaft 12/14  

die Wirtschaft, Wirtschaftsverlag, Stefan Strzyzowski, Daniel Nutz, Unternehmensführung, Harald Koisser, Nachhaltigkeit

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