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Der Alltag ist vielfach von Hektik bestimmt, von Informationsflut und Leistungsdruck. Motivation muss auf Knopfdruck abrufbar sein. Doch was, wenn Geist und Körper nicht mehr mitmachen wollen? Immer häufiger versenken sich Menschen für kurze Zeit in Gebete und Medi­ tation, ziehen sich zurück in die Stille eines Klosters, um die Batterien wieder aufzuladen. In einem Kapuzinerkloster im steirischen Irdning werden seit gut 21 Jahren Exerzitien für Laien angeboten. Bruder Rudolf Leichtfried leitet die Schweigeseminare. Der 60-jährige Kapuziner kann die Nachfrage kaum befriedigen, die Kurse sind stets ausgebucht. Es ist kein Lifestyletourismus, wer hierherkommt, lässt sich auf eine intensi­ ve Erfahrung ein: kein Handy, kein Internet, keine Zeitung, kein Fern­ sehen, kein Buch – die totale Stille. Welche Menschen besuchen Ihre Exerzitien? Es gibt keine bestimmte Zielgruppe. Junge Leute sind darunter und alte, selbst 80-Jährige kommen her. Es sind auch verschiedene Berufsgrup­ pen dabei: Ärzte, Krankenpfleger, Lehrer, aber auch Studenten. Und viele aus der Wirtschaft. Woraus speist sich die Motivation, sich auf diese Stille einzu­lassen? Für manche ist es schon ein Abenteuer, ein paar Tage den Laptop sowie das Handy abzuschalten und auf das Internet zu verzichten. Die Sehn­ sucht danach, offline zu sein, beobachten wir in den vergangenen paar Jahren immer mehr. Dann gibt es auch andere Antriebe. Ein junger Unternehmer mit Familie etwa, der einen tollen Betrieb aufgebaut hat, kommt jedes Jahr. Für ihn sind diese Tage wichtig, um sich die Über­ sicht über sein Leben zu bewahren. Er sagt: Um im Alltag wach und hellhörig zu bleiben, muss er von Zeit zu Zeit in der Stille sein. Stehen manche vor großen Veränderungen oder haben Zäsuren in ihrem Leben hinter sich? Natürlich, durch Krankheit, einen Todesfall oder eine andere Krise. Allerdings: Es tut im Allgemeinen zwar gut, zu uns zu kommen, aber wir sind keine Therapiestation. Welche Erwartungen haben die Teilnehmer an die Exerzitien? Wer schon öfter hier war, kommt meist ganz ohne Erwartungen, son­ dern schaut, was geschieht. Bei Menschen, die zum ersten Mal kom­ men, beobachte ich unterschiedliche Erwartungen. Viele wollen zur Ruhe kommen, Klarheit für Entscheidungen finden, eine Lebenskrise aufarbeiten, aber auch eine spirituelle Erfahrung erleben. Im Laufe der Tage zeigt sich dann, dass es oft darum geht, einfach einmal loszu­ lassen. Man sollte besser nicht mit einer konkreten Frage in die Stille gehen, sonst bleibt man dabei hängen. Wenn man aber loslässt, dann kann sich in der Stille durchaus zeigen, was stimmt.

Treffen Menschen in Irdning tatsächlich Lebensentscheidungen? Eine Teilnehmerin lebte mit ihrem Mann und zwei kleinen Kin­ dern während einer schweren Naturkatastrophe in Südamerika. Alle haben überlebt. Gleichzeitig spürte sie, dass sie sich ihrem Leben stellen muss; etwa ob sie ihre Kinder in Österreich oder in Südame­ rika aufziehen möchte. Es ging um die Familie, die Partnerschaft und den Beruf. Sie kam mit diesem gigantischen Druck her, und nach ein paar Tagen meinte sie, sie fange langsam an, sich selbst wieder zu spüren. Das ist eine wichtige Sache. Manchmal ist man so unter Druck mit dem, was zu tun ist, dass die Orientierung verlorengeht. Sind es manchmal zu hohe Erwartungen? Wir signalisieren von vornherein, dass es um das ganze Leben geht. Nicht um Wellness, nicht nur ums Drüberpolieren. Stille heißt nicht, dass sich nach einem halben Tag die Glückseligkeit einstellt. Jeder wird mit sich selbst konfrontiert, mit der eigenen Lebenswahrheit. Wir machen keine spirituelle Ballonfahrt. Es kann gut sein, dass sich in der Stille eine Unruhe breitmacht, wenn ein Leidensdruck da ist, der im all­ täglichen Leben verdeckt ist. Schlaflose Nächte im Kloster gehören da dazu. Kommen viele zu Ihnen, die kurz vor dem Burnout stehen? Ja, das spürt man. Die Frage ist, was sie bei uns suchen. Irgendwelche Stabilisatoren, ein Medikament, das rasch über die Krise hilft? Das funk­ tioniert nicht. Wenn jemand aber draufkommt, dass es so nicht weiter­ gehen kann, dann ist der Groschen gefallen. Das passiert immer wieder. Hier können Menschen die Langsamkeit entdecken und die Wahrneh­ mung, in der Gegenwart zu leben. Was hat sich an den Wünschen der Teilnehmer in den vergangenen 20 Jahren geändert? Als wir 1993 begonnen haben, gab es keine Handys und kein Internet. Da telefonierte man halt ein paar Tage lang nicht. Heute ist das extre­ mer. Ich spüre schon, dass diese Schnelllebigkeit viele überfordert. Dass viele froh sind, das alles ein paar Tage ruhen zu lassen. Und auch wenn wir keine Glaubensschule sind, wo Katechismus gepaukt wird, kommen vermehrt Menschen, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben mit Glau­ bensfragen beschäftigen. Werden Anfragen abgelehnt? Egal ob jemand brav katholisch ist, konfessionslos oder sonst etwas: Es muss die Bereitschaft da sein, sich seiner eigenen Lebenswirklichkeit zu stellen. Wenn jemand einfach gemütlich Urlaub im Kloster machen möchte, dann ist das schön, aber bitte woanders.

die wirtschaft Nr. 12 | Dezember '14

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Die Wirtschaft 12/14  

die Wirtschaft, Wirtschaftsverlag, Stefan Strzyzowski, Daniel Nutz, Unternehmensführung, Harald Koisser, Nachhaltigkeit

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