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Respekt! Ausgabe 05 | März 2014 | kostenlos

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Kein Platz für Bildung? Malala Yousafzai ist eine Kinderrechtsaktivistin aus Pakistan. Ihr Engagement kostete sie fast das Leben. Ein Taliban schoss ihr aus nächster Nähe in den Kopf. Sie überlebte und kämpft mutig weiter für die Rechte der Kinder auf Bildung.

Poster in Heftmitte zum Rausnehmen!

Im Interview: Irene Schulz und Wolfgang Lemb, neue geschäftsführende Vorstandsmitglieder der IG Metall – ab Seite 24


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Vorwort

Bildung statt Pistolen! Ein Taliban-Kämpfer hat der jungen Malala Yousafzai mit einer Pistole in den Kopf geschossen, weil sie für Bildung kämpft. Sie hat das Attentat nur knapp überlebt. In unserer Titelstory über Malala beschreiben wir, was ihr zugestoßen ist, welcher mediale Rummel folgte und ihren Mut weiterzukämpfen. Den Mut, die Stimme zu erheben, Berühmtes Symbol gegen Gewalt: zeigen auch afghanische Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter in drei Interviews. Wir vergessen nicht, dass es C.F. Reuterswärd´s Revolver mit als Afghanin lebensgefährlich ist, sich über Politik und die Knoten im Lauf. Situation von Frauen zu äußern. Unser Dank und unsere Bewunderung sei an dieser Stelle besonders erwähnt. In einem ganz anderen Ausmaß macht Ulrike Obermayr in ihrem Artikel deutlich, dass der Kampf für Bildung auch ein deutscher ist. Sie skizziert die aktuelle Bildungsdebatte in Deutschland und zeigt Alternativen auf, die auf einem demokratischen Verständnis von Bildung beruhen. Gute und gerechte Bildung für alle! Wie immer lassen wir auch unsere Netzwerkpartner zum Titelthema »Kein Platz für Bildung?« zu Wort kommen. Lest die spannenden Antworten aus ganz unterschiedlichen Arbeits- und Wirkungsbereichen unserer Freunde und Unterstützer. Der zweite Themenschwerpunkt widmet sich sportlichen Großveranstaltungen und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft im jeweiligen Gastgeberland. Brasilien wird Gastgeber von zwei Mega-Sportereignissen sein: 2014 die FIFA-Weltmeisterschaft und 2016 die Olympischen Sommerspiele. Die damit verbundenen sozialen Proteste richten sich gegen die mächtigen Sportverbände und die Regierung, die sich nach ihnen richtet. Auch in meinem Kommentar zu den Todes-Baustellen in Katar, dem Gastgeberland für die Fußball-WM 2022, gehen wir kritisch auf die Konsequenzen des rücksichtslosen Gigantismus ein. Im Grunde geht es immer um das große Geschäft: Der Buchautor und investigative Journalist Benjamin Best kommentiert Sportwetten im Fußball, die schon längst in das Blickfeld der organisierten Kriminalität geraten sind. Am 25. Mai 2014 sind Europawahlen! Wir zeigen die Gefahren auf, die derzeit von rechtspopulistischen Parteien ausgehen. Sie verpacken ihre Europaskepsis und Fremdenfeindlichkeit in einfachen Parolen, um Ängste zu schüren. Wir haben auch Wolfgang Lemb dazu befragt, dem dieses Thema in seiner neuen Funktion als geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall sehr am Herzen liegt. Auch Irene Schulz, ebenso neues geschäftsführendes Vorstandsmitglied, haben wir zum Gespräch getroffen und mit ihr, neben dem Europathema, auch über gewerkschaftliche Bildungsarbeit gesprochen. Ich hoffe sehr, ihr habt Spaß an diesem starken Heft, mit großen Themen, taffen Frauen und spannenden Geschichten aus der »Respekt!« Initiative, der IG Metall und dem engagierten Netzwerk. Danke für die Unterstützung an alle, die an diesem Heft mitgearbeitet haben!

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Inhalt Europawahlen 2014

06 Titelthema: Malala Yousafzai

08 Afghanistan: Interviews

10 Bildungsdebatte in Deutschland

14 Brasilien und die Zauberei

20 »Respekt!« im Fußball: Kommentare

22 Neu im IGM-Vorstand: Irene Schulz

24 Neu im IGM-Vorstand: Wolfgang Lemb

26 Der Schirmherr der »Respekt!« Initiative Bertin Eichler war

In diesem Sinne, mit Respekt! Bertin Eichler

viele Jahre geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. Das Titelthema dieser Ausgabe liegt ihm besonders am Herzen,

Impressum

denn »Bildung ist ein Schlüssel

Herausgeber Gemeinnützige Respekt! Kein Platz für Rassismus GmbH,

für neues Denken und Handeln.

Gelbehirschstraße 12, D-60313 Frankfurt am Main | T | +49 (0) 69 . 40 35 669 - 11 | F | +49 (0) 69 . 40 35 669 - 20

Das gilt im Leben wie im Job.«

E-Mail: info@respekt.tv, Geschäftsführer Lothar Rudolf Redaktionsleitung Hendrikje Borschke Konzeption und redaktionelle Mitarbeit Lothar Rudolf, Ulrike Obermayr, Detlef zum Winkel, Benjamin Best, Annegret Finke, Katharina Mieskes Grafik & Layout Kris-Patrick Rudolf, Ulrike Schneider, Eva Steinhorst, Selina Grebe, Benjamin Behnk Illustration Jürgen Tomicek, www.tomicek.de Anzeigenverkauf Lothar Rudolf, | T | +49 (0) 69 . 40 35 669 - 10 E-Mail: rudolf@respekt.tv Druck Roth Print Management GmbH, Max-Holder-Straße 21, D-60437 Frankfurt am Main


»Respekt!« Angebot

Die »Respekt!« Initiative bietet Kommunikation auf allen Ebenen Als bundesweite gemeinnützige Initiative versteht sich »Respekt!« als Kommunikationszentrum für mehr Toleranz in unserer Gesellschaft und sieht sich dabei als Ideengeber gegen Denkschablonen und Vorurteile.

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Wir erwecken zum Leben Das »Respekt!« TV-Studio dreht lebendige Dokumentationen der »Respekt!« Events, Reportagen und Interviews, Imagefilme und redaktionelle Berichterstattungen. Dieses Material fließt in »respekt.tv« DAS MAGAZIN ein. Dieses frische TV-Format läuft wöchentlich auf Rhein-Main TV. Die Songs »Viel zu tun« von Irie Revoltes und »Reespekt!« von Kaye-Ree verarbeiten unser Thema kreativ-musikalisch. Alle Videos findet ihr auf YouTube unter www.youtube.com/RespektTV.

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Wir realisieren Events Unser Herzstück ist das »Respekt!« Schild. Betriebe, Vereine, Schulen oder Organisationen können mitmachen und das Schild an einer gut sichtbaren Stelle anbringen. Diese Aktion schafft Impulse für einen nachhaltigen Dialog gegen Intoleranz und Diskriminierung. Begleitet von medialem und inhaltlichem Know-how unseres »Respekt!« Teams und Netzwerks schnüren wir individuelle Veranstaltungspakete. Weitere Module sind: Podiumsdiskussionen und Vorträge, Lesungen, Workshops und Seminare, PromiKicks mit den »Respekt!« Allstars sowie Showeinlagen aus Musik, Comedy und Kabarett.

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Wir sind am Puls der Zeit Unsere Homepage www.respekt.tv bietet tagesaktuelle News über die »Respekt!« Initiative, ihr Netzwerk und relevante Geschehnisse in Politik und Gesellschaft. Auch über Facebook berichten wir unkompliziert, multimedial und dialogorientiert. Via Newsletter und RSS-Feed bieten wir personalisierte Lösungen. Unsere Smartphone-App ist schon in der Testphase.

Wir haben Ideen In unserem Onlineshop findet ihr Produkte wie Fußbälle, T-Shirts, Pins u.v.m. Beispielsweise ist das Antiidiotikum® ein Placebo-Medikament zur Steigerung der emotionalen Intelligenz – es hilft bei Vorurteilen und Rassismus. Weitere Kreativprojekte wie unsere Foto- und Videowettbewerbe brachten erstaunliche Ergebnisse hervor. Für 2014 planen wir einen Web-Radiosender und Smart TV! Wir stehen nicht still.

Wir lieben das Wort Das zeigt sich in unseren bunten Print-Magazinen, dem Kinderbuch »Was ist eigentlich Rassismus« oder dem literarisch-essayistischen »Schwarzbuch – Rassismus«. In unserem Bildband »100 Menschen – 100 Geschichten« spiegelt sich auch unsere Leidenschaft für die Fotografie wider.

Wir vernetzen Aktivitäten Netzwerken macht einen Großteil unserer Arbeit aus. Denn zivilgesellschaftliches Engagement ist nur dann erfolgreich, wenn es ein starkes Kommunikationsnetz verbindet. Wir vermitteln und vernetzen vor allem durch unsere Events sowie Online-Kommunikation zwischen unseren »Respekt!« Botschaftern und anderen Partnern wie Städten und Gemeinden, Bildungseinrichtungen, Vereinen, Betrieben, Institutionen und gemeinnützigen Initiativen und Organisationen.

Badesalz hatte so seine Schwierig-keiten, das »Respekt!« Schild zu montieren: Lernt aus den Erfahrungen von Henni Nachtsheim und Gerd Knebel vom hessischen Comedy-Duo »Badesalz«, wie eine klassische Schildanbringung funktioniert.


»respekt.tv« DAS MAGAZIN Holt euch den Titel der »Respekt!« Fußball-WM Die Kooperation zwischen der Initiative »Respekt! Kein Platz für Rassismus« und der IG Metall plant auch 2014 einen Veranstaltungshöhepunkt: eine »Respekt!« Fußballweltmeisterschaft! Bei dem Turnier geht es um den sportlichen Spaß, aber auch darum, ein öffentliches Zeichen gegen Missstände im Zusammenhang mit sportlichen Großveranstaltungen wie der Weltmeisterschaft oder Olympia zu setzen. Wir laden alle Betriebe, IGM-Bezirke und Verwaltungsstellen herzlich ein, mit einem Team von 8-10 Leuten mitzumachen. Unser kulturelles Programm startet mit einer Kundgebung, gefolgt von Musik, Comedy, Tanz u.v.m. Meldet euer Team an unter: info@respekt.tv

Schon geblickt? Unser »respekt.tv« DAS MAGAZIN Nach dem erfolgreichen Startschuss am 27. Mai läuft »respekt.tv« DAS MAGAZIN immer sonntagabends in zweiwöchigem Rhythmus auf Rhein-Main TV. In den Sendungen dreht sich alles um das Thema »Respekt!«. www.youtube.com/RespektTV

Die »Respekt!« Initiative war wieder in Deutschland unterwegs und bringt euch die neuesten Berichte mit interessanten Themen und Inhalten mit. Neben Portraits von »Respekt!« Botschaftern stellt die Initiative ausgewählte Aktionen und Events aus ihrer täglichen Arbeit vor. Auch Geschichten rund um den Premiumpartner IG Metall sind Bestandteil der Sendung. Und wie immer bei »Respekt!« kommt auch im TV-MAGAZIN selbstverständlich der Humor nicht zu kurz.

In der Sendung Nr. 40 vom 16. Februar 2014 berichteten wir über folgende Themen: • Vorlesung unseres »Respekt!« Botschafters

Unsere »Respekt!« Moderatoren auf einen Blick: Patrick Dewayne Das Multitalent aus Hanau war im ersten Leben Börsenhändler. Später erlernte er die Schauspielerei, wurde »GZSZ«-Serienstar, Sänger und Moderator.

Prof. Dr. Benjamin Ortmeyer an der Goethe-Universität

Termin: Samstag, 21. Juni 2014 von 10:00 bis 18:00 Uhr Auf dem Vorfeld der CommerzbankArena in Frankfurt am Main

Frankfurt über den ehemaligen KZ-Arzt Dr. Josef Mengele. • Das »Respekt!«

Paula Widmer Unsere Jüngste im Team überzeugt mit ihrer Ausstrahlung und engagiert sich für die »Respekt!« Initiative auch in ihrer zweiten Heimat Brasilien. Sie ist Abiturientin am Gymnasium Mainz-Gonsenheim und ist neben der Schule als Journalistin tätig.

Allstar-Team kickte beim Salzgitter-Cup. • Wir stellen euch die

Die vier Schritte der »Respekt!« Schilderaktion

Schauspielerin, Kabarettistin und neue »Respekt!« Botschafterin Dalila Abdallah vor.

Thorsten Siegmund Moderieren ist für ihn mehr als nur ein Beruf, es ist eine echte Leidenschaft. Über neun Jahre lang präsentierte er den Sport auf dem Regionalsender Rhein-Main TV und moderierte die unterschiedlichsten TV-Formate, stets charmant und investigativ. Seit August 2013 ist er Redakteur beim Fernsehsender Sport1 und gehört zum Redaktionsteam von »Respekt!«.

Das Video findet ihr auf unserem »Respekt!«

Mit dem »Respekt!« Schild kann jeder ein sichtbares Zeichen gegen Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung setzen. So einfach funktionierts:

YouTube-Kanal.

1. | »Respekt!« Schild bestellen unter www.respekt.tv/shop 2. | Ort auswählen und »Respekt!« Schild anbringen 3. | Foto machen 4. | »Respekt!« Story und -Foto in der Schildergalerie hochladen unter www.respekt.tv/kommunikation/ schilderaktion/jetzt-mitmachen Das »Respekt!« Schild fällt auf und stößt Gedanken, Emotionen und Gespräche an. Informiere dich noch heute über die Schilderaktion unter www.respekt.tv/ kommunikation/schilderaktion. Darüber hinaus begleitet dich das »Respekt!« Team gerne auch wenn du z.B. einen ganzen Aktionstag umsetzen willst. Mehr Informationen unter www.respekt.tv/ kommunikation/veranstaltungen.

»respekt.tv« DAS MAGAZIN findet ihr auch au

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Europa Nahe der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main machen Mitglieder und Befürworter der neokonservativen Partei »Alternative für Deutschland« Stimmung gegen

© Reuters/Kai Pfaffenbach

Europa.

Europawahlen 2014: Stimmungsmache vom rechten Rand Vor hundert Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Das war der Auftakt zu drei Jahrzehnten, in denen Europa zwei Mal, unter deutscher Verantwortung, in Schutt und Asche gelegt wurde. Daran muss man sich erinnern, wenn heute leichtfertig über Vor- und Nachteile der europäischen Einigung dahergeredet wird. Vor allem muss man es bedenken, wenn nationalistische Parteien gegen Europa demagogisch zu Felde ziehen, dafür aber unbedingt im Europaparlament vertreten sein wollen. Von Hendrikje Borschke

»Rechtspopulistische Parteien erreichen bei nationalen Wahlen mittlerweile zweistellige Ergebnisse«

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Die Europäische Union (EU) hat 60 Jahre lang dazu beigetragen, Frieden und Demokratie in Europa voranzubringen – auf einem lange Zeit hart umkämpften Kontinent. Die EU ermöglicht die Freizügigkeit von Menschen und Waren, das Reisen ohne Grenzkontrollen, Genehmigungen und Währungsumtausch. Nicht zuletzt steht die EU für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Solidarität, wenngleich die Worte den Taten meist weit vorauseilen. Die Idee Europa ist attraktiv – und dennoch haben viele Bürger ein Gefühl von Macht- und Einflusslosigkeit gegenüber der EU-Bürokratie. Die europäische Idee hat an positiver Ausstrahlung eingebüßt. Das zeigt sich vor allem am Erstarken rechtspopulistischer Parteien, die heftig gegen Europa agieren. Europaskepsis Eurokrise, Schuldenkrise, Bankenkrise. Seitdem fürchten sich die Menschen in Europa vor immer schärferen Sparmaßnahmen und sozialem Abstieg. Hinzu kommt der Frust über mangelnde Transparenz der Entscheidungen in Brüssel und das Misstrauen gegenüber einem unübersichtlichen Netz von EU-Institutionen. Es ist berechtigt: Wie soll man es verstehen,

wenn die Bundesregierung beispielsweise verspricht, den Anbau von Genmais in Deutschland zu verhindern, während sie sich in Brüssel der Stimme enthält? Und wer ist der richtige Adressat für die Empörung über solche Tricks?! Viele Bürger ziehen es vor, auf Brüssel zu schimpfen und die eigene Regierung zu schonen, denn das Hemd ist ihnen näher als die Jacke. Rechtspopulistische Parteien greifen das Misstrauen demagogisch auf. Mit drastischen Parolen von der »Krake EU« und den »Eurokraten« zeichnen sie simple Feindbilder. Ob Marine Le Pen vom Front National (FN) in Frankreich, Geert Wilders von der Partij voor de Vrijheid (PVV) in den Niederlanden oder Heinz-Christian Strache von der Freiheitlichen Partei Österreich (FPÖ): Sie alle reduzieren soziale und ökonomische Probleme auf die EU. Es werden Sündenböcke ausgemacht, aber keine Lösungen vorgeschlagen. Kein Wunder: Würde man ihre Anhänger vor die Wahl stellen, aus dem Euro auszusteigen und zum Franc, Gulden oder Schilling zurückzukehren, dann fiele die Entscheidung sicher eindeutig aus. Das Gleiche gilt für die neue konservative Partei Alternative für Deutschland (AfD). Auch ihre Sprecher beziehen ihre Einkommen bei aller DM-Nostalgie dann doch lieber in Euro.


Feindbild Islam Neben der Europaskepsis ist in vielen europäischen Ländern die Islamfeindschaft das verbindende Element rechtspopulistischer und rechtsextremer Bewegungen. Durch die Terroranschläge von Al Qaida hat diese Propaganda Nahrung erhalten. Muslimische Gemeinden werden als »Parallelgesellschaften« wahrgenommen, die sich der Integration verweigerten. Parteien wie die niederländische PVV oder die österreichische FPÖ stellen Muslime unter Generalverdacht und schüren Fremdenfeindlichkeit. Ihre Heimtücke besteht darin, dass es durchaus real existierende Probleme gibt, mangelnde Integration, sprachliche Hürden, soziale Ausgrenzung. Zur Lösung der Probleme fordern die Rechtspopulisten allerdings keinen Dialog und keine Integration, sondern bekämpfen die muslimische Kultur und ihre Gotteshäuser. Meist ist die Islamfeindlichkeit das Einfallstor für ordinären Rassismus. Während sich Marine Le Pen z.B. große Mühe gibt, gemäßigt zu erscheinen, vergleichen ihre Anhänger die französische Justizministerin Christiane Taubira (geboren in Guyana) mit einer Äffin. Auch die deutsche AfD hatte ihren Rassismus-Eklat. Sie verweigerte eine Distanzierung von dem folgenden Satz, den ihre Spitzenkandidatin Beatrix von Storch publiziert hatte: »Multikulti hat die Aufgabe, die Völker zu homogenisieren und damit religiös und kulturell auszulöschen.« Da fragt man sich, was die größere religiöse Gefahr darstellt: die Moschee in der Nachbarschaft oder der Bischofssitz neben der Kirche.

Europawahl 2014 Als weit rechts stehende Parteien wie Front National, Lega Nord, Vlaams Blok und FPÖ in ihren Ländern auf den Plan traten und die ersten spektakulären Wahlerfolge erzielten, war man noch geneigt, sie als flüchtige Protesterscheinungen abzutun. Die weitere Entwicklung hat dies leider widerlegt. Rechtspopulistische Parteien erreichen bei nationalen Wahlen mittlerweile zweistellige Ergebnisse. Es ist zu befürchten, dass sie bei den Wahlen zum Europaparlament im Mai 2014 deutliche Stimmengewinne erzielen werden. Marine Le Pen und Geert Wilders haben ein Bündnis ausgerufen und wollen im Europaparlament eine gemeinsame Fraktion bilden. Gelingt ihnen das, wollen sie mit nationalistischen Bewegungen zusammenarbeiten, um »das Volk von der Elite und Europa zu befreien und ihm dadurch seine Freiheit zurückzugeben«. Die AfD will vorerst nicht mitmachen, weil sie nicht mit Rechtsextremen zusammenarbeite. Ob diese Haltung von Dauer ist? Nach der Machtbeteiligung bzw. -übernahme der Rechtspopulisten in Ungarn, Österreich oder Italien machte man schlimme Erfahrungen. Ein Berlusconi hat Italien nicht nur moralisch korrumpiert und kulturell degradiert, sondern auch ökonomisch heruntergewirtschaftet, während er sich selbst hemmungslos bereicherte. Doch die Rechtspopulisten erzeugen Wirkung. Inzwischen finden wir sie nicht nur an den Rändern des Parteiensystems. Auch die Parteien der politischen »Mitte« übernehmen teilweise ihre Parolen, Stilmittel und Kommunikationstechniken. So hat sich die CSU mit der Forderung nach einer »PKW-Maut für Aus-

länder« zu einem verantwortungslosen europafeindlichen Akt entschlossen. Wenn die PKW-Maut kommt, werden natürlich auch die deutschen Autofahrer zahlen müssen, und das ist auch so gewollt. Aber die Schuld wird man wieder nach Brüssel schieben.

Auch das Positive sehen Der Aufstieg der Rechten in Europa verunsichert – aber man kann davon ausgehen, dass es nach den kommenden Wahlen eine breite, demokratische und proeuropäische Mehrheit im Europaparlament geben wird. Um die Antieuropäer in die Schranken zu weisen, muss man ihnen klar entgegentreten, Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit leisten. Das kann aber nur gelingen, wenn dem Europa der Banken und Konzerne, der Sparpolitik und Jugendarbeitslosigkeit, der Atomenergie und Gentechnik ein Europa der Solidarität, der Freiheiten, des sozialen und ökologischen Fortschritts, der Kulturen und des Respekts entgegengesetzt wird. Und ein Europa, in dem Rassismus keinen Platz hat.

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Aufruf Nein zum Rassismus in Europa Europa steht im Mai 2014 vor der Gefahr einer rechtspopulistischen Wende. Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament werden in Frankreich für den Front National rund 25 Prozent vorausgesagt. In Österreich könnte die rechtspopulistische FPÖ zur stärksten Kraft werden, genauso wie Wilders »Partei für die Freiheit« in den Niederlanden. Die Bundesrepublik hat rechtsextremen Parteien bisher widerstanden. Das muss so bleiben. Die bundesweit über tausend Veranstaltungen im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus sind der lebendige Ausdruck dafür, dass sich Zehntausende den Rechtspopulisten und menschenfeindlichen Kulturrassisten aktiv entgegenstellen. Wir müssen aktiv bleiben gegen Rassismus, der das einigende Band aller rechtspopulistischen Bewegungen ist, drum unterschreibt den folgenden Aufruf. Als Unterzeichnende sagen wir Nein zu Rechtspopulismus, Kulturrassismus und Rechtsextremismus in Europa. Wir sind wachsam und wollen den Anfängen wehren. Die Menschenrechte sind die Grundlage unserer Gesellschaft. Die Europawahlen dürfen nicht den Feinden der Menschenrechte überlassen werden.

Weitere Informationen und Zugang zum Aufruf beim Interkulturellen Rat in Deutschland e.V. | Goebelstraße 21 | 64293 Darmstadt | info@interkultureller-rat.de | www.interkultureller-rat.de oder an den Förderverein PROASYL | Postfach 160624 | D-60069 Frankfurt am Main | proasyl@proasyl.de | www.proasyl.de

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Titelthema »Kein Platz für Bildung?« Malala Yousafzai (*12. Juli 1997) ist eine Kinderrechts- und Bildungsaktivistin aus dem Swat-Tal in Pakistan. Sie war 2013 die bisher jüngste Kandidatin für den Friedensnobelpreis. Am 9. Oktober 2012 wurde ein Attentat auf sie verübt, das sie nur knapp überlebte. Die Taliban bekannten sich zu der Tat. Heute lebt Malala Yousafzai in England, Birmingham. Sie ist stolze Schülerin der Edgbaston School for Girls, einer

© Antonio Olmos

weiterführenden Mädchenschule.

Malala: das mutige Mädchen vom Hindukusch

»Ich möchte nicht das Mädchen sein, auf das die Taliban geschossen haben, sondern das Mädchen, das für Bildung kämpft«

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Malala wäre gern ein ganz normales Mädchen gewesen. Eins, das zur Schule gehen darf. Heute ziert eine lange Narbe die linke Seite ihres Kopfes, seit ein Taliban auf sie geschossen hat. Denn Malala Yousafzai hat sich gegen das Schulverbot widersetzt und sich für die Bildung von Kindern und jungen Frauen in Pakistan stark gemacht. Heute ist sie zu einer globalen Berühmtheit geworden und jeder kennt ihren Namen. Wer Malala aber auf das Attentat und den damit einhergehenden medialen Rummel reduziert, macht es sich zu einfach. Von Hendrikje Borschke Der Westen feiert Malala als Heldin und

Vorbild. Mädchen auf der ganzen Welt bewundern sie. Manche verbinden mit ihr die Hoffnung, sie könne ein Umdenken in Bildungsfragen und weiblichen Rollenbildern in Pakistan bewirken. Malala ist gerade 16 Jahre alt und sprach schon vor den Vereinten Nationen in New York über Menschenrechte. Sie erhielt den Sacharow-Preis des Europaparlaments und war bis dato als jüngste Frau für den Friedensnobelpreis nominiert. Zu Gast bei US-Präsident Barack Obama drückte sie nicht nur seine Hand, sondern auch ihre Besorgnis über die Drohnenangriffe gegen ihr Heimatland aus. Die Preise und Ehrungen lassen auf ihren Ruhm schließen, weniger auf ihren Mut. Für ihren Kampf in der Öffentlichkeit braucht es Mut und ein dickes Fell. Denn sie muss sich auch mit Vorwürfen und Anschuldigungen wie »Marionette des Westens« oder »Schauspielerin« auseinan-

dersetzen. Die Biografie von Malala Yousafzai »Ich bin Malala« ist im Westen ein Erfolg, in ihrer Heimat aber darf sie nicht erscheinen. In den Medien erhält man ein irritierendes Bild von Malala mit kontroversen Diskussionen. Ist sie nur ein Spielball politischer Interessen? Ohne erkennbaren inneren Leitfaden, ohne vernehmbare eigene Stimme? Sie hätte nach dem Attentat aufgeben können – wagte sich aber entschlossen in die Öffentlichkeit und nutzt ihre Aufmerksamkeit für den Kampf um Bildung. Während viele Mädchen in Malalas Alter heute Germany´s Next Topmodel werden möchten, richtet Malala Worte an die Öffentlichkeit wie: »Ich möchte nicht das Mädchen sein, auf das die Taliban geschossen haben, sondern das Mädchen, das für Bildung kämpft.« Malala Yousafzai hat die Angst überwunden, die sie zum Schweigen hätte bringen sollen. Sie erhebt ihre Stimme »für die, deren Stimme nicht gehört werden kann«.


Erfahrungsbericht Lese- und Schreibschwäche Berufstätiger und die Angst vor Entdeckung

Vor dem Europaparlament erinnerte sie an die zig Millionen Kinder, die keinen Zugang zu Bildung haben und dass die meisten davon Mädchen sind. Diese Mädchen »haben nichts zu essen und kein Wasser zu trinken. Aber sie haben auch Hunger auf Bildung.«

Malalas Wurzeln

In Deutschland gibt es mindestens 6,5 Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren, die nicht ausreichend lesen und schreiben können. Ganze 60 Prozent davon sind berufstätig. An die Vertrauensleute und Kulturmittler in Betrieben werden Beobachtungen herangetragen, die zeigen, wie Menschen mit ihrer Lese- und Schreibschwäche im betrieblichen Alltag umgehen – oft unbemerkt. www.dgb-mento.de

Pakistan litt unter Kriegen, Diktatoren, der gewaltsamen Islamisierung und den Interessenkonflikten zwischen den Großmächten USA und Russland. Pakistan ist darüber hinaus ein traditionsverwurzeltes Land, wo Männern bei der Geburt einer Tochter Beileid zugesprochen wird und Mädchen nicht ohne männliche Begleitung das Haus verlassen dürfen. Frauen sind geltungslos. Hier wurde Malala hineingeboren und nach der Volksheldin Afghanistans, Malalai, benannt. Das heißt übersetzt »kummervoll«. Es war ihr aufgeklärter Vater, der Malala den Weg zu einer der jüngsten Friedensaktivistinnen der Welt wies. Er lehrte sie Reden zu schreiben und dass Bildung der einzige Ausweg aus Armut und Unterdrückung sei. Er motivierte sie auch dazu, 2009 unter dem Pseudonym »Gul Makai« (»Kornblume«) einen Blog für den BBC-Nachrichtensender zu verfassen. Ängstlich, aber mit bemerkenswertem Willen und für ihr Alter überdurchschnittlicher Gedankentiefe schrieb sie ihre Tagebucheinträge. Sie schilderte, was sie sah, um auf die Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, die sie tagtäglich umgaben. Warum dürfen Mädchen nicht zur Schule gehen? Malala stellt diese Fragen. Malala Yousafzai hat sich behauptet und die engen Grenzen ihrer Geschlechterrolle aufgebrochen, hat eine Schneise geschlagen durch die frauenverachtende Welt, in der sie lebte, und hat den Kindern, Jugendlichen und Frauen ihrer Generation neue Wege gebahnt. Sie folgt unbeirrbar dem Ziel eines selbstbestimmten Lebens in einer Zeit, in der Freiheit in ihrem Heimatland Pakistan nur der Religion, Tradition und den Männern gehört. Deshalb ist Malala mutig.

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»Respekt!« empfiehlt »Ich bin Malala. Das Mädchen, Analphabeten meiden

weil es für das Recht auf Bildung kämpft«

Situationen, wo es um ihre

Verlag Droemer HC, gebundene Ausgabe,

größte Schwäche geht:

Autorin Malala Yousafzai und Christina Lamb,

Lesen und Schreiben.

400 Seiten, für 19,90 € im Buchhandel erhältlich. Nachdem Malala Yousafzai ein Verbot der Taliban zum Schulbesuch zusammen mit anderen Mädchen missachtet hatte, hielten einige Taliban am 9. Oktober 2012 ihren Schulbus auf der Heimfahrt an und fragten nach Malala. Die damals 14-Jährige war geschockt und konnte ihren Namen nicht sagen. Das beschäftigte sie bis heute und erklärt damit den Titel ihrer Biografie, die am 8. Oktober 2013 erschienen ist: »Ich bin Malala«. Dabei geht es in dem Buch nicht allein um ihre eigene Geschichte, sondern auch um die Geschichten zahlreicher Mädchen, die wie sie aus dem Swat-Tal stammen. Die teilweise nicht zur Schule gehen dürfen, die arbeiten müssen, die viel zu früh an viel zu alte Männer verheiratet werden und in ständiger Angst vor der Willkür der Terroristen leben.

© Marco2811 - Fotolia.com

das die Taliban erschießen wollten,

Annegret Finke, Betriebsrätin bei Thyssen Krupp und Lernberaterin, nahm im Herbst 2014 am sogenannten MENTO-Programm teil, um diese Menschen zu erreichen und dabei zu unterstützen ihre Bildungsdefizite abzubauen. »In einem Betrieb wie beispielsweise ThyssenKrupp Steel Europe AG in Duisburg mit etwa 13.000 Beschäftigten gibt es Menschen, die große Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben«, berichtet Finke. »Ein Kollege nahm die Pausenbestellung der ganzen Schicht entgegen, ohne sich etwas zu notieren. Er hat dann 20 verschiedene Brötchen und Getränke besorgt und jedem Kollegen das Wechselgeld korrekt ausgehändigt.« Eine phänomenale Gedächtnisleistung, die – so wissen es die Experten – aber typisch ist für diese Menschen, die ihr Defizit oft auf anderen Gebieten wieder wettmachen. Die Betroffenen müssen Ausreden erfinden: Sie vergessen ihre Brille, wenn es um das Lesen von Arbeitssicherheitsanweisungen geht. Eine Person soll mit verbundenem Arm zur Schichtbesprechung gekommen sein, um das Schreiben des Schichtprotokolls nicht übernehmen zu müssen. Oftmals, so Annegret Finke, sind die Betroffenen von einer tiefen Scham und Angst erfüllt, entdeckt zu werden. »Eine schwere Belastung für die Betroffenen, die sich in einer immer anspruchsvolleren Arbeitswelt behaupten müssen«, sagt Finke. Durch das MENTO-Programm werden vorwiegend Sprach- und Kulturmittler im Betrieb zu sensiblen Ansprechpartnern für Mitwisser und Betroffene ausgebildet. Sie lernen die Zeichen zu erkennen, aufzuklären und als Vertrauenspersonen aufzutreten. Es gilt nicht, so Annegret Finke, auf die Jagd nach Menschen mit Lese- und Schreibschwäche zu gehen, sondern Präsenz und Verständnis zu zeigen sowie Ängste abzubauen. Im besten Fall kommen die Betroffenen von sich aus auf die Mentoren zu.


Titelthema »Kein Platz für Bildung?« Sportevent Junge Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter von National Union of Afghanistan Workers and Employees (NUAWE) nahmen im Mai 2013 an einem Seminar der IG Metall und FriedrichEbert-Stiftung in Kabul teil. Thema war die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Stärkung der Stellung der Frauen in

©NUAWE/FES

der afghanischen Gesellschaft.

Tausende Malalas Habbiba F.: »Außerhalb der gesicherten Gebiete setzen sich Schülerinnen und Studentinnen wirklichen Gefahren aus, obwohl sie nur ihre durch die Verfassung garantierten Rechte wahrnehmen«

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Die IG Metall und die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) arbeiten seit 2003 mit der National Union of Afghanistan Workers and Employees (NUAWE) zusammen. Über ihre Kontakte konnten wir Anfang Februar 2014 Telefoninterviews mit der afghanischen Gewerkschaft führen. Besonders beeindruckt hat uns die Leiterin der Frauenabteilung von NUAWE mit ihren mutigen Botschaften und ihrem Tempo: Aus ihr sprudelten die Sätze nur so heraus. Außerdem schilderte uns eine Studentin ihre Studien- und Lebenssituation in Kabul. Auch der Vorsitzende von NUAWE, Maruf Qadiri, nahm sich lange Zeit für »Respekt!«. Ein Fazit maßen wir uns nicht an. Obwohl wir sehr kritisch über deutsche Militäreinsätze denken, müssen und wollen wir diese Stimmen anhören und uns damit auseinandersetzen, was für die Zukunft und den Frieden Afghanistans getan werden kann. Interview mit Habbiba F., Leiterin der Frauenabteilung der afghanischen Gewerkschaft NUAWE: Wir freuen uns, zum ersten Mal mit einer afghanischen Gewerkschafterin sprechen zu können. Was ist Ihr Job bei NUAWE, worum kümmern Sie sich? Habbiba F. | Wunderschönen guten Tag! Nach unserem letzten Gewerkschaftstag hat der Vorstand die Einrichtung einer Frauenabteilung beschlossen, und ich wurde zu ihrer Leiterin bestimmt. Unsere Arbeit ist vielfältig. Wir kümmern uns um Frauen in Betrieben, um höhere Löhne, Gleichberechtigung, Urlaubszeit, um Gender-Fragen. Wir kümmern uns aber auch darum, wenn Frauen von ihren Männern geschlagen werden oder wenn sie in der Gesellschaft unterdrückt werden. In diesem Bereich arbeiten wir mit dem Frauenministerium in Kabul zusammen.

Wie sind die Frauen in NUAWE vertreten? HF | 30% der Gewerkschaftsmitglieder sind Frauen. Im Gesamtvorstand sind zurzeit vier Frauen von insgesamt 25 Personen. Es gibt einen Vorstandsbeschluss, dass die Frauenquote auch dort 30% betragen soll. Den wollen wir nächstes Jahr umsetzen. Die Gleichheit von Frauen und Männern ist in Ihrer Verfassung verankert. Wie sieht es in der Realität aus? Auch in Deutschland gibt es einen Unterschied zwischen dem Papier und der Wirklichkeit. HF | Überall ist das so. In Afghanistan muss man bedenken, dass wir dreißig Jahre Krieg hatten. Das bedeutete Stillstand für die gesellschaftliche Entwicklung. Zum Glück ist das vorbei, aber was im Gesetz geschrieben steht, wird trotzdem nicht hundertprozentig umgesetzt.


Als Gewerkschafterinnen nehmen wir das zum Anlass, den Kolleginnen in den Betrieben, aber auch anderen Frauen in der Gesellschaft immer wieder zu erklären, dass sie die gleichen Rechte wie die Männer haben und dass sie auch darauf pochen müssen. Mit welchen Hindernissen, vielleicht sogar Gefahren haben Sie dabei zu kämpfen? HF | Was unsere Mitglieder oder unorganisierte Frauen in den Betrieben betrifft, werden wir damit schon fertig. Denn dort haben wir unsere Vertreterinnen und Vertreter vor Ort. Natürlich bleiben oft Differenzen mit den Arbeitgebern bestehen. Aber in den letzten Jahren haben wir beim Schwangerschaftsurlaub, bei den Arbeitsbedingungen und -zeiten in direkten Verhandlungen mit ihnen erreicht, was zu erreichen war. Das Problem besteht darin, dass die Frauen in Afghanistan gewohnt sind, den zweiten Platz einzunehmen, auch bei der Arbeit. Weil die Tradition ihnen diesen Platz zuweist. Nur eine Minderheit von Frauen bricht aus dieser Rolle aus, will weiterkommen, Karriere machen. Das fördern wir. Wie ist die Situation für Frauen im Bildungswesen? HF | Unterschiedlich. In Kabul gehen etwa 40% der Mädchen und Frauen zur Schule. Auch an weiterführenden Schulen ist das Verhältnis in der Hauptstadt günstig. In den anderen großen Städten ist es deutlich geringer, aber immer noch relativ gut. In kleinen Städten und Dörfern sieht es wesentlich schlechter aus, weil es dort keine Sicherheit gibt. Legen Sie mich bitte nicht auf eine genaue Zahl fest, aber alles in allem kann man von ungefähr 20% der afghanischen Mädchen und Frauen ausgehen, die eine Ausbildung absolvieren. Das gilt natürlich erst seit 2001. Wie ist der Trend? HF | Der Trend ist unbedingt positiv. Allerdings muss man dabei immer wieder die Sicherheitslage berücksichtigen. Die Mädchen gehen gern zur Schule, wollen lernen und sind begabt. Aber es gibt nicht nur in Afghanistan, sondern auch in anderen Ländern der Region Vorfälle, wo man ihnen beispielsweise in der Schule Mittel ins Trinkwasser gemischt hat, sodass sie ohnmächtig wurden. So wird Angst vor dem Schulbesuch erzeugt. Es gab sogar Schülerinnen, denen von den Taliban als Strafe dafür, dass sie zur Schule gegangen sind, Nase und Ohren abgeschnitten wurden! Solche Ereignisse führen dazu, dass Frauen und Mädchen ihre Ausbildung abbrechen. Außerhalb der gesicherten Gebiete setzen sich Schülerinnen und Studentinnen wirklichen Gefahren aus, obwohl sie nur ihre durch die Verfassung garantierten Rechte wahrnehmen. Ist es so schlimm wie das, was die pakistanische Schülerin Malala erfahren musste? HF | Wir sind froh, dass Malala Yousafzai mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit gegangen ist und auf der ganzen Welt Gehör gefunden hat. Aber sie ist nur eine von Vielen. In Afghanistan, wie auch in Pakistan, gibt es tausende von Mädchen, die Ähnliches erleben mussten und auch darüber berichten würden, wenn sie die Gelegenheit dazu bekämen. Tausende von Mädchen wurden von den Taliban erschossen, gesteinigt! Wir können viele Fälle dokumentieren und hoffen, dass diese Informationen Verbreitung finden werden. Auch das Frauenministerium führt eine solche Statistik.

Wie reagieren Eltern und Familien, wenn ihre eigenen Kinder terrorisiert oder sogar ermordet werden? HF | Sie haben ein großes Problem, denn sie werden genauso bedroht. Warum haben sie es zugelassen, dass ihre Töchter zur Schule gingen? Viele verlassen deshalb ihr Dorf und ziehen woanders hin. Natürlich möchten sie, dass die Täter verfolgt und vor Gericht gestellt werden. Aber die Regierung setzt das nicht durch. Solche Dinge erleben wir beinahe täglich. Es ist nur eine Minderheit in Afghanistan, die sich darüber empört, und entsprechend schwer hat sie es, gegenüber der Mehrheit Veränderungen zu bewirken. Die Taliban und die »Warlords« (Territorialfürsten mit bewaffneten Anhängern) haben Macht und Geld und fühlen sich sicher. Was unternehmen die Gewerkschafterinnen von NUAWE dagegen? HF | Ich will ein aktuelles Beispiel berichten. Dabei geht es um eine Frau mit drei Töchtern. Als sie zum vierten Mal schwanger wurde, ging sie mit ihrem Mann ins Krankenhaus zur Untersuchung. Dabei stellte sich heraus, dass das nächste Kind wieder ein Mädchen wird. Der Mann misshandelte seine schwangere Frau so schwer, dass sie im Koma lag, und wollte sie aus dem Haus werfen. Wir haben ihn zusammen mit dem Frauenministerium zur Rede gestellt. Er antwortete, er habe von den Rechten der Frauen in Afghanistan nichts gewusst. Nun kann sie zwar in dem Haus bleiben. Aber er sagt, sie müsse so lange Kinder zur Welt bringen, bis ein Sohn dabei ist. Es klingt nach Mittelalter, aber so etwas gibt es heute immer noch. Glauben Sie trotzdem an die Zukunft? HF | Sie hängt von dem Vertrag ab, den unsere Regierung zurzeit mit den USA verhandelt. Während der TalibanHerrschaft haben wir in Afghanistan eine sehr düstere Zeit erlebt. Nachdem amerikanische Soldaten und die Soldaten anderer NATO-Staaten das Land von Al Qaida und Taliban befreit hatten, konnte man den Aufschwung der Frauenbewegung erleben. Wenn bald ein Sicherheitsabkommen zustande gebracht wird, wird diese positive Entwicklung weitergehen. Wenn nicht, sehe ich persönlich schwarz. Seit kurzem haben wir in Deutschland eine Frau als Verteidigungsministerin, was auch für uns neu ist. Welche Erwartungen haben Sie an Frau von der Leyen? HF | Wir sind stolz, dass Frauen es in so hohe Positionen geschafft haben. Wir wünschen uns, dass für afghanische Mädchen und Frauen noch viel mehr Bildungsmöglichkeiten geschaffen werden, dass neue Schulen und Universitäten gebaut werden. Damit die Frauen der heutigen jungen Generation später einmal auch bei uns hohe Positionen bekleiden können. Denn durch Bildung kann man etwas erreichen, ohne Bildung ist man verloren. Das ist unsere Botschaft. Ein spezieller Wunsch wäre natürlich auch, dass unsere Absolventinnen Weiterbildungsmöglichkeiten in Deutschland erhalten. Damit sie, wenn sie mit den erworbenen Qualifikationen zurückkommen, das schaffen, was frühere Generationen in Afghanistan nicht geschafft haben. Wir haben keine besonderen finanziellen Wünsche, es geht uns um die Bildung der neuen Generation.

Habbiba F.: »Durch Bildung kann man etwas erreichen, ohne Bildung ist man verloren«

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Titelthema »Kein Platz für Bildung?« Aktion NUAWE hat in Kabul eine äußerst aktive Frauenabteilung. Die Gewerkschafterinnen engagieren sich für Frauen in Betrieben, um höhere Löhne, Gleichberechtigung, Urlaubs- und

© NUAWE/FES

Mutterschaftszeit.

Bahara: »Für die Zukunft ist die Frage der Sicherheit wichtig. Je mehr Sicherheit, desto bessere Aussichten haben wir. Je weniger Sicherheit, desto eher werden wir wieder leiden müssen«

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Interview mit der afghanischen Studentin Bahara: Was studieren Sie? Welche Hochschule besuchen Sie? Bahara | Ich heiße Bahara, bin 22 Jahre alt und studiere Englisch in Kabul. Daneben lerne ich noch Spanisch, aber Englisch macht mir mehr Spaß. Ich möchte Lehrerin werden, weil ich diesen Beruf liebe. In meiner Klasse sind wir dreißig Mädchen und zwei Jungen. Im Moment beschäftigen wir uns mit englischer Literatur. Eine afghanische Besonderheit ist, dass es in unserem Land viele Sprachen und Dialekte gibt, von denen zwei offizielle Landessprachen sind, im Süden Paschtun, im Norden Dari. Als Englisch-Übersetzerin muss man also mindestens drei Sprachen können. Haben Sie internationale Kontakte, zum Beispiel über die Universität? B | Vor allem zu Universitäten in Indien und Bangladesch gibt es Kontakte und Stipendien, um dort zu studieren. Wie hoch ist der Anteil von weiblichen Lehrkräften an den Schulen? B | In den ersten vier Schuljahren werden die Kinder sowohl von Lehrerinnen als auch von Lehrern unterrichtet. Danach gehen Mädchen und Jungen getrennt aufs Gymnasium oder die Realschule. Die Jungen werden von Lehrern unterrichtet, die Mädchen von Lehrerinnen. Mit welchen Problemen haben Sie es als junge Frau, die studiert, zu tun? B | Momentan ist die Situation ziemlich gut. Mädchen können genauso studieren gehen wie Jungen, und sie tun es mit Erfolg. Es kommt schon manchmal vor, dass Frauen, weil sie eine Ausbildung machen, von Anhängern der Taliban oder von Leuten, die so denken wie die Taliban, diskriminiert werden. Aber im Vergleich zur Taliban-Zeit ist es viel besser geworden. Für die Zukunft ist die Frage der Sicherheit wichtig. Je mehr Sicherheit, desto bessere Aussichten haben wir. Je weniger Sicherheit, desto eher werden wir wieder leiden müssen.

Sind Sie selbst schon bedroht worden? B | Zum Glück nicht. Aber sowohl von meinen Kommilitoninnen als auch in den Nachrichten habe ich oft von solchen Attacken gehört. Es betrifft weniger diejenigen, die in Kabul leben, als diejenigen, die von außerhalb kommen. Sie fühlen sich ernstlich bedroht. Wo treffen sich junge Leute in Kabul? B | Nach der alten Tradition ist es Frauen verboten, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Es gibt aber Cafés, wo Frauen unter sich sind und miteinander plaudern, oder Parks nur für Frauen. Was ist Ihr Lieblingsbuch? Ihre Lieblingsmusik? B | Am liebsten lese ich Bücher über Psychologie! Musikalisch: afghanische, indische und Pop-Musik. Interview mit Maruf Qadiri, Präsident der Nationalen Union der afghanischen Arbeiter und Angestellten (NUAWE): Heute treten Frauen in Afghanistan, wie überall auf der Welt, immer selbstbewusster auf. Sie sollen nach unseren Informationen auch wesentlich mehr Freiheiten besitzen, als es früher der Fall war. Stimmt das? Maruf Qadiri | Sie stellen ja die Hälfte der Bevölkerung. Unsere Gewerkschaft ignoriert das nicht, sondern möchte für die afghanischen Frauen viel bewegen. Unter den Taliban durften Frauen keinen Beruf ausüben und Mädchen durften keine Schule besuchen. Nach dem Ende der TalibanHerrschaft hat sich ihre gesellschaftliche Stellung sehr verbessert. Die heutige afghanische Verfassung macht keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Sie ist in dieser Frage ganz klar. Dies befolgen wir als Gewerkschaft und darauf berufen wir uns. Natürlich müssen sich die Frauen auch selbst einmischen und laut ihre Stimme erheben. Dabei steht die Gewerkschaft auf ihrer Seite. Sie engagiert sich für geregelte Arbeits-, Urlaubs- und


»Respekt!« Magazin

Mutterschaftszeiten. In dieser Hinsicht haben wir Einiges erreicht, auch wenn es Zeit braucht. Deshalb fordern wir die Frauen auf, sich noch stärker an diesen Auseinandersetzungen zu beteiligen. Wie groß ist die Gewerkschaft NUAWE und wie sind Frauen darin vertreten? MQ | Wir hatten einen starken Zuwachs in den letzten Jahren, sodass jetzt 130.000 Mitglieder bei uns organisiert sind. In 22 der 34 Provinzen Afghanistans sind wir mit Büros vertreten. NUAWE hat eine lange Tradition. Die Gewerkschaft gab es schon, bevor die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschierte. Während der sowjetischen Besetzung verlor sie ihre Unabhängigkeit, unter den Taliban war gewerkschaftliche Betätigung verboten. Heute liegt in der Freiwilligkeit der Mitgliedschaft und in der finanziellen Unabhängigkeit unsere Stärke. NUAWE ist Mitgliedsverband im ITUC (Internationaler Gewerkschaftsbund); mit der IG Metall haben wir Seminare gemacht, auch mit der Friedrich-Ebert-Stiftung arbeiten wir zusammen. Wir sind sehr daran interessiert, Frauen für die gewerkschaftliche Arbeit zu gewinnen und haben in Kabul eine äußerst aktive Frauenabteilung. Demnächst werden die Kolleginnen ihre Erfahrungen mit der türkischen Gewerkschaft DISK austauschen. Die westlichen Truppen haben ihren Abzug aus Afghanistan angekündigt. Wie sehen Sie in die Zukunft? MQ | Voraussetzung für alle unsere gewerkschaftlichen Aktivitäten, für die Entwicklung und den Fortschritt der afghanischen Gesellschaft insgesamt sind politische Stabilität und Schutz vor gewaltsamen Auseinandersetzungen. Man kann nicht arbeiten gehen oder eine Schule besuchen, wenn auf der Straße geschossen wird und Bomben gezündet werden. Ausdrücklich möchte ich den Soldaten Ihres Landes danken, dass sie uns davor geschützt haben. Denken Sie daran, dass die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland schon sehr alt sind! Denn einen solchen Schutz brauchen wir auch in der nächsten Zukunft. Dafür ist das Zustandekommen des Sicherheitsabkommens, das zurzeit zwischen den Regierungen von Afghanistan und den USA verhandelt wird, von zentraler Bedeutung. Die Interviews führte Detlef zum Winkel

Gratis solange der Vorrat reicht! Jetzt online lesen und gratis bestellen: www.respekt.tv/shop 01

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»Kein Platz für Nazis!« (März 2012)

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»Kein Platz für Revolutionäre?« (Oktober 2012)

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»Kein Platz für starke Frauen?« (April 2013)

Wir bedanken uns bei Sultan Amini, der als Türöffner und Übersetzer eine große Hilfe war.

»Kein Platz für eine Bunte Republik?« (September 2013)

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Maruf Qadiri ist seit zwei Jahren Präsident der Nationalen Union

zzgl. Versan

der afghanischen Arbeiter und Angestellten (NUAWE). Seine

dkosten

Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem Gesellschaftspolitik, Internationale Gewerkschaftsarbeit, Bildungs- und Medienarbeit.

»Kein Platz für Bildung?« (März 2014)

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Titelthema »Kein Platz für Bildung?« Ausbildung oder Studium? Bachelor und Master? Karriere oder Kind? Berufswege in Deutschland können steinig sein – um die Entscheidung zu erleichtern, muss es transparente Bildungsangebote, alternative Lernkonzepte und Finanzierungsmög-

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lichkeiten geben.

Bildung heißt, Zusammenhänge zu begreifen Vieles läuft schlecht mit der Bildung in Deutschland. Die IG Metall zeigt Alternativen auf, weil sie ein anderes, demokratischeres Verständnis von Bildung hat. Von Ulrike Obermayr

»Durch die neuen Abschlüsse

Bildungsfragen sind Zukunftsfragen

die Zeit fehlt,

Es betrifft alle Bereiche von Bildung: Schul- und Hochschulbildung, berufliche Erst- und Weiterbildung, Erwachsenenbildung und nicht zuletzt gewerkschaftliche Bildungsarbeit, denn der DGB und seine Einzelgewerkschaften sind heute einer der größten Anbieter politischer Erwachsenenbildung in Deutschland. Die IG Metall ist hier seit Jahrzehnten aktiv. Jugend- und Auszubildendenvertreter kümmern sich um die Berufsausbildung, Betriebsräte um Weiterbildung, an den Hochschulen wurde die Studierendenarbeit in den letzten Jahren intensiviert. Vor allem gelang es, Tarifverträge abzuschließen, die im Betrieb Möglichkeiten für berufliche und persönliche Weiterentwicklung geschaffen haben. Doch zur Selbstzufriedenheit besteht kein Grund. In Deutschland kommt die Bildung nicht wirklich voran. So ist es kein Zufall, dass die IG Metall-Jugend ihre Kampagne zur »Revolution Bildung« weiterführt.

das Gelernte

Probleme und Schieflagen

ist das Studium verschulter denn je, und die Interdisziplinarität bleibt dabei im Ansatz stecken. Denn

angemessen zu reflektieren« 14

Überall auf der Welt treten junge Menschen, Frauen und Männer vehement für das Recht auf Bildung ein. Für sie ist das gleichbedeutend mit dem Kampf um ihre Zukunftschancen. Wie sieht es eigentlich in Deutschland aus? Wie verläuft die aktuelle Bildungsdebatte bei uns?

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Die Europäische Gesetzgebung hat in den letzten 20 Jahren Rahmenbedingungen vorgegeben, die zum Teil massive – negative! – Auswirkungen auf die nationale Bildungspraxis in allen oben genannten Bereichen hatten. Das ist durchaus mit deutscher Zustimmung passiert. Die Politik in Europa

wird auch von deutschen Vertreterinnen und Vertretern in der EU-Kommission und im Parlament gemacht: Ein Grund mehr, am 25. Mai zur Europawahl zu gehen! Stichworte hierfür sind die Lissabon-Strategie (Stärkung des europäischen Wirtschaftsraumes), der Bolognaprozess (europaweite Harmonisierung der Studienabschlüsse), der europäische Qualifikationsrahmen (Vergleichbarkeit von Qualifikationen in der EU). Sie zeigen beispielhaft, dass es im Kern um Mobilität und »Employability« geht. Vor allem die junge Generation soll flexibel sein, sich den Anforderungen der Unternehmen anpassen: leicht einsetzbar und leicht austauschbar. Die zum Teil drastischen Reformprozesse in Deutschland, besonders deutlich im Hochschulbereich, sind bisher sehr kritisch zu bewerten. Hunderte von Studiengängen wurden neu geschaffen, die Konsequenz ist aber, dass z. B. die Übergänge zwischen den Hochschulorten sehr kompliziert geworden sind. Durch die neuen Abschlüsse ist das Studium verschulter denn je, und die Interdisziplinarität bleibt dabei im Ansatz stecken. Denn die Zeit fehlt, das Gelernte angemessen zu reflektieren. Zwar ist der Zugang zu Hochschulen etwas erleichtert worden. Betrachtet man aber die absurd hohen Durchfallquoten in bestimmten technischen und naturwissenschaftlichen Fächern, kommen Zweifel auf. Nach wie vor werden Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Milieus eindeutig benachteiligt. Ziel ist ja nicht nur der Beginn eines Studiums, sondern sein erfolgreicher Abschluss. Im schulischen Bereich gibt es die exemplarische Auseinandersetzung um G8 oder G9, d. h. um die Hochschul-


Privatisierung von Bildungseinrichtungen Aber hier liegt der Hase im Pfeffer. Mit den europäischen Reformen geht eine Privatisierungswelle von Bildungseinrichtungen einher, die besorgniserregend ist. Eine öffentliche Aufgabe wird zunehmend in die Hände von privatwirtschaftlichen Unternehmen gelegt. Dann bleibt auch in den staatlichen Bildungseinrichtungen das Diktat der Betriebswirtschaft nicht aus. An privaten Hochschulen ist der Betreuungsschlüssel besser, mit erfolgreichen Einstiegen ins Berufsleben werben sie offensiv. Das bedeutet aber auch: Wer kein Geld hat, kann sich eine Ausbildung an privaten Einrichtungen nicht leisten. Da bleibt nur noch die Hoffnung auf einen Platz in der Eliteförderung. Ähnliches gilt für die berufliche Weiterbildung, wo die Situation u. a. durch die inflationäre Zunahme von privaten Anbietern sehr unübersichtlich geworden ist. Das Konzept des lebensbegleitenden Lernens bleibt bisher bloß ein Appell. Die mühsame Durchsetzung von Bildungszeiten, z. B. beim »Bildungsurlaub«, der nicht einmal in allen Bundesländern gilt, zeigt, wie wenig sich Politik und Unternehmen dafür einsetzen. Was nützt uns das?, fragen sie und offenbaren damit ihren eigenen Bildungsnotstand. Denn wie kann man ein Recht mit einem Nutzen verwechseln?!

Für eine demokratische Lernkultur und mehr Mitbestimmung Erfahrungen und Wissen miteinander zu teilen, ist eine der zentralen Aufgaben gewerkschaftlicher Bildungsarbeit. Wir stehen für ein emanzipatorisches Menschenbild. Die Kolleginnen und Kollegen sollen in die Lage versetzt werden, sich selbstbestimmt Inhalten zu nähern, Probleme des Arbeitsalltags zu bewältigen und Selbstwirksamkeit im Bildungsprozess zu erleben. Das setzt eine demokratische Lernkultur voraus. An Schulen und Hochschulen ist das Lernen nach wie vor festgelegten Lehrplänen unterworfen. In Abgrenzung dazu will gewerkschaftliches Lernen beteiligen: Lerninhalte und -gegenstände sollen gemeinsam erarbeitet werden. Darin drückt sich das Verständnis der IG Metall darüber aus, wie der Mensch lernt und sich die Welt erschließt. Die IG Metall sieht es als sehr wesentlich an, Bildungsangebote zu machen, die helfen, sich Zusammenhänge zu erschließen. Das setzt aber die Bereitschaft der verantwortlichen Akteure voraus, sich selbst kontinuierlich weiterzubilden und die komplexen Entwicklungen in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt kontinuierlich nachzuvollziehen. Mitunter mögen auch die Bildungsinstitutionen diesen Anspruch an sich stellen. Aber solche Angebote entfallen bei ihnen häufig aufgrund von Sachzwängen und mangelnder Kompetenz. Ihre Unterwerfung unter die Zwänge des Markts tendiert dazu, das Begreifen von Zusammenhängen anderen, oft handfesten Interessen zu opfern.

Aber Bildung ist mehr als ein Produktivitätsfaktor. Um es in Abwandlung eines alten lateinischen Spruchs zu sagen: Nicht für die Schule, nicht nur für den Betrieb lernen wir, sondern fürs Leben. Mein Fazit ist, sich über die betriebliche Mitbestimmung hinaus mehr in die Fragen Wer vermittelt was und wie einzumischen. Wer bestimmt über Lerngegenstände und Lerninhalte? Wer bestimmt, wie wir lernen? Arbeitnehmerinteressen beziehen sich auf alle Lebensbereiche. Unsere Forderung nach einem guten Leben beinhaltet auch eine durchlässige, für alle zugängliche Bildung.

Ulrike Obermayr, Leiterin Gewerkschaftliche Bildungsarbeit beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt.

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IG Metall Jugend

© IG Metall Jugend

reife nach acht oder neun Jahren. Hier steht der europäischen Bildungspolitik die föderale Struktur der Bundesländer und ihrer unterschiedlichen Bildungspolitik gegenüber. Zu wünschen wäre, es würde zunächst auf nationaler Ebene gelingen, eine gemeinsame Schulpolitik zu entwickeln. Für die Schülerinnen und Schüler wäre das allemal besser, denn jeder hat das gleiche Recht auf eine gute Schulausbildung.

IGM Jugend »Rev. Bildung«

»Revolution Bildung« Als »Revolution Bildung« am 8. März 2013 von hunderten jungen Metallerinnen und Metallern in Frankfurt am Main losgetreten wurde, rechnete niemand damit, dass die Kampagne schon im ersten Jahr für so viel Aufmerksamkeit sorgen würde. Die Begeisterung und Kreativität, der Einsatz und die Aktionen der Jugendlichen haben nicht nur ein beachtliches mediales Echo erzeugt, sondern auch zahlreiche Politiker mit den Forderungen der IG Metall nach besserer und gerechterer Bildung konfrontiert. Das ist für die IG Metall-Jugend aber nicht genug. Aktuelle Zahlen zeigen eine Schieflage im Bildungssystem: Derzeit gelten 20% der Jugendlichen als Bildungsverlierer ohne Chancen und Perspektiven. Für den Auftakt des zweiten Kampagnenjahres Ende März plant die IG Metall-Jugend deshalb einen großen Bildungskongress in Stuttgart. Hier werden sich junge Gewerkschafter aus ganz Deutschland intensiv mit Ansätzen zur Verbesserung von Bildung auseinandersetzen – und sich mit Betroffenen und Initiativen austauschen. Tarifpolitische Forderungen und Ziele sollen mit dem gesellschaftspolitischen Diskurs abgeglichen werden. Denn für die IG Metall steht fest: Gute und gerechte Bildung ist die Grundlage einer demokratischen Gesellschaft. Bildung ist Persönlichkeitsentwicklung und befähigt zu Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität. Deswegen macht die IG Metall-Jugend »Revolution Bildung«. Ein großer Kampagnen-Höhepunkt 2014 wird der bundesweite Aktionstag im September in Köln. Das Ziel ist, an diesem Tag ein gesamtgesellschaftliches Statement für gute Bildung zu formulieren. Schließlich betrifft Bildung die ganze Gesellschaft. Azubis, Beschäftigte, Schüler/-innen, Studierende und die gesamte junge Generation. Bildung darf nicht zu einer privatwirtschaftlichen Ware werden, die sich nur wenige leisten können. Gute Bildung muss allen offenstehen und gerechter werden. Dafür kämpft die IG Metall. Weitere Infos unter www.revolutionbildung.de

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Titelthema »Kein Platz für Bildung?«

Statements zum Thema Bildung »Kein Platz für Bildung?« Pakistan, Afghanistan, Chile etc. Weltweit kämpfen die Menschen für Bildung. Welchen Stellenwert hat Bildung in den heutigen globalen Veränderungsprozessen von Staat, Gesellschaft und Familienstrukturen?

Bertin Eichler, ehemaliges geschäfts-

Sandra Minnert, Schirmfrau der

Rainer Jöde, Geschäftsführer

Manfred Linss, 1. Vorsitzender

Britta Graupner, Projektreferentin

führendes Vorstandsmitglied der

Initiative »Respekt! Kein Platz für

Bund-Verlag, Frankfurt am Main

Grätsche gegen Rechtsaußen e.V.

Interkultureller Rat in Deutsch-

IG Metall

Rassismus«

Bildung ist nie abgeschlossen. Vielmehr sind Bildung und Lernen eine das gesamte Leben begleitende Aufgabe. »Gebildet sein« heißt nicht nur, viel Fachwissen zu besitzen, es gehören auch praktische Handlungskompetenzen, emotionale Kompetenzen und die Fähigkeit der Selbstreflexion dazu. Es heißt auch, sein Leben selbstverantwortlich gestalten zu können. Viele Erwerbstätige müssen damit rechnen, ihren ursprünglich erlernten Beruf in einer Zeit rasanten technologischen Wandels nicht ein Leben lang ausüben zu können. Lebenslanges Lernen ist erforderlich, um mit den gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen Schritt zu halten, um auch künftig Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Lernen im Lebensverlauf zu unterstützen ist eine von vielen unternehmerischen und politischen Herausforderungen unserer Zeit.

Lernen und Bildung geschehen durch Erfahren bzw. Erspielen. Dem Sport generell spreche ich daher eine Vielzahl an erzieherischen Funktionen und Wirkungen zu. Sport ist nicht nur gesund, sondern auch gut für den Charakter. Sport führt zu fairem und gemeinschaftlichem Handeln und fördert die zwischenmenschliche Verständigung. Besonders der Fußball ist eine Sportart, die Werte und Kompetenzen vermittelt, wie Respekt, Fair-Play, Teamfähigkeit und Toleranz. Der Bildungsansatz des Straßenfußballs funktioniert international und zeigt sehr beeindruckend, wie soziales Lernen Konfliktbewältigung und Selbstorganisation ermöglicht. Insbesondere bildungsferne und sozial benachteiligte Jugendliche können mit solchen Konzepten erfolgreich erreicht werden. Das ist umso wichtiger, wenn Schule und Bildung nicht alle sozialen Schichten gleichermaßen ansprechen und qualifizieren.

Wissen ist Macht. Doch fern sind die Zeiten, da es reichte, die Bibel zu kennen oder von Odysseus zu berichten. Beider Stoff ist heute musealer Zinnober. Europa erfährt heute an vielen Einfalltoren schmerzhaft, was es heißt, anderen »systemisches« Wissen zu überlassen. Etwa in der digitalen Welt. Keck nutzen die, die Wissen und Geschäftsideen haben, genau diese Technologien, um ihre ureigenen Interessen auszurollen. Wieso also sollten wir unser Wissen mit jenen teilen, die noch weniger wissen als wir? Wieso sollten wir sie schlau machen, wie man Brunnen bohrt, Felder düngt oder Autos baut? Ganz einfach, weil diese fernen Länder über Millionen Kinder verfügen, die wir im alten Europa gar nicht mehr zur Welt bringen. Und diese Kinder brauchen Zukunft und Kaufkraft. Somit Wissen teilen, um nicht zerteilt zu werden? Ja, denn sonst bliebe uns eines Tages bestenfalls die Rolle des Hauslehrers. Wie jene Griechen, die in Rom die Kinder der Patrizier ausbildeten.

Bildung. Ein rares Gut in vielen Ländern dieser Erde. Dort muss dieses Gut teuer erkauft/ erkämpft werden. Die Nachfrage nach Bildung ist dort hoch. Besonders Frauen und Kinder haben meist das Nachsehen. Emanzipation und Wohlstand sind eben abhängig vom Bildungsgrad einer Gesellschaft. Umso ärgerlicher empfinde ich die Tatsache, dass in unserer Gesellschaft das Gut Bildung scheinbar von vielen nicht mehr nachgefragt wird. Es ist vorhanden. Verbesserungswürdig hier und da, aber dennoch vorhanden. Anders ist es für mich nicht erklärbar, wie Bürger unserer Gesellschaft Onlinepetitionen gegen ungebildete Fernsehmoderatoren schalten oder sich wochenlang von verschiedensten Medien mit Dschungelcamp und unverheirateten Landwirten betäuben lassen, während täglich Menschen in Kriegen sterben. Die Liste der Dinge, für die man sich wirklich engagieren müsste, ist extrem lang und Engagement hört eben nicht bei einem FacebookKommentar auf.

Kein Platz für Bildung? Bildung ist ein Menschenrecht. Nur wenn jeder Mensch – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Sprache, Religion, Anschauung – dieses Recht in vollem Umfang verwirklichen kann, steht die Tür zu weiteren Rechten und Kompetenzen wie politischer und sozialer Teilhabe und Empowerment offen. Bildung ermöglicht es, eigene Rechte wahrzunehmen – aber auch die Rechte anderer zu achten. Sie ist damit ein wichtiges Instrument zum Abbau von Vorurteilen und zum Schutz vor Diskriminierung. Wir brauchen eine für alle frei zugängliche Bildung, die auf den Menschenrechten basiert und diese verstärkt vermittelt, um langfristig Exklusion und Rassismus in Staat und Gesellschaft begegnen zu können. Bildung darf kein Privileg sein. Sie ist ein Recht – und Voraussetzung für ein gleichberechtigtes und solidarisches Zusammenleben. Weltweit.

www.igmetall.de

www.respekt.tv

www.bund-verlag.de

www.graetsche-gegen-

www.interkultureller-rat.de

land e.V.

rechtsaussen.de

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Vorankündigung »Respekt!« und IG Metall auf der Buchmesse Leipzig Auf der Leipziger Buchmesse ist die »Respekt!« Initiative gemeinsam mit ihrem Kooperationspartner IG Metall vom 13.-15. März 2014 mit einem Infostand und Bühnenprogramm vertreten. In Halle 3, Stand G 207 präsentieren wir unsere multimedialen Produkte und informieren über Themen rund um »Respekt!«. Auch dieses Jahr wollen wir, dass wieder möglichst viele Menschen bei unserer Fotoaktion ihr Gesicht gegen Nazis und für Respekt zeigen. www.respekt.tv/events

Karin Plötz, Direktorin LitCam

Simon Schnetzer, Jugendforscher und Dozent der Firma DATAJOCKEY

In der globalisierten und technologisierten Welt ist Bildung die Grundlage gesellschaftlicher und ökonomischer Integration. Nur wenn Menschen durch Bildung die Fähigkeit zum eigenständigen Denken erhalten, können sie sich in der neuen Netzwelt als selbstbewusste Personen behaupten. Sonst läuft die Gesellschaft Gefahr, zu einer manipulierbaren Masse zu werden. Deutschland muss sich aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Strukturen– mehr Einwanderung, alternde Bevölkerung – verstärkt dem Thema Bildungsgerechtigkeit widmen. Wie können wir verhindern, dass immer mehr Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer sozialen Herkunft zurückfallen? Bei unserem LitCam-Projekt »Fußball trifft Kultur« fördern wir Kinder aus bildungsfernen Haushalten durch die Kombination von Fußball, Unterricht und kulturellen Events. Sie lernen, ihre eigenen Stärken zu erkennen. Kompetenzen für das Leben zu erlangen, ist der Schlüssel für ihre Zukunft.

Der Zugang zu Bildung kann einem Menschen das Tor zur Welt öffnen. Schlechte Bildung kann Menschen unglücklich machen und beraubt die Gesellschaft ihrer Talente. Gute Bildung ermöglicht es Menschen, kreativ und kritisch zu sein und ihr Potenzial zu entfalten. Diese Kreativität und das kritische Hinterfragen sind es, was unsere Gesellschaften voranbringt. Das Bildungssystem in Deutschland riskiert es, jungen Menschen die außerschulische Zeit zur Entfaltung zu nehmen und die Lehrpläne an Schulen und Hochschulen so stark zu standardisieren, dass diese so wichtigen Fähigkeiten für Fortschritt und Entwicklung auf der Strecke bleiben.

Dass es auch lebende Bücher gibt, die uns Respekt näher bringen, zeigen wir mit der »Lebenden Bibliothek«. Sie ermöglicht den Dialog zwischen Menschen, die sich anderswo und anderswie vielleicht niemals begegnet wären. Wie in jeder anderen Bibliothek können ›Bücher‹ für die Dauer einer Ausleihfrist entliehen und ›gelesen‹ werden. Der Unterschied: In der »Lebenden Bibliothek« sind die Bücher Menschen, mit denen man ins Gespräch kommen kann. Anschließend tritt die neue »Respekt!« Botschafterin und Kabarettistin Dalila Abdallah mit ihrem »Respekt!« Programm auf. Es erwartet euch ein unvergessliches Kabaretterlebnis. Des Weiteren wird sie über ihre Biografie und ihre persönliche Respekt-Botschaft mit uns sprechen. Programmdetails Infostand: 13.-15. März: Gespräche am Informationsstand, Halle 3, G 207 Fotoaktion: täglich zu ausgewählten Zeiten Lebende Bibliothek: am 15. März von 10-15 Uhr Programmdetails Bühnenprogramm: Samstag, den 15. März von 17 bis 18:15 Uhr, Halle 4, B 501 17.00 Uhr | Eröffnung des »Respekt!« Programms 17.15 Uhr | Kabarett mit Dalila Abdallah 17.30 Uhr | Interview mit Dalila Abdallah Die »Respekt!« Initiative freut sich auf zahlreiche Besucher an ihrem Stand!

Die Schauspielerin, Kabarettistin und neue »Respekt!« Botschafterin Dalila Abdallah fühlt sich pudelwohl auf der Bühne und vor der Kamera. Das wird sie auch auf der Buchmesse

COMPETENCE FOR LIFE

in Leipzig zeigen.

www.litcam.de www.datajockey.eu


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ist eine Kinderrechtsaktivistin aus Pakistan. Ihr Engagement kostete sie fast das Leben. Ein Taliban schoss ihr aus nächster Nähe in den Kopf. Sie überlebte und kämpft mutig weiter für die Rechte der Kinder auf Bildung.

Malala Yousafzai

für Bildung?

Kein Platz


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Die Initiative

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Die Initiative »Respekt! Kein Platz für Rassismus« wurde im Juni 2010 ins Leben gerufen. Sie setzt sich ein für einen respektvollen Umgang miteinander. Viele prominente und engagierte Menschen aus Sport, Verbänden und Kultur unterstützen die Initiative schon heute. Mit der IG Metall hat die Initiative einen neuen starken Partner gefunden, der in Betrieben und Unternehmen sichtbare Zeichen setzt – für mehr Respekt und Toleranz.

Achtung: Hilfsmittel gegen Intoleranz, Respektlosigkeit, Rassismus, Homophobie, Sexismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Außerdem hilft es gegen rechtsradikale Denkschablonen und Vorurteile. Mit diesem erfundenen Medikament möchten wir darauf aufmerksam machen, dass Vorurteile und Rassismus heilbar sind. Denn denken hilft! Garantiert. Das Antiidiotikum® gibt‘s unter: www.respekt.tv/shop Unseren Antiidiotikum® Spot mit unserem »Respekt!« Botschafter Bülent Ceylan findet Ihr unter: www.respekt.tv/antiidiotikum-spot

Antonio Olmos ist der Fotograf, der die Porträts von Malala für ihr neues Buch »I Am Malala« machte. Er besuchte sie und ihre Familie im Sommer 2013 in ihrem neuen Heim in Birmingham und verbachte einen ganz Tag mit Malala. »Wenn man Malala trifft, spürt man gleich, dass sie ein besonderer Mensch ist«, schildert Antonio seine Begegnung mit ihr.


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Netzwerk-News »Respekt!« unterstützt Flüchtlinge aus Lampedusa

Ein Polt(er)-Abend am Schliersee

Am Mittwoch, den 5. Februar startete das Fußballtraining für 15 von den 22 westafrikanischen Flüchtlingen, die derzeit in der Gutleutkirche in Frankfurt am Main untergebracht sind. »Respekt!«-Botschafter und Fußball-Profi Bakary Diakité (ehemaliger Spieler bei Eintracht Frankfurt und Mainz 05) hat sich dafür bereit erklärt, das Training von nun an jeden Mittwoch ehrenamtlich zu leiten. Das Training wird nicht nur von Bakary unterstützt: der ehemalige Fußball-Profi Lars Schlichting und der Jugendfußballtrainer bei der SG Bornheim Maik Rudolf sind ehrenamtliche Co-Trainer.

Die »Respekt!«-Initiative und die IG Metall hatten am 10. Dezember 2013 zur Lesung des »Schwarzbuch Rassismus« geladen. Ulrike Obermayr (Leiterin Gewerkschaftliche Bildungsarbeit IG Metall) begrüßte drei bayerische Kabarettisten zum literarisch-satirischen Abend im IG Metall-Bildungszentrum am Schliersee, darunter auch einen Meister des Kabaretts, Gerhard Polt.

Das Fußballtraining für 15 von den 22 westafrikanischen Flüchtlingen wird ehrenamtlich von »Respekt!«

Es wurde viel gelacht beim literarischen Abend: Die »Respekt!«

Botschafter und Fußball-Profi Bakary Diakité (rechts oben) geleitet.

Initiative feierte mit Michael Sailer, Jürgen Roth, Gerhard Polt und Matthias Egersdörfer.

Von Beginn an organisiert und begleitet die »Respekt!«-Initiative mit großer Begeisterung das Projekt. Dusan Vesenjak ist politischer Sekretär des Ressorts Migration/Integration der IG Metall und hat das Projekt gemeinsam mit »Respekt!« initiiert. Darüber hinaus stellt die SG Bornheim den Fußballplatz zur Verfügung – mit seinem Einsatz in der Organisation dieses Projektes beweist der Verein aufs Neue sein außergewöhnliches Engagement. Außerdem wird die Trainingsbekleidung von Eintracht Frankfurt e.V. gesponsert. Der Transport mit einem Bus sowie Getränke und Obst für das Training stellt die Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Frankfurt am Main e.V. Für Bakary Diakité ist sein Einsatz für die Flüchtlinge eine Herzensangelegenheit und hat viel mit seinem Verständnis von Respekt zu tun: »Respekt ist immer ein Zusammenspiel aus Anerkennung, Verantwortung, Toleranz und Achtung. Menschen die an einen Punkt gekommen sind, aus ihrer Heimat zu flüchten, ihre Familie zu verlassen und sich dabei in Lebensgefahr zu begeben, brauchen unsere Unterstützung.« Ähnliche Ansichten vertreten wahrscheinlich auch die mehr als 50 ehrenamtlichen Helfer und Unterstützer, die sich derzeit um die Flüchtlinge kümmern. Doch es bleibt viel zu tun, um für die Männer eine längerfristige Perspektive aufzubauen. Denn in Deutschland dauerhaft leben und arbeiten dürfen die Flüchtlinge erst, wenn sie das Bleiberecht bekommen. Und diese Hoffnung schwindet Tag für Tag – vor allem, da kurz vor Redaktionsschluss bekannt wurde, dass die 22 Männer die Kirche voraussichtlich Ende März verlassen müssen. Die Flüchtlinge stehen vor einer unsicheren Zukunft.

Auch Mitherausgeber Jürgen Roth war angereist und begann die Lesung mit einigen Gedanken zum Schwarzbuch: »Es ist ein etwas anderes Lesebuch, das mit literarischen, künstlerischen und satirischen Mitteln, also auch mithilfe der Komik das Thema Rassismus umkehrt und entstellt.« Roth, Michael Sailer und Matthias Egersdörfer lasen aus dem Schwarzbuch und präsentierten auch andere eigene Stücke. Gerhard Polt stimmte mit biografischen Geschichten und seinem bissigen Stil auf die Adventszeit ein. Wie ein Geschichtenerzähler am Lagerfeuer wärmte er das Zuhörerherz – Sekunden später rüttelt er es durch sarkastische Ausbrüche wieder auf. Alle Stücke und den Zusammenschnitt des Abends seht ihr auf www.respekt.tv und www.youtube.com/RespektTV.

Der Profi-Fußballer Bakary Diakité ist ein Weltenbummler. Neben Eintracht Frankfurt, FSV Mainz 05 hat er noch in zwei weiteren europäischen ersten Ligen, Frankreich und Holland, im Iran und zuletzt ein Jahr in der Premier League Thailands bei Army United FC gespielt. Wir haben den »Respekt!« Botschafter in Bangkok getroffen – schaut euch die Doku auf YouTube an!

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Neuer Netzwerkpartner Aktionswochen gegen Rassismus Die Internationalen Wochen gegen Rassismus 2014 finden vom 10.-23. März statt. Gemeinsam mit mehr als 70 bundesweiten Organisationen und Einrichtungen fordert der »Interkulturelle Rat in Deutschland e.V.« dazu auf, sich an den Aktionswochen zu beteiligen und Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Auf der Seite www.internationale-wochen-gegenrassismus.de könnt ihr euch über die Hintergründe der Aktionswochen gegen Rassismus informieren, euch im Veranstaltungskalender auf die Suche nach schon bestehenden Projekten machen und eigene Veranstaltungen und Initiativen bekannt machen.

Alles gut bei euch? Ja, Rollt. Rollstuhlbasketball ist der spektakulärste Sport auf Rädern – und der inklusivste dazu. Männer und Frauen, Behinderte und Nicht-Behinderte gehen gemeinsam in der Rollstuhlbasketball-Bundesliga (RBBL) auf Korbjagd. Zehn Teams von Hamburg über Wetzlar und Frankfurt bis Heidelberg greifen jährlich nach der Krone der Rolli-Korbjäger. Unter dem Dach des Teams Germany sammeln sich die Nationalmannschaften im männlichen und weiblichen Bereich, die bereits Medaillen bei den Paralympics sowie diverse Welt- und Europameister-Titel einheimsen konnten. www.rollt-magazin.de

Filmtipp: »Töchter des Aufbruchs« Das coolste Magazin für Rollstuhlbasketball in Deutschland gibt es auch online zu bestellen: www.rollt-magazin.de

»Respekt!« empfiehlt

Mit »Rollt.« hat sich im Sommer 2013 ein junges Magazinprojekt gegründet, das eben genau über diesen Sport berichtet. Neben der klassischen Berichterstattung rund um den Ligabetrieb stehen auch vielfältige Portraits, Taktiktipps oder die Geschichte des Rollstuhlbasketballs im Mittelpunkt. Reporter Sören schnappt sich zudem regelmäßig Stift und Zettel und interviewt die bekanntesten deutschen RolliKorbjäger. Die kommende Ausgabe der Rollt. (Ende März) legen wir übrigens gleich doppelt ans Herz: »Respekt!« Botschafterin Nora Schratz wird im Rahmen einer kleinen Homestory vorgestellt. Absolute Leseempfehlung! Rollt. bringt drei Mal pro Jahr ein Magazin heraus und pflegt zudem verschiedene digitale Formate wie Blogs, Kolumnen, Google-Hangouts, Podcasts und selbstverständlich ein Facebook- und Twitter-Profil. Mehr zu Rollt. gibt es im Netz unter www.rollt-magazin.de, bei Facebook (www.facebook.com/RolltMagazin) sowie bei Twitter (www.twitter.com/wiegehts_rollt).

Die Doku erzählt die Geschichten von 15 mutigen Frauen.

Der Dokumentarfilm »Töchter des Aufbruchs– Lebenswege von Migrantinnen« besticht durch die Lebensfreude der Protagonistinnen aus drei Generationen, die ihre Migrationsgeschichte erzählen. Mit Charme und Tiefgang erzählen die Frauen aus ihrem bewegten Leben. Dabei verschweigen sie auch nicht ihre schmerzhaften Gefühle von Zerrissenheit und Heimatlosigkeit. Der Münchner Regisseurin Uli Bez ist eine beeindruckende Doku gelungen, die von der Präsenz und Ehrlichkeit der Frauen lebt. »Töchter des Aufbruchs« ist eine unabhängige Filmgruppe – die gerne mit ihrer Doku zu Veranstaltungen eingeladen wird und auch Schulvorstellungen oder Workshops anbietet. Ab März 2014 gibt es deutschlandweite Vorführungen des Films. Weitere Informationen und Termine findet ihr unter: www.toechterdesaufbruchs.de. Darüber hinaus kannst du selbst mit den Töchtern des Aufbruchs interagieren, unter: www.facebook.com/ toechter.

Bild unten: Die Rollstuhlbasketball-Europameisterschaft fand zum ersten Mal im belgischen Brügge im Jahr 1970 statt. 33 Jahre später war die »Respekt« Initiative zum ersten Mal dabei, als in Frankfurt am Main die 21. Auflage der EM »am Rad« drehte. In dieser Zeitspanne hat sich einiges in Sachen Anerkennung, technischer Entwicklung und Respekt getan.

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»Respekt!« im Fußball Talentierten brasilianischen Nachwuchsspielern – egal aus welcher Schicht, egal welcher Hautfarbe – bietet der Fußball eine greifbare Chance

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zum Aufstieg.

Brasilien und die Zauberei Das Land, in dem die Fußballweltmeisterschaft 2014 ausgetragen wird, ist nicht nur eine ganz große Fußballnation, sondern auch eine ganz besondere. Im Fußball, so die vorherrschende Meinung der Brasilianer, müsse man nicht nur gewinnen, man müsse auch die Schönheit und Kunst des Ballspiels zur Geltung bringen. Das zeigt die hohe Emotionalität, mit der die Brasilianer diesen Sport zelebrieren. Längst hat der brasilianische Fußball die Welt mit seiner Magie verzaubert und den eher kantigen, von Taktik und Effizienz bestimmten Stil der Europäer mit Ästhetik und Kreativität bereichert. Der Zauber des Spiels hat eine identitätsstiftende Wirkung. Umso mehr zeigen die anhaltenden brasilianischen Proteste gegen die FIFA und ihr Turnier – im fußballverrücktesten Land der Welt – den Ernst der Lage. Von Hendrikje Borschke Ein Rückblick

Pelé: »Michelangelo hat gemalt, Beethoven Klavier gespielt und ich Fußball«

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Die Brasilianer hatten den Fußball bereits in den 1930er Jahren zu ihrem Spiel gemacht. Ein Spiel, das mithalf, das riesige Land trotz aller regionalen und gesellschaftlichen Unterschiede zusammenzuhalten. Mit der Selecao, wie die Nationalmannschaft genannt wird, konnte sich ein im Süden lebender Brasilianer mit europäischen Wurzeln ebenso identifizieren wie ein indianisch-stämmiger Brasilianer aus dem Amazonas-Gebiet. Auf dem Fußballfeld wurden soziale und ethnische Barrieren schneller niedergerissen als in anderen gesellschaftlichen Bereichen, denn die Vereine konnten es sich gar nicht leisten, auf schwarze Spieler zu verzichten. Talentierten Nachwuchsspielern – egal aus welcher Schicht, egal welcher Hautfarbe – bot der Fußball die erste Chance zum Aufstieg. Ab den 1950er Jahren erorberten sich schwarze Spieler mit glänzenden Leistungen einen Stammplatz in der

Selecao und repräsentierten mehr oder weniger ihr Land. Das hat Brasilien ein halbes Jahrhundert vor den Europäern ermöglicht und verstanden. Und so war es kein Zufall, dass der erste schwarze Ausnahmespieler, der die Herzen von Millionen Fans auf der ganzen Welt eroberte und in ihren Köpfen etwas in Bewegung setzte, ein Brasilianer war: Edison Arantes do Nascimento, genannt Pelé. Fußball – so ist zu vermuten – wurde in Brasilien eines der stärksten Bindemittel für soziale Integration und die Ausbildung einer nationalen Identität. Diese Wirkung erkannte auch die Politik und instrumentalisierte den Sport, indem er demagogisch an das nationale Schicksal gekoppelt und als Sinnbild für eine verheißungsvolle Entwicklung dargestellt wurde. Für die im Alltag mit vielen Schwierigkeiten kämpfenden Menschen waren symbolische Erfolge, wie die insgesamt fünf WM-Titel, umso wichtiger. Dies änderte zwar nichts an den widrigen Lebensumständen vieler


Anzeige! Brasilianer. Es gab ihnen aber immerhin das Gefühl, am Aufstieg des Landes beteiligt zu sein.

Protestbewegung für soziale Rechte In den nächsten zwei Jahren wird Brasilien Gastgeber der beiden bedeutendsten Sportereignisse der Welt sein: Zwei Jahre nach der FIFA Weltmeisterschaft finden die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro statt. Die MegaSportevents sollen nach innen den Nationalstolz beflügeln und Brasilien nach außen als kommende Wirtschaftsmacht darstellen. Demonstrationen mit Transparenten wie »Die WM repräsentiert uns nicht« oder »Es wird keine WM geben« sprechen jedoch eine andere Sprache. Hunderttausende Menschen aus der Mittelschicht wie auch aus den Armenvierteln der Großstädte gingen im Sommer 2013 auf die Straße gegen die gewaltigen Ausgaben für die FußballWM: Milliarden Steuergelder fließen in die FIFA-WM und nicht in überfällige Reformen für Bildung, Gesundheit und öffentliche Infrastruktur. Unter brasilianischer Flagge und in Nationaltrikots kämpfen die Demonstranten gegen Korruption, für bessere Universitäten und Schulen, verlässlichen und bezahlbaren Nahverkehr, ein Gesundheitssystem für alle und nicht zuletzt für mehr Teilhabe am Wohlstand. Die politische Zauberformel »Brot und Spiele« hat auf viele Brasilianer keine Wirkung mehr. Den politischen Kniefall vor der FIFA und dem IOC wollen sie nicht mitmachen. Brasilien ist das erste sportverrückte Land, das endlich auf die Straße geht.

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Wie es anders gehen könnte Angesichts der heftigen Proteste müssen sich auch und gerade sportbegeisterte Menschen fragen, wie es anders gehen könnte. Regierungen könnten sich weigern, die FIFAKnebelverträge bedingungslos zu unterschreiben – Verträge, die Steuererleichterungen vorsehen, milliardenschwere Sponsoren bevorteilen und den größenwahnsinnigen Bau überdimensionierter Stadien, Hotels und Flughäfen vorschreiben. Die internationalen Sportverbände könnten die Gastgeberländer stärker einbinden und finanziell teilhaben lassen. Die Events müssten nachhaltiger und bescheidener werden, transparenter und individueller. Dann rückt bei den großen Sportwettkämpfen endlich wieder der Sport in den Mittelpunkt. Dann fehlt nur noch zauberhafter Fußball.

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Brasilien FIFA-Weltmeisterschaft 2014 Austragende Städte: Rio de Janeiro, São Paulo, Manaus, Belo Horizonte, Natal, Fortaleza, Curitiba, Salvador, Brasilia, Cuiaba, Recife und Porto Alegre. Slogan: Todos num Só Ritmo (Alle unter einem Rhythmus) Teilnehmende Mannschaften: 32 Eröffnungsspiel: 12. Juni 2014 Endspiel: 13. Juli 2014

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»Respekt!« im Fußball: Kommentare

Benjamin Best, ambitionierter Journalist und Autor des Enthüllungsbuches »Der gekaufte Fußball. Manipulierte Spiele und

© Reuters/Damir Sagolj

betrogene Fans.«

»Ihre Wette in sicheren Händen« »Ihre Wette in sicheren Händen« ist die Botschaft von Oliver Kahn und dem Wettanbieter Tipico, für den er Markenbotschafter ist. Eine zweifelhafte Aussage, die der ehemalige Weltklasse-Torwart hier tätigt. Denn Sportwetten sind längst in das Blickfeld der organisierten Kriminalität geraten. Der legendäre deutsche Fußball-Nationaltrainer Sepp Herberger, der 1954 mit seiner Mannschaft erstmals Weltmeister wurde, hat einmal gesagt: »Fußball ist deshalb spannend, weil niemand weiß, wie das Spiel ausgeht.« Diese Erkenntnis will eine internationale Wettmafia auf den Kopf stellen. Von Benjamin Best »Die Bekämpfung gestaltet sich mehr als schwierig, denn die Wettbetrüger sind gut organisiert und in der Lage, die Warnsysteme zu umgehen«

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Aktuell laufen Verfahren und Ermittlungen

wegen Wettbetrugs unter anderem in England, Österreich, Italien und Deutschland. Mittlerweile werden die Ergebnisse von Fußballspielen mehr und mehr von Staatsanwälten und Richtern überprüft. »Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt.« So besingt der deutsche Rockbarde Herbert Grönemeyer seine Heimat Bochum. Großstadt im Ruhrgebiet. Heute herrscht weitgehende Tristesse im Revier der Malocher. »Machst mit ’nem Doppel jeden Gegner nass, Du und Dein VfL«, schwärmt Grönemeyer verliebt weiter. »Bochum, ich komm aus Dir. Bochum, ich häng an Dir. Glück auf, Bochum!« Zeilen, die einem heute wie Hohn vorkommen. Bochum ist seit Jahren einer der Hauptschauplätze für Betrug und Manipulation, für kleine miese und große Schiebereien im Fußball. Für die brutale Zerstörung einer sportlichen Illusion, die in der sozialen Struktur von Bochum so wichtig ist und war wie einst die Taubenzucht für die Bergleute des Reviers. Ausgerechnet vor dem Bochumer Landgericht wird der Prozess um den bislang größten FußballWettskandal verhandelt. Es geht um bandenmäßigen Betrug: Knapp 300 Spiele in diversen europäischen Ligen sollen manipuliert gewesen sein oder versucht worden sein zu

manipulieren. Die Angeklagten sollen auf die verschobenen Begegnungen Wetten in Höhe von 12 Millionen Euro platziert und bei den mutmaßlichen Manipulationen Gewinne in Millionenhöhe erzielt haben. Dabei sollen sowohl Spieler wie Schiedsrichter bestochen worden sein. Mittlerweile wurden 45 Jahre Freiheitsstrafe gegen 14 Täter verhängt. »Unsere Erfahrungen in den vergangenen zwei Jahren haben gezeigt, dass es keine weißen Flecken auf dem Globus gibt. Wir haben ein globales Problem«, erklärt FIFA-Sicherheitsdirektor Ralf Mutschke. Und die Bekämpfung gestaltet sich mehr als schwierig, denn die Wettbetrüger sind gut organisiert und in der Lage, die Warnsysteme zu umgehen. Es gibt sogenannte Verschleierungswetten, bei denen Wetten abgeschlossen werden mit dem Hintergedanken, dass eine bestimmte Wettquote fällt oder steigt, um von einem ganz anderen Spiel, das manipuliert ist, abzulenken. Oder sogar sogenannte Geisterspiele. Dabei handelt es sich um fiktive Fußballspiele, die gar nicht stattfinden, aber auf die trotzdem gewettet werden kann. Also, wie kann man bei diesen weltweiten Vorgängen noch von einer »sicheren« Wette sprechen, Herr Kahn?

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© Reuters/Arnd Wiegmann

Bertin Eichler, Schirmherr der Initiative »Respekt! Kein Platz für Rassismus«

© Reuters/Eddie Keogh

Katar – tödliche Anelka – Baustellen für überhaupt nicht die WM 2022 komisch Katar, das kleine, reiche Emirat am Persischen Golf, stampft eine neue Stadt aus dem Wüstenboden. Lusail City soll die Mega-Metropole heißen, geplant als Schauplatz für die FußballWM 2022 – zum ersten Mal auf arabischem Boden. Von Bertin Eichler

Nicolas Anelka, ehemaliger französischer Fußball-Star und WM-Teilnehmer, machte Ende letzten Jahres mit dem sogenannten »Quenelle-Gruß« Schlagzeilen. Er deutet einen HitlerGruß an, den keiner sehen will. Von Detlef zum Winkel

Hier sollen gigantische Stadien, luxuriöse

Als der Stürmer endlich mal wieder einen Treffer feiern konnte – sein Verein West Bromwich Albion belegt aktuell Tabellenplatz 17 der englischen Premier League, er selbst Platz 94 der Torjägerliste – grüßte er mit dem sog. »Quenelle-Gruß«. Dabei wird der rechte Arm wie zum NaziGruß gestreckt, aber mit der quer darüber gelegten linken Hand nach unten gedrückt. Die Botschaft: ich könnte den Hitler-Gruß machen, aber ich halte mich zurück. Deshalb wird diese Geste als »verdeckter Hitler-Gruß« oder »umgekehrter Hitler-Gruß« bezeichnet. Die Reaktion der Medien war eindeutig: »Ekelhaft!« Der englische Fußballverband verhängte eine Sperre für mehrere Spiele. Anelka erklärte, er habe diesen Gruß seinem Freund, dem französischen Komiker Dieudonne gewidmet. Doch das war keine Entschuldigung, sondern eine Bestätigung. Dieudonne ist der Erfinder der »Quenelle«, und er nutzt sie in seinem Programm von antisemitischen Klischees und Späßen über den Holocaust, den er leugnet. Andererseits droht er Journalisten, die kritisch über ihn berichten, mit der Gaskammer. Er arbeitet eng mit Alain Soral, einem Chefideologen der extremen Rechten Frankreichs, zusammen und bewundert den ehem. iranischen Präsidenten Ahmadinedschad. Wer kann das komisch finden? Die »Quenelle« wollen wir nicht sehen, weder auf dem Fußballplatz noch sonstwo.

Hotels und eine neue Infrastruktur entstehen. Der Gigantismus wird aber auf dem Rücken von Millionen Gastarbeitern aus Indien, Pakistan, Sri Lanka, Bangladesch und Nepal ausgetragen. Auf riesigen Baustellen schuften sie wie Sklaven, schlecht bezahlt und schlecht ernährt, untergebracht in überfüllten, schäbigen Massenbaracken, den Arbeitslagern des 21. Jahrhunderts. Die Zustände auf den WM-Baustellen in Katar sind dramatisch: Hunderte von Gastarbeitern sollen bereits zu Tode gekommen sein – die Dunkelziffer ist vermutlich höher. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die Internationalen Arbeitsorganisationen (ILO) und andere Nicht-Regierungsorganisationen fordern die verantwortlichen Fußballverbände – FIFA und DFB – auf, sich für die Einhaltung der Menschenrechte und der internationalen Arbeitsnormen einzusetzen. Trotz der IGB-Kampagne (www.rerunthevote.org/) und großer Medienaufmerksamkeit hat Katar seine unmenschliche Praxis bisher nicht geändert. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterhin Druck auszuüben – auf die Regierung in Katar, aber auch auf die dort tätigen Unternehmen. Solange es aber keinen gesetzlichen Rahmen gibt, der die Grundrechte der Arbeitnehmer wahrt, Mitbestimmung und sichere Arbeitsbedingungen gewährleistet, darf Katar nicht Gastgeberland für die Fußball-WM 2022 werden!

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Detlef zum Winkel, Mitglied der IG Metall und »Respekt!« Botschafter.

Bertin Eichler: »Es bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterhin Druck auszuüben«

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Interview Irene Schulz Irene Schulz zweifache Mutter und DiplomPolitologin war schon während des Studiums ehrenamtlich in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit aktiv. Sie kümmerte sich seit 2012 im Bezirk Berlin-BrandenburgSachsen um IT-Betriebe und war Teil des Siemens-Teams

© IG Metall

der IG Metall.

Innovationen durch Mitbestimmung Irene Schulz ist neues geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und nun zuständig für Gewerkschaftliche Bildungsarbeit sowie Mitglieder- und Erschließungsprojekte.

»Malalas Kampf hat viele junge Menschen beeindruckt und berührt. Auch meine Kinder«

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Liebe Irene, die »Respekt!« Redaktion gratuliert dir zu deiner neuen Aufgabe beim Vorstand der IG Metall. Wie waren die ersten 100 Tage? Irene Schulz | Danke, spannend, anspruchsvoll und voll mit vielen interessanten Begegnungen. Fast jeden Tag habe ich neue Menschen kennengelernt, viel zugehört und mit meinen Teams die Schwerpunkte für dieses Jahr abgestimmt. Ich habe Veranstaltungen in den Verwaltungsstellen besucht und mit vielen unserer Metallerinnen und Metaller aus den Betrieben diskutieren können. Ich freue mich auf die nächsten Wochen und Monate. Malala Yousafzai ist die Titel-Heldin in diesem Heft. Du hast selbst zwei Kinder. Was hast du gedacht, als du zum ersten Mal von ihrem Schicksal gehört hast? IS | Malala ist eine unglaublich selbstbewusste und mutige junge Frau, die dafür kämpft, dass Mädchen und Frauen die Schule besuchen dürfen. Das macht sie selbst unter Todesdrohung. Ich habe mich gefragt: Woher nimmt eine so junge Frau bei all den Gefahren den Mut und die Kraft, sich so sehr einzusetzen? Sie verdient jeden Respekt. Malalas Kampf hat

viele junge Menschen beeindruckt und berührt. Auch meine Kinder. Mit ihnen hatte ich zu Hause viele Diskussionen über Schule, den Wert von Bildung, die Sinnhaftigkeit und Glückseligkeit des Lernens. Einig sind wir uns dabei, dass der Zugang zu Bildung unabhängig vom Geschlecht oder der Einkommenssituation des Elternhauses eine der wichtigsten Voraussetzungen ist, um Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Auch wenn man die Ausgangsbedingungen hier mit denen von Malala nicht vergleichen kann, gilt dieser Grundsatz immer noch auch bei uns. Du bist für die gewerkschaftliche Bildung zuständig. Welche Schwerpunkte wirst du in der nächsten Zeit setzen? IS | Die Betriebsratswahlen stehen vor der Tür. Wir werden unsere Kampagne »Arbeit sicher und fair« fortsetzen und die Mitbestimmung stärker thematisieren. Dahinter steckt ordentlich Konfliktstoff: Missbrauch von Werkverträgen verhindern, alternsgerechte Arbeitsplätze einfordern, Innovationsfähigkeit und Investitionsbereitschaft durch mehr Mitbestimmung vorantreiben. Unsere Vertrauensleute und


Buchvorstellung Online beitreten Betriebsräte, unsere aktiven Metaller/-innen in den Betrieben treiben die Themen und sorgen für bessere Beschäftigungsbedingungen. Dafür brauchen wir Ansprachekonzepte, um noch mehr Beschäftigte davon zu überzeugen, in die IG Metall einzutreten. Unsere Bildungsarbeit schafft hierfür die Räume: sich fachlich fit zu machen, gemeinsam zu positionieren und Durchsetzungsstrategien zu entwickeln. Heißt Respekt dabei nicht auch, die Menschen noch mehr zu beteiligen und sie mit ihren Sorgen und Nöten ernst zu nehmen? IS | Völlig richtig! In einer Beschäftigten-Befragung haben uns erst vor Kurzem eine halbe Million Beschäftigte Themen genannt, die ihnen untern den Nägeln brennen. Wir wollten ihre Meinungen, Anregungen und Einschätzungen hören. Die Bildungsarbeit wird die weitere betriebs- und tarifpolitische Umsetzung begleiten. Sie ist zudem ideal geeignet, um junge Menschen mit gewerkschaftlichen Zielen in Kontakt zu bringen und gemeinsam Ideen zu entwickeln. Die kreative »Junge Generation« der IG Metall belegt mit ihrer aktuellen Kampagne »Revolution Bildung« den Erfolg dieses Ansatzes. Spielt »Respekt!« wieder eine besondere Rolle in Eurem neuen Bildungsprogramm? IS | Die »Respekt!«-Initiative hat sehr grundsätzlich dazu beigetragen, den respektvollen Umgang miteinander im alltäglichen Arbeitsleben zu fördern. Das habe ich auch in meiner Zeit in der Verwaltungsstelle und Bezirksleitung der IG Metall erlebt. Die Bildung der IG Metall hat dazu viele spezielle »Respekt!«-Angebote entwickelt, und in diesem Jahr legen wir einen Schwerpunkt unter anderem auf Europa. Um was geht es euch bei den Bildungsmaßnahmen zu Europa genau? IS | Wer sehen möchte, wie gemeinsames Arbeiten und Leben reibungslos und befruchtend funktionieren kann, soll in die Betriebe gehen. Unsere Kollegen aus anderen Ländern gehören zu uns, weil unsere gewerkschaftlichen Erfolge und wirtschaftlicher Fortschritt ein Werk unserer gemeinsamen Arbeit und unseres Zusammenhalts sind. In unseren Seminaren, die übrigens restlos ausgebucht sind, geht es um die kritische Einordnung europapolitischer Zusammenhänge und gemeinsame Gestaltungsansätze, damit unser Europa eine Zukunft bekommt. Warum werden die sozialen Erfolge und der Frieden in Europa nicht so geschätzt, wie sie es verdienen? IS | Wer einen Keil zwischen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Europas treiben und zurück zu einer nationalen Abschottung will, hat nichts verstanden. Wir setzen uns für ein demokratisches und soziales Europa ein. Das gelingt nur, wenn die Menschen beteiligt und ernst genommen werden. Das gelingt also am Ende nur, wenn die Menschen in ein zukunftsfähiges Europa vertrauen. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit als Folge einer drastischen Sparpolitik ist völlig unakzeptabel und birgt die Gefahr, dass das Vertrauen gerade bei den jungen Europäerinnen und Europäern immer mehr verloren geht. Wir brauchen einen Politikwechsel. Wir mobilisieren für die Beteiligung an den Europawahlen und streiten weiter für ein Europa mit Zukunft. Das tun wir genauso in unserer Bildungsarbeit, die immer auch Orte der Begegnungen und des Kennenlernens bietet. Das Interview führte Tom Kehrbaum.

»Respekt!« empfiehlt: Schwarzbuch Rassismus Schwarzbuch Rassismus Eine literarisch-essayistische Anthologie zum Thema Rassismus für € 14,00 inkl. MwSt. Verlag: Wallstein (2012) Herausgeber: Walter Gerlach/Jürgen Roth 328 Seiten, erhältlich im »Respekt!«-Shop unter www.respekt.tv/shop

Erzählungen, Gedichte, Grotesken, Tagebuchnotizen, autobiografische Berichte, Polemiken, Aufsätze, Songtexte, Satiren, Cartoons und Fotos von zeitgenössischen Autoren, Zeichnern und Photographen. Mit Texten und Cartoons von: Matthias Altenburg (Jan Seghers), James Baldwin, Walter Bauer, F. W. Bernstein, Otto A. Böhmer, Thomas Brasch, Silke Burmester, Peter Burri, Philippe Cantraine, Peter O. Chotjewitz, Detlev Claussen, Teodoro Cordeiro, Eva Demski, Jörg Dreyer, Bob Dylan, Matthias Egersdörfer, Eugen Egner, Frantz Fanon, Franz Fühmann, Stefan Gärtner, Wilhelm Genazino, Greser & Lenz, Severin Groebner, Thomas Gsella, Teresa Habild, Hauck & Bauer, Heinrich Heine, Eckhard Henscheid, Janssen & Mayer, Jess Jochimsen, Mascha Kaléko, Ruth Klüger, Günther Koch, Karl Kraus, Lame Deer, Primo Levi, Luther Standing Bear, Christian Maintz, Philipp Mosetter, Sheila Mysorekar, Ulrike Obermayr, Gerhard Polt, Michael Ringel, Marianne Rosenberg, Rozewicz, Michael Sailer, Jörg Schneider, Georg Seeßlen, Sitting Bull, Ralf Sotscheck, Kurt Tucholsky, Mark Twain, Vanja Vukovic, Peter Weiss, Hans Well, Rayk Wieland, Ror Wolf, Jenni Zylka u. a. In Kooperation von IG Metall und der Initiative »Respekt!« gibt es eine IG Metall-Sonderausgabe. IG Metall-Mitglieder können das Buch zum Vorzugspreis bestellen.

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Interview Wolfgang Lemb Wolfgang Lemb (*11. Februar 1962) ist Vater von drei Kindern. Seine Tätigkeit für die IG Metall begann er 1988 als Gewerkschaftssekretär in Darmstadt. Zuletzt war er 1. Bevollmächtigter derVerwaltungsstelle Erfurt. Von 2009 bis 2014 war er für die SPD Abgeordneter im

© IG Metall

Thüringer Landtag.

Perspektiven für Europa Als geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall hat Wolfgang Lemb Aufgaben übernommen, die sehr politisch sind und oft im Brennpunkt der Öffentlichkeit stehen. Eines dieser Themen ist die Europapolitik.

»Wir sollten unser Wahlrecht nutzen. Die Zivilgesellschaft muss Europa gegen die Feinde Europas verteidigen«

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Die erste Frage bezieht sich nur auf ein Stichwort: Schweiz. Was fällt dir dazu ein? Wolfgang Lemb | Natürlich zu allererst die unsägliche– von der Schweizerischen Volkspartei SVP initiierte – Volksabstimmung »Gegen Masseneinwanderung« am 09.02.2014. Auch wenn es knapp war: 50,3% der Schweizer, die an der Abstimmung teilgenommen haben, wollen die Regierung in Bern zwingen, aus den geltenden EU-Verträgen zur Freizügigkeit auszusteigen. Das schadet der Schweiz wirtschaftlich erheblich, ganz zu schweigen von dem negativen Image, welches die Schweiz dann hätte. Es muss also politisch darum gehen, die knapp unterlegene Minderheit in ihren Positionen zu stärken. Die UNIA (unsere Schwestergewerkschaft in der Schweiz) hat klar Position bezogen. Sie fordert vom Schweizer Bundesrat, alles zu unternehmen, um die bilateralen Verträge zu sichern. Weiter heißt es: »Ohne stabile und geregelte Verhältnisse mit dem wichtigsten Handelspartner der Schweiz droht zusätzlicher Lohndruck und der Verlust von Arbeitsplätzen.« Du hast dich schon früher intensiv mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU beschäftigt. Warum ist das so wichtig?

WL | Die Arbeitnehmerfreizügigkeit ist ein wesentliches Merkmal der europäischen Einigung. Es muss Schluss sein mit der Stimmungsmache gegen Einwanderer aus ärmeren EU-Ländern. In der Vergangenheit habe ich mich besonders als Landtagsabgeordneter in Thüringen mit dem Thema beschäftigt. Ich habe mich in der politischen Debatte, vor allem gegen die Angriffe der FDP, für die Arbeitnehmerfreizügigkeit eingesetzt. Auch aus ganz pragmatischen Gründen: Thüringen ist, wie die östlichen Bundesländer ja insgesamt, erheblichen wirtschaftlichen Risiken aus dem drohenden Fachkräftemangel ausgesetzt. Laut »Migrationsbericht 2012« der Bundesregierung fällt die Zuwanderung nach Deutschland gemessen an der Bevölkerungszahl im europäischen Vergleich eher gering aus. Nach Ansicht von Arbeitsmarktexperten ist eine höhere Zuwanderung erforderlich, um das Arbeitskräftepotenzial konstant zu halten. Einige selbsternannte Volkstribune behaupten, mit der Freizügigkeit für Bulgarien und Rumänien werden wir jetzt von Roma und Sinti überschwemmt, die es nur auf unsere Sozialeinrichtungen abgesehen haben. WL | Du meinst die »Volkstribune« der CSU! Die von Seehofer im Januar angezettelte Diskussion ist der Stoff eines


Online beitreten politischen Brandstifters. Sie schürt üblen Rassismus und ist sachlich falsch. Bezogen auf Bulgaren und Rumänen kann von sog. Armutszuwanderung keine Rede sein. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit hat ermittelt, dass es sich bei diesen Zuwanderern überwiegend um (mittel- und hoch-) qualifizierte Fachkräfte, z. B. Krankenschwestern, Facharbeiter oder Ärzte und Ingenieure handelt. Diese grundlose Panikmache zeigt erneut, wie wichtig die Unterstützung der »Respekt!«-Initiative ist. Bekommen Rechtspopulisten und Rechtsradikale in Europa jetzt Auftrieb? Der Front National in Frankreich, die Goldene Morgenröte in Griechenland, die Partei für die Freiheit in den Niederlanden, die FPÖ in Österreich, die AfD in Deutschland – sie alle frohlocken über das Schweizer Votum. WL | Das stimmt. Die Gefahr, dass mit der Europawahl die Rechtspopulisten stärker werden, muss man ernst nehmen und klar dagegen angehen. Nach den letzten Umfragen können sie mit einem Anteil von bis zu 27% rechnen. Wir müssen deshalb verhindern, dass wir mit dem Einzug weiterer Rechtspopulisten und Antieuropäer im Europäischen Parlament um Jahrzehnte zurückgeworfen werden. Aber nicht weniger gefährlich sind die Anbiederungen großer konservativer Parteien an fremdenfeindliche Stimmungen. Das gilt für die CSU in Deutschland, aber auch für die UMP in Frankreich. Gerade in der UMP, der Partei des ehemaligen Präsidenten Sarkozy, gibt es große Sympathie und Verständnis für das Ergebnis in der Schweiz. Schlechte Aussichten für Europa? WL | Wenn das »Projekt Europa« nicht unter die Räder kommen soll, muss sich nachhaltig was ändern. Die Jugend Europas muss wieder eine Perspektive bekommen, die Arbeitnehmer Europas brauchen eine bessere soziale Absicherung und wir brauchen eine Re-Industrialisierung Europas, wenn Chancen auf Wachstum und Wohlstand bestehen bleiben sollen. Ich bin aber nach wie vor optimistisch. Wir haben schließlich die Wahl. Wir sollten unser Wahlrecht nutzen. Die Zivilgesellschaft muss Europa gegen die Feinde Europas verteidigen. Auch da haben wir als Gewerkschaften eine besondere Verantwortung. Aber wir müssen auch andere – bis hin zu den Arbeitgebern und Arbeitgeberverbänden – in die Pflicht nehmen. Was bedeutet für dich Respekt? WL | Respekt heißt für mich zunächst einmal, sich klar gegen jedwede Benachteiligung, egal, ob aufgrund ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion oder Weltanschauung, zu stellen. Respekt geht aber für mich auch weit in den betrieblichen Alltag hinein. Denn auch ein Leiharbeiter oder Werkvertragsarbeitnehmer verdient Respekt. Wenn die Kolleginnen und Kollegen nicht die gleichen Rechte haben, hat das wenig mit respektablem Umgang zu tun. Auch hier gilt es einzuschreiten. Das ist für uns auch eine Kernaufgabe. Das Interview führte Detlef zum Winkel.

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Sicher, einfach, schnell. In wenigen Schritten online Mitglied werden Die IG Metall ist eine starke Gemeinschaft, sie unterstützt und bietet Rückhalt für ihre Mitglieder. Von Rechtsschutz in arbeits- und sozialrechtlichen Angelegenheiten bis zu gerechten Löhnen und Gehältern – wir kümmern uns persönlich und zuverlässig um unsere Mitglieder. www.igmetall.de/beitreten

Mit dem Online-Beitrittsformular könnt ihr sicher, einfach und schnell Mitglied der IG Metall werden. Und das in nur drei Schritten. Und wenn ihr noch nicht überzeugt seid, lest hier mindestens fünf Gründe, warum sich eine Mitgliedschaft garantiert lohnt:

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Schutz Im Konflikt stehen wir an eurer Seite: Wir unterstützen euch nicht nur finanziell bei Streik oder Notfällen, sondern bieten euch auch Rechtsschutz im Arbeits- und Sozialrecht. Wir helfen euch, zu eurem Recht zu kommen. Notfalls vor Gericht. Die Experten vom DGB-Rechtsschutz stehen unseren Mitgliedern im Ernstfall kostenlos zur Verfügung. Erfolgreiche Tarifpolitik Wir handeln mit den Arbeitgebern faire Lohnerhöhungen aus. Die ausgehandelten Tarifverträge gelten jedoch nur für Mitglieder. Nur Mitglieder haben einen verbindlichen Rechtsanspruch auf die tariflichen Leistungen. Für alle anderen gelten die gesetzlichen Regelungen – und die sind oft schlechter. Hier gilt das solidarische Prinzip: Je mehr Mitglieder in der IG Metall sind, desto mehr kann die IG Metall bei Tarifverhandlungen für ihre Mitglieder aushandeln. Erfolgreiche Betriebspolitik Wir kümmern uns vor Ort in den Betrieben. Unsere Betriebsräte und Vertrauensleute sind jederzeit ansprechbar und helfen euch zum Beispiel bei Arbeitsschutz, Urlaubsanspruch oder Überstundenregelungen. Wir beraten und unterstützen euch persönlich Wir haben mehr als nur Standardantworten. In Deutschland gibt es 160 regionale Verwaltungsstellen der IG Metall. Somit hat jedes Mitglied in seiner Nähe einen kompetenten Ansprechpartner. Weiterbildung Von unserem umfangreichen Weiterbildungsangebot profitieren unsere Mitglieder. Für sie bieten wir alle Seminare kostenlos an. Außerdem beraten wir unsere Mitglieder für ihr berufliches Weiterkommen.

Hast du noch Fragen? www.igmetall.de/beitreten Respekt! M A G A Z I N

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»Respekt!« Shop

Online kaufen und »Respekt!« unterstützen! Die Aktion »Respekt! Kein Platz für Rassismus« wurde von Menschen ins Leben gerufen, die eines gemeinsam haben: Sie sind der festen Überzeugung, dass Vorurteile, Rassismus, Homophobie und Sexismus auf dem Fußballplatz nichts zu suchen haben. Und auch an keinem anderen Ort der Welt!

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Respekt! Kein Platz für Rassismu

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Schwarzbuch Rassismus Eine literarisch-essayistische Anthologie zum Thema Rassismus. Herausgegeben von Walter Gerlach und Jürgen Roth, Wallstein Verlag. € 14,– (inkl. MwSt.)

www.respekt.tv

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Das »Respekt!« Schild Das Schild ist aus Aluminium und 210 x 300 mm groß. Es hat vier Löcher für vier Schrauben oder Nägel. Damit verankern wir die Botschaft. € 20,– (inkl. MwSt.)

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Volle Drehzahl – Mit Haltung an die Spitze »Respekt!«Botschafter Uwe Hück hat seine Autobiographie geschrieben. € 19,99 (inkl. MwSt.)

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Ein Schild sagt mehr als 1.000 Worte Die Schilderaktion »Respekt! Kein Platz für Rassismus« hat sich deutschlandweit verbreitet. Das Schild ist inzwischen an zahlreichen Betrieben, Sportanlagen und öffentlichen Orten zu sehen. So kommt der Respekt vom Schild in die Köpfe! Inzwischen haben sich schon viele Unterstützer des Projekts zusammen mit dem Schild fotografieren und filmen lassen, beispielsweise die bekannte Drag Queen, Olivia Jones.

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Neuauflage: »Respekt! 100 Menschen – 100 Geschichten« In diesem Bildband werden 100 Menschen eindrucksvoll porträtiert, die auf persönliche und berührende Weise über ihre Erfahrungen mit dem Thema Respekt erzählen. € 29,90 (inkl. MwSt.)

Das Antiidiotikum Das Antiidiotikum bringt schnelle Hilfe bei niedrigem Intelligenzquotienten. Mit diesem »Medikament« möchten wir auf humorige Weise darauf aufmerksam machen, dass Vorurteile und Rassismus heilbar sind. € 3,90 (inkl. MwSt.)

Diese und weitere Artikel gibt`s nur hier: 32

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auf möglichst allen Ebenen so tolerant und so fair wie möglich vor sich

Ulrike Obermayr Mit-Herausgeberin & Betriebsrätin

Wir sind stolz darauf, dass in diesem Buch zahlreich aktive

ehren- und hauptamtliche Frauen aus der IG Metall zu Wort kommen. Sie erzählen darüber, was ihnen im Zusammenhang mit Respekt wichtig ist sowie von ihren persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen. Dabei ist erkennbar: Die IG Metall ist kulturell vielfältig und sie ist auch weiblich.

Silke Rottenberg, ehemalige Fußball-Nationalspielerin

Ulrike Obermayr

Gemeinnützige Respekt! Kein Platz für Rassismus GmbH

Steffi Jones, Schirmherrin & Präsidentin OK Fußball-WM 2011

Lisa Fitz, Kabarettistin, Schauspielerin & Autorin

Lina van der Mars, Moderatorin

beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt

»Es ist immer ein WIR.«

»Vorbild sein durch gelebte Frauen-Freiheit.« »Andere so wichtig nehmen wie sich selbst.«

Leiterin Gewerkschaftliche Bildungsarbeit

Inklusive einer DVD mit allen Interviews

»Die Menschen verallgemeinern sehr schnell.« Liz Baffoe, Schauspielerin

»Vorurteile entstehen durch Ahnungslosigkeit.«

geht, ist das Bekenntnis zu »Respekt!« in den Betrieben wichtig.

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Der Betrieb ist ein Schaufenster für viele gesellschaftliche Themen: der Umgang zwischen Männern und Frauen, zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, Deutschen und Migranten. Damit das Miteinander

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Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verbringen viel Lebenszeit im Betrieb und das Arbeitsklima bestimmt den sozialen Alltag der Menschen.

»Jede und jeder kann etwas tun.«

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ISBN 978-3-7663-6149-3

Die Initiative »Respekt!« wendet sich an ein breites gesellschaft-

liches Spektrum. Daher ist die Verbindung zur Arbeitswelt naheliegend.

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Respekt!

100 Frauen – 100 Geschichten

Mit dem Kauf dieses Buches unterstützen Sie die Aktion: »Respekt! Kein Platz für Rassismus«

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1x Ulrike Obermayr, Bertin Eichler & Lothar Rudolf

Den »Respekt!« Matchball könnt ihr treten: Top-Wettspielball, hochwertiges Cordley-PU-Kunstleder in Hochglanzoptik, handgenäht, 4-fache Cross-Laminierung, Latexblase mit Luftkontrollventil und Gegengewicht, »FIFA Approved«-Qualität nach »International Matchball Standard« gem. FIFA-Quality Concept, Gr. 5 € 49,90 (inkl. MwSt.)

Respekt! 100 Frauen – 100 Geschichten

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Der Pin ist ansteckend Aus Emaille und 16 x 8 mm groß mit einer Nadel zum Anstecken. Damit verankern wir die Botschaft noch stärker. € 2,– (inkl. MwSt.)

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Das Kinderbuch »Was ist eigentlich Rassismus?« Das Buch erzählt von den Freunden Malte und Emil und ihrem Alltag. Sie erleben Ausgrenzung und Vorurteile, aber auch Zusammenhalt und echte Freundschaft. Die Geschichte zeigt, wie alltäglich Vorurteile und Rassismus sind und wie sich auch schon Kinder dagegen wehren können. Mit einem Vorwort der »Respekt!«-Schirmfrau Sandra Minnert. € 9,90 (inkl. MwSt.)

Jetzt zugreifen! Einfach per E-Mail an: bestellung@respekt.tv

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Mitglieder der IG Metall erhalten das »Respekt!« Paket zum Sonderpreis von € 79,90 (statt € 149,– )

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Das Letzte Jürgen Tomiceks politische Karikaturen kommen ohne viel Text aus. Er gilt als einer der am häufigsten abgedruckten Karikaturisten im deutschsprachigen Raum.

Frau Merkels neuer Staatssekretär Die politische Klasse hat ihren nächsten Skandal. Der Name des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy war in der Kundenkartei einer kanadischen Firma aufgetaucht, hinter der sich ein Kinderpornoring versteckte. Edathy bestreitet strafbare Handlungen. Die Staatsanwaltschaft hat bisher keine Anklage erhoben. Doch die Vorverurteilung ist massiv. Von Detlef zum Winkel Angela Merkel: »Als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland verspreche ich Ihnen: Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen« 34

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Der SPD-Politiker war in der letzten Legislaturpe-

riode Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestags. In dieser Funktion hat er beharrlich die fehlende Auskunftsbereitschaft der Behörden kritisiert, die bei der Aufklärung der zehn vom »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) begangenen Morde versagt hatten. Dabei war er gerade mit denjenigen aneinandergeraten, die ihn jetzt auffliegen ließen: BKA-Präsident Ziercke und der damalige Innenstaatssekretär Klaus-Dieter Fritsche informierten vorab Politiker der großen Koalition über den Verdacht gegen Edathy. Nachdem dies alles bekannt wurde, überschlugen sich die Meldungen. Wer hat wann was gesagt und wem? Wurde Edathy gewarnt? War es richtig, dass Friedrich zurücktreten musste? Der Eindruck, den das Ganze macht, ist verheerend. Wie muss es auf die Familien wirken, deren Angehörige vom NSU brutal erschossen wurden? Wie muss ein solches Schauspiel bei ihnen ankommen, während der Prozess gegen Beate Zschäpe und die mutmaßlichen Komplizen des NSU auf der Stelle tritt? Mehrfach haben die Familien zum Ausdruck gebracht, welche Verzweiflung die Situation der fehlenden oder verweigerten Aufklärung bei ihnen bewirkt. Ismail Yozgat, Vater des 2006 in Kassel ermordeten Halit Yozgat, beschwor das Gericht wie auch die Angeklagten, Antworten zu geben. Semiya Simsek, Tochter von Enver Simsek, des ersten NSU-Opfers, der im September 2000 erschossen wurde, hat ein Buch darüber geschrieben (»Schmerzliche Heimat«, Rowohlt Berlin, 2013).

Darin berichtet sie, wie die Polizei jahrelang die Familie selbst der Tat verdächtigte: unfassbare Fehlleistungen. Angela Merkel hat sich bei den Angehörigen für diese Fehler entschuldigt und vollständige Aufklärung versprochen. Deshalb wurde auch der Untersuchungsausschuss des Bundestags eingerichtet. Doch Merkels Versprechen schien vielen vernommenen Zeugen nichts zu bedeuten. Unter ihnen war der härteste Brocken – jener Klaus-Dieter Fritsche. Er belehrte die Parlamentarier darüber, dass die Staatsraison wichtiger sei als das Interesse an Aufklärung! Dies sagte der gleiche Mann, der 2003 eine kapitale Fehleinschätzung verbreitet hatte. Rechtsterrorismus gäbe es in der Bundesrepublik nicht, behauptete Fritsche in seiner damaligen Funktion als Vizepräsident des Verfassungsschutzes. Die untergetauchten Nazis Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe seien »auf der Flucht« und hätten »seither keine Gewalttaten begangen«. Zu diesem Zeitpunkt hatte der NSU bereits vier Menschen ermordet und mehrere Banken überfallen. Klaus-Dieter Fritsche symbolisiert das Staatsversagen, weigert sich die Wahrheit offenzulegen, vertritt ein befremdliches Rechtsverständnis. Ihn machte Merkel im Dezember 2013 zum Staatssekretär für Geheimdienste im Bundeskanzleramt. Damit hat sie den Wert ihres Versprechens auf der Gedenkfeier für die Opfer des NSU auf Null gesetzt. Ein Versprechen, das im Namen der Bundesrepublik gegeben wurde.

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»Respekt!« Magazin | Nr. 05 | »Kein Platz für Bildung?«  

Ausgabe 05 | März 2014 | Das »Respekt!« Magazin erscheint zweimal jährlich und hat immer ein aktuelles Titelthema. Neben interessanten Inter...

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