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ISSN 18695205

Tanztheater Wie Pina Bauschs Werk weiterleben soll Ausstellung Else Lasker-Schüler und die Avantgarde Gespräch Über die Kunst – Die Hürde des Transitorischen Jubiläum 100 Jahre Bauhaus im Westen Auszeichnung Ulrike Möltgen erhält den Springmann-Preis Porträt Der Kantor Thorsten Pech 0 3 / 2 019 Juli - S e p t e m b e r / 5. 8 0 €


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28.05.19 17:34

DO, 20. JUNI WANDELKONZERT FR, 12. JULI KAMMERPHILHARMONIE W‘TAL PLUS SOLISTEN SA, 13. JULI BILL FRISELL TRIO SO, 14. JULI OF CABBAGES AND KINGS BECCA STEVENS SA, 17. AUGUST OMAR SOSA / YILIAN CAÑIZARES SO, 18. AUGUST RYMDEN SO, 6. OKTOBER KEVIN HAYS / LIONEL LOUEKE

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KUNST. MUSIK. NATUR. PROGRAMM 2019


Editorial Liebe Leserinnen und Leser Wie „die beste Zeit“ hat auch die Monatszeitschrift „tanz“ eine Szene aus einem Stück von Pina Bausch auf dem aktuellen Titelbild. „Pina Bausch – Wird ihr Werk verspielt?“ fragt die zugehörige Titelzeile dort sorgenvoll raunend. „Ach herrje, was ist denn da schon wieder los“, fragt sich da manch einer vielleicht bang. Wir können beruhigen: Als Kronzeuge für solcherart Besorgnis wird der Verleger Rudolf Rach herangezogen, der ein paar Geschichten aus dem Nähkästchen seiner jahrzehntelangen Verbindung zu Pina Bausch erzählt, um dann die „kulturelle Katastrophe“ zu konstatieren: Da hätten sich doch die besten Theater der Welt gemeldet, um ihre Stücke nachspielen zu dürfen – Stücke wie „Café Müller“, „Sacre du printemps“ oder „Für die Kinder von gestern, heute und morgen“ – und alle diese Wünsche seien abschlägig beschieden worden. Statt die Spielpläne der Welt zu bereichern, seien sie ein Wuppertaler Monopol geblieben, und so sei aus dem „herrlichen, faszinierenden Tanztheater ein Museum“ geworden – „ein sterbendes Museum“, schiebt er noch nach und diagnostiziert den „Wuppertaler Niedergang“. Nun muss man dem betagten, im fernen Paris lebenden Verleger vielleicht nicht vorwerfen, bezüglich der Vorgänge in Wuppertal nicht ganz auf der Höhe der Zeit zu sein, aber man darf sich durchaus wundern, dass eine renommierte Fachzeitschrift solchem Unsinn Raum gibt.

zungen mit diesem großen Erbe freuen – von Niedergang keine Spur. Eine solche Einschätzung erinnert mich an Artikel über die fürchterliche, sterbende Pleitestadt Wuppertal, wie man sie hin und wieder in überregionalen Zeitungen lesen konnte, geschrieben von Reportern, die auf ihrem Kurzausflug kaum über die damals noch existierende „Harnröhre“ am alten Döppersberg hinausgekommen waren. Wir von der besten Zeit dagegen haben uns auch für diese Ausgabe wieder schwer damit getan, all das, was in der lebendigen und reichen Kulturlandschaft von Wuppertal und dem Bergischen Land passiert, im Heft unterzubringen – es ist einfach zu viel! In unserer Auswahl stellen wir wieder großartige Künstlerinnen und Künstler vor, begleiten „Else“ gleich mehrfach weiter durch ihr Geburtstagsjahr und geben viele Tipps zu Ereignissen, die man nicht verpassen sollte. Wir schauen öfter mal über den Tellerrand: nach Hagen zur Oper, zum Bauhaus nach Köln und Krefeld – und sogar bis nach New York. Und dazu diesmal auf vier Seiten: Kultur für Kinder und Jugendliche. Wir wünschen viel Freude bei der Lektüre und einen wunderbaren Sommer! Anne-Kathrin Reif

Gerade die genannten Stücke sind allesamt bereits an bedeutende Häuser weitergegeben worden – und in der kommenden Saison werden mit „Iphigenie“ in Dresden und „Sacre“ in Gent/Antwerpen weitere hinzukommen. Tanztheater- und Foundation-Leitung arbeiten dabei Hand in Hand und tun darüber hinaus gemeinsam mit den Tänzerinnen und Tänzern weitere wichtige Schritte, um das Erbe von Pina Bausch lebendig zu halten und mit der Welt zu teilen. Mag sein, man könnte zehn Jahre nach deren Tod damit schon weiter sein – geschenkt. Nach der ersten gemeinsamen Pressekonferenz der beiden „Erbverwalter“, von der wir in diesem Heft berichten, darf man sich auf spannende, ganz und gar nicht museale AuseinandersetFoto: Anke Dörschlen


Inhalt 12

Tanztheater Wuppertal und Pina Bausch Foundation stellten ihre Pläne für 2019/20 vor

Wie Pina Bauschs Werk weiterleben soll 4 Musiktheater in Hagen und Wuppertal

Gelungene Aufführungen, großer Beifall 12 Das Von der Heydt-Museum widmet der großen Dichterin und Künstlerin eine Ausstellung

Else Lasker-Schüler und die Avantgarde 16 Ein Gespräch über Kunst und das ganze Drumherum

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Die Hürde des Transitorischen

Zum Beispiel Köln, zum Beispiel Krefeld

100 Jahre Bauhaus im Westen Springmann-Preis 2019

Viel mehr als eine Feierstunde Ute Wegmanns Laudatio auf die Springmann-Preisträgerin Ulrike Möltgen

Federn, Papiere, Tapeten, Seide ... Hörtipp: Die CDs der Edition See-Igel

Märchenzauber mit Musik

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Jugendfilmprojekt

Mit dem Auto durch Raum und Zeit Für Kinder und Jugendliche

Kultur- und Ferientipps

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48 Heiner Bontrups Live-Hörspiel über Else Lasker-Schülers Jerusalemer Jahre

Archaisch und düster, lyrisch und zart Else Lasker-Schüler – die meist vertonte Dichterin

Großer Hype erst nach dem Tod

Saitenspiele in der Historischen Stadthalle

In Liebe und Verehrung

Kantor zwischen J.S. Bach und Max Raabe

Thorsten Pech

Auf Klangreise durch Nordrhein-Westfalen

Soundtrips NRW

KLANGART im Skulpturenpark Waldfrieden

Rhythmus, Harmonie, Melodie

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Spannende Begegnungen von Hoch- und Clubkultur

Sound of the City zeigt Wuppertaler Nachtansichten

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Der Wuppertaler Karl-Heinz Krauskopf trifft auf Ute Zimmermann in New York

Gowanus – der Kanal und sein Souvenir Shop Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch

Plakative und unsichtbare Zeichen Paragrafenreiter

Von der Kunst, Gutes zu tun Ausstellungen, Bühne, Musik, Kino

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Kulturtipps

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Verkaufsstellen

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Impressum

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Blaubart 1972, Julie Shanahan, Foto: Maarten Vanden Abeele

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Wie Pina Bauschs Werk weiterleben soll „Sacre“ geht nach Afrika und das Archiv geht online: Tanztheater Wuppertal und Pina Bausch Foundation stellten ihre Pläne für 2019/20 vor.

Blaubart! Es ist, als ob sich die Medienvertreter bei der Pressekonferenz des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch alle gleichzeitig auf den Stühlen aufrichten, als Intendantin Bettina Wagner-Bergelt diesen Programmpunkt für die kommende Spielzeit verkündet. Ein Raunen geht durch die Reihen. Blaubart – mit vollem Titel Blaubart. Beim Anhören einer Tonbandaufnahme von Béla Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“ – aus dem Jahr 1977, seit 1994 nicht mehr in Wuppertal gespielt, ist ein Meilenstein im Werk von Pina Bausch. Eines ihrer eindringlichsten Stücke ganz gewiss, kompromisslos, verstörend, bildmächtig, streckenweise brutal und nervtötend bis zur Schmerzgrenze, ein Stück von existenzieller Tragweite. Nichts, wobei man sich genießend zurücklehnt. Vermutlich werden nicht wenige Zuschauer, die diese „frühe“ Pina Bausch nie kennengelernt haben, sich mindestens sehr wundern. Die anderen, denen sich die Bilder von einst unter die Haut gegraben haben, haben schon lange auf dieses Wiedersehen gewartet. So lange hat es gedauert, weil erst jetzt die Urheberrechte an Komposition und Libretto abgelaufen sind und beides vorher nicht für eine erneute Einstudierung frei war. Ende Januar 2020 wird das Stück nun im Wuppertaler Opernhaus wieder zu sehen sein. Jan Minarik, der die Rolle des Blaubart einst wesentlich mitgestaltet hat, wird gemeinsam mit Barbara Kaufmann und Helena Pikon die Neueinstudierung leiten. Die Neueinstudierung eines Stückes nach so langer Zeit ohne seine Schöpferin ist naturgemäß eine Herausforderung. Und ein schönes Beispiel dafür, wie Tanztheater und Pina Bausch Foundation es nur gemeinsam stemmen können, das große Erbe lebendig zu halten. Denn weiterleben können die Stücke nur auf der Bühne. Damit eine neue

Blaubart, ©Pina Bausch Foundation, Foto: Ulli Weiss, (Abgebildet ist Marlis Alt)

Tänzergeneration sie sich zu eigen machen kann, braucht es die im Pina Bausch Archiv gesicherten Materialien, und es braucht das Körpergedächtnis der Tänzerinnen und Tänzer, die ihr Wissen quasi von innen heraus weitergeben. Dass Tanztheater und Foundation im zehnten Todesjahr von Pina Bausch und fast zehn Jahre nach Gründung der Stiftung jetzt erstmals zu einer gemeinsamen Spielzeit-Pressekonferenz einluden, kann man durchaus als Bekenntnis zu einer künftig engen Zusammenarbeit und Demonstration von Einigkeit lesen, von der bislang nicht immer gleichermaßen auszugehen war. Die Aufgabe, die Stücke von Pina Bausch spielbar zu halten und somit das Erbe in die Zukunft zu tragen, sei die vorrangige Aufgabe der Pina Bausch Foundation, betont Salomon Bausch, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Und das betrifft nicht nur die Neueinstudierungen des Tanztheater Wuppertal, sondern auch die Weitergabe 5


Iphigenie, 1974, Foto: Wolfgang Strunz

Iphigenie, 1992, © Pina bausch Foundation,

Iphigenie, Foto: Detlef Erler

(Abgebildet ist Monika Sagon)

Foto: Ulli Weiss (Abgebildet ist Ruth Amarante)

(Abgebildet ist Malou Airaudo)

an andere Compagnien. In der kommenden Saison kommt nach dem Ballet de l’Opéra de Paris, dem Bayerischen Staatsballett, dem Opera Ballet Vlaanderen und dem English National Ballet eine weitere renommierte Compagnie hinzu: Das Ballett der Semperoper Dresden wird Pina Bauschs 1974 uraufgeführte Choreografie zu Christoph Willibald Glucks Oper Iphigenie auf Tauris einstudieren. Die Weitergabe leiten Tänzerinnen und Tänzer aus Wuppertal, darunter Dominique Mercy und Ed Kortlandt, die die Hauptrollen des Orest und des Pylades bereits in der Uraufführung getanzt haben. Premiere in Dresden ist am 5. Dezember 2019. Das Opera Ballet Vlaanderen unter Leitung von Sidi Larbi Cherkaoui wird nach Café Müller 2017 nun auch Das Frühlingsopfer einstudieren, sodass der Abend mit den traditionell zumeist gekoppelt gezeigten Stücken auch dort komplett sein wird. Premiere ist im Juni 2020 in Gent, es folgen Aufführungen in Antwerpen. Das wohl aufregendste Projekt im Hinblick auf die Frage nach dem Umgang mit dem Erbe Pina Bauschs zehn Jahre nach ihrem Tod dürfte Common Ground[s] / Das Frühlingsopfer werden, eine Zusammenarbeit mit der École des Sables im Senegal. Germaine Acogny, Gründerin der École des Sables und Ikone des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes, und Malou Airaudo, über viele Jahre eine der großen Protagonistinnen des Tanztheater Wuppertal, werden ein Duett erarbeiten, indem sie ihr jeweiliges tänzerisches Erbe erforschen und ihre Erfahrungen teilen. Für den zweiten Teil, Pina Bauschs Das Frühlingsopfer, wird ein Team 6

vor Ort ein völlig neues Ensemble aus mehreren afrikanischen Ländern mit unterschiedlichen tänzerischen Hintergründen casten. Dabei kann es sicherlich nicht Ziel sein, eine Eins-zu-eins-Kopie des Stücks mit afrikanischen Tänzerinnen und Tänzern zu erstellen. Wie wird sich das Stück durch den Einfluss anderer Tanzsprachen, anderer Körperlichkeiten und Ausdrucksformen verändern? Wie viel Veränderung lässt man dabei zu, und wie umschifft man Klischees, die bei diesem Unternehmen in gefährlicher Nähe lauern? Das Ergebnis dieses spannenden Experiments wird im März 2020 zunächst in Dakar, Senegal, vom 9. bis 12. April 2020 im Wuppertaler Opernhaus und im Anschluss auf einer internationalen Tournee zu sehen sein. „Ich weiß noch nicht, was da passieren könnte, aber ich bin neugierig“, kommentiert Salomon Bausch das Unternehmen, das u.a. durch eine enge Kooperation mit Sadler’s Wells Theatre in London und weitere Unterstützer wie dem Goethe-Institut möglich wurde. Das Afrika-Projekt markiert bereits eine neue Form des Teilens des Erbes von Pina Bausch. Wie kann man das Teilen dieses bedeutenden Erbes weiter gestalten? Um diese Frage drehen sich zwei Veranstaltungen der Foundation mit dem schönen Titel Utopina – eine Einladung an alle, gemeinsam über diese Frage nachzudenken, wie Salomon Bausch betont. Die erste Veranstaltung Kann man Küsse archivieren im Oktober 2019 legt den Fokus auf Fragen und Potenziale des Archivs. Der nächste Termin im Juni 2020 mit dem Titel Wie soll es weitergeben? soll den Blick


Iphigenie 2009, Foto: Laszlo Szito, (Abgebildet ist Ruth Amaranthe)

auf Formen und Perspektiven der Weitergabe lenken. Ausschnitte aus einem aktuell entstehenden Film über die Arbeit der Pina Bausch Foundation bilden dabei jeweils den Rahmen für Vorträge und Gesprächsrunden. Unabhängig von allen öffentlich sichtbaren Aktivitäten der Pina Bausch Foundation – man denke nur an die große Ausstellung Pina Bausch und das Tanztheater in der Bundeskunsthalle in Bonn und im Berliner Martin-Gropius-Bau 2016, an die Buchveröffentlichung O-Ton Pina Bausch mit Interviews und Reden, das Projekt DANCE! The NELKENLine oder das internationale Stipendienprogramm Pina Bausch Fellowship for Dance and Choreography – stellt sich doch die Frage: Wann wird das Pina Bausch Archiv endlich für Tanz-Forschende und andere Interessierte öffentlich zugänglich sein? In welchem Umfang dereinst – möglicher Weise im zukünftigen Pina Bausch Zentrum, wenn es denn kommt – Zugang zu den Archivmaterialien geschaffen werden wird, bleibt auch im zehnten Jahr der Stiftungsgründung unklar. Für alle nach Antwort Hungernden brachte Salomon Bausch aber immerhin einen dicken Happen zur Pressekonferenz mit: „Am 13. Juni 2020 ist der Moment, an dem es wahr wird, das Archiv mit aller Welt teilen zu können“, versprach er. Digitalisierte Materialien zu zunächst fünf Stücken von Pina Bausch – eines aus ihrer Zeit vor Wuppertal, vier weitere aus jeweils einer Schaffensphase – sollen zu diesem Zeitpunkt online gehen. Ein erster Aufschlag

und Beispiel, wie sich das Digitale Pina Bausch Archiv, an dessen Aufbau die Foundation seit 2010 arbeitet, entfalten kann. „Jedes Jahr sollen weitere Stücke dazukommen und den Blick erweitern“, stellt der Stiftungsvorsitzende in Aussicht. Einen Vorgeschmack darauf gibt es sogar schon im Oktober 2019: Eine Videofassung des Stücks Palermo Palermo wird online frei zum Anschauen im Internet verfügbar sein und den Start einer Filmreihe in den Pina Bausch Editions markieren. Das Material stammt aus einem Konvolut von mehreren Hundert Videobändern mit Aufzeichnungen von Stücken, das die Pina Bausch Foundation nach jahrelangem Rechtsstreit Ende 2016 mithilfe der Kulturstiftung des Bundes vom französischen Verlag L‘Arche Editeur ankaufen und damit vor dem Verfall bewahren konnte. Dem von Salomon Bausch formulierten Ziel, das Werk von Pina Bausch mit möglichst vielen Menschen zu teilen, wird man in der kommenden Saison also um einiges näher kommen. Und wie begeht das Tanztheater Wuppertal über die gemeinsamen Projekte mit der Foundation hinaus diese besondere Saison zehn Jahre nach Pina Bauschs Tod am 30. Juni 2009? Am Todestag selbst wird die Company mit Bon Voyage, Bob ..., dem neuen Stück von Alan Lucien Øyen, in Paris gastieren – „eine schon länger bestehende Verpflichtung“, wie Intendantin Bettina Wagner-Bergelt erklärt. Im Opernhaus Wuppertal werden in der kommenden Saison 32 Vorstellungen zu sehen sein. Die Programmgestaltung 7


Die sieben Todsünden, 2018, Ensemble, Foto: Bettina Stöß

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spannt den Bogen von dem frühen Blaubart bis zu „... como el musguito en la piedra, ay si, si, si ...“, dem letzten, kurz vor ihrem Tod als Koproduktion mit dem Festival International de Teatro Santiago a Mil in Chile entstandenen Stück von Pina Bausch. Mit diesem Stück, das sicherlich unvorhergesehen zum Vermächtnis geworden ist, eröffnet das Tanztheater Wuppertal die Spielzeit am 3. Oktober 2019 im Opernhaus. Im Anschluss an die Aufführung soll im Rahmen einer Nacht für Pina ihres zehnten Todestages gedacht werden – nicht mit feierlichen Reden, sondern vielmehr mit Tanz: Tänzerinnen und Tänzer zeigen von ihnen selbst ausgewählte Parts aus den Stücken, die für sie ganz individuell von besonderer Bedeutung sind.

“… como el musguito en la piedra, ay si, si, si …”, Ditta Miranda Jasjfi, Foto: Bo Lahola

Eine zentrale Neueinstudierung der Saison wird auch Wiesenland aus dem Jahr 2000 sein: „Während Blaubart eine komplett neue Besetzung haben wird, lebt Wiesenland von seiner Mischung aus der ersten und zweiten Generation sowie den neu ins Ensemble gekommenen Tänzerinnen und Tänzern“, erklärt Bettina Wagner-Bergelt. Den Brecht/ Weill-Abend Die sieben Todsünden / Fürchtet euch nicht kann das Wuppertaler Publikum wieder im März 2020 sehen. Als Gastdarstellerinnen werden diesmal Meret Becker, Melissa Madden Gray und Johanna Wokalek, die unlängst im Macbeth-Stück anstelle von Mechthild Großmann überzeugte, mitwirken. Vollmond, bereits im September 2018 wieder aufgenommen, wird im Juni 2020 die Saison in Wuppertal beschließen, nachdem es mit drei Vorstellungen bei den Schlossfestspielen in Ludwigsburg gastiert hat, die künftig regelmäßig mit dem Tanztheater Wuppertal zusammenarbeiten werden. Unter den nach wie vor stark nachgefragten Gastspielen im Ausland sticht eine dreiwöchige USA-Tournee mit neun Vorstellungen von Palermo Palermo hervor. Seit sie, das neue Stück von Dimitris Papaioannou mit dem Tanztheater Wuppertal, bleibt im Repertoire und wird im September 2019 auf dem Musikfestival von Borgia im süditalienischen Catanzaro zu sehen sein. Und wie sieht es mit weiteren Neukreationen aus? Dem dringenden Anliegen der Tänzerinnen und Tänzer, wieder selbst kreativ sein zu können, trägt Bettina Wagner-Bergelt mit dem neuen Format Begegnungen / Encounters Rechnung. Sie hat fünf Choreografen unterschiedlicher künstlerischer Handschrift eingeladen, mit dem Ensemble zu arbeiten: neben Sidi Larbi Cherkaoui, Richard Siegal, Monika Gintersdorfer/Knut Klaßen und Helena Waldmann auch Rainer Behr aus dem Ensemble des Tanztheaters. Sie wer10

den im Juni 2020 neue Arbeiten im Rahmen eines abendfüllenden Programms präsentieren. Auch eine Neuauflage der Reihe Underground mit neun neuen Produktionen im ehemaligen Schauspielhaus sowie im Glaspavillon im Skulpturenpark ist für November 2019 geplant. Die Suche nach einem oder mehreren Choreografinnen oder Choreografen, die erneut ein abendfüllendes Stück mit dem Ensemble erarbeiten, dürfte derweil weitergehen. Anne-Kathrin Reif


Die nächsten Termine (Opernhaus Wuppertal): 3., 4., 5., 6. Oktober 2019 „...como el musguito en la piedra, ay si, si, si...“, anschließend Eine Nacht für Pina Vorverkauf hat begonnen 1., 2., 5., 6. November 2019 Underground VII Vorverkauf ab 26. September

Wuppertaler Bühnen, Opernhaus Wuppertal Kurt-Drees-Straße 4, 42283 Wuppertal

16., 17., 19., 20., 23., 24. November 2019 Wiesenland Vorverkauf ab 20. September

Vorverkauf bei der KulturKarte Wuppertal, Kirchplatz 1, Tel. 0202 563 7666. 11


Die Hochzeit des Figaro, Anna Princeva, Sebastian Campione, Ralitsa Ralinova, Foto: Bettina Stöß

Gelungene Aufführungen, großer Beifall

Musiktheater in Hagen und Wuppertal

Dass das Musiktheater in Wuppertal ein weitgespanntes, interessantes Programm anbietet, ist bekannt. Aber auch das nur 30 Kilometer entfernte Hagen bietet ein Programm, das den Weg dorthin lohnt. Während in Wuppertal um die „EurOperas“ von John Cage heiße Diskussionen entbrannten, die Notwendigkeit einer so avancierten Produktion aber außer Frage stand, ging Hagen mit einer ungewöhnlichen Inszenierung von Wagners „Tristan und Isolde“ ebenfalls ein Wagnis ein und gewann. 12

Die Hochzeit des Figaro, Iris Marie Sojer, Sebastian Campione, Mark Bowman-Hester, Foto: Bettina Stöß


Beide Häuser finden überregionale Beachtung. Die letzten Premieren stellten nun klassische Themen auf die Bühne: Wuppertal spielte die Hochzeit des Figaro von Mozart, Hagen beschäftigte sich in einem spartenübergreifenden Abend mit Dido und Aeneas, zuerst Purcells Oper, dann die vom eigenen Ballett getanzte Fassung dieser Geschichte zur „Wassermusik“ von Händel. Bei beiden Premieren gab es Riesenbeifall und Standing Ovations. Beide Produktionen zeichnen sich dadurch aus, dass die jeweils hauseigenen Ensembles ihr Bestes gaben und alle Mitwirkenden in perfekter Zusammenarbeit zum Erfolg beitrugen.

Die Hochzeit des Figaro im Wuppertaler Opernhaus Auf der Bühne ein weißer Kasten, an der Rückwand vier Türen. Das soll das komplette Bühnenbild sein? Im Wesentlichen schon, es wird aber gut genutzt und immer wieder verändert, und die vier Türen erfüllen wichtige Funktionen. Insgesamt bildet dieser weiße Kasten mit vier Türen aber die Grundlage für eine Figaro-Inszenierung, die die turbulente Handlung außergewöhnlich deutlich macht, die Charaktere der Personen klar herausstellt und außerdem sehr witzig und fröhlich ist. Die vier Türen (Bühnenbild: Johannes Schütz) geraten schon im Vorspiel gehörig in Bewegung: Alle Akteure und das gesamte Personal des Schlosses erscheinen in sich wiederholenden Abläufen, öffnen und schließen die Türen lautstark genau im Takt der Musik. Im 1. Akt können sich einige Personen aber auch wunderbar hinter ihnen verstecken. Ein Prinzip der Regie (Joe Hill-Gibbins), die große Deutlichkeit, zeigt sich von Anfang an: Wird von Personen geredet, so präsentieren sich diese kurz in den Türen oder betreten sogar als stummer Partner die Bühne, so der Graf in der Wut-Arie des Figaro, der ihm dabei als sein Diener sogar noch die Krawatte umlegen muss. Im 2. Akt ist der weiße Kasten in den ersten Stock hochgefahren. Darunter sitzt ein Trupp Diener, die immer wieder eine Treppe an die richtige Tür bugsieren müssen. Wer kommt, wird so schon vor dem eigentlichen Auftritt sichtbar. Dicke Matten schleppen müssen sie einmal, damit der Extrempubertant Cherubino aus dem ersten Stock in den Garten springen kann. Im 3. Akt wechselt der Kasten mehrfach die Höhe, macht Parallelhandlungen möglich, bringt Angstträume ins Bild oder zeigt Reaktionen von Personen, die sonst nicht sichtbar sind: So verzweifelt z.B. die Gräfin im 1. Stock, wenn

sich Susanna mit dem sofort handgreiflich werdenden Grafen auf der Vorderbühne ihrem Plan gemäß verabredet. Ganz in den Hintergrund gefahren ist der weiße Kasten im 4. Akt, dient nur noch als Kulisse. Alle entscheidenden Ereignisse werden im Vordergrund dargestellt, und obwohl es Nacht ist, herrscht keine Dunkelheit. Der Regisseur setzt in diesem Akt noch mehr als in den anderen auf große Deutlichkeit und Nachvollziehbarkeit. Einen eigenen Akzent setzt der Regisseur auf die Person des Cherubino. In dieser Inszenierung ist nicht nur er scharf auf alle Frauen, sondern umgekehrt himmeln ihn alle Frauen an, sogar das gesamte weibliche Dienstpersonal. Dass Hill-Gibbins viel Schauspiel inszeniert hat, merkt man daran, dass er die Emotionen sehr deutlich über die Rampe bringt und viel Situationskomik verwendet. Auch korrespondieren viele Gesten perfekt mit der Musik, besonders gut nachzufühlen bei den schallenden Ohrfeigen. Auch geht – dank der Choreografin Jenny Ogilvie – immer wieder Handlung in Choreografie über. Das Wuppertaler Orchester zeigte sich in bester Spiellaune, unter Generalmusikdirektorin Julia Jones wurden rasante Tempi bravourös gemeistert, aber auch die langsameren Passagen genussvoll ausgekostet. Bewusst pointiert eingesetzt wurden die Blechbläser. Unbedingt erwähnt werden muss der Hammerklavierspieler, der seinen Part kreativ und variabel improvisierte. Und der Chor (Markus Baisch) sang, spielte, tanzte ohne Fehl und Tadel. Aus dem Wuppertaler Ensemble konnten einige in größeren Rollen glänzen. Stellvertretend für alle seien Sebastian Campione als Figaro, Ralitsa Ralinova als Susanna und Simon Stricker als Graf genannt. Einziger Gast: Anna Princeva als Gräfin. Fazit: Pralles Theater, vergnüglich mit Tiefgang, wunderbare Musik!

Dido und Aeneas in Hagen: Oper und Ballett Ein runder und erfolgreicher Abend in Hagen. Der Grund: zweimal dasselbe Thema, aber aus unterschiedlicher Perspektive, und das spartenübergreifend, einmal Oper, einmal Ballett. Der Stoff ist die vom römischen Dichter Vergil überlieferte Geschichte von Dido und Aeneas. Der aus dem zerstörten 13


Dido und Aeneas, Chor, Cristina Piccardi (Belinda), Foto: Klaus Lefebvre

Troja entkommene Aeneas und Dido, die selbst als Geflüchtete in Karthago Zuflucht gefunden hat und dort Königin geworden ist, verlieben sich ineinander. Auf Geheiß der Götter muss Aeneas aber Dido verlassen, um Rom zu gründen, woraufhin sich die Königin umbringt. Den ersten Teil des Abends bildet die Oper „Dido und Aeneas“ von Henry Purcell, inszeniert vom Hagener Intendanten Francis Hüsers. Der holt die barocke Oper mit interessanten Akzentuierungen in die Gegenwart. So zeigt er die im Mittelpunkt stehende Dido als „jungfräuliche Witwe“ am Rande des Psychotisch-Depressiven. Die Bevölkerung Karthagos, vom Chor dargestellt, kann Dido aber schließlich dazu bewegen, sich Aeneas, in den sie sich offenbar verliebt hat, zuzuwenden. Da dies auch für Karthago gut ist, wird dies gleich in einem „Staatsfoto“ mit kräftigem Blitz festgehalten. Der Hofstaat ist auch dabei, wenn die beiden bei einer Ruhepause während einer Jagd zum ersten Mal miteinander 14

schlafen. Die tragische Wendung vollzieht sich in Purcells Oper aber nicht durch die Götter, sondern durch eine Zauberin und ihre Hexen (Solistinnen und wieder der Chor), für die grundlose Zerstörung die größte Lust ist. Dieser Umschwung wird sehr plausibel dargestellt, am sinnfälligsten durch die außergewöhnlichen und originellen Kostüme (Kaspar Glarner). Der Chor, der Dido zugewandt als Hüter der Staatsraison im 1. Akt blau gekleidet auftritt, wendet im zweiten seine Gewänder und wird in flammendem Rot zur teuflischen Hexentruppe. Das erinnert an Traum und Halluzination, aber auch ein wenig an die Wechselhaftigkeit des Menschen. Diese Akzentuierung durch Regie und Kostüme wird auch musikalisch überzeugend umgesetzt. Rodrigo Tomillo bietet im klein besetzten Orchester im halb hochgefahrenen Orchestergraben hohes Niveau und Chor und Sängern beste Unterstützung. Der hier sehr wichtige Chor überzeugt ebenso wie sämtliche Solisten. Stellvertretend für alle: Veronika Haller als Dido und Kenneth Mattice als Aeneas.


Dido und Aeneas/Wassermusik, Compagnie – vorne in der Mitte: Ana Isabel Casquilho (Dido), Gonçalo Martins da Silva (Aeneas), Foto: Leszek Januszewski

Im zweiten Teil folgt die Wassermusik von Händel, dazu dieselbe Geschichte, aber getanzt vom Hagener Ballett, choreografiert von Francesco Nappa, der schon im ersten Teil für perfekte tänzerische Bewegungen sorgte. Eine brillante Idee, die Geschichte zweimal zu spielen, aber jeweils vollkommen anders zu akzentuieren. Händels Wassermusik ist offen für choreografische Gestaltung, enthält Stücke unterschiedlichsten Charakters. Rodrigo Tomillo lässt die Händelsche Musik in den blechbläserbetonten Sätzen regelrecht leuchten, die Charaktere der langsameren und lyrischen Teile sind aber ebenfalls sehr schön herausgearbeitet. Die Geschichte wird getanzt, also mit dem Körper erzählt. Das ist sehr gut nachvollziehbar, die Story kennt man ja schon. Nappa versieht die Handlung mit neuen Akzenten, lässt aber auch genug Platz für eigene Assoziationen. Der große Unterschied zum ersten Teil: Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive des Aeneas. Sehr auffällig wieder das Kostüm des Zauberers: Er erscheint in einem

feuerroten Riesenmantel mit großer Kapuze und langer Schleppe, die Platz für mehrere Tänzer bietet. Am Ende verlässt Aeneas Dido, die lässt ihn gehen, stirbt nicht, wie in Purcells Version. Nappa fügt in die Handlung zwei Gedichte von Else Lasker-Schüler ein, eins für Dido, eins für Aeneas. Das Hagener Ensemble tanzt diese Geschichte äußerst intensiv, mit etlichen akrobatischen Passagen, in den Gruppenteilen absolut synchron. Den großen Schlussbeifall nehmen alle Beteiligten des gesamten Abends entgegen und präsentieren sich dadurch als Einheit. Fritz Gerwinn Weitere Vorstellungen in Wuppertal: 3., 14. Juli 2019, Wiederaufnahme 2019/20 Figaro Weitere Vorstellungen in Hagen: 7., 10. Juli 2019 Dido und Aeneas 15


Else Lasker-Schüler und die Avantgarde Im Rahmen des Programms der Stadt Wuppertal „Meinwärts. 150 Jahre Else LaskerSchüler“ widmet das Von der Heydt-Museum der großen Dichterin und Künstlerin vom 6. Oktober 2019 bis 16. Februar 2020 eine Ausstellung. Else Lasker-Schüler, um 1932

Viele kennen sie als eigenwillige Dichterin. Doch neben ihren großartigen Gedichten, Dramen, Erzählungen und Prosawerken brachte Else Lasker-Schüler ein ebenso faszinierendes bildnerisches Œuvre hervor, in dem sie ihrer jüdisch-orientalisch inspirierten Fantasie vor allem mit zeichnerischen Mitteln poetischen Ausdruck verlieh. In ihrer Dichtkunst wie auch in ihrer Bildkunst kreierte sie eine „andere“ Welt, in der sie selbst in imaginären Rollen – als Tino von Bagdad und als Jussuf, Prinz von Theben – auftrat. Auch ihr Umfeld bezog sie in das von ihr inszenierte Rollenspiel mit ein. So erscheint dieses oftmals als ein verschlüsseltes Abbild der Gesellschaft, in der sie verkehrte. Ihre Biografie ist von den Verwerfungen und Brüchen des 20. Jahrhunderts geprägt. Geboren am 11. Februar 1869 in (Wuppertal-) Elberfeld als Tochter eines jüdischen Privatbankiers und aufgewachsen in gutbürgerlichen Verhältnissen, brach Else Lasker-Schüler schon als junge Frau mit den Fesseln bürgerlicher Zwänge und schloss sich nach der Jahrhundertwende in Berlin philosophisch-literarischen Bohème-Kreisen an. In zweiter Ehe mit Herwarth Walden, dem Herausgeber der „Sturm“-Zeitschrift und Gründer der gleichnamigen Galerie in Berlin, verheiratet, wurde sie zu einer treibenden Kraft der expressionistischen Aufbruchsund Erneuerungsbewegung, begann selbst künstlerisch zu arbeiten und kam in Kontakt mit der Avantgarde. Ein großer Teil ihres Lebens spielte sich im Café des Westens, einem Stammplatz der „Modernen“, ab. Engere Beziehungen entwickelte sie bald zu Kokoschka, den „Brücke“-Künstlern und den Künstlern des „Blauen Reiters“. 16

Stadtbibliothek Wuppertal

Nach der Scheidung von Walden 1912 an einem Tiefpunkt ihres Lebens angelangt, schöpfte sie aus ihrer Dicht- und Zeichenkunst die Kraft, sich als Künstlerin und Bohemienne zu emanzipieren und ihre vielschichtige Persönlichkeit zu entfalten. „Ich sterbe am Leben und atme im Bilde wieder auf“, lautete ihr Credo schon in ihrem Liebesroman „Mein Herz“ (1912). Als Gegenentwurf zur Realität gestaltete sie ein romantisch-poetisches Fantasiereich, und in ihrer Lieblingsrolle als „Prinz von Theben“ kreierte sie ihr poetisches „Alter Ego“, das ihr als Projektionsfläche ihrer innigsten Gefühle diente. Parallel zu ihrem dichterischen Kosmos entstand ihr bildnerisches Œuvre, in dessen Genese besonders ein Künstler aus dem Kreis des „Blauen Reiters“ eine wichtige Rolle spielte: Franz Marc, den sie zu ihrem geliebten Halbbruder „Ruben“ erklärte, mit dem sie als „Joseph“, „Malik, König von Theben“ oder „Jussuf“ poetisch illustrierte Postkarten und Briefe austauschte. Marc stellte auch die Verbindungen zu weiteren Künstlern des „Blauen Reiters“ her. Eine von Franz Marc zur Unterstützung Else Lasker-Schülers 1913 im „Neuen Kunstsalon“, München, organisierte Hilfsauktion war zwar finanziell kein Erfolg. Doch liest sich die Liste der beteiligten Künstler, darunter Namen wie Campendonk, Klee,


Else Lasker-Schüler, Prinz Jussuf von Theben, um 1934, Jüdisches Museum Frankfurt, Foto: Herbert Fischer

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Franz Marc, Fuchs, 1917, Von der Heydt-Museum Wuppertal

Heckel, Jawlensky, Kirchner, Kubin, Macke, Mueller, Nolde, Schmidt-Rottluff, Werefkin u. a., als ein „Who is Who“ der bedeutendsten Expressionisten. Mit den Expressionisten teilte sie auch die Hoffnungen, Sehnsüchte und Träume einer anderen, besseren Welt, in der das Geistige über das Materielle siegen sollte. Die Suche nach einem fernen Paradies, in dem man die der Zivilisation abhandengekommene Ursprünglichkeit wiederfinden wollte, war ein wichtiges Thema der Kunst des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Mit ihrer Fantasie einer exotischen, farbigen und orientalisch inspirierten Welt stand Else Lasker-Schüler nicht alleine. Parallelen zu ihrer Vorstellungswelt begegnen einem in der Orientfaszination der Zeit, u. a. bei Paul Klee und August Macke, die 1914 zu ihrer Tunis-Reise aufbrachen. 18

Einen historischen Wendepunkt markierte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Wie viele Künstler der Zeit sah sich auch Else Lasker-Schüler zu einer Neuorientierung gezwungen. Tief erschüttert durch den Kriegstod Franz Marcs schloss sie sich als Vertreterin einer pazifistischen Haltung den Kreisen um Franz Pfemferts Zeitschrift „Die Aktion“ und Wieland Herzfeldes Monatsschrift „Neue Jugend“ an. Hier fand sie neue Kontakte in Literaten-, Künstler- und Anarchistenkreisen, u. a. zu dem Schriftsteller Theodor Däubler und zu Malern wie George Grosz und Heinrich Maria Davringhausen. Zunehmend wurde sie auch als Künstlerin wahrgenommen, und bereits 1916 erhielt sie eine Ausstellung ihrer zeichnerischen Werke im Folkwang-Museum in Hagen. Bei der Eröffnung der neuen Abteilung der Nationalgalerie


Josef Scharl stellt in seinem Bild „Blinder Bettler im Café“ von 1927 Else Lasker-Schüler ins Zentrum der Bohème im Café. Sich selbst zeigt er als Bettler, Hitler ist der Kellner, der die anderen versucht zu verscheuchen. Kunsthalle Emden – Stiftung Henri und Eske Nannen, Schenkung Otto van de Loo, © Susanne Fliegel, Foto: Olaf Bergmann

im ehemaligen Kronprinzenpalais wurde 1919 auch eine Auswahl von Franz Marcs – im Austausch mit Else LaskerSchüler entstandenen – „Botschaften an den Prinzen Jussuf“ ausgestellt. 1919 feierte Else Lasker-Schüler ihren ersten großen Erfolg als Dichterin mit der Uraufführung ihres Stückes „Die Wupper“ im Deutschen Theater Berlin. Die Verleger und Kunsthändler Paul Cassirer und Alfred Flechtheim wurden auf Else Lasker-Schüler aufmerksam und wandten sich ihr zu. Seit Anfang der 20er-Jahre war sie im Kunst- und Kulturleben vielfältig vernetzt. Zu ihren engeren Freunden gehörten u. a. der Elberfelder Seidenfabrikant und Sammler Klaus Gebhard und der mit Otto Dix befreundete (und auch von ihm porträtierte) Elberfelder Juwelier und Sammler Karl Krall.

Die Berliner Nationalgalerie nahm 1920 insgesamt 104 Zeichnungen von Else Lasker-Schüler als Schenkung von Paul Cassirer und Freunden der Künstlerin entgegen. 1921 bot Cassirer ihre neuesten Bilder dem Elberfelder Museum an. Für Flechtheim zeichnete sie 1922 das Buch „Theben“. Gemeinsam mit Wassily Kandinsky, Oskar Kokoschka, Theodor Däubler und Gerhart Hauptmann gehörte sie 1922 dem Ehrenausschuss der Künstlervereinigung „Das junge Rheinland“ an, die 1922 die „Erste Internationale Kunstausstellung Düsseldorf“ vorbereitete. Auch war sie an dem anlässlich dieser Ausstellung veranstalteten Kongress beteiligt, bei dem Vertreter des Konstruktivismus und der Dada-Bewegung zusammenkamen. Gemeinsam mit Kandinsky, Adler, Marek Szwarc, Stanislaw und Margarete Kubicki unterzeichnete sie den Gründungsaufruf zur „Union fortschrittlicher internationaler Künstler“. 19


Engere Verbindungen hatte Else Lasker-Schüler zu Jankel Adler und seinem Künstlerkreis, der seinerseits über Beziehungen zur revolutionären Berliner Szene verfügte. Seine Tage in Berlin verbrachte Adler meist im „Romanischen Café“, einem Zentrum der Bohème, wo auch Else LaskerSchüler verkehrte. Zeugnisse ihrer persönlichen Freundschaft sind das von Else Lasker-Schüler verfasste Gedicht über Jankel Adler, in dem sie ihn zum „hebräischen Rembrandt“ erhob, und das von Adler 1924 geschaffene „Bildnis Else Lasker-Schüler“, das der Barmer Kunstverein 1926 erwarb.

in ihrem innersten Wesen mit Kunst und Künstlern ihrer Zeit verband, ermöglicht die Ausstellung einen weitergehenden Zugang zu ihrer großartigen und eigenwilligen Persönlichkeit.

Einen schweren Schicksalsschlag, den Else Lasker-Schüler nie überwand, bedeutete der Tod ihres Sohnes Paul 1927 für sie. 1932 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet, sah Else Lasker-Schüler sich 1933 nach der Machtergreifung der Nazis gezwungen, nach Zürich zu fliehen. 1934 reiste sie erstmals in den Orient, zunächst nach Ägypten (Alexandria), später nach Palästina (Jerusalem). 1937 unternahm sie ihre zweite Palästina-Reise. Ihre von Paul Cassirer 1920 der Berliner Nationalgalerie geschenkten Zeichnungen wurden 1937 beschlagnahmt. Auch Adlers Bildnis der Else Lasker-Schüler wurde bei der Aktion „Entartete Kunst“ 1938 im Barmer Kunstverein beschlagnahmt (und 1986 für das Von der Heydt-Museum zurückerworben). Nachdem Else LaskerSchüler 1939 die Rückkehr von ihrer dritten Palästina-Reise nach Zürich verwehrt wurde, blieb sie – unfreiwillig – in Jerusalem, wo sie am 22. Januar 1945 verstarb

Ausgehend von der „Sturm“-Bewegung rückt die Ausstellung das künstlerische Umfeld Else Lasker-Schülers ins Blickfeld. Werke der Expressionisten, vor allem der „Brücke“ und des „Blauen Reiters“, fügen sich zu einer „Hommage an Else Lasker-Schüler“ zusammen.

Dort wurde sie als „Dichterin der jüdischen Seele“ gesehen, wozu vor allem ihr 1937 (in Zürich erschienenes) Buch „Hebräerland“ durch seine „farbenprächtige, von biblischer Schönheit erfüllte Schilderung“ beitrug. Else Lasker-Schüler, die sich in ihren letzten Lebensjahren stark für eine von ihr in Jerusalem gegründete Vortragsvereinigung, der „Kraal“, engagierte, fühlte sich trotz aller ihrer Aktivitäten und neuen Kontakte fremd in der Emigration.

Weitere wichtige Aspekte, die in der Ausstellung behandelt werden, sind Else Lasker-Schülers Verfolgung durch den Nationalsozialismus und ihr Wirken in der Emigration. Die Ausstellung stellt Else Lasker-Schüler in einen größeren zeithistorischen Kontext. Die Beschäftigung mit ihrer Persönlichkeit lädt nicht nur zur Betrachtung thematischer und ästhetischer Zusammenhänge zwischen Literatur und bildender Kunst ein. Sie macht auch die bis heute immer wieder bedrohte Freiheit der Kunst bewusst.

Die Ausstellung des Von der Heydt-Museums geht den künstlerischen Verbindungen nach, die Else Lasker-Schülers Werdegang begleiten. Dieses Netzwerk bildet einen Rahmen, innerhalb dessen ihr Lebensweg, ihr dichterisches und ihr künstlerisches Werk mit Fotos, Zitaten und einer Auswahl von Werken illustriert und dokumentiert wird. Besondere Aufmerksamkeit widmet die Ausstellung Else Lasker-Schülers Zeichenkunst: Im Mittelpunkt steht eine Auswahl ihrer farbigen Zeichnungen, die Einblick in ihre einzigartige und märchenhafte Vorstellungs- und Bildwelt geben. Mit der Untersuchung der Frage, was sie 20

Eingangs wird die Bedeutung, die Wuppertal als Ort ihrer Kindheit und Jugend hatte, beleuchtet. Dann richtet sich der Blick auf ihre Entwicklung in der Berliner Künstlerbohème und ihre Rolle als treibende Kraft des expressionistischen Aufbruchs, der um 1910 bis 1912 zur Gründung der „Sturm“-Zeitschrift und der gleichnamigen Galerie führte.

Weiterhin folgt die Ausstellung den Entwicklungen Else Lasker-Schülers durch die Zeiten des Umbruchs und der Neuorientierung durch den Ersten Weltkrieg bis in die 1920er-Jahre. Sie war Teil der Künstlerbohème und eine der Schlüsselfiguren in den Netzwerken, in denen Künstler, Autoren und Galeristen verkehrten. In Else Lasker-Schülers Umfeld begegnen einem Namen wie George Grosz, Otto Dix, Theodor Däubler, Oskar Kokoschka, Paul Cassirer, Alfred Flechtheim, Otto Pankok, Jankel Adler, Josef Scharl und andere.

Dr. Antje Birthälmer kommissarische Leiterin des Von der Heydt-Museums und Kuratorin der Ausstellung zu Else Lasker-Schüler

Else Lasker-Schüler, „Prinz Jussuf von Theben“ und die Avantgarde 6. Oktober 2019 bis 16. Februar 2020 Von der Heydt-Museum Turmhof 8, 42103 Wuppertal www.von-der-heydt-museum.de


Else Lasker-Sch端ler, Nicodemus, um 1922, Else Lasker-Sch端ler-Gesellschaft, Wuppertal / Dauerleihgabe an das Zentrum f端r verfolgte K端nste, Solingen

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Die Gesprächsrunde im Garten des gemeinsamen Ateliers von Diemut Schilling und Beatrice Cron, Foto: Willi Barczat

Die Hürde des Transitorischen Ein Gespräch über Kunst und das ganze Drumherum Im Vorfeld der Ausstellung „Hinterland“ in der Galerie Friedrich+Ebert, wo die neuen gemeinsamen Werke der Künstlerinnen Diemut Schilling und Beatrice Cron ab August 2019 erstmals zu sehen sein werden, fand ein Gespräch statt. Im malerischen Garten des gemeinsamen Ateliers in Barmen trafen sich die Künstlerinnen mit dem Galeristen Steffen Peters und dem Kunstauktionator Andreas Sturies. Ganz wie in den Werken der Ausstellung sollten hier – anders als in einem trockenen Ankündigungstext – verschiedene Positionen und Ansichten aufeinandertreffen und Neues entstehen. Es entwickelt sich ein Gespräch über den Sinn und Unsinn des Schreibens über Kunst, den Kunstmarkt, die Kunst im Allgemeinen und die eigene Kunst im Speziellen. 22

Diemut Schilling: Künstler äußern sich relativ selten oder wollen sich relativ selten äußern, weil die Kunstkritik und Kunstkuratoren (und alles was sich im Kunstmarkt sonst so tummelt und damit Geld macht) sich mittlerweile stark als Sprachrohr für Künstlerpositionen entwickelt haben und sich teilweise auch selbst als Künstler verstehen – die Ausstellungsmacherkünstler. Dadurch ist das Sprechen über Kunst nicht mehr Künstlersache. Das wird von den Künstlern paradoxerweise sogar begrüßt, denn es entlastet sie in gewisser Weise, ist aber letztlich auch eine Selbstentmündigung, Andreas Sturies: Ich teile diese Skepsis gegenüber der Art, wie Kunst kommuniziert wird. Ich erinnere mich an einen Artikel im “Kunstforum” über eine Ausstellung von Por-


träts. Er begann mit dem Satz: Dem Antlitz der künstlerischen Aneignung liegt stets die Hürde des Transitorischen zugrunde. Da hab ich gedacht: „die künstlerische Aneignung des Antlitzes“ – das geht! Aber „das Antlitz der künstlerischen Aneignung“ ist ungrammatisch. Banane! Ich verstehe auch, wie der Autor so eines Textes dasitzt und lange überlegt, was er sagen soll zu ganz einfachen Porträts. Und dann dreht er die Worte und dann kriegt er Kabelsalat im Gehirn und dann kommt am Ende etwas raus, das keiner versteht. D. S.: Es ist ja eine sehr elitebehaftete Sache zu wissen, wo die Kunst hergeht. Man lernt sich zur Elite einer Gesellschaft hoch, die dann gut reden kann über Kunst an allen Ecken und sich weltoffen und beweglich im Geiste repräsentiert, indem man diese ganzen Dinge gut lernt und von sich geben kann. Und dann natürlich überall war, auf der documenta, Biennale und so weiter. A. S.: Nicht nur das. Dazu gehören ja nicht nur die einen, die Kunst machen und wir, die wir uns professionell mit Kunst befassen, sondern auch das Publikum. Was mich immer wieder erstaunt, ist die enorme Bereitschaft des Publikums, auf dieses Gebiet der “Player” hinaufzuschauen. Denen wird mit einem unglaublichen Respekt begegnet, ich verstehe das nicht. Was die tun, sollte doch eigentlich ganz normal sein. Steffen Peters: Wahrscheinlich hängt das auch damit zusammen, dass viele Leute nicht so direkte Kontakte zu Künstlern haben und insofern eher dem medialen Bild folgen, das ja seit Jahrzehnten auch von interessierten Kreisen enorm aufgeladen wurde: den Künstler als Genie und als Kulturheld darzustellen. Zu dem Problem mit den Texten würde ich sagen: Im Kunstbereich partizipieren eben sehr viele Leute. Im Prinzip gibt es die Künstler, die schaffen und die Kuratoren, die ausstellen. Aber dann sind es noch viele weitere, die teilnehmen: die Galeristen und Händler, die verkaufen und die Sammler, die durch Aneignung partizipieren und die Kunsthistoriker, die dann ihre Texte einbringen. Jeder will teilhaben an dem Zauber. Und deswegen wird dieser Zauber auch von allen mit inszeniert. Dadurch kommt es dann zustande, dass die Leute, die Texte schreiben, sich mitunter selber als Künstler verstehen und blumige Formulierungen zu finden versuchen. Die Partizipation am Zauber hat nach den 70ern noch einmal ordentlich zugelegt.

Von links nach rechts: Steffen Peters, Rasmus Zschoch, Beatrice Cron, Andreas Sturies, Diemut Schilling, Foto: Willi Barczat

D. S.: Es grassierte an Akademien zunehmend das klare Statement: Ernstzunehmend als Künstler ist man nur, wenn man davon leben kann. „Im Markt sein” galt nun als Synonym für „gute Kunst“ und in dieser Schärfe erst seit den 80er-Jahren. S. P.: In den Nullerjahren ist das Ganze dann nochmal explodiert, weil das Finanzkasino die Pforten noch weiter geöffnet hat. Die Legitimation, ob man davon leben kann, hat grundsätzlich auch ihre Berechtigung. Solange man sich in einer Gesellschaft bewegt, die einem Marktprinzip folgt, ist es eine durchaus legitime Form der Anerkennung für den Künstler, auch Geld zu bekommen, weil die Gesellschaft so funktioniert und nichts anderes geben kann als Wertschätzung, die über die persönliche sowie Ausstellungsbesuche und gute Kritiken hinausgeht. die beste Zeit: Wie ist das als Künstlerin? Nimmt man sich selbst als Teil eines solch diffusen Kunstmarktes wahr? Spielt der Markt als Überbau überhaupt eine Rolle bei der tatsächlichen Arbeit? Beatrice Cron: Für mich gar nicht. Das interessiert mich nicht, während ich arbeite. Da bin ich mit dem Malen, mit dem künstlerischen Prozess an sich beschäftigt. Da ist man irgendwie außerhalb der Welt. Oder wirklich in der Welt. Weil man spürt und empfindet und sich auseinandersetzt. 23


Diemut Schilling und Beatrice Cron im Dialog, Foto: Willi Barczat

Das ist wirklich ein Lebensgeschehen und in diesem Moment kommt mir der Markt wie etwas absolut Utopisches vor, eine verkehrte Welt.

B. C.: Für uns ist es viel spannender zu entdecken was wir da produzieren - auch motivisch. Weil wir im Voraus nie wissen was entstehen wird.

D. S.: In den 20 Jahren der künstlerischen Arbeit mit Partizipation waren meine “Player” andere: Stadtteile, Landschaftsarchitekten, Stadtentwicklungsgremien und viele mehr. Ein ganz anderes Feld, hochprofessionell, aufgeschlossen, in meiner Erfahrung oft näher an den großen Fragen unserer Zeit. In dieser Zeit habe ich gemerkt, dass man sehr gut von Kunst leben kann ohne diesen „Markt“. Das funktioniert. Und jetzt, da wir beide seit zwei Jahren zusammenarbeiten, haben wir aus unterschiedlichen Gründen eine geistige Unabhängigkeit von diesem Geschehen, was das Arbeiten erfrischend und pragmatisch macht: ohne den Blick auf mögliche andere Verwertungen. Unsere Arbeiten entstehen aus der Improvisation und einer Mischung aus Assoziation und Zufall, was diesen ganzen Deutungsrahmen, in dem irgendeiner die Lufthoheit übernehmen wollen könnte, unterminiert: Jeder, der behauptet zu wissen, was das Bild zu bedeuten hat, weiß mehr als wir.

A. S.: Mich interessiert, welche Rolle die Ebene der Sprache bei euch spielt. Du (Beatrice) weißt, was du tust mit deinen Farben. Und du (Diemut) weißt auch, was du tust, wenn du deine Figuren darin entdeckst. Wann kommt die Ebene der Sprache da hinein?

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D. S.: Im Schaffensprozess kommt eine motivische Auseinandersetzung relativ früh. Da sind ein paar Flächen und Gesten auf dem Papier und dann setzen wir uns davor und drehen das sieben Mal, rückwärts, und dann einigen wir uns auf das stärkste Motiv, das uns beiden ersichtlich ist. B. C.: Oft fängt es sogar noch früher an: Wir gucken erstmal: Was für eine Perspektive wollen wir, was für ein Horizont bietet sich an, was ist spannend, wo gibt es Fülle, wo gibt es Leere? Wir versuchen, alles qualitativ erstmal abzutasten und dann kommt meistens ein Motiv heraus. Eine Figur oder irgendwas, was dann ein konkreter Ansatz ist.


D. S.: Am Anfang haben wir gesagt: Ein Jahr lang zeigen wir nichts. Das haben wir festgelegt. Um jede Form von Fremdgedanken, die diesen Prozess stören würden, rauszuschicken. A. S.: Das finde ich interessant. Die Idee, ein Jahr ohne irgendwelche konkreten Absichten zu malen und sich erst danach zu fragen: „Was ist das jetzt eigentlich?” Das schließt ans Thema der heutigen Kunstproduktion und des Marktes an. Viele Leute haben derzeit das Gefühl, das ist doch alles absurd. Wenn ich mir überlege, Beuys oder Leute von Zero, mit wieviel Freude und Elan die weltverändernde Botschaften von sich gegeben haben. Davon war dann erstmal lange keine Rede mehr, bis weit in die 90er war jeder Inhalt, der persönlich politisch grundiert gewesen wäre, geradezu tabu. Zwischenstand, Foto: Willi Barczat

D. S.: Dann arbeiten wir wieder ohne zu reden weiter. Es gibt einen Moment, in dem ein Motiv sich aus sich heraus generiert, danach haben wir beide genug zu tun. Ich frage dann höchstens „Wo ist das Rot geblieben?” oder so. Bis kurz vor Schluss, wenn sich die Frage stellt: Wann hört man auf, was braucht das Bild noch? B. C.: Was ganz wichtig ist: Im Prozess kommen wir immer wieder an Punkte, an denen wir sagen: „Ich komm nicht weiter, mach du!” Und das ist der wichtigste Punkt, dass ich es dann wirklich loslasse. Ich muss absolut sagen: „Das ist jetzt dein Ding und mach, was immer du willst. Das ist nun dein Bild und was du opferst, opferst du, weil du weißt, was du tust.“ Das ist entscheidend, sonst wäre das ein Grund für Probleme und die hatten wir in den zwei Jahren noch nie. Das ist einmalig und hängt damit zusammen, dass wir loslassen, wenn wir die Bilder einander weitergeben. D. S.: Wir arbeiten parallel an vielen Bildern. Man ist dann ganz vertieft in etwas anderes, dreht sich um und das Bild von eben ist nun völlig anders. Es gab schon Bilder, da hab ich so 20 kleine Figuren reingemalt, und als ich mich umgedreht hab, waren die alle weg. Weil sie zu viel waren. Und das stimmte. (lacht) B. C.: Mittlerweile geschieht das ohne Nachfragen. Am Anfang hatten wir Zwischenphasen, wo wir einander mehr gefragt haben. Mittlerweile reicht das Vertrauen.

D. S.: Eigentlich war die bildende Kunst im größten Teil der Geschichte Kult- und Kulturgegenstand religiöser Entäußerung, Werbung für den Staat, Werbung für die Mächtigen, Werbung für die Kirche. Und diese Unabhängigkeit von allem und jedem heute ist recht neu. Das ist ein winziger Augenblick der Kunstgeschichte. Die Bilder, so wie sie unter einer anderen Prämisse früher gemalt wurden, ob das ein Caravaggio ist oder ein Goya, waren immer in dem Reich der Bildwirkung, der psychologischen Kontaktaufnahme zum Betrachter angesiedelt. Das war der Job: eine Kommunikation zwischen Bild und Betrachter, die über die Sinne läuft. Nicht über Intellekt, Fortbildung oder Bildung per se. Dieser Bereich ist in unserer Gesellschaft stärker als je zuvor, er ist nur aus der Kunst ins Kino umgezogen. Die Menschen lieben Geschichten. Und es gibt ja genug Videokünstler und figurativ erzählerische Kunst. Es ist nicht so, dass alle abstrakt oder konzeptionell arbeiten. Aber: Die ikonografische Sicherheit, das Handwerk, mit dem direkt kommuniziert wird, das hat ein bisschen gelitten unter dieser Phase der Moderne. Und das macht Kunst komplizierter für den Normalverbraucher. Wir wissen ja, wie wenig Kunst trotz Vermittlung und Museumspädagogik im normalen deutschen Haushalt ankommt. Das ist einfach so. Das ist keine Übertreibung. Man kann sagen, dass man als Künstler anstrebt, abgekoppelt vom Rest für eine bestimmte Elite Dinge zu produzieren, die dann bestenfalls sehr teuer sind. Ich finde, es ist eine große Frage offen: Was ist eigentlich ohne diese Ebene heute möglich? Da ist ein Bild, jemand guckt es an, und etwas passiert. Ohne Vermittler, ohne Rampe, ohne Text, ohne Subtext, ohne Übersetzung, ohne Museum und das ganze Drum25


„What you never told me“ (Ausschnitt), 160 x 120 cm, Aquarell mit Projektion, 2018

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„Hinterland“ (Ausschnitt Arbeitsansicht), 3000 x 125 cm, Aquarell mit Projektion, 2019

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herum. Das funktioniert, davon bin ich überzeugt. Weil der Mensch so gemacht ist, dass er durch seine Empathie, seine Spiegelneuronen, seine Fragen an das Leben, einfach Kontakt aufnimmt zu allem was Bild ist. Ob das ein YouTube-Video ist, eine Werbung oder ein Kunstgegenstand. Kunst? Keine Kunst? So what – man macht es einfach. S. P.: Ja. An diesem Abbauen von Schwellenangst, das hört man auch oft von anderen Galeristen, wird im Moment stark gearbeitet, um ein anderes, jüngeres Publikum in die Galerien und Museen zu bringen. Natürlich hoffen wir, dazu auch ein bisschen beitragen zu können. Auch durch den Standort und die Aufmachung der Galerie. Einen Raum zu bieten für Begegnungen, die in etwas herrschaftlicheren oder repräsentativeren Räumen so vielleicht eher nicht stattfinden. Vielleicht ist das ein bisschen der Schlüssel, eurer Arbeit sowie meiner Arbeit: Dass man nicht mit dem Anspruch startet zu gewinnen. Sondern sagt: „Ich will erstmal spielen.” Letztendlich können wir nicht gewinnen, wir können nur spielen. Und das ist eigentlich mehr als genug. Das Gespräch führte Rasmus Zschoch . Transkribiert und gekürzt von Rasmus Zschoch unter Mithilfe der Künstlerinnen Beatrice Cron und Diemut Schilling.

Beatrice Cron und Diemut Schilling Hinterland Arbeiten auf Papier Freitag, 23. August bis Samstag, 28. September 2019 Friedrich + Ebert Galerie für zeitgenössische Kunst Friedrich-Ebert-Straße 236, 42117 Wuppertal Vernissage am Freitag, 23. August 2019, 19 Uhr Eröffnung durch Andreas Sturies Am Eröffnungswochenende geöffnet von 12-18 Uhr, danach für die Dauer der Ausstellung samstags von 12-16 Uhr Finissage am Samstag, 28. September, 16 Uhr

im Anschluss Beatrice Cron und Diemut Schilling Hinterland Multimedia Installation Freitag, 23. bis Sonntag, 25. August 2019 Kunstraum Friedrich-Ebert-Straße 191, 42117 Wuppertal Vernissage am Freitag, 23. August 2019, 20 Uhr Samstag und Sonntag geöffnet von 12-18 Uhr Achtung: Dresscode! Als Bestandteil der Installation ist weiße Bekleidung erbeten.

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Margarete Heymann-Loebenstein, Teeservice, vor 1930, © Estate of Margarete Marks. All rights reserved VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Rheinisches Bildarchiv/Marion Mennicken

100 Jahre Bauhaus im Westen Zum Beispiel Köln, zum Beispiel Krefeld

Noch nie war so viel Bauhaus wie heute. Vor hundert Jahren in Weimar von dem Architekten Walter Gropius als Reformkunstschule gegründet, ist das Bauhaus derzeit auf allen Kanälen präsent, sodass einem fast schwindelig werden kann. Zum aktuellen Bauhaus-Hype tragen mehr oder minder sachkundige Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften bei, zahllose neue Bücher, darunter auch die unsägliche Gropius-Biografie von Bernd Polster, Dokumentar- und Spielfilme, etwa „Lotte am Bauhaus“, ein Streifen, den „Der Spiegel“ als Historienschrott gebrandmarkt hat, außerdem der im Frühjahr eröffnete Betonklotz des neuen Bauhaus-Museums in Weimar in unmittelbarer Nähe des ehemaligen NS-Gauforums und natürlich Ausstellungen landauf, landab. 30

So auch im Westen der Republik. Dass es sich dabei manches Mal um Mogelpackungen handelt, die mit dem verheißungsvollen Label „Bauhaus“ auftreten, oft aber „Bauhaus“ nur in homöopathischer Verdünnung – oder gar nicht – enthalten, gehört zu den Usancen eines außer Rand und Band geratenen Kulturbetriebs. Erwähnt sei stellvertretend nur die an sich sehr sehenswerte Ausstellung „Ihrer Zeit voraus!“, die bis zum 10. März 2019 im Clemens Sels Museum in Neuss Arbeiten von Heinrich Campendonk, Heinrich Nauen und Johan Thorn Prikker zeigte – eine Schau die umstandslos in das offizielle nordrhein-westfälische Jubiläumsprojekt „100 Jahre Bauhaus im Westen“ eingebunden wurde, obwohl das Bauhaus zur Zeit der Entstehung der Hauptwerke dieser Künstler noch nicht einmal gegründet war.


Andere Aktivitäten können dagegen mit direkten Bezügen zum Bauhaus aufwarten. Dies gilt beispielsweise für die Ausstellung „2 von 14“ im Museum für Angewandte Kunst in Köln (MAAK) und für die Initiative MIK (Mies in Krefeld) beziehungsweise „map 2019 – Bauhaus – Netzwerk – Krefeld“.

an die Formensprache Kandinskys, wie sie auch in dessen grundlegendem Bauhaus-Buch „Punkt und Linie zu Fläche“ anzutreffen ist. Formal besonders innovativ waren die – oftmals starkfarbigen – konisch geformten Gefäßkörper der Mokka- und Teeservices mit kreisrunden, ergonomisch allerdings nicht unproblematischen Scheibenhenkeln.

Köln Noch bis zum 11. August präsentiert das Museum

Da Margarete Heymann-Loebenstein aus einer jüdischen Familie stammte, musste sie die Haël-Werkstätten nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten unter Wert veräußern und emigrierte 1936 nach Großbritannien, wo sie nicht mehr an ihre früheren Erfolge anknüpfen konnte und 1990 verstarb.

für Angewandte Kunst Köln unter dem Titel „2 von 14. Zwei Kölnerinnen am Bauhaus“ Arbeiten der Keramikkünstlerin Margarete Heymann-Loebenstein und deren Cousine, der Bildhauerin und Bühnengestalterin Marianne AhlfeldHeymann. Sie gehörten zu den 14 Bauhäuslerinnen und -häuslern, die nach Auskunft des Berliner Bauhaus-Archivs aus Köln stammten. Margarete Heymann wurde 1899 in Köln-Lindenthal geboren, studierte zunächst an der Kölner Kunstgewerbeschule und der Kunstakademie Düsseldorf, bevor sie 1920 an das kurz zuvor gegründete Staatliche Bauhaus in Weimar kam. Dort absolvierte sie den legendären Vorkurs bei Johannes Itten, um anschließend ihre Ausbildung in der von Gerhard Marcks als „Formmeister“ geleiteten, in Dornburg an der Saale als Außenstelle des Weimarer Bauhauses betriebenen Keramikwerkstatt fortzusetzen. Obwohl Marcks sie grundsätzlich für begabt hielt, wurde der jungen Studentin die besondere Eignung für die Keramik abgesprochen, sodass ihr nach einem Probesemester die endgültige Aufnahme in die Bauhaus-Töpferei versagt blieb. Im Zorn verließ sie das Bauhaus und gründete, nachdem sie 1922 den Ökonomen Gustav Loebenstein geheiratet hatte, zusammen mit ihrem Ehemann und dessen Bruder die Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik im brandenburgischen Marwitz, benannt nach den Initialen ihrer Nachnamen (H und L). Das neue Unternehmen wurde zu einer der erfolgreichsten Produktionsstätten für moderne, manufakturell hergestellte Gebrauchskeramik in der Weimarer Republik. Und obwohl Margarete Heymanns Karriere am Bauhaus nur von kurzer Dauer war, zeugen manche ihrer strengen Entwürfe doch von Einflüssen, die als „bauhäuslerisch“ bezeichnet werden können. Dies gilt nicht nur für die geometrischen beziehungsweise stereometrischen Grundformen der Gefäße, sondern teilweise auch für ihr Dekor. Zwar lautete das Motto der Stuttgarter Werkbund-Ausstellung des Jahres 1924 „Die Form ohne Ornament“, doch war am frühen Bauhaus die Bemalung keramischer Objekte keine Seltenheit. So erinnert etwa das Dekor einer Schale mit gegenläufigen Segmentbögen aus der Zeit um 1923/24 von Margarete Heymann-Loebenstein

Margarete Heymann-Loebenstein, Teil eines Mokkaservice, 1923-27, © Estate of Margarete Marks. All rights reserved VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Margarete Heymann-Loebenstein, Schale, 1923-24, © Estate of Margarete Marks. All rights reserved VG Bild-Kunst, Bonn 2019

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Marianne Heymann, Handpuppen „Eremit“, „Moorhexe“ und „Greis“, alle 1926

Auch ihre Cousine Marianne Ahlfeld-Heymann, geboren 1905 in Köln-Braunsfeld, gehörte zu jenen, die sich dem Nazi-Regime durch Flucht ins Ausland zu entziehen suchten. 1933 ging sie nach Paris, wo sie ihren späteren Mann Hermann Ahlfeld kennen lernte, 1940 wurde sie in Südfrankreich interniert, floh und überlebte den Krieg und die deutsche Besatzungszeit. Im Jahr 1949 übersiedelte sie nach Israel und starb dort im Jahr 2003.

Marianne Heymann, Entwurf einer Figurine für Jacques Offenbachs Operette „La Périchole“, 1931

Mit 18 Jahren, 1923, kam Marianne Heymann ans Bauhaus in Weimar, wo sie nach dem Vorkurs in die von Oskar Schlemmer geleitete Werkstatt für Holzbildhauerei wie auch in die Bühnenwerkstatt eintrat. Da der Betrieb der Holzbildhauerei 1925 im Rahmen des Umzugs der Schule von Weimar nach Dessau und einer zunehmenden Technik- und Industrieorientierung des Instituts eingestellt wurde, kehrte Marianne Heymann Mitte der 1920er-Jahre nach Köln zurück. Hier schuf sie für einen Kölner Puppenspieler geschnitzte, dem Expressionismus nahe stehende Handpuppen, fertigte Masken für Tanzaufführungen und arbeitete ab 1928 erfolgreich für das Kölner Opernhaus und das Mannheimer Nationaltheater in den Bereichen Bühnenbild und Kostümentwurf. Die von Romana Rebbelmund kuratierte Ausstellung im MAAK bietet faszinierende Einblicke in das fantasiereiche Schaffen einer Künstlerin, das zuweilen direkte Einflüsse des Bauhauses erkennen lässt – etwa in den ringförmigen Wulsten einer Figurine für Clemens von Franckensteins Oper „Li-Tai-Pe. Des Kaisers Dichter“ von 1932, die an Schlemmers „Triadisches Ballett“ erinnert –, sich insgesamt aber durch eine bemerkenswerte Eigenständigkeit auszeichnet. 32

Marianne Heymann, Entwurf einer Figurine für Clemens von Franckensteins Oper „Li-Tai-Pe. Des Kaisers Dichter“, 1932


Ludwig Mies van der Rohe, Haus Lange, Krefeld, 1927-30 (Gartenseite, rechts Haus Esters)

Modell Haus Esters und Haus Lange, 1927-30

Krefeld Hätte im Jahr 1924 der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer nicht nur Interesse am politisch in Thüringen angefeindeten Bauhaus gezeigt, sondern es tatsächlich in die Domstadt geholt, könnte sich Köln mit Fug und Recht „Bauhausstadt“ nennen. Nicht ohne gehöriges Selbstbewusstsein nimmt heute Krefeld diesen Titel für sich in Anspruch. Dazu Krefelds Oberbürgermeister Frank Meyer: „Krefeld ist die Bauhausstadt in Nordrhein-Westfalen. Keine andere Stadt in unserer Region ist historisch so eng mit dem Bauhaus verknüpft.“ Damit spielt er in erster Linie auf die von Ludwig Mies van der Rohe in Krefeld errichteten beziehungsweise für Krefeld geplanten Bauten an, ferner auf die Lehrtätigkeit von Johannes Itten, Georg Muche und etlichen ehemaligen Bauhaus-Schülern an der Höheren Fachschule für textile Flächenkunst beziehungsweise deren Nachfolgeinstituten sowie auf die Aktivitäten etwa 20 anderer Absolventen des Bauhauses, die über Jahre und Jahrzehnte in Krefeld gewirkt und gelebt haben. Als Highlights der Bauhaus-Moderne in Krefeld gelten seit eh und je die schon lange museal genutzten Fabrikantenvillen Haus Lange und Haus Esters von Mies van der Rohe in der Wilhelmshofallee. Sie entstanden in den Jahren 1927

bis 1930, also noch bevor Mies als Nachfolger von Hannes Meyer dritter Direktor des Bauhauses wurde, als Wohnhäuser für die Familien der beiden Gründungsdirektoren der Krefelder „Vereinigte Seidenwebereien AG“ (Verseidag). Im Unterschied zur sprichwörtlichen „weißen Moderne“ präsentieren sich die kubisch gestaffelten, dezidiert die Horizontale betonenden Baukörper in regionaltypischem rötlichen Klinker. Während die Straßenfronten kompakt und geschlossen erscheinen, öffnen sich die Bauten gartenseitig durch für damalige Verhältnisse ungewöhnlich große Fensterflächen und tendieren somit zur Aufhebung der Grenze zwischen Innen- und Außenraum. Die im Erdgeschoss großzügig dimensionierten Innenräume sollten ursprünglich einer von Mies favorisierten offenen, dem Prinzip des fließenden Raumes entsprechenden Grundrissgestaltung folgen, auf Wunsch der Bauherren kam jedoch eine konventionellere Raumaufteilung zur Ausführung. Zu einer Zeit, als der Leiter der Architekturabteilung am Bauhaus und zweite Bauhaus-Direktor Hannes Meyer angesichts der Verelendung breiter Schichten die Losung „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ ausgab, bediente Mies mit diesen eleganten, ästhetisch raffinierten Bauwerken die Ansprüche zweier Auftraggeber, die sich zu den „happy few“ rechnen durften. 33


Modell Hauptverwaltung der Vereinigten Seidenwebereien AG, 1937-38

Ludwig Mies van der Rohe, Fabrikgebäude der Vereinigten Seidenwebereien AG (HE-Gebäude), Krefeld 1931

Dass Mies van der Rohe in Krefeld neben den beiden Fabrikantenvillen einen dritten Bau hinterlassen hat, nämlich das Fabrikgebäude der Vereinigten Seidenwebereien AG – übrigens der einzige Industriebau, den der Architekt je entworfen hat –, war im öffentlichen Bewusstsein lange kaum präsent. Kernstück ist das 1931 in Stahlskelettbauweise errichtete Lagerhaus für Herrenfutterstoffe, das sogenannte HE-Gebäude, das mit seinen großen Glasflächen das gesamte Fabrikensemble dominiert. Heute firmiert die Anlage unter der Adresse „Mies van der Rohe Business Park“. Sehenswert ist dort die aktuelle, von Studenten der TH Köln und der TH Mittelhessen (Gießen) in Kooperation mit dem Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW erarbeitete Ausstellung „Mies van der Rohe im Westen“. Text- und Bildtafeln sowie dreidimensionale Modelle informieren über die geplanten, gebauten und zerstörten Projekte des Architekten in Aachen, Krefeld und Essen. Hervorgehoben seien das Modell des nicht realisierten, repräsentativen Gebäudes der Hauptverwaltung der Vereinigten Seidenwebereien (1937/38) und vor allem der Entwurf für den Krefelder Golfclub (1930), ein eingeschossiger Flachdachbau auf einem asymmetrischen kreuzförmigen Grundriss, der alle Merkmale der für Mies typischen „Haut- und Knochenarchitektur“ zeigt. 2013 wurde dieses spektakuläre Projekt als temporäre Installation nachgebaut. Initiatorin war Christiane Lange, die Urenkelin des Bauherrn des Krefelder Haus Lange. Sie ist 34

auch die treibende Kraft des „Projekt MIK“ (Mies in Krefeld) beziehungsweise der Initiative „map 2019 – Bauhaus – Netzwerk – Krefeld“. Dazu gehört ein breit angelegtes Forschungsunternehmen, das sich die Aufarbeitung der Geschichte der Verbindungen zwischen dem Bauhaus und der Krefelder Seidenindustrie zum Ziel gesetzt hat. Seinen Niederschlag fand dieses Projekt unter anderem in einer opulenten, mehr als 400 Seiten starken Publikation, die kürzlich bei Prestel erschienen ist. Das fundierte, von Christiane Lange und Anke Blümm herausgegebene Buch mit dem Titel „Bauhaus und Textilindustrie. Architektur – Design – Lehre“ beleuchtet das Thema aus fachwissenschaftlich unterschiedlichsten Perspektiven. Dreh- und Angelpunkt ist die Auseinandersetzung mit der Frage, wie das Bauhaus in der Krefelder Seidenindustrie auch über das Jahr 1933 hinaus als Innovationsmotor und Impulsgeber erfolgreich sein konnte. Ohne an dieser Stelle in die Tiefe gehen zu können, sei nur daran erinnert, dass die neben Walter Gropius zentrale Gestalt des frühen Bauhauses, der Schweizer Künstler und Kunstpädagoge Johannes Itten, von 1932 bis 1938 in Krefeld die Leitung der Höheren Fachschule für textile Flächenkunst innehatte. Berufen wurde er wegen seiner gestalterischen Kompetenzen wie auch seiner innovativen Kunstpädagogik, doch wurde sein Wirken in der Seidenstadt nicht nur durch Widerstände aus nationalsozialistischen Kreisen beeinträchtigt, sondern letztlich fehlte ihm auch der Rückhalt durch die Industrie, die ihre ökonomischen Verwertungsinteressen im Kampf


Thomas Schütte, Krefeld Pavillon, 2019

um Absatzmärkte – hier spielte das Textildesign eine maßgebliche Rolle – kaum als erfüllt ansah. 1938 wurde Itten gekündigt. Damit waren in der Krefelder Ausbildung von Textilgestalterinnen und Textilgestaltern Bauhaus-Imprägnierungen jedoch keineswegs beendet. Georg Muche, Bauhaus-Lehrer von 1920 bis 1927 und langjähriger „Formmeister“ der Weberei am Bauhaus, übernahm 1939 an der Fachschule für Textilindustrie (später Textilingenieurschule) eine „Meisterklasse für Textilkunst“ und blieb bis in die späten 1950er-Jahre lehrend in Krefeld. Erwähnt seien als Lehrkräfte auch Elisabeth und Gerhard Kadow, ferner Max Peiffer-Watenphul und Immeke Mitscherlich, die alle am Bauhaus studiert hatten und mit je unterschiedlichen Akzentuierungen „Bauhäuslerisches“ in die Stadt am Niederrhein importierten.

„... soviel Bauhaus auf einem Fleck und alles brauchbare Leute“, schrieb Oskar Schlemmer am 8. Dezember 1940 seiner Frau Tut, nachdem er von Wuppertal aus Georg Muche in Krefeld besucht und dort mehrere seiner früheren Schüler am Bauhaus getroffen hatte. Schlemmer, von den Nationalsozialisten als „entartet“ abgestempelt, war zur damaligen Zeit zusammen mit Muche und Baumeister im Wuppertaler „Lacktechnikum“ von Dr. Kurt Herberts tätig, um die künstlerischen Möglichkeiten moderner Lacke auszuloten. Diesem Aspekt hat im Rahmen des Verbundprojektes „100 Jahre Bauhaus im Westen“ das Erholungshaus der Bayer AG in Leverkusen eine schöne, leider aber vorwiegend mit Faksimiles bestückte Ausstellung gewidmet, die am 30. Juni zu Ende gegangen ist. Wer sie verpasst hat, wird eine zweite Chance erhalten.

In dem vom Düsseldorfer Künstler Thomas Schütte entworfenen sogenannten Krefeld Pavillon im Kaiserpark unweit von Haus Lange und Haus Esters, einem aus Holz errichteten Oktogon mit geschwungenen Dächern, das sich als begehbares Kunstwerk versteht und in seiner architektonischen Gestalt in nichts an das Bauhaus erinnert, ja sich dazu geradezu antagonistisch verhält, werden in sieben Sektionen informative Dokumentarfilme gezeigt, die das Thema „Bauhaus und Seidenindustrie“ auch für diejenigen Besucher anschaulich werden lassen, die sich der anspruchsvollen Lektüre der empfehlenswerten Publikation nicht unbedingt unterziehen möchten.

Denn vom 3. November 2019 bis zum 23. Februar 2020 zeigt das Von der Heydt-Museum Wuppertal eine Ausstellung, die das Wirken Oskar Schlemmers im Kontext des sogenannten Wuppertaler Arbeitskreises beleuchten wird und die schon jetzt als Highlight der Wintersaison 2019/20 annonciert wurde. „die Beste Zeit“ wird berichten.

Rainer K. Wick Fotos: Rainer K. Wick, wenn nicht anders ausgezeichnet

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Preisgekrönte Mode: Andrea Halstenbach präsentiert ihre Kollektion

Viel mehr als eine Feierstunde Springmann-Preis 2019

Neben einer Feierstunde war die Verleihung des diesjährigen Springmann-Preises noch so viel mehr. Als Rahmenprogramm gab es im MahlerSaal der Stadthalle ein Konzert mit zwei jungen, aufstrebenden Talenten sowie einem bestens aufgelegten Chor. Dazu das Porträt einer immens fleißigen Künstlerin in Bild und Ton. Und als Premiere eine Modenschau mit Models, die Kreationen „made in Wuppertal“ präsentierten. Zwischen dem diesjährigen Festakt und der Einrichtung des Springmann-Preises liegen gut zwei Jahrzehnte. 1995 gründete das Ehepaar Enno und Christa Springmann eine Stiftung, um gezielt Künstlerinnen und Künstler auszuzeichnen, die in Wuppertal ihren Wirkungsschwerpunkt 36

haben. Seit 1998 geht der Springmann-Preis jährlich an bis zu drei Kulturschaffende bzw. -institutionen. Unter den Preisträgern finden sich so illustre Namen wie Autor Karl Otto Mühl und Künstlerin Ulle Hees, die Schauspieler Ingeborg Wolff und Thomas Braus, die Tänzer Jo Ann Endicott und Dominique Mercy sowie das Theater in Cronenberg (TiC). Nur einmal wurde der Preis ausgesetzt – im Jahr 2017, nachdem Enno und Christa Springmann tot aufgefunden worden waren. Die Preisverleihung 2018 markiert für die Stiftung einen Neuanfang. Seitdem teilen sich vier Wuppertaler Künstlerinnen und Künstler das Preisgeld von 20 000 Euro.


Überglücklich: Ulrike Möltgen

Seit zehn Jahren aktiv: Der TonTaler-Chor

Die Verleihung des 20. Springmann-Preises sorgte für einen bis auf den letzten Platz besetzten Saal. Die Preisträger waren diesmal die Buchillustratorin Ulrike Möltgen, das Vokalensemble „TonTaler“, die Modedesignerin Andrea Halstenbach und das Gitarren-Duo Sören Alexander Golz und Ivan Danilov. Im Namen der Stadt gratulierte ihnen Kulturdezernent Matthias Nocke. Die Enno und Christa Springmann Stiftung sei „wie ein Trüffelschwein“ – für Nocke lag der Vergleich auf der Hand. Auf der Suche nach relevanter Kunst und Kultur träfen die Stiftungsmitglieder verlässlich die richtige Wahl. „Diese Preisverleihung stellt einen echten Meilenstein dar“, erklärte Nocke – so beeindruckend seien die Leistungen der Geehrten. Schwer sei die Entscheidungsfindung auf jeden Fall, führte der Stiftungsvorsitzende Eckhard Arens aus. Denn in der Wupperstadt gebe es so viel mehr preiswürdige Kunstschaffende, als Auszeichnungen vergeben werden könnten. Als Erstes wurde Ulrike Möltgen mit dem SpringmannPreis 2019 ausgezeichnet. Während ihres Studiums ist sie bei Wolf Erlbruch in die Lehre gegangen und hat mittlerweile an die 60 Texte mit ihren Collagen und Zeichnungen bebildert. In ihrer Laudatio warf Literaturkritikerin und Autorin Ute Wegmann einen Blick auf die Arbeitsweise Möltgens, die ihr Material immer in Reichweite habe. Danach zeigte die überglückliche Preisträgerin ihre Arbeitsweise mit einem auf die Wand projizierten Film, ihren Umgang mit so unterschiedlichen Materialien wie Papier, Pappe, Stoffen und – wenn es den passenden Effekt macht – mit echten Haarzöpfen. Ihre Dankesrede war vor allem eine Hommage an Wuppertal. Das Leben und Arbeiten in ihrer Heimatstadt beruhige sie, die „warme und tolerante“ Atmosphäre wecke ihre Kreativität. Vor zehn Jahren haben sich Sängerinnen und Sänger zum TonTaler-Chor zusammengefunden und seitdem ein vielseitiges Repertoire erarbeitet. Einen guten Eindruck da-

Perfekte Teamarbeit: Gitarrenduo Golz - Danilov

von bekam das Publikum, das vom 20-köpfigen Ensemble nach Klassikern wie der „Wilhelm Tell“-Ouvertüre „Mein kleiner grüner Kaktus“ (Comedian Harmonists) und „Bohemian Rhapsody“ (Queen) zu hören bekam. Das Vokalensemble sei ein „Aushängeschild für Wuppertal und die ganze Region“, lobte Andreas Imgrund, Vorsitzender des Chorverbands Solingen-Wuppertal. Da Chorleiterin Simone Bönschen-Müller 2007 den Springmann-Preis erhalten habe, schließe sich jetzt der Kreis. Von Wuppertal zur Fashion Week in New York – dieser Sprung ist Andrea Halstenbach gelungen. Die Tradition der heimischen Textilindustrie führt sie fort, indem sie in Unterbarmen Strickwaren für die ganze Welt produziert. Nachhaltigkeit ist bei ihren Produkten Trumpf. In ihnen sind qualitativ hochwertige Materialien wie Merino- und Kaschmirwolle verarbeitet, und hergestellt werden sie ohne Kinderarbeit und zu angemessenen Löhnen. Wie schick die Halstenbach-Mode ist, führten acht Models vor, die den Mahler-Saal in einen Catwalk verwandelten. Als Laudatorin trat die Kostümbildnerin Anne Jendritzko ans Rednerpult, die die Beharrlichkeit der Modedesignerin herausstellte. Das Mitte der 90er-Jahre gesteckte Ziel, „einmal in die Vogue“ zu kommen, habe sie längst erreicht. Dass Sören Alexander Golz und Ivan Danilov bis heute zusammen Musik machen, verdanken sie ihrem Professor an der Musikhochschule. Der brachte die jungen Gitarristen 2013 für einen Wettbewerb zusammen, den sie dann tatsächlich auch gewannen. Weitere Preise folgten. LutzWerner Hesse stellte die beiden als sensible Musiker vor, die sich trotz aller Verschiedenheit prächtig ergänzten. Von ihren Saitenkünsten konnte sich das Publikum zu Beginn und am Ende der Preisverleihung überzeugen, als Golz und Danilov mit lächelndem Einverständnis Virtuoses von Albeniz bis Piazzolla spielten. Daniel Diekhans Fotos: Willi Barczat 37


Foto: Jens Grossmann

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Federn, Papiere, Tapeten, Seide, Tüll, Leinen, Gräser, Blumen, Haare – alles kann sie gebrauchen. Zur Verleihung des Springmann-Preises an die Illustratorin Ulrike Möltgen am 11. Mai 2019 hielt Ute Wegmann die Laudatio.

Alles breitet sie um sich herum aus, sortiert nach Farbfeldern. Ergänzt durch Buntstifte und Farbtöpfe und Pinsel. „Das Material in Reichweite haben“, sagt sie, das ist wichtig, sich von den Möglichkeiten inspirieren lassen. Und dann beginnt der Arbeitsprozess: Storyboard zeichnen, Schnipsel betrachten, sich von Formen führen lassen. Für die einen ein Tanz, für die anderen ein Kampf. Für Ulrike Möltgen ist es, wie gegen sich selber Schach spielen. „Ein freundliches Schachspiel“, sagt sie, bei dem man den Gegner „unter Umständen auch mal gewinnen“ lässt. Die Idee und das Material stehen sich gegenüber und dann wird es spannend: Was wird der Zufall daraus gestalten? Ein komplexer Vorgang auf der Basis eines Textes. Und Schicht um Schicht entwickelt sich das Bild, entsteht die Illustration. 50 Bücher hat Ulrike Möltgen bebildert, Texte von Rudyard Kipling bis Gottfried Keller, von Jutta Richter bis Kilian Leypold. Und viele davon in der Tradition der Collage, dem papier collé, erstmals von kubistischen Künstlern unter Verwendung von Alltagsmaterialien wie Stoff, Tapete oder Glas gefertigt, die Dadaisten und Surrealisten collagierten mit Zeitungsdrucken und Fotografien. Pablo Picasso, Kurt Schwitters, Hannah Höch, Max Ernst. Große Namen. 39


Theodor Storm, „ Der kleine Häwelmann“, Insel Bücherei 2017

Im Kinderbuch schuf vor 50 Jahren Eric Carle mit der Technik der Collage „Die kleine Raupe Nimmersatt“, inspiriert durch Leo Lionnis „Das kleine Blau und das kleine Gelb“. Bilderbuchklassiker. Ein Mann, der erneut auf seine ganz eigene Weise die Collage ins Bilderbuch brachte, Wolf Erlbruch, wurde Ulrike Möltgens Lehrer. Gioconda Belli, Bart Moeyaert, Johann Wolfgang von Goethe hat der in Wuppertal lebende Erlbruch für junge Leser ins Bild gesetzt; seine Vorstellungen von Kunst im Bilderbuch vermittelte er an der Hochschule. Ulrike Möltgen hat bei ihm studiert, bei einem, der nicht schnell zufrieden ist und der lehrte, nicht schnell zufrieden zu sein. 40

„Ich habe ihn immer noch auf der Schulter sitzen. Mit seinen Sätzen“, sagte sie vor zwei Jahren in einem Interview im Büchermarkt im Deutschlandfunk. Aber sie hat sich weiterentwickelt und emanzipiert, was sie besonders durch die in den letzten beiden Jahren erschienenen Bücher unter Beweis stellte. Mit großartigen Bildern zu Klassikern wie „Der kleine Häwelmann“ und „Die Geschichte der Weisen“. Diese beiden will ich herausgreifen. In den Bildern zum Häwelmann gelingt es ihr auf einzigartige Weise, nah an dem Text aus dem Jahr 1849 zu bleiben und dennoch die Geschichte ins Hier und Jetzt zu öffnen.


Theodor Storm, „ Der kleine Häwelmann“, Insel Bücherei 2017

„Junge, sagte der gute alte Mond, hast du noch nicht genug?“

Die Aufsässigkeit und Energie des blonden Jungen mit dem großen Mund, die zarte, erschöpfte Mutter, ein besorgter Mond, eine sehr schwarze Katze und viele purzelnde Sterne. Die Bilder sind detailreich fein gearbeitete Collagen aus Papier und Spitze, kombiniert mit Zeichnungen und Malerei. Ein türkisfarbenes, transparentes Tülltuch (das „Segel“ des Rollenbettchens) hält alles zusammen: Es fällt aus dem Rahmen, verbindet zugleich alle Bildwerke und schafft durch seine Farbe eine besondere Wärme. Daneben ste-

hen Bilddoppelseiten in tiefstem Dunkelblau-Schwarz, die Stadt bei Nacht. Die Illustrationen sind hinreißend: viel Tuch, viel Wasser, viel Wind, viel Übermut, viel Liebe. Und 2018 „Die Geschichte der Weisen“, eine der schönsten Liebesgeschichten der Welt, erschienen 1905 im New York Sunday World Magazin, geschrieben von O. Henry, verfilmt 1952 unter dem Titel „Fünf Perlen“. Ein junges, sehr verliebtes Paar in New York, in ärmsten Verhältnissen. Das Einzige, was sie besitzt, ist ihr wundervolles langes Haar. Das Einzige, was er besitzt, seine goldene Taschenuhr an einem schäbigen Band. Es ist Weihnachten. Beide möchten 41


In diesem Jahr erscheint Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“. Mit Möltgen-Bildern. Überflüssig zu erwähnen, dass man dort echte Wollfäden und jede Menge verschiedene Stoffe entdecken kann. Der Fußboden übersät mit Farbfamilien und sie sitzt dazwischen, meist im langen schwarzen Rock, Teil der Farbwelt, Teil der vielfältigen Schnipsel, Fäden, Stoffe. „Sieht gemütlich aus, fühlt sich aber oft an wie die anstrengende Arbeit eines Fliesenlegers“, sagt sie. Sie kann mehr als Collage. Tusche, Stifte, Acrylfarben – mit allem zaubert sie Alltagsszenen, Waldszenarien, Himmelsbilder vor unsere Augen.

O. Henry, „Das Geschenk der Weisen“, Insel Bücherei 2018

dem anderen etwas wirklich Schönes schenken. Und dann geschieht das Berührendste, was ich als Pubertierende in den frühen 1970er-Jahren im Fernsehen gesehen habe. Ich werde hier nichts verraten, außer dass es wirklich große Liebe gewesen sein muss zwischen den beiden. Sie sollten es lesen. In der Geschichte geht es zentral um Haare, also kommen natürlich in Ulrike Möltgens Bildern Haare vor. Echte Haare. Sie hat den Weihnachtsnachmittag und -abend im winterlichen New York des gerade begonnenen 20. Jahrhunderts und die Lebenssituation des jungen Paares in entsprechend dunkel gehaltenen Szenen dargestellt, zuweilen aber mit weißen Schneeflocken, Lichtreflexen und Goldelementen versetzt. Lichtpunkte – Hoffnungsschimmer. Der Blick auf die Hochhauskulisse, die Kleidung, die Gestik – mit all dem gelingt Ulrike Möltgen erneut ein Brückenschlag vom Damals zum Heute.

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Um kreativ zu sein, braucht man Ruhe und Bewegung gleichermaßen. Man braucht Abwechslung und Vertrautes. Alles das findet Ulrike Möltgen in ihrer Heimatstadt. In Wuppertal. Wie schön, dass man ihr einen der wichtigsten Wuppertaler Preise verleiht, den Springmann-Preis. Eine Anerkennung, die beflügelt und Räume öffnen wird für neue Bildwelten. Wenn ich Ulrikes Collagen betrachte,

dann sind das immer Möltgen-Collagen. Wenn ich Ulrikes Tusche-Zeichnungen junger Mädchen sehe, sind das immer Möltgen-Mädchen. Und nicht weniger! Einen herzlichen Glückwunsch, liebe Ulrike, zu diesem großartigen Preis. Ute Wegmann

Gottfried Keller, „Kleider machen Leute“, Insel Bücherei 2019

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Kinder und Jugendliche

Märchenzauber mit Musik Hörtipp: Die CDs der Edition See-Igel

Sich Zeit nehmen. Verlangsamen. Dem Ansturm von immer mehr Reizen in immer kürzerer Zeit etwas entgegensetzen: Raum geben, um Eindrücke zu verarbeiten, um Gefühlen nachzuspüren, um eigene innere Bilder entstehen zu lassen. Gehört das nicht vielleicht zum Wichtigsten, das man Kindern heute mitgeben kann? Genau das tun die wunderbaren Märchen-CDs der „Edition See-Igel“. „Klassische Musik und Sprache erzählen“ heißen sie im Untertitel, und das ist wörtlich zu nehmen. Die Herausgeber des Labels Ute Kleeberg und Uwe Stoffel kombinieren die Geschichten stets mit klassischer Kammermusik, die fein auf die jeweiligen Inhalte abgestimmt ist. Beethoven, Bach, Mozart, Debussy oder auch Erstaufnahmen von wenig bekannten Komponisten werden eigens für die jeweilige Produktion eingespielt. Da wird auch schon einmal eine bedrohliche oder gruselige Stimmung in der Musik aufgegriffen, aber genauso wie im Märchen auch wieder in ruhiger, fröhlicher oder festlicher Stimmung aufgelöst. Bei einem heiteren Menuett, beim Klang des Cembalos fühlt man sich sogleich aufs Schlossfest versetzt oder bei den schaurigen Tönen der Glasharfe in den finsteren Wald, wo der Kohlenpeter dem Glasmännlein sein Herz verkauft. Die Oboe quakt wie die Enten auf dem Teich, und die Flöte lässt den Wind übers Feld wehen. Renommierte Sprecherinnen und Sprecher wie Eva Matthes, Ulrich Noethen, Christian Brückner, Suzanne von Borsody, Matthias Brandt und viele andere verleihen den Protagonistinnen und Protagonisten der Geschichten Persönlichkeit – ob König, Hexe, Prinzessin, Frosch oder Kater. Neben Märchen aus dem Grimm’schen, Hauff’schen und H.C. Andersens „Best-of“ wie dem Froschkönig, Rapunzel, Zwerg Nase oder Des Kaisers neue Kleider kann man heute weniger bekannte Märchen wie etwa Der Schweinehirt, Jorinde und Joringel oder Allerleirauh wiederentdecken und dazu noch viele weitere schöne Geschichten, die voller Weisheit stecken wie z.B. Wunder mit Huhn oder Gackitas Ei – insgesamt 40 Titel. Bei denen man übrigens auch als Erwachsener gerne zuhört. www.see-igel.de Anne-Kathrin Reif 44 Foto: Willi Barczat


Mit dem Auto durch Raum und Zeit

Mit ihrem Filmprojekt laden Jugendliche dazu ein, sich anders durch die Stadt zu bewegen. Junge Aktivistinnen und Aktivisten bewegen Welt und Wahlen: Fridays for future und die 16-jährige Schülerin und Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg wurden jüngst von Anmesty International zu „Botschaftern des Gewissens 2019“ ernannt. Die Welt zu verändern, zu verbessern und zu gestalten, das treibt sie an. Den Erwachsenen halten sie nicht nur vor (Augen), wo Haltung und Maßnahmen fehlen, sondern werden selbst kreativ. Die Luft in den Städten wird immer schlechter. Staus, zu viele Autos, damit verbundene Gefahren im Alltag werden ganz besonders in engen Stadtvierteln spürbar, wie auf dem Wuppertaler Ölberg. „Mobiler Ölberg“ heißt eine Gruppe engagierter Menschen, die sich im Viertel für eine Verkehrswende einsetzt. Vor Ort verärgern die Elterntaxis der St. Anna-Schule die Anwohnerinnen und Anwohner. Vor den Toren der Schule brennt es, etwas muss sich ändern. Über das Filmprojekt „Autofasten“ haben sich Jugendliche selbst kreativ zu Wort gemeldet, allesamt OberstufenSchülerinnen und -Schüler des St.-Anna-Gymnasiums. Entstanden ist eine vierteilige Filmreihe: MIT DEM AUTO DURCH RAUM UND ZEIT. „Für das Leben mehr Raum!“, heißt es in zwei der kurzen Clips „Fußball“ und „Blume“. Eine Gruppe von Fünfklässlerinnen spielt Fußball. Ein Auto nach dem anderen nimmt ihnen Platz zum Kicken. Der Ball bleibt unter den Autos stecken, ein Fahrer bekommt den Ball an den Kopf. Nein, dass wollen sie sich nicht gefallen lassen! Oder: Ein Mädchen wird aufgefordert, auf der Straße zu spielen. Begleitet vom Autoverkehr-Geräuschpegel kümmert es sich um eine kleine Blume. Es gießt sie, liest ihr vor. Die Blume wächst, bis ein Auto sie beim Parken fast platt fährt. Andere Kinder helfen, und gemeinsam schieben sie das Auto weg. Nun kann die schöne Blume im Sonnenschein mit ausreichend Platz weitergedeihen.

In „Alternativen“ haben die drei Protagonisten in WildWest-Manier einige Abenteuer zu bestehen, um pünktlich durch den Verkehr zur Schule zu kommen. „Schnell zu langsam“ zeigt, wie der vermeintlich schnelle Weg via Elterntaxi allen auf die Nerven geht, nur Zeit raubt und alles andere als klimafreundlich ist. Der Rahmen für das Filmprojekt wurde erst mithilfe von vielen Beteiligten möglich: Für den „Mobilen Ölberg“ sprach Tobias Maria Freitag mit der St.-Anna-Schule, die das Projekt mit Lehrkräften und Räumen unterstützte und jetzt mit den Filmen Klimastunden als Sachunterricht anbietet. Die Katholische Citykirche wurde Träger und die Stiftung Umwelt und Entwicklung, die Firma Knipex, die Kalkwerke Oetelshofen und die Barmenia förderten es. Gemeinsam mit der Filmemacherin Kim Münster leitete ich als Dramaturgin die Workshops, unterstützt von Emma Wentzel und Celina Könes. Die Zukunftskünstler waren die Jugendlichen. Interessant und anregend ist es, die Filme anzuschauen. Spannend bleibt, was sie zukünftig bewirken werden. Die Filme sind auf www.autofasten-wuppertal.de zu sehen. Uta Atzpodien

Die Jugendlichen bei den Dreharbeiten Fotos: Uta Atzpodien

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Kultur- und Ferientipps für Kinder und Jugendliche Kulturrucksack Kreative Ferien für Kinder und

Upcyclingkunst mit Yvette Endri-

Jugendliche im Alter von 10-14 Jahren. Anmeldungen über www.wuppertallive.de und in den VVK-Stellen. Genaue Informationen über www.kulturrucksack-wuppertal.de

jautzki und Jana Turek (SWANE-Café) Lichtmalerei Videoperformance mit Tobias Daemgen und Moritz Ellerich/RaumZeitPiraten (die börse) Powerposter! (IB JMD im Quartier) · Tanz: Move and Rythm mit Alexeider Abad Gonzales und Pavlina Cerna (HDJ Barmen) · Der Clown kann alles ... oder fast! mit Guiti Dorodi und Adrian Gralinski (Die Färberei)

1. Ferienwoche Mo.-Fr., 15.-19. Juli 2019, 10-15 Uhr Junior Uni, aus dem Kurs „Kneten statt Löten“, Foto Wilfried Kuhn

Junior Uni Wuppertal Forscherplattform Bergisches Land Am Brögel 31, 42283 Wuppertal Kursprogramm in den ganzen Sommerferien, auch mit eigener Sparte Kunst und Kultur Montag, 24. Juni 2019 Veröffentlichung Kursprogramm Montag, 01. Juli 2019 Anmeldungestart www.junioruni-wuppertal.de

Kulturelle Jugendbildung Informationen über das vielseitige Ferienprogramm und Anmeldungen über www.jugend-kult.de oder 0202 563-26 45 Kulturrucksack, Foto: Anne Kuhn

Street Art – Paste Up mit Adrian Gralinski und Ognjen Pavic (die börse) Der magische Spiegel mit Caroline Keufen und Wasiliki Noulesa (die börse) · Skulpturen aus Beton mit Andrea Raak (Atelier Andrea Raak) · Sing deinen Song mit Simon Binkenborn und Maik Ollhoff (Studio 36 FILM, Kinder- und Jugendtreff Arrenberg) · Tanz: Ich, Du, Wir mit Jelena Ivanovic und Anna Wehsarg (die börse) · Mit Köpfchen! mit Christiane Thomas und Alexandra Peter (Skulpturenpark Waldfrieden)

4 Elemente Hip-Hop Ein inklusives Projekt Breakdance (Förderzentrum Arrenberg) · Graffiti (Förderzentrum Arrenberg) · Rappen und Djing (Kinder- und Jugendtreff Arrenberg)

Freitag, 26. Juli 2019, um 15 Uhr Haus der Jugend Barmen

Abschlussveranstaltung

Fr., 19. Juli 2019, um 15 Uhr, die börse

Abschlussveranstaltung

2. Ferienwoche Mo.-Fr., 22.-26. Juli 2019, 10-15 Uhr

Strassenjuwelen mit Robert Roschwig und Celia-Maria Schmidt (Bildungshaus Hufschmiedstraße) Kulturrucksack, Foto: Ulrike Halene

Müllers Marionettentheater Neuenteich 80, 42107 Wuppertal 7., 13., 17., 21., 24. ,28. Juli 2019, 16 Uhr 18. Juli 2019, 10.30 Uhr Brummel das Musical. Kindermusical von Günther Weißenborn mit der Musik von Uwe Rössler. Bunt, blumig und voller Musik ist dieses erste 46


Musical, das Müllers MarionettenTheater für Kinder auf die Bühne bringt. Die kleine Hummel Brummel, die eigentlich auf den wohlklingenden Namen „Bombus Magnus Flavoscutellaris“ getauft wurde, erleidet eine Bruchlandung, als sie mit ihrem Herrn Papa das Fliegen erlernen soll. Sie verliert – o Schreck – ihre Familie. Glücklicherweise lernt sie unterwegs jedoch viel Krabbelgetier kennen, das ihr hilft, den Weg nach Hause zu finden: eine lustige Biene aus der Schweiz, ein knurriger Hirschhornkäfer, die Flugkünstlerin Libelle und ein leicht abgedrehter Hauhechelbläuling mit seinem besten Freund, dem Karpfen. Mit Annika Boos, Andrea Witt, Bernd Kuschmann, Gregor Henze u. a.. Geeignet für Theaterfreunde ab 3 Jahren. www.muellersmarionettentheater.de

Von der Heydt-Museum Turmhof 8, 42103 Wuppertal Sommerferienkurse im Museum Freitag, 12. Juli 2019, 16-18 Uhr Samstag, 13. Juli 2019, 13.30-17 Uhr Zweitägiger Workshop für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren

Von Wuppertal nach Amsterdam

Mit Peter Schenck begeben wir uns auf die Reise. Von Wuppertal nach Amsterdam? Oder wohin könnte es uns verschlagen? Wir zeichnen Karten ferner Länder mit Feder und Tusche, experimentieren mit einfachen Drucktechniken und gestalten Kunstwerke mit Aquarellfarben. 40 € inkl. Material Montag, 5. August, bis Freitag, 9. August 2019, jeweils 9-15 Uhr Fünftägiger Ferienkurs für Kinder ab 6 Jahren

Sommer, Sonne, Kunstferien

Mit Kreativität und Energie durch die Sommerferien! Wir basteln farbige Sonnenfänger, fangen den Sonnenschein bei Freiluftmalerei auf Papier ein und bringen das Atelier zum Strahlen. Treffpunkt am ersten Kurstag ist der Botanische Garten. Alle anderen Termine finden im Museum statt. 125 € inkl. Mittagessen und Material Montag, 26. August, bis Mittwoch, 28. August 2019, jeweils 10-13 Uhr Dreitägiger Workshop für Vorschulkinder

I-Dötzchen ab ins Museum Vor dem Schulstart wird es höchste Zeit für einen Museumsbesuch! Zankenden Männern aus Holz zuschauen, verzauberte Landschaften erkunden, einen roten Jungen vor einer Tafel kennenlernen und eine Leinwand entdecken, die fast wie eine Schultüte aussieht – das alles und noch viel mehr können kleine Schulanfänger im Museum erleben. 56 € inkl. Snack, Getränke, Material Anmeldung erforderlich! Buchen Sie online oder per E-Mail vdh.kunstvermittlung@stadt.wuppertal.de oder Tel 0202 563 66 30, Mo-Fr, 9-14 Uhr. Anmeldungen am Wochenende nur direkt an der Museumskasse, Tel. 0202 563 22 23

Wuppertaler Kinder- und Jugentheater, Herr der Diebe, Fotos: Karola Brüggemann

25., 26. und 29. September 2019, 18 Uhr Der Herr der Diebe von Cornelia Funke, Regie: Lars Emrich, ab 8 Jahren

Feste Freitag, 5. Juli 2019, 15 bis 18 Uhr Zoofest Eintritt frei für Kinder, mit u. a. einem Auftritt von Kultur-amVormittag-Klassen in der Konzertmuschel und Aktionsstand mit Einblicken in künstlerische Arbeiten Sonntag, 7. Juli 2019, ab 12 Uhr

Wuppertaler Kinder- und Jugendtheater Theater im Berufskolleg Bundesallee 222, 42103 Wuppertal 9. und 10. Juli 2019, 18 Uhr Hexenjagd von Arthur Miller (Premiere), eine Inszenierung mit dem Theaterclub „Lampenfieber“. Kursleitung und Regie: Lars Emrich, ab 14 Jahren

Umsonst und draußen

Kinder- und Familienfest auf der Hardt Musik, Sport, Theater, Tanz, Akrobatik, Abenteuer und Feiern: „Die Hardt bewegt“. Getränke und frisch Gegrilltes, Kaffee, Waffeln und Kuchen stehen für Hungrige und Durstige bereit. Auf der Bühne wechseln sich Musik, Tanz und Akrobatik ab. Um 17.15 Uhr gibt es zum Abschluss ein Kindertheaterstück ab 5 Jahren auf der Waldbühne Hardt. 47


Günter Baby Sommer, Foto: Karl-Heinz Krauskopf

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Archaisch und düster, lyrisch und zart

Heiner Bontrups Live-Hörspiel über Else Lasker-Schülers Jerusalemer Jahre „Meinwärts“ lautet das Motto des Wuppertaler Jubiläumsreigens zu Else LaskerSchülers 150. Geburtstag. In diesem Kontext stand

auch die Uraufführung des Textkonzerts Längst lebe ich vergessen im Gedicht am 5. Mai 2019 im Solinger Zentrum der verfolgten Künste. Auf tief berührende Art und Weise gelang es, das Publikum in den Bann und in das Leben der Dichterin in Wuppertal und Jerusalem hineinzuziehen.

Der größte Saal des Zentrums war bis auf den letzten Platz besetzt. Rund 150 Zuschauerinnen und Zuschauer erlebten zunehmend begeistert eine multimediale Performance aus Text, Musik und Videokunst, für die eigens die Bilder im Meistermann-Saal abgehängt worden waren. Das Jerusalemer Exil Else Lasker-Schülers während des Zweiten Weltkriegs steht im Mittelpunkt des Live-Hörspiels des Wuppertaler Autors Heiner Bontrup. Die Dichterin leidet unter der Katastrophe des Krieges, dem ungewollten Exil, ihren Altersbeschwerden und dem tiefen Schmerz über den Verlust von Freunden und Weggefährten. Ihre Tagebücher, Briefe und Gedichte legen beredtes Zeugnis davon ab. Das Textkonzert entführt sein Publikum zunächst in die heile Kindheitswelt in der Elberfelder Sadowastraße und zeichnet den Weg Else Lasker-Schülers von Elberfeld nach Jerusalem nach. Ihre Texte, gesprochen und gespielt von Bernd Kuschmann, Katharina Sommer und Philippine Pachl, kolorieren die wechselnden Zeiten und Elses vielschichtige Persönlichkeit. Die Bildwelten dieses Weges projiziert Gregor Eisenmann an die Wände des Museums. Katharina Sommer steht unter einem Lichtbaum, links neben ihr Bernd Kuschmann, rechts am Schlagwerk Günter Baby Sommer.

Ein Film wie das Vergehen der Lebenszeit Die Videoinstallation bindet Fotos von Familienmitgliedern der Dichterin ein sowie historische Aufnahmen ihrer Lebensstationen. Gefilmt hat Eisenmann aber auch im

Haus in der Elberfelder Sadowastraße, in dem Else LaskerSchüler ihre Kindheit und Jugend verbrachte: ein berückendes visuelles Spiel von hoher Authentizität, das zwischen den Zeiten oszilliert. Die Bildimprovisationen des Videokünstlers Gregor Eisenmann schaffen einen den Text und die Musik selbständig begleitenden Film; ihr Fluss ist wie das Vergehen der Lebenszeit der Dichterin. Bereits 1933 hatte die Kleist-Preisträgerin Deutschland verlassen und war in die Schweiz geflohen. Getragen von ihrem Idealismus hatte sie zuvor ein Theaterstück über die Versöhnung von Christen und Juden geschrieben. Ihr „Arthur Anronymus und seine Väter“ war eine Neukonzeption des berühmten Lessing’schen „Nathan der Weise“ und erlebte 1936 eine erfolgreiche Uraufführung im Züricher Schauspielhaus. Heimisch wird sie in der Schweiz trotz ihres künstlerischen Erfolges nicht. Sie träumt von Jerusalem, dem magischen Ort des Friedens und der Versöhnung. Drei Mal reist sie während ihres Schweizer Exils in die Heilige Stadt, auf der Suche nach einer Entsprechung ihrer poetischen Imagination mit einem realen Ort: einem Ort, an dem Literatur und Kunst unter den günstigen Bedingungen von Frieden und Wohlstand blühen. Während ihrer dritten Palästinareise bricht der Zweite Weltkrieg aus; die Schweiz verweigert ihr „vorsorglich und aus armenpolizeilichen Gründen“, wie es amtlich heißt, die Einreise.

Poetische Projektionen versus politische Wirklichkeit In Jerusalem prallen ihre poetischen Projektionen auf die politische Wirklichkeit. 1939 ist Palästina ein Land im Aufruhr, das zum Spielball geopolitischer Überlegungen der USA und Englands geworden ist. An Salman Schocken schreibt sie: „Ich hab mir das Sein in Jerusalem anders vorgestellt. Ich bin so tief enttäuscht. (…) Es ist keine Wärme hier (…). Im Herzensgrunde gewann ich keinen Menschen, der mir Trost sprechen würde, alle mir eigentlich fremd.“

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Bernd Kuschmann, Katharina Sommer, Foto: Willi Barczat

Philippine Pachl, Foto: Karl-Heinz Krauskopf

Die unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile und Rollen der Dichterin sprechen Bernd Kuschmann, der die große Zeit des Wuppertaler Schauspiels unter der Intendanz von Holk Freytag mitgeprägt hat, und Katharina Sommer. Gemeinsam setzen sie Seele und Geist von Elses Welt in Szene. Bernd Kuschmann modelliert präzise die unterschiedlichen Stimmungen der Dichterin, ihre Trauer und Einsamkeit, mit der sie an ihrer Existenz festhält und sich in die Revolte begibt gegen die Kontingenz des Lebens und die Schicksalsschläge, die ihr das Leben zugefügt hat. Bezaubernd gelingen ihm auch die heiteren, witzigen Momente in diesem düsteren Lebensabschnitt der Dichterin, zentral dafür, dass das Stück die Balance hält zwischen der Trauer über die vielen Abschiede einerseits und Elses kreativer Widerständigkeit, dichterischer Potenz und Altersmilde andererseits.

rechnet sie mit nationalsozialistischen Spukgestalten ab; Zeiten und Räume mischen sich zu einem magischen und dunklen Amalgam. Dieser Ästhetik folgt die Konzeption des Live-Hörspiels, das die Momentaufnahmen aus ihrem Jerusalemer Exil in einer Art literarischer Fuge mit den Bildern ihrer Kindheit und Jugend in Elberfeld verschränkt. Die literarische Collage wird kongenial von dem Klangkosmos des Dresdener Duos Günter Baby Sommer und Bildwelten Gregor Eisenmanns begleitet und zu einem Bühnenkunstwerk gestaltet.

Obwohl Else Lasker-Schüler in ihren Briefen häufig über ihre Einsamkeit und Geldnöte im Hebräerland klagt, ist sie sehr gut vernetzt und materiell abgesichert. Sie gründet ihren „Kraal“, einen literarischen Zirkel, der zum Zentrum der nach Palästina geflüchteten Dichter und Denker wird. Politisch hellsichtig präferieren sie und ihre Freunde eine Zweistaatenlösung. Für Else Lasker-Schüler waren die Araber „doch unsere Brüder im Herzen“, wie sie in einem ihrer Briefe schrieb. Ihre konkreten Ideen – wie einen Rummelplatz für Juden und Araber oder gemeinsame Kindergärten – changieren wie so häufig bei dieser höchst fantasiebegabten Dichterin zwischen naiv bis lebensklug. Im Hebräerland setzt ihre Dichtung zu neuen Höhenflügen an: Es entstehen der berühmte Gedichtzyklus „Mein blaues Klavier“ und ihr Stück „IchundIch“. In „IchundIch“ 50

Zartes und variantenreiches Spiel Günter Baby Sommer ist einer der bedeutendsten Vertreter des zeitgenössischen europäischen Jazz. Als Teil der jungen Wilden startete Sommer seine Jazzer-Karriere in der DDR; Konzertreisen führten ihn erst in das osteuropäische Ausland, später auch in den Westen, wo er Kontakt zu Musikern wie Alexander von Schlippenbach, Peter Brötzmann, Evan Parker, Peter Kowald oder Leo Smith fand. Günter Baby Sommer schafft mit seinem extrem variantenreichen und technisch raffinierten Spiel immer wieder neue und verblüffende Klangwelten. Körperlicher Einsatz verbindet sich mit großer Spielfreude, Tiefsinn und subtilem Humor. Eine besondere Affinität hat Günter Baby Sommer zur Literatur. So hat er häufig mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern zusammengearbeitet wie Nora Gomringer, Christa Wolf und Günter Grass, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Einfühlsam spürt er den Klangfarben und Rhythmen der jeweiligen Literaturen nach und transformiert sie in seine musikalische Sprache. Für das Textkonzert „Längst lebe ich vergessen im Gedicht“ komponierten Günter Baby Sommer und die Flötistin


Katharina und Günter Baby Sommer, Foto: Willi Barczat

Katharina Sommer eine so zarte wie variantenreiche Bühnenmusik. Mit den Spielpraktiken der zeitgenössischen ethnischen Musik und des Jazz vertraut, lassen die Musiker die verschiedenen Flöten in einen Dialog mit dem Schlagwerk treten. Es entstehen archaische, düstere oder lyrische Töne - Klangflächen von expressiver Breite, die das Kaleidoskop der Erfahrungen, Gefühle und Dichtungen der Else Lasker-Schüler in Töne übersetzen. Als Else Lasker-Schüler an den Tod ihrer Eltern denkt, spielen sie eine musikalische Elegie, die schöner und trostreicher kaum sein könnte: Über dem Ostinato auf der Hang, einem aus zwei stählernen Halbkugeln bestehenden Perkussionsinstrument, spannt Katharina Sommer auf der Querflöte einen weiten musikalischen Bogen, der geradewegs in den Himmel und die Freiheit führt. Wenn Günter Baby Sommer auf dem Schlagwerk das Geschehen, den entfesselten Wahnsinn der Nazis, das klaustrophobische Gefühl des Verfolgtseins in perkussive Patterns übersetzt, gefriert das Blut in den Adern. Das introvertiert sanfte, aber energetisch weit aus-

greifende Spiel der Sommers erreicht nicht nur die Ohren der Zuhörer, sondern auch ihre Herzen. Dies gelingt auch dem „Schmetterling“, einem frühen Prosatext von Else Lasker-Schüler, mit dem Philippine Pachl, Schauspielerin der Wuppertaler Bühnen, die Aufführung federleicht beschließt. Der bewegungslose Schmetterling wird von zwei Kindern gefunden. Ihr Glaube an seine Überlebensfähigkeit versetzt Berge: Der Schmetterling flattert von dannen, als sie sanft Luft unter seine Flügel pusten. Ein schönes Sinnbild für die Transformation und Sublimation des (endlichen) Lebens in die Entgrenzung der Dichtung. Auch dem Stück würde man eine Wiederkehr in Form weiterer Aufführungen wünschen. Am liebsten in dieser begeisternden Besetzung, die von Zuschauern mit Standing Ovations bedacht wurde. Ulla Backes 51


Else Lasker-Schüler

Großer Hype erst nach dem Tod Von Adorno bis Zwicker: Else Lasker-Schüler ist die meist vertonte Dichterin „Diese Gedichte. Ich möchte sie vertonen. Alle!“ Von Friedrich Hollaender stammt dieses Zitat über die Lyrik von Else Lasker-Schüler. Er wurde berühmt durch seine Schlager, mit denen Marlene Dietrich weltweite Popularität erreichte. Dass von ihm die Bühnenmusik zur Uraufführung von Else Lasker-Schülers Schauspiel „Die Wupper“ (1919 in Berlin) stammt, lässt sich nachlesen in einem ungewöhnlichen Buch, das soeben in Berlin erschienen ist. Darin ist auch dokumentiert, dass die Hollaender-Partitur „verschollen“ ist. Vermutlich von den Nazis vernichtet. Fakt ist, dass Hollaender mit „Versöhnung“ nur ein ELS-Lied für Gesang und Klavier schreiben konnte, während von einem anderen prominenten Exilanten, von Paul Hindemith, acht Vertonungen vorliegen. Aber auch Hans Werner Henze, Wolfgang M. Riehm, Udo Zimmermann oder der Japaner Toshio Hosokawa gehören zu den mehr als 400 Komponisten, die bis heute LaskerSchüler-Poeme vertont haben. Das ist in etwa die Größenordnung von Rilke-Gedichtvertonungen und reicht von A wie Adorno bis Z wie Zwicker. Damit dürfte Else LaskerSchüler die meist vertonte Lyrikerin deutscher Sprache sein. Autor von „Else Lasker-Schüler, ihre Lyrik und ihre Komponisten“ ist Karl Bellenberg. Es ist die Publikation seiner Dissertation. Nach der Pensionierung hat sich der Diplomingenieur der Elektrotechnik 2006 an der Universität 52

Karl Bellenberg

Köln eingeschrieben. 2011, nach seinem Bachelor, wurde er vorzeitig zum Promotionsstudiengang zugelassen. Nach acht Jahren des Forschens konnte Bellenberg seine Doktorarbeit im Fach Musikwissenschaften verteidigen und mit der Note 1,0 beenden. „Ich bin damit zu meiner alten Liebe zurückgekehrt“, sagt der 74-Jährige, der Klavier und Orgel spielt, schmunzelnd. Geboren wurde er 1944 bei Olpe in einem musikalischen Elternhaus. Er hospitierte 1967 beim WDR, wo er Mauricio Kagel, Bernd A. Zimmermann und Karlheinz Stockhausen im Studio für elektronische Musik kennenlernte. Bellenberg lebt in Heiligenhaus und gehört dem Vorstand der ELS-Gesellschaft an. Seine Liebe zu der Dichterin hatte er bereits als Schüler entdeckt. Normalerweise werden von Dissertationen 50 Pflichtexemplare gedruckt. Doch der Wuppertaler Kunstmäzen Eberhard Robke war von Bellenbergs Arbeit so angetan, dass er spontan den Druck von 50 weiteren Exemplaren ermöglichte. Die Wuppertaler Hartmut und Lore SchulerStiftung finanzierte den Versand der gewichtigen Ausgabe u.a. an Archive, Musikhochschulen, Universitäten und Bibliotheken. Ein anderer Wuppertaler, Prof. Joachim Dorfmüller von der Universität Münster, hatte 1995 erstmals 50 der damals bekannten ELS-Lyrikvertonungen auf-


gelistet. Allein mit Wuppertal als Wohnsitz oder Geburtsort verbunden sind inzwischen vier türkisch-stämmige ELSRapper sowie 15 Komponisten, darunter Konrad Hupfer, Ulrich Leyendecker, Thomas Beimel (†) Ulrich Klan, Peter Michael Braun (†), Wolfgang Schmidtke, Julian Hanebeck, Björn Krüger, die Rockgruppe Pilos Puntos, Sybil Westendorp (†) und George Dreyfus, der sich auf der Flucht vor den Nazis nach Australien retten konnte. P.M. Braun schrieb eine Kammeroper über Else LaskerSchüler. Die 211 Kompositionen von Sybil Westendorp sind die größte Liedersammlung von ELS-Texten, archiviert in der Internationalen Komponistinnen-Bibliothek Unna. Wolfgang Schmidtke vertonte zwölf Gedichte für die WDR Big Band, „weil diese Lyrik so unglaublich vielschichtig ist. Die Seelenwelt wird mit der Außenwelt konfrontiert.“ Ähnlich empfand das auch Charles Kalman, Sohn von Emmerich Kalman, der 26 ELS-Gedichte in Musik umsetzte. Vor allem deutsche Komponisten fühlten sich von ihrer subtil-expressiven Sprache, von den Metaphern und Bildern der Texte zu ausdrucksstarken Tönen angeregt. Mit ihren „Liedern“ schufen sie wirksame Präsentationsformen für Lasker-Schüler-Lyrik. Tonschöpfer aus allen Kontinenten und aller Musikstile haben sich von der Lasker-Schüler-Lyrik inspirieren lassen, wie etwa das Ensemble Egschiglen aus der Mongolei, der Chilene Juan Allende-Blin und Schweizer wie Marcel Haag, Linard Bardill, Rolf Bürli oder Alfons Karl Zwicker und David Philip Hefti. Dessen „Tenet“-Vertonung von vier Gedichten wurde 2006 an der Hochschule für Musik und Theater Zürich beim 13. Else Lasker-Schüler-Forum uraufgeführt. Sechs Jahre, von 1933 bis 1939, lebte die Künstlerin im Schweizer Exil. Was Autor Bellenberg zusammengetragen hat, ist die erste ausführliche Publikation über die Vertonungen von Else Lasker-Schüler-Gedichten: eine Recherche- und wissenschaftliche Arbeit als längst überfällige Ergänzung zur ELS-Gesamtausgabe und dem Werkverzeichnis ihrer Bilder. In dem Buch erfährt die Leserschaft, dass vor dem Zweiten Weltkrieg erst 23 Komponisten Lasker-SchülerPoeme vertont hatten. Der große Hype setzte deutlich nach 1945 ein, ihrem Todesjahr. Die meist vertonten Gedichte sind „Weltende“ (67), „Mein blaues Klavier“ (53) und „Gebet – Ich suche allerlanden eine Stadt“ (42). Prof. Norbert Oellers, Mitherausgeber der Kritischen Ausgabe »Else Lasker-Schüler. Werke und Briefe«, hat zur Bellenberg-

Veröffentlichung ein Geleitwort geschrieben: „Die vorliegende Arbeit wird sich in kurzer Zeit als Standardwerk der Forschung über Else Lasker-Schüler, der angesehensten deutschsprachigen Lyrikerin des 20. Jahrhunderts, erweisen. Die Arbeit ist ein dringend gewünschtes Supplement der elfbändigen Kritischen Ausgabe der Werke der Dichterin (erschienen 1996-2010). Sie wird vermutlich die wichtigste wissenschaftliche Arbeit über sie in diesem Jahr, 150 Jahre nach ihrer Geburt, sein; denn die vom Verfasser beschriebenen und erläuterten Kompositionen (es sind über 1 800 Werke von über 400 Komponisten!) lassen sich in vielen Fällen als Interpretationen der lyrischen Texte betrachten, die den Horizont des Verstehens ‚bloßer‘ Literaturforscher erweitern können und daher den Mitgliedern der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft und darüber hinaus allen, die der Dichterin nahe stehen, als Geschenk willkommen sein werden.“ Etwa die Hälfte der Publikation ist eine germanistische Arbeit über die Lyrik von Else Lasker-Schüler mit der ihr innewohnenden Musikalität, mit Sprachanalysen und Interpretationen. Der musikwissenschaftliche Teil enthält neben den Vertonungen 30 Komponistenporträts sowie Kompositionsanalysen. Auch deshalb dürfte das Buch zu einem Grundlagenwerk werden. Dr. Bellenberg hat dazu ein einzigartiges Archiv mit 900 Partituren und 70 CDs/ DVDs aufgebaut. Sein Wissen will er künftig nutzen, um mehr noch als bislang schon „Veranstalter von Konzerten und Sänger bei der Auswahl von Kompositionen zu beraten“. Hajo Jahn

Karl Bellenberg, Else Lasker-Schüler, ihre Lyrik und ihre Komponisten, Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2019, ca. 560 Seiten, 89,- €.

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„Triumph des Todes (Die Gerippe spielen zum Tanz)“, 1944, von Felix Nussbaum (1904-1944) (Mit freundlicher Genehmigung des Museumsquartiers Osnabrück). Der Maler wurde am 20. Juni 1944 in Belgien zusammen mit seiner Freundin denunziert, nach Auschwitz abtransportiert (Transport Nr. XXVI/284 u. 285) und dort umgebracht.Sein letztes Bild wurde am 18. April 1944 fertiggestellt. Es zeigt den Schutt der abendländischen Kultur, die Zerstörung der Welt, seiner Welt. Wenig später wurden Viktor Ullmann, Pavel Haas, Hans Krása (17. und 18. Oktober 1944) in Auschwitz umgebracht. Möglicherweise ist Nussbaum ihnen dort begegnet. Das Gemälde hängt im FelixNussbaum-Haus Osnabrück (Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung).

In Liebe und Verehrung Saitenspiele in der Historischen Stadthalle Wuppertal Die Konzertreihe „Saitenspiel“ widmet sich in Liebe und Verehrung den tschechoslowakischen Komponisten Gideon Klein, Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff, Hans Krása und Pavel Haas. Sie wurden in jungen Jahren vom damaligen NS-Regime verfolgt, in deutsche Konzentrationslager deportiert und dort ermordet. An die 150 Komponistinnen und Komponisten der Musikgeschichte haben es geschafft, noch nach 100, 200 oder mehr Jahren im Gedächtnis der Menschen und im Konzertrepertoire zu bleiben. Dabei handelt es sich sowohl um Komponisten, die von ihrem Publikum schon zu Lebzeiten geschätzt wurden, als auch um solche, die erst später akzeptiert wurden. Musik und Politik sind eng miteinander verwoben. Faschismus, Kommunismus und Nazismus pflegten für ihre laute Propaganda einerseits eigene Musik und missbrauchten vorhandene, um ihre Anhänger, ihre Massen emotional zu befriedigen. Andererseits verfolgten und unterdrückten sie Musiker und Komponis54

ten, die nicht ins Konzept passten, trieben sie ins Exil und brachten sie in Konzentrationslagern um. Dort musizierten und komponierten aber diese Komponisten so lange sie konnten weiter und weiter, ohne jede Chance, außerhalb des KZs gehört zu werden bzw. auf eine Resonanz im Rundfunk, im Konzertsaal, in den Feuilletons oder gar auf Aufnahmen. Welche Entwicklung hätte die Musik im 20. Jahrhundert genommen, hätten Komponisten wie Erwin Schulhoff , Gideon Klein, Viktor Ullmann, Pavel Haas und Hans Krása, deren Werke in unserer Konzertreihe gespielt werden, erfolgreich arbeiten können? Erwin Schulhoff starb 1942 im Internierungslager Wülzburg/Weißenburg an TBC. Seine Vertonung des Kommunistischen Manifestes passte den Nazis schon 1932 überhaupt nicht. Die anderen wurden 1944 nach Auschwitz transportiert und dort vergast. Alle wurden nach dem Krieg vergessen und ihre Musik verschwand. Was wird zu hören sein, wenn diese Komponisten sich mit ihrer Musik


als „Kanzlisten ihres eigenen Inneren“ (Walter Benjamin) ihrem Publikum heute offenbaren? In der Historischen Stadthalle wird jetzt die Gelegenheit geboten, ihrer Musik nachzuspüren. Ca. 70 Jahre nach der unbegreiflichen Katastrophe des Nationalsozialismus wird mit diesem Konzertprogramm der Versuch unternommen, kammermusikalische Werke der von ihrem Publikum abgeschnittenen Komponisten wieder in die Musikgeschichte zu integrieren. Wenn es darauf ankäme, sich von der Musik ergreifen, verzaubern zu lassen, besteht dazu bei diesen Konzerten in der Gegenüberstellung zu großen Werken der klassischen Kammermusikliteratur eine seltene und einzigartige Gelegenheit. Mit Begriffen wie „Entartete Musik“ wurde zu Zeiten des Nationalsozialismus die Kunst unter dem Gesichtspunkt der Rasse beurteilt. Insgesamt standen 107 nichtarische Komponisten schon 1935 auf der Liste des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda, darunter Kurt Weill, Ernst Bloch, Hanns Eisler, Friedrich Hollaender, Ralph Benatzky, Erik Satie. Ihre Werke waren „keinesfalls erlaubt“, weder im Theater noch im Rundfunk. 1937 wurde die „undeutsche“ darstellende Kunst der Zeit in der Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ in München gezeigt. Analog dazu erfolgte die Ausgrenzung „undeutscher“ Musik 1938 mit der Ausstellung „Entartete Musik“ in Düsseldorf. Im Vordergrund dieser Ausstellung stand die Auseinandersetzung mit dem Jazz, der als „Negermusik“ nicht zum deutschen Kulturgut passte. Aber auch die neue Musik Paul Hindemiths passte nicht. Er hatte lieber eine Einladung in die Türkei angenommen, um dort das Musikstudium zu organisieren. Überhaupt galt die Atonalität den Nazis als „gefährliche Zerstörerin des volks- und rassenmäßigen Instinkts“ und ihre Vertreter als „internationale, wurzellose Scharlatane des reinen, echten, klaren, deutschen Volkstums“, wie in der Düsseldorfer Ausstellung auf einer Texttafel zu lesen war. Mit dem Begriff „Musikbolschewismus“ wurde schon seit 1918 die zeitgenössische Musik diffamiert. Vor allem aber passte auch die „jüdische Operette“ den Nazis nicht. Sie galt als jüdisches Element in der germanischen Musikwelt, obwohl Leon Jessels „Schwarzwaldmädel“ auf ausdrücklichen Wunsch Julius Streichers vom Aufführungsverbot ausgenommen wurde. Die Ausstellung „Entartete Musik im NS-Staat“, kuratiert von Albrecht Dümling und Peter Girth, dokumentiert seit 1988 als kommentierte Rekonstruktion die Ausstellung von 1938 weltweit: US-Version 1991, Spanisch 2007, neue deutsche Version seit 2007 unter dem

Titel „Das „verdächtige Saxophon“. Zuletzt war sie 2018 im Haus Kemnade (Bochum), in der Villa Wahnfried im Richard Wagner Museum Bayreuth und in Zagreb zu sehen. Aber zurück zu den Komponisten der Saitenspiel-Konzertreihe 1919/20. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei im März 1939 wurden die dortigen Juden behandelt wie die deutschen, also gesellschaftlich ausgegrenzt und ihrer bürgerlichen Rechte beraubt. Die Nazis brachten sie alle nach Theresienstadt, jener kleinen Garnisonstadt südlich des Erzgebirges, in der vor der Einrichtung des Nazi-Lagers ca. 8000 Menschen lebten. In diesem Ghetto wurden bis Juli 1943 insgesamt ca. 140 000 Juden gefangen gehalten, nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung aus Böhmen und Mähren. Dazu gehörten auch die Komponisten Pavel Haas, Gideon Klein, Hans Krása und Viktor Ullmann. Sie waren nicht die einzigen Musiker im Lager. Wenige Tage Monate nach der Ankunft des jungen Gideon Klein wurden dort Konzerte mit bis zu 1 000 Zuhörern veranstaltet. Pavel Haas stammte aus Brünn, wo er bei Leos Janácek Musik studiert hatte. Er entwickelte unter der Lagersituation eine schwere Depression. Viktor Ullmann, der bei Arnold Schönberg studiert, und 15 Jahre vor seiner Verhaftung als Korrepetitor unter Alexander Zemlinsky am Deutschen Theater in Prag gearbeitet hatte, schrieb in Theresienstadt Musikkritiken, von denen etliche erhalten blieben. Außerdem betrieb er dort ein Studio für Neue Musik. Hans Krása, hatte im Jüdischen Waisenhaus von Prag seine Kinderoper Brundibár aufgeführt und konnte in Theresienstadt auf darstellende Kinder zurückgreifen. Insgesamt wurde diese Oper in Theresienstadt von Häftlingen für Häftlinge 55 mal aufgeführt. Als Höhepunkt des Musiklebens in Theresienstadt gelten das Verdi-Requiem sowie eine konzertante Aufführung der Verkauften Braut. Insgesamt starben in Theresienstadt ca. 33 000 Insassen. Dazu wurden im Januar 1942 viele in die Vernichtungslager abtransportiert. Infamerweise wurde die jüdische Selbstverwaltung mit der Zusammenstellung der Transporte beauftragt. Wie die Musikgeschichte verlaufen wäre ohne die Ausschaltung der Komponisten, deren Werke im Rahmen der angekündigten Konzertreihe jetzt zusammengefasst und der großen Kammermusik der Klassik und Romantik gegenübergestellt werden? Das wissen wir nicht. Aber wir haben die Chance, die Musik als Trösterin über alle Katastrophen hinweg verstehen zu lernen. Johannes Vesper Konzerte: www.saitenspiel.de 55


Thorsten Pech

Kantor zwischen Johann Sebastian Bach und Max Raabe

Schaut man von der Terrasse der Kirche aus über den Friedhof, wähnt man sich mitten in der Toskana, Grün und Zypressen soweit das Auge reicht. Mächtig erhebt sich der gewaltige Bau über dem Grundriss eines griechischen Kreuzes: „Immerhin ist sie die zweitgrößte evangelische Kirche im Rheinland und bietet 1020 Menschen Raum. Als Bürgerkirche hoch auf dem Ölberg sollte sie einen Gegenpol zur katholischen Laurentiuskirche bilden.“ Den Krieg hat die Kirche weitgehend unbeschadet überstanden, nur die Fenster hat es getroffen: bis auf drei erhaltene wurden alle übrigen durch die Druckwelle einer Bombe zerstört. Ende 2018 konnte die Fertigstellung der neuen Fenster durch den Künstler Günter Grohs gefeiert werden. Für das liebevoll restaurierten Bauwerk verlieh die Evangelische Kirche im Rheinland den Architekturpreis in der Kategorie „Kunst in der Kirche“. Im lichtdurchfluteten Inneren überraschen das in weiten Bögen schwingende Gestühl, die dezente Farbgebung der Bauelemente und die orientalisch anmutende pflanzliche Ornamentik: „Manche Muslime fühlen sich an eine Moschee erinnert.“

Thorsten Pech, Foto: Bettina Osswald

In der Friedhofskirche an der Hochstraße in Wuppertal treffe ich Thorsten Pech, Kantor der evangelischen Kirchen in Elberfeld-Nord und Leiter des Konzertchores der Volksbühne und des Bachvereins Düsseldorf. Die musikalischen Zentren des Kantors sind die Alte lutherische Kirche am Kolk von 1751 und die Friedhofskirche, 1898 nach Plänen von Johannes Otzen erbaut. 56

Die Tradition der reformierten Kirche erlaubte weder Bilderschmuck noch Kreuz, denn das Wort Gottes stand im Vordergrund, daher die überdimensionierte Schallmuschel hinter der zentrierten Kanzel. Dahinter befindet sich, fast versteckt, die Orgel, denn auch der Musik wurde innerhalb des Gottesdienstes keine sonderliche Bedeutung beigemessen. „Das ist heute ganz anders“, sagt Thorsten Pech, „diese Wilhelm-Sauer-Orgel von 1898 ist ein Schmuckstück, eins der wertvollsten historischen Instrumente in Wuppertal. Wegen ihres hervorragenden Klanges und der guten Akustik wird sie von Organisten aus der ganzen Welt bespielt. Wir könnten hier jede Woche ein Konzert geben.“ Thorsten Pech ist gebürtiger Elberfelder „mit rheinischer Prägung“. Das ist ihm sehr wichtig, denn auch Düsseldorf, wo er seit fast 30 Jahren den Bachverein leitet und wo er studiert hat, ist ihm Heimat.


Der engagierte Musiker ist von Anfang an mehrgleisig gefahren, nicht nur zwischen Düsseldorf und Wuppertal, sondern auch innerhalb der musikalischen Disziplinen, ja, die Vermittlung von Musik führt ihn nicht nur durch ganz Europa, sondern inzwischen bis nach Asien. Schon früh erfolgte das musikalische Schlüsselerlebnis. Den Eltern fiel auf, wie aufmerksam der Sohn Musik hörte, und sie nahmen den Fünfjährigen mit zu einem Quempassingen der Kurrende. Thorsten Pech erinnert sich: „Ich saß unmittelbar neben dem Spieltisch der Orgel und hatte weniger die Musik als den Organisten im Visier, wie er mit Händen und Füßen spielte und die Register zog. Da stand fest: Das möchte ich auch werden.“ Damals konnte er nicht ahnen, dass dieser Organist, Manfred Köhn, sein späterer Lehrer sein würde. Die Eltern nahmen den Impuls ernst, und der Junge durfte zur musikalischen Früherziehung: „Im Alter von fünf Jahren lernte ich, die Blockflöte zu spielen, und war mit den Noten vertraut, lange bevor ich lesen und schreiben konnte. Mit acht Jahren durfte ich zum ersten Mal sonntags in der Kirche die Orgel spielen. Melodien konnte ich mir gut einprägen, und die passenden Harmonien erfand ich hinzu.“ Die Orgel war das Instrument der Wahl, und so begann Thorsten Pech im Alter von 16 Jahren sein Vollstudium der evangelischen Kirchenmusik in Düsseldorf. Das finanzierte der angehende Kantor weitgehend selbst – ein Stipendium gab es nicht −, samt Notenkäufen und Reisekosten, indem er seit 1977 in seinem zukünftigen Beruf an der Johanniskirche am Friedenshain als Organist und als Chorleiter wirkte. „Die meisten Damen im Chor hätten meine Großmütter sein können, doch als Chorleiter haben sie mich akzeptiert.“ Parallel dazu sang der angehende Kantor in dem hoch ambitionierten Kammerchor des Komponisten und Musiklehrers Peter Paul Förster. Dieser hat den jungen Musiker nicht nur mit Musiktheorie vertraut gemacht und seine Liebe zur Chormusik von der Gregorianik bis zur Gegenwart geweckt, sondern ihn, als erklärter Kenner und Verehrer von Johannes Brahms, auch zur Musik der Spätromantik geführt. Durch seine Lehrer hat Thorsten Pech gelernt, dass sich die opulente Musik dieser Epoche auch in der eher puristischen protestantischen Kirche aufführen lässt. Doch so weit war es noch nicht. 1980, unmittelbar nach dem Examen, wurde Thorsten Pech zum Kantor an der Stadtkirche in Kaiserswerth er-

nannt. Für einen so jungen Kirchenmusiker war das eine prominente Position, in die er sich dank seiner Vorerfahrung schnell eingearbeitet hat – nicht, ohne die engen Verbindungen nach Wuppertal weiterzupflegen. Die Stelle in Kaiserswerth hielt den zielstrebigen Kantor nicht davon ab, seine Ausbildung zu vervollkommnen: Er ließ seine Stimme zum Bariton ausbilden und studierte weiter bis zum Examen im Konzertfach „Orgel“. Zusätzlich absolvierte er in Wien bei Julius Kalmar ein Studium zum Dirigenten. Im Rahmen dieser Ausbildung ergaben sich zahlreiche Einladungen zu Gastspielen, in denen der junge Musiker Opern und Operetten dirigierte und lieben lernte: „Im Alter von 20 Jahren vor einem Orchester oder vor einem Opernapparat zu stehen, bedeutet eine erhebliche Bereicherung an Erfahrung, ganz abgesehen von der Erweiterung meines Repertoires.“ Diese breit gefächerten musikalischen Vorlieben führten bei Thorsten Pech nicht etwa zu Konflikten zwischen geistlicher und weltlicher Musik, im Gegenteil, für ihn hieß es, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen. Zurück aus Wien leitete er ein eigenes Operettenensemble mit acht Solistinnen und Solisten, mit dem er in Kurorten oder in sozialen Einrichtungen auftrat. Bis heute fertigt er Bearbeitungen von Opern und Operetten für Orgel, doch: „Obgleich mir Oper und Operette das Wichtigste sind, fühle ich mich auch in der Kirchenmusik gut aufgehoben.“ So ist es für Thorsten Pech ein Glücksfall, mit der Orgel das Instrument gefunden zu haben, das dank seiner klanglichen Möglichkeiten nicht nur für große konzertante Werke der Spätromantik prägend war, sondern auch als Soloinstrument eine Herausforderung darstellt: „Die Orgel ist lebendig, denn sie atmet. Auf diesem Instrument bin ich mein eigener künstlerischer Gestalter, ich bin allein mit ihr und ich kann Zwiesprache halten: Was gibt sie mir, was braucht sie von mir, um ihr Klangspektrum so zu gestalten, dass daraus ein Gesamtkunstwerk wird?“ Zur Aufgabe eines Kantors gehört die Arbeit mit Chören aller Altersgruppen, auch diese ist Thorsten Pech eine Herzensangelegenheit. Als erfahrener Chorsänger mit ausgebildeter Stimme weiß er, wie wichtig es ist, beim Einstudieren eines Werkes von Anfang an nicht nur nach Noten zu singen, sondern zu musizieren, den Körper und die Atemtechnik einzubeziehen und auf gesangliche Linien und Spannungsbögen zu achten. Dabei unterscheidet sich die Arbeit mit Kirchenchören, in denen das Singen vor allem gemeinschaftsbildend ist, von der Arbeit mit Konzertchören: „Kirchenchöre sind Mehrgenerationenchöre, 57


und in der Johanniskirche in Düsseldorf zur Aufführung gebracht.

Thorsten Pech, Foto: Tobias Vitten

von Kindern bis zu meiner ältesten Sängerin, die 92 Jahre alt ist. Es geht darum, miteinander zu singen, fernab vom Druck durch Konzerttermine.“ Bei einem Konzertchor wie dem der Volksbühne, den er seit 2003 leitet, ist das anders: „Dieser Chor tritt bei den städtischen Chorkonzerten in der Historischen Stadthalle auf. Wenn wir gemeinsam mit unserem Sinfonieorchester auf der Bühne stehen und musizieren, müssen wir den Anspruch haben, ebenbürtig zu sein. Das erfordert entsprechendes stimmliches Material, intensive Stimmbildung, Einsatz und Energie.“ Hier stehen Musikalität und Leistungsbereitschaft im Vordergrund, und es kommt darauf an, dass die Stimmen miteinander harmonieren. Parallel zum Chor der Volksbühne leitet Thorsten Pech seit fast 30 Jahren den Bachverein Düsseldorf. Das Werk von Johann Sebastian Bach hat sich dem Kantor erst allmählich erschlossen: „Als junger Mensch habe ich wenig Bach gespielt, diese Musik war mir eher fremd, schlug doch mein Herz für die Musik von Brahms, Bruckner, Wagner, Strauß und Strauss. Heute interpretiere ich das Werk von Bach ganz anders als vor 40 Jahren, zum einen, weil die Musikwissenschaft neue Erkenntnisse gebracht hat, zum anderen, weil ich mich selbst verändert habe durch die langjährige Auseinandersetzung mit den großen Chorwerken in der Arbeit mit dem Bachverein.“ Mir scheint, dass gerade Bachs unkonventionelle Ansichten über konfessionelle Auseinandersetzungen und Klassifizierungen für Thorsten Pech vorbildlich sind, verwendete jener doch weltliche Melodien für geistliche Musik und umgekehrt und hat sich als Lutheraner nicht darum geschert, große Messen zu schreiben. 2017 hat Thorsten Pech mit seinen beiden Konzertchören die „h-Moll-Messe“ von Bach – für ihn das „ultimative Werk“ – einstudiert und in der Historischen Stadthalle Wuppertal 58

Neben der Arbeit als Kantor, Chorleiter und Solist auf der Orgel konzertiert Thorsten Pech seit Jahren weltweit mit dem Trompeter Uwe Komischke. Anlässlich zahlreicher Auftritte der beiden Musiker in Asien hat sich dem erfahrenen Kantor ein weiteres Arbeitsfeld eröffnet: „Es kommen so viele junge Menschen aus Asien in unser Land, weil sie die europäische Musik lieben, aber sie haben oft Schwierigkeiten, deren Wesen über die Noten hinaus zu erfassen.“ So gibt Thorsten Pech in China und in Japan Kurse für junge Organistinnen und Organisten sowie Sängerinnen und Sänger, die z. B. an der Aufführung von Oratorien arbeiten oder in Deutschland studieren möchten. Auch mit dem Bachverein Düsseldorf geht Thorsten Pech neue Wege, über das Amt hinaus seine Liebe zur Musik zu vermitteln: In der Neanderkirche mitten in der Düsseldorfer Altstadt veranstaltet er einmal im Monat ein Überraschungskonzert, die „Nachtgesänge“. Das sind „59 Minuten für Dich“ mit A-cappella-Chören, die der Chorleiter selbst moderiert. Bereits das erste Konzert mit über 200 überwiegend jungen Besucherinnen und Besuchern war ein Erfolg! Mitten in „seiner“ Elberfelder Innenstadt in der Alten lutherischen Kirche am Kolk präsentiert Torsten Pech seit Jahren die beliebten „Sommerabendkonzerte“ mit kleinen, ausgefallenen Besetzungen und raffinierten Programmen. Auch die Reihe der „Kinderkonzerte“ zu verschiedenen musikalischen Themen hat sich dort seit zehn Jahren etabliert. Es bleibt zu fragen, ob angesichts dieses straffen Arbeitspensums noch Zeit für außerberufliche Vorlieben bleibt? „Der Tagesablauf ist streng organisiert, die Musik prägt natürlich alles. Privat bin ich absoluter Fan von Max Raabe und dem grandiosen Palastorchester. Jeden Tag reserviere ich konsequent mindestens eine Stunde für das Üben, um mein musikalisches Niveau zu halten.“ Das Motorradfahren musste der Kantor schweren Herzens aufgeben, weil dazu keine Zeit mehr blieb: „Ohne Training ist es zu gefährlich.“ Und welche Pläne hat Thorsten Pech für die Zukunft? „Mit 58 Jahren möchte ich noch vieles kennenlernen, für mich gibt es keinen Stillstand. Mal sehen, wie lange die Zeit reicht ...“ Marlene Baum


Soundtrips NRW

Auf Klangreise durch Nordrhein-Westfalen Intensive Hörerlebnisse am Abend, Kulturprogramm am Tag: Erstmals bietet „Soundtrips NRW“ eine Städtetour zum Mitreisen an. Kurz vor ihrem zehnjährigen Bestehen interpretiert die Konzertreihe „Soundtrips NRW“ ihren Namen noch einmal neu und lädt zum Mitreisen ein: Erstmals wird Anfang November 2019 eine Reise angeboten, bei der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit von einer Station zur nächsten reisen und den Hauptprotagonisten der Reihe jeden Abend mit wechselnden Musikerinnen und Musikern in einem neuen Zusammenhang erleben. Weit mehr als bei einem einzelnen Konzert entsteht so ein intensives Hörerlebnis, das einen tiefen Einblick in das Entstehen und Wirken der Improvisierten Musik ermöglicht. Die Mitreisenden übernachten überwiegend in denselben Hotels wie die Musikerinnen und Musiker, und im Anschluss an die Konzerte gibt es bei gemeinsamen Abendessen Gelegenheiten zu Begegnungen und Gedankenaustausch. Tagsüber kann man die jeweilige Stadt mit einem ihrer kulturtouristischen Schätze entdecken und abends jeweils einen neuen charmanten Spielort.

Torben Snekkestad, Foto: Peter Gannushkin

Hauptprotagonist der 46. „Soundtrips NRW“-Konzerte ist der norwegische Saxofonist Torben Snekkestad, der als einer der inspirierendsten skandinavischen Saxofonisten überhaupt gilt. Er wird an jedem Spielort als Solist und in wechselnden Formationen mit (NRW-)Musikern konzertieren. Ein zusätzlicher Anreiz der Reise ist, dass auch das „Soundtrips Festival“ in das Programm eingebunden ist. Es findet vom 31. Oktober bis 3. November 2019 zum ersten Mal statt und bietet neben dem Protagonisten das komplette, aus zwölf renommierten NRW-Musikerinnen und -Musikern bestehende Soundtrips-Kuratorenteam auf, außerdem weitere herausragende internationale Solistinnen und Solisten wie die französische Kontrabassistin Joëlle Léandre, den britische Musiker David Toop und das norwegische Quintett NAKAMA. Anne-Kathrin Reif

Die Soundtrips-Reise ist in zwei Varianten buchbar: Die kleine Tour (410 €) enthält drei Stationen: 1. November 2019, Bonn (Tagesprogramm: wahlweise Besuch im Haus der Geschichte oder Teilnahme am Podiumsgespräch „Improvisation als Gestaltungspraxis“ in der Universität Bonn mit Soundtrips-Kuratoren; abends Torben Snekkestad und Kuratorenkonzert in St. Helena). 2. November 2019, Wuppertal (Schwebebahnfahrt/Skulpturenpark Waldfrieden von Tony Cragg; Konzert im ORT mit Torben Snekkestad, Joëlle Léandre Solo, NAKAMA, Erhard Hirt, Martin Blume, Carl Ludwig Hübsch und Nikola Hein). 3. November 2019, Münster (geführter Stadtrundgang oder Museum für Lackkunst, Konzert in der BLACK BOX im cuba mit den drei Solisten Torben Snekkestad, Joëlle Léandre, David Toop, im zweiten Teil in drei Duos mit Gunda Gottschalk, Erhard Hirt und Philippe Micol). Optional kann der Auftaktabend des Soundtrips-Festivals am 31. Oktober 2019 in Moers dazugebucht werden.

Die große Tour (820 €) enthält drei weitere Stationen: 4. November 2019, Düsseldorf (Schifffahrt auf dem Rhein). 5. November 2019, Essen (Museum Folkwang oder Zeche Zollverein). 6. November 2019, Bochum (Bergbaumuseum/Kunstmuseum) – abends jeweils Torben Snekkestad und Gäste (N.N.). Im Preis enthalten sind jeweils Übernachtung in Drei-Sterne-Hotels inkl. Frühstück, Transfer per Bahn/NRW-Ticket zur individuellen Nutzung, teilweise begleitetes Tagesprogramm (inkl. Eintrittspreise), Begrüßungsgetränk am Spielstättenort, Konzerttickets für alle Termine, Reservierung für gemeinsame Abendessen (Kosten nicht inklusive), Reiseveranstaltungsversicherung. Weitere Infos in Kürze auf www.soundtrips-nrw.de Buchungen und Beratung schon jetzt über Ute Völker (mail@utevoelker.de). 59


Rhythmus, Harmonie, Melodie

Zum elften Mal lädt die Cragg Foundation zur Veranstaltungsreihe KLANGART in den Skulpturenpark Waldfrieden. „Als ich zum ersten Mal in den Skulpturenpark kam, (…) besuchten mich meine lebenslangen Begleiter Sehnsucht, Liebe, Trauer, Geheimnis, Glück, Unendlichkeit und Göttlichkeit wunderbar intensiv“: So wie dem Wuppertaler Vibrafonisten Mathias Haus geht es vielen, die zum ersten oder auch wiederholten Mal Tony Craggs Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal besuchen – auch den Künstlerinnen und Künstlern, die im Rahmen von KLANGART dort spielen. „Sie tauchen hier in eine Welt ein, die völlig anders ist als das, was sie sonst kennen, und sind oft regelrecht überwältigt“, sagt der künstlerische Leiter Maik Ollhoff. KLANGART steht für einen einzigartigen Dreiklang aus Kunst, Musik und Natur. Das Erlebnis beginnt schon auf dem Weg dorthin: Ein steiler Weg schlängelt sich durch

den Wald, bald tauchen die ersten Skulpturen auf, in einer Kurve eröffnet sich ein grandioser Blick übers Tal. Im Skulpturenpark angekommen, erwartet den Besucher ein weitläufiges Areal mit der Anthroposophen-Villa Waldfrieden, altem Baumbestand und Skulpturen renommierter Künstler wie Tony Cragg – aber keine Hintergrundmusik vom Band. „Die Gäste sollen vor den Konzerten das Ambiente auf sich wirken lassen, den Vögeln und den Geräuschen des Windes lauschen“, so Maik Ollhoff.

Die Kunst der Improvisation Musikalisch steht bei KLANGART 2019 die Improvisation im Vordergrund: die Kunst, aus Rhythmus, Harmonie und Melodie – den drei Elementen, die Musik ausmachen – im Moment etwas so noch nie Gehörtes zu erschaffen.

12. Juli Der Saisonauftakt, das Wandelkonzert, ist leider schon vorbei. Doch es stehen noch sechs Konzerte an. Am Freitag, dem 12. Juli, kommt es zu einer Neuauflage des Konzertabends Der Wald schaut und hört gespannt zu. Die Kammerphilharmonie Wuppertal und Gastsolisten spielen Auftragskompositionen von Jan Kazda, Roman Babik und dem oben zitierten Mathias Haus. Im letzten Jahr waren beide Konzerte im unteren Pavillon restlos ausverkauft und endeten mit stehenden Ovationen. Man darf gespannt sein, wie sich die Stücke im luftig-grünen Ambiente verändern.

BillFrisell, SpaceAge

13. Juli Mit Bill Frisell kommt am Samstag, dem 13. Juli, wieder ein Weltklasse-Gitarrist zu KLANGART. Er gehört zu den eklektizistischsten Gitarristen unserer Zeit. Vom Jazz kommend, unternimmt der Lieblingsgitarrist von John Scofield gerne Ausflüge in Richtung Americana, Folk, Pop oder Filmmusik. Mit Thomas Morgan am Bass und Rudy Royston am Schlagzeug hat er zwei kongeniale Musiker an seiner Seite, mit denen er (oftmals bekannte) Melodien, (groovende) Rhythmen und (ungewöhnliche) Harmonien immer wieder erfrischend neu variiert.

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Haus, Babik, Kazda, Foto: Karl-Heinz Krauskopf


Of Cabbages And Kings, Foto: Karl-Heinz Krauskopf

Rymden – Berglund, Wesseltoft, Öström, Foto: Egil Hansen

Becca Stevens, Foto: Shervin Lainez

14. Juli Am Sonntag, dem 14. Juli, ist ein Doppelkonzert ganz der weiblichen Stimme gewidmet. Die vier Sängerinnen (und Komponistinnen) des Neo-Accapella-Quartetts Of Cabbages And Kings sind alle auch solo mit teilweise recht avantgardistischen Projekten unterwegs. Zu viert bestätigen Veronika Morscher, Zola Mennenöh, Laura Totenhagen und Rebekka Ziegler das geflügelte Wort, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Becca Stevens war schon einmal in Wuppertal zu Gast – bei einem Wohnzimmerkonzert im LOCH. Nur mit ihrer Stimme und diversen Saiteninstrumenten hat sie dort das Publikum verzaubert. „Jazz“ ist das, was sie macht, streng genommen nicht, sie ist eher eine Singer/Songwriterin, die nebenher schon mit und für Jacob Collier, Esperanza Spalding, Snarky Puppy und David Crosby gearbeitet hat. Aber in ihrer Spontaneität zeigt sich der freie Geist des Jazz.

17. August Omar Sosa, nach eigener Aussage ein „Perkussionist, der es liebt, Piano zu spielen“, war 2011 bereits bei KLANGART – am Samstag, dem 17. August, kehrt er mit der Sängerin und Geigerin Yilian Cañizares zurück. Ihr Projekt „Aguas“ bringt die Perspektiven zweier afrokubanischer Musiker zusammen, die fern ihrer Heimat leben – und voller Spielfreude Einflüsse aus allen möglichen musikalischen Welten von Jazz bis Klassik verschmelzen. Live unterstützt werden sie vom Perkussionisten Gustavo Ovalles mit einem ganzen Arsenal von Instrumenten.

18. August Rymden, am Sonntag, dem 18. August, zu Gast, ist die neue europäische Supergroup des Jazz. Bugge Wesseltoft wollte einmal in einem „klassischen“ Pianotrio spielen, dabei aber mit der Rock-Energie der 70er-Jahre zu Werke gehen. In Schlagzeuger Magnus Öström und Bassist Dan Berglund, der Rhythmusgruppe von e.s.t., fand er die passenden Begleiter.

6. Oktober Den Abschluss von KLANGART 2019 bildet am Sonntag, dem 6. Oktober, ein Konzert im Glaspavillon mit dem westafrikanischen Gitarrenvirtuosen Lionel Loueke, seit Jahren u.a. in der Band von Herbie Hancock aktiv, und dem amerikanischen Pianisten Kevin Hays. Es ist verblüffend zu erleben, wie variantenreich das Zusammenspiel von nur zwei Musikern sein kann, die virtuos und intuitiv mit Rhythmus, Harmonie und Melodie umzugehen wissen.

Lionel Loueke und Kevin Hays, Foto: Jordan Kleinman

Einladung zum Abschalten KLANGART 2019 – das ist auch ein Gegenentwurf zu den Sommerfestivals, bei denen man sich durch unzählige Konzerte „zappt“ und am Ende keines wirklich erlebt hat. KLANGART ist die Einladung, für ein paar Stunden abzuschalten und sich auf das Erleben im Moment zu fokussieren. Guido Halfmann www.skulpturenpark-waldfrieden.de/klangart 61 Omar Sosa & Yilian Cañizares, Foto: Franck-Socha


Festivaleröffnung im U-Club

Sound of the City zeigt Wuppertaler Nachtansichten Spannende Begegnungen von Hoch- und Clubkultur

Im Zeichen der Nacht stand das dritte „Sound of the City“-Festival. Denn diesmal gingen die Sängerinnen und Sänger der Oper Wuppertal und das Sinfonieorchester Wuppertal dahin, wo die Musik die ganze Nacht spielt – in den Club. Das Aufeinandertreffen von Hoch- und Clubkultur hatte sich Kuratorin Alexandra Holtsch ausgedacht. Seit den 90ern sind Fusionen von klassischen und zeitgenössischen Klängen ihre Spezialität. Zuerst als Komponistin und DJ, in den letzten Jahren verstärkt auch als Regisseurin.

mechanische Rhythmen von Klavier und Schlagzeug. Um die Natur im Stadtraum darzustellen, wählte sie „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ – den musikalischen Hexensabbat von Modest Mussorgsky. Dieses Orchesterstück ließ Holtsch beim Eröffnungsabend des Festivals Wuppertal@ Night auf das elektronische Set von Orson Hentschel treffen. Ort dieser Begegnung war ein ehemaliges Weinkontor, heute bekannt als U-Club. Wie es die Club-Besucher kennen, war es im großen Gewölbe düster und schummrig. Doch der Abend unter dem Titel UM.NACHTUNG brachte auch Ungewohntes mit sich.

„Die Nacht ist in Wuppertal wirklich was Besonderes“, sagte Holtsch bei der Pressekonferenz, die der offiziellen Eröffnung am 17. Mai vorausging. Schon im Vorjahr kam die Berlinerin ins Tal, um vor Ort mögliche Festivalorte und -räume aufzutun. Sie entschied sich für Locations wie U-Club, Mauke und Loch. Zweiter Schritt war die Auswahl von Musik, mit denen sich an Traditionsstränge der Stadt anknüpfen ließ. Wuppertaler Industriegeschichte sah sie in Strawinskys „Les noces“ gespiegelt – einem Werk für Gesangssolistinnen und -solisten, Chor und hämmernd-

Zunächst einmal die Mischung aus jungem, mittelaltem und älterem Publikum. Auf die Räume, wo sonst abgetanzt wird, waren Leinwände verteilt. Darauf zu sehen waren Wuppertaler Szenen zwischen Dämmerung und Dunkelheit. Über einen Monitor flimmerten die Kandidatinnen und Kandidaten für die Wahl des „Nachtbürgermeisters“. Diese fand eine Woche nach dem Festivalauftakt im Jazzclub „Loch“ statt – im Beisein von Oberbürgermeister Andreas Mucke. Das Rennen machte schließlich David J. Becher, Schauspieler und Utopiastadt-Aktivist.

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Der musikalische Teil des U-Club-Abends begann mit elektronischen Sounds – so tief, als kämen sie aus der Erde selbst. Live spielten dagegen zehn Musikerinnen und Musiker vom Sinfonieorchester Wuppertal sowie von der Musikhochschule. In weißen Anzügen, die im Halbdunkel hervorstachen, hatten sie in verschiedenen Winkeln des Clubs Platz genommen und spielten Ausschnitte aus der „Nacht auf dem kahlen Berge“. Von ihren Plätzen aus spielten die Musikerinnen und Musiker abwechselnd und zeitversetzt. So hörte man aus der einen Ecke etwa eine Flöte und eine Trompete, aus anderen Ecken Fagott und Waldhorn. Harsche folgten auf feine Töne – und dann hatte wieder Orson Hentschel am DJ-Pult das Kommando. Seine Klänge sirrten und knarzten und waren ähnlich düster wie die von Mussorgsky. Am Ende fanden die musikalischen Welten doch noch zusammen. Unter der Leitung von Johannes Pell führte das Ensemble die ganze „Nacht“ auf, und Hentschel ließ eine Collage folgen, in der auch Bläserklänge herauszuhören waren.

DJ Orson Hentschel in Aktion

„Außenposten“ des Festivals war der Skulpturenpark Waldfrieden. Unter der Überschrift NACHT.WERDEN trafen hier denkbar unterschiedliche Livemusiken aufeinander. Unter grünen Schirmen, die von Bühnenbildnerin Sabine Mader mit Leuchtstäben ausgestattet waren, interpretierten der Opernchor und die Schlagzeuger des Sinfonieorchesters mit Verve „Les noces“. In ungestüme Improvisationen stürzten sich Gorilla Moon, die Band um Multitalent Eugen Egner, und der Saxofonist Hans-Peter Hiby. Die reizvolle Paarung Mussorgsky-Strawinsky zog sich bis zum Festivalabschluss durch. Beim Abend im Mauke-Club nahm sich Sänger Sebastian Campione Mussorgskys Liederzyklus „Ohne Sonne“ vor. Vor der „Nachtbürgermeister“Wahl im Loch wurde „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ durch elektronische Effekte dekonstruiert. In der Marlene-Bar wurden „Les noces“ von einer Sopranistin gesungen und auf altgedienten Klavieren gespielt. Dazwischen mischten sich Auszüge aus dem Text „In der Einsamkeit der Baumwollfelder“. Beim Finale im Opernhaus spielte das Sinfonieorchester beide Werke, bevor „Wuppertal@ Night“ mit einer Foyer-Disko ausklang.

Sinfoniker und DJ - am Ende vereint

Weitere Informationen unter www.oper-wuppertal.de Daniel Diekhans Fotos: Max Höllwarth

Wuppertaler Nachtansichten in Bild und Ton

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Ute Zimmermann empfängt mich an der Tür ihres „Gowanus Souvenir Shops“.

Gowanus – der Kanal und sein Souvenir Shop

Der Wuppertaler Karl-Heinz Krauskopf trifft auf Ute Zimmermann in New York Ich sitze an einem Spätnachmittag im Februar 2018 auf dem Heimweg von Brooklyn nach Harlem in der voll besetzten U-Bahn. Die Arbeitnehmer sind auf dem Heimweg. Rushhour! Meine Nachbarin links fragt mich unverblümt, woher ich denn käme und was ich machen würde. Offensichtlich hatte sie meine etwas umfangreichere Kameraausrüstung in Augenschein genommen und war nicht – wie die meisten Metro-Nutzer – mit dem iPhone beschäftigt. Sie war halt neugierig. Ich antwortete, dass ich in Gowanus fotografiert hätte und einen Artikel über dieses Viertel Brooklyns und über dessen Kanal für ein deutsches Kulturmagazin plante. „Hmmm ...“, brummelte sie und meinte dann Stirn runzelnd, von Gowanus habe sie noch nie etwas gehört und wo das denn überhaupt in New York liegen würde. Wenn ein Nicht-New Yorker von diesem Stadtteil noch nie etwas gehört hat, dann ist das okay. Aber offensichtlich ist 64

Gowanus selbst für Einheimische unbekannt. Was ist also Gowanus, was hat es mit dem Kanal auf sich und warum ist dieser Teil Brooklyns so interessant, dass ich darüber schreibe? Das Gowanus-Viertel liegt zwischen Red Hook und Caroll Gardens im Westen und Park Slope im Osten. Der dort gelegene, etwa drei Kilometer lange Stichkanal, der Gowanus Canal, ist der Aufhänger zum Thema. Er war einst ein kleiner Arm des East River und wurde im Laufe der Industrialisierung zum Kanal ausgebaut, um den sich ansiedelnden Unternehmen leichter Kohle und Baumaterialien in großen Mengen anliefern zu können. Mitte des 20. Jahrhunderts verlor er seine wirtschaftliche Bedeutung. Zugleich verfiel das umliegende Viertel. Drogenbanden kamen, die Mafia wurde einflussreicher denn je, und eine hohe Mordrate kennzeichneten dieses heruntergekommene Areal für lange Zeit. Übrigens: Kein geringerer


als Al Capone wuchs hier auf. Will man den kursierenden Gangstergeschichten Glauben schenken, so wurde manches Mafia-Opfer im Kanal entsorgt. Als im Jahre 2007 der „National Trust of Historic Preservations“ das am East River gelegene historische Industriegebiet als unbedingt erhaltenswürdig und als vorrangig sanierungsbedürftig deklarierte, da schloss man auch den Gowanus Kanal und das ihn umgebende Viertel ein. Gowanus liegt in einem natürlichen Becken und steht aus unterschiedlichen Gründen zunehmend unter Druck. Sowohl das Kanalwasser als auch das Grundwasser sind durch ungehinderte Entsorgung von Industriemüll und giftigen Abwässern, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts, ja teilweise auch heute noch abgelassen werden, bis in tiefste Bodenschichten kontaminiert. Es gibt Tage, an denen ein ekelerregender Kackschaum, „Poop Foam“ genannt, die schleimig-ölige Wasseroberfläche wie mit kleinen Wölkchen überzieht. Der Kanalgrund müsste also dringend vom giftigen Schlick befreit und das Abwasser in Zukunft geklärt werden. Deshalb zählt Gowanus seit 2010 zu den Superfund Sites: die Umweltbehörden kennzeichnen damit schwer umweltverschmutzte Gebiete, die langfristig gesäubert werden sollen. Leider haben diese dringend notwendigen Säuberungsarbeiten noch nicht einmal begonnen. Die Frage nach der zukünftigen Nutzung dieser Gegend als Wohnort stellt zudem eine weitere Herausforderung dar, weil dies mit einem sogenannten Re-Zoning, einer Umwidmung des Viertels, verbunden ist.

Der Blick über den Gowanus Kanal auf die Brooklyn Skyline.

Die MTA, New Yorkers Metro, verläuft im Süden Brooklyns überirdisch. Sie überquert den Kanal, der von Brachland und alten Industriekomplexen gesäumt wird.

Ein gerade errichteter, mehrstöckiger Wohnkomplex lässt erahnen, wie sich das

Diese Umwidmung wird durch die Bauvorschriften der Stadtverwaltung von New York City geregelt. Dabei handelt es sich um verbindliche Bauvorgaben, die Flächennutzung, Nutzungsintensität und die Form der Bebauung wie Gebäudehöhe, Abstand zur Straße und zu anderen Gebäuden oder auch die Mindestgröße von Höfen und Gärten sowie die Bereitstellung von Parkplätzen beinhalten.

Umland des Gowanus Kanals bei fortschreitender Bebauung verändern wird.

Großen Investmentfirmen und Konzernen könnte das Tür und Tor öffnen, weil sie – kapitalstark – oft brach liegende Flächen und marode Immobilien im Handstreich aufkaufen, um diese entweder aufwendig zu sanieren und begehrte Lofts zu erstellen oder um sie abzureißen und damit Raum für angesagte, elegante Wohnkomplexe zu schaffen. Selbstredend, dass die angebotenen Appartements für die hier wohnende Bevölkerung nicht bezahlbar wären und 65


ein unkritisches Re-Zoning ihre eigenen Möglichkeiten und Vorstellungen unberücksichtigt ließe. Demzufolge träte schnell ein erheblicher Wandel im Aussehen dieser Region wie auch in deren Bevölkerungsstruktur ein. Beispiele für den Wandel von Stadtteilen gibt es in New York viele, so zuletzt in Williamsburg, einem Stadtteil Brooklyns, der als einstiges Arbeiterviertel heute zu einer der beliebtesten Gegenden New York Citys zählt. Dort leben jetzt Menschen, die, aufgrund steigender Mietkosten in Manhattan, das moderne Williamsburg mit seinen niedrigeren Mietpreisen als günstigere Ausweichmöglichkeit nutzen, aber kaum Raum für die ursprünglichen Stadtteilbewohner und weniger gut betuchten Wohnungssuchenden lassen. Der dringende Wunsch der Bewohner von Gowanus ist daher verständlich. Sie wollen ihre Interessen durchzusetzen, um weiterhin bezahlbaren Wohnraum zu erhalten bzw. neu zu schaffen, ihr Quartier durch Grünzonen mit nachhaltigem Erholungswert endlich aufzuwerten und um hier weiterhin friedvoll miteinander leben zu können.

Ute Zimmermann in ihrem Gowanus Souvenir Shop.

Zum chinesischen Neujahrsfest feiern Shop-Betreiber, geladene Gäste, Kunden und Touristen das kommende Jahr des Hundes.

Dank der Eigeninitiative ansässiger Handwerker, Künstler, Besitzer kleiner Läden und Lokale kam es in den letzten Jahren zu einem intensiven Gedankenaustausch. Organisierte Diskussionsabende mit den unterschiedlichsten Institutionen der Stadt machten so auf die berechtigten Sorgen der Anwohner aufmerksam. Vor allem aber spielt der Kampf um die schnelle Säuberung des mit Kohlenteer – von den Anwohnern als „schwarze Mayonnaise“ bezeichnet – verdreckten Kanals eine vorrangige Rolle.

Eine der Aktivistinnen des Quartiers ist Ute Zimmermann. Sie ist Anfang 40 und wohnt mit Mann und Sohn seit 2011 in Gowanus. Ute Zimmermann wurde in Kiel geboren, wuchs in Kaiserslautern auf und kam schließlich, nach ihrem Studium und einer Anstellung bei der American Academy in Berlin 2004 nach New York, ihrer Traumstadt. Denn hier, so Ute Zimmermann, gibt es keine spezifischen Hürden, sich den Wunsch nach Selbstständigkeit zu erfüllen. Ihr Ziel habe sie heute vorläufig erreicht. Sie hat sich als Webdesignerin etabliert und konnte an der Union Street, einen Block vom Kanal entfernt, eine ehemalige Bodega umgestalten und den kleinen Gowanus Souvenirladen eröffnen. Links von ihr, wenige Häuser entfernt, töpfert eine New Yorker Künstlerin, Claire Weissberg,

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Keramikschalen und Vasen. Rechts liegt, vier Häuser weiter, die „South Brooklyn Casket Compagny“, ein Großhandel für Särge. Schräg gegenüber kann man in einem Barbecue Restaurant mit rustikalem Ambiente an langen Holztischen sitzen und von einer überschaubaren Speisekarte wählen. Ein Stück New Yorks also, das vielschichtig aufgestellt ist. Ute Zimmermann teilt sich den Shop seit kurzem mit ihrer ehemaligen Angestellten, einer jungen Chinesin. Sie verkaufen an Anwohner und die immer häufiger vorbeischauenden Touristen wunderschöne Postkarten, das „Gowanus Swim Team“-Shirt mit Totenkopf, handgemachte Seifen, Schmuck, Antikes, Ölbilder, Bücher und vieles andere mehr. In der Regel sind es lokale Künstler die sie vertreten bzw. die das Angebotene hergestellt haben.

andere Geschichten über die jüngste Vergangenheit dieser Region ausgraben und feststellen, dass der Westen Brooklyns eine faszinierende Gegend mit großem Potenzial ist. Ute Zimmermann erklärt auf die Frage, warum gerade Gowanus ihre Seele berührt habe, dass sie dieses Viertel als ganz besonders empfinde. Durch die relativ flache Bauweise könne man den Blick ungewöhnlich weit schweifen lassen, sogar bis Manhattan. Und es sei mit dem industriellen Charme und den vielen zugewanderten Künstlern ein echt cooles Quartier. Das Interesse an Gowanus wuchs in den 90er-Jahren, vor allem weil hier noch bezahlbarer Wohnraum zu finden war. Mit der spürbaren Renaissance dieser Gegend hat sich leider auch der Wohnpreis in langsam schwindelerregende Höhen bewegt.

Besondere Events werden ebenfalls regelmäßig auf der Website des Souvenir Shops angekündigt. Mein Glück, dass ich zwei Tage nach meinem geplanten Besuch von Ute Zimmermann zum chinesischen Neujahrsfest eingeladen wurde. Dort konnte ich einen beeindruckenden Drachentanz und die Geister vertreibende Knallerei erleben.

So ist das bewährte Schema New Yorker Stadtteilveränderungen im Ansatz auch hier erkennbar. Erst kommen die Künstler, dann die Galerien, Cafés, Restaurants und Bars, parallel versuchen die Immobilieninvestoren, ihren Deal zu machen. Die Attraktivität dieses Viertels resultiert zudem aus seiner guten Erreichbarkeit. Gowanus liegt nur wenige U-Bahnstationen von Manhattan entfernt. Ute Zimmermann kommentiert diesen, allen New Yorkern geläufigen Tatbestand: „Die Menschen hier lassen sich nicht davon beeindrucken und werden deshalb so schnell auch nicht aufgeben. Sie kämpfen mit legalen Mitteln, dass ihr Ort zumindest teilweise so bleibt, wie er ist, und ‚ihrem‘ Quartier der vorhandene Charme nicht völlig genommen wird.“ Die „Let´s do it“-Energie der New Yorker spielt da auf alle Fälle eine große Rolle.

Der Besuch ihres Shops lohnt sich auf jeden Fall, nicht nur wegen der angebotenen Souvenirs, sondern auch weil es Spaß macht, mit den aufgeschlossenen Besitzerinnen ins Gespräch zu kommen. So erzählte Ute Zimmermann, dass hier, in der früheren Bodega, der florierende Handel mit unverzollten Zigaretten blühte und bald die Gesetzeshüter auf den Plan rief. Sie ließen den Laden hoch gehen und für immer schließen. Neugierige Touristen werden bestimmt noch

Text und Fotos: Karl-Heinz Krauskopf Graffiti an der Union Street peppen die tristen Hauswände auf.

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Christopher Rothko: Robert Indiana,

Mark Rothko,

A Sculpture Retrospective, engl.,

Dramaturg der Form,

200 Seiten mit 178 Farb- und

350 Seiten mit 74 Farb- und

50 s/w-Abbildungen,

9 s/w-Abbildungen,

Hardcover, 30,5 x 24,5 cm,

Hardcover, 27 x 22 cm,

Kerber, 50,- €

Piet Meyer Verlag, 28,40 €

Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch

Plakative und unsichtbare Zeichen Bei Robert Indiana schien immer alles klar. Er ist unter den Protagonisten der US-amerikanischen Pop-Art wohl der am meisten „eingängige“. Berühmt ist Robert Indiana (1928-2018) für seine flächigen Bilder ausschließlich mit Buchstaben oder Zahlen, mitunter eingefasst in geometrische Felder, in leuchtender, komplementär gesetzter Farbigkeit. Am plakativsten ist sein „LOVE“ aus vier Buchstaben in zwei Reihen übereinander. Ob als Briefmarke oder als Skulptur in irgendeiner Metropole: Damit ist Indianas Werk allenthalben präsent … Nun ist eine Monografie seiner Skulpturen erschienen, die all das bestätigt und aus der Werkgenese heraus entfaltet. Sie beginnt in den frühen 1960er-Jahren mit den vertikalen Holzkästen mit Rädern an den Flanken oder auf der Frontseite, wo Indiana noch Ziffern und Buchstaben als Schablonen gemalt hat. Zugleich korrelieren sie mit den (ebenfalls abgebildeten) frühen Malereien, die teils abstrahierte Zeichen seriell repetieren. Viel später, um 2000, wendet sich Indiana diesen Objekten erneut zu und gießt sie in Bronze. Als Außenskulpturen eröffnen die Buchstaben- oder Zahlenobjekte dann weitere Deutungen, so verschieben sich etwa die Größenverhältnisse der urbanen Umgebung. Und dann stellt man fest, mit wie wenig Ideen Indiana in seinem gesamtem Werk auskommen konnte. Das Buch ist im Titel – begleitend zur Ausstellung in der Albright-Knox Art Gallery in Buffalo im letzten Sommer – als „A Sculpture Retrospective“ angekündigt. Allerdings wird nicht klar, ob es das mit dem Werk von Indiana war. Eine Chronologie fehlt, schon eine Vita wäre hilfreich gewesen. Die Texte gehen – nur auf Englisch – sinnvollerweise aus unterschiedlichen Perspek68

tiven an das Werk heran: aus dessen Genese oder aus der handwerklichen Zusammenarbeit mit dem Künstler. Ein Interview mit Robert Indiana wäre eine gute Ergänzung gewesen. Der Kerber-Verlag hat einen hervorragenden Job gemacht, aber es bleibt der Eindruck, hier wäre mehr „drin“ gewesen. Obzwar ebenfalls in Amerika und fast zur gleichen Zeit: Wie anders als die Pop-Art ist die Malerei von Mark Rothko (1903-1970)! Seine Familie ist 1913 aus Lettland in die USA eingewandert, wo er zu einem der wichtigsten Vertreter der Farbraum- und Farbfeldmalerei wurde. Rothkos oft an der Monochromie orientierte, mit „weichen“ horizontalen Balken geteilte Farbmalerei entwickelt sich als Schleier in die Bildtiefe, bleibt unbegreiflich und erzeugt eine meditative Gestimmtheit. Nicht zuletzt durch dieses Unfassbare seiner Bilder, die mehr Raum als Fläche sind, und seinen Selbstmord ist Rothko, der bereits zu Lebzeiten hoch angesehen war, zu einer legendären Persönlichkeit der jüngsten Kunstgeschichte geworden. Die Zeit rückt aber auch einiges zurecht, und dazu trägt nun die umfangreiche Biografie bei, die vor einer allzu engen Verknüpfung von geistiger Verfasstheit und Malerei warnt. Der Autor ist Mark Rothkos Sohn Christopher, der beim Selbstmord seines Vaters (die Mutter starb wenige Wochen danach an Herzversagen) gerade sechs Jahre alt war. Er wurde Psychologe, hat den Beruf aber an den Nagel gehängt, um sich gemeinsam mit seiner Schwester der Verwaltung und Vermittlung des Werkes zu widmen. Die Verwandtschaft macht die Sache einfach und kompliziert, denn nun gilt es abzuwägen,


Weltempfänger: Georgiana Houghton, Cosmic Theater,

Hilma af Klint,

The Art of Lee Mullican, engl.,

Emma Kunz,

80 Seiten mit 63 Farbabbildungen,

272 S. mit 200 Abbildungen,

Hardcover, 28 x 24 cm,

Hardcover, 26,5 x 21,5 cm,

Scheidegger & Spiess, 38,- €

Hirmer Verlag, 39,90 €

was Beeinflussung und Auslegung des Sohnes ist. Zudem kommt es immer wieder zu ausschweifenden Exkursen und Analogien, in denen sich der Psychologe zur Sicht des Psychologen bekennt. Aber Christopher Rothko unternimmt die subjektive Annäherung eben mit dem denkbar besten Wissen und anhand des Familienarchivs und mit den Bildern und ihren Vorskizzen vor Augen. Und sein Erzählduktus ist souverän, vergnüglich, dabei nicht uneitel, mithin ausschweifend, aber warum nicht? – Und das, begleitet von zahlreichen Farbtafeln, im noblen Design des Schweizer Piet Meyer Verlags. Wunderbar!

Kunst verpflichtet. Eine weitere Quelle ist – einem Teil seiner Bilder sichtlich eingeschrieben – die präkolumbianische Kunst. Auch für Van Gogh hat er sich interessiert. Er übernimmt die Sonne als Sujet: All das findet sich in den Gemälden unmittelbar im Licht und im pulsierenden Rapport geordneter Stricheleien zwischen Ornament und Gegenstand wieder. Michael Auping beschreibt dies gewissenhaft und ausschließlich. Das Buch liefert keinen Werküberblick, aber einen intensiven Einblick. Ein bedeutender Maler wird in der Monografie von Scheidegger & Spiess für den deutschsprachigen Raum entdeckt. Ein Anfang ist gemacht.

Im Übrigen, stärker subjektiv ist der einführende Text der Monografie zu Lee Mullican (1919-1998), einem weiteren abstrakten US-amerikanischen Maler dieser Zeit. Dieses relativ überschaubare Buch, herausgegeben von seiner New Yorker Galerie, leidet und gewinnt durch die Vertrautheit seines Autoren Michael Auping, der bis zu seiner Pensionierung als Museumskurator tätig war und Lee Mullican in diesem professionellen Kontext seit den frühen 1970erJahren kannte. Auping verortet Lee Mullican ganz in einer spirituellen Welt. Eine Vita fehlt leider – auch hier –, aber wenn der Autor äußere Daten erwähnt, zeigt sich, dass der Künstler mit beiden Beinen im Leben stand, in den Sammlungen von über 30 Museen in den USA vertreten ist, an Universitäten gelehrt hat und im Übrigen zwei in diesem Metier erfolgreiche Söhne hat. Der eine ist der heutige Welt-Künstler Matt Mullican und der andere der Filmregisseur John Mullican, der auch einen Film über seinen Vater gedreht hat. Lee Mullican war von früh an gut vernetzt, zusammen mit Wolfgang Paalen und Gordon Onslow Ford bildete er 1949 bis 1951 in San Francisco die surrealistisch orientierte „Dynaton“-Gruppe und blieb fortan dem Unbewussten und Spirituellen als Impetus der

Das Spirituelle und Kosmische ist ebenso in der Kunst in Europa ein Thema. Unter dem schönen Titel „Weltempfänger“ hat das Lenbachhaus München vor kurzem die Bilder von drei sehr verschiedenen Künstlerinnen ausgestellt, die, im 19. und frühen 20. Jahrhundert, bereits vor der „Erfindung“ der Abstraktion in der Moderne, ungegenständlich gemalt und gezeichnet und sich dafür auf das Übersinnliche und die Naturgesetze als Quellen berufen haben. Georgina Houghton, Hilma af Klint und Emma Kunz haben ihre Bilder aber selbst nicht als Kunst (im Sinne des Ausstellungswesens) verstanden, sondern als Medium. Sie haben dazu jeweils eigene Verfahren entwickelt und die Bilder bei Séancen geschaffen. Ihre Werke sind kaum datiert, erst recht nicht signiert und eher kleinformatig. Als Buch (das im hinteren Teil weitere Künstler vorstellt) ist dies vom Hirmer Verlag wunderbar umgesetzt, in der Großzügigkeit respektvoll mit den Abbildungen umgehend. Es hat lange gedauert, bis jede der Künstlerinnen in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, und es gibt noch nicht so viel deutschsprachige Literatur über sie. Auch deswegen ist – zumal im vergleichenden Sehen – diese Publikation so wichtig. 69


Paragrafenreiter

Von der Kunst, Gutes zu tun „Indem wir das Wohl anderer erstreben, fördern wir unser eigenes.“ Platon Stiftungen haben in Deutschland eine lange Tradition und sind sehr angesehen. Derzeit sind fast 23 000 rechtsfähige Stiftungen bekannt, davon haben 95% einen gemeinnützigen Zweck. Als die ältesten Stiftungen in Deutschland gelten die Vereinigten Pfründnerhäuser Münster und die Hospitalstiftung Wemding, welche im 10. Jahrhundert gegründet wurde. Bereits im Mittelalter verband die Stifter das Begehren, etwas Gutes zu tun und zu bewegen. Dabei sind bis heute die Motive für die Gründung einer Stiftung vielschichtig. Bei der Gründung von Familienstiftungen überwiegt der Gedanke, innerhalb eines Unternehmens Beständigkeit zu bewahren und zudem das Lebenswerk des Unternehmers vor einer Zerschlagung aufgrund von Erbstreitigkeiten zu schützen. Bei der gemeinnützigen Stiftung hingegen ist der Grundgedanke des Stifters, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen gemeinsam Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen. Zu diesem Zweck stellt er sein Vermögen der Stiftung zur Verfügung. So unterschiedlich, wie die Beweggründe der Familienstiftung und der gemeinnützigen Stiftung sind, stellt sich auch ihre Besteuerung dar. Stiftungen, die ausschließlich und unmittelbar gemeinnützigen, mildtätigen oder kirchlichen Zwecken dienen, sind per Gesetz von der Körperschaftsteuer befreit. Gemäß Abgabenordnung verfolgt eine Körperschaft dann einen gemeinnützigen Zweck, wenn ihre Tätigkeit darauf ausgerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem und sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern. Die Förderung darf somit nicht lediglich einem abgeschlossenen Personenkreis zugutekommen. Zudem darf die Stiftung weder selbst noch zu Gunsten ihrer Mitglieder eigennützige oder eigenwirtschaftliche Zwecke verfolgen (selbstlos).

perschaftsteuer. Eine Familienstiftung liegt nach höchstrichterlicher Rechtsprechung vor, wenn gemäß Satzung der Zweck der Stiftung darin besteht, das Vermögen überwiegend zu privaten Zwecken zu nutzen. Dabei wird eine Familienstiftung angenommen, wenn der Stifter, seine Angehörigen und deren Nachkommen zu mehr als 50% bezugs- oder anfallsberechtigt sind oder lediglich zu mehr als 25% bezugs- oder anfallsberechtigt sind und zusätzlichen Einfluss auf die Geschäftsleitung der Stiftung haben. Die Familienstiftung ist, wenn sie ihren Sitz im Inland hat, unbeschränkt körperschaftsteuerpflichtig und bei Überschreiten normierter Grenzen ebenfalls buchführungspflichtig. Unabhängig von Unterschieden in der steuerlichen Behandlung ist der Vermögenserhalt bei Verwirklichung des Stiftungszweckes bei jeder Stiftungsform oberstes Gebot. Dabei muss das der Stiftung anvertraute Vermögen dauerhaft bewahrt werden. Der Zweck ist mit den Erträgen zu verwirklichen, die mit dem Vermögen erwirtschaftet werden. Ist dies gewährleistet, stellen Stiftungen eine sehr sinnvolle Gestaltungsmöglichkeit zur Zweckbindung von Vermögen dar. Julia Neusel-Lange

Julia Neusel-Lange Steuerberaterin und Prokuristin bei der Rinke Treuhand GmbH Leiterin der Niederlassung

Familienstiftungen hingegen zählen zu den steuerpflichtigen Stiftungen und unterliegen ertragsteuerlich der Kör70

Wuppertal der ETL ADHOGA Steuerberatungsgesellschaft AG


Kulturtipps AUSSTELLUNGEN: Skulpturenpark Waldfrieden Hirschstraße 12, 42885 Wuppertal 25. Mai bis 11. August 2019 Hede Bühl – Skulpturen Das Werk von Hede Bühl (geb. 1940) ist durch Werkgruppen charakterisiert, die fast ausschließlich die menschliche Figur zum Thema haben. Dabei geht es der Künstlerin nicht um individuellen Ausdruck, sondern um grundsätzliche skulpturale Fragen. Als ihr „Haupt-Thema“ bzeichnet die Künstlerin ihre Kopfskulpturen. Sie sind auf einfachste Grundformen reduziert, aber durch Dehnungen, Wölbungen, Bänder und Klammern akzentuiert. Die Betrachter fühlen sich zu Interpretationen herausgefordert, ohne dass diese Arbeiten sich einer einzelnen Lesart schlüssig öffnen. Sie bewahren ihr Geheimnis und ihre Mehrdeutigkeit. Eine Auswahl dieser großformatigen Skulpturen, die aus Stein, Bronze, seltener aus Aluminium gefertigt sind, sind in Hede Bühls Ausstellung im Skulpturenpark Waldfrieden zu sehen.

Otto Boll, Helix 7, Foto: Achim Kukulies

29. Juni bis 22. September 2019 Otto Boll – Skulpturen Otto Bolls Werk kennzeichnet ein hohes Maß an Reduktion, die sich in vielen seiner Skulpturen dem Ursprung jeglichen bildnerischen Schaffens, der Linie, nähert. Für die Ausstellung hat Otto Boll eine Auswahl getroffen, bei der es in des Künstlers eigenen Worten um „Begegnung mit einem Gegenüber im Raum, die körperliche Erfahrung des skulpturalen Gegenstandes“ geht. Voraussetzung dieser prozesshaften Erfahrung ist in der Tat Körperlichkeit als Bewegung des Betrachters, denn erst mit dieser Bewegung entfaltet sich die besondere Räumlichkeit der linearen, sehr eng mit der Zeichnung zusammenhängenden Skulpturen. Ihre lineare Formgebung weist nicht nur auf ihre Herkunft aus der Zeichnung. Fast immer scheint sie auf einen Punkt zu deuten oder irgendwo hinzuzielen, nur um sich dort zu verlieren. So stehen sich Vollendung und Auflösung in der Formensprache Otto Bolls ausdrücklich gegenüber.

Hede Bühl, Großer Kopf VII, 2000-2001, © VG Bildkunst Bonn 2019, Foto: Michael Richter

24. August bis 24. November 2019 Joan Miró – Skulpturen Anfangs noch vom Dadaismus und Surrealismus beeinflusst, vollzog der spanische Künstler Joan Miró Mitte der 1920er-Jahre einen grundlegenden Stilwechsel, der ihn zu einem der bedeutendsten Vertreter der Klassischen Moderne machte. Als Maler und Bildhauer schuf der in Barcelona geborene Künstler ein bedeutendes Œuvre, das in einer Reihe mit Werken von Pablo Picasso, Henri Matisse und Georges Braque steht. Zehn dieser zum Teil großformatigen Arbeiten werden ab 24. August im Skulpturenpark Waldfrieden zu sehen sein. Die Ausstellung findet in Kooperation mit dem Yorkshire Sculpture Park statt. Joan Miro, Femme, 1981, © VG Bildkunst Bonn 2018, Joan Miro, Foto: Michael Richter

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Von der Heydt-Museum Turmhof 8, 42103 Wuppertal noch bis Sonntag, 22. September 2019 1919-2019

HUNDERT JAHRE MODERNE

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, war das Museum zerstört und musste konstatieren, dass mehr als 1000 seiner Gemälde geraubt, abhandengekommen und verschollen, mehr als 500 vernichtet waren. Die bedeutende Sammlung hatte schwer gelitten, doch sofort gingen der Kunst- und Museumsverein und die Museumsdirektoren daran, die Sammlung wieder aufzubauen. Neben zahlreichen Ankäufen war es die Schenkung Eduard von der Heydts, die das Museum wieder zu einem Ort der Avantgarde und zu einem Haus mit einer Sammlung machte, die von 2000 v. Chr. bis in die aktuelle Gegenwart reicht. In den folgenden Jahren sammelte das Museum in zwei Richtungen: zum einen rückwärtsgewandt, um die Lücken in der Sammlung wieder zu schließen, zum anderen nach vorne, um den aktuellen Strömungen der modernen Kunst Raum zu geben. Auch wenn längst nicht alle Verluste wieder wettgemacht werden konnten, ist so eine hochkarätige Sammlung entstanden, die jetzt wieder behaupten kann, zu den wichtigen Kunstsammlungen Deutschlands zu zählen.

noch bis Sonntag, 25. August 2019

Peter Schenck

Der berühmteste Elberfelder, der jemals in Vergessenheit geriet Peter Schenck (ca. 1660-1718) gilt als der Miterfinder des Farbstiches. Die Kunstgeschichtsschreibung zählt ihn zwar zu den Niederländern, doch geboren wurde er in (Wuppertal-) Elberfeld. Im 17./18. Jahrhundert, einer Zeit, die als Hochblüte europäischer Bildkunst gilt, erzielte er beachtliche kommerzielle Erfolge als Druckgrafiker, Verleger und Hofgraveur von König August dem Starken von SachsenPolen. Die Ausstellung des Von der Heydt-Museums rückt diesen bislang wenig beachteten Künstler erstmals wieder ins Rampenlicht. Das Museum verfügt über ein ansehnliches Konvolut druckgrafischer Werke von Schenck, die es nun erstmalig im Rahmen einer Ausstellung zeigt. Die Sonderschau mit seinen faszinierenden Grafiken soll nicht nur die thematische Vielseitigkeit und Könnerschaft des Künstlers ausweisen, sondern auch ästhetische und technische Fragen beleuchten. Im Dialog mit den Grafiken von Schenck präsentiert die Schau Werke seiner Zeitgenossen, um die Bedeutung dieses Elberfelders angemessen zu würdigen. Peter Schenck, bunter Vogel, Von der Heydt-Museum Wuppertal

Die Ausstellung präsentiert Highlights der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, beginnend mit Carl Hofer, Otto Dix und Karl Röhrig, über die Surrealisten und die Kunst des Informel hin zu Zero, der konkreten Kunst, zur neuen Figuration der 80er- und 90er-Jahre, zu Tendenzen der Farbfeldmalerei und zu den allerneuesten Erwerbungen des Museums. Die Ausstellung umfasst ca. 120 Gemälde, Arbeiten auf Papier und Skulpturen. 72

Neuer Kunstverein Wuppertal Hofaue 51, 42103 Wuppertal Sa., 13. Juli, bis So., 18. August 2019

BOX

Mit Stella Jermann, Manuel Gröger, Nico Pachali und Jonas Hohnke Eröffnung: Freitag, 12. Juli, 2019, 19 Uhr Freitag, 6. September, bis Samstag, 12. Oktober 2019

Katrin Roeber

Eröffnung: Freitag, 6. September 2019, 19 Uhr In dem Werk von Katrin Roeber bilden zum einen oft historische Gattungen einen Subtext in ihrer Malerei und ihren Installationen, zum anderen ist ihr Œuvre geprägt von einem Prinzip der Collage, bei dem die Verbindung disparater Elemente über die faktische Realität des Motivs hinausweist und unterschiedliche Referenzebenen miteinander in Bezug gesetzt werden. Ihre Bilder und Installationen sind Ergebnis eines dialektischen Prozesses aus eigener Wahrnehmung und kunsthistorisch geprägten Vorstellungen. Sie sind damit Ergebnisse einer Auseinandersetzung mit ästhetischen Ideen. Sie visualisieren den künstlerischen Prozess und die Erfahrungen von Katrin Roeber, die die Betrachterinnen und Betrachter sehend nachempfinden und auf dessen Grundlage sie eigene, neue Vorstellungen entwickeln können. Bachbett, © Katrin Roeber


Galerie GRÖLLE pass:projects Friedrich-Ebert-Straße 143e, 42117 Wuppertal Freitag, 5. Juli 2019, 19 Uhr RAUM2

Sensation

Lydia Peter und Winnie Seifert

Jörn Stoya, Ici, 2018, Pigment auf Nessel, 190 170 cm, Courtesy Jörn Stoya und Petra Rinck Galerie; Foto: Achim Kukulies

Museum Morsbroich Gustav-Heinemann-Straße 80, 51377 Leverkusen 26. Mai 2019 bis 1. September 2019 Finissage Freitag, 5. Juli 2019, 19 Uhr

Maze Gaze

Isabel Kerkermeier

Alles Farbe

Jörn Stoya und die Sammlung des Museum Morsbroich Mit Arbeiten von Josef Albers, Carl Andre, Arman, Joachim Bandau, Georg Baselitz, Alexander Calder, Bernard Frize, Katharina Fritsch, Rupprecht Geiger, Alexej von Jawlensky, Donald Judd, Yves Klein, Imi Knoebel, Jeff Koons, Norbert Kricke, Sol LeWitt, Joseph Marioni, Charlotte Posenenske, Fiona Rae, Robert Rauschenberg, David Reed, Oskar Schlemmer, Jörn Stoya, Andy Warhol, Lawrence Weiner u. a.

„Jede Farbe erzählt eine eigene Geschichte“, so Jörn Stoya. „Sie hat nicht nur einen Klang, sondern auch einen eigenen Geschmack und Geruch.“ Mit den bloßen Händen bringt der Düs-

seldorfer Künstler (*1957 in Lüneburg) die puren Pigmente auf seine Leinwände. Seine energetischen Bilder lassen Farbe zum sinnlichen Erlebnis werden und den Betrachter in pulsierende Farbräume eintauchen. Stoyas Arbeiten mit ihrer teils flammenden Farbigkeit, der archaisch wirkenden Materialität ohne Pinsel aufgetragener Pigmente, verbindet mit den ausgewählten Sammlungsstücken eine teils puristisch wirkende Klarheit und einen dezidiert bejahenden Zugriff auf die Welt. Das Miteinander gestaltet sich mal harmonisch wie ein Familientreffen oder eine indirekte Hommage, mal wie ein Schlagabtausch. Zusammen schärfen sie unseren Blick auf die unterschiedlichsten Gebrauchs- und Wirkungsweisen der Farbe. 73


Projektreihe Gemischte Gefühle

BÜHNE:

Ins Blaue Kulturwerkstatt e.V.

Wuppertaler Bühnen Opernhaus Wuppertal

Verein für kulturelle Bewegung Siemensstraße 21, 42857 Remscheid So., 1., bis So., 29. September 2019

Wer an Wunder glaubt Projektreihe Gemischte Gefühle

Galerie Kirschey Alexander-Coppel-Straße 22, 42561 Solingen Ausstellung und Workshop 23. September 2019 bis 12. Oktober 2019

cross colour

Astrid Kirschey Solingen Marko Leckzut Wuppertal Graffiti-Workshop zum Weltkindertag (20. September 2019): 18. bis 20. September 2019, 16 bis 18 Uhr 21. September 2019, 15 bis 18 Uhr Vernissage Ausstellung (Solinger Lichternacht): 22. September 2019, 17 bis 23 Uhr Finissage Ausstellung 13. Oktober 2019, ab 16 Uhr

Astrid Kirschey und Marko Leckzut kombinieren Fotografie und Graffiti als „Summe seiner Teile“. Es entsteht eine kreative Kreuzung dieser Medien, die ganz eigene Geschichten erzählen. Zusätzlich arbeiten die Künstler nach dem Motto „Lust auf Raum“, um ihre Werke zu präsentieren. Rund um den Weltkindertag können Kinder und Jugendliche ab 12 Jahre, in einem Workshop unter Anleitung von Marko Leckzut Graffiti- und Maltechniken mit der Sprühdose erproben. Kursbeitrag: 15,- € pro Person. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Anmeldung unter 0163 629 41 39 oder marko@leckzut.de 74

Judith Funke Solingen, Düsseldorf Hans-Georg Inhestern Düsseldorf Eröffnung: Sonntag, 1. September 2019, 16 Uhr

Den poetischen Titeln gemeinsam ist ein innewohnender Zweifel. Zweifel können Hoffnungen und die Neugierde wecken. Judith Funke malt Tafelbilder, die zeichnerische und malerische Elemente beinhalten, Hans-Georg Inhestern bringt malerische und skulpturale Ansätze zusammen. Sie verknüpfen verschiedene Elemente und Einflüsse in prozessualen Bildfindungen. Auslöser sind jeweils archaische Ansätze, bei Judith Funke die Pfahlbauten und Landschaftsimpressionen, bei Hans-Georg Inhestern neben dem Material gefundene s/wFotos und Illustrationen. Das erlaubt dem Betrachter, „Wunder“ zu entdecken.

Kurt-Drees-Straße 4, 42283 Wuppertal Premiere Sonntag, 15. September, 18 Uhr

Oedipus Rex

Igor Strawinsky Einer der Ur-Mythen der klassischen Literatur in ungewöhnlicher Kobination: ein Abend über die Höhen und Abgründe menschlichen Handelns und Empfindens. Es wird die Hochzeit der verwitweten Königin Jokaste mit Oedipus, dem Erretter der Stadt Theben vor der Sphinx, gefeiert. Theben ist von der Pest bedroht. Das Orakel verkündet, dass die Seuche die Strafe dafür sei, dass der Mörder des Königs Laios noch unbehelligt in der Stadt lebe. Oedipus will den Mörder finden, doch die Nachforschungen ergeben, dass er selber nicht nur der Sohn des Laios ist, sondern auch dessen Mörder, und zudem mit Jokaste seine eigene Mutter geheiratet hat. Beide ertragen die Schuld nicht. Jokaste erhängt sich, und Oedipus sticht sich selber die Augen aus.


Sonntag, 8. September 2019

Theaterfest

Im Opernhaus begrüßen wir die neue Spielzeit mit einem Fest für die ganze Familie. Ob auf den Gängen, in den Foyers, hinter den Kulissen oder auf der großen Bühne: Im und um das gesamte Haus erwarten Sie ein abwechslungsreiches Programm, Kulinarisches und spannende Einblicke in die Theater- und Konzertwelt! Den krönenden Abschluss bildet eine abendliche Gala aller Sparten im Opernhaus. Premiere Schauspiel Samstag, 28. September 2019, 19.30 Uhr

Der Geizige

L‘Avare von Molière Deutsch von Wilfried Minks und Thomas Körner Inszenierung: Alexander Marusch Bühne und Kostüme: Gregor Sturm Harpagon liebt sein Geld über alles. Probleme machen ihm dagegen der renitente Nachwuchs und das verschwenderisch agierende Personal. Sein Sohn Cléante will die mittellose Mariane heiraten, seine Tochter Elise schwärmt für Valère, der sich bei Harpagon als Diener eingeschlichen hat. Ginge es nach dem Vater, würde Cléante eine reiche Witwe ehelichen, während Elise mit dem greisen, aber reichen Anselme zwangsverheiratet würde. Doch die Kinder spielen nicht mit. Harpagons Geiz nimmt groteske Züge an – aus Angst vor Dieben hat er sein Vermögen im Garten vergraben und bekommt Panikattacken bei dem Gedanken, dass jemand dieses Versteck aufspürt. Doch genau das passiert, denn die Jungen haben begriffen, dass Harpagons Geldkassette das perfekte Druckmittel ist, um ihn auszutricksen.

Theater am Engelsgarten Engelsstraße, 42283 Wuppertal Premiere Samstag, 5. Oktober 2019, 19.30 Uhr

Das Missverständnis

Le Malentendu von Albert Camus Deutsch von Hinrich SchmidtHenkel Inszenierung Martin Kindervater Bühne und Kostüme Anne Manss

Nach 20 Jahren kehrt der verlorene Sohn in seine Heimat zurück. Er will Mutter und Schwester an seinem Wohlstand

teilhaben lassen. Da er auf ein Zeichen des Wiedererkennens, ein Zeichen der Liebe warten will, quartiert er sich – zunächst ohne seine Identität preiszugeben – im Gasthaus der Familie ein. Mutter und Schwester – die Daheimgebliebenen – sehnen sich nach all dem, was der Sohn erreicht hat: Liebe und Glück. Sie wollen unbedingt ans Meer, an einen Ort, an dem „die Sonne alle Fragen tötet“. Um dort hinzukommen, bringen sie alleinreisende, solvente Herren um und nehmen ihnen ihr Geld ab. Auch dem unerkannten Sohn wird der todbringende Tee aufs Zimmer gebracht ... Albert Camus, der Literaturnobelpreisträger und frühe Popstar unter den Philosophen, veröffentlichte sein Stück 1944 in einem besetzten Land, „fern von allem, was ich liebe“. Die Geschichte vom verlorenen Sohn, der von Mutter und Tochter aufgrund eines Missverständnisses umgebracht wird, taucht bereits im Roman „Der Fremde“ auf, an dem Camus zeitgleich arbeitete. Er selbst bezeichnete „Das Missverständnis“ als „ein Stück der Auflehnung“ mit einer Moral: Aufrichtigkeit.

Kultur auf der Siegesstraße Das Programm im Oktober, November, Dezember 2019

Samstag 12. Oktober 19 Uhr

Klavierkonzert für vier Hände

Freitag 15. November 19 Uhr

Doc Martin & the fabulous BARBAND

Freitag 20. Dezember 19 Uhr

Dreams Divine

Das Piano-Duo Emotion Lea-Yoanna Adam und Denis Ivanov präsentieren ein Klavierkonzert für vier Hände. Erleben Sie Stücke von Chopin, Debussy, Schubert-Liszt und Rachmaninov in höchster Virtuosität. Vocal/Keyboard, Bass/Vocal, Drums/Cajon, Saxophon Seit mehr als 20 Jahren ist der Name der Band Programm: Lässig beschwingte, doch zugleich ausdrucksstarke Songs mit Tiefe und Charakter, die an die Größen der 70er und 80er wie Supertramp oder Joe Jackson erinnern. VVK: 10 €, AK: 12 € Luisa Schubert, Karolin Pickshaus und Giusi Romano Erleben Sie mit Dreams Divine ein herrliches Weihnachtskonzert im festlich geschmückten Saal. Singen Sie mit den Künstlerinnen gemeinsam die schönsten Weihnachtslieder. Ein stilvoll feierlicher Auftakt in die Hochweihnachtszeit. VVK: 10 €, AK: 12 € Anmeldung/Onlinebuchung: www.larena-wuppertal.de „l‘aréna“, Siegesstraße 110, 42287 Wuppertal

Tel.: 02 02 / 42 97 83 - 50/51/52, info@larena-wuppertal.de

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MUSIK: Sohn zu musizieren. Das Publikum darf sich sowohl auf komplex arrangierte als auch ausgedehnt improvisierte Passagen freuen. Es werden Eigenkompositionen aller drei Musiker und ausgesuchte Cover-Versionen aus Jazz und Pop zu hören sein.

Musik kommen beim Anhören voll auf ihre Kosten, denn die drei Musiker harmonieren glänzend miteinander. Exzellent passen wirbelnde, komplexe Schlagzeugfiguren und kunstfertige Bassriffs zu Hibys kraftvollem, energiegeladenem Spiel.

JO

Samstag, 21. September 2019, 20 Uhr

Jazz Club im Loch

Klaus Heidenreich Quartett

Ecke Ekkehardstraße/Plateniusstraße 42105 Wuppertal Samstag, 7. September 2019, 20 Uhr

JO

Jo Beyer Schlagzeug/Komposition Sven Decker Tenorsaxofon Roman Babik Klavier Andreas Wahl E-Gitarre/12-saitige Akustikgitarre

Schreibe deine Lieblingsmusik, finde deine Lieblingsmusiker, gib dem Ganzen einen Namen, und fertig ist die Lieblingsband! Kompromissloser Spaß mit vertrackt hitverdächtigen Kompositionen, gespielt von einigen der allerfeinsten Improvisatoren des zeitgenössischen Jazz. Donnerstag, 12. September, 20 Uhr E.J.F.T – EichlerJazzFamilyTrio Wolfgang Eichler Piano, Keyboards, Gesang Inga Eichler Kontrabass/Gesang Hendrik Eichler Drums, Perkussion Der gebürtige Wuppertaler Wolfgang Eichler ist als Pianist, Jazz- und Filmmusikkomponist tätig. Inga Eichler lebt nach abgeschlossenem Jazzstudium an der Royal Academy London ebendort und besucht für dieses Konzert ihre Heimatstadt. Hendrik Eichler, Jazzstudent an der ArtEz University Arnheim, hat es nicht ganz so weit und hält die Band mit dynamischen Latin-, Swing– und Fusion-Rhythmen zusammen. Eine besondere Gelegenheit also für Wolfgang Eichler, mit Tochter und 76

Hiby, Bardon, Hession, Foto: Antje Zeis-Loi

Samstag, 14. September, 20 Uhr

Hiby/Bardon/Hession Trio Hans Peter Hiby Saxofon Michael Bardon Kontrabass Paul Hession Schlagzeug Dieses Trio entwickelte sich aus dem 1986 gegründeten Hiby/Hession Duo, als sich die beiden Musiker in Hibys Heimatstadt Wuppertal trafen. Im Laufe der Jahre wurde das Duo um Kontrabassisten wie Roberto Bellatalla, Marcio Mattos, Peter Kowald und Dieter Manderscheid erweitert, aber erst 2016 bildete sich das heutige Trio mit dem jungen irischen Bassisten Michael Bardon. Er ist der perfekte Hintergrund für die beiden anderen Musiker, fungiert als melodischer Drehpunkt, und die daraus resultierende Musik ist leidenschaftlich und suchend, während sie eine volle Dynamik mit Anspielungen auf eine frühere Jazztradition ausgleicht. Dieses Trio nimmt den Hörer mit auf eine Reise, indem es die formalen Möglichkeiten, die jeder Begegnung innewohnen, vollständig auslotet und sensibel aufeinander eingeht sowie die einzigartigen akustischen Eigenschaften jeder Spielumgebung mit einbezieht. Die Freunde der frei improvisierten Cajlan-Wissel-Nillesen, Foto: Sinisa Cajlan

Klaus Heidenreich Posaune Sebastian Sternal Piano Robert Landfermann Bass Jonas Burgwinkel Schlagzeug Das Klaus Heidenreich Quartett setzt sich aus gestandenen Vertretern der jungen deutschen Jazzszene zusammen. Zwischen Jazztradition und Moderne ist die Musik geprägt vom Gespür der vier Musiker füreinander.

Klaus Heidenreich Quartett

Samstag, 28. September 2019, 20 Uhr

Cajlan-Wissel-Nillesen

Dušica Cajlan Extended Piano Etienne Nillesen Extended Snare Drum Georg Wissel Prepared Alto Sax Das Trio überzeugt mit faszinierendem, einfallsreichem, lebhaftem und feinsinnigem Spiel. Cajlan-Wissel-Nillesen arbeiten kontinuierlich an der Weiterentwicklung ihrer konzentrierten Ensemblesprache der freien Improvisation und stellen dabei die Qualitäten von Klang, Ton und Geräusch mit offenen Formen, präzise ausformulierten Strukturen und akzentuierten Rhythmen ins Zentrum ihres Zusammenspiels.


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Neue reformierte Kirche Sophienstraße 3b, 42103 Wuppertal Premiere Freitag, 27. September 2019, 19 Uhr Gast: Tanzchor 60+

Klangforschung auf den Spuren der Vögel Partita Radicale, Foto: Marc Strunz-Michels

KuKuNa Hünefeldstraße 52c . 42285 Wuppertal Samstag, 6. Juli 2019, 18 Uhr

Electric Garden

KuKuNa Sommerlounge 2019 In diesem Jahr wird Resident-DJ Miss Ingwer Rogers zusammen mit der Pianistin und Sängerin Maria Basel aka RIA die DJ-Sets gestalten. RIA hat vor etwa einem Jahr mit dem Mixen begonnen und kommt mittlerweile häufig im LOCH und in der MAUKE zum Einsatz. Ingwer Rogers wurde stadtbekannt, als sie vor zwei Jahren zur Prime Time bei der Wiedereröffnungs-Rave der Wuppertaler Hauptverkehrsader B7 mitten auf der Straße ein eklektisches Technound House-Set spielte. Nach Einbruch der Dunkelheit wird beim Late Night Special der musikalische Leiter des Electric Garden, Charles Petersohn, eine Ambient Dub Music live zu einem geheimnisvollen Videoloop des Filmemachers Frank N gestalten. Last not least wird der Objektkünstler Hans Hoge Lichtobjekte fürs KuKuNa gestalten und die Wände der Kirche illuminieren.

„Vom Vogel, der nachts nicht mehr nach Hause fand“, heißt das neue Projekt des Ensembles für neue und improvisierte Musik Partita Radicale. Die in Wuppertal und Köln ansässigen Musikerinnen Gunda Gottschalk (Violine), Ortrud Kegel (Querflöte), Karola Pasquay (Querflöte) und Ute Völker (Akkordeon), die seit mehr als 20 Jahren zusammenarbeiten, kooperieren dabei erstmals mit dem Experimentalchor Alte Stimmen, Köln. Gemeinsam betreiben die Musikerinnen und der über 50 Köpfe zählende Chor, in dem das Mindestalter 70 Jahre ist, Klangforschung mit Stimme und Instrumenten. Ihr Thema ist brandaktuell: Es geht um die Verminderung und das Verschwinden der Habitate von Tieren, insbesondere der Vögel. Was allenthalben zu beobachten ist, gehen die Musikerinnen und Sängerinnen über das Hören an. Was wird aus der „Sinfonie der Natur“, wenn die Lebensräume ihrer Bewohner verschwinden? Mit komponierten Elementen und improvisatorischen Freiräumen spüren Musikerinnen und Chor dieser Frage nach. An allen Spielorten wirken außerdem lokale Ensembles als Gäste mit. Weitere Termine: 29. September: Bochum Anneliese Brost Musikforum (Gast: Akkordeonensemble „D’Accord“), 2. Oktober: Köln Alte Feuerwache (Gast: Theaterensemble FSK 60). Beginn jeweils 19 Uhr. www.partitaradicale.de

Electric Garden, Foto: Olaf Joachimsmeier


Frühstück bei Tiffany, © Paramount

Talflimmern-Publikum, © cinopsis

KINO: Alte Feuerwache, Innenhof Gathe 6, 42107 Wuppertal Freitag, 12 Juli 2019 Auftakt Talflimmern Zum Auftakt steht das Karlo Wentzel Trio auf der Livebühne, als Eröffnungs-Filmklassiker wird anschließend Frühstück bei Tiffany mit Audrey Hepburn gezeigt. An den insgesamt acht langen Wochenenden Freiluftkino im Innenhof der Alten

Feuerwache an der Elberfelder Gathe setzen die Programmmacher unverändert auf einen bewährten Mix aus internationaler Filmkunst und anspruchsvollem Mainstream. Zu den Highlights der Spielzeit zählen die Oscar-Gewinner Bohemian Rhapsody und Green Book, Andreas Dresens hochdekoriertes Werk Gundermann und die Hape-Kerkeling-Hommage Der Junge muss an die frische Luft. Darüber hinaus wird es einen Benefizabend, mehrere Previews, eine Greenpeace-Diashow und abschließend das

populäre Spektakel Ocean Film Tour 2019 geben. www.talflimmern.de

Haus Martfeld Haus Martfeld 1, 58332 Schwelm Freitag, 19. Juli 2019

Open-Air-Kino

Livemusik und kulinarisches Angebot ab 19.30 Uhr Filmvorführung ab ca. 21.30 Uhr Green Book Eintritt frei

9, 11 Uhr 7. Juli 201 nst im Gottesdie eck f Lüntenb S chlossho

Gut für Neues: Nanas - das neue Café im Schloss Täglich wechselnde Tagesgerichte, hausgemachter Kuchen, frische Waffeln Christian v. Grumbkow Atelier und Kunstschule in Kürze: schmiedet zusammen Goldschmiedewerkstatt, Trauringkurse Im Laufe des Jahres können Sie noch mehr Neues entdecken – wir freuen uns auf Sie!

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Schloss Lüntenbeck, 42327 Wuppertal www.schloss-luentenbeck.de


„die beste Zeit“ Das Kulturmagazin im Bergischen Land erhalten Sie bei:* Wuppertal Elberfeld Bloom Event Thomas & Sabine Haase, Friedrich-Ebert-Str. 66, 42103 Wuppertal, (0202) 97 11 37 23, facebook:@bloomevent.de Buchhandlung v. Mackensen Fr.-Ebert-Str., Ecke Laurentiusstr. 12, 42103 Wuppertal, (0202) 30 40 01, www.mackensen.de Buchhandlung Thalia Wuppertal City-Arkaden, Alte Freiheit 9, 42103 Wuppertal, (0202) 69 80 30, www.thalia.de Glücksbuchladen Kerstin Hardenburg, Friedrichstraße 52, 42105 Wuppertal, (0202) 37 29 00 58, www.gluecksbuchladen.de Kunstgalerie Hashemi Rathausgalerie, Karlsplatz 165, 42105 Wuppertal, (0202) 4 29 74 67, kunsthashemi@yahoo.de Looping Luisenstraße 71 b, 42103 Wuppertal, (0202) 31 01 06, www.looping-mode.net RELAY. Wuppertal Hauptbahnhof, Döppersberg 37, 42103 Wuppertal, www.my-relay.de Von der Heydt-Museum Museumsshop, Turmhof 8, 42103 Wuppertal, (0202) 563 6231, www.von-der-heydt-museum.de Wuppertal Barmen Bücherladen Jutta Lücke Hünefeldstraße 83, 42285 Wuppertal, (0202) 8 83 53 Café und Buchhandlung im Barmer Bahnhof Winklerstraße 2, 42283 Wuppertal, (0202) 59 53 85,www.joliso1904.de DruckStock Ulrike Hagemeier, Fr.-Engels-Allee 173, 42285 Wuppertal, (0151) 57 66 46 14, www.druckstock-hagemeier.de Musikhaus Landsiedel-Becker Höhne, Ecke Werther Hof, 42275 Wuppertal, (0202) 59 21 57, www.landsiedel-becker.de RELAY. Wuppertal-Oberbarmen Bahnhof, Berliner Platz 15, 42277 Wuppertal, www.my-relay.de Skulpturenpark Waldfrieden Hirschstraße 12, 42285 Wuppertal, (0202) 3 17 29 89, www.skulpturenpark-waldfrieden.de wuba Galerie Friedrich-Engels-Allee 174, (0179) 7 05 88 35, www.wuba-galerie-brigittebaumann.de Wuppertal Cronenberg Buchhandlung Nettesheim Hauptstraße 17, 42349 Wuppertal, (0202) 47 28 70, www.nettesheim.de Wuppertal Ronsdorf Ronsdorfer Bücherstube Christian Oelemann, Staasstraße 11, 42369 Wuppertal, (0202) 2 46 16 03, www.buchkultur.de Wuppertal Vohwinkel Buchhandlung Jürgensen Vohwinkeler Straße 1, 42329 Wuppertal, (0202) 73 09 42, www.buch-juergensen.de Friseursalon Capilli Heinrich Wermann, Manteuffelstr. 2, 42329 Wuppertal, (0202) 30 13 22, www.capilli.de Radevormwald Museum für Asiatische Kunst Sieplenbusch 1, 42477 Radevormwald, (02195) 93 16 76, www.asianart-museum.de Remscheid Buchhandlung Thalia Remscheid Alleestr. 74, 42853 Remscheid, (02191) 59 15 50, www.thalia.de Solingen Kunstmuseum Solingen Museumsshop, Wuppertaler Str. 160, 42653 Solingen, (0212) 25 81 40, www.kunstmuseum-solingen.de Leverkusen Schloss Morsbroich Museumsshop, Gustav-Heinemann-Str. 80, 51377 Leverkusen, (o214) 8 55 56 28, www.museummorsbroich.de * bis zum Redaktionsschluss bekannt

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Erscheinungsweise: vierteljährlich Erfüllungsort und Gerichtsstand: Wuppertal Trotz journalistischer Sorgfalt wird für Verzögerung, Irrtümer oder Unterlassungen keine Haftung übernommen. Texte und Fotos: Bildnachweise/Textquellen sind unter den Beiträgen vermerkt. Haftung oder Garantie für Richtigkeit, Aktualität, Schreibweise, Inhalt und Vollständigkeit der Informationen kann nicht übernommen werden. Kürzungen bzw. Textänderungen, sofern nicht sinnentstellend, liegen im Ermessen der Redaktion. Für unverlangt eingesandte Beiträge kann keine Gewähr übernommen werden. Nachdruck - auch auszugsweise - von Beiträgen innerhalb der gesetzlichen Schutzfrist nur mit der ausdrücklichen Genehmigung des Verlages.

Wir lieben Stauden aus aller Welt

Verlag Wuppertal Schwebetal Verlag Wuppertal W. Barczat R. Küster H. Steidler J. Steinbach Friedrich-Engels-Allee 191a · 42285 Wuppertal Telefon: 0202 3134 31 · info@schwebetal-verlag.de www.schwebetal-verlag.de

Anja Maubach

Arends Staudengärtnerei Gartenplanung & Gartenschule

Offene Gartentür: Samstag, 24. August, 10–17 Uhr und Sonntag, 25. August, 11–16 Uhr Gartenberatung, Gartenseminare Lassen Sie sich inspirieren. Wir freuen uns auf Ihren Besuch! Öffnungszeiten: Mi bis Fr 10 –18 Uhr, Sa 9–16 Uhr

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Saitenspiel:

„In Liebe und Verehrung“

Die Konzertreihe „Saitenspiel“ widmet sich in Liebe und Verehrung den tschechoslowakischen Komponisten Gideon Klein, Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff, Hans Krása und Pavel Haas. Sie wurden in jungen Jahren vom damaligen NS-Regime verfolgt, in deutsche Konzentrationslager deportiert und dort ermordet.

Schumann Quartett

Pablo Barragán

Sonntag, 29.09. 2019, 18.00 Uhr

Samstag, 28.03. 2020, 18.00 Uhr

Schumann Quartett mit Pablo Barragán, Bassetklarinette

Meccore String Quartet

W. A. Mozart Streichquartett D-Dur KV 499 „Hoffmeister- Quartett“ Viktor Ullmann Streichquartett Nr. 3 op. 46 W. A. Mozart Klarinettenquintett A-Dur KV 581

Meccore String Quartet

Sonntag, 03.11. 2019, 18.00 Uhr

Sonntag, 29.03. 2020, 18.00 Uhr

Novus String Quartet

Bennewitz Quartett

W. A. Mozart Streichquartett B-Dur KV 458 „Jagdquartett“ Gideon Klein Streichquartett Nr. 2 (1941) Johannes Brahms Streichquartett e-moll, op. 51 Nr. 2

Pavel Haas Streichquartett Nr. 2 op. 7 „Von den Affenbergen“ (mit Schlagzeug) Franz Schubert Streichquintett C-Dur D 956

Bennewitz Quartett

Sonntag, 17.05. 2020, 18.00 Uhr

Jerusalem Quartet

Sonntag, 19.01. 2020, 18.00 Uhr

Rolston String Quartet Novus String Quartet

Rolston String Quartet

Leoš Janáček Streichquartett Nr. 1 „Kreutzersonate“ Hans Krása Streichquartett (1921) Passacaglia und Fuge (1944) für Streichtrio Pjotr Tschaikowski Streichquartett Nr. 2 F-Dur op. 22

Felix Mendelssohn Bartholdy Streichquartett a-moll op. 13 Erwin Schulhoff 5 Stücke für Streichquartett (1924) Ludwig van Beethoven Streichquartett B-Dur op. 130 mit Großer Fuge B-Dur op. 133 An jedem Montag nach den Sonntagsveranstaltungen finden zwei Konzerte für Schulklassen statt.

Jerusalem Quartet

Joseph Haydn Streichquartett Nr. 2 op. 72 „Quintenquartett“ Erwin Schulhoff 5 Stücke für Streichquartett (1924) Ludwig van Beethoven Streichquartett a-moll op. 132

Donnerstag, 11.06.’20, 18.00 Uhr

Prisma Quartett

Prisma Quartett

Zoltán Kodály Streichquartett Nr. 2 op.10 Pavel Haas Streichquartett Nr. 3 op. 15 Ludwig van Beethoven Streichquartett e-moll op. 59 Nr. 2 Veranstalter: Saitenspiele Wuppertal gGmbH

In der Historischen Stadthalle Wuppertal

www.saitenspiel.de

Profile for Willi Barczat

"die beste Zeit" Juli-September 2019  

"die beste Zeit" Das Kulturmagazin im Bergischen Land

"die beste Zeit" Juli-September 2019  

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