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ISSN 18695205

Welt.Labor Das ArToll Kunstlabor ist (k)eine Insel Ausstellung Edouard Manet im Von der Heydt-Museum Tanztheater Interview mit Adolphe Binder Mode Fine Clothes aus Barmen Musik Erinnerungen an Hans Reichel

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Edouard Manet

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Editorial Liebe Leserinnen, lieber Leser, kennen Sie „Der Tag, an dem die Beatles (beinahe) nach Marburg kamen“? Eine Doku aus dem Jahre 2006, so gut & vergnüglich wie der Titel. Wie komme ich darauf? Die Beste Zeit widmet sich doch dem Bergischen! Nun, auch der 100. Todestag von Thelonious Monk ist kaum mit dieser Region in Einklang zu bringen, und das Foto auf Seite 52 belegt: Der Revolutionär des Jazz kam 1964 gleichfalls nur „beinahe“ nach Wuppertal. Auch mit diesem Foto wird ein Beitrag illustriert, der zum Besten gehört, was ich im Umkreis dieses Jubiläums gelesen habe. Der Saxophonist Schmidtke schreibt über Monk, er schreibt indirekt auch über sich, über ein Monk-Projekt, das er in Berlin, hoffentlich auch bald „im Tal“, aufführen wird. Wolfgang Schmidtke, das ist für mich Kultur in Wuppertal. Zu einem anderen Stück im Heft trägt er ebenfalls bei, zu einem Porträt von Hans Reichel, einem zentralen Vertreter der „sounds like whoopataal“, anlässlich seines 6. Todestages. Und wenn man mich fragte: „Was fällt dir ein zu Kultur in Wuppertal?“ – ich würde all die Personen und Institutionen nennen, die in diesem Heft versammelt sind. (Es sind, wie sagt man heute?, die assets der Kultur dieser Stadt.)

Das Von der Heydt-Museum mit einer Manet-Ausstellung (ich müsste schon deshalb hin, um die beiden Vokale kunsthistorisch besser auseinanderzuhalten: MAnet kommt vor MOnet); der Skulpturenpark von Tony Cragg wird 10; das Tanztheater Pina Bausch geht in die 44. Spielzeit; der Kölner Hochmut muss lernen: es gibt auch anderen Tanz im Tal („Tanzrauschen“, ab Seite 32); da ich gerade bei Alliterationen bin: auch Tuche im Tal sind ein Thema Wuppertaler Kultur (Halstenbach Fine Clothes ab Seite 42); jetzt brauche ich noch ein T, hier kommt es: die Gesellschaft zu Ehren des Schriftstellers Armin T Wegner wird 15 (ab Seite 66). Habe ich etwas/jemanden vergessen? Ja, vieles. Sie müssen schön selbst blättern & lesen. Erst dann können Sie sagen: Ich habe Beste Zeit verbracht. Mit Heft 4 des gleichnamigen Magazins. Michael Rüsenberg

Foto: Privat


Inhalt 4 Edouard Manet im Von der Heydt-Museum

Künstler, Bürger, Demokrat

4

Sommerprojekt WELT.LABOR

Das ArToll Kunstlabor ist (k)eine Insel

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Ein Rückblick

10 Jahre Skulpturenpark Waldfrieden

10

Zwischen Biografie und Geschichte

71. Internationale Bergische Kunstausstellung Interview mit Adolphe Binder

Ran ans Eingemachte

Laserscans im Schauspielhaus

Damit nichts verloren geht Nach vier Jahren eine institution

Tanzrauschen

20

24 2

16

20 24 30 32

Caterina Zinke fragt nach bei Helga Roßner

Integratives Tanztheater mit starken Gefühlen

38


32

Textile Schönheit

Halstenbachs in Barmen Kammermusik

Saitenspiel – die Saison 2017/2018 Thelonious Monk zum 100.

Misterioso

Zum 6. Todestag von Hans Reichel

„Er konnte unglaublich was“

42 48 50 54

Erste Premiere der Opern-Saison

Surrogate Cities plus Götterdämmerung

Verdis „Rigoletto“ in Wuppertal

Überzeugend neu erfunden

42

61

50

62

Happy Birthday

Internationale Armin T. Wegner Tage 2017 Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch

Zeiten des Umbruchs

Ausstellungen, Bühne, Literatur, Musik

66 70

Kulturtipps

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Verkaufsstellen

79

Impressum

80

54 3


Edouard Manet, „Frau mit Krug“ (Suzanne Leenhoff, später Manet), 1858-60, Öl auf Leinwand, 61 x 54,5 cm, © Ordrupgaard, Copenhagen, Foto: Anders Sune Berg

Künstler, Bürger, Demokrat Edouard Manet im Von der Heydt-Museum vom 24.10.2017 bis zum 25.02.2018

Das Von der Heydt-Museum zeigt einen Überblick über das gesamte Œuvre des künstlerischen Einzelgängers. 4


Edouard Manet, „Der Fischer“, um 1862, Öl auf Leinwand, 46 x 56 cm, © Von der Heydt-Museum Wuppertal

Warum Edouard Manet und seine Bilder gerade in die heutige Zeit passen, erklärt Museumsdirektor Dr. Gerhard Finckh.

Protagonisten dieser Gruppe, darunter Monet, Degas und Renoir, eng befreundet war.

Zeit seines Lebens erzeugte Edouard Manet (1832-1883) mit seinen Bildern Skandale, sei es 1863 mit dem „Déjeuner sur l’herbe“, 1865 mit der „Olympia“, 1867 mit seinem Pavillon an der Place de l’Alma oder 1877 mit seiner „Nana“, die wie viele Bilder Manets zuvor - von der Jury des „Salon“ als Provokation empfunden und zurückgewiesen wurde.

Manet war ein Einzelgänger, und vielleicht macht gerade diese Unabhängigkeit seine Sicht auf die Kunst und die Phänomene der Welt so neu und interessant, dass uns seine – oft rätselhaften - Werke bis heute faszinieren.

Manets Kunst war immer umstritten, und er selbst sah sich wohl auch als singulärer Vorkämpfer für eine neue Kunst und eine andere Sichtweise auf die Welt. Er wollte weder mit der „klassischen“ Historienmalerei noch mit dem Impressionismus etwas zu tun haben. So reichte er zwar seine Werke regelmäßig zu den jährlich stattfindenden SalonAusstellungen ein und wurde dort immer wieder abgewiesen, andererseits beteiligte er sich an keiner der acht Impressionisten-Ausstellungen, obwohl er mit einigen

Das von der Heydt-Museum Wuppertal unternimmt jetzt das Wagnis, das Werk dieses Bürgers mit Zivilcourage in einer groß angelegten Ausstellung neuen Publikumsschichten zu eröffnen und zugänglich zu machen. Wir zeigen 45 Gemälde, Leihgaben aus Tokio, New York, Sao Paulo, Stockholm und Melbourne, dazu Zeichnungen, Aquarelle, Fotos und auch Schlüsselwerke der Freunde Manets. Wir wollen dabei so weit wie möglich den „ganzen Manet“ zeigen, beginnend mit den ersten tastenden Versuchen als Schüler von Thomas Couture und endend mit den 5


Edouard Manet, „Das Dampfschiff, Seelandschaft mit Tümmlern“, 1868, Öl auf Leinwand, 81,4 x 100,3 cm, © Philadelphia Museum of Art

letzten, so wunderbar leichten, strahlenden Gartenbildern aus Rueil von 1882. Dabei geht es uns weniger um die großen, allbekannten Skandale, die seine Werke hervorriefen, sondern mehr um das Malergenie jenseits der Skandale, um seine Sicht auf die Gesellschaft im 2. Französischen Kaiserreich und auf das geistige Leben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Die Ausstellung ist in elf Kapitel gegliedert. Anfang und Ende der Ausstellung bildet die Realisierung der „Allegorie auf den Triumph Manets“, wie sie Paul Valéry vorgeschlagen hat, mithilfe der Werke der wichtigsten Künstler im Umfeld Manets. Wir wollen damit zeigen, wie sich Manet in den künstlerischen Diskurs seiner Zeit integriert, und zugleich, welche singuläre Position Manets Œuvre in diesem Kreis seiner Freunde und Weggenossen einnimmt. Weitere Räume sind Manet und den Skandalen, die er mit seinen Werken provoziert hat, Manets Verhältnis zur Fotografie, Manets Anfängen im Atelier Thomas Coutures und den Einflüssen der Schule von Barbizon auf Manets Frühwerk gewidmet. 6

Ein eigener Raum soll Manets Seestücke aufnehmen. Da Manet ursprünglich eine Laufbahn in der französischen Marine einschlagen wollte, verwundert es nicht, dass er sich auch später in seinen Gemälden mit allem dem Maritimen Verbundenen auseinandersetzte; so malte er immer wieder Motive der Seefahrt, wobei seine Ausdrucksmöglichkeiten vom hellen, friedlichen Strandleben bis hin zur schwärzesten Weltuntergangsstimmung reichten. Sodann beleuchtet die Ausstellung die „Spanienmode“, die um 1858 einsetzte und Manet 1865 zu einer Reise nach Spanien veranlasste, wo er sich so für Velasquez begeisterte, dass er ihn als den größten aller Maler pries. Manets Bilder dieser spanischen Phase, die, zumeist dunkelgrundig, ihre Figuren manchmal überhell, wie im grellen Gegenlicht aufscheinen lassen und nach vorn, in den Raum des Betrachters drängen, reservieren für ihre Protagonisten gleichwohl einen geschützten Raum, in welchem sie für sich allein stehen, sich selbst genügend, allenfalls in einem provozierenden Blickkontakt zum Betrachter. Hier deutet sich bereits jener Solipsismus der Figuren an, der die späteren Porträts


Edouard Manet, „Porträt Carolus Duran“, 1876, Öl auf Leinwand, 189 x 170 cm © The Barber Institute of Fine Arts, University of Birmingham/Bridgeman Images

und Figurenszenen Manets häufig so rätselhaft und von der Atmosphäre der Einsamkeit durchweht erscheinen lässt. Manet war nicht nur der große Meister in mehrfigurigen Bildfindungen, er war auch ein ungewöhnlicher Porträtist. In seinen Einzelporträts fand er immer wieder überraschende, fernab vom Mainstream liegende Möglichkeiten, Personen so darzustellen, dass sie selbst heute, nach mehr als 100 Jahren, und selbst wenn diese Personen in der historischen Einordnung kaum mehr eine Rolle spielen, für

den Betrachter anziehend und so interessant sind, dass er sich gern mit dem Leben der Porträtierten auseinandersetzen möchte. Eine Sektion der Ausstellung soll sich daher auch mit den Porträts befassen. Wir zeigen hier seine Porträts der „eleganten und einzigartigen“ Berthe Morisot, seiner Schwägerin, die vielleicht – neben Mary Cassatt – als die bedeutendste Künstlerin im Kreis der Impressionisten zu nennen ist. Und wir zeigen das Porträt, das Manet, bei einem – wie er bemerkte „langweiligen“ – Aufenthalt auf dem Landgut seines Freundes Hoschedé in Montgeron von 7


seinem Malerfreund Carolus Duran schuf, sowie dessen als Gegenstück gedachtes Porträt Manets. Im Zentrum der Ausstellung soll Manets Verhältnis zu Politik, Weltanschauung und Gesellschaft im Frankreich des 19. Jahrhunderts stehen. Es soll hier um den politischen, gesellschaftlichen und intellektuellen Kosmos seiner Zeit, um Manets Stellungnahme und um seine persönliche Position als Künstler, letztlich auch um die Frage gehen, was er selbst mit seinen Gemälden in historisch-ästhetischer Hinsicht über die Verhältnisse seiner Zeit aussagen und inwiefern er diese Verhältnisse in Bewegung bringen wollte. Allerdings waren Manets große Gemälde der „Erschießung des Kaisers Maximilian von Mexiko“ oder der „Schlacht zwischen Kearsage und Alabama“ schon weder für die Manet-Ausstellung der Staatsgalerie Stuttgart 2002 noch für die der Hamburger Kunsthalle 2016 erreichbar und wurden auch für unsere Ausstellung im Von der Heydt-Museum nicht geliehen. Das ist einerseits sicher dem fragilen Zustand dieser z.T. sehr großformatigen Werke geschuldet, zum anderen genießen diese Bilder in den jeweiligen Museen auch eine Art „Kultstatus“, da sie Besucher und Touristen von weit her anziehen und als Höhepunkte der jeweiligen Sammlung wahrgenommen und auch aus diesem Grund nicht verliehen werden. Gleichwohl wollen wir nicht darauf verzichten, Manet als Künstler vorzustellen, der sich intensiv mit den politischen Ereignissen seiner Zeit auseinandersetzte, und richten dabei unseren Fokus auf den Bürger Manet, der im Kaiserreich Napoleons III. gegen die Herrschaft des Einzelnen und für eine demokratische Republik eintrat. Er vertrat die Position des Bürgers, der innerhalb der Strukturen eines Staates mit seinen Mitteln – in diesem Fall denen einer präzisen, man könnte sagen „messerscharfen“ Malerei – den eigenen Aufstieg und zugleich gesellschaftliche Veränderungen bewerkstelligen wollte. Wir wollen in dieser Ausstellung nicht nur einen der wichtigsten Maler des 19. Jahrhunderts präsentieren, sondern damit auch sein Plädoyer für die Demokratie in die Gegenwart transportieren und damit erneut ins Gespräch bringen. Gerade in heutiger Zeit scheint uns dies wichtiger denn je. Zugleich interessiert uns aber auch die neue Ästhetik, die mit diesem politischen Bewusstsein einhergeht; frappierende Bildkompositionen, wie etwa die „Explosion“ aus dem Museum Folkwang Essen oder das kleine Werk „Olo8

ron Saint-Marie“, das Manets Trauer über den Krieg von 1870/71 und die Ereignisse der Commune so meisterhaft in einer düsteren Szenerie schildert, zeigen Manet als Künstler, dem selbst im intimen Format außergewöhnliche Bildfindungen gelangen. Parallel zu den Werken, die sich mit der großen Politik auseinandersetzen, schuf Manet Bilder, in welchen vor allem die psychologische Spannung zwischen den Protagonisten von Interesse ist. Bilder wie „Die Krocketpartie“ von 1873 oder „Beim Père Lathuille“ (1879) zeugen von einem Interesse an Personen und Personenkonstellationen, das Fragen der modernen Psychoanalyse in Bildform vorwegzunehmen scheint. Diesen ebenso komplexen wie selbstverständlich erscheinenden Bildgefügen soll die Aufmerksamkeit eines weiteren Kapitels der Ausstellung gelten. Der Überblick über Manets Werk endet mit seinen letzten Bildern, die er in Versailles und in Rueil schuf, wo er sich zur Kur aufhielt, und nur wenigen Gartenbildern, in welchen die Sonnenstrahlen, die durchs Laub fallen, geradezu mit den Händen greifbar erscheinen. Mit diesen letzten Bildern Manets, die in ihrer Konzentration wie die Summe des Könnens eines alten Zen-Meisters wirken, schließt unsere Ausstellung. Selbstverständlich stehen und sprechen die wunderbaren Werke Manets in unserer Ausstellung für sich, aber wir glauben, dass es für unser Publikum hilfreich sein könnte, Manet nicht nur in seiner Einzigartigkeit zu präsentieren, sondern sein Œuvre in Relation zu stellen zu den Akteuren und Kunstbewegungen seiner Zeit. So integrieren wir nicht nur die Werke seiner Freunde Monet, Renoir usw., sondern wir stellen Manets Bilder auch in einen Dialog mit Arbeiten seiner weniger bekannten Freunde wie Berthe Morisot, Marcellin Desboutin, Henri Fantin-Latour, Ludovic Lepic, Alfred Stevens und anderen, um so das Geflecht an Künstlern erahnbar werden zu lassen, in welchem Manet sich bewegte. So ist diese Ausstellung auch ein Versuch, die Bildwelt der künstlerischen Avantgarde in Frankreich zwischen etwa 1860 und 1880 erkennbar werden zu lassen und sowohl Manets Verbindung dazu als auch seine herausragende Stellung darin zu beleuchten. Von der Heydt-Museum Turmhof 8, 42103 Wuppertal, Tel. 0202 563-6231 Öffnungszeiten: Di Mi 11 bis 18 Uhr, Do Fr 11 bis 20 Uhr, Sa So 10bis 18 Uhr www.von-der-heydt-museum.de


Edouard Manet, „Haus Rueil“, 1882, Öl auf Leinwand, 92,8 x 73,5 cm, National Gallery of Victoria, Melbourne, Australia / Bridgeman Images

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Frank Bölter, „inclusive, Partizipation“, Installation, 2017, Papier, Karton, Holz

Das ArToll Kunstlabor ist (k)eine Insel

Einblicke – und ein Rückblick auf das diesjährige große Sommerprojekt WELT.LABOR „Möge die Flamme ihrer Begeisterung weiter lodern und das Feuer ihrer Kreativität weiterhin nicht zu löschen sein“, so wünschte es der belgische Ausstellungsmacher und Museumsleiter Jan Hoet dem ArToll Kunstlabor und seinen Aktiven zum zehnjährigen Bestehen. Er war ein gern gesehener Gast, der diesen anderen, etwas schrägen, wie aus der Welt gefallenen Ort liebte, und er führte auch temperamentvoll in dortige Ausstellungen ein. So verschwiegen das ArToll Kunstlabor als Künstlerhaus in Bedburg-Hau am Niederrhein auch gelegen zu sein scheint, es hat schon lange weit über die Region, über die nahe Grenze in die Niederlande und darüber hinaus eine starke Anziehungskraft entwickelt. Für Künstler wie für das bunt gemischte Publikum, das zu den Ausstellungseröffnungen gerne aus nah und fern anreist. 10

Im Jahr 1994 startete das ArToll Kunstlabor, mitten auf dem Gelände der LVR Rheinischen Kliniken gelegen, in Haus 6, einem ehemaligen Patientenhaus für psychisch Erkrankte. Fünf niederrheinische Künstler hatten erfolgreich mit der Klinikleitung verhandelt, das leer stehende Gebäude zu einem Haus von Künstlern für Künstler umwandeln zu dürfen. Und bis heute wird das ArToll Kunstlabor vonseiten des Landschaftsverbands Rheinland und von der Klinikleitung großzügig unterstützt. Von Anfang an sollte es ein Ort für prozesshafte Kunst sein, für Bewegung und Energie, für den freien selbstbestimmten Austausch und experimentellen Umgang mit gegenwärtiger Kunst. Dies ist bis heute so geblieben, nach über 20 Jahren wird die Vereinsarbeit und die damit verbundene Planung und Organisation des jährlich wechselnden Programms weiterhin von einer Gruppe engagierter Künstler und Kunst-


11 Raoul Morales Márquez, „Ixchoca“, Installation, dreiteilig, 2017, Raum 2 - Videomapping


Satomi Edo, „... das gab es, mein Haus und …“, Installation, zweiteilig, 2017, weißer Stoff, Holz, Vogelei, Overheadprojektor

interessierter getragen. Künstlergruppen können sich mit ihren Konzepten bewerben bzw. werden gezielt eingeladen, um in diesen großzügigen Räumlichkeiten gemeinsam zu leben und zu arbeiten. Losgelöst von der eigenen Atelier- und Lebenssituation, kann man sich ganz und gar auf Neues, Experimentelles, auf eine Weiterentwicklung künstlerischer Vorhaben, auf die Auseinandersetzung mit den Künstlerkollegen, mit dem Publikum einlassen. Alle künstlerischen Sparten sind erwünscht, die auch je nach Konzept in disziplinübergreifende Projekte führen. Mittlerweile sind es Tausende von Künstlern und Künstlergruppen aus aller Welt, die diese Möglichkeit genutzt haben, und das Netzwerk wächst ständig. Das ArToll Kunstlabor ist ein besonderes Haus an einem besonderen Ort – eine Schnittstelle zwischen Kunst und Psychiatrie. Die direkte Konfrontation, die Begegnung mit Patienten, der Blick auf Sicherungsanlagen der forensischen Psychiatrie ist unausweichlich, so wie die Geschichte des Hauses immer noch spürbar ist, vor allen Dingen wenn man sich hier das allererste Mal aufhält. 12

Aber auch hier sind die Spuren der gesellschaftlichen Veränderungen spürbar. Die Unterbringung behinderter Menschen wird mittlerweile dezentral geplant und organisiert, immer mehr Häuser stehen leer. Eingezogen ist ein Theater, es gibt ein Studentenwohnheim speziell für chinesische Studenten, die an der neuen Hochschule Rhein-Waal studieren, in direkter Nachbarschaft zum ArToll zogen geflüchtete Menschen in die Häuser ein. Verwirrend ist dieser Ort, auch weil er schwer zu finden ist inmitten der zahlreichen baugleichen Gebäude auf dem 80 Hektar großen wald- und parkähnlichen Gelände mit sehr altem Baumbestand, der in einem großen Oval mit unzähligen Querverbindungen angesiedelt ist und den Ankömmling schon mal, je nach Navigationsgerät und Orientierungssinn, zur Verzweiflung bringen kann. Das gesamte Klinikgelände, vor 100 Jahren gebaut, steht unter Denkmalschutz und gilt als eines der komplettesten Jugendstilensembles Europas. Abseits der „normalen“ Gesellschaft wurde es wie eine eigenständige Ortschaft mit allen Einrichtungen zur Selbstversorgung geplant.


In einem kleinen Museum kann man die Geschichte nachvollziehen, auch die sehr bedrückende Zeit während des Nationalsozialismus. Für Künstler hat dieser Ort etwas Magisches. Dr. Stephan Mann, Museumsleiter aus Goch, beschrieb es während seiner Einführungsrede zum diesjährigen Sommerlabor so: Wenn er auf der Terrasse des ArToll sitze, fühle er sich an die Romane von Franz Kafka und Thomas Mann erinnert. Es sei, als ob die Welt stillstehe, als ob alles einmal durchatmen könne. Das konnten auch die zwölf eingeladenen Künstlerinnen und Künstler spüren, die dieses Jahr das ArToll Sommerlabor zu einem WELT.LABOR werden ließen. Bereits Anfang August bezogen die Künstler das ArToll, deren Heimatländer neben Deutschland weit über dem Globus verteilt sind: Mexiko, Syrien, Iran, Japan, Israel, die Niederlande und Weißrussland. Alle leben in Deutschland und stellten im Rahmen des ArToll Sommerlabors ihre neu entstandenen Arbeiten vor, die ihre intensive Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Zustand unserer Welt widerspiegeln. Amit Goffer, „Weaving the Shadow“, Objekt, 2017, mixed media mit Licht und Elektromotor

13 Anja Maria Strauss, „geistige, kulturelle ... Wurzeln, schwebend“, Rauminstallation, 2017, Weizen


Zahra Hassanabadi, „Habitat“, Raumobjekt, 2017, Aluminium (Teelichthüllen)

Zahra Hassanabadi, „Boden der Erinnerung“, Bodenarbeit, 2017, Pistazienschalen, Dattelkerne, Souvenirs

Zu sehen war eine Abfolge von faszinierenden Räumen, die sich aufeinander bezogen und doch autonom in ihrer großen Vielfalt blieben. Die Ausstellung, die vom 27. August bis zum 17. September 2017 zu sehen war, zeigte ganz unterschiedliche Aspekte zu diesem umfassenden Thema, die sowohl politische, gesellschaftliche Fragen wie auch sehr persönliche, mit der eigenen Biografie verbundene Themen betrafen. Im Außenbereich waren Faltobjekte zu sehen, Ergebnisse einer künstlerischen Zusammenarbeit mit Flüchtlingen und Jugendlichen. Nicht zum ersten Mal sind auch Wuppertaler Künstlerinnen dabei, dieses Mal Zahra Hassanabadi und Regina Friedrich-Körner, die bereits lange dem ArToll verbunden ist und zum ArToll Team gehört. Für alle Künstler ist diese gemeinsame intensive Zeit eine herausfordernde Erfahrung, die lange nachwirken wird. Die zahlreichen Besucher und Anmeldungen zu Gruppenführungen bestätigen das große öffentliche Interesse. Beteiligte Künstler: Bassam Alkhouri Kleve - Frank Bölter Köln - Satomi Edo Münster - Regina Friedrich-Körner

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Regina Friedrich-Körner, „Prekäres Panorama“, Rauminstallation, 2017, Dia- und Overheadprojektoren, Fotos, Dias, Folien, Karton, Holz, Ziegelsteine

Wuppertal - Amit Goffer Neuss/Düsseldorf - Zahra Hassanabadi Wuppertal - Raoul Morales-Márquez Münster - Veronika Radulovic Berlin - Anja Maria Strass Neuss/ Düsseldorf - Dini Thomsen Bedburg-Hau - Elham Vahdat Essen - Oleg Yushko Düsseldorf „Eine spannende Ausstellung“, befand auch Dr. Stephan Mann beim Gang durch das Künstlerhaus. „Und glauben Sie mir, mir hat der Rundgang hier mehr Freude gemacht als derjenige letzte Woche in Kassel über die documenta. Aber das kann jeder selbst entscheiden.“ Und so sollte man sich vielleicht bei nächster Gelegenheit auf den Weg zum Niederrhein machen … Regina Friedrich-Körner Fotos: Michael Odenwaeller ArToll Kunstlabor e. V. Zur Mulde 10, 47551 Bedburg-Hau Haus 6, Rheinische Kliniken Telefon 02821 / 7155632 www.artoll.de 15


16 Der neue Pavillon am höchsten Punkt der Topografie gelegen. Foto: Süleyman Kayaalp


10 Jahre Skulpturenpark Waldfrieden – ein Rückblick von Michael Mader, Geschäftsführer im Skulpturenpark Waldfrieden 17


Foto: Süleyman Kayaalp

Anlässlich seines zehnjährigen Jubiläums veranstaltet der Skulpturenpark Waldfrieden im kommenden Jahr zahlreiche Sonderveranstaltungen. Das Festprogramm wird den Abschluss einer Dekade bilden, in deren Verlauf der Ausstellungsort vom Geheimtipp zur festen Größe in der Kulturlandschaft NRWs avanciert ist. Während dieser Zeit ist jedoch nicht nur die Popularität des Parks gewachsen, sondern auch der Park selbst: Dessen Infrastruktur wurde ab 2010 schrittweise ausgebaut, sodass die verfügbare Ausstellungsfläche und der Sammlungsbestand seither beinahe verdoppelt werden konnten. Mit der Inbetriebnahme eines neu errichteten Ausstellungsgebäudes im Oktober dieses Jahres wurde die Erweiterung abgeschlossen. Der Skulpturenpark hat damit sein endgültiges Format erhalten und ist gewissermaßen seinen Kinderschuhen entwachsen. Angesichts dessen lohnt sich ein Rückblick auf die bisherige Entwicklung des Künstlermuseums. Als der Bildhauer Tony Cragg vor zwölf Jahren den Entschluss fasste, das verwaiste Villengrundstück Waldfrieden in einen Skulpturenpark umzugestalten, war er bereits seit Längerem auf der Suche nach einem geeigneten Ort gewesen, um Werke der Bildhauerei inmitten der Bergischen Landschaft ausstellen zu können. Das Grundstück am Christbusch bot aufgrund der bereits vorhande18

nen Umfriedung und des ausgebauten Wegenetzes ideale Voraussetzungen für diesen Zweck. Außerdem besaß die denkmalgeschützte Anlage mit ihrem reizvollen Park und dem einzigartigen Gebäudeensemble eine historische Bedeutung, die es zu bewahren galt. Unter dieser Prämisse ließ Cragg den Baubestand und die Parkanlage ab 2006 umfassend sanieren. Parallel dazu wurden das heutige Eingangsgebäude und ein verglaster Ausstellungspavillon neu errichtet. Zum Zeitpunkt seiner Eröffnung bestand der Skulpturenpark aus einem neun Hektar großen historischen Parkgelände und verfügte über eine überdachte Ausstellungsfläche von 240 Quadratmetern. Neben einer umfangreichen Skulpturensammlung, die schwerpunktmäßig dem Schaffen Tony Craggs gewidmet ist, wurden hier von Beginn an auch Ausstellungen anderer Künstler präsentiert. Beabsichtigt war, den Besuchern die Skulptur in der Fülle Ihrer Erscheinungsformen und Möglichkeiten zugänglich zu machen. In diesem Sinne wurde seither ein hochkarätiges und vielfältiges Ausstellungsprogramm realisiert, in dessen Verlauf unter anderem Werke weltbekannter Künstler wie Henry Moore, Bruce Nauman oder aktuell Imi Knoebel in Wuppertal gezeigt werden konnten. Parallel dazu wurde auch die Dauerausstellung stetig ergänzt, um ein möglichst breites Spektrum künstlerischer Positionen der Gegenwart abzubilden. Doch die kulturelle Bedeutung des Parks beschränkt sich nicht allein auf seine Funktion als Ausstellungsort. Bereits


Dank des anspruchsvollen Programms stiegen die Besucherzahlen des Parks in den ersten Jahren rasch an, doch ergaben sich damit auch neue Herausforderungen. So galt es, die Bewirtschaftung des Cafés zu professionalisieren und das gastronomische Angebot zu verbessern. Da der vorhandene Gastraum für größere Personengruppen zu klein war, musste die Kapazität des Cafés durch einen Anbau erweitert werden. Auch die Möblierung wurde im Zuge der Verpachtung des Betriebes an die Palette GmbH erneuert. Damit waren zwar die Voraussetzungen geschaffen, um Reisegruppen in einem angenehmen Ambiente bewirten zu können. Allerdings fehlte dem Skulpturenpark zum damaligen Zeitpunkt noch das nötige Format, um für ein überregionales Publikum attraktiv zu sein. Die Aufenthaltszeit im Park war zu kurz, als dass sich eine mehrstündige Anreise gelohnt hätte, und auch der Anreiz für einen wiederholten Besuch war zu gering. Daher war früh absehbar, dass der langfristige Erfolg des Projektes von einem weiteren Ausbau der Ausstellungsinfrastruktur abhängen würde. Zunächst schien allerdings keine Aussicht auf eine flächenmäßige Vergrößerung des Parks zu bestehen. Mit dem Waldfrieden war zwar auch ein fünf Hektar großes, ungenutztes Waldgebiet erworben worden, das jedoch nicht an den Skulpturenpark angrenzte und daher nicht erschlossen werden konnte. Erst durch den Tausch dieser Parzelle gegen ein städtisches Waldgrundstück, das sich im Südosten an den Park anschloss, wurde eine Erweiterung möglich. Die Integration dieses neuen Geländeteils nahm die folgenden Jahre in Anspruch. Währenddessen wurde ein zweites Ausstellungsgebäudes erbaut, das im Herbst 2013

in Betrieb genommen werden konnte. Dieser Neubau ermöglichte erstmals die Präsentation von Zeichnungen und Gemälden, die einen wichtigen Teil des Œuvres vieler Bildhauer ausmachen. Schließlich begann im Frühjahr 2016 der Bau eines dritten Pavillons, der am höchsten Punkt der Topografie gelegen ist und eine weite Aussicht über das Wuppertal bietet. Seine Lage am südöstlichen Rand des Skulpturenparks macht diesen Ausstellungsraum zum dramaturgischen Höhepunkt jedes Rundgangs. Innerhalb des vergangenen Jahrzehnts hat der Skulpturenpark eine bedeutende Metamorphose durchlaufen und sich zu einer kulturellen Attraktion von überregionaler Strahlkraft entwickelt. Nach dem Abschluss der Erweiterungsarbeiten verfügt er heute über eine überdachte Ausstellungsfläche von 725 Quadratmetern bei einer Gesamtfläche von 14 Hektar und präsentiert eine Sammlung von 40 Skulpturen als Dauerausstellung. Für den Kulturstandort Wuppertal ist diese Neugründung zweifellos eine wichtige Bereicherung gewesen, und man kann dem Ausstellungsort anlässlich seines Jubiläums nur eine unvermindert erfolgreiche Zukunft wünschen.

IMI KNOEBEL BILDER 15.7.– 3.12.2017

Hirschstraße 12 · 42285 Wuppertal www.skulpturenpark-waldfrieden.de

Imi Knoebel, Ich Nicht IV, 2006, © VG Bild-Kunst Bonn, 2017

wenige Monate nach der Eröffnung wurde hier ein erstes Konzert mit Improvisierter Musik veranstaltet. Es bildete den Auftakt der Konzertreihe Klangart, die den Anspruch hat, Kunst-, Musik- und Naturgenuss miteinander zu verbinden. Dieses von Dieter E. Fränzel initiierte Projekt zieht mit einem Musikprogramm im Spannungsfeld zwischen Weltmusik und Jazz jährlich Tausende Besucher an. Angesichts dieses Erfolgs wurde noch im Herbst 2009 eine weitere Konzertreihe mit dem Namen Tonleiter aufgelegt. Unter der künstlerischen Leitung des Wuppertaler Klarinettisten Gerald Hacke finden in diesem Rahmen regelmäßig Aufführungen zeitgenössischer Kammermusik statt. Zudem veranstaltet der Skulpturenpark in Kooperation mit Partnern aus der Wuppertaler Kulturszene eine Lesereihe und ein Kinoprogramm und ist gelegentlich Gastgeber externer Projekte wie des Klavier-Festivals Ruhr.

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Regale, Videoaufnahme, Audioaufnahme, Keramikfiguren, Zeichnungen Donja Nasseri, „Buzkashi“ (2017)

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Nana Hirose und Kazuma Nagatani, „365 Wohnungen“, fortlaufende Arbeitsserie seit 2011, variable Maße, (Foto, 2015) 278 cm × 205 cm × 90 cm Verpackungen, Fahr- und Eintrittskarten, Notizen, Postkarten, Rechnungen usw.

71. Internationale Bergische Kunstausstellung Ausstellung zeigt Schnittstellen zwischen Biografie und Geschichte Was beschäftigt junge Künstler? Was macht ihre Kunst sichtbar, was reflektiert sie? Auf diese Fragen findet die Internationale Bergische Kunstausstellung immer wieder überraschende, geistreiche, innovative Antworten. Die alljährliche Schau im Kunstmuseum Solingen hat dabei einen doppelten Anspruch. Sie will vielfältiges Kunstschaffen aus der Region präsentieren – von jungen Künstlern, die aus der ganzen Welt stammen. Diesen Anspruch löst auch die aktuelle Bergische Kunstausstellung ein, die noch bis Anfang November läuft. Viele der insgesamt 16 Künstler haben einen internationalen Background und zeigen eine breite Palette an Genres: Malerei, Skulptur, Fotografie, Installation und Video. So unterschiedlich Gattungen und Ansätze auch sein mögen – viele Werke sind fest in der Lebenswelt und Lebensgeschichte der Künstler verankert.

So präsentiert Donja Nasseri mit „Buzkashi“ eine Installation, die an die alte Heimat ihres nach Deutschland geflüchteten Vaters erinnert. Auf einem Regal stehen Bilder und Pferdestatuen. Auf einem Bildschirm sieht man afghanische Reiter beim Wettkampf. Über Kopfhörer wird dem Betrachter ein Flüchtlingsschicksal erzählt. Welche Objekte sind selbst gemacht oder bloß gefunden? Was ist Fakt, was Fiktion? Der Reiz des Werks besteht darin, dass Nasseri eine Klärung dieser Fragen bewusst vermeidet. Auch das in Düsseldorf lebende Ehepaar Nana Hirose und Kazuma Nagatani verwandelt Lebenswirklichkeit in Kunst. Die Ausstellung stellt ihre Serie „365 Wohnungen“ vor, die seit 2011 „in Arbeit“ ist. Hirose und Nagatani falten und schneiden täglich Verpackungen, Postkarten und weitere Papiergegenstände zurecht, bis sie wie die gemeinsame Wohnung im Miniaturformat aussehen. 21


ne Mutter im Urlaub, einmal im Familienkreis. Da ist eine Spannung zwischen privatem und öffentlichem Raum. Es sind Bilder, die nicht komplett sind, die Leerstellen haben.“ Bevor die Kunststudentin im Rahmen eines Seminars Porträtfotos einer Kommilitonin schoss, drückte sie ihr ein Dia in die Hand – als „auffälliges Gimmick“. Von dieser Idee kam sie aber schnell wieder ab. „Es funktionierte nicht, weil es nicht ihre Geschichte ist“, bringt Schäfer es auf den Punkt. Umso besser fühlte es sich an, wenn sie eines der Dias in die Hand nahm und ein Selbstporträt machte.

Morgaine Schäfer, „Archiv No. 2301 (Pose 2)“, 2016, Inkjet Print, 100 x 80 cm, © VG Bild-Kunst

Morgaine Schäfers Fotoserie „Archiv No. 2301“ bewegt sich an den Schnittstellen von Biografie, Kunst- und Zeitgeschichte. Die Aufnahmen zeigen die Künstlerin, Jahrgang 1989, in Posen, wie man sie schon auf Porträtbildern des 16. und 17. Jahrhunderts findet. In der Hand hält sie jeweils ein Dia aus ihrem persönlichen Fundus. Urheber der Dias ist Schäfers Vater, der hier seine polnischstämmige Frau und deren Familie fotografierte Das Bild-im-Bild-Konzept und die Ästhetik der „Archiv“Fotos fand die Jury der Bergischen Kunstausstellung so stark, dass sie Morgaine Schäfer den mit 3 500 Euro dotierten Kunstpreis verlieh. Gisela Elbracht-Iglhaut, Vizedirektorin des Solinger Kunstmuseums, schrieb in der Jurybegründung: „Die Frage nach der Identität wird damit komplex gestellt und aus verschiedenen Perspektiven erörtert, die sowohl technisch und formal als auch inhaltlich beeindrucken.“ Was auf den Gewinnerbildern so einfach und zugleich vollendet aussieht, ist das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses. Schäfer, die in diesem Jahr ihren Abschluss an der Düsseldorfer Kunstakademie gemacht hat, experimentierte bereits im Studium mit den Dias herum. An den Fotos aus dem Keller ihres Vaters habe sie der Aufbau gereizt, sagt Schäfer im Gespräch. „Einmal sieht man mei22

Das gelungene Experiment führte zu weiteren Überlegungen. Die Faszination für die Bilder erklärt sich Schäfer mit den Fragen nach ihrer Mutter, die auf den Aufnahmen so alt ist wie sie selbst heute. „Wer ist diese Frau, die mich so geprägt hat?“ Hinzu kam ihr Interesse an einer zweifachen Familiengeschichte – einer deutschen und einer polnischen. Schon als Kind habe sie immer etwas über ihre Vorfahren wissen wollen. „Mein Vater war derjenige, der mir die Geschichten erzählt hat“, sagt Schäfer rückblickend. Beim „Familiären“, Subjektiven wollte es die Künstlerin allerdings nicht belassen. „Mir war es wichtig, dass man mich nicht nur als Person sieht, sondern dass ich zu etwas Überindividuellem werde.“ Deshalb knüpfte sie mit dem strengen Bildaufbau an die alte Porträtmalerei an und gab den „Archiv“-Aufnahmen eine unnatürliche Schärfe. Bewusst stilisiert ist sogar die Hängung der Bilder im Kunstmuseum Solingen. Beide hängen einander gegenüber – und der Betrachter kann eine Position zwischen ihnen einnehmen. Die 71. Internationale Bergische Kunstausstellung geht noch bis zum 5. November. Den diesjährigen Internationalen Bergischen Kunstpreis erhielt Morgaine Schäfer bei der Ausstellungseröffnung am 21. September. Kunstmuseum Solingen Wuppertaler Straße 160, 42653 Solingen. geöffnet: Di. bis So. 10 bis 17 Uhr Der Eintritt kostet 6 Euro (ermäßigt 3 Euro). Schüler zahlen 2 Euro. Eine öffentliche Führung findet jeden Sonntag ab 11.15 Uhr statt. Private Führungen nach Absprache. Telefon 0212-2 5814 0. Begleitend zur 71. Internationalen Bergischen Kunstausstellung erscheint ein Katalog. www.kunstmuseum-solingen.de

Daniel Diekhans


Morgaine Schäfer, „Archiv No. 2301 (Pose 1)“, 2016, Inkjet Print, 100 x 80 cm, © VG Bild-Kunst


Ran ans Eingemachte Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch geht in seine 44. Spielzeit – die erste unter der neuen Intendantin und künstlerischen Leiterin Adolphe Binder. Anne-Kathrin Reif hat mir ihr gesprochen.

Die Zeitschrift tanz hat das Tanztheater Wuppertal mal als „Diven-Ensemble“ bezeichnet. Und Ihre neue Position als „den wohl furchteinflößendsten Chefposten in der deutschen Tanzszene“. Da Sie nun schon einige Monate in Wuppertal sind: Ist es wirklich so schlimm? Adolphe Binder lacht. Nein, im Gegenteil. Es ist eine wunderbare Künstlergruppe, mit der ich sehr gerne zusammenarbeite, es sind starke Persönlichkeiten – gar keine Frage, aber das macht es ja auch so toll und reich. Das ist ein Schatz, und es macht Spaß. Natürlich ist es erst mal Ehrfurcht einflößend gewesen. Aber über die menschliche Annäherung hat sich sehr schnell geklärt, dass das gut zusammenpasst. Es sind ja auch alles sehr kreative Menschen mit einer großen künstlerischen Integrität – mit solchen Menschen möchte man einfach gern arbeiten und etwas entwickeln. Dass dabei natürlich auch sehr divergierende Energien zugange sind, ist ja gerade das Spannende. Also: divenhaft – nein, überhaupt nicht. Und Furcht einflößend, ja nun ... Das klingt entspannt. Tatsächlich aber sind die Erwartungen enorm, und sie schlagen der neuen künstlerischen Leiterin des Wuppertaler Tanztheaters Pina Bausch, das nicht nur dem Namen nach immer untrennbar mit seiner Schöpferin verbunden sein wird, von vielen Seiten entgegen. Da sind die Erwartungen eines sehr heterogenen 24

Ensembles mit altgedienten Tänzern der ersten Stunde und jungen, die Pina Bausch nicht mehr gekannt haben. Da ist eine eingeschworene Fangemeinde in Wuppertal und weltweit, die Neues kritisch beäugt – und auf der anderen Seite Publikum und Kritiker, die dringend Neues erwarten. Stadt und Politik haben Erwartungen an ihren größten kulturellen Exportschlager, die Pina Bausch Foundation sitzt auch mit im Boot, die Fachpresse kürte sie jüngst gar zur „Hoffnungsträgerin“ der deutschen Tanzszene. Sie soll das große Erbe bewahren, gleichzeitig der Musealisierung entgegenwirken und die Zukunft sichern. Puh. So viele Erwartungen werden von außen an Sie herangetragen - aber was sind Ihre eigenen Hoffnungen und Erwartungen an sich selbst angesichts der neuen Aufgabe? Also erst mal: Das haben Sie wunderbar zusammengefasst, und das ist so auch wahr. Deshalb kann man so ein Unternehmen auch nicht alleine stemmen, das kann man nur zusammen. Zusammen mit dem Ensemble, mit der Verwaltung, mit der Kulturpolitik. Ich setze jetzt einfach mal voraus, dass ich diese Unterstützung bekomme und dass es auch genug Verführungskraft gibt von dem, was ich mitbringe, sodass sich das fruchtbar ergänzt. Meine Hoffnung ist einfach, einen Raum zu gestalten beziehungsweise weiterzuführen, einen „Spielplatz“ für dieses gemeinsame Suchen, um menschliche Zustände so vibrierend und dynamisch zu halten, dass weiter spannende Kunst und Resonanzräume daraus hervorgehen. Und ich habe, wie gesagt, das große Glück, mit hochkreativen Menschen schöpferisch wirken zu können und Neues auszutarieren: was es bedeutet, Individuum zu sein, was es bedeutet, sich mit der Welt zu verbinden, was es bedeutet, im Zusammensein


Das Ensemble des Tanztheaters Wuppertal und Adolphe Binder bei einem Workshop mit Dimitris Papaioannou in der Lichtburg, Foto Julian Mommert

zu leben, was es bedeutet, sich im 21. Jahrhundert wiederzufinden. Es geht letztlich immer um eine Beziehung zwischen Menschen, die uns hoffentlich auf die ein oder andere Weise weiterbringt. Ich sehe es als meine Aufgabe, dafür den Boden zu bereiten und ihn mit anderen fruchtbar zu erhalten. Noch bevor Adolphe Binder weiterspricht, kann man sehen, wie das gärtnerische Bild vom „Boden bereiten“ eine Assoziationskette in ihr auslöst: wie fruchtbar dieser vorgefundene Boden ja ist, ein torfiger, frühlingshaft gedeihender Untergrund wie in Pina Bauschs „Frühlingsopfer“; vom Potenzial, das darin steckt, spricht sie und vom beackern, das es braucht, damit es spannend bleibt. Zupackend wirkt sie und trotz sportlich-eleganter Erscheinung bodenständig. Man kann sie sich tatsächlich gut bei der Gartenarbeit vorstellen. Eine, die selbst den Spaten in die Hand nimmt, aber auch mit einem feinen Sinn für zartes Wachstum, für

Schönheit, für Gestaltung. Eine, die rausgeht und von vorn anfängt, wenn ein Sturm den Garten verwüstet hat. Die Angst vor dem Scheitern lähmt sie jedenfalls nicht. Ich bin vielleicht ein bisschen weniger furchtsam als viele meinen, dass ich es sein müsste. Mutmaßlich werden wir auf diesem Weg wohl auch mal auf den Bauch fallen. Oder Sachen probieren, die unter Umständen nicht funktionieren. Aber das ist auch Teil von Kunst. Das ist ja auch das Leben! Wenn man sich mit der Wirklichkeitsnähe beschäftigt, dann gelingt manches, manches gelingt auch nicht. Und ich bin aber ganz hoffnungsfroh. Die vielleicht größte Aufmerksamkeit liegt jetzt auf den neuen Kreationen, für die Sie zwei Choreografen eingeladen haben, Dimitris Papaioannou und Alan Lucien Øyen. Warum gerade diese beiden? Nicht nur, aber auch: Die Frage war für mich: Was könnten das für künstlerische Konzepte und für Künstler sein, 25


26 Ensemble Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, Lichtburg, Foto: Claudia Kempf


die genügend Sensibilität und Intelligenz mitbringen, um eine Brücke zu Pina Bauschs Multiversum zu schlagen – und die trotzdem genügend eigene Identität haben, eine künstlerische Handschrift haben. Dimitris Papaioannou und Alan Lucien Øyen sind für mich beide sehr feinnervige Künstler, die sich aber sehr stark voneinander unterscheiden – in ihrer Herangehensweise, in ihrem Interesse, in ihren Bild- und Erlebniswelten. Dimitris Papaioannou, von Haus aus eigentlich Maler, ist jemand, der sehr sehr präzise, sehr exakt beobachtete, auch stark in Mythologien verankerte Fragen zum Menschsein stellt, wie sie sich auch in der griechischen Philosophie wiederfinden, um dafür einen visuellen Kosmos zu schaffen, der sehr besonders ist. Alan Lucien Øyen ist ein außergewöhnliches Talent, der sich sehr viel mit dem gesprochenen Wort beschäftigt, mit Textentwicklung, auch mit filmischen Elementen. Beide arbeiten also genreübergreifend und nicht so mit puristischen Choreografiekonzepten, sind sehr poetisch. Denn da sehe ich einen großen Ansporn durch Pina Bausch, dass sie Grenzen und Erwartungen gesprengt hat. Zwei Generationen von Künstlern, das war mir auch wichtig. Und, ja, dass sie sich einfach für Menschen interessieren. Und über Menschen erzählen wollen und über soziale Zusammenhänge erzählen wollen. Mit Poesie. Konnten Sie schon einen ersten Eindruck gewinnen, wie sich das gestalten könnte? Die beiden waren ja schon hier ... Adolphe Binder fällt mir ins Wort und leuchtet mit strahlendem Enthusiasmus den Raum aus. Wir hatten zwei wunderbare Wochen! Ich bin soooo glücklich und dankbar, dass das hingehauen hat mit beiden Künstlern, diese Kennenlern-Workshops zu machen. Und ich bin da wirklich ganz guter Dinge. Selbst wenn es jetzt schon damit vorbei wäre, dann hätte ich eine ungeheure Bereicherung erfahren und das, glaube ich, auch ins Ensemble gebracht. Wie geht die Arbeit mit den beiden Choreografen jetzt weiter? Die Prozesse waren sehr unterschiedlich, sehr intim, sehr persönlich und wahnsinnig fruchtbare emotionale und ehrliche Zusammenkünfte. Das wird jetzt gar nicht so leicht, die unterschiedlichen Besetzungen für beide auszutarieren. Aber ich freue mich wirklich auf diese Prozesse, die dann im Herbst beziehungsweise im Februar beginnen. Und dann sind wir ab April konzentriert sieben, acht Wochen zusammen und kommen dann im Mai und Juni mit den beiden Produktionen heraus. Die Stücke gehen auch ins Repertoire ein und werden auch anderswo gezeigt. 28

Geht es denn jetzt darum, in jeder Saison so etwas zu finden? Jede Saison mindestens ein neues Stück mit neuem Choreografen, neuer Choreografin herauszubringen? Und deshalb ständig die Antennen auf Empfang zu haben, wer das sein könnte? Es geht um vieles. Für mich ist eine Spielzeit nicht nur das Repertoire und die neuen Stücke. Für mich geht es tatsächlich auch um eine Öffnung des Ensembles in die Stadt hinein – und da geht es auch um das Sichtbarmachen von Prozessen, die nicht unbedingt ein Stück sind, sondern wo man Eintauchen kann in das Machen. Für mich ist das nicht zwingend, dass jetzt jede Saison ein Künstler, eine Künstlerin eingeladen wird, eine neue Produktion auf der großen Bühne zu machen. Ich möchte nicht so eine Formel von „Jedes Jahr wird das und das gemacht“. Das ist das, was wir jetzt 2017/18 machen, und 18/19 kann unter Umständen wieder eine andere Mischung haben. Das Repertoire selbst ist der Nukleus und unglaublich reich. Aber es wird viel passieren, und es wird immer wieder etwas Neues geben, oder es wird etwas lange nicht Gesehenes geben – wie wir das jetzt mit „Die sieben Todsünden“ machen. Ich denke, dass die Mischung der Stücke wichtig ist, weil sie sich im Wachstum gegenseitig befruchten. Das Neue wird auch wieder einen Effekt haben auf das existierende Repertoire. Es geht ja immer auch um persönliches Wachsen, künstlerisches Wachsen, und das ist, glaube ich, für das Ensemble und auch für das Repertoire von Pina Bausch wichtig. Es wird auch Dinge geben, die sich ganz anders mit dem Werk von Pina Bausch auseinandersetzen, Dinge, die vielleicht nicht nur im Livebereich angesiedelt sind, sondern im filmischen Bereich, es wird installative Projekte geben – für mich ist das alles weiter gefasst, und die Dinge greifen ineinander. Sicher lässt sich das nicht alles in einer Spielzeit unter einen Hut bringen, und es werden auch mal pragmatische Entscheidungen getroffen werden müssen. Aber es gibt ein ganzheitliches Konzept, das über das „Ein Stück nach dem anderen Rausbringen“ hinausgeht. Lassen Sie uns auf die jetzige Spielzeit blicken. Mit größter Spannung erwartet wird sicherlich die Neueinstudierung des Brecht/Weill-Abends „Die sieben Todsünden/Fürchtet euch nicht“ – ein frühes Stück von Pina Bausch aus dem Jahr 1976. Ein sehr komplexes Stück, ganz sicher eine große Herausforderung. Warum haben Sie gerade dieses ausgewählt? Wir leben in einer aufregenden Zeit. Das Stück ist 1933 zur Uraufführung gebracht worden von Brecht/Weill. Das ist eine Antwort. – Es ist ein Meilenstein im Werk von Pina Bausch, und ich wollte Stücke aus unterschiedlichen Schaf-


fensphasen zeigen. Ich wollte auch sehr gerne zumindest einmal in dieser Saison mit dem Orchester und der Oper zusammenarbeiten, mit Livemusik arbeiten. Es ist ein Stück, das fürs Touring nicht so wahnsinnig geeignet ist und deshalb auch ein Statement für die Stadt – wenn man dieses Stück sehen will, muss man herkommen, was ich auch ganz schön finde. Die Neueinstudierung 2009 war eines der letzten Werke, die Pina Bausch selbst betreut hat; es ist daher auch in diesem Spannungsbogen der Schaffensphasen eine ganz wichtige Produktion. Bei den Neueinstudierungen 2001 und 2008/09 haben jeweils Jo Ann Endicott und Mechthild Großmann wie in der Uraufführung 1976 Hauptrollen gespielt. Das ist jetzt auch wieder eine Riesenherausforderung, diese Wahnsinnspersönlichkeiten zu ersetzen. Ja, klar, eine große Herausforderung. Der wir uns stellen müssen. Deshalb ist es mir ja auch so wichtig, dass wir sowohl Jo Ann Endicott als auch Mechthild Großmann als Beraterinnen mit dabeihaben. Die Neueinstudierung wird betreut von Jo Ann Endicott und Julie Shanahan. Dadurch, dass Mechthild nicht hier vor Ort ist, wird das eher sporadisch sein, da schauen wir noch, wie sie uns dabei unterstützen kann. Aber klar, es ist eine Riesenherausforderung. Und da wird es auch darum gehen, dass wir nicht versuchen werden, Jo Ann und Mechthild zu klonen. Das werden eigene Künstlerpersönlichkeiten sein. Künstlerinnen in dem Fall. Und es wird sich verändern, das ist klar. Aber auch früher haben sich die Stücke über die Jahrzehnte verändert. Der Unterschied ist eben, dass die Autorin nicht da ist, die im Prinzip die Einzige war, die es von außen gesehen hat und wusste, was sie damit wollte. Das ist natürlich jetzt eine Annäherung. Und die Gesangsrolle, in der zuvor bereits Meret Becker, Ute Lemper und Melissa Madden Gray mit dabei waren, die wird diesmal Cora Frost übernehmen? Adolphe Binder lacht: Sie haben das Programmheft ja sehr genau gelesen ... Also, Cora Frost wird mit dabei sein, aber das ist wirklich noch nicht spruchreif, wie sich das genau gestalten wird. Sie wird eine unter mehreren sein. Therese Dörr, Jürgen Hartmann und Ingeborg Wolff werden auch eine Rolle spielen. Die anderen Vorstellungen in Wuppertal werden „1980“ und „Masurca Fogo“ sein. Die Entscheidung für die Stücke – war das auch ein gemeinsamer Prozess mit dem Ensemble oder Teilen des Ensembles? Ja, ja, klar. Es hat sich konzentriert auf eine Auswahl von

fünf Tänzerinnen und Tänzern, und es gab viele Gespräche dazu. Die Stückauswahl hat natürlich immer auch mit einer Langzeitplanung zu tun, mit dem, was wir auf den Tourneen zeigen, mit dem, was wir in den vergangenen Spielzeiten gezeigt haben. Unser Spielzeiteinstieg ist ja jetzt erst mal die sehr herausfordernde Tournee mit neun Vorstellungen von „Café Müller/Frühlingsopfer“ in New York und dreien mit Orchester in Ottawa. Dann kommen wir wieder und machen am 6. und 7. Oktober ein Fest: Wir öffnen das Haus, es wird Begegnungen in Form von Workshops geben, kleine Auszüge von dem, was einen in der Spielzeit erwartet, wir werden Filme zeigen ... also so eine Art Minifestival, eine Aufwärmgeschichte. Und kommen dann mit „1980“ hier raus. Auch ein ganz wichtiges Stück, ein Stück des Umbruchs nach dem Tod von Rolf Borzik, der Beginn der kongenialen Zusammenarbeit mit Peter Pabst. Eines dieser wunderbaren Stücke der 80er-Jahre, den sehr darstellerischen, schauspielerischen Stücken, die faszinieren mich sehr. Auch eine sehr große Herausforderung. Aber man muss es ja machen! Die Stücke müssen leben! Ist ja gar keine Frage! Und die müssen in Wuppertal leben, also Stücke, die hier lange nicht gezeigt worden sind. Es ist ein Kultstück. Und ich habe gedacht: Wir müssen da ran, jetzt nicht zu zögerlich, sondern lieber gleich ans Eingemachte. Wie war das jetzt noch mal mit der Frage nach der Furchtsamkeit? Egal. Wer Adolphe Binder einmal erlebt hat, stellt sie sowieso nicht mehr. Und freut sich auf das, was kommt. Der Vorverkauf für „1980 – Ein Stück von Pina Bausch“ (Wiederaufnahme-Premiere am 10. November) startete am 15. September. Adolphe Binder wurde 1969 in Kronstadt (Siebenbürgen/ Rumänien) geboren und emigrierte 1978 mit ihrer Familie nach Westdeutschland. Bis 1996 lebte sie in Hannover, wo sie Germanistik, Politikwissenschaften und Neuere Geschichte studierte. Berufliche Stationen waren u. a. Dramaturgin an der Deutschen Oper in Berlin, Leiterin Kulturprojekte bei der Expo 2000 in Hannover, Tanzchefin der Komischen Oper Berlin, Leiterin einer eigenen Kreativagentur für Tanz in Berlin. Bis zu ihrem Ruf nach Wuppertal war sie seit 2011 künstlerische Leiterin der Danskompani Göteborg in Schweden, der sie mit einem ausschließlich auf zeitgenössische Produktionen bauenden Programm zu internationaler Strahlkraft verhalf. Adolphe Binder choreografiert nicht selbst, entwickelt aber künstlerische Konzepte.

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Damit nichts verloren geht Laserscans halten das Schauspielhaus im Bild fest

Bevor das Wuppertaler Schauspielhaus zum Pina Bausch Zentrum umgebaut werden kann, ist (wie bei allen Eingriffen in denkmalgeschützte Bauten) eine genaue Bestandsdokumentation erforderlich. Dabei geht das Gebäudemanagement der Stadt ungewöhnliche Wege. Es ist nicht nur die Architektur, sondern insbesondere auch die Bühnentechnik, die aus Sicht des Denkmalschutzes von Interesse ist. Weil das multifunktionale Pina Bausch Zentrum der Zukunft andere Anforderungen stellt als das monofunktionale Schauspielhaus von 1966, ist eine Modernisierung der teilweise noch aus dem Eröffnungsjahr stammenden technischen Anlagen unerlässlich. Der Istzustand muss der Nachwelt jedoch in Bild und Text überliefert werden. Bei der Dokumentation will sich die Stadt aber nicht auf die von den Denkmalpflegern erwarteten Zeichnungen und Fotos beschränken: Mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen, das 80 Prozent der Kosten von gut 50000 Euro übernimmt, hat das Gebäudemanagement von wesentlichen Bereichen des Hauses Laserscans anfertigen

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lassen. Mit ihnen lassen sich am Computer detailgetreue Abbilder erzeugen – sowohl flächige Panoramen als auch 360-Grad-Rundbilder sowie eine Art dreidimensionales Modell in Form einer Punktwolke. Die Planungs- und Vermessungsgesellschaft ANSPERGER mbH aus Kamp-Lintfort hat dazu rund 4 400 der circa 9 500 Quadratmeter des Schauspielhauses gescannt. Von Foyer, Zuschauersaal und Bühne über Regie, Maske und Probebühne bis hin zu Anlieferung, Unterbühne, Bühnenturm, Beleuchterbrücken und Treppenhäusern. Alles in allem nahezu 24 000 Kubikmeter Raum. Die Laserscanner mit einer Reichweite von 60 Zentimetern bis zu 330 Metern und integrierter Farbkamera erstellten 861 einzelne Scans mit jeweils 43,7 Millionen Punkten. Insgesamt kamen so 636 Gigabyte Datenvolumen zusammen. Um die Scans untereinander- und gegebenenfalls später mit ergänzenden Aufnahmen übereinanderbringen zu können, wurde an der nordwestlichen Ecke des Gebäudes auf Höhe der Bühne der Nullpunkt für ein Koordinatensystem gesetzt. Innerhalb der Räume sorgten zudem ver-


schiedene Messpunkte (Kugeln und Schachbrett-Zielmarken) für die Orientierung. Die Messgenauigkeit liegt bei zwei Millimetern. Für die weiteren Arbeiten des Gebäudemanagements ist das von erheblichem Vorteil. Projektleiter Frank Meidrodt: „Mit der dazugehörigen Software können unsere Architekten, Ingenieure und Zeichner den Scans ganz einfach die Lage und Maße von Bauteilen entnehmen – statt dafür jedes Mal ins Schauspielhaus fahren zu müssen.“ Und: „Die historischen Papierpläne lassen sich so komfortabel präzisieren.“ Zusätzlich zu den Aufnahmen der Innenräume wurden verzerrungsfreie Außenansichten des Schauspielhauses erstellt. Ein Kopter, ein Flugmodell mit montierter Kamera, ermöglichte die dazu notwendigen Fotos aus der Luft.

Mit dem Pina Bausch Zentrum soll ein Kulturort mit weltweiter Ausstrahlung entstehen. Die Hälfte der Investitionskosten von maximal 58,4 Millionen Euro hat der Bund in Aussicht gestellt; Land, Stadt und bürgerschaftliches Engagement übernehmen die andere Hälfte. Das inhaltliche Konzept ruht auf vier Säulen: dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, der Pina Bausch Foundation, einem internationalen Produktionszentrum und dem „Forum Wupperbogen“, das die Stadtgesellschaft einbindet. Wenn alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt sind, wird der Rat der Stadt das Projekt mit einem Durchführungsbeschluss endgültig auf den Weg bringen. www.pinabauschzentrum.de Abbildung oben: Hendrik Putsch, Ingenieur für 3-D-Laserscanning bei der PV AN-

Nicht nur für das Gebäudemanagement, auch für Ansperger-Geschäftsführer Jörg van Kesteren war die Sicherung eines denkmalgeschützten Objekts in dieser Form Neuland. Was ihn besonders reizte: „Modernste Hightech zu nutzen, um solche Retrotechnik, solches technisches Kulturgut zu dokumentieren.“

SPERGER mbH, während der Vermessung des Foyers, Foto: PV ANSPERGER mbH Abbildungen unten von links nach rechts: Flächige Ansicht der für die Scanarbeiten mit Scheinwerfern ausgeleuchteten Bühne/Rundblick im Bühnenturm mit eisernem Vorhang (Mitte, unten) und Schnürboden (Mitte, oben)/Panorama des Zuschauersaals mit eisernem Vorhang und Vorbühne/alle Fotos: Gebäudemanagement der Stadt Wuppertal; Scan und Bearbeitung: PV ANSPERGER mbH

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Tanzrauschen

Der Titel dieses noch jungen Projekts ist vielsagend. Was lässt sich nicht alles assoziieren – vom kosmischen Hintergrundrauschen über das Filmrauschen, das Rauschen des Meeres, den Sinnesrausch, das Rauschen von kostbaren Gewändern oder das Rauschen im Blätterwald. Ein Rauschen kann auch bedrohlich, unheimlich, verstörend und irritierend wirken. Ihm nachzuspüren, bedarf wacher Sinne, die offen sind für innere und äußere Bewegungen und vor allem für Zwischentöne. „as 32 far as abstract objects“, Foteini Papadopoulou, Foto: Sandra Hamm


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60secondsdance /„In the Name of Poetry“ by C. Chen and T. Chan, ein Beitrag zum int. Festival „Tanzrauschen – International Dance on Screen“ in der „börse“, 2016

Kerstin Hamburg, der Initiatorin von Tanzrauschen, geht es genau um die Bandbreite dieser Wahrnehmungen: „Neben dem erlernbaren Wissen sind Intuition und Empfinden wichtig für das Sich-zurecht-Finden in der Welt. Die nonverbale Ausdrucksweise über Tanz und Tanzfilm spricht unsere Sinne an, macht sensibel für das, was um uns ist und unterstützt uns darin, Bilder zu empfinden, sie lesen zu lernen. Die kuratorische Arbeit von ‚Tanzrauschen’ setzt Akzente in diese Richtung und möchte zu Diskursen anregen.“ Während einer Internetrecherche stieß die gelernte Kommunikationsdesignerin und Fotografin zufällig auf einen kleinen Tanzfilm: „Den fand ich zauberhaft und wusste gleich, das ist ein Thema für Wuppertal!“ Angesichts der weltweit wachsenden Zahl von Tanzfilm-Festivals war ihr klar, dass dieses neue Medium in Deutschland unterrepräsentiert und Wuppertal der richtige Ort sei, um alle Bereiche von „Dance on Screen“ zu vernetzen. Über zwei Jahre schlummerte diese Idee, dann fragte Kerstin Hamburg bei Sigurd-Christian Evers an, ob er Lust habe, gemeinsam ein Festival mit künstlerischen Tanzfilmen in Wuppertal zu planen. Von da an ging alles ganz schnell. Beide erarbeiteten zunächst ein Konzept, das sie 2012 dem Kulturbüro der Stadt Wuppertal vorstellten. Hier erhielten die Initiatoren Unterstützung bei den Fragen, wie man ein solches Vorhaben erfolgreich entwickelt, strukturiert und realisiert und wie man die Finanzierung angeht. „Tanzrauschen“ ist seit 2013 ein eingetragener, gemeinnütziger Verein. Die Arbeit muss durch öffentliche Förderung und private Spenden finanziert werden. Die spontane Akzeptanz ihrer Tätigkeit gibt Kerstin Hamburg Recht: Diese Stadt war immer aufgeschlossen für neue Kunstformen. Hier konnte Pina Bausch mit ihrem Tanz34

theater Pionierarbeit leisten. Das künstlerische Interesse dieser Choreografin galt von Anfang an den Schnittstellen von Tanz, Theater, Film und Performance. Kerstin Hamburg sieht in der Arbeit von „Tanzrauschen“ eine zusätzliche Facette im breiten Spektrum der Tanzlandschaft und eine weitere Gelegenheit für Wuppertal, sich als „Tanzstadt“ zu behaupten. „Tanzrauschen“ trat im März 2014 in der Galerie „o-l-g-a Raum für Kunst“ von Milton Camilo mit der Ausstellung Choreographic Captures zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Auf acht Monitoren waren 35 Tanzvideos zu sehen, die je 60 Sekunden dauerten. Die Veranstaltung wurde ein voller Erfolg. Zwei Jahre später gelang dem Team ein gewaltiger Sprung nach oben mit dem viertägigen internationalen Festival Tanzrauschen – International Dance on Screen in der „börse“ mit zehn internationalen Partnern. Neben Workshops und Vorträgen erlebten 1200 Besucher 150 Tanzfilme vom Videoclip bis zur Dokumentation. Schirmherr war der mehrfach zum Tänzer des Jahres ernannte Paul White. Dance on Screen oder Tanzfilm – in dieser neuen Kunstform gehen Film, Tanz, Performance, Theater und mediale Techniken eine Symbiose ein. Für die Kunst auf der Leinwand eröffnen sich neue Welten, weg von der Bühne in gefundene Kulissen im öffentlichen Raum. Dank der sich ständig weiter entwickelnden digitalen Techniken können alle erdenklichen virtuellen Räume erobert werden, das Spektrum ist schier unbegrenzt. Neben den Grenzüberschreitungen von künstlerischen und medialen Disziplinen ergeben sich neue und überraschende Möglichkeiten der Zusammenarbeit bis hin zum Rollentausch zwischen Kameramann, Regisseur und Cutter, Tänzern,


AVDP, Naufrage by Clorinde Durand, Le Fresnoy, 2008, Beitrag zum internationalen Festival „Tanzrauschen – International Dance on Screen“ in der „börse“, 2016

Choreografen, Komponisten und Sounddesignern. Angesichts dieser ungeahnten Perspektiven ist es spannend, welche Auswahl der künstlerischen Mittel für das jeweilige Projekt getroffen wird, ob sich bereits Stilarten abzeichnen und wie sich die Bedeutung der Musik oder des Sound verändert. Die Aussagekraft von elektronisch erzeugten Klängen oder von Geräuschen kann ebenso wie die Arbeit mit der Stille Hörgewohnheiten unterlaufen oder bewusst machen. Die wenigsten Menschen ahnen, wie unmittelbar ihre Emotionen von der Musik diktiert werden. Viele Tänzer und Choreografen verzichten sogar auf Musik, vielleicht weil der Tanz selbst Musik ist, bringen doch Körperbewegungen und Atem rhythmische Geräusche hervor. Kerstin Hamburg hat beobachtet, dass manche Zuschauer beim wiederholten Anschauen von Videoinstallationen auf Kopfhörer verzichten. Dance on Screen arbeitet an den Schnittstellen zwischen Bühne, Film, Raum, Fläche, Körper und Technik, Realität und Illusion, Kunst und Alltag, Musik, Geräusch und Stille. Mit der ihr eigenen Sprache kann die neue Kunstform ebenso bezaubern und beglücken wie verstören, wenn sie radikal und eigenwillig daherkommt. „Es geht auch darum, den eigenen Körper nicht nur als künstlerisches Ausdrucksmittel zu begreifen. Die Bedeutung von Intuition und Instinkt kommt in unserer Gesellschaft zu kurz. Und es gibt immer weniger Freiräume und Möglichkeiten, sich zu erkunden. Ob man vor oder hinter der Kamera steht,

hat mit Selbstendeckung zu tun, mit Zusammenarbeit, mit Technik, mit Kunst. Für einen Tänzer ist es ganz etwas anderes, mit der Kamera zu tanzen und diese in den künstlerischen Prozess einzubinden als vor Publikum. Während eine Theateraufführung ephemer ist, stellt die Möglichkeit der unmittelbaren Vervielfältigung durch die Technik eine zusätzliche Herausforderung dar, nicht zuletzt deshalb, weil das, was einmal im Netzt steht, darin verewigt ist.“ Jetzt, in den Sommermonaten, von Juni bis September 2017, entstehen die bereits im letzten Heft angekündigten Letters from Wuppertal unter der künstlerischen Leitung von Joe Parkes. Für jeden „Brief“ haben Kerstin Hamburg und ihr Team ganz unterschiedliche Orte ausgewählt, die für Wuppertal von besonderer Bedeutung sind. Auch diese Bauten können durch ihre unterschiedliche und wechselhafte Historie als Schnittstellen gesehen werden; sich mit ihnen künstlerisch auseinanderzusetzen, ist eine Herausforderung. Ein Film wird mit Schülern der Else-Lasker-Schüler-Gesamtschule in der 1955/56 erbauten Schwimmoper gedreht. Den Namen erhielt sie nicht nur wegen ihres spektakulären Aussehens, sondern weil lange darüber debattiert wurde, ob das Barmer Opernhaus auf dem Johannisberg neu errichtet werden sollte oder ein Schwimmbad. Eine ganz andere Geschichte hat das Gebäude des evangelischen Berufskollegs in der Straßburger Straße: 1882 entstand dort auf Initiative des Gefängnisseelsorgers Karl Heinersdorff eine „Zufluchtsstätte für entgleiste weibliche Personen“. Wie wird die Klasse des Berufskollegs darauf choreografisch reagieren? Eine Gruppe von 35


Wuppertalern, von denen einige bereits in Joe Parkes Kaufhaus Michel mitgewirkt haben, tanzt im Rathaus Barmen. Dieses Haus wurde 1913 anlässlich der 100-Jahr-Feier der Ernennung Barmens zur Stadt errichtet, nicht zuletzt auch, um dem 1900 erbauten Rathaus in Elberfeld Konkurrenz zu machen. Der Bau wurde im Krieg zerstört und 1948 bis 1958 wieder aufgebaut.

Schwimmoper, hier entsteht ein Tanzfilm mit Schülern der Else-Lasker-Schüler-Gesamtschule

Das Besondere an dem Projekt mit Joe Parkes ist die offene Planung, das Prozesshafte und die Arbeit mit nicht professionellen Tänzern vor der Kamera: Idee, Konzept und Ausstattung werden von allen Teilnehmern gemeinsam während eines sechstägigen Workshops entwickelt, und deshalb kann niemand vorhersagen, wie die Ergebnisse aussehen werden. Gestaltung und Umsetzung der einzelnen Filme liegen in den Händen renommierter Choreografen und Filmemacher, denen es nicht darum geht, die Tanzworkshops abzufilmen, sondern aus dem gemeinsamen Arbeitsprozess eigenständige Kunstwerke zu entwickeln. Für Tanzrauschen wird der Herbst bunt − nicht nur die Letters from Wuppertal haben im Oktober Premiere, sondern es gibt gleich mehrere Pläne: Im November soll in Wuppertal durch ein internationales Treffen von Choreografen und Festivalveranstaltern die Städtepartnerschaft mit St. Etienne neu belebt werden. In Zusammenarbeit mit dem Neuen Kunstverein Wuppertal gibt es anlässlich des 100. Geburtstages von Maya Deren, der Pionierin für experimentellen Film, einen Vortragsund Filmabend.

„Zufluchtshaus“, mit einer Klasse des Berufskollegs Straßburger Straße wird getanzt, gedreht ...

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Für Dezember ist ein weiterer Tanzrauschen-Education Day geplant. Das Kooperationsprojekt Carambolage der Videonale Bonn steht in diesem Jahr unter dem Thema Sound, der für die Rezeption des Tanzfilms eine wesentliche Rolle spielt. Als Partner für den Workshop, die Gespräche und das öffentliche Screening in Wuppertal konnte Tanzrauschen Peter Kowalds „ort“ gewinnen. Nach über vier Jahren hat Tanzrauschen Eigendynamik entwickelt - weit über Wuppertals Grenzen hinaus vernetzt, ist es zu einer Institution geworden. Für September 2017 hat Kerstin Hamburg eine Einladung nach Hongkong erhalten. Im Rahmen des Festivals Jumping Frames wird sie dort über die Entstehung und die Entwicklung von Tanzrauschen in Wuppertal referieren und Deutsche Tanzfilmproduktionen vorstellen. Für die Initiatorin und ihr Team ist diese Einladung eine Bestätigung, wünschen sie sich doch, „den Rausch, die Begeisterung, die unsere Arbeit beflügelt, an die Öffentlichkeit weitergeben zu dürfen.“ Marlene Baum


Szene aus dem Tanzfilm „Zufluchtshaus“, mit Schülern des Berufskollegs Straßburger Straße, von Foteini Papadopoulou und René Jeuckens, Siegersbusch

Tanzrauschen im Herbst 7. bis 10. September 2017 Tanzrauschen präsentiert deutsche Tanzfilme auf dem Tanzfilm Festival Jumping Frame in Hongkong 10. bis 14. September 2017 Dreharbeiten zum Tanzfilm Letters from Wuppertal im Rathaus Barmen 12. Oktober 2017, 19.00 Uhr rex Filmtheater Wuppertal, Kipdorf 29, 42103 Wuppertal Premiere des Tanzfilms Letters from Wuppertal

Künstlerische Leitung Jo Parkes (Mobile Dance) Die Macher der Filme: Kaufhaus Michel Jo Parkes, Sven O. Hill, Pete Fraser Wicked Woods Kim Münster (Treibsand Film), Achim Konrad, Paul White Schwimmoper Julia Franken, Kevin Pawel Matweew, Camilo Milton Zufluchtshaus Foteini Papadopoulou, Katrin Vellrath, René Jeukens, Siegersbusch Rathaus Barmen Ute Freund, Jo Parkes, Wolfgang Schmidtke

2., 3., 4. November 2017 Saint-Etienne – Wuppertal Workshop internationaler Tanzfilm-Festivaldirektoren und Filmschaffender 2. November 2017, 18.45 Uhr, rex Filmtheater Wuppertal, Kipdorf 29, 42103 Wuppertal öffentliches Screening Edition internationaler Tanzfilme 9. November 2017, 19.00 Uhr Neuer Kunstverein Wuppertal Hofaue 51 (Kolkmannhaus), 42103 Wuppertal Maya Deren Forum – Spiel und Ritual Vortrag und Screening, Referentinnen: Florence Freitag und Dr. Claudia Kappenberg 16. Dezember 2017 Carambolage - Tanzrauschen Education Day in Kooperation mit dem „ort“, Peter Kowald Gesellschaft/ ort e.V, Luisenstr. 116, 42103 Wuppertal Workshop mit Anmeldung, öffentliches Screening, Referentin Dr. des. Stephanie Sarah Lauke, Kunst- und Medienwissenschaftlerin www.carambolage-netzwerk.de www.tanzrauschen.de www.facebook.com/tanzrauschenwuppertal 37


Ich bin Heute, 2014, Foto: Ralf Haunschild

Probe zu Farbenglanz, 2015, Foto: Nina Deissler

Integratives Tanztheater mit starken Gefühlen Caterina Zinke fragt nach bei Helga Roßner

Die Fuchsstraße, eine kleine Seitenstraße in Wuppertal-Unterbarmen, ist die Heimat von Helga Roßner und ihrer Tanzetage. Außerdem ist sie Sitz des Integrativen Tanztheaters, mittlerweile feste Größe der Wuppertaler Kulturlandschaft. Seit zehn Jahren bringt Roßner mit

ten wie Gemälde oder Zeichnungen in ihrem Körper tragen und diese auf die Bühne bringen können. Dabei gewähren sie sehr persönliche Einblicke in ihr Seelenleben. Für den Zuschauer öffnet dies Türen zu seiner eigenen Gefühlswelt, weil nicht verborgen bleibt, dass das, was die Tänzer zum Ausdruck bringen, echt und nicht gespielt ist.

ihrem Ensemble Tanztheaterstücke auf die Bühne, die die Grenze zwischen Menschen mit und ohne Behinderung aufheben. Sowohl bei ihrer Arbeit mit dem Integrativen Tanztheater als auch in der Tanzetage bezieht sich Roßner auf ihr Motto „Jeder kann tanzen“. 2010 haben Sie das Integrative Tanztheater gegründet. Im November wird Ihr neues Stück Das Requiem in Wuppertal Premiere haben. Inwieweit unterscheidet sich dieses Stück von seinen Vorgängern? Rückblickend ist das erste Stück für mich ein Herantasten an Menschen gewesen, die nicht professionell tanzen. Mir ist dabei bewusst geworden, dass Menschen ihre Geschich38

Helga Roßner im Gespräch mit Caterina Zinke, Foto: Matthias Joswig


Bei den Stücken der letzten Jahre und auch beim aktuellen Stück „Das Requiem“ bin ich in meiner Arbeit viel mutiger geworden und setze Impulse in der Dramaturgie. Im „Requiem“ wage ich mich an eine vollendete Komposition und stelle an ihr den bitteren Geschmack des Leistungsdrucks auf die jungen Menschen in der heutigen Gesellschaft heraus: perfekte Körper, Karriere, Familie, wirtschaftlicher Status usw. Dagegen setze ich die Welt der Einfachheit im Ich-selbst-Sein. Dies möchte ich besonders erlebbar machen, durch die afrikanische Musikgruppe „Kafoum“, die ihre echte, klare und freudvolle Musik live bei der Aufführung präsentieren wird. Der tänzerische Ausdruck starker Gefühle, wie Freude, Angst und Trauer, empfinde ich bei den Menschen mit einem Handicap als besonders erfüllend, da sie sich durch den Tanz oft viel präziser mitteilen können als mit Worten. Dies rührt und beglückt mich.

Alle Bilder auf dieser Seite: „Farbenglanz“, 2015, Fotos: Ralf Haunschild

Oft erlebe ich, dass Tänzer sich etwas in ihrem Kopf zurechtchoreografieren, was aber nicht belebt, nicht lebendig ist. Viel ehrlicher, echter und mutiger ist es, wenn Tänzer aus dem Bauch, aus ihrer Gefühlswelt heraus agieren. Die dabei entstehenden Tänze sind zwar oft nicht wiederholbar, aber der Tanz lebt. Heute kann ich sagen, dass ich den Mut gefunden habe, Menschen auf die Bühne zu bringen, die für sich selbst stehen und nicht auswechselbar sind. Eine Besonderheit dieses Stückes wird sein, dass die Tänzer während der Aufführung die Bühne nicht verlassen werden. Welchen Hintergrund hat diese Idee? Bislang waren es nur wenige Menschen, die mein Ensemble während der Stücke hinter der Bühne begleiten konnten. Mein Wunsch ist es, dem Publikum zu zeigen, wie das Ensemble in seinem Inneren funktioniert, wie die Tänzer mitgehen und das Stück aufnehmen. Ich möchte zeigen, wie die Menschen mit Handicap in sich ruhen und gleichzeitig das Stück in seiner Gesamtheit begleiten. Es kann sichtbar werden, dass die Tänzer ohne Einschränkung hingegen oft viel mehr abgelenkt durch ihre eigenen Gedanken und Ängste sind. Auch ist es mein Wunsch zu zeigen, wie selbstständig und selbstbestimmt mein Ensemble ist. Ein Hinter-der-Bühne ist vielleicht gar nicht mehr notwendig. Dort geschieht vieles über verbale Anweisungen. Wenn sich das gesamte Ensemble während des Stückes auf der Bühne befindet, gibt es nicht immer jemanden, der hilft. Vieles muss sich dann von selbst klären, und vieles kann auf der Ebene stattfinden, die mir so wichtig ist: die nonverbale. 39


Sicher, es ist ein Experiment und ich habe auch Angst, dass es nicht so klappt, wie ich es mir vorstelle. Ich habe aber ein großes Vertrauen in meine Tänzer und würde es ihnen nicht zumuten, wenn ich nicht daran glauben würde, dass sie es schaffen.

ändert hat. Einmal hatten wir auch den Fall, dass ich in der Generalprobe merkte, dass das Stück nicht funktioniere, und ich mich entschied, es komplett umzuschmeißen. Für die Tänzer war das sehr schwierig, für ihren Tanz war es ein unglaublicher Gewinn.

Wie lange arbeiten Sie an einem Stück? Meist setze ich zwölf Proben an, dazu kommen verschiedene Einzelproben. Mir ist der Augenblick, das Jetzt des Tanzes wichtig. Damit meine ich, dass es die aktuellen Gefühle und Themen der Tänzer sein sollen, die auf der Bühne sichtbar werden. Je öfter und länger man es übt, desto flacher und lebloser wird es.

Besonders auffallend bei Ihren Inszenierungen ist, mit welcher Leidenschaft und Hingabe Ihre Tänzerinnen und Tänzer sich bewegen. Wie gelingt Ihnen das? Wie ich schon sagte, es ist die Teilhabe der Tänzer an den Stücken. Nicht ich diktiere, was zu tun ist, sondern wir entwickeln ein Stück gemeinsam, machen es zu unserem Stück. So sind wir alle mit dem, was wir tun, fest verwurzelt. Dadurch wachsen wir enorm zusammen. Ehrfürchtig schaue ich auf das, was das Ensemble hervorbringt und schließlich tänzerisch ausdrückt. Für mich ist das Wundervollste daran, dass niemand infrage stellt, was wir dort tun, oder daran zweifelt, dass uns das Stück gelingen könnte.

Insgesamt erstreckt sich die Zeit der Stückentwicklung auf circa neun Monate. Es ist wie bei einer Schwangerschaft. Am Anfang steht die Eizelle, eine kleine Idee in meinem Kopf. Dann geht es plötzlich los, aus der Eizelle wachsen und gedeihen weitere Ideen. Irgendwann ist es wie ein Film in meinem Kopf. Meist geschieht dies in vielen Nächten, in denen ich wach liege. Diese Zeit ist sehr intensiv. Viele Bilder halte ich auf Papier fest. Am Ende dieser neun Monate ist das Stück in meinem Kopf so weit gewachsen, dass wir mit den Proben beginnen können. Wobei das Ergebnis wiederum ganz anders sein kann und es eigentlich auch immer ist, da die Tänzer ihre Wünsche, Gedanken, Emotionen mitbringen und ihre Tänze selbst ausgestalten. Wie läuft eine „normale“ Probe bei Ihnen ab? Zu Beginn erzähle ich die Geschichte des Stückes. Die Tänzer hören zu und achten auf ihre persönliche Gefühlswelt und die Bilder, die in ihren Köpfen wachsen. Auf dieser Grundlage beginnen wir zu tanzen. Nicht immer steht die Musik von Anfang an fest, sodass wirklich die Grundlage des Tanzens meine Geschichte ist. Alles, was ich sehe und mir gefällt, speichere ich direkt ab. Zum Glück habe ich eine gute Seele, Katja, die alles aufschreibt, was ich während dieser Phase sage. Das ist ein großer Luxus. Katja notiert auch das, was die Tänzer an Ideen haben, wie sie sich ihre Tänze vorstellen und was ihnen an den Szenen der anderen gefällt. Ganz wichtig an meiner Arbeit mit dem Ensemble ist, dass ich immer wieder motiviere und die Tänzer ermuntere, fortzufahren oder in eine ganz andere Richtung zu denken. Am Ende einer Probe habe ich eine Fülle an Material. Oft habe ich auch bereits Klarheit darüber, wer welche Szene tanzt. Dies teile ich aber in der Regel sehr viel später mit, weil sich sonst der Ausdruck des Tänzers schon wieder ver40

Ihr Ensemble besteht derzeit aus 30 Tänzerinnen und Tänzern. Es gehören Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer verschiedenen Alters, Menschen mit und ohne Handicap dazu. Wie gelingt es Ihnen, diese Menschen zu einem Team wachsen zu lassen? Für die Teambildung sind zwei Bausteine relevant: Einmal erfahren ausnahmslos alle Tänzer von mir Unterstützung in ihren Fähigkeiten. Ich signalisiere allen, dass sie für dieses Stück und für diese Gruppe ein unverzichtbarer Bestandteil sind. Zum zweiten wachsen wir zusammen durch die Zeit, die wir miteinander verbringen. Wir essen und trinken gemeinsam, wählen z. B. die Kostüme aus und fahren einmal im Jahr übers Wochenende weg. Während dieser gemeinsam verbrachten Zeit sind wir füreinander da, helfen und unterstützen uns gegenseitig – und vor allem sprechen wir viel miteinander. Ihr Tanztheater stellt eindrücklich unter Beweis, dass Inklusion funktionieren kann. Wie stehen Sie zu der Form von Inklusion, wie sie an den Schulen gelebt wird? Es ist natürlich ein Unterschied, ob Inklusion während eines künstlerischen Projektes mit vielen Freiräumen oder in der Schule mit ihren systemimmanenten Vorgaben und Regeln, Lehrplänen und Leistungserwartungen stattfindet. Generell befürworte ich es, dass Schüler mit und ohne Beeinträchtigung miteinander leben und lernen. Wobei für mich nicht die reine Wissensvermittlung im Mittelpunkt steht, sondern eher die Begegnung im Alltag, bei Projekten, gemeinsamen Mahlzeiten usw. Inklusion betrachte ich vor


Szene aus dem Stück „Struwelbreaker“ aus dem Jahr 2016, Foto: Matthias Joswig

allem als soziale Herausforderung, die das System Schule in ihrem gegenwärtigen Rahmen schwer leisten kann. Neben dem integrativen Tanztheater ist es die Tanzetage in der Fuchsstraße, die einen Großteil Ihrer Arbeit ausmacht. Muyota ist der Name der von Ihnen entwickelten Bewegungslehre. An wen richtet sich diese Lehre und wie kann man sie sich vorstellen? Muyota besteht aus drei miteinander verwobenen Elementen: Musik, Yoga und Tanz. Die Musik dient als Impuls für Erinnerungen und für die Bindung von Bewegung und Emotion an den Körper. Yoga betrachte ich ganz ursprünglich und frei von irgendwelchen speziellen Lehren. Mir geht es um eine bewusste Körpererfahrung und die Schulung des Atmens. Diese Elemente fließen in den Tanz mit ein, ergeben eine Gesamtheit und ein komplexes Bewegungserlebnis. Das hört sich kompliziert und nach der Notwendigkeit vieler Vorerfah-

rungen an. Tatsächlich ist es aber so, dass jeder diese Form der Bewegung erlernen kann, weil man sie nicht richtig oder falsch ausführen kann. Es ist völlig unerheblich, ob jemand ungeübter Tänzer ist, viel oder wenig Ausdauer hat, in einer persönlichen Krise steckt oder noch ganz jung ist. Jeder kann tanzen!

Das Requiem Haus der Jugend Barmen Geschwister-Scholl-Platz 4-6, 42269 Wuppertal Freitag, 24. November, 10.30 und 19.00 Uhr Samstag, 25. November, 15.30 und 19.00 Uhr Sonntag, 26. November, 15.30

Vorverkauf: www.integratives-tanztheater.de 12 Euro, ermäßigt 8 Euro 41


Links: Jumpsuit gestrickt aus 100 Prozent Kaschmir. Rechts: Kleid gestrickt aus dĂźnner Merinowolle und Fake Fur Jacke gefĂźttert mit Seide Fotos: Lisa Jureczko

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Halstenbachs in Barmen Textile Schönheit, die alle Dimensionen umspannt

Der Name Halstenbach ist seit dem 19. Jahrhundert untrennbar mit Wuppertals Geschichte als Textilmetropole verbunden. Ganz unabhängig von der Tradition ihrer Familie hat sich Andrea Halstenbach vor einigen Jahren mit ihrem eigenen Modelabel selbstständig gemacht und zeigt mittlerweile regelmäßig ihre exklusiven Kaschmir- und Merino-Strickwaren bei der New York Fashion Week. Damit belebt sie die jahrhundertealte Familientradition neu und meistert elegant Wuppertals Anschluss an das internationale Modegeschehen.


Wuppertals Aufstieg zur Textilhauptstadt Das gute, klare, bergische Wasser, dem Wuppertal nicht nur seinen Namen, sondern auch seine Existenz als Textilmetropole verdankt, entspringt einige Kilometer entfernt aus insgesamt 37 Quellen. 37 silbrige Fäden fließen durch kühle Wälder, dunkle Schluchten, über die Mühlräder alter Schleifkotten und durch die Turbinen großer Staumauern und verweben sich auf ihrem Weg zu einem breiten Band, das sich schließlich geruhsam durch die Wiesen von Barmen und Elberfeld zieht. Als man in Elberfeld im Mittelalter eine Burg errichtet hatte und die Bewohner den Status des Bürgers und vorerst eingeschränkte Stadtrechte erhielten, befanden sich die unfreien Bauern im benachbarten Barmen noch in Abhängigkeit von ihrem Lehnsherrn. Weder das typische bergische Wetter noch die Böden eigneten sich so recht für die Landwirschaft – zu kalt und regnerisch war es in der Region, zu schlammig der Boden, zu nass die Wiesen. Aber gerade die nassen Wiesen entlang des Flusses brachten die Bauern auf die Idee, die weiten Flächen und das gute Wasser zum Garnbleichen zu nutzen. Da der Flachs aus Ostwestfalen importiert werden musste, kam bald das Fuhrgewerbe hinzu, dann das Färben und das Verweben des Garns, und indem immer eine Tätigkeit die nächste mit sich zog, erweiterte sich das Wuppertaler Textilrepertoire über die Jahrhunderte hinweg zu einem massiv ausgerüsteten Industriestandort mit einer ganz eigenen, besonderen Infrastruktur. Mit der Zeit entstanden Bleichhäuser, Färbereien, Webereien, Flechtereien, Zwirnereien, Band- und Litzenfabriken, Schnürriemenfabriken, Konfektionsbetriebe, Ausbildungsstätten, Handelskontore. Industriehallen wurden gebaut und Eisenbahnlinien sowie Maschinenfabriken, Chemieanlagen, Arbeitersiedlungen und Villenviertel und nicht zuletzt die Heckinghauser Zollbrücke, die über die Wupper führt und dafür bekannt ist, dass auf ihren steinernen Bögen anfangs noch Textilschmuggel zwischen dem Herzogtum Berg und der Grafschaft Mark betrieben wurde. Und während die Uipparaha, der „singende, springende Fluss“, wie die Wupper im Altdeutschen hieß, durch das Tal plätscherte und mit ihr die Jahrhunderte vorbeiflossen, wurde gewebt, gewirkt, gestrickt, gefärbt, geflochten, es wurden Ideen entwickelt, Marketingstrategien erprobt, Maschinen entworfen und der technische Fortschritt vorangetrieben. Und obwohl Elberfeld und Barmen gleichermaßen weltweit für ihre Textilindustrie bekannt wurden, so ist es doch das Barmer Wappen, auf dem die großen 44

goldenen Garnbündel zu Füßen des Bergischen Löwen zu sehen sind. 1929 wurden schließlich beide Städte zum heutigen Wuppertal zusammengeschlossen und das Barmer Garn in das neue gemeinsame Wappen übernommen.

Halstenbach & Co. – Gummielastische Materialien für die ästhetischste aller Dimensionen In Barmen war es auch, wo Wilhelm Halstenbach in den 1880er-Jahren eine Textilfabrik gründete und damit den Grundstein für ein Unternehmen legte, das sich über drei Generationen hinweg durch Erfindungsreichtum, Pioniergeist und merkantiles Geschick zu einer weltweit erfolgreichen Firmendynastie entwickelte. Halstenbach & Co. sollte das Thema Garn schließlich in eine ganz neue Dimension befördern, und zwar in eine ausgesprochen schöne. Im 19. Jahrhundert war das heutige Wuppertal längst für seine Bandwebereien berühmt, und auch auf Wilhelm Halstenbachs ersten eigenen Webstühlen entstanden zunächst „Barmer Bänder“. Gleichzeitig experimentierte er mit Hörgeräten und Hosenträgern und machte dabei erste Erfahrungen im Bereich der Elastizität. Ursprünglich wurden elastische Bänder durch das Verweben von geschnittenen Gummistreifen und textilen Fäden hergestellt. Erst in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurde das Verfahren revolutioniert, indem man Latexmilch mit Hochdruck durch Düsen presste und auf diese Weise zarte, elastische Fäden herstellte. Wilhelm Halstenbach gelang es jedoch schon in den 20er-Jahren, breite elastische Stoffe zu weben, was damals ebenfalls eine absolute Innovation war, konnte man bis dahin doch nur weitaus schmalere elastische Bänder herstellen. Mit der Erfindung des zukunftsweisenden Materials namens „Elastinova“ in den Jahren 1926/27 schuf die Firma Halstenbach & Co. eine kompakte, gummielastische, sogenannte Raschelware und damit den Urahn aller elastischen Tülle von heute. Seitdem gilt Halstenbach & Co. als die Wiege der deutschen Tüllindustrie. Von Barmen aus beeinflusste das Unternehmen die Elastikherstellung in der ganzen Welt. Der Bereich, der erst durch die Halstenbach’schen Erfindungen einen großen Schritt in die Moderne machen konnte, war die Miederbranche. Gerade in den 30er-Jahren, als Modeschöpferinnen wie Madelaine Vionnet und Jeanne Lanvin Kleider entwarfen, die den Körper dank des Schrägschnittverfahrens wie geschmolzenes Silber umflossen, war eine solide Unterkonstruktion gefragt. Das vormals starre Mieder wurde elastisch und schuf nun weiche, elegante Li-


nien. Halstenbach & Co. waren von Anfang an maßgeblich an der Entwicklung des elastischen Mieders beteiligt, und man pflegte einen engen Kontakt zu den Herstellern. Als Wilhelm Halstenbach im Jahr 1926 starb, hatte dessen Sohn Willy Halstenbach die Leitung der Firma bereits übernommen und arbeitete stetig an deren Erweiterung. In Carl Rosenkranz, der 1930 als Teilhaber in die Textilfabrik eintrat, fand Willy Halstenbach zudem einen Geschäftspartner, mit dem er in den nächsten Jahren das Familienunternehmen zum weltweit anerkannten Experten für elastische Stoffe aller Art ausbauen konnte. Ende der 30erJahre betrieb Halstenbach & Co. in Barmen eine eigene Färberei, eine Raschelei, eine Gummispinnerei sowie eine Band- und Breitweberei und eine Flach- und Rundstrickerei. In diesen Jahren erweiterte sich das Repertoire zudem um eine eigene Maschinenabteilung, in der der sogenannte Hacoba-Automat entwickelt und hergestellt wurde, der erste vollautomatische Schussspulautomat der Welt. Als zu Beginn der 50er-Jahre ein erneuter Generationswechsel in der Firmenleitung stattfand, blieb man dem System Halstenbach-Rosenkranz treu, und die jeweiligen Söhne übernahmen die Geschicke. Carl-Georg Rosenkranz leitete von nun an die Finanzen, und Hanns Halstenbach besuchte die Miederhersteller, betrieb Marktforschung und war für seine kreativen Geschäftsideen bekannt. Ende der 60er-Jahre gehörten Halstenbach & Co. aufgrund der fortschrittlichen Fertigungsmethoden und der vielseitigen Kollektionen nach wie vor zu den weltweit wichtigsten Lieferanten der Miederindustrie. Aus dieser Zeit stammt auch der Ausspruch, mit dem Hanns Halstenbach seine Firmenphilosophie elegant auf den Punkt bringt: „Wir haben es mit einem Artikel zu tun, der die allernächste Nähe zum weiblichen Körper hat, der ästhetischsten und zugleich existenziellsten Dimension, die es wohl auf der Erde gibt. Ich liebe diese Dimension – und darum auch die Miederbranche.“ Damals befand sich die deutsche Textilindustrie schon in einer zunehmenden Krise, da viele Konkurrenten ihre Herstellung nun verstärkt in Billiglohnländer ausgelagerten. Halstenbachs experimentieren und expandierten jedoch ungebremst weiter, sie entwickelten Stoffe für Bademoden, zollten dem Disco-Zeitalter seinen Tribut und erfanden mit „Halstenbach Hot Elastics“ einen „bi-elastischen Wirkstoff für formende und bequem sitzende Freizeithosen“ für den amerikanischen Markt. Auch einen elastischen Jacquard entwarfen sie, der es erlaubte, stützende Funktionen in die

Dessins zu integrieren - die Erfüllung eines Urwunsches aller Miederfabrikanten. Allem Engagement zum Trotz musste die Firma Halstenbach & Co. wie viele andere Wuppertaler Textilunternehmen am Ende aufgeben. Wilhem Haltensbachs Elastikfabrik wurde 1982 geschlossen, die einstmals zukunftsweisenden, vollklimatisierten Fabrikationshallen wurden einige Jahre später abgerissen. Damals wusste noch niemand, dass unter dem Namen Halstenbach noch einmal eine ganz neue, nicht weniger glanzvolle Textilgeschichte geschrieben werden sollte.

Andrea Halstenbach vor ihren Kleidungsstücken in NYC Foto: Ulrich Halstenbach

Halstenbach Fine Clothes – Andrea Halstenbach etabliert ihr eigenes Kaschmir-Label und schließt Wuppertal wieder an das internationale Modegeschehen an Unter dem Label „Halstenbach Fine Clothes“ entwirft Andrea Halstenbach heute in Unterbarmen luxuriöse Kaschmir- und MerinoStrickwaren, die sie in Italien in sorgsam ausgewählten Strickereien aus feinsten Garnen anfertigen lässt. Als die Designerin durch ihre Heirat Mitglied der Halstenbach-Familie wurde, traf sie bei ihren neuen Barmer Verwandten auf den typischen Erfindergeist und Optimismus, für den schon der Firmengründer Wilhelm im 19. Jahrhundert bekannt gewesen war. Die Schleißung der Elastikwerke lag zu diesem Zeitpunkt jedoch schon viele Jahre zurück. Ihr eigenes Kaschmir- und Merino-Label mit dem Namen Halstenbach Fine Clothes hat Andrea also quasi aus dem Nichts gegründet und gleichzeitig drei 45


Alle Fotos: Dan Lecca

Kinder großgezogen. Die Designerin, die heute mit ihren Modekollektionen um die ganze Welt jettet, legt großen Wert darauf, dass sie ihre Aufgabe als Mutter für genauso wichtig und ernst zu nehmend erachtet wie das Betreiben ihres Modelabels. Mit diesem Idealismus engagiert sie sich seit Jahren auch für die Kinder ihrer Stadt, denen es nicht so gut geht wie ihren eigenen. Die von Andrea Halstenbach gelebte Mischung aus Bodenständigkeit und Exklusivität erklärt sie sich durch ihre eigene Kindheit. Sie selbst stammt nicht aus einer Textildynastie, von ihren Eltern hat sie jedoch einen großen Sinn für das Schöne mitbekommen, für gute Materialien und klare Formen. Gerade weil die finanziellen Mittel begrenzt waren, legte man in ihrer Familie Wert auf hochwertige, klassische Kleidung mit einer langen Lebensdauer. „In meiner Kindheit gab es bei uns keine Unmengen an Kleidern, jedoch immer nur das Beste und Schönste. Das hat meinen Qualitätsbegriff natürlich sehr geprägt“, sagt Andrea Halstenbach heute und ist fasziniert von einer puren und dadurch erst recht glamourösen Ästhetik. 46

Im Jahr 2004 gründete sie schließlich in Unterbarmen, in dem Bergischen Fachwerkhaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, in dem sie auch heute noch lebt, ihre eigene Firma. Mit diesem Schritt schlug sie ein ganz neues Kapitel der Barmer Garnverarbeitung auf und begann, die von ihr erntworfenen Pullover, Strickjacken und Strickmäntel in Italien aus bester Kaschmir- und Merinowolle anfertigen zu lassen. Heute bietet das Label sowohl Strickwaren an, die in einer höheren Anzahl hergestellt werden, als auch Stücke, die nur ein einziges Mal auf der Welt existieren und die man als Kunstwerke betrachten kann. Alle Strickwaren des Wuppertaler Labels teilen jedoch einige wichtige Eigenschaften: Auch wenn man Kleidungsstücke aus dem Hause Halstenbach Fine Clothes als nahezu perfekt betrachten kann, so entfalten sie ihre vollkommene Schönheit dennoch erst, wenn sie getragen werden. Dank der weichen Elastizität der Strickwaren folgen die geometrischen Schnitte den Formen und Linien des weiblichen Körpers. Auf diese Weise verschmelzen Körper und Kleidung zu einer ganz beson-


deren, individuellen Schönheit. Halstenbach Fine Clothes steht für eine tief empfundene Liebe für luxuriöse Materialien und für mit hohem Aufwand verarbeitete Details. Durch einen schon beinahe skulpturalen Umgang mit der Mode verspürt man eine Spannung zwischen den klaren, abstrakten Formen der wollenen Kleider, Strickjacken und Schals und der Anschmiegsamkeit der weichen, seidigen Oberflächen.

Halstenbach Fine Clothes bei der New York Fashion Week Im September 2017 nahm Andrea Halstenbach nun mit ihrem Label zum erneuten Mal an der New York Fashion Week teil. Genauso souverän, wie sie die ersten Modenschauen in ihrem Bergischen Fachwerkhaus durchgeführt hatte, inszenierte sie jetzt ihre Präsentation im Rahmen des Projekts Flying Solo. Es bietet unabhängigen Designern eine Plattform und gehört zum offiziellen Teil der New York Fashion Week. Dabei korrespondierte der ausgesprochen technisch-metallische Look der Räume auf dem West Broadway ganz besonders mit dem luxuriösen Minimalismus, für den die Wuppertaler Designerin bekannt ist. Neben ihren aufregend eleganten Strickjumpsuits beeindruckte Andrea Halstenbach vor allem mit silbern und kupferfarben beschichteten Kaschmirmänteln, die durch ihre spektakuläre Materialkombination faszinierten. Auf dem Laufsteg trugen Andreas Models Kaschmir, Seide und Merino – sonst nichts. Kein Schmuck, keine Schuhe, kei-

ne sonstigen Accessoires. Und diese Konzentration auf das Wesentliche fiel auf, nicht nur den Redakteuren der Vogue, die Andrea Halstenbach im Anschluss an die Show interviewten. Mit all ihrem Engagement erweckt Andrea Halstenbach, die das Bergische Wasser bereits im Namen trägt, nicht nur die textile Tradition ihrer Heimatstadt wieder zum Leben – sie bringt auf ihre Weise das Barmer Garn von der Wupper an den Hudson River, an den anderen großen Fluss. Und das ist auch eine typische Wuppertaler Qualität: der Anschluss an das Zeitgeschehen und damit an die ganze Welt. Andrea Halstenbach gelingt eine Verbindung zwischen der Authentizität traditioneller Handwerkskunst und der minimalistischen Modernität unserer Zeit. Vergangenheit und Zukunft gehen dabei eine elegante Verbindung ein, so wie die Schönheit der Materialien und Formen ein unwiderstehliches Verlangen hervorrufen, Halstenbach Fine Clothes zu tragen. Julia Zinnbauer Abbildungen auf Seite 46 von links nach rechts: Mäntel, Hose und Slipdress aus Kaschmir und Seide Mantel aus Kaschmir und Seide, metallisch laminiert in Kupfer Jumpsuit gestrickt aus 100 Prozent Kaschmir, Mantel aus Kaschmir und Seide, metallisch laminiert in Silber

The art of tool making 47


Saitenspiel – die Saison 2017/2018 Kammermusik in der Historischen Stadthalle Wuppertal Sechsmal Streichquartett und einmal Violoncello solo – die Konzertreihe Saitenspiel wartet auch in der Saison 2017/2018 mit einem vielfältigen Programm und hochkarätigen Interpreten auf. Für Detlef Muthmann – Mäzen, Gründer und Spiritus Rector von Saitenspiel – ist das Streichquartett als musikalische Form das „Herz“ dieses Kammermusik-Zyklus. Nach sieben erfolgreichen Spielzeiten war es nun überfällig, jenen musikalischen Pionier und Erneuerer in den Mittelpunkt der Reihe zu stellen, dem die Musikgeschichte das klassische Streichquartett verdankt: Joseph Haydn. „Beobachten, was den Eindruck hervorbringt und was ihn schwächt, also verbessern, zusetzen, wegschneiden, wagen“ – so beschrieb Haydn einmal seine Art zu komponieren. Das Bild vom „Papa Haydn“, das die folgenden Generationen überlieferten, mag auf seine „Vaterschaft“ für die klassischen Formen des Streichquartetts und der Symphonie anspielen – vielleicht aber auch auf seinen Charakter, denn Haydn wird als zufriedene, dankbare und freundliche Person beschrieben. Seine Musik scheint diesen ausgeglichenen Charakter widerzuspiegeln: Verstand und Gefühl, Form und Ausdruck erreichen hier eine nie wieder erreichte Harmonie.

Saisonstart Am 15.

Oktober 2017 eröffnet das Schumann Quartett mit Haydns letztem vollendeten Streichquartett F-Dur op. 77/2 die Saitenspiel-Saison. Die drei Brüder Erik, Ken und Mark Schumann, aufgewachsen bei Köln, musizieren seit Kindertagen zusammen. Gemeinsam Schumann Quartett

mit der Bratscherin Liisa Randalu aus Estland hat das junge Ensemble in den vergangenen Jahren die internationalen Konzertpodien erobert und im vergangenen Jahr sein fulminantes Wuppertaler Debüt im Mendelssohn Saal der Historischen Stadthalle gegeben. Die Verbindung von Tradition und Moderne ist dem Schumann Quartett ein besonderes Anliegen: So stellt es Haydns Meisterwerk zwei Kompositionen aus dem 20. Jahrhundert gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Das Streichquartett des Amerikaners Samuel Barber aus den Jahren 1935/36 ist durch seinen zweiten Satz „Adagio“, der ein Hit von popmusikalischem Ausmaß wurde, berühmt geworden. Barbers Tonsprache ist retrospektiv, tonal und melodisch geprägt. Ganz anders das kurze, aber intensive „Adagio“ des in Berlin lebenden Komponisten Aribert Reimann. Es bezieht sich auf die zukunftsweisenden, oft verstörenden Elemente im Schaffen des Romantikers Robert Schumann. Mit dessen Streichquartett F-Dur op. 41/2 (entstanden 1842 nach intensivem Studium der Quartette der drei Wiener Klassiker Haydn, Mozart und Beethoven) schließt der programmatische Bogen dieses Konzerts.

Debüt und Erstaufführungen Klug erdachte Pro-

gramme sind auch das Markenzeichen des Artis Quartett Wien, das seit 1980 die Musikwelt mit seinen authentischen Interpretationen der österreichischen Musik aus Spätromantik und beginnender Moderne begeistert. Am 3. Dezember 2017 sind die vier Musiker erstmals in der Historischen Stadthalle zu Gast – und haben gleich zwei Wuppertaler Erstaufführungen im Gepäck: das selten aufgeführte Streichquartett des Geigenvirtuosen Fritz Kreisler und das Streichquartett G-Dur op. 31 des Wiener Spätromantikers Karl Weigl – der durch seine Emigration in die Artis Quartett

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USA nach seinem Tod im Jahr 1949 zu Unrecht in Vergessenheit geriet. Joseph Haydn steht mit seinem Streichquartett B-Dur op. 76/4 bewusst am Schluss des Programms – wird der Wiener Klassiker doch viel zu oft als „Einspielnummer“ missbraucht. Hier darf er zu Recht als Finale und Höhepunkt des Abends stehen.

Ausblicke auf 2018 Ein solistisches, gewichtiges Intermezzo im Reigen der Streichquartette bildet das Soloprogramm des international gefragten deutschen Cellisten Peter Bruns am 21. Januar 2018. Das Violoncello gilt als das sanglichste und ausdrucksstärkste aller Streichinstrumente – schließlich umfasst sein Tonumfang alle Register der menschlichen Stimme vom Bass bis zum Sopran. Peter Bruns präsentiert Repertoire-Meilensteine wie zwei SoloSuiten von Johann Sebastian Bach und Max Reger, aber auch etliche Raritäten. Einen besonderen Akzent und Kontrapunkt im SaitenspielZyklus wird das Passionswochenende mit drei Konzerten am 17. und 18. März 2018 setzen: Hier rückt neben Joseph Haydn auch die Komponistin Sofia Gubaidulina in den Fokus. Die tatarische, zuerst in Moskau, nun bei Hamburg lebende Komponistin wandte sich unter dem Druck der Sowjetdiktatur ganz bewusst einer christlich geprägten Spiritualität zu. Fugen und Choräle von Johann Sebastian Bach, Streichquartette von Sofia Gubaidulina, Franz Schubert, Peter Tschaikowsky und Dmitri Schostakowitsch loten den Widerspruch von Leiden und Hoffnung aus – für den Joseph Haydn in seinen "Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze" eine ganz eigene Antwort fand. Die sieben liturgischen Adagios, komponiert 1786/87 Mandelring Quartett

Sofia Gubaidulina

für den Karfreitagsgottesdienst im Dom zu Cadiz, werden ergänzt durch Meditationen von Walter Jens, rezitiert von Ensemblemitgliedern des Jugendtheaters lutzhagen. Musikalische Interpreten des Passionswochenendes sind das Klenke Quartett, das unter anderem für seine Tschaikowsky-Einspielungen hervorragende Presseresonanz erhielt, das neu formierte Prisma Quartett und das seit 36 Jahren weltweit gefeierte Auryn Quartett. Gleich zwei Haydn-Quartette interpretiert das weltberühmte Mandelring Quartett zum Abschluss von Saitenspiel am 22. April 2018: das frühe B-Dur-Quartett op. 1/1 und das h-moll-Quartett op. 33/1 aus der bahnbrechenden Serie der „Russischen Quartette". Haydn’sche Klarheit umrahmt in diesem Konzert französische clarté: die Streichquartette von Ravel und Debussy.

Besondere Angebote Auch in der Saison 2017/2018 gehören acht Konzerte für Grundschulkinder der 3. und 4. Klassen, moderiert von Raphael Amend, zum Spektrum der Kammermusikreihe. Eine besondere Einladung unter dem Motto „Auf Flügeln der Musik“ gilt Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen. Ihnen soll der Konzertbesuch zu besonderen Konditionen ermöglicht und vereinfacht werden: Neben dem ermäßigten Eintrittspreis „2 für 1“ steht für die Planung und vor Ort eine persönliche Ansprechpartnerin zur Verfügung. Detaillierte Informationen zu dem vielfältigen Programm, zu den Interpreten und zum Kartenverkauf gibt es unter: www.saitenspiele.eu Auryn Quartett

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Misterioso

Das Geheimnis liegt in der Einfachheit – Thelonious Monk zum 100.

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Am 10. Oktober jährt sich zum einhundertsten Male der Geburtstag des amerikanischen Pianisten und Komponisten Thelonious Monk. Im Bewusstsein des Publikums hat er einen nicht ganz so großen Stellenwert wie Louis Armstrong, Duke Ellington, Charlie Parker, Miles Davis und John Coltrane, aber fragst du zehn x-beliebige Musiker/innen, welche fünf Leute für sie den Kern der Jazzästhetik ausmachen, ist Monk vermutlich bei neunen dabei. Auffallend ist die Begeisterung vieler Jazzleute, die sich der Avantgarde verpflichtet fühlen, und das ist oberflächlich betrachtet eigentlich merkwürdig, da es in der Kunst des Thelonious Monk einige immer wiederkehrende Merkmale gibt, die ansonsten in der Avantgarde eher untypisch sind. Der Komponist Monk hat einen Grad an klarer Identifizierbarkeit, die in der ganzen Geschichte des Jazz einmalig ist. Sämtliche Stücke, egal ob langsame oder schnelle Tempi, egal ob 12-taktige Blues- oder 32-taktige Liedformen, versprühen eine eindeutige Atmosphäre, die nach zwei, drei Takten als Erschaffer Monk, nur Monk infrage kommen lassen. Das erreicht er durch eine konsequent durchgezogene Technik beim Entwickeln der Melodien. Kern dieser Technik, dieses Ideals, dieser Ästhetik ist das Finden eines kurzen Motivs, nur vier oder fünf Töne, nicht mehr als ein oder zwei Takte. Da wir nicht über europäische klassische Musik sprechen, sondern Jazz das Sujet ist, sprechen wir bei dem melodischen Urkern besser von einem Riff als vom Motiv. Harmonisch sind die Riffs meist deutlich am jeweiligen Akkord orientiert und gewinnen dadurch ihre Klarheit, um nicht zu sagen Kantabilität. Das funktioniert bei vom Tonumfang sehr eng konstruierten Riffs, z .B. ‚Blue Monk’, ebenso wie bei Stücken mit großen Intervallen, z. B. ‚Epistrophy’. Diese Riffs werden dann im formalen Verlauf ständig wiederholt, wobei die Angleichung an die wechselnden Akkorde ein Monk-Stück harmonisch auch für Hörer verständlich macht, die sonst keine Kenntnis von Thelonious Monk (1917-1982). Im Mintones Playhouse in New York City. Foto von William P. Gottlieb, (1947). Foto: Granger Historical Picture Archive/Alamy Stock Foto

Harmonielehre haben. Die Musik ist raffiniert gebaut, hat aber nie eine Komplexität, für die ich einen Rechenschieber brauche. Sie ist gleichzeitig stets bluesgetränkt wie formal intelligent gebaut. So lässt sich vielleicht Coltranes gern genutztes Zitat über Monk deuten, dass er in ihm einen musikalischen Architekten ersten Ranges getroffen habe. Beim rhythmischen Umgang in der Wiederholung der Riffs kann auch das Monk’sche Pendel in zwei Richtungen ausschlagen. Ein alltime-Standard wie ‚Straigt No Chaser’ ist für manchen jungen Spieler eine echte Herausforderung, da dieses einfache Riff in den Wiederholungen auf anderen Zählzeiten beginnt – Glatteisgefahr auf dem Podium. Auf der anderen Seite wird bei ‚Friday the 13th’ eine schlichte Melodie viermal wörtlich wiederholt – fast möchte ich sagen, gnadenlos wiederholt. In dieser Bereitschaft, ein Riff zigmal zu wiederholen, liegt jene emotionale Ebene Monks begründet, der man humoreske Qualität zuordnen darf. Glaubt ein Komponist derart konsequent an die Wiederholung einer viertönigen Melodie, hat das stark skurrile Züge. Das hat sich in den hundert Jahren Jazzgeschichte sonst keiner getraut. Monk ist der einzige Musiker, der in den nachfolgenden Generationen beim nächtlichen Plattenhören nicht nur fachliche Bewunderung, sondern auch mal ein schenkelklopfendes Lachen hervorrufen kann. Das ist vielen Musikfreaks nicht klar: Nichts ist musikalisch einfacher, als tieftraurig zu sein, aber versuch mal, lustig zu sein, ohne dabei albern zu werden – dass schafft kaum jemand, wohl aber Thelonious Monk! Formal blieb er, mit einigen Ausnahmen, gern bei der in der 40er-/50er-Jahren üblichen Liedform AABA. In den drei A-Teilen regierten die Riffs, im B-Teil wählte er gern eine zweite, freiere melodische Phrase. Den Pianisten und Improvisator Thelonious Monk zeichnen weitestgehend die gleichen Stilmerkmale aus. Über die technischen Fähigkeiten als Instrumentalist ist viel diskutiert worden, und mir ist eigentlich nur die Einsicht wichtig, dass hier ein Solist mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln eine ideale Umsetzung seiner musikalischen Ideen gefunden hat. Alle Pianisten nach ihm spielen seine Musik, aber definitiv hat sie nie jemand besser gespielt als er selbst. Bei den besonders aparten Soloaufnahmen wird sofort deutlich, wie stark Monk in der Tradition verankert ist. 51


Thelonious Monk Quartett, Konzerthaus Solingen, 1964 Butch Warren, b/Thelonious Monk, p/Ben Riley, dr/Charlie Rouse, ts Foto: Gerd Killmer

Bei Stücken mittleren Tempos – das ihm besonders gut liegt – spielt er in der linken Hand mit Vorliebe im Stil des stride piano, also einer Technik, die in den früheren Jazzstilen üblich war und direkt auf den Ragtime zurückzuführen ist. Diese Spielweise empfanden die meisten anderen Pianisten der Bebop-Zeit als antiquiert, umso bemerkenswerter, dass Monk, der Held der Avantgarde, diesen Stil so konsequent weiter nutzt. Immens wichtig ist auch der Hinweis, dass Monk sich bei der Improvisation sehr viel stärker als alle seine Generationskollegen an der Vorlage der komponierten Melodie orientierte. Es gibt kaum einen Chorus, in dem er nicht wörtlich auf das anfangs vorgetragene Thema zurückgreift, auch das ein Alleinstellungsmerkmal, kein zweiter Musiker seiner Generation und auch keiner nach ihm macht das in dieser Konsequenz. Auch hier der Hinweis, dass es bemerkenswert ist, wie gerade der Bebopper, der beim Improvisieren regelrecht an der Komposition klebt, zum Liebling der Avantgarde wurde – nicht nur die Wege des Herrn sind unergründlich, auch Herr Monk trägt seine Geheimnisse ... Wie passend, dass er eines seiner schönsten Stücke ‚Misterioso’ nennt, ein Wortbild, das gern genutzt wird, um die magische Anziehungskraft seiner Kreationen zu erklären. Die Biografien anderer großer Jazzkünstler offenbaren in der Regel Menschen, die einer Idee für eine bestimmte Zeit folgten, mit ihrem Handwerk und Talent diese Idee durchmaßen, um sich dann neuen Themen zu widmen, manchmal radikal neu oder auch auf der eigenen Tradition fußend, diese aber rasant überschreitend. Nicht so Monk, er ist – wie könnte es auch angesichts des bisher Beschriebenen anders sein – sich selbst treu, pflegt im Plattenstu52

dio wie auf der Konzertbühne den musikalischen Gestus, den er in den 40ern geprägt hat. Das betrifft sowohl seinen Instrumentalstil, wie auch das Repertoire, eine deutliche Wendung zu neuen Ufern ist in den 60ern und 70ern Jahren nicht zu erkennen. Wichtig vielleicht noch der Hinweis, dass Monk ausgesprochen wenig Interesse daran hatte, ein Stück zu verändern oder zu erweitern, will sagen, der ganze Bereich des Arrangierens ist für ihn kaum von Interesse. Bestes Indiz dafür ist, dass bei den meisten Aufnahmen im Quartettformat, die jeweiligen Saxophonisten das im Klavier vorgetragene Thema unisono mitspielen. In fast allen vergleichbaren Bands wurde/wird das Thema entweder zweistimmig gesetzt oder zwischen Klavier und Saxophon aufgeteilt. Bei Monk, das dürfen wir jetzt als innere Logik bezeichnen, wird die einmal festgelegte Melodie ohne eine einzige Variation vom ersten bis zum letzten Takt von beiden Instrumenten durchgespielt. Selbst da, wo ein Arrangement unerlässlich ist, in einer Bigband, bleibt Monk puristisch. Die Nebenstimmen sind auf ein Minimum beschränkt, und die sonst obligatorischen Tuttibegleitungen hinter dem improvisierenden Solisten fallen meist ganz weg. Das Ergebnis ist allerdings alles andere als von reduzierter Qualität, mäßig wird es erst, wenn, wie in den 70er-Jahren, erfahrene, aber Monk nicht wirklich verstehende Arrangeure versuchen, seine Kompositionen mit zu viel Tand angeblich zu veredeln, aber die Musik dabei nur verstümmeln - eine schlechte Idee seiner damaligen Plattenfirma. Monks Stücke werden gern und viel gespielt, mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Die Essenz des Originals ist leider immer wieder auch renommierten Interpreten nicht klar geworden. Beliebte Fehler: „Blue Monk” gelingt in seiner vorgegebenen Schlichtheit zu naiv und versprüht bisweilen eine ans Dümmliche grenzende Fröhlichkeit. „Round Midnight” ist zigmal mit zu viel Schmelz verkitscht worden, das Original hat die gleiche Klarheit und positive Strenge, die alle Monk Stücke auszeichnet, und ist keine süße, romantische Broadwaynummer. Schlechte Aufnahmen möchte ich schnell vergessen, da nenne ich lieber zwei besonders gelungene, die von zwei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten kommen. Alexander von Schlippenbach hat mit seinem Projekt „Monk’s Casino” tatsächlich das komplette Werk des Meisters eingespielt und was dabei herausgekommen ist, ist alles andere als ein musikhistorischer Diskurs – jeder Moment versprüht hundertprozentig den Geist des Meisters. Und dann hat Chick Corea mit „Trio Music”eine Compilation von Monk-Stücken hingelegt, bei der er es schafft, seine gern herausgestellte Virtuosität und Verspieltheit ebenfalls zu hundert Prozent in den Dienst des Meisters zu stellen.


Gern komme ich noch mal auf den Gedanken zurück, dass es nicht selbstverständlich ist, weshalb kein zweiter Musiker der „Vor-Free-Jazz-Zeit“ bei der improvisierenden Liga so geschätzt wird, wie Thelonious Monk. Das waren meine Betrachtungen: Seine Kunst ist in der Komposition von einer extremen formalen Klarheit, in der Improvisation hält er sich wie kein Zweiter an die komponierte Vorlage, im Klavierstil übernimmt er viel aus der frühen Swingära, ist also alles andere als ein Bilderstürmer. Dem als junger Mann kreierten Personalstil bleibt er mit stoischer Gelassenheit ein Leben lang treu. Was fasziniert seit Generationen die Jungen Wilden an Monk? Vielleicht ist es die Klarheit seiner musikalischen Gedanken, beim Hören eines jeden seiner Stücke habe ich das Gefühl, er ist an den Kern der Idee herangekommen. Er sucht nicht auf komplizierten Wegen eine musikalische Lösung, er hat sie längst gefunden. Er spielt nicht eine Vielzahl von Tönen während einer Improvisation, deren Richtung zu Beginn noch im Nebel liegt, er unterstreicht beim Improvisieren das, was er zuvor in der Komposition schon gesagt hat. Und das Allerwichtigste: Eine jede Phrase trägt einen absolut eigenen Atem, Monk klingt nie wie die Summe dessen, was zu seiner Zeit gerade en vogue war. Das oft nervige am sogenannten mainstream ist ja nicht, dass jemand zum x-ten Male „All the things you are“ spielt, sondern dass es in einer Weise getan wird, die sich als ein reines Nachplappern von Phrasen darstellt, eigener Ansatz: null. Monk's Lebensleistung ist das ganze Gegenteil: Er fügt dem Great American Songbook zig Kompositionen zu, die auf jeder Jam Session erklingen und läuft in seinem eigenen Spiel nicht einen winzigen Moment lang Gefahr, so wie jemand anderes zu klingen. Anders formuliert: Was ist Jazz? Antwort: Thelonious Monk. Wolfgang Schmidtke

Anlässlich des 100. Geburtstags von Thelonious Monk findet in Berlin ein Konzert mit Werken der Jazzlegende statt.

Foto: M. Rinderspacher

Es spielen:

MONK´S CASINO Alexander von Schlippenbach piano Rudi Mahall bcl Axel Dörner trumpet Jan Roder bass Oliver Steidle drums

Foto: H. Cuypers

Neulich las ich tatsächlich in irgendeinem Magazin, Monk sei der eigentliche Erfinder des Bebop, was ein ziemlicher Unfug ist. Tatsächlich hat er diese erste Phase des modernen Jazz entscheidend mitgeprägt, und zwar vor allem in seinen harmonischen Vorlieben. Da Monk alles, was er tat, sehr deutlich zum Ausdruck brachte, wirken die harmonisch „neuen Töne“ des Bebop, z. B. die oft genannte „flatted fifth“ nirgendwo so prägnant, frech und wunderschön, wie bei Monk. Ein anderes wichtiges Stilmerkmal des Bebop, nämlich die Neigung zu sehr schnellen Tempi und der damit zwangsläufig verbundenen Virtuosität ist Monk mit ganz wenigen Ausnahmen, z. B. „Skippy“, sehr fremd. Vielleicht kann es eine Sichtweise sein, zu sagen: Wo die anderen Musiker den Bebop in den Fingern hatten, hatte Monk ihn im Kopf.

Wolfgang Schmidtke Orchestra „MONK‘S MOOD“ Ryan Carniaux trumpet John-Dennis Renken trumpet Martin Ohrwalder trumpet Nikolaus Neuser trumpet Gerhard Gschlößl trombone Thorsten Heitzmann trombone Mike Rafalczyk trombone Peter Cazzanelli basstrombone Nicola Fazzini altosax, soprano sax Gerd Dudek tenorsax Helga Plankensteiner baritone sax Michel Lösch piano Igor Spallati bass Bernd Oezsevim drums Wolfgang Schmidtke arrangements/conducter Am 10. Oktober 2017, 20.00 Uhr MASCHINENHAUS DER KULTURBRAUEREI Knaackstraße 97, 10435 Berlin Tickets: http://bit.ly/2guc4vl

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Zum 6. Todestag von Hans Reichel Eine Interview-Collage von Michael Rüsenberg*

„Er konnte unglaublich was“

Vor sechs Jahren, am 22. November 2011, ist Hans Reichel gestorben - Gitarrist, Violinist, Instrumentenbauer und Schriftgestalter aus Wuppertal. Musikalisch hat Reichel einen ganz eigenen Stil entwickelt, realisiert auf von ihm selbst konstruierten, unkonventionellen Gitarren. Anfang der 1980er-Jahre erfand er zudem ein völlig neues Streichinstrument, das Daxophon, bestehend aus bearbeiteten Edelholz-Teilen („Stöcke“, siehe Bild Seite...), die mit einem Bogen zum Klingen gebracht werden. 1998 erhielt er den Kunstpreis der Stadtsparkasse Wuppertal. Anlässlich einer Ausstellung über Hans Reichel in der Stadtsparkasse Wuppertal (20.9. bis 23.11.2012) hat Michael Rüsenberg, Musikjournalist, Autor und Klangkünstler, die Freunde und Kollegen des Künstlers befragt.

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Hans Reichel am Daxophon. Foto: der Veranstalter

Wolfgang Schmidtke Du siehst hier unten den Deweerth’schen Garten in Elberfeld, und es ist tragischerweise so, dass der Hans an dem Tag, an dem er gestorben ist, da auf der Bank gesessen ist und furchtbare Schmerzen in der Brust hatte. Er hat dann seinen Freund Mauri, mit dem er die Werkstatt hatte, angerufen, er solle vorbeikommen. Mauri hat ihn aus dem Park abgeholt und ist mit ihm in die Werkstatt gegangen. Dort ist er dann kurze Zeit später tot umgefallen. Sabine Hesseling Ich bin in der Nacht vorher nach Kanada auf Tournee geflogen, und am Abend davor haben Hans und ich ganz lange telefoniert. Es ging ihm unheimlich gut. Ich habe noch gesagt: „So ausgeglichen habe ich dich schon seit Jahren nicht mehr erlebt.“ Und als ich in Kanada aus dem Flugzeug stieg, bekam ich die Nachricht, dass er gestorben war, und bin sofort wieder zurückgeflogen. Das kam völlig überraschend.

Wolfgang Schmidtke Er hat extrem viel und gerne geraucht. Ein Beispiel: Ich bin seit zwölf Jahren begeisterter Nichtraucher, sodass man bei mir gerne auf der Terrasse oder am offenen Fenster rauchen darf. Ich habe im Dezember Geburtstag, und wenn ich eine Geburtstagsparty gemacht habe, dann hat der Hans das maximal eine Stunde ausgehalten und gesagt: „So, jetzt gehe ich.“ Was den Alkoholkonsum betrifft, hängt ihm dieses Image an, aber man darf das nicht überschätzen. Hans hat extrem viel und extrem fleißig gearbeitet, gerade an seinen Schriften; diese Arbeit kannst du nur leisten, wenn du eigentlich recht kontrolliert lebst. Eroc Ich finde, Hans Reichel ist in seinem ganzen Schaffen und seinem Leben sehr unterbewertet worden. Er hätte viel mehr aus sich machen können, und er hätte auch viel mehr Leute mit seiner wirklich wahnsinnigen Kunst erreichen können. Ich halte ihn als einen sehr bescheidenen, präzise 55


Hans Reichel mit einer seiner Doppelhals-Gitarren. Foto: Dagmar Gebers/FMP-Publishing (1999 Total Music Meeting/Berlin) Foto rechte Seite: Auswahl von Daxophon-Stöcken

arbeitenden, fast pedantisch genauen Musiker in Erinnerung, der sein Licht unter den Scheffel gestellt hat. Auch bei unserer „Kino“-Produktion stand nicht Hans Reichel und Eroc drauf, da stand „Goldbroiler“ und „Ehrlichmann“ drauf; „Goldbroiler“ war sein Spitzname, „Brathahn“ auf deutsch, und „Ehrlichmann“ war mein Spitzname, weil ich immer gesagt habe, was ich auf der Leber hatte. Er war kein Mann der leisen Töne, er konnte auch sehr laut sein: Ich erinnere mich an eine Begebenheit im Studio, da erzählte ich ganz stolz, ich hätte mit einem Jazzmusiker, Larry Coryell, was aufgenommen, und der wäre so unglaublich schnell auf der Gitarre, das wäre Wahnsinn gewesen. Der Hans: „Ja, ja, da habe ich schon von gehört.“ Das beeindruckte ihn gar nicht. Ich habe oben Kaffee gekocht, kam dann wieder runter ins Studio – da steht er da und spielt ein Solo in einer Geschwindigkeit, so was habe ich im Leben noch nicht gehört, ich dachte, da wären drei Gitarristen gleichzeitig zugange und hätten viel schneller als normal gespielt. Als ich reinkam, hörte er ganz erschrocken auf, guckte mich an und grinste. Das war nur ein Beispiel. Er konnte unglaublich was. E. Dieter Fränzel Ein wirklich außergewöhnlicher Musiker, total unakademisch, ein Bastler und Tüftler, der Instrumente gebaut hat, sogar ein Daxophon, das war ja total außergewöhnlich. Er hat schon einen gewissen Stellenwert in der Musik. Es waren ja auch viele Musiker von ihm fas56

ziniert. In letzter Zeit, in den letzten Jahren, ist er ein bisschen still geworden, musikalisch. Er hat nicht mehr so viel in der Öffentlichkeit gespielt. Wofgang Schmidtke Was er gemacht hat, hat er mit einer extremen Intensität gemacht. Mir fällt jetzt, ohne die beiden vergleichen zu wollen, mein Lieblingszitat von John Coltrane ein: „I can do nothing, if it is not in the extreme.“ In gewisser Weise trifft das auch auf unseren Freund Hans zu. Sabine Hesseling Man sagt „Perfektionist“, ich würde sagen „Genie“. Ich persönlich habe zwei Genies in meinem Leben kennengelernt. Ein Genie ist Pina Bausch, das andere ist Hans. Das fand ich schon, als Hans noch lebte. Das sage ich jetzt nicht, weil ich im Nachhinein irgendwas glorifizieren möchte. Es ist schwer zu begründen, was ich als Genie empfinde. Das ist vielleicht die Arbeitsweise, keine Ruhe zu geben, bis es wirklich so ist, dass er selbst – und wirklich nur er selbst – das ist ganz unabhängig von der Meinung anderer Leute – absolut zu hundert Prozent zufrieden ist mit dem Werk. Ein Perfektionist würde wahrscheinlich nach außen gucken und sich fragen: „Finden die anderen das perfekt?“ Aber darum ging es ihm gar nicht; es ging ihm nur darum, ob er es selbst perfekt fand.


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Klaus Untiet Das soll sich nicht blöd anhören, aber das ist schon jemand, der eine gewisse Art von Genialität hatte. Letztendlich war es egal, was er gemacht hat – er hat sich das natürlich ausgesucht, er hat nichts Beliebiges gemacht –, weil er sich einfach so intensiv damit beschäftigt hat. Du, Michael, hast soeben gesagt: „das Gesamtkunstwerk Hans Reichel“ - das trifft schon zu. Sabine Hesseling Ob es ein Stück Holz war oder Musik, die Schriften oder eine Wohnungseinrichtung – Hans hatte zu allem Ideen und hat alles auch wirklich professionell umgesetzt. Das war kein Dilettantismus. Die ganzen Einfälle – da gehört schon Genie dazu, finde ich. E. Dieter Fränzel Er war schon ein Einzelgänger. Obwohl … Man traf ihn ja oft in der Luisenstraße in der Kneipe, da stand er am Tresen, fand auch dann immer Gesprächspartner. Es war nicht so leicht – nicht nur für mich, auch für andere –, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Man musste sich schon auf ihn und seine Art einlassen; er war nicht sehr kommunikativ. Peter Brötzmann Ich denke, das Problem mit Hans war, dass er ein ziemlicher Egomane war und sich sehr schwer auf andere Leute hat einstellen können. Wolfgang Schmidtke Wenn du selbst ein Instrument erfindest und es eigentlich als Einziger wirklich spielen kannst, bist du ein Einzelgänger, aber er war durchaus beim Musikmachen alles andere als egozentrisch; das war er gar nicht! Jemand, der gerne probt, muss in der Lage sein, so was wie musikalischen Teamgeist zu entwickeln. Einzelgänger dahingehend, dass er ein extremer Individualist war, ja, das war er sicherlich. Klaus Untiet Ich glaube, dass der Hans nicht ein sehr öffentlicher Mensch war. Diese Vernetzung, die er hatte, die war schon ganz gut, er kannte in allen Bereichen Menschen, aber er war nicht der große Kommunikator. Peter Brötzmann Er war auch nicht unbedingt ein Bühnenmensch; ich glaube, die Bühne hat ihm nie so richtig gepasst. Ich erinnere mich noch an ein Duo-Konzert mit ihm und David Moss: David als großer Mann, mit viel Schlagzeug drum herum, in der Mitte der Bühne, und Hans bewegte sich immer mehr an den Rand und fast schon zum Ausgang hin.

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Wolfgang Schmidtke Die drei großen Improvisationsmusiker Brötzmann, Kowald und Hans hatten in den letzten Jahrzehnten nie etwas miteinander zu tun. Alle drei mögen mir verzeihen, dass ich das erzähle, aber die waren alle drei berühmt dafür, dass sie sich auf einem Festival in Bologna, New York oder Tokio auf der Straße getroffen haben und sich grundsätzlich noch nicht einmal gegrüßt haben – das gehörte zum selbstbewussten Wuppertaler Stil. „Ist mir doch egal, ob ich auf der Park Avenue bin, sonst sehe ich den auf der Luisenstraße – da muss ich doch nicht extra Guten Abend sagen!“ So waren sie halt. Klaus Untiet Wenn er das Gefühl hatte, dass einzelne Menschen, die er mochte, irgendetwas Gutes tun oder etwas Interessantes, dann hat er die schon sehr unterstützt. Aber er ist nicht so einer gewesen, der ein Festival veranstaltet, das war irgendwie nicht sein Ding. Er hat es schon honoriert und akzeptiert, wenn Leute etwas zusammen auf die Beine gestellt haben, etwa so was wie den „ort“. Aber er hat sich immer eher seine privaten Kontakte gesucht, die waren ihm wichtig. Er hat sich einfach mit den Personen umgeben, die er mochte. Sabine Hesseling Früher war er ein Kauz, ein Eigenbrötler, deshalb war es auch so schwer, an ihn ranzukommen, also auch für mich. Bis wir dann wirklich Freunde wurden, das war ein langer Prozess. Aber er hat sich mit der Altersmilde immer mehr geöffnet und hatte vor allem mit jungen Leuten sehr viel zu tun. Eroc Wir haben damals zusammen das sogenannte Daxophon entdeckt, das entstand aus einer ganz verrückten Laune morgens beim Frühstück im Studio, als der Hans sein Ei aß und dann aus Spaß den Eierlöffel an der Tischkante vibrieren ließ. „Prürrr“, machte es; das gefiel uns natürlich, und dann sagte er: „Hey, das können wir doch irgendwo einsetzen bei unserer Produktion.“ Da der Hans als Geiger sowieso sehr viel mit dem Geigenbogen gemacht hat – er hat ja bekanntlich bei Onkel Boskoop zum Beispiel ein ganzes Streichquartett, ein halbes Orchester, mit einer Saite von der Akustikgitarre bzw. mit mehreren Zigarrenkisten simuliert –, fing er dann auch an, mit diesem Eierlöffel herumzustreichen und holte dabei ganz komische Töne hervor. Und dann probierte er das mit einem kleinen Brettchen an der Tischkante, das beim Hin- und Herschieben den Ton veränderte, wenn er mit seinem Geigenbogen daran herumstrich. Irgendwie hat ihn das fasziniert, und er fing an, daraus sein Daxophon zu entwickeln.


Jan Kazda Ja, das Daxophon – Hans hat es immer gerne als Streichinstrument bezeichnet. Drei Musiker, die Kontrabass spielen konnten, so sind wir zu Hans gestoßen und haben mit ihm das Daxophon-Quartett gebildet; wobei man sagen muss, dass natürlich die Spielweise mit dem Kontrabassbogen sehr weit entfernt ist von einem richtigen Kontrabass. Man streicht ja keine Saiten, sondern man streicht am Holz, und das ist sehr, sehr sperrig und eigen. Wir haben auch im Winter geprobt, er hatte damals seine Wohnung im Nachbarhaus von Kowald, unterm Dach. Und, na ja, die war halt nicht immer geheizt, und irgendwann gingen bestimmte Intervalle gar nicht mehr, und dann hat uns Hans aufgeklärt: „Ja, das Holz lebt und atmet.“ Da mussten wir dann die ganze Proberei in die Musikschule verschieben, wo immer geheizt war – und dann kamen wieder alle Töne. Sabine Hessling Er hat in den letzten Jahren gut gelebt. Hatte eine große Wohnung, immer fließend kaltes und warmes Wasser; das war für Hans Reichel nicht typisch. Die ersten Jahrzehnte sahen anders aus, wenn man ihn da besuchte, dann nahm man im Winter am besten Kohlen mit. Wolfgang Schmidtke Hans Reichel hatte einen extrem großen Humor. Also wenn es irgendetwas gibt, was ihn maßgeblich musikalisch kennzeichnet, dann ist das meiner Meinung nach Humor. Wenn man über die Jahrzehnte seine CDs hört, ist es viel aus dem Bereich der sogenannten Improvisierten Musik. Aber wenn Hans sich hingesetzt hat und auf Papier oder dem Computer komponiert hat, eben diese vielstimmigen Daxophon-Musiken, ist das zu 90 Prozent – ich verspreche mich nicht, ich suche auch nicht nach einer anderen Vokabel – lustige Musik. Nicht umsonst heißt die letzte Produktion „Yuxo“ … Klaus Untiet ... ich glaub, da müsste man bei Wolfgang Schmidtke nachfragen, weil das so ein Spruch ist, den man wohl öfter im Viertel hört, und der stammt ganz eindeutig von Wolfgang Schmitdtke: „Harr, harr, harr, harr, mit sehr rollendem ‚R’ ...“ Wolfgang Schmidtke ... er hat zum Beispiel versucht, sich eine Domain zu sichern unter dem Namen „Harr, harr, harr“; möglicherweise wissen viele Leute sofort, was das heißt. Das ist nämlich das Kürzel, das in den Micky-MausHeften immer kommt, wenn die Panzerknacker-AG sich unterhält. Hans war davon sofort total begeistert, das war zwischen uns immer eine Lieblingsfloskel. Wenn man sich

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ber wenn Hans sich hingesetzt hat und auf Papier oder dem Computer komponiert hat, eben diese vielstimmigen Daxophon-Musiken, ist das zu 90 Prozent – ich verspreche mich nicht, ich suche auch nicht nach einer anderen Vokabel – lustige Musik. Nicht umsonst heißt die letzte Produktion „Yuxo“ …

Geschrieben in der DaxlinePro medium

Hans Reichel Yuxo – a New Daxophone Operetta, Audio CD, Free Musik (Harmonia Mundi), 2002

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Hans Reichel Sologuitar, Old Tune/Heimkehr der Holzböcke, LP, FMP S5, 1974

Shanghaied on Tor Road, Audio CD, Free Musik (Harmonia Mundi), 1993

zum Beispiel seine Daxo-Webside anguckt, die ja noch geschaltet ist, da kommt der Humor doch sehr rasch rüber, der virtuose Humor. Jan Kazda Bei all seiner Ernsthaftigkeit hat er sich selber nie so richtig ernst genommen; das war für ihn, glaube ich, ganz wichtig. Wenn du dir die Titel von den Stücken durchliest oder wie er seine Stöcke nannte, Brüllaffe und Ähnliches – es war immer sehr viel Humor dabei. Wolfgang Schmidtke Ich nehme zwei Beispiele, die klingen jetzt tatsächlich lustig, wenn man aber darüber nachdenkt, ist das was ganz Wunderbares, und das macht den Hans aus: Er sagte irgendwann zu mir: „Siehst du dir eigentlich auch so gerne Wolken an?“ Ich sagte: „Wie?“ – „Schau mal da hoch; manchmal verändert sich das sehr, sehr langsam, manchmal ist es anders, dann dauert es gar nicht so lange; aber egal, wie oft du hochschaust, die Wolken sind jedes Mal anders. Ich kann mir das tagelang anschauen.“ Die andere Geschichte finde ich genauso schön. Wir hatten uns in der Mittagszeit in Berlin in einem Café in der Nähe der Friedrichstraße verabredet. Als ich eintraf, saß Hans schon da, und ich sagte: „Mensch, ich bin schon seit zwei Stunden unterwegs!“ Ich dachte, Hans sei gerade erst angekommen. Und er sagte: „Ich sitz auch schon seit eineinhalb Stunden hier.“ – „Was hast du denn gemacht?“ Da hebt er die Kamera hoch und sagt: „Ich fotografier die ganze Zeit

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Spatzen.“ Ich darauf: „Wie? Spatzen?“ – „Ja, bei uns im Bergischen gibts keine Spatzen mehr.“ Dann zeigt er mir Hunderte von Spatzenfotos. Der hatte also eine unglaubliche Energie, dem kleinsten Detail tatsächlich fast forscherhaft nachzugehen. Also auf solche Ideen, da kommt sonst fast kaum jemand. Jan Kazda Ja, von Hans Reichel bleiben natürlich erst mal die Schriften, die natürlich fast alle kennen. Er war ja sehr erfolgreich und sehr, sehr kreativ; er hat ganz tolle Schriften entworfen. Klaus Untiet ... die Schriften wird’s in 50 Jahren noch geben, man wird ständig davon umgeben sein – wenn man denn weiß, dass sie von ihm sind. Ansonsten finde ich es schwierig zu sagen, was wohl aus seiner Musik wird. Ich hatte immer das Gefühl, dass er sich zu wenig darum gekümmert hat; ich finde immer noch, dass „Yuxo“, seine letzte offizielle CD, nicht richtig wahrgenommen wurde, was ich sehr schade fand. Das ist eine sehr eigensinnige, gute CD. Jan Kazda … und der leere Stuhl im „Congo“, der bleibt auch. Wir waren mal in New York; selbst da kannte man das „Congo“, und viele amerikanische Musiker wussten: „Yes, yes, that’s where Kowald is and the other Peter.“ Da hat der Hans viele Abende verbracht, im „Café du Congo“ im Luisenviertel. Interviewpartner Wolfgang Schmidtke, Saxophonist, Wuppertal, hat insbesondere in den letzten Jahren mit Hans Reichel zusammengearbeitet Eroc (Joachim Ehrig), Mitglied der Rockgruppe Grobschnitt, heute Musikproduzent, Breckerfeld, seit 1970 tontechnisch für Hans Reichel verantwortlich Peter Brötzmann, Saxophonist, Wuppertal Sabine Hesseling, Tanztheater Pina Bausch, Wuppertal Jan Kazda, Bassist, Wuppertal, in den 90er-Jahren Mitglied von Reichels Daxophon-Quartett E. Dieter Fränzell, Kurator, Wuppertal, zuletzt Klangart, Skulpturenpark Waldfrieden Klaus Untiet, Grafikdesigner, Wuppertal, Freund von Hans Reichel und kollegialer Berater in visuellen Fragen Michael Rüsenberg, Radiomoderator, Autor, Köln

*gekürzte Fassung einer Audio-Collage, die im September 2012 in der Ausstellung „Hans Reichel featuring Maurycy“ in der Stadtsparkasse Wuppertal zu hören war.


Erste Premiere der Opern-Saison 2017/18 Heiner Goebbels:

Surrogate Cities plus Richard Wagner:

Götterdämmerung

Noch mehr als in seiner ersten Saison geht Intendant Berthold Schneider auf volles Risiko. Keine „normale“ Oper als erste Premiere, sondern eine interessante Gegenüberstellung. Der Orchesterzyklus „Surrogate Cities“ des zeitgenössischen Komponisten Heiner Goebbels wurde gekoppelt mit dem 3. Akt von Wagners „Götterdämmerung“. Die Frage war: Wie treffen die beiden Werke aufeinander? Die Antwort wurde erst im Gespräch vor der Premiere gegeben: keine Trennung in zwei Teile, sondern Goebbels und Wagner gemischt. Aus der eineinhalbstündigen Suite von Goebbels wurden nur einige Teile gespielt und inszeniert, von Wagner erklang der komplette dritte Akt und vorher noch, Goebbels-Stücke unterbrechend, ein Ausschnitt aus dem „Rheingold“-Vorspiel. Nach der „Götterdämmerung“ abschließend Goebbels' „Three Horatian Songs“, ein tolles, fantastisch instrumentiertes und komponiertes Stück, auch inhaltlich sehr herausfordernd. Musikalisch war der Abend wie aus einem Guss. Schon zu Beginn des zweiten Teils wurden Dirigent Johannes Pell und Orchester mit großem Beifall und Bravorufen empfangen. Sowohl die schrillen Stadtklänge zu Beginn als auch

3. Akt

die ungewöhnliche instrumentale Umsetzung der Passagen mit Text wurden virtuos dargestellt. Auch die Wagnerklänge kamen intensiv, aber durchsichtig über die Rampe. Dabei war die Aufgabe keineswegs leicht: Die Streicher, 40 an der Zahl, saßen dicht gedrängt fast direkt vor der ersten Zuschauerreihe, hinter ihnen, auf einer leicht erhöhten Ebene, spielte sich die Szene ab, noch eine Ebene höher saßen alle Bläser, noch dahinter fünf (!) Schlagzeuger. Der Dirigent konnte sein 80-köpfiges Orchester nur durch den Zuschauerraum erreichen, dirigierte es direkt oder über Monitor, und es funktionierte bravourös! Sängerinnen und Sänger standen dem Orchester nicht nach. Die Verantwortlichen hatten wie schon in der letzten Saison wieder genau die richtige Mischung aus Gästen und hauseigenen Kräften getroffen. Laut Programmheft sollen die „Surrogate Cities“ den Blick darauf öffnen, „wie das urbane Leben und seine Strukturen auf den Menschen einwirken“. Die „Götterdämmerung“ soll dies vertiefen mit der Fragestellung, ob der Mensch nicht letztlich doch „von Machtstreben und Gleichgültigkeit dominiert“ wird. Wie wird das auf der Bühne umgesetzt? Die Handlung der „Götterdämmerung“ bleibt im

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Wesentlichen gleich, wird aber an wichtigen Stellen anders akzentuiert und ironisiert. In den anderen Teilen stellt Regisseur Jay Scheib neben eigenen Ideen immer wieder Verbindungen zu Wagner her. Allerdings: Letztlich wurde nicht klar, warum man Goebbels und Wagner aufeinandertreffen ließ. Auch der Bezug beider Werke zum Thema „Leben und Verhalten in der Stadt" ließ sich nur schwer nachvollziehen. Mit vielfältigen Erfahrungen im Sinne von Heiner Goebbels wurde man aber schon konfrontiert. Der Premierenbeifall in der Premiere galt wohl vor allem der exzellenten musikalischen Umsetzung. Fritz Gerwinn Premiere am 16. September 2017 Weitere Aufführungen am 1. und 14. Oktober letzte Aufführung am 15. Dezember 2017

Opernsaison 2017/18 Zweite Saison für Berthold Schneider. Am Anfang standen die beiden gelungenen Galas, einmal am 2. September open air in der Utopiastadt am Mirker Bahnhof als Teil der Wuppertaler Kulturtrasse, zum anderen am 9. September im Opernhaus. Bleibender

Eindruck dieser beiden Veranstaltungen: Oper, Schauspiel und Orchester ziehen mehr denn je an einem Strang, arbeiten zusammen wie noch nie. Nicht nur die hervorragenden Leistungen, sondern auch dieser Aspekt wurde vom jeweiligen Publikum bemerkt und mit heftigem Beifall belohnt. Viel Spannendes scheint auf uns zuzukommen. Auch bei sogenannten Repertoirestücken wie Hänsel und Gretel und Carmen sind durch die Wahl der Regisseure durchaus neue, interessante Sichtweisen zu erwarten. Geschickt und erfreulich ist auch, dass die Stücke, die nicht nur in Wuppertal, sondern auch überregional höchste Aufmerksamkeit erfahren haben, wiederaufgenommen werden. Das sind Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach und die Three Tales von Steve Reich. Beide wurden in der „Besten Zeit“ schon besprochen. Dazu kommt der Rigoletto des Teams um den russischen Regisseur Timofej Kuljabin. Die Besprechung dieser Oper konnte in dieser Zeitschrift noch nicht erscheinen, weil sie die letzte Premiere der Saison war. Als Wiederaufnahme wird auch diese Oper mehrfach komplett gespielt.

Überzeugend neu erfunden Timofej Kuljakin inszeniert Verdis „Rigoletto“ in Wuppertal Premiere war am 9. April 2017 Das Wuppertaler Publikum feierte eine inszenatorische Offenbarung, man könnte sogar fast sagen, dass der russische Regisseur Timofej Kuljakin den „Rigoletto" neu erfunden hat, obwohl oder gerade weil er dabei ganz konsequent von der Musik Verdis ausging. Die Handlung war nicht etwa nur oberflächlich aktualisiert, sondern präzise in unsere Zeit geholt und zeigte überraschende Parallelen zur heutigen politischen Wirklichkeit. Durch seine Interpretation hat Kuljakin fast wie nebenbei die dramaturgischen Ungereimtheiten beseitigt, die gerade bei Rigoletto immer wieder irritieren. Er akzentuierte die Handlung anders, präzisierte dadurch die Motive der handelnden Personen und schärfte ihre Profile, indem er sie in all ihrer Widersprüchlichkeit auf die Bühne brachte. 62

Dass Kuljakin die Handlung so ablaufen lässt, wie sie im Opernführer steht, war nicht zu erwarten. Schließlich hat sich der 32-jährige Russe unter den jungen Regisseuren schon europaweit einen Namen gemacht, obwohl er mit dem Rigoletto in Wuppertal zum ersten Mal außerhalb seines Heimatlandes inszeniert. Bekannt dafür ist er, dass er in Operngeschichten nicht den musealen Wert sucht, sondern „einen aktuellen Bericht über das Leben und die Menschen um mich herum“ (Programmheft). Den ursprünglichen Plot der Oper hielt er nicht für glaubwürdig, hat deshalb andere Wege der Realisierung im Heute gesucht, und das Ergebnis überzeugte. Die Zuschauer wurden über die Veränderungen nicht im Unklaren gelassen. Was gespielt wurde, erschien während des Vorspiels vorn auf der Leinwand: Mantua ist ein korrupter osteuropäischer Kleinstaat, die Regierungspartei


Szene aus „Rigoletto", Foto: Wil van Iersel

„Mantua United“, deren Vorsitzender der Herzog von Mantua ist, hat gerade eine manipulierte Wahl gewonnen. Rigoletto ist Talkmaster und Meinungsmacher im staatlichen Fernsehen, dem wichtigsten Machtinstrument der regierenden Partei. Das Schloss des Herzogs ist die Parteizentrale, in der auch der dritte Akt spielt. Viele der handelnden Personen, die sonst erst im Verlauf der Handlung miteinander zu tun bekommen, sind hier von Anfang an eng beieinander. Die Höflinge Ceprano, Marullo und Borsa sind Vorstandsmitglieder von „Mantua United“, aber auch Monterone, Gegenspieler Rigolettos, ist Vorstandsmitglied und von Anfang an auf der Bühne. Der Auftragsmörder Sparafucile arbeitet hier als Security-Mitarbeiter, und seine Schwester Maddalena kellnert. Die Wahlparty zeichnet sich aber nicht durch große Fröhlichkeit aus, denn alle leiden unter dem psychopathischen Herzog, der sich alles herausnehmen kann. Niemand kann gegen ihn etwas machen, weil auch seine Untergebenen untereinander zerstritten sind. Er wird hier als sexbesessener Vergewaltiger dargestellt, der sich die Frauen nimmt, wie er will, sie dazu zwingt, russisches Roulette zu spielen und seine sadistischen Launen (Sex mit Maske und Handschellen)

zu ertragen. Dieser Schwerverbrecher mit unbegrenzter Macht outet sich außerdem als Kleiderfetischist: bei jeder Frau ein neues Kostüm. Das erklärt auch sein Clownskostüm im ersten Akt, in dem er die Gräfin Ceprano zum Sex ins Hinterzimmer bestellt, zum Verdruss ihres Gatten, der sich aber sich machtlos fügen muss. Nur Monterone, dessen Tochter der Herzog auch vergewaltigt hat, traut sich, dem Herzog seine Missetaten vorzuwerfen. Im Original platzt er aus realitätsfernen dramaturgischen Gründen in die Orgie des Herzogs, hier wagt er als Vorstandsmitglied der Partei den Aufstand, wird aber sofort festgenommen und gefoltert. Das kann man sehen, weil er als stummer Partner Rigolettos in dessen folgender Arie agiert. Seine Verurteilung im dritten Akt unterbricht dann auch nicht das Geschehen im Vordergrund, sondern wird auf der Videoleinwand als Nachricht von Breaking News gezeigt. Sowohl im ersten als auch im dritten Akt ermöglicht das Bühnenbild (Oleg Golovko) die Umsetzung der inszenatorischen Ideen: Neben dem großen festlichen Raum, in dem sich die personalintensiven Szenen abspielen, gibt es auf der rechten Seite noch einen kleinen, schmucklosen Raum. 63


Szene aus „Rigoletto", Foto: Wil van Iersel

Dort finden die intimeren und zum Teil verschwörerischen Gespräche statt, dort spielt aber auch die letzte Szene, Gildas Tod. In diesem Raum bietet auch Sparafucile, der noch bei Monterones Verhaftung aktiv war, Rigoletto seine Dienste an, nämlich seine Feinde mithilfe seiner Schwester gegen Bares zu ermorden. In dem Moment, in dem er den Namen seiner Schwester nennt, erscheint diese tatsächlich als Kellnerin im großen Raum: dies als kleiner Beleg für die Sorgfalt der Inszenierung Kuljakins. Von der großen Idee bis in die kleinste Geste stimmt einfach alles. In diesem Zusammenhang erscheint es auch absolut plausibel, dass der dritte Akt nicht in einer abgelegenen Hütte, sondern wieder im Hauptquartier von „Mantua United“ spielt. Rigoletto erscheint nie im Narrenkostüm, ist bürgerlich gekleidet. Die Fallhöhe zwischen zynischem Machtgebrauch und Tochterliebe ist hier beträchtlich. An Rücksichtslosigkeit übertrifft er bei der Demütigung Cepranos sogar noch den Herzog; diesem gnadenlosen Zynismus wird die Sorge um seine Tochter ganz hart gegenübergestellt. Höhepunkt dieser Widersprüchlichkeit ist der Schluss: Nach seiner Klage über den Verlust der Tochter drückt er ihr die Kehle zu, packt sie in den Müllsack, geht vom kleinen Zimmer in den Saal und nimmt seinen Platz am Regierungstisch des Herzogs ein. Entsprechend endet die Oper auch nicht mit seinem „Ah, la maledizione“, sondern mit der Bühnenmusik das Anfangs.

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Zu Gilda hat sich Kuljabin in Zusammenarbeit mit seinem Dramaturgen Ilya Kukharenko besonders viel einfallen lassen. Nichts von dem dramaturgisch problematischen Alleinwohnen in einem versteckten Haus im verrufenen Viertel unter Aufsicht der bestechlichen Amme und den besorgten Besuchen des Vaters, von dem Gilda nicht einmal den Namen weiß. In dieser Inszenierung ist Gilda wahnsinnig und Insassin einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt – und das ist so plausibel inszeniert, dass man sich fragt, warum nicht schon jemand früher darauf gekommen ist. Denn die Musik erscheint auch dazu genau passend, als hätte Verdi sie tatsächlich für eine junge, naive Frau mit erheblichen psychischen Störungen komponiert. So erscheinen die kunstvollen Koloraturen in „Caro Nome“ plötzlich in einem ganz anderen Licht, verstärkt noch durch die Interpretation von Ruslana Koval, die bravourösen fließenden Koloraturen immer wieder starre, statische Töne (keine falschen!) gegenüberstellt. Diese grandiose Leistung mit Mut zur sängerischen Hässlichkeit wurde vom Publikum durch reichen Beifall belohnt. Dass die Korruptheit des Kleinstaats Mantua alle betrifft, zeigt sich in der „Amme“ Giovanna, die hier die Chefärztin der geschlossenen Anstalt ist, sich aber nicht scheut, ihre Insassinnen potenten Kunden gegen Geld für sexuelle Dienste zur Verfügung zu stellen. Dabei nimmt sie in Kauf, dass ihre Patientinnen noch weiter in den Wahnsinn getrieben werden, wie Gilda, die nach der Vergewaltigung noch Handschellen trägt und in ihrem verstärkten Liebeswahn sogar das Bild des Herzogs umarmt.


Zweitens: Im letzten Akt verliebt sich Maddalena keineswegs in den „netten Jungen“ von Herzog. Sie findet ihn im Gegenteil eklig, auch weil er seine Macht ausspielt und sie zum russischen Roulette zwingt. Sie erkennt aber plötzlich, dass sie in dem Verkleideten den Regierungschef vor sich hat. Sie legt dann sozusagen den Schalter um, weil sie und ihr Bruder durch dessen Ermordung selbst in tödliche Gefahr gerieten. Auch diese Änderung ist zwingend und vollkommen einleuchtend. Eine brillante Regie also. Sie wäre aber nicht so durchschlagend gewesen, wenn die Qualität der anderen Mitwirkenden nicht ähnlich herausragend gewesen wäre. Alle nahmen das Konzept Buljakins voll an und führten es zum Erfolg. Das begann mit den Sängern der drei Hauptpartien: die oben schon genannte grandiose Ruslana Koval in der Rolle der Gilda, der unangestrengt auch bei den hohen Tönen singende und sehr wortverständliche Pavel Yankovsky als Rigoletto und mit strahlendem Tenor Sangmin Jeon als schurkischer Herzog, eine Extremmischung von Trump

ã Das Wort ist die Stimme des Herzens, die Schrift ist die Malerei des Herzens.Ò Yan Yung

und Kim. Fantastisch auch der schwarze Bass Sebastian Campiones als Sparafucile und der voluminöse Alt von Catriona Morison als Maddalena. Auch die darstellerische Leistung aller Solisten stand ihrem Gesang nicht nach. Das gilt ebenso für die übrigen kleineren Rollen und den Herrenchor (Markus Baisch). Sogar die engagiert gespielten stummen Rollen erklärten viel und rundeten das Gesamtbild in vielfacher Hinsicht ab (so gab es sogar einen Auftritt der Ehefrau des Herzogs, die im Libretto nur einmal kurz genannt wird). Schließlich das Orchester unter Johannes Pell, der die Sänger aufmerksam unterstützte, aber auch aufzeigte, dass das Orchester nicht nur begleitet, sondern selbst auch eine wichtige dramaturgische Rolle innehat. Das Wuppertaler Sinfonieorchester spielte brillant, überdeckte aber niemals die Sänger oder zwang sie zum Forcieren. Das dynamische Spektrum wurde voll ausgenutzt, viele schöne, genau austarierte Holzbläsersoli und ein hervorragender Pauker bleiben in Erinnerung. Eine Inszenierung, in der alles ineinanderpasst, mit tollen Sängern und tollem Orchester, kann glücklich machen. Das ist so eine! Fritz Gerwinn Rigoletto wird gespielt am 8. Oktober und 2. und 3. Dezember 2017

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Noch zwei weitere bemerkenswerte Änderungen der Regie sind zu nennen. Erstens: Im Original wird Rigoletto beim Raub seiner Tochter eine Maske aufgesetzt, die ihn nichts mehr sehen und hören lässt, sodass er unwissentlich den Raub unterstützt. In dieser Inszenierung wird Rigoletto durch einen Schlag auf den Kopf ausgeknockt und erwacht erst bei den Hilfeschreien der Tochter. Viel plausibler!

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Armin T. Wegner, 1964, auf der Insel Stromboli, Foto: Familienbesitz, mit freundlicher Genehmigung

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Happy Birthday, Armin T. Wegner Gesellschaft

Internationale Armin T. Wegner Tage 2017

Vor 15 Jahren, im September 2002, wurde in Wuppertal, der Geburtsstadt des Dichters, Kriegsgegners und „Gerechten unter den Völkern“ Armin T. Wegner, mit großer Öffentlichkeit die Armin T. Wegner Gesellschaft e.V. gegründet. Damals gab es im Schauspielhaus die ersten „Internationalen Armin T. Wegner Tage“ – u. a. mit Vertretern der Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem und der Armenier in Deutschland, mit Gästen aus vielen Ländern und mit armenischer, türkischer, israelischer und palästinensischer Musik. Es entstand nicht nur eine lebendige, Grenzen überschreitende, kreative und gemeinnützige Literatur- und Kulturgesellschaft im Sinne von Werk und Botschaft Armin T. Wegners, die im renommierten Wallstein-Verlag eine Edition des Schriftstellers herausgibt, internationale Projekte und Ausstellungen sowie unzählige Veranstaltungen in vielen Städten realisiert. Wir haben damals auch eine neue Tradition geschaffen: Einmal im Jahr erinnern wir an mehreren Tagen öffentlich an Armin T. Wegner, seine WeggefährtInnen und seine Kontexte, stellen sein Werk vor und beziehen literarisch, wissenschaftlich, künstlerisch und humanitär Stellung – zuletzt in der erfolgreichen Solidarität für die verfolgten Schriftsteller Aslı Erdoğan und Doğan Akhanlı. Nun freue ich mich, Sie in diesem Jahr zu unseren 15. Internationalen Armin T. Wegner Tagen einladen zu können. Diesmal vom 1. bis einschließlich 3. November in gleich drei Städten, nämlich in Wuppertal, in der Mahnund Gedenkstätte der Stadt Düsseldorf und im neuen Zentrum für verfolgte Künste in Solingen. Alle hochka-

rätig besetzten Veranstaltungen geben tiefe, oft neue Einblicke in Werk und Zusammenhänge des Dichters und Menschenrechtlers Armin T. Wegner: In der CityKirche zaubert ein Abend mit altarmenischer Poesie und Musik nicht nur zeitlose Schönheit, sondern macht auch erfahrbar, welche uralte Sprache, Bild- und Klangwelt den Dichter aus dem Wuppertal inspirierte. In Düsseldorf erinnern wir mit dem bekannten Hamburger Schauspieler Rolf Becker an den vor 80 Jahren ermordeten Anton Rosinke – und an Armin T. Wegners Nähe zum gewaltfreien Anarchismus. Der türkische Historiker Prof. Dr. Taner Akcam reist am 3. November auf unsere Einladung aus den USA an und spricht im Solinger Zentrum für verfolgte Künste über seine Forschungen zur Frage nach amtlichen Befehlen für den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg. Man mag fragen: Wie „rund“ und wie reif kann ein 15. Geburtstag schon sein – zumal für eine Literaturgesellschaft? Als Individuum steckt man mit 15 oft noch in der Pubertät, und als Literaturgesellschaft sind wir noch blutjung – wenn auch schon wer weiß wie „erwachsen“. Was sind 15 Jahre vor der Geschichte im Allgemeinen und vor dem „biblischen“ Alter unseres Namensgebers im Besonderen? Armin T. Wegner selbst bemerkte allerdings schon als Jugendlicher zu diesem Thema: „Ich bin nie älter gewesen als mit sechzehn Jahren.“ (1903) Das lässt hoffen, dass auch bei uns die Kräfte der Erneuerung zunehmen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen Happy Birthday und spannende Wegner Tage. Ulrich Klan Vorsitzender der Armin T. Wegner Gesellchaft e.V. 67


Internationale Armin T. Wegner Tage 2017

Mittwoch, 1., bis Freitag, 3. November 2017

CityKirche Elberfeld (Alte reformierte Kirche) Kirchplatz 2, 42103 Wuppertal Mittwoch, 1. November 2017, 19.30 Uhr

Phönizische Überlebende

Armenien in Musik, Poesie und Bild Musikalische Lesung und Fotoausstellung Lyrik von Ossip Mandelstam und armenische Dichtung Lesung: Michael Hanemann Musik: Rustam Ghazaryan (Duduk), Bodek Janke (perc.)

In Kooperation mit „Seidenspur e. V.“ und der CityKirche

Zentralbibliothek Kolpingstraße 8, 42103 Wuppertal Donnerstag, 2. November 2017, 11 Uhr

Armin T. Wegner und Italien

Lesung: Ralf Grobel (Wuppertal) und Michael Hanemann (Berlin) Moderation: Dr. Johanna Wernicke-Rothmayer (Berlin) Konzept, Bildaufbereitung und Textauswahl: Ulf Wernicke (Berlin) „Ich kam für ein paar Wochen und blieb für den Rest des Lebens.“ Armin T. Wegner Eine virtuelle Reise zu den Orten in Italien, die der Dichter Armin T. Wegner besuchte, an denen er lebte, mit Texten, die er darüber schrieb. 1909 fuhr der junge Armin T. Wegner – Goethes „Italienische Reise“ im Gepäck - zum ersten Mal über den Brenner, über Mailand, Genua, Rom, Neapel bis ins erdbebenzerstörte Messina. Zurück ging es über Florenz und Venedig. 3o Jahre später sah er Italien als Zuflucht. In Positano am Golf von Neapel ließ er sich nieder, heiratete die Künstlerin Irene Kowaliska und lebte später mit ihr und dem gemeinsamen Sohn Michele in Rom sowie auf der Insel Stromboli. Fast 60 Jahre lang setzte sich Armin T. Wegner mit Italien auseinander. Er schrieb über dieses Land zeitlose Erzählungen, Reiseeindrücke und Gedichte, ehe er 1978 in Rom starb. Dr. Johanna Wernicke-Rothmayer ist Literaturwissenschaftlerin und war die Sekretärin Armin T. Wegners in Rom. Ihr Buch „Armin T. Wegner – Gesellschaftserfahrung und literarisches Werk“ ist ein Meilenstein der WegnerForschung – wie auch der von ihr herausgegebene Sammelband „Armin T. Wegner – Schriftsteller, Reisender, Menschenrechtsaktivist“. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Armin T. Wegner Gesellschaft e. V.

Rustam Ghazaryan, Bodek Janke

Michael Hanemann

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Eine Veranstaltung von Armin T. Wegner Gesellschaft e. V. und Stadtbibliothek Wuppertal in Kooperation mit „Seidenspur e. V.“ Ralf Grobel


Mahn- und Gedenkstätte der Stadt Düsseldorf Mühlenstraße 29, 40213 Düsseldorf Donnerstag, 2. November 2017, 19.00 Uhr

Es lebt noch eine Flamme

Erinnerung an Anton Rosinke, Musikalische Lesung Rolf Becker (Hamburg) liest Texte von Anton Rosinke, Gustav Landauer und Armin T. Wegner Ulrich Klan (Wuppertal) Moderation und Livemusik mit eigenen Liedern Hans-Bernd Jerzimbek (Düsseldorf) erläutert Leben und Werk von Anton Rosinke

„Euer Mut heiße: Feige zu handeln in den Augen der Vernichtung. In der unendlichen Bewegtheit des Lebens euer Ziel zu verfolgen: Das sei Eure Kühnheit.“ Armin T. Wegner Anton Rosinke (1881-1937) war ein Protagonist der Arbeiterbewegung im Rheinland. Der engagierte Gewerkschafter der anarcho-syndikalistischen Freien Arbeiter Union war Kriegsgegner und Aktivist des Widerstandes gegen das NS-Regime. Vor 80 Jahren wurde er von der Gestapo im Polizeipräsidium Düsseldorf ermordet.

Rolf Becker

Stolperstein Anton Rosinke

Zentrum für verfolgte Künste im Kunstmuseum Solingen Wuppertaler Str. 160, 42653 Solingen Freitag, 03. November 2017, 19.00 Uhr Aghet - Völkermord an den Armeniern Zum aktuellen Stand der Forschung Vortrag von Prof. Dr. Taner Akcam

Prof. Dr. Taner Akcam

Moderation Ulrich Klan Ausstellung Aghet – ein Völkermord, Judith Schönwiesner „Keinem Volk der Erde ist je ein Unrecht geschehen wie dem armenischen. Es ist eine Frage der ganzen Menschheit.“ Armin T. Wegner 1915 – im Schatten des Ersten Weltkrieges – startete die damalige jungtürkische Regierung die Deportation und Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich. Das deutsche Kaiserreich, das mit dieser Regierung verbündet war, deckte dieses Menschheitsverbrechen und verordnete eine Nachrichtensperre. Zu den verdrängten Berichten deutscher Augenzeugen gehörten auch die erschütternden Aufzeichnungen und Fotografien, die der gebürtige Wuppertaler Armin T. Wegner aus Anatolien, aus Aleppo und Deir es-Sor mitbrachte und veröffentlichte. Schon er zitierte aus einem Telegramm von Innenminister Talat: „Das Ziel der Verschickung ist das Nichts.“ Bis heute leugnet die türkische Regierung diese Verbrechen ihrer Vorgänger und nennt Belege wie dieses Telegrammm „Fälschungen“. Prof. Dr. Taner Akcam hat diese Frage nun intensiv erforscht. Prof. Dr. Taner Akcam ist Historiker und gilt derzeit als der bedeutendste Forscher über den Genozid an den Armeniern. Er wurde 1995 an der Universität Hannover promoviert und ist Professor für Geschichte an der Clark University (USA). Seine Bücher in türkischer, englischer und deutscher Sprache sind weltweit anerkannt – darunter das Standardwerk „Armenien und der Völkermord“ (2004) und zuletzt „The Authenticity of the Naim Efendi Memoirs and Talat Pascha Telegrams“ (2016). Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Zentrum für verfolgte Künste. Bei allen Veranstaltungen ist der Eintritt frei. Um Spenden wird gebeten. 69


Roger Wehrli, Bilbao – Fotografien seit 1988,

Kader Attia,

160 S. durchgehend mit

Sacrifice and Harmony,

s/w-Abbildungen,

248 S., 139 üwg. farbige

Hardcover, 24,5 x 17,5 cm,

Abbildungen, Hardcover,

Scheidegger & Spiess, 38, - €

29 x 24 cm, Kerber, 44,- €

Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch

Zeiten des Umbruchs Eine erstaunliche Stadt! Bilbao war bis in die 1990er-Jahre Ausdruck für die industrielle und wirtschaftliche Krise Spaniens, für Arbeitslosigkeit und den Terror des baskischen Untergrundes. Mietskasernen und rauchende Hochöfen bestimmten das Bild der 350000-Einwohner-Stadt in der baskischen Provinz. Folgen waren die Abwanderung der jungen Bevölkerung und die weitere Kriminalisierung. In dieser Situation starteten Staat und Stadt ein Experiment. Sie verwandelten das Zentrum der Schwerindustrie in eine Dienstleistungs- und Kulturmetropole. Dieses – erfolgreiche – Gegensteuern seitens der öffentlichen Hand und mittels der Kultur hat einen Namen erhalten: „BilbaoEffekt“, und Symbol dafür ist das Guggenheim-Museum von Frank Gehry. Auf dem Platz um das Museum befinden sich Monumentalskulpturen von Louise Bourgeois und Jeff Koons. Und direkt daneben überwindet die monumentale Brücke das Gefälle der bergigen Landschaft und führt an den Hochhäusern auf deren mittlerer Höhe vorbei. Das ist schon für sich spektakulär: Der Wandel tritt sichtlich vor Augen. Und weiterhin gibt es eine hinreißende Altstadt und Straßenschluchten im Geschäftszentrum, die im Feierabendverkehr an Manhattan erinnern. Der Schweizer Fotograf Roger Wehrli, der 1965 geboren ist und in seiner Heimat auf dem Land lebt, hat diesen Wandel von Bilbao über einen Zeitraum von fast 30 Jahren dokumentiert, seit er zum ersten Mal dort war. Dazu ist nun ein handliches Buch bei Scheidegger & Spiess erschienen, das die verschiedenen Zeiten assoziativ aufeinanderprallen lässt. 70

Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf holzhaltigem matten Papier, oft noch über die Doppelseite, vermitteln Drastik und Direktheit. Ohnehin beschreibt Wehrli nicht Resultate, sondern er zeigt etwa den Bau des Guggenheim-Museums und wendet sich vielen, vielen Menschen zu, die für plötzliche Verarmung, die Einrichtung in die gegebenen Verhältnisse stehen oder noch an rauschenden Empfängen teilnehmen. Touristen und Attraktionen haben in Wehrlis Buch hingegen nichts zu suchen. Und doch deutet das Buch auch an, dass Bilbao mittlerweile seine eigentümliche Atmosphäre verliert hin und sich zu einer austauschbaren europäischen Großstadt entwickelt. In seiner radikalen Konsequenz, die so viel mit dem Wesen der Stadt und ihrer brüchigen Struktur zu tun hat, liefert das Buch eine vorsichtige, respektvolle Annäherung. Der 1970 in Paris geborene Algerier Kader Attia hat in seinen Installationen, Objekten, Collagen und Performances ein Konzept der Reparatur („Repair“) entwickelt und auf der documenta 2012 einem weltweiten Publikum vorgestellt – seitdem gehört er zu den international gefragtesten Künstlern. Als Vertreter des Arabischen Frühlings fokussiert er die Wiederherstellung von Schäden etwa an Kulturgütern – welche die Kultur repräsentieren – und spricht die Wunden der Kolonialisierung an. Er thematisiert kulturelles Erbe, die soziale Lage der Vororte in Paris oder Algier, Identität im Umgang mit Geschichte, die er immer wieder – ebenso wie die Architektur – anführt. Es ist hilfreich,


F. Billeter/B. Salmen (Hg.),

Thomas Levy (Hg.),

Adolf Erbslöh,

Mel Ramos,

Werkverzeichnis der Gemälde,

Catalogue Raisonné der Bilder,

264 S., 522 üwg. farbige

320 S., 673 üwg. farbige

Abbildungen, Hardcover,

Abbildungen, Hardcover,

30 x 24 cm, Hirmer, 49,90 €

31 x 24 cm, Kerber, 49,95 €

die jeweiligen Subtexte zu kennen. Zum Verständnis trägt die Monografie bei, die vor einem Jahr zu seiner Ausstellung im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt/M. bei Kerber erschienen ist. Sie dokumentiert die dortige Ausstellung im Sinne eines Parcours und verfolgt das Werk ein paar Jahre zurück. Dazu enthält sie ein Interview mit Kader Attia sowie Fotosequenzen im Sinne eines Künstlerstatements und vermittelt einen multiperspektivischen Blick auf Attias Ansätze. Selten wurde ein zeitgenössisches, multimediales Werk so klar vermittelt. Kompliment! Schön wäre ja, wenn eine Arbeit von Kader Attia im Original im Bergischen Land zu sehen wäre. Bei Adolf Erbslöh war dies zuletzt in erfrischender Opulenz der Fall. Kurz vor der Sommerausstellung im Von der Heydt-Museum ist das Werkverzeichnis seiner Gemälde erschienen, das sich angenehm mit dem Ausstellungskatalog ergänzt. Wo der Katalog sinnlich auftritt, ist das Werkverzeichnis numerisch, auch kleinteilig, aber unerlässlich für das tiefere Verständnis des Werkes, zumal wenn es um die weitere wissenschaftliche Arbeit geht. Adolf Erbslöh (1881-1947) ist ein wahrscheinlich zu wenig bekannter Maler, der aus Wuppertal stammt und zeitlebens zu dieser Stadt den Bezug hielt, auch wenn sein Lebensmittelpunkt München bzw. das bayerische Land wurde. Erbslöh vollzieht in seinen Gemälden und Zeichnungen die stilistischen Wandel in der Malerei mit. Befreundet mit den Künstlern des Blauen Reiters und den Malern der Neuen Sachlichkeit, greift er deren Kunststile weitgehend eigenständig auf. Dass dahinter eine große Konsequenz steckt, das vermittelt nun das Werkverzeichnis, das vom Hirmer Verlag in ein Buch übersetzt wurde. Schade nur, dass so wenige Werke großformatig abgebildet sind – aber immerhin gibt es den Ausstellungskatalog.

Bei der opulenten Neuerscheinung zu Mel Ramos, erschienen bei Kerber, handelt es sich ebenfalls um ein Werkverzeichnis. Und wie Erbslöh – oder Kadia Attia – ist Ramos „von Haus aus“ ein Künstler der Avantgarde, dessen Werk den Wandel von Gesellschaft und Zeit zum Ausdruck bringt. Geboren 1935 in Sacramento, ist er ein Hauptvertreter der amerikanischen Pop Art der Westküste. Typischerweise verfügt seine Malerei über klare Flächen, Referenzen an den Comic als populäres Medium, sie verweist auf die Strategien der Reklame und nimmt diese sogar in bildnerischer Form auf. Ihr entnimmt Mel Ramos auch seine Darstellung der Frau: als Pin-up, das kokett posiert. Das Werkverzeichnis dokumentiert, wie Mel Ramos erst allmählich zum Akt als ausschließlichem Sujet findet. Die Frau ist erst angezogen, dann wird sie als Halbkörper durch das Schlüsselloch gesehen, dann mit Tieren und mit irgendwelchen Utensilien. Deutlich wird dabei, wie sehr Mel Ramos mit den Strategien der Verführung arbeitet und psychologisiert. Und dass er immer wieder neue Gesten, Blicke und Bewegungen verwendet. Seine Malerei ist selbstreflexiv, etwa wenn er im Bild sozusagen die Ateliersituation rekonstruiert. Natürlich, irgendwo ist das platt. Aber Mel Ramos dokumentiert eben auch Umbruchsphänomene in der Gesellschaft, die mit dem Aufkommen des Fernsehens zusammenhängen, die sexuelle Befreiung und Rollenverständnis ansprechen und eben auch unterlaufen. Wird das nicht langweilig? Hier, in dem Buch, nicht, dazu sind die Abbildungen zu opulent, wird das Überzeugende und immer wieder Überraschende herausgearbeitet. Etwa das Spiel mit dem Blickkontakt, mit der koketten Haltung, über die sich eigener Charakter einstellt. Also, man muss die Malerei von Mel Ramos nicht gut finden; das Buch als solches ist es.

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Kulturtipps AUSSTELLUNGEN: Von der Heydt-Kunsthalle Geschwister Scholl Platz 4-6, 42275 Wuppertal-Barmen So., 10. September 2017, bis So., 14. Januar 2018

Tobias Zielony

Von der Heydt-Kunsthalle Wuppertaler Performance Nacht 2017, Zierle & Carter - Songs of Broken Feathers,

Do., 23. November 2017, 19 Uhr Künstlergespräch mit Tobias Zielony www.von-der-heydt-kunsthalle.de

Ort e. V., Luisenstraße 116

Di., 23. Januar 2018, 18.15 Uhr

Turmhof 8, 42103 Wuppertal-Elberfeld

Eine Prise Wirklichkeit Manet und die Fotografie

Di., 24. Oktober 2017, bis So., 25. Februar 2018

Dr. Ulrich Pohlmann Münchner Stadtmuseum www.von-der-heydt-museum.de

Edouard Manet

Vortragsreihe Eintritt frei Fr., 20. Oktober 2017, 18.15 Uhr

Unselige Tote – Leichen in Edouard Manets Malerei Prof. Dr. Beate Söntgen Leuphana Universität Lüneburg Mi., 15. November 2017, 18.15 Uhr

Die Ausstellung – Eine Einführung Dr. Gerhard Finckh

Di., 21. November 2017, 18.15 Uhr

Korrespondenzen – Manet und seine literarischen Freunde Prof. Dr. Karin Westerwelle WWU Münster

Di., 9. Januar 2018, 18.15 Uhr

Ausstellungskünstler – Degas, Pissarro, Manet und ihre Strategien in der Kunstwelt Dr. Stefan Lüddemann Neue Osnabrücker Zeitung 72

DruckStock Ort für freie Grafik Fr.-Engels-Allee 173, 42285 Wuppertal So., 19. November, bis Sonntag, 31. Dezember 2017

mähundmuhundkikerikiki

Eröffnung: So., 19. November 2017, 11.30 Uhr Tiere – die animalischen Ebenbilder des Menschen bilden Projektionsflächen für menschliche Werte und Gefühle. Zu diesem umfassenden Themenkreis stellen im DruckStock – Ort für freie Grafik aus: Marlies Blauth, Anneli Schröder, Barbara Held, Carmen Meiswinkel, Stefan Werbeck, Anke Warlies, Frauke Kafka und Ulrike Hagemeier. Foto: „Ziege“ von Stefan Werbeck

Von der Heydt-Museum

Kulturbüro Wuppertal Fr., 10. November 2017, 18 bis 24 Uhr

Wuppertaler PerformanceNacht 2017 Eine Nacht – zehn Kunstorte – zehn Performances Eintritt frei

Zum fünften Mal bieten wir der Performance, diesem Zwitterwesen zwischen bildender und darstellender Kunst, eine Plattform. Wie die letzten Jahre gezeigt haben, findet Performancekunst in Wuppertal ein breites Publikum. In Zusammenarbeit mit den beteiligten Galerien und Kulturorten ist es gelungen, ein spannendes und ambitioniertes Programm zusammenzustellen. performancenacht-wuppertal.de

Neuer Kunstverein Wuppertal Hofaue 51, 42103 Wuppertal Sa., 16. September, bis Sa., 21. Oktober 2017

Axel Loytved

„Straße runter, bei le fit rechts und dann immer weiter gerade aus“ Axel Loytved schleudert Altpapier im Waschsalon, verwandelt Verpackungsmaterial in Bronzen, druckt mit einer gefüllten Pappschale Pom-


mes einen Grafikzyklus, während er auf die Altpapierwäsche wartet, zerschneidet Teppich und formt Schneematschbrocken ab. Finissage: Sa., 21. Oktober 2017 ab 15 Uhr, in Anwesenheit des Künstlers Do., 9. November 2017, 19 Uhr Maya Deren – Spiel und Ritual Anlässlich des 100. Geburtstag von Maya Deren zeigt der Neue Kunstverein Wuppertal die Filme „Meditation on Violence“, „Ritual in Transfigured Time“ und „At Land“. Zudem konnten Florence Freitag für eine Einführung und Dr. Claudia Kappenberg für einen Vortrag gewonnen werden. 1917 geboren, ist Maya Deren eine Pionierin des experiementellen Films und des sogenannten „Choreo-Cinéma“. Die Veranstaltung ist eine Kooperation von Tanzrauschen e.V.

Südpark Galerie Alexander-Coppel-Straße 22 42651 Solingen Sa., 23. September 2017, 18 Uhr, bis So., 22. Oktober, 18 Uhr

ASTRID KIRSCHEY

DIE COLLAGIERTE SEELE – Porträts von Künstlern und ihren Werken Die Fotoserie zeigt digitale Bildcollagen, in denen Astrid Kirschey von ihr erstellte Porträts namhafter Künstler

„Die collagierte Seele“, Foto: Astrid Kirschey

mit deren Werken verbindet. Für die Musikerinnen wurden assoziierte Bildideen umgesetzt. Die Ausstellung ist bis zum 22. Oktober jeweils an den Donnerstagen und Sonntagen von 14 bis 18 Uhr zu sehen (und nach Absprache). So., 5. November 2017, 15 Uhr, bis So., 19. November 2017, 18 Uhr

K1.10.com

Die Künstlergruppe K1.10 setzt sich aus zehn Künstlerinnen zusammen. Sie kommen aus Düsseldorf, Essen, dem Münsterland, Duisburg und Bochum. Sie sind spezialisiert auf qualitativ außergewöhnlich anspruchsvolle, maßgeschneiderte Gemeinschaftsausstellungen. Rolf Abendroth, Neriman Balzerowiak, Monika Droste, Espimasso, Sabrina Herwig, Isabel Kämpf, Nicole Krinn, Liane Lonken, Claudia Nebgen, Daniela Werth

Museum Morsbroich Gustav-Heinemann-Straße 80, 51377 Leverkusen So., 24. September 2017, bis So., 21. Januar 2018

Die Spuren – Miroslaw Balka Miroslaw Balka (*1958) ist einer der bekanntesten polnischen Künstler seiner Generation. Die Ausstellung konzentriert sich ausschließlich auf die konzeptuellen, abstrakten Werke. Die Skulpturen erschöpfen sich nicht in einer streng minimalen Betrachtungsweise, die jegliche Anspielung auf außerhalb des Kunstwerkes liegende Zusammenhänge von sich weist. Im Gegenteil, die Skulpturen des Künstlers sind aufgeladen mit existenziellen Verweisen. Gerade in ihrer großen Schlichtheit beinhalten die Werke oftmals sehr persönliche Hinweise.

Fr., 13. Oktober 2017, bis So., 4. März 2018

Georg Baselitz

Heulende Hunde. Druckgrafik 1964–2017 Eröffnung: Fr., 13. Oktober, 18 Uhr „Baselitz‘s Grafik … ist so überlegen und doppelbödig, daß manche sie als unbeholfen ansehen. Tatsächlich ist sie jedoch hemmungslos elegant … man ist immer unterwegs in einem Drama mit großem Risiko.“ (Per Kirkeby 1981)

Holzschnitt: Jorgo Schäfer

Atelierhaus Ulle Hees Friedrich-Engels-Allee 191a, 42285 Wuppertal So. 3. Dezember 2017, von 11 bis 19 Uhr

Offene Ateliers im Atelierhaus Ulle Hees mit 2 Kalender-Neuerscheinungen, handgedruckte, numerierte und signierte Originalgrafiken:

MONK ein Jazzkalender von Jorgo Schäfer 6 mehrfarbige Holzschnitte und eine Titelgrafik.

Jahreskalender 2018 von Anne Büssow 6 mehrfarbige Holzschnitte und eine Titelgrafik. 73


BÜHNE: Wuppertaler Bühnen Opernhaus Wuppertal Kurt-Drees-Straße 4, 42283 Wuppertal So., 15. Oktober 2017, 18 Uhr Sa., 14., Sa., 21., Mi., 25. Oktober 2017, 19.30 Uhr So., 26. November 2017, 16 Uhr So., 10. Dezember 2017, 18 Uhr Fr., 29. Dezember 2017, 19.30 Uhr

Der Sturm Skulpturen, Catalin Badarau

galerie#23 malerei fotografie skulptur Frohnstraße 3, 42555 Velbert-Lgb. Sa., 16. September 2017, bis So., 4. November 2017 Point of View – Die Suche nach ... Enrique Azokar, Katharina Lökenhoff Claudia Sacher, Gilbert Ward Sa., 11. November 2017, bis So., 10. Dezember 2017

The Other

Bianca Mann und Catalin Badarau Vernissage: Sa., 11. November 2017, 18 Uhr Die Ausstellung „The Other“ zeigt eine Auseinandersetzung mit dem Menschensein und dem menschlichen Erscheinungsbild gegenüber anderen. Bei Catalin Badaraus Skulpturen ist es das typisierte Fehlverhalten, ausgelöst durch Missverständnisse aufgrund kultureller, religiöser und sozialer Unterschiede. Bianca Mann beschäftigt sich mit dem Thema Masken und ihrer Bedeutung. Ausgehend von ihrem eigenen Abbild als Maske entwickelt sie ein Konzept der Selbstbeobachtung und des Sich-selbst-in frage-Stellens. 74

von William Shakespeare So zaubern können, dass Sturm und Wasser, Zeit und Raum, An- und Abwesenheit dem Spruch gehorchen: Das vermag Prospero mithilfe Ariels und seiner Geisterschar. Und auch das Theater hat diese Kraft! Mit einem totalen Schiffbruch geht es los: Prosperos Widersacher, die ihn einst als Herzog von Mailand entmachtet haben, werden an den Strand seiner Insel gespült. Prospero, der Mann der Bücher, sucht nicht Rache, sondern Einsicht und Erkenntnis – und einen Gatten für seine Tochter Miranda. Wird Prospero am Ende der Zauberei und Bücherwissenschaft entsagen und wieder auf den Thron von Mailand, in die reale Politik zurückkehren? Fr., 10., Sa., 11. November 2017, 19.30 Uhr So., 12. November 2017, 18 Uhr Fr., 17., Sa., 18. November 2017, 19.30 Uhr So., 19. November 2017, 18 Uhr

1980 – Ein Stück von Pina Bausch

Sa., 14. Oktober 2017, 19.30 Uhr Fr., 15. Dezember 2017, 19.30 Uhr

Surrogate Cities/ Götterdämmerung

Musiktheater mit Musik von Heiner Goebbels und Richard Wagner

Di., 24. Oktober 2017, 21 Uhr Di., 21. November 2017, 21 Uhr So., 3., Mi., 13., So., 17., Fr., 22. Dezember 2017, 21 Uhr

Die Hölle/ Inferno – Reise ins Innere frei nach Dante Alighieri, Fassung von Thomas Braus

Wuppertaler Bühnen Theater am Engelsgarten Engelsstraße, 42283 Wuppertal Premiere: Fr., 13. Oktober 2017 So., 15., Sa., 14., Fr., 20. Oktober 2017, 19.30 Uhr So., 22. November 2017, 18 Uhr Fr., 27. Oktober 2017, 19.30 Uhr So., 29. Oktober 2017, 18 Uhr Fr., 17. November 2017, 19.30 Uhr Sa., 16. Dezember 2017, 19.30 Uhr

Bilder von uns

von Thomas Melle Mit der Erinnerung ist es merkwürdig: Sie lässt manchmal blinde Flecken in der eigenen Lebensgeschichte entstehen. Für Jesko Drescher läuft es gut: Er ist als Manager erfolgreich, im gesellschaftlichen Leben etabliert und Familienvater. Eine ihm zugespielte Fotografie aus seiner Schulzeit im Internat wirft ihn buchstäblich aus der Bahn. Wer hat ihm das geschickt? Wie kam es zu dieser Nacktaufnahme? Jeskos Leben gerät aus den Fugen. Theater Filidonia, Traumhaus 26, Oktober 2016 Honsberg Remscheid


Verein für kulturelle Bewegung Siemensstraße 21, 42857 Remscheid Sa., 17.,/So., 18. November 2017

Auf der Zeitinsel

Theater Filidonia – Eine begebhare Multimedia-Theaterperformance Performance: Sa., 18. November, 17.30/19.30 Uhr, So., 19. November 15.30/17.30 Uhr Ein ehemaliges Mehrfamilienhaus wird zur Kulisse einer interdisziplinären Performance mit Musik, Theater, Tanz und Installation. Das junge Ensemble erschafft dabei aus dem alltäglichen vorhandenen Raum neue und einzigartige Atmosphären und löst die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauer auf. Mal poetisch, sinnlich, dann wieder bewegend und dramatisch ... Eintritt frei. Kartenreservierungen an theater.filidonia@gmail.com Sa., 7. Oktober 2017, 19.30 Uhr

Musik verbindet, Tanz bewegt Eine Reise zu sich selbst Eine Tanzperformance mit und von Ensemblemitgliedern des Theater Filidonia Wigabriel Soto Eschebach – Tanz Miriam Bathe – Violine Xiao Fu – Perkussion Ein Körper, ein Tänzer, du hörst den Atem, der Brustkorb hebt und senkt sich, nackte Haut, der Körper bebt. Klang in deinen Ohren, die Geige spielt, ein Ton und wieder Stille. Drei junge Künstler verbindet der Glaube daran, dass Musik verbindet und Tanz bewegt. Fernab von festgelegten Choreografien und Kompositionen steht die Improvisation im Hier und Jetzt im Vordergrund. Eine Tanzperformance nicht auf der großen Bühne im Scheinwerferlicht, sondern intim, authentisch und persönlich. Eintritt frei.

Moritz Neuhoff, Micro II

Ins Blaue Kulturwerkstatt e. V.

Hengesbach Gallery Vogelsangstraße 20, 42109 Wuppertal Mo., 4. September 2017 verlängert bis 3. November 2017 current status Moritz Neuhoff www.hengesbach-gallery.de

LITERATUR: Internationales Begegnungszentrum

Sa., 18.November 2017, 20 Uhr

Nach Mitternacht – Keun und Kaléko

Szenische Lesung Sprecher/-innen: Margaux Kier, Roswitha Dasch, Heiner Bontrup Musik: Charis Landes Text/Konzept: Heiner Bontrup Wenn das arg strapazierte Wort des Fräuleinwunders in der Literatur je einen Sinn gehabt hat, dann bei diesen beiden großen Autorinnen: Mascha Kaléko und Irmgard Keun.Heiner Bontrup hat für die szenische Lesung ein fiktives Szenario erfunden: Was wäre, wenn Keun und Kaléko einander kennengelernt hätten? Was hätten sie sich wohl zu sagen gehabt?

Hünefeldstraße 54a, 42285 Wuppertal

Café Hutmacher

Sa., 28. Oktober 2017, 16 Uhr

im Mirker Bahnhof Mirker Straße 48, 42105 Wuppertal

Literaturtreff

Präsentation des vierten Buches des zweisprachigen Almanachs „An der Kreuzung der Kulturen“. Werke von Bertold Brecht werden von Galina Naychmann gelesen.

Mi., 22. November 2017, 20 Uhr

Sa., 4. November 2017, 16 Uhr

Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal

Literatur von Bella Akhmadulina

Literaturtreff Präsentation des Wuppertal-Kalenders 2018 und Lesung aus den Werken von Bella Akhmadulina. Do., 16. November 2017, 19 Uhr

Türke – aber trotzdem intelligent

Selcuk Cara Lesung Hajo Jahn Moderation Selcuk Cara hat als Opernsänger Karriere gemacht, stand in großen Wagnerpartien auf der Bühne und hatte als Filmemacher Erfolg. Ausgerechnet dieser Deutschtürke sang bei seinem ersten großen Konzert die Partie des Jesus in Via crucis von Franz Liszt.

„Heute ist leider schlecht“ Ronja von Rönne liest aus ihrem Roman.

Geügsamkeitsstraße, 42105 Wuppertal Do., 2. November 2017, 18 Uhr

Von „Tietz“ zu „Kaufhof“ Die „Arisierung“ eines WarenhausUnternehmens 1933/34 Eintritt frei Vortrag von Michael Okroy, M. A. Seit über 125 Jahren gibt es den Firmenstandort „Kaufhof“ in Wuppertal. Vielen Älteren ist das Warenhaus noch als „Tietz“ bekannt. Der jüdische Kaufmann Leonhard Tietz (1849-1914) siedelte 1889 von Stralsund in die aufstrebende Textil- und Handelsmetropole Elberfeld über und errichtete 1912 am Neumarkt ein neues und prächtiges Warenhaus. Es galt als 75


ribisch, in rauschhafter Einsamkeit und lyrischem Chaos. Matthias Nadolny Tenorsaxofon Henning Berg Posaune Matthias Akeo Nowak Bass Peter Weiss Schlagzeug Sa, 4. November 2017, 20 Uhr

Gorilla Moon mit Streichern Alexander von Schlippenbach, Foto: M. Rinderspacher

eins der größten und architektonisch bedeutendsten seiner Art im deutschen Kaiserreich. 1933 „arisierten“ die Nationalsozialisten das TietzFamilienunternehmen und nannten es in „Westdeutsche Kaufhof AG“ um. Die Eigentümerfamilie sowie sämtliche jüdischen Vorstandsmitglieder und Angestellten von „Tietz“ wurden entlassen, ins Exil getrieben oder kamen im Holocaust um. Eine Veranstaltung des Bergischen Geschichtsvereins, Abteilung Wuppertal. Do., 9. November 2017, 19 Uhr

Gedenkveranstaltung: Jahrestag der Novemberpogrome 1938 Die Geschichte einer jüdischen Kindheit in Eberfeld: das Leben und Überleben von Wolfgang Kotek, heute Rotterdam. Eintritt frei.

MUSIK: Peter Kowald Gesellschaft/ ort e. V. Luisenstraße 116, 42103 Wuppertal Mi., 18. Oktober 2017, 20 Uhr

Matthias Nadolny Quartett Vier Freunde treffen sich zum lustvollen Improvisieren: ruppig-elegant, ironisch-melancholisch, arktisch-ka76

Improvisationen zwischen Jazz und Rock und Contemporary Music Eugen Egner E-Gitarre Tanja Kreiskott Querflöte Klaus Harms Kontrabass Christoph Irmer Geige Dietmar Wehr E-Bass Dietrich Rauschtenberger Schlagzeug, Saxofon Do., 9. November 2017, 20 Uhr

CINE:ORT Soundbraker – Kimmo Pohjonen

von Kimmo Koskela, FIN 2012 Akkordeonmusik? Ja, aber vergiss alles, was du jemals darüber gehört oder davon gesehen hast. Ein Fest für Augen und Ohren.

Mi., 6. Dezember 2017, 20 Uhr

Schlippenbach Trio

Alexander von Schlippenbach Piano Evan Parker Saxofon Paul Lytton Schlagzeug Fr., 8. Dezember 2017, 20 Uhr Reihe GEDANKENSPRÜNGE:

Jazz. Raga. Reden – alles Improvisation?! Michael Rüsenberg im Gespräch mit Ronald Kurt „You can´t improvise on nothing, you gotta improvise on something.“ Man kann nicht über Nichts improvisieren, man muss schon über etwas improvisieren. Der Satz stammt von Charles Mingus (1922-1979), einem der berühmtesten Jazzmusiker. Und gilt weit über den Jazz hinaus. Auch im indischen Raga wird improvisiert. Aber, betont Ronald Kurt, man muss schon darauf achten, „dass derselbe Begriff in unterschiedlichen Kulturen auch Unterschiedliches bezeichnet ...“

Fr., 10. November 2017 Wuppertaler PerformanceNacht 2017

Zierle & Carter – Songs of Broken Feathers

„Arriving on new lands, yet reaching back to touch the old, lingering for a moment, before the old crumbles away between our hands. The loss keeps pushing us forward – eyes wide open.” Do., 7. Dezember 2017, 20 Uhr

CINE:ORT Thelonious Monk – American Composer

von Matthew Seig, USA 2009 Happy birthday, Thelonious Monk, zum 100. Geburtstag. Mit einer persönlichen Ehrung durch Wolfgang Schmidtke.

Ronald Kurt

Historische Stadthalle Johannisberg 40, 42103 Wuppertal So., 15. Oktober 2017, 18 Uhr Mendelssohn Saal, Saitenspiel:

Schumann Quartett

So., 15. Oktober 2017, 11 Uhr Mo., 16. Oktober 2017, 20 Uhr

2. Sinfoniekonzert

Beethoven und Schostakowitsch


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Schwebeklang Klangkosmos Weltmusik – Internationale Musikkulturen in Wuppertal Lutherstift, Schusterstraße 16, 42105 Wuppertal

So., 5. November 2017, 18 Uhr

Schusterstraße 15, 42105 Wuppertal Do., 12. Oktober 2017, 10/18 Uhr Balkansambel Slovakei Balkan Brass Die Band wird besonders für ihre Fähigkeit geschätzt, scheinbar unvereinbare musikalische Stile zu mischen.

Mendelssohn: Lobgesang

Hauptkirche Unterbarmen

Balkan Brass, Slovakei

Reformationskonzert

So., 12. November 2017, 11 Uhr Mo., 13. November 2017, 20 Uhr 3. Sinfoniekonzert Mozart, Mendelssohn und Schumann

Martin-Luther-Straße 16 42285 Wuppertal Do., 16. November 2017, 18 Uhr Gulzoda Uzbekistan Seidige Stimme aus Transoxianien

So., 3. Dezember 2017, 18 Uhr Mendelssohn Saal, Saitenspiel:

Artis-Quartett Wien Unerhört e. V.

Neue Kirche, Sophienstraße 39, 42103 Wuppertal Fr., 20. Oktober 2017, 20.30 Uhr

Hiby-Hession-Duo

Hans Peter Hiby Tenorsaxofon Paul Hession Schlagzeug Gast: Christoph Irmer Geige Seit über 30 Jahren arbeiten der Wuppertaler Saxofonist Hans Peter Hiby und der englische Schlagzeuger Paul Hession in verschiedenen Formationen im Bereich des Free Jazz und der europäischen Improvisationsmusik zusammen. Ihre Musik führte sie durch viele europäische Länder. Im zweiten Teil des Konzertabends wird der Wuppertaler Geiger Christoph Irmer hinzukommen und das HibyHession-Duo zum Trio erweitern.

Gulzoda, Uzbekistan

Kulturzentrum Immanuelskirche Sternstraße 73/Von-Eynern-Straße 42275 Wuppertal Sa., 14. Oktober 2017, 19.30 Uhr

Free Voices

Benefiz-Chorkonzert Wie in jedem Jahr gibt es ein Benefizkonzert für die „Initiative krebskranker Kinder e. V.“ Der Chor Free Voices wird von Gitarrenmusik begleitet.

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Lutherstift

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Internationales Begegnungszentrum Hünefeldstraße 54a, 42285 Wuppertal Sa., 14. Oktober 2017, 20 Uhr

Roman Babik – String Project Bridget Marsden & Leif Ottosson

Do., 14. Dezember 2017, 18 Uhr

Bridget Marsden & Leif Ottosson Schweden

Contemporary Swedisch Folk Duo Bridget Marsden & Leif Ottosson sind zwei junge Stars der schwedischen Folkszene. Ihr gemeinsames Interesse an traditionellen Melodien führte sie zu einer ausschweifenden Erkundung von neuen Klangräumen.

Historisches Zentrum Wuppertal

Das String Projekt von Roman Babik präsentiert geschriebene und improvisierte Musik von Klassik und Jazz. Der Wuppertaler Jazzpianist und „Von der Heydt-Kulturpreisträger“ stellt sich begeistert dieser stilistischen Melange und hat ein Programm geschrieben, bei dem er seine Improvisationen einzig von einem Streichquartett begleiten lässt. Roman Babik Piano Gergana Petrova Violine Christian Styma Violine Frauke Wielebski Viola Tom Verbeke Cello

Engelsstraße 10/18, 42283 Wuppertal So., 26. November 2017

Engels' 197. Geburtstag Geboren am 28. November 1820 11 Uhr: Die Bedeutung der Technik der „Industriellen Revolution“ in der klassischen „Politischen Ökonomie“ von Adam Smith, David Ricardo, Karl Marx und Friedrich Engels. Vortrag von Eberhard Illner im Rahmen der Ausstellung „Technische Paradiese“. Mittagsimbiss 13 Uhr: Die Barmer Verlobung Geschichten rund ums Engels-Haus Mit Heike Ising-Alms und 150 Jahre – Das Kapital Im September vor 150 Jahren erschien der 1. Band von „Das Kapital“. 14.30 Uhr: Der Kaufmann Friedrich Engels und sein Anteil an der „Kritik der politischen Ökonomie“. Mit Reiner Rhefus 16 Uhr: Friedrich Engels und „Das Kapital“. Lesung mit Andreas Bialas und Reiner Rhefus 78

Fr., 10. November 2017, 20 Uhr

Dona Rosa

Dona Rosa – Die Seele Lissabons „Ich schließe die Augen, um besser sehen zu können.“ Das ist das Credo der portugiesischen Sängerin. Die blinde Sängerin nimmt die Welt anders wahr. Das erste Set findet im Dunkeln statt. Der zweite Teil des Konzertes präsentiert genau das Gegenteil, zeigt das pulsierende Leben Lissabons. Dona Rosa und ihre beiden Begleiter Raoul Abreu an der Gitarre und Ines Vaz am Akkordeon spielen zu einer Fotoprojektion aus dem Buch „Lisboa“.

„l'aréna“ Eventlocation Siegesstraße 110, 42287 Wuppertal So., 15. Oktober 2017

Stefan Lex und Sigrid Althoff mit dem RMC und OTB Wir freuen uns auf einen rauschenden Konzertabend mit dem Startenor Stefan Lex und der Pianisten Sigrid Althoff gemeinsam mit dem Ronsdorfer Männerchor und dem OTB. Mi., 8. November 2017

Ben Waters – Boogie Woogie Superstar Das Konzertevent des Jahres mit der Boogie-Woogie-Legende Ben Waters. Wir freuen uns, diesen Ausnahmekünstler zu einem seiner wenigen deutschen Konzerte in der laréna Eventlounge begrüßen zu dürfen. Frühzeite Anmeldung unbedingt erforderlich unter: info@larena-wuppertal.de


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Druck: Offset Company, Wuppertal, Auflage: 1 000 Titelbild: Edouard Manet, Die Reiterin, um 1882, Öl auf Leinwand, 73 x 52 cm

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