"die beste Zeit", Juli-September 2020

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ISSN 18695205

Ausstellung Sean Scully im Skulpturenpark Waldfrieden Wuppertal Gespräch Mit Dr. Roland Mönig über das von der Heydt-Museum Ausstellung Lockdown-Schau im Zentrum für verfolgte Künste, Solingen Einblicke Zu Besuch bei der Dr. Werner Jackstädt-Stiftung Tanztheater Pina Bauschs „Frühlingsopfer“ entsteht in Afrika neu Ausflug Zu den bunten Göttern ins Frankfurter Liebieghaus 0 3 / 2 0 2 0 Juli - S e p t e m b e r / 5. 8 0 €


SCHLOSS LÜNTENBECK WUPPERTAL

29. + 30. AUGUST 2020

SIEBEN SACHEN GU TE DINGE – GU TE S L EB EN

schloss-luentenbeck.de Öffnungszeiten: Sa 11 – 18 Uhr So 11 – 16 Uhr Eintritt: 6 € Kinder bis 14 Jahre frei


Editorial Liebe Leserinnen und Leser, sind Sie noch da? Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen. Auch mal ganz schön, sagen einige. Abstand, das hat ja auch was. Endlich Ruhe. Für viele war und ist es jedoch eine stressige Zeit: Kinder, Homeoffice, Homeschooling, zoomen, streamen, rumskypen, dropboxen, weTransfern, Eltern …. Oder eben weiter zur (systemrelevanten) Arbeit gehen und hoffen. Was uns verbindet, ist ein gewisser Grad an Isolation. Vollführen wir nicht alle Geisterspiele in unseren Wohnungen, in unseren Köpfen? Träumen auch Sie in letzter Zeit so intensiv? Für die Kunst ist Isolation zunächst einmal wichtig. Jede Künstlerin, jeder Künstler braucht sie, um produktiv sein zu können, immer wieder. Oftmals haben wir zu wenig davon, schon allein, weil das Leben erwirtschaftet werden will. Wie sehr wir die Freiheit der Kunst, ihre Unabhängigkeit gegenüber Gesellschaft, Politik, Moden, dem Publikum betonen: ihr Kern ist und bleibt jedoch die Kommunikation. Ein Werk der Kunst, wie immer wir es definieren, spricht zu uns. Wir erfahren etwas, oftmals erstaunlicherweise über uns selbst. Dieses Sprechen funktioniert im gemeinsamen Augenblick wie auch über Jahrhunderte hinweg. Das Internet, die „Wunderkammer“, wie es in einer Buchbesprechung am Ende dieses Heftes heißt, zeigt jetzt sein großes Potenzial: In der Isolation verbindet es uns, speist es die politische Meinungsbildung, schafft (virtuelle) Gemeinschaften und behauptet sich als das große Archiv, im Guten wie im Schlechten. Doch bleiben wir bei der „Wunderkammer“: Vermutlich noch nie wurden so viele Schätze der Kunst – Theateraufführungen, Museumssammlungen, Vorträge, Konzerte, Lesungen – virtuell zugänglich gemacht oder live geteilt wie heute. Interessant finde ich vor allem die Hybride, beispielsweise vom Staatstheater Mainz aktuell in der 3sat-Mediathek zu sehen: Inszenierungen für den Theater- wie für den virtuellen Raum. Eigentlich geht es in dieser Inszenierung um Beethoven und seine taubheitsbedingte Isolation, doch plötzlich geht es um uns, in diesen Corona-Zeiten, um unsere vom Abbruch bedrohte

Verbindung, um die Künste, um unser Theater, das die Resonanz braucht wie Menschen die Luft zum Atmen. Kein Zufall, dass dieses vorliegende Heft der „besten Zeit“ überwiegend von bildender Kunst handelt. Das Museum, der Park, das Archiv – mittlerweile auch körperlich wieder zugänglich – sind die Kunsträume der Stunde. Hier können wir Abstand halten und uns dennoch berühren lassen. Apropos isola: In Zeiten, in denen Kulturorte, Künstlerinnen und Künstler in existenzielle Not geraten, haben wir – der Kulturverein Insel e.V. – einen Mietvertrag unterschrieben. Wir sind Mieter der ersten Etage und des Dachgeschosses im wunderbaren Café Ada! Lange Vorarbeit, ein großes Entgegenkommen der Vermieterin und nicht zuletzt die Unterstützung durch die Stadt Wuppertal machen es möglich, gerade jetzt diesen einmaligen Ort zu erhalten und seine Zukunft zu gestalten. Eine Insel, hoffentlich unter vielen. Wir sehen uns wieder. Ich wünsche Ihnen anregende Lektüren und immer wieder eine beste Zeit! Ihr Torsten Krug

Foto: Gregor Eisenmann


Inhalt 4 Sean Scully im Skulpturenpark Waldfrieden Wuppertal, eine Ausstellung im Prozess

INSIDEOUTSIDE

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Der neue Direktor des Von der Heydt-Museums Dr. Roland Mönig im Gespräch

Die Sammlung liegt mir sehr am Herzen 10

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Zentrum für verfolgte Künste: Neue Leitung zeigt sich zur Krise kreativ

Lockdown-Schau zwischen Bestand und Hashtag

Uta Atzpodien über die Wuppertaler Kunst- und Kulturszene in diesen Zeiten

Die Kunst ist da!

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„die beste Zeit“ zu Besuch bei der Dr. Werner Jackstädt-Stiftung

„Wuppertal ist eine Stadt, in der Ideen wahr werden“

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Tony Craggs Geschenk an die Bergische Universität Wuppertal

Zum Licht

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„Zeitgenössische Skulptur“ – Künstlertexte und Interviews in einem Buch von Jon Wood und Julia Kelly

Was fängt mit S an?

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40 Die jungen Tänzerinnen und Tänzer kommen aus 14 afrikanischen Ländern

Pina Bauschs „Frühlingsopfer“ entsteht in Afrika neu

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Ryszard Kopczynski und Nicola Tigges

Zwei Wuppertaler Kreative mit dem Blick fürs Eigene

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Die „Golden Edition“ zur antiken Statuenpolychromie im Frankfurter Liebieghaus

Nicht nur die antiken Götter waren bunt 50 Kulturtipps

für Kinder und Jugendliche Die Steinbildhauerin Christiane Püttmann im Gespräch

„Marmor ist zickig“

Holger Noltzes Buch vorgestellt von Fritz Gerwinn

World Wide Wunderkammer

Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch

Skulptur im Prozess

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Paragrafenreiter

Kann ich mit der Erziehung eines vielversprechenden Kaufmannssohns Steuern sparen? Ausstellungen, Musik, Literatur, Kino

Kulturtipps Impressum

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INSIDEOUTSIDE

Sean Scully im Skulpturenpark Waldfrieden Wuppertal, eine Ausstellung im Prozess

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Sean Scully, Sleeper Stack, 2019, © Sean Scully, Foto: Ralf Silberkuhl

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Sean Scully ist für seine unverwechselbaren abstrakten Gemälde mit horizontalen und vertikalen Streifen bekannt. Dieses malerische Motiv setzt er auch in seinen monumentalen Skulpturen konsequent räumlich um. Im Skulpturenpark präsentiert Scully neben seiner aktuellen Malerei verschiedene „Stacks“ aus alten Eisenbahnschwellen, Corten- oder Edelstahl, Muranoglas sowie Bronze im Innen- und Außen6

raum. Einige der Werke hat Scully in Auseinandersetzung mit dem Ort eigens für diesen Park konzipiert. So wird im Ausstellungszeitraum eine massive Arbeit aus lokalem Kalkstein in situ entstehen. Die Corona-Pandemie nimmt aber auch auf dieses Ereignis Einfluss. Sean Scully und Tony Cragg mussten sich für die seit Langem geplante Ausstellung auf eine Anpassung


Sean Scully, Stack, 2020 (Material: Muranoglas), im Hintergrund „Grid“ (1972-2019),
 © Sean Scully, Foto: Ralf Silberkuhl

Sean Scully, 2020, LWL Museum Münster, Foto: Hanna Neander

des Konzepts verständigen. So wird sich das Projekt bis in den September hinein stufenweise weiterentwickeln. Die Fertigstellung einiger neuer Skulpturen hat sich aufgrund des Lockdowns verzögert. Weitere Arbeiten werden bis September in einem fortlaufenden Prozess hinzugefügt werden. Eine Reihe bis zu fünf Meter hoher Skulpturen, wie “Sleeper Stack“ (2019), wird das Wald- und Wiesengelände durchziehen. Im September wird Scully, wenn er hoffent7


Sean Scully, What Makes Us, 2017, © Sean Scully, Foto: Ralf Silberkuhl

„Ich möchte den Weg vom Spirituellen zum Physischen und vom Physischen zum Spirituellen zugänglich machen.“ Sean Scully lich aus den USA anreisen kann, an einem Ausstellungsgebäude des Skulpturenparks eines seiner berühmten „Landline“-Gemälde auf Glas erschaffen und eine Steinarbeit vor Ort aufschichten. In der oberen Ausstellungshalle steht bereits ein „Coin Stack“ aus Bronze, auch ist ein zwölfteiliges Ölgemälde auf Kupfer, „12 Triptychs“ (2008), zu sehen. Auf der hier angrenzenden Rasenfläche steht „Moor Shadow Stack“ (2018), eine massive, tonnenschwere und weit ausladende Arbeit, die im vergangenen Jahr vor dem LWL Museum in Münster zu sehen war. In der unteren Ausstellungshalle verweist „Grid“ (1972 - 2019) auf die Anfänge von Scullys Auseinandersetzung mit dem Spannungsverhältnis von Malerei und Skulptur in den 1970er-Jahren. Gleichzeitig an architektonische Strukturen und die Materialität von Teppichen er8

innernd, ist diese Arbeit von Scullys Aufenthalt in Marokko und der dortigen Webkunst beeinflusst. Zusammen mit einer neuen, mehrfarbigen „Stack“-Skulptur trifft sie auf ein großformatiges Ölgemälde: „What Makes Us“ (2017) ist ein Beispiel für seine Auseinandersetzung mit der Idee des Fensters als Bild im Bild, die den Künstler bereits seit dem Ende der 1980er-Jahre beschäftigt und die ihn zu seiner Arbeit mit „Insets“ veranlasste. Ausgehend hiervon hat Scully seit Anfang dieses Jahres seine „Holes“ entwickelt — runde Negativformen durchdringen die massiven Körper seiner neusten Skulpturen und eröffnen dem Besucher einen Durchblick auf die umliegende Landschaft. Sie schaffen eine Verbindung zwischen dem „Hier“ und dem „Dort“ und verwiesen gleichzeitig auf eine Abwesenheit. Diese Idee hat Scully auch in zarten Aquarellen ausgeführt, die ebenfalls zu sehen sind.


Sean Scully, Untitled (Coin Stack 3), im Hintergrund „12 Triptychs“ (2008), © Sean Scully, Foto: Ralf Silberkuhl

Vita Sean Scully wurde 1945 in Dublin geboren, wuchs in London auf und zog 1975 in die Vereinigten Staaten. Heute lebt und arbeitet er in New York und in der Nähe von München; auch in Berlin hat der Künstler ein Atelier. Scully studierte Malerei am Croydon College of Art (London) und an der Newcastle University (England). Er erhielt 1973 ein Graduiertenstipendium der Harvard University, 1983 ein Guggenheim-Stipendium sowie mehrere Ehrengrade, darunter Ehrendoktorate für bildende Kunst des Massachusetts College of Art (Boston) und der National University of Ireland (Dublin). Er wurde zwei Mal, 1989 und 1993, für den Turner-Preis nominiert, der von der Londoner Tate Gallery ausgerichtet wird.

Sean Scully INSIDEOUTSIDE bis Sonntag, 3. Januar 2021 Skulpturenpark Waldfrieden Hirschstraße 12 42285 Wuppertal skulpturenpark-waldfrieden.de

Ruth Eising 9


Otto Dix An die Schönheit, 1922 Leinwand, 138,5 x 121 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

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Die Sammlung liegt mir sehr am Herzen

Der neue Direktor des Von der Heydt-Museums Dr. Roland Mönig im Gespräch

Dr. Roland Mönig, Foto: Andreas Fischer

Dr. Roland Mönig ist seit dem 1. April Direktor des Von der Heydt-Museums. Wie er die coronabedingte Schließung des Hauses, die seinen Einstand begleitete, nutzen konnte und welche Ausstellungen er künftig plant, erzählt er im Interview. Sie haben am 1. April Ihre Stelle als neuer Direktor des Von der Heydt-Museums angetreten, mitten in der coronabedingten Schließung des Hauses. Ihren Einstand hatten Sie sich wahrscheinlich auch anders vorgestellt? Mönig: In der Tat: Der Start hätte gern ein wenig dynamischer sein können … Die erste Zeit im neuen Amt ist ja in der Regel sehr ereignisreich und von vielen neuen Kontak-

ten geprägt. Gleich in meiner ersten Woche hier in Wuppertal hätten wir, wäre alles planmäßig gelaufen, eine Pressekonferenz, eine Veranstaltung mit dem Kunst- und Museumsverein und eine Ausstellungseröffnung gehabt. Stattdessen hatten wir strenges Kontaktverbot, und so saß ich fast allein in der Verwaltung, weil so gut wie alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice waren. Eine kleine, sehr engagierte Kernmannschaft – u.a. meine Stellvertreterin Dr. Antje Birthälmer, unsere Verwaltungsleiterin Nicole Schey und meine Sekretärin Stefanie Masberg – hat mir den Einstieg so leicht wie möglich gemacht. Trotzdem war es sonderbar, aus den großen Fenstern meines Dienstzimmers auf den geschlossenen Museumseingang und auf eine Fußgängerzone zu schauen, in der kaum ein Mensch unterwegs war. 11


Adrian Ludwig Richter, Mädchen auf der Wiese, um 1826 Leinwand, 35 x 47,5 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal

Hat die Schließung ihr Ausstellungsprogramm durcheinandergebracht? Ja, ein wenig Unordnung hat Corona schon verursacht. Wie gesagt: Eigentlich hätten wir am 5. April die große Sammlungspräsentation „An die Schönheit“ eröffnen sollen – ein Ereignis, auf das ich mich sehr gefreut hatte, denn die Sammlung liegt mir sehr am Herzen. Und drei Wochen später wäre dann die Ausstellung „Mehr : Wert“ gefolgt, ein Dialog zwischen unserer Sammlung und der Sammlung der Stadtsparkasse Wuppertal. Beide Schauen konnten wegen Corona überhaupt nicht mehr installiert werden. Die Ausstellung über das Werk des bedeutenden deutschen Land-Art- und Konzeptkünstlers Hannsjörg Voth war zwar fertig. Aber niemand konnte sie sehen, die Eröffnung musste abgesagt werden. Sehr schade! Im Vergleich zu vielen anderen Häusern allerdings, die geplante Ausstellungen um viele Monate, manchmal um Jahre 12

verschieben oder sogar ganz absagen mussten, haben wir hier in Wuppertal noch Glück gehabt. Wir konnten das Museum ab dem 19. Mai schrittweise wieder öffnen und dann doch noch realisieren, was bereits von langer Hand vorbereitet war. Zunächst konnten wir die Besucher zu Hannsjörg Voth einladen, dann die Ausstellung „Mehr : Wert“ zugänglich machen – eine Ausstellung übrigens, in der neben internationalen Namen auch viele Künstler aus unserer Stadt und unserer Region vertreten sind –, und zum guten Schluss ging ab 16. Juni endlich „An die Schönheit – Stars der Sammlung“ an den Start. Können Sie schon etwas über Ihr weiteres Ausstellungsprogramm verraten? Im Herbst werden wir – was ich für sehr wichtig halte – unseren Beitrag zum Engels-Jahr liefern: mit der Ausstellung „Vision und Schrecken der Moderne – Industrie und


David Hepher, Nr. 22, House Painting, 1971 Zweiteilig, Öl auf Leinwand, Breite je 172 cm, zusammen: 208 x 345 cm Von der Heydt-Museum, Dauerleihgabe aus Privatbesitz , © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

künstlerischer Aufbruch“. Das Historische Zentrum stellt den berühmten Sohn der Stadt in der Kunsthalle Barmen unter dem Titel „Friedrich Engels – Ein Gespenst geht um in Europa“ ja aus kultur- und sozialgeschichtlicher Perspektive vor, erzählt von seinem Leben, seinem Werk und seiner Wirkung. Als Kunstmuseum werden wir einen ganz anderen Ansatz verfolgen. Mit „Vision und Schrecken der Moderne“ fragen wir, wie die industriellen Innovationen und Revolutionen und die damit verbundenen gesellschaftlichen Umbrüche der letzten gut 150 Jahre sich in der Kunst spiegeln. Das eröffnet ganz neue Perspektiven auf viele wichtige Künstler und ihre Arbeit, stellt wenig bewusste Zusammenhänge her. Man wird sehen können, wie die Kunst einerseits von Industrialisierung und Mechanisierung beflügelt wurde und wie sie andererseits auch sehr kritisch die Schattenseiten der Entwicklung kommentiert. Gestützt auf die Stärken unseres Bestandes, werden wir ein breites Spektrum von Arbeiten zeigen können – nicht nur, was die Epochen betrifft, sondern auch im Hinblick auf die Themen und Techniken. Malerei und Grafik wird

ebenso zu erleben sein wie Fotografie, und einen markanten Schlussakzent werden ausgewählte zeitgenössische Positionen setzen. Konnten Sie denn die coronabedingte Zeit der Schließung für andere Dinge nutzen? Ja, in der Tat, und es war für mich als Neuling wunderbar zu erleben, mit welcher Flexibilität und Kreativität sich das Team auf die neue Situation eingelassen hat. Gemeinsam haben wir überlegt, wie wir das Museum während der Schließungszeit stärker im digitalen Raum sichtbar machen können, wie wir den Menschen die Kunst nach Hause bringen können, wenn sie uns schon nicht besuchen dürfen. Wir haben nicht nur unsere Aktivitäten in den Social Media, auf Facebook und Instagram nochmals entschieden verstärkt – und darauf große Resonanz bekommen: Ein Corona-Clip mit Hauptwerken der Sammlung etwa ist Zigtausende Male angeklickt, begeistert kommentiert und viele hunderte Male geteilt worden. Wir haben auch auf der Website einen neuen Bereich „Museum to go“ geschaffen, 13


Salvador DalĂ­, Das wahre Bild der Toteninsel Arnold BĂścklins zur Stunde des Angelus, 1932 Leinwand 77,5 x 64,5 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal

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Max Beckmann, Großes Varieté mit Zauberer und Tänzerin, 1942 Leinwand, 70 x 90 cm Von der Heydt-Museum Wuppertal © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

mit Vermittlungs- und Kreativangeboten, und wir haben eine Auswahl wichtiger, weltberühmter Bilder aus unserer Sammlung online gestellt – mit kurzen Kommentaren und Erläuterungen. Damit konnten wir, aus der Not eine Tugend machend, eine erste Marke für die Zukunft setzen: Das Thema Digitalisierung steht ganz oben auf unserer Agenda. Soll irgendwann die ganze Sammlung online gestellt werden? Das ist das langfristige Ziel – und natürlich eine Riesenaufgabe. Wir wollen auch und gerade im Internet, dem wichtigsten Medium unserer Zeit, deutlich machen, wofür das Von der Heydt-Museum steht, welche Schätze es hütet. Und weshalb es sich unbedingt lohnt, nach Wuppertal zu

kommen, das Museum zu erkunden und die Werke mit eigenen Augen zu sehen. Alle Menschen orientieren sich heute online – das müssen wir nutzen, um sie zu einem Erlebnis zu verführen, das man nur offline haben kann: das Erlebnis der Kunst. Ich bin fest davon überzeugt, dass Kunst und Kultur ganz allgemein, gerade weil sie im realen Raum stattfinden, umso wichtiger und unersetzlicher werden, je mehr wir uns in virtuellen Räumen bewegen. Seit 16. Juni ist die Sammlungspräsentation „An die Schönheit – Stars der Sammlung“ zu sehen. Was sind denn für Sie die Stars der Sammlung? Für „An die Schönheit“ hat meine Stellvertreterin Dr. Antje Birthälmer eine wunderbare, sehr präzise Auswahl aus den Beständen getroffen: vom Impressionismus und seinen 15


Vorläufern bis in unsere Gegenwart. Lauter Spitzenstücke! Und ich bin sehr froh darüber, dass wir die von ihr so klug und umsichtig vorbereitete Präsentation schließlich zusammen einrichten konnten. Da hat sich dann die durch Corona bedingte Verschiebung tatsächlich als ein Glücksfall erwiesen, jedenfalls aus meiner Perspektive. So konnte ich erstmals aktiv mit der Sammlung arbeiten, die ich – den Superlativ scheue ich nicht – für eine der schönsten Sammlungen zur Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts in Deutschland halte. In ihrer Konzentration, Breite und Tiefe sind die Bestände des Von der Heydt-Museums einzigartig. Aber zu Ihrer Frage: Zu den Stars der Sammlung zählen sicher Max Beckmann und Otto Dix. Nicht umsonst haben wir die Präsentation nach Dix‘ programmatischem Selbstbildnis „An die Schönheit“ genannt – eine großartige, zurecht berühmte Arbeit. Aber natürlich muss man unbedingt auch Picasso nennen und Fernand Léger, die Künstler der „Brücke“ und des „Blauen Reiter“, Ferdinand Hodler und Edvard Munch, Ferdinand Georg Waldmüller, Adrian Ludwig Richter und Carl Spitzweg, die Impressionisten: Manet, Monet, Signac, Cézanne; deren Vorläufer und Wegbereiter natürlich: Delacroix, Corot und Courbet … Sie merken schon: Ich bin gerade auf dem Weg, fast das gesamte Inventar aufzusagen. Und dabei habe ich noch gar nicht die Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart erwähnt. Gerade hier übrigens wird es die eine oder andere Entdeckung geben: Werke, die lange nicht oder sogar noch nie zu sehen waren oder die neu ans Haus gekommen sind. Sie wollen ja künftig mehr Sammlung zeigen, welche Aspekte wollen Sie herausarbeiten? Wenn man sich anschaut, welche enormen Möglichkeiten in unseren Depots schlummern, dann reizt es mich sehr, unsere Bestände in immer neuen Konstellationen sichtbar zu machen und immer neu zu befragen. „An die Schönheit“ funktioniert – zum ersten Mal seit längerer Zeit – im Großen und Ganzen chronologisch. Aber man kann sich natürlich auch andere Herangehensweisen vorstellen: nach Themen beispielsweise, und dabei auch aktuelle Fragestellungen aufgreifen. Die klassische Moderne stellt einen wichtigen Schwerpunkt und ein echtes Alleinstellungsmerkmal der Sammlung dar, aus dem sich viele Projekte entwickeln lassen. Aber ebenso wichtig ist mir der avantgardistische Impuls, der für das Von der Heydt-Museum immer prägend war – seit seiner Gründung. Ich möchte deshalb gern auch zeitgenössische Künstler zu uns einladen und sie verlocken, sich mit dem Haus und seinen Beständen auseinanderzusetzen. 16

Baulich sind die Räume des Von der Heydt-Museums ja nicht ganz einfach. Haben Sie vor, in den nächsten Jahren etwas zu ändern? Einfach kann jeder, sagt man … Aber Scherz beiseite: Ich sehe vor allem eine Vielfalt an Räumen und dementsprechend eine Vielfalt an Möglichkeiten. Vielleicht lässt das Entrée sich noch optimieren, aber das muss behutsam geschehen, denn wir haben es mit einem teils historischen Bestand zu tun. Was die Ausstellungsräume betrifft, so wird eine der spannendsten Aufgaben der kommenden Zeit sein zu verstehen, wie man die vorhandenen Potenziale auf beste Weise nutzen und versteckte Qualitäten neu zur Geltung bringen kann. Für mich besteht eine enge Wechselwirkung zwischen der Kunst und den Räumen, in denen sie präsentiert wird. Sie verhalten sich zueinander wie Sparringspartner. Idealerweise ergänzen sie sich gegenseitig und steigern einander in ihren Leistungen. Das Gespräch führte Marion Meyer Biografie Roland Mönig 1965 in Bochum geboren, Studium der Kunstgeschichte, Alt- und Neugermanistik. Promotion 1994 zum Thema „Franz Marc und Georg Trakl – Ein Beitrag zum Vergleich zwischen Malerei und Literatur des Expressionismus“. 1995 bis 1997 freie Mitarbeit im Von der Heydt-Museum. Danach wissenschaftlicher Volontär, dann Kustos und stellvertretender Leiter, später kommissarischer Leiter des Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung. Von 2013 bis 2020 Direktor des Saarlandmuseums und des Museums für Vor- und Frühgeschichte, Saarbrücken, sowie Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Seit 1. April 2020 leitet er als Direktor das Von der Heydt-Museum Wuppertal.

An die Schönheit Stars der Sammlung ab 16. Juni 2020

Von der Heydt-Museum Turmhof 8, 42103 Wuppertal Tel.: 0202 563-6231 Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr Donnerstag bis 20 Uhr Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr www.von-der-heydt-museum.de


Sean Scully, Dark Light, 1998 Leinwand, 243,8 x 213,4 cm Kunst- und Museumsverein im Von der Heydt-Museum Wuppertal

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Oscar Zügel, Marathonläufer 1934, © Bürgerstiftung für verfolgte Künste

Lockdown-Schau zwischen Bestand und Hashtag Zentrum für verfolgte Künste: Neue Leitung zeigt sich zur Krise kreativ Die Situation war nicht zu erwarten, ähnlich wie für wohl jeden dieser Tage. Doch für den neuen Direktor und Geschäftsführer des Solinger Zentrums für verfolgte Künste Jürgen Kaumkötter war zumindest eins vertraut: das Zentrum selbst. Seit Start des Zentrums 2015 war er nämlich dessen Kurator. 18

Die neue Kuratorin Birte Fritsch ist gleichfalls hier keine Unbekannte. Zum Jubiläumsjahr von Else Lasker-Schüler kuratierte die studierte Kunstwissenschaftlerin das Veranstaltungsprogramm, das Konzerte, ein eigenes Literaturfestival, Kongresse und vieles mehr umfasste. Zu sieben Kooperationen rund um die Dichterin war Fritsch am


Detlef Bach, Corona-Tagebuch - 6.4.2020

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Zentrum für verfolgte Künste tätig und arbeitete dort mit dem damaligen Kurator Kaumkötter zusammen. Die ElseLasker-Schüler-Gesellschaft in Person ihres Chefs Hajo Jahn hatte ein Zentrum für Exilkunst immer stark gewünscht und gefördert. Die beiden beweisen nun Einfallsreichtum mit einer Schau zum Lockdown: Das Haus kombiniert einen brandaktuellen Zugriff auf den Bestand mit künstlerischen Positionen, zu denen es selbst aufrief.

Kuratorin Birte Fritsch über

Direktor Jürgen Kaumkötter,

die verschiedenen Aspekte

© Zentrum für verfolgte Künste

der Ausstellung. © Zentrum für verfolgte Künste

Über die beiden mag die aktuelle Ausstellung auch grundsätzlich einiges erzählen. Der Titel Aus der Isolation benennt nicht nur, dass das Museum nun wieder ans Licht tritt. Dieser Schritt steht auch für eine Neuausrichtung: „Da können wir als Museum nach Wiedereröffnung nicht zum Normalprogramm zurückkehren“, so die Einleitung fast schroff. Eine geplante Schau wurde ins nächste Jahr verschoben. Stattdessen: mutiges Montieren. Künstlerinnen und Künstler der Region lud man ein zum schöpferi-

Fabian Nette vor seinen Fotografien – Impressionen aus der Ausstellung, © Zentrum für verfolgte Künste

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Heinrich-Maria-Darvinghausen, oT, (Frau-mit-Vorhang) 1927 © Bürgerstiftung für verfolgte Künste

schen Kommentar, um sie mit den historischen Werken „in Dialog“ zu bringen. Durchaus gewagt, ist doch pandemiebedingte Privatheit trotz allem etwas ganz anderes als ein lebensrettender Rückzug Verfolgter. Doch daran zweifelt das Haus nicht und stellt klar: „Gleichsetzen“ wolle man das „Damals mit dem Heute“ keineswegs. Die Zusammenstellung der Schau verstärkt den Eindruck, dass Kaumkötter und Fritsch kreativ und frisch ans Kuratieren gehen, das doch immer auch eine Art Komposition ist. Der Titel „Aus der Isolation“ schlägt den Bogen vom Heute zum Bestand des Zentrums, und zwar ausgehend vom Gedanken, dass dessen Künstlerinnen und Künstler ja in fatalem Kontext isoliert waren: verfolgt, versteckt, damit

aus- wie eingeschlossen. Neben Oscar Zügel (1892-1968) zeigt die Ausstellung Werke von Felix Nussbaum (19041944), der im KZ Auschwitz-Birkenau umkam, oder Carl Rabus (1898-1983). Darunter sind Ölbilder und dazugehörige Grafiken, die so kombiniert noch nie gezeigt wurden. Nicht erst beim heutigen Künstler Fabian Nette stellen sich in der Isolierung Identitätsfragen; bei Rabus findet sich in diesem Sinne eine Arbeit mit dem Titel: „Selbst in Spiegelscherben“. Noch bevor indes der Weg den Besucher zu dieser Arbeit führt, sind Werke eines zeitgenössischen Künstlers vorgeschaltet, und zwar (auch dies kaum alltäglich) eines Karikaturisten: Michel Kichka. Das Zentrum hat ihn schon 21


mehrfach gezeigt, sogar im Bundestag. Und 2018 war Kaumkötter – noch eine Facette des vielseitigen Kulturakteurs – Produzent eines Films über Michel und seinen Vater, den Holocaust-Überlebenden Henri Kichka. Tragischerweise ist Henri nun an Covid 19 gestorben. Neue Cartoons seines Sohnes zeigen auch ihn und bilden so (trotzdem) humorig den Einstieg in die Ausstellung. Unter den Beiträgen ist das „Dazwischen“ ein Merkmal, das einige mit Cartoonisten verbindet. Bei Tatiana Feldman wird die eigene Wohnung spektakulär zum PerformanceOrt. Ihr Film auf der weiten Museumswand hat, anders als so manches Stay-Home-Filmchen, nichts von Improvisation: So geschmeidig wie planvoll arbeitet sie sich an Mobiliar und Raum ab. Bei der Absolventin der Theaterakademie Köln trifft Schauspielerei auf Malen. Man erahnt beim Kurator eine Freude am Experiment - jedenfalls hat Kaumkötter vorab gesagt: „Feldman ist die Entdeckung der Ausstellung.“

Mit dem Lockdown gingen die Künstler ganz unterschiedlich um: Äußert Feldman sich eher skeptisch zur Tendenz, im Quarantäne-Zwang enorm aktiv zu sein, scheint Peter Wischniewski durchaus ein Beispiel für diese Produktivität: „Er sah sich auf sich selbst zurückgeworfen“, umreißt Direktor Kaumkötter die Position des heute Abwesenden, mit der Folge: „Er malte viel.“ „Farbräusche“ nennt er die Resultate von Wischniewskis Arbeit mit Marmormehl, die nun intensiv die Wand beherrschen. Verglichen mit der Wohnung als Kulisse, wirkt der Ansatz von Fabian Nette abstrakt. Seine Beiträge zum Thema sind großen Stichwörtern gewidmet und gestalten sie nicht-gegenständlich. „Wenn Hobbys und vieles andere wegfallen: Was macht mich dann noch aus?“, fragt der Künstler. Eines seiner Bilder, eine Fotografie auf Seide, trägt den Titel „Dissociation“. Unsichere Identität also ist offenbar zu sehen, und so stellen die Ergebnisse an der Wand die Fragen eher dar, als dass sie sie beantworten - auf visuell sehr einnehmende Art. Auch Detlef Bach ordnet der Direktor als Grenzgänger ein; bei ihm trifft Bild auf Text. Sein Beitrag ist nicht speziell für die Ausstellung entwickelt, vielmehr aktueller Auszug eines kontinuierlichen Projekts: Seit Jahren erstellt er regelmäßig Collagen aus Bildern und Texten - gefunden oder aus eigener Hand. Bachs Devise ist indirekt: „Was nicht ausgesprochen werden kann: Darum geht es mir.“

Tatiana Feldman vor ihrer Videoinstallation, © Wolf de Haan

Impressionen aus der Ausstellung, © Wolf de Haan

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Sein Tun nennt er „Kreisen um eine Ur-Poesie, an die man nicht herankommt. Ein neues Bild entsteht, und die Angst ist augenblicklich bezwungen. Und nun finden meine Werke im Museum Zentrum für verfolgte Künste neben den Künstlerinnen und Künstlern Platz, die mich mein ganzes Leben immer schon begleitet haben und deren Wirken und Schreiben mich inspiriert. Da wären u.a. Else Lasker-Schüler, Claire und Ivan Goll, Inge und Heiner Müller oder auch Václav Havel. Deren Bücher, deren Zitate, deren Wörter, ihre Sprache und Bilder. Das ist schön zu sehen. Wir kommt es vor, als wäre ich zu Hause … irgendwie daheim … angekommen …. Aus den Vitrinen raunen mir (längst?) Vergessene etwas zu. Vielsagendes! Vielstimmig. All diese Künstlerinnen und Künstler, deren Bücher, deren Gedichte und kleinen Zeichnungen, die im Museum in Glasvitrinen ausgestellt werden, können nun mit meinen Werken kommunizieren! So als würden sie sich etwas zuflüstern. So als würden sie alle versuchen Beschützer und Wächter einer anderen Stille zu sein!“


Detlef Bachs Corona-Tagebuch, © Zentrum für verfolgte Künste

Birgit Pardun über das Puzzeln in der Isolation. © Zentrum für verfolgte Künste

Wolf de Haan und Guedny Schneider-Mombaur (schneider+mombaur) verlassen mit ihrem Werk das Haus und machen dieses zugleich zum Objekt. „Spiegelgasse“ greift die Architektur auf: „Ein blindes Fenster sehen zu machen, war eine Herausforderung.“ Sie haben es verspiegelt und das Titelwort auf der Wand gegenüber angebracht. Der Name nimmt Bezug auf die Gasse dieses Namens in der Exilantenstadt Zürich, wo das „Cabaret Voltaire“ residierte, einst Geburtsort des Dadaismus - Stichwort: „Utopien als Sauerstoff“.

widersinnige Blüten treiben kann“ (Kaumkötter)), knüpft der von Fritsch verantwortete Ausstellungsteil, „Zwischen Kunst und Quarantäne“, an einen Twitter-Trend an: #tussenkunstenquarantaine. Hier stellen Menschen berühmte Kunstwerke in der eigenen Wohnung nach. „Zwischen Pastiche und Parodie opalisieren hier Anspielungen auf die Heroinnen und Heroen der Kunstgeschichte“, hat sie es vorab formuliert. Ein zeitgemäßer Link aus Solingen in die Welt.

Nicht eben museumstypisch auch Birgit Pardun. Was sie bringt, ist: puzzeln. Puzzleteile auf dem Boden, damit verbunden aber auch puzzeln als Tätigkeit, der der Besucher gerne frönen soll. Zum Großformater auf der Wand dahinter sagt Pardun: „Es ist nicht fröhlich. Die Corona-Zeit bringt viel auf den Punkt.“ Puzzles, so war übrigens einmal zu lesen, sind in Lockdown-Zeiten so beliebt geworden, dass die französische Politik entsprechende Läden angeblich als „systemrelevant“ deklarierte. Und auch die neuen Medien haben ihren Auftritt. Trotz reflektierter Skepsis gegenüber der Digitalisierung („eine große Chance, aber auch eine Verführung, die abstruse und

Alles in allem eine mit leichter Hand konzipierte regionale Lockdown-Reflexion. Martin Hagemeyer

bis Sonntag, 13. September 2020

Aus der Isolation

Zeitgenössische Kunst im Dialog mit der Sammlung Zentrum für verfolgte Künste Wuppertaler Straße 160, 42653 Solingen Dienstag bis Sonntag, feiertags von 10 bis 17 Uhr www.verfolgte-kuenste.de 23


Der ovale Tisch im Zentrum der WG, hier mit Public-Interest-Design-Studierenden, die sich zum Karlsplatz austauschen. Foto: Laura Schenk

Vor, inmitten und nach Corona:

Die Kunst ist da!

Selbst mitten im Geschehen beschreibt die Dramaturgin Uta Atzpodien, wie die Wuppertaler Kunst- und Kulturszene in herausfordernden Zeiten Haltung zeigt. Wuppertal zieht ins Schauspielhaus, stand vorne auf dem grünen Flyer der dreiwöchigen Performance Wohnen in der Politik, ein Projekt von der börse, gefördert vom Landesbüro Freie Darstellende Künste, dem Fonds Soziokultur, der Stadt Wuppertal, der Stadtsparkasse und Unterstützenden aus ganz Wuppertal. Mit einem abwechslungsreichen Programm zog ein Performanceteam am 7. März ins alte Schauspielhaus. Es hatte zuvor um einen gemeinsamen Wohnraum herum WG-Zimmer mitten ins Foyer gebaut, ebensoviel wie es Bezirke in Wuppertal 24


Eröffnungsveranstaltung „Die Bretter, die die Stadt bedeuten“ am 7. März mit den Bezirksbürgermeisterinnen und Bezirksbürgermeistern, Foto: Laura Schenk

Blick aus dem WG-Zimmer auf den runden Tisch und WG-Führung, Foto: Laura Schenk

gibt. Für jedes der Zimmer suchte die Perfomerin und Public–Interest–Design-Studentin an der Uni Wuppertal Iris Ebert per eBay-Kleinanzeigen Möbelstücke aus allen Vierteln Wuppertals zusammen, die für sich Geschichten erzählen. Im Team zog sie zusammen mit den Performern und Public–Interest–Design-Dozenten Dr. Christoph Rodatz und Pierre Smolarski in die WG. „Wir wollen die Politik erlebbar machen, die vor unserer Tür stattfindet“, erklärte Smolarski. Wie funktioniert Stadt? Welche Rolle übernimmt Kommunalpolitik als aktive Form von gestaltender Demokratie, als Scharnier zwischen Politik und Bürgerinnen und Bürgern? Wo und wie findet Partizipation statt? Im Fokus standen weniger die ganz großen Themen als kleine alltägliche Konstellationen.

In der offenen WG im leer stehenden alten Schauspielhaus startete ein für drei Wochen geplantes kurioses Projekt, das kommunalpolitische Prozesse in ihrer Themenvielfalt transparenter machen und gleichzeitig Menschen der Stadt zum Mitgestalten anregen wollte. Zum Spektrum gehörte sonntags ein gemeinsamer Tatort, das Tagen des Jugendrats, das Erforschen der Spielregeln der Stadt, Themen wie geldfreies Leben, Karlsplatz-Modelle, urbane Sicherheit, eine verkehrsberuhigte A 46 und Haushaltsperspektiven. Zudem wurden viele kleine Geschichten an die WG-Zimmerwände geschrieben, auf Bildschirmen wurden Statements der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister gezeigt. Fast schon war Halbzeit. Der Jour fixe „Der Prozess Pina Bausch Zentrum“, zu dem )) freies netz werk )) KULTUR für den 17. März eingeladen hatte, stand an. Eines schien sich zum anderen zu fügen: Seit Anfang des Jahres diskutierte die Kunst- und Kulturszene der Stadt lebendig mit den Verantwortlichen für mehr Teilhabe in der Entwicklung des Pina Bausch Zentrums. Dies sollte im alten Schauspielhaus, einem idealen performativen Setting, fortgesetzt werden. Doch dazu kam es nicht. „Wohnen in der Politik“ musste abgebrochen werden. Der Jugendrat tagte am 10. März während der Performance. Foto: Laura Schenk

Am Eröffnungsabend bauten zehn Bezirksbürgermeisterinnen und -bürgermeister einen gemeinsamen Tisch. Sie wählten jeweils ein Thema von besonderer Relevanz aus, sei es der Standort einer Bushaltestelle oder die Zukunft des Mirker Freibades, Themen, die alltägliche Politik und Entscheidungsfindungen ausmachen und für die repräsentativ Straßennamen auf dem ovalen Tisch im Zentrum der WG standen. Das Kollektiv ZOO aus Köln war engagiert worden, an jenen kommunalpolitisch ausgewählten Orten stadtweit Performances in schrill-bunter Kleidung durchzuführen, etwa quer durch das leere Becken im Freibad Mirke. 25


zeigen sich nach fast drei Monaten Ermüdungserscheinungen. Eine Lust auf physische Präsenz wird wieder wach, auf jene einzigartigen Räume, die Kunst und Kultur durch ihren vielschichtigen Umgang mit den Sinnen öffnen.

Plakate hängen stadtweit und natürlich am Mirker Bahnhof, Foto: Uta Atzpodien

Mit dem Lockdown durch die Covid-19-Pandemie folgte auf die gesellige WG-Performance inmitten eines zentralen städtischen Kulturortes die Quarantäne im eigenen Wohnzimmer, ein drastischer Szenarienwechsel. Mitte März galt es, auf die Ausbreitung des Corona-Virus zu reagieren. Durch das von Wissenschaft und Regierung verordnete Social Distancing kam vieles zum Erliegen, wurde abgebrochen, abgesagt oder verschoben. Konzerte, Theateraufführungen, Filmvorstellungen, Proben, Versammlungen und Kulturorte aller Couleur waren und sind jetzt noch von den Folgen betroffen. Mit der Stilllegung des öffentlichen Lebens wurde vielen ihre Existenz- und Geschäftsgrundlage entzogen. Die Kunst- und Kulturszene spürt die Auswirkungen am eigenen Körper. So gut einigen das Entschleunigen tat, haben die Isolation und die täglich neue Unsicherheit im Umgang mit Gefahren und Auflagen zum Teil emotional gelähmt, aber zugleich auch einen agilen Umgang mit den Herausforderungen angeregt. Ob über Balkonkonzerte, überraschend kreative digitale oder andere Formate begann eine neuartige Solidarität und Verbundenheit zu pulsieren. Im März verlagerten sich analoge Treffen ins Internet. Auch wenn der Digitalisierungsschub via Zoom, Skype und Webinaren ganz nützliche Seiten hat, 26

Die Herausforderungen wurden in Wuppertal von der erfrischend lebendigen Kunst- und Kulturszene vielseitig aufgegriffen und proaktiv genutzt. Auf Initiative von Utopiastadt fand sich noch vor dem Lockdown ein Kreis aus Einzelnen, Orten und Initiativen wie )) freies netz werk )) KULTUR zusammen, der über digitale Treffen in enger Taktung den EinTopf – Solidarfonds für Kulturschaffende auf die Beine stellte und dafür die Kooperation mit dem Kulturbüro suchte. Über kleine und große Spenden von Einzelpersonen oder auch Stiftungen und Unternehmen nährt sich der EinTopf. Kulturstätten wie die Färberei und die börse, Kunstinitiativen wie von Charles Petersohn, Olaf Reitz, out and about und Partita Radicale speisen den EinTopf mittels erwirtschafteter Gelder eigener Projekte. Über die EinTopf-Website können barrierefrei Nothilfeanträge gestellt werden. Wechselnd besetzte Jurys kanalisieren durch die gestellten Anträge, was in Not geratenen Einzelpersonen und Kulturorten zugutekommen kann. Land und Bund versuchen bereits Schritt für Schritt, die Notsituation von Solo-Selbständigen aufzufangen, mit ständig nachjustierten, allerdings immer noch nicht ausreichenden und teilweise wenig passenden Maßnahmen und Strukturen, sei es die auf Betriebskosten beschränkte Soforthilfe oder die für die Sparte ebenso wenig passende Grundsicherung. Der Bedarf an Unterstützung bleibt groß und wird die Kunst- und Kulturszene auch die nächsten Monate und womöglich Jahre begleiten. Parallel zum EinTopf wurde das Streaming-Portal stew.one eingerichtet, das seither unermüdlich mit Programmen wie „Dem der liebe J. sein Morgengruß“ von David J. Becher oder den Kinderbuch-Lesungen der Schauspielerin Philippine Pachl bespielt wird. Des Weiteren sendet das Portal zukunftsweisende Signale in die Stadt: die literarischen „Satzfalten“ von Olaf Reitz und Jens Kreienkamp, Angebote vom Kulturkindergarten oder KinderTanzfilme des Choreografen Mark Sieczkarek, das einmal wöchentlich gestaltete Programm der börse oder des Künstlerinnen-Netzwerks Yaya, die forschende KulturortReihe „Zukunftslabor Kunst und Stadt“ sowie Filme des Medienprojekts und von Tanzrauschen. Kooperationen erweitern das Programm, wie der LOCHfunk oder Konzerte und Veranstaltungen, die von Live aus Wuppertal in der Hasenschule aufgenommen werden.


Plakatwänden aus Los Angeles oder auch Bielefeld kennt. In Zeiten von Corona hat die Idee an ganz basaler Relevanz und Dringlichkeit gewonnen und wurde als „Demonstration“ mit einem dynamischen Team umgesetzt. An Flächen für Kommerz und Werbung ist eine Outdoor-Galerie entstanden, die die Kunst sichtbar macht. „Wenn Politik es nicht tut, machen wir es selber“, erklärt Frank N und konnte sich dabei auf das Unternehmen Ströer stützen, das die Plakatwände zur Verfügung stellte. Die Künstlerinnen und Künstler selbst bezahlten Druck und Beklebung der eigenen Werke. Jetzt gilt es, in und über Wuppertal hinaus die Original-Kunstwerke zu erwerben. 50 Prozent der Verkaufsanteile gehen dann wiederum an den Solidarfonds EinTopf. Kunst hilft Kunst: So entsteht ein sich selbst fördernder Kreislauf. Eine gute Orientierung bietet die Website zum Projekt, die Kunstschaffende, Bilder, Standorte und Texte zu den Kunstwerken aufführt. In Viruszeiten ist out and about viral unterwegs: Auf vielen Plattformen, im Radio, Fernsehen, Internet, in sozialen Medien und Zeitungen wird über die pulsierende Kunstszene gesprochen. Ob „Der betrunkene Coltrane wird von allen guten Geistern sicher Website: stew.one

„Wir sind hier!“ out and about – kunst geht raus! heißt ein einzigartiges Kunstprojekt in Wuppertal. Auf Plakatwänden sind im Juni als dritte Runde des im April gestarteten Projekts stadtweit mittlerweile etwa 170 unterschiedliche Kunstwerke von hundert Künstlerinnen und Künstlern zu sehen. Unübersehbar, ob auf der Hochstraße, an Schwebebahnhaltestellen, am Wandelgarten im Luisenviertel, an der Heckinghauser Straße, mitten auf der B7: out and about ist aus der Corona-Zeit heraus entstanden und bringt den Menschen, die nicht mehr die gängigen Kunstorte besuchen können, die Kunst in die Stadt. Initiator ist der Filmemacher Frank N, der im Kernteam mit der Künstlerin und Grafikerin Birgit Pardun sowie mit Sabine Bohn und Andreas Kamotzki zusammenarbeitet. „Nichts ist neu erfunden“, erklärt Frank N, der Kunst auf

Website: out and about

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nach Hause geleitet“ in der Rudolfstraße von Jorgo Schäfer, „Das muss so von wegen die Sicherheit“ am Deweerthschen Garten von Birgit Pardun oder „In meinem Glückskeks war kein Zettel“ in der Hindenburgstraße von Uwe Becker: Die Fülle an künstlerischen Akzenten wird hoffentlich noch lange zu sehen sein. Für das Team von „Wohnen in der Politik“ war es schmerzhaft, das über ein Jahr lang vorbereitete Projekt abbrechen zu müssen, mit seinen Impulsen für Politik und Stadtgesellschaft. Ein schon produzierter überregionaler Medienbericht war ad hoc nicht mehr von Interesse, wurde nicht gesendet. Mit dieser Leere, Stille und Unsicherheit umzugehen, war und ist eine Herausforderung. Immerhin: Die Performerin Iris Ebert schreibt ihre Masterarbeit unter Bezugnahme auf das Projekt, vielleicht entsteht noch ein Buch über die Anfänge oder zumindest eine Abschlussveranstaltung. Die Möbelstücke, die ursprünglich als WGAuflösung in einer Abschlussaktion analog und performativ mit all ihren Geschichten an Bürger der Stadt verteilt werden sollten, wurden nun online über eBay verschenkt. Das Gefühl von Verlust ist vielen Kunstschaffenden vertraut. Was bleibt? Hoffentlich die Solidarität unter den Kulturschaffenden und mit ihr eine kreativ-pragmatische Selbstwirksamkeit, die vielseitig unterstützt wird, oder auch die intensiven Gespräche mit der Politik, die einen Ausbau der Nothilfefonds-Finanzierung auf den Weg gebracht haben.

Hier einige Beispiele der faszinierenden Szenarien. Mittlerweile hundert Künstlerinnen und Künstler gestalten Plakatwände stadtweit und machen kraftvoll und lebendig Perspektiven für eine omnipräsente Kunst- und Kulturstadt erfahrbar

Und wie geht es konkret weiter mit der Kultur im Tal? Nicht einfach wird es sein, die Abstandsvorschriften an kleineren Orten umzusetzen. Die Wuppertaler Bühnen kommen der freien Kunstszene entgegen, bieten das Theater am Engelsgarten und das Opernhaus an. Um solide Zukunftsperspektiven für die betroffenden Kulturschaffenden zu gestalten, ist noch viel zu tun. Analoge Kunstaktionen setzen Zeichen, neben out and about ein geplanter StationenStadtspaziergang zur „Freiheit der Kunst“, inspiriert von der Böll Rede 1966 zur Eröffnung des Schauspielhauses. Es bleibt spannend. Bei allem – derzeit (digital) häufig kostenlosen – Angebot ist wichtig: Kultur hat ihren (analogen) Wert. Kunstschaffende müssen und möchten davon leben können. Sie wollen und werden weiter Präsenz zeigen. www.wohnen-in-der-politik.de www.eintopfwuppertal.de www.stew.one www.outandabout-kunstgehtraus.jimdofree.com 29


Dr. Marc Kanzler, Rolf-Peter Rosenthal und Michaela Steffen im Gespräch

„Wuppertal ist eine Stadt, in der Ideen wahr werden“ „die beste Zeit“ zu Besuch bei der Dr. Werner Jackstädt-Stiftung

Die Dr. Werner Jackstädt-Stiftung agiert bundesweit, doch ihr Herz schlägt in Wuppertal. Ein vierköpfiger Vorstand entscheidet, was gefördert wird – von der Kleinspende an Vereine bis zur Stiftungsprofessur. Beim Blick auf die Liste der Projekte, welche die Dr. Werner Jackstädt-Stiftung seit ihrer Gründung 2002 in Wuppertal gefördert hat, könnte man beinahe scherzhaft auf die Idee kommen, die bergische Metropole in Jackstadt umbenennen zu wollen. Ohne die millionenschwere Hilfe der Stiftung gäbe es vermutlich kein über den geplanten Standard hinaus umgebautes und restauriertes Opernhaus, keine Junior Uni, kein Pina Bausch Archiv, keine sanierte Schwimmoper, kein Theater am Engelsgarten, keine Blockbuster-Ausstellungen im von der Heydt-Museum, keine Nordbahntrasse (die offiziell Dr.-Werner-JackstädtWeg heißt). Um nur einige der „Leuchtturm“-Projekte zu nennen, die weit über die Region hinaus strahlen und zu 30

deren Realisierung die Stiftung – neben anderen Förderinnen und Förderern – einen entscheidenden Beitrag geleistet hat. Nur: Wieder einmal bloß diese Projekte besonders hervorzuheben wird dem, was die Stiftung leistet, gerade nicht gerecht. So viel dämmert einem schon, wenn man einen Blick auf die recht nüchtern gehaltene Webseite der Stiftung wirft, auf der die verschiedenen Förderbereiche mit ihren Projekten aufgelistet sind. „Die beste Zeit“ wollte mehr über diese Aktivitäten wissen und einmal hinter die Kulissen der Institution schauen, die zwar durch ihr Wirken bekannt ist, im Stadtleben selbst aber wenig präsent scheint. Wer sind die Menschen, welche Jahr für Jahr die Verteilung von Millionensummen verantworten – und wie ist das in Niedrig- bis Nullzinszeiten überhaupt möglich? Zeuge von Beginn an ist Rolf-Peter Rosenthal. Der frühere Direktor der Deutschen Bank in Wuppertal, Jahrgang 1935, hat Werner Jackstädt über mehr als 45 Jahre hinweg beim Aufstieg seiner Firma von der vom Vater übernom-


menen Feinpapiergroßhandlung zum weltweit führenden Hersteller selbstklebender Papiere und Folien mit Milliardenumsatz und Standorten in 19 Ländern auf fünf Kontinenten begleitet. Und er hat bereits 2002 gemeinsam mit Werner und Lore Jackstädt sowie dem Wirtschaftsprüfer Dr. Rolf Kanzler, wie er selbst Beiratsmitglied der JackstädtGruppe, die Stiftungsgründung auf den Weg gebracht; er ist seitdem Mitglied des vierköpfigen Vorstandes und seit April 2020 dessen Vorsitzender. Das kinderlose Ehepaar Jackstädt brachte nach dem Verkauf der Firma ein Vermögen von knapp 200 Millionen Euro in die Stiftung ein. Laut Satzung eine Stiftung „mit Ewigkeitswert“ – heißt: Sie sollte keine Verluste machen und darf das Stiftungskapital nicht angreifen. Trotzdem hat die Jackstädt-Stiftung in den vergangenen 18 Jahren über 65 Millionen Euro verteilt. Etwa zweieinhalb Millionen Euro im Jahr fließen derzeit in die diversen Projekte. „Früher konnten wir ein Mehrfaches davon ausschütten“, sagt Rosenthal nicht ohne Bedauern. Gleichwohl: Wie sorgt man dafür, dass (immer noch) so viel Geld sinnvoll ausgegeben wird? „Werner Jackstädt hat die Stiftungstätigkeit in den ersten zweieinhalb Jahren noch aktiv begleitet, sodass er uns die Richtung vorgeben konnte“, erklärt Rosenthal und ergänzt: „Das war ein Glück.“ Der Unternehmer verstarb 2005 im Alter von 80 Jahren. Danach führte seine Ehefrau Lore Jackstädt als Vorstandsvorsitzende die Stiftung bis zu ihrem Tod 2019 im hohen Alter von 94 Jahren. Neben der Förderung kultureller und sozialer Zwecke seiner Heimatstadt Wuppertal verfügte Werner Jackstädt die Förderung zweier weiterer Bereiche, die ihm aus persönlichen Gründen besonders am Herzen lagen – und wirkt damit bis heute weit über Wuppertal hinaus. Zum einen ist das die medizinische Forschung in den Bereichen Augenheilkunde, Onkologie und Nierenheilkunde, in denen die Stiftung Forschungsprojekte fördert, Stipendien vergibt und eine Stiftungsprofessur unterhält. Zum anderen ist das der Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Was dem Laien zunächst ein wenig unkonkret vorkommen mag, wird in den Dimensionen klarer, wenn Dr. Marc Kanzler, Unternehmensberater und seit 2008 Vorstandsmitglied der Stiftung, nur einige der Aktivitäten in diesem Bereich aufzählt: Die Stiftung vergibt u.a. Fellowships für junge Professorinnen und Professoren der Betriebswirtschaft und einen Gründungspreis für Startup-Unternehmen. Sie finanziert „Teaching Grants“ zur Internationalisierung der Hochschullehre und eine Stif-

Rolf-Peter Rosenthal, Vorstandsvorsitzender der Jackstädt-Stiftung

tungsprofessur an der Universität Witten-Herdecke für Controlling und Allgemeine Betriebswirtschaftslehre; sie hat an der Handelshochschule in Leipzig zehn Jahre lang eine Stiftungsprofessur finanziert und eine weitere an der Uni Mannheim. Sie gründete das Zentrum für Unternehmertum und Innovationsforschung an der Bergischen Universität Wuppertal, und seit 2011 gibt es das Dr. Werner Jackstädt-Zentrum für Unternehmen und Mittelstand in Flensburg, ein Gemeinschaftsprojekt der dortigen Universität und der Fachhochschule – eine Seltenheit in der Hochschullandschaft. „Wichtig ist für uns auch, dass wir es nicht nur bei der Förderung belassen“, erklären die Vorstandsmitglieder. Einmal im Jahr organisiert die Stiftung ein Treffen, bei dem die Geförderten zusammenkommen und in Kurzvorträgen über ihre Forschung berichten. Dadurch sei ein beeindruckendes und dynamisches Netzwerk entstanden, in dem Wissen ausgetauscht werde und Kontakte geknüpft würden. Aber wer entscheidet eigentlich, welche Projekte und Forschungsvorhaben, welche sozialen und kulturellen Aktivitäten in welchem Umfang gefördert werden sollen? Schließlich kann man kaum erwarten, dass Entscheidungsträger Expertise in so verschiedenen Bereichen zugleich mitbringen. „Jedem der drei Bereiche steht ein dreiköpfiges Kuratorium aus hochkarätigen Fachleuten zur Seite, welche die eingehenden Anträge prüfen. Sie geben ihre Empfehlungen an den Vorstand weiter, der dann letztlich entscheidet“, erklärt Michaela Steffen. „Dabei stößt gesunder Menschenverstand auf sehr große Expertise – das ist eine gute Kombination“, ist sie überzeugt. Die gelernte Bankkauffrau und Tochter von Rolf-Peter Rosenthal ist seit Mai 2019 neu im Vorstandsteam. Zweiter Neuzugang ist der Rechtsanwalt und Steuerberater Jörg Kanzler, Sohn 31


Dr. Marc Kanzler und Michaela Steffen, Vorstandsmitglieder der der Dr. Werner Jackstädt-Stiftung

des bisherigen Vorstandsvorsitzenden Dr. Rolf Kanzler. Während früher der Vorstand vom Stifterehepaar bestellt wurde, wird er nach deren Tod nun von den Kuratorien gewählt. Deren Mitglieder wiederum werden für vier Jahre mit der Option auf nur eine Wiederwahl vom Vorstand berufen. Ein System, das sich bewährt hat, um für frische Impulse zu sorgen und Verkrustungen zu vermeiden. „Wir sind glücklich, dass es uns auch im letzten Jahr gelungen ist – wie schon in den beiden Generationen davor –, wieder Persönlichkeiten mit großer Ausstrahlung, außergewöhnlicher Expertise und Engagement gewinnen zu können“, erklären die Vorstandsmitglieder übereinstimmend. Mithin steht jetzt auch die dritte Vorstandsgeneration in der Verantwortung, die sich mit dem letzten Wechsel zugleich um einiges verjüngt hat. Dass sowohl Michaela Steffen, die ihrem Vater von Anfang an als Assistentin in der Stiftungsarbeit zur Seite gestanden hat, wie auch der noch von Lore Jackstädt in den Vorstand berufene Marc Kanzler sowie Jörg Kanzler quasi „dynastisch“ in die Aufgabe hineingewachsen sind, sorgt für Kontinuität. „Wir kennen tatsächlich alle Projekte in- und auswendig“, sagt Michaela Steffen lachend. Zugleich bringen alle auch die notwendige Offenheit für Veränderung mit, denn auch Weiterentwicklung ist schließlich notwendig. Eine Gratwanderung. Der Geist des Gründers scheint noch immer sehr präsent in den Räumen der Stiftung, die in einer schmucklosen Büroetage in der Laurentiusstraße in Elberfeld residiert. Deshalb macht es sich das Vorstandsteam bei der Entscheidung auch keineswegs leicht. Jeder einzelne Antrag wird gemeinsam diskutiert. Alle drei Förderbereiche erhalten 32

jeweils insgesamt die gleiche Summe. Für Wuppertal ist der Aufwand freilich bei Weitem am größten. Bis zu hundert Anträge im Jahr bekommen hier den Zuschlag – geprüft werden müssen meist mehr als doppelt so viele. Nichts wird einfach durchgewunken oder einfach fallen gelassen. Das reicht von der Fünfhundert-Euro-Spende an die Igelstation bis zu den fünf Millionen für die Sanierung des Opernhauses. Sehr viele Spenden bewegen sich im Bereich von zwei- bis dreitausend Euro. Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass die Zuwendung der Stiftung für Antragstellerinnen und -steller häufig ein Hebel ist, um öffentliche Fördergelder zu akquirieren, bei denen ein größerer Eigenanteil eingebracht werden muss. Auf dass aus Geld mehr Geld werde. Alles zum guten Zweck, versteht sich. Genau das – dass aus Geld mehr Geld wird – ist für eine Stiftung allerdings heute keineswegs mehr selbstverständlich. Dass auch eine Summe von rund zweihundert Millionen Euro einmal kaum Zinsen abwerfen würde, aus denen man die Stiftungsarbeit finanzieren könnte, hätte sich Dr. Werner Jackstädt seinerzeit wohl nicht vorstellen können. „Aber wenn zweihundert Millionen Euro im Kapitalmarkt angelegt sind und man fast nichts dafür herausbekommt, da blutet wirklich das Herz“, bekennt Michaela Steffen, „damit wollten wir uns nicht abfinden.“ „Der Niedrigzins hat uns vor völlig neue Herausforderungen gestellt“, ergänzt Marc Kanzler. „Seit Jahren haben wir uns damit auseinandergesetzt“. Die Lösung lautet: Umschichten vom Kapitalmarkt in aktive Investitionen. Bedeutet: Die Stiftung muss das Geld, das sie verschenken will, selbst verdienen. Und dafür haben die Verantwortlichen eine ebenso überraschende wie kluge, weil lukrative und


zugleich nachhaltige und soziale Lösung gefunden: Die Stiftung investiert in das Bauen und Vermieten von Kindertagesstätten. Auftraggeber sind sowohl städtische wie auch private oder kirchliche Träger. Ein Markt, der noch lange nicht gesättigt ist, weil weit davon entfernt, für alle Anspruchsberechtigten den gesetzlich zugesicherten Platz bereitzuhalten. Und auf dem die Stiftung auf die Laufzeit der Investitionen einen über der Kapitalmarktrendite liegenden Ertrag erwirtschaftet. Geld, das anders als einem klassischen Investor dem Gemeinwohl wiedergegeben wird. Eine extreme Win-win-Situation. Gesellschaftlich dringend benötigte Einrichtungen zu befördern, damit auch noch Geld zu verdienen und dieses dann wieder in kulturelle, soziale und wissenschaftliche Zwecke fließen zu lassen, die dem Gemeinwohl dienlich sind – dieses Modell überzeugt auch Menschen, die wie einst Lore und Werner Jackstädt eine größere Menge Geldes einfach „übrig haben“, wie der Stiftungsgründer es einmal lakonisch ausdrückte. „In den letzten Jahren haben wir einige schöne Zustiftungen bekommen, worüber wir uns sehr gefreut haben“, berichtet Michaela Steffen. Und sie selbst und ihre Vorstandskollegen – wofür geben sie wohl das ihnen anvertraute Geld am liebsten aus? Gibt es echte Herzensprojekte auf der langen Liste? Rolf-Peter Rosenthal will sich da nicht so recht festlegen: „Grundsätzlich habe ich zu allen Bereichen eine besondere Hinwendung“, sagt er – nennt aber dann doch besondere Herzensprojekte: „Ich denke da zum Beispiel an die Junior Uni, das Hospiz am Dönberg, das Kinderhospiz Burgholz, das Frauenhaus und die Wuppertaler Tafel.“ Auch Dr. Marc Kanzler betont: „Nein, für mich ist jeder Bereich gleich spannend, und es ist immer wieder faszinierend, sich da hineinzudenken.“ Michaela Steffen verfolgt als Vorstandsmitglied des Vereins „Fighting Spirits“, ein Musikprojekt für krebskranke Kinder und Jugendliche, bereits ein eigenes Herzensprojekt. Was die Arbeit der Jackstädt-Stiftung angeht, habe sie keine Präferenzen, erklärt sie. Oder doch: „Mein Herz schlägt für Menschen, die wirklich für etwas brennen, die etwas nach vorn bringen wollen und trotz Gegenwind dranbleiben“, sagt sie. Die Junior Uni, die Nordbahntrasse oder Utopiastadt sind für sie beste Beweise dafür. Und gerade in Wuppertal sieht sie in dieser Hinsicht immer wieder großes Potenzial. „Wuppertal ist eine Stadt, in der Ideen wahr werden.“ Die Dr. Werner Jackstädt-Stiftung wird auch in Zukunft dabei ein nicht unwesentlicher Faktor sein. Anne-Kathrin Reif / Fotos: Willi Barzcat

Die Vorstandsmitglieder neben einem Foto von Werner und Lore Jackstädt Es fehlt das vierte Vorstandsmitglied Jörg Kanzler

Die Dr. Werner Jackstädt-Stiftung ist eine selbständige, gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Wuppertal. Sie wurde im Herbst 2002 durch den Unternehmer Dr. h.c. Werner Jackstädt ins Leben gerufen. Ihr Zweck ist es einerseits, Wissenschaft und Forschung in Medizin und Wirtschaft gezielt zu unterstützen. Zum anderen will sie helfen das kulturelle und soziale Leben der Stadt Wuppertal, der Heimatstadt des Stifters, zu bereichern und das Stadtbild zu verschönern.

Der Vorstand: Rolf-Peter Rosenthal Vorsitzender Dr. Marc Kanzler Jörg Kanzler Michaela Steffen Das Kuratorium für Kultur und Soziales: Peter Jung Vorsitzender Ralf Putsch Raphael Amend Das Kuratorium für BWL: Prof. Dr. rer. pol. Malte Brettel Vorsitzender Prof. Dr. Dr. h. c. Lambert T. Koch Dr. rer. pol. Kurt-Michael Pietsch Das Kuratorium für Medizin: Prof. Dr. med. Andreas Kribben Vorsitzender Prof. Dr. med. Aristoteles Giagounidis Prof. Dr. med. Albrecht Lommatzsch

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Zum Licht

Tony Craggs Geschenk an die Bergische Universität Wuppertal Tony Cragg, auf dem internationalen Kunstkompass auf Platz 6 der 100 einflussreichsten Künstlerinnen und Künstler der Welt gelistet, fühlt sich seiner Wahlheimat stark verbunden und hat jetzt der Bergischen Universität seine Skulptur „Zum Licht“ geschenkt. Damit will er die Universität als Raum der Begegnung zwischen Lehrenden und Studierenden markieren, die im Schatten auch einiger Bäume auf der kleinen Agora gegenüber dem Audimax miteinander diskutieren und sich austauschen können. Die Skulptur, ca. 7 Meter hoch und 2,5 Tonnen schwer, wird als Identifikationskern von Wissenschaft und Weltoffenheit im Kopf behalten werden. Craggs durchgehendes Thema ist die Veränderung des Ortes, die Skulpturen als komplexe Zeichen neuer Orts- und Naturerfahrung bewirken. Was er an Formen und Ideen hervor- und in verschiedensten Materialien uns vor Augen gebracht hat, zeigt die nahezu grenzenlose Macht von Ideen und Gedanken, die Kraft der Fantasie, die sich auch bei dieser Skulptur des Bildhauers figural manifestiert. Tony Cragg sprach zur Aufstellung über Realität und Energie: „So wie Pflanzen zum Licht streben, strebt der Mensch nach Wissen – nur so können wir existieren. Dafür steht die Skulptur hier“. 34


Insgesamt habe er ca. zwei Jahre an ihrer Realisierung gearbeitet: zunächst mit seinem Team im Atelier, bis sie in der Gießerei Kayser in Aluminium gegossen und aus zahlreichen Teilgussformen zusammengesetzt worden sei. Da sich bei Aluminium auch auf Dauer keine schöne Patina entwickle, sei die Skulptur lackiert worden. Rot passe einfach an den Ort. Durch Abschleifen der Farbe seien die lebendigen Flecken auf der Oberfläche entstanden. Formal gehöre die Figur zu seinen Werken der Reihe „industrial nature“, die ihn mit ihrem Kontrast zwischen zentraler Konstruktion und sich daran schmiegenden organisch-blattartigen Flügeln seit einigen Jahren besonders interessiere. Beim Herumgehen um die Skulptur, beim Blick aus verschiedenen Richtungen und auf die Spiegelungen in verschiedenen Glasfassaden zeigen sich unterschiedlichste Formen ihrer Oberfläche und inneren Struktur, die jeden Gedanken an und jede Assoziation zum Licht der Erkenntnis zulassen. Johannes Vesper Fotos: Karl-Heinz Krauskopf

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Krysten Cunningham, Circle and Chains, 2011, © Krysten Cunningham

Was fängt mit S an?

„Zeitgenössische Skulptur“ – Künstlertexte und Interviews in einem Buch von Jon Wood und Julia Kelly, in Zusammenarbeit mit der Cragg-Foundation

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John Woods. Obgleich die Unterscheidung in Skulptur und Plastik kaum mehr gebräuchlich ist, kann sie doch auf die Art der Entstehung hinweisen. Während die Skulptur ursprünglich von der Bildhauerin oder dem Bildhauer durch Hämmern, Hauen, Schnitzen gemacht wurde, entstand die Plastik durch Applikation und/oder Modellierung z.B. von Ton. Heutzutage verschwimmen die Begriffe, denn Bildhauerinnen und Bildhauer benutzen inzwischen verschiedenste Materialien und Techniken für ihre Kunstwerke, mit denen sie sich aber natürlich in uralter Tradition bewegen. Die Bildhauerkunst erfindet sich immer wieder und mit jeder und jedem Kunstschaffenden neu. Fragen über Fragen, zu denen in dem von John Wood und Julia Kelly vorgelegten Band 50 Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Generationen zu Wort kommen. Nicht alle leben mehr, alle wurden sie zwischen den 1940er- und 1980er-Jahren geboren. Sie sprechen oder schreiben über ihr eigenes Werk, aber durchaus auch über das von Kolleginnen und Kollegen. Auswahlkriterien werden nicht angegeben. Viele von ihnen arbeiten in Großbritannien und Deutschland. Etliche wurden schon im Skulpturenpark Waldfrieden ausgestellt. Die Texte entstanden alle im 21. Jahrhundert. Texte und Interviews wurden in drei Kapiteln geordnet: 1. Objekte, Materialien und Prozesse - 2. Formen der Figuration, Räume und Orte, also nach ihrer Herstellung – 3. nach ihrem ästhetischen Erscheinungsbild und dem Ort, den und dessen Genius die Skulptur verändert, oder besser die Betrachtenden durch die Kunst verändert finden. Roman Signer, Nicht loslassen (Do not let go), 1983, Courtesy of the artist and Hauser & Wirth Zurüch, © VG Bild-Kunst Bonn 2020

Skulptur? Was ist das? Es handelt sich um dreidimensionale Objekte, die – und zwar seit Jahrtausenden – meist in bestimmter Absicht z.B. als Denkmal, Mahnmal, Porträtbüste her- und aufgestellt werden. Die Venus von Hohle Fels als älteste bekannte Skulptur wird vor ca. 40 000 Jahren entstanden sein, und die eigenartigste ist vielleicht die unsichtbare („Invisible Sculpture“) von Andy Warhol, von der man nur ihren leeren weißen Sockel sieht. Eine der jüngsten Skulpturen wurde vor kurzem widerrechtlich in Bremen auf den dortigen Wallanlagen im öffentlichen Raum heimlich aufgebaut und stellt wohl einen Obdachlosen dar. Was macht man damit? Können Skulptur und Plastik politische Bedeutung haben? „Sind Bildhauer einfach Maler, die nicht malen können?“, fragt

Krysten Cunningham, geb. 1973, ist fasziniert von ihrer vielseitigen Tätigkeit als Bildhauerin und beschreibt dieselbe umfangreich, nur tausend Wörter aufzählend: Linie, Form, Drehung, Hieb, Hand Gewebe, Schnur, Teer, Bronze, Russ, kalt, spirituell. Das waren erst zwölf. Aus Stäbchen, Antennen, auch Stricknadeln entstehen unter ihrer Hand durch Wickeln und Applikation von Garn, Fäden, Gewebe zarte Figuren. Edward Allington (1951-2017) kennt nicht nur das Lied der Beatles „Maxwell‘s Silver Hammer“, sondern vor allem viele schöne und „schreckliche“ Hämmer, Kugelhammer, Klauenhammer, bis zum zermalmenden göttlichen Hammer des nordischen Gottes Thor. Die Handwerkzeuge, die ihm nicht alle, aber dem Bildhauer prinzipiell, zuhanden sein müssen -wie Heidegger sagen würde- beschreibt er unter dem Beatles-Titel von 1969. Heidegger philosophiert leider nicht über das Verhältnis des Hammers zur Skulptur, sondern bedenkt nur seine Wirkung auf den Nagel. 37


Thomas Schütte berichtet nur über einen Teil seines Gesamtwerks, über Kopfstudien, die er erst modelliert, dann fotografiert und verkauft. Das erinnert an Gesichtsstudien, wie man sie bei Leonarda da Vinci findet. Welches Ziel er damit verfolgt, bleibt im Gespräch offen. Immerhin stellen diese Fotos Aspekte und Mitteilungen des Bildhauers über eigene Skulpturen dar. Das Thema Skulptur und Geld wird nicht explizit behandelt, kann wohl auch eher auf der Kunstmesse studiert werden. Jonathan Monks meint dazu, dass Gewicht und Preis der Skulpturen miteinander korreliert seien, und ist an solchen, die „nicht auf den Kleiderschrank passen“, nicht interessiert. „Kunst sei jedenfalls kein Heilmittel für soziale Missstände“, meinen Bob und Roberta Smiths in ihren Statements. Sarah Lucas, geboren 1962, arbeitet bewusst mit billigen und stets verfügbaren Materialien, mag selbst scheu sein, denkt aber wohl nicht an ein Selbstbildnis bei ihrem Objekt aus zwei Schweineschinken, Bett und immerhin Unterhose. Jedenfalls schreckt sie vor nichts zurück und nagelt sogar einen Penis ans Brett. Elmgreen & Dragset, geb. 1961 bzw. 1969, lassen in Ausweitung des Begriffs der Skulptur sieben bedeutende Skulpturen des 20. Jahrhunderts von Giacometti bis Rückriem als Schauspieler auf die Bühne, wo sie sich miteinander unterhalten. Zu Recht fragen sie sich mit uns: Wo bin ich? Dann ziehen die skulpturalen Schauspieler über das Publikum her, bedauern, dass sie an ihrem Standort oft überhaupt nicht wahrgenommen werden, dass sie manchmal sogar erst gar nicht aufgestellt, sondern gleich eingelagert werden. Das Thema Skulptur und Humor wäre auch einen eigenen Essay wert. Wahnsinn , seufzt Rückriems Granit am Ende. Eines der Hauptwerke dieser Künstler ist das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen in Berlin. Ilya Kabakov geb. 1941, macht sich Gedanken über die Wirkung seiner Skulpturen auf die Betrachter, die im Geflecht seiner Kunst eine Hauptrolle spielen. Die Installationen erinnern nicht an Ereignisse der Vergangenheit, wie zahllose andere Denkmale, haben keine mythologischen Vorbilder, wie die Nymphen und Satyrn barocker Schlossgärten. Sie spiegeln eher Stille, Harmonie, Elegie wider. Was sollen die Texte der Anthologie? Wie nötig ist es, Bildhauerinnen und Bildhauer und ihre Skulpturen zu verste38

hen? Reicht die Betrachtung im Umhergehen nicht aus? Muss die Kuh alles von der Botanik verstehen, wenn sie Gras frisst? Das hat sich schon Einstein gefragt. Immerhin sind die Texte auch unterhaltsam, gelegentlich amüsant, und die Interviews bieten Gelegenheit, sozusagen mit der oder dem Kunstschaffenden Zwiesprache zu halten und sich das eigene Kunsterlebnis bewusst zu machen. Die Lektüre weckt Interesse. Im Skulpturenpark von Tony Cragg in Wuppertal sind durch dessen Werke mythische Waldorte entstanden, obwohl er selbst mit Mathematik, rationalem Denken und dem breiten Spektrum von Energiefrequenzen versucht, die Umwelt zu begreifen und die Wirklichkeit zu beherrschen. Gesteuert wird er aber durch Emotionen. Seine Skulpturen entstehen mit Hirn, Herz und Bauch, also Rationalität, Empathie und Gefühl. Vor Kurzem wurde seine Skulptur „Zum Licht“ vor dem Audimax der bergischen Universität in Wuppertal aufgestellt. Katharina Fritsche denkt in Bildern. Ihre drei bösen Männer (Mönch, Doktor, Händler) teilen sich die Macht in der Gesellschaft. Dass der Händler auf Englisch Dealer heißt, im Deutschen mit Drogen handelt, im Amerikanischen vor allem als blonder Präsident dealt und dass wiederum im Englischen das Wort „Dealer“ auch für Galeristen benutzt wird, das alles findet sie ganz schön zweideutig und freut sich dran. Außerdem fasziniert sie die Kombination von Totenkopf und Gehirn. Ihr Model, Frank, macht alles mit, muss das wohl auch und überlebt seine Metamorphose zum Kunstobjekt gelegentlich so gerade eben. Ganzkörperabgüsse sind nicht ungefährlich. Mit tausend Worten und 500 sandschaufelnden Freiwilligen weist Franciy Alÿs auf die sozialen Probleme Limas hin. Land Art für Mittellose: Am 11. April 2002 („When Faith Move Mountains“), wurde eine 500 m lange Sanddüne von Hunderten von Freiwilligen um ca. 10 cm seitwärts bewegt. Ob diese Aktivität mit ihrer politischen Sinnhaftigkeit Eingang in die peruanische Mythologie gefunden hat? Erwin Wurm, geb. 1954, studierte u.a. bei Bazon Brock, entmaterialisierte seine Kunst bis hin zu Staub, versteht sie auch als Aktionismus und Performance und war im Wuppertaler Skulpturenpark mit seinem Fat House zu sehen. Ideenreich, humorvoll will er mit seinem vielschichtigen Werk vor allem sich selbst treu bleiben.


Es ist hier nicht möglich alle 50 Künstlerinnen und Künstler vorzustellen. Der voluminöse Band beantwortet nicht alle Fragen zeitgenössischer Bildhauerkunst, ist, auch kapitelweise, leicht zu lesen und bietet viel zu Fragen zeitgenössischer Kunst. Man wird ihn auch nach erfolgter Lektüre gelegentlich wieder und wieder zur Hand nehmen. Für Interessierte eine Fundgrube.

Jon Wood, Julia Kelly (Hg.), Zeitgenössische Skulptur, Künstlertexte und Interviews, 488 Seiten mit 50 s/w-Abbildungen, Broschur, 24 x 16,8 cm,

Johannes Vesper

Hatje Cantz, 48,- €

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40 Foto: Maarten Vanden Abeele, © Pina Bausch Foundation


Pina Bauschs „Frühlingsopfer“ entsteht in Afrika neu Die jungen Tänzerinnen und Tänzer kommen aus 14 afrikanischen Ländern 41


Probenszene von „Le Sacre du printemps“ am Strand von Toubab Dialaw, Senegal. Foto: polyphem Filmproduktion

sie gemeinsam an der École de Sables im Senegal verbracht, haben bis zum Umfallen geprobt. Zum ersten Mal hätten sie an großen europäischen Häusern auf einer Bühne gestanden. Dann kam Corona und brachte den Traum vom afrikanischen Sacre erst einmal zum Platzen.

Corona stoppte die Einstudierung von Bauschs legendärer Strawinsky-Choreografie mit afrikanischen Tänzerinnen und Tänzern kurz vor der Premiere. Mitglieder des Einstudierungsteams erzählten „der besten Zeit“ von ihren Erfahrungen. Eigentlich sollten sie jetzt schon längst in Paris sein, in London und in Amsterdam. Auf Gastspielreise mit Pina Bauschs legendärer Strawinsky-Choreografie „Le Sacre du printemps“ aus dem Jahr 1975: junge Tänzerinnen und Tänzer aus diversen Ländern des afrikanischen Kontinents. Sechs Wochen haben 42

Auch in Wuppertal war die für April angesetzte Premiere mit großer Spannung erwartet worden, natürlich. Bereits 2019 hatte die Pina Bausch Foundation das Projekt gemeinsam mit der École de Sables im Senegal und dem Londoner Sadler’s Wells Theatre sowie mit Unterstützung des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch auf den Weg gebracht. 220 Tänzerinnen und Tänzer aus ganz Afrika hatten sich auf den Aufruf der Foundation hin mit einem kurzen Video für das Projekt beworben. Tänzerinnen und Tänzer mit ganz unterschiedlichen Hintergründen – von Modern Dance bis zu Streetdance und afrikanischer


Gloria Ugwarelojo Biachi und Serge Arthur Dodo bei einer der letzten Proben vor dem Lockdown. Foto: polyphem Filmproduktion

Folklore. 135 von ihnen erhielten die Gelegenheit, an drei Orten in Burkina Faso, dem Senegal und der Elfenbeinküste an einer jeweils dreitägigen Audition teilzunehmen, 120 kamen. „Nicht alle hatten genug Geld oder Unterstützung, um die Reise bezahlen zu können. Für einige hatten sogar Freunde das Ticket bezahlt“, erzählt Kenji Takagi, ehemaliges Ensemblemitglied des Tanztheaters Wuppertal und jetzt Teil des achtköpfigen Einstudierungsteams unter der Gesamtleitung von Jo Ann Endicott. 67 wurden zu einem Intensivworkshop an die École de Sables eingeladen. Übrig blieben schließlich 38 Tänzerinnen und Tänzer aus 14 verschiedenen afrikanischen Ländern. „Nur wenige Tänzer kannten sich untereinander. Viele von ihnen hatten aber bereits irgendwann einen Workshop an der École de Sables abgeschlossen und kannten Germaine Acogny und Helmut Vogt, die Gründer der Schule“, erzählt Endicott. Es war für alle ein großes Abenteuer. „Von vornherein war mir klar, dass es eine völlig andere Arbeit sein würde als sonst“, sagt Jo Ann Endicott. „Der Name Pina Bausch war für die meisten der Tänzer unbekannt, ebenso der des Komponisten Strawinsky. Afrika ist ein riesiges Land, weit weg von den Opernhäusern in Europa und von der Welt des klassischen Balletts. Die Tänzer hatten fast keine klassische

Ausbildung, wussten nichts von Tutus, Spitzenschuhen und gestreckten Füßen. Sie kamen mir mehr naturbelassen vor, wild, roh, voller Energie und doch verletzlich“, erzählt sie. Nun ist Pina Bauschs „Sacre“-Choreografie zwar offenkundig kein klassisches Ballettstück, enthält aber noch viele aus dem klassischen Ballett abgeleitete Elemente. Gar nicht zu reden von Bauschs eigener Bewegungssprache mit ihrem hochkomplexen Zusammenspiel der Gliedmaßen. Jorge Puerta Amarante, der am gesamten Einstudierungsprozess beteiligt war, sucht nach einem Vergleich, um die Schwierigkeit deutlich zu machen: „Das war, als ob man jemandem eine neue Sprache beibringen soll. Einige lernen schneller, andere langsamer, wieder andere fühlen sich komplett verloren.“ Allen gemeinsam aber war ihr Enthusiasmus, ihre Hingabe, ihr unbedingter Wille, es zu schaffen und die Herausforderung zu meistern – darin sind sich alle Gesprächspartner einig. „Manchmal haben wir gesehen, wie einige Tänzer schon vor dem Frühstück am Strand für sich geprobt haben“, erzählt Takagi. Und alle seien ungeheuer wissbegierig gewesen, hätten alles verstehen wollen. „Just do it“ – Macht einfach –, war dann oft erst einmal die Antwort. 43


Germaine Acogny, Gründerin der Édole de Sables, und Salomon Bausch im Kreise von Tänzerinnen und Tänzern. Foto: Maarten Vanden Abeele, © Pina Bausch Foundation

Ein großes Abenteuer war das ganze Projekt nicht nur für die Tänzerinnen und Tänzer, auch für das Einstudierungsteam war es eine völlig neue Erfahrung. „Keiner von uns wusste wirklich, worauf wir uns da eingelassen hatten“, sagt Jo Ann Endicott. „Die Sonne schien brennend von Himmel jeden Tag. Fünf wunderbare Trommler haben uns begleitet. Es gab keine Geschäfte in der Nähe. Nur Natur – Bäume, Sand, Katzen, Ziegen, Esel, magere Hunde und der Ozean. Keine Ablenkung. Wir waren sechs Wochen lang voll und ganz auf unser Sacre konzentriert – bis Covid 19 uns gestoppt hat“, erzählt Endicott schwärmerisch und mit Wehmut über das plötzliche Ende. Aber nicht nur bei ihren Erzählungen ahnt man auch, dass der Weg zum vorgestellten Ziel oft ein steiniger war. Kenji Takagi bekennt: „Wir waren manchmal genauso verloren wie die Tänzer. Bei anderen Einstudierungen gab es immer einen Prozess, den wir ungefähr kennen. Jetzt mussten wir ganz neu herausfinden, wie es gehen kann.“ Genau darin sieht er aber auch eine große Chance für dieses Stück, das schon so oft gespielt worden ist. Was für einen Zugang finden Tänzer, die keine Vorbildung, Vorwissen, Vorurteile mitbringen zu dem Stück? „Die Hoffnung ist, dass da eine Direktheit in das Stück kommt, die man sonst nie hat“, sagt er und findet, das sei bereits spürbar gewesen. Aber wie viel Freiheit lässt man dabei letztendlich zu? Auch das war für die Probenleiterinnen und -leiter ebenso ein Lernprozess: „Wir mussten auch lernen, nicht zu versuchen, alles zu kontrollieren. Es ist immer noch schwer für uns loszulassen“, bekennt Jorge Puerta Amarante, der als Mitglied der Wuppertaler Company das Stück selbst zahllose Male getanzt hat. Freilich: Wenn man Tänzerinnen und Tänzer mit solch unterschiedlichen Vorbildungen zusammenbringt, um ein Stück von Pina Bausch einzustudieren, dann dürfte 44

von vornherein klar sein, dass es sich dabei verändern wird und dass keine möglichst perfekte Eins-zu-eins-Kopie zu erwarten ist. Auf die aber kommt es ja auch gar nicht an. „Am Ende ist es nicht entscheidend, ob da ein Fuß richtig gestreckt ist“, findet Jo Ann Endicott. Wichtig sei vielmehr, dass die Essenz des Stücks zum Ausdruck komme. Die Angst, das Wollen, das Gemeinsame des Rituals, die Sehnsucht darin. Und das, ist sie überzeugt, hätten sie gemeinsam erreicht: „Wir waren auf einem sehr guten Weg.“ Knapp zwei Wochen Probenzeit waren bis zur Premiere noch eingeplant, als Corona diesen Weg jäh hat abreißen lassen. Was für eine Enttäuschung nach so harter Arbeit, so vielen Hoffnungen, so viel Vorfreude! Bleibt zu hoffen, dass es gelingen wird, alle Beteiligten wieder zusammenzubringen, wenn die Umstände es zulassen, und dass es gelingen wird, dann an das Erreichte anzuknüpfen und das Projekt zum Abschluss zu bringen. Mögliche Fragen, die man in Bezug auf ein „afrikanisches Sacre“ haben kann, werden sich erst dann beantworten lassen. Was man aber bereits jetzt sagen kann, ist: Um einer Antwort auf die große Frage näher zu kommen, wie man das Werk von Pina Bausch nicht nur konservieren, sondern lebendig halten kann – dafür braucht es solche außergewöhnlichen Projekte. Es braucht den Mut zum Experiment mit ungewissem Ausgang, den Mut, neue Wege zu gehen, und das Wagnis, dabei zu scheitern – genauso wie die Freude, sich von unvorhersehbaren Ergebnissen überraschen zu lassen. Man darf weiter gespannt sein. Anne-Kathrin Reif

Film Kurz bevor die Gruppe im März auseinanderging, haben die Probenleiter und die Tänzer die Gelegenheit ergriffen und für eine letzte Probe die Choreografie von Pina Bausch an den Strand von Toubab Dialaw (Senegal) gebracht. Filmaufnahmen dieses vorerst letzten Probendurchlaufs dokumentieren diesen einzigartigen Moment, entstanden aus einer spontanen Reaktion auf den international eingeläuteten Lockdown. Ab 1. Juli 2020 (13 Uhr) bis zum 31. Juli 2020 wird der Film Dancing at Dusk – A moment with Pina Bausch’s The Rite of Spring über die Digital Stage des Sadler’s Wells weltweit zugänglich gemacht. Das Publikum kann sich online anmelden oder im Voraus zum Preis von 5,50 € eine Eintrittskarte für den Film kaufen. Der Erlös trägt zur Unterstützung der Künstlerinnen/Künstler und der Produktion bei. www.sadlerswells.com/whats-on/2020/dancing-at-dusk-amoment-with-pina-bauschs-the-rite-of-spring/


Malou Airaudo und Germaine Acogny bei Proben zu common ground[s] in London. Foto: Roswitha Chesher

Doppelabend Das Einstudierungsteam für Das Frühlingsopfer besteht aus derzeitigen und ehemaligen Tänzerinnen und Tänzern des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Künstlerische Leitung: Josephine Ann Endicott Ç Probenleitung: Clémentine Deluy, ÇagdasÇ Ermis, Ditta Miranda Jasjfi, BarbaraKaufmann, Jorge Puerta Armenta, Julie Shanahan, Kenji Takagi

Sacre mit afrikanischen Tänzerinnen und Tänzern ist Teil eines geplanten Doppelabends. Im zweiten Teil common ground[s] zeigen Germaine Acogny, Gründerin der École des Sables und bekannt als „Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes“, und Malou Airaudo, Ikone der ersten Stunde im Tanztheater Wuppertal, ein neues Duett. In diesem Stück begegnen sich die beiden über 70-jährigen Tanzlegenden als Frauen, Mütter, Großmütter und Enkeltöchter und erforschen ihr tänzerisches Erbe.

Der Doppelabend ist eine Gemeinschaftsproduktion von Pina Bausch Foundation, École de Sables (Senegal) und Sadler’s Wells (London), koproduziert durch das Théâtre de la Ville (Paris), Les Théâtre de la Ville de Luxembourg, Holland Festival (Amsterdam), Festspielhaus St. Pölten (Österreich). Das Projekt wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und den Internationalen Koproduktionsfonds des Goethe-Instituts und unterstützt durch das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Alle geplanten Aufführungen mussten wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Gemeinsam mit den Projektpartnern Sadler’s Wells und École des Sables arbeitet die Pina Bausch Foundation daran, den Doppelabend 2021 auf die Bühne zu bringen.

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Ryszard Kopczynski vor seinem „Studio & Galerie Ludwig XIV“ in der Ludwigstraße Nummer 14 in Wuppertal-Elberfeld

Zwei Wuppertaler Kreative mit dem Blick Ryszard Kopczynski und Nicola Tigges

Künstlerpaaren wird gern nachgesagt, dass da zwei von „einer großen Sache beseelt“ sind. Produktiv sind aber auch solche Partnerschaften, in denen sich zwei Kreative auf das unverkennbar Eigene konzentrieren. Ein solches Paar sind die Modedesignerin Nicola Tigges und der Fotograf Ryszard Kopczynski. Beide wohnen gern in Wuppertal. Beide leben zusammen. Doch für die eigene Kunst hat jeder sein Refugium. Tigges arbeitet in einer zum Atelier ausgebauten Garage im Westen der Stadt. Ihr Partner hat sich in Elberfeld eingerichtet. „Studio & Galerie Ludwig XIV“ nennt Kopczynski seine Wirkungsstätte – und die Hausnummer im Namen weckt Assoziationen, die bis zum französischen Sonnenkönig reichen. In die vielfältige Kunstszene im Tal fügt sich eine StudioGalerie als weiterer Mosaikstein ein. Ein Modeatelier sticht 46

nach wie vor heraus. Zudem eines, das sich auf Mode für Frauen ab vierzig spezialisiert hat. Bekanntlich sind die Hots Spots der Mode woanders, heißen Paris, New York oder Mailand. Tigges muss jedoch keine Metropolenluft schnuppern, um ihren Modellen urbanen Chic zu verleihen. Der geborenen Wuppertalerin gefällt gerade, dass es hier „nicht überall so überfüllt ist, in Parks kann man auch mal alleine sein, man wird noch gesehen.“ Dass sie als 13-Jährige mit den Eltern an den Starnberger See ziehen musste, hat die Verbundenheit nur bestärkt. „Wuppertal ist meine Heimat. Deshalb sind Mentalität und Humor der Leute mir so vertraut. Das war in Bayern nicht so. Da habe ich mich nicht heimisch gefühlt.“ Von der alten Heimat aus hat Tigges sich ihren guten Ruf erarbeitet. Dank Schwimmerin Sarah Poewe waren ihre Kreationen sogar bei der Hochzeit von Fürst Albert II. und Charlene Wittstock in Monaco zu sehen.


Nicola Tigges in ihrem Atelier

fürs Eigene Egal welche Frau die Marke Tigges trägt – da ist immer eine Portion Extravaganz mit im Spiel. Ihre Kleidung schneidert sie überwiegende aus Anzugstoffen. Stoffe, aus denen sonst klassische Herrenanzüge sind. Die Farbpalette ist entsprechend puristisch: schwarz, weiß, grau, creme. „Bunte, grelle Farben gibt es bei mir nicht“, stellt die Modedesignerin klar. „Wer Farbe will, kann sie schnell durch Accessoires oder eigene Kleidung dazutun.“

Charmante Details auf schlichtem Design

„Maskuline“ Stoffe und feminine Schnitte, Details aus Leder und Spitze – für sie sind das keine Gegensätze. „Es ist alles gleichzeitig in uns: Männliches, Weibliches, Kindliches. In meiner Mode steht alles nebeneinander.“ Da kann innerhalb eines Outfits die bequeme Hose an Huckleberry Finn erinnern, während das Oberteil ganz ladylike daherkommt. Eigensinnig-originell wirken ihre Modelle wohl auch, weil ihr Weg zur Modeschöpferin nicht vorgezeichnet gewesen ist. Zwar hat sie schon als Teenagerin ihre Klamotten nach eigenem Gusto umgearbeitet. Doch nach 47 Zubehör wie Reißverschlüsse werden extra angefertigt


alter Straßenwerbung in Szene zu setzen. Sein Kalender mit diesen Arbeiten wurde im Januar mit dem wohl wichtigsten europäischen Preis, dem „GREGOR 2020 Calender Award“ ausgezeichnet.

Kopczynskis „Studio & Galerie Ludwig XIV“ bei Nacht

der Schule ließ sie sich von den Eltern zu einer Lehre als Hotelkauffrau überreden. „Ein vollkommener Fehlgriff“, wie sie heute sagt. Die nächste Station war ein Psychologiestudium. Mit dem Kleidernähen machte sie weiter, probierte Sachen aus – „erst mal nur für mich“. Der entscheidende Schritt war das Studium an der Kunsthochschule in Bremen. „Ich habe ab dann nur noch Vollgas gegeben“, erzählt sie. „Für die Diplomarbeit musste jeder sechs Outfits machen. Ich habe zehn gemacht.“ Ihr Fleiß wurde mit dem Designpreis des Landes Bremen ausgezeichnet. In einer der besten Boutiquen der Stadt hing ihre Mode einträchtig neben Gaultier und Yamamoto. Im Rückblick kann Tigges auch den Umwegen ihrer Laufbahn etwas abgewinnen. „Die Frauen fühlen sich bei mir gut aufgehoben. Vielleicht schließt sich da der Kreis zu meinem Psychologiestudium. Die Kundinnen merken: Guck mal, die versteht mich. Die wird mich gut anziehen.“ Wer von ihr eingekleidet werden möchte, kann ihr einfach eine Mail schreiben. Dann lässt sich gern auch ein Atelierbesuch vereinbaren. Während seine Partnerin ihre Nische in der Modebranche gefunden hat, sind die Fotomotive von Ryszard Kopczynski breit gefächert. Der mehrfach ausgezeichnete Fotograf fängt Architektur, Landschaften und Menschen ein. Für eine Serie unter dem Motto „Zurückgelassene Botschaften“ ist er quer durch Europa gefahren, um den Charme 48

Mit „Studio & Galerie Ludwig XIV“, hat Kopczynski seinen Wirkungskreis noch einmal erweitert. In dem vier Meter hohen und 250 m2 großen Raum, den er 2019 bezogen hat, will er sich nicht nur der eigenen Arbeit widmen. „Ich möchte Fotokunst ausstellen, wie ich mir das vorstelle“, erklärt der Besitzer. Zwischen Bildern, die er ausstellt, arbeitet er tagtäglich als Fotodesigner – „ich muss mich mit den Bildern wohlfühlen!“ Dabei hat er keine eigenen Werkschauen im Blick. Kopczynski, der als junger Mann aus Polen nach Deutschland kam, möchte vor allem Kreativen eine Plattform bieten, die Fotografie als eine eigene Kunstform verstehen. Nicht die Ansammlung von schönen Fotos, sondern die konzeptionelle Fotografie fasziniert ihn. Die Fotokunst findet seiner Erfahrung nach kaum passende Ausstellungsräume. Und sie lässt sich - natürlich außer ein paar berühmten Namen - nicht so gut verkaufen. Seine Galerie ist und bleibt nicht-kommerziell. Es geht in erster Linie nicht um Verkauf, sondern um das Präsentieren von Fotokunst. Die Ausstellenden zahlen nichts für die Nutzung der Galerie, aber natürlich freuen sie sich über Verkäufe. Die erste Ausstellung, kuratiert von Ann Christine Freuwörth, fand im Herbst im „Ludwig XIV“ statt. „Site #1“ war die erste Station des Wanderausstellungskonzeptes. Die Wände schmückten Fotografien der Masterstudenten Johann Husser und Johannes Maas. Im Januar und Februar dieses Jahres konnte man die Arbeiten von Stefan Scherf (www.scherfphoto.com) bewundern. Der Wuppertaler hat eine Vielzahl von ungewöhnlichen, inspirierend zusammengesetzten Doppelbildern präsentiert. Die gut 200 Besucherinnen und Besucher seiner


Das Künstlerpaar im Netz

Die Kontaktdaten der Modeschöpferin Nicola Tigges findet man unter www.nicolatigges.de. Der Fotograf Ryszard Kopczynski präsentiert sich unter www.kopczynski.de und als www.archikop.com.

Künstlergespräch zum Finissage mit Johann Husser und Johannes Maas

Ausstellung haben sich gerne auf eine Reise durch die real nicht reale Gegenwart mitnehmen lassen. „Meine Galerie ist sehr gut beim Publikum angekommen. Bei zwei Ausstellungen hatte ich gut 400 Besucher. Ich verstehe das als überwältigende Bestätigung für mein Galeriekonzept! Danke.“ Anfang April sollte eine bezaubernd leichte und bunte Einstimmung auf den Sommer mit Bildern vom Andre Duhme starten. Vorher kam COVID-19. Daniel Diekhans Fotos: Ryszard Kopczynski Vernissage der Site#1-Ausstellung

Blick in die Ausstellung mit den Arbeiten von Stefan Scherf

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Nicht nur die antiken Götter waren bunt

Die „Golden Edition“ zur antiken Statuenpolychromie im Frankfurter Liebieghaus

Zu den Glanzpunkten der reichen Frankfurter Museumslandschaft gehört zweifellos das Liebieghaus am Schaumainkai unweit vom Städel und von anderen bedeutenden Museen am Frankfurter Museumsufer. Die im historistischen Stil in den 1890er-Jahren errichtete Privatvilla des Textilfabrikanten Heinrich Baron von Liebieg wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der Stadt Frankfurt erworben und beherbergt seit 1909 eine der herausragenden europäischen Skulpturensammlungen mit hochkarätigen Exponaten aus allen historischen Epochen von der Antike bis zum Klassizismus sowie mit exquisiten Stücken aus Ostasien. Zurzeit ist sie der Ort einer bemerkenswerten Sonderausstellung mit dem Titel Bunte Götter. Vinzenz Brinkmann in der

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Ausstellung „Bunte Götter“, Foto: © Liebieghaus Skulpturensammlung, Norbert Miguletz


Trugbild „weiße Antike“ Bei genauerem Hinsehen sind selbst für Laien an antiken Statuen (und auch an Baugliedern von Tempeln) gelegentlich Farbspuren wahrnehmbar, und ein Blick in die Forschungsgeschichte zeigt, dass das Phänomen der Polychromie seit Langem bekannt ist. Ungeachtet aller Evidenz und historisch gesicherter Belege lebt das Idealbild einer „weißen Antike“ allerdings weitgehend ungebrochen fort. Es als Trugbild entzaubert zu haben, ist – neben den Arbeiten anderer Forscher – das Verdienst des klassischen Archäologen Vinzenz Brinkmann, Leiter der Antikensammlung im Liebieghaus und Kurator der Ausstellung. Mit der aktuellen Schau in Frankfurt zieht er die Bilanz seiner wegweisenden Untersuchungen zur Farbigkeit antiker Skulpturen, der sogenannten Statuenpolychromie.

Blick in die Ausstellung „Bunte Götter“ mit Rekonstruktionen der sogenannten Krieger von Riace, um 440 v. Chr. , Foto: © Liebieghaus Skulpturensammlung, Norbert Miguletz

Die Schau, die am 30. Januar 2020 eröffnet wurde, coronabedingt aber schon bald geschlossen werden musste und mittlerweile wieder zugänglich ist (bis zum 17. Januar 2021), räumt gründlich mit der immer noch weit verbreiteten, gleichwohl falschen Vorstellung auf, dass die Skulpturen der griechischen und römischen Antike weiß gewesen seien. Tatsächlich begegnet man in archäologischen Museen vorwiegend in weißem Marmor erstrahlenden Statuen, und in Lehrsammlungen archäologischer und kunsthistorischer Institute (und früher auch der Kunstakademien) sind es weiße Gipsabgüsse, die das Bild bestimmen. Das sind bewusstseinsprägende Eindrücke, von denen es sich endgültig zu verabschieden gilt – so die unmissverständliche Botschaft der Frankfurter Ausstellung an das interessierte Publikum.

Schon 1980, als Stipendiat des Akademischen Austauschdienstes, hat er begonnen, sich in Athen intensiv mit Fragen der farbigen Fassung griechischer Bildwerke auseinanderzusetzen. Den Anfang machte die systematische fotografische Dokumentation der auf den Objekten erhaltenen Farbreste mithilfe einer Multispektralkamera unter UV-Licht. Dabei und auch durch Untersuchungen mit Streiflicht konnten die durch Verwitterung und sonstige Einflüsse vermeintlich vollständig verschwundenen Einzelheiten der ursprünglichen Bemalung aufgespürt werden. Ergänzend traten später hochkomplexe naturwissenschaftliche Analyseverfahren hinzu, die nicht nur immer genauere Bestimmungen formaler Details ermöglichten, sondern auch zu farbtechnologischen Präzisierungen führten, etwa was Bindemittel, Pigmente und Praktiken des Farbauftrags anbelangt. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Vinzenz Brinkmann zusammen mit seiner Frau Ulrike Koch-Brinkmann daran, die bei diesen Analysen gewonnenen Erkenntnisse im Sinne der sogenannten experimentellen Archäologie, einem immer populärer gewordenen Spezialgebiet der Archäologie, in anschauliche dreidimensionale Rekonstruktionen einfließen zu lassen, die gewissermaßen einer Auferstehung oder zweiten Geburt antiker Skulpturen in ihrer einstigen Farbigkeit gleichkommen. Der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi hat schon vor 200 Jahren die Anschauung als „das absolute Fundament aller Erkenntnis“ bezeichnet, und in der Tat können Brinkmanns Farbrekonstruktionen in ihrer geradezu überwältigenden Direktheit in hohem Maße erkenntnisfördernd sein. 51


Farbrekonstruktion des Bogenschützen vom Aphaiatempel in Ägina, Variante C, Foto: © Liebieghaus Skulpturensammlung, Norbert Miguletz

Bogenschütze vom Aphaiatempel in Ägina, um 480 v. Chr., Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek, München, Foto: Rainer K. Wick

Der Bogenschütze von Ägina In spektakulärer Weise zeigt dies die experimentelle Rekonstruktion der Farbigkeit einer der im Übergang von der Spätarchaik zur Frühklassik datierbaren Marmorfiguren des Tempels der Aphaia (einer lokalen Gottheit) von der griechischen Insel Ägina, die Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckt und vom bayerischen Kronprinzen Ludwig erworben wurden und in die Münchner Glyptothek gelangten. Es handelt sich um die allgemein als Paris bezeichnete Figur eines knienden Bogenschützen in der Tracht eines Kriegers der nördlichen und östlichen Nachbarvölker der Griechen, an der – im Unterschied zu anderen Giebelfiguren aus Ägina – kaum mehr Farbspuren erhalten geblieben sind. Umso erstaunlicher, dass die Rekonstruktion nicht nur intensive Gelb-, Rot-, Blau- und Grüntöne aufweist, sondern auch braune Haare und ein rosarotes Inkarnat, und ferner, dass die Ärmel und die eng anliegende Hose ein aufwendig gestaltetes farbiges Rautenmuster besitzen. Diese erste Rekonstruktion aus dem Jahr 1989 galt damals als Sensation, für manchen Liebhaber griechischer Kunst war sie aber auch ein Schock. Anstelle der liebgewonnenen Vorstellung von der „edlen Einfalt und stillen Größe“ griechischer Meisterwerke, von der der Begründer der modernen Archäologie Johann Joachim Winckelmann schon 1755 gesprochen hatte, erschien die Kunst der Griechen nun plötzlich jenseits 52

aller Erhabenheit in den grellen Farben der Pop-Art, die in den 1960er-Jahren die internationale Kunstszene dominiert hatte. Dass die Forschung keinen Stillstand kennt, beweist die Tatsache, dass es inzwischen drei Rekonstruktionsvarianten des Bogenschützen gibt. Die letzte stammt aus dem vergangenen Jahr und zeichnet sich durch einen noch höheren Grad der Genauigkeit sowie durch die Berücksichtigung von Erkenntnissen aus, die aus der Analyse von Vasenmalereien sowie dem Vergleich mit erhaltenen Originaltextilien resultieren und hypothetisch Goldpailletten einbeziehen, wie sie an skythischen Stoffen nachweisbar sind. Wie eine Momentaufnahme dokumentiert jede dieser drei Versionen den jeweils aktuellen Kenntnisund Forschungsstand und erinnert daran, dass es sich bei derartigen Rekonstruktionen immer um – entsprechend dem Trial-and-Error-Prinzip revidierbare – Annäherungen an die historische Realität handelt und nie um diese Realität selbst.

Kuroi und Koren Die Frankfurter Ausstellung entfaltet ein eindrucksvolles Panorama durch die Jahrhunderte, von einem hochabstrakten, kleinformatigen frühgriechischen Kykladenidol aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. über Bau- und Grabplastiken aus archaischer und klassischer Zeit sowie Reliefkunst aus der Epoche des Hellenismus bis


Kuros von Tenea, um 560 v. Chr.,

Farbrekonstruktion des

Farbrekonstruktion der Phra-

Farbrekonstruktion der sogenannten Peploskore,

Staatliche Antikensammlungen

Kuros von Tenea,

sikleia, um 540 v. Chr., Foto: ©

um 520 v. Chr., Variante B, überarbeitet 2019,

und Glyptothek, München,

Foto: © Liebieghaus Skulp-

Liebieghaus Skulpturensamm-

Foto: © Liebieghaus Skulpturensammlung,

Foto: Rainer K. Wick

turensammlung, Vinzenz

lung, Vinzenz Brinkmann

Vinzenz Brinkmann

Brinkmann

hin zur Porträtplastik aus der römischen Kaiserzeit. Hervorgehoben sei die Farbrekonstruktion der Marmorfigur eines nackten Jünglings (Kuros) aus der Zeit um 560 v. Chr., die in Tenea nahe Korinth gefunden wurde und in der älteren Literatur auch als Apoll von Tenea bezeichnet wird. Sie zeigt die charakteristischen Merkmale archaischer Statuenpolychromie: einen homogenen Farbauftrag und randscharfe farbige Hervorhebungen markanter physiognomischer Details wie Augen und Mund, ornamental stilisierte Brustwarzen und blaues Schamhaar. Brinkmann und Koch-Brinkmann erkennen hier eine Farbgebung, die sich auch im alten Ägypten beobachten lässt, wie ja überhaupt die griechischen Kuroi ohne die Tradition ägyptischer Bildhauerkunst kaum denkbar sind. Im Unterschied zur Nacktheit archaischer Jünglingsgestalten wurden die jungen Frauen (Koren) grundsätzlich bekleidet abgebildet. Ihre Gewänder boten den Künstlern reiche Möglichkeiten für ornamentale Verzierungen und prachtvolle Farbfassungen. So präsentierte sich das bis auf den Boden reichende Kleid der Grabstatue einer Verstorbenen namens Phrasikleia (um 540 v. Chr.) in einem intensiven Rotton, kontrastiert mit ockergelben Mäanderbordüren und schmückenden Rosetten, und auch die fälschlich so genannte Peploskore (um 520 v. Chr.), tatsächlich ein Kultbild der Artemis, und die sogenannte Chioskore (um 520/500 v. Chr.), beide von der

Athener Akropolis, erstrahlen in Frankfurt als Rekonstruktionen in ihrem einstigen kräftigen Kolorit.

Gesteigerter Realismus So wie sich in der Skulptur der griechischen Klassik des 5. Jahrhunderts die für die Archaik typische strenge Statuarik mehr und mehr zugunsten eines geschmeidigen Bewegungsstils lockert, der sich im Hellenismus zu einer geradezu dramatischen Formensprache und zu gleichsam barockem Pathos steigern kann, gibt es auch bei der Farbgestaltung von Statuen und Reliefs Veränderungen im Sinne einer fortschreitenden Verfeinerung der malerischen Mittel, einer enormen Bereicherung der Farbpalette und einer Betonung realistischer Effekte durch den das Hell-Dunkel modellierenden Einsatz der Malfarben, durch Schraffuren und durch Glanzlichter. Um 320 v. Chr., an der Schwelle von der Spätklassik zum Hellenismus, entstand der sogenannte Alexandersarkophag, der 1887 in einer der Grabkammern der Königsnekropole von Sidon im heutigen Libanon gefunden wurde und zu den Highlights im Archäologischen Museum in Istanbul gehört. Zum Fundzeitpunkt dieses Marmorsarkophags, dessen Hochreliefs zweimal Alexander den Großen zu Pferd im Kampf gegen die Perser zeigen, befand sich die ursprüngliche Farbigkeit noch in einem erstaunlich guten Erhaltungszustand, und obwohl die Farben seither stark 53


Sogenannter Alexandersarkophag, um 320 v. Chr., Archäologisches Museum Istanbul, Foto: Rainer K. Wick

Farbrekonstruktion des Alexandersarkophags, Foto: © Liebieghaus Skulpturensammlung, Vinzenz Brinkmann

verblasst sind, vermag man sie immer noch sehr gut zu erkennen. Die Rekonstruktion von Vinzenz Brinkmann und Ulrike Koch-Brinkmann zeigt, wie das bewegte Geschehen durch das Medium Farbe nicht nur eine deutliche Steigerung erfährt, sondern auch die „Lesbarkeit“ der Reliefs, etwa was die Zugehörigkeit der Kombattanten zur Fraktion der Griechen einerseits und der Perser andererseits anbelangt, erhöht wird. Entsprechend der auf täuschende Lebendigkeit zielenden antiken Nachahmungslehre präsentiert sich die Rekonstruktion der Statue einer stehenden junge Frau, die sich in einen Mantel hüllt und als Kleine Herkulanerin firmiert. Bei dieser Marmorskulptur handelt es sich um die römische Replik eines (verlorenen) spätklassischen Originals, das in der Vesuvstadt Herkulaneum gefunden wurde und sich heute in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden befindet. Eine andere Replik, die im Athener Archäologischen Nationalmuseum aufbewahrt wird und von der Kykladeninsel Delos stammt, lieferte dem Team Brinkmann 54

und Koch-Brinkmann die Basis für die in Frankfurt zu bewundernde Farbrekonstruktion. Im Unterschied zur Flächenhaftigkeit und Randschärfe archaischer Statuenpolychromie zeigt das Gesicht mit den leicht geröteten Backen zarteste Farbübergänge, und die rosavioletten Töne des bis zum Boden hinab reichenden Untergewandes korrespondieren im Sinne eines abgemilderten Komplementärkontrastes mit den kühlen Grüntönen des Mantels. Das artistische Raffinement der Farbgestaltung zeigt sich vollends aber erst in der malerischen Behandlung des dünnen Mantels, der überall dort durchsichtig erscheint, wo er sich fest an den Körper schmiegt und die Hautfarbe und die Farbe des Untergewandes erahnen lässt.

Gegen den Klassizismus Farbrekonstruktionen wie die im Liebieghaus gezeigten sind Meilensteine in einer langen Forschungsgeschichte, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Man mag es geradezu als eine Ironie der Geschichte empfinden, dass ausgerechnet der Altertumswissenschaftler Johann Joachim Winckelmann, der nicht


links: Kopie nach Angelika Kauffmanns Bildnis von Johann Joachim Winckelmann, 1764; daneben die sogenannte Winckelmann-Artemis, Nationalmuseum Neapel, 1. Jahrhundert v. Chr./ 1. Jahrhundert n. Chr., und Farbrekonstruktion, Foto: © Liebieghaus Skulpturensammlung, Norbert Miguletz

Farbrekonstruktion der sogenannten Kleinen Herkulanerin, 2. Jahrhundert v. Chr./1. Jahrhundert n. Chr., Foto: © Liebieghaus Skulpturensammlung, Vinzenz Brinkmann

selten als Kronzeuge eines farblosen Klassizismus in den letzten Jahrzehnten des 18. und dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts bemüht wird, einer der Ersten war, der die Polychromie antiker Statuen sehr bewusst registriert hat. Einerseits schrieb er in seiner 1764 erschienenen „Geschichte der Kunst des Alterthums“: „Da nun die weiße Farbe diejenige ist, welche die mehresten Lichtstrahlen zurückschicket, [...] so wird auch ein schöner Körper desto schöner seyn, je weißer er ist [...].“ Andererseits lieferte er eine eingehende Beschreibung der Polychromie einer in Pompeji aufgefundenen, von ihm für etruskisch gehaltenen, tatsächlich aber in der frühen römischen Kaiserzeit im archaisierenden Stil geschaffenen Figur der griechischen Jagdgöttin Artemis (sogenannte Winckelmann-Artemis). Trotz des Wissens um die Farbigkeit antiker Statuen beharrten die meisten Kunsttheoretiker und Künstler des Klassizismus aber auf der Vorstellung einer bereits eingangs erwähnten „weißen Antike“ und folgten damit einem ästhetischen Ideal, das sich schon in der Renaissance mit ihrer Vorliebe für die Materialfarbigkeit insbesondere von Stein und Metall etabliert hatte. Der Verzicht auf eine polychrome Gestaltung kam einem Triumph der „reinen Form“ gleich. Er bedeutete eine bewusste Abstraktion von der Realität und eine entschiedene Abkehr von ihrer sinnli55


chen Erscheinungsfülle zugunsten einer Idealität, die man in den Bildwerken der Antike zu erkennen glaubte und an die man anzuknüpfen suchte. Im frühen 19. Jahrhundert kam es zu Versuchen, aus dem reglementierten Klassizismus der damaligen Zeit auszubrechen. Zwischen Klassizisten und dessen Kritikern – Gau, Hittorff, Semper und anderen – entbrannte der sogenannte Polychromiestreit, der zu intensivierten Forschungsbemühungen auf dem Gebiet der Farbigkeit griechischer Skulpturen und Bauten führte. Meist auf dem Papier, manchmal aber auch dreidimensional entstanden in großer Zahl Rekonstruktionen der einstigen Farbigkeit, die sich mangels gesicherter naturwissenschaftlicher Kenntnisse der verwendeten Malmaterialien allerdings zuweilen erheblich voneinander unterschieden und spekulativ blieben. Übrigens lieferten nicht nur die Objekte selbst erdrückende Beweise für die Tatsache farbiger Gebäude- und Statuenfassungen, sondern auch die einschlägigen literarischen Quellen. So heißt es etwa bei dem griechischen Dramatiker Euripides: „Doch sieh! Zur Höhe zwing‘ die Richtung deines Blickes und schau im Giebelfeld die farbigen Skulpturen.“ Und der römische Naturforscher Plinius der Ältere berichtet in seiner „Naturalis historia“ von der Bemalung von Marmorskulpturen des berühmten klassischen Bildhauers Praxiteles durch einen Maler namens Nikias. Obwohl es im Laufe des 19. Jahrhunderts als erwiesen galt, dass die Antike nicht weiß, sondern bunt war, tat sich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und darüber hinaus die Archäologie als zuständige Fachwissenschaft mit diesem Wissen schwer. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schenkte sie der Statuenpolychromie erneut ihre Aufmerksamkeit, was zu intensiven Forschungsaktivitäten führte, deren Ergebnisse nun in Frankfurt zu besichtigen sind.

dass auch Bronzen farblich behandelt wurden. So wurde die Illusion sonnengebräunter Haut durch das Auftragen dünner Schichten rot pigmentierten Asphaltlacks erzeugt, und farbige Steineinlagen in den Augen, Brustwarzen und Lippen aus rötlichem Kupfer, mit Silberblech belegte Zähne und aus Kupfer geformte blutende Wunden trugen entscheidend dazu bei, den Realitätscharakter der Werke zu steigern. Unter dem griffigen Titel „Bunte Götter“ konnten seit 2003 die Forschungsergebnisse und Farbrekonstruktionen von Vinzenz Brinkmann und Ulrike Koch-Brinkmann in zahlreichen Ausstellungen in Deutschland und im Ausland einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden. Das Frankfurter Liebieghaus bietet nun als „Golden Edition“ eine aktualisierte und erweiterte Schau an, die zeigt, dass in der griechischen und römischen Kunst nicht nur die Göttinnen und Götter, sondern auch Sterbliche – ob Heroen, Herrscher oder Menschen aus alltäglichen Lebensbereichen - bunt waren. Die großartige Ausstellung wird begleitet von einem nicht minder großartigen, bei Prestel publizierten Katalogbuch mit überaus informativen Textbeiträgen und opulenter farbiger Bebilderung (Museumsausgabe 34,90 €, Buchhandelsausgabe 49,- €). Und wer noch tiefer in die spannende Materie der Statuenpolychromie eindringen möchte, dem sei der materialreiche, 2010 bei Hirmer erschienene, von Vinzenz Brinkmann und anderen herausgegebene Tagungsband „Circumlitio. The Polychromy of antique and mediaeval Sculpture“ mit einem Strauß weiterführender wissenschaftlicher Beiträge aus der Feder ausgewiesener Fachautoren ans Herz gelegt, der im Buchhandel für 29,90 € zu haben ist. Rainer K. Wick

Farbige Bronzen Zu den größten Überraschungen der Frankfurter Schau gehören die experimentellen Rekonstruktionen zweier bedeutender antiker Bronzegruppen, nämlich der sogenannten Krieger von Riace (um 440 v. Chr.) und der sogenannten Quirinalsbronzen. (spätes 4./ frühes 3. Jahrhundert v. Chr.). Brinkmann konnte die im kalabrischen Riace aufgefundenen Figuren als den mythischen attischen König Erechtheus, Sohn der Athena, und als thrakischen König Eumolpos, Sohn des Poseidon, identifizieren und ferner durch seine Untersuchungen bestätigen, dass die auch als Thermenherrscher und Faustkämpfer bekannten Figuren vom Quirinal die Helden Amykos und Polydeukes aus der griechischen Argonautensage darstellen. Bronze galt in der Antike als ein wesentlich wertvolleres, edleres Material als Marmor. Das schloss aber nicht aus, 56

Ausflugsempfehlung der Redaktion:

Bunte Götter Golden Edition Die Farben der Antike bis 17. Januar 2021 Liebieghaus Frankfurt Schaumainkai 71 60596 Frankfurt am Main www.liebieghaus .de


Rekonstruktion des sogenannten Faustkämpfers (rechts) und (angeschnitten) des sogenannten Thermenherrschers, 4. oder 3. Jahrhundert, Foto: Š Liebieghaus Skulpturensammlung, Norbert Miguletz

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Kulturtipps für Kinder und Jugendliche LCB | Haus der Jugend Barmen Geschwister-Scholl-Platz 4-6, 42275 Wuppertal Aktuelle Infos über www.hdj-online.de

Wuppertaler Kinder- und Jugendtheater Theater im Berufskolleg, Bundesallee 222, 42103 Wuppertal Infos und Anmeldung über: www.kinder-jugendtheater.de oder telefonisch: 0202-899154 Ferienkurse für jeweils 110 €, Teilnehmerzahl: min. 7, max. 10 Montag, 6., bis Freitag, 10. Juli 2020, jeweils von 9 bis 13.30 Uhr

Theater im Wald

Sommerferienkurs für Kinder vom 3. bis 5. Schuljahr Im Wald gibt es viel zu entdecken: u.a. Verstecke, Höhlen und Mulden, entstanden durch umgefallene Bäume, Geäst, Sträucher, Erdlöcher und vieles mehr ... Hier warten Geschichten darauf, von uns entdeckt zu werden. Wir lassen Märchenfiguren, Fantasiewesen, Kobolde, Gnome, Feen, Tiere und alles Mögliche lebendig werden. Wir spielen Theater im Wald mit allem, was er uns zu bieten hat. Leitung: Andrea Freudenthaler

Montag, 13., bis Freitag, 17. Juli 2020, jeweils von 9 bis 13.30 Uhr

Die Kinder von Bullerbü

Sommerferienkurs für Kinder vom 2. bis 4. Schuljahr Spielen, das tun die Kinder in Bullerbü! Fast immer. Sie gehen natürlich auch zur Schule und machen Späße mit der Lehrerin, sie übernachten in der Scheune und spielen sich gegenseitig Streiche. Sie retten Swift, den Hund des bösen Schusters. Sie versuchen sich als Babysitter von Oles kleiner Schwester, und da geht manches schief. Eine Woche lang wohnen wir nun alle einmal dort und verwandeln uns in „die Kinder von Bullerbü”. Leitung: Claudia Kumpfe 58

Montag, 20., bis Freitag, 24. Juli 2020, jeweils von 9 bis 13.30 Uhr

Der Lügenbaron

Sommerferienkurs für Kinder vom 2. bis 4. Schuljahr Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen, oder kurz: der Lügenbaron, reitet auf donnernden Kanonenkugeln rund um den Globus, er springt mit seinem Pferd durch eine fahrende Kutsche oder er wirft seine silberne Axt so weit, dass sie auf dem Mond landet. Wir folgen seinen Spuren und erfinden eine unwahre Geschichte, führen das Publikum an der Nase herum. Leitung: Thorsten Müller

Montag, 27., bis Freitag, 31. Juli 2020, jeweils von 9 bis 13.30 Uhr

Die rote Zora und ihre Bande Sommerferienkurs für Kinder vom 4. bis 6. Schuljahr Der Waisenjunge Branko wird wegen eines angeblich gestohlenen Fischs im kroatischen Küstenort Senj verhaftet. Die rote Zora, die eine Bande von Waisenkindern anführt, befreit Branko und nimmt ihn in diese auf. Aber zuerst muss er eine Mutprobe bestehen. Die Bande vertritt Ehre, Zusammenhalt, Treue und Cleverness. Abenteuer genug für eine spannende Sommerferienwoche? Dann werdet auch Bandenmitglied bei der roten Zora! Leitung: Siegfried Bast

Montag, 3., bis Freitag, 7. August 2020, jeweils von 9 bis 13.30 Uhr

Piratenlissy und Kapitän Enterbeil mit seinen tapferen Seeräubern Sommerferienkurs für Kinder vom Vorschulalter bis zum 3. Schuljahr Eine gewöhnliche Prinzessin ist Lissy nicht: Sie ist weder schön noch reich – dafür aber mutig und gewitzt. Die sieben Piraten, die sie in Hoffnung auf Lösegeld entführt haben, erleben so ihr blaues Wunder … Und auch der König, ihr Vater, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Leitung: Andrea Freudenthaler

Junior Uni Wuppertal Forscherplattform Bergisches Land Am Brögel 31, 42283 Wuppertal

Kursprogramm, auch mit eigener Sparte

Kunst & Kultur

www.junioruni-wuppertal.de


Kulturelle Jugendbildung Kursinformationen und Anmeldungen über: www.jugend-kult.de oder telefonisch: 0202 563-2645

Der Workshop Sing deinen Song liefert die Musik und ihr dreht euer eigenes Musikvideo dazu. Mit Spaß und Freude am Bild helfen wir euch dabei. Vorkenntnisse sind nicht notwendig. Kinder- und Jugendtreff Arrenberg, Arrenbergerstr. 71b, 42117 Wuppertal Leitung: Kim Münster und Julian Pawelzik (Vollbild e.V.)

Street Art – Paste Up

Ein buntes und interessantes Programm für Kinder und Jugendliche quer durch alle Stadtteile Wuppertals könnt ihr auf der Internetseite www.jugend-freizeit.de finden.

Zusammen mit einem Graffiti-Künstler entwickelst du legale Paste Ups, denn die Fläche wird uns zur Verfügung gestellt. Anhand von Klebepapier lassen wir unserer Kreativität freien Lauf. Malt, klebt, schneidet, was das Zeug hergibt! Zusammen erarbeiten wir ein Gemeinschaftsprodukt und versuchen in kürzester Zeit, ein tolles Ergebnis zu kreieren. die börse, Wolkenburg 100, 42119 Wuppertal Leitung: Adrian Gralinski und Ognjen Pavic

Kulturrucksack Wuppertal Zum Sommerferien-Angebot:

Aktuelle Infos unter www.kulturrucksack.nrw.de

Kreative Herbstferien für 10- bis 14-Jährige Rappen, tanzen, Musikvideos drehen, an einem legalen Ort Paste-Up-Graffiti machen, mit dem Smartphone Musik komponieren - kurz: vielfältig kreativ werden? Das ist in Ferienworkshops eine Woche lang möglich, angeleitet von Wuppertaler Künstlerinnen und Künstlern. Anmeldung über www.wuppertal-live.de oder in den VVK-Stellen. Workshopgebühr für 5 Tage: 25 €, erm. 12,50 € Montag, 12., bis Freitag, 16. Oktober 2020, 10 bis 15 Uhr

Musikvideo Verrücktes Tanzvideo, Kurzspielfilm, Poser-Video oder künstlerischer Film. Ein Musikvideo kann vieles sein! Steh vor oder/und hinter der Kamera.

Paste Up, Foto: Ralf Silberkuhl

Smartphone-Musik Smartphones sind nur für Social Media da? Nicht ganz ... Dass man mehr als Nachrichten schreiben und spielen kann, entdecken wir in dieser Woche. Wir nutzen unsere Smartphones als Instrumente und Sampler, machen eigene Podcasts, spielen Chart-Hits nach, bauen Tracks aus eurem Lieblingsspiel oder komponieren etwas ganz eigenes Neues ... Am Ende der Woche führen wir das Ganze auf. HDJ Barmen, Geschwister-Scholl-Platz 4-6, 42275 Wuppertal, Leitung: Andre Scollick und N.N.

Musikvideo, Foto: Paul Olfermann Sommerferienkurse 2020

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Kunstmuseum Solingen Wuppertaler Straße 160 42653 Solingen-Gräfrath Das Kunstmuseum Solingen startet in den Sommerferien mit dem Programm für Kinder ab 6 Jahren. Die Atelierkurse finden allerdings unter eingeschränkten Bedingungen statt, die Abstand und Hygienebestimmungen berücksichtigen. Die Anzahl der teilnehmenden Kinder ist darum auf sechs beschränkt. Eine vorherige Anmeldung ist unbedingt erforderlich unter: 0212-2581410. Kosten für alle Kurse: 30 €

Sommerferienkurse 2020 Dienstag, 7. Juli, bis Freitag, 10. Juli 2020 jeweils von 10 bis 12 Uhr

Seepferdchen. Wir gestalten diese Tiere und Pflanzen, die im Wasser leben und bauen grandiose Unterwasserwelten. Ein Schuhkarton wird zur Meeresbühne. Leitung: Philine Halstenbach Dienstag, 4. August, bis Freitag, 7. August 2020 jeweils von 10 bis 12 Uhr

Dschungelleben – Alles so schön grün hier Im Dschungel-Ferienkurs erwarten uns viele verschiedene Pflanzen und Tiere! Die wir natürlich selbst basteln werden. Gemeinsam erschaffen wir Schlangen und Tiger, Äffchen und bunte Vögel, Schlingpflanzen und Lianen, fleischfressende Blumen und riesige Bäume. Der Entdecker-Fantasie sind keine Grenzen gesetzt! Leitung: Philine Halstenbach kunstmuseum-solingen.de

Durchblicke

Burg Wissem

Was sehen wir zwischen den Ästen und Stämmen der Bäume, welche Aussicht haben wir aus den Fenstern eines Zimmers, was zeigt sich uns zwischen Häusern und Mauern? Wir fertigen Vordergrund-Hintergrund-Bilder in unterschiedlichen Techniken, die auch dreidimensional werden können. Leitung: Solveig Schuppler

Bilderbuchmuseum, Stadt Troisdorf Burgallee 1, 53840 Troisdorf

Dienstag, 28. Juli, bis Freitag, 31. Juli 2020 jeweils von 10 bis 12 Uhr

Blubb Blubb – Unterwasserwelten In unserer Fantasie tauchen wir auf den Meeresgrund und sehen bunte Fische, weiße Haie (Vorsicht!), Kraken und

Montag, 6. Juli, bis Freitag, 10. Juli 2020 Workshop für Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren, jeweils von 10 bis 16 Uhr

Kulturrucksack: Stop Motion

Auch in diesem Jahr verwandelt sich die Burg Wissem für eine Woche in ein Filmset: Mithilfe eines echten Medienprofis konzipiert und filmt ihr euren ersten eigenen Trickfilm. Hier darf das passende Set natürlich ebenso wenig fehlen wie Drehbuch, Requisiten und Co. Am Donnerstag, den 9. Juli 2020, findet kein Workshop statt, da hier das bereits entstandene Material geschnitten und vertont wird! Am Ende der Woche findet eine Abschlusspräsentation im kleinen Rahmen statt. Das Angebot ist kostenfrei, Anmeldung unter: Tel.: 02241 900-427. Bitte beachten Sie die geltenden Abstands- und Hygienevorschriften für den Besuch in öffentlichen Einrichtungen der Stadt Troisdorf. Die Veranstaltung wird im Rahmen des Kulturrucksacks gefördert vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen. noch bis September 2020

Michael Ende:

Die unendliche Geschichte und andere Klassiker 2019 wäre einer der bedeutendsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren des 20. Jahrhunderts 90 Jahre alt geworden: Michael Ende. Mit ihm feierte die von ihm verfass60


Sebastian Meschenmoser, Die unendliche Geschichte (Cover-Ausschnitt), Thienemann Verlag, 2019

te „Unendliche Geschichte“ ihr 40-jähriges Jubiläum. Beides, den Geburtstag des Autors wie den des Buches, nahm der Thienemann Verlag zum Anlass, eine neu illustrierte Jubiläumsausgabe zu publizieren. Der Berliner Künstler Sebastian Meschenmoser schuf dafür 50 großformatige Ölbilder und mehr als hundert Bleistiftzeichnungen. Diese Bilder und ein Teil der Zeichnungen werden noch bis September 2020 im Bilderbuchmuseum ausgestellt. Sonntag, 12. Juli 2020, 15 Uhr

Auf nach Phantásien! Öffentliche Führung durch die Ausstellung (Je nach Gruppengröße findet die Führung um 15 und um 16 Uhr statt.) Die fantastische Geschichte um Balthasar Bux, den Krieger Atréju und den Glücksdrachen Fuchur von Michael Ende ist ein Klassiker der Literatur. Im Rahmen der Führung schauen wir uns die eindrucksvollen Originale des bekannten Illustrators Sebastian Meschenmoser gemeinsam an. Die Führung ist kostenlos, die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Zu zahlen ist der Museumseintritt. Bitte melden

Sie sich unter 02241 900-427 an und beachten Sie die Abstands-und Hygieneregeln. Mit Lena Sofuoglu. Sonntag, 9. August 2020, 15 Uhr

Ein Klassiker im neuen Gewand:

Sebastian Meschenmosers Version der „Unendlichen Geschichte“ Öffentliche Führung durch die Ausstellung

(Je nach Gruppengröße findet die Führung um 15 und um 16 Uhr statt.) Die Führung geht der Frage nach, wie und wo sich Meschenmoser für seine Bilder inspirieren ließ und was seine Interpretation des berühmten Werkes von Michael Ende ausmacht. Die Führung ist kostenlos, die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Zu zahlen ist der Museumseintritt. Bitte melden Sie sich unter 02241/900-427 an und beachten Sie die Abstands-und Hygieneregeln. Mit Lena Sofuoglu. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 11 bis 17 Uhr, Samstag, Sonntag, feiertags von 10 bis 18 Uhr troisdorf.de 61


„Kirche im Dorf lassen“, verschiedene Natursteine, Stahl

„Marmor ist zickig“

Die Steinbildhauerin Christiane Püttmann im Gespräch „Ich muss mit dem Stein zusammenarbeiten“ Als ich Christiane Püttmann im Januar besuchte, arbeitete sie gerade an einem Auftrag für die Landesgartenschau in Kamp-Lintford. Dazu hat sie einen Basaltblock aufgekeilt. Aus dem noch unförmigen Stein soll ein Gesicht werden. Vorzeichnungen gibt es nicht, auch kein Modell, alles spielt sich im Kopf ab: „Ich muss zunächst ein Gefühl entwickeln für den Stein und dann das Gesicht hineinsehen, um irgendwann alles auf einen Punkt zu bringen. Den Stein aufzukeilen bedeutet, Löcher zu bohren, in diese Patentkeile einzustecken und dann so darauf zu schlagen, dass ich Material spalten kann. Das Hauen muss mit Gefühl passieren und mit der immer gleichen Intensität, damit der Stein gleichmäßig auseinanderfällt. Ich muss mit dem Stein zusammenarbeiten. Da kommt es auch sehr auf mein Befinden an. Bin ich überhaupt heute dazu in der Lage, in den Stein hineinzugeben, was ich will? Das Beste ist, wenn ich mein gesamtes Wissen über den Stein ausschalten kann.“ Einen Irrtum, einen Fehlschlag kann sich die Bildhauerin

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„Frau?“, Basaltlava


Christiane Püttmann

plötzlich die Idee kam, ihre Köpfe aus Stein zu hauen. Das war der Beginn ihres Umdenkens. Ein weiterer Anlass für die berufliche Umorientierung war der zufällige Besuch der Bildhauerklasse an der Kunstakademie Düsseldorf, wo sich Christiane Püttmann vergeblich beworben hatte. Als sie dann erfuhr, dass „Steinbildhauer“ ein ganz normaler Lehrberuf sei, stand für sie der Entschluss fest, umzusatteln. In Gregor Rasch fand sie einen Lehrmeister, der sie als nicht erlauben, aber gerade das beglückt sie an ihrem Beruf: „Es ist wie mit dem Konditor und der Buttercremetorte. Er ist Herr über seine Tülle, da darf auch nichts schiefgehen. Das Keilen ist ein ganz anderer Vorgang als das Sägen, man kann den Stein nicht einfach durchsägen, sondern das Sägeblatt darf sich nur wenig absenken. Es funktioniert allerdings hundertprozentig, während das Keilen unberechenbar ist und viel mehr von der eigenen Physis eingeht, weil ich den Keil richtig bedienen muss. Sägen und Schleifen sind präzise vorauszuplanen, heute gibt es computergesteuerte Sägen, doch dadurch geht der Bezug zum Stein verloren, er wird zum beliebigen Material. Ich arbeite viel mit dem Drucklufthammer per Kompressor. Mit der Flex kann ich nichts anfangen, weil sie schnurgerade Schnitte macht. Meine Arbeit lebt von der Kombination verschiedener Verfahren. Das Keilen bedingt den Drucklufthammer – so bleibt es spannend!“

„Man ist viel allein, wenn man sich mit großen Steinen abgibt“

Blick aus dem Garten mit Travertinstelen, links, auf das bergische Fachwerkhaus Frau, Irish Limestone

Wie kommt eine Frau auf die Idee, eine Steinbildhauerlehre zu machen? Manchmal sind gerade die Umwege aufschlussreich. Christiane Püttmanns Eltern hatten eine Teppichweberei. Aus den Wollfäden gestaltete das Kind Puppen – zum Entsetzen der Eltern, die ihre Tochter zu einer Lehre in die Apotheke der Tante schickten. Diese merkte schnell, dass sich die Nichte nicht mit oberflächlichem Wissen zufriedengeben wollte, und erreichte, dass sie eine Ausbildung als pharmazeutisch-technische Assistentin antreten konnte. Christiane Püttmann zog diese Lehre durch, auch wenn ihr das Lernen chemischer Formeln schwerfiel. Aber ins Detail zu gehen, auf den Grund der Dinge zu schauen, entsprach ihrer Wissbegier. Dennoch fühlte sie sich unausgefüllt, auch während sie an verschiedenen Apotheken arbeitete. Ständig war sie künstlerisch tätig und modellierte mit Makulatur und anderen Materialien, bis ihr ganz 63


Frau ohne Vorbehalte akzeptierte, er war sogar so großzügig, ihr in der Werkstatt einen Platz zu überlassen, an dem sie arbeiten konnte, solange sie wollte, nachdem um Punkt fünf Uhr der letzte offizielle Hammerschlag gefallen war. Sie allerdings musste sich in der Männerwelt erst zurechtfinden, und ihr wurde klar: „Man ist viel allein, wenn man sich mit großen Steinen abgibt.“ Christiane Püttmann ist Realistin: „Fensterbänke und Arbeitsplatten, das war nicht meins. Aber Grabsteine mache ich furchtbar gern!“ Es hat dann einige Jahre mit mehrfachen Umzügen gegeben, bis sie den Mut hatte, sich selbstständig zu machen. 2015 schließlich konnte Christiane Püttmann auf dem Küllenhahn ein sehr altes bergisches Schieferhäuschen mit grünen Fensterläden und einem verwilderten Garten beziehen. Das Haus steht voll von größeren und kleinen Skulpturen, und an dem ansteigenden Hang hinter dem Haus hat sie einen Skulpturengarten angelegt, der sich ständig verändert. Konflikte mit dem Kunstmarkt hat sie nicht, ihre Skulpturen zeigt sie regelmäßig bei einen Tag der offenen Tür: „Da kommen die Leute und ‚begreifen’ meine Arbeiten oder erteilen Aufträge, was übrigens immer ein Wagnis ist. Ich habe meine Schiene gefunden und bin zufrieden.“

„Das Gärtnern ist über mich gekommen wie die Steine“ „Drachen“, Holz, Gras, Farbe

Wasserspeier, Muschelkalk, Kupfer, Ausschnitt

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„Für mich ist der Garten wie eine Skulptur, die sich ständig verändert.“ Pflanzen kommen und gehen, verändern ihren Wuchs und ihre Standorte. Das Gärtnern gibt der Bildhauerin das „Herumgefühl“ wie beim Erschaffen ihrer Skulpturen: „An den Garten gehe ich nicht anders heran als an ein Gesicht.“ Ihre Arbeiten und die Natur gehen eine Symbiose ein, steinerne Köpfe speien Wasser, steinerne Blumen stehen zwischen Büschen, zwischen den Stauden verstecken sich kleine Häuser, oder Fische scheinen durch die Gräser zu schwimmen. Besonders einfallsreich sind die „Drachen“, die ich schon im letzten Sommer bestaunt habe: Zugespitzte größere Holzpfähle sind so in den Rasen eingesteckt, dass sie aussehen wie überdimensionierte Igel, die im Gras hausen. Monate später moderte das Holz bereits, und das wuchernde Gras machte sich durch die Stacheln breit. Jetzt, im Winter, sehe ich, dass die Bildhauerin bei einem dieser Drachen kurzerhand die Holzpfähle durch steinerne Spitzen ersetzt hat, wodurch ihm vorläufige Unsterblichkeit garantiert ist.


Immer mehr entdeckt Christiane Püttmann für sich die skulpturalen Qualitäten des Wassers, das sie, entsprechend der Topografie des hügeligen Gartens mit seinen zahllosen Mauern und Mäuerchen, in die verschiedensten Gefäße leitet. Zahlreiche Varianten von Brunnen sind entstanden mit verschiedensten Wasserspeiern, die unterschiedlich spucken. Das Fließgeräusch wird als „Geräuschklang“ wahrgenommen und absorbiert die Geräusche der Straße. Den Garten braucht Christiane Püttmann auch, weil er für sie einen lebendigen Kontrast zum Stein darstellt: „Ich schaue den Garten an wie eine Komposition.“

„Blüte“, Basaltlava, Blattgold, Ausschnitt

„Ich muss dem Material gerecht werden“ So schließt sich der Kreis; auch Steine sind weder tot noch ewig, sondern: „Jeder Stein ist eben anders, wie die Menschen, und verändert sich im Laufe des Lebens.“ Das fundierte Wissen über „ihr“ Material hat Christiane Püttmann in der Auseinandersetzung mit der Chemie und in ihrer Lehre als Steinbildhauerin gelernt: „Es genügt nicht, eine Arbeit herzustellen, sondern man muss wissen, wie man einen 200-Kilo-Sockel bewegt, wo er platziert werden kann und wie er sich im Laufe der Zeit verhalten wird.“ Darüber muss man sich bereits bei der Auswahl der Steine Gedanken machen: „Basalt ist ein sehr poröses Lavagestein, das man z. B. in der Eifel findet. Es kann Patina ansetzten, und in den Poren kann Gras wachsen. Auch Anröchter Dolomit kann eine schöne Patina bekommen, je nachdem, wo er aufgestellt wird, wie die Lichtverhältnisse sind und welche Pflanzen ihn umgeben. Er hat sehr verschiedene Farben und lässt sich gut bearbeiten.“ Muschelkalk findet die Bildhauerin bei Würzburg: „Er hat eine helle Farbe und eine schöne Wärme. Wenn man ihn bearbeitet, duftet er noch nach dem Meer, aus dem er vor Jahrmillionen entstanden ist. Je nach Standort und Behandlung kann er sich stark verändern. Flechten und Moose vergesellschaften sich gern mit Muschelkalk, wenn man ihn vor sich hinwuseln lässt. Marmor hingegen ist zickig. Man muss sehr vorsichtig sein, er merkt sich alles! Steinmetzmäßiges Bearbeiten nimmt er übel, er merkt sich Grobheiten. Es können sich Risse bilden, die beim Schleifen hervortreten, da kann dann Feuchtigkeit eindringen, die bei Frost zu Abplatzungen führt. Ich darf dem Stein nichts aufzwingen, was nicht in ihm ist. Ich bin Steinbildhauerin, ich arbeite mit der Masse Stein und muss dem Material gerecht werden – ohne Umwege.“ Marlene Baum Fotos: Willi Barczat „Frauen mit Hut“, verschiedene Natursteine

„Fuchsstola“, Diabas, Stahl

Christiane Püttmann Bildhauerin Skulpturengarten und Ausstellungsraum Küllenhahner Straße 232, 42349 Wuppertal Tel.: 0202 29997897, mobil: 0175 4678665 geöffnet: freitags von 17 bis 19 Uhr, samstags von 13 bis 17 Uhr und gerne nach Vereinbarung www.chr-puettmann.de

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Fritz Gerwinn stellt vor:

World Wide Wunderkammer Im Mai 2020 ist Holger Noltzes neues Buch erschienen, wichtig für alle Kulturinteressierte, die dem Internet in dieser Hinsicht noch mehr oder weniger misstrauen. Er schloss das Buch am ersten Tag des Lockdowns ab. Die CoronaEinschränkungen haben das Internet in den Vordergrund gerückt, das steigert die Aktualität des Buches aber noch mehr. World Wide Wunderkammer ist die Fortsetzung des Buches Die Leichtigkeitslüge von 2010, nach wie vor sehr lesenswert. Darin bespricht Noltze, wie Kunst, vor allem Musik, heute vermittelt wird, und schlägt vor, statt der Produktion von Häppchen die Nährwerte von Kunst und ästhetischer Erfahrung neu zu entdecken, tiefer zu graben. Wer das tut, kann dabei „spielerischsinnlich und höchst unterhaltsam etwas Wesentliches üben: den furchtlosen Umgang mit Komplexität.

Holger Noltze, Professor in Dortmund, weiß genau, wovon er redet. Eins seiner Hautthemen ist die Musikvermittlung, was er auch als Mitbegründer der Website www.takt1 vermittelt. Das neue Buch ist so vielschichtig und reich an Aspekten, dass vieles nur angedeutet werden kann. Trotz aller Komplexität ist es griffig formuliert. Das neue Buch trägt den Untertitel Ästhetische Erfahrung in der digitalen Revolution. Gefragt wird, was im Internet in kulturell-ästhetischer Hinsicht passiert und wie man dort in tiefere Schichten vordringen kann. Zwei Kapitel dienen der Bestandsaufnahme, es wird analysiert und problematisiert. Im letzten Kapitel folgen Vorschläge für einen besseren Umgang mit dem Internet. Im Vorwort stellt Noltze fest, dass die Digitalisierung sehr wirksam ist, aber die Gefahr der Reduktion von Komplexität birgt. Er will fragen, was das Internet mit dem „guten 66

Inhalt“ macht, wie sich die Art der ästhetischen Erfahrung dadurch verändert. „Wir haben das Internet als Ort und Medium ästhetischer Erfahrung noch nicht verstanden ... und überlassen aus Überforderung, Bequemlichkeit und Ignoranz den clickbait-Populisten und selbsternannten Web-Gurus das Feld.“ Er will die Bedeutung der neuen technischen Möglichkeiten für die ästhetische Erfahrung erkunden, nach der qualitativen Dimension der Beschäftigung mit Kultur fragen. Angedeutet wird hier schon, was später breiter ausgeführt wird: er regt an in der digitalen Welt eine Wunderkammer einzurichten (so eine gab es auch schon bei Petrosilius Zwackelmann), als einen begrenzten Ort, an dem man alles für sich selbst Interessante zusammenträgt, Verschiedenstes nebeneinander. Welche Meinungen über das Internet im öffentlichen Raum kursieren, wird im 1. Teil, Kritik der digitalen Dummheit, referiert und z.T. zitiert. Beispiel: „Nicht die digitalen Medien befördern den Analphabetismus, sondern umgekehrt: Analphabetismus verhindert, digitale Medien kritisch und selektiv zu benutzen.“ (Flaschlehner) Auch wird dargestellt, dass es nichts nutzt, wenn in allen Schulen tatsächlich Geräte stehen würden, „denn: erstens muss der Umgang mit dem neuen smarten Zeug erst gelernt, zweitens ein Sinn dafür entwickelt werden, wann es überhaupt nützlich ist und wann nicht.“ Noltze schildert auch seine massive Fremderfahrung von der gamescom, wo junge Männer vornehmlich ballerten, für tiefer gehende Dinge taub waren. Interessanterweise deckt sich seine Erfahrung hier mit der Meinung der Digitalexpertin Verena Pausder, die diese in der Sendung „hart aber fair“ vom 25. Mai 2020 äußerte: „digital natives“ seien in den meisten Fällen lediglich „digital consuments“. Wenn das digitale Gerät wie ein Gameboy benutzt wird, habe es keinen Wert. Beim Surfen nach kulturorientierten Websites stößt der Autor auf eine immense Fehler-Unkultur. Viele, aber nicht alle Surfergebnisse kommen schlecht weg, zumal die von großen Firmen: zu kurz, zu knapp, wenig Tiefgang. Positiv herausgehoben wird der Auftritt des Frankfurter StädelMuseums. Es erfüllt in hervorragender Weise den Auftrag, Kunst als Medium ästhetischer Erfahrung und Erkenntnis öffentlich zu machen, auch durch die Tiefe der redaktionellen und kuratorischen Arbeit.


Was macht Streaming mit dem „guten Inhalt“? Das wird im 2. Teil, Neulandvermessung: Transformationen, ausführlich behandelt. Gefragt wird u.a. nach dem Wert von Musik. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass die „Erlöse aus dem neuen Streaming-Geschäft … auf Kosten der Künstler“ gehen. Streaming ist zu billig, weil es der gnadenlosen Marktlogik folgt. Youtube wird als gewaltiger Lagerraum gesehen, der „überwiegend Gerümpel, aber auch wertvolle Inhalte und echte Fundstücke“ enthält, anerkennend wird jedoch auch geäußert, dass Youtube inzwischen als zentraler Lernort für Jugendliche funktioniert. Die Suchwerkzeuge der Streamingdienste hat er überprüft und kommt zu dem Ergebnis, dass sie „oft mangelhaft und … das Gegenteil von Hilfe“ sind. Musikpräferenzen werden in eher dummer Weise schubladisiert, auch von KlassikPlattformen. So entsteht ein „Tapeteneinerlei“, Musik wird zur niederschwelligen Stimmungsstimulans. Was geht? Aussichten ins Freie heißt das dritte Kapitel. Neben eigenen Vorschlägen werden auch kluge Gedanken anderer Autoren integriert. Konstatiert wird zuerst einmal, dass wir keine Aussicht auf Entnetzung haben, das Digitale hat alle Lebensbereiche durchdrungen, dabei, „nach einer kurzen Phase der Menschheitsbeglückungsutopien und -euphorien“, auch viel Schlechtes produziert. Wir sollten uns deshalb auf die Frage konzentrieren: Was im schon durch seinen Umfang erstickenden Netz funktioniert als Vermittlungsinstanz ästhetischer Erfahrung?

Da nach Michael Bhaskar kluges Management der Auswahl ein Geschäftsmodell der Zukunft ist, rückt ein neuer Begriff ins Zentrum: Curation. Noltze bezieht sich auf den Autor Hans Ulrich Obrist, „Mastermind“ in Theorie und Praxis des Kuratierens. Der definiert das so: „Man könnte das Kuratieren als den Versuch einer Art kulturellen Befruchtung oder als eine Form der Kartographie bezeichnen, die neue Wege durch eine Stadt, eine Kultur oder eine Welt eröffnet.“ Dadurch kann man „Verbindungen schaffen, verschiedene Elemente sich berühren lassen, selbst wenn die Wirkung nicht absehbar ist.“ Im kuratorischen Handeln sind größere Zusammenhänge in den Blick zu nehmen, es soll Expertise sein, die über Alltagserfahrungen hinausgeht. Kuratierung bedeutet auch Auswahl von Qualität aus einer Überfülle des Mittelmäßigen, beinhaltet zudem auch kluge Kontextualisierung, muss die Verlinkungslogik des Netzes klug und intelligent nutzen. So kann es passieren, dass ein Einzelding, in einem größeren Zusammenhang verortet,

plötzlich unvermutet mehr Übersicht schafft. Logisch, dass künstliche Intelligenz hier nichts zu suchen hat. Angesichts der aus kommerziellen Interessen zunehmenden Irrelevanz der Suchergebnislisten ist ein Bedürfnis nach verfeinerter Filterung vorhanden, die alles ausschließt, was nicht dazu gehört und deshalb von Überfülle entlastet. Die notwendige Entwicklung läuft auf thematische Plattformen und Portale hinaus, wer darin kuratiert, muss selbst eine Übersicht haben (keine KI!). Qualitätskriterium ist Unabhängigkeit, aufrichtige Subjektivität besiegt die falsche Objektivität der Algorhythmen. Gerade dann, wenn Kunst ihre Mittel verdichtet, ist die oder der Kuratorierende wichtig als Agentin/ Agent einer gesteigerten Komplexitätstoleranz. Die Entdeckung der Langsamkeit kann dann auch im Digitalen stattfinden, indem man auf vielfältigen Wegen die Wahrnehmung vertiefen und den Blick fürs Detail schärfen kann. Und da neue Technik selten tiefer geht, sollte man sich davon nicht überfahren lassen. Der Blick auf den Inhalt, vor allem dann, wenn Kunst als Kunst des Andersdenkens erscheint, ist letztlich entscheidend. In diesem Sinne ist es möglich, sich eine jeweils eigene Wunderkammer im Internet einzurichten. Wunderkammern gab es schon im 17. und 18. Jahrhundert, hatten den Sinn, „Ordnung im Kleinen zu entwerfen, als Erklärungsmuster für das Große. … Die Wände der Kammer geben im Kleinen eine Ahnung von den größeren Zusammenhängen.“ Und als plötzliche Entdeckung: „Gelegentlich kann man aber auch durch Wände gehen.“ Wunderkammern wollen die Dinge und das Wissen der Welt ordnen und verfügbar machen. Man kann aber darin auch „schwelgen, ohne zu verstehen“, den nicht sofort zu verstehenden Phänomenen mit Offenheit begegnen. Noltze ist vorsichtig optimistisch. Man sollte unverdrossen daran glauben, „dass die Erfahrung von Kunst doch mehr ist als ein schönes Extra, sondern eine wesentliche Ressource für ein rares und empfindliches Gut: Sinn nämlich.“ Gute Inhalte versprechen Tiefe, werden immer wertvoller, vor allem angesichts trostloser industrieller Unterhaltungsangebote. Corona macht die Evidenz der digitalen Revolution dramatisch deutlich. Es liegt an uns, wie wir, auch im ästhetischen Bereich, damit umgehen. Wunderkammern könnten da helfen. Und viele andere Überlegungen, die in diesem Buch zu finden sind. www.koerber-stiftung.de/publikationen/edition 67


Michael Bird (Hg.),

Richard Shiff (Hg.),

Lynn Chadwick,

Joel Shapiro,

A Sculptor on the International Stage,

Sculpture and Works on Paper 1969-2019,

englisch, 232 Seiten mit 136 Farb-

englisch, 224 Seiten mit

und 87 s/w-Abbildungen, gebunden

267 Farb- und 34 s/w-Abbildungen,

mit Schutzumschlag, 30 x 24 cm,

gebunden mit Schutzumschlag, 30 x 24 cm,

Scheidegger & Spiess, 68,- €

Scheidegger & Spiess, 77,- €

Neue Kunstbücher vorgestellt von Thomas Hirsch

Skulptur im Prozess Lynn Chadwick ist im hiesigen Kunstbetrieb ein Mann der Stunde – Tony Cragg hat seine Qualitäten schon vor fünf Jahren erkannt, als er sein Werk im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal gezeigt hat. Im Jahr davor fand bei Blain|Southern in Berlin Chadwicks erste Einzelausstellung in Deutschland seit 48 Jahren statt. Aber erst nach der Schau in Wuppertal erschien seine Monografie im renommierten Verlag Scheidegger & Spiess in Zürich, dann folgte die gemeinsame Ausstellung mit Hans Uhlmann und Katja Strunz im Haus am Waldsee in Berlin, und derzeit ist Chadwick allein umfassend im Lehmbruck Museum in Duisburg ausgestellt. Es wäre zu einfach, auf die Mechanismen der Sensation zu verweisen, wonach eines auf das andere folgt. In seiner Heimat England war der Bildhauer immer eine große Nummer, auch in den Niederlanden mit der dortigen Bildhauertradition wurde er kontinuierlich rezipiert. Lynn Chadwick (1914-2003) gehört zu der Generation in England, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Fußstapfen von Barbara Hepworth und vor allem Henry Moore trat. Wo Moore in einer voluminös organischen Formensprache fortgesetztes Wachstum symbolisiert, verleiht Chadwick mit den in etwa Gleichaltrigen Ken Armitage und Reg Butler der menschlichen Figur eine Verletztheit und Fragilität, auch eine existenzielle Verlorenheit. Zumal in Paaren oder Figurengruppen ist die geistige Verfasstheit angesprochen. Mit solchen Eisen- und Bronzeplastiken bespielte Chadwick 1956 den englischen Pavillon auf der Biennale Venedig, dreimal war er Teilnehmer der documenta. Kennzeichnend für sein Hauptwerk, das auch horizontale 68

Tierwesen umfasst und so erst recht Geschöpfe meint, ist die Vitalität der oft aufgerauten Oberfläche; das Extrovertierte und Introvertierte zugleich, konturiert oder durchsetzt von (glänzenden) Dreiecksformen und ausgesparten Kreisen, worin mitunter die Gefahr der Eleganz und damit des Kitschs lauert. Was Tony Cragg als Kurator der Ausstellung im Skulpturenpark Waldfrieden umschifft hat – in der Monografie, die eben fast das gesamte Werk und auch die Papierarbeiten umfasst, lässt sich die Abbildung dieser Skulpturen nicht vermeiden. Neben dem umfangreichen Essay von Michael Bird aber liegt die Qualität des Buches darin, die Skulpturen in ihrer Intensität zu vermitteln, etwa durch verschiedene Ansichten. Man kann nur froh über diese typografisch klare Publikation sein. Ähnliches lässt sich über die (leider ebenfalls nur in Englisch vorliegende) Monografie zu Joel Shapiro festhalten. Auch sie ist pickepackevoll mit Abbildungen. Aber während dies bei Chadwick guttut, fehlt im Buch von Shapiro die ästhetische Ordnung. Und es verzichtet fast vollständig auf mehrere Ansichten, obwohl die Umquerung doch ein wesentliches Kennzeichen seiner Skulpturen in Holz, Bronze oder Eisen ist, die wie Marionetten von der Decke hängen oder als Stabile mit ihren puren Achsen in verschiedene Richtungen ausgreifen. Vor allem mit diesen ist der US-Amerikaner (geb. 1941) weltberühmt geworden: Sie handeln von der Figur und beschreiben das Ausbalancieren ihrer Extremitäten und damit unterschiedliche Körperhaltungen. In unserer näheren Umgebung ist der post-


Jon Wood, Julia Kelly (Hg.), Bunte Götter,

Zeitgenössische Skulptur,

Die Farben der Antike,

Künstlertexte und Interviews,

280 Seiten mit 390 Farbabbil-

488 Seiten mit 50 s/w-Abbildungen,

dungen, Hardcover, 30 x 24 cm,

Broschur, 24 x 16,8 cm,

Prestel, 49,- €

Hatje Cantz, 48,- €

minimalistische Künstler besonders durch seine Skulptur im Skulpturenpark Köln und seine Ausstellungen in der Galerie Greve und vielleicht noch seine Schau 2011 im Museum Ludwig in Köln bekannt. Die dortige Installation eröffnete übrigens exakt am selben Tag wie die Ausstellung von Tony Cragg im Museum Küppersmühle in Duisburg. - Retrospektive Ausstellungen oder Bücher bergen unweigerlich den Nachteil, schwächere Aspekte aufzudecken. Bei Shapiro, der als Maler begann, bevor er zur Skulptur wechselte, ist dies der Umgang mit Farbe. Natürlich lässt sich sagen, dass er mit den im Raum verspannten Farbbrettern Malinstallationen – begehbare Bilder – schafft und ein aufregendes Raumgefühl vermittelt, aber seine Leistung sind doch die monumentalen, in der Natur oder auf öffentlichen Plätzen in die Höhe wachsenden metallenen, materialfarbigen Skulpturen. In chronologischer Ordnung ist die Publikation ein dichtes Kompendium über fünf Jahrzehnte, das von einem Essay von Richard Shiff begleitet wird. Wie die Monografie von Chadwick ist das Buch bei Scheidegger & Spiess erschienen – das zeigt, was für ein derzeitiges Standing dieser Schweizer Verlag in der Kunstwelt besitzt. Lynn Chadwick und Joel Shapiro gehören – so unterschiedlich ihre Vita und ihr Werk sein mag – beide zu den Künstlern, die anhand der menschlichen Konstitution skulpturalen Gesetzmäßigkeiten wie der Schwerkraft, der Balance und der Verknappung folgen. Dazu gehört bei beiden nicht die Farbe: Sie ist ein Kennzeichen realistischer Figuration. Das beginnt schon im Altertum. Das Buch „Bunte Götter“, das die aktuelle Ausstellung im Liebieghaus in Frankfurt am Main begleitet, ist dafür ein Referenzwerk. Es ist ein Fachbuch – wer hier ein opulent bebildertes Buch erwarten würde, würde ein Bilderbuch erwarten, das es nicht geben kann, denn das Buch ist eine Realutopie der Archäologie.

Es ist ein Paradoxon: Es rekonstruiert die Farben der Skulpturen u.a. der römischen, griechischen und ägyptischen Antike, die verwittert und folglich heute unsichtbar sind. Noch bis vor Kurzem dachte man, die Skulpturen in Marmor oder Bronze hätten auf Farbe verzichtet – mitnichten. Vorgestellt werden verschiedene Forschungsprojekte, die die naturalistische Farbigkeit der Kleider, der Haut, der Haare aufgrund winziger Partikel rekonstruieren und die minutiöse Durcharbeitung der Oberflächen bestätigen. Das Buch zeigt dazu farbige Skulpturen, die es nicht gibt. Spannend und sogar für den Diskurs über Farbe in der zeitgenössischen Kunst inspirierend! Passend ist dazu in diesen Wochen ein handliches Buch erschienen, das dem Wesen der jüngeren Skulptur auf der Spur ist: „Zeitgenössische Skulptur – Künstlertexte und Interviews“. Es versammelt insgesamt 50 Texte von überwiegend renommierten Bildhauerinnen und Bildhauern bzw. plastisch arbeitenden Künstlerinnen und Künstlern, darunter Tony Cragg, dessen Cragg Foundation Mitherausgeber ist. Die Texte umspannen ein Vierteljahrhundert, und sie sind in verschiedenen Formen abgefasst, als Statements oder – überwiegend – Interviews. Also, es geht um Skulptur und darum, ob es sie noch heute gibt, welchen Prinzipien sie folgt, was ihre hervorstechenden Eigenschaften sind, und es geht schließlich auch den verschiedenen Positionen auf den Grund. Das ist dann übrigens auch eine Bereicherung gegenüber der verwandten älteren Sammlung von Bildhauertheorien von Eduard Trier oder den versammelten Manifesten und Statements in der Sammlung von Charles Harrison und Paul Wood. Schade nur, dass die Künstlerinnen und Künstler mit lediglich einer Abbildung in Schwarz-Weiß vorgestellt werden. Aber hilft dieser Verzicht nicht vielleicht bei der Konzentration auf das übergreifend Wesentliche? 69


Paragrafenreiter

Kann ich mit der Erziehung eines vielversprechenden Kaufmannssohns Steuern sparen?

Na klar – allerdings nur solange sich der Junge nicht für politische Ökonomie interessiert. Friedrich Engels senior jedenfalls hatte 22 Jahre lang nicht nur einen gehorsamen Sohn, auf den er stolz sein konnte, sondern sogar das ideale Kind im Sinne heutigen Steuerrechts. Mit Jung Friedrich hätte sein Vater so ziemlich jeden Kinder- und Ausbildungsfreibetrag mitnehmen können. Erst als der Junior eigene Vorstellungen von seinem und dem Leben von Arbeiterklasse und Bürgertum entwickelte, ging‘s mit dem Einverständnis und den Freibeträgen bergab.

Aber der Reihe nach: Bis zu Friedrichs 18. Lebens-

Nach dem Abschluss seiner Ausbildung leistete Friedrich bis zu seinem 22. Lebensjahr in Berlin seinen Militärdienst ab – jedenfalls manchmal. Häufiger hörte er sich Vorlesungen zur Philosophie an der Berliner Universität an. Seine Sympathie und sein Verständnis für seinen Vater wurden geringer, die von diesem ansetzbaren Freibeträge auch. Für die Zeit der militärischen Grundausbildung hätte Engels senior noch einen Kinderfreibetrag geltend machen können, spätestens bei der Zweitausbildung – dem Studium nach vorheriger praktischer Ausbildung – wäre der Kinderfreibetrag endgültig entfallen.

jahr herrschte im Kinderzimmer und hätte in der Steuererklärung eitel Sonnenschein geherrscht. Friedrich ging zur Schule und lernte fleißig. Zu fleißig, wenn es nach seinem Vater ging. Friedrich wollte studieren, sein Vater wollte nichts anderes als einen Nachfolger im Geschäft, weshalb er seinen Sohn schon mit 17 vom Gymnasium in Elberfeld nahm. Steuerlich hätte er damit nichts falsch gemacht, einen Kinderfreibetrag gibt es bis zur Vollendung des 18. Lebensjahrs in jedem Fall, gleichgültig, ob das Kind zur Schule geht, eine Ausbildung macht oder studiert.

Und mit Friedrichs 22. Geburtstag war dann eh alles vorbei. Der Kinderfreibetrag war weg, Engels traf Marx und entschied sich (vorübergehend), lieber zusammen mit seinem Kumpel Karl die politische Ökonomie nach vorne zu bringen als zusammen mit seinem Vater die Firma Ermen & Engels.

Statt Schule und Studium musste Friedrich bis zu seinem 18. Lebensjahr im Unternehmen seines Vaters und danach bis zu seinem 21. Lebensjahr im Geschäft eines befreundeten Kaufmanns in Bremen eine Ausbildung zum Handlungsgehilfen machen. Er stellte sich dabei gar nicht dumm an, was seinen Vater damals stolz machte und ihm heute - zusätzlich zum Kinderfreibetrag - für die auswärtige Unterbringung eines volljährigen Kindes in Berufsausbildung auch noch einen Ausbildungsfreibetrag beschert hätte. Der Umzug nach Bremen war für Friedrich spannend, für seinen Vater wäre er heutzutage steuersparend gewesen.

Susanne Schäfer

70

Ab dann stellte sich für Friedrich eine neue Frage: Kann ich mit der Erfindung des wissenschaftlichen Sozialismus Steuer sparen? (Fortsetzung folgt)

Susanne Schäfer, Steuerberaterin, Geschäftsführerin der RINKE TREUHAND GmbH


Kulturtipps AUSSTELLUNGEN: Neuer Kunstverein Wuppertal

Friedrich + Ebert

Hofaue 51, 42103 Wuppertal

Galerie für zeitgenössische Kunst Friedrich-Ebert-Straße 236, 42117 Wuppertal

noch bis Sonntag, 9. August 2020

noch bis Samstag, 25. Juli 2020

Eine Ausstellungsreihe Der Neue Kunstverein Wuppertal ist seit dem 10. März 2020, bedingt durch die Pandemie, geschlossen, das reguläre Ausstellungsprogramm verschoben. Der 8. Mai 2020, der Jubiläumstag des Vereins, an dem sich seine Ausstellungstätigkeit zum zehnten Mal jährte, ist in dieser Zeit einfach verstrichen. Bis zur Wiedereröffnung, anlässlich des zehnjährigen Jubiläums am 14. August 2020, bleiben die Türen geschlossen. Und dennoch vergeht diese Zeit nicht ohne Kunst. Mit der Ausstellungsreihe „Sorry, geschlossen.“ zeigt der neue Kunstverein noch bis zum 9. August 2020 jeweils eine Woche eine Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern aus dem vergangenen Programm des Vereins. Perfekt und mit Distanz vom Foyer des Hauses durch die Scheiben der Tür zu sehen, ist diese neue Schaufenstersituation eine Herausforderung für die Künstlerinnen und Künstler geworden. Mit neuen Arbeiten thematisieren sie zuweilen diese ungewöhnliche Situation. Mit der Ausstellungsreihe „Sorry, geschlossen.“ erinnert der Verein an das Jubiläum, die spannenden vergangenen zehn Jahre und zeigt neue Entwicklungen der Künstlerinnen und Künstler. In der Ausstellungsreihe „Sorry, geschlossen.“ sind zu sehen: Montag, 29. Juni, bis Sonntag, 5. Juli 2020 Steffen Junghans Montag, 6., bis Sonntag, 12. Juli 2020 Benjamin Nachtwey Montag, 13., bis Sonntag, 19. Juli 2020 Svenja Wichmann und Denzel Tristan Russell Montag, 20., bis Sonntag, 26. Juli 2020 Manuel Gröger Montag, 27. Juli, bis Sonntag, 2. August 2020 Nicola Schrudde und Michael Seeling Montag, 3., bis Sonntag, 9. August 2020 Cordula Sauer

Ferdinand Uptmoor Gezeigt werden neue Arbeiten des in Düsseldorf lebenden Malers Ferdinand Uptmoor. Der 1984 im niedersächsischen Bersenbrück geborene Meisterschüler von Cornelius Völker präsentiert realistisch anmutende Szenerien, die zwar präzise, aber doch mit leichter Geste umgesetzt sind. Die Motive, vordergründig von einer humorvollen Haltung getragen, offenbaren auf den zweiten Blick die Absurdität gesellschaftlicher Gegebenheiten. So gelingen ihm Kunststücke, die sowohl ein weites Theoriefeld eröffnen als auch Malerei an sich in hochattraktiver Form thematisieren.

Sorry, geschlossen.

Einige kleinere Brände

Öffnungszeiten: Samstag von 12 bis 16 Uhr sowie nach Terminvereinbarung Bitte bringen Sie eine Maske mit. Mail: galerie@friedrichundebert.de, Tel.: 0178 143 33 63 facebook.com/friedrichundebert instagram.com/friedrichundebert friedrich-ebert.de

Zu sehen vom Foyer des Hauses, Eingang des Kunstvereins Montag bis Freitag von 7 bis 19 Uhr Samstag von 8 bis 15 Uhr, an allen übrigen Zeiten durch die Fenster des Kunstvereins. neuer-kunstverein-wuppertal.de 71


Botanischer Garten auf der Hardt Elisenhöhe 1, 42107 Wuppertal Sonntag, 19. Juli, bis Sonntag, 27. September 2020

9. Skulpturenprojekt Hardt

Künstlerinnen und Künstler: Johanna K Becker, Christian Gode, Clemens Botho Goldbach, Justyna Janetzek, Valerie Krause, Anastasia Pusch, Mira Sasse, Marten Schech, Katja Tönnissen und Nartur Kunstgruppe (Moritz Neuhoff, Henning Bischof, Nils Leimkühler, Stefan Wiesnau) Organisation: Jaana Caspary, Jonas Hohnke, Charlotte Perrin mit der Unterstützung vom Verein der Freunde und Förderer des Botanischen Gartens Wuppertal e. V

Eröffnung: Sonntag, 19. Juli 2020, ab 11 Uhr Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, von 7.30 bis 19 Uhr samstags, sonntags und an Feiertagen von 9 bis 19 Uhr Finissage: Sonntag, 27. Juli 2020 Sophia Hose, 2018, Jalousie

Universitätsgalerie Oktogon Wormser Straße 55, 42119 Wuppertal Klophauspark

Einzelausstellung von Sophia Hose Eröffnung: Samstag, 19. September 2020, von 14 bis 18 Uhr Öffnungszeiten jeweils sonntags von 14 bis 17 Uhr 20. September, 11. Oktober, 8. November und Samstag, 12. Dezember 2020 Finissage: Sonntag, 13. Dezember 2020, von 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung unter oktogon@uni-wuppertal.de Sophia Hose greift in ihren Installationen, Videos und grafischen Arbeiten Ansichten und Orte des Alltags auf. Sie entwirft verschiedene Perspektiven auf das Innen und Außen sowie auf deren Konstruktion und Begrenzung. Wiederkehrende Fragestellungen in ihren Arbeiten lauten: Was macht einen Ort aus? Wie ist es möglich, einen Ort, seine Idee, seine Atmosphäre zu transportieren, ohne ihn zu kopieren und zu wiederholen? Wie entsteht dieser Raum? In ihrer Arbeit werden Formen, Oberflächen und Objekte transformiert, um in einem anderen Kontext, wie in einem Stillleben, eine alternative, unaufgeregte Geschichte des Alltags zu erzählen. Sophia Hose studierte freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste Dresden bei Martin Honert, der Faculdade Belas Artes in Porto und ist seit 2018 an der Kunstakademie Düsseldorf in der Klasse von Franka Hörnschemeyer. oktogon-wuppertal.de 72

In diesem Sommer findet wieder die Kunstausstellung im Botanischen Garten in Wuppertal statt. 13 Künstlerinnen und Künstler aus dem Bergischen Land, Düsseldorf sowie aus den Regionen Rheinland, Münsterland, dem Ruhrgebiet und Berlin sind mit dabei. Die Ausstellung im Freien bietet sowohl einen Dialog zwischen Natur und Kunst als auch den Besuchenden einen Einblick in die aktuelle Kunst. Die bildhauerischen Interventionen sind größtenteils eigens für diesen Ort entwickelt. Die Künstlerinnen und Künstler nehmen innerhalb ihres Schaffens Bezug auf den besonderen Ort des Botanischen Gartens. www.skulpturenprojekt-hardt.de @skulpturenprojekt_hardt botanischer-garten-wuppertal.de


Die Stadt als Freiluftgalerie „Wenn die Menschen nicht zur Kunst können, muss die Kunst zu den Menschen gebracht werden“, sagten sich die Wuppertaler Künstler Frank N und Birgit Pardun und brachten in Hoch-Coronazeiten in Wuppertal gemeinsam mit ihren Kollegen Sabine Bohn und Andreas Komotzki die Aktion out and about auf den Weg. Auf zurzeit nicht für Werbung genutzten Plakatwänden, zur Verfügung gestellt von der Firma Ströer, zeigen Wuppertaler Künstlerinnen und Künstler ihre Werke. Begonnen hat das Ganze Ende April mit vier Kunstschaffenden, die 16 Plakatwände bespielten, im Juni waren es dann schon 100 Kreative und 170 Flächen. Die ganze Stadt wurde zur Freiluftgalerie: Mitten auf dem Grünstreifen, im Wohngebiet, an wunderschönen oder an ganz unvermuteten Stellen wie in einer Parkhauseinfahrt begegnet einem plötzlich Kunst auf zweieinhalb mal dreieinhalb Metern.

Literatur sei überflüssig, meinen selbst Dichter und Denker – und es stimmt: Sie fließt über die Ränder unserer kulturellen Gefäße, transportiert Antworten und Fragen, verbindet Regionen und Länder, stellt in ihrem Fließen Gegenwart dar. Das KARUSSELL legt in diesem besonderen Jahr – den Verhältnissen zum Trotz – zwei Themenhefte vor: Was wollen wir werden? (Nr. 12, Juni) und Unsere Kriege im Frieden (Nr. 13, November). Essay, Prosa, Lyrik und Kunst zum Thema; Broschur, 96 S., 12,– Fließen Sie mit und nicht davon! www.zeitschrift-karussell.de www.bergischerverlag.de/karussell (Shop)

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Ursprünglich bis Ende Juni terminiert, geht die großartige Aktion jetzt in die Verlängerung. „Die Plakate bleiben so lange hängen, bis die Wände wieder kommerziell gebucht werden“, erklärt Initiator Frank N „Insofern ist nach hinten hin alles offen. Es ist daher gar nicht unrealistisch, dass das ein oder andere Werk unserer Ausstellung auch noch im Oktober oder im November hängen wird.“ Es lohnt also, sich weiterhin auf die Suche zu machen. Eine aktualisierte Liste der Kunstwerke gibt es unter www.outandaboutkunstgehtraus.com. Alle Bilder der beteiligten Künstlerinnen und Künstler kann man als Originale in anderen Formaten und Materialien auch käuflich erwerben. Dabei spenden die Urheber 50 Prozent des Verkaufspreises an den Solidarfonds für Kulturschaffende in Wuppertal „EinTopf“. www.eintopfwuppertal.de

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Galerie Wroblowski Alleestraße 83, 42853 Remscheid

Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal

noch bis Samstag, 22. August 2020

Genügsamkeitsstraße, 42105 Wuppertal

Sommerträume

Werner Heinze, Strandspaziergang

Regina Thorne

Subtitel Für viele fällt die Urlaubsreise in diesem Sommer aus. Mit der Ausstellung „Sommerträume“ will die Galerie Wroblowski die Daheimgebliebenen entschädigen. Galerist Gerd Wroblowski zeigt Reise- und Sommerimpressionen verschiedener zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, darunter Werner Heinze, Katharina Lichtenscheidt, Oskar Koller, Bernd Zimmer und Victor Kraus. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 9.30 bis 18.30 Uhr, Samstag, 9 bis 16 Uhr, und zusätzlich am Sonntag, 5. Juli, von 14 bis 18 Uhr. galerie-wroblowski.de

galerie#23 Frohnstraße 3, 42555 Velbert-Lgb. noch bis Sonntag, 30. August 2020

Nicht Ohne!

Klaus Fabian Detlev Gregorcy Regina Thorne Termine nach Vereinbarung: Tel.: 02052 9258363 und 02052 4758 Seit zwei Jahren hat die Galerie einen Skulpturengarten, der nicht nur Kunst zeigt, sondern auch das Zusammenwachsen von Kunst mit Natur und Nutzgarten. Neben Blumen, die Insekten heranlocken, wächst und gedeiht auch Gemüse und Obst. Das Insektensterben ist das große Thema. Alle drei Künstler verfolgen die Absicht, mit der Ausstellung nicht nur ein gezieltes Galerie-Publikum anzusprechen, sondern alle Naturliebhaberinnen und -haber und diejenigen, die es noch werden wollen. galerie-23.de 74

Statt der üblichen öffentlichen Führungen bietet die Begegnungsstätte zurzeit Führungen für Familien und andere Wohngemeinschaften durch die Dauerausstellung an – während der allgemeinen Öffnungszeiten, aber auch außerhalb, z.B. am Vormittag oder am Abend. Eine Führung dauert ca. 60 Minuten und kostet 20 € (inkl. Eintritt). Sie kann auch von Einzelpersonen gebucht werden, der Tarif ist immer derselbe. Unter freiem Himmel lassen sich die Corona-Schutzbestimmungen leichter durchführen. Die Begegnungsstätte Alte Synagoge hat deshalb ein vielfältiges Programm mit Ortsterminen und historischen Stadtführungen zusammengestellt. Besonderer Service: Alle Teilnehmenden bekommen mittels eines individuellen Empfangsgerätes die Erläuterung „direkt aufs Ohr“. Los geht es am 5. Juli, 15 Uhr, mit Das braune Elberfeld. Weitere Termine führen u.a. zu den Jüdischen Friedhöfen, zum Polizeipräsidium, zur jüdischen Geschichte der Hofaue oder in den Ronsdorfer Stadtgarten. Alle Termine auf der Homepage. Noch ein neues Angebot: Die Bücher der Leihbibliothek der Begegnungsstätte kann man jetzt kostenlos ausleihen. Die seit über 25 Jahren gewachsene Bibliothek beinhaltet die Themen Wuppertaler Ortsgeschichte, bergische Regionalgeschichte, Nationalsozialismus und Holocaust, jüdische Geschichte und Religion, pädagogische Fachliteratur, Hilfsmittel für den Unterricht und vor allem eine große Sammlung an Kinder- und Jugendbüchern. alte-synagoge-wuppertal.de


Die Ausstellung 1:1 inszeniert dieses große Wiedersehen auf allen drei Etagen von Museum Morsbroich. In jedem Raum wird nur eine Arbeit ausgestellt und so der Rahmen für ebenso intensive wie exklusive Begegnungen geschaffen. Meet the art work: Treffen Sie unsere Werke persönlich und direkt, erleben Sie die Originale unmittelbar und live – ein Erlebnis! Mit Arbeiten von Richard Joseph Anuszkiewicz, Hella Berent, Rainer Gross, Katharina Grosse, Raymond Hains, Peter Hutchinson, Juergen Klauke, Sherrie Levine, Eva tom Moehlen, Robyn Page, A. R. Penck, Sigmar Polke, Norbert Prangenberg, David Rabinowitch, Gerhard Richter, JeanPaul Riopelle, Edward Ruscha, Nora Schattauer, Michael Schoenholtz, Ben Schonzeit, Ursula Schultze-Bluhm, Andreas Slominski, William Turnbull, Troels Wörsel und Remy Zaugg Fritz Emslander Kurator und kommissarischer Leiter von Museum Morsbroich

museum-morsbroich.de

Sherrie Levine, Hobbyhorse, 1996, gegossenes Aluminium, 68,5 x 88,9 x 48,3 cm

Museum Morsbroich

Kultur auf der Siegesstraße

Gustav-Heinemann-Straße 80, 51377 Leverkusen noch bis Sonntag, 30. August 2020

1:1 – Begegnung mit Originalen aus der Sammlung des Museums Morsbroich

„Kunst ist ein Versuch, dich einen halben Zentimeter über dem Boden schweben zu lassen.“ Yoko Ono Wenn wir nach Monaten des Entzugs (über den zahlreiche digitale Angebote nur mühsam hinwegtrösten konnten) endlich wieder das Museum betreten, spätestens dann wird uns klar, was uns gefehlt hat: das Original mit seiner unvergleichlichen Ausstrahlung, in seinem einzigartigen Hier und Jetzt! Das Kunstwerk als Gegenüber, das uns nach wie vor (auch im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit) mit seiner materiellen Präsenz packen kann und bezaubern, ästhetisch begeistern und emotional anrühren.

Aussetzung der Veranstaltungen Infolge der effektiven Umsetzung der Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19 Pandemie finden bis auf Weiteres keine Veranstaltungen in unserem Hause statt! Wir hoffen, dass Sie und Ihre Angehörigen gesund bleiben. Auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen in Ihrer laréna Eventlounge

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MUSIK: Peter Kowald Gesellschaft/ ort e. V. Luisenstraße 116, 42103 Wuppertal Donnerstag, 3. September 2020, 20 Uhr Duo Olsson/Rubin

„self titled“

Ein aufregendes Duo aus Skandinavien eröffnet die Herbst-Spielzeit im ort: Der Gitarrist Henrik Olsson und der Posaunist Ola Rubin sind zwei schwedische Improvisatoren mit Sitz in Kopenhagen und Malmö, die in ganz Europa in der experimentellen/improvisierten Szene aktiv sind. Mit unkonventionellen, erweiterten Spieltechniken führen sie das Klangspektrum ihrer Instrumente in neue, unvorhersehbare Bereiche. 2019 veröffentlichten sie ihr gemeinsames Album „self titled“ beim in Kopenhagen ansässigen Label Barefoot Records, welches das US-amerikanische Magazin All About Jazz als „eines der interessantesten neuen Labels im dänischen Jazz“ würdigte. Mittwoch, 9. September 2020, 20 Uhr

Soundtrips NRW:

Jošt & Vid Drašler, Slowenien. Gäste: Phillipe Micol Saxofon/Klarinette Sebastian Gramss Kontrabass Die neue Folge der erfolgreichen Reihe Soundtrips NRW bietet einen Einblick in die immer aktiver und präsenter werdende Szene des nördlichen Balkans. Die beiden Drašler-Brüder aus Ljubljana gehören zur jüngeren Generation improvisierender Musikerinnen und Musiker in Europa. Mit Kontrabass (Jošt) und Schlagzeug (Vid) wären sie im traditionellen Jazz eine Rhythmusgruppe, aber ihre musikalische Praxis in der improvisierten Musik geht weit darüber hinaus. Sie sind vor allem zwei jenseits konven76

tioneller instrumentaler Funktionszuweisung agierende musikalische Persönlichkeiten, die in konsequenter künstlerischer Forschung ihre eigene Klangsprache entwickelt haben. Freitag, 18. September 2020, 20 Uhr Duo FLUX – Florian Stadler Akkordeon Christina Fuchs Saxofon, Klarinette Der Akkordeonist Florian Stadler und die Saxofonistin, Klarinettistin und Komponistin Christina Fuchs sind ein musikalisches Paar, das seinesgleichen sucht. Mit Leichtigkeit und großer Intensität bewegen sie sich durch die eigene Welt ihrer Kompositionen – mit zusammenschmelzenden Klangstrukturen, filigranen Soundgeweben oder in freier, manchmal wilder, stets intensiv aufeinander bezogener Improvisation, mit atemberaubenden Wendungen von totaler Verschmelzung zu totaler Individualität. Ihr aufregendes Spiel wirkt mühelos, innig, lust- und humorvoll. kowald-ort.com

LITERATUR: Cafe ADA Wiesenstraße 6, 42105 Wuppertal Freitag, 28. August 2020, 19.30 Uhr

Literatur auf der Insel

Der Literatursalon im Café Ada Gast: Verena Güntner Gastgeber: Torsten Krug und Uta Atzpodien „Power“, der zweite Roman der Schriftstellerin Verena Güntner, im Februar dieses Jahres erschienen, gelangte auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. Er erzählt von einer Suche und einer Radikalisierung, von Schmerz und Verlustängsten. Über ihre eigenwillig kraftvolle

Verena Güntner

Sprache vermittelt Güntner mit großem Einfühlungsvermögen die aufrührerische Haltung der Protagonistin Kerze. Uns alle betreffende Fragen nach Orientierung in einer aus den Fugen geraten Welt werden laut. cafeada.de

www.stew.one Olaf Reitz liest Zellers Pest-Roman Auf dem Höhepunkt der AIDS-Epidemie veröffentlichte der Wuppertaler Schriftsteller Michael Zeller 1990 mit Der Wiedergänger seinen vierten Roman. Er erzählt die Geschichte der Pest, wie sie im Mittelalter in Europa grassierte und ein Viertel der gesamten Bevölkerung in den Tod riss. Die Corona-Pandemie verleiht dem Roman nun eine neue Gegenwärtigkeit. Erschreckend genau entsprechen die Ereignisse der mittelalterlichen Seuche, die der Autor vor Augen führt, der aktuellen Pandemie. Der Wuppertaler Rezitator Olaf Reitz liest über mehrere Wochen jeden Sonntagnachmittag, 15.30 Uhr, im Livestream auf der Wuppertaler Kulturplattform www.stew. one eine Folge aus dem Roman. Auf www.podcast.studio-kurzwelle.de kann man alle Folgen nachhören.


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Talflimmern-Publikum, © cinopsis

KINO: Alte Feuerwache, Innenhof Gathe 6, 42107 Wuppertal

Talflimmern Open-Air-Kino Wuppertal Auftakt am Wochenende Freitag, 3. Juli 2020, 22.30 Uhr Eröffnung: DJ-Set

Der Marathon-Mann

John Schlesinger Samstag, 4. Juli 2020, 22.30 Uhr Parasite, Bong Joon-ho Sonntag, 5. Juli 2020, 22.30 Uhr

Die Känguru-Chroniken Dani Levy

Am 4. Juni wurde das Betriebskonzept des Freiluftkinos Talflimmern im Innenhof der Alten Feuerwache an der Elberfelder Gathe vom Ordnungsamt Wuppertal genehmigt, nun geht das Sommerkino Anfang Juli an den Start – und die Betreiber blicken trotz Pandemie nach vorn. Die Auftaktveranstaltung am 3. Juli wird musikalisch eingeleitet von einem cinephilen DJ-Set des Wuppertaler Journalisten und DJs Dirk Domin, gefolgt vom Thriller-Klassiker „Der Marathon-Mann“ mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle. Über insgesamt sechs Wochen mit 23 Filmabenden bietet die Spielzeit 2020

den bewährten Talflimmern-Mix aus internationaler Filmkunst und anspruchsvollem Mainstream, darunter der koreanische Oscar-Abräumer Parasite, das mit Lolas überhäufte Sozialdrama Systemsprenger, Die Känguru-Chroniken nach den Texten von Marc-Uwe Kling, die Gangsterkomödie The Gentlemen und das Tarantino-Epos Once Upon a Time in Hollywood. Darüber hinaus wird es abermals einen Benefizabend zugunsten der Alten Feuerwache und insgesamt vier Previews geben. Besonders hervorzuheben ist hier der während der diesjährigen Berlinale von Kritikern in höchsten Tönen gelobte Dreistünder Berlin Alexanderplatz des afghanischstämmigen Nachwuchsregisseurs Burhan Qurbani. Keine Abendkasse! Tickets 2020 nur im Vorverkauf über die Website sowie an mehr als 20 Orten im gesamten bergischen Raum. talflimmern.de

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