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Chronik der Gemeinde

Reil

Die Geschichte eines Moseldorfes


Impressum: Herausgeber:

Ortsgemeinde Reil/Mosel

Copyright:

Ortsgemeinde Reil/Mosel

Gestaltung:

grafilogo, G端nter Barzen, 56861 Reil

Druck:

Prinz Druck, Idar-Oberstein

ISBN 978-3-00-028865-4 Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch darf nicht in Computersystemen gespeichert, 端bertragen und teilweise in Ausz端gen verwendet, elektronisch, magnetisch, reprotechnisch oder in irgendeiner anderen Form ohne Erlaubnis des Herausgebers vervielf辰ltigt werden.


Geleitwort Ortsbürgermeister: Artur Greis „In Büchern liegt die Seele gewesener Zeiten“, so sagte Thomas Carlyle einst und spielte damit sicher darauf an, dass Bücher neben ihrem Unterhaltungswert auch einen wichtigen Dokumentationswert für nachfolgende Generationen haben. Über unseren 1000-jährigen Weinort Reil gab es bisher eine zusammenfassende Darstellung in dem Buch „Reil, die Geschichte eines Moseldorfes“. Im Zuge der Feierlichkeiten zum 1000-jährigen Jubiläum unseres Heimatortes entstand in jahrelanger Arbeit nun eine ausführliche Chronik über vergangene Zeiten, die Menschen, ihre Lebens- und Wirtschaftsverhältnisse, die historischen Gebäude, die traditionsreichen Feste und das Alltagsleben in Reil. Diese Chronik mit ihren vielen Fotos aus vergangener Zeit spricht bei den älteren Generationen sicher viele Erinnerungen an die „gute alte Zeit“ an, und der eine oder andere kann sich im Bild wiederfinden. Der jüngeren Generation wird anschaulich, wie und unter welchen Bedingungen unsere Vorfahren gelebt haben. Gleichzeitig wird auch deutlich, wie stark sich das Ortsbild und das Leben in den letzten 50 bis 100 Jahren verändert hat. Damit leistet dieses Buch einen wichtigen Beitrag zur Wahrnehmung, Wahrung und Pflege unseres historischen Erbes und unserer Heimat. Ich begrüße es deshalb sehr, dass sich engagierte und sachkundige Bürgerinnen und Bürger in einem Arbeitskreis zusammengetan haben, um eine Chronik von Reil zu erstellen. Hauptinitiator war Karl Holländer, mit dem ich schon einige Jahre vor der 1000-Jahr-Feier unserer Gemeinde über die Herausgabe einer neuen Ortschronik gesprochen hatte. Leider verstarb Karl Holländer am 31. 03. 2008 und hinterließ eine große Lücke. Umso mehr gilt mein Dank dem Arbeitskreis, der die Chronik in seinem Sinne vollendet und ihm in ehrendem Andenken gewidmet hat. Die Bürgerinnen und Bürger von Reil können stolz sein auf ihr Dorf, auf seine Geschichte und auf den Ort, so wie er sich heute den Einheimischen und Besuchern präsentiert. Dies wird, nicht zuletzt, beim aufmerksamen Lesen der Chronik deutlich. Ich darf an dieser Stelle allen Mitbürgerinnen und Mitbürgern von Reil für ihre Bereitschaft danken, dass sie uns ihre wertvollen und zum Teil mit persönlichen Erinnerungen behafteten Fotos, Briefe und Dokumente überlassen haben. Mein Dank gilt Prof. Dr. Erwin Schaaf aus Kinderbeuern, der diese Chronik mit fachmännischem Rat und viel Engagement unterstützte. Sie alle haben durch ihre mühevolle und uneigennützige Arbeit dazu beigetragen, das Zusammengehörigkeitsgefühl unserer Dorfbewohner weiter zu stärken und zu fördern. Ich hoffe, dass die Reiler Chronik viele Freunde und Leser finden wird und wünsche Ihnen informative und unterhaltsame Stunden mit dem vorliegenden Buch. Artur Greis Ortsbürgermeister

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Inhaltsverzeichnis Impressum ............................................................................................................... 2 Geleitwort Ortsbürgermeister: Artur Greis ......................................................... 3 Grußwort Ministerpräsident: Kurt Beck ............................................................. 4 Grußwort Landrätin: Beate Läsch-Weber............................................................. 5 Grußwort Verbandsgemeindebürgermeister: Otto Maria Bastgen .................. 6 Vorwort der Autoren .............................................................................................. 7 In Memoriam - Karl Holländer .............................................................................. 9 Inhaltsverzeichnis .................................................................................................. 10

I.

Die urkundliche Ersterwähnung 1. Die Urkunde ....................................................................................................... 17 2. Der Name „Reil“ ............................................................................................... 19

II.

Naturraum, Orts- und Landschaftsbild 1. Der Naturraum....... .......................................................................................... 21 2. Besiedlung ........................................................................................................ 23 Anfänge des Ortes • Ortsgrenzen

III. Vor- Frühgeschichte und Antike um Reil ........................................... 33 IV. Reil im Mittelalter 1. Reil als Gemeinde des Kröver Reiches ........................................................... 39 Landesherrschaft • Die verfassungsrechtliche Grundlage • Die Gerichtsverfassung im Kröver Reich • Das Kröver Weistum

2. Die Bevölkerungsstruktur in Reil .................................................................... 46 Ritter und Knappen - niederer Adel • Die ritterbürtigen Familien in Reil • Die Familie „von Reil“• Die Familie „Spiegelberg von Reil“ • Gemeindsleute • Reichsdienstleute • St. Peters-Dienstleute • Bedeleute

3. Über die Anfänge der Pfarrei Reil .................................................................. 52 Drei Reiler Gotteshäuser • Reilkirch (Rylkirch) • Johanneskapelle • Die Kapelle auf dem Hof Mullay

4. Kirchliche Strukturen im Mittelalter ............................................................. 57 Kirchenzehnt - Pfarrzwang • Pfarrer-Leutpriester-Kirchenhelfer • Bruderschaften

5. Grundherrschaft und Wirtschaftssystem (Lehnswesen) ............................ 61 Lehnsbindungen des Adels • Lehnsbindungen der Gemeindsleute •Lehnsverträge - Hofweistum (Beispiel Hof Mullay)

6. Reiler Höfe ......................................................................................................... 65 Der Hof auf Reilkirchen-Ravengiersburger Hof-Kurpfälzischer Hof • Bewohner von Reilkirch • Höfe der Abtei Springiersbach • Der Hof „Mullay”• Brauweiler Hof-Nikolaushof-Sponheimer Hof • Klausener Hof - Alte Burg • Zehnthof-Domkapitularischer Hof • Weitere in Reil gelegene Höfe • Das Halfenhaus

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I. Die urkundliche Ersterwähnung 1. Die Urkunde Für die Geschichtswissenschaft beginnt das Bestehen eines Ortes offiziell mit dessen urkundlicher Ersterwähnung. Eine solche Urkunde über Reil ist im Staatsarchiv Darmstadt aufbewahrt. Das Ausstellungsdatum dieser königlichen Urkunde ist der 18. Mai 1008. Eine Kopie dieser Urkunde hat das Staatsarchiv der Gemeinde Reil zugestellt. Diese Reil betreffende Urkunde ist möglicherweise nur eine von mehreren Schriftstücken, die im frühen Mittelalter hinsichtlich Reil angefertigt worden sind. Es ist also als Zufall anzusehen, dass gerade diese Urkunde die Wirren der Zeit überdauert hat.

Gottfried Kortenkamp (I/1) hat den Wortlaut der Urkunde wie folgt ins Deutsche übersetzt: Im Namen der Heiligen und Unteilbaren Dreifaltigkeit. Heinrich, von Gottes Gnaden König. Allen Unseren Gläubigen, sowohl den gegenwärtigen als auch zukünftigen, sei mit Fleiß zu wissen kundgetan, daß in gemeinsamer Einmütigkeit zwischen Uns und Willigis, dem Erzbischof von Mainz, ein für Uns nützlicher Besitzwechsel abgemacht wurde mit folgender Übereinkunft: Wir möchten nämlich mit dieser Unserer Urkunde der Kirche des hl. Erzmartyrers Stephanus,

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die innerhalb der Stadtmauer von Mainz gebaut ist, und an die Brüder, die dort Gott dienen, als Stipendiarium famulitium (Dienststiftung) Unser ganzes Hofgut übertragen, das Wir in dem Ort Reil [Rigala] zu Eigen haben, ferner alles, was zu diesem Hof gehört im Gau Maifeld [Meineveld] in der Grafschaft des Grafen Becelin. Wir sollen dafür durch Graf Ezzo, den Vogt jener Kirche, als Eigentum den Hof Büchenbach [Buochinebah] erhalten mit allem Zubehör im Gau Rangouve in der Grafschaft des Grafen Adalhart. Der Hof liegt bei der Kirche des hl. Apostels Petrus in Babenberg. In Vollzug des obengenannten Tauschabkommens haben Wir nunmehr das benannte Hofgut Reil [Rigala], das rechtmäßig Unserer Verfügungungsgewalt unterworfen war, der Kirche des hl. Erzmartyrers Stephanus in der Stadt Mainz und den dort Gott dienenden Brüdern mit sämtlichen Nutzungsrechten in aller Redlichkeit verbindlich geschenkt, und zwar mit den Hörigen beiderlei Geschlechtes, mit Hofraum und Gebäuden, mit Äckern, Wiesen und Weiden, mit bebautem und unbebautem Land, mit Wäldern und jeglicher Waldnutzung, mit Gewässern und Wasserläufen, mit Fischereien und Mühlen, mit Wegen und unwegsamem Gelände, mit Ausgaben und Einkünften oder was noch auf irgend eine Weise erworben werden mag. Und damit die Königliche Autorität dieser Unserer Eigentumsübertragung fest, sicher und für alle Zeiten unverändert bestehen bleibe, haben Wir die Urkunde ausfertigen und durch Aufdrücken Unseres Königlichen Siegels bekräftigen lassen. Wir haben sie auch unten mit Unserer eigenen Hand bestätigt. Zeichen des Herrn Heinrich, des Unüberwindlichsten Königs. Eberhard, Bischof und Kanzler, hat dies an Stelle des Erzkapellans Willigis geschrieben. Gegeben am 18. Mai im Jahre 1008 (xv kalendas iunii anno millesimo viii) nach der Menschwerdung Christi, im sechsten Regierungsjahr König Heinrich II., in der VI. Indiktion. Geschehen zu Mainz; glücklich Amen Der Text der Urkunde belegt eindeutig: Im Jahr 1008 bestand hier bereits ein komplettes Hofgut; dieses war königseigen; es lag „in dem Orte, der Rigula genannt wird“. Das Gut wurde im Rahmen eines Tausches an die Kirche des heiligen Stephanus zu Mainz „übergeben“, und zwar „als ganzes Hofgut“mit allem, „was zu diesem Hof gehört (...) in aller Vollständigkeit“. Auch die zum Hof gehörenden Menschen, „die Hörigen“, zählten dazu. Auffallend in dem Zusammenhang ist, dass in der Urkunde keine Weinberge genannt werden. Betrieb man im Bereich von Reilkirchen, wo das Gut nachweislich lag, noch keine Weinwirtschaft? Die Frage, wann und durch wen der Weinbau in Reil begann, ist bis heute noch offen. Aus dem Text der Urkunde läßt sich entnehmen, dass es sich bei dem veräußerten Hofgut (Reilkirch) um ein größeres Anwesen gehandelt haben muss; denn neben vorhandenen Gebäuden, Äckern, Wiesen, Weiden und Wegen, Gewässern und Wasserläufen werden auch Wälder, nebst Fischereien und Mühlen genannt. Erwähnenswert

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ist aber auch, dass in dem Tauschvertrag keine dem Hof zugehörige Kirche oder Kapelle genannt wird. Die Kirche (Kapelle), die nachweislich bestand, blieb im Besitz Heinrichs, der sie später (wahrscheinlich) auch als Pfarrkirche für Reil und Burg neu bauen ließ. Hof und Kirche waren also um 1008 getrennte Güter, sie blieben es auch über die Jahrhunderte. Das Hofgut kam 1103 in den Besitz des Klosters Ravengiersburg („Ravengiersburger Hof “). Als dieses Kloster durch die Reformation aufgehoben wurde, kam der Hof in Besitz der Sponheimer („kurpfälzischer Hof “) und blieb dort bis zum Ende der Grafschaft. Die Reilkirch, ursprünglich im Besitz des Königs (Kaisers) und vorübergehend im Besitz der Aachener Pfalzgrafen, fiel dann an die Sponheimer Grafen. Diese wiederum übereigneten in einem Tauschverfahren im Jahr 1251 die Pfarrkirche in Reil (Reilkirch) „mit zwei Teilen (von dreien) des ganzen Zehnten mit dem Patronatsrecht über die Kirche zu Reil“ an das Domkapitel zu Trier. (I/2) Die Pfarrrechte blieben bei den Domherren bis zum Ende der Feudalherrschaft unter Napoleon.

2. Der Name „Reil“ Der Ortsname des heutigen „Reil“ hat sich im Laufe der Geschichte wechselnder Herrschaften und Bewohner wie auch der sich wandelnden Sprach- und Sprechgewohnheiten mehrfach verändert. So ist eine befriedigende und endgültige Deutung des Ortsnamens schwierig. Die Bezeichnung Rigula, wie Reil in der Urkunde von 1008 benannt wird, lässt verschiedene Deutungen zu. Legt man diesem Namen die lateinische Sprache zu Grunde, dann ergeben sich laut einiger Namensforscher folgende mögliche Erklärungen: „Rigula“ könne eine Ableitung sein von regis aula, gleich Königshof. Das Wort könne auch ursprünglich regalis, gleich königlich, gelautet haben. Wieder eine andere Bedeutung erhält der Ortsname mit der Ableitung von rigola, was Rinne oder auch Graben heißt. Der Begriff rigolen ist auch in unsrem Sprachgebrauch noch üblich, so, wenn jemand einen Graben zieht oder ein Feld tief umgräbt. (I/3) Schiffhauer favorisiert die Wahrscheinlichkeit der Bedeutung rigola insofern, als man sehr wohl davon ausgehen kann, dass mit dem Graben der Taleinschnitt des Pfahlbaches gemeint sein kann, „in dessen Ausmündung zur Mosel hin das Dorf gegründet wurde“, von wo aus es sich auch tatsächlich weiter entwickelt hat. Der in der Urkunde genannte Name Rigula hat im Laufe der Geschichte viele Änderungen erfahren: (I/4) Beispiele: • Rigula nannte das Domkapitel Trier den Ort, in dem es ein Gut hatte. • Rila stand 1261 in einem Tauschvertrag zwischen Sponheim und dem Domkapitel. • Rile steht auf dem Fuß der Reiler Monstranz aus dem 13. Jahrhundert. • Von Ryle schrieben sich zwei Reiler Edelbürtige auf einer Urkunde von 1322. • Rylkirch und Reill stehen in einem Visitationsbericht in Zell.

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DER RAUM TRIER - SAARBRÜCKEN von 1789 - 1818

Gezeichnet nach „Geschichtlicher Atlas der Rheinprovinz”. Hrsg.von der Gesellschaft für rheinische Geschichtskunde, Bonn 1894ff Karte 1: 1813 (1894), Karte 2: 1789 (1897), Karte 4: 1818 (1895)

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(Kaisers) als Römische Vögte. Das sollte bis zur französischen Revolution so bleiben. Den Sponheimern untergeordnet stand der vom Kaiser (König) eingesetzte gemeine Vogt. Seine Aufgabe war es, ...dem Lehnsherrn (Sponheim) das Reich vor Unrecht und Gewalt... zu schützen; im Einzelnen: im Reich die Schöffen (adlige Laienrichter) zu bestimmen, Gericht zu halten und sich um Sachen von Eigentum und Erbe zu kümmern.(IV/3) Dem gemeinen Vogt standen für seine Dienstleistungen Zuwendungen seitens der Bürger zu. Sie mussten ihm jährlich den Vogteimer abgeben, das waren 20 Liter Wein. Zudem erhielt der Vogt ein Drittel aus dem Nutzen des Kondelwaldes. Außerdem mussten er und sein Gefolge an Gerichtstagen bewirtet werden. Von den am Gericht anfallenden Bußen fiel ihm jeweils ein Drittel zu. Mit der Vogtei im Kröver Reich waren nicht die Sponheimer, sondern die Herren von Daun erblich belehnt. Ihre Rechte und Güter erstreckten sich auf alle Orte im Kröver Reich. Auch in Reil besaß der Vogt Haus und Zubehör, den Dauner Hof. In der Rangfolge stand aber das Haus Sponheim als Vertreter des Königs (Römischer Vogt) über dem gemeinen Vogt, der „nur“ ein hoher Ministeriale (Beamter) des Königs war. Sponheim sah aber keinen Konkurrenten in diesem Vogt. Anders jedoch schätzten die Erzbischöfe von Trier, besonders Balduin (1307-1354), die Lage ein. Er konnte und wollte sich nicht damit abfinden, dass in seinem Einflussbereich von Trier bis Koblenz entlang der Mosel „das Kröver Reich wie ein schwerer Felsbrocken im Wege lag. Mit den unterschiedlichsten Mitteln haben die Erzbischöfe versucht, diesen Brocken aus dem Wege zu schaffen.”(IV/4) Nach langjährigen intensiven Auseinandersetzungen zwischen Sponheim und dem Erzbischof von Trier um den Besitz des Kröver Reiches konnte Erzbischof Werner von Falkenstein schließlich einen Teilerfolg erzielen, als es ihm 1398 gelang, die Kröver Vogtei den Dauner Herren endgültig abzukaufen (IV/5), nachdem er bereits einen beträchtlichen Teil der Dauner Güter erworben hatte. Der Erzbischof übertrug das erworbene Vogtamt erblich an „die von Kesselstatt“. Sie nannten sich später Obervogt in Kröv. Die Sponheimer hingegen übten ihre Rechte im Kröver Reich durch einen Oberamtmann mit Sitz in Trarbach aus, der sich in Kröv durch einen Truchseß vertreten ließ. Mit dem Besitz der ehemaligen Dauner Vogtei war der langjährige Streit um diese Vogtei im Kröver Reich zugunsten des Erzbischofs beendet. Doch der Interessengegensatz der beiden Rivalen Sponheim und Kurtrier im Kröver Reich blieb über Jahrhunderte hin bestehen. Die verfassungsrechtliche Grundlage Die landesherrliche Hoheit blieb bei den Sponheimern. Daran hatte sich rechtlich mit dem Wechsel der Vogtei von Daun nach Trier nichts geändert. Doch der Erzbischof verhielt sich so, als stünde ihm nun ein Drittel dieser Landeshoheit zu. Dieses „Missverständnis“ führte bei vielen Entscheidungen auf der unteren Verwaltungsund Rechtsebene zu Komplikationen und Streitereien im Kröver Reich. Die Kontrahenten waren gezwungen, jeweils einen Konsens zu finden, um Verwaltung und Rechtsprechung gewährleisten zu können. Es gehörte dann ............................................

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den Wiesenanliegern für Abtretungen von Teilen ihrer Wiesen Vergütungen zu. Insgesamt wurden 3 Morgen (etwa ¾ Hektar) Wiesen abgegeben, wofür der Staat 649 Taler an die Anlieger auszahlte. (VII/45) Mit der Einweihung der neuen Straße wurde diese zur „Bezirksstraße“ erklärt. Das bedeutete einesteils, dass der Staat auch für die Unterhaltung dieser Straße zuständig war, andererseits aber waren die Bürger verpflichtet, für das Viehtreiben (zum Beispiel zum Markt hin) auf diesem Weg festgesetzte Abgaben (Maut) zu entrichten. Eisenbahnbau im Bereich Mittelmosel und Reil Eisenbahnlinie Koblenz-Trier (VII/46) 1855 gab es in Deutschland bereits einen von verschiedenen Eisenbahngesellschaften befahrenen Schienenweg von 7.509 km Länge. Zu dieser Zeit begann man sich auch Gedanken über den Bau einer Bahnstrecke mit der Linienführung Koblenz - Bullay - Trier zu machen. Im Mittelmoselraum hätte man es gern gesehen, wenn die Linienführung durch das „Herz der Mosel“, also von Reil aus weiter entlang der Mosel, mal auf der einen, mal auf der anderen Moselseite bis Lieser ginge. Schließlich führe, so argumentierte man an der Mittelmosel, der „Speditionsweg aller Ortschaften für Ein- und Ausfuhr durch das Moseltal zwischen Enkirch und Neumagen“.(VII/47) Den Vorteilen einer solchen Streckenführung für den Bereich Mittelmosel standen die hohen Baukosten für „komplizierte Bauwerke, Brücken und

Hangviadukt der Kanonenbahn

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Tunnel“ gegenüber. Man entschied sich deshalb für die heutige Linie über Bengel und durch die Wittlicher Senke. Ausschlaggebend waren militärische Gründe. Im deutschfranzösischen Krieg (1870/71) trugen schnelle Truppenverlegungen per Bahn wesentlich zum deutschen Sieg bei. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, plante Preußen schon 1872 die Bahnverbindung Berlin-Metz („Kanonenbahn“), die aus französischen Reparationszahlungen finanziert wurde und bereits 1879 eingleisig befahrbar und 1896 zweigleisig fertiggestellt war. Diese Eisenbahnlinie erwies sich für den zivilen Verkehr von großer Bedeutung. Auch dem Mittelmoselbereich waren nun große verkehrsmäßige Chancen eingeräumt. Über eine eigene Bahnstation (die später in „Pündericher Bahnhof“ umbenannt wurde) hatte Reil den ersten Eisenbahnanschluss an das moderne Eisenbahnnetz. Das sollte sich noch günstiger auswirken mit dem Bau der bald folgenden Zweig- und Anschlussstrecke Bullay-Traben. Zweigbahn Reil-Traben (VII/48) Diese 10,5 km lange Kurzstrecke wurde am 01. Juni 1883 eröffnet. Die Stationen waren Bullay, Pünderich, Reil, „Burger Haltestellchen“, Kövenig und Traben. Die Überlegungen zum Bau dieser Strecke gehen laut vorliegenden Unterlagen (VII/49) zurück in die Zeit um 1877. Es scheint so gewesen zu sein, dass hauptsächlich Traben die Idee zum Bau dieser Bahnanlage hatte und ihrer Verwirklichung hartnäckig nachging. Reil, das in diesem Zusammenhang geländemäßig sehr stark betroffen war, sträubte

Viadukt „zum heißen Stein”

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sich anfangs gegen ein solches Unternehmen. Die Argumente in Reil waren, abgesehen von zu erwartenden starken Investitionen der Gemeinde Reil in dieses Projekt, dass die Gemeinde zu viele wertvolle Liegenschaften für die Bahntrasse wie auch für den Bahnhof verlieren würde. Allein für den zu bauenden Bahnhof am nördlichen Rand des Dorfes waren 72 Ar (7.200 qm) Gelände vorgesehen. Dieses musste den Privatbesitzern abgekauft werden. Doch die Betroffenen, soweit sie überhaupt willens waren, ihren Besitz abzutreten, forderten pro Ar 189 Mark, womit dann der Preis für die Grundentschädigung dieses Bahnhofsgeländes auf 13.000 Mark gekommen wäre. Gegen diesen Preis wehrte sich die Gemeinde natürlich, die Trarbacher übrigens auch. Sie hatten sich nämlich erboten, sich an den Kosten zu beteiligen. Diese Summe schien ihnen dann doch zu hoch. Wie nun die Gelder zusammengekommen sind und aus welchen Quellen, lässt sich aus den Akten nicht entnehmen. Wohl wird es deutlich, dass im Jahr 1880 die Finanzlage für den Eisenbahnbau einschließlich des Reiler Bahnhofs geklärt war und das Eisenbahnprojekt gebaut werden konnte. Dass der hierzu notwendige Landerwerb nicht problemlos ablief, dafür sprechen etliche Protokolle über stattgefundene Enteignungen. Der Bau der Eisenbahnlinie war ausschließlich Sache des Betriebsamtes der Königlichen Eisenbahn mit Sitz in Trier. Doch ergaben sich für die Gemeinde im Zusammenhang mit der Bahntrasse viele notwendige Wege- und Umbauten. Man kann davon ausgehen, dass also mancher Reiler während der Zeit des Bahnbaues sowohl bei der Eisenbahngesellschaft wie auch bei Wegebauarbeiten in der Gemeinde Arbeit und Zuerwerb gefunden hat. Mit dem Bahnbau ist also Geld in die Gemeinde geflossen, und zwar über den Erlös aus Grundstücksverkäufen wie auch durch Arbeit am Projekt. Das wiederum erklärt, dass in Reil auch wieder Häuser gebaut wurden, so z. B. „Im Kring”, im Bereich der Bergstraße und der Straße zum „Heißen Stein”. Die Planer der Zweigstrecke sind in Reil aus heutiger Sicht sehr umsichtig vorgegangen. Der gesamte Ortsbereich, der sich seinerzeit in der Nord-Süd-Richtung von der Burgstraße bis zur Pariser Straße und in der Ost-West-Richtung von der Moselstraße bis zur Fischelstraße hin ausdehnte, wurde beim Bahnbau nicht zerteilt, mit der einen Ausnahme, dass einige bereits damals vorhandene Häuser jenseits der Bahn zu liegen kamen. Allerdings sind auch einige wenige Gebäude, die im Bereich des heutigen Bahnhofs und südlich hiervon im Baubereich lagen, abgerissen worden. Dass in den Bereichen nördlich und südlich des Dorfes viel an Garten- und Weideland, Obstwiesen und Weinbergsanlagen aufgegeben werden musste, mag für die Dorfbewohner damals schmerzlich gewesen sein. Doch kann man im Nachhinein wohl behaupten, dass die Opfer der Vorfahren den nachkommenden Generationen wesentliche Vorteile und Gewinne gebracht haben. Selbst den Burgern auf der rechten Moselseite war mit der Bahn und der extra für sie eingerichteten Bahnstation, dem Burger Haltestellchen, eine gute Möglichkeit gegeben, sich der Vorteile dieser Bahn zu bedienen. (Die Moselbahn, das „Saufbähnchen“, stand ihnen erst ab 1907 zur Verfügung.) Umsteigestation zu den Zügen ......................

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mit dem Giebel und Aufbau der Glocke.“ Das Gremium forderte die Umgestaltung des Frontgiebels, was jedoch nie geschah. Die „neue Schule“ (Filialschule an der Zehntstraße) Die Schülerzahl war bis zum Jahr 1909 auf 330 gewachsen. Das Schulgebäude an der Moselstraße erwies sich als zu klein. Im Gemeinderat erwog man, durch einen Umbau im Gebäude eine Lehrerwohnung aufzulösen und dafür einen Klassenraum zu schaffen. Man einigte sich jedoch darauf, statt des Umbaues in der Schule ein neues Gebäude mit einem Schulraum und Lehrerwohnung zu erstellen. Errichtet wurde der Neubau an der Kirchgasse auf der Gemeindeparzelle, auf welcher zur Zeit das Eichhaus steht.... Der Neubau soll eine Dienstwohnung für eine Lehrperson und einen Raum für das Eichamt enthalten. Diese „neue Schule“, wie die Reiler sie nannten, heute Haus der Familie Theo Brohl, wurde 1912 bezogen. Der 63 Quadratmeter große Schulsaal und ein Abstellraum befanden sich im Erdgeschoss. Das Ober- und Dachgeschoss enthielten je eine Lehrerwohnung. Die Toiletten waren auf dem Hof in einem eigenen Bau installiert. Laut Hauptlehrer Steinborn (1924 -1934 in Reil tätig) lag vor der neuen Schule ein Turnplatz von 130 qm Flächeninhalt... Turngeräte [waren] alle vorhanden bis auf das fehlende Reck. Im Gegensatz hierzu diente laut Steinborn an der alten Schule die vorbeilaufende Moselstraße als Turn- und Spielplatz, was er anbetracht des Verkehrs auf der Straße als lebensgefährlich ansah. Die „neue Schule“ wurde mit einer Schulklasse belegt, allerdings nur bis 1928, denn mittlerweile waren die Schülerzahlen drastisch gesunken. 1926 hatte Reil nur noch 223 Schüler, der Unterrichtsraum im Gebäude an der Zehntstraße hatte sich für den Volksschulunterricht erübrigt. Schülerstrafen - Lehrerrüge

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Das Protokoll einer Beschwerdeverhandlung bei der Schulabteilung der Königlichen Regierung Trier vom 30. Dezember 1913 verurteilte die drastischen disziplinarischen Maßnahmen eines Reiler Schullehrers. Der Lehrer X war schon wiederholt wegen verschiedener negativer Auffälligkeiten von der Schulbehörde getadelt worden. Außerdem war er bereits wegen fahrlässiger Körperverletzung vorbestraft. Nun wurden ihm weitere Beschwerdepunkte vorgelegt. Zum einen handelte es sich um seine Schülerin, einer Tochter des Feldhüters Robert Brohl. Vorgehalten wurde dem Lehrer, die Schülerin Katharina Brohl fast jeden Tag vormittags und nachmittags aus der Bank gestellt und zwei Stunden während des Unterrichts habe stehen lassen. Zudem wurde dem Lehrer vorgeworfen, die Schülerin beim Unterricht häufig nicht gefragt zu haben [und] es nicht verstanden habe, das Kind rege beim Unterricht zu beteiligen. In einem weiteren Punkt wurde der Lehrer getadelt mit der Anschuldigung, die Kinder seien von Ihnen mit allerhand schmutzigen Namen angerufen worden [...] ungehörige Ausdrücke den Kindern gegenüber für diese und deren Eltern kränkend, verletzend und beleidigend. Zudem hält die Schulbehörde, da Sie das zulässige Maß körperlicher Züchtigung bei weitem überschritten haben, ein disziplinarisches Einschreiten unsererseits für notwendig.

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Nach dem Ergebnis der Hauptverhandlung nämlich haben Sie wiederholt Kinder in der Weise gezüchtigt, dass Sie mit fingerdicken Stöcken auf die Beine, auf das Gesäß und den Rücken geschlagen haben. Oft haben Sie die Kinder bei solchen Züchtigungen zu Boden geworfen und sie dann weiter geschlagen [...] Um nur einen Fall anzuführen: Der Schüler Josef Burg kam am Tag nach Christi Himmelfahrt am 2. Mai 1913 zu spät zur Schule. Er wurde darauf von Ihnen mit einer Haselgerte gezüchtigt, kam hierbei auf den Boden zu liegen und erhielt hier einen Schlag über die Nase, so dass sie blutete. Der eine Arm des Josef Brohl war infolge der Stockschläge derart blau und geschwollen, dass die Mutter des Knaben zu Hause den Arm gekühlt hat. Der Lehrer wurde mit einer Geldbuße von 30 Mark belegt. Darüber hinaus wurde ihm angedroht, dass weitere dienstliche Verfehlungen für ihn eine Versetzung in einen kleinen Eifelort nach sich ziehen werde. Aus den Akten der Schulverwaltung (ab 1834) Schulversäumnisse Ab 1825 bestand die gesetzliche Schulpflicht für alle Kinder von 6 bis 14 Jahren. Die Lehrer waren gehalten, Schulversäumnisse so weit wie möglich zu unterbinden. Gegenüber der Verwaltung waren sie verpflichtet, Schulversäumnislisten zu führen und vorzulegen. Von den aus dem Gemeinderat gewählten Schulvorständen und dem vom Staat bestimmten Schulinspektor (Pfarrer) wurden diese Listen geprüft und dem Bürgermeister vorgelegt. Dieser überwies in solchen Fällen, bei denen unentschuldigtes bzw. häufigeres Fehlen der Kinder beim Unterricht vorlag, die Sache dem Schöffengericht. Dieses wiederum verhängte den Eltern Geldstrafen, ersatzweise Gefängnisstrafen. Als Entschuldigungsgrund galten natürlich Krankheiten der Kinder. Aber selbst diese mussten teilweise durch Atteste nachgewiesen werden. Der Lehrer entschied darüber, ob ein Fehlen als entschuldigt oder unentschuldigt galt. Er konnte auch Kinder für einen bestimmten Zeitraum beurlauben (Ernteeinsatz u.a.). Nicht zu entschuldigen waren schlechte Wetterverhältnisse für die Kinder aus Höllenthal, es sei denn, dass die Eltern in jedem Fall beim Lehrer vorsprachen. Die Strafgelder kamen der Schulkasse zu. Im Falle des Ansgar Justen hatte dieser für Schulversäumnisse seines Sohnes 20 Silbergroschen Buße zu zahlen. Er, wie auch weitere Reiler Eltern, hatten nicht gezahlt. Daraufhin ging im Oktober 1837 dem Reiler Ortsbürgermeister folgender Bescheid vom Bürgermeister zu: „Die Tagelöhner 1.) Ansgar Thillmann, 2.) Cesgen Trebes, 3.) Peter Schwind, 4.) Michel Riedel, 5.) Johann Fritzen und Hermann, alle in Reil wohnend, werden hiermit aufgefordert, zur Abbüßung ihrer Gefängnisstrafen, für die ersten vier, weitere 12 Stunden und die letzten 8 Stunden, wegen Schulversäumnis ihrer Kinder, sich binnen 3 Tagen a dato zu Wittlich freiwillig zu stellen, widrigenfalls sie durch Königl. Gendarmerie abgenommen werden. Es wird darauf hingewiesen, dass daselbst keine Beköstigung gereicht wird, jeder dieses selbst zu besorgen hat“. In einer „Nota“ heißt es dann noch, dass „der Feldhüter Schneiders zu Reil mit dem Vollzug des Gegenwärtigen beauftragt wird.“ Wie wichtig dem Staat die Schulausbildung war, und wie sehr er diese auch kontrollierte, wird auch am folgendem Beispiel

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Zivilbevölkerung hat nach Möglichkeit ihren normalen Beschäftigungen nachzugehen, und die Militärregierung verfügt über die Vollmachten für die Verwaltung sowie Gesetzgebung und Rechtsprechung. Grundlegend für die Arbeit der Militärregierung war eine amerikanische Direktive, wonach den Deutschen klargemacht werden musste, dass sie selbst für das vorliegende Chaos und Leid verantwortlich sind und dass Deutschland nicht besetzt wird zum Zwecke der Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat. Insofern sei eine Verbrüderung mit deutschen Beamten und der Bevölkerung streng zu unterbinden. Die Ortskommandanten hatten sich um die Durchsetzung der Anordnungen der Militärregierung zu kümmern. Die Amerikaner gingen davon aus, dass, wie es sich in der Welt ja auch wohl dargestellt hatte, alle Deutschen Nazis waren (Kollektivschuld, kollektive Haftung). Entsprechend verhielten sie sich den Deutschen gegenüber sehr skeptisch und reserviert. Sie rechneten mit Sabotage und Spionage und beobachteten sehr aufmerksam alle Bewegungen der Zivilisten, Flüchtlinge und Gefangenen und sie verhafteten und versetzten oder internierten ehemalige Nazivertreter. Als solche zählten für die Besatzer alle Amtsträger der Partei und ihrer Organisationen, also der SA, SS, NSV, NSKK, HJ, BDM und RAD, aber auch alle leitenden Beamten. Andererseits kümmerten sich die Amerikaner wie nach ihnen auch die französischen Besatzungsmächte intensiv darum, dass Straßen, Eisenbahnlinien, Brücken und Tunnels wieder funktionsfähig wurden und dass die Wasser- und Stromversorgung wieder in Betrieb kam. Für die Beseitigung solcher Kriegsschäden wurden durch die Militärbehörde vorrangig einheimische Kriegsentlassene eingesetzt. Aber auch andere arbeitsfähige Bürger wurden zu solchen Arbeiten verpflichtet. Bei Weigerung erhielten die Betroffenen keine Lebensmittelkarten. Neuorganisation der deutschen Verwaltung (X/4) Eine vordringliche Aufgabe der Militärregierung war der Versuch, die deutsche Verwaltung wieder in Gang zu bringen. Bei den bestehenden chaotischen Verhältnissen in den Gemeinden bedurfte es schneller Hilfe. Bereits im April 1945 bildeten sich in den Dörfern „Landwirtschaftskommissionen”, welche sich zunächst noch überwiegend mit der drohenden Ernährungskrise befassten. Doch abgesehen von der bedrohlichen Lebensmittellage, fehlte es Mitte 1945 an allem, was über die alltäglichen Lebensbedürfnisse hinausging: Bewegungsfreiheit, Verbindung zur Außenwelt, Post, Telefon, Zeitung, Schulen, sportliche und kulturelle Veranstaltungen.(X/5) Die Stimmung unter der Bevölkerung war niedergeschlagen. Unter französischer Besatzung Für die Bevölkerung völlig unerwartet rückten die Amerikaner im Juli 1945 plötzlich ab. Am 12. Juli besetzten dann französische Truppen unser Gebiet. Eine kleine französische Einheit quartierte sich vorübergehend in der Reiler Schule ein. Ihren Amtssitz hatten die Franzosen aber schon bald nach Bengel verlegt. Abordnungen

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der Besatzungstruppe tauchten in Reil dann nur noch gelegentlich als Patrouillen auf, die allerdings überwiegend von deutschen Männern, die von den Franzosen zu Hilfspolizisten eingesetzt worden waren, durchgeführt wurden. Gleich nach der Besetzung hatten die Franzosen die Verwaltung übernommen. Das oberste Prinzip ihrer zentralistisch aufgebauten Verwaltung war das Bestreben, endgültig Sicherheit vor Deutschland zu erlangen und das besetzte Gebiet ihres Erbfeindes auszubeuten, um damit dem Wiederaufbau in Frankreich zu helfen. Man wollte sich schadlos halten für das, was man unter den Deutschen erlitten hatte.(X/6) Die von den Franzosen angestrebte Sicherheit vor Deutschland sollte dadurch erreicht werden, dass das deutsche Reich zerstückelt und das Rheinland vom Reich abgetrennt werde, dass Deutschland entmilitarisiert, entnazifiziert und demokratisiert werden sollte. Ausbeutung hieß für die Franzosen Kriegsentschädigungen kassieren, Schadenersatz verlangen, Beschlagnahmungen vornehmen und Demontagen durchführen. Selbstherrlich traten sie in der Rolle als Sieger auf: überheblich, herrisch und schikanös. Im Gegensatz zu den Amerikanern mussten die hier stationierten französischen Truppen auch noch von der deutschen Bevölkerung versorgt werden. Über öffentliche Verlautbarungen wurde die Bevölkerung informiert, dass die zurzeit geltenden Verordnungen und Erlasse vorläufig ihre Gesetzeskraft behalten. Jedoch wird die Bevölkerung gewarnt, dass jedes Attentat, jede Sabotage oder Zuchtlosigkeit hart unterdrückt wird.(X/7) Als Vergehen wurde schon geahndet, wenn jemand es „vergaß“, die Trikolore zu grüßen. Für diese „Zuchtlosigkeit“ wurde an Ort und Stelle z.B. die Strafe „drei Tage Kartoffelschälen“ für die Franzosen verhängt. Ähnlich erging es auch Leuten, die während der Zeit der wiederholt auferlegten Ausgangssperren in der Öffentlichkeit erwischt wurden. Das Verhältnis der deutschen Bürger und Behörden zur französischen Militärregierung, die bis 1949 hier das Sagen hatte, blieb bis zum ersten Höhepunkt des Kalten Krieges (Berlinblockade ab Mitte 1948) angespannt. Wohl eher notgedrungen fügte man sich dem Diktat der Sieger, denen es nach ihrem eigenen Bekunden nicht um Rache ging, sondern darum, den Deutschen nach ihrer durch das NS-Regime verursachten Notlage Hilfestellung zur Erlangung einer menschenwürdigen Lebensweise zu geben.(X/8) Maßnahmeschwerpunkte unter den Franzosen waren unter anderen: • Politische Säuberung des öffentlichen Dienstes. Im Kreis Wittlich wurden 64 Beamte entlassen, darunter 21 Lehrer. (X/9) Ende 1945 wurde den Deutschen selbst die Entnazifizierung übertragen. • Förderung von Wiederaufbauprojekten (Bahnanlagen, Straßen) überwiegend durch Einsatz von Kriegsentlassenen und Kriegsgefangenen, die aus Sammellagern dafür abgestellt wurden.  Ab November 1945 Ausweisung von im Krieg Evakuierten bzw. Flüchtlingen aus den französisch besetzten Gebieten. Das betraf 1.353 Menschen im Kreis Wittlich. Die französisch besetzte Verwaltungszonesollte mit dieser Zwangsevakuierung von ungeliebten „Mitessern“ befreit werden. (X/10)

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Alter Traktor mit Seilwinde

Traktor mit Traubenb端tte

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Moderner Schmalspurschlepper


auch im Direktzug möglich, was zu erheblichen Personaleinsparungen führte. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Weinberge ausschließlich durch das Ausbringen von Mist gedüngt. Dazu diente der Mist, der den Winzern durch das Halten ihrer Zuggespanne (Kühe, Ochsen, selten auch Pferde) im eigenen Gut zur Verfügung stand. Nach der Abschaffung des Großviehs in den Winzerbetrieben wurde der Mist (Dung) bei Bauern, z.B. im Alftal, zugekauft oder gegen Wein eingetauscht. Später, durch das Aufkommen der chemischen Industrie, wurde es wesentlich günstiger und einfacher, mit künstlichem mineralischem Dünger (Kunstdünger) zu arbeiten. Vielfach wurde dann nach dem Motto verfahren „Viel hilft viel“, was zu großen Problemen durch Überdüngung führte. Unter anderem stiegen vielerorts die Nitratgehalte im Trinkwasser auf ein Mehrfaches des gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwertes an, so auch in Reil. In jüngerer Zeit wird der Kunstdünger durch den Einsatz von modernen Düngerstreuern nur noch sehr sparsam und trotzdem effektiv eingesetzt. Vermehrt werden auch wieder organische Dünger eingesetzt. Auch die Spritzmittel, die gegen tierische und pflanzliche Schädlinge eingesetzt werden, haben sich verändert. Die hochgiftigen Präparate aus den Anfängen der chemischen Industrie sind schon lange aus den Weinbergen verschwunden. Diese wurden früher mit Bestäubungsgeräten in Pulverform und später in flüssiger Form mittels langer Schlauchleitungen im Weinberg versprüht. Das Spritzen mit der Schlauchleitung wird heute nur noch vereinzelt eingesetzt. Durch den Einsatz von Spritzhubschraubern und speziellen Sprühgeräten zum Anbau an Schmalspurschleppern wurde auch diese Arbeit wesentlich einfacher, effektiver und vor allem sicherer. Die Mittel sind ebenfalls anwendungssicherer und umweltverträglicher geworden. Herbizide, Fungizide und Pestizide werden heute sehr gezielt eingesetzt. Anfang der 1980er Jahre wurde die Erntemenge in den Weinbergen eingeschränkt. Durch die Einführung eines Hektarhöchstertrages und Umstellung der Reberziehung vollzog man einen Wechsel von der Massenweinerzeugung hin zu der Erzeugung von qualitativ hochwertigen Weinen. Die Weinlese im Herbst wurde durch den Einsatz von Maschinen in großen Teilen sehr vereinfacht. Früher zog man mit dem Ochsengespann, einer Holzbütte und vor allem vielen Erntehelfern in den Weinberg. Abends wurden die gelesenen Trauben in einer Traubenmühle zerquetscht und anschließend in eine Kelter geschaufelt, die dann teils bis spät in die Nacht mühsam von Hand bedient wurden. In den 1970er Jahren wurde die Kelterarbeit durch Erntewagen, die das Lesegut in einem Arbeitsgang zerquetschten und in die Kelter pumpten, erleichtert. Auch kamen nun Horizontalpressen zum Einsatz, welche den gesamten Keltervorgang automatisierten. In der Weinlese werden heute vermehrt moderne Vollernter eingesetzt. Diese Maschinen fahren durch den Weinberg und ernten in kürzester Zeit große Mengen an Weintrauben. In der Flachlage ersetzt ein Vollernter heute bis zu 60 Erntehelfer. Im Keller wurden von alters her Holzfässer eingesetzt. Diese hatten im Normalfall eine Füllmenge von einem Fuder (ca. 1.000 l) und waren sehr ..................................... Seite 289


Die Reiler Brücke mit Werbeslogan Koreakrieg aus (Juni 1950 bis Mitte 1953), und sofort setzte eine Stahlverknappung ein. Das wirkte sich für den Brückenbau in Reil so aus, dass die nun zu montierenden Brückenträger nicht geliefert werden konnten. Die Baustelle musste stillgelegt werden. Während der Zeit des Baustopps verlegte eine französische Pioniereinheit aus Koblenz, die FAMO, eine Behelfsbrücke über die Brückenpfeiler und über die Mosel. Diese Brücke bestand aber nur für ein paar Wochen. Sie diente militärischen Zwecken und war für den Zivilverkehr gesperrt. Endlich, im Juli 1953, wurden die Stahlträger angeliefert, und die Bauarbeiten konnten zügig fortgesetzt werden. Am Ende des Jahres war die Brücke sodann fertiggestellt. Sie wurde am 16. Dezember 1953 im Rahmen einer großen Feier offiziell abgenommen und für den Verkehr freigegeben. Mit der kirchlichen Einweihung 1954 durch Pfarrer Klein erhielt die Brücke den Namen „Reiler Liebfrauenbrücke“. Eine Nachbesserung erhielt die Brücke dann noch im Zusammenhang mit der Moselkanalisierung (1958 bis 1964) dadurch, dass im Bereich des Moselbettes die Brückenpfeiler mit einem stählernen Schutzschild gesichert wurden. Man wollte damit erreichen, dass im Falle eines Aufpralles durch fahrende Schiffe die Pfeiler nicht beschädigt würden. Während der ganzen Bauzeit konnten sich die Reiler Bürger in den Arbeitsprozess einreihen und sich hier ein Zubrot verdienen. Seitens der Regierung war zu solchen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eine gewisse Summe zur Verfügung gestellt worden. Insbesondere wurden von den Firmen gern Hilfskräfte beim Herstellen des

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XI. Vereine in Reil (Vereinschroniken) 1. Männergesangverein „Cäcilia“ (gegründet 1862) Unter den Vereinen der Gemeinde Reil ist der MGV „Cäcilia“ der älteste. Im Jahre 1862 wurde er als Junggesellenverein durch Herrn Hauptlehrer Hartmann gegründet. Am 1. September 1863 feierte man das erste Stiftungsfest. Der Verein trug den Namen „Junggesellenverein zur Fortbildung“. Sinn und Zweck war die Fortbildung der Bewohner von Reil mit dem Lehrstoff Religion, Gesang und den üblichen wichtigen Fächern zur Erweiterung des Allgemeinwissens. In jedem Jahr, und zwar am Stiftungstage, fand zur Erheiterung, aber auch zur Weiterbildung eine Übung „anständiges Benehmen“ statt. Zur Auffrischung der Vereinskasse und zur Unterstützung der Armen wurden auch Konzerte und sonstige Veranstaltungen in das Vereinsprogramm aufgenommen. Man ersieht daraus, dass es von jeher im Sinne der Mitglieder lag, schöngeistiges Kulturgut in das Programm aufzunehmen und zu fördern, zu helfen und Freude zu bereiten. Maßgeblich an der Einrichtung und Förderung des Vereins war auch der damalige Geistliche, Herr Pastor Dany, beteiligt. Man ging begeistert an die Arbeit, der Verein wuchs, aus dem Dorfe traten immer mehr Bürger als Mitglieder ein, und so entstand schon nach relativ kurzer Zeit ein für das Dorf Reil beachtlicher Klangkörper, der sich in regelmäßigen Übungsstunden unter der Leitung des damaligen Dirigenten – Lehrer Hartmann – eifrig der Pflege der Chormusik widmete. Ab dem Gründungsjahr bis 1887 und von 1907 bis 1924 war der Männergesangverein auch gleichzeitig Kirchenchor in Reil. Diese beiden Vereine sind nun getrennt, wenngleich es auch aktive Sänger in beiden Vereinen gibt. Beide Vereine erfreuen bei vielen Gelegenheiten die Bevölkerung und Gäste durch schönen Chorgesang. In den frühen Jahren pflegte man im Männergesangverein auch das Theaterlaienspiel mit viel Erfolg. Dieses schöne Kulturgut hat der Theaterverein „Moselblümchen“ in anerkennenswerter Form seit 1912 in seine Obhut übernommen. Die Mitglieder des Vereins haben sich stets begeistert zur Verfügung gestellt, wenn es galt, den Verein auch außerhalb der Dorfgrenze zu repräsentieren. In vielen Sängerwettstreiten, Freundschafts- und Preissingen hat der Chor recht gute Erfolge gehabt. Schöne Preise waren der Lohn für die geleistete Arbeit. Noch heute pflegt der Chor Partnerschaften mit anderen Chören in der näheren und weiteren Umgebung von Reil. Im Jahre 1877 erhielt der Verein seine erste Fahne, die bis zum Jahre 1912 hielt und dann ersetzt wurde. Im Jahre 1966 bekam der MGV seine dritte Fahne, die neben der zweiten, die noch vorhanden, aber fast unbrauchbar ist, im Vereinslokal ihre Bleibe hat. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges musste der Verein auf Anordnung der französischen Militärregierung eine Neugründung vornehmen. Nachdem sich die Verhältnisse wieder normalisiert hatten, konnte die Arbeit im Verein in der alten Tradition fortgeführt werden. Im Jahre 1962 wurde das hundertjährige Bestehen festlich begangen. Aus diesem Anlass erhielt der Verein die Zelter-Plakette und den Wappen-Schild des Landes Rheinland-Pfalz. Zu diesem Zeitpunkt hatte der

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Fachwerkhaus in der Dorfstraße Wie bei dem vorgenannten Nebentrakt handelt es sich bei diesem Gebäude (datiert am Giebel auf 1719) um schönes Fachwerk, das auf einem massiven Sockel (verputzter Bruchstein) aufliegt. Besonders erwähnenswert sind bei diesem Fachwerk die Brüstungsbänder unterhalb der Fenster, deren Diagonalen dem Zeitgeschmack entsprechend nur der Zierde dienen. Seinen Ursprung hat dieses Element im Andreaskeuz (zur Aussteifung dienende Konstruktion). Bei diesem Haus handelt es sich wie bei dem sich anschließenden Haus Nr. 18 nicht um Winzeranwesen, sondern um Wohngebäude mit Handelsgewerbe. Im Haus Nr. 16 lebte auch ein Schuster. Die Lehlgasse hieß früher Judengasse, da hier einige jüdische Familien wohnten.

Weingut Schnabel Über dem vorgelegten Kellersockel mit schönem Geländer erhebt sich das Gebäude eines Weinguts in repräsentativer Form, was sich in großen Stockwerkshöhen (4m Raumhöhe), haugerechter Verarbeitung des Natursteins mit Sandsteingewänden um die Fenster, Betonung der Ecken mit Bossierungen und dem Mansardwalmdach manifestiert. Die Natursteinfassade aus Olkenbacher Schiefer (Farbe blaugrau) wurde hier vor die Bruchsteinwand wie eine Verklinkerung vorgelegt. Der Historismus zeigt sich vor allem in Portal und Zwerchgiebel mit Säulen, Voluten und Obelisken. Dieses Gebäude der Jahrhundertwende wurde auf Kellern und Mauern von Vorgängerbauten errichtet.

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Ehemaliges Weingut in der Dorfstraße Der stattliche zweigeschossige Massivbau mit steilem Satteldach wurde erst kürzlich renoviert, datiert ins 18. Jh. dürfte er im Kern wohl älter sein. Dieses Gebäude erhebt sich über einem sehr geräumigen Weinkeller. Ehemaliges Weingut Otto Steinbach Dieses Gebäude eines Weinguts wurde 1914 im Übergang vom Historismus zur Moderne errichtet. 1991 wurde es für die Raiffeisenbank beispielhaft schonend umgebaut. Zum Teil zweigeschossig, erhebt sich das Gebäude über dem Weinkeller, der talseitig bis zur Straße reicht. Die überwiegend gewalmte Dachlandschaft wirkt trotz der reichen Differenzierung ruhig. Die Ausrichtung der Fenster ist axial und streng geometrisch, die Ornamentik ist im Vergleich zu den vorgenannten historistischen Villen sehr zurückgenommen. Weingut Müller Schon von der Burgstraße aus lässt der grosse Wirtschaftshof erkennen, dass es sich hier um ein grosses Weingut und Weinhandelshaus handelt. Erbaut ca. von 1890 bis 1900 dient es heute nur noch privaten Zwecken. Der gegliederte .......................

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Chronik Reil