Wunderkammern















Wiener Bezirksmuseen und ihre Schätze





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Wiener Bezirksmuseen und ihre Schätze





Mit Fotografien von Klaus Pichler und Texten von Regina Wonisch

Vorwort 19
Zur Geschichte der Wiener Bezirksmuseen 20
Tragbares 48
Marken & Produkte 58
Silbriges 68
Zerbrechliches 78
Nützliches 88
Kindheit 98
Bruchstückhaftes 108
Erinnerungsstücke 118
K.-u.-k.-Nostalgie 128
Dokumentarisches 138
Maßstäbliches 148
Beschildert 158
Gerahmtes 168
Papierenes 178
Goldiges 188 Index
REGINA WONISCH
„Die Geschichte der Vorstädte Wiens ist ein Bedürfnis –nicht nur für den Gebildeten, sondern für jeden seiner Bewohner, denn nur der kann sich ein klares Bild über seine Vaterstadt machen, der die Geschichte jedes einzelnen Bezirkes kennt und der Entwicklung desselben zu folgen im Stande ist.“1
Bürgerschullehrer Jakob Blümel kritisierte in seiner 1884 verfassten Geschichte der Entwicklung der Wiener Vorstädte zu Recht, dass die Peripherie der Stadt bislang von der Geschichtsschreibung ausgeblendet worden war.2 An der Universität wurde zunächst vor allem Staatengeschichte gelehrt. Der 1853 gegründete „Alterthums-Verein zu Wien“, der sich am 23. März 1854 im Niederösterreichischen Landhaus konstituiert hatte, beschäftigte sich vorrangig mit der Geschichte des Landes ob der Enns.
Als die Landesgeschichte nach und nach Eingang in die akademische Lehre fand, begann sich das Interesse des Altertumsvereins auch auf die Geschichte der Stadt Wien und ihre Veränderungen infolge der Stadterweiterung zu konzentrieren. Der sich während des Ersten Weltkriegs abzeichnende staatspolitische Umbruch führte 1917 schließlich zur Umbenennung in den „Verein für Geschichte der Stadt Wien“.3 Als die außeruniversitäre Wissenschaft langsam die Stadtforschung für sich als Thema entdeckte, hatte sich das Kleinbürgertum jedoch schon lange daran gemacht, die Lokalgeschichte zu erkunden und zu dokumentieren.
Es war auch kein Zufall, dass sich ein Bürgerschullehrer für die Geschichte der Peripherie der Stadt starkmachte. Seit Ende des 18. Jahrhunderts traten Pädagogen4 für die Einführung des Schulfachs Heimatkunde in den Volksschulen ein und beschäftigten sich mit lokalhistorischen Forschungen. Das Heimatverständnis jener Lehrkräfte war noch nicht mit identitätspolitischen Inhalten
aufgeladen, sondern bezog sich schlichtweg auf die Beschäftigung mit der unmittelbaren Lebenswelt. Mit der Verabschiedung des Allgemeinen Reichsvolksschulgesetzes im Jahr 1869 wurde das Unterrichtsfach Heimatkunde schließlich formal eingeführt. Da allerdings die dafür notwendigen Unterrichtsmaterialien fehlten, war diese bildungspolitische Maßnahme zugleich ein wesentlicher Impuls für die lokalhistorische Forschung.5
Von der Beschäftigung mit der Lokalgeschichte zur Sammlung von unterschiedlichen historischen Zeugnissen – Objekte, Bilder, Dokumente oder Bodenfunde – war es meist nur ein kurzer Weg. Das Wissen, das die Laienforscher bei ihren Erkundungen generierten, mag unterschiedlich bewertet werden. Ohne ihren mit Sammelleidenschaft gepaarten Wissensdrang wären jedoch viele Geschichten und Objekte verloren gegangen.6 Es entstanden mehrere, meist von Lehrern verfasste Lokalgeschichten wie etwa die Denkwürdigkeiten der Gemeinde Simering in Nieder-Oesterreich (1883) von Ernest C. Gatter, Der Alsergrund einst und jetzt (1904) von Leopold Donatin oder Die Wieden (1913) von u. a. August Aichhorn, Hans Kaindlstorfer und Edgar Weyrich. Johanna Bischoff (geb. Kuh), die als 90-Jährige Einige Nachrichten aus dem Vorort Weinhaus (1888) veröffentlichte, war in zweifacher Hinsicht eine Ausnahme: als Frau und als Vertreterin des Großbürgertums.7 Der Salon, den sie mit ihrem Mann Ignaz Rudolf Bischoff, einem angesehenen Arzt, in ihrer Villa in Meidling führte, war Treffpunkt bekannter Persönlichkeiten.8
Die Recherchen für die Heimatbücher gingen oft Hand in Hand mit der Suche nach historischen Zeugnissen, die nicht nur als Quellen, sondern auch als Anschauungsmaterial für den Schulunterricht dienen sollten. Denn dem Schweizer Reformpädagogen Johann Heinrich Pestalozzi folgend, wurde die Anschauung als Fundament aller Erkenntnis betrachtet und zum obersten Grundsatz der Erziehung erklärt. So propagierte der Bürgerschullehrer Edgar Weyrich in seiner Handreichung für den anschaulichen Geschichtsunterricht neben der Straße auch das Museum gleichsam als Unterrichtsmaterial.9 Vor dem Ersten Weltkrieg gelang es in Wien allerdings nicht, ein Heimatmuseum zu gründen.
Heimatforschung als sozialdemokratisches Bildungsprojekt
Die flächendeckende Erforschung und Dokumentation von Bezirksgeschichten war letztlich eine „legistische Erfindung der Ersten Republik“.10
Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie infolge des Ersten Weltkriegs galt es, ein neues Heimatbewusstsein zu schaffen. Dies manifestierte sich insbesondere in den Reformen von Otto Glöckel, dem für Bildung zuständigen Mitglied der Koalitionsregierung aus Sozialdemokraten (SDAP) und Christlichsozialen unter Karl Renner. In einem Erlass vom 16. August 1919 ordnete Glöckel die Lehre eines bodenständigen Unterrichtsstoffs an den allgemeinen Volks- und Bürgerschulen an:
„Um den Sachunterricht auf eine zeitgemäße Grundlage zu stellen, ist es notwendig, für jede Schule den in diesem Unterricht zu behandelnden Lehrstoff nach den Grundsätzen der Bodenständigkeit zusammenzustellen […] Für alle Gebiete des Sachunterrichts müssen Anknüpfungspunkte in der engeren und leicht erreichbaren weiteren Heimat des Schülers gesucht werden. Zu diesem Zwecke ist eine gründliche Erforschung der Heimat nach naturkundlichen, geographischen, volkskundlichen, geschichtlichen, kunstgeschichtlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu fördern […].“ 11
Dahinter stand die Vorstellung, die Kenntnis der unmittelbaren Lebenswelt würde zu einem besseren Verständnis größerer historischer Zusammenhänge und zur Identifikation mit dem neuen Staat führen. In jedem Fall setzte die Sozialdemokratie auf ein Heimatverständnis, das nicht auf einem symbolischen Ort der Vergangenheit beruhte. Es ging vielmehr um konkrete soziale Bezugspunkte, deren Bedeutungsgehalt von der aktiven Aneignung der Menschen bestimmt werden sollte.12
Im Unterschied zu anderen Ansätzen der Schulreform war die Forcierung des Heimatunterrichts durch Otto Glöckel nicht besonders avanciert. Neu war allerdings, wie dem Fehlen von diesbezüglichen Unterrichtsmaterialien Abhilfe geschaffen werden sollte. Dafür wurden sogenannte Lehrerarbeitsgemeinschaften –Vereinigungen von Pädagog:innen, die sich

auf freiwilliger Basis mit inhaltlichen und didaktischen Unterrichtsfragen auseinandersetzten –ins Leben gerufen.13
Diese Arbeitsgemeinschaften erstellten in rascher Folge für beinahe jeden Wiener Gemeindebezirk ein „Heimatbuch“ – allerdings von unterschiedlicher Qualität. Im Aufbau waren sich die Bezirkskunden trotz ihrer Heterogenität recht ähnlich. Sie beinhalteten geologische, zoologische, botanische und topografische Dar-
stellungen, historische Fakten sowie Beschreibungen von diversen Einrichtungen wie Kirchen, Betrieben oder Schulen – Themenkreise, die später allesamt auch in den Heimatmuseen anzutreffen waren.14
Die Stärke der Heimatbücher lag vor allem in ihrer detailreichen Dokumentation. Allerdings fehlte vielfach die Einbindung der unüberschaubaren Fülle von Einzelfällen in einen historischen Kontext.15 Der Lehrer Hans Pemmer, der die
Schultasche und Schreibutensilien, Bezirksmuseum Floridsdorf




Wie kommen einfache Glasflaschen ins Museum? Es ist der Kontext, dem sie entstammen, der ihnen Bedeutung verleiht: Sie wurden in berühmten Brauereien abgefüllt –auch wenn die Brauerei Jedlesee im Unterschied zu Mautner Markhof heute vielleicht in Vergessenheit geraten ist. Ein gläsernes Objekt fällt allerdings aus dem Rahmen: die „Schusterkugel“. Sie zählte zum Inventar vieler Werkstätten – überall, wo für kleinteilige Arbeitsprozesse möglichst viel Licht benötigt wurde. Das Prinzip ist einfach: Der mit Wasser gefüllte kugelige Glaskolben bündelt das diffuse Licht wie eine Sammellinse und hilft so, den Arbeitsplatz besser auszuleuchten.
Porzellan wirkt neben den luziden Glasobjekten geradezu massiv und ist dennoch ebenso fragil. Das edle Material hebt den Wert von Alltagsobjekten, wie etwa das „gute“ Geschirr, das nur bei besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt wird. Porzellan wird vielfach auch für Dinge verwendet, die nur der Dekoration dienen und keine Gebrauchsfunktion haben. Die Bandbreite reicht dabei von Nippes bis Kunst. Die kunstvollsten Stücke wurden von der Wiener Porzellanmanufaktur Augarten hergestellt. Sie wurde 1923 in Schloss Augarten ins Leben gerufen, um die 1718 von Claudius Innozenz Du Paquier gegründete Erzeugungsstätte neu zu beleben. Die Figur einer Tänzerin entstammt der 1885 gegründeten Porzellanmanufaktur Goldscheider – ein erfolgreiches Unternehmen, bis die Familie nach der „Arisierung“ ihres Betriebs 1938 in die USA emigrierte. Neben Biedermeierfiguren umfasste das Sortiment auch Kleinplastiken, vom Jugendstil bis zur neuen Sachlichkeit.
Oft in gläsernen Schränken – vor Staub und Beschädigung geschützt – den Blicken dargeboten, verleihen Porzellanobjekte Heimstätten einen musealen Anstrich oder bringen umgekehrt das Heimelige, aber auch das Exotische oder Erotische ins Museum.

Schusterkugel aus Glas mit Halterung für Werkstatt-Beleuchtung · BM 4





1 Levade mit Reiter, Porzellanmanufaktur Augarten · BM 2
2 Bügelglasflasche, Mautner Markhof · BM 21
3 Glasflasche der Brauerei Jedlesee, Rudolf Dengler AG · BM 21
4 Gefäß für Schweinefett aus Keramik · BM 21
5 Waschschüssel und Waschkrug aus Keramik · BM 14

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