WISSEN FÜR ALLE
ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien
Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien
Herausgegeben von Günther Sandner
Werner Michael Schwarz
Susanne Winkler
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Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien
Herausgegeben von Günther Sandner
Werner Michael Schwarz
Susanne Winkler

Das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum und die Wiener
Methode der Bildstatistik
19 Wer war Otto Neurath?
Günther Sandner
29 Otto Neuraths „gewaltiger Plan“
Geschichte, Theorie und Praxis des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums im Roten Wien
Werner Michael Schwarz
Susanne Winkler
45 Ausstellungen des Gesellschaftsund Wirtschaftsmuseums 1925–1934
50 Denkschrift über die Schaffung eines Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien
Otto Neurath
53 Pluralismus und die materielle Welt
Otto Neuraths Beitrag zu den Wiener Kleingarten- und Wohnbauausstellungen der frühen 1920er Jahre
S. E. Eisterer
61 Das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien 1925–1934
Christopher Burke
75 Aufgaben des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien
Otto Neurath
76 Die Tätigkeit des Gesellschaftsund Wirtschaftsmuseums in Wien
Otto Neurath
79 Bildstatistik und die Bildungspolitik im Roten Wien
Nepthys Zwer
87
93
Ein Museum der „Gegenwart, vor allem als Vorstufe der Zukunft“
Das Rote Wien und das Gesellschaftsund Wirtschaftsmuseum
Paul Dvořak
Progressive in Wien: Gerd Arntz, Peter Alma, Augustin Tschinkel
Benjamin Benus
101 Wohnen im Glücksmaximum
Otto Neurath und die Wiener Werkbundsiedlung
Andreas Nierhaus
109 Optimismus des Museums, Pessimismus des Romans
Zur Manipulation statistischer Daten in Rudolf Brunngrabers Roman Karl und das zwanzigste Jahrhundert
Gernot Waldner
117 Das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum nach Otto Neurath
Günther Sandner
123 Wiener Methode der Bildstatistik und Isotype – Erinnerungen an Gerd Arntz und Marie Neurath
Friedrich Stadler
Theorie und Methode
141 „Sprache machen – eine Kunst“ Überlegungen zum Verhältnis von Isotype und Wissenschaftssprache
Elisabeth Nemeth
147 Isotype und die Geschichte der Universalsprachen
Thomas Macho
153 Die Ikonisierung der Welt
Von William Playfairs „lineal arithmetic“ 1798 zu Harry Becks
Londoner U-Bahn-Plan 1933
Béla Rásky
161 Das Novum der Vermittlungsmethode Otto Neuraths. Eine Einordnung
Angélique Groß
167 Die Methode der Wiener Methode
Robin Kinross
174 Bildliche Darstellung sozialer Tatbestände
Otto Neurath
176 Statistik und Sozialismus
Otto Neurath
181 Zeichensysteme als ästhetische Konzepte
Die Bildstatistik im Kontext von zeitgenössischer Kunst und Gestaltung
Daniela Stöppel
187 Norm und Mannigfaltigkeit.
Bildstatistik zwischen Stereotyp und kolonialer Kritik
Georg Spitaler
193 Otto Neurath, der Austromarxismus und die Wiener Moderne
Wolfgang Maderthaner
Schlüsselwerke
205 Käthe Leichter und 1.320 Wiener Arbeiterinnen: „So leben wir …“ (1932)
Gabriella Hauch
213 Der Optimismus der Bilder und Fakten
Otto Neuraths Wiener bildpädagogische Publikationen
Johan Hartle
218 Bildpädagogik
Marie Reidemeister
223 Modern Man in the Making
Michelle Henning Internationalisierung der Wiener Methode – Isotype
238 Die Museen der Zukunft
Otto Neurath
245 Das Sozialmuseum als Weltmuseum Internationalisierung der Wiener Methode
Günther Sandner
253 Die Wiener Methode in der Sowjetunion
Otto Neurath und die Wiener Gruppe im Izostat 1931–1934
Julia Köstenberger
261 „Rondom Rembrandt“ und „Het rollende rad“ Isotype und Ausstellungsdesign in den Niederlanden
Benjamin Benus
271 Isotype in England während des Zweiten Weltkriegs
Christopher Burke
279 Die Isotype-Kinderbücher:
Marie Neuraths Zusammenarbeit mit Adprint 1948–1971
Sue Walker
293 Isotype, visuelle Hilfsmittel und die Kolonien
Eric Kindel
303 Isotype und Adprint
Von Wien und Berlin nach London und New York
Silke Körber
Nach Isotype
319 Infografiken: Ein ideales Werkzeug für Klimakommunikation
Esther Gonstalla
325 Zahlen, Zeichen, Menschenliebe
Wilfried Gerstel
331 Isotype im Bewegtbild
Über meine Arbeit am Musikvideo für Orchestral Manoeuvres in the Dark (OMD)
Henning M. Lederer
337 „Nutze die Maschinerie, und sie wird dir die falschen Worte liefern“
Robert Rotifer
Andy McCluskey
343 The One and the Many (Eine für viele)
Wenn ein Element für ein anderes steht
Theo Deutinger
351 Empowerment für alle:
Wissen – begreifen – handeln
Erwin K. Bauer
357 Für eine bessere Welt
Kunst als progressiver Umgang mit Komplexität
Olaf Osten
363 Piktogramme nach Isotype
Christopher Burke
369 Genderneutrale Piktogramme vor dem Hintergrund von Isotype – eine Reflexion
Sibylle Schlaich
373 Piktogramme in der Kunst
Berthold Ecker
379 Isotype reloaded
Das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in transformation
Christiane Thenius
384 Welches Wissen braucht
Demokratie?
Debatte
Anhang
396 Autorinnen und Autoren
399 Dank
400 Impressum
Günther Sandner
Werner Michael Schwarz
Susanne Winkler
„Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“ erscheint zur gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum, das damit auch an ein besonderes Museum dieser Stadt erinnert: 1925, vor 100 Jahren, gründete der Ökonom und Wissenschaftstheoretiker Otto Neurath in Wien das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum, um vor allem jenen sozialen Klassen und Gruppen, denen seiner Ansicht nach die Zukunft gehörte, Wissen zugänglich zu machen: Schulkindern und vor allem der Arbeiterschaft. Wenige Jahre nach der Ausrufung der Republik, im sozialdemokratisch regierten Roten Wien, ging es um die Festigung der Demokratie und um Voraussetzungen zur Schaffung einer sozialistischen Gesellschaft.
Wie nur wenigen Museen glückte dem historischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum die Entwicklung einer eigenen Methode der Wissensvermittlung, die bald weltweit Verbreitung finden sollte: die „Wiener Methode der Bildstatistik“, für die Otto Neurath mit seinem Team –seiner späteren Ehefrau Marie Reidemeister, dem Künstler Gerd Arntz aus dem Kreis der Kölner Progressiven und vielen anderen – Piktogramme, „sprechende Bilder“, entwarf. Der Elan des Museums war enorm. In den nur knapp zehn Jahren bis zur gewaltsamen Auflösung nach dem Bürgerkrieg 1934 unterhielt es vier Standorte in Wien (von der Innenstadt bis zur Arbeitervorstadt Meidling), beteiligte sich an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland und entwickelte tausende Piktogramme, die in einem internationalen „Picture Dictionary“ systematisch gesammelt wurden. Zudem legte es mit dem Prachtband Gesellschaft und Wirtschaft. Bildstatistisches Elementarwerk (1930) eine umfassende Darstellung von „Produktionsformen, Gesellschaftsordnungen, Kulturstufen und Lebenshaltungen“ (so der Untertitel) in 100 farbigen Bildtafeln vor, die wegweisend war.
An ein modernes Museum oder ein Museum der Gegenwart stellte Neurath mindestens drei Anforderungen: Ausstellungsthemen, die an den Interessen und der konkreten Lebenssituation der Menschen anknüpfen und damit eine das Publikum inkludierende Haltung, Materialien, die „durch Augenfreude“ und „sonstige Reize der entwickelten Reklame die Besucher“ 1 fesseln und so
den Weg zu ihrer Vernunft finden können, und schließlich ein im ganz wörtlichen Sinn Entgegenkommen durch Wanderausstellungen und Dezentralisierung der Ausstellungsorte. Das Publikum wurde durch Befragungen eingebunden, das Expertenwissen, so die demokratische Zugangsweise, in einen produktiven Austausch mit den Besucher:innen und ihren Perspektiven gebracht.
1934 musste ein fünfköpfiges Kernteam in die Niederlande fliehen, wo es nach einem schwierigen Start an seine bildpädagogische Vermittlungsarbeit in Wien wieder erfolgreich anknüpfen konnte. Die „Wiener Methode der Bildstatistik“ wurde im politischen Exil zu „Isotype“ (International System of Typographic Picture Education). 1940 zwang die Besetzung der Niederlande durch die Nationalsozialisten Marie Reidemeister und Otto Neurath neuerlich zur Flucht. Sie emigrierten nach England, wo sie sich mit Buchserien und Filmen aktiv in den Dienst der britischen Verteidigung und Demokratie stellten. Otto Neurath starb im Dezember 1945. Seine Frau Marie – die beiden hatten 1941 geheiratet – führte das Isotype Institute in England bis 1971 erfolgreich fort, insbesondere mit ihren zahlreichen Kinder- und Jugendbüchern, die in einfacher Sprache und hoher Anschaulichkeit wissenschaftliche Erkenntnisse aus Naturwissenschaft, Technik und Geschichte erläutern. Mit visueller Aufklärungsarbeit begleitete sie auch den Prozess der Unabhängigkeit mehrerer afrikanischer Länder von Großbritannien. Ihre Bildungsund Informationsprojekte drehten sich um Wirtschaft, Gesundheit, Bildung und Demokratie. Marie Neurath verstarb 1986 in London.
Aufgrund der Vertreibung seiner Protagonist:innen ging die Erinnerung an das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum im Roten Wien weitgehend verloren. Von den mehr als tausend bildstatistischen Tafeln, um nur ein Beispiel herauszugreifen, haben sich weltweit wenige erhalten: an der University of Reading über den Nachlass Marie Neuraths, an der Wiener Kreis Gesellschaft über eine Schenkung Paul Neuraths 2 und am International Institute of Social History (IISH) in Amsterdam.
Durch die Neugründung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums nach 1945 gerieten die Wiener
Methode und das Team um Otto Neurath zwar nie ganz in Vergessenheit, doch erst durch die von Friedrich Stadler 1982 organisierte Ausstellung Arbeiterbildung in der Zwischenkriegszeit wurden sie wieder einem breiteren Publikum in Erinnerung gerufen. Insbesondere seit den 2000er Jahren ist das Interesse signifikant gestiegen. Das zeigen zahlreiche Publikationen und Ausstellungen, wie Otto Neurath. Gypsy Urbanism (Wien, MAK-Kunstblättersaal, 2009), Isotype: international picture language (London, Victoria and Albert Museum, 2010), Zeit(lose) Zeichen. Gegenwartskunst in Referenz zu Otto Neurath (Wien, Künstlerhaus, 2012), Marie Neurath: Picturing Science (London, House of Illustration, 2019), Die Gesellschaft der Zeichen: Piktogramme, Lebenszeichen, Emojis (Düren, Leopold-Hoesch-Museum, 2020) oder zuletzt Was wäre Wien (Wien, Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum, 2025). Die Aktualität ist gut erklärbar. Die Bedeutung von Piktogrammen als Medium einer internationalen Kommunikation hat deutlich zugenommen, ebenso die Brisanz von Fragen nach Stereotypisierung, nach Exklusion und Inklusion. Nicht minder aktuell sind die politischen Motive, die hinter der Entwicklung von Isotype standen: Wie kann Wissen und Wissenschaft breit, niedrigschwellig und attraktiv vermittelt werden? Und wie viel Wissen und welches Wissen brauchen Demokratien?
Der vorliegende Band ist in fünf Unterkapitel gegliedert, die chronologisch von den Anfängen des Museums in Wien über die Internationalisierung der Wiener Methode der Bildstatistik, die Zeit des Exils, die Geschichte von Isotype nach dem Tod Otto Neuraths bis hin zu aktuellen künstlerisch-grafischen Arbeiten führen. Zu den 40 Beiträger:innen zählen Historiker:innen, Politikwissenschaftler:innen, Architekturtheoretiker:innen, Kunsthistoriker:innen, Literaturwissenschaftler:innen, Grafiker:innen und Künstler:innen aus dem deutschsprachigen Raum, aus England und aus den USA.
Der Periode Rotes Wien widmen sich Günther Sandner, Susanne Winkler, Werner Michael Schwarz, S. E. Eisterer, Christopher Burke, Nepthys Zwer, Paul Dvořak, Benjamin Benus, Andreas Nierhaus und Gernot Waldner. Der Philosoph und Historiker Friedrich Stadler erinnert sich an seine Begegnungen mit Marie Neurath und Gerd Arntz in den 1980er Jahren. Mit Theorie und Methode von Isotype und dessen philosophischem und historischem Kontext setzen sich Elisabeth Nemeth, Thomas Macho, Béla Rásky, Angélique Groß, Robert Kinross, Wolfgang Maderthaner sowie Daniela Stöppel und Georg Spitaler auseinander. Herausragende Publikationen mit Arbeiten des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums beleuchten Gabriella Hauch (Käthe Leichter: „‚So leben wir …‘ 1320 Arbeiterinnen berichten über ihr Leben“, 1932), Johan Hartle (bildpädagogische Publikationen) und Michelle Henning („Modern Man in the Making“, 1939). Die Internationalisierung der Wiener Methode der
Bildstatistik ist Thema der Beiträge von Günther Sandner, Julia Köstenberger (Sowjetunion), Benjamin Benus (Niederlande), Christopher Burke (England), Eric Kindel (Westafrikanische Kolonien), Silke Körber (England/USA) und Sue Walker (England). Dem Einfluss von Isotype auf Grafik und Kunst gehen Christopher Burke, Sibylle Schlaich, Berthold Ecker und Christiane Thenius nach.
Esther Gonstalla, Wilfried Gerstel, Theo Deutinger, Henning M. Lederer, Erwin K. Bauer und Olaf Osten räsonieren über die Bedeutung von Isotype für ihre künstlerisch-grafischen Arbeiten. Andy McCluskey von der englischen Band OMD (Orchestral Manoeuvres in the Dark), die 2017 den Song Isotype herausbrachte, erklärt im Interview mit Robert Rotifer seine Faszination für die Bildsprache aus Wien.
In der die Publikation abschließenden Debatte diskutieren die Wissenschaftler:innen und Wissenschaftsvermittler:innen Martina Zandonella, Elke Ziegler, Matthias Schnetzer und Friedrich Stadler über die Demokratisierung des Wissens, die Herausforderungen der Wissenschaftsvermittlung und über historische und aktuelle Methoden der Datenvisualisierung.
Wir danken dem Wien Museum für die Ermöglichung des Projekts (Ausstellung und Begleitband), insbesondere den Kolleg:innen des Publikationsmanagements Sonja Gruber und Andrea Ruscher, sowie der Arbeiterkammer Wien für die großzügige Förderung. Maßgeblich unterstützt wurde das Vorhaben von der University of Reading, wo sich die Otto und Marie Neurath Isotype Collection befindet. Emma Minns, Christopher Burke und Eric Kindel gilt unser besonderer Dank. Wichtige Mitwirkung leisteten Beate Lang, Katharina Vigl und Michael Domes von der Fachbereichsbibliothek für Soziologie und Politikwissenschaft der Universitätsbibliothek Wien, die das Paul F. Lazarsfeld Archiv beherbergt. In engem Austausch standen wir mit der Wiener Kreis Gesellschaft und Friedrich Stadler sowie mit dem Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien, mit Christiane Thenius, Andreas Lehner, Theo Deutinger und Gernot Waldner.
Für die großartige Zusammenarbeit bedanken wir uns bei Katharina Gattermann, die den vorliegenden Band grafisch gestaltet hat, bei Olaf Osten für den Entwurf des Covers, bei Julia Teresa Friehs für das Lektorat und Fanny Esterházy für die Übersetzungen aus dem Englischen.
Die Herausgeber:innen
1 Otto Neurath: Denkschrift über die Schaffung eines Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums, S. 2, in: Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung, Parteiarchiv vor 1934, Mappe 88.
2 Die elf Tafeln wurden im Sommer 2025 vom Wien Museum erworben.


Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien Wien Museum, 6. 11. 2025 bis 5. 4. 2026
Raumskizze zur Ausstellungsgrafik, Olaf Osten, 2025
Ausstellungsgestaltung: Manuela Mark und Thomas Hamann Grafik: Olaf Osten
Picture Dictionary (Bildwörterbuch)
Otto Neurath und sein Team arbeiteten an der Entwicklung einer internationalen Bildsprache, um allgemein verbindliche, verständliche „sprechende Zeichen“ zu schaffen. Von Acker bis Zucker sollte mit Piktogrammen die gesamte gegenständliche Welt dargestellt werden. Das Zeichen-Alphabet wurde beständig erweitert und überarbeitet. Die genaue Zahl der Piktogramme ist aufgrund der Exilgeschichte schwer zu ermitteln, man kann jedoch von mehreren Tausend ausgehen.
Otto and Marie Neurath Isotype Collection, University of Reading


Man wird Neurath nicht genügend gerecht, wenn man ihn „vielseitig“ nennt.1
Ein Universalgelehrter
Als der junge Otto Neurath an seiner Dissertation zur römischen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte arbeitete, widmete er sich – nicht zuletzt, um dringend benötigtes Geld zu verdienen – parallel dazu auch einem literarischen Stoff: der Faust-Bearbeitung des damals wie heute weitgehend unbekannten Schriftstellers Ludwig Wolfram, die dieser unter dem Pseudonym F. Marlow veröffentlicht hatte. Für diese zwei Schreibarbeiten verließ Neurath, krank und ausgehungert, seine Studienstadt Berlin und zog sich im Frühjahr 1906 in die Schweiz, in eine Ortschaft nahe Bern, zurück. Dort hielt sich auch Anna Schapire auf, seine spätere Frau, die an der Universität Bern ihren Studienabschluss machte.2
Neuraths Schreibtisch wäre fein säuberlich in der Mitte geteilt gewesen, so die Erzählung – Wirtschaftsgeschichte auf der einen Seite, Literaturwissenschaft auf der anderen.3 Dem eher knappen Text des FaustDramas stellte er schließlich eine rund 500-seitige Einleitung voran.4 Es sollte nicht seine erfolgreichste Arbeit werden. Während seine Doktorarbeit und seine Promotion 1906 in Berlin nur den Beginn einer lebenslangen Befassung mit Fragen der Wirtschaftsgeschichte und politischen Ökonomie markierten, blieb diese literaturwissenschaftliche Studie wenig beachtet und letztlich eine Episode in seinem intellektuellen Leben. Der Wirtschaftshistoriker und der Literaturexperte, das wollte auch nicht richtig zusammenpassen. So kam es zu einem Missverständnis, aus dem sich der humorbegabte junge Universalgelehrte etwas später einen Spaß machte. Neurath, so erinnert sich sein Freund Heinz Umrath, habe an einer Sitzung der Goethe-Gesellschaft teilgenommen, bei der er an einem düsteren Winterabend einen Literaturwissenschaftler traf, der sich ihm im Halbdunkel vorstellte und sagte, er freue sich, ihn, Neurath, zu treffen, dessen
Bruder, den Ökonomen, er bereits kenne. Neurath korrigierte den Irrtum nicht, sondern spielte zuerst den Literaturwissenschaftler und später den Ökonomen, und zwar mit abschätzigen Bemerkungen über den jeweils anderen – bis die Sache schließlich aufflog.5
Wahr oder nicht wahr: Diese Anekdote weist auf ein Thema hin, das bis heute die Forschungen zu Otto Neurath begleitet: Neuraths Interessen und Arbeiten bewegten sich nicht in den Grenzen einer Wissenschaftsdisziplin, er arbeitete vielmehr zu sehr vielen, sehr unterschiedlichen Bereichen, die zwar in seinem Werk logisch verknüpft erschienen, doch diese Verknüpfungen wurden in der Rezeptionsgeschichte selten hergestellt.
Wer nun also war Otto Neurath?
Kurzzeitig Literaturwissenschaftler, reüssierte er akademisch und wissenschaftlich vor allem als Wirtschaftshistoriker, um aus seinen historischen Studien eine Kriegswirtschaftslehre und nach dem Ersten Weltkrieg wiederum aus dieser ein Sozialisierungsmodell („Vollsozialisierung“) zu entwickeln. Neurath war aber auch Wissenschaftstheoretiker und Wissenschaftsphilosoph (ohne selbst diese Begriffe zu verwenden), war Mitglied des legendären Wiener Kreises, Mitbegründer des Logischen Empirismus, Co-Autor eines Manifests zur „wissenschaftlichen Weltauffassung“ und Verfechter des Projekts einer Einheitswissenschaft. Er vertrat eine empirische Soziologie und schuf eine innovative, wegweisende Lebenslagenforschung. Darüber hinaus wirkte er als visueller Erzieher und Museumsdirektor, als Entwickler einer „Wiener Methode der Bildstatistik“, später Isotype (International System of Typographic Picture Education). Er war Gildensozialist, Austromarxist, Sozialepikureer. Planungstheoretiker, Glücksforscher, wissenschaftlicher Utopist. In der Tat ist Vielseitigkeit ein schwaches Wort, um Neurath zu charakterisieren.




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