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Wo Dinge wohnen. Das Phänomen Selfstorage Herausgegeben von Martina NuĂ&#x;baumer und Peter Stuiber Fotografien von Klaus Pichler


Vorwort Matti Bunzl 10

Wiener Perspektiven auf das Phänomen Selfstorage. Zum Buch und zur Ausstellung Wo Dinge wohnen Martina Nußbaumer, Peter Stuiber 12

Capitalisme sentimental. Selfstorages als Sammlungsräume des Selbst Petra Beck 24

Dinge-Diät. Was Selfstorage mit Decluttering verbindet Peter Stuiber 32

Wenn der Platz knapp wird: Stauraum in Zeiten der Wohnungskrise Justin Kadi 36

Der Keller als Haus. Eine Typologie auf der Suche nach einer Ausdrucksform: Zur Architektur und zum urbanen Kontext von Selfstorage Maik Novotny 56

Wenn das Lokal zum Lager wird. Kritische Anmerkungen zum Boom von Selfstorages im urbanen Erdgeschoß Angelika Psenner 68

Orte der Diskretion. Zur inneren Organisation und Atmosphäre von Selfstorage-Gebäuden Petra Beck 80

Das Schloss der Träume Klaus Pichler 94

Versteckte Leichen, verborgene Schätze. Das Selfstorage als Schauplatz im Kino und im Fernsehen Martina Nußbaumer 96

Storage-Porträts

Florian Franke-Petsch … 104 Georg Graewe … 118 Miranda Martin … 126 Renata Marie Werdung … 138 Christiane Gruber … 146 Herr B. … 154 Autorinnen und Autoren … 158 Dank … 159 Abbildungsnachweis … 159 Impressum … 160


Vorwort Ende 2014: Nach fast 25 Jahren in den USA ­packte ich meine Koffer, um zurück nach Wien zu ziehen. Aber nur metapho­risch. Vielmehr waren es Kisten, unzählige Kisten, vollgestopft mit Büchern und CDs, die sich über die Zeit angesam­melt hatten. In Illinois gab es nie ein Platzproblem. In der Uni-Stadt lebten mein Mann und ich in einem riesigen Haus  – in der „middle of nowhere“ sind Liegen­schaften ­günstig. Als wir das Haus ve­r­kauften, veräußerten wir auch gleich die Möbel. Aber unsere ­Bücher und CDs – die gehörten mit uns nach Wien. Dort sollten wir aber nur eine relativ ­kleine Wohnung zur Verfügung haben. Und so wurde ich zu einem Beispiel für das ­Phänomen Selfstorage. Ein Abteil in einer ­gro­ßen Einrichtung am Wiener Gürtel war schnell an­ gemietet, und unsere Dinge wohnten für meh­ rere Jahre hinter einem Vorhängeschloss. Erst der Einbau massiver Bücherschränke in unsere Wohnung erlaubte eine Überführung nach Hause – und auch die nahm mehrere Jahre in Anspruch. Eine Bibliothek wieder aufzu­stellen geht nicht von heute auf morgen. Meine Geschichte ist individuell und banal – ­zugleich systemisch und exemplarisch. Wir leben in einer Zeit ständig wachsenden persönlichen Besitzes, neuer Formen (vor)städtischer Verdichtung und bis vor Kurzem ungeahnter Mobilität. Das sind genau die Faktoren, die das Phänomen Selfstorage entstehen ließen. Dass dies in den USA geschah, passt ins Bild: In der Nachkriegszeit waren die Vereinigten Staaten Ort einer sozioökonomischen Revolution, die es einer rapide wachsenden Mittelschicht ermöglichte, Verdienst durch Flexibilität zu maximieren. Die daraus resultierende Häufigkeit von Übersiedlungen, oft für nur kurze Zeit, produzierte einen Bedarf, den die Institution Selfstorage abdeckte. Was in den USA der 1960er Jahre begann, wurde durch Globalisierungs­ prozesse in die ganze Welt getragen – auch an den Wiener Gürtel.

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Wo Dinge wohnen. Das Phänomen Selfstorage ist einer der ersten Versuche, diesem Thema in einer Ausstellung und in Buchform zu begegnen. Ich bin unserer Kuratorin Martina ­Nußbaumer äußerst dankbar für ihre diesbezügliche Anregung und den spannenden Zugang, den sie mit Co-­Kurator Peter Stuiber gefunden hat. Genau solche Themensetzungen sind es, die moderne Stadtmuseen relevant machen. Dabei geht es nicht nur darum, den Finger am Puls lokaler ­Prozesse zu haben, sondern auch globale Entwicklungen durch ihre spezifische Verortung nachzuzeichnen. Die kongeniale Formen­sprache für die Ausstellung stammt von Gestalter R ­ obert Rüf und Grafikerin Larissa Cerny, die auch das Layout für dieses Buch entworfen hat. Ein zentrales Element in der Ausstellung wie im Buch bilden die Fotografien von Klaus Pichler, der in monatelangen Streifzügen durch die Stadt Architekturen und Raumatmosphären von Wiener Selfstorages festgehalten hat, aber auch deren Nutzer_innen und ihre ausgelagerten ‚Schätze‘ mit viel Liebe zum Detail porträtiert hat. Pavel Cuzuioc hat auf einfühlsame Weise die filmischen Porträts für die Ausstellung gestaltet. Großer Dank geht an Raffaela Sulzner und Karina Karadensky für die Ausstellungsproduktion und an Sonja Gruber für das Publikations­ management sowie an Petra Beck, Justin Kadi, Maik Novotny und Angelika Psenner, die als Autor_innen zu diesem Buch beigetragen haben. Mein besonderer Dank gilt schließlich Florian Franke-Petsch, Georg Graewe, Christiane ­Gruber, Miranda Martin, Renata Marie Werdung und Herrn B., die uns Einblicke in ihre Selfstorages gewährt ­haben und damit erst die Ausstellung und das Buch in dieser Form möglich gemacht haben. Matti Bunzl Direktor Wien Museum


Wiener Perspektiven auf das Phänomen Selfstorage. Zum Buch und zur Ausstellung Wo Dinge wohnen Martina Nußbaumer, Peter Stuiber

„My Place – Mein Platz für mehr Platz!“, „Storebox – Dein Lager nebenan“, „Easy Storage – einfach besser lagern“. Werbebotschaften wie diese sieht man in den letzten Jahren immer öfter im öffentlichen Raum Wiens – an mehrgeschoßigen Lagerhäusern, an den Eingängen zu Containeranlagen und in jüngster Zeit verstärkt auch auf Klebefolien auf den Fenstern innerstädtischer Erdgeschoßlokale. Sie sind das sichtbarste Zeichen dafür, dass ein international vor allem in (Groß-)Städten beobachtbarer Trend mittlerweile auch Wien erreicht hat: der Trend, persönliche oder geschäft­ liche Gegenstände in ein Selfstorage aus­zulagern, wenn zu Hause oder im Büro der Platz knapp wird. Haben wir zunehmend zu viele Dinge? Oder in den immer dichter werdenden Städten immer weniger Platz? Die Ausstellung und das Buch Wo Dinge wohnen. Das Phänomen Selfstorage nehmen den Boom von Selfstorage-Einrichtungen in Wien und in anderen europäischen Städten zum Anlass, nach den Gründen und Rahmenbedingungen für die stei12

gende Nachfrage nach Stauraum außer Haus zu fragen – und danach, wer diese neuen Räume in welcher Form nutzt. Fragen von Stadt- und Wohnraumentwicklung werden dabei mit Fragen nach dem individuellen Umgang mit der Knappheit von Raum und der Flut der Dinge, mit Fragen des Aussortierens, Auf­bewahrens und Weggebens verknüpft – Fragen, die sich in ähnlicher Form auch im Arbeitsalltag eines Stadtmuseums wie dem Wien Museum stellen. Denn die Entscheidungen darüber, welche Objekte neu in die Sammlung aufgenommen und für zukünftige Forschungen und Ausstellungen bewahrt werden, werden nicht zuletzt im Kontext verfügbarer Depotkapazitäten getroffen.

Der Boom einer neuen Dienstleistung Das „Self Service Storage“ oder Miet­ lager zur Selbsteinlagerung – ursprünglich eine US-amerikanische Erfindung der 1960er Jahre, die auf die wachsende Mobilität, aber auch auf die wachsende Zahl der Dinge pro Haushalt in der Wohlstands- und Konsumgesellschaft der Nachkriegszeit reagierte – erobert seit den 1980er Jahren Westeuropa und seit den späten 1990er Jahren auch den deutschsprachigen Raum. Im Jahr 1999 eröffnete die Firma MyPlace, die als einer der Pioniere der Dienstleistung Selfstorage im deutschsprachigen Raum gilt und hier bis heute marktführend ist, ihre erste Filiale am Stadtrand Wiens.1 Das Angebot trockener, sicherer, sauberer und uneinsehbarer Lagerabteile in Größen zwischen einem und fünfzig Quadratmetern, die man flexibel an­­mieten und 16 Stunden pro Tag be­ tre­ten kann, schloss offensichtlich eine Marktlücke. Seither sind sowohl das Angebot von als auch die Nachfrage

1 Vgl. https:// www.myplace.at/ wer_ist_myplace/­ geschichte.html (18.12.2018). 2 Quelle: Schriftliche Auskunft von MyPlace vom 14.8.2018. 3 Vgl. den Beitrag von Petra Beck (­Capitalisme sentimental), S. 25. Zu dieser Form von Anbietern gehören neben dem Marktführer MyPlace auch die Unternehmen Boxroom und Extra­space, die jeweils eine Filiale in Wien betreiben. 4 Hauptanbieter sind hier die Firmen Diskont Depot (fünf Standorte) und Easy Storage (zwei Standorte), daneben gibt es mehrere Anbieter mit jeweils nur einem Standort.


5 Vgl. https:// www.store.me/ de-AT/standorte (19.12.2018). Der zweitgrößte Anbieter von Innenstadtstorages, das seit 2009 in diesem Feld aktive Unternehmen Localstorage, betrieb Ende 2018 neun Standorte in Wien (vgl. https:// www.localstorage.at, 19.12.2018); ­daneben gab es mehrere Anbieter mit jeweils einem einzelnen Standort. 6 Vgl. https:// derstandard.at/ 2000088282196/ Immobilien-Groesse Rene-Benkoinvestiert-Millionenin-Wiener-Start-up, 28. September 2018 (19.12.2018). 7 Vgl. dazu den Beitrag von Angelika Psenner, S. 68–73. 8 Erste Überblicksdarstellungen zur Wiener Marktentwicklung finden sich bei: Eveline Moser: Selfstorage-Anbieter im urbanen Bereich am Fallbeispiel Großraum Wien, Bachelorarbeit, Wirtschaftsuniversität Wien 2013; Nadja MarinLudmer: Selfstorage Lagerhaus. Analyse des Marktes in Österreich, MasterThesis, Technische Univer­sität Wien 2017. 9 Schätzungen auf der Basis von Angaben der Firmen Boxroom, Easy Storage, Extraspace, Localstorage, MyPlace, Repon, Storebox, Titan Containers und von eigenen ­Recherchen. 10 Vgl. FEDESSA Euro­pean Self ­Storage Annual Survey 2017, S. 11.

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nach Selfstorage-Räumen in der Stadt rasant gewachsen: Allein MyPlace eröffnete seit 1999 zehn weitere Filialen in der Stadt. Verfügte die erste Anlage des Unternehmens noch über bescheidene 195 Quadratmeter Lagerfläche, so boten alle Standorte zusammen im Jahr 2018 bereits 47.739 Quadratmeter an, aufgeteilt auf 10.300 Abteile.2 Zahlreiche weitere Anbieter sind seit den frühen 2000er Jahren in den Wiener Markt eingestiegen. Sie sprechen je nach der Lage des Standorts in der Stadt, nach der Ausstattung der Lagereinheiten, den Öffnungszeiten, dem Preis und den verfügbaren Zusatzservices (Umzugshilfe, Regalaufstellung, Verpackungsmaterial, Paketannahme etc.) unterschiedliche Kund_innensegmente an. Wer kurzoder langfristig Stauraum außer Haus sucht, kann mittlerweile zwischen Self­storage-Einheiten in mehrgeschoßigen „Häusern für Dinge“3, Container- und Garagenanlagen4 und kleinen inner­ städtischen Selfstorage-Anlagen wählen, die in leer stehenden Geschäfts­lokalen in der Erdgeschoßzone errichtet werden. Dieses dritte Segment verzeichnet aktuell die stärksten ­Wachstumsraten im Hinblick auf die Zahl neuer Standorte in Wien: Allein das 2016 gegründete Start-up Storebox, das seine Lagerabteile über ein Onlineportal vermietet, betrieb Ende 2018 bereits 22 Standorte.5 Dass sich seit September 2018 auch der österreichische Milliardär und Immobilieninvestor René Benko mit seiner Signa Innovations AG an Storebox beteiligt,6 kann als Indiz dafür gewertet werden, dass die Erwartungen an Renditen im Mietlager im urbanen Erdgeschoß hoch sind und dieses noch kräftige Zuwachsraten verzeichnen wird. Stadtforscher_innen beobachten vor allem die Entwicklung dieses Marktsegments mit Sorge und geben zu bedenken, dass die verklebten oder zugemauerten Fenster­ öffnungen der zum Lager umfunktio-

nierten Geschäftslokale die Verödung des öffentlichen Raums befördern.7 Präzise Daten zur ­Gesamtentwicklung der Dienstleistung Selfstorage in Wien fehlen bislang,8 da die Branche heterogen ist, das gewerbliche Angebot durch zahlreiche Einzelvermietungen von Privatpersonen ergänzt wird und es in Österreich – im Gegensatz etwa zu Deutschland – keinen branchenspezifi­ schen Dachverband gibt. Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass es im Jahr 2018 im Wiener Stadtgebiet bereits rund 60 Selfstorage-Standorte mit einer ­Gesamtfläche von geschätzt 95.000  Quadratmetern gab,9 die von rund 15  ver­­ schie­denen Anbietern betrieben wurden; etwa zwei Dutzend weitere Anlagen er­gänzten das Angebot im Großraum Wien. Mit diesem kontinuierlichen und in den letzten Jahren beschleunigten Wachstum der Branche liegt die Stadt ganz im europäischen Trend: Laut An­gaben der Federation of European Self Storage Associations (FEDESSA) wuchs die Zahl der Selfstorage-Flächen in Eu­ro­pa allein im Jahr 2017 um 10,8 ­Prozent.10

Das Phänomen Self­ storage als Seismograf gegenwärtiger Stadt­ entwicklung Die Beiträge in diesem Buch zeigen, dass die Gründe für die wachsende Nachfrage nach ausgelagertem Stauraum vielfältig sind. Selfstorage ist, wie die Ethnologin Petra Beck in ihrem einführenden Essay Capitalisme sentimental schreibt, eine Dienstleistung, die von erhöhter Mobi­ lität, veränderten Lebensstilen und biografischen Einschnitten profitiert. Nicht von ungefähr weisen jene Länder in Europa, in denen die Bewohner_innen am häufigsten umziehen, tendenziell


auch die höchste Quadratmeterzahl an Selfstorage-Fläche auf.11 Bei jedem Umzug, so Petra Beck, werden immer auch Dinge freigesetzt, die es neu zu verstauen gilt. Und diese Dinge werden stets mehr: Schätzungen zufolge besitzen Menschen in der westlichen Welt heute durchschnittlich 10.000 Gegenstände, auch wenn die gegenwärtig florierende Rat­geberliteratur zum Thema Minima­ lismus und Decluttering, die Peter Stuiber für seinen Beitrag gesichtet hat, dringend für eine Reduktion plädiert. Die Lagerung dieser vielen Dinge wird vor allem in der Stadt, wo Raum knapp und teuer ist, zunehmend zur Heraus­ forderung – auch in Wien. Wie in an­ deren Städten sind auch hier ­klassi­sche „Dingräume“ (Petra Beck) im Rück­zug begriffen: Dachböden werden zu Wohnungen ausgebaut, Keller sind entweder zu feucht für moderne Lager­bedürf­ nisse oder werden bei Neubauten erst gar nicht eingeplant, und die effizient geschnittene „Smart-Wohnung“ muss keinen Abstellraum mehr bieten. Woh­ nun­gen in Wien werden, wie Justin Kadi in seinem Text ausführt, nicht nur tendenziell wieder kleiner, sondern auch immer teurer. Der Wohnungsneubau hat mit dem rasanten Bevölkerungswachstum seit Mitte der 2000er Jahre nicht Schritt gehalten. Das verstärkte Investment in Immobilien in Folge der Finanzkrise 2007/08 hat die Quadratmeterpreise in die Höhe getrieben. Verschärft wird die Dynamik am Wohnungsmarkt durch die zunehmende Befristung von Mietverträgen, die Menschen dazu zwingt, häufiger umzuziehen. Selfstorage kann vor diesem Hinter­grund sowohl eine temporäre Lösung zwischen zwei (freiwilligen oder erzwungenen) Umzügen sein als auch, wie die Soziologin Carmen Keckeis in einer ersten Studie zum Thema Self­ storage in Wien gezeigt hat, eine längerfristige Lösung, um bei zusätzlichem 14

Platzbedarf durch veränderte Lebensumstände nicht in eine größere und teu­ rere Wohnung wechseln zu müssen.12 Die hier versammelten Beiträge erkunden jedoch nicht nur die strukturellen Rahmenbedingungen des wachsenden Trends zum ausgelagerten Stauraum. Maik Novotny und Angelika Psenner analysieren in ihren Texten auch die Bautypologien der neuen SelfstorageArchitekturen in Wien und fragen, wie diese auf den Stadtraum zurückwirken und welche grundlegenden urbanistischen Fragen sie aufwerfen. Petra Beck beleuchtet in ihrem Beitrag Orte der Diskretion die spezielle Raumatmosphäre, die im Inneren von Selfstorage-Häusern herrscht, wo man meist „allein zwischen tausend Türen“ ist. Die Ungewissheit, was sich hinter diesen Türen verbirgt, befördert, wie die letzten beiden ­Essays zeigen, auch unterschiedlichste Ängste und Fantasien: Klaus Pichler hat im Rahmen seiner Fotoserie zu Wiener Selfstorages mit Hingabe die individuell gewählten Vorhängeschlösser dokumentiert, mit denen die Mieter_innen ihre Abteile sichern, und lässt in seinem Beitrag Das Schloss der Träume das „Kopfkino“ laufen, was diese Schlösser wohl über die Persönlichkeiten der Mieter_innen und die von ihnen gelagerten Gegenstände erzählen. Auch im realen Kino und im Fernsehen sind Selfstorages beliebte Projektionsflächen: Martina Nußbaumer zeigt in ihrem Text, wie die Mietlager je nach Genre wechsel­weise als Ort des Schreckens, als Ort über­raschender Funde oder als Zufluchtsort inszeniert werden. Oder manchmal einfach nur als Ort, der hilft, das eigene Leben „in Ordnung“ zu bringen.

11 Vgl. FEDESSA European Self ­Storage Annual Survey 2018, S. 6f. (https://www. fedessa.org/publications/fedessa-european-annual-report, 19.12.2018). 12 Vgl. Carmen Keckeis: Selfstorage: eine soziologische Untersuchung des Bedarfs nach zusätzlichem Lager­ raum im Kontext der Plura­li­sierung der Lebensstile, Dipl.Arb., Univ. Wien 2012, S. 197f.


13 Vgl. Beck, ­Capitalisme sentimental, S. 27. 14 Auskunft von MyPlace am 20.3.2018. 15 Vgl. Keckeis, Selfstorage, S. 199f. 16 Petra Beck: Restopia – Self­ storage als urbane Praxis, Dipl.-Arb., Humboldt-Univer­ sität zu Berlin 2012, S. 120.

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Storage-Nutzer_innen im Porträt Das Herzstück dieses Buchs wie auch der Ausstellung bilden Porträts von Wiener Selfstorage-Nutzer_innen und ihren ausgelagerten „Schätzen“ – vom Familienarchiv bis zum „Kleiderschrank außer Haus“. Ziel bei der Auswahl der Personen war es, ein möglichst breites Spektrum an Motiven für die Anmietung und möglichst unterschiedliche Nutzungen zu zeigen. Rund ein Drittel der Mieter_innen von Selfstorages sind, wie die Forschungen von Petra Beck13 und Erhebungen von Storage-Betreibern14 zeigen, Geschäftskund_innen. Zu ihnen gehören etwa Steuerberater_innen, die hier ihre Akten archivieren, Onlinehändler_innen, die ihr Sortiment zwischenlagern, oder kleine Handwerksbetriebe, die ihr Werkzeug verstauen. Rund zwei Drittel und damit die deut­ liche Mehrheit der Mieter_innen sind Privatkund_innen. Bei vielen von ihnen sind es biografische Einschnitte, die den Anlass dafür geben, kurz- oder langfristig Lagerräume anzumieten: ein Auslandsaufenthalt, ein neuer Job an e­ inem anderen Ort, das Zusammen­ ziehen mit dem Partner oder der Partnerin, eine Trennung, eine Delogierung oder ein Todesfall in der Familie. Bei anderen sind es private Sammelleidenschaften, die aus Platzgründen nicht in der Wohnung ausgelebt werden können, oder das Fehlen eines Stauraums für die Wintersportgeräte. Egal, aus welchen Gründen man Dinge auslagert, beim Phänomen Selfstorage geht es, wie Carmen Keckeis betont, nie allein um die Schaffung von Platz, sondern immer auch um die Schaffung von Zeit – Zeit, um die Entscheidung über den endgültigen Verbleib der Gegenstände hinauszuzögern.15 Selfstorages sind so­mit h ­ äufig auch Orte des Übergangs,

oder, wie es Petra Beck formuliert, „eine Schleuse, durch die die Dinge hin­durchmüssen, um woanders sein zu ­können“.16 Privat angemietete Storage-Abteile sind sehr persönliche Räume; auch in der eigenen Wohnung bleibt der Abstellraum den Blicken der Gäste in der Regel verborgen. Rund 15 Mieter_innen gewährten uns im Zuge der Recherchen dennoch Einblicke in ihre Lagerräume. Die Kontakte ergaben sich über Self­ storage-Anbieter, vor allem aber über persönliche Netzwerke; die Vermittlung über Personen, die die Mieter_innen kennen, und zum Teil ausführliche Vor­ab­gespräche halfen, jenes Vertrauen herzustellen, ohne das die Tür zum ­ per­sönlichen Lagerraum verschlossen ge­blieben wäre. Fast alle Mieter_innen, die wir getroffen haben, artikulierten vor der ersten Be­ sich­tigung ihrer Storage-Einheit zwei Bedenken: „Ich habe nichts Besonderes in meinem Abteil.“ Und: „Es ist unordentlich.“ Beides stellte sich meist als unbegründet heraus. Auf den ersten Blick mögen viele Dinge, die in Self­storages eingelagert sind, tatsächlich als „nichts Besonderes“ erscheinen: Fahrräder und Autoreifen, Zeitschriften, Bücher und Fotoalben, Ikea-Möbel und die alte Ledercouch, Spielsachen, Kleidung, Ski­schuhe, die Angelausrüstung, Krimskrams in Umzugskartons. „Wertvolles“ im Sinn materieller Werte ist die Ausnahme. Doch sobald die Mieter_innen ihre Kisten auspacken, einzelne Dinge hervorholen und über die Erinnerungen und die Zukunftspläne erzählen, die sie damit verbinden, wird offensichtlich, dass der „Wert“ dessen, was in Self­ storages schlummert, auf einer anderen Ebene als der monetären anzusiedeln ist. Spätestens in diesen Momenten wird deutlich, dass Selfstorages und die in ihnen gelagerten Gegenstände verdichtet von den Herausforderungen des Lebens, Wohnens und Arbeitens in der Stadt


der Gegenwart und von der zentralen Bedeutung von Dingen für unsere Biografien erzählen. Neben den Nutzungen jener fünf Storage-­Mieter_innen, die hier im Buch und in der Ausstellung porträtiert werden, gibt es viele weitere – auch solche, die sich aus Rücksicht auf die betroffenen Personen nicht öffentlich erzählen lassen, weil sie zu privat oder zu prekär sind. Denn auch zerrüttete Familien­ verhältnisse, Anzeichen des Messie-­ Syndroms oder angespannte finanzielle Situationen können sich in SelfstorageAbteilen widerspiegeln. Manche ­Men­schen, die in schwierigen Umbruch­ situationen dringend Lagerplatz benötigen würden, können sich einen solchen gar nicht leisten – wie etwa Herr B., der im sechsten Porträt davon erzählt, dass er nach seiner Delogierung nur mithilfe eines „Social Selfstorage“-Projekts der Caritas vier Kisten mit persönlichen Gegenständen aufheben konnte. Im Zuge der Recherche sind uns viele Geschichten zu Ohren gekommen: die Geschichte einer wohnungslosen Frau, die jeden Tag frische Kleidung aus ihrem Abteil holt und dieses dazu nutzt, nach außen hin den Anschein einer geregelten Existenz aufrechtzuerhalten; die Geschichte eines selbstständig Tätigen, der sein Abteil als Büro benützt, weil er sich keinen anderen Arbeitsplatz leisten kann; die Geschichte vom glühenden Neonazi, der einschlägige Literatur im Mietlager hortet. Der Wahrheitsgehalt dieser Erzählungen lässt sich schwer überprüfen, denn Selfstorage ist nicht nur eine äußerst private Angelegenheit, sondern auch ein diskretes Geschäft. Nicht adäquate und verbotene Nutzungen bleiben oft im Verborgenen. Oder sie werden von vornherein ausgeschlossen: Zwei junge Männer etwa, die einem Selfstorage-Anbieter die Frage stellten, ob sie in einem Abteil ein Fitnessstudio für den engsten Freundeskreis einrich16

ten dürften, mussten von dieser Idee sofort wieder Abstand nehmen. Auch wenn die Nutzer_innen, die wir getroffen haben, die Dienstleistung Selfstorage – vor allem im Hinblick auf die vergleichsweise hohen Mietpreise – oft kritisch betrachteten, waren sich alle darin einig, dass Selfstorage in be­stimmten Lebenssituationen eine äußerst praktische Lösung ist. Die Ge­ spräche offenbarten nicht zuletzt einen höchst bewussten, wenn auch indivi­ duell sehr unterschiedlichen ­Umgang mit den Dingen, die man besitzt und gegen deren Überhandnehmen man ständig von Neuem kämpft. „Es sammelt sich“, war eine Formulierung, die wir im Zuge der Recherche immer wieder hörten. Es gibt wohl keine Formulierung, die das Gefühl, der Flut der Dinge phasenweise ausgeliefert zu sein, pointierter auf den Punkt bringt als diese. Es sammelt sich – und wir lagern es aus.


Die größten SelfstorageMärkte weltweit Zahl der Standorte und durchschnittliche Storagefläche pro Einwohner_in in m2 Stand 2017

54.100 0,878 m2 USA

130 k. A. Mexiko

Mit Abstand führend am weltweiten Selfstorage-Markt sind die USA: Dort gab es im Jahr 2017 insgesamt 285.000.000 m2 Storagefläche. Quelle: FEDESSA European Self Storage Annual Survey 2017 / JLL (http://www.jll.co.uk/united-kingdom/en-gb/ services/property-sectors/self-storage/fedessaworldwide-map, 20.12.2018). Erfasst werden hier alle Staaten mit mehr als 100 SelfstorageStandorten.

1.432

0,060 m2 Großbritannien

289 0,051 m2 Niederlande

355 0,015 m2 Frankreich 345 0,019 m2 Spanien

225 k. A. Brasilien


585

(445 davon in Hongkong)

k. A. China

148 0,041 m2 Schweden

856 0,002 m2 Japan

202 0,006 m2 Deutschland

353 0,026 m2 SĂźdafrika

1.300 0,166 m2 Australien


Der SelfstorageMarkt in Europa Zahl der Standorte und durchschnittliche Storagefläche pro Einwohner_in in m2 Stand 2018

7 0,056 m2 Island 2018 gab es in Europa 3.792 Selfstorage-Standorte mit insgesamt 9.707.500 m2 Lagerfläche. 40 Prozent aller SelfstorageStandorte befanden sich in Großbritannien. 82 Prozent aller SelfstorageAbteile befanden sich in sechs Ländern (Großbritannien, Frankreich, Spanien, Niederlande, Deutschland, Schweden). 2018 war das durchschnitt­ liche Storage-Abteil in Europa 3,77 m2 groß. Die durchschnittliche jähr­liche Miete für 1 m2 Storagefläche betrug € 262. Die durchschnittliche Aus­ lastung der Storage-Anlagen lag bei 78 Prozent. Quelle: FEDESSA European Self ­Storage Annual Survey 2018. Die Zahlen von FEDESSA beruhen zum Teil auf ­Schätzungen. Die Erhebungen der Herausgeber_innen ergaben allein für Wien eine höhere Zahl an Standorten als FEDESSA für ganz Österreich annimmt.

1.505

0,067 m2 Großbritannien 28 0,019 m2 Irland

426 0,020 m2 Spanien

19 0,005 m2 Portugal

92 0,034 m2 Dänemark

88 0,017 m2 Belgien

303

0,052 m2 Niederlande

480

0,018 m2 Frankreich


159

0,043 m2 Schweden

139 0,025 m2 Norwegen

68 0,028 m2 Finnland

3 0,002 m2 Estland

234

0,007 m2 Deutschland

91 0,010 m2 Schweiz

17 0,001 m2 Polen

1 0,001 m2 Litauen

3 0,004 m2 Lettland

5 0,001 m2 Tschechien 47 0,010 m2 Ă–sterreich

56 0,003 m2 Italien

16 0,004 m2 Ungarn

5 0,001 m2 Rumänien


Das SelfstorageAngebot in Wien Mehrgeschoßige Häuser mit Lagerabteilen Mietlager in der Erdgeschoßzone Container- und Garagenanbieter Stand 2018

2018 gab es in Wien rund 60 Selfstorage-Standorte mit insgesamt 95.000 m2 Lagerfläche. Pro Einwohner_in standen 0,05 m2 Lagerfläche zur Verfügung. Die monatliche Miete für 1m2 Storagefläche betrug 2018 – je nach Abteilgröße, Mietdauer, Ausstattung und Zusatzleistungen – zwischen € 8 und € 38. Quelle: Schätzungen auf der Basis von Angaben der Firmen Boxroom, Easy Storage, Extraspace, Localstorage, MyPlace, Repon, Storebox, Titan Containers und von eigenen Recherchen.


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