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Ab 18 Jahren

sex in wien 1

LUST. KONTROLLE. UNGEHORSAM


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Herausgegeben von: Andreas Brunner, Frauke Kreutler, Michaela Lindinger, Gerhard Milchram, Martina NuĂ&#x;baumer, Hannes Sulzenbacher

Metroverlag


sex in wien

LUST. KONTROLLE. UNGEHORSAM


6

Vorwort

8

Zur Ausstellung

Vor dem Sex

Prolog

20

Blickaufnahme

22

Begehrliche Blicke und geheime Codes —Frauke Kreutler

31

Objekte Blickaufnahme

36

Anbahnung

12

18

38 „Darf die Frau den Mann ansprechen?“ Von den Regeln des Anstands bei der verbalen Kontaktaufnahme —Martina Nußbaumer 44 „Denn die Vermittlung unzüchtigen Verkehrs ist […] eine Haupt aufgabe des kleinen Anzeigers.“ Eine kleine Geschichte der Kontaktanzeige —Andreas Brunner 50

Vernetzte Intimität. Onlinedating, Liebe und Sexualität —Kai Dröge

54

Objekte Anbahnung

60

Tuchfühlung

62

Willkommen in meinen Armen! Tanz, Sex und andere Drogen —Michaela Lindinger

69

Wäschermädel andersrum. Ein Bericht aus dem Jahr 1868, überliefert von Karl Heinrich Ulrichs

72

Dijanas Balztanz. Samstagabend auf der „Balkanstraße“ in Wien-Ottakring —Jelena Pantić

74

Objekte Tuchfühlung


Beim Sex 78

80

Vorgaben

82

Von Maria Theresia zu Conchita. Staatliche und gesellschaftliche Vorgaben für legitimen Sex —Christopher Treiblmayr

90

„Warum nicht vor der Ehe?“ Religiöse Normierungen sexuellen Begehrens —Gerhard Milchram

97

Die Hauptstadt der Sexualtheorie. Über den Höhenflug der Sexualitätsdiskurse in Wien zwischen 1900 und 1930 – „mit besonderer Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung“ —Andreas Brunner

102

Befürwortung eines Lebenskampfes: Ein unbekannter Brief von Sigmund Freud über Magnus Hirschfeld —Scott Spector

106

Chronist der Sexualität: Leo Schidrowitz (1894–1956). Im Niemandsland zwischen Erotik, Pornografie und Kulturanalyse —Matthias Marschik

112

Volk im Notstand. Die Sexualkatastrophe des Ersten Weltkriegs —Alfred Pfoser

119

Die Eheberatungsstelle des Roten Wien und die Kontrolle über den ehelichen Sex —Britta McEwen

126

Sexualpädagogik an Österreichs Schulen. Von der „ungewollten Bedarfsweckung“ bis zum „Sexkoffer“ —Maria Steiner

133

Objekte Vorgaben

146

Verbote

148 Strafrecht und Sexualität. Von der „Zucht“ durch Recht zur sexuellen Integrität und Selbst bestimmung —Ilse Reiter-Zatloukal 153

Heiratsverbote im 19. und 20. Jahrhundert —Margareth Lanzinger

160 Überlebensprostitution, weiblicher Lebenshunger und die Anziehungskraft der Sieger. Besatzungsbeziehungen im Wien der Jahre 1945 bis 1955 —Ingrid Bauer 166

Der merkwürdige Widerwille. Zur Strafverfolgung von Homosexuellen in Österreich —Hannes Sulzenbacher

171

Die Kehrseite der Mutzenbacher. Ein pornografischer Roman aus dem Wien der Jahrhundertwende – und die Probleme, die wir bis heute mit ihm haben —Clemens Ruthner

176

Sexarbeit in Wien. Von Regulierungsversuchen, Arbeitsbedingungen und Resistenz —Helga Amesberger

184 „Wir leben in einer Gesellschaft, in der Sexarbeit geächtet ist.“ Stimmen von Sexarbeiter_innen —Lustwerkstatt 190

Das neue heiße Ding! Polyamorie im Wien des frühen 21. Jahrhunderts —Karoline Boehm

195

Objekte Verbote


228

Sexorte

312

Stellungen & Darstellungen

230

(K)Ein Blick ins Schlafzimmer. Versteckte und offen zur Schau gestellte Sinnlichkeit —Eva-Maria Orosz

314

Normen und die Normalität der Lust vom 18. bis zum 20. Jahrhundert —Franz X. Eder

236

„Auf welcher Seite stehe ich eigentlich?“ Notizen zur Fotoserie Sex und Raum (2016) —Klaus Pichler

321

Asexuell und promiskuitiv. Kaiserin Elisabeth und Katharina Schratt im Widerstand gegen die Weiblichkeitsnormen ihrer Zeit —Michaela Lindinger

248

„Wien bei Nacht, wie es tanzt und lacht“. Stadtimage und Erotik, 1840 bis 1930 —Peter Payer

327

„Wir nahmen uns das Spekulum.“ Lisbeth N. Trallori über Feminismus, sexuelle Befreiung und den politischen Aufbruch der 1960er-Jahre —Interview: Andrea Roedig

254

Vom Tun und Lassen. Sexorte im öffentlichen Raum —Clemens Marschall

260

Die verborgene schwule Topografie der Stadt —Andreas Brunner, Hannes Sulzenbacher

331

Schon normal, oder? Wie Vorstellungen von Sexualitäten und Körpernormen konstruiert werden —Marty Huber

336

Auf der Suche nach einem Phantom: „Akt- und Nacktphotographien“ im Wien um 1900 —Michael Ponstingl

350

„…nur für einen wissenschaftlich interessierten Leserkreis bestimmt…“. Zum Vertrieb und Verkauf von erotischem Lesestoff in Wien im frühen 20. Jahrhundert —Murray G. Hall

357

Felix Batsy und Franz Gazda. Ein Einblick in den Handel mit Pornografie in den 1930er-Jahren —Andreas Brunner

362

„Wiener Blut bleibt Porno“. Die Verurteilung des renommierten Wiener Buchhändlers Wilhelm Herzog nach dem Pornografiegesetz —Marliese Mendel

369

Zwischen PorNo und Post-Porn. Positionen der österreichischen Frauenbewegung zur Pornografiedebatte —Virginia Hagn

374

Objekte Stellungen & Darstellungen

267 Im Tabarin und im Salon. Lesbisches Leben im Wien der 1920er- und 1930er-Jahre —Ines Rieder 271

Mangel und Überschuss. Pornokinos in Wien —Werner Schwarz

279

Krise und Lust. Eine „phantastische“ Geschichte des Praters —Werner Schwarz

285

Aufklärung im Prater. Ein Besuch im Sexmuseum —Christian Loidl

290

Objekte Sexorte


Nach dem Sex

390

394

Außer Atem —Stefan Slupetzky

397

Eine Frage der Ehre. Das Jungfernhäutchen und seine Wiederherstellung —Sibylle Hamann

400 Syphilis. Von den Schrecken der „Lustseuche“ —Gerhard Milchram 407

Über die Topografie von HIV in Wien. Das Unsichtbare sichtbar machen —Frank M. Amort

413

Wohin mit den unehelichen Kindern? Das Wiener Findelhaus 1784–1910 —Verena Pawlowsky

417 Grauzone. Abtreibungsrecht und -praxis in Österreich —Maria Mesner 422

Alles gut bis auf die Syphilis. Über Schuldgefühle nach dem Sex —Andrea Roedig

427

Nachspiel im Morgengrauen. Arthur Schnitzler und die Folgen des Sex —Helmut Neundlinger

432

Objekte Nach dem Sex

445

Autor_innen

452

Leihgeber_innen

453

Dank

454

Bildnachweis

456

impressum


Vorwort

Wir verdanken die Ausstellung Sex in Wien – Lust. Kontrolle. Ungehorsam einer intellektuellen Revolution. Sie fand im Jahr 1976 statt und manifestierte sich in der Publikation eines unscheinbaren Büchleins. Der Autor: Michel Foucault (1926–1984), der französische Philosoph, der damals auf den Höhepunkt einer ebenso glanzvollen wie unwahrscheinlichen Karriere zusteuerte. Der offen schwule Wissenschaftler, Inhaber eines Lehrstuhls am Collège de France, der angesehensten wissenschaftlichen Institution Frankreichs, hatte eine Histoire de la sexualité angekündigt, und nun erschien der erste Band dieser Reihe: Der Wille zum Wissen, keine 200 Seiten lang und doch ein Ereignis, das die Geisteswissenschaften nachhaltig erschüttern sollte. Warum der Aufruhr? Johannes Kepler oder Charles Darwin nicht unähnlich, stellte sich Foucault gegen eine bis dato selbstverständliche wissenschaftliche Annahme, nämlich die Idee, dass die menschliche Sexualität eine im Grunde natürliche Kategorie und deshalb mit dem Instrumentarium der Biologie zu verstehen sei. Die Theorien von Sigmund Freud hatten zwar diesen Denkansatz ins Psychologische erweitert, aber auch Freuds Modell war ein biologistisches, existierte doch für ihn ein von der Natur vorgegebenes Triebgerüst des Menschen, das erst in dessen individueller 6

Entwicklung von spezifischen familiären und sozialen Faktoren beeinflusst würde. Foucault sah die Situation vollkommen anders: Für ihn war die menschliche Sexualität eine im fundamentalen Sinn historische und kulturelle Kategorie. Nicht nur das: Er postulierte, dass das Konzept der Sexualität selbst erst im Zuge der westlichen Moderne erfunden worden war. Er meinte damit natürlich nicht, dass Menschen erst seit dem 19. Jahrhundert miteinander Sex hatten, sondern dass sie diesen Aktivitäten erst seit damals tiefschürfende Bedeutung für ihr Selbstverständnis zuschreiben würden. Foucaults berühmtestes Beispiel für diese These ist die ,Wandlung‘ des „Sodomiten“ zum „Homosexuellen“: Ersterer war im christlich dominierten Sozialverständnis der Frühen Neuzeit ein Mann, der sich durch sexuellen Verkehr außerhalb der ehelichen Fortpflanzung versündigte. Formen der Sodomie wie die gleichgeschlechtliche Liebe wurden damals noch nicht als ‚sexuelle Orientierung‘ im heutigen Sinn verstanden, sondern galten schlichtweg als Lapsus, der jedem passieren konnte, der Opfer einer plötzlichen Versuchung wurde – eine Verfehlung, die geahndet wurde und im schlimmsten Fall die Verurteilung zum Tod nach sich ziehen konnte. Medizin, Psychiatrie und die neu entstehenden Sexualwissenschaften des 19. Jahrhunderts veränderten den Blick auf den „Sodomiten“ radikal: Sein Verhalten, idealtypisch verkörpert in der neu konzipierten Figur des „Homosexuellen“, wurde nun nicht mehr als kontingent angesehen, sondern in zunehmendem Maß als konstitutiv für seine Identität. Homosexuelle Handlungen wurden nun zum Ausdruck eines homosexuellen Subjekts, das gar nicht anders handeln konnte, weil seine Handlungen in einer tief begründeten Polung verankert waren – eines Subjekts, das aus der Sicht der diskursbestimmenden Instanzen der Zeit nicht nur Disziplinierung durch die Justiz, sondern auch Verständnis, Therapie und ,Heilung‘ erfahren sollte. Die so konstruierte Gruppe der Homosexuellen begann mit der Zeit, sich von diesen Instanzen zu emanzipieren; die ursprüngliche Pathologisierung wurde in Gay Pride gewendet, lesbisch/schwule Lebensweisen wurden selbstverständliche Realität. Sodomie, so


Foucault, war nichts anderes als eine temporäre ‚Willensschwäche‘; Homosexualität jedoch wurde zu einer Identität – und das in sozialer, kultureller und politischer Hinsicht. All das bringt uns nach Wien. Denn obgleich die Revolution Foucaults ein ganzes Forschungsgebiet geboren hat, dem wir mittlerweile einen fast globalen Atlas der sexuellen Geschichte verdanken, wissen wir wenig über den Ort selbst, an dem die auch vom französischen Philosophen als solche identifizierten Marksteine der Sexualforschung geschaffen wurden. In der Tat war Wien eine Art Ground Zero für die Erfindung der modernen Sexualität. So war der Schöpfer des Begriffs „homosexuell“, der österreichisch-ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny, ein geborener Wiener; so arbeitete der Psychiater Richard von Krafft-Ebing – Autor der bahnbrechenden Psychopathia sexualis (1886), des ersten Versuchs einer systematischen Erfassung der nun als Sexualpathologien verstandenen Spielarten menschlicher Sexualität – in der Stadt; und so war Wien natürlich der Boden für Freuds Ideen, die das psychobiologische Verständnis von Sex nachhaltiger prägen sollten als jede andere Theorieschule. Wien mag also in diesem Sinne eine ‚Welthauptstadt der Sexualität‘ sein. Aber bis heute wissen wir viel zu wenig über die Alltäglichkeiten der städtischen Sexualgeschichte. Wir kennen zwar die Briefe, die ,Betroffene‘ an Krafft-Ebing richteten, oder versuchen, Freuds Fallstudien im Kontext der Alltagsgeschichte der Jahrhundertwende zu lesen. Für einen Gesamtüberblick fehlt es jedoch nach wie vor an Detailstudien. Im Jahr 2007 schrieb ich im Austrian History Yearbook (Nr. 38) einen ganzen Aufsatz zu den Desiderata for a History of Austrian Sexualities. Dort sprach ich von der Notwendigkeit einer Analyse nach dem Modell von Carl E. Schorske, der in seinem berühmten Buch Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle (1982) die Transformationen von Literatur, Kunst, Psychologie und Politik im Wien der Jahrhundertwende als Laboratorien der Moderne identifizierte. In Analogie zu diesem Ansatz brauchen wir ein Forschungsprogramm, das die Sexualgeschichte um 1900 als Schlüssel für das Verständnis der modernen Großstadt darlegen kann. 7

Die Ausstellung Sex in Wien, für die Dutzende Archive und Sammlungen in mühevoller Kleinarbeit gesichtet wurden, und der hier vorliegende Katalog unternehmen den Versuch, einige der in meinem Beitrag aufgezeigten Lücken zu schließen und einen ersten Überblick über die Geschichte der Sexualität in Wien seit dem 19. Jahrhundert vorzulegen. Viele Fragen bleiben aufgrund der schwierigen Quellenlage nach wie vor unbeantwortet. Das Resultat kann sich trotzdem sehen lassen und wird, so hoffen wir, auch Impulse für viele zukünftige Forschungen geben. Ich kann meine Wertschätzung für das großartige Team, das diese Ausstellung geschaffen hat, nicht in adäquate Worte fassen. Die Kurator_innen Andreas Brunner, Frauke Kreutler, Michaela Lindinger, Gerhard Milchram, Martina Nußbaumer und Hannes Sulzenbacher haben Unglaubliches geleistet, und ich möchte ihnen von Herzen danken. Im Wien Museum wurden sie von Isabelle ExingerLang (Ausstellungsproduktion) und Laura Tomicek (Registrar) mit großer Begeisterung unterstützt. Gleiches gilt für unsere Restaurator_innen. Die wunderbare Ausstellungsarchitektur verdanken wir Sanja Utech und Irina Koerdt; die fantastische Grafik Christof Nardin und Pascal Magino. Besonders glücklich macht es mich, dass das Projekt in institutioneller Partnerschaft von Wien Museum und QWIEN – Zentrum für schwul ⁄lesbische Kultur und Geschichte zustande kam. Matti Bunzl


Zur Ausstellung „Sex in Wien – Lust. Kontrolle. Ungehorsam“

Sexualität und Stadt – das ist eine ebenso lustvolle wie anstößige Beziehung. Seit jeher fasziniert und schreckt die moderne Großstadt als Ort, der im Gegensatz zur sozialen Enge des Dorfes sexuelle Möglichkeitsräume eröffnet – nicht nur in topografischer, sondern auch in sozialer Hinsicht. Die rasant wachsenden Metropolen des 19. Jahrhunderts mit ihren Unterhaltungs- und Vergnügungsvierteln und ihren versteckten, abgeschirmten Räumen für gesellschaftlich geächtete Formen von Sexualität eröffneten vielfältige Möglichkeiten der sexuellen Begegnung und beflügelten sexuelle Fantasien. Für Zeitgenoss_innen wie den Berliner Sexualforscher Magnus Hirschfeld machten gerade diese erotischen Versprechen der Großstadt und die Freiräume, die sie durch ihr höheres Maß an Anonymität bot, den eigentlichen Reiz der Metropole aus: „Das ist ja gerade das Anziehende und Merkwürdige einer Millionenstadt, daß das Individuum nicht der Kontrolle der Nachbarschaften unterliegt, wie in den kleinen Orten, in denen sich im engen Kreise die Sinne und der Sinn verengern [sic]“,—1 schrieb er im Jahr 1904 in Berlins drittes Geschlecht, seiner berühmten, in der Serie Großstadt-Dokumente veröffentlichten Studie zur Homosexualität. Diese Erweiterung der Sinne, die die Stadt nicht zuletzt durch die hier vorhandenen Konsumangebote und den leich8

teren Zugang zu Informations- und Kommunikationsmedien beziehungsweise zu Bildung bot,—2 löste zugleich tiefste Beunruhigung aus. Nicht von ungefähr sind großstadtkritische Stadterzählungen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert übervoll mit sexuellen Metaphern und Beschreibungen der Stadt als ,Hure‘, als gerissener Verführerin, die den ,unschuldigen‘ Menschen vom Land – nicht nur, aber vor allem auch in sexueller Hinsicht – körperlich und seelisch ins Verderben zöge.—3 Die Angst vor dem ,Verderben‘ des Individuums, oft aber noch viel mehr jene vor dem ,Verderben‘ der öffentlichen Moral und Ordnung sollte im 19. Jahrhundert neue Kontrollinstanzen auf den Plan rufen, die neue Wege der Überwachung und Reglementierung von Sex in der Stadt zu beschreiten versuchten. Dass in den europäischen Großstädten – auch und vor allem in Wien – um 1900 so intensiv über Sexualität debattiert wurde wie nie zuvor, hat mit mehreren Entwicklungen zu tun, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Zum einen sind diese aufs engste mit dem Prozess der Urbanisierung verbunden: Wie der britische Historiker Faramerz Dabhoiwala in seiner Studie Lust und Freiheit am Beispiel Londons gezeigt hat, entstanden durch die Bevölkerungsexplosion in den rasch wachsenden Metropolen schon vor Beginn des 19. Jahrhunderts „neue soziale Zwänge und neue Lebensgewohnheiten, gegen die sich die traditionellen Mechanismen sexueller Disziplinierung auf die Dauer nicht behaupten konnten“.—4 In der Zeit Maria Theresias begann dieser Transformationsprozess auch in Wien, wovon die letztlich vergeblichen Versuche der strenggläubigen Kaiserin zeugen, mit einer „Keuschheitskommission“ und der strafweisen Deportation von Prostituierten die „Ordnung“ in der Stadt aufrechtzuerhalten. Zum anderen lassen sich im Zuge der Aufklärung seit dem späten 18. Jahrhundert Machtverschiebungen im Hinblick auf die zentralen normierenden Instanzen feststellen, die regulierten, welche Formen von Sex als „widernatürlich“ und „unkeusch“ galten und welche im Sinne des Gemeinwohls waren. Hatte bis zum 18. Jahrhundert die Kirche mit ihren sexuellen Normen und ihren Vorstellungen von „Sünde“ auch die weltliche Rechtsprechung


geprägt, so änderten sich mit der Aufklärung die Vorstellungen von den Aufgaben des Rechts: „Es sollte sich mit den äußeren Handlungen der Menschen, nicht mit ihren inneren Gewissen befassen. Sein Gebiet war nur das Verbrechen, nicht die Sünde.“—5 Das Strafrecht Maria Theresias – die Constitutio Criminalis Theresiana (1768), die Todesstrafen für Homosexualität und andere Abweichungen von der sexuellen Norm vorsah – war in diesem Sinne die letzte Kodifizierung tradierter, aus der Religion abgeleiteter Rechtsnormen in Österreich. Mit dem Allgemeinen Gesetzbuch über Verbrechen und derselben Bestrafung, das Maria Theresias Sohn Joseph II. im Jahr 1787 erließ, sollten auch in Österreich die Ideale der Aufklärung in die Jurisprudenz eindringen und Hinrichtungen sexueller ‚Abweichler_innen‘ Geschichte sein, selbst wenn sexuelle Delikte nach wie vor weit gefasst und nach Josephs Reform wieder zusehends strenger geahndet wurden.—6 Bestimmte bis ins 18. Jahrhundert also „göttliches Gesetz“, welches sexuelle Verhalten erwünscht und welches unerwünscht war, so definierten nun verstärkt der Staat und verschiedene Disziplinen der Wissenschaft, welche Formen von Sexualität erlaubt und „gesund“ waren – und das mit immer größerem Engagement, waren doch im Zuge der Aufklärung das Individuum und damit seine Sexualität immer stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Hatte man sich als sexueller ‚Abweichler‘ oder sexuelle ‚Abweichlerin‘ vor der Aufklärung gegen die göttliche Ordnung versündigt, so gefährdete man aus der Sicht des Staates und der Wissenschaften nun die Gesellschaft, ihre Sittlichkeit und das Bevölkerungswachstum. Gerade Letzteres galt als zentrales Kapital des modernen Staates und als Garant seines ökonomischen Wohlergehens – eine Sichtweise, die mit der alle Lebensbereiche durchdringenden Ökonomisierung der frühkapitalistischen Gesellschaft, die auch vor dem Körper und seinen sexuellen Funktionen nicht haltmachte, einherging. Aus den ehemaligen „Sünder_innen“ wurden nun also „Verbrecher_innen“ und in weiterer Folge „Kranke“: Vor allem die Medizin und die im späten 19. Jahrhundert neu entstehende Sexualwissenschaft beschrieben nicht nur 9

die Tat der „Abweichung“ von der sexuellen Norm als verwerflich, sondern verliehen den „Täter_innen“ auch eine „schädliche“, pathologische Persönlichkeit, die es zu behandeln galt. Erstmals wurde damit ein sexuelles Subjekt mit einer eigenen sexuellen Identität definiert, dessen Sosein in der wissenschaftlichen Ordnung geachtet oder geächtet wurde. Die längste Tradition hatte die Pathologisierung der Onanie. Die „Verschwendung des Samens“ war schon lange vor dem Aufstieg der modernen Sexualwissenschaft von calvinistisch-puritanischen Eiferern als ein das gesamte Leben schädigendes, krankhaftes Verhalten klassifiziert worden, das es insbesondere bei Kindern und Jugendlichen zu unterbinden galt. Der Kampf gegen die Onanie wurde zum ersten wirkmächtigen Sexualitätsdiskurs der Moderne, wie auch Michel Foucault unterstreicht, der die „Pädagogisierung des kindlichen Sexes“ als eines der dominierenden den Sex betreffenden Wissens- und Machtdispositive des 18. und 19. Jahrhunderts klassifizierte. Zu den weiteren zählten für den französischen Philosophen die „Hysterisierung des weiblichen Körpers“ und die „Psychiatrisierung der perversen Lust“. Onanie, Hysterie und Perversion, so die dominante Auffassung der Zeit, würden die reproduktiven Kräfte vergeuden und damit die den gesamten Gesellschaftskörper umfassende „Sozialisierung des Fortpflanzungsverhaltens“ gefährden.—7 Nicht zufällig kreiste die in den europäischen Großstädten um 1900 viel diskutierte „sexuelle Frage“, in die sich nicht nur die Naturund Sozialwissenschaften, sondern auch die Kriminologie, die Rechtsprechung, die Politik und nach wie vor auch der Klerus einmischten, vorrangig um das Thema, wie man diese „Pathologien“ eindämmen könne. Wien nahm in diesen Debatten – nicht zuletzt durch die hier entwickelten Thesen von Richard von KrafftEbing und Sigmund Freud – einen zentralen Stellenwert ein und wurde um 1900 gleichsam zu einem der europäischen Hotspots des Sprechens über die vermeintlichen und realen Abgründe des Sexuellen. Doch gerade die intensive Beschreibung der Pathologien sollte, wie Franz X. Eder in seinem Beitrag in diesem Katalog schreibt, langfristig auch zu einer „Ausdehnung des sexuellen Normkorridors“ führen –


eine Ausdehnung, an der Emanzipationsbewegungen ehemals sexuell pathologisierter Gruppen, die diese Pathologien und die sie begleitenden Disziplinar- und Regulierungsmaßnahmen im 20. Jahrhundert radikal infrage stellten, zentralen Anteil hatten. Ausgehend von diesen umfassenden Transformationsprozessen in der Bewertung des Sexuellen seit dem späten 18. beziehungsweise frühen 19. Jahrhundert erzählt die Ausstellung Sex in Wien – Lust. Kontrolle. Ungehorsam eine Sexualitätsgeschichte der Stadt, die ihren Fokus auf das stete Ringen um Verbot und Freiheit legt, das jeden Moment einer sexuellen Begegnung prägte und prägt – vom ,ersten Blick‘ über den Geschlechtsakt bis zur ,Zigarette danach‘. Wer durfte wen auf welche Weise anschauen? Wer wen ansprechen? Wer durfte mit wem wo und in welcher Form Sex haben? Welche Arten von sexuellem Begehren konnten offen ausgelebt werden, welche nur im Verborgenen? Welche Konsequenzen musste man fürchten, wenn man erwischt wurde? Und auf wie viel Unterstützung durfte man hoffen, wenn Sex mit geächteten Folgen wie ungewollten Schwangerschaften oder Krankheiten einherging? Deutlich wird dabei, wie stark die normierenden Instanzen um die Regulierung

1—Magnus Hirschfeld: Berlins Drittes Geschlecht, Reprint der Ausgabe von 1904 (Bibliothek rosa Winkel, Bd. 1), Berlin 1991, S. 13. 2—Vgl. den Beitrag von Franz X. Eder in diesem Katalog.

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jeder dieser Phasen vor, während und nach dem Sex kämpf(t)en und dass Sex, auch wenn sich zwei oder mehrere Menschen einvernehmlich zu sexuellen Handlungen in einem privaten Umfeld treffen, immer in komplexen, weit über das vermeintlich Private hinausreichenden Machtbeziehungen verankert ist. Genauso deutlich wird in der Ausstellung aber auch, dass es weder Moralpredigten, wissenschaftliche Systematisierung noch polizeiliche Kontrolle je geschafft haben, all das zu reglementieren, was in den Schlafzimmern, in geheimen Räumen und in dunklen Ecken der Stadt seinen Platz gefunden hat. „Wilden“ Sex, der sich den gesellschaftlichen Normen und Regeln entzieht, ja sogar oft erst durch diese befeuert und gereizt wird, hat es in der Stadt immer gegeben und wird es auch immer geben. Andreas Brunner, Frauke Kreutler, Michaela Lindinger, Gerhard Milchram, Martina Nußbaumer, Hannes Sulzenbacher

3—Vgl. dazu Sigrid Weigel: Topographien der Geschlechter. Kulturgeschichtliche Studien zur Literatur, Reinbek bei Hamburg 1990, S. 150. 4—Faramerz Dabhoiwala: Lust und Freiheit. Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution, Stuttgart 2014, S. 49.

5—Ebd., S. 110. 6—Vgl. den Beitrag von Ilse ReiterZatloukal in diesem Katalog. 7—Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit, Bd. 1: Der Wille zum Wissen, Frankfurt a. M. 1983, S. 125-127.


—Zeitschrift Das Wiener Nachtleben, August 1925

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Prolog

Schaulust Einer Ausstellung zum Thema Sex wohnt immer ein gewisser Voyeurismus inne. Sowohl private als auch kommerzielle Darstellungen von Sexualität dienen zumeist der aufreizenden Stimulation und der Visualisierung erotischer Wünsche – besonders dann, wenn sich diese nicht verwirklichen lassen. Werden sexuelle Akte hingegen von Religion, Gesetz und Wissenschaft beschrieben, dient dies in der Regel der Systematisierung, welche sexuellen Begegnungen erlaubt und erwünscht oder verboten und geächtet sind. Schaulust und Verbot müssen einander nicht ausschließen, wie mitunter minutiös beschriebene sexuelle Vergehen in Polizeiakten veranschaulichen.


Die in diesem Katalog gezeigten Objekte dokumentieren somit häufig Schräglagen der Macht. Jene, die Sexualität in der Geschichte beschrieben und darstellten, waren fast ausschließlich Männer; die, die beschrieben und dargestellt wurden, vornehmlich Frauen und oft auch Kinder. Dieses Muster gilt insbesondere für die Produktion erotischer und pornografischer Bilder: Jahrhundertelang wurden sie von Männern für Männer hergestellt und verbreitet; Frauen sind bis heute fast ausschließlich Objekte des männlichen Blicks.


Prolog

Schaulust

—Film „Beim Fotografen“, A 1907 Produktion: „Saturn-Film“ Dauer (gesamt): 6 Min. 54 Sek. Filmarchiv Austria Eine Spielfilmminiatur mit Slapstick-Elementen aus der Werkstatt der Saturn-Film, Österreichs erster Filmproduktionsgesellschaft: Das Modell posiert vor der Linse des Fotografen, damit er mit seinen Bildern die Schaulust seiner männlichen Kunden befriedigen kann. Aber nur für die Betrachter_innen des Films entblättert sich das Modell vollständig.

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—Schlüssellochfoto aus dem Album Negligé, um 1930 Fotografie, 14 × 9 cm Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, Nachlass Batsy, ZHP 1368, Sign. 4.3.1.5.

—Zwei „plastisch-morphologische Bildtafeln zur Differentialdiagnostik des Busens und der Nates nach Form und Größe“ Aus: Alfred Kind, Curt Moreck: Gefilde der Lust. Morphologie, Physiologie und sexual-psychologische Bedeutung der sekundären Geschlechtsmerkmale des Weibes, Wien/Leipzig: Verlag für Kulturforschung 1930 jeweils 28,5 × 21,5 cm Wienbibliothek im Rathaus, Druckschriftensammlung, Sign. Secr-B 705 (Abb. S. 108)

In den 1930er-Jahren baute der pensionierte Bezirkshauptmann Felix Batsy eine umfangreiche Erotikasammlung auf, die er der Wienbibliothek vermachte. Erotische und pornografische Fotografien stellte Batsy zu thematischen Alben zusammen und gab ihnen Titel wie Negligé, Grausamkeit oder Hexenkessel der Liebe.

Zwischen Information und Schlüpfrigkeit changierte die Produktion des Wiener Verlags für Kulturforschung. Die hochwertigen Abbildungen wurden von Abhandlungen des zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits seit drei Jahren verstorbenen Publizisten Alfred Kind (über die weibliche Brust) und des unter dem Pseudonym Curt Moreck veröffentlichenden Vielschreibers Konrad Haemmerling (über das weibliche Gesäß) begleitet.

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—Presseagentur Votava Sexpo 71 im Wiener Künstlerhaus, 1971 Fotografie, 16,5 × 21,8 cm Imagno/Votava, Inv.Nr. 00658674 Wiens zweite Sexmesse, die Sexpo 71 im Künstlerhaus, lockte die überwiegend männlichen Besucher mit viel nackter weiblicher Haut bei Liveshows.

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—VALIE EXPORT „Aktionshose: Genitalpanik“, 1969 (Print 2001) Foto-Edition, Selbstinszenierung S/W-Fotografie auf Aluminium, 162 × 121 cm Ed. 16/20 833_F_4 (B) © VALIE EXPORT (Foto: Peter Hassmann), Bildrecht, Wien, 2016 Im Rahmen einer Performance im Jahr 1969 betrat die Künstlerin VALIE EXPORT ein Münchner Kino mit einer im Schritt aufgeschnittenen Hose. Sie informierte das Publikum, dass es nun live zu sehen bekommen sollte, was sonst nur die Kinoleinwand zu bieten hatte. Das solcherart mit dem eigenen Voyeurismus konfrontierte Publikum verließ irritiert das Kino. In einer Fotoserie zu dieser Aktion posiert VALIE EXPORT mit einem Gewehr, einem klassischen Symbol männlicher Macht. Dadurch verändert die Künstlerin den männlichen Blick auf den Frauenkörper. Sie dekonstruiert das männlich geprägte Frauenbild und fordert Frauen auf, frei über ihren Körper und ihre Sexualität zu verfügen.

—Bernadette Huber „Kopulationsautomat“, handbetrieben, 1994 Mit rotem Samt überzogene Kiste, Beleuchtung, Türspion, Plastikfiguren, 47 × 25 × 20 cm Bernadette Huber In der Guckkastenbühne, die durch einen Türspion eingesehen werden kann, befindet sich ein Liebespaar, dessen Geschlechtsakt durch Handbetrieb mit dem Finger gesteuert wird. Die Betrachter_innen regeln durch die „Rein und Raus“-Bewegung die Intensität der Stöße mit dem Riesenpenis. Die Künstlerin thematisiert mit ihrer Verfremdung des Sexspielzeugs action couple das Verhältnis zwischen voyeuristischem Schauen und aktiver sexueller Teilnahme.

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Vor dem Sex


Vor dem Sex

Blickaufnahme „Liebe auf den ersten Blick“, „jemanden mit Blicken ausziehen“, „mit Blicken verschlingen“ – das sind nur einige der Redewendungen, die den Blick ins Zentrum der sexuellen Anbahnung stellen. Der Augenkontakt ist zumeist die erste bewusste Begegnung zwischen zwei Menschen, unabhängig davon, ob der Blick nun begehrlich, voyeuristisch, heimlich, ablehnend oder desinteressiert ist. Dieser erste Kontakt verrät meist schon, ob ein weiterer Annäherungsversuch sinnvoll und erwünscht ist. Auch Kleidung, Gesten und codierte Accessoires können dabei helfen, die sexuelle Bereitschaft und die erotischen Vorlieben des potenziellen Partners beziehungsweise der Partnerin vorab einzuschätzen.


Blicke sind allerdings keine wertfreien Handlungen: Wer auf wen blickt, wie jemand angeschaut wird, ob und wie der Blick erwidert wird oder werden darf, wird von den jeweils vorherrschenden Konventionen bestimmt und ist einem ständigen Wandel unterworfen. Aktiv zu schauen galt lange Zeit als Privileg der Männer. Frauen hatten gemäß den geltenden Konventionen den Blick sittsam zu senken und sich betrachten zu lassen. Nur Frauen, denen der Ruf eines „moralisch verwerflichen“ Lebensstils vorauseilte – Tänzerinnen etwa oder Sexarbeiterinnen –, wurde ein lockerer Umgang mit den strengen Anstandsregeln zugestanden.


Vor dem Sex

Blickaufnahme

Begehrliche Blicke und geheime Codes Frauke Kreutler

„Liebe auf den ersten Blick“, „jemanden mit Blicken ausziehen“, „tief in die Augen schauen“, „mit Blicken verschlingen“ oder „Blicke sagen mehr als tausend Worte“ – das sind nur einige der Redewendungen, die den Blick ins Zentrum der sexuellen Anbahnung stellen. Kein Wunder: Ist doch der Augenkontakt die erste bewusste Begegnung zwischen zwei Menschen, unabhängig davon, ob der Blick nun begehrlich, voyeuristisch, ablehnend, heimlich oder desinteressiert ist. Dieser erste Kontakt zwischen zwei Menschen verrät meist schon, ob ein weiterer Annäherungsversuch überhaupt sinnvoll und gewünscht ist. Blicke sind allerdings keine wertfreien Handlungen, vielmehr bestimmen das soziale Umfeld, die gesellschaftlichen Konventionen und das Geschlechterverhältnis die jeweiligen Blickregime. Wer auf wen blickt, wie jemand angeschaut wird, wie und ob der Blick erwidert wird (werden darf), ist einem ständigen diskursiven Wandel unterworfen. Ein aktiver Blick bedeutet Sehen, Macht und Wissen; er war in der bürgerlich-patriarchalen Kultur lange den Männern vorbehalten. Für Frauen bestand hingegen lange ein Blickverbot: Den Blick zu senken galt als angemessen und schicklich, nur „schlechte“ Frauen hatten einen aktiven Blick.—1 Ein Verbot, das nicht zuletzt den männlichen Betrachtern entgegenkam: Frauen, die selbst nicht schauen (dürfen), sind umso leichter anzuschauen. 22

Die männliche Schaulust beziehungsweise der begehrende Blick des Mannes auf den nackten Frauenkörper gehört wohl zu den beliebtesten Motiven in der abendländischen Kunst. Zu den bekanntesten Bildmotiven, die sich durch die gesamte abendländische Kunstgeschichte, von der griechisch-römischen Mythologie bis hin zur christlichen Ikonografie—2 ziehen, gehören der verbotene Blick des Actaeon auf die jungfräuliche, badende Nacktheit der Göttin Diana, die lüsternen Blicke von Satyrn auf die unbekleidet schlafende Venus oder auf die schlafenden Nymphen, die zwei lüsternen Alten, die Susanna im Bade auflauern, Jupiter beim Betrachten der schlafenden Antiope oder König David, der sich nach der badenden Bathseba verzehrt. Sie alle sind beliebte und bekannte Beispiele für Bildmotive, welche die männliche Lust und den voyeuristischen Blick auf den sexualisierten Frauenkörper thematisieren. Vor allem Darstellungen der biblischen Geschichte der Bathseba im Bade bieten idealtypisches Anschauungsmaterial für die Analyse patriarchaler Blickinszenierungen. Kurz geschildert, handelt die Erzählung von der bereits mit einem Offizier verheirateten Bathseba, die beim Baden von König David heimlich beobachtet wird. Dem König gefällt, was er sieht, und er nützt seine Position als Herrscher aus, um die


Abb. 1: Carlo Maratta (Maratta), Bathseba im Bade, 1693–1995

junge Frau zum Beischlaf zu zwingen. Nachdem sie von ihm schwanger wird, lässt der König ihren Ehemann auf dem Schlachtfeld töten, um sie anschließend zu ehelichen. Ein fast lebensgroßes Ölgemälde von Carlo Maratta, ein Auftragswerk des Fürsten Johann Adam Andreas Liechtenstein für sein Gartenpalais in Wien, das zwischen 1693 und 1695 entstand, zeigt diese Geschichte auf besonders anschauliche Weise (Abb. 1).—3 Am Bildrand links oben ist der König als Voyeur beim Beobachten der Badeszene zu sehen. Das Hauptaugenmerk des Werkes wird aber auf die Darstellung der fast nackten Bathseba mit den ebenfalls leicht bekleideten Dienerinnen an ihrer Seite gelenkt. In diesem Gemälde bleibt König David allerdings der direkte Blick auf die Frau seiner Träume verwehrt; zwischen ihm und Bathseba steht, ihm den Rücken zukehrend, eine Dienerin, die ihre Herrin vor dem Blick Davids abschirmt. Die Szenerie ist ausschließ23

lich für die vor dem Bild stehenden Betrachter_innen konzipiert: Nicht nur die Sicht auf Bathsebas Körper eröffnet sich uns, sondern auch ihr Blick selbst richtet sich, indirekt über einen Spiegel vermittelt, aus dem Bild heraus. Die Blickinszenierung ist hier eindeutig: Die Frau wird betrachtet (von König David, vom Maler und dem Auftraggeber), ist aber selbst nicht aktiv am Schauen beteiligt (sie schaut lediglich in den Spiegel). Dieses Gemälde ist nur eines von unzähligen Bildbeispielen, die zeigen, dass quer durch die abendländische Kultur, von der bildenden Kunst bis hin zu Fotografie und Film, es zumeist der Frauenkörper ist, der als Objekt des Begehrens öffentlich betrachtet wird. Natürlich handelt es sich bei Marattas Bathseba um ein Bild und nicht um die Darstellung einer realen Begebenheit. Trotzdem tragen Bilder mit ihrer Zeichensprache zur Vorstellung von ‚richtigen‘ und ‚falschen‘ gesellschaftlichen Praktiken bei und konstruieren so Stereotype von Männlichkeit und Weiblichkeit mit.—4

Bürgerliche Anstandslehren zur Disziplinierung des weiblichen Körpers

Auch in der Literatur, und hier vor allem in der sich an die aufstrebenden Mittelschichten wendenden Anstandsliteratur der Nach-Aufklärungs- und Biedermeierzeit, beschäftigten sich Autoren und Autorinnen eingehend mit der Frage des Blicks. Umgangs- und Anstandsbücher erschienen damals in großer Zahl; das erstarkende Bürgertum des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts wollte sich durch eigene ‚bürgerliche‘ Verhaltensregeln einerseits vom Adelsstand, andererseits von den Bauern und den Arbeiter_innen abgrenzen. Es war an einigen Details der aristokratischen Lebensform interessiert, wollte


jedoch nicht deren am höfischen Zeremoniell entwickelte Körpersprache übernehmen, die als übertrieben und affektiert galt.—5 ,Bürgerliche‘ Umgangsformen und Anstandsregeln wurden daher neu definiert. In Benimmbüchern wurden traditionelle Verhaltensformen, vor allem im Hinblick auf den Kontakt zwischen den Geschlechtern, akribisch genau unter die Lupe genommen, in ihre Einzelteile zerlegt und zu vorbildlichen Verhaltensregeln neu zusammengefügt.—6 Diese Vorstellungen eines in bürgerlicher Hinsicht ‚richtigen‘ Benehmens schrieben sich nach und nach auch in die Körper ein. Es galt, die gesamte äußere Erscheinung durch permanente Selbstkontrolle und die kontrollierende Beobachtung anderer zu disziplinieren – von der Haltung des Kopfes und der Hände über den Gang bis hin zum Gesichtsausdruck und zum Blick. Der Körper wurde so zum moralischen Ausdrucksträger der Person. Diese Neupositionierung basierte auf einer rigiden Trennung der Geschlechter, die einer patriarchalen Ordnung unterworfen war. Neue Berufe und Erwerbsformen waren nur für Männer zugänglich, bürgerliche Frauen hingegen wurden zunehmend aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Die häusliche Privatsphäre wurde zu ihrem vornehmlichen Lebensraum.—7 Mit dem steigenden Ausschluss der Frauen aus dem öffentlichen Leben und der außerhäuslichen Produktion sowie ihrer Verbannung ins private, häusliche Leben zum Zweck der Reproduktion ging eine Neudefinition von „Weiblichkeit“ einher. Zuschreibungen wie Anmut und Grazie, Sanftmut und Scham, Gefälligkeit und Geduld wurden verstärkt als weibliche Charaktereigenschaften verhandelt und spielten bei der Etablierung des langlebigen Mythos von der passiven „Natur der Frau“ eine wichtige Rolle. Die Vorstellung, dass Zurückhaltung ein typisch weibliches Attribut und als solches von den Frauen zu Abb. 2: „Mütterlicher Rath“, in: Fliegende Blätter, Heft 12, Nummer 278, 1850

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pflegen sei, beginnt bereits beim Blick. Den strengen Regeln der bürgerlichen Anstandsliteratur folgend, war das aktive Schauen und Beobachten den Männern vorbehalten, Frauen hingegen hatten den Blick passiv und gesenkt zu halten. So schrieb etwa August Lafontaine 1809 in seinem Sittenspiegel für das weibliche Geschlecht: „Alle Weiber wachet über jeden eurer Blicke, über jede eurer Bewegungen, über euren Anzug, Lektüre, usw. Ihr seyd das Eigentum eines anderen. Als Mädchen sollen eure Blicke nie umherschweifen, nie auf der Gestalt eines Mannes haften, mit einer bescheidenen Unschuld sehet dem Manne, mit dem ihr redet, leicht ins Auge; aber als Weiber sey euer Blick noch unschuldiger: das heilige Feuer der Mutter leuchte in euren Augen, und die bescheidene Unschuld des Weibes bedecke die Flamme.“—8 Ähnlich fiel die Beschreibung idealen weiblichen Verhaltens in Amalie Wallenburgs Anstandslehre für das weibliche Geschlecht 1824 aus: „Milde und sanft ist ihre Gebärde; Ruhe und Frieden im Blick, gemäßigt


Abb. 3: Blanche Hartmann, Die Fächersprache. Saisonplauderei, um 1900

ist der Ton ihrer Stimme, und keine Spur von Egoismus und Dünkel liegt in ihrer Rede.“—9 Vor Verstößen gegen dieses Ideal wurde deutlich gewarnt: „Nichts erregt mehr Mißtrauen wider unserer Unschuld und der Güte der Gesinnung, als der wilde freche schamlose Blick.“—10 Der aktive Blick, der erste Versuch einer zwischengeschlechtlichen Kontaktaufnahme, wurde ausschließlich zur Männersache. Frauen hingegen blieb lediglich ihre äußere Erscheinung, um auf sich aufmerksam zu machen, und auch das durfte nur innerhalb gesellschaftlich genau festgelegter Rituale geschehen. (Abb. 2) Eine der wenigen Möglichkeiten einer legitimen Anbahnung zwischen Frauen und Männern bot die Teilnahme an gesellschaftlichen Ereignissen wie etwa Bällen. Doch auch hier gab die Anstandsliteratur genaue Regeln vor, wie sich Frauen und vor allem Mädchen zu positionieren hatten und wie sie gekleidet sein sollten. Das Einzige, was man jungen Mädchen zugestand, war, geschickt den Blick auf sich zu lenken, denn schließlich war ein Ball auch ein wichtiger Heiratsmarkt, und beim Auftritt auf diesem Markt „[…] zeigt (man) der Welt nicht die aufgeblühte Rose, sondern die im 25

Elternhaus herangewachsene Knospe, welche sich unter den Augen der Gesellschaft erst zur Blüte entfalten soll“.—11

Kleine Umgehung der Anstandsregel – die Fächersprache

Eine Möglichkeit für Frauen, mit Männern auf einem Ball dennoch in direkten Blickkontakt zu treten, ohne dabei gesehen zu werden, war die sogenannte Fächersprache. Der Fächer war ein bedeutendes Accessoire, um bei sonntäglichen Ausfahrten und Ausritten, in der Theaterloge und beim Ball, aber auch beim Flirten nicht erkannt zu werden. Den Zenit seiner Beliebtheit erlebte der Fächer schon im 18. Jahrhundert; als Schmuckstück, Gebrauchsgegenstand und als Mittel zur zwischengeschlechtlichen Koketterie blieb er aber bis weit ins 20. Jahrhundert ein unverzichtbares Modezubehör für die Frau. Blanche Hartmann gibt in ihrer um 1900 erschienenen Fächersprache augenzwinkernd Auskunft über „geheime“ Zeichen mit dem Fächer, die zur Anleitung auch mit Fotos illustriert sind. (Abb. 3) Das belegt meiner Meinung nach


aber nicht, dass es wirklich eine Geheimsprache gab, die sich aus klar definierten und klar erkennbaren Codes zusammensetzte. Vielmehr zeugt die Fächersprache davon, welche Faszination die Idee ausstrahlte, dass Frauen hinter dem Fächer hervorschauen und einen Mann mit Blicken taxieren konnten, ohne dass es die elterliche Umgebung bemerkte. Denn „so hat im gesellschaftlichen Leben die Fächersprache eine ähnliche Bedeutung wie die Augensprache gewonnen. Beide wirken zusammen: was der stumme Blick der Augen andeutet, macht die Bewegung des Fächers deutlich, was der gesenkte Blick erahnen lässt, sagt beredt der Fächer“.—12 Im strengen Sinn kann hier also auch nicht von einem geheimen Blickkontakt gesprochen werden, geben doch die Fächercodes nur einmal mehr Zeugnis davon, dass Frauen eine direkte Anbahnung

über den Blick nicht gestattet war. Es bedurfte einer künstlichen Barriere, um den sehnsüchtigen oder abweisenden Blick der Frau weiterhin zu verhüllen, aber gleichzeitig auch, um auf sich aufmerksam zu machen. Das Enthüllen und Verhüllen des begehrlichen Blickes, der intime Flirt von heimlicher Verführung und sehnsuchtsvollem Versprechen wurde durch den geheimnisvollen Einsatz des Fächers zum reizvollen Spiel der Koketterie. Allerdings gab es auf dem Ball auch eindeutig definierte Codes, die gleich auf den ersten Blick veranschaulichten, mit wem man es zu tun hatte. Frauen konnten mit seidenen Kleidern, tiefen Dekolletés und passendem Schmuck die Blicke auf sich ziehen. Die Farbcodes der Balltoiletten spielten dabei eine wichtige Rolle, waren sie doch für jedermann leicht dechiffrier- und lesbar. Die jungen Mädchen, die Debütantinnen, wurden (und werden bis heute) in der Farbe der Unschuld, in weißen Ballkleidern, in die Gesellschaft eingeführt. Die Eltern waren bestrebt, bereits in der ersten Ballsaison einen passenden Ehemann für die Tochter aufzutreiben. Denn schon in der zweiten Saison war die Farbe Weiß den Frauen verwehrt; mit ihren nun rosaroten oder himmelblauen Ballroben waren sie für potenzielle eheliche Anwärter auf den ersten Blick als ‚Sitzengebliebene‘ und noch zu Habende erkennbar.—13

Ausbruch aus der Norm – der provozierende Blick

Diese strengen Verhaltensregeln lieferten ein enges Korsett für das Gesellschaftsleben, und nur wenigen Frauen wurde eine Missachtung beziehungsweise eine lockerere Auslegung dieser Regeln zugestanden. Dazu gehörte der Berufsstand der Tänzerinnen, dem schon immer der Ruf eines moralisch ‚verwerflichen‘ Lebensstils vorauseilte. Balletttänzerinnen galten als ,moralisch lockere‘ Frauen, denen nachgesagt wurde, dass sie ihren oftmals

Abb. 4: Madame d´Ora (Dora Kallmus), Elsie Altmann-Loos, 1922

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Abb. 5: Moriz Jung, Nächtliches Gespräch (Postkarte Wiener Werkstätte No. 66), um 1907

kargen Lohn mit Herrenbesuchen in der Garderobe und im Separee aufstockten. Gerade sie sollten einige Jahrzehnte später besonders stark die herkömmlichen Blickregime hinterfragen und mit der weiblichen Revolte auf dem Parkett im Wien der Zwischenkriegszeit althergebrachte Rollenbilder und moralische Klischees völlig auf den Kopf stellen. Ab den 1920er-Jahren veränderte sich die öffentliche Tanzkultur in Wien massiv: Man gab sich nun nicht mehr still und heimlich der Ekstase hin, sondern Tanz wurde als sinnlicher Rausch in aller Öffentlichkeit auf den Bühnen inszeniert. Erotische Tänze, begleitet von wilder Jazzmusik, heizten in Varietés und Revuetheatern das Wiener Nachtleben an.—14 Zu stürmischen Klängen wurden Beine gezeigt, Po und Hüften geschwungen, und man gab sich mit allen Sinnen den Klängen hin. Mit Bananen- und Baströckchen bekleidet, eroberte die amerikanische Tänzerin und Sängerin Josephine Baker im Jahr 1925 bei einem Gastspiel das Wiener Publikum. Die deutsche Tänzerin Anita 27

Berber sorgte bereits 1922 mit ihren Tänzen des Lasters, des Grauens und der Ekstase für einen skandalösen Auftritt im Wiener Konzerthaus und damit für enorme Schlagzeilen in der Presse. Die Londoner Tiller Girls wiederum schwangen ihre Beine gleich bei mehreren Auftritten in Wien.—15 Befreit von Korsett und Spitzenschuh, unabhängig und selbstbestimmt, revolutionierten auch Reformtänzerinnen wie die Schwestern Wiesenthal, Claire Bauroff, Tilly Losch, Mila Cirul und Gertrud Bodenwieser den Tanz grundlegend – und damit auch weibliche Rollenbilder: Nicht mehr angemessene Zurückhaltung, sondern unbändige Lebenslust wurde nun auf den Bühnen offensiv gefeiert. Zielstrebig und selbstbewusst fotografierte eine neue Generation junger Fotografinnen die extravaganten und tanzenden Zeitgenossinnen.—16 Frauen inszenierten nun Frauen: nicht heimlich und verschämt, wie es die alten Anstandsregeln vorgegeben hatten, sondern selbstbewusst und direkt. Das Kleid geöffnet, halb nackt, mit erhobenem Kopf blickt etwa die Tänzerin Elsie Altmann-Loos provozierend aus dem Bild. Inszeniert von der berühmten Fotografin Dora Kallmus (Madame d’Ora) präsentiert sich die Tänzerin hier als Femme fatale, die ihre Sexualität selbstsicher zur Schau stellt und aktiv auf die Betrachter_innen des Bildes blickt. (Abb. 4) Es war zwar noch eine kleine Gruppe von Frauen, die sich so selbstsicher inszenierte, aber sie stehen zweifellos für eine neue Generation von Frauen in der Zwischenkriegszeit, die das Bild der zurückhaltenden, passiven Frau – und damit auch die herrschenden Blickregime – grundlegend auf den Kopf stellten.

Der codierte Blick der Subversion

Neben Tänzerinnen gab es noch eine zweite gesellschaftlich am Rand stehende Gruppe von Frauen, die, folgt man den überlieferten bildlichen Darstellungen, durchaus ein demonstrativ selbstbewusstes und aktives Blickverhalten


Abb. 6: Otto Schmidt, Grabennymphe, 1886

an den Tag legten: die Prostituierten. Eine von Moriz Jung um 1907 entworfene Postkarte der Wiener Werkstätte zeigt, wie stark die Prostituierte die Rollenverteilung der Geschlechter infrage stellte (Abb. 5): Hier ist es die Frau, die um die Ecke schaut und den Mann anspricht, der scheinbar peinlich berührt nach unten blickt. Die sexuelle Anbahnung geht hier aktiv von der Frau aus; sie wird auf dem Bild allerdings eindeutig als Sexarbeiterin ausgewiesen und damit außerhalb der bürgerlichen Norm einer zurückhaltenden weiblichen Sexualität verortet; an der Norm an sich wird damit nicht gerüttelt. Wo die Sexarbeiterin nicht aktiv blickt, steuert sie mit Codes die Blicke der potenziellen Kunden. Das zeigt das Fotoporträt einer sogenannten Wiener „Grabennymphe“, (Abb. 6) das zu einer Serie von Otto Schmidt gehört, für die der Fotograf ab 1886 „Wiener Typen“ im bürgerlichen Porträtstil festhielt. Das Foto selbst wurde von Schmidt nicht mit dem Hinweis „Dirne“ versehen, scheint aber unter diesem Titel im Inventarbuch des Wien Museums auf.—17 Warum wurde diese Frau als Sexarbei28

terin klassifiziert? Neben der Beschriftung, die sie als „Wiener Typ“ auswies, können es nur Merkmale ihres Aussehens sein, die die inventarisierende Museumsmitarbeiterin zu dieser Einschätzung verleitet haben. Der direkte Blick von oben, der leicht geöffnete Mund und vor allem die zwei auffälligen Schönheitspunkte könnten Hinweise dafür sein. Speziell im Feld der Sexarbeit, wo sehr strenge gesetzliche Auflagen im Hinblick auf erlaubte Anbahnungsorte herrschen, helfen Codes bei der Kontaktherstellung für eine sexuelle Dienstleistung. Signale an Freier in Form von Kleidung, Gesten oder Blicken mussten und müssen unter polizeilicher Überwachung nach wie vor diskret gegeben werden. Denn agiert eine Frau an einem verbotenen Ort zu auffällig, kann allein ein falscher Blick als Anbahnung einer illegalen sexuellen Dienstleistung interpretiert und bestraft werden, wie eine Strafverfügung der Landespolizeidirektion Wien aus dem Jahr 2013 zeigt (Abb. 7): Bereits im Vordruck wird unter jenen strafbaren Handlungen, die „in der Öffentlichkeit erkennen lassen, die Prostitution ausüben zu wollen“, die Suche nach „Blickkontakt zu den vorbeifahrenden Kfz-Lenkern“ aufgelistet. Auch wenn die strengen Normen im Hinblick auf Blickregime seit dem 19. Jahrhundert lockerer geworden sind, sind Blicke, die ein sexuelles Interesse signalisieren, also bis heute nicht völlig ungefährlich und frei.

Abb. 7: Kopie einer Strafverfügung des Polizeikommissariats Brigittenau, 2013


1—Evamaria Trischak: Filmtheorie und Gender, in: cinetext (2002), S. 3, http://cinetext.philo.at/magazine/ trischak/filmtheorien_und_gender. html (12.2.2016); Tema Balducci: Gaze, Body, and Sexuality: Modern Rituals of looking and being looked at, in: Jane Kromm, Susan Benforado Bakewell (Hg.): Of Visual Culture. Western Civilization from the 18th to the 21st Century, Oxford/ New York 2010, S. 136-143. 2—Eine schöne Auswahl dieser Bildmotive findet sich im Ausstellungskatalog: Beat Wismer (Hg.): Der verbotene Blick auf die Nacktheit: Diana und Actaeon (Ausstellungskatalog Museum Kunst Palast, Düsseldorf), Ostfildern 2008.

5—Vgl. Ilsebill Barta: Der disziplinierte Körper. Bürgerliche Körpersprache und ihre geschlechtsspezifische Differenzierung am Ende des 18. Jahrhunderts, in: dies. u. a.: Frauen Bilder Männer Mythen, Berlin 1987, S. 84-106. 6—Zur Anstandsliteratur im Allgemeinen siehe Elisabeth Mixa: Erröten Sie, Madame! Anstandsdiskurse der Moderne (Schnittpunkt Zivilisationsprozeß, Bd. 11), Pfaffenweiler 1994; Ulrike Döcker: Die Ordnung der bürgerlichen Welt. Verhaltensideale und soziale Praktiken im 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M./New York 1994. 7—Vgl. Döcker, Die Ordnung der bürgerlichen Welt, S. 13.

3—Dank an Elke Doppler für den Hinweis auf dieses Bild, welches sich in der Sammlung des Wien Museums befindet.

8—August Lafontaine: Sittenspiegel für das weibliche Geschlecht, Wien/Prag 1809, S. 56, zit. n. Mixa, Erröten Sie, Madame!, S. 95.

4—Vgl. Daniela Hammer-Tugendhat: Kunst, Sexualität und Geschlechterkonstruktion in der abendländischen Kultur, in: Franz X. Eder, Sabine Frühstück (Hg.): Neue Geschichten der Sexualität. Beispiele aus Ostasien und Zentraleuropa 1700–2000, S. 69-92, hier S. 69 f.; Balducci, Gaze, Body, and Sexuality.

9—Amalie Gräfin von Wallenburg: Anstandslehre für das weibliche Geschlecht. Oder mütterlicher Rath für meine Julie über den sittlichen und körperlichen Anstand, Linz 1824/Wien 1825, S. 62f., zit. n. Mixa, Erröten Sie, Madame!, S. 95.

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10—Ebd. 11—Franz Eberhardt: Der gute Ton in allen Lebenslagen. Ein Handbuch für den Verkehr in der Familie, in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben, 14. Aufl., Leipzig/Berlin 1898, S. 229f., zit. n. Mixa, Erröten Sie, Madame!, S. 103.

12—Blanche Hartmann: Die Fächersprache. Saisonplauderei von Blanche Hartmann, o. O., o. J. [um 1900], S. 112. 13—Vgl. Regina Karner, Michaela Lindinger (Hg.): Großer Auftritt. Mode der Ringstraßenzeit (Ausstellungskatalog Wien Museum), Wien 2009, S. 149. 14—Zur Geschichte des Tanzes in Österreich siehe Andrea Amort, Mimi Wunderer-Gosch (Hg.): Österreich tanzt. Geschichte und Gegenwart, Wien/Köln/Weimar 2001. 15—Vgl. Heike Herrberg, Heidi Wagner (Hg.): Wiener Melange. Frauen zwischen Salon und Kaffeehaus, Berlin 2002, S. 64-87. 16—Frauke Kreutler: Skandal in Berlin. Trude Fleischmanns Inszenierung der Tänzerin Claire Bauroff, in: Anton Holzer, Frauke Kreutler (Hg.): Trude Fleischmann. Der selbstbewusste Blick (Ausstellungskatalog Wien Museum), Wien/ Ostfildern 2011, S. 104-114. 17—Vgl. Michael Ponstingl: Otto Schmidts Spektakel der Wiener Typen, in: Wolfgang Kos (Hg.): Wiener Typen. Klischees und Wirklichkeit (Ausstellungskatalog Wien Museum), Wien 2013, S. 200.


Vor dem Sex

Blickaufnahme

—Carl Schuster Corso auf der Ringstraße, um 1895 Öl auf Holz, 60 × 78 cm Wien Museum, Inv.Nr. 17.850 Der „Corso“ auf der Ringstraße, der von der „Sirk-Ecke“ bei der Oper zum Schwarzenbergplatz und wieder zurück führte, war bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der beliebtesten Treffpunkte in Wien. Hier ging es ums Sehen und Gesehenwerden, wobei vor allem bürgerliche Frauen, die allein unterwegs waren, stark auf ihr Blickverhalten achten mussten. Nur das vorgetäuschte Richten des Rocksaums erlaubte es der Frau im Vordergrund, vorsichtig unter ihrem Hut hervorzuschauen.

—Felician von Myrbach Im Wirtshausgarten, 1896 Aquarell auf Papier, 30,2 × 44 cm Wien Museum, Inv.Nr. 167.948 Eine klassische Blicksituation: Mit unverhohlenem Interesse taxiert der Mann, den seine Uniform als Infanterist bei den Hochund Deutschmeistern ausweist, seine Begleiterin, den Arm schon halb um sie gelegt. Sie bleibt in der Körperhaltung zurückhaltend und zündet ihm, ohne ihm direkt in die Augen zu schauen, mit einem Streichholz eine Virginia an.

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—Josef Engelhart Loge im Sophiensaal, 1903 Öl auf Leinwand, 104,2 × 99,5 cm Wien Museum, Inv.Nr. 45.641 Die herausfordernde Pose und der direkte Blick der jungen Dame auf den älteren Herrn gegenüber sprengen alle für Frauen auf dem Ball vorgesehenen Verhaltensmuster der Zeit. Der beleibte Mann scheint leicht zurückzuweichen. Ein Ballbesucher im Hintergrund taxiert die posierende Frau mit sichtlichem erotischem Interesse und wendet seinerseits den Blick von seiner eigenen, weniger tief dekolletierten Begleitung ab.

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—Milchbar in den Schauräumen der Österreichischen Staatsdruckerei in der Wollzeile in Wien, 1954 Fotografie (Reproduktion) Bildarchiv und Grafiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Inv.Nr. US 12.061 Milchbars waren in den 1950erJahren beliebte Orte fürs „Anbandeln“. Das versuchte auch die Österreichische Milchpropagandagesellschaft zur Ankurbelung des Milchkonsums zu nutzen: „Ein netter Flirt bei einem Glaserl Milch ist der letzte Schrei“, verkündete sie anlässlich der Eröffnung der Ausstellung Milch für jeden Geschmack und ließ dafür ein Paar tiefe Blicke über dem Milchglas tauschen.

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—Georg Emanuel Opitz (auch: Opiz) Prostituierte auf dem Michaelerplatz, um 1830 Beschr.: „Bey den Michaelern. Der Segen, schöne Welt, Freudenmädchen, Adreßen, Müßiggänger“ Aquarell auf Papier, 38 × 26,5 cm Wien Museum, Inv.Nr. 141.513 Offen und am helllichten Tag werden in dieser Szene Anbahnungsblicke zwischen Sexarbeiterinnen und interessierten Kunden ausgetauscht, die die Frauen zum Teil durch das Monokel mustern. Diskret werden auch Anbahnungsbriefe gewechselt. —Moriz Jung „Nächtliches Gespräch“, um 1907 Wiener Werkstätte-Postkarte, Nr. 66 (Reproduktion) Imagno/Austrian Archives, Inv.Nr. 00110039 (Abb. S. 27) Die Szene zeigt, wie stark Sexarbeiterinnen bürgerliche Anstandslehren und die Norm einer zurückhaltenden weiblichen Erotik auf den Kopf stellten: Hier ist es die Frau, die aktiv um die Ecke schaut und den Mann anspricht, der scheinbar peinlich berührt nach unten blickt und sein Gesicht im Mantelkragen vergräbt. —Kopie einer Strafverfügung gegen eine Sexarbeiterin wegen unerlaubter Anbahnung der Prostitution, 2013 29,7 × 21 cm Sexworker Forum (Abb. S. 29) Agiert eine Frau an einem verbotenen Ort zu auffällig, kann allein ein „falscher“ Blick auch heute noch als Anbahnung einer illegalen sexuellen Dienstleistung interpretiert und somit bestraft werden. Bereits im Vordruck wird hier unter jenen strafbaren Handlungen, die „in der Öffentlichkeit erkennen lassen, die Prostitution ausüben zu wollen“, die Suche nach „Blickkontakt zu den vorbeifahrenden Kfz-Lenkern“ aufgelistet.

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—„Welche Versuche ‚diese Damen‘ anstellen, nur um auf dem Graben unbeanständet promeniren zu können.“ Karikaturen aus der Zeitschrift Der Floh, 1877/78 38,2 × 23,4 cm Imagno/Austrian Archives Vor allem Sexarbeiterinnen, die auf der Straße Kunden anwarben, waren immer wieder genötigt, sich zu tarnen und möglichst unauffällig Anbahnung zu betreiben. Ob sie sich dabei wirklich auch als „Pomeranzenhändlerinnen“, „Betschwestern“ „Ammen“ oder „Putzmacherinnen“ verkleideten, wie es diese Karikaturen suggerieren, sei dahingestellt. Sie belegen jedoch, dass potenziell jede Frau, die im späten 19. Jahrhundert allein auf dem Graben unterwegs war und sich „auffällig“ verhielt, in den Verdacht geraten konnte, eine „Grabennymphe“ zu sein. —Otto Schmidt „Wiener Typen“: Grabennymphe, 1886 Fotografie, 16 cm × 10,5 cm Wien Museum, Inv.Nr. 75.668/20 (Abb. S. 28)

—Mondsichelförmige Brosche, Ende 19. Jahrhundert Strasssteine, Metall, 2,4 × 4,7 cm Wien Museum, Inv.Nr. M 22.045/6 Der Halbmond gilt von alters her als typisch weibliches Symbol. Der einstige Schmuck der jungfräulichen Jagdgöttin Artemis/ Diana wurde im 19. Jahrhundert besonders gern von jungen Mädchen als Haarschmuck verwendet, um die Blicke der Männer auf sich zu lenken. —Doppelaxt-Kettenanhänger, 1980er-Jahre Silber, 4,5 × 3 × 1 cm Privatbesitz —Lederkäppi, 1980er-Jahre 25 × 25 × 10 cm Privatbesitz Das Lederkäppi galt in den 1980erJahren als Erkennungszeichen für lesbische Frauen – vor allem in Kombination mit der Doppelaxt. Diese wiederum war zuvor in der Neuen Frauenbewegung der 1970er-Jahre als „Streitaxt“ ein wichtiges Symbol für den Kampf um Frauenrechte.

Diese Aufnahme ist Teil einer Serie von Wiener Typen, fotografiert im bürgerlichen Porträtstil. Obwohl die Dargestellte von Schmidt nicht selbst als „Grabennymphe“ bezeichnet wurde, scheint sie unter diesem Titel im Inventarbuch des Wien Museums auf. Für diese Klassifikation dürften neben dem direkten Blick von oben und dem leicht geöffneten Mund vor allem die zwei auffälligen Schönheitspunkte verantwortlich sein, die manchen als Erkennungszeichen von Sexarbeiterinnen galten. —Plakat mit Hanky-Codes, 1996–1998 84,1 × 59,4 cm Liebenswert & Condomi ♥ + Herz Museum + Museumsshop, Esterházygasse 26, 1060 Wien Die in den 1970er-Jahren in der schwulen amerikanischen Lederund SM-Szene entwickelten Hanky-Codes (von engl. „handkerchief“, „Taschentuch“) dienten dem raschen Erkennen sexueller Vorlieben in Szenelokalen, aber auch im Alltag. In der linken Hosentasche getragen, signalisiert der Mann, dass er beim Sex die aktive Rolle bevorzugt, rechts getragen die passive. Die Farbe stand für die bevorzugte Praktik.


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Vor dem Sex

Anbahnung Dem sexuellen Begehren folgt der Versuch der Kontaktaufnahme mit einem geeigneten Gegenüber. Doch wie konnte man ein solches Gegenüber finden und den Kontakt herstellen? Seit jeher wird dafür Hilfe von Dritten in Anspruch genommen, sei es durch informelle familiäre Netzwerke, Kuppler_innen und Zuhälter_innen, sei es durch Heiratsvermittler_ innen, Heiratsinstitute oder TV-Shows. Auch für jene, die auf eigene Faust den ersten Kontakt wagen, gab und gibt es Unterstützung. Flirt-Ratgeber versorgen mit Tipps, welches Auftreten und welche Kleidung beim ersten Treffen am meisten Erfolg versprechen. Vermittlungshilfen wie das Tischtelefon in als Treffpunkten


ausgewiesenen Lokalen halfen beispielsweise in den 1960er-Jahren, die Scheu vor dem ersten Ansprechen zu Ăźberwinden. Nicht immer muss es beim selbst organisierten Anbahnen der begehrende Blick sein, der das erste Interesse weckt und dem das erste Ansprechen folgt. Auch Kontaktanzeigen und Dating-Apps machen auf potenzielle Partner_innen aufmerksam und geben Auskunft Ăźber deren WĂźnsche und Vorlieben.


Vor dem Sex

Anbahnung

„Darf die Frau den Mann ansprechen?“ Von den Regeln des Anstands bei der verbalen Kontaktaufnahme Martina Nußbaumer Im Jahr 1928 berichtete ein Leitartikel in Helmut Bettauers Wochenschrift. Zeit, Gesellschaft, Sitte von einem ungewöhnlichen Erlebnis eines „Kollegen“, der im Kaffeehaus folgende Geschichte erzählt hatte: „Ich ging über den Opernring. Es war ungefähr vier Uhr. Bei dem feinen Herrenmodegeschäft blieb ich stehen, guckte mir die Sachen an, da – plötzlich – bemerke ich, ich werde betrachtet. Ziemlich unverfroren einer genauen Prüfung unterworfen. Auch ich schaue nun näher hin, es ist eine Dame. Jung, hübsch, gut gekleidet. Aber nicht auffallend. Sie gefällt mir. Natürlich merkt sie, daß auch ich sie betrachte. Trotzdem schaut sie nun nicht rasch weg, wird auch nicht rot, sondern, ganz im Gegenteil, sie hält meinen Blick ruhig aus. Ich glaube, ich wurde nun etwas verlegen. So was – – ! Im nächsten Augenblick aber kommt sie auf mich zu, schnurgerade übers Trottoir auf mich zu, bleibt vor mir stehen und – – ,Verzeihung, mein Herr, dürfte ich Sie, sofern Sie Zeit haben, bitten, mich ins Café zu begleiten?‘“ „Verlegen“ sei er gewesen, meinte der „Kollege“, aber „selbstverständlich ging ich mit“.—1 Der Redaktion von Helmut Bettauers Wochenschrift, dem von Helmut Bettauer geleiteten Nachfolgeorgan von Hugo Bettauers Wochenschrift. Probleme des Lebens, Wiens progressivster Zeitschrift im Hinblick auf Aufklärung und Ratschläge für zwischenmenschliche Bezie38

hungen in den 1920er-Jahren, imponierte diese Erzählung von einer „junge[n] Dame, die mit alten Vorurteilen restlos gebrochen zu haben schien, die ihr Leben scheinbar wirklich in ihre Hand zu nehmen gewillt war“.—2 War die Geschichte ein Zeichen dafür, dass die alte Norm, wonach die erste verbale Kontaktaufnahme nur vom Mann ausgehen dürfe, langsam im Umbruch begriffen war? Nur wenige Tage zuvor, so der Leitartikel, hätte sich auch eine Leserbriefschreiberin an die Redaktion gewandt und Rat erbeten: „Halten Sie es mit unserem ‚weiblichen Schamgefühl‘ für unvereinbar, wenn wir Frauen einmal nicht warten würden, bis es dem Herrn der Schöpfung gefällt, sondern den Mann, der uns gefällt, ganz einfach ansprechen würden? […] Nehmen Sie, bitte, einmal zu dieser Frage Stellung: Ein führendes Organ im Kampfe um die Befreiung der Frau dürfte an diesem Problem – wie mir scheint, ein sehr wichtiges – nicht vorübergehen.“—3 Die Redaktion nahm diesen Brief und die Geschichte des „Kollegen“ zum Anlass, eine der beliebten Rundfragen der Zeitschrift zu starten, und spielte die Frage an die Leser_innen weiter: „Darf die Frau den Mann ansprechen?“—4 Nur zwei Ausgaben später verzeichnete die Redaktion bereits 3.216 Zuschriften; das Thema schien also nicht nur einer Leserin unter den Nägeln zu brennen. Und, wie die Antworten


zeigen sollten: Nicht nur sie kämpfte mit der Frage, ob ein erster Schritt der Frau mit dem ‚guten Ton‘ vereinbar war.

Vom Tabu der „Straßenbekanntschaft“

Keine andere Form der ersten Kontaktaufnahme zwischen Mann und Frau galt in den Anstandsund Benimmbüchern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts als so unpassend und so unmöglich wie das direkte Ansprechen einer unbekannten Person auf der Straße. Das direkte Ansprechen unterlief das bürgerliche Ideal, wonach neuen Bekanntschaften stets eine formelle Vorstellung durch Dritte vorauszugehen hatte. „Man geht in der gebildeten Gesellschaft von dem Grundsatze aus, daß erst mit der Vorstellung der Mensch für uns gesellschaftlich zu bestehen anfängt“, hieß es etwa im Jahr 1908 in Franz Ebhardts Ratgeber Der gute Ton in allen Lebenslagen. „Jemand, der uns nicht vorgestellt ist und der sich bei wiederholtem Begegnen nicht vorstellen läßt, den kennen wir nicht, den grüßen wir nicht, den sehen wir nicht. Sobald hingegen die Vorstellung erfolgt ist, ist auch die Bekanntschaft gemacht, und es steht uns das Recht zu, die betreffende Persönlichkeit anzureden, zu grüßen und im gegebenen Falle zu besuchen.“—5 Bedeutete das direkte Ansprechen einer unbekannten Frau auf der Straße schon für den Mann eine Überschreitung der Grenze des guten Geschmacks, so galten für die Frau im Hinblick auf Straßenbekanntschaften noch strengere Verhaltensregeln: War sie allein unterwegs, hatte sie sich so unauffällig wie möglich zu verhalten und alles zu vermeiden, „was im Stande wäre, die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich zu ziehen“.—6 Allein schon das Sich-Ansprechen-Lassen wurde als unschicklich und als unverantwortliche Handlung der Frau betrachtet: „Freche Ansprachen Fremder läßt man am besten vollständig unbeachtet, jede Erwiderung ist ein Fehler gegen die gute Sitte.“—7 Vorgaben wie diese, so Karin Schrott in ihrer Studie Das normative Korsett, spielten einerseits auf den „guten Ruf“ der einzelnen Frau an, den es zu wahren galt, hatten aber auch mit einer „generellen Repräsentationspflicht der bürgerlichen Frau für ihre 39

Schicht“ zu tun: „Vor allem in einem Raum wie der Straße, in dem ein Zusammentreffen der unterschiedlichen Schichten stattfindet, steht die Frau in der Pflicht, durch perfekte Präsentation des weiblichen Ideals den Vorbildcharakter des bürgerlichen Lebensentwurfes für die unteren Schichten zu unterstreichen.“—8 Viele der Verhaltensregeln, die Anstands- und Benimmbücher jenen Frauen mitgaben, die (allein) auf der Straße unterwegs waren, zeugen von der Vorstellung, dass Frauen im öffentlichen Raum eigentlich nichts zu suchen hatten—9 und sich nur durch strenge Selbstkontrolle den dort lauernden ‚Gefahren‘ entziehen konnten. Da allein schon das Sich-Ansprechen-Lassen für Frauen tabu war, wenn sie den Mann, dem sie auf der Straße begegneten, nicht schon gut kannten, erübrigte sich die Frage, ob, unter welchen Bedingungen und wie die Frau den Mann ansprechen durfte – dies war schlicht keine Option und daher auch in den Anstandsund Benimmbüchern kein Thema. Helmut Bettauer ging in einem Leitartikel zum Thema Straßenbekanntschaften in Bettauers Wochenschrift im Jahr 1926 mit diesem Regelwerk streng ins Gericht, das ohnehin nur wenig mit der gelebten Realität zu tun hätte. Der Streit darüber, „ob ein ‚Mädchen, das etwas auf sich hält‘, […] solche Bekanntschaften schließen dürfe, oder ob diese primitive Art des Bekanntwerdens, bei der kein Dritter einen unverständlichen Namen gemurmelt hat, schon in das Reich des Leichtsinns, des Unmoralischen, des Verwerflichen gehöre“, sei allein deshalb müßig, „weil auch Bekanntschaften, die von guten Freunden vermittelt, in bürgerlichen und in sogenannten exklusiven Kreisen geschlossen worden sind, schon zu Verführung, ledigen Kindern, nicht eingehaltenen Eheversprechungen und Heiratsschwindel geführt haben“.—10 Auch wenn er selbst das „Ansprechen auf der Straße“ nicht für die „beste Möglichkeit, einen guten Kameraden zu finden“, hielt, verteidigte Bettauer diese Praxis: „Nicht deshalb, weil ich eine ganze Menge schöner, lange dauernder Freundschaften und sogar einige Ehen kenne, die auf dieser Basis zu Stande gekommen sind, sondern deshalb – weil Straßenbekanntschaften eine Notwendigkeit sind, solange unsere Gesellschafts- und Geschlechtsmoral sich nicht geändert haben wird. Solange die allein lebende Frau, die keinen


Bekanntenkreis besitzt, nicht ebenso wie der Mann das Recht hat, jedes Lokal allein und ohne Begleitung aufzusuchen, so lange sie sich nicht dem Manne aus Ihrem Freundeskreis, der ihr gefällt, selbst nähern darf, solange, mit einem Wort, die Frau darauf angewiesen ist, sich vom Manne finden zu lassen, ihn aber nicht selbst suchen darf, solange wird es Straßenbekanntschaften geben […].“—11 Mit etwas „Klugheit und Menschenkenntnis“ könnten Frauen auch Männer mit ernsthaften Interessen von jenen, die „für ein paar Stunden irgend ein leichtes Abenteuer“ suchen, unterscheiden;—12 die Gefahren, die ein Ansprechen durch einen fremden Mann mit sich bringen würde, wären also in den meisten Fällen geringer als die Chancen, die es eröffnete. Und wie sah die Bewertung im bislang nicht vorgesehenen Fall aus, dass die Frau die Initiative ergriff?

„Ich werde auf keinen Fall beißen“

Von den 1.780 Briefen von Frauen und 1.436 Briefen von Männern, die Helmut Bettauers Wochenschrift innerhalb von zwei Wochen auf die Rundfrage „Darf die Frau den Mann ansprechen?“ erhielt, beantworteten 2.955 Briefe laut Angaben der Redaktion die Frage positiv; nur 261 waren dagegen. Auffällig war das Geschlechtergefälle bei den Antworten: War unter den Befürworter_innen die Zahl der Männer und der Frauen relativ ausgewogen, so gab es bei den negativen Stellungnahmen einen deutlichen Überhang von Frauen: 245 Frauen, aber nur 16 Männer sprachen sich gegen die Option der weiblichen Initiative aus – „man sieht, den Männern wäre es ganz angenehm“.—13 Zwei Ausgaben lang veröffentlichte die Zeitschrift einzelne Zuschriften aus der Rundfrage, von der laut Angaben der Redaktion auch Blätter in Paris und Zagreb berichtet hatten. Als einzige negative Stellungnahme wurde die Stimme eines Mannes wiedergegeben, der die Frage für „niedrig und schamlos hielt“ und ein Ansprechen durch die Frau als typisch für die „Dirnenmentalität der Frau von heute“ hielt; Helmut Bettauers Wochenschrift machte mit einem Kommentar, wonach der Abdruck dieser Stimme zur „Erheiterung“ der Leser_innen dienen sollte, deutlich, dass diese Position nicht 40

der Blattlinie entsprach.—14 Die meisten anderen abgedruckten – und wohl mit Bedacht ausgewählten – Leser_innenbriefe sprachen sich mit Vehemenz für die Option der Frau, einen Mann anzusprechen, aus: „Denn wenn man sich die Sache genau überlegt, es ist ja eigentlich lächerlich, daß gerade nur der Herr die gesellschaftlich anerkannte Möglichkeit besitzt, den Mund zuerst zu öffnen, während der andere Teil stumm bleibt“, schrieb etwa Eduard M.—15 Die meisten Zuschriften hielten diesen Schritt für Frauen durchaus schon in der Gegenwart, nicht erst in der Zukunft machbar, sahen aber nach wie vor Hindernisse in Form der nachwirkenden alten Regeln von Anstand und Moral, „[d]a die Spießer sich sicher sehr aufregen und jedes Mädchen, das einen Mann ansprechen wird, glattwegs als Dirne betrachten werden“ – was „ein intelligenter und modern denkender Mann“ aber bestimmt nicht tun werde, war etwa Helene S. überzeugt.—16 Eine deutschsprachige Leserin aus dem fernen Irland gab zu bedenken, dass es noch „viel Reklame“ brauche für die Sache, um beherzt diesen Schritt tun zu können und nicht als Frau bewertet zu werden, die „anspricht, weil sie niemand kennen zu lernen wünscht“.—17 Was einen möglichen „Schaden“ infolge des Ansprechens seitens einer Frau betraf, waren die Leser_innen gespalten: Während der Großteil davon überzeugt war, dass beide Seiten nur gewinnen könnten, wenn die neue Praxis Alltag würde, gab „Dr. Ernst B.“ zu bedenken, dass zunächst „die Ueberwindung jener Einstellung nötig ist, nach welcher es eine schwere Beleidigung für jede Frau ist, einen Korb zu bekommen. Ich habe schon öfters Körbe bekommen, ohne mich zu kränken, das müßten die Frauen erst lernen.“—18 Ein Teil der Frauen gab an, Männer nicht nur theoretisch ansprechen zu wollen, sondern dies bereits aktiv zu tun. Wie, hänge von der jeweiligen Situation ab, erklärte Helene S.: „Z. B. im Park, wenn man nebeneinander sitzt; ersucht man um die Zeitung oder ein Buch ‚Man will nur was nachschauen‘ usw. Spielende Kinder sind sicher eine Gelegenheit, an die man sehr leicht ein Gespräch anknüpfen kann. Auch auf der Straße gibt’s genug Gelegenheit, z. B. wo die und die Straße, oder das und das Theatergebäude ist. Ich glaube, es kommt ganz auf die Stimmung an und ob der


Benimmbroschüre Nobody is perfect, 1960er-Jahre

Mann einen sehr interessiert. Ich könnte einen Mann, der mich sehr interessiert, ganz ruhig ersuchen, ob er mich nicht ins Kino oder Kaffeehaus begleiten möchte.“—19 Ähnliche Strategien schlug auch Josefine L. vor: „Ich würde an den Mann mit einer Frage nach einer Straße oder eines Geschäftes [sic] herantreten, wäre dabei etwas ungeschickt, um zu ergründen, ob der Mann Interesse für mich hat, mir entgegenkommend ist und mich an Ort und Stelle begleitet.“—20 Vorsichtshalber deponierte auch gleich ein Mann, wie er am liebsten angesprochen werden würde: „Hätten Sie Zeit und Lust, meine Bekanntschaft zu machen, ohne daß das ein Attentat auf Ihre Brieftasche bedeuten soll? Ich heiße so und so …“—21 Und Eduard M. ermunterte die Frauen mit der Bemerkung, dass er, würde er angesprochen, „auf keinen Fall beißen“ würde.—22 Inwieweit die Rundfrage in Helmut Bettauers Wochenschrift Frauen tatsächlich ermunterte, öfter den ersten Schritt zu machen, muss offen bleiben. Leser „Dr. Ernst B.“ bezweifelte jedenfalls, dass die Zeitschrift „durch entsprechende Propaganda diese Sitte allgemein“ einführen könnte: „Denn Ihr Blatt wird doch zumeist von manuellen und geistigen Arbeitern gelesen, während meiner Ansicht nach, eine derartige Neueinführung nur von ‚oben‘, von der ‚Gesellschaft‘ her ausgehen könnte. Denn Sie werden natürlich niemals über den alten marxistischen Grundsatz hinwegkommen, daß die herrschenden Anschauungen einer Zeit immer die Anschauungen der herrschenden Klasse sind.“—23

„Ansprechen ist immer riskant!“

Ernst B.s Zweifel waren nicht ganz unberechtigt: Blickt man in einschlägige Ratgeber aus den 1930er-Jahren, so ist zumindest auf dieser Ebene 41

von jenem Aufbruch, von dem die Zuschriften in Helmut Bettauers Wochenschrift zeugten, noch nicht viel zu merken. „Ansprechen ist immer riskant!“, hieß es etwa im 1932 erschienenen Tägliche[n] Ratgeber für das praktische Leben von Rudolf Kalmar. Auch wenn in den letzten Jahrzehnten „die Beziehungen der Geschlechter zu einander etwas freier geworden“ wären und sich „die gesellschaftlichen Umgangsformen zwischen jungen Männern und jungen Frauen gelockert“ hätten, dürfte das nie in „Taktlosigkeit“ ausarten – und „Damen auf der Straße anzusprechen, zeigt an und für sich nicht von viel Takt!“ Männer, die dieser „Taktlosigkeit“ dennoch nicht widerstehen konnten, bekamen zumindest einige Verhaltenstipps mit auf den Weg – sie sollten „abgeschmackte“ Redewendungen wie „Ich glaube wir kennen uns … “ vermeiden und stattdessen „mit Anstand“ Fragen


wie „Ich wäre dankbar und froh, Sie begleiten zu dürfen!“ stellen. Für Frauen hingegen gab es nur den üblichen Rat, dass sie, sollten sie von einem Mann angesprochen werden, der ihnen „nicht angenehm“ sei, am besten „wortlos“ weitergehen sollten, „ohne überhaupt zu reagieren“. Die Option, dass auch eine Frau einen Mann ansprechen könnte, wurde erst gar nicht in Erwägung gezogen.—24 Der für seine Aufgeschlossenheit bekannte Wiener Verlag für Kulturforschung war in seinem im gleichen Jahr erschienenen Liebeslexikon von A–Z zwar weniger harsch in der Wortwahl, gab aber ebenfalls zu bedenken, dass von „den vielen Möglichkeiten der Annäherung […]“ für Männer, „zumindest, wenn es sich um ein ernsteres Interesse, nicht um eine plötzliche Laune handelt, das ‚Ansprechen‘ die am wenigsten empfehlenswerte“ sei: „Es stellt die Dame vor eine zu plötzliche Entscheidung, und wenn diese einmal ungünstig ausgefallen ist, ist der weitere Weg gewöhnlich versperrt. Meist wird es richtiger sein, den Wunsch, die Dame kennenzulernen, durch einen Brief auszudrücken […].“—25 Anknüpfungspunkte würden auch „der Beruf“ oder der „gesellschaftliche Umgang“, etwa am Sportplatz oder beim Tanztee, bieten: „Wenn man nur nachdenkt, wird man wohl immer einen gemeinsamen Bekannten finden, der die Vorstellung in die Wege leiten kann.“ Was den umgekehrten Fall der verbalen Kontaktaufnahme durch die Frau betraf, sah auch das Liebeslexikon keine Option: „Die direkte Annäherung einer Frau an einen Mann gilt im allgemeinen auch in unserer, freieren Anschauungen huldigenden Zeit als unschicklich.“ Frauen müssten daher subtiler vorgehen und versuchen, „eine gesellschaftliche Verbindung mit dem Manne, der ihr Interesse geweckt hat, herzustellen. Auch wird eine Dame sich kaum etwas vergeben, wenn sie durch einen diskreten, kaum merkbaren Blick andeutet, daß ihr eine Annäherung nicht unwillkommen wäre.“—26

Der lange Schatten der Rollenbilder

Von einem Verbot des Ansprechens für Frauen kann in der Gegenwart zwar längst keine Rede mehr sein. Ein Blick in Wiener Flirtratgeber und Studien zum Flirtverhalten aus den letzten zwei 42

Jahrzehnten zeigt jedoch, dass sich jene Rollenbilder, die in den 1920er- und 1930er-Jahren im Hinblick auf das Ansprechen diskutiert wurden, auch in der Gegenwart nur graduell verschoben haben. „Frauen sind die nonverbalen Flirtprofis“, schreibt etwa Brigitte Bösenkopf 1997 in Die Lust am Flirten alte Geschlechterrollen fest. „Sie selektieren durch das Schauen und fordern über den Blick Aufmerksamkeit.“ Männer hingegen wären „verbale Flirtprofis“: „Der erste konkrete Satz, so banal er auch sein mag, fällt meistens von einem Mann.“—27 41 Prozent der Singlefrauen wären laut einer von der Zeitschrift NEWS im Jahr 2013 zitierten Umfrage von ElitePartner der Ansicht, dass Männer beim Kennenlernen den ersten Schritt machen müssten; dabei würden sich 79 Prozent der Singlemänner wünschen, dass die Frau die Initiative beim Ansprechen ergreift.—28 Bleibt die Frage, wie. „Nehmen Sie Blickkontakt auf“, „Lächeln Sie ihn an“, „Schnelligkeit siegt“, lautet etwa das Rezept der Onlinepartnervermittlung Parship—29 – einer jener vielen Dating-Plattformen, die das direkte Ansprechen gegenwärtig ohnehin zunehmend obsolet machen und gleichsam die Empfehlung des Liebeslexikons von A–Z reaktivieren, wonach ein schriftlicher Erstkontakt zielführender sei; nur, dass nun statt einer dritten Person, die im Idealfall die Vorstellung übernimmt, ein Algorithmus vorselektiert, wer wen erstkontaktiert.—30 Eingelernte Flirtsprüche, so der Parship-Rat an Frauen für das Ansprechen offline, wären jedenfalls zu vermeiden. Manchmal würde einfach auch der „richtige Vorwand“ beim Ansprechen helfen: „Fragen Sie den jeweiligen Herren beispielsweise nach dem Weg, der Uhrzeit, oder lassen Sie sich etwas aus dem oberen Regal geben, an das Sie nicht herankommen.“—31 Ein Anmachtipp, den schon Leserin Josefine L. in Helmut Bettauers Wochenschrift 1928 parat hatte.


1—„Verzeihung, mein Herr …!“, in: Helmut Bettauers Wochenschrift 15 (1928), S. 1f., hier S. 1. 2—Ebd., S. 2. 3—Ebd. 4—Ebd. 5—Franz Ebhardt: Der gute Ton in allen Lebenslagen. Ein Handbuch für den Verkehr in der Familie, in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben, 16., neu bearb. Aufl., Leipzig [1908], S. 185.

8—Karin Schrott: Das normative Korsett. Reglementierungen für Frauen in Gesellschaft und Öffentlichkeit in der deutschsprachigen Anstands- und Benimmliteratur zwischen 1871 und 1914 (Kulturtransfer. Alltagskulturelle Beiträge, Bd. 2), Würzburg 2005, S. 235.

23—Helmut Bettauers Wochenschrift 17 (1928), S. 4.

9—Vgl. ebd., S. 239.

25—Hannelore v. Palkow, André Marchand (Hg.): Liebeslexikon von A–Z. Ein Aufklärungsbuch und Ratgeber für alle Fragen der Liebe, Wien/Berlin/Leipzig 1932, Spalte 90.

10—Helmut Bettauer: Straßenbekanntschaften, in: Bettauers Wochenschrift 39 (1926), S. 1. 11—Ebd.

6—Frederike Lesser: Der Führer der Jungfrau und Frau im häuslichen und geselligen Leben. Nebst einem für alle Special-Verhältnisse des weiblichen Lebens bestimmten Briefsteller und einem Anhange: Aphorismen über weibliches Leben und Streben, 6. Aufl., Erfurt 1884, S. 60.

12—Ebd.

7—Natalie Bruck-Auffenberg: Die Frau comme il faut (Die vollkommene Frau). Mit Beiträgen des Briefkastenmannes der „Wiener Mode“, Wien 1896, S. 374.

16—Helmut Bettauers Wochenschrift 17 (1928), S. 3.

13—Helmut Bettauers Wochenschrift 17 (1928), S. 3. 14—Ebd., S. 5. 15—Helmut Bettauers Wochenschrift 18 (1928), S. 8.

17—Ebd., S. 4. 18—Ebd. 19—Ebd., S. 3 (Hervorhebung im Original). 20—Helmut Bettauers Wochenschrift 18 (1928), S. 8. 21—Helmut Bettauers Wochenschrift 17 (1928), S. 4. 22—Helmut Bettauers Wochenschrift 18 (1928), S. 8.

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24—Rudolf Kalmar: Täglicher Ratgeber für das praktische Leben. Was sage ich – Was tue ich in allen Lebenslagen? Wien/Leipzig 1932, S. 97f.

26—Ebd., Spalte 91f. Zum Anbahnen beim Fünfuhrtee vgl. Spalte 115. 27—Brigitte Bösenkopf: Die Lust am Flirten. Das Spiel mit dem Augenblick, Wien 1997, S. 77. 28—http://www.news.at/a/flirtenrollenverteilung-unklar (7.8.2016). 29—http://www.parship-info.at/ dating-tipps/maenner-ansprechen/ (7.8.2016). 30—Vgl. dazu den Beitrag von Kai Dröge in diesem Katalog. 31—http://www.parship-info.at/ dating-tipps/maenner-ansprechen/ (7.8.2016).


Vor dem Sex

Anbahnung

„Denn die Vermittlung unzüchtigen Verkehrs ist […] eine Hauptaufgabe des kleinen Anzeigers.“ Eine kleine Geschichte der Kontaktanzeige

—1

Andreas Brunner Der „Kleine Anzeiger“, wie der Annoncenteil in Tageszeitungen um 1900 genannt wurde, war für viele Blätter dieser Zeit eine wichtige Einnahmequelle. Deshalb duldeten sie auch die Veröffentlichung von Kontaktanzeigen für „unzüchtigen Verkehr“, wie Karl Kraus Anfang Mai 1900 in einer Glosse in der Fackel monierte. Kraus ätzte dort über die moralische Verlogenheit der „großen Wiener Inseratenblätter“,—2 zu denen er das Neue Wiener Tagblatt und die Neue Freie Presse zählte: Während sie selbst im redaktionellen Teil der Zeitung Homosexuelle verteufelten, würden sie zugleich Geld mit der „öffentlichen Anpreisung widernatürlichen Geschlechtsverkehrs“ verdienen—3 – gegen den Kraus grundsätzlich ja nichts einzuwenden hatte. Als Beleg für diesen Vorwurf zitierte Kraus ein Inserat, das am 31. März 1900 in der Neuen Freien Presse erschienen war: „Reisegenosse gesucht, jung, nett, Christ, unabhängig. Briefe unter ‚Conträr 69‘ postlagernd Habsburgergasse.“—4

Funktion von Kontaktanzeigen

Anzeigen waren seit dem 18. Jahrhundert ein wichtiger Bestandteil der immer populärer werdenden Zeitungen, wobei besonders Kontaktanzeigen,—5 die der Vermittlung von 44

freundschaftlichen Beziehungen, Heirat oder Sex dienten, von der Obrigkeit argwöhnisch beobachtet wurden. Als einer der ersten Sexualforscher beschäftigte sich 1908 der Berliner Arzt Iwan Bloch eingehender mit der Funktion von „Zeitungsannoncen zu sexuellen Zwecken“,—6 als deren „älteste und harmloseste Form“ er die „Heiratsannonce“ bezeichnete. Verfolgen diese Annoncen „pekuniäre oder unlautere Zwecke“, gehörten sie nach Bloch zu den „Unsittlichkeitsannoncen“, die er wiederum in eine Reihe von Rubriken auffächerte, zu denen er unter anderen die „Darlehensannoncen“ zählte, bei denen die finanzielle Unterstützung im Mittelpunkt stand. Die „Bekanntschafts-, Freundschafts- und Stellungsgesuche“ unterteilte Bloch in hetero- und homosexuelle Annoncen, wobei er in den von ihm zitierten Beispielen zeigte, dass Codeworte wie „freundschaftlicher Verkehr“ eindeutig zu interpretieren waren. In „Briefwechselannoncen“ wurde „anregender“ Schriftwechsel gesucht oder geboten, „Wohnungsannoncen“ offerierten „ungenierte Zimmer“ oder „sturmfreie Buden“. „Anregender Unterricht“, durchaus auch mit „Disziplin“, war in der Bloch’schen Kategorie der „Unterrichtsannoncen“ zu finden, wobei diese oft schwer von „Annoncen zu sexuell perversen Zwecken“ mit sadomasochistischem oder fetischistischem Charakter zu unterscheiden seien.


Abb. 1.: Leo Perry, „Bekanntschaft gesucht …“ Das Zeitungsinserat als Kuppler, Wien 1927

Dass den Sittenwächtern der eindeutige Zweck solcher Kontaktanzeigen bewusst war, ist am Beispiel der von Bundeskanzler Ignaz Seipel im Jahr 1924 losgetretenen Kampagne gegen den Schriftsteller und Journalisten Hugo Bettauer zu erkennen, der in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Er und Sie unter der Rubrik „Menschen, die einander suchen“ auch Kontaktanzeigen veröffentlichte. Neben dem Vorwurf der Verbreitung „unzüchtiger Schriften“ war es vor allem jener der „Kuppelei“ durch Kontaktanzeigen,—7 mit dem die Christlichsozialen gegen Bettauer (und die Wiener Sozialdemokratie, die aufseiten Bettauers war) mobilmachten. Eine im Jahr 1927 im Wiener Verlag für Kulturforschung des umtriebigen Leo Schidrowitz—8 veröffentlichte Untersuchung versuchte, einen umfassenderen „Einblick in das Treiben jenes Liebesmarktes zu gewinnen, der täglich im Inseratenteil der großstädtischen Blätter abgehalten wird“.—9 (Abb. 1) Der Wiener Schriftsteller und Journalist Leo Perry (Pseudonym für Leo Prerovsky)—10 analysierte dafür über 200 Antworten, die er auf fingierte Kontaktanzeigen in deutschsprachigen Tageszeitungen erhalten hatte, und kam zu dem Ergebnis, dass es Männern „nur um nackte brutale Erotik zu tun“ sei, es die Frauen hingegen „vor allem auf Geld“—11 abgesehen hätten. Wie repräsentativ seine Umfrage war, ist fraglich. Nach Perrys Einschätzung zeigten sich in den 45

untersuchten Zeitungsanzeigen jedenfalls „geschickt maskiert, aber doch dem, der zwischen den Zeilen und hinter den Worten zu lesen versteht, deutlich erkennbar alle Varianten der Liebe, alle möglichen Abstufungen sexueller Begehrlichkeiten“.—12 Dieses Interesse an Kontaktanzeigen teilte der Erotikasammler Felix Batsy—13 mit Leo Perry, dessen Buch sich in Batsys Nachlass—14 erhalten hat. Der pensionierte Bezirkshauptmann von Wiener Neustadt widmete sich im Ruhestand dem Aufbau einer umfangreichen Erotikasammlung, die er testamentarisch der „Gemeinde Wien für die Städtischen Sammlungen“


Abb. 2: Annoncen aus Wiener Tageszeitungen, gesammelt von Felix Batsy, 1937

vermachte.—15 Im Jahr 1937 stellte er in einem Heft—16 Annoncen aus Wiener Tageszeitungen zusammen, die er – zwischen den Zeilen lesend – als Kontaktanzeigen mit sexuellem Inhalt interpretierte und nach für ihn relevanten Kategorien ordnete: „Modelle“, (Abb. 2) „Körperpflege“, „Massage“ oder „Individuelle“ Briefwechsel. Dazu kamen „Paaranzeigen“, „Anzeigen junger Damen“, „Erzieherinnen“ und Anzeigen von Männern, die offiziell männliche Begleiter für Ausflüge und Theaterabende suchten. Ein internationaler Korrespondenzzirkel Von August 1934 bis Mai 1935 war Felix Batsy Mitglied beim Internationalen Korrespondenzzirkel – I. K. Z.,—17 der vom 19. Bezirk aus eine Kontaktbörse betrieb. Seit den späten 1920erJahren ermöglichte es der I. K. Z. seiner eigenen Darstellung nach seinen Mitgliedern, mit Gleichgesinnten aus Wien, der Provinz oder dem Ausland „in Fühlung zu kommen“.—18 Für fünf Schilling im Monat durften Mitglieder ein „beliebig veränderbares Inserat“ aufgeben und bekamen monatlich zwei Listen mit aktuellen Inseraten zugesandt. (Abb. 3) Die Korrespondenzleitung übernahm gegen Portoersatz die Weiterleitung des Briefverkehrs über 46

Nummernchiffre. Um die Kontaktaufnahme zu erleichtern, sahen die Inserate Codes vor: „Jedes Inserat, welches das Wort: Korr. enthält, ist erotischer Natur und bedeutet […], dass erotischer Anschluss gesucht wird.“—19 Den suchte Felix Batsy aber offenbar nicht, auch wenn er sein Inserat mit der Nummer „1723“ mit dem entsprechenden Code versah: „Hübsche junge Dame, elegant und sehr anpassungsfähig sucht anregende Korr. mit Herrn (in des Wortes wahrstem Sinn).“—20 Sich als devote Sklavin ausgebend, forderte er unter dem Decknamen „Inge“ über dreißig Korrespondenzpartner auf,—21 „Inges“ sadistische Fantasien mit ihm zu teilen, wobei ihn vor allem flagellantische Erlebnisse interessierten. Wurde er eines Kontakts überdrüssig oder forderten die Herren ein Treffen mit ihrer „Lustsklavin“, brach er den Briefkontakt ohne Angabe von Gründen ab, was zum Teil zu erbosten Reaktionen führte, hatten manche Briefschreiber doch einen beträchtlichen Einsatz gegeben. So hatte ein „sensibler Herr“, der unter der Nummer „1804“—22 inserierte, in ausführlichen Briefen Batsy/„Inge“ seine „Befehle übermittelt“ und auch Auszüge aus einem sadomasochistischen Roman gesandt.

Sexueller Untergrund

Die Aktivitäten von Felix Batsy zeigen, dass es trotz der Kampagnen von konservativen Kreisen gegen „Schmutz und Schund“ auch in der Zeit des Austrofaschismus einen lebendigen sexuellen Untergrund gegeben hat. Eine weitere Verschärfung der Verfolgung sexueller Devianz erfolgte in der NS-Zeit, wovon zahlreiche Polizeiakten zeugen. So entdeckte die Gestapo Lienz im Zuge einer Postkontrolle ein Antwortschreiben auf eine Kontaktanzeige, die die Wienerin Elisabeth Langer in der Wochenschau geschaltet hatte. Bei der daraufhin


Abb. 3: Inseratenliste des Internationalen Korrespondenzzirkels, 5. Februar 1935

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veranlassten Durchsuchung der Wohnung Langers entdeckte die Wiener Kripo mehrere Briefe von interessierten Frauen, darunter auch einen von Marie Kerschbaumer. Beide Frauen wurden wegen „Unzucht wider die Natur“ zu Kerkerstrafen verurteilt.—23 Erst in den Wiederaufbaujahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Entspannung, die allerdings nur wenige Jahre währte. So erschien ab 1948 das sich an den Publikationen Hugo Bettauers orientierende Magazin Dr. Faust. Probleme des Lebens, das die erste Nummer mit dem programmatischen Titel ‚Er‘ und ‚Sie‘ versah.—24 Neben der Rubrik „Probleme des Lebens“, in der Leser_innen Auskunft zu Fragen zu ihrem Ehe- und Sexualleben erhielten, fanden sich Artikel zur sexuellen Aufklärung, die auch Themen wie Empfängnisverhütung, Onanie, Homosexualität oder Abtreibung—25 behandelten. Das Magazin enthielt auch eine Rubrik mit Kontaktanzeigen – „‚Er‘ und ‚Sie‘ suchen sich“ –, die damit beworben wurde, dass die Kontaktsuchenden unbekannt bleiben konnten,—26 weil der Briefverkehr über den Verlag organisiert wurde. Eine Möglichkeit, die besonders junge Leser_innen zwischen zwanzig und dreißig Jahren zu nutzen schienen, wenn man den Altersangaben der Kontaktsuchenden glaubt. Schon in der vierten Nummer berichtete Dr. Faust von Protesten der Katholischen Aktion, die dem Verlag nicht nur „mehr oder minder ausfällige Briefe zugehen“, sondern die Redaktion auch von einer Abordnung von „15 jungen Menschen aus gut bürgerlichen Häusern“ besetzen ließ, um die Einstellung der Zeitschrift zu erzwingen.—27 Dennoch konnten bis Oktober 1951 insgesamt siebzig Nummern des Magazins erscheinen, das immer stärker durch erotische (Akt-)Fotografien bekannter Studios – wie Foto Manassé oder jenes des Fotografen Willi Wottle—28 – aufgepeppt wurden. In den Jahren 1948 bis 1951 konnte auch noch eine Reihe anderer, meist kurzlebiger Magazine—29 mit erotischen Inhalten erscheinen, die zum Teil bereits Kontaktanzeigen mit Porträtfotografien der Liebeswerbenden veröffentlichten. Danach schlugen die zeitgenössischen Kampagnen gegen „Schmutz und Schund“ voll zu.—30 48

„Sexuelle Revolution“

Mit der „sexuellen Revolution“ und der Liberalisierung von Pornografie ab den 1970er-Jahren veränderte sich der Markt für Kontaktanzeigen schließlich radikal. Magazine wie der seit November 1970 erscheinende Nacht-Bote,—31 der sich im Untertitel Erstes Kampfblatt für Intimfreiheit in Österreich nannte, veröffentlichten nun Annoncen, bei denen man nicht mehr zwischen den Zeilen lesen musste und die vermehrt auch mit Nacktfotos der Kontaktsuchenden bebildert waren, was die Attraktivität der Anzeigen wesentlich erhöhte. Im ÖKM – Österreichisches Kontakt-Magazin umrahmten spekulative Sexgeschichten und pornografische Fotostrecken den umfangreichen Kontaktanzeigenteil. Zusehends fanden auch sexuelle Minderheiten in diesen Magazinen ihr Forum: Fetischist_innen, Sadomasochist_innen, aber auch Schwule, Lesben und Trans_Personen konnten hier Partner_innen finden. Privatanzeigenmagazine wie der Wiener Bazar hatten nun neben Kategorien für Autos oder Immobilien eine Partner_innenBörse, und selbst das Stadtmagazin Falter veröffentlicht bis heute im Kleinanzeigenteil Kontaktanzeigen, selbst wenn diese seit dem Siegeszug des Internets zusehends an Umfang und Attraktivität verloren haben. Die Zahl der Onlineportale, über die man heute Sexkontakte finden kann, ist kaum zu überblicken, wobei das Spektrum von Partnervermittlungen wie Parship oder eDarling über Seitensprungportale bis hin zu reinen Sexportalen reicht, die auch Kontakte für sexuelle Vorlieben und Orientierungen jenseits der heterosexuellen Norm bieten – wie etwa Planet Romeo für Schwule. Musste man früher oft wochenlang auf eine Rückmeldung auf eine Kontaktanzeige warten, machen Dating-Apps auf dem Smartphone Sexkontakte rund um die Uhr möglich. Loggt man sich auf Tinder, Flickr oder Grindr ein, kann man sich durch unzählige Profile klicken, sehen, wer wie weit entfernt online auf Sex wartet und welche Vorlieben die Suchenden haben. Und zwischen den Zeilen zu lesen, erspart man sich ebenfalls, denn Schamhaftigkeit ist keine Kategorie mehr, die bei Dating-Apps zum Erfolg führt.


1—Karl Kraus: o. T., in: Fackel 40 (Anfang Mai 1900), S. 16. 2—Ebd. 3—Ebd., S. 17. 4—Ebd. 5—Vgl. Viola Riemann: Kontaktanzeigen im Wandel der Zeit. Eine Inhaltsanalyse, Opladen 1999, S. 38-46. 6—Alle Zitate in der Folge: Iwan Bloch: Das Sexualleben unserer Zeit in seiner Beziehung zur modernen Kultur, 4.-6. Aufl., Berlin 1908, S. 786-790. 7—Vgl. Murray G. Hall: Der Fall Bettauer, Wien 1978, S. 48, sowie den Beitrag von Murray G. Hall in diesem Katalog. 8—Vgl. den Beitrag von Matthias Marschik in diesem Katalog. 9—Leo Perry: „Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege …“. Der Liebesmarkt des ZeitungsInserates: Eine Sammlung von Korrespondenz-Anzeigen aus Großstadtblättern und ungefähr 200 durch sie hervorgerufene Original-Antwortschreiben als Beitrag zur Sittengeschichte von Heute, Wien/Leipzig 1927, S. 5. Die zweite Auflage erschien unter dem Titel „Bekanntschaft gesucht“. Das Zeitungsinserat als Kuppler. 10—Vgl. Murray G. Hall, Gerhard Renner: Handbuch der Nachlässe und Sammlungen österreichischer Autoren (Literatur in der Geschichte, Geschichte in der Literatur, Bd. 23), 2., neu bearb. und erw. Aufl., Wien/Köln/Weimar 1995, S. 253. 11—Perry, Liebesmarkt, S. 9. 12—Perry, Liebesmarkt, S. 7.

13—Zur Biografie und Sammlung von Felix Batsy vgl. Andreas Brunner: Büchersammler und Pornograf. Zur Sammlung von Felix Batsy in den Beständen der Wienbibliothek, in: Julia Danielczyk, Sylvia MattlWurm, Christian Mertens (Hg.): Das Gedächtnis der Stadt. 150 Jahre Wienbibliothek im Rathaus, Wien/ München 2006, S. 156-170; vgl. auch den Beitrag von Andreas Brunner zu Felix Batsy und Franz Gazda in diesem Katalog. 14—Das Exemplar der Wienbibliothek mit der Signatur A-239.004 stammt aus dem Nachlass von Felix Batsy. 15—Schreiben vom 30. Mai 1979, in: Wienbibliothek, Handschriftensammlung (künftig WB, HS), MA 9 611/1979. Obwohl Batsy bereits 1952 verstarb, kam die Sammlung erst nach dem Tod seiner Frau 1979 in die Wienbibliothek. 16—Heft mit eingeklebten erotischen Kontaktanzeigen aus Zeitungen des Jahres 1937, in: WB, Sign. Secr-B 1052. 17—Die Benennung des I. K. Z. in den erhaltenen Dokumenten ist uneinheitlich; einmal heißt er Internationaler Korrespondenzzirkel, ein andermal Internationale Korrespondenzzentrale. 18—„Euer Hochwohlgeboren!“, undatiertes Einladungsschreiben des Internationalen Korrespondenzzirkels – I. K. Z., in: WB, HS, Nachlass Batsy ZHP 1368 (künftig Nachlass B), Sign. 2.1.1.9. 19—Undatierter Informationszettel des I. K. Z., in: WB, HS, Nachlass B, Sign. 2.1.1.9. 20—Internationale Korrespondenzzentrale: Inseratenliste vom 5. Februar [1935], in: WB, HS, Nachlass B, Sign. 2.1.1.9. 21—Briefe an Inge, in: WB, HS, Nachlass B, Sign.: 2.3.2.1.-2.3.2.33; Briefe von Inge, in: WB, HS, Nachlass B, Sign. 2.3.3.1.-2.3.3.16.

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22—Briefe von „1804“, in: WB, HS, Nachlass B, Sign. 2.3.2.7. 23—Brief von Marie Kerschbaumer an Elisabeth Langer, in: Wiener Stadt- und Landesarchiv, Landesgericht für Strafsachen I, Vr 768/42. 24—Dr. Faust. Probleme des Lebens 1 (1948). 25—Das Heft Dr. Faust 14 (1948) wurde als „Sondernummer § 144“ angepriesen. 26—Vgl. Inserat in Dr. Faust 7 (1948), S. 18. 27—Dr. Faust 4 (1948), S. 2. 28—Vgl. Willi Wottle: Verbotene Bilder. Erotische Fotografie in den 50er Jahren, Wien 2001. 29—Zu diesen zählten u. a. L’amour (eine Ausgabe 1949), Pin-Up (eine Ausgabe 1950) und Venus (1 (1949) – 15 (1950)). 30—Zu den „Schmutz und Schund“Kampagnen der 1950er-Jahre siehe den Beitrag von Marliese Mendel in diesem Katalog. 31—Titel und Verlagsadressen des von Peter Janisch publizierten Hefts wechselten aufgrund zahlreicher Anzeigen immer wieder, so erschien das Blatt mit wechselnden Zusätzen wie Neuer, Illustrierter, Freier oder Spannender Nachtbote. Zu Janisch und seinen Publikationen Nacht-Bote und ÖKM vgl. Josef Zorn: Die Geschichte vom ‚ÖKM‘ und sexueller Befreiung Österreichs, http://www.vice.com/alps/ read/oekm-magazin-70er-peterjanisch-geschichte-porno-gesetzeoesterreich-366 (26.7.2016).


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