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Die erkämpfte Republik 1918/19 IN FOTOGRAFIEN

Residenz Verlag

ANTON HOLZER


„Die Leute wollen alle vom Krieg nichts mehr wissen.“ Albert Lang, Arbeiter, Tagebuch, 2. Juli 1918

„Plötzlich gab es noch einen lauten Krach. Die Erde sank in die Tiefe. Wie ein ver­brannter Gummiballon. Sie war nur noch ein Häuf­chen Asche. Nur ein paar Mil­lionen Österreicher, die sich auf den Kometen­schwanz hinüber­gerettet hatten, waren vom ganzen Erdball übriggeblieben und bildeten ein neues Österreich.“ Joseph Roth, Der Neue Tag, 18. Dezember 1919


Die erkämpfte Republik 1918/19 IN FOTOGRAFIEN

Residenz Verlag

ANTON HOLZER


Vorwort 6 1918/19 —Geschichte in Bildern 8 Das Ende vor Augen 20 Der Krieg ist aus 32 Habsburgs Ende 46 Revolution in Raten 58 Hoch die Republik! 70

Augenzeugen des Umbruchs 82

Zeittafel 202

Nachkriegselend 96

Fotografen 1918/19 203

Zeit der Frauen 110

Literatur 204

Der Kampf um die Stimmen 124

Bildnachweis 206

Die Macht der Straße 142 Ohnmacht und Enttäuschung 158 Lichtblicke 172 Dunkle Jahre 190

Impressum 208


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Vorwort DER KRIEG IST AUS


19. Jahrhunderts zurückreicht, war es erst um die Jahr­hundertwende möglich geworden, das Medium für die Wochenpresse nutzbar zu machen. Davor mussten zu Illustrationszwecken Grafiken herangezogen werden. Die Umwälzungen nach dem großen Krieg waren daher unter den ersten politischen Ereignissen, die über das Medium der Fotografie erfahrbar gemacht und dadurch im kollektiven Bewusstsein konstruiert wurden. Diesem Umstand gilt das ganz besondere Interesse Holzers – der Frage nach der Konstitution des demokratischen Subjekts durch das Medium der Fotografie, frei nach dem Argument Susan Sontags in On Photography, dass die Fotografie unsere Sicht der Welt (und uns selbst) bestimmt. Es ist, besonders in unserer Zeit, eine hochaktuelle Frage. Das demokratische Subjekt scheint unter dem populistischen Druck mehr und mehr zu wanken – eine Situation, die nicht zuletzt den visuellen Regimen unserer digitalen Welt geschuldet ist. In dieser Welt haben Fotografien keinen besonderen Wahrheitsanspruch, ihre erkenntniszerstörende Manipulation ist auf jedem Smartphone möglich. Dass Fotografie ein demo­ kratisches Subjekt konstituiert hat, das im digitalen Zeitalter postdemokratisch verdrängt wird, mag eine Verkürzung sein. Aber es ist genau die Art Hypothese, die durch eine Ausstellung wie Die erkämpfte Republik angeregt wird. Und solcherart Denkansätze zu unserer seltsamen Zeit werden dringend gebraucht. Ich bin Anton Holzer sehr dankbar für die Idee und Kuratierung von Die erkämpfte Republik. Er wurde dabei vorbildlich unterstützt von Thomas Hamann (Architektur), Bueronardin (Grafik), Isabelle Exinger-Lang (Ausstellungsproduktion), Laura Tomicek (Registrarin) und Sonja Gruber (Katalogproduktion). Matti Bunzl Direktor Wien Museum

7 VORWORT

I

n der kollektiven Erinnerungskultur Österreichs stehen die Jahre 1918/19 vor allem für Verlust: Ende der Habsburger­ monarchie, Schwund geopolitischer Großmacht, Fortfall reicher Industrie­ gebiete, bevölkerungsmäßige Dezimie­ rung. „Der Rest ist Österreich“, wie es, historisch nicht belegt, bei Georges Clemenceau geheißen haben soll. Eine Katastrophe, die das Land befiel und es, enorm geschwächt, als Rumpf­ staat zurückgelassen hat. Natürlich entbehrt dieses mit nostal­ gischer Verklärung überfrachtete Narrativ nicht einer gewissen historischen Grundlage. Es verstellt jedoch unsere Sicht auf einen anderen Aspekt der Zeit: den fundamentalen Gewinn von Demokratie, ausgedrückt in der Errungenschaft des allgemei­ nen, auch für Frauen gültigen Wahlrechts. Die Errichtung der Republik war keine Selbstverständ­ lichkeit – weder war sie die automatische Folge des Zerfalls der Monarchie noch war sie unumstritten. Ganz im Gegenteil, die Demokratie musste über Monate erkämpft werden, von einer heterogenen Bewegung, die sich vor allem im öffentlichen Raum Wiens in Szene setzte. Es ist diese Bewegung und ihre foto­ grafische Inszenierung, die in Anton Holzers Aus­ stellung Die erkämpfte Republik thematisiert wird. Die Präsentation ist somit ein Korrektiv gegen die Vorstellung einer nur durch militärische Niederlage entstandenen Republik. Sie zeigt die machtvolle Selbstdarstellung einer demokratischen Gesell­ schaft, besonders auf der Ringstraße – dem Boule­ vard, der ja erst durch die Ereignisse von 1918/19 zur „Straße der Republik“ werden konnte. Die Dokumentation der Ereignisse von 1918/19 ist die eine Seite der Ausstellung und ein zentraler Beitrag des Wien Museums zum Republikjubiläum. Die andere betrifft die Rolle der Fotografie. Es handelt sich dabei nicht um eine Geschichte des Mediums im engeren Sinn, vielmehr geht es um Formen von kultureller Zirkulation, die durch technologische Innovatio­ nen möglich gemacht wurden. Denn obwohl die Erfindung der Fotografie in die erste Hälfte des


8 DER KRIEG IST AUS

1918/19 —Geschichte in Bildern


1918/19 — GESCHICHTE IN BILDERN

Die erkämpfte Republik Im historischen Nachhinein ist die Dra­ maturgie von Stefan Zweigs Tagebuch, so subjektiv und persönlich sein Duktus auch sein mag, para­ digmatisch für die größere Geschichtserzählung, die den republikanischen Neuanfang begleitete. Bald nach 1918 wurde nämlich die Gründungs­ geschichte der ersten österreichischen Republik bereits als sich zuspitzendes Drama geschildert, das auf den 12. November 1918 zusteuerte. Vor allem innerhalb der Sozialdemokratie war dieses Bild populär. In der sozialdemokratischen Fest­ schrift, die 1928 zum zehnjährigen Jubiläum der Republik herausgegeben wurde, wird die Grün­ dung der Republik, geradezu biblisch angehaucht, als „Schöpfungsgeschichte“ bezeichnet, die am 12. November endete (Abb. S. 19). „In dreiundzwan­ zig Tagen“, heißt es, „gelang dieses Werk.“8 Der 12. November 1918 ist zweifellos ein einschneidendes und wichtiges politisches Datum in der jüngeren österreichischen Geschichte. Immerhin wurde an diesem Tag ein Schlussstrich unter die jahrhundertelange habsburgische Epoche gezogen und jenes republikanische Staatswesen pro­ klamiert, das uns am Beginn des 21. Jahrhunderts ganz und gar selbstverständlich erscheint. Doch so selbstverständlich ist, wie wir sehen werden, dieser Weg zur Republik nicht. Der 12. November ist aber auch ein zutiefst symbolisches Ereignis, das die komplexe und turbulente Gründungsgeschichte der österreichischen Republik auf einen einfachen Nenner bringt. Ziel dieser Publikation ist es, den Übergang von der Monarchie zur Republik genauer zu analysieren und verständlich darzustellen. Eine der Grundthesen dieses Buchs lautet, dass die Grün­ dung und Verankerung dieser Republik keineswegs auf die kurze Vorgeschichte vor dem 12. November 1918 zu reduzieren ist. Vielmehr handelte es sich um einen monatelangen Prozess der Umgestaltung, Öffnung und Demokratisierung, der weit in das Jahr 1919 und teilweise bis in die 1920er Jahre hi­n­einreichte. Der Titel Die erkämpfte Republik signali­ siert, dass die Verwirklichung der neuen politischen Ordnung keiner zwangsläufigen Entwicklung folgte. Die Republik und die Form ihrer politischen und sozialen Ausgestaltung waren vielmehr erkämpft und auch umkämpft. Der 12. November, der oft als Endpunkt der Entwicklung hin zur Republik gesehen wird, war eigentlich erst der Ausgangs­ punkt für ein lang anhaltendes Ringen um eben­ diese Republik, das sich bis weit in das Jahr 1919 (und teilweise noch viel länger) hinziehen sollte. Realisiert wurde die neue republika­ nische Ordnung gegen zahlreiche Widerstände. Die ersten heftigen Auseinandersetzungen fan­ den – teilweise hinter den Kulissen – Ende Oktober, Anfang November 1918 statt. Die Befürworter der Republik – das waren vor allem die Sozialdemo­kra­ten, aber auch große Teile der Deutschnationalen – setzten sich schließlich gegen die Christlich­ sozialen durch. Deren wichtigste Vertreter hatten bis zum letzten Augenblick an der Monarchie

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„N

ur Fetzen faßt man aus der Zei­ tung, der Rest brennende Phanta­ sie.“ Als der Schriftsteller Stefan Zweig am 2. November 1918 diesen Satz in sein Tagebuch notierte, brach vor seinen Augen eine alte Ordnung zusammen.1 Zwei Wochen zuvor hatte er geschrieben: „Es sind unsere intensivsten Stunden: das Schicksal Europas formt sich um.“2 Und tatsächlich: Im Spätherbst 1918 über­ schlugen sich die politischen Ereignisse in weiten Teilen Europas: Monarchien zerfielen, der bedrü­ ckende, lang andauernde Krieg ging zu Ende, Kaiser wurden aus dem Amt gejagt, und aus den Trüm­ mern des Kriegs und der Kaiserreiche wurden neue Staaten geformt. Dies alles spielte sich innerhalb weniger Wochen ab. Diese dramatische Umbruchzeit erschien vielen Zeitgenossen unwirklich und schwer fassbar. Zu rasant waren die tagtäglichen Veränderungen, zu unabsehbar die längerfristigen Folgen. „In Öster­ reich“, schrieb Zweig am 27. Oktober in seinem Tagebuch, „überstürzen sich die Dinge mit namen­ loser Geschwindigkeit. Die Lawine rollt rasch: man möchte ihr zuschauen, wie sie stürzt, aber sie hält nicht inne. Es ist furchtbar, diese Eile, dieses rasende Tempo.“3 Begierig und zugleich atem- und fassungslos verfolgte er in diesen Wochen in den Zeitungen die neuesten politischen Entwicklungen.4 Aber ein verlässlicher Überblick über die sich täg­ lich verändernde Lage war schwer zu gewinnen. „Seit vierzehn Tagen keinen Strich getan, nur Zei­ tungen gefressen“, notierte er am 4. November. Und am Tag darauf: „Man jagt nach wirklichen, authentischen Nachrichten und findet keine.“ Wochenlang gab es für ihn nur ein Anliegen: zu verstehen, wohin Europa, wohin Österreich sich bewegt. In manchen Tagebucheinträgen verdichten sich die dramatischen Entwicklungen in einem einzigen Satz. Am 10. November etwa hielt er fest: „Wieder keine Zeitungen. Und es ist Revolution in Deutschland, Bayern Republik, der Kaiser verjagt, mit ihm alle Könige und Großherzöge.“5 Einen Tag zuvor war in Berlin die Republik ausgerufen worden. Und zwei Tage später wurde in Wien die deutschösterreichische Republik verkündet. Am 13. November fasste Zweig die jüngsten Ereignisse in Österreich stakkatoartig zusammen: „Der Waffenstillstand abgeschlossen, Victor Adler gestorben, der Kaiser demissioniert – früher wäre man Kopf gestanden. Jetzt ist man nur müde. Es war schon so viel vorher, und es kommt noch viel nach. Man kann einfach nicht mehr.“6 An diesem 13. November bricht das Tagebuch Stefan Zweigs ab. Man hat den Eindruck, als ob das unauf­ haltsame Crescendo der politischen Entwicklung auf einen einzigen Höhe- und Wendepunkt zuliefe. Das Tagebuch endet mit einem Eintrag über den 12. November 1918, also mit jenem politischen Ein­ schnitt, der auch als „Stunde Null“ bezeichnet wird.7 Stefan Zweig wird das Tagebuchschreiben erst viele Jahre später, 1931, wieder aufnehmen.


10 1918/19 — GESCHICHTE IN BILDERN

festgehalten. Erst als die Revolution in Deutsch­ land am 9. November 1918 Berlin erreichte und über Nacht das deutsche Kaiserhaus hinwegfegte, war die Dynamik hin zur Republik auch in Öster­ reich nicht mehr zu stoppen. Unter dem Druck der aktuellen Ereignisse waren schließlich auch die Christlichsozialen bereit, der Republik zuzustim­ men. Im Frühjahr und Frühsommer 1919 verlagerte sich – vor allem in Wien – der politische Kampf mehr und mehr auf die Frontstellung zwischen der Sozialdemokratie und der radikalen Linken, die eine Umgestaltung des Staats in Richtung einer Rätedemokratie forderte. Diese Zusammenstöße gipfelten im April und Juni 1919 in gewaltsamen Straßenkämpfen mit Toten und Verletzten. Die Republik, die am 12. November 1918 ausgerufen wurde, fiel den Österreichern also keineswegs in den Schoß. Sie wurde in zähen Ver­ handlungen und – davon berichten die fotogra­ fischen Bilder in dieser Publikation eindrucksvoll – in machtvollen Kundgebungen auf der Straße mühevoll errungen. Die erkämpfte Republik erzählt von diesem Ringen um die neue Staatsform und um die Demokratisierung des Landes. Erkämpft wurde die Republik von den demokratischen Kräften im Land, insbesondere von der Sozialdemokratie. Erkämpft wurde die Demokratie aber auch von Teilen der Bevölkerung, die in einer beispiellosen politischen Aufbruchsbewegung für einen neuen Staat auf die Straße ging. Der politische Umsturz 1918/19 verlief in Österreich insgesamt weit weniger blutig und dra­ matisch als etwa in den Nachbarländern Deutsch­ land und Ungarn. Während die dortigen Umbrüche allgemein als Revolution bezeichnet werden, ist die Verwendung dieses Begriffs im Falle Österreichs zweifelhaft und umstritten – trotz der radikalen politischen Veränderungen, die zweifellos statt­ fanden. Hans Kelsen, der Vater der österreichischen Verfassung von 1920, sprach dennoch von einer Revolution, denn es sei 1918/19 zu einem „Bruch der Rechtskontinuität“ gekommen.9 Im Fahrwasser dieser Interpretation wurde der politische Umbruch am Ende des Ersten Weltkriegs später als „juridische Revolution“ bezeichnet.10 Am häufigsten wurde innerhalb der Sozialdemokratie von einer Revolution gesprochen. Und zwar mit Stolz, denn man war sich einig, dass ohne den Beitrag der Sozialdemokratie der radikale politische Umbruch nicht in dieser Form von­ stattengegangen wäre. Aber man betonte zugleich auch den weitgehend friedlichen Charakter der Umwälzungen im November 1918.11 Karl Seitz, der sozialdemokratische Präsident der Provisorischen Nationalversammlung, rief am 12. November 1918 in seiner Rede den Massen vor dem Parlament zu: „Das ist der glorreiche Triumph dieser Revo­ lution, die unblutig vor sich gegangen ist.“12 Und Otto Bauer sprach Anfang der 1920er Jahre (als die Sozialdemokratie nicht mehr in der Regierung war) rückblickend und kämpferisch von der „österreichi­ schen Revolution“.13

Der Begriff der „Revolution“ wurde Ende 1918 und 1919 in zeitgenössischen Aufzeich­ nungen und in der Presse zwar häufig gebraucht, doch nicht selten wurde seine Tragweite im selben Atemzug abgeschwächt. Der Journalist und Schrift­ steller Joseph Roth etwa bezeichnete die „öster­ reichische Revolution“ Ende 1919, ein Jahr nach der Ausrufung der Republik, als „frühgeborenes Kind“. Und er setzte fort: Sie „stirbt zwar nicht, aber sie lebt auch nicht, sie ist ein gutes österreichisches Kind und ‚wurschtelt sich fort‘“.14 Noch deutlicher distanzierte sich der Autor Franz Blei, der im November 1918 als linker Aktivist Augenzeuge des Umbruchs gewesen war, von der „Revolution“. Ende 1918 bezeichnete er sie als „sogenannte Revolution“.15 Und in seiner autobiografischen Erzählung eines Lebens (1930) machte er sich rückblickend über das „Revolutiönchen“ lustig, das 1918 Wien erfasst habe.16 Politik und Alltag „Es gibt schon noch Leute, welche dem Kaiser nachweinen […], aber die Mehrzahl der Bevölkerung – ich ja auch – ist doch der Meinung, dass man in der Republik freier und besser leben kann.“ Diese Sätze notierte Albert Lang, der als Facharbeiter in einem großen Industriebetrieb südlich von Wien arbeitete, am 15. November in sein Tagebuch.17 Vorsichtig optimistisch, aber nicht euphorisch war seine Stimmung in den Tagen nach dem großen politischen Umbruch. Vollkommen anders war die Situation in den ersten November­ tagen 1918 naturgemäß im Wiener Kaiserhaus. „Bedrückende Stimmung“, schrieb Josef Redlich, ein hochrangiger Politiker und Jurist mit direktem Zugang zum Kaiser, am 5. November in sein Tage­ buch.18 Zwei Tage zuvor, am 3. November, hatte Österreich-Ungarn einen Waffenstillstand mit den Alliierten unterzeichnen müssen. Der Krieg war verloren. Die Monarchie war zu diesem Zeitpunkt bereits in Auflösung begriffen. Am 8. November, wenige Tage bevor der Kaiser – mit Bleistift – seine Unterschrift unter die Verzichtserklärung auf den Thron setzte, war Redlich ein letztes Mal zu Besuch beim Monarchen. „Ich fand den Kaiser gesprächig, ruhig, besser ausse­ hend als vor zehn Tagen, auch wieder ganz gescheit redend: Aber wieder hatte ich das Gefühl, daß ihm all diese Dinge nicht ans Innerste greifen, das Gefühl einer eigentümlichen Leere, Unwirklichkeit des ganzen Wesens. Nur sein ‚Sprachorgan‘, das sehr sympathisch in seinem ‚Wienerisch‘ klingt, gibt den Schein des Lebendigen und Persönlichen.“19 Im November 1918 brach für das Kaiser­ haus und die Anhänger der Monarchie eine Welt zusammen, für andere – unter ihnen war der Fach­arbeiter Albert Lang – begann eine neue, hoff­ nungsvollere Epoche in Form der Republik. Natür­ lich sind Albert Lang und der letzte österreichische Kaiser einander nie persönlich begegnet. Und dennoch treffen sie in der Ausstellung Die erkämpfte Republik und in diesem Katalog aufeinander. Es ist ein zentrales Anliegen dieser Schau, die „große


12. November 1918: Ein Foto betrachten Hunderttausende Menschen hatten sich am Nachmittag des 12. November 1918 auf der Wiener Ringstraße und vor dem Parlament versam­ melt, um die Ausrufung der Republik zu feiern.

1918/19 — GESCHICHTE IN BILDERN

Der Umsturz auf zeitgenössischen Fotografien Der Untergang der Habsburgermonar­ chie und die Gründung der ersten österreichischen Republik sind in zahlreichen Fotodokumenten fest­ gehalten, von denen viele hier zum ersten Mal veröf­ fentlicht werden.20 Schwerpunktmäßig konzentriert sich die Publikation auf Wien. Da praktisch keine privaten Fotografien aus der Umbruchszeit 1918/19 überliefert sind, konzentriert sich diese Publikation auf das Werk von professionellen Pressefotografen. Viele der Fotojournalisten hatten in den Monaten und Jahren zuvor den Krieg fotografiert. Ende 1918 kehrten sie ins zivile Leben zurück und wurden zu Bildchronisten des politischen Umbruchs. Ihre Auf­ nahmen wurden in den auflagenstarken illustrierten Wochenzeitungen des Landes, etwa dem Interessanten Blatt, den Wiener Bildern, der Wiener Illustrierten Zeitung und anderen Blättern abgedruckt und erreichten dadurch ein breites Publikum.21 Aus die­ sem Grund, und auch weil große Teile der Original­ negative und Abzüge im Lauf der Zeit verloren gegangen sind, werden auch Bilder aus zeitgenössi­ schen Zeitungen, oft eingebettet in ihr ursprüngli­ ches Layout, präsentiert. Der Umbruch 1918/19 wird hier also nicht nur aus zeithistorischer, sondern auch aus foto- und mediengeschichtlicher Perspektive beleuchtet. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht das noch relativ junge Bildmassenmedium Foto­ grafie, das erst gut zwei Jahrzehnte zuvor die illus­ trierten Zeitungen erobert hatte.22 Wenn wir die Fotodokumente aus der Zeit 1918/19 betrachten, fällt auf, dass einige Monate lang die Straße, der öffentliche Raum, zum bevorzug­ ten Ort der Politik wurde. Insbesondere die Wiener Ringstraße gehörte Anfang November 1918 und bis weit ins Jahr 1919 hinein den Massen. Die Menschen hatten nach Jahren der Unterdrückung im Krieg begonnen, das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen – auch und vor allem auf der Straße. Die Monarchie, das Militär und die Polizei hatten ihren Kredit verspielt. Die Stimmung hatte sich nun plötz­

lich gedreht, Aufbruchshoffnung und neues Selbst­ bewusstsein waren an die Stelle von Zwang und Repression getreten. Die Fotografie hat am Ende des Ersten Weltkriegs nicht nur die politischen und sozialen Umwälzungen festgehalten, sondern diese auch wesentlich mitgeformt und gestaltet. Die Herausbil­ dung einer demokratischen Öffentlichkeit etwa, die die Gründungsphase der Republik begleitete, war in hohem Maße von Bildern geprägt. In fotografischen Berichten der Illustrierten fanden etwa die beeindru­ ckenden Massenkundgebungen, die fast wöchentlich auf der Wiener Ringstraße stattfanden, ihr bild­ liches Echo. Auch die Ausrufung der Repu­blik am 12. November 1918 wurde in zahlreichen Bildern (und in zwei Filmen) dokumentiert. Die Rolle der Bilder beschränkte sich nicht nur darauf, festzu­ halten, was ist. Das Ereignis der Republikgründung wurde geradezu als Mediengroßereignis konzipiert und inszeniert.23 Um diese Bilder im historischen Nachhinein verstehen zu können, ist es nötig, sie zu kontextualisieren und damit lesbar zu machen. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das zahlenmäßig kleine, aber wichtige Werk des bedeutendsten Fotografen der österreichischen Umbruchszeit 1918/19, Richard Hauffe (1878–1933). Sein fotografisches Werk, von dem ein kleiner Teil in Form originaler Abzüge erhalten ist, wird hier zum ersten Mal als Gesamtkonvolut präsentiert. Zwar ging Hauffes fotografischer Nachlass wie jener vieler seiner Kollegen in den Wirren der Zwischenund Nachkriegszeit verloren, doch ein Konvolut hat sich im Fotoarchiv des Wien Museums erhal­ ten. Die Fotografien wurden 1928 aus Anlass des zehnjährigen Republikjubiläums vom Historischen Museum der Stadt Wien direkt beim Fotografen angekauft, aber seither nie gezeigt oder veröffent­ licht.24 Einzelne dieser Aufnahmen, darunter auch das berühmte Foto von der Ausrufung der Republik (das auf dem Umschlag dieser Publikation zu sehen ist), wurden immer wieder abgebildet, in der Regel aber ohne Hinweise auf den Urheber, dessen foto­ grafisches Werk und den Entstehungskontext. Als einer der ganz wenigen Fotografen der Umbruchszeit 1918/19 hatte Richard Hauffe erst nach dem Krieg zu fotografieren begonnen. Immer wieder und öfter als andere Fotografen rückte er das symbolische Zentrum der Republik, das Parlament, in den Blick, etwa im November 1919, als er die Feierlichkeiten nach einem Jahr Republik dokumen­ tierte (Abb. S. 16). Richard Hauffe fühlte sich, darauf lässt die – leider dürftige – biografische Quellenlage schließen, der Sache der Republik stark verbunden. Auch eine Nähe zur Sozialdemokratie ist bei ihm zu erkennen, was auch in seiner Bildauswahl und seinen Motiven zum Ausdruck kommt.25

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Politik“ und die Welt der „kleinen Leute“, ihren All­ tag, ihre Wahrnehmung, miteinander zu verschrän­ ken. Das Medium, das diese Begegnung möglich macht, ist die Fotografie. Eines fällt auf: Kaum war der Krieg zu Ende und kaum brach der k. u. k. Militär- und Propagandaapparat, der in der Kriegs­ zeit mit eiserner Hand regiert hatte, auseinander, begann ein neuer, frischer Wind zu wehen – jener der demokratischen Öffentlichkeit. Man wagte sich Ende 1918 wieder, öffentlich die eigene Meinung zu sagen, Kundgebungen zu besuchen und zu orga­ nisieren, zu demonstrieren, ohne Behinderung der Zensur und der Polizei Flugblätter zu verteilen und Zeitungen zu drucken. Und man traute sich auch, das aktuelle politische Geschehen fotografisch zu dokumentieren: etwa die zahlreichen Massen­ demonstrationen, die Rückkehr der Soldaten, die Tristesse des Alltags, aber auch die Vorbereitungen demokratischer Wahlen und die ersten Hilfsliefe­ rungen, die ins Land kamen.


12 1918/19 — GESCHICHTE IN BILDERN

Ein Fotodokument, das an diesem Tag entstanden ist, zeigt ein Meer von Menschen vor dem Parlament (Abb. S. 17). Diese immer wieder veröffentlichte Aufnahme – sie stammt von Richard Hauffe – ist zu einer Art inoffizieller Bildikone der jungen Republik geworden. Betrachten wir die Szene daher etwas genauer: Im Hintergrund ist ein Teil des Parlaments­ gebäudes zu sehen, auf dessen Rampe ein Transpa­ rent aufgespannt ist. „Hoch die sozialistische Repu­ blik!“ ist darauf zu lesen. Wie passt, so kann man fragen, dieser revolutionär anmutende Slogan zur Gründungsgeschichte einer liberalen parlamentari­ schen Demokratie? Auf den ersten Blick gar nicht. Aus diesem Grund wurden dieses Transparent und der Schriftzug „Hoch die sozialistische Republik!“ immer wieder als irritierendes, ja sogar störendes Element in der Gründungsgeschichte der Republik identifiziert.26 Der Slogan wurde mit einer Gruppe kommunistischer Kundgebungsteilnehmer aus dem Umfeld der „Roten Garde“ in Verbindung gebracht, die vor dem Parlament Aufstellung genommen hatte. Einige Aktivisten aus diesem Kreis hatten während der Feierlichkeiten vor dem Parlament die soeben gehisste neue rot-weiß-rote Staatsfahne zerrissen, um daraus eine einheitlich rote Fahne der revolutio­ nären Arbeiterbewegung zu machen.27 Genauere Recherchen zeigen aber, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hatte. Denn bei dem Transparent handelt es sich keineswegs, wie oft angenommen, um ein kommunistisches Manifest, sondern um eine Botschaft der Sozialdemokratie. Der in roten Buchstaben auf ein weißes Tuch gemalte Schriftzug war, so berichten mehrere zeitgenössische Berichte und Augenzeugen unabhängig voneinander, von einer sozialdemokratischen Arbeitergruppe aus Floridsdorf und offenbar mit Wissen der sozial­ demokratischen Parteiführung mitgeführt und aufgestellt worden.28 Der Spruch war Ende 1918 in sozialdemokratischen Kreisen weit verbreitet. Das Transparent ist also nicht, wie oft angenommen, ein Aufruf zur kommunistischen Räterepublik nach dem Vorbild der Sowjets, wie sie 1919 von der radikalen Linken auch in Österreich gefordert wurde. Vielmehr handelt es sich um ein selbstbewusstes sozialdemo­ kratisches Statement im Augenblick der Republik­ gründung. Es zeigt beispielhaft, wie 1918 innerhalb der Sozialdemokratie Verbalradikalismus und eine Politik des Machbaren Hand in Hand gingen. Der 12. November 1918 war, das wird oft zu wenig beachtet, ein Freudentag vor allem für die Sozialdemokratie. Die große Mehrheit der hunderttausende Teilnehmer zählenden Kund­ gebung vor dem Parlament und auf der Ringstraße waren Anhänger der Sozialdemokratie. Und es waren der erste Staatskanzler Karl Renner und andere sozialdemokratische Vertreter, die die orga­ nisatorischen und juristischen Fäden der Republik­ gründung zogen. Daher war es aus sozialdemokra­ tischer Sicht durchaus folgerichtig, in der Euphorie des Gründungstags von einer „sozialistischen Repu­ blik“ zu sprechen, die in den Tagen zuvor gegen große Widerstände durchgesetzt worden war.

Es gibt aber noch ein anderes Detail dieser Fotografie, das wir genauer betrachten sollten. Ganz am unteren Rand sind – wenn auch etwas unscharf – zwei Personen zu erkennen, die inmitten der Menschenmenge stehen und einen Zettel, ver­ mutlich ein aktuelles Flugblatt oder die Sonderaus­ gabe einer Zeitung, in der Hand halten. Links ist ein Soldat zu sehen, der seinen Blick auf ein Blatt Papier gesenkt hält, und rechts von ihm, etwas weiter vorn stehend, eine Frau mit weißem Kopftuch. Auch sie scheint ein Papier in der Hand zu halten. Zeitgenös­ sische Berichte sprechen davon, dass sich an diesem 12. November überaus viele Frauen an der Kund­ gebung beteiligt haben. „Unter den Demonstranten“, schrieb etwa die Neue Freie Presse am Tag nach der Veranstaltung, „befanden sich zahlreiche Frauen und Mädchen, von denen viele die rote Farbe irgendwie in der Kleidung bevorzugt hatten.“29 Männer und Frauen gingen nun, kurz nach Kriegsende und nach Jahren der Zensur und der kontrollierten und verordneten Nachrichtenpoli­ tik, erstmals wieder selbstbewusst in die Öffentlich­ keit. Und sie machten sich ihr eigenes Bild von der politischen Situation, etwa indem sie sich, wie hier, in die aktuellen Flugblätter vertieften. Fast beiläufig angedeutet ist in diesem kleinen Detail ein wichtiger Aspekt der jungen Demokratie: die Demokratisierung des öffentlichen Raums. Noch drei Wochen zuvor wären aufgrund der einge­ schränkten Versammlungsfreiheit und der strengen Zensur eine derartige Menschenansammlung und das Verteilen von demokratischen Flugblättern auf den Straßen Wiens unmöglich gewesen. Der politi­ sche Neuanfang geht also einher mit dem selbstbe­ wussten Akt der Besetzung des öffentlichen Raums. Die Straßen der Stadt wurden im wörtlichen Sinn rückerobert. Die Aneignung des öffentlichen Raums erfolgte aber auch im übertragenen Sinn. Denn die Flugblätter lesenden Menschen zeigen, wie rasch die neu gegründete Republik sich in eine öffentliche, demokratische Arena verwandelte, in der das freie Wort wieder Gewicht hatte. „Der Rest ist Österreich“ War denn das kleine, gut sechs Millio­ nen Einwohner zählende Deutschösterreich, das aus der Konkursmasse der einstigen 52 Millionen Menschen umfassenden Monarchie herausgelöst worden war, überhaupt lebensfähig? Diese Frage stellten sich Ende 1918 und im Jahr 1919 viele Zeitgenossen. Österreich sei, so heißt es in einem dem französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau zugeschriebenen Bonmot, nicht mehr als ein „Rest“ im neuen europäischen Staatengefüge. Sowohl die Sozialdemokraten als auch die Deutsch­ nationalen sahen im Anschluss an Deutschland die Lösung, freilich aus unterschiedlichen Grün­ den. Während die Deutschnationalen vor allem die Eingliederung in die deutsche „Volksgemeinschaft“ vor Augen hatten, stand für die Sozialdemokraten der Anschluss an das revolutionäre Deutschland im Vordergrund.30 Beide Lager zweifelten an der


zeigen, dass auf die hoffnungsvollen Aufbrüche 1918 düstere Jahre folgten und eine stabile parlamentari­ sche Demokratie erst nach 1945 aufgebaut wurde.

1918/19 — GESCHICHTE IN BILDERN

Im Blick der Zeitgenossen Gute zwölf Monate, von Oktober 1918 bis Ende 1919, dauerte die politisch turbulente Epo­ che, in der in Österreich, so wie in vielen anderen Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas, die poli­ tischen Weichen neu gestellt wurden. Genau dieses schmale Zeitfenster steht im Zentrum der Aus­ stellung und der vorliegenden Publikation. In einer Art visueller Nahaufnahme werden ausgewählte Aspekte dieser Umbruchszeit beleuchtet, ohne aller­ dings den Anspruch zu erheben, alles zeigen und thematisieren zu können. Berufsbedingt schenkten die Fotografen den Ereignissen auf der Straße und im öffentlichen Raum mehr Aufmerksamkeit als den der Öffentlichkeit verborgenen Winkelzügen der Diplomatie oder den – oft einschneidenden – Veränderungen, die durch Gesetze und die Verwal­ tung bewirkt wurden. So ist beispielsweise die Ende 1918 erfolgte Verwirklichung des 8-StundenArbeitstages auf keinem Foto festgehalten. Ebenso wenig sind die teils turbulenten politischen Aus­ einandersetzungen rund um die Rolle der Arbeiterund Soldatenräte bildlich dokumentiert. Neben der Politik steht die Schilderung des Alltagslebens im Mittelpunkt des Interesses: die politische Teilhabe auf der Straße, Not und Elend, aber auch die zaghaften Lichtblicke, die sich 1919 abzeichneten, etwa die anlaufenden Hilfsliefe­ rungen oder die internationalen Kindererholungs­ programme. Ende 1919 hatte sich die Republik einigermaßen stabilisiert, wichtige Entwicklungen aber standen zu diesem Zeitpunkt noch an: der Beschluss einer neuen Verfassung im Jahr 1920, die Umsetzung wichtiger Sozialgesetze, der Aufbau eines neuen Berufsheers, die Einlösung mancher Bedingungen des Friedensvertrags oder die Berei­ nigung der Grenzkonflikte in Südkärnten und im Burgenland, um nur einige Beispiele zu nennen. Die fotografische Erzählung, die eine dramatische Geschichtsepoche in ausgewählten Momentbildern zeigt, wird um Eindrücke und Wahrnehmungen von Zeitgenossen ergänzt. Neben Journalisten, Schriftstellerinnen und Politikern wie Stefan Zweig, Alfred Polgar, Joseph Roth, Egon Erwin Kisch, Rosa Mayreder oder Josef Redlich kommen bewusst auch ganz unbekannte Menschen wie etwa die Ziegelarbeiterin Marie Toth oder der bereits genannte Facharbeiter Albert Lang zu Wort, die ihre Eindrücke in Tagebüchern, Briefen oder Erinnerungen festgehalten haben. Albert Lang war, ebenso wie viele andere Zeitgenossen, erst durch Krieg und Not zum Republikaner geworden. Er wurde Anfang November 1918 hineingerissen in den Sog der Ereignisse, wurde in seinem Betrieb zum Arbeiterrat gewählt und erlebte in den fol­ genden Wochen und Monaten, wie in Österreich ein neuer republikanischer Staat das Erbe der alten monarchischen Ordnung antrat.

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wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit des kleinen Österreich. Victor Adler, bis zu seinem Tod am 11. November 1918 Parteiführer der Sozialdemokra­ ten, äußerte in einer seiner letzten großen Reden, die er am 21. Oktober vor den deutschsprachigen Abgeordneten zum Parlament hielt, große Zweifel an der eigenständigen Entwicklung des Landes. Dieses sei, so meinte er, „auf sich selbst gestellt kein entwicklungsfähiges Gebilde“.31 Und auch Karl Renner, der maßgebliche Architekt des repu­ blikanischen Österreich, sah keine eigenständige Zukunft für das Land. Im Gründungsdokument der Republik, das sehr deutlich seine Handschrift trägt, hieß es daher im Artikel 2: „Deutschösterreich ist Bestandteil der Deutschen Republik.“32 Die Startbedingungen für die Republik waren tatsächlich alles andere als günstig. Der verlorene Krieg lastete schwer auf dem Land, die Stimmung unter den Kriegsheimkehrern pendelte zwischen Niedergeschlagenheit und Revolutions­ bereitschaft, schwere Hungersnöte plagten die Städte, die Spanische Grippe, Tuberkulose und andere Krankheiten forderten auch noch nach Kriegsende viele Opfer. Das Land war im Inne­ ren politisch zerrissen: Deutschnationale und Sozialdemokraten hatten für einen Anschluss an Deutschland plädiert, die Christdemokraten hin­ gegen hatten bis zuletzt an der Monarchie festge­ halten. Außenpolitisch war Österreich als Kriegs­ verlierer dem Willen der Siegermächte ausgeliefert. Diese untersagten 1919 im Friedensvertrag von Saint Germain den Anschluss an Deutschland und trafen im Fall von Grenzkonflikten mit den Nachbarländern einschneidende und schmerz­ liche Entscheidungen. Unter anderem dekretierten sie Gebietsabtretungen (unter anderem Südtirol, Teile der Untersteiermark und Kärntens sowie der deutschsprachigen Gebiete an der tschechischen Grenze). Weitere Grenzkonflikte wurden erst spä­ ter in Volksabstimmungen geklärt (in Südkärnten im Jahr 1920, im Burgenland 1921). Das Experiment Republik gelang trotz all dieser Hypotheken – zumindest vorläufig. In den 1920er Jahren entwickelte sich die österreichische Republik zu einer lebendigen parlamentarischen Demokratie, die freilich politisch labil blieb. Die Republik stand auf keinem festen Fundament. Das lässt sich allein schon am Beispiel der Repu­ blikfeiern zeigen, die jährlich am 12. November stattfanden. Die Christlichsozialen und die Deutsch­ nationalen konnten sich für diesen 1919 einge­ führten Staatsfeiertag nie wirklich erwärmen und blieben den Feierlichkeiten schließlich ganz fern. Die parlamentarische Republik hatte also schon vor ihrer politischen Blockade im Jahr 1933, vor der Umwandlung in den autoritären „Ständestaat“ im Jahr 1934 und vor der NS-Zeit ab 1938, ihre breite, parteienübergreifende politische Verankerung ver­ loren. In einem abschließenden Bildessay wird die wechselvolle Geschichte der Republik über die Jahre 1918/19 hinaus bis zu den parlamentarischen Neuanfängen nach 1945 nachgezeichnet, um zu


14 1918/19 — GESCHICHTE IN BILDERN

„Schön langsam lässt die große Erregung nun doch schon nach“, notierte er am 8. Dezember 1918 in sein Tagebuch.33 Am selben Tag schilderte er die Sorgen des Alltags, die die politischen Umbrüche überdauert hatten. „Die Kleider, welche man jetzt zum Kaufen bekommt, bestehen ja alle nur aus Nesselfasern, Papier und Stroh, denn Leinen, Baumwolle oder schon gar Schafwolle sind seit langem schon unbekannte Artikel.“34 Diese Zeilen zeigen, wie sehr die Anfänge der Republik – vor allem in den Städten – von Hunger und Not über­ schattet waren, bis weit ins Jahr 1919 hinein und teilweise noch länger. Am 8. Mai 1919 schließlich schrieb Albert Lang lapidar in sein Tagebuch: „Mit der Esserei ist es noch nicht besser geworden.“35 Pointierter ließ sich die Lage ein halbes Jahr nach Kriegsende nicht zusammenfassen. Zur selben Zeit, im Mai 1919, entstand eine Aufnahme des ehemaligen österreichischen Kaisers (Abb. S. 18) im Schweizer Exil. Karl trägt nun einen zivilen Anzug und einen Mantel und verfügt über viel Tagesfreizeit. Das Foto stammt vom Wiener Fotografen Heinrich Schuhmann jun., der den Kaiser während des Kriegs auf Schritt und Tritt begleitet hatte. Im Mai 1919 war er in die Schweiz gereist, um das Leben des Ex-Monarchen fernab seiner öster­ reichischen Heimat zu dokumentieren. Wir sehen Karl zusammen mit seinen beiden Kindern Otto und Adelheid in der Nähe seiner Villa in Prangins am Genfer See. Beide Momentaufnahmen, jene des Kai­ sers im erzwungenen Ruhestand und jene des Arbei­ ters, der in seinem Tagebuch vom Drama des Hungers berichtet, gehören zusammen. Sie illustrieren jeweils auf eigene Weise und zusammen mit vielen anderen Dokumenten, die in diesem Buch präsentiert werden, die tiefe und folgenreiche Zäsur der Jahre 1918/19. 1—Stefan Zweig: Tagebücher, hg., mit Anmerkungen u. einer Nachbemerkung versehen v. Knut Beck, Frankf. a. M. 1984, S. 334ff. 2—Ebd., S. 330. 3—Ebd., S. 330f. 4—Da Zweig sich in dieser Zeit in der Schweiz aufhielt, hatte er Zugang zur internationalen Presse. 5—Zweig, Tagebücher, S. 337. 6—Ebd., S. 338. 7—Alfred Pfoser und Andreas Weigl haben jüngst für den politischen Einschnitt den Begriff der „Stunde Null“ geprägt, dies.: Die erste Stunde Null. Gründungsjahre der österreichischen Republik 1918–1922, Salzburg/Wien 2017. 8—Zehn Jahre Republik, Typografie von Otto Rudolf Schatz, Text von Josef Luitpold Stern, Wien 1928. 9—Hans Kelsen: Werke, Bd. 5: Veröffentlichte Schriften 1919–1920, hg. v. Matthias Jestaedt in Kooperation mit dem Hans Kelsen-Institut, Tübingen 2011, S. 639. 10—Manfred Marschalek: Karl Renners juridische Revolution, in: AZ. Tagblatt für Österreich, 26. Oktober 1979, S. 3. 11—Am 12. November 1918 wurden bei einer Schießerei vor dem Parlament zwei Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. 12—Arbeiter-Zeitung, 13. November 1918, S. 4. 13—Otto Bauer: Die österreichische Revolution, Wien 1965 (Originalausgabe: 1923).

14—Joseph Roth: Der Neue Tag, 12. November 1919, in: ders.: Werke, Bd. 1: Das journalistische Werk 1915–1923, hg. v. Klaus Westermann, Köln 1989, S. 171ff. 15—Franz Blei: Die Revolution, in: Die Rettung, H. 1, 1918, S. 10–15, hier S. 10. 16—Ders.: Erzählung eines Lebens, Wien 2004 (Erstausgabe: 1930). 17—Zit. n. Peter Eigner, Günter Müller (Hg.): Hungern – hamstern – heimkehren. Erinnerungen an die Jahre 1918 bis 1921, Wien/Köln/Weimar 2017, S. 147. 18—Schicksalsjahre Österreichs. Das politische Tagebuch Josef Redlichs, Bd. 2: 1915–1919, bearb. v.  Fritz Fellner, Graz/Köln 1954, S. 313. 19—Ebd., S. 315. 20—Die wissenschaftlichen Recherchen des Autors zur Rolle der Fotografie in der Zeit 1918/19 wurden 2017/18 im Rahmen der Projektausschreibung „Republik in Österreich – Demokratie in Wien. 100 Jahre Gegenwart, Geschichte und Zukunft“ durch ein Forschungsstipendium der Kultur­abteilung der Stadt Wien gefördert. 21—Österreichs Illustrierte Zeitung hieß seit dem 10. November 1918 Wiener Illustrierte Zeitung. 22—Zur Frühgeschichte des österreichischen Fotojournalismus siehe Anton Holzer: Rasende Reporter. Eine Kulturgeschichte des Fotojournalismus. Fotografie, Presse und Gesellschaft in Österreich 1890 bis 1945, Darmstadt 2014. 23—Vgl. dazu ausführlicher das Kapitel „Augenzeugen des Umbruchs“ in dieser Publikation. 24—Der Erwerbungsakt ist mit 13. Dezember 1928 datiert. Angekauft wurden von Richard Hauffe insgesamt 139 Bilder um 139 Schilling. Die Mehrzahl der Aufnahmen entstand Ende 1918 und im Jahr 1919. 25—Vgl. dazu das Kapitel „Augenzeugen des Umbruchs“ in dieser Publikation. 26—Diesem scheinbar irritierenden Texteinschub „Hoch die sozialistische Republik!“, der nicht nur in der Foto­grafie, sondern auch in Filmdokumenten des 12. November 1918 auftaucht, geht Siegfried Mattl in einem Aufsatz nach, ders.: Kontrast der Bewegungsformen. Die kinematografische Begleitung von Revolution und Restauration 1918/19, in: Christian Dewald (Hg.): Arbeiterkino. Linke Filmkultur der Ersten Republik, Wien 2007, S. 11–22, insbes. S. 14. 27—Zu Ablauf und Protagonisten dieser Ereignisse siehe das Kapitel „Hoch die Republik!“ in dieser Publikation. 28—Vgl. dazu die gleichlautenden Berichte in: ArbeiterZeitung, 13. November 1918, S. 3, Neue Freie Presse, 13. November 1918, S. 2, und Neuigkeits-Welt-Blatt, 13. November 1918, S. 1. In letzterem Bericht wird die Arbeiterorganisation aus Floridsdorf als „verläß­liche Seitz-Garde“ bezeichnet. 29—Neue Freie Presse, 13. November 1918, S. 2. 30—Der Anschluss an Deutschland bürge dafür, so die Arbeiter-Zeitung am 12. November 1918, „daß […] unsere Zukunft dem Sozialismus gehört“ (S. 4). 31—Stenographische Protokolle der konstituierenden Sitzung der Nationalversammlung der deutschen Abgeordneten, Wien am 21. Oktober 1918. Victor Adler verstarb am 11. November 1918. 32—Das Gesetz über die Staats- und Regierungsform von Deutsch­österreich wurde am 12. November 1918 im Parlament beschlossen. Publik wurde der Inhalt in Form einer Extraausgabe der Wiener Zeitung bereits am Tag zuvor. 33—Zit. n. Eigner, Müller, Hungern – hamstern – heimkehren, S. 151. 34—Ebd., S. 152. 35—Ebd., S. 154.


15 1918/19 — GESCHICHTE IN BILDERN

Soldaten und Zivilisten vor dem Wiener Nordbahnhof, in: Das interessante Blatt, 14. November 1918, Titelseite


16 1918/19 — GESCHICHTE IN BILDERN Ein Jahr nach dem Umbruch: Aufmarsch der Arbeiterräte vor dem Parlament, 12. November 1919, Foto: Richard Hauffe (Wien Museum)


17 1918/19 — GESCHICHTE IN BILDERN

Die Ausrufung der Republik, 12. November 1918, Foto: Richard Hauffe (Wien Museum)


18 1918/19 — GESCHICHTE IN BILDERN Ex-Kaiser Karl mit seinen Kindern Otto und Adelheid, Genfer See, Mai 1919, Foto: Heinrich Schuhmann jun. (ÖNB, Bildarchiv und Grafiksammlung, Wien)


19 1918/19 — GESCHICHTE IN BILDERN

Zehn Jahre Republik, Typografie von Otto Rudolf Schatz, Text von Josef Luitpold Stern, Wien 1928, Umschlag (Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung, Wien)


Das Ende vor Augen


Hungerproteste und Streiks Im Jänner 1918 ereignete sich die wohl schwerste Erschütterung der k. u. k. Monarchie während der gesamten Kriegszeit. Die Hunger­ proteste schwollen zu einer breiten Streikbewegung an, die das Reich nahe an den Abgrund führte. Um Haaresbreite konnte damals der endgültige Zusam­ menbruch abgewendet und um einige Monate hi­n­ ausgeschoben werden. Am Morgen des 14. Jänner waren die Arbeiter der Daimler Motorenwerke in Wiener Neustadt in den Streik getreten. Der unmittelbare Anlass für den Protest war eine kurz zuvor von der Regierung festgelegte Kürzung der Mehlrationen auf die Hälfte der vorher zur Verfü­ gung stehenden Menge. Bereits um die Mittagszeit desselben Tages folgten Tausende von Arbeitern der anderen großen Wiener Neustädter Industrie­ betriebe dem Streikaufruf. Darunter waren die Belegschaften der Siegl’schen Lokomotivfabrik, der Flugzeugfabrik, der Radiatorenwerke und der Munitionsfabrik G. Rath.12 Der Streik weitete sich rasant aus. Am 15. Jänner erfasste er weitere große Betriebe im süd­ lichen Niederösterreich, in Hirtenberg, Leobersdorf, Wöllersdorf, Ternitz, Wimpassing und Neunkirchen. Am nächsten Tag wurde auch in den Wiener Indus­ triebetrieben die Arbeit niedergelegt, und bald da­ rauf traten die Arbeiter in der Steiermark, in Ober­ österreich, Böhmen und Ungarn in den Ausstand. Am 20. Jänner erreichten die Proteste ihren Höhe­ punkt: An die 750.000 Arbeiter standen zu diesem

DAS ENDE VOR AUGEN

Revolutionäre Stimmung Die Risse im Gebälk der Monarchie zeigten sich freilich nicht erst im Sommer und Herbst 1918. Bereits Monate zuvor war die Stim­ mung in Österreich gekippt. Neben dem Hunger

hatten auch die Fernwirkungen der russischen Oktoberrevolution 1917 zu politischen Erschütte­ rungen geführt. Der Umbruch in Russland hatte ein Ende des Kriegs an der Ostfront zur Folge. Die Ideen der Revolution, etwa die Einführung des Frauenwahlrechts, des Achtstundentags, aber auch der Arbeiterräte, wurden bis nach Mitteleuropa getragen.9 Die russische Revolution war es auch, die Anfang 1918 den explosionsartig ausbrechenden Protesten innerhalb der k. u. k. Monarchie erhebli­ chen Schwung verleihen sollte.10 Nach dem Waffenstillstand, der am 15. Dezember 1917 zwischen den Mittelmächten und Sowjetrussland geschlossen worden war, wur­ den die ersten österreichischen Kriegsgefangenen aus russischen Lagern entlassen. Auf der österrei­ chischen Seite wurden sie keineswegs mit offenen Armen empfangen, vielmehr begegnete man ihnen mit Misstrauen Die Rückkehrer seien, so hieß es in der Militärführung, in den russischen Lagern subversivem und kommunistischem Gedankengut ausgesetzt gewesen, unter ihnen befänden sich auch zahlreiche Umstürzler, die die Unterwanderung der Truppenmoral im Sinn hätten. Die Heimkehrer wurden als Fremde wahrgenommen. In Fotografien wurden sie häufig als Exoten gezeigt (Abb. S. 28). Zerschlissene Uniformen, wenig Gepäck und auf dem Kopf dicke russische Mützen – so traten sie Ende 1917 vor die Kamera der österreichischen Kriegsfotografen.11

21

„D

ie Leute“, notierte der Facharbeiter Albert Lang am 2. Juli 1918 in sein Tagebuch, „wollen alle vom Krieg nichts mehr wissen.“1 Bereits Monate vor dem November 1918 war die Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung allgegenwärtig. Besonders deutlich spürbar war sie in den Städten und in den großen Industriebetrieben. Die Begeis­ terung, mit der 1914 der Krieg begrüßt worden war, war längst verflogen. Ernüchterung und Enttäu­ schung hatten sich breitgemacht. Der Schriftsteller Karl Kraus brachte die Stimmung im Mai 1918 in der Zeitschrift Die Fackel auf den Punkt: „Kriegs­ müde sein, das heißt müde sein des Mordes. Müde des Raubes, müde der Lüge, müde der Dummheit, müde des Hungers, müde der Krankheit, müde des Schmutzes, müde des Chaos.“2 Die diktatorisch agierende Militärführung hatte nicht die verspro­ chenen Siege, sondern vielmehr Tod, Hunger und Elend gebracht. Diesem Krieg, so Albert Lang, sei die Schuld „für das ganze Elend, die vielen Toten und Invaliden, vor allem aber für den Mangel an dem Nötigsten“ zu geben.3 „In den Betrieben“, so hielt Lang am selben Tag fest, „gärt es nun schon sehr stark, und ich bin der Meinung, dass es bald einmal zu einem Streik kommen wird.“4 Protestaktionen hatte es im Jahr 1918 einige gegeben. Unmittelbarer Auslöser für Streiks und Kundgebungen war fast immer die dramatische Versorgungslage, die das Hinterland und dort ins­ besondere die Städte erfasst hatte. Die Zuteilung von Lebensmitteln war nach 1916/17 zunehmend gedrosselt und streng rationiert worden, Hungersnöte waren die Folge. Zahlreiche Menschen starben an Unterernährung, viele aber auch an den sich wäh­ rend des Kriegs rasch ausbreitenden Krankheiten. Die Lungentuberkulose etwa forderte besonders viele Opfer, so war in Wien im Jahr 1918 jeder vierte Todesfall auf diese Krankheit zurückzuführen.5 Leid­ tragende waren längst nicht mehr nur die untersten sozialen Schichten, Elend und Not hatten auch die Mittelschicht erfasst. In vielen bürgerlichen Familien war gegen Kriegsende der Hunger allgegenwärtig. Der Wiener Kinderarzt Clemens Pirquet stellte fest, dass im Jahr 1918 knapp über 90 Prozent aller Wiener Schulkinder unterernährt waren.6 Am 23. Oktober notierte der Jurist und Politiker Josef Redlich in sein Tagebuch: „Gefahr der Hungersnot für Wien“.7 Auch er hatte, wie der Arbeiter Albert Lang, ein sicheres Gespür für das bevorstehende Ende der Monarchie. Am 28. September, als er die Nachricht vom Zusam­ menbruch der mazedonischen Front vernahm, hielt Redlich fest: „Ich habe die Überzeugung, daß das Ende des Krieges und unsere Niederlage nahe sind: im Volk will man den Frieden.“8


22 DAS ENDE VOR AUGEN

Zeitpunkt in der k. u. k. Monarchie im Streik – ein gewaltiger Proteststurm, der die Macht hatte, die riesige Kriegsmaschinerie des Landes gänzlich still­ zulegen; ein Hungeraufstand, der sich anschickte, zu einer politischen Revolution zu werden. Angespornt durch die Streikbewegung wagten am 1. Februar auch Matrosen der k. u. k. Kriegsmarine den Auf­ stand. Die Revolte in der Bucht von Cattaro (heute Kotor, Montenegro) wurde aber nach zwei Tagen niedergeschlagen. Je länger die Streikbewegung andauerte, desto stärker traten politische Parolen in den Vor­ dergrund: der Ruf nach sofortigem Frieden, nach Zulassung von Arbeiterräten, nach allgemeinen und freien Wahlen. In einem linken Flugblatt, das in Niederösterreich zirkulierte, hieß es: „Habt Ihr und Eure Arbeiterbrüder im Schützengraben Euer Leben für Eure Unterdrücker gewagt, dann fürchtet auch jetzt nicht die Säbel der Polizei und ihre Maschinen­ gewehre! Wählt Arbeiterräte wie in Rußland.“13 Die Regierung in Wien und der Kaiser wussten, wie dramatisch die Situation war. Am 17. Jänner telegrafierte Kaiser Karl an seinen Außenminister nach Brest-Litowsk, wo die Friedensverhandlungen mit Russland stattfanden: „Kommt der Friede nicht zustande, so ist hier die Revolution.“14 Die sozialdemokratischen Politiker, die die Proteste aufgriffen und zugleich deren politi­ sche Explosivkraft zu kanalisieren und zu dämpfen suchten, rangen der Regierung Ende Jänner 1918 ein paar Zusagen ab, unter anderem eine Verbesserung der Verpflegung, die Einführung des allgemeinen, freien und direkten Wahlrechts auf Gemeinde­ ebene sowie die Einschränkung der Militärbefug­ nisse in den Industriebetrieben. Überaus moderate Zugeständnisse, verglichen mit den dramatischen Umbrüchen, die im Herbst 1918 folgen sollten. Aber diese Versprechungen reichten vorerst, um den Zorn der Arbeitermassen zu beruhigen. Die eben gegründeten Arbeiterräte wurden umgehend in die Sozialdemokratische Partei integriert. Am 21. Jänner kehrten die ersten Arbeiter in die Betriebe zurück, und drei Tage später war der Streik endgültig zu Ende. An diesem Tag nahmen auch die Arbeiter in den Wiener Neustädter Daimler Werken ihre Arbeit wieder auf. Zwar flammten die Streiks im Frühjahr und Frühsommer 1918 immer wieder auf, doch die angeschlagene Monarchie schien wieder Tritt zu fassen. Und der Krieg ging weiter. Vor dem Zusammenbruch Die machtvollen Arbeiterproteste hatten offengelegt, wie labil die politische Lage war. Doch der rigide agierende Polizeistaat hatte die Zügel immer noch fest in der Hand. Das zeigt sich auch an der Tatsache, dass diese tagelang anhaltenden Massenproteste fast gar nicht in fotografischen Bildern dokumentiert sind.15 Zu groß war offenbar die Angst vor Repressionen. Die Zeitungen veröffentlichten nur wenige genehmigte Berichte, die Zensurbehörden und die Kriegspropaganda arbeiteten noch lückenlos. Kurz nach dem Abflauen der großen Streikbewegung

brachte das Kriegspressequartier Gegenbilder an die Öffentlichkeit: Sie zeigen den Kaiser, der Tage zuvor vor der Revolution gezittert hatte, inmitten der jubelnden Bevölkerung.16 (Abb. S. 29) Diese Bilder wurden nicht etwa in Wien oder in den niederöster­ reichischen oder steirischen Industriestädten auf­ genommen, wo der Kaiser alle Sympathien verspielt hatte, sondern in Innsbruck, wo er noch am ehesten über eine treue Stammklientel verfügte. Wenige Monate nach der fundamenta­ len Krise vom Jänner 1918 schien die Schlagkraft der Monarchie auf den ersten Blick wiederher­ gestellt zu sein. Im Juni setzte die k. u. k. Armee zu einem breit angelegten Angriff an der Italienfront an, der eine Wendung des Kriegs herbeiführen sollte. Begleitet wurde diese gewaltige Material­ schlacht von der k. u. k. Kriegspropaganda, die den lang ersehnten Sieg publizistisch verwerten sollte. Doch aus dem Sieg wurde nichts, im Gegenteil: Die österreichisch-ungarischen Angriffe wurden am oberitalienischen Fluss Piave vernichtend zurück­ geschlagen und endeten in einem Desaster. In nur neun Tagen verlor die österreichisch-ungarische Armee 142.000 Mann.17 Es war die letzte Offensive vor dem endgültigen Zusammenbruch der Monar­ chie wenige Monate später. Die österreichischen Kriegsfotografen, die den siegreichen Vormarsch dokumentieren sollten, wurden Zeugen einer dra­ matischen Niederlage. Ihre Bilder wurden von der Zensurabteilung des k. u. k. Kriegspressequartiers mit dem „Reservat“-Stempel versehen und aus dem Verkehr gezogen. Veröffentlicht wurden sie nie. Die verlorene Piaveschlacht ist daher für die öster­ reichische Öffentlichkeit bilderlos geblieben.18 Auflösungserscheinungen Mitte Juli 1918 brach in Wien die Mehl­ versorgung zusammen. Der Hunger war nun allge­ genwärtig.19 Lebensmittel waren teilweise nur mehr auf dem Schwarzmarkt (den die Polizei mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfte) oder durch sogenannte Hamsterfahrten auf das Land zu ergattern. Alles Mögliche wurde knapp, ab August 1918 wurden sogar die Messingklinken an den Wiener Türen auf amtlichen Befehl hin abmontiert, eingesammelt und durch Eisen- oder Holzklinken ersetzt.20 Protestaktionen gegen die Lebensmittelknappheit und gewaltsame Plünde­ rungen versuchte die Polizei mit eiserner Hand in den Griff zu bekommen. Noch im Oktober 1918 forderte der Wiener Polizeichef Johann Schober 10.000 Assistenz­kräfte für die Exekutive an.21 Nicht nur im Hinterland, auch an der Front war 1918 der Geist der Niederlage und des bevorstehenden Zusammenbruchs spürbar. Die Ver­ sorgung mit Lebensmitteln wurde immer schlech­ ter. „Man war nicht mehr imstande, die Truppen zu ernähren“, stellte Otto Bauer kurz nach dem Krieg fest.22 Noch vor Kriegsende kam die rigide militärische Zentralgewalt ins Wanken, Auflösungs­ erscheinungen waren die Folge. In den letzten Kriegsmonaten nahm die Verweigerung des militä­


DAS ENDE VOR AUGEN

1—Zit. n. Peter Eigner, Günter Müller (Hg.): Hungern – hamstern – heimkehren. Erinnerungen an die Jahre 1918 bis 1921, Wien/Köln/Weimar 2017, S. 137. 2—Karl Kraus: Die Fackel, Nr. 474, Mai 1918, S. 153. 3—Eigner, Müller, Hungern – hamstern – heim­kehren, S. 137. 4—Ebd. 5—Vgl. Deutschösterreichisches Jugendhilfswerk in Wien (Hg.): Wiens Kinder und Amerika. Die amerikanische Kinderhilfsaktion 1919, verfasst von Friedrich Reischl, Wien 1919, S. 45. 6—Vgl. Clemens Pirquet (Hg.): Volksgesundheit im Krieg, Bd. 1, Wien 1926, S. 158. 7—Schicksalsjahre Österreichs. Das politische Tagebuch Josef Redlichs, Bd. 2: 1915–1919, bearb. v. Fritz Fellner, Graz/Köln 1954, S. 307. 8—Ebd., S. 294. 9—Der österreichische Sozialdemokrat Otto Bauer beispielsweise kehrte im September 1917 aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück. Er war einer von vielen, die die Erfahrungen des sow­je­ tischen Umbruchs nach Österreich mitbrachten. 10—Vgl. Hannes Leidinger: Der Untergang der Habsburger­monarchie, Innsbruck/Wien 2017, S. 224. 11—Vgl. Anton Holzer: Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg, 3. Aufl., Darmstadt 2012, S. 185ff.

12—Zur Chronologie der Ereignisse siehe Hans Hautmann: Der Jännerstreik 1918 und das Entstehen der Arbeiterräte, in: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft 25 (2018) 1, S. 1–18. 13—Zit. n. Fritz Keller: Die Arbeiter- und Soldatenräte in Österreich 1918–1923. Versuch einer Analyse, Wien 1998, S. 18. 14—Zit. n. Gusztáv Gratz, Richard Schüller: Der wirtschaft­liche Zusammenbruch ÖsterreichUngarns. Die Tragödie der Erschöpfung, Wien 1930, S. 139f. 15—Aus Wien ist mir kein Foto der Ereignisse vom Jänner 1918 bekannt, von den Streiks in Wiener Neustadt gibt es wenige Bilder. 16—Vgl. Wiener Bilder, 10. Februar 1918, Titelseite. 17—Vgl. Robert Gerwarth: The Vanquished. Why the First World War failed to end, 1917–1923, London 2017, S. 54. 18—Vgl. dazu Holzer, Die andere Front, S. 89f. 19—Vgl.  Leidinger, Untergang der Habsburger­ monarchie, S. 266. 20—Vgl. Alfred Pfoser, Andreas Weigl (Hg.): Im Epizentrum des Zusammenbruchs. Wien im Ersten Weltkrieg, Wien 2013, S. 685. 21—Vgl. ebd., S. 668. 22—Otto Bauer: Die österreichische Revolution, Wien 1965 (Originalausgabe: 1923), S. 84. 23—Zit. n. Oswald Überegger: Der andere Krieg. Die Tiroler Militärgerichtsbarkeit im Ersten Weltkrieg, Innsbruck 2002, S. 244. 24—Stefan Zweig: Tagebücher, hg., mit Anmerkungen u. einer Nachbemerkung versehen v. Knut Beck, Frankf. a. M. 1984, S. 322. 25—Ebd., S. 329.

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rischen Gehorsams rasant zu. „Es vergeht beinahe kein Tag ohne Desertionen“, klagte im März 1918 das elfte k. u. k. Armeekommando.23 Die Militär­ führung antwortete darauf mit drakonischen Straf­ maßnahmen, letztlich aber vergebens – die Moral der Truppen ließ sich nicht wieder aufrichten. Als am 24. Oktober die letzte große Offensive der Alli­ ierten an der Italienfront gestartet wurde, hatte die k. u. k. Monarchie keinerlei Kräftereserven mehr. Für Stefan Zweig, der die internatio­ nalen Ereignisse aufmerksam beobachtete, war bereits im September 1918 klar, dass der Krieg für die Monarchie verloren war. Am 30. September, einen Tag nach der Kapitulation Bulgariens, schrieb er in sein Tagebuch: „Es scheint[,] daß die Capitu­ lation Österreichs nicht zu ferne ist.“24 Und zwei Wochen später fügte er hinzu: „Das Ende ist jetzt unausweichlich.“25


24 DAS ENDE VOR AUGEN Prosit Neujahr! Ein österreichischer Soldat an der Ostfront, 1917 (Österreichisches Staatsarchiv, Wien) Brotverkauf in der Thaliastraße während des Ersten Weltkriegs (Wien Museum)


25 DAS ENDE VOR AUGEN

Städtischer Erdäpfelverkauf auf dem Wiener Naschmarkt, 8. September 1917 (ÖNB, Bildarchiv und Grafiksammlung, Wien)


26 DAS ENDE VOR AUGEN Jubelnde Menschenmenge vor dem Schloss Schönbrunn, Erster Weltkrieg (Landespolizei­direktion Wien, Fotoarchiv)


27 DAS ENDE VOR AUGEN

Kaiser Karl bei einer Truppenparade in Trient, 1917/18, Foto: Hans Gemperle, vom Foto­grafen nachkoloriertes Dia (Sammlung Verderber)


28 DAS ENDE VOR AUGEN Heimkehrende österreichische Kriegsgefangene, in der Nähe des östlichen Frontgebiets, Dezember 1917, k. u. k. Kriegspressequartier (ÖNB, Bildarchiv und Grafik­sammlung, Wien)


29 DAS ENDE VOR AUGEN

Jubel für den Kaiser in Innsbruck, Foto: Brüder Schuhmann, in: Wiener Bilder, 10. Februar 1918, Titelseite


30 DAS ENDE VOR AUGEN Werkstätte zur Herstellung von Offizierskappen, 23. Juli 1918, k. u. k. Kriegspressequartier (ÖNB, Bildarchiv und Grafiksammlung, Wien)


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„Kriegsmüde sein, das heißt müde sein des Mordes. Müde des Raubes, müde der Lüge, müde der Dummheit, müde des Hungers, müde der Krankheit, müde des Schmutzes, müde des Chaos.“ Karl Kraus, Die Fackel, Mai 1918

DAS ENDE VOR AUGEN

Österreichische Verwundete an der Piavefront, Norditalien, 18. Juni 1918, k. u. k. Kriegspressequartier (ÖNB, Bildarchiv und Grafiksammlung, Wien)


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DER KRIEG IST AUS

Der Krieg ist aus


Rückkehr der Soldaten Anfang November begann der große Rückmarsch der k. u. k. Soldaten. Viele hatten den offiziellen Waffenstillstand nicht erst abgewartet, sondern hatten sich auf eigene Faust nach Hause durchgeschlagen. Von der italienischen Front, der Balkanfront und teilweise auch der Westfront strömten innerhalb weniger Wochen Hundert­ tausende Soldaten in ihre Heimatländer zurück – nach Österreich, nach Böhmen und Mähren, nach Ungarn, nach Polen und in die slawischen Gebiete. Diese enormen Verkehrsströme erfolgten im Gro­ßen und Ganzen ruhig und ohne größere Zwischen­ fälle. Nur gelegentlich kam es an den Bahnhöfen zu kleineren Zusammenstößen mit der Polizei und immer wieder zu Unfällen, vor allem infolge der heillos überfüllten Züge. Selbst auf den Dächern der vollgestopften Waggons suchten sich die Heimkehrer einen Platz, was vor allem in den Tunnels sehr gefährlich war.

DER KRIEG IST AUS

Kriegsende in Raten Der Krieg endete 1918 nicht auf einen Schlag. Bereits ein Jahr zuvor waren die Kämpfe an der Ostfront zu Ende gegangen. Am 15. Dezem­ ber 1917 war ein Waffenstillstand zwischen den Mittelmächten Deutschland und Österreich auf der einen und Russland auf der anderen Seite in Kraft getreten. Nicht die Militärs waren zur Ein­ sicht gekommen, die Kämpfe zu beenden, sondern Hunger, Not und Unzufriedenheit hatten 1917 in Russland die Menschen auf die Straße getrieben. Die massenhaften Proteste der Soldaten mündeten schließlich in zwei Revolutionswellen im Februar und im Oktober. Unter dem Ansturm des Unmuts musste der Zar abdanken, die Macht ging schließ­ lich auf die Arbeiter- und Soldatenräte über, die sich mit den Spitzen des Militärs auf zaghafte Reformen und zunächst eine Weiterführung des Kriegs einigten. Im Oktober 1917 (nach unserer

Zeitrechnung im November) übernahmen schließ­ lich die Bolschewiki die Herrschaft in Russland und drängten auf ein rasches Kriegsende. Die Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk, die im Jänner 1918 aufgenommen wurden, führten Anfang März 1918 zu einem Friedensvertrag. Am 17. Dezember 1917, kurz nach dem Ende der Kämpfe an der Ostfront, notierte die Berliner Künstlerin Käthe Kollwitz in ihr Tagebuch: „Nun ist der Waffenstillstand zwischen Rußland und Rumänien und den Mittelmächten erklärt. Anfang zum Frieden.“6 Im Osten hatten die Mittelmächte Russ­ land noch aus einer Position der Stärke heraus die Bedingungen diktiert. Im Frühjahr 1918 aber, als der Krieg an der Westfront und an der italienischen Front noch in vollem Gange war, begann sich das Blatt zuungunsten der Mittelmächte zu wenden. Die große deutsche Frühjahrsoffensive in Frank­ reich scheiterte, die Versorgungslage der Truppen verschlechterte sich im letzten Kriegsjahr drama­ tisch, der Kriegseintritt der USA im Jahr 1917 hatte die Stellung der Alliierten deutlich gestärkt. Dazu kam, dass der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, der im Jänner 1918 das Selbstbestimmungs­ recht der Völker gefordert hatte, dieses Prinzip ab Mai auch auf die k. u. k. Monarchie ausdehnte.7 Die zentrifugalen Kräfte innerhalb der Monarchie erhielten dadurch deutlichen Auftrieb. Spätestens seit dem Sommer 1918 glaubte in den Reihen der Mittelmächte kaum jemand mehr, dass der Krieg noch zu gewinnen sei. Dass das Kriegsende so schnell kam, überraschte dennoch viele. Noch am 1. Oktober hatte die Künst­ lerin Käthe Kollwitz in ihr Tagebuch geschrieben: „Man hat den Eindruck, der Krieg kann ewig dau­ ern, ohne Ende.“ Am selben Tag notierte sie aber auch: „Deutschland steht vor dem Ende. Wider­ sprechendste Gefühle.“8 Wochen später war es dann endlich so weit: Der große Krieg, der über vier Jahre gedauert hatte, war nun wirklich zu Ende.

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„B

efehl: Alle Kurse, Sturmtruppen-, Säbelchargen- und Standschützen­ kurse sind sofort abzubrechen, alle Herren Offiziere, ebenso alle Diener rücken zu ihren Regimentern ein, alles, was auf Urlaub ist, ebenfalls durch Telegraph zu verständigen.“1 So schildert der Wiener Schuhmachergehilfe Josef Hufnagl, der als Soldat an der Italienfront statio­ niert war, die hektischen Befehle zu Kriegsende. Am 3. November 1918 wurde der Waffenstillstand zwischen der k. u. k. Monarchie und Italien bzw. den Alliierten geschlossen. Damit war der Krieg für die Monarchie beendet. Die Vertreter Deutschlands unterschrieben die Waffenstillstandsvereinbarung mit den Alliierten am 11. November in einem in der Nähe der französischen Stadt Compiègne stationier­ ten Eisenbahn-Salonwagen. In dem Brief an seine Familie in Wien beschreibt Hufnagl sehr anschaulich die letzten Augenblicke des Kriegs und die ersten Momente des Friedens: „Ich höre die gebrochene Stimme des Kommandanten, ein Zittern geht durch Offiziere und Mannschaft. ‚Kameraden, wir gehen in den Frieden!‘“2 Einen Tag nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands notierte auch die Schriftstelle­ rin und Frauenrechtlerin Rosa Mayreder in Wien freudig und hoffnungsvoll in ihr Tagebuch: „Der Krieg ist aus! Wie grausam seine Folgen auch sein mögen: von allen Kriegsbeteiligten hat Österreich am meisten gewonnen. Denn das fluchwürdige alte Reich ist zerfallen.“3 Schon etliche Tage bevor die Waffen schwiegen, war aufmerksamen Beobachtern klar, dass das Kriegsende bevorstand. Bereits am 30. Oktober etwa hatte der Politiker und Jurist Josef Redlich in sein Tagebuch geschrieben: „Die Gene­ ralität löst den Staat mit derselben Dummheit und Feigheit auf, mit der sie Krieg geführt hat.“4 Und zwei Tage später ergänzte er: „Die ganze Armee an der Südwestfront ist in fluchtartigem Rückzug und voller Auflösung begriffen.“5


34 DER KRIEG IST AUS

Ein großer Teil der rückströmenden Soldaten durchquerte Wien. Die Stadt verwandelte sich im November und Dezember 1918 in einen chaotischen Durchgangsort für Soldaten, aber auch für Zivilpersonen und Flüchtlinge. Sie alle wollten nur mehr eines: nach Hause. „Es sind Bilder von packender Kraft, welche die Wiener Bahnhöfe in diesen Tagen bieten“, hieß es in der Neuen Freien Presse am 9. November 1918. „Auf dem Westbahn­ hofe rollt alle 20 bis 25 Minuten ein Zug in die Halle, bis auf die Waggondecke hinauf mit Men­ schen gefüllt. […] Seit Tagen unterwegs, starren sie alle von Ruß und Schmutz. Aus den übernächtigen Gesichtern mit dem verwilderten Bart spricht deut­ licher als jede andere Empfindung die Sehnsucht nach der Heimat.“9 Die sozialdemokratische Journalistin Lotte Pirker, die diese dramatischen Wochen als Augenzeugin erlebte, erinnerte sich später an ein­ drucksvolle Szenen auf den Wiener Bahnhöfen. „Da gab es ein buntes Durcheinander all der Völker und Typen, die das große Österreich bewohnten. Türken, Montenegriner, Bosniaken und Albaner kochten am Boden und warteten wie alle anderen tagelang auf den Weitertransport. Immer neue Menschenfracht spien die ankommenden Züge aus.“10 Während die Soldaten rasch weiterzogen und abrüsteten, zog sich die Rückkehr der ehemaligen Kriegsgefangenen viel länger hin. Die Auflösung der Kriegsgefangenen­ lager und der Rücktransport der Freigelassenen dauerten bis in das Jahr 1920 und teilweise sogar noch länger.11 Die illustrierten Zeitungen berichteten ausführlich über die Rückreisewellen der Soldaten, die überfüllten Züge und das Chaos auf den Bahn­ höfen. Sie rückten aber nicht so sehr das Elend und die Not der Zurückgekehrten in den Blickwinkel, häufiger zeigten sie idyllische Szenen glücklicher Familienvereinigungen, von denen wohl einige für die Kamera gestellt waren. (Abb. S. 39–41) Volkswehr und Rote Garde Die rückkehrenden Soldaten taumelten von einem Elend ins andere. Vielfach wurden sie nicht mit offenen Armen empfangen, sondern als lästige Konkurrenten am ohnehin angespannten Arbeits- und Wohnungsmarkt sowie als zusätzliche Esser in Zeiten des Hungers gesehen. Ende Oktober und vor allem im November 1918 war die Stimmung innerhalb der heimkehrenden Soldaten explosiv, sie waren revolutionsbereit. Die Sozialdemokratie setzte allerdings alles daran, diese Proteste unter Kontrolle zu halten und die radikalen Forderungen zu kanalisieren. Am 3. November begann der erfah­ rene Offizier und Sozialdemokrat Julius Deutsch mit dem Aufbau eines demokratisch gesinnten Heeres: der Volkswehr.12 Zwei Tage zuvor hatte die radikale Linke ebenfalls mit der Aufstellung einer militärischen Formation, der Roten Garde, begon­ nen.13 Durch geschicktes Verhandeln und kleine Zugeständnisse gelang es der sozialdemokratisch dominierten Volkswehr, die Rote Garde weitgehend in ihre Reihen zu integrieren und damit in Schach

zu halten.14 „Die Aufstellung der Volkswehr“, resü­ mierte der Sozialdemokrat Otto Bauer Anfang der 1920er Jahre, „hat das Land vor der drohenden Gefahr der Anarchie bewahrt.“15 Die wichtigste Aufgabe der Volkswehr war es, in der chaotischen Übergangsphase vom Krieg zum Frieden und von der Monarchie zur Repu­ blik für Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Sie war aber auch als ein machtvolles demokratisches Gegen­ stück zur immer noch existierenden alten, obrig­ keitsstaatlichen und habsburgtreuen k. u. k. Offiziers­ garde gedacht, die als Hindernis auf dem Weg zu einer demokratischen Republik gesehen wurde. Und schließlich war die Volkswehr ein Druckmittel in der politischen Auseinandersetzung mit den bürger­ lichen Parteien, insbesondere den Christlichsozialen, die der Republik bis zuletzt skeptisch gegenüber­ standen.16 Anders als in Deutschland, wo die Sozial­ demokratie ein Bündnis mit der alten Reichswehr und später auch mit den rechten Freikorps einging, zog die österreichische Sozialdemokratie in der mili­ tärischen Organisation eine klare Trennlinie zum alten Regime. Diese Entscheidung hat nicht unwe­ sentlich dazu beigetragen, einen lang anhaltenden Bürgerkrieg, wie er Ende 1918 und im Jahr 1919 in Teilen Deutschlands stattfand, zu vermeiden. Und zwar dadurch, dass das reformatorische Programm der Sozialdemokratie gegen die politischen Heraus­ forderungen der radikalen Linken geschützt wurde – wenn nötig mit Waffengewalt. 1—Ein Volk klagt an! Fünfzig Briefe über den Krieg, Wien/Leipzig 1931, S. 60. 2—Ebd. 3—Rosa Mayreder: Tagebücher 1873–1937, hg. u. eingeleitet v. Harriet Anderson, Frankf. a. M. 1988, S. 184. 4—Schicksalsjahre Österreichs. Das politische Tagebuch Josef Redlichs, Bd. 2: 1915–1919, bearb. v. Fritz Fellner, Graz/Köln 1954, S. 310. 5—Ebd., S. 312. 6—Käthe Kollwitz: Die Tagebücher, hg. v. Jutta Bohnke-Kollwitz, Berlin 1989, S. 345. 7—Vgl. Hannes Leidinger: Der Untergang der Habsburger­monarchie, Innsbruck/Wien 2017, S. 259. 8—Kollwitz, Tagebücher, S. 375. 9—Neue Freie Presse, 9. November 1918, S. 7. 10—Zit. n. Peter Eigner, Günter Müller (Hg.): Hungern – hamstern – heimkehren. Erinnerungen an die Jahre 1918 bis 1921, Wien/Köln/Weimar 2017, S. 95. 11—Am 5. Juli 1920 einigten sich Russland, die Ukraine und Deutschösterreich auf die Rückführung der Kriegsgefangenen. 12—Alfred Pfoser, Andreas Weigl: Die erste Stunde Null. Gründungsjahre der österreichischen Republik 1918–1922, Salzburg/Wien 2017, S. 151. 13—Vgl. Hans Hautmann: Die verlorene Räterepublik am Beispiel der Kommunistischen Partei Deutsch­ österreichs, Wien 1971, S. 175ff. 14—Die Volkswehrführung überließ beispielsweise die Wiener Stiftskaserne als Rekrutierungsort der Roten Garde. Insbesondere das Volkswehrbataillon 41 stand unter deren Kontrolle. Allerdings blieben die linksradikalen Kräfte in den Führungsebenen der Volkswehr ebenso wie bei den Wahlen der Arbeiter- und Soldatenräte deutlich in der Minderheit. 15—Otto Bauer: Die österreichische Revolution, Wien 1965 (Originalausgabe: 1923), S. 113. 16—Vgl. Pfoser, Weigl: Die erste Stunde Null, S. 150ff.


35 DER KRIEG IST AUS

Rückkehr österreichischer Soldaten, Bozen, 6. November 1918 (Museo Storico Italiano della Guerra, Rovereto)


36 DER KRIEG IST AUS Ankunft von Soldaten am Wiener SĂźdbahnhof, in: Das interessante Blatt, 21. November 1918, S. 9 Kriegsheimkehrer auf dem Zugdach, in: Wiener Illustrierte Zeitung, 20. Dezember 1918, S. 216


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„Der Krieg ist aus! Wie grausam seine Folgen auch sein mögen: von allen Kriegsbeteiligten hat Österreich am meisten gewonnen. Denn das fluchwürdige alte Reich ist zerfallen.“ Rosa Mayreder, Tagebuch, 4. November 1918

DER KRIEG IST AUS

„Auf dem Westbahnhofe rollt alle 20 bis 25 Minuten ein Zug in die Halle, bis auf die Waggondecke hinauf mit Menschen gefüllt. […] Seit Tagen unterwegs, starren sie alle von Ruß und Schmutz. Aus den übernächtigen Gesichtern mit dem verwilderten Bart spricht deutlicher als jede andere Empfindung die Sehnsucht nach der Heimat.“ Neue Freie Presse, 9. November 1918


38 DER KRIEG IST AUS Soldaten und Zivilisten vor dem Nordbahnhof in Wien, in: Das interessante Blatt, 14. November 1918, Titelseite Freudiger Empfang von öster­reichischen Kriegs­gefangenen, die aus Italien zurückkehren, 20. Juni 1919, Foto: Richard Hauffe (Wien Museum)


39 DER KRIEG IST AUS

Wiedersehen, in: Das interessante Blatt, 26. Februar 1919, S. 8


40 DER KRIEG IST AUS Ein Heimkehrer trifft Frau und Kind, in: Das interessante Blatt, 5. November 1918, S. 9


41 DER KRIEG IST AUS

Weihnachten 1918, in: Das interessante Blatt, 26. Dezember 1918, Titelseite


42 DER KRIEG IST AUS Ehemalige Soldaten warten im Hof der Wiener Stiftskaserne auf die Auszahlung der „Heim­kehrer­gebühren“, Foto: Richard Hauffe, in: Das interessante Blatt, 20. März 1919, S. 2 Auszahlung der „Heimkehrer­gebühren“ in der Wiener Stifts­kaserne, März 1919, Foto: Richard Hauffe (Wien Museum)


43 DER KRIEG IST AUS

Anwerbung von ehemaligen Soldaten fĂźr die republikanische Volkswehr, Rossauer Kaserne, Foto: Carl Seebald, in: Das interessante Blatt, 21. November 1918, S. 6


44 DER KRIEG IST AUS Mitglieder der Roten Garde vor dem Eingang der Wiener Stiftskaserne, in: Das interessante Blatt, 28. November 1918, S. 6


45 DER KRIEG IST AUS

Russische Kriegsgefangene vor dem Wiener Ostbahnhof, in: Das interessante Blatt, 21. November 1918, S. 7 Österreichische Heimkehrer aus der russischen Kriegs­gefangenschaft auf der Durchreise in Berlin, in: Wiener Bilder, 24. Oktober 1920, Titelseite


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