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Stephan Pumberger

DIE GESCHICHTE DES HAGENBUNDES 1900–1938 Die Zeit in Wien um 1900 war künstlerisch vor allem durch den Gegensatz zwischen dem konservativen Künstlerhaus und der jungen, dem Wiener Jugendstil zugewandten Secession rund um deren ersten Präsidenten Gustav Klimt geprägt. Im Schatten dieses Spannungsfeldes etablierte sich jedoch auch eine dritte Künstlervereinigung, die insbesondere in der Zwischenkriegszeit als progressivste und wichtigste österreichische Künstlervereinigung auf sich aufmerksam machte: der Hagenbund. Bereits ab 1880 trafen sich Künstler in der „Hagengesellschaft“, deren Name auf den Inhaber eines Wirtshauses in der Wiener Gumpendorfer Straße zurückging und die allerdings noch im Künstlerhaus integriert war.1 Auch die ersten Ausstellungen, etwa die „I. Studien- und Skizzenausstellung“ 1899, wurden im Rahmen des Künstlerhauses veranstaltet. Im Jahr 1900 wurde schließlich der „Künstlerbund Hagen“ als selbstständiger Club innerhalb des Künstlerhauses gegründet.2 Das war an sich nichts Ungewöhnliches und bot für die Künstler der neuen Vereinigung auch die Möglichkeit, auf die Ausstellungsräumlichkeiten des Künstlerhauses zurückzugreifen. Die guten Beziehungen zwischen Künstlerhaus und dem jungen Hagenbund waren jedoch nur von kurzer Dauer. Rasch wurden Spannungen spürbar, die vor allem mit Joseph Urban zu tun hatten. Urban, der Gründungsmitglied und treibende Kraft im Hagenbund war, hatte bei der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900 seine eigenen Werke perfekt platziert, während er Werke von anderen Mitgliedern des Künstlerhauses „in ganz unmöglicher Höhe“ gehängt hatte.3 Urban trat schließlich im November 1900 aus dem Künstlerhaus aus, zwei Tage später folgten ihm die restlichen Hagenbundmitglieder. Ab nun war der Hagenbund eine auch formal eigenständige Künstlervereinigung. Da man nun aber ohne eigenes Ausstellungshaus dastand, wich man kurzerhand in die Wiener Galerie Miethke aus, was aber kein Dauerzustand sein konnte. Als die Secessionisten vier Jahre zuvor dem Künstlerhaus den Rücken gekehrt hatten, war die Stadt Wien noch als großer Förderer der neuen Kunst aufgetreten und hatte den Baugrund für das darauf von Joseph Maria Olbrich errichtete Secessionsgebäude kostenlos zur Verfügung gestellt. Für den Hagenbund stellte man nur ein Drittel der Markthalle in der Zedlitzgasse bereit, und selbst dafür mussten 2.000 Kronen an jährlicher Miete bezahlt werden.4 Die Zedlitzhalle war eine in Leichtbauweise mit Eisen- und Glaskonstruktion im Jahr 1874 errichtete Detailmarkthalle, die auf einer Fläche von über 2.000 Quadratmetern über 200 Ständen Platz bot.5 Für den Ausstellungsbetrieb musste das Gebäude natürlich adaptiert werden. Joseph Urban plante den Umbau, für den er mehrere Studien vorlegte.6 Urban sah einen Kopfbau vor, dessen Fassade mit Zementplatten verkleidet wurde. Franz Servaes schrieb dazu: „Sie macht mit ihren vier Pylonen, welche die geschwungene Fachlinie durchbrechen, mit den kokett eingerahmten Fenstern und mit dem von einem farbigen Bogenrelief überwölbten dunklen Holzthor einen echt wienerisch modernen Eindruck, heiter, festlich, gemüthlich und ein bissel verrückt. […] Man muss sie gesehen haben und sei’s auch nur, um darüber losziehen zu können.“7 Als Trennung zur eigentlichen Markthalle, in der der Marktbetrieb insbesondere als Fischmarkt während der gesamten Ausstellungsdauer fortgesetzt wurde, wurde eine Wand eingezogen. Von der Vorhalle gelangte man links in die Büros der Geschäftsleitung und rechts zur Garderobe und Kassa.8 Der rechteckige Ausstellungsraum maß 20 x 27 Meter und konnte durch leichte Holzwände in kleinere Räume unterteilt werden.9 Der Umbau kostete 180.000 Kronen und wurde durch das k. k. Ministeriums für Cultus und Unterricht, die Niederösterreichische Landesregierung und schließlich die Stadt Wien bewerkstelligt. Freiherr von Drasche, der Eigentümer der Wienerberger Ziegelwerke, unterstützte den Umbau ebenfalls großzügig.10 Nachdem die junge Künstlergemeinschaft eine eigene Bleibe gefunden hatte, stellten sich rasch Erfolge ein. Vor allem durch die Katalogcover wurde zudem eine sehr eigenständige visuelle Repräsentation erzeugt.11 Zu den großen Erfolgen der ersten Zeit trug bereits eine sehr starke internationale Vernetzung bei, die für den Hagenbund prägend bleiben sollte. 1906 etwa besuchten über 30.000 Menschen die Gedächtnisausstellung für Constantin Meunier.12 Zudem traten immer neue Mitglieder bei, etwa der halbe „Jungbund“ rund um Michael Powolny und Oskar Laske. Der Hagenbund war auch maßgeblich am Kaiser-Huldigungsfestzug 1908 beteiligt.13 Dem großen Anklang und steigenden Ansehen stand jedoch eine sehr schwierige finanzielle Situation gegenüber. Bereits 1906 konnten einige Rechnungen nicht mehr gezahlt werden, wenig später kam es auch zu Pfändungen.14

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Wien Museum, Hagenbund und seine Künstler  

Leseprobe „Peter Chrastek, Hagenbund und seine Künstler", Farb- und Schwarzweißabbildungen, gebundene Ausgabe, 344 Seiten, erschienen im Eig...

Wien Museum, Hagenbund und seine Künstler  

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