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ernst strouhal 路 Manfred Zollinger 路 Brigitte Felderer [Hrsg.]

Wien MuseuM

spiele der stadt Gl眉ck, GeWinn und ZeitvertreiB


Spiele der Stadt


Katalog zur 384. Sonderausstellung des Wien Museums

Edition Angewandte

25. 10. 2012 bis 2. 4. 2013

Buchreihe der Universit채t f체r angewandte Kunst Wien Herausgegeben von Gerald Bast, Rektor Passagen des Spiels IV

Wien Museum


Ernst Strouhal 路 Manfred Zollinger 路 Brigitte Felderer [Hrsg.]

Spiele der Stadt Gl眉ck, Gewinn und Zeitvertreib


Spiele der Stadt – Glück, Gewinn und Zeitvertreib 384. Sonderausstellung des Wien Museums Wien Museum Karlsplatz 25. Oktober 2012 bis 2. April 2013

AUSSTELLUN G

AUSSTELLUN G

K ATA L O G

I d ee

A usstellungs P r o d ukti o n

H erausgeber

Ernst Strouhal

Bärbl Schrems

Ernst Strouhal Manfred Zollinger Brigitte Felderer

K o n z ept un d V o rbereitung

R egistrar

Ernst Strouhal Ulrich Schädler Manfred Zollinger

Andrea Glatz Laura Tomicek

K urat o r I s c hes T eam

Letizia Fischer Nora Gasser Ines Gollner Judith Kern Regula Künzli Karin Maierhofer Alexandra Moser

( T e x te un d Objekte ) R estaurierung

Brigitte Felderer Ernst Strouhal Manfred Zollinger Michaela Lindinger / Wien Museum A ssisten z

Liddy Scheffknecht

Planet Architects (Gerhard Abel, Stefanie Amtmann)

winter artservice Werkstätten des Wien Museums

A usstellungsgrafik

cat-x K o n z ept un d Organisati o n

K ü nstleris c he B eitr ä ge

B egleitpr o gramm

Patrick Baumüller Sofie Thorsen Miriam Scheffknecht

Christine Koblitz Wolfgang Kos Ernst Strouhal Isabel Termini

M e d ien G estaltung

L ekt o rat

Fanny Esterházy G rafis c he G estaltung

Haller & Haller

faksimile digital katsey U ms c hlagbil d

M e d ien T e c hnik

Haller & Haller

Michaela Lindinger

Fotos A ufbau

A usstellungsar c hitektur

R e d akti o n A usstellung

7.8, Franz Weigl: Wie Wann Wo (Ausschnitt), Wien, um 1960 Privatarchiv Andreas Weigl, Wien V o rsat z

1.57, Neuestes Dominospiel, um 1800 Wien Museum N a c hsat z

11.3, Gezinkte Spielkarten, 1895 und 1950 Hans Gross Kriminalmuseum, Universitätsmuseen der Karl-Franzens-Universität Graz S c hrift

Christof Cargnelli Sabine Jelinek/Lukas Schaller Samuel Käppeli, film pla.net

Futura Medium Warnock Pro light

Überset z ung

Hello Fat matt 1,1, 150g

P apier

Nick Somers

Dru c k

Grasl FairPrint Gedruckt auf säurefreiem, chlorfrei gebleichtem Papier – TCF Copyright © 2012 by Wien Museum und Springer-Verlag/Wien

Hauptsponsor des Wien Museums

Eine Ausstellung in Kooperation mit der Universität für angewandte Kunst Wien

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdruckes, der Entnahme von Abbildungen, der Funksendung, der Wiedergabe auf photomechanischem oder ähnlichem Wege und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Buch berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichenund Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. © 2012 Springer-Verlag/Wien Printed in Austria SpringerWienNewYork ist ein Unternehmen von Springer Science + Business Media springer.at SPIN: 86164222 Mit 589 großteils farbigen Abbildungen *Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek* Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISSN 1866-248X ISBN 978-3-7091-1436-0 Museumsausgabe ISSN 1866-248X ISBN 978-3-7091-1229-8 Buchhandelsausgabe springer.at


Inhalt

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Vorworte Teil 1: Essays

16

Ernst Strouhal, Brigitte Felderer, Manfred Zollinger Die Stadt im Spiel Einleitung

22

Robert Pfaller Rhetorik der Stadt Das Spiel und die Tugenden der Urbanität

36

Im Salon Probierstein der bürgerlichen Welt (Aus dem „Neuesten allgemeinen Spielbuch“) 36 | Ein gutes Spiel („Die Kunst, die Welt erlaubt mitzunehmen“) 38 | Vom Bureau in den Spielsalon (Adalbert Stifter) 39 | „In der Schule des Pegasus …“ Samstagabend um 1825 (Rosa Mayreder) 40 | „Wir spielen immer …“ Besuch bei Arthur Schnitzler 42

44

Ulrich Schädler Vertreibung aus dem Paradies? Über das Tempelhupfen

52

Ernst Strouhal „Wingerl, Wangerl, Wuperzu …“ Vom Klang der Spiele – Ein Ohrenzeugenbericht

58

Brigitte Felderer Bildchronist des Spiels Spiel und Stadt in den Fotoreportagen von Rudolf Spiegel (1896–1982)

64

Manfred Zollinger „das spil solle verbotten werden“ Glücksspielverbote in Wien vom Mittelalter bis zur Gegenwart „Wo ist da die Raison?“ (Johann Nestroy) 72

74

Manfred Zollinger Verortungen des Lottospiels Der Traum vom materiellen Glück in der urbanen Lebenswelt Wiens

90

Gilbert Norden Tennis-Topografie Adeliges und bürgerliches Spiel im Wien des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts Wien im „Ping-Pong-Fieber“. Ein Salonspiel zu Beginn des 20. Jahrhunderts 98

100

110

Wolfgang Mayr, Robert Sedlaczek Caveles? – Café Abeles! Wie ein Kaffeehaus am Wiener Salzgries zu einem Tarockbegriff wurde Im Café Im Neuner’schen Kaffeehaus 110 | Vom Wert des Billard 113 | „Die Emmy spielt Rummy ...“ 114 | Ein unentbehrlicher Kiebitz (Joseph Roth) 116 | „… neuerlich ein Doppel-Liter, neuerlich ein Hunderter“ (Heimito von Doderer) 117 | „… so zu verlieren ist fast so lustvoll, nein, ist lustvoller als zu gewinnen!“ (Jura Soyfer) 118 | Im Hinterzimmer. Der Stoß und seine Regeln 121


122

Michael Ehn Politische Partien Aufstieg und Fall des Wiener Schachcafés Sophie Schetts Probleme 133 | Wiener Schachtopografie 134

136

Ernst Strouhal Spiel und Propaganda Antisemitismus, Krieg und Ideologie in Gesellschaftsspielen 1900 bis 1945

146

Wolfgang Maderthaner „Das Ringen um eine höhere Menschlichkeit …“ Massenspiele und Masseninszenierungen im Roten Wien

154

Ernst Strouhal, Maria-Theresia Strouhal „Jedes Spiel muSS mit Absicht eingerichtet sein …“ Spielraum Schule – Kleiner Streifzug durch die ludische Pädagogik Im Kindergarten (Stephanie Friedrich) 167

168

Brigitte Felderer, Ernst Strouhal, Manfred Zollinger „Alle Rechte vorbehalten!“ Wiener Spieleerfinder: Schönberg, Singer/Dicker, Weigl

178

Andreas Tönnesmann Monopoly Spiel und Stadtutopie

192

Elke Krasny Wie es geht? Verteilungsspiele der Stadt

196

202

214

224

232

236

Auf der StraSSe Anmäuern und Einipaschen (Alfons Petzold) 196 | Tanzen auf zerrissenen Sohlen (Bertha Pappenheim) 198 | Klassenverhältnisse (Alfons Petzold) 200 | „...nur vom Zusehen“ (Adelheid Popp) 201 Cordula Loidl-Reisch Im Freien Von Spielorten, Spielplätzen und der bespielbaren Stadt Sofern wir einen Ball hatten Spiele in der Kindheit Andrea Maria Dusl Kraft frei! Die starken Männer in den Wiener Wirtshäusern Praterpartie gegen Gürtelpartie Erinnerungen an das Stoßspiel in der Wiener Unterwelt Ingo Fiedler Das Spiel mit der Sucht Anmerkungen zum pathologischen Markt des Glücksspiels Aleatorische Menschen. Spiele Leben – Spielen ist Scheiße 244

246

S p ie l e de r S t a d t | I n h a l t

Benjamin Sterbenz Kleine Fluchten Spielen im Gefängnis

6


250

Teil 2: Ausstellung · Texte und Objekte Intro Spielgeräusche aus der „Sammlung Lausch“, Klang-Installation

253

Gesellschaftsspiele Die Vertreibung der Langeweile Spielsache, Spielzeug, Spielware 256 | „Genussreiche Bildung“ 262 | Das Spiel der Geschlechter 279 | Glücksspiel in der Bürgerstube 287 | Hammer und Glocke. Ein vergessenes Spiel 290

297

Billard Vom Palais ins Café Spiel wird Sport 304 | „Billardärinnen“ 308

311

Kartenspiele Mit Glück und Verstand L’Hombre, Whist und Schnapsen 315 | In der Tarockei 322 | Karten als Bilder 325

333

Schach Wien hatte Weltgeltung Aufstieg 334 | „Goldene Schachzeiten“ 337 | Politische Partien 344

351

Lotto Der Traum vom Glück Lottokollekturen 353 | Traumdeutung und Planetenbuben 356 | Lotterieschwestern 359 | Familienlottos 360

363

Die Stadt als Spiel Haus für Haus, von Feld zu Feld Die Stadt wird ausgespielt 364 | Häuser- und Güterlotterien in Wien 368 | Stadtbaukästen 370 | Spielraum Wien 376 | Monopoly auf Österreichisch 381

383

Erfinder und Produzenten Wiener Spiele am Weltmarkt Der Spieleerfinder Franz Weigl 384 | Ferd. Piatnik & Söhne 386 | Johann Korbulys „Matador“ 386

389

DrauSSen Gasse, Gstettn, Kinderpark Spiel-Territorien 391 | Kunst mit Gebrauchswert 394

399

Spiel und Reformpädagogik Neue Menschen, Neue Spiele Die „Spielgaben“ Friedrich Fröbels 400 | Die Jugendkunstklasse von Franz Cizek 404 | Kindergarten Goethehof 405 | Die Entwicklungsmaterialien von Maria Montessori 407 | „Phantasius“ von Friedl Dicker und Franz Singer 410

415

PropagandaSpielE Aufrüstung im Wohnzimmer Kaiser und Krieg 420 | Spiele der NS-Zeit 424

431

Verbrechen und Spiel Gezinkte Karten, falsche Würfel „Wo der Stoß rennt“ 437

439

Spiel ohne Chance Automaten- und Wettcafés

445

Das Bummerl

446

Autorinnen und Autoren

448

Leihgeber | Danksagung

450

Bildnachweis

7

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Natürlich wird auch in Dorfwirtshäusern gespielt. Die Stadt ist aber ein ganz spezielles Soziotop, wenn es um das Spielen geht. Denn urbanes Leben bedeutet permanente Veränderung, Vermischung, Offenheit für Moden und schneller Wechsel von Lebensstilen und Freizeitgewohnheiten. Und Spiele sind nicht statisch, sondern immer in Bewegung. Sie sind Nomaden, wie die Spielforscher sagen. Sie verbreiten sich schnell, werden transformiert und oft wieder vergessen, sie verändern ihre Regeln und ihre Milieus. Die Stadtgesellschaft bietet für das Spiel unterschiedliche soziale Räume: private, halböffentliche, öffentliche, geheime. Die Ausstellung erzählt eine Kulturgeschichte der Gesellschaftsspiele im weiten Sinn am Beispiel des sich ausdifferenzierenden Großstadtlebens des 19. und 20. Jahrhunderts. Wien bietet dafür faszinierendes Anschauungsmaterial. Zumindest einige materielle Spuren einstiger Spielkulturen haben sich in den alltagsgeschichtlichen Sammlungen erhalten, auch in jener des Wien Museums. Spielkarten, Brettspiele, Baukästen oder Bilder von Spielenden waren immer wieder in Ausstellungen zu sehen, ob zu Themen wie Kindheit, Lotto oder zur detailverliebten Gebrauchsgrafik des Biedermeier, als auf Grundlage der neuen lithografischen Technik die industrielle Herstellung von Spielen be-

Vorwort

gann. Damals hatten Spiele Namen wie „Grosses Zauber-Quodlibet“ oder „Neuestes Wiener Thurmkraxler-Spiel“. Bei dieser Ausstellung handelt es sich, vermutlich erstmals, um eine Zusammenschau von ganz unterschiedlichen Phänomenen im Spannungsfeld von Spiel und Stadt. Wer spielt welche Spiele? Wer darf mitspielen, wer nicht? Welche Rolle spielen dabei Rituale? Wie verändern sich die Regeln? Welche Folgen hat der Wandel der Freiräume und die Reglementierung des öffentlichen Raums für die Spiele der Kinder? Spiele sind eine faszinierende Querschnittsmaterie, über die sich viele Zusammenhänge erschließen lassen. Für das Medium Ausstellung, für das eine stringente Themenspur entwickelt werden muss, ist das eine enorme Herausforderung. Einerseits darf man sich, zur Freude des Publikums, durchaus in Details verlieren. Andererseits soll Prinzipielles herausgearbeitet werden. Das Ausstellungsteam entschied sich für eine topografische Erkundung, entlang typischer Orte des Spiels: aristokratischer Salon und bürgerliche Wohnung, Café und Gasthaus, Straßenraum und Spielplatz, aber auch Lottokollektur, Schule, Hinterzimmer oder Automatenhalle. Deutlich werden dabei soziale Differenzen: Im Kaffeehaus werden andere Spiele gespielt als im Wirtshaus. In Ersterem ist räumlich und ökonomisch Platz für Billardtische, Schnapsen kann man aber selbst auf kleinstem Raum. Die Idee zur Ausstellung wurde von Ernst Strouhal, Kulturwissenschaftler, Professor an der Universität für angewandte Kunst und Schachexperte, an das Wien Museum herangetragen, im Zusammenhang mit dem vierten Band der wissenschaftlichen Reihe „Passagen des Spiels“. Dieser liegt nun in Doppelidentität vor: einerseits Plattform für Fachaufsätze und luzide Essays, zugleich aber Ausstellungskatalog des Wien Museums, in dem die Kapitel der Ausstellung ebenso wie alle Objekte inklusive Kommentierung dokumentiert sind. Ich danke Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien, dass es zu dieser im Kultur-und Wissenschaftsbetrieb keineswegs selbstverständlichen Kooperation kommen konnte.

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„Ziegelböhm“ beim Kartenspiel im Böhmischen Prater, 1962 Fotografie von Franz Hubmann

Kartenspielerinnen im Wirtshaus, um 1956 Fotografie von Franz Hubmann

Imagno

Imagno

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Das in vielen Schritten verfeinerte Konzept hat Ernst Strouhal im Trio mit erfahrenen Spielforschern entwickelt, mit dem Wiener Sozialhistoriker Manfred Zollinger und dem Direktor des Schweizer Spielmuseums Ulrich Schädler. Alle drei haben wesentliche Bücher zu Aspekten der Spielgeschichte verfasst. Damit bildete geballtes Fachwissen, das kein Museum ansammeln kann, die Grundlage für eine hoffentlich auch für ein breites Besucherspektrum attraktive Ausstellung. Die Mitwirkung hochkarätiger Spezialisten ermöglichte es auch, außergewöhnliche Objekte aus Sammlungen zu zeigen, die sich nur Kennern erschließen – und die wunderbaren Exponate aus dem Wien Museum mit neuen Fragen frisch ins Spiel zu bringen. Um das Fachwissen optimal in die Form einer Ausstellung zu transferieren, übernahm in der Phase der Konkretisierung die renommierte und für unkonventionelle Ideen bekannte Ausstellungsmacherin Brigitte Felderer die kuratorische Leitung – im Team mit Ernst Strouhal und Manfred Zollinger. Als Kuratorin des Wien Museums hatte Michaela Lindinger großen Anteil daran, dass sich die vielen Fäden zu einem Ganzen bündelten. Bei allen habe ich mich für ihr Engagement zu bedanken, ebenso wie bei der umsichtigen Produktionsleiterin Bärbl Schrems und allen Beteiligten des Wien Museums. Eine Ausstellung, die auch das Atmosphärische des Spiels vermitteln will, braucht sorgfältigste Gestaltung. Einerseits gilt es, die Schaulust zu bedienen (Spielmaterial ist fast immer kleinteilig und erfordert eine spezielle Wahrnehmungsinszenierung) und das Serielle zu betonen, ohne das Material eintönig erscheinen zu lassen. Andererseits verlangt der themenübergreifende Ansatz dieser Schau auch den großen Überblick. Bravourös auf diese Aufgaben eingelassen haben sich das Architekturbüro Planet Architects (Gerhard Abel mit Stefanie Amtmann) und das Grafikteam Haller & Haller, deren Handschrift auch dieses sorgfältig erarbeitete Katalogbuch prägt. In der Ausstellung gibt es auch „Live-Elemente“: Den audiovisuellen Medien kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, ob es sich um einen Zoom auf die virtuose Manipulation von Spielkarten durch den Zauberkünstler Magic Christian handelt, um die präzisen Carambolagen des renommierten Billardmeisters Arnim Kahofer oder um vom Kriminalisten Max Edelbacher vermittelte Zeitzeugengespräche zum sagenumwobenen Stoßspiel der Wiener Unterwelt. Allen Video- und Soundgestaltern gilt mein besonderer Dank. Es freut mich, dass auch zwei künstlerische Arbeiten – von Sofie Thorsen und Patrick Baumüller – in den Parcours einbezogen sind. Ein Wiener Spiel des 19. Jahrhunderts, das „Eyer-Spiel“, wurde als „eine sehr interessante Unterhaltung für größere und kleinere Gesellschaften“ annonciert, ein anderes erschien mit dem Slogan „Zum Nutzen und Vergnügen“. Das soll auch für unsere „Spiele der Stadt“ gelten. Wolfgang Kos Direktor Wien Museum

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Arnold Schönberg Gelber und schwarzer Radfahrer, Figuren des Koalitions- oder Bündnisschach, 1. Hälfte 1920er Jahre Arnold Schönberg Center, Wien © VBK, Wien 2012

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Spiel ist einer der wichtigsten Faktoren der Kultur- und Freizeitindustrie der Gegenwart; Spiele bilden eine nach wie vor unterschätzte Arena gesellschaftspolitischer und ästhetischer Konflikte, denn in ihren Spielen stellt sich Gesellschaft dar, zugleich sind Spiele, ihre Erzählungen und Designs Spiegelbilder der Gesellschaft, die sie spielt. Die Analyse der Verbindung von Spiel und Gesellschaft gehört seit einigen Jahren zu den zentralen Forschungsschwerpunkten der Universität für angewandte Kunst Wien. Zum Thema werden Seminare veranstaltet und internationale Ausstellungs- und Forschungsprojekte durchgeführt, deren Ergebnisse in der Buchreihe Passagen des Spiels in der Edition Angewandte publiziert werden. Band 1 (Spiel und Bürgerlichkeit, 2008/09) war den kulturhistorisch bedeutsamen Transformationen der Spiele in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gewidmet. Im Kontrast dazu reflektierten die Autorinnen und Autoren von Das Spiel und seine Grenzen (Band 2, 2009) die technologischen und theoretischen Veränderungen der Spiele im ausgehenden 20. Jahrhundert; Band 3 (Schach und Alter, 2010) war den Auswirkungen des aktuellen demografischen Wandels in unserer Gesellschaft und der Funktion der Spiele in diesem Prozess gewidmet.

Vorwort

Der vierte Band Spiele der Stadt, der in Kooperation mit dem Wien Museum erscheint, untersucht nun den historischen und sozialen Raum, den Spiele in der Stadt einnehmen. Die Zusammenarbeit zwischen Universität und Wien Museum war dabei in mehrfacher Hinsicht wegweisend und fruchtbringend. Einerseits bildete die reiche Sammlung des Wien Museums den Ausgangspunkt und Nukleus der wissenschaftlichen Recherche, andererseits bietet die gemeinsame Ausstellung dem Museum die Gelegenheit, erstmals eine kulturhistorische Ausstellung zu diesem Thema zu entwickeln. Ein weiterer Aspekt der Zusammenarbeit, der festgehalten werden soll, da er meines Erachtens von bildungspolitischer Relevanz ist, war die Kooperation bei der Vermittlung: Im Verständnis einer „Open University“ werden gemeinsam mit dem Museum während der gesamten Ausstellungsdauer öffentlich zugängliche wissenschaftliche Vorlesungen veranstaltet, in denen einzelne Facetten und Problemstellungen des Themenfeldes präsentiert, kritisch diskutiert und weitergeführt werden. Das Spiel – und das erscheint mir der Sinn der gemeinsamen Anstrengung – geht also weiter.

Gerald Bast Rektor Universität für angewandte Kunst Wien

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essays

6.27 Spielplan Wiener Stadtbahn-Spiel, 1910–1914 Wien Museum

S p ie l e de r S t a d t

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S p ie l e de r S t a d t


Ernst Strouhal, Brigitte Felderer, Manfred Zollinger

Die Stadt im Spiel Einleitung

I

Die Stadt schafft Spielräume, das Spiel schafft Stadträume – für Kinder wie für Erwachsene.

Keine Kindheit ist ohne Spiele, keine Stadt ist denkbar ohne sie. Wie Menschen mit ihren Spielen umgehen, erzählt viel über die Gesellschaft, in der sie leben. Eine Stadt im Prisma ihrer Spiele zu erkunden, wie dies der vorliegende Buchkatalog am Beispiel der Stadt Wien versucht, ist kein banales Unterfangen. Stadt und Spiel stehen in einem engen, sich gegenseitig bedingenden Verhältnis: Die Matrix eines Spiels bietet wie der Raum der Stadt sowohl Geregeltes als auch Zufälliges, Spontanes und Ephemeres, wie jedes Spiel will die Stadt ein Raum des Unbestimmten sein, des Möglichen, der Begegnung und – nicht zuletzt – des zweckfreien Genusses. Zugleich repräsentiert und inszeniert sich die Stadt und ihr Ideal in den Spielen und den Erzählungen, die sie ausbilden: als Metropole mit beeindruckenden Gebäuden und modernen Transportmitteln, wie etwa um 1910 im Wiener Stadtbahn-Spiel, als Raum des Erwerbs und der Konkurrenz, in dem Fairness und gleiche Ausgangsbedingungen für alle Spieler herrschen (wie in Monopoly oder DKT), oder als besonders kinderfreundlicher oder geselliger Ort. Spiele sind sowohl Zerr- wie Wunschspiegel der Gesellschaft, die sie spielt, ebenso wie sie Veränderungen des urbanen Lebens anzeigen. In den Beiträgen und in der Liste der ausgestellten Objekte wird Einblick in das vielgestaltige kulturelle Archiv der Spiele in Wien genommen: Seine Geschichte ist in Bildern und Fotografien dokumentiert, in literarischen Zeugnissen und in der Erinnerung der Spielenden an die Spiele ihrer Kindheit; es manifestiert sich in den Artefakten, in den Spielen selbst, die es zu bergen, zu sammeln und kritisch zu bewerten gilt, denn die materielle Kultur des Spiels ist trügerisch. Während von Adel und Bürgertum relativ viele und prächtige Spiele erhalten sind, besitzen wir wenig vom Proletariat oder den plebejischen Unterschichten. Deren Spielgewohnheiten lassen sich oft nur aus zweiter Hand erschließen, durch Verbote und Gerichtsurteile, aus Protokollen und Beschreibungen, gefiltert durch den Blick der Obrigkeiten und Gebildeten. Bei allen notwendigen Vorgriffen und Nachspielen reicht der Zeitraum der Darstellung von etwa 1750, als die ludische Kultur – zumindest an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft –

Spiele der S tadt | Die S tadt im Spiel

16


6.27 Wiener Stadtbahn-Spiel, 1910–1914 Wien Museum

dem Konzept der „genussreichen Bildung“ unterworfen wurde, bis ins 20. Jahrhundert. Die Form der Darstellung orientiert sich an den Räumen, welche die Stadt dem Spiel in diesem Zeitraum gewährt, denn unterhalb des öffentlichen Schauspiels urbaner Produktivität und Rationalität verbirgt sich eine vielgestaltige, labyrinthische Topografie des Spiels. Das Spektrum der urbanen Spielräume ist weit: Es reicht von öffentlichen Plätzen, den Straßen und Parks, den Freiflächen und Gstätten, auf denen sich temporär Spieler etablieren, über die zugewiesenen Spielplätze (mitsamt Benutzungsordnung) und den halböffentlichen Raum der Kaffee- und Gasthäuser (mit oder ohne Hinterzimmer), über die Gesellschaften, Clubs und die staatlich privilegierten und institutionalisierten Orte, in denen man sein Glück im Spiel versuchen kann und soll, bis hin zum privaten Raum, den Kinderzimmern und Küchentischen. Jeder dieser Spielräume ist stadtspezifisch verschieden, in Veränderung begriffen, hat seine eigene Geschichte und Gegenwart. Unterschiedliche Spielergruppen bewegen sich in ihnen, sie spielen unterschiedliche Spiele und verfolgen unterschiedliche Ziele. In Anlehnung an Michel Foucault können die Räume des Spiels als verdoppelte („heterotopische“) Räume verstanden werden – real existierende und zugleich utopische Räume, die bestimmte Versprechen enthalten. Im Fall des Spiels sind es Glück, Gewinn oder auch nur Zeitvertreib im Wortsinn: Der Spieler ist einer, der sich die Zeit vertreibt, im Spiel gewinnt er Distanz zur Welt und zu sich selbst, denn unentscheidbar bleibt, ob der Spieler das Spiel oder, wie Hans-Georg Gadamer vermutet, eher das Spiel den Spieler spielt.

6.28 Wiener Stadtbahn-Spiel, um 1930 Wien Museum

So unterschiedlich Spiele und ihre Erzählungen erscheinen mögen, eines ist ihnen gemeinsam: die seltsame Intensität, mit der gespielt wird. Sie gilt für das Kind, das seine Bausteine ordnet und erstaunlich lange in seiner Welt versinkt, wie für den Zocker, der am Automat festhängt, sie gilt für den einsamen Dr. B. in Stefan Zweigs Schachnovelle, für die fröhliche Runde der Boule-Spieler, die sich um Mitternacht trifft und über Stunden Bälle wirft, und auch für den Buben, den Rudolf Spiegel in einem Sommer Mitte der 1930er Jahre des vorigen Jahrhunderts in einer Fotografie eingefangen hat: Er treibt seinen Reifen und verwandelt für sich das Trottoir in einen Parcours.

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Spiele der S tadt | Die S tadt im Spiel


3.29 Von Strafgefangenen gezeichnete Spielkarten, um 1950, Justizanstalt Graz-Karlau Hans Gross Kriminalmuseum, Universitätsmuseen der Karl-Franzens-Universität Graz

Wissenschaft und Kunst haben für diesen Zustand unterschiedliche Begriffe entwickelt: Man spricht vom Sog des Spiels, vom Flow, von der „Aufhebung der Zeit in der Zeit“ (Schiller) oder vom „Zauberzirkel des Spiels“ (Johan Huizinga), in den sich der Spielende begibt. Eines bleibt dabei höchst rätselhaft: Der Spieler muss sich bewusst sein, dass er spielt (ansonsten würde er verzweifeln), zugleich muss er vergessen, dass er spielt (ansonsten würde er sich langweilen). Der Eintritt und Aufenthalt im magischen Zirkel des Spiels sind allerdings nicht immer harmlos. Der Homo ludens vermag sich am Spieltisch auch zu ruinieren, die ludische Topografie der Stadt ist bei genauerem Hinsehen nicht nur eine freundliche, sondern auch eine bedrohliche Welt. Spiel schafft im Moment des Spiels die Imagination von Gleichheit, doch der Zugang zu dieser Welt ist nicht barrierefrei: Soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital, Herkunft und Geschlecht entscheiden über die Teilnahme am Spiel. Im Café wurden andere Spiele gespielt als im

Spiele der S tadt | Die S tadt im Spiel

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8.6 Reifentreiben, um 1935 Fotografie von Rudolf Spiegel Bezirksmuseum Ottakring, Wien

Wirtshaus, im bürgerlichen Wohnzimmer andere als in der Arbeiterwohnung. Spiel definiert somit einen gesellschaftspolitischen Raum der Exklusion und der Inklusion, urbane Spielräume sind Kampfzonen, sie berichten über soziale und kulturelle Verteilungskämpfe in der Stadt: Wer darf mitspielen, wer nicht? Wer macht die Regeln des Spiels? Aus dieser Perspektive betrachtet macht die Kultur der Spiele auch soziale Differenzen deutlich. Trotz Zunahme der Freizeit werden die Möglichkeiten zur freien spielerischen Aktivität im Stadtraum geringer. Die zunehmende Funktionalisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums führt offenkundig zu einem Verlust an Spielräumen, der frei gestaltbaren Flächen der Bewegung und Inszenierung, und damit zu einer Verarmung der Diversität von Spielen. Die Spielepraxis passt sich andererseits den veränderten Verhältnissen an, entwickelt neue Spiele, die in der Konkurrenz mit anderen Spielen wieder unterliegen und vergessen werden. Mitunter schrumpft der Raum für Spiele auf die Größe eines Handy-Displays und erweitert sich im virtuellen Raum fast grenzenlos. Weniger wird freilich nicht gespielt, wie der Aufstieg der Glücksspielindustrie zeigt, die – für jeden sichtbar – in Gestalt von Automaten- und Wettcafés auf die Stadträume zugreift und sie verändert.

II

Spiele können auf vielerlei Art typologisch erfasst werden. In seinem Klassiker Die Spiele

und die Menschen unterscheidet der französische Philosoph und Schriftsteller Roger Caillois vier Grundtypen: Agon (der Wettkampf, das Spiel der Konkurrenz), Alea (das Glücksspiel, das Spiel mit dem Schicksal), Mimikry (Theater, das Spiel mit Masken und Identitäten) und Illinx (Spiele des Körper und des Rausches).

19

Spiele der S tadt | Die S tadt im Spiel


In der einen oder anderen Mischform können auch die Spiele, die in diesem Band versammelt sind, einem dieser Cailloisschen Grundtypen zugeordnet werden. Betrachtet man die Geschichte 8.5 Sepp Zahn Kopf und Adler Aus dem „Vorstadtzyklus“, 1937 Wien Museum

der Spieltheorien, fehlt es zwar nicht an Klassifizierungen von Spielen, doch scheint sich der Gegenstand selbst hartnäckig einer klaren Bestimmung zu entziehen. Jede Arbeit über Spiele steht daher vor der schlechten Wahl der Engführung des Begriffs, die seine Verbindung zur Kultur des Festes, des Theaters und zum Sport vermissen lässt, oder der Verwendung eines „weiten Spielbegriffs“, der – in der Einbeziehung alles „Spielerischen“ – allerdings leicht Gefahr läuft, beliebig zu werden: Da ist dann das wissenschaftliche Experiment spielerisch, Politik ist Spiel, wie jede Form urbaner Kommunikation, sodass als einziger Bewusstseinszustand, der nicht Spiel ist, der traumlose Schlaf bleibt. Wir haben uns heuristisch für eine eher engere Fassung des Begriffs entschieden, aus einem einfachen Grund: Wir hatten damit genug zu tun. Denn obgleich allgegenwärtig, universal und andauernd, ist die Geschichte der Spiele nach wie vor ein weißer Fleck auf der Landkarte der Kulturwissenschaften: Spiele sind Teil der performativen Kultur des Menschen (also flüchtig), ihre Geschichte ist profan und höchst unzureichend dokumentiert. Von vielen Spielen der Antike, des Mittelalters und der frühen Neuzeit sind nur noch Fragmente vorhanden, ihre Regeln sind verloren. Dennoch ist die Beschäftigung mit Spielen unabdingbar: Wie jede Form kultureller Praxis des Menschen charakterisie-

8.21.17 21., Wohnanlage Floridsdorfer Hauptstraße 12 Spielplastiken „Drei Bären“ von Eduard Robitschko, 1957/58

ren Spiele in ihren Regeln, in den Erzählungen und in ihrer materiellen Kultur, die sie ausbilden, auch die gesellschaftlichen Spielregeln, den sozialen Kontext und die Epoche, in denen sie gespielt werden. Die Vielgestaltigkeit des Archivs der Spiele und die Ambivalenz der Überlieferung erfor-

Archiv der Kulturabteilung der Stadt Wien

dern Vielstimmigkeit. Zu Wort kommen deshalb Kulturhistoriker wie Architektinnen, Ökonomen wie Pädagoginnen, Schriftsteller wie Spielerinnen; sie erkunden, jeweils auf ihre Art und Weise, unterschiedliche Orte des Spiels und berichten von ihre Veränderung. An Vollständigkeit war dabei nicht gedacht und ist nicht zu denken: Es handelt sich um Momentaufnahmen urbanen Lebens, denn Spiele haben weder eine Heimat noch eine fixierte Zeit, sie sind nomadisch und – wie die Stadt – in ständiger Bewegung begriffen.

Spiele der S tadt | Die S tadt im Spiel

20


6.10 Dagobert Peche St채dtespielzeug, um 1918 Ernst Ploil, Wien

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Spiele der S tadt | Die S tadt im Spiel


Robert Pfaller

Rhetorik der Stadt Das Spiel und die Tugenden der Urbanität

I Das beliebte Gesellschaftsspiel „Stadt – Land“ bezeichnet im Titel einen Gegensatz, der möglicherweise für das Spiel insgesamt charakteristisch ist – wenn er nicht sogar durch das Spiel selbst

hervorgerufen (oder wenigstens markiert) wird. Nicht bei allen Spielen mag ein notwendiger Zusammenhang zu städtischem Leben bestehen oder unmittelbar erkennbar sein. Bei einer Spiel-Gattung allerdings war dies von Anfang an offensichtlich: Die Spiele des geistreichen Scherzens und des scharfsinnigen Spottens sowie das pointierte Formulieren von Wortspielen konnten sich nach Auffassung der antiken Autoren nur im urbanen Raum entwickeln. So bezeichnet Cicero in seiner Rhetorik das weltgewandte, gebildete Verhalten einschließlich der Fähigkeit zur witzigen Formulierung als Tugend der urbanitas.1 Rund 150 Jahre später engt Quintilian die Bedeutung dieses Begriffs allein auf das sprachliche Element ein – nicht ohne erneut zu betonen, dass diese so bezeichnete witzige Redeweise „in ihren Worten, ihrem Klang und ihrem Gebrauch so etwas wie den eigentümlichen Geschmack unserer Hauptstadt zur Schau trägt“.2 In der Renaissance ruft Baldassare Castiglione in seiner Abhandlung über den Hofmann das Ideal der Urbanität wieder in Erinnerung – wenn auch, wegen des höfischen Kontexts, nur selten unter diesem Namen. Er bezieht sich dabei auf die Beherrschung des geistreichen und amüsanten Gesprächs.3 Im 17. Jahrhundert folgt Emanuele Tesauro Quintilians Überlegung, indem er die Fähigkeit eines Autors, durch Gebrauch von Wortspielen und Figuren wie zum Beispiel Metaphern geniale Pointen (argutezze) zu setzen, wieder mit dem Begriff urbanità bezeichnet.4 Wortwitz, poetisches und gestalterisches Genie (das sich, Tesauro zufolge, auch in Werken der bildenden Kunst äußern kann) sind also nach übereinstimmender Auffassung dieser Autoren Formen des Spiels, welche die Atmosphäre der Stadt als ihre notwendige Bedingung voraussetzen. Wenn die urbanitas von den Rhetorikern und Poetologen somit als Fähigkeit begriffen wird, gesprochenen Text (oder auch Inhalte anderer Medien) mit unterhaltsamen, inspirierenden, spielerischen Elementen zu durchsetzen und beim Publikum die Affekte der Begeisterung und des

1.47 Orakelpuppe, Frankreich, 3. Viertel 19. Jahrhundert

Lachens hervorzurufen, so stellt das nicht nur eine Abgrenzung zu der schmucklosen Nüchternheit

Schweizer Spielmuseum/Musée Suisse du Jeu, La Tour-de-Peilz

Spiele der S tadt | Rhetorik der S tadt

22


1.41 Leopold Chimani Der blinde Mann, Der Spötter Titelvignetten aus: Jugend-Salon des Frohsinns […], Bd. 4 und 5, Wien 1829–1844 Wienbibliothek im Rathaus

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Spiele der S tadt | Rhetorik der S tadt


zweckgerichteten Mitteilens dar. Es geht bei diesem städtischen Geschäft nicht allein darum, neben der sachlichen „Besonnenheit“ (prudenza) das verspielte Element des Einfallsreichtums bzw. des Genies (ingegno) zur Entfaltung zu bringen.5 Vielmehr muss die Rede zugleich in ihren Wortspielen etwas Feines aufweisen – und nichts „Mißtönendes, nichts Bäurisches, nichts Unordentliches, nichts Fremdklingendes“.6 Dem spielerischen, Erheiterung hervorrufenden, urbanen Sprechen wird also das rustikale als sein Gegenteil gegenübergestellt.7 Diese Entgegensetzung allerdings wirft, bei aller scheinbaren Evidenz, manche Frage auf. Ist denn ländliches Sprechen niemals heiter oder verspielt? Gibt es kein Bauernlachen?8 Zeichnet sich das Landleben – gerade auch in der Phantasie der schreibenden Gebildeten – nicht regelmäßig durch eine bestimmte frivole Ausgelassenheit und die Neigung zu Schabernack und Scherzen (und seien es auch gröbere) aus? Gerade dort, wo Theoretiker wie Tesauro nach den Pointen, den argutezze des Sprechens suchen, scheint doch das ländliche oder wenigstens suburbane, dialekthafte Sprechen besonders in Betracht zu kommen. Wenn Sprecher – auch besonders gebildete, raffinierte – einmal die Besonnenheit zugunsten der Affektaufladung verlassen, dann verfallen sie bezeichnend oft in den Dialekt, und gerade das erzeugt erheiternde Wirkungen: „Das stolze Gebäude meiner Hoffnungen ist assekuranzlos ab’brennt, meine Glücksaktien sind um hundert Prozent g’fall’n, und somit belauft sich mein Aktivstand wieder auf die rundeste aller Summen, nämlich auf Null“, sagt Nestroys Figur Titus Feuerfuchs im Talisman.9 Dasselbe wirkungsvolle Changieren zwischen verschiedenen sprachlichen Kulturniveaus bemerkt Roland Barthes in Bezug auf die Sprache des Marquis de Sade: Dort herrsche eine „metonymische Gewalt“, die in einem einzigen Satz alles Mögliche durcheinanderwirft, „die gesellschaftlichen Fetische, Könige, Minister, Geistliche usw., aber auch die Sprache, die traditionellen Klassen der Schreibweise“.10 So kann man in Sades 120 Tage von Sodom Sätze wie den folgenden lesen: „[…] der Herzog befahl Sophie zu sich, er ließ dieses schöne Mädchen scheißen und verschlang den Dreck als Dessert“.11 Gleichen solche Formulierungen Sades nicht den Strophen von Qualtingers und Bronners Lied vom „G’schupften Ferdl“, wo es heißt: „und mit Elastizität / die sich von selber versteht / schleift der Ferdinand die Mitzi aufs Parkett“? Ist der ästhetische Reiz solchen Wechselns zwischen Sprachniveaus nicht der Grund, weshalb Menschen, wenn sie sich im Zuge großen Affektstaus einer poetisch werdenden Sprache bedienen, wie zum Beispiel beim Schimpfen, abrupt in den Dialekt verfallen?12 „Ta gueule“, „Halt die Gosch’n“ – kann man dergleichen in einer Hochsprache überhaupt jemals adäquat ausdrücken? Und bewundern wir nicht immer wieder gerade das Französische für seinen Reichtum an lebhaften, bilderreichen, drastischen, volkstümlichen Elementen, die regelmäßig auch in elaborierte Diskurse eingeflochten werden (wie z. B. die Wendung „balancer la purée“)? Auch das Wienerische entwickelt seine, von Dialektdichtern und Liedermachern wie Georg Danzer meisterhaft genutzte poetische Kraft gerade dort am markantesten, wo es von der höflichen oder bemühten Hochsprache unvermittelt in den melodiösen Dialekt oder in ein umgangssprachliches französisches Lehnwort wechselt: „er ziagt si seine Schuach aus und sagt nur ‚Bitte gusch‘“ (wie es in Danzers Lied „Hupf in’ Gatsch“ einmal heißt). Oder: „Der Ober Fritz sagt ‚Wir sind hier ein Stadtcafé, und was Sie da mach’n, is a Schweinerei‘“ (Georg Danzer, „Jö schau“). Ist das, was argutezza besitzt, was also argut ist, nicht am ehesten der mundgerechte, subkulturelle, oft geradezu wie eine lokale Geheimsprache funktionierende Argot?

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1.30 Spielregeln zu „Das Kleeblatt oder das große Dreierspiel, Lumpaci Vagabundus“, 1835 Wien Museum

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