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zweckgerichteten Mitteilens dar. Es geht bei diesem städtischen Geschäft nicht allein darum, neben der sachlichen „Besonnenheit“ (prudenza) das verspielte Element des Einfallsreichtums bzw. des Genies (ingegno) zur Entfaltung zu bringen.5 Vielmehr muss die Rede zugleich in ihren Wortspielen etwas Feines aufweisen – und nichts „Mißtönendes, nichts Bäurisches, nichts Unordentliches, nichts Fremdklingendes“.6 Dem spielerischen, Erheiterung hervorrufenden, urbanen Sprechen wird also das rustikale als sein Gegenteil gegenübergestellt.7 Diese Entgegensetzung allerdings wirft, bei aller scheinbaren Evidenz, manche Frage auf. Ist denn ländliches Sprechen niemals heiter oder verspielt? Gibt es kein Bauernlachen?8 Zeichnet sich das Landleben – gerade auch in der Phantasie der schreibenden Gebildeten – nicht regelmäßig durch eine bestimmte frivole Ausgelassenheit und die Neigung zu Schabernack und Scherzen (und seien es auch gröbere) aus? Gerade dort, wo Theoretiker wie Tesauro nach den Pointen, den argutezze des Sprechens suchen, scheint doch das ländliche oder wenigstens suburbane, dialekthafte Sprechen besonders in Betracht zu kommen. Wenn Sprecher – auch besonders gebildete, raffinierte – einmal die Besonnenheit zugunsten der Affektaufladung verlassen, dann verfallen sie bezeichnend oft in den Dialekt, und gerade das erzeugt erheiternde Wirkungen: „Das stolze Gebäude meiner Hoffnungen ist assekuranzlos ab’brennt, meine Glücksaktien sind um hundert Prozent g’fall’n, und somit belauft sich mein Aktivstand wieder auf die rundeste aller Summen, nämlich auf Null“, sagt Nestroys Figur Titus Feuerfuchs im Talisman.9 Dasselbe wirkungsvolle Changieren zwischen verschiedenen sprachlichen Kulturniveaus bemerkt Roland Barthes in Bezug auf die Sprache des Marquis de Sade: Dort herrsche eine „metonymische Gewalt“, die in einem einzigen Satz alles Mögliche durcheinanderwirft, „die gesellschaftlichen Fetische, Könige, Minister, Geistliche usw., aber auch die Sprache, die traditionellen Klassen der Schreibweise“.10 So kann man in Sades 120 Tage von Sodom Sätze wie den folgenden lesen: „[…] der Herzog befahl Sophie zu sich, er ließ dieses schöne Mädchen scheißen und verschlang den Dreck als Dessert“.11 Gleichen solche Formulierungen Sades nicht den Strophen von Qualtingers und Bronners Lied vom „G’schupften Ferdl“, wo es heißt: „und mit Elastizität / die sich von selber versteht / schleift der Ferdinand die Mitzi aufs Parkett“? Ist der ästhetische Reiz solchen Wechselns zwischen Sprachniveaus nicht der Grund, weshalb Menschen, wenn sie sich im Zuge großen Affektstaus einer poetisch werdenden Sprache bedienen, wie zum Beispiel beim Schimpfen, abrupt in den Dialekt verfallen?12 „Ta gueule“, „Halt die Gosch’n“ – kann man dergleichen in einer Hochsprache überhaupt jemals adäquat ausdrücken? Und bewundern wir nicht immer wieder gerade das Französische für seinen Reichtum an lebhaften, bilderreichen, drastischen, volkstümlichen Elementen, die regelmäßig auch in elaborierte Diskurse eingeflochten werden (wie z. B. die Wendung „balancer la purée“)? Auch das Wienerische entwickelt seine, von Dialektdichtern und Liedermachern wie Georg Danzer meisterhaft genutzte poetische Kraft gerade dort am markantesten, wo es von der höflichen oder bemühten Hochsprache unvermittelt in den melodiösen Dialekt oder in ein umgangssprachliches französisches Lehnwort wechselt: „er ziagt si seine Schuach aus und sagt nur ‚Bitte gusch‘“ (wie es in Danzers Lied „Hupf in’ Gatsch“ einmal heißt). Oder: „Der Ober Fritz sagt ‚Wir sind hier ein Stadtcafé, und was Sie da mach’n, is a Schweinerei‘“ (Georg Danzer, „Jö schau“). Ist das, was argutezza besitzt, was also argut ist, nicht am ehesten der mundgerechte, subkulturelle, oft geradezu wie eine lokale Geheimsprache funktionierende Argot?

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Wien Museum Ausstellungskatalog „Spiele der Stadt - Glück, Gewinn und Zeitvertreib“  

Leseprobe Katalog „Spiele der Stadt - Glück, Gewinn und Zeitvertreib“ Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 456 Seiten, er...

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