Page 24

22    1. EINFÜHRUNG — Der Mehrwert der urbanen Revolte

Der Mehrwert der urbanen Revolte. Die Erneuerung Wiens aus dem Geist der Hausbesetzer Siegfried Mattl Von „Hunden und Flöhen“: Stadtplanung, Kommunalpolitik und Jugendkultur Im August 1981 ging eine Studie des Kommunalpolitischen Referats der Wiener Arbeiterkammer streng mit den Verhältnissen in der Stadt ins Gericht. Es mangelte hinsichtlich der Situation von Jugendlichen an allem, lautete der Grundton dieser Studie – es mangelte an erschwinglichen Wohnungen, an Treffpunkten, an innerstädtischer Mobilität, an Kinos, Musikhallen, Kleinkunstbühnen. Diese Misere wurde umso drückender erfahren, als sie mit Machtbeziehungen gesättigt war: mit der Macht autokratischer Eltern, die über den Lebensstil der bei ihnen wohnenden Kinder herrschten, mit der bürokratischen Macht einer Stadtverwaltung, die ihre Jugendzentren mit rigorosen Hausordnungen reglementierte, und mit der ökonomischen Macht der HausbesitzerInnen, die straflos illegale Ablösen kassierten und sich obendrein eine Art soziales Profiling ihrer potenziellen MieterInnen vorbehielten. „Jugendliche haben Grund genug, unzufrieden zu sein, nicht nur im Ausland, auch in Wien. Stadtzerstörung durch Abbruchspekulation“, fasste der Autor der Studie, der AK-Mitarbeiter Franz Köppl, zusammen. „Isolation in Wohnsilos am Stadtrand, qualitative Wohnungsnot, Lärm und Abgase durch Autos, noch immer materielle Not in unserer Überflussgesellschaft, ungleiche Chancen – kurz gefasst im Stichwort ‚Verlust an Lebensqualität‘ – wirken sich immer brutaler auf unser Zusammenleben aus. Dagegen setzt sich ein immer größerer Teil der Jugendlichen zur Wehr.“1 Hörte die Stadtregierung im Regelfall auf die kommunalpolitischen Ratschläge der Arbeiterkammer, so kam es in dieser besonderen Angelegenheit anders: Die Kammer zog das Papier zurück, hatte doch der einflussreiche Finanzstadtrat Hans Mayr im Oktober 1979 bei der polizeilichen

Räumung der besetzten Phorushalle im fünften Bezirk gehöhnt: „Wer sich mit Hunden ins Bett legt, wacht mit Flöhen auf.“ Adressiert hatte Mayr mit diesem losen Spruch die Wiener ÖVP. Diese hatte in der aufgelassenen Markthalle einen sogenannten Ideenmarkt organisiert, dessen letzter Tag Selbsterfahrungsgruppen und offenen Diskussionen gewidmet war. Spätabends am 20. Oktober besetzten rund 400 AktivistInnen die Phorushalle und forderten statt Abriss zugunsten eines voluminösen Seniorenheims die Umwandlung in ein selbstverwaltetes Jugendzentrum. Die Polizei bereitete der Besetzung binnen 24 Stunden ein reichlich brutales, auf Video aufgezeichnetes Ende.2 Die regierende SPÖ schob der ÖVP als Veranstalter die Verantwortung zu, nicht ohne, wie zuvor wiedergegeben, die jugendlichen BesetzerInnen auf die andere Seite der Zivilisation zu rücken. Die Aufwertung, die diese denunzierte Protestszene nun in der Studie der Arbeiterkammer erfuhr, konnte nicht im Sinn der sozialdemokratischen Stadtverwaltung liegen; nicht, wenn sie als von der Politik erzeugtes ‚Problem‘ präsentiert wurde, und ganz gewiss nicht, wenn ihr wie in dieser Studie auch noch das Recht auf Teilhabe an Führung und Programm öffentlich finanzierter Kulturzentren eingeräumt wurde. Wie weit hatte die Politik nun tatsächlich zu einer Misere beigetragen, wie weit zeitigten Stadtplanung und Kommunalpolitik ungewollt Verwerfungen im Leben der Stadt, deren Konsequenzen einer tief an Modernisierung und soziale Steuerung glaubenden Politik als purer Undank und Frevel, als „radikaldemokratische Phrase“ und „fragwürdige Demokratievorstellung“3 erschienen sind? Und wie viel verdankt paradoxerweise ein zeitgenössisches Wiener Stadt-Marketing, das sich mit Diversität und kreativen Szenen präsentiert, dem Aufbegehren und den kleinen Revolten der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre?

Wien Museum Ausstellungskatalog „Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern“  

Leseprobe Katalog „Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern“ Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 256 Seiten, erschiene...

Wien Museum Ausstellungskatalog „Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern“  

Leseprobe Katalog „Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern“ Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 256 Seiten, erschiene...