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! T Z ESET BKampf um Freir채ume seit den 70ern

Czernin Verlag


Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern 381. Sonderausstellung des Wien Museums

Herausgeber/in: Martina Nußbaumer, Werner Michael Schwarz Lektorat: Julia Teresa Friehs

Wien Museum Karlsplatz 12. April 2012 bis 12. August 2012

Grafik Design: Christof Nardin, Agnes Steiner/ Bueronardin

Ausstellung

Druck: Ueberreuter

Kurator/in: Martina Nußbaumer, Werner Michael Schwarz

© 2012 Czernin Verlag GmbH und Wien Museum

Gestaltung: Thomas Hamann

ISBN: Broschur 978-3-7076-0413-9

Schnitt und Postproduktion: On screen, Patrick Spanbauer Audiovisuelle Technik: c:a:t x conceptual art technologies Fotografie und Bildbearbeitung: faksimile digital, Birgit und Peter Kainz Übersetzung: Andrew J. Horsfield 8   IMPRESSUM

Katalog

Produktion: Bärbl Schrems Restaurierung: Andreas Gruber, Alexandra Moser Aufbau: museum standarts Werkstätten Wien Museum

Herstellungsleitung: Czernin Verlag


! ESETZT BKampf um Freiräume seit den 70ern

Herausgegeben von Martina NuĂ&#x;baumer und Werner Michael Schwarz Czernin Verlag


Impressum 8

Propaganda der Tat. Die Medien des Häuserkampfs Vrääth Öhner 67

Vorwort Wolfgang Kos 12

1.

 einführung  15

„Für Alle“. Eigenarten von Hausbesetzungen und Kämpfen um selbstverwaltete Kulturzentren in Wien Martina Nußbaumer, Werner Michael Schwarz 16

Der Mehrwert der urbanen Revolte. Die Erneuerung Wiens aus dem Geist der Hausbesetzer Siegfried Mattl 22

Immer weiter. Wiener Kunst-Expansionen 1965, 1968 und 1976 Lisa Wögenstein 29

Postmoderne und neoliberale Strukturen im Stadtteil Christian Peer 33

Gegen die herrschenden Verhältnisse. Zur Geschichte alternativer Wohn- und Lebensformen in Wien Susanne Breuss 38

Hausbesetzungen als politische Aktionsform seit den 1970er-Jahren Margit Mayer

Musikprotest. Zur Musikkultur der besetzten Häuser und selbstverwalteten Kulturzentren in Wien seit den 1970er-Jahren Heinrich Deisl 70

Der sanfte Anarchist. Dieter Schrage (1935–2011) Gerhard Senft 74

2.

 Orte und   Bewegungen   in wien  77

Besetzungen und Freiräume in Wien seit den 1970ern 78

KulturZentrum Spittelberg (Amerlinghaus) Das Amerlinghaus darf keine Tiefgarage werden! Eine Betrachtung zum Amerlinghaus im vierten Jahrzehnt  Christoph Reinprecht 80

Erstes Spittelbergfest 1973 Gert Winkler 84

Interview mit Herbert Sburny Martina Nußbaumer, Werner Michael Schwarz

44

92

Die Kulturleichen proben den Aufstand. Wie Zürich zu brennen anfing Klaus Miklós Rózsa

Arena im ehemaligen Auslandsschlachthof St. Marx

52

ARENA forever – einen Sommer lang Leonhard Weidinger 96

“Room of One’s Own”. Räume, Geschlecht und Autonomie. Das Fallbeispiel Wien Maria Mesner

Interview mit Dieter Schrage Florian Höllerl, Patrick Spanbauer

60

Interview mit Ingrid Karl Florian Höllerl, Patrick Spanbauer

Autonome Häuser und kommunale Jugendarbeit in Wien Leonhard Plakolm 64

101

107

Interview mit Caspar Einem Florian Höllerl, Patrick Spanbauer 112


Mein persönlicher fotografischer Zugang zur Arena 1976 Peter Hirsch 116

Infamie der Grauwerte Heinz Riedler 128

Burggarten-Bewegung und Wiener Hausbesetzungsszene der frühen 1980er-Jahre Die Wiener Hausbesetzungsbewegung der 1980er-Jahre Andreas Suttner 140

erinnerungen an die Anfänge der Burggarten-Bewegung  Sarah Wiener 146

Rotstilzchen Das autonome Stadtteilzentrum Rotstilzchen (1980–1990) Hannes Hofbauer 148

Das Werkstätten- und Kulturhaus (WUK) Permanente Reterritorialisierung. Das WUK als besetzte und besetzende Besetzung Gerald Raunig 152

Das Werkstätten- und Kulturhaus (WUK). Eine Chronologie. Margit Wolfsberger

Mein fotografischer Zugang zur GAGA Christian Schreibmüller 179 Aegidigasse 13/Spalowskygasse 3 Die Hausgemeinschaft Aegidi/Spalo Erich Dimitz 192

Räumung der besetzten Häuser Aegidigasse/ Spalowskygasse durch die Polizei am 11./12. August 1988 Robert Newald 197

Chronologie der Räumung 207

Rosa Lila Villa Do it! 30 Jahre Rosa Lila Villa – Und sie bewegt sich immer noch Marty Huber 208

Ernst Kirchweger Haus (EKH) Schule der Subversion. Eine kurze Geschichte des EKH Tina Leisch, Chris Thaler 211

Das Ernst Kirchweger Haus (EKH).  Unsere Ideologie und Vorstellung eines autonomen Zentrums Das EKH-Kollektiv 215

155

Pankahyttn

Das WUK in Zahlen

Alles für Alle! Pankahyttn

157

Klare Blicke vom Rand Robert Newald 158

Das Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse (GAGA) Das autonome Kultur- und Kommunikationszentrum Gassergasse (1981–1983) Andreas Suttner 166

Interview mit Gertrude Fröhlich-Sandner Christian Schreibmüller 171

Interview mit Erwin Lanc Christian Schreibmüller 174

GAGA-GAU Christian Schreibmüller 177

216

Besetzungen seit 2000 Hausbesetzungen und selbstverwaltete Freiräume. Eine kurze Übersicht über die letzten zehn Jahre Arno Uhl 219

3.

 ausstellung  224 Bildnachweis, LeihgeberInnen, Dank 248


vorwort

12

In der jüngeren Wiener Stadtgeschichte gibt es nur wenige punktuelle Erinnerungsanlässe. Das hängt mit der Kontinuität in der Stadtpolitik zusammen, in der, anders als im Bund, seit vielen Jahrzehnten keine Machtwechsel stattgefunden haben. Viele wichtige Neuerungen wie U-Bahn-Bau oder Errichtung der UNO- und Donau-City waren Langzeitvorgänge, also keine Ereignisse, die man mit Jahreszahlen verknüpft. 1995 hätte ein epochales Jahr werden können, doch die EXPO Wien-Budapest fand nicht statt. Am ehesten sind es auf Partikularthemen begrenzte Bürgerproteste, die zumindest unscharf erinnert werden, zum Beispiel der Kampf um den Sternwartepark – damals prägte die Kronen Zeitung den Begriff „Baummord“ – oder das Volksbegehren gegen das Austria-Center. Zwei ,legendäre‘ Ereignisse lassen sich nennen. Beide trugen sich zufällig im Sommer 1976 zu, innerhalb weniger Wochen: Der Einsturz der Reichsbrücke und die Besetzung der Arena im St. Marxer Schlachthof. Beide kamen unerwartet, jedoch nicht aus dem Nichts. Und beide hatten Folgen. Der Brückeneinsturz führte zum Rücktritt eines Stadtrats und zu einem Neubau. Heute ist das aber eine chronikale Story von seinerzeit. Die Arena-Besetzung hingegen ist ein zeitgeschichtliches Schlüsselereignis der Wiener Stadtgeschichte, ein Umspringpunkt. Es gab eine Lunte, die längst brannte, für die erstarrte Kommunalpolitik aber außerhalb des Blickfelds war. SP-Stadtpolitik und Rathausverwaltung waren es gewohnt, die Zukunft unter Kontrolle zu haben, obwohl es für das technokratische Vorwärts-Betonieren in den 1970er-Jahren erstmals Gegenwind gegeben hatte – und mit der Verhinderung des Abrisses des Spittelbergs und zumindest einiger historischer Stadtbahnstationen auch erste Siege der Herausforderer.

Wertewandel und neue Fronten Die Besetzung der Arena, mit der sich Zehntausende solidarisierten, steht für einen tief greifenden soziokulturellen Wertewandel. Die traditionellen Machtstrukturen und ihr Kontrollanspruch wurden radikal infrage gestellt, ebenso wie der Vorrang für „Repräsentationskultur“ und das Fehlen von Freiräumen für Selbstverwirklichung. Das offizielle Wien empfand den

Aufruhr der jungen SystemgegnerInnen als Kulturschock, als gefährliche Selbstermächtigung mit einer Überdosis Spontaneität. Daran änderte nur wenig, dass Bundeskanzler Kreisky ein Jahr, nachdem die Bulldozer die Arena demoliert hatten, beifällig grummelte und mitteilte, dass er dem Gedanken der Schaffung eines Kultur-, Jugend- und Kommunikationszentrums „durchaus positiv gegenüberstehe“. Die Irritation war enorm, aber lehrreich für die Herrschenden. So wurde die Arena zum wichtigsten Auslöser einer mühsamen Suche nach einem neuen Verhältnis zwischen Stadt und gegenkulturellen, alternativen, autonomen und sonstigen autoritätsrenitenten Bewegungen. Immer wieder, in ermüdenden Grundsatzdiskussionen auf beiden Seiten, Grundsatzfragen wie: Repression oder Duldung? Konfrontation oder Verhandeln? Sind Autonomieanspruch und Subventionsforderung vereinbar? Was für die Machtinhabenden aus heiterem Himmel kam, kam für die AktivistInnen mit Verspätung. „Die Arena war unser 1968“, erinnert sich eine Besetzerin, „ein anarchistischer Freiraum, der Energien und Fantasien freisetzte.“ Doch 1968 war schon acht Jahre vorbei. Auch auf die Hippies und den internationalen Aktionismus der Neuen Linken hatte man von Wien aus mit Sehnsucht geblickt. Viel hatte sich aufgestaut, 1976 liefen heterogene Utopien und Idealbilder einer neuen Gesellschaft (und einer anderen Stadt) zusammen. Dazu kam, dass nicht trockene Ideologie Motor hinter der Arena-Besetzung war, sondern emotionale Energie – und danach, im hyperaktiven Happening der 100 Tage, Freude und Spaß, ja Volksfeststimmung. Und nach dem jähen Ende des Experiments und etlichen Polizeiräumungen in den Folgejahren: Frust, Wut und die Energie des Trotzdem.

Arena u. v. a. Wie wichtig der Arena-Sommer für Wiens Zukunft war, erkennt man auch daran, dass etliche der Beteiligten später wichtige AkteurInnen in Kultur, Medien und sogar Politik wurden. Es ist heute kaum vorstellbar, wie schmal das kulturelle Angebot war, wie wenig Spielraum es abseits der ,Hochkultur‘ gab und wie wenig Vielfalt. Die Arena war ein Gatecrasher, ein Impuls für viele Jugend-, Kultur-, Medien- und Politinitiativen, die in den Jahren danach die Stadt grundlegend verändern und erweitern sollten. Der „heiße“ Arena-Sommer 1976 ist Kernstück dieser Ausstellung, aber die Perspektive ist größer.


Klimt als Nachbar Zeitgleich mit dieser Ausstellung ist im Wien Museum die großartige Klimt-Sammlung des Hauses zu sehen. Der Salonduft des Fin de Siècle ebenso wie Polizeigewalt gegen HausbesetzerInnen in den Sponti-Jahren um 1980: Pointierter könnte man die thematische Spannweite des Wien Museums nicht beschreiben. Der Blick auf die Stadtgeschichte wurde in den letzten Jahren genauso nachjustiert wie die Sammlungspolitik. Lange Zeit war der obrigkeitliche Mehrheitsblick mit hagiografischem Drall bestimmend für die Linie von Stadtmuseen. Heute muss, damit die Institution Museum Sinn macht, die Aufmerksamkeit allen gesellschaftlichen AkteurInnen, Interessen, Lebensformen und Objektzeugnissen gelten. Gegenpositionen sind gleichberechtigte Faktoren der Stadtgeschichte. Vor allem im Sammeln relevanter Objekte soll sich diese Haltung widerspiegeln. Die Sammlungen sollen, so ein Strategiepapier des Wien Museums, „gesellschaftliche Pluralität und Diversität dokumentieren“. Deshalb gilt es, „sich verstärkt auch um Objekte zu bemühen, die von Widerstand und Gegentrends erzählen“. Einiges wurde in den vergangenen Jahren erreicht, Themen wie Arena-Besetzung oder Protestkultur sind in der Sammlung einigermaßen vertreten – durch Ankäufe (vor allem von Fotografien), aber auch durch Schenkungen. Speziell eine Schenkung war unmittelbarer Auslöser für diese Ausstellung: jene von Peter Hirsch, der

einst in der Arena-Fotogruppe aktiv war und seit den 1970er-Jahren Demonstrationen mit dem Fotoapparat begleitet hat. Hirsch übergab dem Museum mehrere Schachteln mit Fotos und dokumentarischem Material, eine Auswahl daraus wird nun erstmals gezeigt. Ich nütze diese Gelegenheit, um mich bei Peter Hirsch herzlich zu bedanken. Neben den Exponaten aus der Museumssammlung sind in der Schau Besetzt! zahlreiche Leihgaben zu sehen, zum Beispiel aus der Wienbibliothek im Rathaus (u. a. aus dem Nachlass Dieter Schrage) oder aus dem Wiener Stadt- und Landesarchiv. Vor allem aber haben wir den vielen privaten LeihgeberInnen und Vereinen zu danken. Ohne sie ließe sich eine Grassroots-Bewegung im Museum nicht dokumentieren.

Kampf der Zeichen Zu sehen sind vor allem Fotos, Plakate, Flugzettel und Mediendokumente. Nur indirekt lassen sich durch diese Atmosphäre und Stimmung vermitteln, zumal es darum geht, an Momente des Spontanen und mit hoher Intensität und emotionaler Aufladung zu erinnern. Doch Bild- und Textzeugnisse sind nicht nur Informationsträger, sondern selbst Originalquellen – ästhetische Flaschenpost aus dem Inneren von widerständigen Gruppen und gegenkulturellen Milieus. Es wird deutlich, dass beispielsweise in der Arena-Bewegung quasi über Nacht eine Corporate Identity zur Verfügung stand, eine grafica povera mit spezieller Typografie, bunt naivem Comic-Stil, lässiger Rasanz, einfachen Collagetechniken und billigstem Papier. Natürlich konnte man dabei auf eine Vorgeschichte der UndergroundÄsthetik zurückgreifen, die sich in den 1970erJahren in Westeuropa entwickelt hatte. Auffällig ist, das gilt auch für spätere Konfrontationen, dass die Formensprache des Protests zur kommerziellen Popkultur ebenso deutlich Abstand hielt wie zur zwänglerischen Fadesse der neomarxistischen Dogmatiker. Eine Ausstellung wie diese zeigt also auch so etwas wie kollektive Handschriften von AktivistInnen, die ohne Finanzkraft im öffentlichen Raum ihre Identität demonstrieren wollen. Kulturkampf ist immer auch ein Kampf der Zeichen. Die Ausstellung präsentiert Protest-Materialien aus mehreren Jahrzehnten: Man kann mitverfolgen, wie sich die Bild- und Zeichensprache ebenso wie der Habitus der AkteurInnen und die Poesie der Parolen im Lauf der Zeit verändern, parallel zur jeweiligen Leitmusik: von Hippierock und Polit-Songs zu Punk und Metal.

13

Kuratorin Martina Nußbaumer und Kurator Werner Michael Schwarz plädierten mit Recht dafür, aufzublenden und einen Längsschnitt zu machen, um die vorherigen Konflikte ebenso wie die Besetzungen in den Jahren und Jahrzehnten danach in die Storyline zu holen, bis ins frühe 21. Jahrhundert. Kontinuitäten können damit ebenso herausgearbeitet werden wie notwendige Differenzierungen. Während die Arena-Besetzung mit grellem Marker in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben ist und heute noch bestehende selbstverwaltete Häuser wie WUK, Amerlinghaus oder Rosa Lila Villa inzwischen Wiener Normalität sind, sind andere Brennpunkte des „Häuserkampfs“ in der breiten Erinnerung nur mehr diffus präsent. Das gilt sogar für solche, die wie das Jugendzentrum in der Gassergasse und die besetzten Häuser in der Aegidigasse mehrere Monate lang für öffentliche Erregung sorgten, bis nach brutalem Polizeieinsatz die Aufsässigen ihre Kurzzeitheimat räumen mussten.


Achtung, Veteranen!

14   VORWORT

Besetzt! erzählt von Kämpfen, gewonnenen und verlorenen. Die Zeit davor hat der Autor Peter O. Chotjewitz einmal als „dreißigjährigen Frieden“ bezeichnet, als Zeit der Passivität und Anpassung. Für viele der an den Besetzungen unmittelbar Beteiligten handelte es sich um die intensivsten Episoden ihrer Biografie. Aber auch für „Arenatouristen“, SympathisantInnen und NutzerInnen der Alternativangebote in WUK, Amerlinghaus oder GAGA waren es prägende Erlebnisse. Einige fanden in der Besetzungsbewegung für längere Zeit oder sogar auf Dauer ihre Lebensrolle – nach dem Motto: „Wir lassen uns nicht korrumpieren“. Viele sind längst – bewusst oder unbewusst – Veteranen ihres Engagements, manchmal auch bemüht, ihre Erinnerungswahrheit von anderen abzugrenzen. Schließlich kam es immer wieder zu internen Konflikten. Und die Tradierung von heroischen Ereignissen neigt zur Mythenbildung – und Mythen sind bekanntlich nie eindeutig. Wahrscheinlich war es gut, dass Konzept und kuratorische Umsetzung dieser Ausstellung in den Händen von einem Kurator und einer Kuratorin des Wien Museums lagen, die um eine Generation jünger sind als die AktivistInnen der 1970er-Jahre. Martina Nußbaumer war noch nicht auf der Welt, als tausende Enthusiasten den Auslandsschlachthof für besetzt erklärten, Werner Michael Schwarz war im Volksschulalter. Diese persönliche Distanz erlaubt ihnen, Fakten von Mythen zu trennen (soweit dies hier möglich war), Zusammenhänge neu zu erkunden und zeitübergreifende Fragen zu stellen – sei es zur Verhandlungstaktik der Gemeinde, zur Rolle der Medien oder zur strukturellen Dynamik von selbstverwalteten Jugend- und Kulturzentren. Für ihr akribisches Erkunden der nur zum Teil wissenschaftlich bearbeiteten Ereignisse habe ich zu danken, ebenso wie all jenen Aktivisten und Aktivistinnen von vorgestern, gestern und heute, die in Gesprächen (und zum Teil auch in Katalogbeiträgen) Auskunft gaben über ihre Erfahrungen. Für einige war es sicher eine heikle Frage, ob man mit dem Museum einer Stadt, gegen die man immer wieder angekämpft hat, kooperieren soll. Ganz altmodisch möchte ich darauf hinweisen, dass das Wien Museum eine Bildungsinstitution ist, und speziell diese Ausstellung hat das Ziel, das Wissen über wichtige Ereignisse der jüngeren Stadtgeschichte zu schärfen. Mein Dank gilt insbesondere Thomas Hamann, dem räumlichen und grafischen Gestalter der

Ausstellung, dem Bueronardin für die Gestaltung des Katalogs und der Werbemittel, dem Produktionsteam um Bärbl Schrems und den AutorInnen des Katalogbuches. Ich freue mich, dass es bei diesem wichtigen Wien-Thema zu einer weiteren Kooperation mit dem Czernin Verlag kam. Im Begleitprogramm zur Ausstellung finden sich Gespräche mit „Zeitzeugen“, ein Abend mit Vergleichen zwischen Zürich und Wien („Züri brennt, Wien pännt“), Stadtexpeditionen in die Gegend der ehemaligen Arena, zum Spittelberg, zum WUK und zu anderen Orten historischer Besetzungen – und ein „Abend für Dieter Schrage“ am 29. Juni 2012, genau ein Jahr nach dessen Tod.

Scheitern als Erfolg Schrage war ein engagierter Intellektueller, Politaktionist und Kulturmensch, ein „sanfter Anarchist“ und listiger Brückenbauer, der sich unermüdlich für eine Öffnung des Wiener Kulturlebens und für die Schaffung gegenkultureller Freiräume einsetzte. Schrage agierte in vielen Rollen, eine sein Leben prägende war die des Sprechers der Arena-BesetzerInnen. Auch bei späteren Besetzungen war er als Verhandler und Vermittler involviert. Es macht Sinn, diese Einleitung mit vier Zitaten von Dieter Schrage zu schließen, gefunden in einem unveröffentlichten Manuskript über autonome Jugendkultur in Wien: „Wichtig ist das Erringen von Räumen als Ort der Identifikation und Kommunikation, aber auch als Basis für weitere Agitation und Information im Sinne der emanzipatorischen bzw. gegenkulturellen Ziele.“ Und: „Gegenkulturen, vor allem, wenn sie erfolgreich verlaufen, enden bisher immer im Irgendwo zwischen Widerstand und Anpassung.“ Auffallend sei es, so Schrage am Schluss seines Textes, „dass in Wien die meisten gegen- bzw. subkulturellen Initiativen sehr schnell in einem angemeldeten Verein münden“. Und ganz am Schluss schreibt der Dialektiker Schrage: „Paradox, aber nicht ganz unrichtig läßt sich abschließend formulieren: wirklich erfolgreiche Gegenkulturen sind die, die gescheitert sind.“

Wolfgang Kos, Direktor des Wien Museums


1.

15

 einführung 


„Für Alle“. Eigenarten von Hausbesetzungen und Kämpfen um selbstverwaltete Kulturzentren in Wien 16    1. EINFÜHRUNG — FÜR ALLE

martina nuSSbaumer, werner michael schwarz Von der Pankahyttn über die Arena 1976 bis hin zum Amerlinghaus lässt sich ein Schlagwort kontinuierlich zurückverfolgen, um das alle Konflikte und Verhandlungen im Wiener „Häuserkampf“ seit den 1970er-Jahren kreisen. „Alles für Alle“ lautet das Selbstverständnis der 2007 eröffneten Pankahyttn, das Amerlinghaus proklamierte sich 1975 als ein „Haus für Alle“, und auch die Flugblätter der Arena waren regelmäßig an „Alle“ gerichtet: „Allen“ sollte der besetzte Schlachthof am Ende gehören. Als die Gemeinde und die verantwortlichen PolitikerInnen der SPÖ anlässlich der Besetzung der Arena 1976 erstmals massenhaft mit dieser Forderung konfrontiert wurden, waren sie wohl auch deswegen so irritiert, weil sie diesen Begriff als Zielrichtung für ihre eigene Politik beanspruchten, das aber in einem – zumindest methodisch – ganz anderen Sinn. „Für Alle“ brachte auf den Punkt, worauf sich eine in ihren Zielen und theoretischen Grundlagen sehr heterogene Protestbewegung als zentrale Idee verständigen konnte: auf die Notwendigkeit einer Alternative zur funktionalistischen Stadtvision und der davon abgeleiteten praktischen Planung, wie sie auch für Wien nach dem Zweiten Weltkrieg dominant war. „Für Alle“ richtete sich gegen jene Konzepte, die das städtische Leben in getrennten Abschnitten, Funktionen und Bedürfnissen definierten, und ihre ideale Bedienung durch rationale Planung: Arbeit und Freizeit, Produktion und Konsum. „Für Alle“ eröffnete demgegenüber einen Raum, in dem diese Trennungen aufgehoben sein sollten. Einen Raum, in dem die durch eine auf Arbeitsdisziplin und Konsum basierende Wohlfahrtspolitik nicht befriedigten, ,eigentlichen‘ Bedürfnisse nach Freiheit, Selbstbestimmung und individueller Entfaltung möglich wären. Einen Raum, der nicht von der Stadt, sondern „von allen“, die dort tätig sind, selbst verwaltet würde. Im Ideal sollte die Selbstverwaltung in Amerlinghaus und Arena, um die ersten beiden konkreten „Freiraum“-Projekte

in Wien zu nennen, auf der direkten Mitbestimmung „Aller“ und einem Kulturbegriff beruhen, der auf eine Aufhebung der Trennung von Produktion und Konsum, Kunst und Publikum, Politik und Alltag abzielte. Die Dynamik insbesondere der Arena ging nicht nur davon aus, das in die Entscheidungsprozesse „Alle“ involviert sein sollten, sondern auch von einer zweiten Bedeutung des Begriffs: „Alle“ ermächtigte zu direktem Handeln, dessen Legitimität aber erst durch die Praxis beurteilt wurde. „Alle“ waren berechtigt zu handeln, ganz entgegen dem Prinzip der Bürokratie, die im Ideal dafür eine Berechtigung oder Bewilligung voraussetzt. „Alle“ meinte damit Mitbestimmung und selbstständiges Tun und stellte damit den Kern funktionalistischer Planung und Wohlfahrtspolitik grundlegend zur Disposition. Entflechtung: Funktionalistische Stadtplanung und Wohlfahrtspolitik Unter dem Begriff „Entflechtung“ war diese in der Nachkriegszeit dazu angetreten, die auf die 1930er-Jahre zurückgehende Idee umzusetzen, die Stadt entlang scheinbar feststehender Funktionen umzubauen. Nicht wenige PlanerInnen zeigten sich nach 1945 enttäuscht über das geringe Ausmaß der Kriegszerstörungen in Wien und blickten mit einem gewissen Neid nach Deutschland, wo der (Wieder-)Aufbau der Städte nach rationalen Gesichtspunkten sehr viel einfacher erschien.1 Die „alte Stadt“ mit ihrer gewachsenen Struktur wurde als Hindernis betrachtet – mehr als zwei Jahrzehnte lang. Nach der Idee der PlanerInnen und PolitikerInnen sollten Wohn- und Arbeitszonen, Produktion und Rekreation zum Zweck ihrer jeweiligen Rationalisierung streng voneinander getrennt werden. Die damit verbundene Verlängerung der innerstädtischen


gründerzeitlichen Massenwohnbaus. Terrorwirkung habe die heftig propagierte „Neue Wohnkultur“ auch auf die familiäre und häusliche Ordnung: „Die Mutter gibt scharf darauf acht, daß es so bleibt, daß nichts schmutzig wird, daß sich nirgends ein Kratzer zeigt, daß auf den weißen Türen keine ,Tapper‘, daß auf dem Linoleum und dem Parkettboden keine Tritte zu sehen sind. Die neuen, schönen Wohnungen terrorisieren uns alle.“ Für das behördliche Denken in den 1950er-Jahren ungewöhnlich schloss sie ihre Kritik mit dem Lob auf die ungezwungenen Lebensbedingungen in den „wilden Siedlungen“ jenseits der Donau und plädierte für die Errichtung städtischer Jugendzentren, die von den Jugendlichen mitverwaltet werden sollten.

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Wege setzte wiederum den Ausbau und die Beschleunigung des Verkehrs voraus. Die für Wien typischen Unterführungen dienten der ,Ableitung‘ der FußgängerInnen in den Untergrund, unmittelbare ,Hindernisse‘ wurden beseitigt (Berühmtheit, auch wegen der massiven Proteste, erlangte der Abriss der Rauchfangkehrerkirche im Jahr 1965). Die Abkehr von der traditionellen Blockverbauung hatte drastische und bewusst beabsichtigte Folgen für das Stadtleben und spielte später in den kritischen urbanen Bewegungen eine zentrale Rolle. Zur besseren Versorgung mit Licht und Luft und im Zuge einer grundsätzlichen Abkehr vom repräsentativen Bauwerk wurden die Häuser quer zur Straßenführung gesetzt, um Wohn- und Verkehrsflächen klar voneinander zu trennen. Der Straße wurden jene Funktionen entzogen, die über ihre bloße Nutzung als Verkehrsflächen hinausgingen; es entfiel der Platz für Geschäfte, Werkstätten oder Gaststätten. Durch in regelmäßigen Abständen eingeplante „Ladenstraßen“ sollte zudem die Versorgung zentralisiert und rationalisiert werden. Diese Politik, die Straße von allen ,Hindernissen‘ freizumachen, machte auch vor den Gehsteigen nicht halt. So untersagte die Straßenverkehrsordnung von 1960 das „unbegründete Stehenbleiben“ und erhob eine dadurch verursachte Behinderung des „Fußgängerverkehrs“ zu einem verwaltungsrechtlichen Delikt.2 Diese Regelung zielte allerdings nicht nur auf die tatsächliche Vermeidung konkreter Störungen. Sie muss in ihrer Detailliertheit auch als eine allgemeine Aufforderung zu diszipliniertem Verhalten verstanden werden, die insbesondere an Jugendliche adressiert war, die über die Figur des „Eckenstehers“ in den moralisierenden Diskursen der 1950er-Jahre unter dem Generalverdacht einer Neigung zu Arbeitsverweigerung und Kriminalität standen. Für die Sozialdemokratie hatte das Projekt der „Befreiung“ der Straßen von allen anderen Tätigkeiten als jener der scheinbar rationalen, geradlinigen Fortbewegung auch eine symbolische Bedeutung. Denn anders als während des gründerzeitlichen Massenelends sollten die Menschen, insbesondere die Kinder, nicht mehr auf die Straße als Treffpunkt und Spielplatz angewiesen sein. Diese Politik der „Entflechtung“ der Stadt bestimmte nicht nur die großräumige Planung, sondern setzte sich auch in der Zonierung der neuen Wohnsiedlungen fort. Die öffentlichen Bereiche in den Siedlungsanlagen wurden parzelliert und jeder – von oben definierten – Gruppe ein entsprechender Platz zugewiesen. Eltern mit Kleinkindern, Kinder, Jugendliche oder PensionistInnen erhielten eigene Versammlungs- und Bewegungsräume mit einer jeweils entsprechenden Infrastruktur. Diese vorherrschende Form der Planung blieb allerdings auch in den 1950er-Jahren nicht unwidersprochen. Bereits 1954 machte die Jugendbetreuerin Edith Rauser in einem fingierten Dialog drastisch auf die negativen Folgen insbesondere für Jugendliche aufmerksam.3 Sie sprach vom „Terror“ in diesen Anlagen und meinte damit nicht nur die Enge und Lärmdurchlässigkeit der neuen Wohnungen – 80 Prozent von ihnen waren damals nur zwischen 25 und 63 Quadratmetern groß und blieben somit im Rahmen des

„Ein Haus für Alle“, Flugblatt des Amerlinghauses, 1975  → 1.5

Heinz Riedler: Die Große Halle in der Arena, 1976


18    1. EINFÜHRUNG — FÜR ALLE

Eine Forderung, die, von Versuchen (im Jugendzentrum Fuhrmanngasse) abgesehen, bei der ersten Wiener Hausbesetzung in Simmering 1975 wieder erhoben werden sollte.4 Was in den 1950er- und 1960er-Jahren Stadtplanung und Politik – um den Unterschied zu den kritischen Bewegungen zu markieren – unter einer Kultur für „Alle“ und einem dafür geeigneten Raum verstanden, vermittelt das Konzept der Wiener Stadthalle. Das für die späten 1950er-Jahre gigantische Bauwerk – einen guten Eindruck vermittelt die Vogelschau auf den mächtigen Baukörper in der gründerzeitlichen Umgebung – sollte alle denkbaren Sport- und Kulturveranstaltungen unter einem Dach beherbergen. Die Kunst des Architekten, des im Jahr der Fertigstellung (1958) zum Wiener Stadtplaner bestellten Roland Rainer, bestand darin, eine neutrale Konstruktion zu schaffen, innerhalb der alle Elemente beweglich bleiben sollten, die sich den jeweiligen Anforderungen entsprechend immer neu zusammensetzen ließen – ein gigantischer Baukasten sozusagen. Das Theater – auch eine Metapher für die Funktionsweise des Bauwerks – konnte so in kürzester Zeit in eine Radrennbahn oder Boxhalle umgewandelt werden. Der komplexen technischen Lösung stand das Ziel einer hochgradigen Vereinfachung, Homogenisierung und Harmonisierung der städtischen Gesellschaft gegenüber. Den Anspruch, den die Stadthalle und mit ihr die sozialdemokratische Kulturpolitik repräsentierte, bedeutete den Höhepunkt der Vision der Stadt als einer überschaubaren, über scheinbar klar erkennbare Bedürfnisse und Funktionen ihrer einzelnen Teile regulierbaren Gemeinschaft. Dazu der Wiener Bürgermeister Franz Jonas in einem Radiovortrag 1954: „Unsere Stadt soll ja keine Anhäufung von einzelnen Häusern sein, sondern ein organisches Gebilde nach einem großen Konzept.“5 Gegen die „Enthumanisierung“ der Stadt Noch lange bevor die eigentliche Geschichte der Wiener Hausbesetzungen beginnt, setzte in den 1960er-Jahren aus verschiedenen Richtungen eine grundlegende Infragestellung der funktionalistischen Stadtplanung ein. Künstlerische Interventionen und Provokationen wie Günther Brus’ berühmter Wiener Spaziergang 1965 zählten dazu,6 aber auch im direkten Umfeld der Stadt zeigten sich Anzeichen eines bevorstehenden Paradigmenwechsels. 1964 widmeten die Wiener Festwochen dem Thema Wien um 1900 mehrere Ausstellungen zu Otto Wagner, Adolf Loos und Josef Hoffmann. Und der Aufbau, die Zeitschrift der Wiener Stadtplanung, relativierte sozusagen offiziell die bisher kritische Bewertung des bürgerlichen Städtebaus und schaltete eine Sondernummer.7 Zum Zeitpunkt, als die industrielle Vor- und Massenfertigung im Bauwesen gerade jenen Entwicklungsstand erreichte, auf den man seit dem Krieg hingearbeitet hatte, wurden die ihr zugrunde liegenden Konzepte radikal hinterfragt. 1971 lud die SPÖ-Jugendorganisation Junge Generation zu einer kommunalpolitischen Konferenz nach Salzburg unter dem programmatischen Titel „Humanisierung der

„Arena, Aufbruch zu einer neuen Kultur“, Flugblatt der Arena, 1976  → 3.8

Stadt“. Angeregt von internationalen, äußerst pessimistischen Prognosen für die Zukunft der Städte und unter Beteiligung von PolitikerInnen, ArchitektInnen, StadtplanerInnen, DenkmalschützerInnen und SozialpsychologInnen forderten die Arbeitskreise eine radikale Zäsur. Der Nationalratsabgeordnete und spätere Innenminister Karl Blecha skizzierte in seinem in der Begleitbroschüre erschienenen Vorwort die Problemzonen und stellte wohl mit Blick auf Wien der bisherigen Praxis ein vernichtendes Zeugnis aus. Neben grundlegenden Faktoren der „Enthumanisierung“ der Städte wie Grundstücksspekulation und Umweltvernichtung konstatierte er Isolation, mangelnde Ästhetik und Überbelastung. Unter anderem forderte er eine Rückkehr zur „Multifunktionalität auf engem Raum“, eine „Verbannung der Autos aus dem innerstädtischen Verkehr“, „Flexibles Wohnen“, „Freiraum für Sub-Kulturen“ und Partizipation als „Grundmuster des städtischen Lebensstils“.8 1973 geriet die Stadt erstmals auch konkret an die Grenzen bürgerInnenferner Planung. Eine BürgerInneninitiative, bald kräftig von der Kronen Zeitung unterstützt, setzte der Verbauung des Sternwarteparks im 18. Bezirk heftigen Widerstand entgegen. Nachdem eine Volksbefragung (die


Zuspitzung. Die Arena -Besetzung 1976 Berücksichtigt man, dass bereits um 1970 prominente Stimmen aus der damals in Wien und auf Bundesebene allein regierenden SPÖ massive Kritik an der Stadtpolitik der vergangenen Jahrzehnte übten, die auch von unabhängigen Massenmedien geteilt wurde, erscheint die Besetzung der Arena und die breite Sympathie dafür weniger als „elementares“, wie es Bruno Kreisky 1977 nannte, sondern als ein erwartbares Ereignis. Eines, das auch als das Ergebnis tiefer Enttäuschungen über nicht eingelöste Versprechen zu sehen ist. Neuerliche Enttäuschungen sollten folgen: Denn die Reaktion der Gemeinde war, ungeachtet der Sympathie der zuständigen Stadträtin Gertrude Fröhlich-Sandner für die Arena-BesetzerInnen, von Beginn an auf die Nichterfüllung der Forderungen ausgerichtet. Mit großer Selbstsicherheit und trotz der Aufdeckung – zurückhaltend formuliert – problematischer Machenschaften rund um den Verkauf des Geländes an die Firma Schöps reagierten die Rathausverantwortlichen mit Hinhaltetaktik und schikanösem Verhalten, das auch die von den BesetzerInnen als „Kulturmutti“ apostrophierte Stadträtin nicht kompensieren konnte. Parallel polemisierte die Arbeiter-Zeitung, das Parteiorgan der SPÖ, offen gegen die BesetzerInnen, machte sie zunächst lächerlich und versuchte später, sie zu kriminalisieren.10

„Versprochen und nicht gehalten“ aus der Broschüre „Arena Dokumente: leere Versprechen der Gemeinde nacherzählt mit ihren eigenen Worten“, 1977 → 4.8

Zumindest in der Parteizentrale der SPÖ dürften bereits Mitte Juli 1976, zwei Wochen nach dem Beginn der Besetzung, die Alarmglocken geschrillt haben. In einem Bericht an Bundeskanzler Kreisky ist vom zögerlichen Verhalten der Gemeinde die Rede und von dadurch möglichen „großen Komplikationen“.11 Aus einer machttechnischen Perspektive heraus zeigt der Bericht durchaus Voraussicht: Je länger es dauern würde, den „Jugendlichen“ eine Alternative anzubieten und je mehr sie sich auf dem Gelände „einrichten“ würden, desto schwieriger wäre es, „Lösungen“ zu erreichen. „Extrem linke Gruppierungen (Kommunistischer Bund, GRM)“ würden sich die Situation zunutze machen und zudem wären Mitglieder der eigenen Jugendorganisationen unter den BesetzerInnen. Die Stadt bot zwar tatsächlich Alternativen an, die nur im Fall des benachbarten Inlandsschlachthofs hinsichtlich Größe und Möglichkeiten einigermaßen adäquat waren. Auch die „größeren Komplikationen“, die der Bericht im Fall einer Prolongierung des Verhaltens der Gemeinde prophezeite, sollten sich erfüllen. Anders als von der Stadt offenbar erwartet, zerfiel die Bewegung nicht mit dem Abriss der Arena, und auch die Hinhaltetaktik gegenüber dem kleinen Kreis von AktivistInnen um Dieter Schrage, die das Angebot des Inlandsschlachthofs zur Verwirklichung der „neuen“ Arena angenommen hatten, ging nicht auf. Ausgerechnet aus den Reihen der eigenen Jugendorganisationen artikulierte sich auf dem traditionellen Fackelzug vor dem 1. Mai 1977 breiter Unmut mit der Forderung nach einer Einhaltung der Versprechen. In diesem Fall, das belegen Aktenstücke im Kreisky Archiv, dürfte der Bundeskanzler erfolgreich interveniert haben. Schon kurze Zeit

„Wir halten seit 16 Uhr das Haus Wielandgasse 2–4/ Gudrunstr. 133 X. Bezirk besetzt“, Flugblatt des EKH vom 23. Juni 1990  → 14.3

19

erste in Wien) zuungunsten der Gemeindepläne entschied, trat Bürgermeister Felix Slawik überraschend zurück.9


später wurde ein Bittleihvertrag mit dem Verein Forum Wien Arena unterzeichnet – allerdings nur über ein Viertel der ursprünglich zugesagten Fläche.12

20    1. EINFÜHRUNG — FÜR ALLE

Wiener Konflikt- und Verhandlungsstile Der Adressat der Forderungen der Wiener HausbesetzerInnen in den 1970er- und 1980er-Jahren war im Gegensatz zu anderen europäischen Großstädten nicht in erster Linie der Markt und damit ein unpersönliches System, sondern eine Kommunalpolitik, auf die das josephinische Regierungsmotto „Alles für das Volk – nichts durch das Volk“ durchaus zutrifft und deren Wohlfahrtsplanung eine hohe Bereitschaft für Disziplin und Unterordnung voraussetzte. Es zählten nicht in erster Linie objektivierbare Fakten wie Preise von Grundstücken oder Häusern, die in dieser Zeit im internationalen Vergleich in Wien relativ niedrig waren, sondern Auffassungen von Politik, ihre oft sehr alltagspraktische Umsetzung und die Meinungsmache in den Massenmedien. Das verhalf der jeweils relativ kleinen AktivistInnen-Szene zwischenzeitlich zu beachtlicher Sympathie in Medien und Bevölkerung weit über das linke Spektrum hinaus und erklärt auch die Spezifik der Wiener Konflikte und Verhandlungsführungen, die stark von Emotionen, überraschenden Bündnissen, Hinhaltetaktik und oft plötzlichen Entscheidungen seitens der Verantwortlichen der Stadt geprägt waren. Einige „Episoden“ mögen dafür als Beleg dienen. Als im Sommer 1980 AktivistInnen der BurggartenBewegung das Rathaus am Tag der offenen Tür stürmten, vereinbarte Bürgermeister Leopold Gratz über Megafon scheinbar spontan und unter großem Beifall mit den DemonstratInnen einen Termin. Dass er zum gegebenen Zeitpunkt in den USA weilen sollte, dürfte er in diesem Moment wohl gewusst, aber auf eine zwischenzeitliche Zerstreuung der Bewegung gesetzt haben.13 Das ohne sein Beisein dann tatsächlich stattgefundene Gespräch endete mit einem vorzeitigen Abbruch und deutlich gewachsener Feindseligkeit auf beiden Seiten. Als am 1. März 1981 in der Wiener Innenstadt nach Auflösung einer Demonstration, die zur Besetzung zweier vom Abbruch bedrohter denkmalgeschützter Häuser führen sollte, einige Auslagen in Bruch gingen und die Bilder von den Zürcher „Jugendkrawallen“ noch in wacher Erinnerung waren, übergab die Gemeinde fast panikartig binnen weniger Tage zwei Häuser: die Gassergasse (GAGA) und das WUK im ehemaligen Technologischen Gewerbemuseum (TGM).14 Ersteres ließ sie nach zwei Jahren unter Berufung auf AnrainerInnenproteste und Drogenkonsum wieder gewaltsam räumen. Zu dieser Zeit kam auch eine neue Strategie zur Anwendung, die zumindest retrospektiv als überraschend improvisiert erscheint. Aus Linz wurde Wolf Sator angeworben, der in den Niederlanden an selbstverwalteten Jugendprojekten gearbeitet und unter anderem die Stadtwerkstatt Linz initiiert hatte. Über einen Verein wurde ihm die Aufgabe übertragen, in jedem der 23 Bezirke Wiens jeweils zwei im Gemeindeeigentum stehende Abbruchhäuser

Jugendlichen zur Instandsetzung und zur alternativen Nutzung zugänglich zu machen und diese zu betreuen. Nach der Übergabe von vier Häusern, darunter der Spalowskygasse 3 und der Rosa Lila Villa, beide im sechsten Bezirk, wurde das Projekt 1986 eingestellt und der Verein aufgelöst. Hintergrund war nach Auskunft der damals Beteiligten der Wechsel von Vizebürgermeisterin FröhlichSandner in die Bundespolitik im Herbst 1984.15 Eine Rolle dürfte aber auch die seit 1982 großzügige Förderung der Althaussanierung durch die Gemeinde gespielt haben, wodurch der Wert alter Häuser generell beträchtlich gesteigert wurde.16 Im Zuge der Einstellung der Tätigkeit des Vereins wurden auch die Verträge mit den BewohnerInnen der Häuser Spalowskygasse 3 und Aegidigasse 13 gekündigt, deren BewohnerInnen jedoch weiterhin in den Häusern blieben und als Hausgemeinschaft Aegidi/Spalo politische Akzente im Bezirk setzten. Momente einer Farce hatte das gewaltsame Ende dieser Hausgemeinschaft zwei Jahre später, wobei der Vorgang bis heute Verwirrung stiftet. Die Räumung der Spalowskygasse wurde mit der Weigerung der BewohnerInnen begründet, der Baupolizei Zutritt zu gewähren; jene der Aegidigasse wiederum mit einem Haftbefehl gegen die am Vortag angeblich in die Aegidigasse geflüchteten BewohnerInnen der Spalowskygasse. Die beim Polizeieinsatz verursachten Schäden am Haus wiederum dienten der Gemeinde als Begründung für den Abriss. Am Ende übernahm niemand die Verantwortung. Bei der Räumung unter Anwesenheit prominenter StadtpolitikerInnen wurden sieben Polizisten verletzt und 67 BewohnerInnen nach teils schweren Misshandlungen verhaftet. Der Verfassungsgerichtshof verurteilte später das Vorgehen der Polizei als „unmenschlich und erniedriegend“.17 Bei der Räumung wurde auch ein Abteilungsleiter des Sozialministeriums, der sich im Haus um Verhandlungslösungen bemüht hatte, verhaftet. Dieses Vorkommnis ist zum einen Beleg für die in den 1970er- und 1980er-Jahren wesentlich liberalere Haltung der Bundes-SPÖ im Gegensatz zur Stadt-SPÖ, zum anderen für die keineswegs starre Front zwischen HausbesetzerInnen und Politik beziehungsweise Bürokratie. Der für seine innovative Arbeitsmarktpolitik geschätzte Sozialminister Alfred Dallinger etwa bot der Hausgemeinschaft Aegidi/Spalo nach der Räumung ein leer stehendes Arbeitsamt im fünften Bezirk an, was jedoch von der Stadt, speziell der Bezirks-SPÖ, vereitelt wurde.18 Auch die Durchsetzung des WUK und des Frauenzentrums nach mehrjährigen zähen Verhandlungen verdankt sich in einem nicht geringen Ausmaß den guten Kontakten und der Sympathie eines Teils der Beamtenschaft. Versachlichung und Machtverlust? Blendet man in die Gegenwart oder zumindest in den Zeitraum der letzten Jahre, dann zeigen sich deutliche Verschiebungen im Verhältnis zwischen der Stadt und den HausbesetzerInnen. Die Gemeinde hat einerseits ihr Verhalten allem Anschein nach deutlich versachlicht, man könnte auch sagen,


1 Vgl. Rudolf Zunke: Wiener Stadtplanung in der Wiederaufbauära nach dem Zweiten Weltkrieg, Dipl.-Arb., Wien 1993. 2 Straßenverkehrsordnung von 1960, § 78 c. 3 Edith Rauser: Kulturelle Jugendzentren in Wien, in: Der Aufbau (August 1958), S. 298ff. 4 Siehe auch den Beitrag von Siegfried Mattl in diesem Katalog. 5 Der Aufbau 10 (Oktober 1954), S. 443. 6 Siehe den Beitrag von Lisa Wögenstein.

7 Der Aufbau 2 (1964). 8 Karl Blecha: Humanisierung der Stadt, in: Junge Generation SPÖ (Hg.): Humanisierung der Stadt. Berichte der Kommunalpolitischen Konferenz vom 20. und 21. November 1971 in Salzburg, Wien 1971, S. 11ff. 9 Siegfried Mattl: Wien im 20. Jahrhundert, Wien 2000, S. 80f. 10 Siehe den Beitrag von Leonhard Weidinger. 11 Kreisky Archiv, Box 3/Kunst, Konvolut Arena. 12 Vgl. Broschüre im Kreisky Archiv, Box 3/Kunst, Konvolut Arena: „Arena Dokumente: leere Versprechen der Gemeinde nacherzählt mit ihren eigenen Worten“, Wien 1977. 13 Die Szenen sind auf Videomaterial festgehalten. Medienwerkstatt Wien: „Burggarten“ aus der Reihe „Volks stöhnende Knochenschau“, Wien 1980. 14 Siehe den Beitrag von Andreas Suttner. 15 Gespräch der HerausgeberInnen mit Wolf Sator am 4. Jänner 2012. 16 Siehe den Beitrag von Christian Peer. 17 Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs vom 25. Februar 1991. 18 Siehe den Beitrag von Erich Dimitz. 19 Siehe den Beitrag von Arno Uhl. 20 Vgl. Beat Weber: Die Arena hat Kinder, in: Malmoe 33 (2006), www.malmoe.org/artikel/erlebnispark/1228 (20. 3. 2012).

Martina NuSSbaumer, Historikerin, Kuratorin im Wien Museum, Radiojournalistin (Ö1). Werner Michael Schwarz, Historiker, Kurator im Wien Museum, Dozent an der Universität Klagenfurt. 21

dazugelernt, und versucht, Konflikte seither im Vorfeld besser abzuschätzen. Das geschah etwa im Zusammenhang mit dem Ernst Kirchweger Haus, das die Stadt, nachdem es die KPÖ 2004 an einen Investor ausgerechnet mit rechtsextremer Vergangenheit veräußert hatte, zur Vermeidung erwartbarer Auseinandersetzungen zurückkaufte. Andererseits scheinen Besetzungsbewegungen für die Gemeinde insgesamt an Bedrohlichkeit verloren zu haben. Mit der Pankahyttn wurde 2007 noch einmal ein – aus der Sicht der Stadt soziales, aus der Sicht der Punks gegenkulturelles und politisches – Projekt unterstützt.19 Doch neue Häuser werden seither nicht mehr zugestanden, und Subventionen für Freiraumprojekte, die sich nicht in ökonomisch verwertbare Stadtmarketing-Konzepte einfügen, verstärkt infrage gestellt.20 Auch für manche etablierte, aus Hausbesetzungen entstandene Projekte wie das Amerlinghaus steht die Unterstützung zur Disposition. Zeitgleich hat die Gemeinde ihre Bedeutung als Hauptadressat der Bewegungen eingebüßt. Das größte Gegenüber sind heute, wie bereits in den westeuropäischen Großstädten der 1970er-Jahre, der Markt und internationale Investoren, das Kapital ist der entscheidende Maßstab beim Abwägen der Reaktionen. Daher ist für Wien relativ neu, dass das Interesse von HauseigentümerInnen und AktivistInnen an Freiräumen, zumindest auf einen konkreten Ort bezogen, über das Angebot von Zwischennutzungen zu vorübergehenden Partnerschaften führen kann. Im Rückblick auf die Bewegungen der 1970er- und 1980erJahre, die für viele gesellschaftlich heute hoch akzeptierte Veränderungen gekämpft haben – Unterstützungen für Alternativkultur etwa, eine breitere Medienlandschaft oder Alternativschulprojekte –, für die die AktivistInnen ein teilweise hohes persönliches Risiko eingegangen sind, wäre es der Gemeinde anzuraten, auch ihre gegenwärtigen NachfolgerInnen ernst zu nehmen und sich aktiv und nicht abwehrend in das von diesen durch Aktionen eröffnete Handlungsfeld einzuschalten. Denn mit ihren Forderungen nach leistbarem Wohnen und nach Räumen für individuelle und kollektive Erfahrungen jenseits des ökonomischen Verwertungsdrucks erinnern diese Bewegungen die Gemeinde an einige ihrer ursächlichsten Aufgabenfelder, in denen sie in den letzten Jahren ihre Handlungsmacht gegenüber dem Markt zurückgenommen hat. Und wie ihre VorgängerInnen in den 1970er-Jahren sind auch die aktuellen Besetzungsbewegungen empfindliche Seismografen von Unbehagen in der Stadt, das weit über das engere Umfeld dieser Bewegungen hinausgeht.


22    1. EINFÜHRUNG — Der Mehrwert der urbanen Revolte

Der Mehrwert der urbanen Revolte. Die Erneuerung Wiens aus dem Geist der Hausbesetzer Siegfried Mattl Von „Hunden und Flöhen“: Stadtplanung, Kommunalpolitik und Jugendkultur Im August 1981 ging eine Studie des Kommunalpolitischen Referats der Wiener Arbeiterkammer streng mit den Verhältnissen in der Stadt ins Gericht. Es mangelte hinsichtlich der Situation von Jugendlichen an allem, lautete der Grundton dieser Studie – es mangelte an erschwinglichen Wohnungen, an Treffpunkten, an innerstädtischer Mobilität, an Kinos, Musikhallen, Kleinkunstbühnen. Diese Misere wurde umso drückender erfahren, als sie mit Machtbeziehungen gesättigt war: mit der Macht autokratischer Eltern, die über den Lebensstil der bei ihnen wohnenden Kinder herrschten, mit der bürokratischen Macht einer Stadtverwaltung, die ihre Jugendzentren mit rigorosen Hausordnungen reglementierte, und mit der ökonomischen Macht der HausbesitzerInnen, die straflos illegale Ablösen kassierten und sich obendrein eine Art soziales Profiling ihrer potenziellen MieterInnen vorbehielten. „Jugendliche haben Grund genug, unzufrieden zu sein, nicht nur im Ausland, auch in Wien. Stadtzerstörung durch Abbruchspekulation“, fasste der Autor der Studie, der AK-Mitarbeiter Franz Köppl, zusammen. „Isolation in Wohnsilos am Stadtrand, qualitative Wohnungsnot, Lärm und Abgase durch Autos, noch immer materielle Not in unserer Überflussgesellschaft, ungleiche Chancen – kurz gefasst im Stichwort ‚Verlust an Lebensqualität‘ – wirken sich immer brutaler auf unser Zusammenleben aus. Dagegen setzt sich ein immer größerer Teil der Jugendlichen zur Wehr.“1 Hörte die Stadtregierung im Regelfall auf die kommunalpolitischen Ratschläge der Arbeiterkammer, so kam es in dieser besonderen Angelegenheit anders: Die Kammer zog das Papier zurück, hatte doch der einflussreiche Finanzstadtrat Hans Mayr im Oktober 1979 bei der polizeilichen

Räumung der besetzten Phorushalle im fünften Bezirk gehöhnt: „Wer sich mit Hunden ins Bett legt, wacht mit Flöhen auf.“ Adressiert hatte Mayr mit diesem losen Spruch die Wiener ÖVP. Diese hatte in der aufgelassenen Markthalle einen sogenannten Ideenmarkt organisiert, dessen letzter Tag Selbsterfahrungsgruppen und offenen Diskussionen gewidmet war. Spätabends am 20. Oktober besetzten rund 400 AktivistInnen die Phorushalle und forderten statt Abriss zugunsten eines voluminösen Seniorenheims die Umwandlung in ein selbstverwaltetes Jugendzentrum. Die Polizei bereitete der Besetzung binnen 24 Stunden ein reichlich brutales, auf Video aufgezeichnetes Ende.2 Die regierende SPÖ schob der ÖVP als Veranstalter die Verantwortung zu, nicht ohne, wie zuvor wiedergegeben, die jugendlichen BesetzerInnen auf die andere Seite der Zivilisation zu rücken. Die Aufwertung, die diese denunzierte Protestszene nun in der Studie der Arbeiterkammer erfuhr, konnte nicht im Sinn der sozialdemokratischen Stadtverwaltung liegen; nicht, wenn sie als von der Politik erzeugtes ‚Problem‘ präsentiert wurde, und ganz gewiss nicht, wenn ihr wie in dieser Studie auch noch das Recht auf Teilhabe an Führung und Programm öffentlich finanzierter Kulturzentren eingeräumt wurde. Wie weit hatte die Politik nun tatsächlich zu einer Misere beigetragen, wie weit zeitigten Stadtplanung und Kommunalpolitik ungewollt Verwerfungen im Leben der Stadt, deren Konsequenzen einer tief an Modernisierung und soziale Steuerung glaubenden Politik als purer Undank und Frevel, als „radikaldemokratische Phrase“ und „fragwürdige Demokratievorstellung“3 erschienen sind? Und wie viel verdankt paradoxerweise ein zeitgenössisches Wiener Stadt-Marketing, das sich mit Diversität und kreativen Szenen präsentiert, dem Aufbegehren und den kleinen Revolten der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre?


„Der Skandal vom Phorusplatz“. Die Arena Stadtzeitung Nr. 34 (1979) macht die Räumung der besetzten Phorushalle am 21. Oktober 1979 zum Cover-Thema.  → 8.8

„Wien wird wieder Weltstadt“ – Wien in den 1970er-Jahren In Marshall Bermans All that is solid melts into Air, einer Auseinandersetzung mit der destruktiven Energie der kapitalistischen Moderne, nimmt das Projekt der New Yorker Express-Ways einen besonderen Platz ein.4 Unter der Leitung des charismatischen Architekten und Stadtplaners Robert Moses verwandelte sich das stadthygienische Konzept, das den Menschen in den dicht bebauten Stadtzentren versprach, sie rasch und billig in die Natur zu führen, in ein Instrument der Zerstörung. Den Autobahnen wurden intakte Viertel mit hohem sozialen Zusammenhalt, mit ihren Subökonomien und lokalen Sonderkulturen geopfert; die Vielfalt des Lebens in den Straßen hatte der Monotonie der Kette frei stehender, seriell gebauter Wohntürme zu weichen. Die Moderne und ihr Manifest des funktionalistischen Städtebaus, das heißt die räumliche Trennung von Arbeit, Wohnen, Dienstleistungen, Einkauf, Unterhaltung und Erholung, hatten bewirkt, was die Schriftstellerin Jane Jacobs anfangs der 1960er-Jahre als „Tod der amerikanischen Städte“ beklagte.5 Zu diesem Zeitpunkt kam dieses Programm, das Programm der „fordistischen Stadt“6, in den europäischen Städten erst nachhaltig an. Das Leitbild Wiens, das in den 1970er-Jahren sichtbare Formen annahm, stammte aus einer kurzen euphorischen Phase rund um den Abschluss des Staatsvertrags. Es basierte auf einer geopolitischen Hypothese und auf den noch unangefochtenen städtebaulichen Prinzipien des Modernismus. Im Rückblick auf die Jahrzehnte des „Kalten Krieges“ verblüfft heute der Optimismus, wie er der Parole „Wien wird wieder Weltstadt“ zugrunde lag. Die ‚Region‘ der Stadt, also jener Kommunikations- und Handelsraum, als dessen Zentrum Wien betrachtet wurde, reichte in der Sicht der Zeit weit über die Grenzen Österreichs hinaus

bis Paris, Dänemark, Südschweden, Ostpolen, Bulgarien, in die Türkei und zum westlichen Mittelmeer. Die Imagination einer dynamischen Zentralstadt basierte auf Annahmen über den kommenden raschen Ausbau eines europäischen Wasserstraßennetzes, dessen Rückgrat die Donau bilden sollte. Der Donauhafen Wien, ein Groß-Flughafen (damals noch im Marchfeld), die Engführung des kontinentalen Fernstraßen- und Autobahnnetzes bei Wien – die Kombination dieser Infrastrukturen mit zentraleuropäischer Funktion, eine politische Integration Europas vorausgesetzt, bildete die gedankliche Voraussetzung für die volle Entfaltung der lokalen wirtschaftlichen Ressourcen. Der Aufbau einer lokalen Verarbeitungsindustrie für die steirische und Linzer Eisen- und Stahlindustrie fügte sich in das als entscheidend erachtete Potenzial der Ölförderung und -verarbeitung in und rund um Wien, des Ausbaus der Donaukraftwerke und der Ansiedlung von Arbeitskräften entlang der als „Städtelandschaft“ gedachten Südbahnlinie.7 So musste der Übergang von der k. u. k. Residenzstadt, die auf Dienstleistungen und Luxusgewerbeproduktion gebaut hatte, in die industrielle Stadt, das Ideal der Hochmoderne, endlich gelingen. Die erste Zeit des Weltstadt-Fiebers brachte die Repräsentationsbauten einer nachgeholten Moderne hervor: den Ringturm (1955), das Gartenbau-Hotel (1960), die Stadthalle (1958), das Historische Museum der Stadt Wien (heute Wien Museum, 1959). Signifikanz konnten diese Architekturen natürlich nur im sinnfälligen Wechselspiel mit den Rhetoriken der Gründerzeit-Bauten entfalten, das heißt, sie verlangten geradezu nach einem innerstädtischen Standort. In den nachfolgenden Jahren, als die Visionen einer zentraleuropäischen Metropole sich an den ökonomischen Realitäten brachen, trat eine ästhetische Mäßigung hervor, als deren Kehrseite allerdings der forcierte Sprung an die Stadtperipherie erfolgte.

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Flugblatt des Sozialistischen Jugendrats Margareten: „Hat Herr Huber sich verspekuliert?“, 1976


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Wien Museum Ausstellungskatalog „Besetzt! Kampf um Freiräume seit den 70ern“