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Czernin Verlag

ROMANE THANA ORTE DER ROMA UND SINTI

WIEN MUSEUM

ROMANO CENTRO


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ROMANE THANA

ORTE DER ROMA UND SINTI


Romane Thana Orte der Roma und Sinti

Architektur

Lektorat

Alexander Kubik

Lisa Wögenstein

Ausstellungsgrafik

Grafische Gestaltung

Olaf Osten

Katharina Gattermann

12. Februar bis 17. Mai 2015 400. Sonderausstellung des Wien Museums

Medien

Fotos Wien Museum

Monica Parii und Patrick Spanbauer, On Screen

Birgit und Peter Kainz

Landesmuseum Burgenland

Übersetzung Englisch

Wien Museum Karlsplatz

Landesmuseum Burgenland / Landesgalerie Projektraum 14. April bis 11. November 2016

Objekttexte

Wolfgang Astelbauer Sabrina Rahman Übersetzung Romanes

Mozes F. Heinschink Emmerich Gärtner-Horvath

AH: Andrea Härle CFJ: Christine Fennesz-Juhasz CK: Cornelia Kogoj GB: Gerhard Baumgartner SW: Susanne Winkler WMS: Werner Michael Schwarz Schrift

Ausstellung

Ausstellungproduktion

Avenir, Chaparral

Idee

Papier

Andrea Härle

Theresia Gabriel (KSB – Kultur-Service Burgenland GmbH) Bärbl Schrems (Wien Museum)

Kuratoren/Kuratorisches Team

Registrar

Druck

Andrea Härle (Romano Centro) Cornelia Kogoj (Initiative Minderheiten) Werner Michael Schwarz (Wien Museum) Michael Weese (Landesmuseum Burgenland) Susanne Winkler (Wien Museum)

Laura Tomicek

Theiss GmbH

Restaurierung

Copyright © 2015 by Wien Museum, Landesmuseum Burgenland, Initiative Minderheiten, Romano Centro und Czernin Verlag

Dokumentarische und künstlerische Beiträge

Gerhard Baumgartner Usnija Buligović Barka Emini Robert Gabris Lilly Habelsberger Gilda Horvath Manuela Horvath Stefan Horvath Willi S. Horvath Rabie Perić Žaklina Radosavljević Marius Weigl Manuel Weinrich Tamara Weinrich Assistenz

Katrin Totschnig

Hauptsponsor des Wien Museums

Nora Gasser Andreas Gruber Andrea Hanzal Regula Künzli Karin Maierhofer Karoline Montibeller Aufbau

KSB – Kultur-Service Burgenland GmbH museum standards Werkstätten Wien Museum Medientechnik

Günther Baronyai-Schiebeck, cat-x

Katalog

Munken Lynx

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Abdrucks oder der Reproduktion einer Abbildung, sind vorbehalten. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Verlags ist unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigun­gen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. ISBN 978-3-7076-0537-2

Herausgeber

Bildnachweise

Andrea Härle (Romano Centro) Cornelia Kogoj (Initiative Minderheiten) Werner Michael Schwarz (Wien Museum) Michael Weese (Landesmuseum Burgenland) Susanne Winkler (Wien Museum)

Cover außen: Barka Emini, 1999 (Foto: privat) Cover innen: Familie Nitsch in der Franklinstraße 40, um 1950 (Foto: privat) Seite 2: Karl Stojka, um 1950, Kat. Nr. 13.4. Seite 255: Leopoldine Endress mit ihrer Cousine, um 1935, Kat. Nr. 3.2. Seite 256: Rupa Adelsburg-Ratzer und Karl Stojka, um 1955, Kat. Nr. 13.5. Rückseite: Ceija Stojka mit ihrer Schwester und zwei Freundinnen, Kat. Nr. 13.3.

Ausstellungssponsoren Gefördert aus Mitteln der Volksgruppenförderung


ROMANE THANA

ORTE DER ROMA UND SINTI Eine Kooperation von Wien Museum Landesmuseum Burgenland Initiative Minderheiten Romano Centro


Inhalt

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Eine überfällige Ausstellung Vorwort Wien Museum Wolfgang Kos

47 ›Zigeunertypen‹ Aus den Sammlungen des Österreichischen Museums für Volkskunde

11 Die Sammlung des Landes – ein Ort der Roma ? Vorwort Landesmuseum Burgenland Michael Weese

50 Roma in Österreich, österreichische Roma-Politiken Weichenstellungen in der Zweiten Republik Erika Thurner

12 Aus dem Verborgenen / Anda garudimos Vorwort Romano Centro Žaklina Radosavljević und Peter Wagner

56 Fremdmachung und Entrechtung Der polizeiliche Ordnungsbegriff ›Zigeuner‹ in Österreich 1918–1938 Marius Weigl

15 Von den Rändern ins Zentrum Vorwort Initiative Minderheiten Erika Thurner und Beate Eder-Jordan

17 Romane Thana. Orte der Roma und Sinti Zur Geschichte der Ausstellung Andrea Härle 20 »… dass alle Gruppen vorkommen« Romane Thana – Zur Repräsentation und Darstellbarkeit von Minderheitengeschichte im Museum Cornelia Kogoj

24 Zehn Jahre, um etwas zu verändern Abbau alter Nicht-Roma-Privilegien oder Weg in die Integrationsmüdigkeit ? Margareta Matache 30 #Webrom2014 – Roma Digital Identities Das Internet als Romano Than/Ort der Roma Gilda-Nancy Horvath 35 Was ist Antiziganismus? Markus End 38 Die Erfindung der ›Zigeuner‹ Diskurse über die Romvölker Klaus-Michael Bogdal

61 Evidenzen der ›Zigeunerforschung‹ … in den Sammlungsbeständen der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien Maria Teschler-Nicola 62 Polizeifotografien als ›Typenbilder‹ 66 Auf den Spuren der ›verschwundenen‹ Roma-Siedlungen des Burgenlandes Gerhard Baumgartner 76 Die ›Zigeunerfotos‹ in den Sammlungen des Landes Burgenland 80 In der Falle der eigenen Vorurteile Der Amateurfotograf Alfred Ruhmann Werner Michael Schwarz, Susanne Winkler 86 Der Genozid an den österreichischen Roma und Sinti Gerhard Baumgartner 94 Die Fotografien der »Rassenhygienischen und Bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle (RHF)« 98 Ceija Stojka – Lebensorte Zum Leben und Schreiben Ceija Stojkas (1933 – 2013) Karin Berger


118 Der Rock meiner Mutter Lilly Habelsberger 124 Der Romano Than Floridsdorf Willi S. Horvath 134 Wien, Bruckhaufen, 1954 Die Fotografien des Wiener Ethnologen Walter Dostal 138 Ein virtueller Romano Than Die Sammlung Heinschink Christiane Fennesz-Juhasz 145 Zugewanderte Roma/Romnja Ein Blick auf deren Bildungs- und Beschäftigungssituation in Wien Susanne Schmatz, Petra Wetzel 148 Schlüsselposition – HausbesorgerInnen Rabie Perić, Žaklina Radosavljević 152 »Hallo, wo samma denn da?« Reinigungskräfte in Wiener Krankenhäusern Rabie Perić, Žaklina Radosavljević

184 4. Februar 1995  Der Bombenanschlag gegen die Volksgruppe der Roma Manuela Horvath 190 Das österreichische Romani-Projekt Dieter W. Halwachs 194 Literarische Orte der Roma Beate Eder-Jordan 201 Widerstand ist nicht genug Die Rolle der Roma-Kunst unter gegenwärtigen Bedingungen Tímea Junghaus 206 Das Blaue Herz Robert Gabris 212 Unwesen, Schande, Mafia Zur medialen Darstellung von bettelnden Menschen in Österreich Ein Kommentar von Martina Kempf-Giefing, Ferdinand Koller und Peter A. Krobath

154 CKOПJE–OБEPБУXCИTEH–ПACAУ–BИEHA SKOPJE – OBERBUCHSITTEN– PASSAU– WIEN Barka Emini

216 Migration als Überlebensstrategie Erfahrungen und Sichtweisen von in Graz bettelnden Menschen aus der Slowakei Barbara Tiefenbacher

160 Wien ist eine Traumstadt für Roma vom Balkan – Wien ist der Romano Than! Interview mit Amalia Buligovits, Romnji und ›Gastarbeiterin‹

220 Ausstellung Romane Thana. Orte der Roma und Sinti

164 Roma und die Musik Ursula Hemetek 170 Gawa Diwis Ein Lied geht um die Welt Manuel und Tamara Weinrich 174 Interviews Cornelia Kogoj im Gespräch mit: Rudolf Sarközi, Andrea Härle, Mirjam Karoly, Ursula Hemetek

254 Dank und Leihgeber


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Eine überfällige Ausstellung Vorwort Wien Museum

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in Roman des ungarischen Autors ­József Holdosi, der vom Schicksal einer RomaFamilie handelt und den Erich Hackl kürzlich ­rezensierte (»Teufelskreis aus Gewalt, Verfolgung und Abhängigkeit«), wurde vor 30 Jahren auf Deutsch unter dem roman­tisierenden Titel Die Straße der Zigeuner veröffentlicht. Die Neuausgabe vermeidet das diskriminierende Wort »Zigeuner«, nun heißt das Buch Die gekrönten Schlangen. Ein kleines Indiz für spürbare Veränderungen in der Außenwahrnehmung ebenso wie in der Eigensicht der Roma. Die Durchsetzung des Begriffs »Roma« im offiziellen, medialen und zum Teil auch im privaten Sprachgebrauch ist in den letzten 20, 30 Jahren gelungen. Wie tief das wirkt, muss offen bleiben. Die Roma und ihre Wirklichkeiten sind sichtbarer geworden, ihre lange Geschichte der Ausgrenzung, die schließlich zur fast völligen Vernichtung im Nationalsozialismus führte, ging zumindest ansatzweise in den historischen Diskurs und in die Erinnerungskultur ein. Ist der Zeitpunkt da, um mit einer Ausstellung wie dieser auch über eine engagierte Szene hinaus breites, auf ­Empathie gegründetes Interesse hervorzurufen ? Es wäre schade, würde sie nur als »verdienstvoll« oder »wichtig« bezeichnet werden. Das Wien Museum versteht sich als Bildungs-Drehscheibe, ganz im klassischen Sinn, jedoch hoffentlich ohne Zeigestab. Beim Thema Roma und Sinti ist die Wissensbasis besonders lückenhaft, übrigens auch in der Forschung. Dazu kommt, dass die Hartnäckigkeit weit zurückreichender Klischees und Vorurteile in uns allen Spuren hinterlassen hat. Diese zu erkennen und zu destabilisieren ist eines der Anliegen von Romane Thana. So erst kann offener Raum für zum Teil überraschende Ein­ blicke in die Vielfalt von Lebenssituationen im heutigen Österreich entstehen. Der überwiegende Teil der heute in Österreich lebenden Roma kam – ich bin sicher nicht der Einzige, dem das nicht bewusst war – im Zuge der Arbeitsmigration ins Land, zumeist aus dem ehemaligen Jugoslawien, zuletzt vor allem als sozial Deklassierte aus Ländern wie Rumänien oder der Slowakei. Die meisten leben in Wien, nicht alle definieren sich als Roma, viele geben sich nicht zu erkennen, um unbehelligt leben zu können. Selbsttarnung aus Angst: eine von vielen Leidenskomponenten. 2012 konnten Andrea Härle (Romano Centro) und Cornelia Kogoj (Initiative Minderheiten) das Wien ­ Museum von der Idee und den strategischen Zielen der Ausstellung überzeugen. Das Grundkonzept wurde dann gemeinsam mit den ausstellungserfahrenen Museumskuratoren weiterentwickelt und konkretisiert. Der Diskussionsbedarf war groß, war doch allen bewusst, wie viel

diskursive Genauigkeit diese Thematik erfordert. Immer wieder fiel der Begriff »Gegenperspektiven«. Stets wurden Roma ja von außen beschrieben, dargestellt und klassifiziert. Das führte zur Dominanz stereotypisierender Darstellungsformen – ob romantisch verklärender oder von rassistischer Verachtung bestimmter. Das Fehlen von Selbstrepräsentation wird vor allem von Jüngeren nicht mehr länger akzeptiert, die die Definitionsmacht über die eigene Identität einfordern. Daraus ergab sich eine partizipative Dramaturgie: Im Zentrum der Ausstellung stehen elf künstlerische und dokumentarische Beiträge von ›Gastautoren‹ aus der Roma- und Sinti-Community. Dabei wird Wien als wichtiger Lebensort sichtbar: Die Recherchen führten zu den verschwundenen Höfen der Lovara in Floridsdorf oder in das AKH, wo viele Roma als Reinigungskräfte tätig sind. Könnte der zunehmende gesellschaftspolitische Rückenwind überschätzt werden ? »Die Wirklichkeit sieht anders aus«, schreibt die Journalistin Gilda-Nancy ­Horvath, speziell dann, wenn man den Blick auf ganz ­Europa ausweitet: »14 Millionen Roma und Sinti, gemie­ den von der Politik, als ›Zigeuner‹ und Kinderdiebe ­geächtet, als Nachbarn undenkbar.« In zu vielen ost- und westeuropäischen Ländern kulminiert der Antiziganismus in gewalttätigen, von Hass getriebenen Ausbrüchen. Der Pegel der Verfolgung und Existenzbedrohung kann jederzeit nach oben gehen. 2004 fand im Wien Museum die von der Initiative Minderheiten entwickelte Ausstellung Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration statt, die auf erstaunlich große Resonanz stieß und in der internationalen Diskussion zu einem Referenzmodell wurde. Auch beim gemeinsamen Projekt Romana Thane, bei dem so viele Kompetenzträger zusammenwirkten (weshalb der Katalog vier Vorworte hat), hoffen wir auf Folgewirkungen. Ich freue mich, dass die Ausstellung ein Jahr nach der Premiere und der kura­ torischen und gestalterischen Fertigstellung in Wien auch im Landesmuseum Burgenland zu sehen sein wird. Zum Abschluss darf ich speziell jenem Trio danken, das seitens des Wien Museums Schlüsselrollen spielte und Ausstellung und Katalog gut ins Ziel brachte: Susanne Winkler (Kuratorin), Werner Michael Schwarz (Kurator), Bärbl Schrems (Produktionsleitung). Für die Gestaltung gilt mein Dank Alexander Kubik (Architektur), Olaf Osten (Ausstellungsgrafik) und Katharina Gattermann (Kataloggrafik). Wolfgang Kos Direktor Wien Museum

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Die Sammlung des Landes – ein Ort der Roma ? Vorwort Landesmuseum Burgenland

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st es nicht naheliegend, eine umfassende Ausstellung zu Geschichte und Geschichten der Roma (und Sinti) in einem Land wie dem Burgen­land zu zeigen ? Immerhin wanderten bereits seit dem 15. Jahrhundert Gruppen unterschiedlicher Roma nach Westungarn ein und wurden seit dem 18. Jahrhundert unter dem Diktat der Bevölkerungspolitik Maria ­Theresias und ihres Sohnes, Joseph II., hier sesshaft gemacht. Zu ihrer, mit dem heutigen Burgenland unmittelbar verknüpften Geschichte, gehören auch das »Zigeuner-Anhaltelager« Lackenbach und der schreckliche Vierfachmord von Oberwart. Seit der offiziellen Anerkennung der Roma als autochthone Volksgruppe im Jahr 1993 kann das Land Burgenland auf eine Reihe engagierter Aktivitäten und Initiativen zurückblicken, durch die es gelang, Geschichte, Sprache, Lieder und Lebenssituation der Volksgruppe verstärkt in das Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. Die Arbeit der Volkshochschule der Burgenländischen Roma, der Vereine Roma Oberwart bzw. Roma Service, des Roma-Pastorals und des OHO (Offenes Haus Oberwart), waren prägend im Bemühen, die Roma in ihrer Kultur und in ihren Tradi­ tionen zu stärken. Zahlreiche Integrations- und Unterstützungsprojekte gingen und gehen bis heute von diesen Einrichtungen aus, mit dem Ziel jeglichen Ausgrenzungsmechanismen entgegenzuwirken. Vor diesem Hintergrund sind wohl auch Andrea Härle (Geschäftsführerin des Romano Centro) und Cornelia ­Kogoj (Geschäftsführerin der Initiative Minderheiten), im Frühjahr 2012 erstmals mit der Idee zu dieser Ausstellung an das Landesmuseum Burgenland herangetreten, zumal unser Haus mit seinen Ausstellungen den Anspruch verbindet, nicht in Selbstdarstellung einer burgenländischen Kultur zu versinken, sondern die Kulturen unterschiedlicher Gruppen des Landes zu vermessen und zu zeigen. Im Sammeln, Bewahren und Ausstellen – so haben wir es im Leitbild unseres Hauses festgeschrieben – wollen wir gesellschaftliche Verantwortung tragen und dabei die Unterschiedlichkeit von Menschen, Erinnerungen, Iden­ titäten und Kulturen achten und fördern. Ein äußeres Zeichen dieser Haltung, Vielfalt zu sammeln und Pluralität auszustellen, ist der Katalog zur Dauerausstellung, der seit 2006 neben Deutsch und Englisch auch in Ungarisch, Burgenlandkroatisch und Romanes abgefasst wurde. Demgegenüber zeigt aber ein Blick in unsere Sammlungen, dass die Geschichte der Roma und die Erzählungen dieser Volksgruppe noch lange nicht ausreichend Berücksichtigung fanden. Vielmehr sind die wenigen Exponate mit der Fremdwahrnehmung von Musik- und KunsthistorikerInnen sowie von VolkskundlerInnen in unsere Sammlung

gelangt und oftmals einem Blick auf die Roma geschuldet, der Romantisierungen nicht widerstehen konnte. Der folkloristische oder ethnographische Blick scheint beson­ ders anfällig für Stereotypisierungen zu sein. Begreift man auch unser Landesmuseum als einen Ort der Roma, dann ist es einer, der weit mehr über unser Verhältnis – das Verhältnis der Sammler und Bewahrer zu ihnen – als über sie selbst aussagt. Die Erfahrungen einzelner Roma und Romnija sind noch kaum Bestandteil der musealen Erinnerungskultur. Es ist das große Verdienst dieser Ausstellung, dass sie tradierte Bilder über Roma und Sinti nicht reproduzieren will, sondern deren Selbstwahrnehmung und eigene Erzählungen in den Mittelpunkt der Schau rückt. Weil es die Roma und Sinti als solche nicht gibt und geben kann und weil wir mit unserer Ausstellung auch keine werten­de Hierarchie konstruieren möchten, halten wir eine mehrschichtige und polyperspektivische Zugangsweise für unerlässlich. Nur mit einem derartig umfassenden Ansatz – so unvollständig er auch immer bleibt – können Lebenssituationen dieser Volksgruppe angemessen erfasst und für unsere BesucherInnen verstehbar gemacht werden. Diese Komplexität und Dynamik in die stimmige Form einer überzeugenden Ausstellung zu übersetzen, war die anspruchsvolle Aufgabe des KuratorInnenteams sowie der AutorInnen ­Gerhard Baumgartner, Usnija ­Buligović, Barka Emini, Robert Gabris, Lilly Habels­berger, Gilda-Nancy Horvath, Manuela Horvath, Willi S. Horvath, Rabie Perić, ­Žaklina Radosavljević, Marius Weigl, Manuel und Tamara W ­ einrich. An dieser Stelle möchten wir ihnen für ihr hohes Engagement danken. Historische Erinnerung darf nie ausschließlich rück­ wärtsgewandt sein, sondern sie ist stets auch ein Bin­de­ glied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das Gedenken an die Verbrechen nationalsozialistischen Terrors an den Roma und Sinti und an die Opfer des Attentats von Oberwart sensibilisiert für die aktuellen Formen von Rassismus und Gewalt, macht wachsam, hält Erinnerung lebendig und transportiert sie ins Heute. Möge es unserem Haus und dem Land Burgenland mit der Ausstellung Romane Thana und dem Themenjahr 2016 zur »Vielfalt der Kulturen« gelingen, zu einer fundierten Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart der Roma und Sinti einzuladen und einen Beitrag zur Aufklärung zu leisten – im Sinne eines toleranten und solidarischen Miteinanders. Michael Weese Wissenschaftlicher Leiter Landesmuseum Burgenland

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Anda garudimos Vorba anglal kata o Romano Centro

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organizacija Romano Centro formirisajli ando Beči ando bêrš 1991. Ande leste sî organizuime diverzni Řomenğê taj Sintongê grupe. De kata but bêrš o Romano Centro anzarel pala Řom taj Sinti ando Beči programur taj projektur, save sî pe sama kataj edukacija (sićuvimasko ažutimos, školaki mediacija), pe sama kataj konsultacija (socialno taj źuvljangi konsulatcija, zakonoski konsultacija andaj diskriminacija) taj pe sama la kulturaki, specifično vi pe têrnimatangî sama. Jek aver kotor le aktivitetosko sî, paša o aktiviteto le Řomenca, o aktiviteto palaj publika, kodja buśel vi pala gaźe: O Romano Centro anzarel informacija paj situacija le Řomengi peskê žurnalosa pe duj śiba, peska bibliotekasa taj peskê informacjakê prezentacijenca taj performancijenca. O Romano Centro marel pe kontra e dušmanija pe l’ Řom, anda kodja ankêrel treningur, ankêrel konsultacije, ankalavel svako dujto bêrš jek anticiganizmosko raporto, ažutil pe pravoskê problemur, taj kêrel vi publikacijaki bući.

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Rˇomengê taj Sintongê thana: Jeg egzibicija Pe le aktivitetongo řîndo kaj ažutil te haćaras le Řomengo taj Sintongo trajosko realiteto ando društvo taj peravas le stereotipur pa lende, save egzistirin źi adjes, laśes maladili e propozicija amarja menadžerkaki e Andrea Härle te forimiris jeg egzibicija. O angluno punkto sas e ideja te mothovas taj te sîkavas e historija taj le pecimata le Řomengê taj Sintonengê pe thanengi sama. Angla amare jakha sas ame le Řomengê thana, kaj sî źi adjes importantni, thana kaj sas importantni pe historijaki sama, emancipacijakê thana kaj sî adjes źuvinde, thana kaj sas signifikantni pala l’ Řom taj Sinti ande vrjama kaj nakhli taj thana save den amen godji pe maj źungale bêrš amarja historjakê, po genocido le Řomengo taj Sintongo kata Hitleroskê manuša. Vuni thana sî relevantni pala sja le Řom taj sja le Sinti (taj vi pala but gaźe), aver pale kaskê sî, kaskê na. But thana sas amengê već prinźande, aver pale sas tek te identificiris. Savořê thana sas te proveris pala peski narativno supstanca, pala peski signifikansa pe la komunaki sama taj pe sama kata peski edukacionalno hasna. O pus´ îmos la reprezentacijako But signifikanto sî e maladi prezentacija, specifično pala o Romano Centro sar »Selbstvertretungsorganisation«. Vorta pe ‘k tema, kaj sî strêjini patretur prezentni taj eficijentni, sî paša strukturakê taj temakê puśimata o puśimos la prezentacijako desja importantno: Kon vorbil? Taj pala kaste vorbil? Le perspektive kata l’ Řom, kata l’ Řomnja, kata l’ Sinti taj kata l’ Sintice sas te khêlen centralni role ande egzibicija, role save nakhên le tradicionalni komunakê informantur, kê naj ušoro, te definiril pe

malades so sî »reprezentativno«. Taj înkê maj pharo sî te arêsel pe o reprezentativiteto ande kaća barvali taj heterogeno kultura sar kaj sî kodja e kultura le Řomengi taj Sintongi. Sode maj palpale źas ande řomaji historija, te bi haćarasas maj feder e adjesuji řomaji ljuma, amen arakhas numa e perspektive kata strêjini manuša, sar dikhên von le Řomen peskê jakhênca – aj butivar kadala perspektive sî le perspektive la policijakê. Kooperacije taj Najisarimos Amari ambicija sas, te arêsas jek sja maj bufli publika kadala egzibicijasa. E egzibicija sas te ankêrdol pe jek centralno than kaj sî vi simbolično importantno. E egzibicija sas te avel la jek pozicija kaj šaj te del anglal pe l’ puśimata kata sja maj but manuša aj kodja vi pe artističko taj vi pe źanglimaski sama. Potrebni sas amen zurale partnerja, profesionalni kuratorur taj źangle manuš, save źanen te kooperišîn avtoronca saven naj e relevantno eksperijansa. E Initiative Minderheiten sas amengê jek evidentno taj logično partnero pala kado projekto. Ande palune bêrš kêrdjam lasa efektivni edukacijakê projektur. Partikularno ando bêrš 2004 e Initiative Minderheiten le »Wien Museum-osa« sîkade e egzibicja Gastarbajteri kaj sas desja laśes kêrdi. De kata o početko sas o Wien Museum po angluno than te kêras kaća egzibicija lesa, aj zurales lošas kaj sas les e troma pala kado projekto, te sîkavas kethane Romane Thana. Te del o Del, de akatar te arakhên le Řomengê taj Sintongê testimonur taj raportur pesko than ande kulturaki memorija amare društvoski. Vi e kontribucija kata o Landesmuseum Burgenland, kam avel importantno pala kodja. Peska kooperacijasa bufljardja o źanglimos pa l’ Romane Thana ando Burgenland taj vi paj historija kata l’ Burgenlandoskê Řom. E egzibicija kam sîkadjol ando bêrš 2016 ando Eisenstadt. Amen najisaras savořêngê, kon realuisarde e egzibicija Romane Thana. Le manušêngê kata l’ institucije taj organizacije, le avtorongê kaj pomenis len anavesa ando katalogo, taj vi le bute źenengê kaj anzarde taj dine pesko źanglimos, peski memorija taj peskê memorijakê objektur. Najisaras la kooperacijakê partnerongê pala lengi desja laśi taj kolegialno kooperacija, kaj sas pîterde ileskê pala svako diskusija, savi sî esencialno pala kasavo kompleksno projekto sar kaj sî kako. Najisaras savořêngê, kaj dine dumo o projekto peskê lovenca aj kodolasa dine amen e šansa palaj realizacija kata Romane Thana. Romano Centro – organizacija pala l’ Řom Žaklina Radosavljević, šêrutni Peter Wagner, šêrutno le protokolosko


Aus dem Verborgenen Vorwort Romano Centro

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er Verein Romano Centro wurde 1991 in Wien gegründet, in ihm sind Roma und Sinti verschiedener Gruppen organisiert. Romano ­Centro bietet für Roma und Sinti in Wien seit vielen Jahren Programme und Projekte im Bildungsbereich (Lernhilfe, Schulmediation), Beratung (Sozial- und Frauenberatung, Rechtsberatung bei Diskriminierung) sowie kulturelle Angebote auch und besonders für Kinder und Jugendliche an. Ein Teil der Vereinsaktivität adressiert neben den Roma-Communities die allgemeine Öffentlichkeit, also auch die Nicht-Roma: Romano Centro informiert durch eine eigene zweisprachige Zeitschrift, mit einer ­Bibliothek und durch Vorträge und Informationsveranstaltungen zur Situation von Roma. Durch Trainings, den alle zwei Jahre erscheinenden Antiziganismusbericht, Beratung, rechtliches Einschreiten und Pressearbeit geht Romano Centro gegen Romafeindlichkeit vor. Orte der Roma und Sinti: Eine Ausstellung In die Palette von Aktivitäten, die zu einem besseren Verständnis für die Lebenswirklichkeiten von Roma und Sinti in der Gesellschaft und gegen die immer noch sehr präsenten Stereotypen beitragen sollen, passte der Vorschlag unserer Geschäftsführerin Andrea Härle, eine Ausstellung zu gestalten, sehr gut. Die Idee, Geschichte und Geschichten von Roma und Sinti anhand von Orten zu erzählen, bildete den Anfang. Im Blick waren dabei gegenwärtig wichtige Orte ebenso wie historisch bedeutsame, heute lebendige Orte der Emanzipation ebenso wie Orte, die in der Vergangenheit für Roma oder Sinti von Bedeutung waren und Orte, die uns an die entsetzlichsten Jahre in unserer Geschichte, an den NS-Genozid an den Roma und Sinti erinnern. Manche dieser Orte sind für alle Roma und Sinti von Bedeutung (und auch für viele Nicht-Roma), andere nur für einen Teil. Viele Orte waren bereits bekannt, andere galt es erst zu identifizieren. Alle sollten nach ihren narrativen Inhalten, ihrer Bedeutung für die Communities befragt und ihr aufklärerischer Nutzen geprüft werden. Die Frage der Repräsentation Neben strukturellen und thematischen Fragen stellt sich – gerade für eine Selbstvertretungsorganisation wie das Romano Centro und gerade bei einem Thema, bei dem Fremdbilder so präsent und wirkungsmächtig sind –, vor allem die Frage nach der Repräsentation: Wer spricht ? Und für wen ? Die Perspektiven von Roma und Romnja, Sinti und Sintize sollten zentrale Rollen in der Ausstellung spielen, Rollen die über die traditionelle des Community-Informanten/der Community-Informantin hinausgehen, auch wenn in einer so heterogenen und

vielfältigen Kultur wie jener der Roma und Sinti, Repräsentativität nicht leicht zu definieren und noch schwerer zu erreichen ist. Zudem bleibt das Angewiesensein auf Fremdzeugnisse, häufig aus der Perspektive der Polizei, je weiter man in die Vergangenheit gehen muss, um die Gegenwart verstehen zu können. Kooperationen und Dank Unser Bestreben war, mit der Ausstellung eine möglichst breite Öffentlichkeit erreichen zu können. Sie sollte an einem räumlich und symbolisch zentralen Ort zu sehen sein. Sie sollte sich der Diskussion mit möglichst vielen Menschen stellen und dieser inhaltlich und gestalterisch auch gewachsen sein. Wir brauchten starke Partner und professionelle AusstellungsmacherInnen. Die Initiative Minderheiten war für uns in diesem Vorhaben ein naheliegender, logischer Partner. Wir haben in den letzten Jahren in mehreren Bildungsprojekten erfolgreich zusammengearbeitet, vor allem aber hat die Initiative Minderheiten 2004 mit dem Wien Museum in der Ausstellung Gastarbajteri gezeigt, wie ein solches Ausstellungs­projekt gelingen kann. Das Wien Museum stand von Anfang an ganz oben auf unserer Wunschliste und wir freuen uns sehr, dass es offen genug war, sich auf dieses Wagnis einzulassen und dass wir nun gemeinsam Romane Thana zeigen können. Wir hoffen, dass von hier ausgehend die Zeugnisse von Roma und Sinti vermehrt Platz finden im kulturellen Gedächtnis unserer Gesellschaft. Dazu beitragen wird auch die Kooperation mit dem Landesmuseum Burgenland, das wesentlich zu den Orten im Burgenland und zur Geschichte der Burgenland-Roma beigetragen hat, und das die Ausstellung 2016 in Eisenstadt zeigen wird. Wir bedanken uns bei allen, die aus der Idee die Ausstellung Romane Thana gemacht haben, den MitarbeiterInnen der beteiligten Institutionen und Organisationen und den AutorInnen, die alle im Katalog namentlich genannt sind, und bei den vielen, die ihr Wissen, ihre Erinnerung und ihre Erinnerungsobjekte eingebracht haben. Wir danken unseren Kooperationspartnern für die gute kollegiale Zusammenarbeit, die Offenheit und Diskussionsbereitschaft, die für ein komplexes Projekt dieser Art erforderlich ist. Bedanken möchten wir uns auch bei den Geld­gebern, die dieses Projekt finanziert und damit ermöglicht haben. Romano Centro – Verein für Roma Žaklina Radosavljević, Obfrau Peter Wagner, Schriftführer

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Von den Rändern ins Zentrum Vorwort Initiative Minderheiten

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er Bevölkerungsgruppe der Roma wird heute in der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit zunehmend Interesse entgegengebracht. Das hat nicht nur mit Oberwart zu tun – Oberwart als konkreter und symbolischer Ort, an dem in der Nacht zum 5. Februar 1995 durch einen rassistischen Gewaltakt vier burgenländische Roma brutal zu Tode kamen. Historische Aufarbeitung, kulturelles und gesellschaftspolitisches Engagement von AktivistInnen inner- und außerhalb der seit 25 Jahren bestehen­ den Roma-Eigenorganisationen sorgen dafür, dass Geschichte, Kultur und Sprache(n) der Roma nicht nur erforscht und archiviert werden, sondern als aktives Kultur- und Wissensgut die Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft beleben. Zuvor mussten allerdings die Schatten der Vergan­ genheit beseitigt werden, d.h. die lange praktizierte Leugnung und Verharmlosung des NS-Holocaust, die damit verknüpfte Verweigerung von Opferfürsorgeleistungen und NS-Entschädigungen. Ab Mitte der 1980erJahre gelangen erste Umdenkprozesse: die Aufnahme der Roma in Gedenk- und Opfergesellschaften, die Thema­tisierung von Diskriminierung und Alltagsschikanen. Einen Meilenstein setzte 1993 der erfolgreiche Kampf um den Volksgruppenstatus. Diese offizielle Anerkennung der österreichischen Roma als ethnische Minderheit bedeutete nicht nur Förderung und Schutz, sondern gesellschaftspolitische Aufwertung. Dies bewirkte Empower­ment für die ersten AktivistInnen, hat viel Engagement in Gang gesetzt und mehr und mehr Roma aus der Anonymität heraustreten lassen. Vor allem die jüngere Generation, die seither von bildungspolitischen Maßnahmen profitiert, verkörpert die Hoffnung einer in Österreich zwar sehr kleinen, aber auch sehr heterogenen kulturellen und sprachlichen Minderheit. Der so positive Aufbruch wird immer wieder durch Negativ-Ereignisse gebremst, behindert und auf die Probe gestellt. Globale und europäische Gesellschaftsveränderungen – begleitet/verursacht von Neoliberalismus und Finanzkrisen – sind Motor der anwachsenden Ost-West-Migration. Unter den MigrantInnen finden sich auch viele südosteuropäische Roma, die den diskri­ minierenden, existenzraubenden Gewaltverhältnissen in ihren Herkunftsländern entfliehen. Deren Anteil

steigt in allen westlichen, reicheren Ländern, so auch in Öster­reich. Dies ist ein gesamtgesellschaftliches und kein ›Roma-Problem‹ ! Doch überall zeigen Rassismus und Antiziganismus einen Aufwärtstrend. Hier sind alle Nationalstaaten, sowie EU- und internationale Institu­ tionen gefordert, der rechtspopulistischen Politik gegenzusteuern, Aufklärungsarbeit zu leisten und Demokratie zu leben. Von besonderer Bedeutung sind dabei klare Analysen und nachhaltige Konzepte. Die Roma-Bevölkerung ist nicht primär und nicht nur im Zusammenhang mit prekären Lebensverhältnissen wahrzunehmen, sondern in der ganzen Breite ihrer Geschichte, Kultur und Kreativität kennenzulernen ! Dies soll nicht ›im Verborgenen‹, in kleinen Minderheitenzirkeln oder in Insider-Gesellschaften stattfinden, sondern an zentralen, bedeutungsvollen Orten, die ein breit gestreutes Publikum erreichen. Einer dieser attraktiven Orte ist das Wien Museum. Dass das bedeutendste Stadtmuseum Wiens ab 11. Februar für die Ausstellung Romane Thana. Orte der Roma und Sinti zur Verfügung steht, ist ein Glücksfall. Schon mit dem Ausstellungsprojekt Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration, das ebenfalls im Wien ­Museum gezeigt wurde, machte die Initiative Minderheiten ein ›Minderheitenthema‹ einer breiten Öffentlichkeit, aber auch für die Minderheiten selbst zugänglich. Dass an der Romane Thana-Ausstellung Roma aus den unterschiedlichsten Communities (Sinti, Burgenland-Roma, Lovara, Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien etc.) gemeinsam mit MehrheitsösterreicherInnen gearbeitet haben, ist unter anderem auch dem Konzept der »minoritären Allianzen« der Initiative Minderheiten geschuldet. Die Initiative Minderheiten bedankt sich sehr herzlich bei allen Kooperationspartnern, bei allen AutorInnen und bei unseren Fördergebern. Initiative Minderheiten Erika Thurner und Beate Eder-Jordan, Vorstand

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Romane Thana. Orte der Roma und Sinti Zur Geschichte der Ausstellung

Andrea Härle

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usgangssituation Ortlosigkeit ist eines der mächtigen Stereo­type in Bezug auf Roma und Sinti – ein zentrales Element der unterstellten Identitätslosigkeit des antiziganistischen Blicks. Roma und Sinti werden auch heute noch vielfach als ›Nomaden‹ gesehen, obwohl der allergrößte Teil seit Jahrhunderten genauso sesshaft ist wie die Nicht-Roma-Bevölkerung und auch jene saisonalen Fahrten, die für manche Roma oder Sinti aufgrund ihrer Berufe notwendig waren, schon lange aufgehört haben. Der Vorwurf der Ortlosigkeit geht darüber hinaus, unterstellt Heimatlosigkeit, ›Dahergelaufensein‹, womit Unzuverlässigkeit verbunden wird. Vor allem erleichtert dieses Bündel an Stereotypen den Nicht-Roma, sich von Roma als den ›ganz Anderen‹ abzugrenzen. Das neue ­Ansehen, das Mobilität und Globalisierung genießen, hilft ihnen nicht. Dass eine Ausstellung die Orte der Roma und Sinti, die Romane Thana thematisiert, mag daher zunächst überraschen. Ein erster Impuls dazu ergab sich für mich bei der Lektüre autobiographischer Aufzeichnungen von Roma / Romnja und Sinti/Sintize 1, in denen häufig Orte ganz konkret, bis hin zu Adressen genannt wurden: Wohnorte, Arbeitsorte, Wallfahrtsorte, Verstecke. Orte des Zwangs und der Verfolgung aber auch Orte des Friedens und der Prosperität. Dazu kam die Auseinandersetzung mit ­Gedenk- und Erinnerungsorten des Genozids: Gräber, die Roma im Burgenland nach ihrer Rückkehr aus den Konzentrationslagern für jene Angehörige errichten ließen, die den NS-Terror nicht überlebt hatten. Sie wollten dort gedenken, wo sie lebten, wo die später Ermordeten gelebt hatten, nicht an einem (weit entfernten) Ort des Grauens. Oder neuere schmerzhafte Ereignisse: Oberwart 1995, Ortsname und Jahreszahl als Koordinaten und Synonym für das schwerste Attentat der Zweiten Republik, bei dem vier Roma ermordet wurden. Eine weitere Dimension kommt dazu: An vielen Orten Europas müssen Roma und Sinti bis heute darum kämpfen, bleiben zu dürfen. Es kommt zu Übergriffen durch rassis­tisch verhetzte NichtRoma ebenso wie zu geplanten, amtlich angeordneten Räumungen.2 In Umfragen gehören Roma und Sinti regelmäßig zu den unbeliebtesten NachbarInnen.3

Fragestellungen und Ziele Welche konkreten Orte können die Geschichte und Gegenwart der Roma und Romnja, der Sinti und Sintize in Österreich erzählen  ? Welche Plätze waren und sind für die unterschiedlichen Roma- und Sinti-­Gruppen in Österreich relevant, für die Burgenland-Roma, die Lovara und die Sinti  ? Und welche Orte können die Geschichte der Roma und Romnja erzählen, die als ›GastarbeiterInnen‹ oder Flüchtlinge nach Österreich gekommen sind und in ihrer Gesamtheit inzwischen eine deutlich größere Gruppe darstellen, als die sogenannten autochthonen Roma  ? Eine Hypothese war, dass Roma von der Mehrheitsgesellschaft auch anhand der Orte (fehl)identifiziert werden, an denen sie leben oder arbeiten: die Roma-Siedlung am Rand des Dorfes, der Gehsteig, auf dem gebettelt wird. An anderen Arbeits­orten, in der Schule oder im Krankenhaus, als Angestellte oder UnternehmerInnen, etwa wohnhaft in WienJosefstadt, werden sie nicht als Roma erkannt. Das »Leben im Verborgenen«, wie Ceija Stojka es genannt hat, das Unerkannt-Bleiben ist vielfach ein ›Erfolgs­rezept‹, ermöglicht in gewissem Maße sozialen Aufstieg, vermindert die Diskriminierung, reduziert sie – bei den zugewanderten Roma – auf jenes Maß, mit dem auch Nicht-RomaMigrantInnen aus den Balkanstaaten konfrontiert sind.4 1

Ceija Stojka: Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer RomZigeunerin, Wien 1988 und dies.: Reisende auf dieser Welt, Wien 1992; Mongo Stojka: Papierene Kinder. Glück, Zerstörung und Neubeginn einer Roma-Familie in Österreich, Wien 2000; Karl Stojka: Auf der ganzen Welt zuhause. Das Leben und Wandern des Zigeuners Karl Stojka, Wien 1994; Ludwig Laher (Hg.): Uns hat es nicht geben sollen. Drei Generationen von Sinti-Frauen erzählen, Grünbach 2004; Mišo Nikolić: … und dann zogen wir weiter, Klagenfurt 1997 und ders.: Landfahrer, Klagenfurt 2000; Mri Historija. Lebensgeschichten Burgenländischer Roma, Kleinbachselten 2009. 2

In Österreich wurde 2013 in Bischofshofen eine Gruppe durchreisender Sinti tätlich attackiert, in Ainet in Osttirol 2009 ebenso. In Großbritannien erregte 2011 die Räumung der Dale Farm A ­ ufsehen, das bis dahin älteste noch bestehende Roma-Stadtviertel der Welt, Sulukule in Istanbul wurde abgerissen, um Wohnraum für Wohlhabende zu schaffen. Die Liste ließe sich leider noch sehr lange fortsetzen. Berichte über aktuelle Vorkommnisse: http://www. fightdiscrimination.eu/category/discrimination-vocabulary/roma/ forced-evictions 3

Vgl. Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung. Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma, hg. von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Berlin 2014. 4

Vgl. Elizabeta Jonuz: Stigma Ethnizität. Wie zugewanderte Romafamilien der Ethnisierungsfalle begegnen, Opladen 2009.

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Romane Thana. Orte der Roma und Sinti

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Neben der Frage der Sichtbarkeit ging es vor allem um die Frage der Repräsentation 5 und um die Frage, inwie­weit die Ausstellung historisch sein muss, um die Gegenwart verstehen zu können. Die letzte Frage ist sehr stark mit der Frage der Repräsentation verknüpft, da wir erst für die Gegenwart über Selbstzeugnisse von Roma und Romnja, Sinti und Sintize verfügen. Eine Ausstellung über die Geschichte einer ethnischen Gruppe, oder in diesem Fall mehrerer ethnischer Gruppen, die als eine wahrgenommen werden, läuft Gefahr, Ethnisierungen und Exotisierungen zu unterstützen. Sie muss daher vermitteln können, dass es nicht möglich ist, ›falschen‹ Bildern einfach ›richtige‹ entgegen­zusetzen, die Wirklichkeit, auch die der Roma und Sinti, ist eine vielstimmige. Die Ausstellung muss auch den BesucherInnen aus der Mehrheitsgesellschaft Anschlussmöglichkeiten zum eigenen Leben bieten, Identifikationsmöglichkeiten, das Erkennen gemeinsamer Geschichte – und möglicherweise gemeinsamer Orte. Für die Recherche ergaben sich zunächst folgende Arbeitskategorien: Orte am Rand (Siedlungen im Burgenland, städtische Randlagen), Orte am Weg (Durchrei­ seplätze, aber auch das Fahren als Mythos) Orte der Verfolgung (Konzentrationslager, temporäre Sammel­ lager, Verstecke), Orte im Verborgenen (›Normalisierung‹ nach dem Genozid), Neue Orte (Orte, die für neu zugewanderte Roma von Bedeutung sind, Arbeits- und Wohnorte, Treffpunkte), Orte der Selbstorganisation (Vereine, Versammlungsorte) sowie Orte der Gadsche (das sind die Nicht-Roma), womit vor allem Institutionen des kulturellen Gedächtnisses (der Mehrheitsbevölkerung) gemeint waren. Erste Überlegungen wurden bereits im Rahmen der ROMALE ! 2010 6 präsentiert und sind ab 2012 gemeinsam mit den Kooperationspartnern Initiative Minderheiten, Wien Museum und Burgenländisches Landesmuseum weiterentwickelt worden. Die Beiträge der Communities Ein entscheidender Schritt dabei war die Einbeziehung von AutorInnen aus unterschiedlichen Roma-­ Communities, die die elf zentralen Beiträge der Ausstellung gestalteten, zum Teil zu schon bekannten Orten, zu denen sie ihre eigenen, zum Teil sehr persönlichen Geschichten erzählten, zum größeren Teil aber zu ­Orten – realen und metaphorischen –, von denen wir so nichts wussten: Zwei der AutorInnen aus der Community wählen ihren Heimatort Oberwart als Thema. Stefan Horvath beschäftigt sich mit den Roma von Oberwart und ihren Siedlungen. Grundlage ist sein drittes Buch Atsinganos 7, 5

Vgl. dazu auch den Beitrag von Cornelia Kogoj in diesem Band. 6

Veranstaltet von der Akademie Graz, mit Emmerich GärtnerHorvath, Ursula Gläser, Astrid Kury, Michael Teichmann, Roman Urbaner und Alfred Ullrich. 7

Stefan Horvath: Atsinganos. Die Oberwarter Roma und ihre Siedlungen, Oberwart 2013.

in dem er die Oberwarter Roma-Siedlung Haus für Haus ›durchgeht‹ und die darin lebenden Menschen und deren Geschichte beschreibt. Manuela Horvath, so wie Stefan Horvath in der Roma-Siedlung aufgewachsen, thematisiert den Bomben­ anschlag von Oberwart, 20 Jahre danach. Dafür hat sie Videointerviews mit vier Männern (für die vier 1995 getö­ teten Männer) geführt, mit Angehörigen gesprochen, Fotos zusammengetragen und in ihrem Katalogbeitrag ihr persönliches Erleben des Tages nach dem Attentat als damals 10-Jährige erzählt. Auch Willi S. Horvath hat einen konkreten, realen Ort gewählt: Floridsdorf, den 21. Wiener Gemeindebezirk, den er als seinen »Lebensmittelpunkt« bezeichnet. Er hat neun Adressen in Floridsdorf und weitere in den Nachbarbezirken Brigittenau und Donaustadt recherchiert, die für die Wiener Lovara als Wohn- und Zusammenkunftsorte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg von Bedeutung waren und geht dabei bis in die frühen 1950er-Jahre zurück. Für Willi S. Horvath ist ein Ort erst dann ein Roma-Ort, wenn dort regelmäßig und spontan viele Menschen zusammenkommen. Neben seiner eindrucksvollen Erzählung sind vor allem die vielen privaten Fotografien, die er zu den einzelnen Orten gesammelt hat, von großer Bedeutung. Die Geschichte, die Tamara und Manuel Weinrich erzählen, beginnt ebenfalls in Wien. Sie handelt von dem Lied Gawa Diwis (»An diesem Tag«), das ihr Vater Robert Weinrich komponiert hat, ursprünglich als Liebeslied. Es wird zu einem Lied an Jesus Christus, das von den Mitgliedern des christlichen Missionswerks »Licht und ­Leben« vor allem nach Frankreich weitergetragen wurde. Später wurde das Lied in einer Sintitikes-Lovara-Variante bekannt und sogar von einem US-amerikanischen Radiosender lange gespielt. Das Lied wird bis heute von Sinti und von Lovara gesungen. Für Usnija Buligović ist Wien eine Traumstadt für Roma vom Balkan. Wien ist der Romano Than ! Sie zeigt ein Videointerview, in dem eine junge Romni aus der Vojvodina erzählt, dass Wien in der Geschichte ihrer Familie seit Generationen von Bedeutung ist, vor allem wegen der Musik. Rabie Perić und Žaklina Radosavljević haben Video­ interviews mit Roma und Romnja aus Ex-Jugoslawien (aus Serbien und Mazedonien) geführt, die in ­Berufen tätig waren oder sind, die für viele ZuwanderInnen den Einstieg in den österreichischen Arbeits- bzw. auch Wohnungsmarkt bedeuteten: Mit ehemaligen HausbesorgerInnen (Schlüsselposition) und mit Krankenhaus-­ Reinigungspersonal (›Hallo, wo samma denn da‹). Die Romane Thana sind also hier die Hausmeisterwohnungen und die städtischen Spitäler. Eine sehr interessante Interviewpassage ist von einer Reinigungskraft im Krankenhaus, die erzählt, dass sie häufig zwischen dem medizinischen Personal und PatientInnen übersetzt hat, dabei aber stets verschleiert hat, dass es sich hierbei um Romanes handelt. Barka Emini erzählt anhand ihrer ­Fotoalben und in einem sehr persönlichen Text die Migrationsgeschichte ihrer Familie von Mazedonien über die Schweiz und


Weiße Flecken Romane Thana als Versuch, die Geschichte der Roma und Sinti zu kartographieren, machte – nicht unerwartet – auch die vielen weißen Flecken deutlich, die diese Landkarte aufweist. Selbst die im Vergleich zu anderen Zeiträumen noch relativ gut erforschte Geschichte des NS-Genozids an den österreichischen Roma und Sinti ist angesichts des Ausmaßes und der Bedeutung in vielen Teilen noch nicht geschrieben, nicht systematisch aufgearbeitet, etwa was die Verfolgung und Deportation der Wiener Roma und Sinti betrifft. Auch andernorts stehen detaillierte Forschungen noch aus. Die Geschichte der Roma und Sinti in Österreich vor und nach dem Zweiten Weltkrieg ist abgesehen vom Burgenland und teilweise Oberösterreich kaum erforscht.9 Während zur Sprache, Musik und Literatur der Roma in Österreich einige Untersuchungen vorliegen, die auch die kulturellen Äußerungen zugewanderter Roma umfassen 10, ist die Geschichte der Roma-Migration nach Öster­ reich nach 1945 (Ungarn 1956, Tschechoslowakei 1968, Jugoslawien ab 1965 und Kriegsflüchtlinge aus Bosnien 11

und Kosovo ab 1991 bzw. 1998) noch kaum erforscht. Erst seit 2011 liegen durch eine im Auftrag der AK Wien durchgeführte Studie wichtige empirische Daten zur Bildungs- und Beschäftigungssituation von MigrantInnen, die zur Roma-Minderheit gehören, vor.12 Diese Daten belegen die eklatant schlechtere Situation von zugewanderten Roma nicht nur im Vergleich zur österreichischen Bevölkerung, sondern auch zu anderen MigrantInnen. Es ist zu hoffen, dass mit den Plänen zu einem ­Archiv der Migration hier Wesentliches nachgeholt werden wird und dass neben der dringend erforderlichen Aufarbeitung der Dokumente und Archivalien auch Selbstzeugnisse der Roma und Sinti, Dokumentationen ihrer Lebensgeschichte und -erfahrungen gesichert und diskutiert werden. Ein Ausstellungsprojekt wie Romane Thana kann diese Lücken nicht füllen, sondern wird sie zwangsläufig abbilden, damit aber auch darauf hinweisen und ein paar Anregungen bieten. Der Ausstellungsbeitrag von Willi S. Horvath zu den Orten der Roma in Floridsdorf ist dafür ebenso vielversprechend wie die Beiträge zur Migration von Usnija Buligović, Žaklina Radosavljević, Rabie Perić und Barka Emini. Andrea Härle, studierte Europäische Ethnologie in Wien (Mag.a phil. 2005), verschiedene Tätigkeiten vor allem im Kulturbereich, 2006/07 Modulleiterin im Equal-Projekt THARA, seit 2007 Geschäftsführerin des Vereins Romano Centro.

Romane Thana. Orte der Roma und Sinti

Deutschland nach Österreich, und geht dabei zurück bis zu den ›innerjugoslawischen‹ Migrationen ihrer ­Vorfahren. In ihrem Beitrag (CKOПJЕ – OБEРБУХСИТЕН – ПАСАУ – ВИЕНА / SKOPJE – OBERBUCHSITTEN –  PASSAU – WIEN) thematisiert sie Integrationsstrategien, etwa einen Religionswechsel, genauso wie die familiären Konflikte, die dadurch entstehen. Die anderen Beiträge befassen sich mit Orten, die sich nicht auf Landkarten finden lassen: Für Gilda-Nancy Horvath ist das Internet ein Roma­no Than. In ihrem Beitrag #Webrom2014 – Roma ­Digital Identities zeigt sie vier Aspekte auf, die dabei von Bedeutung sind: Die Möglichkeiten der Selbstdarstellung, die von der Darstellung traditioneller Tänze bis zur Nachsynchronisierung bekannter Filme in Sintitikes gehen; die Fremddarstellungen, die bis zur Verhetzung und Vernichtungsaufrufen führen; Partizipationsmöglichkeiten und Selbstorganisation auf digitaler Ebene und schließlich die Castingshows, bei denen verhältnismäßig oft Roma oder Sinti gewinnen und deren Mitschnitte auf diversen Plattformen zu Langzeit-Hits werden. Der Romano Than, den sich Robert Gabris gewählt hat, ist die Haut seines Vaters. Der Vater hat einige Zeit in der Slowakei im Gefängnis verbracht und Mitgefangene tätowiert. Auch seine eigene Haut weist zahlreiche Tatoos auf. Robert Gabris hat fünf Motive – darunter das titelgebende Blaue Herz – in der Technik des Kupferstichs übertragen. Lilly Habelsberger hat den Rock ihrer Mutter als ihren Roma-Ort bearbeitet. Sie erzählt in Bildern und in einem langen Gedicht von ihrer Mutter, einer KZ-Überlebenden, ihrer Beziehung zueinander und ihren eigenen Kampf gegen das weitergegebene Trauma, die ererbte Angst und um ihre Loslösung, ihre Eigenständigkeit. Lilly Habelsberger setzt sich seit vielen Jahren künstlerisch mit der Weitergabe der Traumata auseinander und hat dazu auch zwei Filme produziert.8

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Meine ›Zigeuner‹ Mutter (Regie: Therese L. Ràni – Pseudonym Lilly Habelsberger, Egon Humer, A 1998, 30 min) und: Ein Lied, dessen Worte ich längst vergessen habe (Regie: Lilly Habelsberger, A 2003, 32 min). 9

Geschichtswissenschaftliche Publikationen von Selma Steinmetz (auch zu Wien), Erika Thurner, Barbara Rieger sowie Gerhard Baumgartner und Florian Freund (auch zu Oberösterreich) und die volkskundliche Arbeit von Claudia Mayerhofer. Vgl. dazu die Beiträge von Erika Thurner, Gerhard Baumgartner und Marius Weigl in diesem Band. 10

Siehe dazu die Beiträge von Dieter W. Halwachs, Ursula Hemetek, Christiane Fennesz-Juhasz und Beate Eder-Jordan in diesem Band. 11

Ines Kälin Schreiblehner und Herwig Schinnerl: Von Bijeljina nach Eibesthal. Eine Studie zur Situation der Roma im niederösterreichischen Weinviertel, München 2010. 12

Siehe dazu den Beitrag von Susanne Schmatz und Petra Wetzel in diesem Band.


»… dass alle Gruppen vorkommen« 1

Romane Thana – Zur Repräsentation und Darstellbarkeit von Minderheitengeschichte im Museum

Cornelia Kogoj

E

ine junge Frau blickt selbstbewusst und etwas kokett in die Kamera. Dahinter die Straßenbahnlinie 6. Damit ist der Ort der Aufnahme eindeutig markiert. Das Plakatsujet, das vom Wien ­Museum 2 ebenso wie vom Romano Centro und der Initia­ tive ­Min­der­­­­­heiten als geradezu ideal für die Ausstellung Romane Thana. Orte der Roma und Sinti befunden wurde, markiert einen Ort, um den es in der Ausstellung geht: einen Wiener Außenbezirk. Es zeigt Barka Emini 1999, die mit ihren Eltern aus Mazedonien, über die Schweiz nach Wien migriert ist. 20 1

Manuela Horvath im Gespräch zur Ausstellung »Romane Thana. Orte der Roma und Sinti«, 2014. 2

An dieser Stelle möchte ich mich sehr herzlich bei all unseren Kooperationspartnern bedanken. Besonders beim Wien Museum (bei Werner Michael Schwarz, Susanne Winkler, Bärbl Schrems und Wolfgang Kos): auch wenn wir inhaltlich nicht immer einer Meinung waren, so bin ich sehr dankbar für die fruchtbaren Diskussionen und die Möglichkeit, an dieser Ausstellung mitwirken zu können. Weiters bei Michael Weese vom Landesmuseum Burgenland, bei Maria Walcher und bei Andrea Härle, ohne die eine solche Ausstellung nie zustandegekommen wäre. Und natürlich bei allen Beteiligten. Ihr wart großartig ! 3

Die Ausstellung »Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration« wurde 2004 von der Initiative Minderheiten in Kooperation mit gangart, Peregrina u. a. im Wien Museum am Karlsplatz und in der Haupt­ bücherei am Gürtel realisiert. 4

Cornelia Kogoj, Gamze Ongan: Die Ausstellung ›Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration‹ – Migrationsgeschichte aus NGO-Perspektive. In: Regina Wonisch, Thomas Hübel (Hg.): Museum und Migration. Konzepte – Kontexte – Kontroversen, Bielefeld 2012, S. 93. 5

Natalie Bayer: Post the museum ! Anmerkungen zur Migrations­ debatte und Museumspraxis, in: Sophie Elpers, Anna Palm (Hg.): Die Musealisierung der Gegenwart. Von Grenzen und Chancen des Sammelns in kulturhistorischen Museen, Bielefeld 2014, S. 43.

Als Andrea Härle, Leiterin des Romano Centro, im Jahr 2012 mit der Idee einer Ausstellung zur Geschichte der Roma und Sinti in Österreich an die Initiative Minder­heiten herantrat, war uns bald klar, dass wir in dieser Kooperation auf den Ansatz, der sich schon bei der Ausstellung Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration 3 bewährt hatte, zurückgreifen würden. So sollte auch diese Geschichte »aus der Sicht ihrer Protagonisten […] selbst erzählt werden und diese sollten auch in der Produktion der Ausstellung eine aktive Rolle spielen«.4 Neben den Themen Sprache und Bildung widmet sich die Initiative Minderheiten in den letzten Jahren verstärkt Fragestellungen rund um historische und gegen­ wärtige Repräsentationsformen von Minderheiten im musealen, medialen und politischen Raum. Für mich stellten sich daher in dem Ausstellungsprojekt ­Romane Thana. Orte der Roma und Sinti drei grundsätzliche Fragen: 1. Welche Methode soll gewählt werden, damit die Ausstellung vor allem aus den Perspektiven derer erzählt wird, um die es darin geht  ? Wie können also Personen aus den unterschiedlichsten Roma-Communities aktiv in die Ausstellungsproduktion eingebunden werden  ? 2. Was wird ausgestellt und wie wird in der Ausstellung mit historischem, aber auch gegenwärtigem Bild- und Archivmaterial umgegangen  ? 3. In welcher Weise können Museen als Gedächtnisund Repräsentationsorte für Minderheitengeschichte fungieren  ? Perspektiven der Roma- und Sinti-Community Auch wenn MigrantInnen und Minderheitengruppen in den letzten Jahren als Zielgruppen von Museen stark umworben werden, so sind sie »fast ausschließlich nur punktuell und als Geschichten von migrantischen ›Anderen‹ in gesonderten Displays inszeniert«, schreibt Natalie Bayer, die einige deutsche Stadt- und Geschichtsmuseen in Bezug auf das Thema Migration untersucht und miteinander verglichen hat.5


werden Roma zu Objekten fotografischen Begehrens. Es ist kein Zufall, dass die ersten bekannten Fotografien von Roma Mitte der 1850er-Jahre im Zuge der damaligen Orientbegeisterung entstanden sind. Und es gehört »zu den grundlegenden Bedingungen des fotografischen Sehens von ›Zigeunern‹, dass fast alle in Archiven und öffentlichen Sammlungen überlieferten Aufnahmen von Sinti und Roma nicht von Angehörigen der Minderheit selbst aufgenommen wurden und dass sie nicht selten ohne ihr Einverständnis oder gar gegen ihren Willen entstanden«.8 Bildmedien hatten und haben also auf die gesellschaftliche Konstruktion der ›Zigeuner‹ maßgeblichen Einfluss. Welche dieser Bilder sollen in eine Ausstellung aufgenommen werden  ? Auf welche Weise können solche häufig von Stereotypen geprägten Bilder heute präsentiert werden ? Letztendlich hat sich das KuratorInnenteam für eine Mischung aus Darstellungen, die über Roma gemacht wurden und solchen, die von ihnen selbst produziert wurden, entschieden. In der Ausstellung sind sie vonein­ander unterscheidbar, da die Selbstzeugnisse gerahmt sind. Fotos über Roma aus dem heutigen Burgenland und Ungarn hatte unter anderem in den 1930er-Jahren der steirische Industrielle Alfred Ruhmann gemacht.9 Die Fotos zeigen Frauen (oft nackt), Männer und Kinder vor ihren ärmlichen Behausungen. Menschen, die kurze Zeit später in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet wurden. Diesen Bildern werden Fotografien gegenübergestellt, die Ruhmann von seiner eigenen bürgerlichen Familie gemacht hat. In diesem Nebenein­ ander verweisen die beiden Bildgruppen auf den Blick des Fotografen, der diese zwei Welten festgehalten hat, seine ›eigene‹ und die ›exotisch-fremde‹, und erzählten so viel mehr über ihn als über die ›Lebensweise der Roma‹. Ausgestellt werden auch sogenannte Polizeifotos, die unter anderem bereits vor dem Ersten Weltkrieg von den Roma im Burgenland zum Zweck der politischen Kon­trolle und Ausweisung gemacht wurden. Diesen Bildergruppen steht das Archiv von Mozes F. Heinschink gegenüber, dem wichtigsten österreichischen Sprachwissenschaftler für Romani-Sprachen, der seit den 1960er-Jahren Tondokumente, aber auch Fotos gesammelt hat. Die Fotos zeigen unter anderem elegante Frauen und Männer in der Mode der 1970er-Jahre. Und sie erzählen auch von der glorreichen Zeit der Wiener

Was wird ausgestellt  ? Die Konstruktion der ›Zigeuner‹ stellt sowohl in der europäischen Kunst der letzten 200 Jahre als auch in der Musik und Literatur eines der großen Themen dar. ­Spätestens in der europäischen Romantik erhält »die schöne Zigeunerin als literarische Figur und in der bilden­den Kunst einen festen Platz im Archiv kultureller Symbole, die bis heute jederzeit abrufbar sind«.7 Aber auch Roma-Musiker sind vor allem im 18. und frühen 19. Jahrhundert beliebte Motive der Malerei. Mit dem Aufkommen der Fotografie als Massenreproduktionstechnik, etwa in Form von Postkarten,

Gangart: Anderswo ist nicht Anderswann, In: Hakan Gürses, Cornelia Kogoj, Sylvia Mattl (Hg.): Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration, Wien 2004, S. 118.

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Klaus-Michael Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung, Berlin 2011, S. 104. 8

Frank Reuter: Fotografische Repräsentation von Sinti und Roma: Voraussetzungen und Traditionslinien, in: Silvio Peritore, Frank Reuter (Hg.): Inszenierung des Fremden. Fotografische Darstellung von Sinti und Roma im Kontext historischer Bildforschung. Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg 2011, S. 165. 9

Christian Plattner, ein Lehrer aus Kitzbühel, hat die Fotoalben im Keller seines Hauses gefunden.

»… dass alle Gruppen vorkommen«

Um einer Geschichtserzählung, die auf dem ›Anderen‹ basiert, entgegenzuwirken, haben wir elf Personen aus den unterschiedlichen Roma-Communities angefragt, als AutorInnen dokumentarische und künstlerische ­Beiträge für die Ausstellung zu gestalten. Sie wurden gebeten, ausgehend von einem konkreten Ort, eine eigene Geschichte zu entwickeln. Das Prinzip der AutorInnenschaft wurde bereits bei der Ausstellung Gastarbajteri als zentrales Narrations­ mittel angewendet. Schon in Gastarbajteri wurde ein für ein historisches Museum ungewöhnlicher Zugang gewählt: Die einzelnen Beiträge hatten eine ausgewiesene AutorInnenschaft der einzelnen ForscherInnen. Sie wurden »auf Grundlage eines abgestimmten Rasters, jedoch nach deren eigenen spezifischen Kriterien verfasst und […] nur über eine inhaltlich-formale Klammer an ein gesamt­gestalterisches Konzept gebunden«.6 Das Ergebnis sind unterschiedliche Erzählungen und Orte, die auch den Kern der Ausstellung bilden, wie Oberwart – Ort des tödlichen Anschlags gegen vier Burgenland-Roma am 4. Februar 1995; der Wiener Gemeindebezirk Floridsdorf – traditionell Lebensmittelpunkt vieler Wiener Lovara; der »Rock der Mutter« als Zuflucht und »Sternenzelt« einer Sintiza, deren Mutter eine KZ-Überlebende war; die Wiener Krankenhäuser – Arbeitgeber vieler Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien, ebenso wie die Wiener Hausmeisterwohnungen; aber auch die »Haut des Vaters«, die schmerzhafte Erinnerungen in Form von Tätowierungen enthält oder das Internet als Raum der politischen Kommunikation innerhalb von jungen europäischen Roma-Communities. Kontextualisiert wird dieser Ausstellungsteil durch einen ausführlichen historischen Teil, der die Geschichte der Verfolgungen seit dem 17. Jahrhundert ebenso zeigt, wie jene des Nationalsozialismus, aber auch die Selbst­ organisationen als Orte politischer Emanzipation. Gleichzeitig war es aber auch wichtig, von aktuellen Fragestellungen auszugehen. So werden die BesucherInnen gleich am Eingang der Ausstellung, nach einem Einstieg mit dem legendären Musikvideo von Gipsy Love aus dem Wien von 1970, mit einer Doppelconférence zweier junger Roma-Aktivistinnen konfrontiert: Gilda-Nancy Horvath und Manuela Horvath diskutieren darüber, was eine Ausstellung, die erstmals in zwei wichtigen öster­ reichischen Geschichtsmuseen zu sehen ist, für eine Minderheit leisten kann und wo ihre Grenzen liegen.

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»… dass alle Gruppen vorkommen«

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Lovara. In den Bildern, Büchern und Filmen von Ceija Stojka werden Selbstzeugnisse einer Lovara-Romni in der Ausstellung sichtbar, die mit ihrem Buch, Wir ­leben im Verborgenen (1988), als erste Romni in Österreich an die Öffentlichkeit gegangen ist und damit einen wichtigen Schritt für die Debatte rund um die »NS-Wieder­ gutmachung« für Roma und Sinti gesetzt hat. Gezeigt wird auch ein Briefwechsel von 1965/66, zwischen dem Außenministerium und der österreichischen Botschaft in Belgrad 10, in dem ersucht wird, »Angehörigen jugosl. Zigeunergruppen keine SV [Sichtvermerke, Anm.] zu erteilen«.11 Der über Jahrhunderte tradierte strukturelle Rassismus kommt darin einmal mehr zum Ausdruck. Die Geschichte von Minderheiten – das unterscheidet Roma und Sinti nicht von anderen Minderheiten – ist meist eine Geschichte von Verfolgung, verbunden mit viel menschlichem Leid. Dieser Verfolgungsgeschichte ist auch ein großer Teil der Ausstellung gewidmet. Aber genauso wichtig ist das Zeigen des Umgangs der Menschen mit diesem Leid, das Bestreben, dagegen anzukämpfen und so etwas wie Normalität herzustellen. Hier sind insbesondere die politischen Kämpfe zu berücksichtigen, die dafür notwendig waren. Ihren Errungenschaften sind meist langjährige Forderungen, Aktivismus und politischer Ungehorsam vorausgegangen. Dieser Aspekt der Geschichte wird unter anderem in der Station Roma und Sinti Selbstorganisationen dargestellt. Bereits in den 1960er-Jahren kam es international im Zuge des allgemeinen Aufschwungs der sozialen und politischen Bewegungen auch zu einer Organisierung der »Roma-Bewegung«, die ihren Durchbruch mit der Gründung des Internationalen Romani-Kongresses (RIC) hatte. Das erste Treffen, 1971 in London, an dem Delegierte aus 14 Staaten teilnahmen, stand ganz im Zeichen einer Verbesserung der Möglichkeiten gesellschaftlicher und politischer Teilhabe. »Roma« wurde als offizielle Selbstbezeichnung gewählt, eine eigene Flagge wurde entworfen und Gelem, Gelem zur Hymne der Roma erklärt. In Österreich wurde der erste Roma-Verein, der Verein Roma in Oberwart erst 1989 gegründet. Auslöser dafür war ein Lokalverbot für Roma in einer ­Oberwarter Diskothek, gegen das man sich – unter anderem mit einer Petition beim Bundespräsidenten – erfolgreich zur Wehr setzte. Aber auch der bis dato übliche Vermerk am Oberwarter Arbeitsamt – »Bitte Zigeuner nicht

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Dieser Briefwechsel wurde von Vida Bakondy recherchiert. 11

BMaA, Geschäftszeichen Jugoslawien IX/2P, Grundzahl 326 613 – 12/65. 12

Regina Wonisch: Museum und Migration. Einleitung, in: Wonisch, Hübel (Hg.): Museum und Migration, Bielefeld 2012, S. 16. 13

Julie Ault: Ausstellung: Unterhaltung, Praxis, Plattform, in: Christian Kravagna (Hg.): Agenda. Perspektiven kritischer Kunst, Wien/Bozen 2000, S. 166. 14

Ebd., S. 160.

vermitteln« – führte dazu, dass die Roma-Volksgruppe anfing, sich gegen diese Ungerechtigkeiten zu wehren. Weitere in den 1990er-Jahren gegründete Vereine, wie das Romano Centro, der Kulturverein österreichischer Roma oder der Verein Ketani setzten sich anfangs vor allem für die Anerkennung der Roma als Volksgruppe sowie für Entschädigungszahlungen an NS-Überlebende ein. In den letzten Jahren sind einige neue Selbstorganisationen gegründet worden, in Wien insbesondere von Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien, etwa die Vereine Vida Pavlović, Romano Svato oder Romakult, aber auch der Verein der Wiener Lovara. Und im Burgenland gibt es nun mit den Vereinen Roma-Service und Karika – für Roma und Sinti mittlerweile insgesamt drei Vertretungsorganisationen. Einen weiteren wichtigen Emanzipationsschritt stellte in den 1990er-Jahren die Kodifizierung und Verschriftlichung des Burgenland-Roman und des Lovara-Romani dar. Um diese verschiedenen Varianten einerseits sichtbar zu machen und andererseits die Wertig­keit von Minderheitensprachen insgesamt zu unterstreichen, sind die Ausstellungstexte – je nach ­Themen und Orte – ins Burgenland-Roman, Lovara-­ Romani, Kalderaš und Sintitikes übersetzt. Museen als Gedächtnisund Repräsentationsorte »Die klassischen nationalen Gedächtnisorte und -rituale sind für Immigranten nicht anschlussfähig«, schreibt die Historikerin und Museologin Regina ­Wonisch.12 Dieser Befund ist auf andere Minderheitengruppen, wie auch auf Roma und Sinti, übertragbar. Auch ihre Sicht auf ihre eigene Geschichte war bislang nicht in den österreichischen Museen zu sehen. Spätestens seit Group Material im New York der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre damit begann, Konventionen von Ausstellungs- und Museumsdisplays zu hinterfragen, indem die KünstlerInnengruppe z. B. in ihre Ausstellung Americana andere Bevölkerungsschichten in die Ausstellungsproduktion miteinbezog, gibt es einen Diskurs darüber, wie Geschichte von Minderheiten in Museen eingeschrieben werden kann. So versuchte Group Material im Rahmen ihrer Aktivitäten »Repräsentation als umkämpfte Arena zu theoretisieren und Orte für Selbstrepäsentation zu schaffen«.13 Denn »alle Ausstellungen treten – offen oder verdeckt – für etwas ein; sei dies eine politische Position, eine bestimmte Form eines deskriptiven Systems, eine neue Produktpalette oder der Glaube an transzendente ästhetische Erfahrungen«.14 Die Ausstellung Romane Thana. Orte der Roma und Sinti erzählt keine abgeschlossene Geschichte, sondern einen Prozess. Einen Prozess der Aushandlung zwischen Roma und Nicht-Roma über die schwierige Frage der Repräsentation und Darstellbarkeit von Minderheitengeschichte. Mit dieser Herangehensweise versuchen wir nicht nur gängige Ausstellungspraxen zu hinterfragen, sondern generell das Museum als Institution, in der bislang vor allem ›authentische‹ Objekte aus den


Cornelia Kogoj, Studium der Publizistik und Germanistik in Wien. Seit 1998 Generalsekretärin der Initiative Minder­ heiten. Kuratorin (mit Sylvia Mattl und Martina Böse) der Ausstellung Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration (2004). Projektleitung (mit Boban Stojkov und Ljubomir Bratić) des Roma-Theaterstücks Liebesforschung (2006). Projektleitung (mit Vida Bakondy) des Forschungs- und Ausstellungsprojekt Viel Glück! Migration heute. Wien, ­Belgrad, Zagreb, Istanbul (2010).

»… dass alle Gruppen vorkommen«

Communities gefragt waren, während die Communities selbst meist nur in den Veranstaltungs- und Vermittlungsteil eingebunden wurden. Wichtig war bei Romane Thana die Verschränkung von Erfahrungs- mit historischem Wissen sowie mit repräsentationskritischen Fragestellungen. Die Beteiligung der ProtagonistInnen in der Konzeption und Produktion der Ausstellung ist im Fall von Romane Thana als Methode zu werten, die ein gegenseitiges Lernen voneinander möglich gemacht hat. Dass sich das Wien Museum nach Gastarbajteri erneut auf eine solche Vorgangsweise eingelassen hat, nun gemeinsam mit dem Burgenländischen Landesmuseum, stimmt hoffnungsvoll für einen anderen Umgang mit Minderheitengeschichte in Museen.

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