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Das kleine Ich bin ich, 1972

ICH BIN ICH MIRA LOBE UND SUSI WEIGEL

Aber dann bleibt das Tier mit einem Ruck, mitten im Spazierengehen, mitten auf der Straße stehen, und es sagt ganz laut zu sich: „Sicherlich gibt es mich: ICH BIN ICH!“

WIEN MUSEUM

Mira Lobe (1913 –1995) zählt zu den bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen des 20. Jahrhunderts, insgesamt veröffentlichte sie rund 100 Titel, ihre Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt. 1972 entstand mit dem Kleinen Ich bin ich in kongenialer Wort-Bild-Partnerschaft mit der Illustratorin Susi Weigel (1914 –1990) ein Bilderbuchklassiker, der Generationen von Kindern bis heute fasziniert – so wie viele andere Lobe/Weigel-Werke wie Die Omama im Apfelbaum oder Die Geggis. Der Katalog zur Ausstellung Ich bin ich – Mira Lobe und Susi Weigel gibt Einblicke in das Lebenswerk der beiden Künstlerinnen.

WIEN MUSEUM

ICH BIN ICH MIRA LOBE UND SUSI WEIGEL

ISBN 978-3-7017-3356-9

978 3 7017 3356 9

residenzverlag.at

WM_IBI_COVER_RZ_NEU_KORR.indd 1

Residenz Verlag

10.10.14 09:49


Ich bin ich Mira Lobe und Susi Weigel


Ich bin ich Mira Lobe und Susi Weigel

Herausgegeben von Ernst Seibert, Georg Huemer, Lisa Noggler

Wien Museum Residenz Verlag


Susi Weigel (l.) und Mira Lobe (r.) vor ihren Werken, 1970 Nur wenige erhaltene Fotoaufnahmen zeigen die Partnerinnen im Duo. Kurier


Vorwort Wolfgang Kos 8

Ich bin ich Mira Lobe und Susi Weigel 17

Mira Lobe und Susi Weigel

Vergangenheit in Bruchstücken

Frauen im Schatten ihrer Bücher Georg Huemer, Lisa Noggler, Ernst Seibert 12

Zur Biografie von Mira Lobe Georg Huemer 30

Zur Ausstellung, zu Sprach­bildern und Bildsprache, zu Frauenfreund­schaft und Arbeits­beziehung

„Mir ist das Menschliche ­näher als jeder ­Titel“

Viele Möglichkeiten – ein Fokus Lisa Noggler 13

Susi Weigel – eine Unbekannte? Stefania Pitscheider Soraperra 44

Gemeindebau Die Kunst zusammenzuleben 72

„Noch nie hat sich mein Papierkorb derart rasch gefüllt …“ Mira Lobes Kinderbücher in den k ­ ommunistischen Verlagen ­Globus und Schönbrunn Manfred Mugrauer 108

Mira Lobe im Umfeld ihrer Verlage Murray G. Hall 112

Werkliste 252

Autorinnen und Autoren 254

Leihgeberinnen und Leihgeber 255

Impressum 256


Freiraum

Sehnsuchtsort

Die Kunst zusammenzuarbeiten 114

Die Kunst weiterzukommen 172

Jüdische Erfahrung im Werk Mira Lobes

Aufbruch in die Fantastik

Zu einigen Aspekten ihrer Welt und Schreibweise Karl Müller 144

Realitätskonzepte in der F ­ rühphase der österreichischen

Punkte, Striche, Pinseltupfer Angelika Kaufmann und ihre ­Zusammenarbeit mit Mira Lobe Inge Cevela 148

Vanillepudding und gebratene ­Leber Winfried Opgenoorth illustriert Mira Lobe Silke Rabus 150

Un-Ordnungs-Konzepte Mira Lobes Monster-Figuren als soziale Herausforderung Heidi Lexe 164

Du bist nicht allein Helferfiguren bei Mira Lobe und Susi Weigel Sonja Loidl 166

Das große und das kleine Ich Die Entdeckung der ­eigenen ­Identität in Mira Lobes ­Räuberbraut Sylvia Zwettler-Otte 168

­ inder- und Jugendliteratur K Marcel Illetschko 208

Kindliche Gegenwelten und ein­gerollte Socken Kinderräume, K ­ indheitsräume: „Das ganze Zimmer ist ­vollgestopft mit Sammelsachen“ Nicole Kalteis 211

Umspannwerk Kunst mit Sinn fürs Kind 214

„Schwarz wie Negerpuppen sind“ Von einer Figur, die für mehr als eine Farbe steht Georg Huemer 218

Spätes Nachdenken über das ­Frühe Mira Lobes neue Poetik in den 1970er-Jahren Ernst Seibert 220

Wann passiert Musik? Zur V ­ ertonung von Mira Lobes ­Büchern Lisa Naske 244

Auf der digitalen Blumenwiese Das kleine Ich bin ich als Bilderbuch-App Marlene Zöhrer 246

Autofahren mit Mira Lobe und Kurt Tucholsky Renate Welsh 247

Erinnerungen an Mira Lobe und Susi Weigel Wolf Harranth 249


Vorwort

Varian­ten nie verlegenen Entwurfsblätter aus dem Nachlass von Susi Weigel. Die Geschichte der Zusammenarbeit zwischen Weigel und Lobe ergibt den narrativen Hauptstrang. Beide ­wären vor Kurzem hundert Jahre alt geworden, Mira Lobe 2013, Susi Weigel heuer. Ausstellung und Katalog sind ebenso ein Plädoyer gegen die immer noch weit verbreitete Sicht, dass Kinderliteratur nicht in derselben Liga spiele wie Erwachsenenliteratur. Auch Mira Lobe hat darunter gelitten, dass Schreiben für Kinder nicht adä­quat ernst genommen wurde. Doch das begann sich zu ändern. –––

„Ich möchte wissen, wer ich bin.“ So fragt das verzweifelte namen­lose Etwas, um sich am Ende der Geschichte als selbst­ bewusstes Wesen zu entdecken. „Sicherlich gibt es mich: ICH  BIN ICH!“ 1972, mitten in einer Aufbruchszeit auch der Kinder­literatur, erschien mit Das kleine Ich bin ich ein einzig­ artiges Kinderbuch, das bis heute Generationen von Kindern fasziniert. Renate Welsh nannte es ein „Jahrhundertwerk“. Entstanden ist es interaktiv, nämlich in enger und kongenialer Zusammenarbeit und im Ideenaustausch zwischen der ­Autorin Mira Lobe (1913 –1995) und der Bildgestalterin Susi Weigel (1914 –1990), die im Lauf einer jahrzehntelangen Partnerschaft fast fünfzig von Lobes rund hundert Büchern illustriert hat. Auch andere Koproduktionen wie Die Omama im Apfelbaum oder Die Geggis sind längst Klassiker mit anhaltend hohen ­Verkaufszahlen und damit Erinnerungsorte in Österreichs ­kollektivem ­Gedächtnis. Der Titel Ich bin ich bezieht sich natürlich nicht nur auf dieses eine geniale Buch, sondern trägt die ganze Ausstellung. Denn das Ermutigen von Kindern und Jugendlichen und die Stärkung ihres Selbstwertgefühls sind Konstanten im vielfältigen Werk von Mira Lobe. Das machte sie zu Österreichs bedeutendster Kinderbuchautorin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zur wichtigsten Erneuerin der Literatur für Kinder und Jugend­liche. Ohne pädagogischen Zeigefinger vermitteln ihre Geschichten Solidarität mit Ausgegrenzten, die Notwendigkeit und Möglichkeit von Veränderungen oder Eigenständigkeit gegenüber Erwachsenen, die der kindlichen Fantasie Grenzen setzen wollen. Immer steht Mira Lobe auf der Seite der Kinder, speziell dann, wenn diese unter Zurücksetzungen und Miss­ erfolgserlebnissen leiden. Schon im Frühwerk holte sie Themen wie Protest gegen Umweltzerstörung oder Gewalt in der Familie in die damals heile Kinderbuchwelt. Was immer sie erzählt, ihr Ton ist nie hochtrabend. Denn wesentliche Ingredienzien sind Fabulierfreude und Sprachwitz, der wiederum mit dem Bilderwitz der Illustrationen zusammenspielt. Im Medium Ausstellung sind Bilder stärker als Worte, anders als im Buch, in dem Text und Bild untrennbar z­ usammenspielen. ­Unsere Schau ermöglicht vor allem eine Reise durch die vielfäl­tigen Bildwelten, die Mira Lobes Bücher begleiten. Im ­Zen­trum stehen die um überraschende und leichthin improvisierte

Mira Lobe ist einer breiten Öffentlichkeit bekannt und längst Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung. W ­ ichtige Schritte waren der 2005 von Heide Lexe und Ernst Seibert heraus­gegebene Sammelband Mira Lobe … in aller Kinderwelt und Georg Huemers Dissertation Mira Lobe – Doyenne der ­österreichischen Kinder- und Jugendliteratur von 2013. Susi ­Weigel dagegen muss neu entdeckt werden. Die Aufmerksamkeit der Kunst- und Bildgeschichte gegenüber der Bedeutung des Kinderbuchs ist offenbar deutlich geringer als die der Germanistik. Stefania Pitscheider, Leiterin des Frauenmuseums ­Hittisau, hat mit einer von ihr 2010 kuratierten ersten Werkschau ­einen wichtigen Impuls für die Sichtbarmachung der Arbeit Susi Weigels gegeben. Mit ihrem Wissen hat sie auch die Ausstellung im Wien Museum unterstützt. Wenn wir davon erzählten, dass eine Lobe-Ausstellung in Planung ist, löste das zumeist Vorfreude aus. Auffällig war, welch große Rolle dabei die emotionelle Verbindung mit bestimmten Büchern spielt, also eine sehr emphatische, vertrauensvolle Beziehung, die wohl auch mit Nostalgie und Sehnsucht nach der eigenen Kindheit zu tun hat oder mit prägenden Erlebnissen beim Vorlesen in der Eltern- oder Großelternrolle. Die Frage nach Lieblingsbüchern wird zumeist spontan beantwortet. Ich würde zum Beispiel Die Geggis nennen, die Geschichte über die scheinbar unüberwindbare Feindschaft zwischen den Felsgeggis und den Sumpfgeggis, die in aus Gewohnheit und Erstarrung perpetuierter Abschottung gegeneinander leben. Wer, wie zwei Geggikinder, den Hass überwindet und Gemeinsamkeiten entdeckt, gilt als Verräter. Wir kennen das aus der realen Geschichte und Gegenwart. Die Story ist in eine verführerisch schöne Landschaft eingebettet, die mit den Versöhnungs­freuden geradezu zum Paradies wird. Dank der Körperhaltung und Gestik der mit wenigen Strichen gezeichneten neugierigen und schließlich mutigen kleinen Wesen – das eine rot, das andere grün – ergibt Susi Weigels reduzierte Bilderzählung eine komplette, eigenständige Geschichte, die über illustrierende Begleitung weit hinausgeht. Die Geggis zeigen beispielhaft, wie Bild und Text einander aufladen, ja geradezu durchdringen können und gemeinsam zu etwas Drittem werden. Fast wie im Kino. Das Buch bietet auch Fortbildung in der Disziplin „Kreatives Schimpfen“: „Du bist ein stinkiger, sumpfiger Gatschler, ein 8


Das kleine Ich bin ich, 1972 Susi Weigel, Illustratorin Mira Lobe, Autorin Verlag Jungbrunnen

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hässlicher, schlammiger Watschler!“ Und in der Gegenrichtung: „Und du bist ein ekliger Klettermaxler, ein grauslicher, scheußlicher Schluchtenhaxler.“

war, auch für Kinder- und Jugendbücher galten die Regeln der „sozialpartnerschaftlichen Ästhetik“ (Robert Menasse). –––

Die Ausstellung Ich bin ich richtet sich an Erwachsene ebenso wie an Kinder, für die spielerische Elemente, Mitmachstationen und überraschende Inszenierungen bereitstehen. So wie Kinder­bücher weiterführende Interaktionen zwischen Vorlesenden und Zuhörenden ermöglichen, bieten auch gemeinsame Museumsbesuche, speziell wenn es um Mira Lobe und Susi Weigel geht, Anlässe für intensiven Gesprächsaustausch zwischen Eltern und Kindern. ––– „Mich ärgert die anhaltende Pädagogisierung der Kinderlitera­ tur“, so Hildegard Gärtner, die Leiterin des Jungbrunnen­-Ver­lags, der das Werk von Mira Lobe betreut. „Alles, was Kinder in die Hand bekommen, soll auch lehrreich sein.“ Diese Einschränkung verkenne etwas Wesentliches guter Kinderliteratur, nämlich dass die Bücher vor allem Freude und Spaß machen sollten. Die Überbewertung der „pädagogischen Versorgung“ habe auch zur Folge, dass das Kriterium der literarisch-künstlerischen Qualität allzu oft ins Hintertreffen gerate. Da Kinder­bücher von Erwachsenen ausgewählt werden, müssen ­Kinder- und Jugendbuchverlage vor allem diese ansprechen, um an ihre eigentliche Zielgruppe heranzukommen. Schön wäre es, zumindest als Utopie, wenn Kinder selbst aussuchen könnten. Von zehn Jahren aufwärts tun sie das tatsächlich immer öfter. Frau Gärtner erzählt von einer aktuellen Studie, aus der hervorgeht, dass sich immer mehr Kinder in der Buchhandlung direkt beraten lassen. Wenn wie bei Mira Lobe Bücher zu zeitlosen Longsellern mit Kultstatus geworden sind, sind sie ungefährdet vom immer kurzatmigeren Novitätenwettlauf. „Denn Eltern und Großeltern“, so Gärtner, „geben an Kinder gerne das weiter, was sie selbst einmal begeistert hat. Es ist leichter, etwas auszusuchen, was man selbst kennt.“ Speziell Das kleine Ich bin ich profitiert von dieser generationsübergreifenden Vertrautheit: Vierzig Auf­ lagen, fast 800.000 verkaufte Exemplare, allein im letzten Jahr waren es 30.000. Was die internationale Verbreitung a ­ ngeht, liegt in der Lobe-Hitparade Die Omama im Apfelbaum mit Übersetzungen in 32 Sprachen vorne. Zurück zu Ausstellung und Katalog: Vor dem Hintergrund der Biografien von Mira Lobe und Susi Weigel erschließen sich zeitgeschichtliche Zusammenhänge: Mira Lobes Kindheit in einer jüdischen Familie in Deutschland mit der bitteren Erfahrung antisemitischen Mobbings. Exiljahre einer jungen Frau mit sozialistischem und zionistischem Elan in Israel. Ab 1950 in Wien, mitten hinein in die Atmosphäre des Kalten Krieges. Sie tritt der KPÖ bei, gemeinsam mit Susi Weigel veröffentlicht sie in kommunistischen Verlagen und im über den Parteiradius hinaus beliebten Kinderblatt Unsere Zeitung. Später wechselt das Duo zu Verlagen im Umfeld der SPÖ, zu Jungbrunnen und Jugend und Volk. Kaum etwas, das damals nicht parteipolitisch zugeordnet

Die Idee zur Ausstellung verdankt das Wien Museum W ­ ilhelm ­Hemecker, Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts für Ge­ schichte und Theorie der Biographie, und Ernst Seibert, ­Kinder- und Jugendbuchexperte am Institut für Germanistik der U ­ niversität Wien. Nach zahlreichen Gesprächen war das Ziel des Vorhabens definiert. Es wurden erste Ideen entwickelt und eine Kooperation zwischen Boltzmann Institut und Wien ­Museum vereinbart. Mein besonderer Dank gilt Lisa Noggler, die große Erfahrung mit der Zielgruppe Kinder und ein Bündel von Ideen mitbrachte und als Kuratorin ein erfrischend unkonventionelles und beeindruckendes Konzept entwickelte und umsetzte. Als Co-Kuratoren und wissenschaftliche Berater waren Ernst Seibert und Georg Huemer in wesentlichen Rollen tätig. Dafür, dass Letzterer für dieses Projekt zur Verfügung stehen konnte, ist dem Boltzmann Institut zu danken. Das Dreierteam der Ausstellung hat auch die Herausgabe des Katalogs übernommen. Den zahlreichen ­Autoren und Autorinnen danke ich für ihre Beiträge, in denen viele neue Aspekte behandelt werden. Als souveräne Produktionsleiterin bewährte sich einmal mehr Isabelle Exinger-Lang, mit koordinierenden Aufgaben begleitete Andrea HönigmannPolly das fordernde Projekt. Wie könnte eine Lobe-Weigel-Ausstellung gestaltet sein, in der sich Erwachsene gleichermaßen wohlfühlen wie Kinder, die kultur­historische Information ebenso zulässt wie ­Freiraum für spielerische Aneignung oder Bastelstationen? Das Architekten­ duo polar÷ (Margot Fürtsch, Siegfried Loos) hat sich auf solche Fragen mit enormem Engagement eingelassen. Die ­Ausstellungs- und Kataloggrafik lag bei Larissa Cerny, der ich für ihren ­präzisen und doch sensiblen Zugang meine Reverenz ­erweisen möchte. Es ist ihr gelungen, eine adäquate Gestaltung für die Inhalte dieser so speziellen Ausstellung zu finden. Für die Möglichkeit, Materialien und Bilder aus den N ­ achlässen zu zeigen, danke ich allen Rechte-Inhabern, sowie allen Leihgebern, insbesondere dem Archiv der KPÖ und dem Verag Jungbrunnen. Dessen Leiterin Hildegard Gärtner und Stefania Pitscheider haben die Schau beratend unterstützt. Ich freue mich, dass die Wiener Arbeiterkammer sich auch in diesem Jahr dazu entschlossen hat, eine Ausstellung des Wien Museums als Sponsor zu unterstützen und dass die Wahl auf Ich bin ich fiel. Darüber hinaus hat die AK ein vergriffenes Buch von Mira Lobe und Susi Weigel (Willi Millimandl und der Riese Bumbum) als Gratisbuch neu auflegen lassen.

Wolfgang Kos Direktor Wien Museum 10


Die Geggis, 1985 Susi Weigel, Illustratorin Mira Lobe, Autorin Verlag Jungbrunnen

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Mira Lobe und Susi Weigel Frauen im Schatten ihrer Bücher Georg Huemer, Lisa Noggler, Ernst Seibert

Vor rund hundert Jahren wurde Mira Lobe geboren, an ­einem Herbsttag 1913 in Görlitz. Damals hieß sie noch Hilde ­Rosen­thal, Mirjam war ihr zweiter Vorname. Stationen eines ­Lebens: Jugend in Deutschland, dann Flucht nach ­Palästina, dort ­Heirat mit Friedrich Lobe und Geburt zweier Kinder. Über Umwege kam die Familie Anfang der 1950er-Jahre nach ­Österreich, zurück in den deutschsprachigen Raum. Ein un­gewöhnlicher Schritt zu jener Zeit, der auch heute noch für viele nur schwer verständlich ist. Doch Mira Lobe hielt nicht viel von Konventio­ nen: Allen Widerständen zum Trotz wählte sie Wien als neue Heimatstadt. Als Friedrich Lobe in der DDR ein Engagement bekam, folgte sie ihm zwar erneut; doch schon bald kehrten die Lobes nach Wien zurück. Die Biografie der Schriftstellerin, die eine Vielzahl von Kinder­ büchern mit klingenden Namen geschaffen hat, ist vielen kaum bekannt. Erst im letzten Dezennium begann eine fundierte Aufarbeitung des umfangreichen Lebenswerks Mira ­Lobes. Rezente Forschungsarbeiten zeigen das breite Netzwerk, über das die Schriftstellerin verfügte. Sie war eine zentrale Figur im literarischen Geschehen der Nachkriegsjahrzehnte und war weit über die engen Grenzen der Kinderbuchszene angesehen. Hierzulande jemanden zu finden, der nicht eines ihrer Bücher kennt, ist eine Herausforderung. Die Nennung von Mira Lobes Namen erzeugt Aha-Effekte, auch wenn vielen nicht bewusst ist, wer sie war, diese „Frau im Schatten der Bücher“.

Vieles in ihrer Lebensgeschichte steht im Kontrast zu der Mira Lobes: Die bildende Künstlerin verließ Wien, zog nach Vorarl­ berg und war trotz zahlreicher gemeinsamer Erfolge nicht annähernd so angesehen wie die Autorin. Lobe hatte engeren Kontakt zu den Verlagen, anderen SchriftstellerInnen und ­Illustrierenden; Weigel hingegen lebte in vielerlei Hinsicht eher zurückgezogen. Das Schicksal der Vergessenen teilt Weigel mit vielen anderen IllustratorInnen, die heute nahezu unbekannt sind. Die Forschung steht hier noch am Anfang. Nachlässe von Kinderliteraturschaffenden finden sich oft in Privatbesitz; öffentliche Institutionen erweitern ihre Bestände erst sukzessive. Bei den Arbeiten zur Ausstellung wurde dies zur besonderen He­ rausforderung, denn die wundersamen Bilder der Lobe-Bücher sollten ein zentrales Moment ausmachen. Die hier präsentierten Materialien fanden sich an unterschiedlichen Orten in ganz ­Österreich verstreut: von Wien bis nach Vorarlberg, von Vorarlberg bis Wien. Jede Ausstellung ist eine Interpretation: Das gemeinsame ­Lebenswerk zweier Frauen wird zum Ausgangspunkt, um den Blick auf ein größeres Panorama der Entwicklungen in der Kinder- und Jugendliteraturgeschichte zu eröffnen. Reime, ­Geschichten, Texte und Bilder, die nahezu ­selbstverständlich Teil unserer Kindheit und Jugend sind, werden hier in vier ­Bereichen (Gemeindebau, Freiraum, Sehnsuchtsort und Umspannwerk) gezeigt. Schlussendlich bleibt es aber den BesucherInnen selbst überlassen, einen Weg durch das Erinnerungslabyrinth der Ausstellung zu finden. Denn jede und jeder von uns ist mit einem anderen Lobe-Buch aufgewachsen – oder tut dies gerade: Manche von uns erinnern sich an Bärli Hupf, andere an Die Omama im Apfelbaum – v­iele kannten Das kleine Ich bin ich auswendig und einige Lollo. „Ich bin ein Zauberzimmer-Kind“, hat eine Kollegin mehrmals gesagt, ein anderer behauptete stur, ein „Geggis-Kind“ zu sein. Vielleicht sind wir ja alle in irgendeiner Form „Kinder dieser Bücher“, jede und jeder kann ihr oder sein eigenes Lobe-Buch wählen. Georg Huemer im Namen des KuratorInnenteams

Manche der Lobe-Bücher, und gerade jene, die über eine herausragende Bildsprache verfügen, sind österreichische Klassiker geworden: Ich bin ich, so lautet der Titel der Ausstellung. Die Geschichte um das rosa gemusterte Tierchen ist ein literarisch durchkomponiertes Kleinod. Genial sind vor allem auch die Illustrationen Susi Weigels, sie leisteten einen entscheiden­ den Beitrag zur Nachhaltigkeit der Lobe-Bücher. Lobe und ­Weigel – Weigel und Lobe, die beiden Frauen bilden bis dato das erfolgreichste Duo der jüngeren österreichischen K ­ inderund Jugendliteraturgeschichte. Ab Ende der 1960er-Jahre arbei­ tete Mira Lobe auch intensiv mit anderen zusammen, ­darunter IllustratorInnen wie Christina Oppermann-Dimow, Angelika Kaufmann und Winfried Opgenoorth. Keine dieser Partner­ schaften wurde jedoch so intensiv wie jene mit Susi Weigel.

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Zur Ausstellung, zu Sprach­bildern und Bildsprache, zu Frauenfreund­ schaft und Arbeits­beziehung Viele Möglichkeiten – ein Fokus Lisa Noggler

Zwei Biografien, die nahezu gleiche Lebensdaten, aber sehr verschiedene Lebensrealitäten aufweisen. Eine fast vierzig Jahre andauernde Arbeitsbeziehung und Frauenfreundschaft. Viele Geschichten über Mut zu Veränderung, unzählige Bilder mit einprägsamer Kraft. Vorlesen, wieder-lesen, sich erinnern, neu entdecken: Es gibt zahllose verlockende gedankliche Möglichkeiten, sich mit den beiden besonderen Kinderbuchmacherinnen Mira Lobe und Susi Weigel auseinanderzusetzen. Die Ausstellung Ich bin ich. Mira Lobe und Susi Weigel ­fokus­siert das umfangreiche Werk der beiden Künstlerinnen. In den Ge­ schichten und Bildern, die bereits drei Generationen an­sprechen, findet sich der gemeinsame Ausgangspunkt für ver­schiedene Altersgruppen – insbesondere, weil diese Ausstellung programmatisch eine Einladung an Jung und Älter aussprechen soll. Von Großen verfasst und gemalt, von Kleinen gelesen und ­betrachtet, stellt das Kinderbuch eine Art Bindeglied zwischen Erwachsenen und Kindern dar. In dieser Ausstellung wird dem Changieren zwischen Groß und Klein besondere Aufmerksamkeit zuteil. Jung und Älter sind gleichermaßen ernst genommen; von der Auswahl der vorgestellten Geschichten über spieleri­ sche, räumliche und sinnliche Rezeptionsmöglichkeiten bis hin zu den Ausstellungstexten werden verschiedene Lesarten, ­Narrationen und Erfahrungsräume angeboten. Ausgehend von den Geschichten und Bildern wird es möglich, jüngeren BesucherInnen die noch kaum für interessant befun­ dene Autorin und Zeichnerin vorzustellen. Das ältere Publikum ist währenddessen eingeladen, sich jenseits der stark strapazierten Erinnerungen auf die Wirkungs- und Rezeptions­ geschichte, auf Interpretationen und Deutungen zugrunde ­liegender Aussagen einzulassen.1 Die Fülle dieses Werks, das im Wesentlichen seit der Nachkriegszeit bis in die 1990er-Jahre und in der Neu- und Wiederauflage bis heute das Kinderbuchgenre prägt und immer noch gelesen und vorgelesen wird, begleitet die BesucherInnen

gleichsam als Prolog in die Ausstellung hinein und als Epilog wieder aus ihr hinaus. 45 Kinderbücher und viele Fortsetzungsgeschichten haben Susi Weigel und Mira Lobe gemeinsam geschaffen, viele weitere Erzählungen und über fünfzig Bücher für Kinder und Jugendliche Mira Lobe mit anderen IllustratorInnen. Zahlreiche Geschichten sowie 14 Bücher illustrierte Susi Weigel von weiteren AutorInnen. Auch ihr künstlerisches Schaffen jenseits der Kinderbuchillustrationen ist beachtenswert. Aus dem umfangreichen Gesamtwerk Mira Lobes ragen einzelne Titel heraus – sie sind nahezu ein Teil des kollektiven Gedächtnisses in Österreich2 geworden: Die Omama im Apfelbaum (1965), Das kleine Ich bin ich (1972), Die Geggis (1985), oft auch Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel (1981)3 – sie werden am häufigsten genannt, fragt man nach Mira Lobe. Susi Weigel ist weit weniger bekannt, obwohl ihre Bilder mindestens ebenso stark in den Köpfen verankert sind wie einzelne Verse oder Textpassagen.4 Die Geschichten von Mira Lobe und Susi Weigel thematisieren nicht nur soziale und teilweise kulturelle Unterschiede und versuchen gegen Ab- und Ausgrenzungen anzuschreiben und anzuzeichnen, sie erfahren auch eine ungeheuer breite Rezeption. „Sicherlich gibt es mich: Ich bin ich!“ Das kleine Ich bin ich kennt keine sozialen und zunehmend weniger kulturelle Grenzen (es ist in über zwanzig Sprachen übersetzt), es gehört zur Standardliteratur in Kindergärten (und manch thera­peutischer Praxis), es ist in vielen Kinderzimmern zu Hause. Anhand des umfangreichen Œuvres Mira Lobes ist auch die Ausstellung selbst strukturiert: Sie ist räumlich und thematisch in vier Bereiche gegliedert – in Gemeindebau, Freiraum, Sehnsuchtsort und Umspannwerk. Diese Begriffe fokussieren und interpretieren gleichzeitig ausgewählte Aspekte in den Geschichten von Lobe und Weigel. Rückschlüsse auf deren Lebensgeschichten, auf Lobes Zusammenarbeit mit anderen IllustratorInnen wie Winfried Opgenoorth, Angelika Kaufmann und Christina Oppermann-Dimow werden möglich, Bedenkenswertes zu Kinderliteratur, zeithistorische und gesellschaftliche Zusammenhänge fließen in die Interpretationen ein. Sehnsuchtsort thematisiert einen beständigen Aspekt in den Kinderbüchern von Lobe und Weigel: den Willen zur Veränderung, das Streben nach Verbesserung der realen Umstände. Oftmals werden ihre ProtagonistInnen auf Reisen, auf aben­ teuerliche und manchmal fiktive Wanderungen geschickt. Immer aber sind es „Utopien des Alltags“,5 immer kehren die jeweiligen AkteurInnen, und damit auch die LeserInnen, in die Realität zurück – jedoch nicht ohne plausible Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und ,Werkzeuge‘ in die Hand zu geben, die Gegenwart, die realen Lebensumstände zu verändern. Der Glaube an den „besseren Ort“ kehrt in unterschiedlichsten Facetten wieder und lässt sich in Bärli Hupf (1957) ebenso finden, wie in Eli Elefant (1967), in Komm, sagte die Katze (1975) oder in Insu-Pu (1951) und Die Räuberbraut (1974). In der Ausstellung räumlich manifestiert sich der Sehnsuchtsort in der Schaukel aus dem Kinderzimmer von Valerie.6 13


Zur Veränderung braucht es Mut, Beharrlichkeit, Sinn für Gerechtigkeit und Solidarität. Gemeindebau fokussiert diese bereits zu Beginn in der gemeinsamen Zeit bei der Kinderzeitschrift Unsere Zeitung propagierten Eigenschaften und Werte in den jeweiligen Geschichten. Der sozialpolitische, menschliche ,Grundton‘ in allen Werken Mira Lobes, Susi Weigels und anderer IllustratorInnen bleibt spürbar – manchmal laut und vehement, manchmal mit Humor oder auch sehr leise. In den Geschichten geht es vielfach um das Zusammenleben, um soziale Unterschiede, um Nachbarschaft und dadurch auftretende Probleme, aber auch um gegenseitige Hilfe, wie etwa in der UZSerie Das Sechserhaus, die später als Vorlage zum Kinderbuch Der Bäbu. Die Sieben vom Bärenbund (1954) dient. Räumliche Enge wie in Das Zauberzimmer (1974) oder Christoph will ein Fest (1984), das Stiegenhaus als Begegnungsort, die Figur des Froschs als nicht immer angenehmer, aber ordnender Charakter, die Sehnsucht nach grünen Freiräumen und das ,Hinschauen‘ bei Ungerechtigkeit und Misshandlung werden hier vorgestellt. Der Apfelbaum (1980), der vielen Tieren eine Bleibe – auch und vor allem im Winter – bietet, ist räumliches Sinnbild für diesen Ausstellungsbereich. Gegenseitiger Freiraum in der Zusammenarbeit zwischen Autorin und IllustratorInnen eröffnet wiederum einen Freiraum für die eigene Kreativität. Die verschränkte Art des Büchermachens, bei den eigenen Stärken zu bleiben, den anderen aber mitzudenken und wertzuschätzen, charakterisiert die Arbeitsweise von Mira Lobe und Susi Weigel, Winfried Opgenoorth und Angelika Kaufmann. Hier stehen die gemeinsamen Arbeitsprozesse im Mittelpunkt, die Wechselwirkungen und gegenseitigen Beeinflussungen in Sprache und Bild, welche die Qualität der Werke weitertragen. Auch jene Freiräume sind thematisiert, die die künstlerische Bandbreite jenseits der gemeinsamen Arbeit zeigen. Susi Weigel als Malerin, Grafikerin, Trickfilmzeichnerin; Mira Lobe als Jugendbuchautorin, im Verarbeiten historischer Stoffe, wie bei Meister Thomas in St. Wolfgang (1965) und in ihrer Zusammenarbeit mit anderen IllustratorInnen. Das kleine Hokuspokus (1988) mit Winfried Opgenoorth oder Die Yayas in der Wüste (1986) mit Angelika Kaufmann, Schraffurtechniken von Christina Oppermann-Dimow – in diesem Ausstellungsbereich geht es stark um die Verschränkung von Bildsprache mit Sprachbildern. Gerissene Bilder aus Hannes und sein Bumpam (1961), die von den BesucherInnen großflächig erweitert werden können, werden zum Raumbild. Schreiben für Dreijährige sei das Schwierigste überhaupt, soll Mira Lobe einmal gesagt haben. Im Umspannwerk – ein Begriff, mit dem sie selbst ihre Tätigkeit umschrieben hat – geht es um Spannung, um brisante Themen und um das ,Umspannen‘ derselben in eine Sprache – auch in eine Bildsprache, die vereinfacht, ohne banal zu werden, die schlicht ist, ohne ständig pädagogisieren zu wollen, und die von sehr unterschiedlichen politischen Seiten rezipiert werden konnte. Kleine Verbotsübertritte der kindlichen oder anthropomorphen Leitfiguren vieler Geschichten lassen sich aufgrund deren entwaffnenden Ge-

rechtigkeitssinns tolerieren. Viele Geschichten von Lobe und Weigel werden in der vom kommunistischen Verlag Globus herausgegebenen UZ und später in der katholisch-konservativen Weiten Welt gedruckt, gehen, von pädagogischer Seite aus manchmal kritisch betrachtet, eigene Wege7 und sind in die Literaturgeschichte eingegangen. Motiviert durch Das Sprachbastelbuch (1975), angespornt von den berühmten Versen aus Die Omama im Apfelbaum, mit deren Hilfe Andi rechtes Schreiben lernen soll, und jenen aus Zwei Elefanten, die sich gut kannten (1996), werden in diesem Bereich mit den BesucherInnen Sprachbilder gebaut.

Sprachbilder – Bildsprache Sichtbar sind in der Ausstellung viele Originalillustrationen, Entwürfe, Varianten der bekannten und weniger bekannten Bilder­ bücher von Lobe, Weigel und weiteren IllustratorInnen. Um die Sprache Mira Lobes bewusst zu machen, ist das Publikum eingeladen, an bilderlosen Orten die Texte zu hören und jenseits der Bildsprache Sprachbilder entstehen zu lassen. Die Arbeitsweise zwischen Lobe und Weigel gibt einen differenzierten Einblick in das Entstehen eines Bilderbuchs – verhandelt wird das Verhältnis zwischen Sprache und Bild ständig und ausdauernd. Im Nachlass befinden sich Briefe, die dieses Verhandeln belegen. Neurologisch betrachtet ist das Bild8 im Vorteil – wenn Geschwindigkeit, Nachhaltigkeit und Gleichzeitigkeit positiv ­konnotierte Parameter sind. Ziele, die [das Unterbewusste] in eine handlungswirk­same Stimmung bringen können, müssen aus Worten bestehen, die starke und eindeutige Bilder erzeugen, an die wiederum starke und eindeutig gute Gefühle in der Welt des Körpers gekoppelt sind. Und weil man starke und eindeutige Bilder braucht, steigt man am besten gleich auf der Bildebene ein und nicht auf der Sprachebene. Erst ein Bild suchen – dann zu dem Bild die passenden Worte erarbeiten – aus diesen Worten ein Ziel bauen und dieses Sprachgebilde, das ursprünglich aus der Bilderwelt stammt, mit den daran gekoppelten Gefühlen aus der Körperwelt auf Maß schneidern.9 Diese Feststellung der Psychologin Maja Storch beschreibt die nutzbare ,Konkurrenz‘ zwischen Sprache und Bild und weist auf ein meist nur unbewusst wahrgenommenes, aber von außen häufig bewusst gesteuertes Phänomen menschlicher Rezeption hin.10 Unsere Vorstellung ist an Bilder geknüpft. Sie wetteifern mit anderen Eindrücken – mit Tönen, Berührungen, Gerüchen und dem Geschmack. All dies beflügelt unsere Vorstellungskraft, löst Assoziationsketten aus und generiert in einer Art Wechselwirkung wiederum neue Vorstellungen. Bilder bedienen unsere Wahrnehmung ganzheitlich – sie binden unsere Aufmerksamkeit sehr rasch. Sie werden nicht nur schnell, sondern auch nachhaltig erfasst und „evozieren unmittelbar Stimmungen und ­Gefühle“.11 Zudem bewirkt die Zeichendichte von Bildern, dass in kleinen Wahrnehmungseinheiten große Informations- und Assoziationsmengen bewegt werden können. 14


Auch Sprache löst Bilder aus – je nachdem, wie sich Sprachstil der AutorInnen und sprachliche Sozialisation der AdressatInnen bedingen, ist sie dem Bildhaften nicht allzu fern. Aber Sprache in gelesener oder gehörter Form ist als ganz anderes Zeichensystem in unserem Gehirn gespeichert. Sprache ist linearer, erzählt Ereignisse und Handlungen in Sequenzen und unterstützt so das Erfassen einer zeitlichen Entwicklung. Sprach(bilder) zu verstehen und Bild(sprache) zu erfassen, benötigt demnach zwei unterschiedliche kognitive Fähigkeiten, die sich allerdings wunderbar ergänzen. Anita Winkler verweist in ihrer Arbeit zu den Bilderbüchern von Lobe und Weigel darauf, dass „die Erzählfunktion der Sprache von keinem Bild und sei es noch so detailliert, ersetzt werden kann“, dass andererseits aber nur Bilder die Wahrnehmung von Kindern direkt und simultan ansprechen. So werden „Sprache und Bild, gemeinsam eingesetzt, zu komplementären Partnern bei der Vermittlung von Inhalten“.12 Doppelt (codiert) hält besser – oder anders: Mehrfach codiert bietet auch mehr? Die Zusammenwirkung von Sprache und Bild bedeutet nicht, dass beide dasselbe erzählen müssen. Manchmal bieten Bilder eine Parallelgeschichte an, manchmal greifen sie der Sprache vor oder vertiefen einen Aspekt. Umgekehrt kann die Sprache eine Geschichte genauer erzählen – kann alles erzählen, was wichtig erscheint, und die Bilder bieten einen Ausschnitt an, haben eine gedächtnisunterstützende Funktion.13 All dies wird zwischen Autorin und Illustratorin verhandelt – auch dann, wenn es ein und dieselbe Person ist, die ein Bilderbuch zeichnet und schreibt.

Susinka Darling, Mirale mein Schatz! Am Beginn ihres Schaffens zeichnet Mira Lobe die Bilder für ihre noch unveröffentlichten Werke selbst. Sie kennt beide ­Seiten im Entstehen eines Kinderbuchs, selbst wenn sie ihre Fähigkeit in der Korrespondenz mit Susi Weigel bagatellisiert.14 Ja siehst du, Susilein, Konturen. Wir hatten’s ja schon beschlossen, gelt? Du spazierst gelegentlich einmal wieder zurück in die Gefilde Deines, von mir so geliebten Strichs, ja? […] Bist Du bös, [...]? Vielleicht geht unsere Ansicht ganz auseinan­ der. Das macht im Grunde auch nichts aus, weisst Du. Ich kann mir gut vorstellen, dass Du, meine Einmischung in Deine Illustra­ tionsauffassung in aller Liebe und Freundschaft abgrenzt- und recht damit hast, denn schliesslich verstehe ich nicht viel davon und habe einen sehr einseitig festgelegten ­Geschmack. Mira Lobe, 17. April 195815 Lobes Briefe und Manuskripte zeugen von einer ungeheuren Krea­tivität im Geschichtenerfinden, gepaart mit einer hohen Beob­ achtungs- und Beschreibungsgabe. Sie erwartet von Susi W ­ eigel dieselbe Pointierung und fordert sie auch auf, Vorschläge für gemeinsame Projekte zu machen.16 Umgekehrt kommentiert Susi Weigel Textinhalte und -längen und schlägt Bild-Text-Abfolgen vor. Mirale, das Fetzerl [= Bimbulli; Anm.: LN] hab ich nochmal durchgenommen – es ist ganz reizend – und ich wüsste nicht,

wo streichen und doch sollte es ein Bilderbuch werden. Und ich fürchte halt – dass viel zu viel Text ist. Entweder wird das Buch wieder zu dick u. zu teuer – oder aber ich muss mich einfüßeln, was wieder der von Dir u. mir so geliebten Grosszügigkeit Abbruch leistet. Oder aber, wir machen 2 Seiten Text, mit einer kleinen Schwarzweiss Zeichnung u. 2 Seiten bunt mit höchstens 2 od. 3 Zeilen Text. Das ginge auch! So wäre allerdings oft das Gezeichn G­emalte auf der nächsten Seite – zum Umblättern. Ich finde das möchte gar nix machen, weil es eh für noch nicht selbst lesende Kinder ist. Und die Kinder können die Bilder dann extra anschauen. Ich fände das ganz gut – was meinst Du dazu? Susi Weigel, o. D. [1965] Darüber hinaus unterstützt Lobes Sprache umgekehrt die bildlichen Assoziationen – nicht nur in der Art, wie sie etwas beschreibt, sondern auch in der Weise, wie sie Sprache einsetzt – Reime, Wiederholungen, Sprachwitz17 und Metaphern, die von einer breiten Leserschaft „unbewusst zu erfassen“ sind.18 Beiden ist ihr gemeinsamer Erfolg bewusst, Georg Huemer beschreibt den Umgang damit als reflektiert. Dies belegt ein Brief von Mira Lobe, „in dem sie ihr Arbeitsgeheimnis zu ergründen sucht und diesem den Namen ,P-S‘ gibt“.19 Ich schlage Dir also vor, mir lay-out zu schicken, damit ich ihm meinen Text […] beilegen – u. evtll noch Verbesserungen von Dir darin nachtragen […] kann. Wobei ich, bitte, mit allem ­rechne: inhaltlich (bitte, sag, wenn dir was nicht gefällt, Du hast ein gutes Gefühl, ich stelle das immer wieder fest!)) formulierungsmäßig (falls Dir ein Wort falsch klingt) und Umbruch­ mäßig.– Im Großen Ganzen bin ich so ausgekommen mit dem Platz, wie wir gedacht haben. Nur geringfügige Verschie­ bungen. […] Eigentlich müßten uns alle Verleger auf den Knien danken, ­finde ich– für unsere P–S. Das heißt weder Post scriptum noch ­Pferde–Stärke, sondern Plan–Sorgfalt u. ist unser Geheimnis– ich meine, unser Erfolgsgeheimnis. Denn irgendwie muß es doch daran liegen, Susinka, weil es ja doch genug Leute mit Ideen und Schreibtalent gibt und Ideen und Maltalent, aber eben das gemeinsame P–S ist selten. Das versuche ich meinem kopfschüttelnden Hans immer wieder zu erklären. Er ist der Meinung, für sowas sind Hersteller da. Sollten vielleicht sein– aber ich möchte denen unsere Umbrüche nicht überlassen! [Susi Weigel kommentiert diesen ganzen Absatz auf der Seite mit einem fett markierten „Ja!“, Anm. LN] Mira Lobe an Susi Weigel – mit Kommentaren von Susi Weigel wieder retourniert, 16. Jänner 1967 „P-S“ scheint von Lobe und Weigel nicht nur ein Erfolgs-, ­sondern tatsächlich auch eine Art Betriebsgeheimnis gewesen zu sein. Die Werke haben Plan und Sorgfalt, wie es Mira Lobe im vori­gen Brief beschreibt – sie verfolgen aber auch einen Plan im Sinne einer Intention, für Kinder gute Literatur und eine lebenswerte Umgebung zu schaffen. Zumindest die Rezeptionsund Wirkungsgeschichte gibt diesem Plan recht. 15


1

Für die Ausstellung wurden neben den

den werden, in deren Analyse nicht nur die

bekannten auch weniger bekannte und

Objektauswahl und deren Display, sondern

kaum noch erhältliche Werke Mira Lobes,

auch die Szenografie, die Raumbilder

Susi Weigels und anderer IllustratorInnen

und Vermittlungsebenen eingeschlossen

herangezogen. Außerdem konnten große

sind. Vgl. Roswitha Muttenthaler, Regina

Teile der umfangreichen Nachlässe, die

Wonisch: Gesten des Zeigens. Zur Reprä-

sich alle in Privatbesitz befinden, gesichtet

sentation von Gender und Race in Ausstel-

werden. Ganz besonders wichtig sind die

lungen, Bielefeld 2006; Mieke Bal: Sagen,

Forschungen von Georg Huemer zu Mira

Zeigen, Prahlen, in: Mieke Bal: Kulturana­

Lobe und von Susanne Blumesberger zu

lyse, Frankfurt a. M. 2002, S. 72–117.

Susi Weigel sowie die umfangreichen Re-

11 Hartmut Stöckl: Die Sprache im Bild –

cherchearbeiten von Stefania Pitscheider-

das Bild in der Sprache. Zur Verknüpfung

Soraperra für die Ausstellungen zu Susi

von Sprache und Bild im massenmedialen

Weigel in Hittisau und Bludenz.

Text: Konzepte. Theorien. Analysemethoden

2

(Linguistik – Impulse & Tendenzen, Bd. 3),

Wiewohl viele Bücher in unzählige

Sprachen übersetzt wurden und Mira Lobe

Berlin 2004, S. 247f.

auch in Israel und später Deutschland

12 Anita Winkler: Sprache-Bild-Bezie-

publi­ziert hat, wird das Gesamtwerk vor

hungen in Bilderbüchern von Mira Lobe.

allem in Österreich rezipiert, sind Mira Lobe

Eine textlinguistische Untersuchung (An-

und die jeweiligen Illustratorinnen hierzu­

gewandte Literaturwissenschaft, Bd. 18),

lande bekannt geworden. Auch in der

Innsbruck 2013, S. 118f. Winkler beschreibt

Ausstellung geht es primär um die öster­

sehr genau das Verhältnis zwischen Spra-

reichische Kinderbuchszene.

che und Bild in Lobe-Weigel-Büchern und

3

arbeitet die Folgen dieser Gewichtung für

Als Einziges der genannten Werke

wurde es nicht von Susi Weigel, sondern

die Lesbarkeit heraus.

von Winfried Opgenoorth illustriert.

13 Weiterführende Literatur zu Bilder­

4

büchern aus der Perspektive der Illustra­

Vgl. den Beitrag von Stefania

­Pitscheider-Soraperra im vorliegenden

tion: Martin Salisbury, Morag Styles:

Band.

Children’s Picturebooks. The art of visual

5

storytelling, 2. Aufl., London 2012; Hendrik

Georg Huemer in einem der vielen

Gespräche im Entstehungskontext dieser

Hellige, Robert Klanten: little big books.

Ausstellung.

Illustrations for children’s picture books,

6

Berlin 2012.

Szenografie polar÷; Grafik Larissa

Cerny.

14 Mira Lobe ist weit häufiger mit Preisen

7

ausgezeichnet worden als Susi Weigel.

Dazu gehört auch die Gründung der

Gruppe der Wiener Kinder- und Jugend-

Dazu gibt es einige Korrespondenz, die von

buchautorInnen, an der Lobe wesentlichen

einer großen gegenseitigen Wertschätzung

Anteil hatte. Viele bekannte Namen wie

der jeweiligen Fähigkeiten zeugt, aber auch

Vera Ferra-Mikura, Friedl Hofbauer, Helmut

die völlig einseitige öffentliche Wahrneh-

Leiter, Christine Nöstlinger, Renate Welsh,

mung hinsichtlich der gemeinsamen Werke

Käthe Recheis, Lene Mayer-Skumanz, auch

offenlegt.

IllustratorInnen wie Winfried Opgenoorth,

15 Dieser und die weiteren zitierten Briefe

Gerri Zotter, Angelika Kaufmann und

stammen aus dem Nachlass Mira Lobes,

Christina Oppermann-Dimow gehörten zu

Privatbesitz Reinhardt Lobe. Die Schrei-

diesem engen Kreis.

bung folgt dem Original.

8

16 Zur Arbeitsweise zwischen Lobe und

Zu Neurologie vgl. Ulrich Herrmann (Hg.):

Neurodidaktik. Grundlagen und Vorschläge

Weigel vgl. Georg Huemer: Mira Lobe –

für gehirngerechtes Lehren und Lernen,

Doyenne der österreichischen Kinder- und

2. Aufl., Weinheim/Basel 2009. Zu Bild be-

Jugendliteratur, Diss. Univ. Wien 2013,

ziehungsweise Illustration vgl. Jens Thiele:

S. 32ff., S. 105ff., S. 137, S. 155ff., S. 203.

Das Bilderbuch. Ästhetik – ­Theorie – Ana-

Das „Verhandeln“ von Text und Bild geht

lyse – Didaktik – Rezeption, mit Beiträgen

aus der umfangreichen Korrespondenz

von Jane Doonan, Elisabeth Hohmeister,

zwischen Mira Lobe und Susi Weigel

Doris Reske und Reinbert Tabbert, 2. Aufl.,

hervor, wird aber auch in Gesprächen mit

Oldenburg 2003, S. 198f. Thiele forciert

IllustratorInnen wie Winfried Opgenoorth,

den Begriff „Bild“ statt „Illustration“, um der

Angelika Kaufmann, Christina Oppermann-

hierarchischen Wertung zu entgehen.

Dimow und mit der Autorin Renate Welsh

9

bestätigt.

Maja Storch bezieht sich hier auf

Wilma Bucci, vgl. Maja Storch, Benita

17 Über das von ihr benannte „Klappern“

Cantieni, Gerald Hüther u. a.: ­Embodiment.

vgl. den Beitrag von Renate Welsh im

Die Wechselwirkung von Körper und

vorliegenden Band.

­Psyche verstehen und nutzen, 2., erw. Aufl.,

18 Erinnerungen an Insu-Pu, in: Paulus

Bern 2011, S. 133.

Hochgatterer: Katzen, Körper, Krieg der

10 Informationen oder Assoziationen über

Knöpfe. Eine Poetik der Kindheit. Reden,

Bilder zu transferieren und anzubieten,

Aufsätze, Vorlesungen, Wien 2012,

machen sich auch jenseits der gesamten

S. 102–110, bes. S. 109f.

Kommunikationsbranche viele Berufsgrup-

19 Mira Lobe: Brief an Susi Weigel, Typo­

pen zunutze und entwickeln Raumbilder,

skript aus dem Nachlass Mira Lobes,

Bühnenbilder etc. Ausstellungen können

eine Doppelseite, 16. Jänner 1967, zit. n.

ebenfalls als „Gesten des Zeigens“ verstan-

­Huemer, Mira Lobe, S. 164f.

16


Mira Lobe und Susi Weigel 17


Ein unnatürlich gemustertes Kreatürchen meistert kleinkarierte Bevormundung. Mit Das kleine Ich bin ich ist Mira Lobe und Susi Weigel ihr größter Wurf gelungen. Das berühmte Bilderbuch erschien 1972, davor und danach schufen die Sprach- und die Bildkünstlerin über vierzig Gemeinschaftswerke. Als „Mira-Susi-Bücher“ wurden diese zu einer regelrechten Marke. Einer Marke wohlgemerkt, die im Umfeld roter Bildungspolitik entstand. // Überdauert haben die Bücher dank überzeugender Qualität, ästhetisch und auch ethisch: Der Sinn für Gerechtigkeit und der Wille zur Veränderung prägen die Geschichten. Und bei allem Idealismus hält die Bodenhaftung. Susi Weigel und Mira Lobe gehen aus von kindlicher Lebenswelt, von urbanem oder ländlichem Alltag. // Die Ausstellung bietet ein Wiedersehen mit den ,Hits‘ von Mira Lobe und Susi Weigel und zeigt die unterschätzte Bandbreite ihres Schaffens. Neu zu entdecken sind die Lebensgeschichten der beiden Schöpferinnen als Zeitgenossinnen des 20. Jahrhunderts. Zudem ermöglicht das Schaffen der freundschaftlich arbeitenden Partnerinnen einen Blick auf die Entwicklung der österreichischen Kinderliteratur in ihren neuen Zusammenhängen nach 1945. Eine stattliche Zahl von AutorInnen und IllustratorInnen ist direkt oder indirekt mit Mira Lobe und mit Susi Weigel verbunden. 19


Werke und Werte Mira Lobe (1913–1995) und Susi Weigel (1914–1990) stehen für eine frappierende Fülle von Kinderbüchern: 45 Werke haben sie gemeinsam geschaffen. Lobes Part war der Text, Weigels das Bild. Unabhängig von ihrer vier Jahrzehnte lang produktiven Zweiergemeinschaft haben beide Frauen auch mit anderen kooperiert und publiziert. Mira Lobe hat 53 weitere Bücher geschrieben, Susi Weigel weitere 14 bebildert. Den Originalausgaben folgten Übersetzungen, die größten Erfolge wie Das kleine Ich bin ich waren und sind in ganz Europa präsent und reichten darüber hinaus bis nach Argentinien, Südafrika und Weißrussland. Bleibendes zu schaffen ist Susi Weigel und Mira Lobe im Duo und auch in anderen Konstellationen gelungen: Noch heute überzeugt die Qualität der Bilderbücher, die neue Maßstäbe setzten, indem sie Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit und Integrität mit einer trefflich abgestimmten Leichtigkeit an den Mann und die Frau von morgen bringen: ans Kind.

Mira Lobe und Susi Weigel haben ein gemeinsames Œuvre von 45 Bilderbüchern hinterlassen. Zu den IllustratorInnen, die 53 weiteren Lobe-Büchern ein Gesicht gaben, zählen neben Angelika Kaufmann und Winfried Opgenoorth Christina Oppermann-Dimow und Verena Ballhaus. Weigel wiederum zeichnete zu Texten von österreichischen KinderbuchautorInnen wie Friedl Hofbauer oder Georg Bydlinski, bebilderte aber auch die deutsche Ausgabe eines wenig bekannten Werks von A. A. Milne, dem Autor von Winnie-thePooh: 14 Publikationen entstanden so. Private Leihgaben, Sammlung Felix Taschner, Christina Oppermann-Dimow, Winfried Opgenoorth, Wien Museum, Inv.-Nr. 239.062, 239.063

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Co Inva 24


overasion 25


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Wien Museum Ausstellungskatalog „Ich bin ich. Mira Lobe und Susi Weigel“  

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