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wien Museum

Franz Sedlacek Chemiker der Phantasie

residenz verlag


Franz Sedlacek Chemiker der Phantasie

Herausgegeben von Gabriele Spindler und Ursula Storch im Auftrag des Wien Museums residenz verlag


impressum

Franz Sedlacek. Chemiker der Phantasie 395. Sonderausstellung des Wien Museums 30. Jänner bis 21. April 2014

Ausstellung

Katalog

kuratorinnen

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Gabriele Spindler (Landesgalerie Linz) Ursula Storch (Wien Museum)

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

assistenz Anna Maria Brunnhofer

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ausstellungsgestaltung

herausgeberinnen

Gerold Tagwerker, Henny Liebhart-Ulm ausstellungsgrafik Dominik Hruza ausstellungsproduktion Isabelle Exinger-Lang registrar Laura Tomicek aufbau Museom, Werkstätten Wien Museum

Gabriele Spindler und Ursula Storch im Auftrag des Wien Museums grafische gestaltung Dominik Hruza litho C.E.I.S.1&[RIMAGE GENGI]2 bildredaktion Anna Maria Brunnhofer Isabelle Exinger-Lang lektorat Marie-Therese Pitner

cover-abbildungen Der Chemiker, 1932, Wien Museum Landschaft mit Regenbogen, 1930, Universität für angewandte Kunst, Kunstsammlung und Archiv, Wien Gewitterlandschaft, 1936, Nordico Stadtmuseum Linz Landschaft, 1926, Privatbesitz © Bildrecht, Wien, 2014

schrift FoundryFormSerif/Sans papier Hello Silk/halbmatt vollgestrichen 170 g/m 2 druck Grasl FairPrint, 2540 Bad Vöslau, www.grasl.eu Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Publikation darf in irgendeiner Form oder in irgendeinem Medium reproduziert oder verwendet werden, weder in technischen noch in elektronischen Medien, eingeschlossen Fotokopien und digitale Bearbeitung, Speicherung etc. © 2014 Wien Museum, Residenz Verlag und Autorinnen ISBN 978-3-7017-3333-0


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Inhalt

Vorwort wolfgang kos

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Chemiker der Phantasie Zu Leben und Werk des Malers Franz Sedlacek (1891–1945) gabriele spindler

Die Gemälde der Ausstellung

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24 42 64 74 88 98 106

ursula storch Romantische Landschaften Groteske und magische Welten Blumenstillleben Christliche Motive Natur und Technik Winterbilder Genreszenen

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Anhang Biografie Autorinnen Bildnachweis Leihgeber Dank


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Vorwort Zeitgleich mit dem Verfassen dieses Vorworts verschickt das Wien Museum ein Weihnachtsbillett mit einer winterlichen Stadtlandschaft von Franz Sedlacek aus der Sammlung des Hauses. Eine Frau trägt einen Wintermantel und eine Kappe im Look der Zeit um 1930, im Hintergrund erkennt man an einer Hauswand bunte Plakate. Einige wenige Details verweisen zwar auf die moderne Zeit, doch es gibt einen zweiten Zeithorizont, der in der Vergangenheit liegt. Das liegt nicht nur an der peniblen, altmeisterlichen Malweise und den Assoziationen mit Bruegels Jäger im Schnee. Ein Kind rennt in die Schule, davon abgesehen dominiert Stillstand, ja Starre. Im Museum bestand Einigkeit darüber, dass es sich um eine Szene mit ausreichend angenehmer Stimmung handelt, um sie mit saisonalen Grüßen zu versenden. Eine gewisse Kälte gehört durchaus zum Winterfeeling, die benötigte Erwärmung liefert das Bild dank einer vagen Grundstimmung der milden, gemächlichen, fast kontemplativen Ruhe. Es gibt sie auch hier, jene bei Sedlacek immer wieder konstatierte Sogwirkung mit unheimlichem Unterton (die bei den Figurenbildern ins Groteske übersteigert ist). Der düstere Himmel und die gedeckten dunklen Farben sind die entsprechenden Inszenierungselemente. Und auch jenes latent Beunruhigende ist spürbar, das ebenfalls als typisch für die Bildwelten des Malers gilt. Längst und durchaus überraschend ist einer der eigenwilligsten und eigenständigsten Künstler der Zwischenkriegszeit zu einem Hauptvertreter der österreichischen Kunst dieser von fehlender internationaler Geltung gekennzeichneten Epoche geworden. Eine Personale in Wien ist seit Langem überfällig. Die letzte fand vor über 20 Jahren im Technischen Museum statt, also fernab von den üblichen Schauplätzen der Kunst. Das verweist auf Sedlaceks Doppelbiografie: als Chemiker Museumskustos, als autodidakter Maler einzelgängerischer Quereinsteiger in den Kunstbetrieb. Nun endlich ergab sich eine gute Chance für eine substantielle SedlacekSchau in Wien: 2012 wurde in der Landesgalerie Linz (wo der spätere Maler bis zum Chemiestudium in Wien lebte) ein umfassender Werkquerschnitt gezeigt, der Sedlacek erstmals einen großen Soloauftritt gab, den bisherigen Höhepunkt der „Neuentdeckung“ des Künstlers darstellte und

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vorwort

auf gründlicher Forschung beruhte. Knapp vorher war ein mit Fachaufsätzen ergänztes Werkverzeichnis von Gabriele Spindler und Andreas Strohhammer erschienen, womit ein unübersichtliches Œuvre, in dem es auch zahlreiche Motivvariationen gibt, endlich in Struktur sowie Stilund Motiventwicklung erkennbar wurde. Die beeindruckende Linzer Ausstellung von Gabriele Spindler im Jahr 2012 war für das Wien Museum Anlass, den „theoretisch“ gehegten Wunsch einer Ausstellung tatsächlich umzusetzen. Ich danke dem Oberösterreichischen Landesmuseum und der Landesgalerie (die seit 2012 von Gabriele Spindler geleitet wird) für die Bereitschaft, die Ausstellung „Franz Sedlacek. Chemiker der Phantasie“ in adaptierter Form in Wien zu zeigen. Noch stärker als in Linz konzentriert sie sich auch auf Grund des begrenzten Raumangebots auf das Medium Malerei. Als wichtiger Nebendarsteller war Sedlacek in unserer Großausstellung Kampf um die Stadt – Politik, Kunst und Alltag um 1930 vertreten, nämlich als markanter Individualist in der Kunst jener Jahre. Im Wandtext konnte man lesen: „Sedlacek wird üblicherweise dem Magischen Realismus und der Neuen Sachlichkeit zugeordnet, was allerdings nur in formaler Hinsicht zutreffend ist.“ Hingewiesen wurde natürlich auf die „Affinität zum Grotesken und manchmal Karikaturhaften“ und auf das „Traumhafte“ vieler Bilder: „Versatzstücke aus Technik, Industrie und modernem Alltag inmitten düster-pathetischer Landschaften fernab der modernen Zivilisation.“ Somit haben sich seit der ersten Zeile bereits zahlreiche Worte angesammelt, aus denen Sedlacek-Analysen collagiert werden können und mit deren Hilfe man zum Kern der Faszination vordringen kann, die Sedlaceks Bilder auslösen: düster, fantastisch, grotesk, altmeisterlich, modern, starr, pathetisch, kontemplativ, unheimlich, traumhaft ... Ein unverzichtbarer Referenzbegriff ist zu ergänzen: die deutsche Romantik. Diese ist bekanntlich nicht harmlos. Für mich war das Ineinanderfließen von retroromantisch-idyllisierender Gesamtstimmung und zeichenhaften Symbolen moderner Technik (wie Funktürme, Kraftwerke oder rasende Automobile in den Landschaften) bei einem Künstler, der politisch rechts stand, anfangs irritierend. Doch solche Accessoires sind nicht unbedingt progressiv. Es scheint sich bei Sedlaceks Einsatz kontrastierender Zeichen weniger um einen Widerspruch, sondern eher um ein weltanschaulich begründe-

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tes Universaldenken zu handeln, wie es auch aus Ideologie und Praxis von faschistischen Bewegungen bekannt ist: Man greift zurück in die Tiefe der Vergangenheit, um mit harmonisch getöntem Pathos eine allumfassende Zukunftsvision zu imaginieren. Auch die über das Formale hinaus so schwer fassbare Neue Sachlichkeit ist janusköpfig: Man spricht von einer „linken“ ebenso wie von einer „rechten“ Spielart. Im Lauf der 1930er-Jahre jedenfalls wurde sie feierlicher und weltabgewandter, nicht nur bei Sedlacek, der übrigens ein begeisterter Automobilist war. Wie in den Weltlandschaften der Frühen Neuzeit geht es bei ihm spürbar um mehr als um die Summe narrativer Details, eben um ein spirituelles Ganzes, einerseits eigenbrötlerisch und individualmythologisch (Gabriele Spindler spricht in ihrer Einleitung von „romantischen Fluchtmomenten“), andererseits durchaus synchron mit den großen Tendenzen und Erlösungszielen jener Zeit. Trotz gewisser Affinitäten zu dem verspätet in Österreich rezipierten Surrealismus und der Austromischung Phantastischer Realismus dauerte es nach 1945 einige Jahrzehnte, bis Franz Sedlacek wahrgenommen und gewürdigt wurde. Vielen bot die Ausstellung Neue Sachlichkeit (Wien, Kunstforum Bank Austria, 1995) eine erste Gelegenheit, Schlüsselwerke von Sedlacek in größerer Zahl zu sehen. Kurator Klaus Albrecht Schröder legte erste Fährten für das Zu- und Einordnungsspiel: In seiner Einleitung betonte er den paradoxen Gegensatz zwischen dem Ausblick auf die Weite der „Überblickslandschaft“ im Sinn des neusachlichen Raumempfindens und einem „resignativen Rückzug“ mit Neigung zur Skepsis: „Seine Überblickslandschaften wie die ‚Industrielandschaft‘ von 1934 und die ‚Landschaft mit Funkturm‘ aus demselben Jahr leben von der Unüberbrückbarkeit der Distanz.“ Neben dem Kontrast zwischen warmen und kalten Farben sah Schröder im Gegeneinander glatter geometrischer Formen und organischer Naturgebilde ein Spezifikum Sedlaceks: „Der Konflikt zwischen Kultur und Natur ist in den Bildern in der Form selbst abgelagert.“ Viele Bewertungen des Künstlers, der so virtuos auf dem Klavier suggestiver Wirkungsästhetik spielen konnte, setzen bei solchen Ambivalenzen an. Die Besucher und Besucherinnen sind somit eingeladen, über die Faszination hinaus über das Dahinter nachzudenken und sich über das Atmosphärische hinaus speziell auf die Mikrolektüre der Gemälde einzulassen. Zumindest im Subtext findet sich auch eine teilweise beunruhigende zeit- und ideengeschichtliche Spur.

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vorwort

Bei Gabriele Spindler möchte ich mich herzlich für die behutsame Erarbeitung der Wiener „Neufassung“ ihrer Linzer Ausstellung bedanken, ebenso bei Ursula Storch, Kuratorin für die Kunst der Moderne im Wien Museum, die bei der Erarbeitung von Ausstellung und Katalog wesentlichen Anteil hatte. Das Wien Museum hat sich entschlossen, die in Wien ausgestellten Werke in einem eigenen Katalog abzubilden, der im Residenz Verlag erscheint. Dieser stellt eine kompakte und preiswerte Ergänzung zum unverzichtbaren und auf Grund seiner Informationsfülle voluminösen Werkverzeichnis dar, das vom Auktionshaus Im Kinsky produziert wurde. Die Gestaltung der Ausstellung orientiert sich an jener in Linz, musste aber für die Wiener Raumsituation von Gerold Tagwerker und Henny Liebhart-Ulm adaptiert werden. Die schwarzen Bildhintergründe lösten in Linz unterschiedliche Reaktionen aus, doch diese Raumlösung war nicht nur konsequent, sondern sie gab den Bildern genau jene traumhafte Präsenz, die bei Sedlacek ebenso essentiell ist wie die Hell-Dunkel-Kontrastierung. In Wien steht keine Abfolge von großen Sälen zur Verfügung, sondern es muss stärker auf den Wechsel von Weite und Enge eingegangen werden, womit die Nahbetrachtung der Gemälde im Vordergrund steht. Es gelang, dass auch in Wien trotz Mengenreduktion Sedlaceks wesentliche Werke aus allen Phasen gezeigt werden können, darunter natürlich eine große Zahl von „Sedlacek-Ikonen“. Als Ergänzung sind Materialien zur Biografie, zur zeitgenössischen Rezeption und zu Sedlaceks Zeitbezügen zu sehen. Mein Dank gilt allen institutionellen und privaten Leihgebern. Es freut mich, dass die Gemälde aus den Linzer Sammlungen in der Nachbarschaft der Wiener in solcher Dichte gezeigt werden können. Für die organisatorische Umsetzung bedanke ich mich, stellvertretend für das Team, bei Isabelle Exinger-Lang (Produktionsleiterin) und Laura Tomicek (Registrar).

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wolfgang kos Direktor Wien Museum


Chemiker der Phantasie Zu Leben und Werk des Malers Franz Sedlacek (1891–1945) gabriele spindler Das im Jahr 1932 entstandene Bild Der Chemiker (WV 79, Abb. S. 53) ist 1 E  s wurde 1949 von Maria Sedlacek, der Witwe des Künstlers, erworben.

ein Hauptwerk des Malers Franz Sedlacek. Es befindet sich heute in den Sammlungen des Wien Museums1 und nimmt im Œuvre des Künstlers auf mehreren Ebenen eine Schlüsselrolle ein: im Hinblick auf seine Biografie ebenso wie innerhalb der Werkentwicklung, besonders das Figurenbild und kompositorische Momente betreffend, aber auch in Bezug auf stilistische Zuordnungen. Das Gemälde ist deshalb der Ausgangspunkt für die folgenden Ausführungen zu den genannten Aspekten. Zwischen Anpassung und Passion – Biografisches Besonders evident ist die Bedeutung des Gemäldes innerhalb der Biografie des Künstlers: Franz Sedlacek studierte Technische Chemie und war zeitlebens als Kustos für Chemie am Technischen Museum in Wien tätig. Eine künstlerische Ausbildung erhielt er nicht. Dabei war sein außergewöhnliches zeichnerisches Talent schon während der Schulzeit erkennbar, als Sedlacek Karikaturen seiner Mitschüler und Lehrer anfertigte. Franz Sedlacek wurde 1891 als erstes Kind von Julius und Clara Sedlacek in Breslau geboren, sein Vater hatte dort eine Fabrik für Kältemaschinen gegründet. 1897 kam die Familie zurück nach Linz, wo Franz Sedlacek seine Kindheit und Jugend verbrachte. Nach der Matura an der Linzer Oberrealschule in der Steingasse wählte Franz Sedlacek auf Wunsch seines Vaters ein technisches Studium und inskribierte an der Technischen Universität in Wien. Nach zwei Semestern Architektur wechselte er zur Chemie und schloss das Studium im Jahr 1921 ab. In der Folge führte er in Wien ein bürgerliches Leben als Beamter und Familienvater, das von einem hohen Maß an Verantwortungsbewusstsein und Pflichterfüllung geprägt war. Seiner künstlerischen Passion konnte er ausschließlich in seiner Freizeit nachgehen. Rückblickend äußerte sich Sedlacek zu diesem latenten Konflikt, der sein Leben bestimmen sollte: „Ich arbeitete in jenen Jahren mit großer Emsigkeit, ich musste ja mein gesamtes Kunstschaffen in meiner freien Zeit nach den Bürostunden ausüben […]. Mit der Stadtbahn heimwärts fahrend war ich tagtäglich bemüht, mich ,umzuschalten‘, dann stellte ich mich an die Staffelei und arbeitete bis in die Nacht, Tageslichtlampen für gewisse Vordergrund-

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zu leben und werk des malers franz sedlacek

arbeiten zu Hilfe nehmend, während der Sonntag der ersehnte Haupt­ arbeitstag der Woche wurde, an dem ich schon vom Morgen an malen 2 Brief Franz Sedlaceks an Justus Schmidt, 24.8.1944, S. 3. Autografensammlung, Bibliothek des Oberösterreichischen Landesmuseums, Linz.

konnte.“2

Porträtfotografie Franz Sedlaceks, 1930er-Jahre, Österreichische National­ bibliothek, Wien

Künstlerische Erfolge Als Franz Sedlacek im Jahr 1932 den Chemiker malte, konnte er bereits zahlreiche Erfolge als bildender Künstler aufweisen. Begonnen hatte seine künstlerische Laufbahn in Linz, wo er 1912 an einer Ausstellung im Oberösterreichischen Kunstverein und 1913 an der Gründung der Künstlervereinigung MAERZ beteiligt war. Obschon deren Mitglieder lediglich eine gemäßigte Moderne verfolgten, stellte sie im österreichischen Vergleich eine der frühesten künstlerischen Secessionsbewegungen außerhalb Wiens dar und war besonders in den ersten Jahrzehnten

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ihres Bestehens für die Entwicklung der oberösterreichischen Kunstgeschichte von großer Bedeutung. Franz Sedlacek gilt neben Klemens Brosch (1894–1926), dem er in den Jahren 1915/16 auch künstlerisch nahestand, als wichtigstes Gründungsmitglied. Nachdem sich sein Lebensmittelpunkt Anfang der 1920er-Jahre nach Wien verlagert hatte, versuchte der Künstler verstärkt in der Hauptstadt Fuß zu fassen. Dies gelang ihm vor allem im Kreis der Wiener Secession: 1927 wurde er ordentliches Mitglied der Vereinigung, nachdem er bereits seit 1920 regelmäßig dort ausgestellt hatte. In der Secession hatte Sedlacek auch Kontakt zu anderen Wiener Malern wie Oskar Laske (1874– 1951), Arthur Brusenbauch (1881–1957), Josef Dobrowsky (1889–1964)

3 V  gl. Franz Ottmann, Romantik 1931, in: Die Kunst, 33. Jg., Nr. 4, Jänner 1932, S. 116–120. Ottmann stellte Arbeiten von Sedlacek und Reyl-Hanisch einander gegenüber. 4 B  rief von Josef Fellerer, Wien, an Otfried Kastner, Linz, 22.8.1967, zit. nach Elisabeth Hintner-Weinlich, Der Maler und Graphiker Dr. Franz Sedlacek, Dissertation, Innsbruck 1987, S. 53.

5 F ragmente daraus sind in Privatbesitz erhalten. 6 V  gl. Alexander Wied, Ein unbekanntes ,Romanfragment‘ des Malers Franz Sedlacek, in: Die Rampe. MAERZ 1913–2013, Hefte für Literatur, Band 02/2013.

und Josef Stoitzner (1884–1951) geknüpft. Mit keinem der genannten Künstler verbanden Sedlacek jedoch vergleichbare stilistische Parallelen wie mit dem Secessionskollegen Herbert von Reyl-Hanisch (1898–1937), wie schon die zeitgenössische Kritik hervorhob.3 Innerhalb der Wiener Secession engagierte sich der Künstler auch abseits von Ausstellungen. So gestaltete er für ein Fest der Vereinigung zusammen mit einem Linzer Jugendfreund eine szenische Einlage über die vermeintliche Heilung eines „Idioten“, bei der es sich offensichtlich um eine Freud-Parodie handelte.4 Die aktive Beschäftigung mit szenischen Parodien, humoristischem Gesang und Theater im Freundeskreis war charakteristisch für Sedlacek, von den „Bamschabeln“ in der Linzer Zeit bis hin zur Runde um den Wiener Orthopäden und Kunstförderer Oskar Stracker. Um ihn gruppierte sich ein Kreis von Künstlern, dem neben Sedlacek Oskar Laske und der Bühnenbildner Stefan Hlawa (1896–1977) angehörten. Neben theatralischen Einlagen entstanden – meist bei Aufenthalten am Landsitz des Förderers in der Steiermark – auch parodistische Kurzfilme.5 Darüber hinaus war Franz Sedlacek literarisch tätig, verfasste eine ganze Reihe von grotesk-skurrilen Gedichten sowie Lautenliedern und hinterließ ein Romanfragment6. Mit Aktivitäten dieser Art trat Franz Sedlacek allerdings nicht an die Öffentlichkeit, hier konzentrierte er sich auf seine Präsenz als bildender Künstler. Dabei war ihm die Verbreitung von Reproduktionen seiner Werke in nationalen und internationalen Medien ein besonderes Anliegen. Schon früh hatte er deshalb begonnen, von fertiggestellten Bildern

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7 L ose oder in Form von Alben sind viele dieser S/W-Fotografien erhalten, z. B. im Archiv des Wien Museums, der Österreichischen Galerie Belvedere und des Lentos Kunst- museums Linz.

professionelle Fotografien anfertigen zu lassen.7 Diese fanden nicht nur in Fachzeitschriften Aufnahme, sondern auch in zahlreichen kunstfernen populären Magazinen, wie Sport im Bild oder Bergland.

Der Wildschütz, 1936, auf dem Umschlag der Zeitschrift Bergland, Heft 2, 1937

Einen Höhepunkt in der internationalen Wahrnehmung seines Werkes erreichte Franz Sedlacek schließlich mit der Teilnahme an der Weltausstellung in Barcelona 1929, wo er für die Landschaft (WV 42) von 1927/28 die Goldmedaille in der Kategorie Malerei erhielt. 1930 folgte die Einladung zu einer Ausstellung der College Art Association, die in mehreren US-amerikanischen Städten gezeigt wurde. In den 1930er-Jahren erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Malerei und wurde mehrmals zur Pittsburgh International Exhibition of Paintings eingeladen. Franz Sedlacek war zu einem international präsenten Künstler seiner Zeit geworden.

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Landschaft, 1927/28, Öl auf Holz, 90 x 100 cm, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid

8 K  arl Hans Strobl im Vorwort zum Ausstellungskatalog Berge und Menschen der Ostmark, Künstlerhaus Wien 1939, o. S. 9 V  on 15.000 eingesandten Werken wurden letztlich rund 900 gezeigt. Vgl. Peter-Klaus Schuster (Hg.), Die „Kunststadt“ München 1937. Nationalsozialismus und „Entartete Kunst“, München 1998, S. 87.

Urkunde zur Verleihung der Goldmedaille für Malerei, Weltausstellung, Barcelona 1929, Archiv, Lentos Kunstmuseum Linz

Kontinuität im Nationalsozialismus Die Präsenz in Ausstellungen und Publikationen hielt auch während der Zeit des Nationalsozialismus ungebrochen an. So wurde Sedlaceks künstlerische Arbeit wiederholt in der Zeitschrift Der getreue Eckart besprochen, mehrfach war er in den Ausstellungen des Wiener Künstlerhauses vertreten, unter anderem in der Propagandaschau Berge und Menschen der Ostmark, die sich als Beitrag „zur Kenntnis und Erkenntnis der Bedeutung Österreichs für die Volksgemeinschaft der achtzig Millionen deutscher Menschen im Herzen Europas“8 verstand. Sedlaceks Einreichungen zur Großen Deutschen Kunstausstellung 1937 in München wurden allerdings von der Jury abgelehnt.9 Im selben Jahr erschien ein Artikel über den Künstler in der prominenten US-amerikanischen Zeitschrift Life Magazine, der einen Höhepunkt der internationalen publizistischen Rezeption seines Werkes darstellte. Fünf Reproduktionen von Gemälden gaben Einblick in das Œuvre des Malers. Abweichend von den zuvor skizzierten Rezeptionszusammenhängen wurde Sedlaceks künstlerischer Arbeit in diesem Fall eine klare politikkritische Intention zugewiesen: einerseits durch die im Titel angesprochene „Rebellion im Grotesken“, andererseits durch folgendes

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Life Magazine, 26.4.1937

10 Vgl. Gabriele Spindler, Andreas Strohhammer, Franz Sedlacek. Monografie mit Verzeichnis der Gemälde, Wien 2011, S. 14. 11 Georg von Schönerer (1842–1921), führende Figur des Deutsch­ nationalismus in Österreich ab 1879. 12 Vgl. Helmut Lackner, Das verstaatlichte Museum in der Zwischenkriegszeit, in: Helmut Lackner, Katharina Jesswein, Gabriele ZunaKratky (Hg.), 100 Jahre Technisches Museum Wien, Wien 2009, S. 228. 13 Alexander Mejstrik, Therese Garstenauer et al., Berufsschädigungen in der nationalsozialistischen Neuordnung der Arbeit, Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission, Bd. 16, Wien/München 2004, S. 298.

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Zitat des Künstlers am Ende des Beitrags: „In my work I can say with colors what I think of my contemporaries without being sent to a concentration camp.“ Dabei überrascht vor allem, dass diese Aussage ein Jahr vor dem „Anschluss“ Österreichs erfolgte. Sie steht außerdem scheinbar im Gegensatz zu den folgenden Fakten aus dem Leben des Künstlers, die auf eine ideologische Nähe zum Nationalsozialismus schließen lassen können. Das Linzer Umfeld des Künstlers war deutschnational und antisemitisch geprägt,10 sein Vater war Gemeinderat der Deutsch-Freiheitlichen, in Sedlaceks engerem Umfeld gab es viele Anhänger der Schönerer-Bewegung11. Nach Etablierung des autoritären Ständestaats unter Engelbert Dollfuß 1933 trat Sedlacek der Dienststellenorganisation der Vaterländischen Front im Technischen Museum bei. Im Dezember 1937 schloss er sich der Nationalsozialistischen Betriebsorganisation im Technischen Museum an.12 Als Beamter war er nach dem „Anschluss“ im März 1938 verpflichtet, einen neuen Amtseid abzulegen, in dem er „dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler“ Treue und Gehorsam schwor. Eine Verweigerung hätte eine Dienstenthebung zur Folge gehabt.13


14 NSDAP-Mitgliedsnummer: 6295037, Aufnahmedatum: 1.5.1938, Ausstellungsdatum: 10.4.1941 (rückwirkende Aufnahme), NSDAP-Zentralkartei, BArch (ehem. BDC), Pk, Sedlacek, Franz, Deutsches Bundesarchiv, Berlin. 15 Fragebogen zur Aufnahme in die Reichskammer der bildenden Künste, Archiv der Österreichischen Galerie Belvedere, Wien, Nachlass Rudolf Schmidt. 16 Lt. NS-Fragebogen des Reichsstatthalters, 27. Mai 1942, TMW-Archiv, Personalakt Franz Sedlacek, war er Mitglied der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt), des RLB (Reichsluftschutzbund), des RDB (Reichsbund der Deutschen Beamten) und des RKB (Reichskolonialbund). 17 Brief Franz Sedlaceks an den Leiter der Kunsthistorischen Abteilung am Oberösterreichischen Landesmuseum (Justus Schmidt), 28.10.1938, Autografensammlung, Bibliothek des Oberösterreichischen Landesmuseums, Linz, S. 1.

Kurze Zeit später bewarb er sich um die Mitgliedschaft in der NSDAP14 , im Juli 1938 beantragte er die Aufnahme in die Reichskammer der bildenden Künste15. Er gehörte außerdem mehreren nationalsozialistischen Verbänden16 an. Klare Aussagen des Künstlers zu seiner Positionierung gegenüber dem Nationalsozialismus in Form von privaten Aufzeichnungen, Briefen oder Tagebüchern stehen der Forschung nicht zur Verfügung. Lediglich eine Tendenz kann der Brief an den Leiter der Kunsthistorischen Abteilung des Oberösterreichischen Landesmuseums vom Oktober 1938 vermitteln, in dem der Künstler „jetzt viel größere Möglichkeiten“ in Bezug auf die Linzer Sammlungen konstatierte und sich damit wohl auf die wenige Monate zuvor erfolgte Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich bezog.17 Kriegseinsätze Der Zweite Weltkrieg schließlich bedeutete für den Künstler erneuten Kriegseinsatz, nachdem er bereits im Ersten Weltkrieg Dienst an der Front, unter anderem in Galizien, Russland und am Isonzo, geleistet hatte. Während bei vielen Künstlern im Ersten Weltkrieg angesichts der grauenvollen Erlebnisse auf den Schlachtfeldern rasch Ernüchterung bis hin zu Traumatisierung eintrat, absolvierte Sedlacek seinen Dienst im Ersten Weltkrieg pflichtbewusst und aus militärischer Sicht erfolgreich, was Beförderungen und Auszeichnungen belegen. Seine militärischen Vorgesetzten attestierten ihm Diensteifrigkeit, Charakterfestigkeit und Tapferkeit.18

18 Vormerkblatt für die Qualifikationsbeschreibung von Franz Sedlacek, 1. Juni 1916 bis 30. September 1917 sowie 11. November 1917 bis 30. September 1918, Kriegsarchiv, Österreichisches Staatsarchiv, Wien.

Ein Feldwebel ist auch so ’ne Erfindung, 8.4.1944, Bleistift auf Papier, 13,5 x 22,5 cm, Privatbesitz

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Im Zweiten Weltkrieg wurde Franz Sedlacek, nachdem er zuvor als Ausbildner tätig gewesen war, ab dem Winter 1941/42 als Hauptmann der deutschen Wehrmacht in Stalingrad eingesetzt. Weitere Stationen von Norwegen bis Albanien folgten, bis er schließlich an die Ostfront bei Thorn/Torun zurückkehren musste. Versuche seiner Dienststelle, den

19 Vgl. Todeserklärungsbeschluss vom 6. Oktober 1965, Landesgericht für ZRS, Wien, Privatbesitz.

Der Maler, undatiert, Aquarell und Tusche auf Papier, 40,5 x 28 cm, Courtesy Galerie Auktionshaus Hassfurther, Wien

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Chemiker, der mittlerweile zum Vizedirektor befördert worden war, vom Militärdienst zurück ans Museum zu holen, scheiterten. Um die Weichselfestung Thorn tobten Anfang Februar 1945 erbitterte Kämpfe. Von diesem, seinem letzten Einsatzort an der Front kehrte Franz Sedlacek nicht zurück. Er galt lange Zeit als vermisst, erst im Jahr 1965 wurde er offiziell für tot erklärt.19


Zwischen Phantastik und Neuer Sachlichkeit Trotz des unmittelbaren biografischen Bezugs ist Der Chemiker nicht als Selbstporträt im engeren Sinne zu verstehen, denn die karikaturhaft verzerrte Physiognomie und der manieristisch gelängte Hals des Chemikers haben nur wenig mit dem tatsächlichen Aussehen des Künstlers zu tun. Sie entsprechen vielmehr einem für Sedlaceks Figurenrepertoire charakteristischen Typus: ein Mann von hagerer Gestalt, mit langen, schmalen Fingern, oft im Arbeitsmantel oder altertümlichen Gehrock, der in Interieurdarstellungen als Bibliothekar, Apotheker, Besucher oder Klavierspieler auftritt. Eine ähnliche Haltung wie der Chemiker, lediglich eine Nuance manierierter, nimmt aber auch der Maler im gleichnamigen Aquarell ein, statt Messkolben und Glasstab hält er Pinsel und Farbpalette in Händen. Während Sedlacek jedoch den Wissenschaftler in ein neusachliches Ambiente mit leeren Raumfluchten und charakteristischer Rundbogen-

20 Franz Sedlacek, Wiener Maler, in: Die Bühne. Nr. 386, 1934, S. 23.

21 Hans Holländer, Wunderbare und seltsame Sachen. Antonius und die Versuchungen der Malerei, in: Christine Ivanovic, Jürgen Lehmann, Markus May (Hg.), Phantastik – Kult oder Kultur? Aspekte eines Phänomens in Kunst, Literatur und Film, Stuttgart/ Weimar 2003, S. 91.

architektur stellt, erzeugt er durch die grotesken Tiere, die das Atelier des Malers bevölkern, eine phantastisch-skurrile Atmosphäre im Bild. Die künstlerische Formel des malenden Chemikers für seine phantastischen Bildfindungen lautet: „Wie wenig gehört dazu, Grauen zu erregen. Maler unheimlicher Wesen bedienen sich denn auch, so phantastisch ihre Geschöpfe oft aussehen mögen, im Grunde einfacher Mittel. Sie verwenden natürliche Organformen und gehen nur insoweit über die Natur hinaus, als sie diese Formen verzerren oder vertauschen, wuchern oder verkümmern lassen.“20 Indem er diese „unheimlichen Wesen“ mit realistisch und detailgetreu geschilderten Interieurs kombiniert – Der Gärtner (WV 50, Abb. S. 47), Beim Moulagenmacher (WV 77, Abb. S. 51) oder Nächtliche Heimkehr (WV 37, Abb. S. 45) sind besonders eindrückliche Beispiele dafür –, entspricht sein Werk der treffenden Definition des an sich schwer fassbaren Phantastik-Begriffs21 von Hans Holländer: „… das Phantastische [ist] konstruiert, keineswegs irrational, sondern das Resultat einer wachen und scharfen Kombination und einer Technik der Realisierung, die dem Unwahrscheinlichen den Anschein großer Wahrscheinlichkeit verschafft. Denn nur wenn es als wahrscheinlich erscheint, ist das Phantastische als unwahrscheinlich erst wahrnehmbar. Daher gehört immer ein hoher Grad an Realismus dazu.“

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zu leben und werk des malers franz sedlacek

Landschaft mit Maler, 1926, Öl auf Holz, 71,3 x 57,2 cm, Privatbesitz

22 Vgl. Andreas Strohhammer, Der malende Chemiker. Über Franz Sedlaceks Maltechnik, in: Gabriele Spindler, Andreas Strohhammer, Franz Sedlacek. Monografie mit Verzeichnis der Gemälde, Wien 2011, S. 59–88.

Die Gestaltung grotesker Figuren wurzelt in den künstlerischen Anfängen Sedlaceks im Bereich der Karikatur. Vor 1920 hatte der Künstler ausschließlich im Medium Zeichnung gearbeitet und hier den Schwerpunkt auf karikaturistische Sujets gelegt. Als er sich – ohne künstlerische Ausbildung – mit der Malerei zu beschäftigen begann, empfand er diese – auch technisch betrachtet – als große Herausforderung.22 Er ließ sich jedoch darauf ein und fand nach wenigen Jahren zu seinem charakteristischen Malstil, den er bis Anfang der 1940er-Jahre nur noch geringfügig variieren sollte. Bei seinen frühesten Gemälden handelt es sich vor allem um Landschaften der sogenannten braun-blauen Phase. Sie sind weitgehend auf diese beiden Farben reduziert und verdeutlichen sowohl durch den Einsatz der Linie als wichtiges Gestaltungsmittel als auch durch die Verwendung von Karton als Bildträger Sedlaceks künstlerische Herkunft von der Zeichnung. Ab etwa 1925 malte der Künstler ausschließlich auf Holz. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sein Bildrepertoire auf stilistischer und inhaltlicher Ebene weitgehend entwickelt. Neben Städtebildern, Stillleben und Interieurs beschäftigte ihn vor allem die Landschaft; mehr als die Hälfte seiner Gemälde sind dieser Gattung

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zuzurechnen. Gerade die Landschaftsbilder Franz Sedlaceks belegen deutlich, dass der Künstler entscheidende Impulse im Kunsthistorischen Museum in Wien erhielt, wo er sich intensiv mit der Malerei der Alten Meister und im Besonderen der niederländischen Renaissance auseinandersetzte. Romantische Fluchtmomente Eine ebenso maßgebliche Inspirationsquelle für Franz Sedlacek war die Malerei der Romantik. Dass gerade dieser Aspekt seines Werkes von den Zeitgenossen sehr geschätzt wurde, belegen mehrere Rezensionen, die seine Nähe zur Romantik besonders hervorheben. Schon 1929 war er in einer Ausstellung vertreten, die sich dem Phänomen der Neuromantik

23 Nach dem Titel des Artikels von Franz Ottmann, Romantik 1931, siehe Anm. 3. 24 Ebd., S. 116.

25 Vgl. die Ölgemälde Der Wildschütz (Abb. S. 31) und Der flüchtende Dieb (Abb. S. 117).

26 So der Titel des Beitrags von Wolfgang Drechsler und Antonia Hoerschelmann in: Wolfgang Kos (Hg.), kampf um die stadt. politik kunst und alltag um 1930, Ausstellungskatalog, Wien Museum, Wien 2009, S. 222, in Anlehnung an das Zitat von Hans Tietze: „Da das Moderne unmodern ist, soll das Unmoderne wieder modern sein.“ Aus: Die Reaktion in der Kunst, in: Kunstchronik und Kunstmarkt, 59. Jg., NF XXXV, Nr. 1, 3. April 1925, S. 8.

und der Neuen Sachlichkeit in Oberösterreich widmete. Waren hier die beiden Stilbegriffe noch auf einer Ebene und im Sinne ihrer Gemeinsamkeiten verknüpft, wurde in der Romantik von 193123 eine Reaktion auf die „Sachlichkeit und Kühle“ der Zeit gesehen und die romantische Tendenz als eskapistisches Phänomen gedeutet: „Der Romantiker flüchtet ins Symbol, die Ironie, die Groteske.“24 Nicht zufällig dienten zur Bebilderung des Artikels zwei Fluchtszenen, ein von Sedlacek vielfach bearbeitetes Motiv: sowohl symbolisch überhöht im mehrfach aufgegriffenen biblischen Thema der Flucht nach Ägypten als auch in einigen Bildern profanen Inhalts25. Der Kunsthistoriker Hans Tietze meinte ebenfalls, Fluchtmomente in der Gegenwart der beginnenden 1930er-Jahre zu erkennen, und ordnete Sedlacek aus diesem Grund in der Überblicksausstellung Die Kunst in unserer Zeit dem Bereich des „Übersinnlichen“ zu. Die Ausstellung wandte sich an „suchende Menschen unserer Zeit, die hinter der materiellen Welt, die sie bedrückt, eine andere ahnen und ersehnen“. Resümierend kann Franz Sedlaceks künstlerische Arbeit auf zwei Ebenen als Flucht gedeutet werden: die aus der eigenen angepassten Lebensrealität in die Kunst und innerhalb dieser von realistischen in grotesk-phantastische Bildwelten. Insgesamt fügte sich das Werk des Künstlers Franz Sedlacek hervorragend in den Geschmack und die Konvention seiner Zeit ein, „als es modern war, unmodern zu sein“26. In der Kunst hatte „eine deutliche Reaktion gegen den Radikalismus der jüngst vergangenen Zeit eingesetzt“, wie Hans Tietze schon 1925 bemerkte. Dass diese konservativbewahrenden Tendenzen der Kunst der Zwischenkriegszeit in einem

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zu leben und werk des malers franz sedlacek

eklatanten Gegensatz zu den politischen und gesellschaftlichen Unruhen standen, ist bekannt. Die bedrohlichen Stimmungen, latenten Gefahren und expliziten Katastrophen, mit denen Franz Sedlacek vielfach die Idylle seiner Bildszenarien bricht, unterstreichen jedoch auf motivischer Ebene durchaus das atmosphテ、rische Stimmungsbild der Zwischenkriegszeit.

Katastrophe, 1932, テ僕 auf Sperrholz, 68,1 x 100,4 cm, Privatbesitz

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Wien Museum Ausstellungskatalog „Franz Sedlacek – Chemiker der Phantasie“  
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Leseprobe Katalog „Franz Sedlacek – Chemiker der Phantasie“ Farbabbildungen, broschierte Ausgabe, 128 Seiten, erschienen im Residenz Verlag,...