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Freuds 1925 verfasstes Geleitwort zu Aichhorns Verwahrloste Jugend spricht von den verbesserten Möglichkeiten für die Kinder in dieser Zeit  : »  Von allen Anwendungen der Psychoanalyse hat keine soviel Interesse gefunden, soviel Hoffnungen erweckt und demzufolge soviele tüchtige Mitarbeiter herangezogen wie die […] Theorie und Praxis der Kindererziehung.  «  29 Tatsächlich wurde die Bewegung immer populärer. Als zunehmend mehr LehrerInnen wie Anna Freud, Aichhorn und Hoffer als Kinderanalyti­kerInnen praktizierten, betrat ihre psychoanalytische Pädagogik »  mit revolutionärem Geist die Szene  «.30 Ab 1926 erschien die Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik, in der das Wechselspiel von Schulreform, Kinderanalyse und den Ideen von Maria Montessori, Lili Roubiczek-Peller und Eugenie Schwarzwald diskutiert wurde. Auch Paul Federn, der Mit­herausgeber der Zeitschrift, trug seinen Teil dazu bei, um, wie Rudolf ­Ekstein anmerkte, »  gemeinsam, basierend auf einem neuen Verständnis von Kindern und Jugendlichen, ein autoritäres Erziehungssystem durch ein humaneres zu ersetzen  «.31 ­Federn forderte, soziale Beziehungen in psychoanalytischen Begriffen

Psychoanalytische Pädagogik

Der Durchsichtige Mensch, Postkarte, 1925 ; Privatsammlung

neu zu denken. Seine Theorie der »  Angst vor dem Zwang  « 32 wurde von Freud 1920 wieder aufgenommen, als er an einer Kriegsneurose leidende Soldaten verteidigte. Politikern erklärte Federn die psychologische Natur der Revolution und Gegenrevolution, den PsychoanalytikerInnen stellte er mit Zur Psychologie der Revolution  : Die vaterlose Gesellschaft ein grundlegendes Werk der Sozialpsychologie zur Verfügung. Unter den BeiträgerInnen der Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik war der ehemalige Lehrer August Aichhorn. Er war einer der Organisatoren der Erziehungsberatungsstelle des Roten Wien und auch in anderen Kinderfürsorgeeinrichtungen der Stadt tätig und bekannt für seine weitreichenden Einsichten in das Innenleben beeinträchtigter oder straffälliger Jugendlicher. In Oberhollabrunn gründete er ein großes Erziehungsheim für Not leidende Jungen und Mädchen, das für viele Arten von sozialer Therapie geeignet war. Später setzte er dieses Konzept in St. Andrä erneut um. Dort, so Anna Freud, »  war es ihm nicht nur möglich, Kinder zu erreichen, die ansonsten nicht erreicht hätten werden können. Dort prägte er auch viele von uns «.33 ­Aichhorn wurde zwar aus Tandlers Beratungsstellen34 ausgeschlossen, erhielt

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Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

Leseprobe Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“, Farb- und Schwarzweißabbildungen, broschierte Ausgabe, 469 Seiten, e...

Wien Museum Katalog „Das Rote Wien. 1919-1934. Ideen, Debatten, Praxis.“  

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